{"id":116,"date":"2016-07-03T22:17:08","date_gmt":"2016-07-03T20:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=116"},"modified":"2019-03-27T04:25:58","modified_gmt":"2019-03-27T03:25:58","slug":"20-von-politischen-absagen-und-treibjagden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/07\/03\/20-von-politischen-absagen-und-treibjagden\/","title":{"rendered":"20. Von politischen Absagen und Treibjagden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Was sich in den Jahren von 1977 bis 1981 lebens- und berufsgeschichtlich ereignete, l\u00e4sst sich nicht als blo\u00dfe Abfolge pers\u00f6nlicher Erlebnisse und Entscheidungen schildern. Die Niederlagen und Erfolge, \u00c4ngste, Bef\u00fcrchtungen und Hoffnungen hingen in jener \u00e4u\u00dferst turbulenten Zeit von unkalkulierbaren Wirkkr\u00e4ften ab. Gesellschaftliche, politische und institutionelle Faktoren beschleunigten Vorg\u00e4nge und Abl\u00e4ufe. Terrorakte der Roten Armee Fraktion (RAF) ersch\u00fctterten erneut das politische Gef\u00fcge der Bundesrepublik und beunruhigten die Bev\u00f6lkerung. An den Universit\u00e4ten verfestigten sich in besonders anf\u00e4lligen F\u00e4chern Lagerbildungen und Gesinnungsgemeinschaften. Gegenorganisationen wurden ins Leben gerufen, Bewerbungen auf Professuren argw\u00f6hnisch durchleuchtet und Ausk\u00fcnfte auf informellen Wegen eingeholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von 1962 bis 1978 hatte ich mein Studium und meinen Lebensunterhalt mit Zeitvertr\u00e4gen finanziert, anfangs mit Zweijahresvertr\u00e4gen, sp\u00e4ter mit Dreijahresvertr\u00e4gen, zwischendurch mit einer auf vier Jahre befristeten Anstellung als Assistenzprofessor und am Ende mit einer zweij\u00e4hrigen Anstellung als einfacher wissenschaftlicher Assistent. Die Situation war prek\u00e4r, die Zukunft als Wissenschaftler v\u00f6llig unsicher. F\u00f6rderer und Freunde konnten zwar mit Gutachten Bewerbungen unterst\u00fctzen, doch die Zahl der konkurrierenden Bewerber war in der Regel gro\u00df, \u00fcberall gab es pers\u00f6nliche Flechtwerke und in Westberlin &#8211; als Gegenst\u00fcck zum CSU-verfilzten Bayern &#8211; den sozialdemokratischen Filz. Ich war 1967 aus der SPD ausgetreten und hatte mich damit vom Berliner sozialdemokratischen Beziehungsgeflecht entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mehrere institutionelle und strukturelle Wirkkr\u00e4fte an den Berliner Hochschulen sowie personalpolitische Entscheidungen am Zentralinstitut f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung wirkten sich auf meine Berufs- und Lebenssituation \u00e4u\u00dferst negativ aus. Dr. Peter Glotz setzte in den Jahren als Senator f\u00fcr Wissenschaft und Kunst (1977\u20131981) die Westberliner Hochschulreform durch und griff dabei energisch in die gewachsenen sozialdemokratischen Beziehungsnetze ein. Zu seinen Maximen geh\u00f6rte es, die in Berlin h\u00e4ufig praktizierten Hausberufungen zu erschweren und m\u00f6glichst zu unterbinden. Mit dem neuen Berliner Hochschulgesetz vom 1. Januar 1979 wurde an den Berliner Hochschulen eine neue Personalstruktur eingef\u00fchrt, die sich auf die Gruppe der rund 250 Assistenzprofessoren hart auswirkte. Viele mussten sich am Ende ihrer \u201eZeitvertr\u00e4ge-Karriere\u201c mit anderen Berufen begn\u00fcgen. Nur eine beschr\u00e4nkte Zahl wurde in Hochschullehrerpositionen \u00fcbernommen, die allerdings ebenfalls befristet