{"id":1015,"date":"2020-04-01T12:11:47","date_gmt":"2020-04-01T10:11:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=1015"},"modified":"2020-05-19T13:11:50","modified_gmt":"2020-05-19T11:11:50","slug":"63-wie-dr-edith-rabenstein-passau-zum-leuchten-bringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2020\/04\/01\/63-wie-dr-edith-rabenstein-passau-zum-leuchten-bringt\/","title":{"rendered":"63. Wie Dr. Edith Rabenstein Passau zum Leuchten bringt"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber:<\/strong> Edith Rabenstein: 1000 K\u00fcnstler\/innen &amp; Kulturschaffende. Biografisches Lexikon zur Passauer Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 2019. 483\u00a0 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Pr\u00fcfung und Bewertung der Machart<\/strong><\/p>\n<p>Im Herbst 2019 erschien das oben angezeigte Buch, in welchem Leben und Wirken von ann\u00e4hernd 1000 K\u00fcnstlern\/K\u00fcnstlerinnen und Kulturschaffenden dokumentiert sind. Die Autorin, Kulturredakteurin der Passauer Neuen Presse, bei der Vorstellung ihres Werkes: \u201eDiese ganz spezielle Sammlung von Wissen entstand aus dem tiefen Wunsch heraus, mehr \u00fcber Pers\u00f6nlichkeiten zu erfahren, die k\u00fcnstlerisch hier t\u00e4tig waren.\u201c (PNP Nr. 248, 26. 10. 2019, S. 9).<\/p>\n<p>Rasch folgten des Lobes volle Besprechungen. Rabenstein habe aus einem reichen Fundus gesch\u00f6pft und ein beachtliches Werk vorgelegt. Sie bez\u00f6ge in ihr Lexikon \u201eauch jene Gr\u00f6\u00dfen ein, die Passau zum Leuchten brachten, ohne dort gelebt zu haben\u201c (SZ Nr. 281, 05.12.2019,S. 42). Die Ver\u00f6ffentlichung sei auch schon deshalb bedeutend, weil es \u201ekeine vergleichbare Publikation \u00fcber jene Menschen gibt, die Passau geformt haben\u201c (ebenda). Auch die vorangestellten Gru\u00dfworte des Bayerischen Staatsministers f\u00fcr Wissenschaft und Kunst und des Oberb\u00fcrgermeisters der Stadt Passau verleihen dem Werk besondere Gravit\u00e4t. Die gef\u00e4llige Aufmachung des Werkes wird allgemein gew\u00fcrdigt. Es scheint mir bei so viel Lob notwendig zu sein, die Machart des Werkes genauer unter die Lupe zu nehmen und zu pr\u00fcfen, ob es seinen selbstgestellten Anspr\u00fcchen, wie sie in der Titelei zum Ausdruck kommen, gerecht wird. Ich stelle damit auch die bisherige Rezeption in den Printmedien zur Diskussion.<\/p>\n<p>Das Lexikon ist in drei Teile gegliedert, in ein Vorwort (S.7f), in Kurzbiografien (S.12-470) und einen Anhang (S.472-483). Letzterer enth\u00e4lt ein Verzeichnis der Abk\u00fcrzungen, ein Personenregister, die Bildnachweise und eine Bibliografie. Ann\u00e4hernd 1000 Personen in einem biografischen Lexikon zu versammeln, und dies noch dazu f\u00fcr einen Zeitraum von rund 1000 Jahren, ist ein Unterfangen, das von vorneherein konzeptuell gut \u00fcberlegt sein will.\u00a0 Wer wird aufgenommen, wer nicht? Welche Kriterien wendet die Autorin hierzu an? Je nach Interesse und Informationsbed\u00fcrfnis werden Benutzer nach Personen und Personalien suchen. In einer kurzen W\u00fcrdigung bleibt bei dieser Masse an Personen aus zehn Jahrhunderten allerdings nichts anderes \u00fcbrig, als schwerpunktm\u00e4\u00dfig an Beispielen die Machart des Werkes aufzuzeigen. Der Titel des Buches und das Vorwort der Verfasserin geben an, was Benutzer in etwa erwarten d\u00fcrfen. Und noch ein allgemeiner Hinweis ist n\u00f6tig: Man muss mit der K\u00fcnstlerszene und den kulturellen Aktivit\u00e4ten in Passau und seinen benachbarten Gebieten einigerma\u00dfen gut vertraut sein, um insbesondere erkennen zu k\u00f6nnen, wen Rabenstein <u>nicht<\/u> in ihr biografisches Lexikon aufgenommen hat. Im Blick auf die Gegenwart verdeutlichen erst \u201eNegativlisten\u201c die feinen Unterschiede. Wer z\u00e4hlt zu den Ausgew\u00e4hlten und wen h\u00e4lt die Autorin f\u00fcr nicht aufnahmew\u00fcrdig? Rabenstein schl\u00fcpft mit ihrer Auswahl in die Rolle einer Jurorin. Es war abzusehen, dass Benutzer und noch aktive K\u00fcnstler und Kulturschaffende neugierig fragen werden, wer ist drin, wer nicht. Oder selbstgef\u00e4llig ausgedr\u00fcckt: Bin ich drin?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Unscharfe Begriffe und ein weitgesteckter zeitlicher Rahmen<\/strong><\/p>\n<p>Rabenstein benutzt f\u00fcr ihre Auswahl zwei deskriptive Sammelbegriffe, einmal \u201eK\u00fcnstler\/-innen\u201c und einmal \u201eKulturschaffende\u201c. Sie grenzt dabei ausdr\u00fccklich Personen aus, die sie laut Vorwort kategorial dem Kunsthandwerk zurechnet (S.7). Kunsthandwerker\/-innen geh\u00f6ren nach ihrem selektiven Ansatz weder zur Kategorie der K\u00fcnstler\/-innen noch zur Kategorie der Kulturschaffenden. Mit dieser groben Zuschreibung und Ausgrenzung beginnen schon im methodischen Ansatz selektive Probleme. Wer ist ein K\u00fcnstler, wer nur ein Kunsthandwerker? Wer ist ein Kulturschaffender, jedoch weder