{"id":113,"date":"2016-07-02T22:15:20","date_gmt":"2016-07-02T20:15:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=113"},"modified":"2019-04-09T03:31:20","modified_gmt":"2019-04-09T01:31:20","slug":"19-350-jahre-mintzel-druck-reise-nach-leipzig-1976","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/07\/02\/19-350-jahre-mintzel-druck-reise-nach-leipzig-1976\/","title":{"rendered":"19. Jubil\u00e4um 350 Jahre Mintzel-Druck \u2013 Reise nach Leipzig, 1976"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater hat mich nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel (1600\u20131653) benannt, dem Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei. Schon als Jugendlicher hatten mich die Lebensgeschichten meiner Vorfahren, von denen ich in direkter Linie abstamme, in ihren Bann gezogen. Ich identifizierte mich besonders mit dem genannten Begr\u00fcnder der Buchdrucker- und Verlegerdynastie Mintzel sowie mit dem letzten Buchdrucker und Verleger, Johann Heinrich Mintzel (1763\u20131840). Ihnen widmete ich meine gro\u00dfen Studien \u00fcber die CSU (1975\/78; 1977), weil sie mich als innere Autorit\u00e4ten ermutigt hatten, kritische Situationen zu bew\u00e4ltigen. Beide mussten schwere Zeiten durchstehen, Johann Albrecht Mintzel im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg (1618\u20131648), Johann Heinrich Mintzel zur Zeit der Freiheitskriege 1814\/15 und in der nachfolgenden Periode der Restauration.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-693 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001-700x934.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"934\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001-700x934.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001-800x1067.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_001.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Buchdruckerei in der ersten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts, Abbildung aus der Jubil\u00e4umsschrift der Leipziger Buchdrucker-Innung, 1640<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1967 begann ich mit der Niederschrift der Geschichte der Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel, die in f\u00fcnf aufeinander folgenden Generationen \u00fcber 224 Jahre dieses \u201egebildete Handwerk\u201c betrieb. Mintzel-Druck war in Deutschland die \u00e4lteste Buchdruckerei, die seit 1625 ununterbrochen in Familienhand gef\u00fchrt worden war. Johann Albrecht Mintzel hatte sie in Leipzig gegr\u00fcndet und im Jahre 1642 aus dem vom Krieg schrecklich heimgesuchten Leipzig nach Hof an der Saale \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Juni 1976 wurde \u2013 allerdings mit einem Jahr Versp\u00e4tung \u2013 das 350j\u00e4hrige Jubil\u00e4um ihres Bestehens gefeiert. Die Firma lud mich als namensgleichen direkten Nachkommen des Gr\u00fcnders und als Kenner der Firmengeschichte dazu ein, vor versammelter bayerischer Prominenz den Festvortrag zu halten. Simon N\u00fcssel, Staatssekret\u00e4r im bayerischen Landwirtschaftsministerium, hielt im Namen der bayerischen Staatsregierung eine Rede und \u00fcberraschte die Zuh\u00f6rer und mich mit einem Lobpreis auf meine gro\u00dfe Studie \u00fcber die \u201eAnatomie einer konservativen Partei\u201c: \u201eNun\u201c, so sagte er, \u201ewir haben ja alle die neuesten Forschungsergebnisse von Dr. Alf Mintzel gelesen, dem ich im \u00dcbrigen f\u00fcr seine hervorragende &gt;anatomische&lt; Arbeit \u00fcber meine eigene Partei meine Anerkennung aussprechen m\u00f6chte.