{"id":110,"date":"2016-06-28T18:48:30","date_gmt":"2016-06-28T16:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=110"},"modified":"2019-04-29T20:40:22","modified_gmt":"2019-04-29T18:40:22","slug":"18-spitzel-stasi-anwerbung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/06\/28\/18-spitzel-stasi-anwerbung\/","title":{"rendered":"18. Spitzel, Stasi, Anwerbungsversuche"},"content":{"rendered":"<p>Das \u201eAbenteuer Parteienforschung\u201c hatte noch andere, viel gef\u00e4hrlichere Seiten, die wiederum eng mit der Person Franz Josef Strau\u00df zusammenhingen. Meine Forschungsreisen durch Bayern und meine Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die CSU waren von der \u201eanderen Seite\u201c beobachtet worden. Die Hauptabteilung XX\/5 des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit der DDR holte \u00fcber mich Informationen ein. Die Stasi setzte in Westberlin einen sogenannten Informellen Mitarbeiter (IM) auf mich an, es war makabrer Weise ein Kollege aus dem Zimmer nebenan, der mich aushorchte und \u00fcber meine wissenschaftlichen Exkursionen nach dr\u00fcben berichtete. Wie ich erst im Mai 2002 \u00fcber die \u201eBundesbeauftragte f\u00fcr die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik\u201c aus den Stasi-Akten erfuhr, wurde ein Ma\u00dfnahmeplan entworfen: Mit Erich Honecker, dem damaligen Generalsekret\u00e4r der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Mitglied des Staatsrates der DDR, wurden operative Ma\u00dfnahmen gegen mich abgesprochen. Wegen der \u201eQuellengefahr\u201c wurde strenge Vertraulichkeit angeordnet. Das Zentralinstitut f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung, wie das ehemalige Institut f\u00fcr politische Wissenschaft nach seinem Ausbau hie\u00df, wurde von der DDR-Staatsf\u00fchrung und der SED \u201eals f\u00fchrende Zentrale der politischen ideologischen Diversion gegen die DDR\u201c eingesch\u00e4tzt. Verschiedene Vorg\u00e4nge signalisierten mir damals, dass ich wegen meiner Forschung in gef\u00e4hrliche Gew\u00e4sser geraten war. Wiederholt klopften Kuriere aus der DDR an meine T\u00fcr. Im April 1976 erhielt ich eine Einladung des \u201eInstituts f\u00fcr Internationale Politik und Wirtschaft&#8220; in der DDR, eines <em>think tanks<\/em> der SED, um einen Vortrag \u00fcber meine Forschungsergebnisse zu halten. Anschlie\u00dfend sollte ich mich an einer internen Diskussion beteiligen. Die Situation war so hei\u00df geworden, dass ich nicht nur wie sonst die Leitung des Zentralinstituts f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung informierte, sondern auch das Pr\u00e4sidialamt der Freien Universit\u00e4t Berlin und den Berliner Verfassungsschutz um Hilfe bat. Das Pr\u00e4sidialamt und die Staatskanzlei des Regierenden B\u00fcrgermeisters von (West-)Berlin mussten ohnehin \u00fcber Reisen in die DDR und in sogenannte Ostblockl\u00e4nder amtlich informiert werden. In Absprache mit den genannten Institutionen folgte ich der Einladung und fuhr mit erh\u00f6hter Wachsamkeit in Begleitung einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Zentralinstituts nach Ostberlin. Mir war von der Ostseite freie Durchfahrt durch die Mauer sowie straflose Mitnahme meiner Publikationen \u00fcber die CSU und von Diskussionsmaterial zugesichert worden. So beschafften sie sich dr\u00fcben die Literatur, die in der DDR nicht erh\u00e4ltlich war. Am Grenz\u00fcbergang wurden wir von Volkspolizisten, den sogenannten Grenzsicherungskr\u00e4ften, durchgewinkt. Wir waren also angek\u00fcndigt worden. Die Diskussion nach meinem Vortrag m\u00fcndete, wie nicht anders zu erwarten war, in die Aufforderung zur