K\u00fcnstler noch Kunsthandwerker? Ist ein K\u00fcnstler kein Kulturschaffender? Was alles f\u00e4llt unter den Begriff Kultur? Bedient sich die Autorin eines engeren oder weiteren Kulturbegriffes? Fallen darunter nur Schaffende der Hochkultur? Oder z\u00e4hlen auch Vertreter der Alltagskultur dazu? Die Autorin gibt in ihrem\u00a0 knappen Vorwort\u00a0 zu diesen Grundfragen, wenn \u00fcberhaupt, nur d\u00fcrftige Ausk\u00fcnfte. Ich zitiere aus ihrem zweiseitigen Vorwort die ma\u00dfgeblichen Passagen:<\/p>\n<p>\u201eDas vorliegende Buch bezieht sich auf rund 1000 K\u00fcnstlerinnen, K\u00fcnstler und Kulturschaffende quer durch die Zeiten, die in der Dreifl\u00fcssestadt gelebt und gewirkt haben, geehrt worden sind oder heute noch hier kreativ arbeiten (\u2026)\u00a0 Menschen und ihre Werke bilden wie ein Mosaik (\u2026) das Bild dieser Stadt. Ausgeklammert bleiben \u2013 bis auf wenige Ausnahmen \u2013 die Personen des Kunsthandwerks, die oft nur durch ihre Beschauzeichen dokumentiert sind (&#8230;). Ausgeklammert bleiben auch K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die G\u00e4ste in der Dreifl\u00fcssestadt waren, es sei denn, sie haben noch heute sichtbare Spuren hinterlassen, oder ihre k\u00fcnstlerische Arbeit hier war Startschuss oder Sprungbrett f\u00fcr eine gro\u00dfe Karriere. Ein Beispiel: K\u00fcnstler, deren Arbeiten noch heute zu bewundern sind, werden aufgef\u00fchrt, G\u00e4ste der Festivals wie Europ\u00e4ische Wochen, Jazzfest Passau, Passauer Saiten u. a. hingegen nicht. Ebenso nicht aufgenommen sind alle oft kurzzeitigen Ensemble-Mitglieder am Landestheater Niederbayern, fr\u00fcher S\u00fcdostbayerisches Stadttheater. Hier wurde die Auswahl auf langj\u00e4hrige Mitglieder des Theaters gelegt. Eine Differenzierung schien mir notwendig.<\/p>\n<p>Aufgef\u00fchrt sind dagegen Preistr\u00e4ger etwa des Kulturpreises der Stadt Passau f\u00fcr die B\u00f6hmerw\u00e4ldler, der seit 1961 des Konzerthaus-Vereins, der alle zwei Jahre verliehen wird, des Scharfrichterbeils, des Theaterpreises, der &gt;Jungen Kunst&lt; oder des MiE-Awards [Menschen in Europa-Award &#8211; A. M.] \u2013 und Letztere nur sofern sie aus dem k\u00fcnstlerischen Bereich kommen. Nicht aufgef\u00fchrt sind Gruppen als Preistr\u00e4ger (\u2026).<\/p>\n<p>Freilich ist sich die Verfasserin bewusst, dass es ein schier unm\u00f6gliches Unterfangen ist, wirklich alle K\u00fcnstlerinnen und, K\u00fcnstler und Kulturschaffenden von einst und jetzt in einer kulturreichen Stadt wie Passau abzubilden \u2013 es muss eine Auswahl getroffen\u00a0 werden -, zum einen, weil die aktuelle Kulturszene stets im Wandel ist, zum anderen, weil die vergangenen Jahrhunderte retrospektiv manchmal nicht zur G\u00e4nze rekonstruierbar sind. Ich bin mir also dessen bewusst, dass man in diesem Unterfangen den Mut zur L\u00fccke haben muss.\u201c<\/p>\n<p>Es gilt also zu \u00fcberpr\u00fcfen, inwieweit die Autorin ihre sich selbst gestellten Aufgaben erf\u00fcllt hat und ob ihre Sammelbegriffe bei den Zuordnungen, Abgrenzungen und Ausklammerungen behilflich waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>K\u00fcnstler\/innen, Kulturschaffende, Kunsthandwerker<\/strong><\/p>\n<p>Die\u00a0 Problematik liegt in Rabensteins Wahl der Sammelbegriffe und ihren methodischen Konsequenzen.\u00a0 Es bedarf einer Begriffskl\u00e4rung, die Rabenstein an keiner Stelle vornimmt. Kulturschaffende(r) ist ein Sammelbegriff, der alle einschlie\u00dft, die kreativ gestaltend am kulturellen Leben mitwirken: K\u00fcnstler\/-innen, Dichter, Schriftsteller, Theaterproduzenten, Musiker, Komponisten, Dirigenten, T\u00e4nzer, Bildhauer, Architekten und andere.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eKulturschaffender\u201c kam in den 1920er und 1930er Jahren in den Kulturwissenschaften auf und wurde unter der nationalsozialistischen Diktatur zu einem politischen Begriff. Nach 1945 ging er auch in das politische Vokabular der DDR ein. Erst in den 1990er Jahren gelangte er in den allgemeinen Sprachgebrauch. Er schloss stets alle K\u00fcnstler der Bildendenden und Darstellenden K\u00fcnste ein. Die begriffliche Unterscheidung und konjunktive Gegen\u00fcberstellung von K\u00fcnstlern und Kulturschaffenden ist deshalb problematisch. Die Zuordnungs- und Abgrenzungsprobleme, die hierdurch gegeben sind, durchziehen das gesamten biografische Lexikon. Rabenstein hat sich vermutlich einige Gedanken dazu gemacht, vielleicht Wikipedia zurate gezogen, aber ihre Entscheidung\u00a0 f\u00fcr den gew\u00e4hlten Titel nicht begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Auch auf den Sammelbegriff \u201eKunsthandwerk\/ Kunsthandwerker\u201c geht sie nicht explizit ein. Sie stellt ihn einfach den beiden anderen Sammelbegriffen gegen\u00fcber. Laut Wikipedia steht der Begriff \u201ef\u00fcr jedes Handwerk, f\u00fcr dessen Aus\u00fcbung k\u00fcnstlerische F\u00e4higkeiten ma\u00dfgebend und erforderlich sind. Die Produkte des Kunsthandwerks sind in eigenst\u00e4ndiger handwerklicher Arbeit und nach eigenen Entw\u00fcrfen gefertigte Unikate.