waren. \u00dcberlebenswichtig war, in eine Anschlussstelle einr\u00fccken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So wie die Dinge liefen, stellte sich in diesen Jahren die Frage immer dringlicher und sch\u00e4rfer, ob ich im Berliner Wissenschaftsbetrieb bleiben und in eine akademische Dauerstelle w\u00fcrde einr\u00fccken k\u00f6nnen. Nachdem meine Zeit als Assistenzprofessor (1974\u20131978) abgelaufen war, erhielt ich zum letzten Mal einen Zeitvertrag, der mich zum vollbesch\u00e4ftigten Wissenschaftlichen Angestellten degradierte. Es war eine Art Gnadenbrot f\u00fcr habilitierte Assistenten. Der bis zum 31. August 1980 befristete Vertrag verschaffte mir einen zweij\u00e4hrigen Zeitgewinn f\u00fcr weitere Bewerbungen. Die Mitarbeit am deutsch-amerikanischen OMGUS-Projekt in Washington D.C. (1978) und zwei Lehrstuhlvertretungen an den Universit\u00e4ten Bochum (1979\/80) und Mannheim (1980\/81) erm\u00f6glichten es mir, den Berliner Arbeitsvertrag mehrmals auszusetzen und nochmals Zeit zu gewinnen. Ich hoffte zun\u00e4chst trotz laufender Bewerbungen auf westdeutsche Professuren und auf Stiftungsprofessuren in den USA am Zentralinstitut f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung in Berlin weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Wegen meiner Familie \u2013 zwei T\u00f6chter waren bereits ins schulpflichtige Alter gekommen &#8211; w\u00e4re ich auch mit einer \u201ekleinen\u201c Professur zufrieden gewesen. Im Zentralinstitut musste die Stellen- und Personalplanung der Jahre 1977\/78 jedoch revidiert werden. Die Einrichtung der mir zugedachten und auf meine Arbeitsfelder zugeschnittenen Professur f\u00fcr Politische Soziologie wurde von den zust\u00e4ndigen Gremien nicht genehmigt. Auf die bereits genehmigte andere Stelle wurde \u2013 wohl auch aus politischen Gr\u00fcnden &#8211; ein hausinterner Konkurrent berufen. Unter den konkurrierenden Mitarbeitern versch\u00e4rften sich der Umgangston und die intellektuellen Auseinandersetzungen. Schwelende Missgunst und das Gerangel um Stellen riefen Animosit\u00e4ten hervor. Unbefristete Angestelltenpositionen im Archiv, in der Dokumentation und in sonstigen wissenschaftlichen Hilfsbereichen waren fest und dauerhaft besetzt. Kurzum, ich musste mich von dieser Forschungseinrichtung endg\u00fcltig verabschieden, obwohl ich in gut einem Jahrzehnt intensiver Forschungsarbeit zu den damals am meisten bekannten Parteienforschern gez\u00e4hlt wurde. Das Zentralinstitut hatte mir eine Nische geboten, in der ich trotz hinderlicher Einwirkungen von au\u00dfen und trotz scharfer hausinterner Konfrontationen mein gro\u00dfes Forschungsprojekt hatte beharrlich verfolgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wissenschaftssenator Dr. Peter Glotz greift ein<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meine Bewerbung vom Juni 1977 auf eine Professur am Otto-Suhr-Institut scheiterte an der Berufungspolitik des Wissenschaftssenators Glotz. Er sah in der von den Instituten gemeinsam vorgelegten Berufungsliste ein Ergebnis hausinterner Personalabsprachen und gab die Liste im M\u00e4rz 1978 zur\u00fcck. In seinem Schreiben betonte er, dass \u201eProf. Dr. Dittberner und Dr. Mintzel zwar ausgezeichnete Wissenschaftler\u201c seien, aber \u201eals Hausbewerber f\u00fcr eine Ruferteilung nicht in Betracht kommen.