41. T 4-Aktion und Prof. Schaltenbrands Multiple Sklerose-Forschung

Der Schock. ARD-Dokumentation „Ärzte ohne Gewissen“, 1996

Es geschah am Abend des 21. Oktober 1996. Meine Frau und ich saßen vor unserem Fernseher und verfolgten entsetzt und voll Abscheu eine Dokumentation über die Ärzte der NS-Zeit mit dem Titel „Ärzte ohne Gewissen“. Die authentischen Bildfolgen zeigten Dokumente extremer menschlicher Brutalität und ließen uns „Kinder der Nazi-Zeit“ die Nachwirkungen des Krieges und die seitdem schwelenden Ängste geradezu körperlich spüren. Doch noch ahnten wir nicht, welch familiärer Schlag an diesem Abend auf uns zukommen würde. Der Film war als Bericht über Menschenversuche in Konzentrationslagern, Kliniken, Heilanstalten, Forschungsinstituten der Wirtschaft (Pharma-Industrie; I.G. Farben) und in Forschungslabors der Wehrmacht angekündigt worden. Verantwortlicher Experte und Berichterstatter war Ernst Klee.

Sein Film zeigte zahlreiche Beispiele dafür, wie die NS-Machthaber Medizinern und Forschern etwas unerhört Verlockendes, in der Welt bis dahin nie Dagewesenes angeboten hatten: Menschen massenhaft anstelle von Meerschweinchen, Laborratten und Versuchskaninchen zu Versuchszwecken zu benutzen.

Die ARD-Dokumentation wechselt zum Thema „Euthanasie“ über, zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ und „nutzloser Kostgänger“ der Gesellschaft.

Wir trauen unseren Augen nicht. Ist er es wirklich? Ist das möglich?

Auf dem Bildschirm erscheint ein altes Schwarz-Weiß-Foto: Das Foto zeigt Inge Lus Vater in SA-Uniform. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand wird in die Reihe der NS-Mediziner gestellt, die dem Unrechtssystem willfährig gedient und Menschenversuche durchgeführt haben. Über ihn wird berichtet, er habe wehrlose Patienten zu Menschenversuchen benutzt. Eine von Schaltenbrand publizierte Liste seiner Menschenversuchsopfer wird gezeigt.

Wir sind fassungslos, ratlos, zutiefst aufgewühlt. Das kann nicht sein! Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Wir hatten dieses Foto zuvor nie gesehen, geschweige denn etwas über eine Mitgliedschaft in der SA oder gar über diese angeblichen Menschenversuche gehört.

Inge Lus Vater ist 1979 im Alter von fast 82 Jahren in Würzburg gestorben. Wir können ihn nicht mehr fragen. Im Jahre 1996 holen die tiefen Schatten der NS-Zeit seine Kinder ein.

Was wir im Fernsehen gesehen haben, passt nicht zu unserem Bild von Prof. Schaltenbrand. Inge Lus Vaterbild ist ein ganz anderes, eigentlich ein makelloses und vorbildliches: Vater Schaltenbrand hat sich stets als ein Gegner des NS-Regimes ausgegeben, als einer, der es in der NS-Zeit sogar gewagt habe, Maßnahmen des Regimes öffentlich zu kritisieren. Wegen seiner losen Zunge habe er berufliche Schwierigkeiten riskiert. Er habe aus seiner Gegnerschaft zu den Nazis nie einen Hehl gemacht, zumindest nicht im engeren Familienkreis. Er habe im Keller „Feindsender“ gehört, was strikt verboten war. Er habe Hitler für paranoid und gefährlich gehalten. Kurzum, er sei ein erklärter Gegner der Nazis gewesen. Um die NSDAP-Mitgliedschaft sei er als Facharzt, Universitätsprofessor und Abteilungsleiter in der Universitätsklinik Würzburg nicht herumgekommen. Staatsbeamte in diesen Positionen hätten auch gegen ihren Willen in die Partei eintreten müssen. In der Klinik habe er sich immer vorbildlich um seine Patienten gekümmert, jeder Sterbefall sei für ihn ein medizinisches Unglück gewesen. Er sei in seiner Klinik und in Fachkreisen international hochgeachtet gewesen und mit Ehrenpreisen der Medizin ausgezeichnet worden. Seine Kinder sehen in ihrem Vater einen integren, fürsorglichen, unbescholtenen, hochintelligenten Mann und Patriarchen, der sich untadelig, geradlinig und energisch für das Wohl seiner Familie und der ihm anvertrauten Patienten eingesetzt hat. Den Mann in SA-Uniform, der für Versuche an Menschen verantwortlich sein soll, kennen wir nicht. Niemals zuvor ist in einem Gespräch davon die Rede gewesen.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Facharzt für Neurologie, 1930er Jahre; Photo: Alice Oswald, Hamburg

An diesem Abend bricht eine heile Familienwelt zusammen. Welches der beiden Bilder entspricht der Wahrheit? Wir stehen an diesem Abend genau an dem Punkt, an dem viele der nachgeborenen Generation sich fragen müssen, ob ihre Eltern nicht doch in irgendeiner Weise an Verbrechen gegen Menschen beteiligt gewesen sind. Ein zweites Mal bin ich persönlich und direkt mit der dunklen Seite unserer Elterngeneration konfrontiert, das erste Mal, als mein Vater Verteidiger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen (1947–1949) gewesen war (siehe Kap. 7), und nun mit der Rolle meines Schwiegervaters als Neurologe in der NS-Zeit.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand in seinem Kliniklabor beim Mikroskopieren, 1930er Jahre

Die Ausstrahlung der Dokumentation löst in der Öffentlichkeit eine Flut vielfältiger Reaktionen aus. Printmedien nehmen das Thema auf. Am Morgen des 28. Oktober 1996 berichtet die Berliner taz („die tageszeitung“ S. 3) ausführlich über den Ärztekongress „Medizin und Gewissen“, der an den 50. Jahrestag der Nürnberger Ärzteprozesse erinnern soll. Auf einem beigefügten Foto wird Schaltenbrand bei der Forschungsarbeit gezeigt. Legende zum Bild: „Der Neurologe Georg Schaltenbrand infizierte Psychiatrieinsassen durch Injektionen in den Hinterkopf mit Multipler Sklerose.“