\u201c Der Begriff hebt, vereinfacht ausgedr\u00fcckt, kunsthandwerkliche Produkte von industriell gefertigten Massenprodukten ab. Von \u201ehoher\u201c Kunst unterscheiden sich kunsthandwerkliche Produkte durch ihre prim\u00e4r handwerklich-technische, auf Anwendung bezogene Machart. Die Kunsthandwerke gelten neben den Bildenden und Darstellenden als Angewandte K\u00fcnste.<\/p>\n<p>Die Autorin bel\u00e4sst es in in ihrem Vorwort bei ihren allzu knappen Erl\u00e4uterungen. Die inhaltliche Gliederung des Lexikons folgt sodann nicht den Sammelbegriffen und ihren Kriterien, sondern dem Alphabet. Wir haben es mit einem biografisch sortierten \u201eZettelkasten\u201c zu tun, in dem mit Bienenflei\u00df zusammengetragene Personalien zu den Ausgew\u00e4hlten enthalten sind. Das Hauptgliederungsprinzip ist also das Alphabet und dies in doppelter Weise. Denn unter jedem (Gro\u00df-)Buchstaben werden wiederum in alphabetischer Reihenfolge die Personen aufgef\u00fchrt. Gewisserma\u00dfen quer zur alphabetischen Ordnung legt die Autorin ein zeitliches Schema zugrunde. Sie reiht unter jedem Buchstaben die ausgew\u00e4hlten Personen \u201evon einst und jetzt\u201c\/ \u201equer durch die Zeiten\u201c ein (S.7). Ihr zeitlicher Rahmen reicht vom Hochmittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart, von Walter von der Vogelweide und dem Nibelungenlied bis zu Anna Sterr, die 1997 in Passau geboren wurde. Die Machart des Lexikons ist folglich ebenso einfach wie offen. Die Unsch\u00e4rfe der deskriptiven Sammelbegriffe und die zeitliche Ausdehnung ihrer Recherchen \u00fcber einen Zeitraum von rund 1000 Jahre erm\u00f6glichen ihr eine kategorisch gro\u00dfz\u00fcgige Auswahl und Zuordnung. Damit ist aber zugleich die Gefahr selektiver Willk\u00fcr und Beliebigkeit gegeben. F\u00fcr Leser\/-innen, die nur eine rasche Auskunft \u00fcber einzelne Personen des kulturellen Lebens der Stadt Passau und seiner Umgebung wollen, mag dieses locker strukturierte Konzept gen\u00fcgen, Hauptsache, die Angaben zur Vita einer gesuchten Person stimmen. Aber aufgepasst!<\/p>\n<p>Rabenstein nimmt Stefan Rammer, ihren Redaktionskollegen von der Passauer Neuen Presse, gem\u00e4\u00df ihrer Kriterien zurecht in ihr Lexikon auf. Rammer ist ein niederbayerischer Heimatschriftsteller, Mitherausgeber der literarischen Zeitschrift Passauer Pegasus und Kulturpreistr\u00e4ger des Landkreises Passau, also einer Aufnahme w\u00fcrdig. Seine von Rabenstein verfasste Vita enth\u00e4lt aber drei \u00e4rgerliche Fehler: Rammer ist nicht in Schalding links der Donau geboren, sondern rechts der Donau. Er hat nicht im Adalbert-Stifter-Museum sein Abitur gemacht, sondern im Adalbert-Stifter-Gymnasium, und er hat \u00fcber den SPD-Politiker Kurt Schumacher promoviert, nicht \u00fcber den CDU-Politiker Ludwig Erhard. Ein weiteres Beispiel betrifft den Passauer Dichter Friedrich Hirschl, dessen letzter Gedichtband \u201eStilles Theater\u201c (2017) in den Angaben zum Werk fehlt. Es empfiehlt sich also in jedem Fall die angegebenen Personalien zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Galeristen \u2013 K\u00fcnstler\/-innen oder nur Kulturschaffende, oder beides?<\/strong><\/p>\n<p>Die Unsch\u00e4rfe der deskriptiven Kategorisierungen f\u00fchrt zum Beispiel im Blick auf die Galerien in selektive Probleme hinein. In ihrem Vorwort nennt Rabenstein unter den angef\u00fchrten cultural players keine(n) einzige(n) Galeristen\/in. Sie kommen\u00a0 erst in einzelnen Vitae zum Vorschein, wobei die Auswahlkriterien fraglich bleiben.\u00a0 Rabenstein nimmt in ihr Lexikon nur Galeristen auf, die zugleich als K\u00fcnstler\/-innen auftreten wie die Betreiber der Passauer Produzentengalerie und die Galerien von Horst Stauber, Eva Priller und AGON. Sie schlie\u00dft hingegen alle Galeristen aus, die nicht zugleich als K\u00fcnstler\/-innen hervortreten oder fr\u00fcher hervorgetreten waren. Zu den Ausgeschlossenen z\u00e4hlen zum Beispiel Eva Riesinger (Soiz Galerie), Christa Schubach (zusammen mit Horst Stauber) und Michaela Dambeck (die ihre Galerien inzwischen aufgegeben haben) und Monsignore Dr. Bernhard Kirchgessner, der in den R\u00e4umen von Spectrum Kirche regelm\u00e4\u00dfig Kunstausstellungen veranstaltet. Es dr\u00e4ngt sich die Frage an die Autorin auf, warum sie nur K\u00fcnstlergaleristen ber\u00fccksichtig, die \u201eNur-Galeristen\u201c hingegen alle ausschlie\u00dft. Sind diese nicht auch Kulturschaffende? Warum h\u00e4lt die Autorin sie nicht f\u00fcr w\u00fcrdig, in ihr Lexikon der Tausend aufgenommen zu werden? Hier scheint in der Auswahl Willk\u00fcr oder Beliebigkeit im Spiel zu sein. Rabensteins konzeptuelle Aussagen in ihrem Vorwort gen\u00fcgen nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Kulturschaffende