wissenschaftlichen Kooperation. Das war die \u201ehonorige\u201c Form, als Spitzel angeheuert zu werden. Nach der R\u00fcckkehr berichtete ich unseren zust\u00e4ndigen Institutionen den Ablauf. Wie aus meiner Stasi-Akte hervorgeht, hatte der Staatssicherheitsdienst alles beobachten lassen und minuti\u00f6s protokolliert. Er war durch seinen IM auch \u00fcber meine enge Kooperation mit den Westberliner Stellen informiert worden. Die Kenntnis meiner operativen Absprachen mit dem Westberliner Verfassungsschutz und der Universit\u00e4tsleitung hatte dann wohl dazu gef\u00fchrt, dass ich in den folgenden Jahren nicht mehr behelligt wurde. Mit Hilfe des Verfassungsschutzes konnten zwei der Kuriere, die mich \u00f6fter an meinem Arbeitspatz aufgesucht hatten, enttarnt werden. Merkw\u00fcrdigerweise konnte ich seither allein und mit meiner Familie durch den Kontrollpunkt Hirschberg nach Bayern fahren, ohne jemals wieder aufgehalten zu werden.<\/p>\n<p>Auch Funktion\u00e4re der Polnischen Milit\u00e4radministration aus Berlin klopften an meine T\u00fcr im Institut. Sie wollten Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Au\u00dfen- und Ostpolitik von Franz Josef Strau\u00df einholen. Ich zitiere aus einem meiner Schreiben an den Pr\u00e4sidenten der FU Berlin vom 20. 03.1979: \u201eAm Mittwoch, dem 14. M\u00e4rz 1979, erhielt ich einen Anruf aus der Milit\u00e4rmission Polens in Berlin \u2013 am Apparat war wohl der 1. Botschaftssekret\u00e4r pers\u00f6nlich \u2013 mit der Anfrage, ob ich zu einem Gespr\u00e4ch mit einem Angeh\u00f6rigen der Milit\u00e4rmission bereit sei und hierzu Zeit h\u00e4tte. Ein Herr der Freien Universit\u00e4t Berlin habe mich als einen Kenner und Spezialisten in Bezug auf die CSU benannt. Die Milit\u00e4rmission Polens h\u00e4tte gerne meine Stellungnahme zu einigen Fragen. Ich vereinbarte mit dem Anrufer einen Termin f\u00fcr heute, den 20.03.1979, 10 Uhr. Es kam p\u00fcnktlich ein Herr, der sich aber als Mitarbeiter der Kulturabteilung in der Milit\u00e4rmission vorstellte. Das Gespr\u00e4ch, eine politische Unterhaltung im Stile des H\u00f6ferschen Fr\u00fchschoppens mit informierten Beobachtern, dauerte etwa eine Stunde. Ich verwies den Herrn auf meine Publikationen \u00fcber die CSU und gab ihm meine neueste Ver\u00f6ffentlichung (Die CSU. Ein \u00dcberblick, Opladen 1977, Westdeutscher Verlag). Der Herr \u00fcberreichte mir eine Flasche Wodka als Dank f\u00fcr meine politische Gespr\u00e4chsbereitschaft. Er k\u00fcndigte an, in etwa drei Monaten nochmals vorbeizukommen. Anruf und Besuch erfolgten in meinem Dienstraum in der Freien Universit\u00e4t Berlin (hier im Hause). Ich wurde in meiner Eigenschaft als informierter Wissenschaftler angesprochen. Ich unterrichtete jedes Mal die Verwaltung des ZI 6 \u00fcber die Vorg\u00e4nge.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine wichtige St\u00fctze der Bourgeoisie<\/strong><\/p>\n<p>In den 1970er Jahren gr\u00fcndeten studentische Polit-Aktivisten an den Westberliner Hochschulen kommunistische Zwergparteien, die Lehre und Forschung attackierten. Ich geriet an der Freien Universit\u00e4t Berlin in die ideologische Schusslinie der \u201eKommunistischen Hochschulgruppe (KHG)\u201c. In der \u201eKommunistischen Hochschulzeitung\u201c, die diese Gruppe herausgab, wurde ich im Mai 1977 als eine wichtige St\u00fctze der Bourgeoisie bezeichnet. \u201eDas ZI 6 [gemeint war das Zentralinstitut f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung] scheint f\u00fcr die Bourgeoisie von Bedeutung zu sein. Es gibt dort (\u2026) Mintzel, Sachkundiger in der CSU-Parteienforschung mit Geheimmaterial im Panzerschrank\u201c. Ich