\u201c Damit hatte ich nicht gerechnet. Solche parteioffiziellen \u00f6ffentlichen Belobigungen l\u00f6sten in mir jedes Mal zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle aus, weil ich um meine unabh\u00e4ngige Rolle als freischwebender Intellektueller und Parteienforscher besorgt war. Ich bef\u00fcrchtete zudem, dass sich ein solches (Partei-)Lob bis Berlin herumsprechen und dort meine Berufschancen als Wissenschaftler beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte. Die CSU und ihr Parteivorsitzender Franz Josef Strau\u00df hatten an der FU Berlin den Ruf eines Sto\u00dftrupps der Reaktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Einladung der Firma Mintzel-Druck veranlasste mich zu einer Inspektionsreise nach Leipzig, um meine Forschungen \u00fcber die Leipziger Druckerei- und Gewerbegeschichte und meine topografischen Kenntnisse vor Ort zu vertiefen. Ich wollte mir ein Bild machen von den Verh\u00e4ltnissen im 17. Jahrhundert, von der ehemaligen Lage des Wohnhauses und der Mintzelschen Druckerei. Dazu leisteten mir originale Stadtansichten Leipzigs aus den Werkst\u00e4tten der Kupferdrucker Georg Braun\/Franz Hogenberg und Matth\u00e4us Merian gute Dienste. Ich hatte sie eigens zu diesem Zweck in Antiquariaten gekauft. Da Leipzig auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik lag, musste ich 1976 einen Einreiseantrag stellen und auf die Genehmigung warten. Ich musste mein Reiseziel, die Zeit meines Aufenthaltes, die Wohnadresse, die Kontaktperson, den Zweck meines Besuches und den mitgebrachten Geldbetrag genau angeben. Dies alles wurde druckf\u00f6rmlich abgefragt, registriert, kontrolliert, abgestempelt und von Stellen und Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes beobachtet und protokolliert. Eigentlich h\u00e4tte ich als B\u00fcrger der besonderen politischen Einheit Westberlin nach den Bestimmungen der ostdeutschen Machthaber gar nicht einreisen d\u00fcrfen. Doch besa\u00df ich, wie viele Westberliner B\u00fcrger, die aus Westdeutschland nach Berlin \u00fcbergesiedelt waren, noch einen zweiten, halblegalen Pass, den der Bundesrepublik Deutschland. Es war damals eine g\u00e4ngige und westbeh\u00f6rdlich geduldete Praxis, eine Art doppelte deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft zu besitzen, eine westberliner und eine westdeutsche, um die ostdeutschen Einreisebestimmungen zu unterlaufen. Wer kann sich heute noch diese Zust\u00e4nde und Umst\u00e4nde vor Augen f\u00fchren?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-698 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a-700x992.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"992\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a-700x992.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a-768x1088.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a-800x1134.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004a.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-700 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c-700x494.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c-700x494.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c-768x542.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c-800x565.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004c.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Ost-B\u00fcrokratie; oben: Berechtigungsschein zum Empfang von Visa, unten: Transitvisum (verso)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Wohnhaus in Leipzig, 1627 bis 1631<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Leipzig angekommen schritt ich Geb\u00e4ude f\u00fcr Geb\u00e4ude ab, um die Wegstrecken wiederzuerkennen, die Johann Albrecht Mintzel rund dreieinhalb Jahrhunderte zuvor zur\u00fcckgelegt haben musste. Mit Hilfe von alten Berichten und Originalkupferstichen begleitete ich ihn auf seinen G\u00e4ngen, beobachtete durch seine Augen das imagin\u00e4re Vorstadttreiben auf dem Grimmaischen Steinweg und das alte grafische Viertel. Die Mintzelsche Druckerei hatte ihren Sitz in der Querstra\u00dfe, die noch heute diesen Namen tr\u00e4gt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-696 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007-700x482.