\u201c Der Berliner Senator f\u00fcr Wissenschaft und Kunst \u00e4u\u00dferte gegen\u00fcber Prof. Dr. Nils Diederich (SPD) in einem politischen Gespr\u00e4ch unter vier Augen, Mintzel solle sich auf eine Professur in Westdeutschland bewerben, weil er dort aufgrund seiner Forschungen und Publikationen wirklich gute Chancen habe. Peter Glotz lobte mich weg, so h\u00e4tte ich daraus schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Er wirkte jedoch, was ich nicht wusste, \u00fcber seine wissenschaftspolitischen Kan\u00e4le daran mit, meine Chancen zu erh\u00f6hen. So wurde es jedenfalls kolportiert. Ich f\u00fchlte mich in dieser Zeit tief verunsichert, niedergeschlagen und gedem\u00fctigt. Als Mittvierziger war es mir immer noch nicht m\u00f6glich, meiner Frau und meinen drei T\u00f6chtern eine sichere Lebensgrundlage zu garantieren. Meine Zeit in Berlin war abgelaufen. Ich musste raus aus dem Berliner Schlamassel. Dennoch setzte ich weiterhin mit hohem Einsatz alles auf eine Professur, wo auch immer, und ich hatte Gl\u00fcck. In dieser Zeit beruflicher Unsicherheit und Bedr\u00fccktheit taten ein paar Worte des Lobs und der Hilfsbereitschaft besonders gut. Der damalige Bundesminister f\u00fcr Justiz, Dr. Hans-Jochen Vogel, schrieb mir am 27.07.1978:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eIch m\u00f6chte Ihnen \u00fcbrigens bei dieser Gelegenheit sagen, dass ich die (\u2026) Monographie [Die CSU \u2013 Anatomie einer konservativen Partei 1945\u20131972] f\u00fcr eine ganz ausgezeichnete Arbeit und eine wahre Fundgrube halte. Auch aufgrund meiner eigenen, aus naheliegenden Gr\u00fcnden doch recht detaillierten Kenntnis der Interna der CSU habe ich kaum Erg\u00e4nzungen oder Korrekturen anzubringen. Ich empfinde es auch als wohltuend, dass Sie sich bei aller erkennbaren Distanz einer n\u00fcchternen und objektiven Art der Darstellung beflei\u00dfigen. Manche Kollegen Ihres Faches geraten heute schon bei der Nennung des Stichwortes CSU in einen schwer definierbaren geistigen Ausnahmezustand, der dann zu Fehlbeurteilungen und ungewollten Hilfen f\u00fcr die CSU verleitet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Absagen, Absagen, Absagen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der schwer definierbare geistige Ausnahmezustand, in den manche Kollegen beim Stichwort CSU gerieten, wurde f\u00fcr mich zu einem beruflichen Problem, weil manche Mitglieder von Berufungskommissionen in dem \u201eCSU-Mintzel\u201c wohl einen Parteig\u00e4nger oder gar eine politische Gefahr witterten. Mein Forschungsgegenstand und mein analytischer Ansatz blieben immer ein Politikum. Ich bewarb mich im Zeitraum von 1975 bis 1980 auf mindestens elf Professuren verschiedenen Ranges f\u00fcr politische Soziologie und Politikwissenschaft an westdeutschen Hochschulen und Universit\u00e4ten. Bei acht Bewerbungen wurde ich nicht einmal zu einem Vortrag eingeladen, geschweige denn auf eine Berufungsliste gesetzt. Jede Absage erh\u00e4rtete meinen Verdacht, dass es eben auch an meinem Forschungsgegenstand lag, der unterschwellig negative Reaktionen ausl\u00f6ste. Wer sich einem so hei\u00df umstrittenen Forschungsgegenstand zuwendet und in dessen Innenwelt eindringt, musste damit rechnen, in linke und rechte Schusslinien zu geraten. Ein Quell, aus dem ich in dieser zerm\u00fcrbenden Zeit Kraft sch\u00f6pfte, waren die Partnerschaft mit meiner Frau und die Freude an unseren T\u00f6chtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-702 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001-700x484.