Eine Wiederholung der Klee-Dokumentation im Januar 1997 ruft in den Medien wieder eine Welle von Reportagen, Interviews und Leserbriefen hervor, das Thema wird auf die Tagesordnung öffentlicher Veranstaltungen gesetzt. Wiederholt werden Fotos von Prof. Dr. Georges Schaltenbrand als NS-Arzt gezeigt. Von allen Seiten werden uns Kopien zugesandt, wir werden auf Rundfunksendungen hingewiesen. In seinem 1997 erschienenen Buch über „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ greift Klee (ebenda, S. 70–77) erneut die Multiple Sklerose-Forschung Schaltenbrands scharf an und rückt sie in die Nähe der in Konzentrationslagern durchgeführten Menschenversuche. Selbst die „Passauer Neue Presse“ druckt am 18. März 1998 ein „Interview mit Ernst Klee über die Medizinverbrechen im Dritten Reich“ unter dem Titel ab: „Die Psychiatrien wurden leergemordet“ (PNP Nr. 64, 18.03.1998, S.38). Auf die PNP-Frage, „Gibt es heute noch nach Tätern benannte Institute?“, antwortet Klee: „In Würzburg hat man gerade – nach meinem Buch – die Büste von Professor Schaltenbrand entfernt – das war der berühmteste Neurologe der Nachkriegszeit. Der hat in der Psychiatrie von Werneck (…) versucht, Patienten mit Multiple Sklerose anzustecken.“

Klee wiederholt in den nächsten Jahren in Vorträgen und verschiedenen Publikationen seine Vorwürfe. Er reagiert nicht auf schriftliche Einwände und Gegenargumente. Ernst Klees Buch „Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945“ kommt 2003 auf den Markt, danach dessen „Personallexikon zum Dritten Reich.“ In jedem Buch wird mein Schwiegervater als NS-Mediziner genannt, der 1940/41 berufsethisch verwerfliche Versuche an behinderten Menschen durchgeführt habe und nach 1945 in seinem Beruf als Neurologe dennoch mit höchsten medizinischen Ehren ausgezeichnet worden sei. Jede neue Verlagsankündigung zur Thematik Medizin in der NS-Zeit versetzt uns in Alarmstimmung. Wir sind zutiefst verunsichert. Inge Lu fühlt sich elend, persönlich angegriffen. Schamgefühle stellen sich ein. Sie glaubt in Passau einem Spießrutenlauf ausgesetzt zu sein, als ob ihr Mädchenname allen bekannt sei, hält sich nicht mehr gern in der Öffentlichkeit auf und befürchtet sozial geschnitten zu werden.

Wie sollen wir, wie können wir mit dieser Situation umgehen? Als Sozialwissenschaftler und Zeithistoriker schlug ich vor, den Wahrheitsgehalt der ungeheuerlichen Vorwürfe zu prüfen und diese bedrückende Aufgabe zu übernehmen. Zwölf Jahre lang, von 1996 bis 2008, versuchen wir die Sachverhalte aufzuarbeiten und aufzuklären.

In einem Blog-Kapitel lässt sich der komplexe Sachverhalt kaum aufzeigen, ja nicht einmal in einer knappen Bilanz zusammenfassen. Auf die inzwischen angewachsene einschlägige Literatur zur Problematik „Medizin im NS-Staat“ und speziell zur „Euthanasie“ kann ich nur punktuell eingehen. Ich muss es bei Literaturhinweisen am Ende dieses Kapitels belassen. Was ich hier leisten kann, ist über bisherige biografische Beiträge und einschlägige medizingeschichtliche Darstellungen hinaus aus der familiengeschichtlichen, psychologisch–familiensystemischen und politisch-historischen Perspektive einiges zu ergänzen, zu akzentuieren und in Kenntnis der Persönlichkeit meines Schwiegervaters zu erläutern. Ich will vor allem aufzeigen, wie sich die Biografien der Elterngeneration und die ihrer Kinder dramatisch verschränkten und das familieninterne Bild vom großen, unfehlbaren Vater beschädigt wurde.

Familieninterne Reaktionen und Dynamik

Nach dem Ende der NS-Zeit wurde um die tatsächlichen oder vermuteten Verstrickungen und politischen Fehltritte der älteren Generation(en) häufig eine Hülle des (Ver-)Schweigens gelegt. Das 20. Jahrhundert wurde zu einer Epoche der Politisierung der Familiengeschichten und -geheimnisse. In vielen Familien wurden, wenn nach zweifelhaften Geschehnissen und möglichen Verstrickungen gefragt wurde, verschleiernde Legenden gesponnen, oft auch plumpe Lügen aufgetischt. Familiengeschichten sind immer auch eine innerfamiliäre Spiegelung der allgemeinen geschichtlichen Vorgänge. Sie enthalten die hautnahen Erfahrungen und verschlüsselten Botschaften, die eine Generation der anderen mitteilt – oder auch nicht. Diese Botschaften erfuhren nach 1945, wie die umfangreiche familiengeschichtliche Literatur zur Genüge zeigt, eine hohe Politisierung. Fragen, was da draußen irgendwo auf dem Balkan, in der Ukraine, in Polen oder wenige Kilometer entfernt in Konzentrationslagern geschehen war, riefen Abwehr hervor. Hatte sich ein Vater, ein Bruder oder Onkel an Massakern beteilig? Erst in späteren Jahren bohrten die Nachgeborenen nach. Es waren meistens sogenannte 1968er, die unbequeme Fragen stellten.

Wir fragten Inge Lus Mutter Luise Schaltenbrand (1898–1999), Lulu genannt. Sie war inzwischen 98 Jahre alt geworden und noch erstaunlich klar im Kopf. Wir wollten wissen, was es mit den ungeheuerlichen Vorwürfen auf sich hatte. Sie schaute etwas gequält in sich hinein, ihr Blick verlor sich in der Vergangenheit. Dann antwortete sie mit leiser, aber noch ungebrochener Stimme: „Am besten nicht daran rühren!“ Danach schwieg sie dazu bis zu ihrem Tod. Ihr Schweigen gab den Vorwürfen mehr Gewicht, als sie es ohnehin schon hatten. Zu einer Aussage ließ Lulu sich nicht mehr bewegen, sie nahm ihr Wissen mit ins Grab. Dass sie sich weigerte, sich mit den neuerlich erhobenen Vorwürfen zu befassen, war verständlich, sie wollte jedoch nicht einmal etwas über das Untersuchungsverfahren sagen, das 1947 in diesem medizinischen Streitfall vor dem Landgericht Würzburg eingeleitet worden war, und über Vorwürfe in der internationalen Fachwelt in den Nachkriegsjahren, die sie als Kongressbegleiterin ihres Mannes mitbekommen haben musste. Aufgrund des Würzburger Untersuchungsverfahrens, in dem Belastungsaussagen und Entlastungsaussagen geprüft und gegeneinander abgewogen worden waren, war kein Gerichtsverfahren gegen Schaltenbrand eröffnet worden.