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007-700x482.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007-768x529.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007-800x551.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003b-M_007.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Die Stadt Leipzig, um 1615, nach einem Kupferstich von Andreas Bretschneider; Kennzeichnung: Lage des Mintzelschen Wohnhauses<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aus der H\u00f6he und Perspektive des Kupferstiches von Andreas Bretschneider schaue ich auf die Stadt hinunter. Die ganze ummauerte Stadt samt den Vorst\u00e4dten liegt schr\u00e4g unter mir, im Vordergrund das m\u00e4chtige Grimmaische Tor mit seinem Vorwerk. Links vorne das Peterstor, rechts au\u00dfen die gro\u00dfe Eckbastei, im \u00f6stlichen Mauerabschnitt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-694 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002-700x943.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"943\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002-700x943.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002-768x1034.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002-800x1078.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Bereich um Grimmaische Stra\u00dfe und Grimmaischen Steinweg heute<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Blick auf den heutigen Stadtplan l\u00e4sst sofort erkennen, dass der ehemalige Mauerring mitsamt seinen Basteien und Toren l\u00e4ngst einem modernen Verkehrsring gewichen ist. Wo fr\u00fcher die Befestigungsmauern die Stadt sch\u00fctzten, laufen heute breite Ringstra\u00dfen um die ehemalige Innenstadt: Georgiring, Tr\u00f6ndlinring, Goerdelerstra\u00dfe, Dittrichring, Martin-Luther-Ring, Rossplatz<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf einer Planskizze, die Arthur Schlichter 1974 von der Lage des ehemaligen Arnolt\/Mintzelschen Wohnhauses f\u00fcr mich angefertigt hat, erkenne ich die Lage des Wohnhauses der Druckerfamilie. Es liegt vor dem Grimmaischen Tor gleich linker Hand (wenn wir vom Tor aus stadtausw\u00e4rts sehen, ganz vorne), mit direkter Sicht auf den Stadtgraben und die Stadtmauer, und grenzt an den breiten, unbebauten Streifen und Fahrweg, der rund um Leipzig entlang der Mauer f\u00fchrt. Zur Einm\u00fcndung des Grimmaischen Steinweges \u2013 der Stra\u00dfenabschnitt hei\u00dft heute noch so \u2013 sind es nur drei\u00dfig bis f\u00fcnfzig Meter, das Haus der Mintzels liegt zwei H\u00e4user von der Ecke entfernt. Die Familie hat freien Blick auf die Zollschranke und das Zollh\u00e4uschen, die noch vor der Holzbr\u00fccke liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-721 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark-700x448.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark-700x448.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark-300x192.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark-768x492.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark-800x512.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003-M_009_mark.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/>Grimmaisches Tor mit Teilen der Vorstadt, Kupferstich aus Braun und Hogenberg, um 1617 (Ausschnitt); Kennzeichnung: Lage des Mintzelschen Wohnhauses<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00dcber die Br\u00fccke geht es in die Stadt hinein. Vor dem Grimmaischen Tor herrscht reger Verkehr, Pferdegespanne ziehen schwerbeladene Leiterwagen in die Stadt. Knechte transportieren Waren auf Schubkarren aus der Stadt hinaus und in die Stadt hinein. Eine Reitergruppe sprengt heran, die Hufe wirbeln Staub auf, die Pferde wiehern und schnauben, es geht heimw\u00e4rts