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"484\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001-700x484.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001-768x531.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001-800x553.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_001.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Unsere drei T\u00f6chter im Kinderzimmer der Berliner Wohnung, Bambergerstra\u00dfe 59, Anfang 1976: Anne Katharina (geb. 1968) mit Caroline Isabel (geb. 1975) auf dem Scho\u00df, Therese Florentine (geb. 1971)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Treibjagd auf Prof. Dr. Heinrich Oberreuter<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend meine Berliner Universit\u00e4tsjahre zu Ende gingen, geriet ein ehemaliger Doktorand und Wissenschaftlicher Mitarbeiter des bayerischen Kultusministers Hans Maier in M\u00fcnchen und Berlin in heftige Auseinandersetzungen \u00fcber seine Person und Qualifikation. Dr. Heinrich Oberreuter war von Wissenschaftssenator Peter Glotz im Sommer 1978 auf die am Otto-Suhr-Institut (OSI) angesiedelte Professur f\u00fcr \u201eVergleichende Parlamentarismusforschung\u201c berufen worden. Oberreuter hatte auf dem dritten Platz der Berufungsliste gestanden. Eine Berufung vom dritten Platz weg war ungew\u00f6hnlich und schien verd\u00e4chtig. Das mag wiederum an der von Glotz praktizierten Berufungspolitik gelegen haben, Berliner \u201eSeilschaften\u201c abzuschneiden. Kraftspr\u00fcche des f\u00fcr seine kernigenn und saloppe Formulierungen bekannten Oberreuters in einem Fortbildungsseminar f\u00fcr Gymnasiallehrer in der Akademie f\u00fcr politische Bildung waren schlie\u00dflich der Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine Anti-Oberreuter-Kampagne des Otto-Suhr-Instituts (Fachbereich 15 der Freien Universit\u00e4t Berlin). Es ging besonders um zwei seiner Formulierungen, die zun\u00e4chst im Bayerischen Landtag beanstandet wurden und dann in Berlin einen Sturm der Entr\u00fcstung ausl\u00f6sten. Oberreuter soll gesagt haben, \u201eer sei geneigt Konzentrationslager f\u00fcr Bundestagsabgeordnete einzurichten, die mit falschen Informationen \u00fcber den Bundestag das politische System kaputt machen wollen\u201c. Au\u00dferdem soll er das Dritte Reich als einen Betriebsunfall bezeichnet haben, der durch die Organisationsnormen der Weimarer Verfassung verursacht worden sei. Der Bericht der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 11. Juli 1978 \u00fcber die zitierten Kraftspr\u00fcche Oberreuters schlug in Berlin wie eine Bombe ein. Es f\u00fchrte hier zu weit, den ganzen Vorgang mit seinen Einzelheiten zu schildern und alle am Streit beteiligten Gremien und Personen zu nennen. \u00dcber die Turbulenzen informierten die S\u00fcddeutsche Zeitung (Nr. 156, 11. 07. 1978, S. 20; Nr. 163, 19. 07. 1978, S.28; Nr.164, 20. 07.1978, S.18) und der Tagesspiegel (Nr. 9977, 20. 07.1978, S. 9; Nr. 9984, 28.07.1078, S. 11, Nr. 9986, 30. 