Verleger<\/strong><\/p>\n<p>Die Unsch\u00e4rfe des Sammelbegriffs Kunstschaffende wirkt sich auch auf die Frage aus, ob Verlegerpers\u00f6nlichkeiten ins Lexikon aufgenommen werden. Rabenstein stellt insgesamt f\u00fcnf Verleger vor: Angelika Diekmann, Ulrich Kraus,\u00a0 Matth\u00e4us Merian, Gregor Peda und Jakob von Sandrart. Kraus, Merian und Sandrart traten im 17. Jahrhundert als Kupferstecher hervor. In dieser Rolle hatten sie mit Passau zu tun, sie fertigten Passauer Stadtansichten. Von den Passauer Verlegerpers\u00f6nlichkeiten der Gegenwart bezieht Rabenstein nur zwei ein: Angelika\u00a0 Diekmann und Gregor Peda. Zumindest zwei weitere h\u00e4tten es nach meiner Ansicht verdient aufgenommen zu werden: Karl Stutz (1954-2015) und Dietmar Klinger. Warum hat Rabenstein diese kulturschaffenden Verleger nicht f\u00fcr aufnahmew\u00fcrdig befunden?<\/p>\n<p>Stutz gr\u00fcndete 1982 den Andreas-Haller-Verlag, der ab 1985 als Karl-Stutz-Verlag firmierte. Stutz gelang es, aus der 1978 neu gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t Passau Autoren zu gewinnen und eine beachtliche Zahl kulturwissenschaftlicher Werke zu verlegen, darunter auch Publikationen zur Kulturgeschichte Passaus und der ostbayerischen Region. Bei Stutz erschien auch der 2007 erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzte Schauerroman \u201eZastrozzi\u201c des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley (1792-1822). Der Titelheld des 1810 geschriebenen Romans macht auf einer Reise auch in Passau Station und erlebt diese Stadt als einen locus amoenus. Ich k\u00f6nnte noch andere Verlagsprodukte anf\u00fchren. Die Kulturjornalistin Rabenstein berichtete in der PNP \u00fcber Stutz. Ihr waren also dessen Vita und Verlagst\u00e4tigkeit bekannt.<\/p>\n<p>Dietmar Klinger, der ebenfalls von der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Passau profitierte, trat seit 2010 ebenfalls als Verleger zahlreicher kultur- und politikwissenschaftlicher Schriften zur Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen hervor. Ein Schwerunkt seiner Verlagst\u00e4tgkeit liegt auf Kunstkatalogen. Sein Verlag listet inzwischen vierzig Titel auf.<\/p>\n<p>Nimmt man die Autorin beim Wort und ber\u00fccksichtigt die ostbayerische Region, dann geh\u00f6rt auch noch der Hauzenberger Verleger Toni Pongratz zu den Ungenannten, die unbedingt ins Lexikon h\u00e4tten aufgenommen werden m\u00fcssen. Er gibt regionalen Autoren mit seiner \u201eEdition Pongratz\u201c eine anspruchsvolle, respektable literarische Plattform.<\/p>\n<p>Und wieder sto\u00dfen wir auf eine biografisch versteckte Information, die uns darauf aufmerksam macht, dass es in Passau auch schon fr\u00fcher Kleinverleger gab. Der gelernte Verlagsbuchh\u00e4ndler und Gr\u00fcnder des Passauer Stadtmuseums (1912), Franz Bieringer, verlegte die \u201eNiederbayerische Monatsschrift\u201c, die sp\u00e4ter in \u201eOstbairische Grenzmarken\u201c umbenannt wurde. Wer den Namen Bieriger nicht kennt und im Lexikon nach Verlegern sucht, wird M\u00fche haben, diesen Verleger zu entdecken.<\/p>\n<p>Die Aufnahme der Passauer Journalistin und Verlegerin Angelika Diekmann bedarf keiner besonderen Begr\u00fcndung. Diekmann, Gesellschafterin der Verlagsgruppe Passau, rief 1996 die Veranstaltungsreihe \u201eMenschen in Europa\u201c (MiE) ins Leben und holte zu dieser hochkar\u00e4tige K\u00fcnstler und prominente Vertreter aus\u00a0 Politik und Gesellschaft nach Passau.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Menschen in Europa (1996-2019)<\/strong><\/p>\n<p>Den MiE-Kunst-Award der Verlagsgruppe Passau erhielten Placido Domingo, Norman\u00a0 Foster, Karl Lagerfeld, Anna Netrebko, Ai Weiwei, Lang Lang, Igor Sacharow-Ross, Wim Wenders. Die weithin leuchtenden internationalen Stars traten alle in Passau im Rahmen der Gro\u00dfveranstaltung \u201eMenschen in Europa\u201c auf. Rabenstein hat sie allesamt in ihr biografisches Lexikon aufgenommen.<\/p>\n<p>So verdienstvoll und l\u00f6blich das engagierte M\u00e4zenatentum der Passauer Verlagsgruppe und der Passauer Neuen Presse auch ist, so wenig wurden aus den eingeladenen und vermutlich hochbezahlten Stars des internationalen Kulturlebens und der internationalen Kunstwelt genuin Passauer Kulturtr\u00e4ger und Kulturschaffende, \u201edie Passau zum Leuchten brachten.