in die Stadt. Ein Hund rennt einem Reiter hinterher. Fu\u00dfg\u00e4nger kommen des Wegs, Tragek\u00f6rbe auf dem R\u00fccken und in der Hand einen Stock. Bundhosen, zerschlissene braune Kittel. Am Zollhaus entsteht Gedr\u00e4nge, die Kontrolle der Passanten ist streng nach Vorschrift, nur Stadtb\u00fcrger und bekannte Beisassen d\u00fcrfen schnell passieren, bei den anderen dauert es l\u00e4nger. Jeder Fremde muss sich ausweisen, wird gefragt, woher er kommt und wohin er in Leipzig gehen will, welche Waren er einf\u00fchrt; er muss eine Zollgeb\u00fchr entrichten, die Akzise. Jeder Fremde bedeutet eine potentielle Gefahr, es k\u00f6nnte ein Gauner sein, ein Hasardeur, ein gesuchter M\u00f6rder, ein verkleideter Spion, ein Hexer. Gefahr! Gefahr! Jeder Fremde wird von der Torwache argw\u00f6hnisch gemustert, seine Papiere werden in Augenschein genommen \u2013 und, falls er Waren einf\u00fchrt, sein Geldbeutel erleichtert. Ein Gutteil der st\u00e4dtischen Einnahmen stammt aus den Zollgeb\u00fchren, die an den Stadttoren erhoben werden. Johann Albrecht Mintzel ist ein stadtbekannter B\u00fcrger, Buchdrucker und Vorsteher der Buchdrucker-Innung, er darf frei passieren. Er wechselt ein paar scherzhafte Worte mit den st\u00e4dtischen Zollschreibern. Er kennt sie alle beim Namen und sie kennen ihn, denn Mintzel hat fast t\u00e4glich in der Stadt zu tun, er muss h\u00e4ufig mit Verlegern Druckauftr\u00e4ge besprechen und auch mit Autoren Gespr\u00e4che f\u00fchren. Die Zollschreiber und das Wachpersonal winken ihn durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">All das sah ich vor mir. Eine illusionistische Spiegelung, eine historische Fata Morgana. Vorbei! Pl\u00f6tzlich stand ich wieder an Leipzigs Hauptpostamt, an der Ecke Georgiring und Grimmaischer Steinweg. Das gro\u00dfe, modernistische, erst nach dem Zweiten Weltkrieg hochgezogene Postgeb\u00e4ude befindet sich genau auf der Fl\u00e4che linker Hand, wo bis 1631 die Vorstadth\u00e4user vor dem Grimmaischen Tor gestanden hatten, exakt auf dem ehemaligen Gel\u00e4nde des Wohnhauses der Buchdruckerfamilie Mintzel. Nichts erinnert mehr an die alte Stadtmauer, an den Wassergraben, an das Vorwerk, an das Zoll- und Wachhaus, an die Br\u00fccke zum Torturm, an die ein- bis zweist\u00f6ckigen Vorstadth\u00e4user. Alles ist verschwunden, zum Teil schon im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zerst\u00f6rt und abgetragen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Langsam wanderte ich zu der Stelle, an der das Wohnhaus der Buchdruckerfamilie Mintzel gestanden haben musste. Hier ist der Innungsmeister Mintzel gegangen, hier an dieser Stelle. Selbst mit gr\u00f6\u00dfter Phantasie h\u00e4tte er sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, wie es dort 350 Jahre sp\u00e4ter ausschauen wird. Seine Welt ist untergegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Unter Beobachtung des Staatsicherheitsdienstes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst \u00fcber meine Stasi-Akte, die mir Anfang Mai 2002 die Bundesbeauftragte f\u00fcr die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) \u00fcbermittelt hat, erfuhr ich, dass meine Forschung bespitzelt worden war. Tats\u00e4chlich wurde ich wegen meiner sozialwissenschaftlichen T\u00e4tigkeit als Soziologe und meiner Kontakte in die DDR \u00fcber Jahre beschattet. So auch auf dieser Reise: Ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes beobachtete mein merkw\u00fcrdiges Abschreiten und optisches Vermessen. Er wird der HA XX\/5, einer Hauptabteilung des Stasi, einen Bericht \u00fcber seine Observation geben. Er wird niemals wissen, was ich observiert habe. Ich betreibe mutma\u00dflich, wie es sp\u00e4ter im Bericht \u00fcber die operative Ma\u00dfnahme gegen die Zielperson Mintzel hei\u00dfen wird, \u201eGeneaontologie\u201c. Urkunden