Die drei verbliebenen Kinder Schaltenbrand reagierten auf die erhobenen Vorwürfe, abgesehen von ihrem Erschrecken, unterschiedlich. Tochter Else-Li (geb. 1941), erfolgreiche Fachärztin für Onkologie und Hämatologie, weigerte sich aus Angst vor der Wahrheit, an einer gemeinsamen Aufklärung mitzuwirken. Sie schämte sich so sehr der Vorwürfe, dass sie froh war, nicht mehr ihren Mädchennamen zu tragen. Sie wäre als Medizinerin am ehesten geeignet gewesen, sich in die fachmedizinischen Fragen einzuarbeiten. Doch sie vermied jegliche Gespräche darüber und blockierte die Initiativen ihrer Schwester. Sohn Jürgen (1935–2012), promovierter Psychologe und Familienberater für Suchtfälle, half bei den Recherchen mit, wertete vor allem aus dem Nachlass seines Vaters dessen Korrespondenzen, schwer leserlichen Tagebücher und beruflichen Dokumente aus und transkribierte handschriftliche Briefe.

Die Hauptlast der Recherchen und die Koordination der Initiativen, die sich über Jahre hinzogen, trug tatsächlich Tochter Inge Lu (geb. 1937), meine Frau. Sie verfolgte zudem im Internet Diskussionen und Stellungnahmen und schaltete sich gelegentlich in soziale Netzwerke ein. Bei Anfragen aus der medizinischen Fachwelt versorgte sie Interessenten mit harten, belastbaren Daten oder weiterführenden Hinweisen. Inge Lu hatte den Vorteil, einen Sozialwissenschaftler und Hochschullehrer an ihrer Seite zu haben, der ihr einschlägige Literatur und amtliche Dokumente rasch aus der Universitätsbibliothek und aus öffentlichen Archiven beschaffen konnte. Inge Lus energischen und umsichtigen Bemühungen war es letzten Endes zu verdanken, dass vorschnelle Verurteilungen ihres Vaters zumindest in einigen Punkten allmählich korrigiert wurden. Ihre Geschwister machten ihr die ohnehin schwierige Arbeit noch schwerer und warfen ihr vor, ohne Auftrag der Familie eine Rehabilitierung des Vaters erwirken zu wollen. Sie hatten unter dem allmächtigen, allwissenden und in den Köpfen stets allgegenwärtigen Patriarchen (siehe Blog, Kap. 13) nur schwer ein selbstverantwortliches Eigenleben verwirklichen können. Georges Schaltenbrand hatte in nationalen und internationalen Fachkreisen als Koryphäe der Neurologie und als polyglotter Kosmopolit gegolten, auf gesellschaftlichem Parkett als Grandseigneur.

Ich hatte meinem Schwiegervater im Oktober 1979 an seinem Totenbett versprochen, in seinem unbestechlichen und hochanspruchsvollen Sinne meine wissenschaftlichen Forschungen fortzusetzen und auch auf internationalen wissenschaftlichen Plattformen weiter zu wirken. Wir waren in den 25 Jahren, die wir uns kannten, zu Gesprächspartnern geworden, die sich weit über den Alltagshorizont hinaus über Wissenschaft, Kultur, Politik, Kunst und Philosophie unterhielten und in vielen Punkten ähnliche Ansichten vertraten. Auch ich kannte ihn nur als einen eher linksliberal orientierten Demokraten, der sich nicht von der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda hatte einfangen lassen. Er verachtete „die alten Nazis“ und beteuerte in Gesprächen, stets in Distanz zum NS-Regime gestanden zu haben. Umso entsetzter war auch ich über die schweren Vorwürfe, die 1996 und in den Jahren danach bekannt wurden. Von Angriffen auf seine medizinischen Versuche, die erstmals in den Nachkriegsjahren stattgefunden hatten, war nie die Rede gewesen. Selbst über die beiden Entnazifizierungsverfahren gegen Schaltenbrand (1947/48) war, wenn überhaupt, bestenfalls einmal am Rande gesprochen worden. In erster Instanz war er als „Mitläufer“, in zweiter sogar als „Entlasteter“ eingestuft worden. Durch dieses Schweigen, das erst 1996 durch die Vorwürfe als solches erkennbar wurde, fühlte ich mich aus moralischen und wissenschaftlichen Gründen verpflichtet, zusammen mit Inge Lu nach der Wahrheit zu suchen.

Georges Schaltenbrand, Bronzebüste; Bild: Festschrift Georges Schaltenbrand zum 80. Geburtstag am 28. November 1977, S. 9;
„1967 hatten Sie mehr als 30 Jahre die Geschicke der Neurologie in Würzburg in fester Hand, nicht wie ein Diktator, auch nicht wie ein moderner Manager, sondern patriarchalisch, kraft natürlicher Autorität geleitet, als Ihr Schüler- und internationaler Mitarbeiter- und Freundeskreis sich entschloss, Ihnen diese Büste zu schenken. Sie ist das Werk von Wesendonk, eines bedeutenden Künstlers […]. Die Büste soll nach dem Wunsch der Stifter ihren Platz in der neuen Klinik finden als ein Kristallisationskern späterer Neurologenfamilien, die treu in der von Ihnen gegründeten Würzburger Schule vom gleichen Forschergeist beseelt sein mögen.“
Prof. Dr. Hans Georg Mertens, Festschrift Georges Schaltenbrand zum 80. Geburtstag am 28. November 1977, S. 7;

Die Suche nach der Wahrheit

Für uns stellten sich nach den Fernsehsendungen, Presseberichten und Buchveröffentlichungen eine Reihe von Fragen, auf die wir Antworten finden mussten: War Inge Lus Vater in das NS-Euthanasie-Programm der T4-Aktion verstrickt gewesen? Hatte er medizinische Versuche an Menschen vorgenommen oder war er in irgendeiner Form indirekt an Menschenversuchen beteiligt gewesen? Sollte dies der Fall gewesen sein, an welchen, unter welchen Umständen und mit welcher Absicht? War er wirklich, wie das Foto nahelegte, Mitglied der SA gewesen und dies als überzeugter Nationalsozialist? Falls es eine belastende individuelle Verstrickung mit dem NS-System gegeben haben sollte, hatten die Eltern ihren Kindern gegenüber wissentlich und absichtlich einen gravierenden Verstoß ihres Vaters gegen die ärztliche Berufsethik und Menschenrechte verschwiegen? Unser Informationsstand war gleich Null.