\u201c\u00a0 Die Stars aus Musik, Theater, Kunst und Film blieben, was sie waren und nach wie vor sind, bezahlte durchreisende Besucher, die nach ihren Auftritten Passau wieder verlassen. Sie bilden im Turnus eine \u201eCloud\u201c, die \u00fcber dem kulturellen Leben der Stadt hinwegzieht und f\u00fcr ein paar Tage oder Wochen Glamour herabrieseln l\u00e4sst. Diese Ber\u00fchmtheiten per Lexikon zu Passauer K\u00fcnstlern und Kulturschaffenden zu machen und als solche der Passauer Stadtgeschichte einzuverleiben, grenzt ein wenig an Hochstapelei. Ehrlicher w\u00e4re es gewesen, es bei Gr\u00f6\u00dfen wie Alfred Kubin, Reiner Kunze, Hans Carossa, Emerenz Meier zu belassen, die in der Stadt oder in der umgebenden Region wenigstens zeitweise gelebt und gearbeitet haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Festspiele Europ\u00e4ische Wochen Passau<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Veranstaltungsreihe Menschen in Europa schlie\u00dft Rabenstein die f\u00fcr Auftritte verpflichteten K\u00fcnstler (Musiker, Pianisten, S\u00e4nger, Schriftsteller, Maler \u2026 ) prinzipiell von einer Aufnahme ins Lexikon aus (S. 7).\u00a0 Gewiss, die Europ\u00e4ischen Wochen haben nach Art der Zielsetzung, Programmgestaltung, Organisation und Finanzierung einen anderen Status. Aber sie bieten seit ihrer Gr\u00fcndung (1952) hochkar\u00e4tigen Vertretern der Bildenden und Darstellenden K\u00fcnste eine breite Plattform, unter anderem auch K\u00fcnstlern aus Passau und der Region. Wikipedia listet 31 K\u00fcnstler\/-innen auf, darunter Vadimir Ashkenazy, Klaus Maria Brandauer, Yehudi Menuhin, Igor Oistrach, Grigory Sokolov und Tibor Varga, um nur einige zu nennen. Ihre Auftritte haben das Passauer Kuturleben ungemein bereichert und \u00fcberstrahlt. Rabenstein bezeichnet sie in ihrem Vorwort als G\u00e4ste (S. 7).\u00a0 H\u00e4tten sie nicht \u2013 nach der Logik des Konzepts &#8211; wie die Stars der Veranstaltungen \u201eMenschen in Europa\u201c ins Lexikon aufgenommen werden m\u00fcssen? Rabenstein gesteht nur Indentanten diese Ehre zu: Pankratz von Freyberg, Peter Baumgardt, Thomas E. Bauer und Carsten Gerhard. Als h\u00e4tten Stars der Europ\u00e4ischen Wochen nicht ebenfalls \u201ePassau zum Leuchten gebracht.\u201c Auch diese ungleiche Behandlung scheint mir auf einer willk\u00fcrlichen Vorentscheidung zu beruhen. Ganz unauff\u00e4llig tauchen K\u00fcnstler, die an Europ\u00e4ischen Wochen teilgenommen haben, in Kurzbiografien auf: so beispilsweise die Maler Georg Wei\u00df und Miguel Horn.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fragw\u00fcrdige Zuschreibungen<\/strong><\/p>\n<p>Rabenstein schreibt der kulturellen Stadtgeschichte Personen zu, die, wie oben schon gesagt, mit Passau nie oder nur rein zuf\u00e4llig und peripher etwas zu tun hatten. Ich entnehme Rabensteins Lexikon f\u00fcnf Bespiele: Friedrich Nicolai (1733-1811), Lucas Cranach d. \u00c4. (um 1472-1553), Albert Birkle (1890-1986), Georg Britting (1891-1964), Johann Ernst Fabri (1755-1825).<\/p>\n<p>Ein krasser Fall hochstapelnder Zuschreibung ist der Renaissancemaler Lucas Cranach der \u00c4ltere, der weder in Passau geboren wurde, noch je einen Fu\u00df\u00a0 auf Passauer Territorium setzte, noch selbst je in einem gesch\u00e4ftlichen Verh\u00e4ltnis zu Passau stand. Lucas Cranach d. \u00c4. malte in seiner Zeit als kurs\u00e4chsischer Hofmaler das Gnadenbild Mariahilf, das auf das Jahr 1537 datiert ist. Dieses f\u00fcr den kurs\u00e4chsischen Hof bestimmte Bild gelangte 1611 durch eine Schenkung in den Besitz des Passauer F\u00fcrstbischofs, wanderte aber schon wenige Jahre sp\u00e4ter nach Innsbruck. In Passau h\u00e4ngt nur eine Kopie. Rabenstein r\u00e4umt dem ber\u00fchmten Maler, dessen Vita wohlbekannt ist, eine und eine halbe Kolumne ein.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste zweifelhafte Fall ist der Maler Albert Birkle. Er war Mitglied der Berliner Sezession, Mitglied der Preu\u00dfischen Akademie der K\u00fcnste und aktiver Teilnehmer auf der Biennale in Venedig. Rabenstein dazu: Birkle war \u201eein typischer &gt;Reisemaler&lt;, der vor Ort gearbeitet hat.\u201c In seinen Landschafts- und Stadtlandschaftsmalereien g\u00e4be es auch Motive von Passau und vom Bayerischen Wald, woraus Rabenstein haarscharf folgert: \u201eEr d\u00fcrfte also auch in Passau gewesen sein, Daten sind nicht bekannt.\u201c Die Autorin r\u00e4umt der Biografie dieses Malers mehr als eine ganze Kolumne ein. Der n\u00e4chste Fall: Der Berliner Schriftsteller und Aufkl\u00e4rer Friedrich Nicolai war 1781 auf einer Reise durch Deutschland und die Schweiz auch durch Passau gekommen. Er schrieb in einem Essay, so hebt Rabenstein hervor, \u201e\u00fcber Topografie, Architektur, die Passauer Frauen und die Wundergl\u00e4ubigkeit in Mariahilf, die den aufgekl\u00e4rten Protestanten erstaunte.\u201c Das mag man gelten lassen, um Nicolai mit einer kurzen Notiz in das biografische Lexikon aufzunehmen. Ein K\u00fcnstler oder Kulturschaffender Passaus war er sicher nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Scharfrichterhaus\/Scharfrichterbeil<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer Testfall sind die Kabarettisten, die weit \u00fcber Passau hinaus bekannt sind und zum Teil dem sozio-kulturellen N\u00e4hrboden Passaus entstammen. Kabarettisten verk\u00f6rperten viele Jahre Widerst\u00e4ndigkeiten gegen das erzkonservative st\u00e4dtische Establisment, gegen die damalige Dreifaltigkeit von katholischer Kirche, CSU und Passauer Neue Presse. Der Ort kabarettistischen Wirkens war das von Passauer B\u00fcrgern anfangs gemiedene, ja verfemte Scharfrichterhaus. Erst Jahre sp\u00e4ter wurde mit dem Wandel des kulturellen Klimas in der Stadt\u00a0 aus dem angefeindeten Betrieb eine offiziell gef\u00f6rderte kulturelle Institution Passaus.