und firmen- und gewerbegeschichtliche Dokumente aus DDR-Archiven zu beschaffen, war in der Tat wegen der \u00e4u\u00dferst scharfen Bestimmungen ein riskantes und beschwerliches Unternehmen. Das Ratsarchiv der Stadt Leipzig unterlag seit 1974\/75 au\u00dferordentlich versch\u00e4rften Benutzungsbestimmungen Ich hatte in Leipzig und Ost-Berlin heimliche Helfer, die in meinem Auftrag nach Dokumenten und Quellen zur Leipziger Gr\u00fcndungsgeschichte der Mintzelschen Buchdruckerei gesucht hatten \u2013 f\u00fcr Dr. Adalbert Brauer, Arthur Schlichter, Ruth Spindler und Rudolf Waldmann m\u00fcsste ich ein kleines Denkmal des Dankes setzen. Brauer war der Archivleiter des B\u00f6rsenvereins des deutschen Buchhandels, Schlichter der verpflichtete Protokollant des Kirchenbuchamtes Leipzig, Ruth Spindler stammte aus einer K\u00fcnstlerfamilie, Waldmann war Angestellter eines Ostberliner Museums. \u00dcber sie erhielt ich auf Schleichwegen Kopien der Gr\u00fcndungsurkunden von 1625 und des Hauskaufes von 1627. \u00dcber Jahre bezahlte ich die Beschaffung genealogischer und gewerbegeschichtlicher Daten mit Naturalien aller Art: Bananen, Feigen, Datteln, Orangen, Kaffee, Schokolade, Zigaretten, Haushaltsartikel. Alles, was sich Ostberliner und DDR-Deutsche so sehnlichst w\u00fcnschten. \u00dcber Transfereinrichtungen des Handels zwischen der BRD und der DDR lieferte ich f\u00fcr Mikrofilme, die auf verborgenen Transportwegen in die BRD gebracht worden waren, eine Badewanne nach Ost-Berlin. Durch den von der DDR-Seite streng bewachten \u00dcbergang Friedrichstra\u00dfe ging ich selbst wiederholt in den Ostteil Berlins, um meine Helfer mit Waren aus dem Westen zu versorgen und damit zu bezahlen. Heute mag das alles abenteuerlich klingen und fast unglaubhaft erscheinen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-699 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b-700x969.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"969\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b-700x969.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b-217x300.jpg 217w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b-768x1063.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b-800x1108.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_004b.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-701 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005-700x999.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"999\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005-700x999.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005-768x1096.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005-800x1142.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_005.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Oben: \u201eErkl\u00e4rung \u00fcber mitgef\u00fchrte Gegenst\u00e4nde und Zahlungsmittel\u201c; unten: Beleg \u00fcber ausgef\u00fchrte Zahlungsmittel und \u201ein der DDR als Geschenk erhaltene oder durch Kauf erworbene Gegenst\u00e4nde\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die j\u00fcngere Forschergeneration kann sich kaum vorstellen, wie schwierig und m\u00fchsam im geteilten Deutschland solche Recherchen waren. Im vordigitalen Zeitalter hatten zudem die Bibliotheken viele Druckwerke des 17. Jahrhunderts noch nicht erfasst und reproduziert. \u00dcber den nationalen und internationalen Bibliotheksdienst nach alten Drucken zu suchen, war zeitraubend und h\u00e4ufig vergeblich. Wer heute \u00fcber die digitalen Dienste nach Druckwerken der Buchdrucker und Verleger Mintzel sucht, findet in Sekundenschnelle viele Hunderte Nachweise und Reproduktionen. Umso \u00e4rgerlicher ist der arrogante und ignorante Habitus von jungen Kritikern, die in ihren buchwissenschaftlichen Besprechungen in einer Art von selbstgef\u00e4lliger Korinthenkackerei drucktechnische und buchgeschichtliche M\u00e4ngel nachweisen. Ein Musterbeispiel der Arroganz und Ignoranz bietet der Mainzer Drucktechniker und Buchwissenschaftler Dr. Dipl.