Inge Lu und ich waren fest entschlossen, Antworten zu finden. Wir forderten in den nächsten Jahren Schritt für Schritt Dokumente an und prüften ihre Inhalte. Die letzten vier Jahre meines Berufslebens als Hochschullehrer waren mit diesen Recherchen belastet. So gut wie unbemerkt von meinem wissenschaftsberuflichen Umfeld half ich bei der aufwändigen Aufklärung mit. Inge Lu schrieb an Redaktionen und stellte infrage, was Klee mit seinen Formulierungen an Zusammenhängen suggerierte, die womöglich gar nicht zutrafen. Was war wahr? Was war wirklich geschehen? Wir führten Hunderte von Gesprächen, schrieben viele Dutzende Briefe. Die Materialien und Korrespondenz füllten schließlich mehr als ein halbes Dutzend Leitzordner. Soweit es die Fakten ermöglichten, gelang es uns mit großer Mühe, unseren Vater in einigen wesentlichen Punkten zu entlasten. Dabei halfen uns auch neuere und neueste medizingeschichtliche und fachmedizinische Forschungen und Veröffentlichungen, die zu einer differenzierten und vergleichsweise ausgewogenen Bewertung der Multiplen Sklerose-Forschung Schaltenbrands beitrugen. Die jüngste, gewissenhaft recherchierte und in ihrer Beurteilung umsichtig abgewogene biografische Studie über Schaltenbrand stammt aus der Feder von Prof. Dr. med. Hartmut Collmann (2008). Collmann untersuchte „die damaligen Vorgänge im historischen Kontext und vor dem Hintergrund von Schaltenbrands persönlicher und wissenschaftlicher Biographie.“

Noch im Jahr 1977, zum 80. Geburtstag Schaltenbrands, hatten seine ehemaligen Schüler und Mitarbeiter im Rahmen eines fachwissenschaftlichen Symposions dem Jubilar eine Bronzebüste geschenkt, die im Foyer der Würzburger Neurologischen Klinik zu Ehren Schaltenbrands auf einem hohen Podest aufgestellt wurde. Das etwa lebensgroße Bronzeporträt des Gründers der Klinik war von dem renommierten rheinischen Bildhauer Otto Wesendonck geschaffen worden.

Fachinterne Aufdeckung des „Schaltenbrand-Experiments“, 1994

Die erste, späte und ausführliche Aufdeckung des umstrittenen „Schaltenbrand-Experiments“ geschah wissenschafts- und fachintern und blieb es bis in die Jahre 1996/97. Zwei nordamerikanische Neurologen, Michael I. Shevell und Bradley K. Evans, publizierten im Fachorgan Neurology (1994:44:350-356) im Februar 1994 einen fachhistorischen Artikel unter dem Titel „The >Schaltenbrand experiment<, Würzburg, 1940: Scientific, historical, and ethical perspectives.“ Mit ihrem Artikel eröffneten die Verfasser eine generelle und heikle fachinterne Diskussion über medizinische Versuche am Menschen am Beispiel des von ihnen sogenannten „Schaltenbrand-Experiments“. Sie erörterten an diesem Beispiel die Grenzen wissenschaftlichen Forschens allgemein und insbesondere die Rolle der Medizin im totalitären NS-Staat. Es vergingen zwei Jahre, bis dieser Artikel an der Neurologischen Klinik und Poliklinik der Universität Würzburg in seiner Brisanz erkannt wurde und besonderes Aufsehen erregte. Denn bei Schaltenbrand handelte es sich um den Gründer der Würzburger Neurologischen Klinik.

Shevell und Evans grenzten das „Schaltenbrand-Experiment“ ausdrücklich von den in Konzentrationslagern an Menschen ausgeübten medizinischen Versuchen und verbrecherischen Praktiken ab und charakterisierten es als ein Beispiel unethischen Experimentierens im Elfenbeinturm der akademischen Medizin. Die bisherige Fokussierung der politisch-historischen und medizingeschichtlichen Forschung auf die verbrecherischen Praktiken in Konzentrationslagern habe, so begründeten sie die Absicht ihres Artikels, allerdings von den medizinischen „mainstream elements“ abgelenkt, die sich in einer akademischen Forschungssituation („occurring in an academic setting“) bei der Behandlung von Patienten unethisches Verhalten zuschulden kommen ließen. Dennoch zogen sie in ihrer scharfen Kritik einen Bogen zu den medizinischen Gräueltaten in Konzentrationslagern. Schaltenbrands Experiment habe den Versuchen an Menschen generell den Schein wissenschaftlicher Integrität verliehen und ohne Zweifel die kurz danach in Konzentrationslagern vorgenommenen Versuche erleichtert und ermutigt. Sein Experiment markiere die Anfänge eines professionellen Abrutschens in eine schlüpfrige Selektionspraxis, die kurze Zeit danach bei Ärzten an den Rampen von Auschwitz zu beobachten gewesen sei. („It also marked the beginnings of a professional slippery slope that would later see physicians making selections on the ramps of Auschwitz”, S.355). Immerhin gestanden Shevell und Evans Schaltenbrand zu, nicht unbedingt NS-ideologisch gesinnt und motiviert gewesen zu sein, sondern als leidenschaftlicher und hochkompetenter Wissenschaftler gehandelt zu haben, der glaubte, auf methodisch richtigem Weg die virale Entstehung der Multiplen Sklerose nachgewiesen und ihre erfolgreiche Behandlung herausgefunden zu haben. Beide Autoren wiesen im Rahmen ihrer scharfen Kritik an den damaligen Verstößen gegen die Berufsethik auch darauf hin, dass noch heute, und dies leider auch in liberalen Demokratien, zahlreiche ethisch unzulässige Experimente an Menschen durchgeführt würden (S. 355). Dies gebe auch heute noch Anlass zur Beunruhigung. Der Fall Schaltenbrand sei insofern unter medizinisch-berufsethischen Fragen nach wie vor brandaktuell und von allgemeiner Bedeutung.

Der Ankläger Ernst Klee über die „Schaltenbrand-Experimente“

Anscheinend völlig unabhängig davon und ohne Kenntnis des Artikels von Shevell und Evans war Ernst Klee (1942-2013), ein Theologe und Sozialpädagoge, bei seinen Recherchen zum NS-Euthanasie-Programm und zur Rolle der Medizin im NS-Staat auf das „Schaltenbrand-Experiment“ aufmerksam geworden. Er übernahm bei allen seinen Ermittlungen und Veröffentlichungen entschieden die Rolle des Anklägers (siehe hierzu Elisabeth Bauschmid: Unnachsichtig auf Seiten der Opfer, in: SZ am Wochenende Nr. 263, 15./16.11.1997) und setzte dabei auch entsprechende manipulative und suggestive Techniken ein. Die schwerwiegenden Vorwürfe, die Klee in seinem Buch über „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ (1997, S.70-77) gegen Schaltenbrand erhob und in weiteren Publikationen wiederholte, machen es notwendig, seine Vorwürfe zunächst in Auszügen wörtlich wiederzugeben.