<\/p>\n<p>Seit 1983 wurde im Rahmen der Passauer Kabaretttage an die Gewinner des Wettbewerbs das Scharfrichterbeil vergeben. Von 1983 bis 2019 gab es 36 Preistr\u00e4ger, darunter 30 Solisten und sechs Duos. Letztere schlie\u00dft Rabenstein von vorneherein als \u201eGruppen\u201c aus (siehe Vorwort, S. 7). Von den 30 Solisten nimmt sie vier nicht in ihr Lexikon auf: Kapud (1998), Norbert B\u00fcrger (2016), Thomas Steierer (2017) und Corrina Fuhrmann alias Lucy van Kuhl (2019). Warum? Mut zur L\u00fccke? Oder mutwillige Ausgrenzung? Stillschweigende qualitative Wertung? Die \u201eUrv\u00e4ter\u201c und Mitbegr\u00fcnder\u00a0 des Passauer Kabaretts, Bruno Jonas, Sigi Zimmerschied und Rudi Klaffenb\u00f6ck, sind selbstverst\u00e4ndlich drin, ebenfalls Manfred Kempinger, Hanns Meilhammer und Norbert Entfellner.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Passauer Pegasus<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Vorwort (S. 8) betont die Autorin, ihr Buch verstehe sich \u201ein seiner Kombination aus Sachinformation und kurzer Wertung als Nachschlagewerk und Zusammenschau f\u00fcr jedermann.\u201c Die Problematik von Wertungen zieht sich, wie k\u00f6nnte es bei der Thematik Kunst und Kultur anders sei, durch fast alle Biografien. Jede W\u00fcrdigung der Leistungen derer, die in das Lexikon aufgenommen worden sind, enth\u00e4lt Wertungen. Allein schon die pure Entscheidung, einen Kandidaten aufzunehmen oder auszuklammern, ist eine, die bewertet. Die Frage ist, ob und wie Rabenstein ihre Wertungen offenlegt. Sachinformation und Wertung lassen sich schwer trennen. Man kann ihre Sachinformationen auch als explizite oder implizite Wertungen lesen. Aus dem Umfang und der Detailiertheit von Kurzbiografien lassen sich wertende Gewichtungen ablesen. Auch die Negativlisten resultieren aus Wertungen. An einem Beispiel will ich aufzeigen, wie Rabenstein schwer nachpr\u00fcfbare Wertungen vornimmt.<\/p>\n<p>Unter den Passauer kulturellen Institutionen, K\u00fcnstler-Gemeinschaften und literarischen Zirkeln gibt es ein literarisches Unternehmen, das im Laufe der letzten Jahrzehnte bundesweit Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Edith Ecker, Karl Krieg und Stefan Rammer geben seit 1980er Jahre die literarische Zeitschrift \u201ePassauer Pegasus\u201c heraus. Der Passauer Pegasus wird von den Initiativen und dem Engagement der drei Herausgeber getragen. Die Zeitschrift bietet deutschen Autoren und Schriftstellern anderer Nationalit\u00e4t eine Publikationsm\u00f6glichkeit f\u00fcr bisher nicht ver\u00f6ffentlichte Texte (Prosa und Lyrik). Die Herausgeber veranstalten neben dem Pegasus-Projekt mit ihren Autoren Lesungen und stellen auch literarische Neuerscheinungen vor. Diese Sachinformationen werden in den Kurzbiografien \u00fcber Karl Krieg und Stefan Rammer nicht mitgeteilt. Rabenstein hebt insbesondere die schriftstellerischen Aktivit\u00e4ten der beiden hervor.\u00a0 Edith Ecker ist hingegen unter dem Gro\u00df- und Kleinbuchstaben \u201eE\u201c \u00a0nicht zu finden. Auf sie wird lediglich in der Kurzbiografie Rammers mit einem Pfeil hingewiesen. Was immer die Autorin sich dabei gedacht haben mag, das Beispiel zeigt die Wirkung expliziter und impliziter (Ab-)Wertungen. Der uninformierte Benutzer des Lexikons wird vermutlich solche unterschwelligen Wertungen Rabensteins gar nicht wahrnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eJunge Kunst \u2013 Kunstprojekt der Sparkasse Passau\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Sparkasse Passau rief im Jahr 1996 gemeinsam mit dem Bundesverband Bildender K\u00fcnstler Niederbayern den l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Wettbewerb \u201eJunge Kunst\u201c ins Leben. Bei diesem Wettbewerb werden im Zweijahresturnus jeweils ein K\u00fcnstler aus Niederbayern, S\u00fcdb\u00f6hmen und Ober\u00f6sterreich pr\u00e4miert. An ihm k\u00f6nnen folglich K\u00fcnstler\/-innen teinehmen, die weder in Passau oder sonstwo in seiner unmittelbaren Umgebung geboren wurden, noch dort leben und arbeiten. Die preisauslobenden Institutionen haben ihren Sitz in Passau. Von 1996 bis 2018 wurden die Preise zw\u00f6lf Mal an jeweils drei, also insgesamt an 36 K\u00fcnstler\/innen verliehen. Eine \u00dcberpr\u00fcfung ergibt, dass Rabenstein, wie in ihrem Vorwort angek\u00fcndigt, alle ins Lexikon aufgenommen hat.