-Ing. Christoph Reske, der sich in seiner handwerklichen Beckmesserei auf drucktechnische und buchgeschichtliche Aspekte kapriziert, die ich in meinem Konzept ausdr\u00fccklich vernachl\u00e4ssigt habe. Er l\u00e4sst dagegen meine gesellschaftlichen, politischen und personengeschichtlichen Ausf\u00fchrungen, die den eigentlichen Kern und die inhaltliche Substanz meiner gewerbe- und firmengeschichtlichen Studien ausmachen, weitgehend au\u00dfer Acht. (Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie. Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag, 2 B\u00e4nde, Berlin 2011). Ich schildere Erfolg und Misserfolg, Hoffnungen, die sich manchmal nicht erf\u00fcllen, Ereignisse, die eine gl\u00fcckliche Wende herbeif\u00fchren, Einquartierungen und Br\u00e4nde, Krankheit und Leid, den Tod von Kindern, Sorgen, N\u00f6te und M\u00fchen. Das alles interessiert den Drucktechniker bestenfalls nur am Rande. Die politischen Umst\u00e4nde der Forschung im geteilten Deutschland werden mit keinem Wort erw\u00e4hnt. (Historische Zeitschrift 294\/2012, S. 157\u2013159).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Friedhofbegehung: Kindersterben und Elternleid<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Buchdrucker Mintzels Ehefrau hatte elf Kindern das Leben geschenkt. Nur zwei \u00fcberlebten, Florentina und Gottfried. Alle waren noch vor dem gef\u00e4hrlichen Umzug nach dem markgr\u00e4flich-brandenburgischen Hof in Leipzig zur Welt gekommen, drei M\u00e4dchen und acht Buben. Allein zwischen dem 18. September und dem 9. Oktober 1633 starben kurz hintereinander f\u00fcnf Kinder. In Leipzig war die Pest ausgebrochen, eingeschleppt von der Soldateska des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. Das Sterben war so gro\u00df, die Zahl der dahingerafften Kinder so schrecklich hoch, dass bei der kirchenamtlichen Buchf\u00fchrung nicht einmal mehr die Namen der Kinder genannt wurden. Es hei\u00dft im Ratsleichenbuch nur \u201eein Kn\u00e4blein\u201c, \u201eein M\u00e4gdlein\u201c, \u201ezwey Kinder\u201c, sie werden zu Nummern einer namenlosen Registratur. Lediglich der Vater wird verzeichnet, der Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Alle neun in Leipzig verstorbenen Kinder der Buchdruckerfamilie Mintzel wurden auf dem Sankt Johannisfriedhof in der Grimmaischen Vorstadt begraben. In stiller Trauer beschritt ich mit meinem Stadtplan den gleichen Weg, auf dem Johann Albrecht Mintzel und seine Frau Maria in den Jahren von 1627 bis 1642 neun Kinder zu Grabe getragen hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-697 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029-700x431.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029-700x431.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029-300x185.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029-768x473.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029-800x493.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/19_003c-M_029.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>St. Johannes-Kirche in Leipzig, Kupferstich von Johann Stridbeck jun., 18. Jahrhundert<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei jedem Begr\u00e4bnis zieht der kleine Leichenzug vom Wohn- und Druckhaus auf dem Neuen Markt, wo die Buchdruckerfamilie seit 1631 lebt, hinaus aus der Stadt. Sie durchquert auf dem Grimmaischen Steinweg die 1631 fast v\u00f6llig zerst\u00f6rte Vorstadt bis zum Friedhof. Dieser ist ummauert, in seinem Geviert steht eine kleine gotische Kirche, die wie ein Wunder im Kriegsjahr 1631 die Verw\u00fcstung der Vorstadt \u00fcberstanden hat. In der Kirche segnet der Prediger die Kinder