Klee schrieb 1997:

„MS-Forschung (Georg Schaltenbrand)
Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft [DFG] gefördert wird auch Prof. Georg Otto Schaltenbrand. Er bekommt eine eigene Neurologische Abteilung an der Medizinischen und Nervenklinik Würzburg, 1937 wird ihn ein Lehrstuhl für Neurologie geschaffen. Der Stellvertreter des Führers erhebt gegen die Ernennung keine Einwendungen. Schaltenbrand, deutschblütig, konfessionslos, Mitglied der NSDAP (1937), des NS-Ärztebundes, Sturmarzt beim NS-Fliegerkorps, gehört ab 1939 dem Beirat der „Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater“ an. Nach 1945 werden seine Mitarbeiter beteuern, dass er ›alles andere als ein Nationalsozialist‹ gewesen sei und ›niemals etwas mit dem Nationalsozialismus gemein‹ gehabt habe […].

Schaltenbrand forscht über die Multiple Sklerose. Er glaubt, einen Virus als Erreger entdeckt zu haben. Zuwendungen für seine MS-Experimente erhält er von der DFG ab 1936. 1937 beantragt er Mittel für den ›Neubau seiner Affenfarm‹. Zuerst impft er Affen mit dem Liquor, d.h. der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit, von akut MS-Kranken. Die erste Patientin heißt Lieschen, ein 16jähriges Mädchen, das an schwerer MS leidet. Die 16jährige wird am 18. Oktober 1936 aufgenommen und stirbt nur elf Tage später an ›Atemlähmung‹. Wenige Tage vor ihrem Tode bekommt sie Liquor entzogen. Das Nervenwasser wird in den Liquorraum einer Meerkatze gespritzt. Die Affen reagieren auf die ›Übertragungsversuche‹ unterschiedlich. (…) Schaltenbrand:
›Unsere Versuche haben uns gelehrt, dass es möglich ist, durch zisternale Verimpfung von Multiple Sklerose-Liquor eine Erkrankung bei Affen zu erzeugen, die in ihrem klinischen Verlauf Ähnlichkeit mit der Multiplen Sklerose des Menschen hat‹.
Schaltenbrand versucht nun, Psychiatriepatienten mit Multipler Sklerose anzustecken. Die MS-Versuche finden in der Psychiatrie in Werneck statt (…). Nach der Einwilligung von Direktor Dr. Pius Papst und einem Vortrag vor den Oberärzten beginnt Schaltenbrand 1940. Er hofft einerseits, ›die Infektion vom Tier auf den Menschen zurück zu übertragen‹, behauptet aber andererseits:
›Die Befürchtung, dass tatsächlich eine Multiple Sklerose durch einen solchen Versuch ausgelöst wird, scheint mir nicht größer zu sein als die übliche Mortalität, also 1:1000. Trotzdem kann man natürlich nicht einem gesunden Menschen oder auch einen Kranken einen derartigen Versuch zumuten. Ich glaube aber doch, die Verantwortung tragen zu können, derartige Versuche an Menschen zu machen, die an einer unheilbaren vollkommenen Verblödung leiden‹.
Schaltenbrand verimpft Rückenmarksflüssigkeit von Affen, die nach der Impfung mit menschlichen ›Multiple-Sklerose-Liquor‹ erkrankt sind. Die ›Impfung von Verblödeten mit Affenliquor‹ geschieht in die Zisterne, d. h. in den Liquorraum am Hinterkopf. Bei den Werneck-Patienten tritt teilweise eine Pleozyste auf, eine Zellvermehrung des Liquors. Der MS-Forscher folgert, dass es ›gelungen ist, den übertragbaren Markscheidenschwund bzw. die Multiple Sklerose in einer abortiven [nicht voll zur Entwicklung kommenden, A.M.] Form, nämlich als eine chronische Pleozystose zu übertragen‹.


1943 publiziert Schaltenbrand eine Liste seiner menschlichen Versuchskaninchen. In dieser Aufstellung fehlen zwei sterbenskranke Patienten seiner eigenen Abteilung: Es handelt sich zum einen um eine 57jährige Frau mit Großhirntumor. Sie bekommt frisch entnommenen Liquor des Affen Jakob verimpft. Kurz vor ihrem Tode am 24. Mai 1940 wird sie zur Kontrolle noch einmal lumbalpunktiert. Im zweiten Fall handelt es sich um ›einen sehr elenden, 62jährigen Mann‹ mit Zungenkrebs. Der Todkranke bekommt Liquor eines Patienten mit akuter MS gespritzt. Zwei Wochen später stellen sich Veränderungen an den Wurzeln des Rückenmarkes ein: ›Auch diese Beobachtung spricht also in dem Sinne, dass die Übertragung der Multiplen Sklerose vom Menschen auf den Menschen möglich ist‹.
Schaltenbrands Experimente enden vorzeitig, da die Psychiatriepatienten im Rahmen der Nazi-Euthanasie abtransportiert und vergast werden. Vom 3. bis 6. Oktober 1940 wird die Heil- und Pflegeanstalt Werneck nahezu vollständig geräumt.

Dank der Hilfe der Archivarin Mokry vom Bundesarchiv gelang es, einige der Schaltenbrand-Opfer ausfindig zu machen. Es sind zeittypische Krankenakten mit den üblichen diskriminierenden Beschreibungen: ›Verblödet, ordinär, unsauber‹. Eine Akte verrät das Ende des Patienten: Ein Mann (›zu nichts zu gebrauchen‹) wird im Oktober 1940 von Werneck in die sächsische Anstalt Großschweidnitz verbracht, von dort am 22. November 1940 ›im Sammeltransport verlegt‹, d. h. in der Mordanstalt Sonnenstein in Pirna vergast. In keiner der Werneck-Akten findet sich ein Hinweis auf die MS-Versuche. Obgleich Schaltenbrands Versuchskaninchen längst vergast sind, bewilligt ihm die DFG im Mai 1941 letztmalig 4.200 RM.

1947 wird Schaltenbrand angezeigt und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der mit einem Gutachten beauftragte Erlanger Psychiatrieprofessor Werner Leibbrand: ›Schaltenbrand hat also vorsätzlich zu Versuchszwecken hilflose Kranke ohne deren Wissen und Einwilligung durch experimentelle Beifügung zusätzlicher schwerer Krankheiten körperlich geschädigt. Er ist in solchem Sinne zu bestrafen. Seine Handlungsweise ist ethisch betrachtet ein Verbrechen gegen die Menschheit‹. Der mit einem gerichtsärztlichen Gutachten beauftragte Landgerichtsarzt Dr. Trotter sieht das anders: ›Bei keinem der durchgeführten Menschenversuche ist es zu einer durch das Experiment bedingten nachfolgenden Erkrankung gekommen‹. Wie auch: Schaltenbrands Versuchskaninchen waren noch während der Versuchsreihe abtransportiert und vergast worden.