07.1978, S. 21) in mehreren Artikeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Oberreuter, der sich schriftlich und m\u00fcndlich verteidigte, erkl\u00e4rte, er habe nicht Konzentrationslager gemeint, sondern das \u201eKonzentrationszimmer\u201c eines Gymnasiums, in dem sich Sch\u00fcler auf ihre schwierigen Aufgaben hatten konzentrieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kritiker und Gegner Oberreuters hielten dessen sachliche Beteuerungen f\u00fcr unglaubhaft und wiesen seine Entschuldigung zur\u00fcck. Es seien nicht blo\u00df \u201eunbedachte \u00c4u\u00dferungen\u201c und \u201efahrl\u00e4ssige Kraftspr\u00fcche\u201c gewesen. Die beanstandeten \u00c4u\u00dferungen w\u00fcrden vielmehr eine faschistoid-autorit\u00e4re Sicht auf den Parlamentarismus und eine Verunglimpfung von Parlamentariern verraten. Er h\u00e4tte nicht davon ausgehen d\u00fcrfen, dass seine h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Vergleiche richtig verstanden w\u00fcrden. Oberreuter habe sich wissenschaftlich und moralisch disqualifiziert. Am OSI sei der pluralistische Grundkonsens gef\u00e4hrdet, durch die Berufung drohe eine Konfrontation. Mitglieder des Fachbereichsrates, die \u201eSozialistische Assistentenzelle\u201c und Vertreter einer studentischen Initiativgruppe forderten Wissenschaftssenator Glotz auf, den an Oberreuter ergangenen Ruf zu suspendieren. Dem Pr\u00e4sidenten der Freien Universit\u00e4t Berlin wurde nahegelegt, die Ernennungsurkunde so lange nicht zu unterzeichnen, \u201ebis die Vorg\u00e4nge restlos gekl\u00e4rt sind.\u201c Oberreuter stand ein \u201ehei\u00dfes\u201c Wintersemester 1978\/79 an der hochpolitisierten Freien Universit\u00e4t bevor. Man werde, so wurde angek\u00fcndigt, in universit\u00e4ts\u00f6ffentlichen Veranstaltungen Oberreuters Demokratieverst\u00e4ndnis, geistige Haltung und fachwissenschaftliche Eignung \u00fcberpr\u00fcfen. \u201eSit-Ins\u201c, massive St\u00f6rungen seiner Lehrveranstaltungen, P\u00f6beleien und Aggressionen waren vorprogrammiert. Die Scharfmacher wollten Oberreuter aus dem OSI zu vertreiben. Die Wogen der internen und halb\u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen schlugen so hoch, dass die Berufung Oberreuters zu scheitern drohte. Der Berliner Wissenschaftssenator Glotz war herausgefordert, seine Entscheidung vom Mai 1978 zu revidieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Peter Glotz stand in einer \u00f6ffentlichen Vorw\u00e4rtsverteidigung zur Berufung Oberreuters, dem auch prominente Politikwissenschaftler wie Kurt Sontheimer und Hans Maier zur Hilfe kamen. Sontheimer und Maier attestierten dem designierten Professor f\u00fcr Vergleichende Parlamentarismusforschung, dass er keinesfalls zu rechtsextremen oder faschistischen \u00dcberlegungen neige. Glotz erkl\u00e4rte in einer in der S\u00fcddeutschen Zeitung abgedruckten Stellungnahme (SZ Nr. 163, 19.07.1078), aus der ich auszugsweise zitiere:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eIn der Tat habe ich Herrn Oberreuter \u2013 und zwar von Platz 3 einer mir hier in Berlin vorliegenden Liste \u2013 nach Berlin berufen. Dies geschah, weil er \u2013 wie die SZ ja auch schreibt \u2013 &gt;fachlich unbestritten&lt; ist. Herr Dr. Oberreuter ist in seinen Grundauffassungen sicher eher ein Konservativer. Aber er ist eben auch ein exzellenter Wissenschaftler. Im Unterschied zu manchen konservativen L\u00e4ndern werden in dem sozial-liberal regierten Berlin auch konservative Wissenschaftler (wenn sie exzellent sind) berufen. Ich habe im Zeitpunkt der Berufung keine Ahnung von den \u00c4u\u00dferungen von Herrn Dr. Oberreuter gehabt. Sie sind auch sicherlich fahrl\u00e4ssig und geschmacklos \u2013 eben &gt;Kraftspr\u00fcche&lt;, wie Sie auch schreiben. Das berufliche Schicksal eines ansonsten