ein. Das Elternpaar Mintzel steht mit Verwandten und Druckereigehilfen am Grab. Der Pastor erinnert an die Verhei\u00dfungen des Glaubens, Wiedersehen im Himmel, Gott liebt die Kindlein und wei\u00df, warum er sie zu sich genommen hat. Alles hat seinen g\u00f6ttlichen Sinn. Leid ist Gottes Pr\u00fcfung. Die himmlischen Freuden sind Gottes Lohn f\u00fcr Gottesfurcht und Gottvertrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">343 Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 1976, ist der Friedhof seit langem aufgelassen und in eine Parkanlage umgewandelt. Die Kirche steht nicht mehr, sie wurde im Zweiten Weltkrieg v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Im Rasen erinnern ein paar Steinplatten an die fr\u00fchere Lage der Gr\u00e4ber. Niemand kennt mehr die verstorbenen Kinder, die hier einstmals begraben wurden. Es ist, als h\u00e4tten sie niemals existiert. Nur noch die Registriernummern vergangener Zeiten zeugen von ihnen. Alles ist Windhauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nur ein Sohn \u00fcberlebte die Leipziger und Hofer Kriegsjahre: Gottfried Mintzel war 1642 noch in Leipzig geboren worden. Er machte als S\u00e4ugling den Umzug seiner Eltern nach dem markgr\u00e4flich-brandenburgischen Hof an der Saale mit und \u00fcbernahm dort im Jahre 1662 in zweiter Generation die Mintzelsche Buchdruckerei. Schon auf ihrer riskanten \u00dcbersiedlung h\u00e4tte die Familie von marodierenden S\u00f6ldner umgebracht werden k\u00f6nnen. Kaum hatte Mintzel und die Seinen sich in Hof niedergelassen, wurde Gottfried bei einem \u00dcberfall kaiserlicher Truppen schlimm gemartert. Soldaten schmissen ihn im Wohnhaus so heftig gegen eine Wand, dass er zeitlebens hinkte. Meine Existenz verdanke ich genealogisch auch dem Zufall, dass Gottfried den \u00dcberfall \u00fcberlebte und 1664 eine Familie gr\u00fcnden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie haben damals die Eltern den Verlust von elf kleinen Kindern verkraftet? Wie haben sie sich getr\u00f6stet? Was haben sie dar\u00fcber gesprochen? M\u00f6gen Eltern in jenen Zeiten hoher Kindersterblichkeit mit dem Tod mehrerer Kinder gerechnet haben, m\u00f6gen sie durch die Lebens- und Zeitumst\u00e4nde vielleicht auch abgeh\u00e4rtet gewesen sein, so machte sie doch jeder Kindstod um ein St\u00fcck Zukunft \u00e4rmer und ihre Altersversorgung noch unsicherer, als sie es schon ohnehin war. Mit dem Ableben jedes Kindes schwand auch ein weiteres St\u00fcck Hoffnung, die Buchdruckerei sp\u00e4ter einem Spross \u00fcbergeben zu k\u00f6nnen. Den Eltern half nur die Ergebenheit in das unabwendbare, von oben auferlegte Schicksal und die Tr\u00f6stungen des christlichen Glaubens \u00fcber ihr Leid hinweg. Johann Albrecht Mintzel dr\u00fcckte seine pers\u00f6nliche Leidenserfahrung in einem seiner zahlreichen Gelegenheitsgedichte 1649 so aus: \u201eWas uns allhier kann erfreuen, was lieb und angenehm: Das f\u00fchrt der Tod an den Reigen des Totentanzes, ganz grausam und geschwind, macht Witwen, Waisen viel und manch betr\u00fcbtes Kind! Dies haben wir leider! Ach! Mit Herzensschmerz erfahren, was er ver\u00fcbt an uns sogar in kurzen Jahren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die hohe Kindersterblichkeit hatte Eltern nicht stumpf werden lassen, sie litten an dem Hinscheiden ihrer Kinder. Ihr Glaube verhie\u00df ihnen, ihre unschuldigen Kinder f\u00e4nden im Himmel gn\u00e4dige Aufnahme. Die Kinder w\u00fcrden vom Chor der Engel erwartet und dort oben keine Qualen mehr erleiden. Diese Bilder gr\u00fcndeten in einer ungebrochenen Glaubensgewissheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Schicksal oder Zufall?