w\u00fcrde, wie es damals in den APO-Jahren hie\u00df, \u201eHerrschaftswissen\u201c liefern. Die Vorw\u00fcrfe waren hoch politisch-ideologisch aufgeladen und zielten an meinem Verst\u00e4ndnis empirischer Parteienforschung vorbei. In der Tat hatte mir die Universit\u00e4tsverwaltung nach den unerw\u00fcnschten Besuchen von den Kurieren und wegen der allgemeinen Sicherheitslage zwei Stahlschr\u00e4nke f\u00fcr meine Materialien zur Verf\u00fcgung gestellt, zu denen ich die alleinige Schl\u00fcsselgewalt besa\u00df. Im Hause Nr. 16\/18 der Babelsberger Stra\u00dfe, wo eine Reihe von Instituten der Freien Universit\u00e4t Berlin untergebracht waren, sah es inzwischen schrecklich verschmutzt und verschmiert aus. Die W\u00e4nde waren mit revolution\u00e4ren Emblemen und Parolen \u201everziert\u201c, der Zugang zum Haus und zu den R\u00e4umen war nicht abgesichert. Nachts stellten sich dubiose Gestalten ein. Ich hatte die Universit\u00e4tsverwaltung um Sicherheitsma\u00dfnahmen f\u00fcr meine Materialien gebeten. Der oft so apostrophierte \u201eElfenbeinturm&#8220; Universit\u00e4t war auch unter solchen Gesichtspunkten zu einer politisch-ideologischen Operationsbasis f\u00fcr revolution\u00e4re Aktionen geworden. Es gab im Geb\u00e4ude der Babelsberger Stra\u00dfe \u00fcber Jahre ein seltsames und spannungsreiches Nebeneinander von seri\u00f6ser Forschung und ideologischem Aktionismus. Einmal besuchte mich Rudi Dutschke und verwickelte mich in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die CSU und meine Forschung. Im Unterschied zu seinen \u00f6ffentlichen Auftritten diskutierte er ohne seine lutherische Predigerstimme ruhig und sachlich. Ein anderer (noch lebender) Aktivist, dessen Namen ich nicht nennen m\u00f6chte, sperrte mich in mein Arbeitszimmer ein, um eine Unterschrift zu erpressen. Ich war dieses \u201eRevoluzzerspiel\u201c l\u00e4ngst leid. Ingorante Rezensenten meiner Buchver\u00f6ffentlichungen, wie zum Beispiel Prof. Dr. Kurt Sontheimer, erw\u00e4hnten \u00e4rgerlicherweise mit keinem Wort, unter welchen besonderen politischen Umst\u00e4nden und Risiken meine Studien zustande gekommen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Team Teaching<\/em><\/strong><strong>\u00a0als Bew\u00e4ltigungsstrategie<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ich nach meiner Promotion 1974 in die Stelle eines Assistenzprofessors einger\u00fcckt war, musste ich zum ersten Mal im vollen Umfang das \u00fcbliche Lehrdeputat von vier w\u00f6chentlichen Semesterstunden erf\u00fcllen. Bis 1974 war ich in dem Forschungsinstitut von Lehrverpflichtungen ausgenommen gewesen, ein Privileg, das es mir erm\u00f6glicht hatte, kontinuierlich an meinem Projekt zu arbeiten. Dieses Privileg war es auch gewesen, das mich in der APO-Zeit vor konfliktreichen und zum Teil chaotischen Lehrveranstaltungen bewahrte. Dies \u00e4nderte sich 1974 schlagartig, als ich mit Beginn des Wintersemesters 1974\/75 mit der Situation in der Lehre konfrontiert war. In der ersten H\u00e4lfte der 1960er Jahre war es in den Lehrveranstaltungen noch relativ diszipliniert zugegangen. Die teilweise chaotischen Zust\u00e4nde traten erst in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre ein und kulminierten dann in den 70ern, in der Zeit der m\u00f6rderischen RAF-Aktionen. In den Seminaren stie\u00dfen die verschiedenen studentischen Gruppen aufeinander und lieferten sich gegenseitig Wortgefechte und Grabenk\u00e4mpfe: K(ommunistische)-Gruppen, Feministen, Trotzkisten und Sponti-Gruppen. Als Lehrender wurde man zeitweise zu einer Randfigur, die vorne zusehen musste, wie die Gruppen Fragestellungen des Lehrprogramms zur\u00fcckwiesen, entsprechend ihren politisch-ideologischen Anschauungen umformulierten oder mit Gegenfragen boykottierten. Mit meinem ersten Seminar erlitt ich ein Fiasko. Die Seminarteilnehmer sagten mir in der einf\u00fchrenden Besprechung des Lehrprogramms ins Gesicht, die von mir aufgeworfenen Fragestellungen w\u00fcrden sie nicht interessieren. Sie wollten, darin waren sie sich einig, mein Arbeitsprogramm mit einem Gegenprogramm kippen.