untadeligen Mannes darf an solchen Kraftspr\u00fcchen aber nicht Schaden nehmen Ich habe es zu oft erlebt, wie Wissenschaftlern mit &gt;linken&lt; Auffassungen aus einzelnen \u00c4u\u00dferungen, die sie irgendwann gemacht hatten, ein politischer Strick gedreht werden sollte. Ich weigere mich, Menschen nach &gt;Zitaten&lt; zu beurteilen, die irgendwo herausgefischt und der \u00d6ffentlichkeit mit spitzen Fingern pr\u00e4sentiert werden. Dies gilt nach links, dies gilt selbstverst\u00e4ndlich auch nach rechts. Das kann selbstverst\u00e4ndlich nicht hei\u00dfen, dass Wissenschaftler Narrenfreiheit haben. Es gibt wissenschaftliche und politische \u00c4u\u00dferungen, die einen Mann disqualifizieren k\u00f6nnen. Wir sollten uns aber h\u00fcten \u2013 und zwar alle \u2013 zu leichtfertig und auftrumpfend jeden Fehler, den ein anderer macht, gegen ihn \u00f6ffentlich zu verwenden. Das, was man da mit einem politischen Gegner praktiziert, kann einem am n\u00e4chsten Tag schon leicht selbst passieren\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Verteidigung der Berufung Oberreuters sprach mir, emotional ausgedr\u00fcckt, aus dem Herzen. In der Sache fand ich sie angesichts der Berliner Verh\u00e4ltnisse mutig und verst\u00e4ndlich. Wir gestehen uns und anderen nicht gern Fehler ein. Geirrt und gefehlt zu haben wird bei uns von Unfehlbarkeitsaposteln und Vertretern reiner Lehren mit Absch\u00e4tzigkeit geahndet. Es hatte einiger Lehr- und Lernjahre bedurft, bis ich auf Wegen des <em>trial and error <\/em>angesichts einer komplexen und un\u00fcberschaubaren Welt im Denken und Handeln zu einer reiferen Sicht und fundierten Einstellung gelangt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich wurde im Sommer 1978 unmittelbar vor meiner Abreise in die USA direkt in die Auseinandersetzungen verwickelt. Kollegen aus dem Otto-Suhr-Institut und dem Zentralinstitut suchten mich an meinem Arbeitsplatz auf und forderten mich als Kenner der politischen Verh\u00e4ltnisse und Beziehungsgeflechte Bayerns auf, nach weiteren schriftlichen und m\u00fcndlichen \u00c4u\u00dferungen Oberreuters zu suchen, aus denen ihm ein politischer Strick gedreht werden k\u00f6nnte. Um Oberreuter abzuschie\u00dfen, war ihnen jede Schn\u00fcffelei recht. Die Verfolgung nahm Formen einer Treibjagd an. Die Aufforderung, mich daran zu beteiligen, l\u00f6ste in mir gr\u00f6\u00dften Widerwillen aus. Soweit mir zu diesem Zeitpunkt Oberreuters Publikationen zum Parlamentarismus bekannt waren, hatte ich darin kein rechtsradikales oder gar faschistisches Denken und Argumentieren entdeckt. Ich lehnte es ab, mich in denunziatorische Aktionen verwickeln und in die laufende Diffamierungskampagne einspannen zu lassen. Es kam mir nach meinen eigenen Erlebnissen mit der Stasi und Kurieren des Kalten Krieges vor, als sollte ich wiedermal als Spitzel eingesetzt werden, obschon der Vergleich sicher hinkt. Obwohl ich Oberreuter bisher nicht auf einer akademischen Plattform getroffen hatte, entschloss ich mich, ihn brieflich \u00fcber die Vorg\u00e4nge zu informieren und meinen Widerwillen gegen diese Methoden verdeckter Observation auszudr\u00fccken. Es blieb bei einem kurzen Briefwechsel, der sich \u2013 zu dieser Zeit nicht hervorsehbar \u2013 erst drei Jahre sp\u00e4ter auf meinen weiteren wissenschaftlichen Werdegang auswirken sollte. Mit meiner mehrmonatigen Reise in die USA lie\u00df ich die Berliner Querelen