Schaltenbrand verteidigt sich, die Menschenversuche hätten zu Heilzwecken der Geisteskranken stattgefunden, er habe angenommen, ›dass eine erfolgreiche Übertragung des von mir angenommenen abortiven Verlaufes der M.S. sich günstig auf die Geisteskrankheit auswirken werde‹. Dr. med. Josef Schorn, 1948 Leiter der Neurologischen Abteilung der Psychiatrie in Regensburg: ›Wenn Schaltenbrand Versuche an lebenden Menschen durchführte, dann tat er das zu Heilzwecken unter Berücksichtigung modernster wissenschaftlicher Methoden‹.

Das Obergutachten wird Viktor von Weizsäcker anvertraut. Auch er befindet, dass bei den (vergasten!) Versuchspersonen keine Erkrankung als Folge des Experimentes eingetreten sei. Zisternenpunktionen seien unschädlich, und der äußerst seltene Schaden gehöre zu jenen winzigen Risiken, ›die wegen des überwiegenden Nutzens der Maßnahme sowohl von Patienten wie von Ärzten widerspruchslos hingenommen werden. Das ist so wie bei jeder Eisenbahnfahrt.‹ Schaltenbrand habe die Experimente durchgeführt, weil die MS eine der übelsten Nervenkrankheiten sei und eine bessere, die Krankheitsursache betreffende, Erkenntnis auch eine Bekämpfung verspreche; ›Nur wollte er diese Versuchspersonen nicht von multipler Sklerose heilen, denn sie hatten keine; sondern andere Menschen sollten von dem Vorteil haben, was diesen nicht schadete. Wenn diese Voraussetzungen zutrafen – Nutzen für andere, kein Schaden für diese – dann sind die Versuche weder strafbar noch sittlich anfechtbar‹.

Georg Schaltenbrand wird nach dem Krieg Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Er gilt als ›MS-Papst‹. 1953 übernimmt er den Vorsitz des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft. […].“

Soweit die „Anklageschrift“ von Ernst Klee.

Fragwürdige Verknüpfungen und Unterstellungen

War Schaltenbrand 1996 in dem ARD-Dokumentationsfilm „Ärzte ohne Gewissen“ in die Nähe der KZ-Ärzte gerückt worden, so beließ es Klee 1997 in seiner Dokumentation nicht bei dem Vorwurf, Versuche an Menschen unternommen zu haben. Klee legte mit seinen deutungsoffenen Formulierungen darüber hinaus nahe, dass mein Schwiegervater sogar, direkt oder indirekt, für den Abtransport der von den Versuchen betroffenen Patienten und damit für ihre Ermordung mitverantwortlich gewesen sein könnte. Er vermutete jedenfalls, Schaltenbrand könnte zumindest Mitwisser der Deportation und der bevorstehenden Vergasung gewesen sein. Klee hielt an dieser Verknüpfung auch noch 2003 in seinem „Personallexikon zum Dritten Reich“ (Schaltenbrand, S. 526) fest. Darin formulierte er: „Versuche […] beendet durch Abtransport der Patienten in Vergasungsanstalten.“ Er rief zudem den Eindruck hervor, der SA-Mann und das NSDAP-Mitglied Schaltenbrand sei ein überzeugter NS-Täter gewesen, der Menschenversuche im Sinne und im Dienst der nationalsozialistischen Ausmerze-Politik durchführte. Das im Dokumentarfilm benutzte Ausweisfoto, auf dem Schaltenbrand in SA-Uniform gezeigt wird, sollte dessen Nähe oder politisch-ideologische Verbundenheit mit dem NS-Regime beweisen. Aussagen von Entlastungszeugen, die genau diese ideologische Nähe bestritten hatten (Viktor von Weizsäcker, Dr. med. Trotter, Prof. Percival Bailey u.a.) hielt er für nicht unbedingt glaubhaft. Bei der Lektüre der Schriften Klees gewinnt man den Eindruck, er werte Dokumente und Quellen sehr selektiv aus und lasse entlastende oder schuldmindernde Momente absichtlich unter den Tisch fallen. Seine tendenziösen Darstellungen werden auch von Fachmedizinern und Historikern kritisiert (Prof. Dr. med. Klaus Toyka, Prof. Dr. Hubert Markl, Jan Philipp Reemtsma in SZ Nr. 193,23./24.08.1997, S. V., u. a.)

Ein typisches Beispiel sind Klees Auswertung und inhaltliche Wiedergabe der Dokumente in der Akte Schaltenbrand, die im Bundesarchiv lagern. Richtig ist, dass Schaltenbrand Mitglied des Stahlhelms, der SA, der Reichsschaft Hochschullehrer (seit 01.10.1933), der NSDAP (seit 01.05.1937, Parteimitglied Nr. 4.850.745), des Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK, als Obersturmführer), des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund e.V. (seit 1938, Mitglied Nr. 24542) und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) war. Allerdings waren eben diese Mitgliedschaften zum Teil institutionell verordnet, mehr oder weniger zwangsweise und politisch-situativ begründet. Mit den Netzwerken der NS-Massenorganisationen und NS-Berufsorganisationen sollten die Bürger gleichgeschaltet werden. Wie viel pragmatischer Opportunismus war der eigentliche Beweggrund, „sich in die Gemeinschaft einzufügen“ und „den neuen Staat zu bejahen“, wie es die NS-Organisationsleitungen in ihren Gesinnungsgutachten Schaltenbrand attestierten?