<\/p>\n<p>Ich verfolgte bei der Bew\u00e4ltigung der schwierigen Lehrsituationen als logische Konsequenz aus meiner eigenen Laufbahn eine individualistische Strategie. Ich hatte mich in den Auseinandersetzungen weder in den von Hans Maier und anderen Professoren 1970 gegr\u00fcndeten \u201eBund Freiheit der Wissenschaft\u201c gefl\u00fcchtet, um Widerstand und Gegenmacht zu \u00fcben (Maier 2013, S.171ff), noch mich der \u201eSozialistischen Assistentenzelle\u201c am OSI angeschlossen, um eine linke Flagge zu zeigen. Auch die Berliner \u201eNotgemeinschaft f\u00fcr eine freie Universit\u00e4t\u201c hatte mich nicht angezogen. Erneut setzte ich mich zwischen alle St\u00fchle.<\/p>\n<p>Die schlechten Erfahrungen lie\u00dfen es mir geraten sein, zusammen mit einem in der Lehre erfahrenen Kollegen Seminare durchzuf\u00fchren, also durch das <em>team teaching<\/em> zu lernen, wie chaotische Lehrsituationen bew\u00e4ltigt und Lehrprogramme relativ ungest\u00f6rt durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Ich fand in Prof. Dr. J\u00fcrgen Dittbener, dem Berliner FDP-Politiker und sp\u00e4teren Berliner Senator, einen Kollegen, der mir mit zugefl\u00fcsterten Handlungsanweisungen zu verstehen gab, wie ich auf Provokationen reagieren sollte. Manchmal war es nur eine kleine Handbewegung, mit der er mich davon abhielt, mit einer impulsiven Bemerkung die Situation eskalieren zu lassen. Au\u00dferdem nahm ich bei einem Berliner Psychoanalytiker an Gruppenseminaren teil, um gruppendynamische Vorg\u00e4nge besser durchschauen und steuern zu k\u00f6nnen. Es gab nicht nur das \u201eAbenteuer Parteienforschung\u201c, sondern auch abenteuerliche, heute kaum mehr vorstellbare Verh\u00e4ltnisse in der Lehre.<\/p>\n<p>Anfang der 1980er Jahre begannen sich die Verh\u00e4ltnisse allm\u00e4hlich zu normalisieren. Als ich 1981 an der Universit\u00e4t Passau als Ordinarius f\u00fcr Soziologie zu lehren begann, strickten noch einige Studentinnen nadelklappernd an Schals oder wer wei\u00df an welchen Utensilien. Kollegen, denen \u00e4hnliches widerfuhr, fragten die Strickerinnen, wann das Baby k\u00e4me, und meinten mit Ironie oder Sarkasmus die letzten Protestall\u00fcren austreiben zu k\u00f6nnen. Dann wurde es still. Die Universit\u00e4t Passau verstand sich im Grunde genommen als eine konservativ ausgerichtete \u201eGegengr\u00fcndung\u201c, in der verdeckt darauf geachtet wurde, dass Berufene auch in die katholisch-konservative Landschaft passten. In der Idylle der bezaubernden Dreifl\u00fcsse-Stadt lie\u00df sich gut leben und arbeiten. Die turbulenten und strapazi\u00f6sen Universit\u00e4tszeiten waren nahezu ausgestanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eAbenteuer Parteienforschung\u201c hatte noch andere, viel gef\u00e4hrlichere Seiten, die wiederum eng mit der Person Franz Josef Strau\u00df zusammenhingen. Meine Forschungsreisen durch Bayern und meine Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die CSU waren von der \u201eanderen Seite\u201c beobachtet worden. Die Hauptabteilung XX\/5 des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit der DDR holte \u00fcber mich Informationen ein. 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