<\/p>\n<p><strong>Die Ausgeklammerten\/ Negativlisten<\/strong><\/p>\n<p>Erst Negativlisten machen indirekt qualitative Bewertungen sichtbar. Selbstverst\u00e4ndlich muss aus einer Vielzahl von K\u00fcnstlern und kunstbeflissenen Hobbyk\u00fcnstlern eine Auswahl getroffen werden. Die Teilnehmerlisten aktiver Mitglieder zu den Jahresausstellungen des Passauer Kunstvereins \u00a0erweisen, wie notwendig es ist, eine relativ strikte Auswahl zu treffen. Sonst m\u00fcsste man ein biografisches Lexikon \u00fcber die Ma\u00dfen aufbl\u00e4hen. Aber gerade deshalb w\u00e4re es unbedingt erforderlich, Kriterien zu nennen, mit denen die feinen Unterschiede begr\u00fcndet werden. Von den Passauer Malern, Grafikern, Zeichnern und Objektk\u00fcnstlern\u00a0 schlie\u00dft sie zum Beispiel aus:\u00a0 Alexander Glas, Andreas Heckmann, Fritz Klier, Angelika von Krieglstein-Bender, Reinhard Mader, Doris Miedl-Pisecky, Alf Mintzel, Gabor Pavluk, Alois Riedl, Eva Schmidt-Gyurak. Welche Kriterien und Ma\u00dfst\u00e4be sind es, die Rabensteins\u00a0 Ausgrenzungen rechtfertigen k\u00f6nnten? Die Autorin bleibt sie schuldig. Hierdurch wird wiederum der Eindruck eines methodisch unkontrollierten Verfahrens verst\u00e4rkt. Aufnahmew\u00fcrdig ist, wen sie kraft ihrer beanspruchten Kompetenz als Kulturredakteurin und journalistische Beobachterin f\u00fcr aufnahmew\u00fcrdig h\u00e4lt. Sie legt dar\u00fcber keine Rechenschaft ab. Geradezu unverzeihlich ist, dass Rabenstein einen satirisch so bissigen wie im Strich schmissigen Zeichner wie Fritz Klier nicht f\u00fcr aufnahmew\u00fcrdig befunden hat. Den ober\u00f6sterreichischen Maler Alois Riedl nicht aufgenommen zu haben, \u00a0obwohl er als K\u00fcnstler und Nachbar seit Jahrzehnten aufs Engste mit Passau verbunden ist, spricht gegen die Urteilskraft der Journalistin.<\/p>\n<p>V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich ist auch die Ausgrenzung Dr. Wilfried Hartlebs. Der Kreisheimatpfleger (1990-2001) und Kulturreferent (2001-2016) des Landkreises Passau bereicherte in diesen \u00c4mtern das kulturell Leben initiativreich organisatorisch und publizistisch. Er f\u00f6rderte als Kulturreferent Ausstellungen in der Landkreisgalerie Neuburg am Inn, begleitete die Restaurierungsarbeiten am Schloss Neuburg und ver\u00f6ffentlichte zahlreiche Schriften zu kulturellen Themen des Landkreises und der Region. Hartleb war, um die unscharfen Sammelbegriffe zu benutzen, sicher kein K\u00fcnstler, aber ein produktiver Kulturschaffender. Warum nahm Rabenstein ihn nicht in ihr Lexikon auf? Die Frage stellt sich auch im Blick auf den Fotografen Franz Hintermann aus Waldkirchen. Rabenstein nimmt 27 Fotografen auf. Franz Hintermann fehlt. Welche Kriterien sind es, die ihn als nicht aufnahmew\u00fcrdig erscheinen lassen?<\/p>\n<p>Andere Ungereimtheiten. Es gibt noch eine besondere Variante der Ausklammerung, n\u00e4mlich die von K\u00fcnstlerehepartnern. Rabenstein nimmt den Projektk\u00fcnstler Bernhard Lutzenberger und seine Ehefrau, die Textilk\u00fcnstlerin Susanne Lutzenberger, ins Lexikon auf, w\u00e4hrend sie die Ehefrau von Oswald Miedl, die ober\u00f6sterreichische Malerin Doris Miedl-Pisecky, aussperrt. Letztere stellen als K\u00fcnstlerehepaar ihre Werke \u00fcber Jahre auch in Passau aus, beide sind aktive Mitglieder des Passauer Kunstvereins. Beim K\u00fcnstlerehepaar Annerose und Alois Riedl verf\u00e4hrt Rabenstein umgkehrt. Annerose Riedl ist drin, ihr \u00fcberregional bekannter Ehemann bleibt ausgeschlossen. Aus welchen Gr\u00fcnden? Seine ober\u00f6sterreichische Herkunft kann und darf wohl nicht der Grund sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Kunsthandwerker, was unterscheidet sie von K\u00fcnstlern und Kulturschaffenden?<\/strong><\/p>\n<p>Rabenstein betont ausdr\u00fccklich, Kunsthandwerker nur ausnahmsweise ber\u00fccksichtigt zu haben, ohne Kriterien zu nennen, welche diese nach ihrer Meinung oder nach allgemeinen kunsttheoretischen Gesichtspunkten von K\u00fcnstlern und Kulturschaffenden unterscheiden lassen. Um zu ermitteln, wer die wenigen Ausnahmen sind, m\u00fcsste der Benutzer alle Kurzbiografien nach Berufsangaben absuchen. Unternimmt man die Suchaktion in systematischer Weise, dann kommt man wiederum zu dem Ergebnis, dass in der Auswahl eine gewisse Beliebigkeit herrscht.<\/p>\n<p>Rabenstein nennt im biografischen Teil des Lexikons folgende Kunsthandwerker, die relativ unstrittig als solche angesehen werden k\u00f6nnen (in Klammern die jeweilige Anzahl): Keramiker\/-innen (4), Steinmetze (3), Elfenbeinschnitzer (1), Graveure (3), Goldschmiede (5), Lithografen\/Buchdrucker\/Typografen(7), Kost\u00fcmbildnerin(1), Stuckateure (10), Kunstschmiede (4), Glasermeister\/Glasveredler (2), Intrumentenbauer (1), Gemmenschneider (1), Tapissier (1), insgesamt also 43 Personen. Z\u00e4hlt man die F\u00e4lle hinzu, von denen nicht ganz klar ist, welcher Kategorie Rabenstein sie zurechnet, die aber dem Kunsthandwerk zugeordnet werden k\u00f6nnten (zum Beispiel die Textilk\u00fcnstlerin Susanna Lutzenberger), dann steigt die Zahl der Kunsthandwerker erheblich an. Es d\u00fcrften an die 60 und sogar mehr sein. Von wenigen Ausnahmen kann folglich keine Rede sein.