NSDAP-Dozentenbund-Jahresbeitrag, Prof. Dr. Gg. Schaltenbrand, Mitgl. #7575, 22.12.1942

Schaltenbrand war 1933 nicht auf eigenes Bestreben hin in die SA eingetreten, sondern durch einen Automatismus bei der kollektiven Überführung des Stahlhelms in die SA Mitglied geworden. Schaltenbrand nutzte den sogenannten Röhm-Putsch, um 1936 aus der SA förmlich auszutreten. So fiel der Austritt nicht negativ auf. Er begründete seinen Schritt, wie aus dem Dokument hervorgeht, mit Arbeitsüberlastung. In den meisten parteioffiziellen Gesinnungsgutachten wurde außerdem seine generöse Spendenbereitschaft hervorgehoben. „Seine Opferwilligkeit (sei) weitgehend“ (1937), er „zeige sich stets opferwillig“ (1943). Dennoch waren seine Experimente nicht NS-politisch motiviert. Im Gegenteil, er war kein überzeugter und schon gar kein fanatischer Nazi gewesen, wie in verschiedenen Artikeln und Buchbeiträgen aufgrund seiner formalen Mitgliedschaften in NS-Organisationen suggeriert wurde. Er hatte in der Tat, wie sich aus seinem Nachlass gut belegen lässt, ein distanziertes, wenn nicht gar ein gegnerisches Verhältnis zum Nationalsozialismus, insbesondere zu dessen Rassenlehre und rassistischen Eugenik. Im „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“, das Schaltenbrand, wie seine Buchbesprechung von 1934 zeigt, genauestens bekannt war, waren im Einzelnen „angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irrsein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz, erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere erbliche körperliche Missbildung und schwerer Alkoholismus“ genannt worden. Schaltenbrand glaubte erkannt zu haben, dass „Die Multiple Sklerose des Menschen“, so der Titel seines Werkes von 1943, eben keine Erbkrankheit, sondern eine viral verursachte, möglicherweise heilbare Krankheit sei (S. 65: „… dass die Multiple Sklerose ein Erbleiden sei? Diese Annahme möchte ich ablehnen“). Und er war überzeugt, sich auf dem richtigen Weg zu einer erfolgreichen Behandlung dieser Krankheit zu befinden. Seine humane Zielsetzung war die der Heilung, nicht die Tötung von Menschen. Er war sich allerdings voll bewusst, sich mit seinen Experimenten an einer berufsethischen Grenzlinie zu bewegen. Schaltenbrand glaubte jedoch, seine „Übertragungsversuche vom Affen auf den Menschen“ (S. 180 ff) und vom Menschen auf den Menschen (S. 192 ff) nach bestem medizinischen Wissen und ethischem Gewissen verantworten zu können. Seine Skrupel drückte er mit einem Aphorismus des Hippokrates aus, das er seinem Buch über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ (S. 1) voranstellte: „Das Leben ist kurz, die Kunst lang. Der rechte Augenblick ist bald enteilt. Der Versuch ist trügerisch, das Urteil schwierig.“ Schaltenbrands Versuche in einem Atemzug mit den grausamen medizinischen Experimenten in Konzentrationslagern zu nennen, bei denen der qualvolle Tod oder das Siechtum der Opfer von vornherein in Kauf genommen und geplant worden war, ist sicher ungerechtfertigt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit führten seine Versuche am Menschen bei keiner Versuchsperson zum Tod. „Auch Grausamkeit kann man Schaltenbrand zumindest nach damaligen Maßstäben nicht unterstellen“ (Collmann 208, S. 79). Nach neusten Kenntnissen darf angenommen werden, dass Schaltenbrand im konkreten Fall über die bevorstehenden Mordaktionen des von Berlin aus gesteuerten Vernichtungsprogramms der T4-Organisation nicht informiert war. Die Deportation zahlreicher Patienten von der Heil- und Pflegeanstalt in Werneck in die Anstalt Sonnenstein bei Pirma in Sachsen wurden organisatorisch verschleiert (vgl. Dr. med. Thomas Schmelter, Main-Post Nr. 127 vom 03.06.2017)

Im Vorwort zu seiner Monografie vermerkte Schaltenbrand im September 1942 nur lapidar, „die Untersuchungen der letzten Jahre mussten abgebrochen werden“. Aus der Logik der Schaltenbrandschen Forschungssituation und Forschungsabsicht lässt sich jedenfalls schließen, dass der Abtransport seiner Testpersonen in Vernichtungsanstalten nicht in seinem echten Forschungsinteresse und in seiner Berufsauffassung gelegen haben konnte. Die Fachwelt verneint inzwischen einen Zusammenhang (Prof. Dr. med. Helmuth Steinmetz, 2015; Prof. Dr. med. Hartmut Collmann, 2008, S. 77).

Das zeitliche Zusammenfallen der Multiple Sklerose-Forschung Schaltenbrands mit der von Heyde maßgeblich gesteuerten T4-Aktion machte wohl zu einem Teil die Wissenschaftlertragödie des Neurologen Schaltenbrand aus. Prof. Dr. med. Werner Heyde, bis 1945 Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Universität Würzburg, war Leiter und Organisator der T4-Aktionen und stand mit Schaltenbrand in einem wohl auch ideologisch gefärbten Dauerclinch (nähere Ausführungen dazu Collmann, 2008, S. 84). Heyde war ein radikaler Verfechter und Organisator des T4-Vernichtungsprogramms. Er entzog sich 1947 der Justiz, tauchte unter und führte unter dem Decknamen Sawade bis zu seiner Entlarvung 1959 ein Doppelleben, makabrer Weise gedeckt von Hintermännern, als Gutachter am Sozialgericht Schleswig. Der Fall Heyde/Sawade entwickelte sich nicht nur zu einer Kriminalgeschichte der Medizin, sondern auch zu einer der deutschen Nachkriegsjustiz und der Gesundheitsverwaltung. Schaltenbrand war nicht im Geringsten in den Fall verwickelt. Schaltenbrand war kein „NS-Verbrecher im weißen Kittel“, wie das Würzburger „Volksblatt“ (Nr. 266, 18.11.1998, S. 23) pauschal urteilte. Dem „Ankläger“ Ernst Klee und anderen hätte in einem virtuellen „fair trial und due process“ ein Verteidiger entgegengestellt werden müssen.

Der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Dr. Hubert Markl, kritisierte 2000 in einem Artikel in der ZEIT (Nr. 7, 10.02.2000, S.42) das eilfertige Steinewerfen von schuldlos Spätgeborenen und meinte damit auch und gerade den Ankläger Klee, der zuvor in der ZEIT (Nr. 5, 2000) von der Max-Planck-Gesellschaft in einem erschütternden Beitrag gefordert hatte, die verbrecherischen medizinischen Versuchen an Menschen rasch und rückhaltlos aufzudecken und sich für die Untaten zu entschuldigen. Markl mahnte in seiner Antwort auf Klee an, so begründet und gewichtig die sachlichen und moralischen Appelle auch seien, bei der Aufklärung und Offenlegung der Wahrheit die Zuverlässigkeitsstandards historischer Wissenschaft walten zu lassen. […] Denn Ziel muss sein, die ganze Wahrheit für immer ans Licht zu bringen, nicht möglichst schnell einen Teil davon.“

Erst 2015 wurden im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden rund 600 Meldebogen aus Werneck gefunden sowie Korrespondenzen, die mit Angehörigen der ermordeten Patienten geführt worden waren. (vgl. Main-Post Nr. 127 vom 03.06.2017). Die Forschungsarbeit geht also weiter.