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Zufall? Im Jahre 1953 begegneten Inge Lu und ich uns in W\u00fcrzburg zum ersten Mal. Es war am 27. M\u00e4rz 1953 gegen siebzehn Uhr, bei tr\u00fcben Wetter im Hofgarten der W\u00fcrzburger Residenz. Inge Lu war erst f\u00fcnfzehn Jahre alt, ich stand kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Drei junge Burschen und drei M\u00e4dchen, darunter sie und ich, hatten sich an diesem Sp\u00e4tnachmittag auf einer barocken Balustrade getroffen, um eine gemeinsame Radtour zu verabreden. Uns hatte anscheinend ein Zufall zusammengef\u00fchrt An diesem Tag hatte sich zwischen Inge Lu und mir eine sch\u00fcchterne Zuneigung entwickelt, aus der ein literarisch-versponnenes Liebesverh\u00e4ltnis werden sollte. Meine Tageb\u00fccher sind voller \u00fcberschw\u00e4nglicher und gef\u00fchlvoller Eintragungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es mag im Jahre 1954 gewesen sein, als Inge Lu ihre Gro\u00dfmutter besuchte. Die Mutter ihrer Mutter verbrachte nahezu erblindet ihre alten Tage in einem Altersheim. Gro\u00dfmutter und Enkelin kamen ins Gespr\u00e4ch.<br \/>\nDie Gro\u00dfmutter fragte:<br \/>\n\u201eHast Du schon einen Freund?\u201c<br \/>\nDie Enkelin hatte Hemmungen dar\u00fcber zu sprechen, gab sich aber nach kurzem Z\u00f6gern einen Ruck:<br \/>\n\u201eJa\u201c.<br \/>\nDie Gro\u00dfmutter war neugierig, wollte wissen, wer es sei, und fragte weiter:<br \/>\n\u201eWie hei\u00dft denn dein Freund?\u201c<br \/>\n\u201eAlf Mintzel.\u201c<br \/>\nDie Gro\u00dfmutter stutzte:<br \/>\n\u201eDen Namen kenne ich, das ist eine alte Hofer Familie.\u201c<br \/>\n\u201eDie Mintzels kommen, glaube ich, aus Hof. Alf hat das mehrmals erw\u00e4hnt.\u201c,<br \/>\nerwiderte die Enkelin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gro\u00dfmutter Luise stammte aus Hof an der Saale. Sie erinnerte sich: \u201eJa, dort ist die alte Hofer Buchdruckerei Mintzel.\u201c Sie hatte nichts mehr gegen den Freund einzuwenden, der Name Mintzel war ihr vertraut. Inge Lu war froh, dass ihre Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits nicht negativ \u00fcber \u201edie\u201c Mintzels sprach. Ihre Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits hatte sie vorher mit der absch\u00e4tzigen Frage in rheinischer Tonart verunsichert: \u201eWas willst Du mit diesem halben Porti\u00f6nchen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Clou der kleinen Geschichte: Gro\u00dfmutter Luise war eine geborene Militzer und stammte aus dem Hofer Militzer-Clan. Beide Familien lebten seit Jahrhunderten nebeneinander im oberfr\u00e4nkischen Hof, sie kannten sich, allerdings ohne je versippt oder verschw\u00e4gert gewesen zu sein. Die Gro\u00dfmutter meiner sp\u00e4teren Ehefrau stammte aus der Hofer Arztfamilie Militzer, die im Jahre 1848 das vormalige Mintzelsche Stammhaus gekauft hatte. Die Buchdrucker- und Verlegerfamilie hatte in diesem Haus von Trinitatis 1642 bis 1760\/61 gewohnt. In diesem Haus hatte die Druckerei ihren Standort. In der Reihe sp\u00e4terer Eigent\u00fcmer und Bewohner des Hauses begegnet uns Dr. Georg Militzer, ein praktischer Arzt, der mit seiner Familie bis 1858 dieses Haus bewohnt. Inge Lus Vorfahren, die Militzer, lebten in dem gleichen Haus, in den gleichen Zimmern, in denen meine Vorfahren Mintzel fast 120 Jahre lang gelebt hatten. Ein Zufall? Eine hintergr\u00fcndige Einmischung der Ahnen? Im Jahre 1953 begegneten sich zwei Nachkommen zweier alter Hofer Familien und begannen ein Liebesverh\u00e4ltnis, ohne von den gemeinsamen famili\u00e4ren Hintergr\u00fcnden zu wissen. Jahre verstrichen, ehe ich in alten Quellen diese Geschichte entdeckte. Sie geh\u00f6rt seitdem zur magischen Seite unserer Beziehung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Vater hat mich nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel (1600\u20131653) benannt, dem Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei. 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