<\/p>\n<p>Rabensteins Absichtserkl\u00e4rung (S. 7), ausgerechnet Kunsthandwerker aus ihrem Lexikon auszuklammern, ist auch deshalb unverst\u00e4ndlich, weil die Barockstadt ihre architektonische und bildnerische Sch\u00f6nheit gerade Kunsthandwerkern und italienischen Baumeistern verdankt. Die kulturelle Geschichte der Stadt ist ohne ihre vielen (Kunst-)Handwerker nicht zu denken. Die Autorin nimmt allerdings im biografischen Teil ihre Absichtserk\u00e4rung zur\u00fcck und erweist \u00fcber die oben genannte Zahl hinaus den vielen italienischst\u00e4mmigen Kunsthandwerkern, Architekten und Baumeistern ihre biografische Referenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das alphabetisch ineinander doppelt verwobene Ordnungsprinzip, der weit gesteckte zeitliche Rahmen\u00a0 und die das gesamte Lexikon sekund\u00e4r ordnenden Sammelbegriffe K\u00fcnstler\/-innen, Kulturschaffende und Kunsthandwerker sowie die Zuordnung auch entferntester\u00a0 k\u00fcnstlerischer Beziehungen erm\u00f6glichen es der Autorin, eine eindrucksvolle Schar von Pers\u00f6nlichkeiten in ihrem Lexikon der Tausend zu versammeln. Der Benutzer wird mit vielen interessanten Lebensl\u00e4ufen und Karrieren bekannt gemacht. L\u00e4ngst vergessene Pers\u00f6nlichkeiten, die einstmals Rang und Namen hatten, werden in Erinnerung gerufen. Ein alphabetisch geordneter Reigen von\u00a0 kleinen und gro\u00dfen Geistern zieht in den Kost\u00fcmen seiner Zeit vor\u00fcber. Manche Biografie weckt nostalgische Gef\u00fchle. Viele Abbildungen (Kupferstiche, Selbstportr\u00e4ts, Fotos) bringen die in den Rabensteinschen Olymp Aufgenommenen optisch n\u00e4her. Leider fehlt eine betr\u00e4chtliche Zahl von Konterfeis, und dies gerade auch von noch lebenden Kunst- und Kulturschaffenden. Die Aufnahme auch von solchen, die niemals ihren Fu\u00df auf Passauer Boden setzten oder auf der Durchreise nur kurze Zeit in Passau weilten, \u00a0geht allerdings in einigen F\u00e4llen \u00fcber ein noch sinnvolles Ma\u00df hinaus (siehe zum Beispiel Paul Koch, Ignaz Sp\u00f6rrer). Sie nehmen anderen, nicht ber\u00fccksichtigten Pers\u00f6nlichkeiten den Platz weg, den diese m\u00f6glicherweise verdient h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Dem Lexikon w\u00e4re es gut bekommen, wenn ihm eine kurze methodische Einf\u00fchrung vorangestellt worden w\u00e4re, um Zuordnungen, Ausklammerungen und auch Fehlanzeigen zu begr\u00fcnden und verst\u00e4ndlich zu machen. Rabenstein setzt sich in ihrem Vorwort mit ihrem begrifflichen Instrumentarium und seinen methodischen Problemen und Konsequenzen nicht auseinander. Das Vorwort spricht die selektiven Probleme, soweit sie \u00fcberhaupt thematisiert werden, zu pauschal und undifferenziert an. Kunst- und kulturhistorische Kontexte werden innerhalb der Kurzbiografien zwar sichtbar gemacht, was aber nur sehr beschr\u00e4nkt m\u00f6glich ist. Wer den Namen einer gesuchten Person kennt, wird \u00fcber die alphabetische Ordnung rasch f\u00fcndig. Wer aber eine ihm unbekannte Personen aus dem kulturellen Leben Passaus erst ausfindig machen will, muss geduldig Berufsbezeichnungen absuchen. Es bleibt bei der \u201eUnterwerfung unter die strikten Regeln des Alphabets\u201c (S. 7), bei einem alphabetisch sortierten biografischen, auf Einzelpersonen zugeschnittenen digitalen Riesenzettelkasten. Die Autorin dokumentiert in dieser Form, \u201ewelch hohes k\u00fcnstlerisches Potential in der Dreifl\u00fcssestadt vorhanden war und ist\u201c(S. 7). Sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, m\u00fcsste das Lexikon umf\u00e4nglich \u00fcberarbeitet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Zwei Nachtr\u00e4ge zur Bibliografie des Lexikons<\/strong><\/p>\n<p>Alf Mintzel: Zwei Ausstellungen zum 60. Geburtstag Oswald Miedls. Bewegte Formationen, Kraftstr\u00f6me und Licht \u2013 Dazwischen. In: Universit\u00e4t Passau. Nachrichten und Berichte Nr. 104, Juni 2000, S. 21-23.<\/p>\n<p>Alf Mintzel: \u201cEuropa Sacrale\u201d. \u00dcber Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Religion am Beispiel der \u201c44. Festspiele Europ\u00e4ische Wochen Passau. In: Richard Faber und Volkhard Krech (Hrsg. ): Kunst und Religion im 20. Jahrhundert. W\u00fcrzburg 2001, S. 227-258.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber: Edith Rabenstein: 1000 K\u00fcnstler\/innen &amp; Kulturschaffende. Biografisches Lexikon zur Passauer Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 2019. 483\u00a0 Seiten. Pr\u00fcfung und Bewertung der Machart Im Herbst 2019 erschien das oben angezeigte Buch, in welchem Leben und Wirken von ann\u00e4hernd 1000 K\u00fcnstlern\/K\u00fcnstlerinnen und Kulturschaffenden dokumentiert sind. 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