Die symbolische Enthauptung

US-amerikanische Besucher der Würzburger Neurologischen Universitätsklinik hatten den Leiter der Klinik, Prof. Dr. med. Klaus Toyka, damals auch Dekan der Medizinischen Fakultät, auf den Artikel von Micheal I. Shevell und Evans K. Bradley von 1994 aufmerksam gemacht und ihr Befremden geäußert, dass die Ehrenbüste noch immer im Foyer der Klinik stehe (Collmann, 2008, S. 8). Daraufhin hatte Toyka die Büste des Gründers nach Rücksprache und im Einvernehmen mit seinen medizinischen Mitarbeitern sowie der Medizinischen Fakultät aus dem Foyer der Neurologischen Universitätsklinik entfernen lassen. Inge Lu hatte von dem Vorgang aus der Lokalpresse erfahren und die Entfernung des bronzenen Porträts als eine tiefe Demütigung und postume symbolische Bestrafung ihres Vaters empfunden (Würzburger Volksblatt 03.12.1997). Toyka verteidigte in einem Schreiben an Inge Lu die diskrete Entfernung der Büste. „Wir haben uns bewusst jeglicher Bekanntmachung über die Grenzen der Neurologischen Klinik enthalten und stattdessen die Archivierung im Nachlass vorgezogen.“ Er bot der Familie Schaltenbrand an, die Büste in persönliche Verwahrung zu nehmen, was 1999 geschah.

Toyka distanzierte sich allerdings zugleich von der Art und Weise, in der Klee den Fall Schaltenbrand behandelte. Er schrieb hierzu an Inge Lu: „Der Autor Klee hat sich in seinem jüngsten Buch (Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 1997) in überkritischer und tendenzieller Weise mit der Forschung von Prof. Schaltenbrand auseinandergesetzt. Ich habe Herrn Klee schriftlich meine Kritik an dieser völlig überzeichneten Darstellung mitgeteilt und dies auch vor der Medizinischen Fakultät, gegenüber der Redaktion des Volksblattes sowie vor dem Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft dargelegt […]. Ich persönlich als sein zweiter Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Neurologie wie auch meine ärztlichen Mitarbeiter und die Medizinische Fakultät sind bestürzt, dass diese Verstöße vorgekommen sind, und bedauern ausdrücklich die unschuldig betroffenen Patienten.“

Schaltenbrand blieb dennoch über seine Lebzeiten hinaus ein international hoch angesehener und mit vielen medizinischen Ehrenpreisen ausgezeichneter Forscher und Gelehrter. Die schweren Vorwürfe und Angriffe der 1990er Jahre hat er nicht mehr erlebt. Inge Lu distanzierte sich öffentlich von den Experimenten ihres Vaters und bedauerte das Unrecht, das den Opfern geschehen war. Das, was wirklich geschehen ist, wird uns ebenso verfolgen wie die Vorstellung, dass ein Teil der Wahrheit nie geklärt werden wird. Eine umfassende Biografie über den großen Neurologen steht noch aus, welche die historischen Wissenschaftsstandards voll erfüllt, den umfangreichen Nachlass einbezieht und den politisch-historischen Zeithorizont auf vier Herrschaftssysteme ausweitet (Kaiserreich, Weimarer Republik, „Drittes Reich“ und Bundesrepublik Deutschland).

Innerfamiliäre Spannungen und Spiegelungen nach mehr als 70 Jahren

Beinahe wäre die Publikation dieses Blog-Kapitels an den innerfamiliären Spannungen gescheitert, die nach mehr als 70 Jahren bei der Betrachtung und Abhandlung der Geschehnisse von damals auftraten. Familiengeschichten sind, wie ich schon eingangs festgestellt habe, immer auch eine innerfamiliäre Spiegelung der allgemeinen geschichtlichen Vorgänge und konfliktreicher biografischer Konstellationen zwischen den Generationen. Darüber zu berichten und zu publizieren trifft auf eine schmerzliche Art und Weise mit unserem heutigen Leben und Wissen zusammen. Noch einmal alles aufwühlen? Noch einmal publik machen, was einem so schwer zu schaffen gemacht hatte? Die entsetzlichen Vorwürfe wortwörtlich und in ganzer Länge zitieren? Die Neigung, zu verdrängen und zu verschweigen, was einen fassungslos gemacht und gequält hat, besteht fort. Es muss jedoch nach 70 Jahren möglich sein, sich offen und ohne falsche Rücksicht mit diesen bedrückenden und beklemmenden Geschehnissen zu befassen. Ich hätte es als ein intellektuelles und schriftstellerisches Desaster erlebt, als Kapitulation vor einer Herausforderung, hätte ich dieses – im doppelten Sinne – dunkle Kapitel nicht in meinen Blog aufnehmen dürfen.

Zu Rate gezogene, ausgewählte Literatur

Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz, 1988: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt am Main; Michael I. Shevell und Bradley K. Evans, 1994: The „Schaltenbrand experiment“, Würzburg, 1940: Scientific, historical, and ethical perspectives, in: Neurology 44, February 1994, pp. 350–355; Klaus-Dietmar Henke (Hg.), 2008: Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien; Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26.11.1897–24.10.1979), in: Würzburger medizinische Mitteilungen, Band 27 (2008), S. 64–92 (darin weiterführende Literatur); K. Bonhoeffer (Hrsg.), 1934: Die psychiatrischen Aufgaben bei der Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mit einem Anhang Die Technik der Unfruchtbarkeitsmachung. Verlag von S. Karger Berlin; Georges Schaltenbrand: Buchbesprechung. K. Bonhoeffer: Die psychiatrischen Aufgaben bei der Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mit einem Anhang: Die Technik der Unfruchtbarmachung. Berlin: S. Karger, in: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. J. Springer, Berlin. Art.: Schaltenbrand; Georg Schaltenbrand, 1943: Die Multiple Sklerose des Menschen. Georg Thieme Verlag, Leipzig; Götz Aly, 2013: Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. S. Fischer, Frankfurt/M.; Ernst Klee, 1995: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. S. Fischer Frankfurt/M; Ernst Klee, 1997: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, Frankfurt/M.; Andreas J. Reuland, 2004: Menschenversuche in der Weimarer Republik. Norderstedt; Thomas Schmelter, Christine Meesmann, Gisela Walther, Herwig Praxl, 1999: Heil- und Pflegeanstalt Werneck, in: Michale von Cranach: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1944. Oldenbourg, München.

Nachhall 2006

Menschenversuche in Würzburg; Main-Post Nr. 20, 25. Januar 2006, WÜS-Seite 30

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