f\u00fcr einige Zeit hinter mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Tod Prof. Dr. Otto Stammers und mein Flug in die \u201eNeue Welt\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein akademischer Ziehvater und Mentor Otto Stammer, der langj\u00e4hrige Leiter des Instituts f\u00fcr politische Wissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin, starb am 12. September 1978 im Alter von 77 Jahren. Drei Tage sp\u00e4ter flog ich zum ersten Mal in meinem Leben in die \u201eNeue Welt\u201c. In den Tagen vor meinem Abflug hatte ich noch mitgeholfen, seine Beerdigung zu organisieren. Mein Flug nach Nordamerika war eine Reise zur\u00fcck in meine Jugendzeit, in die Zeit der US-amerikanischen Reeducation-Politik, und voll von \u00dcberraschungen und neuen Erfahrungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Stammer hatte meinen Werdegang von der studentischen Hilfskraft \u00fcber den wissenschaftlichen Hilfsarbeiter bis zum Assistenzprofessor ma\u00dfgeblich bestimmt. Er hatte mir in Konfliktsituationen R\u00fcckendeckung gegeben und mir geholfen, mich gegen personelle Widerst\u00e4nde durchzusetzen. Er hatte mich nach bestandenem Diplomexamen im Fach Soziologie sofort als wissenschaftlichen Assistenten \u00fcbernommen, er war mein Doktor- und Habilitations-Vater gewesen. Solange er als Wissenschaftlicher Leiter und Spiritus Rector dem institutsinternen Arbeitskreis Parteienforschung vorgestanden hatte, war ich sein organisatorischer Gehilfe gewesen. Was Hans Maier in M\u00fcnchen f\u00fcr seinen Z\u00f6gling Heinrich Oberreuter gewesen war, hatte cum grano salis Stammer f\u00fcr mich dargestellt. Unsere Ziehv\u00e4ter repr\u00e4sentierten zwei unterschiedliche Wissenschafts- und Forschungswelten. Stammer, Jahrgang 1900, war im Kaiserreich aufgewachsen und in der Weimarer Republik politisch sozialisiert worden. Maier, Jahrgang 1931, geh\u00f6rte ein Lebensalter sp\u00e4ter der Kriegsgeneration des Zweiten Weltkrieges an. Er wuchs in der langen Prosperit\u00e4tsphase der Bundesrepublik Deutschland heran. Der gl\u00e4ubige und seiner Kirche eng verbundene Katholik Maier ging in die Politik, avancierte zum bayerischen Staatsminister f\u00fcr Wissenschaft und Kultur und wurde Pr\u00e4sident des Deutschen Katholikentages. Stammer blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in Distanz zur politischen Sph\u00e4re und ging ganz in der Leitung des Instituts f\u00fcr politische Wissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin auf. In Hans Maiers Autobiografie (Maier, 213, S. 135) \u201eB\u00f6se Jahre gute Jahre\u201c kommen Stammer und der Sch\u00fcler- und Forscherkreis um ihn \u2013 ausgenommen Peter Christian Ludz &#8211; nicht vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-703 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002-700x926.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"926\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002-700x926.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002-227x300.jpg 227w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002-768x1016.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002-800x1058.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Prof. Dr. Otto Stammer im Alter von 75 Jahren, Oktober 1975; Photo: Ludwig Binder, Berlin<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit Stolz hatte mich 1975 Stammers Dankesrede erf\u00fcllt, die er im Sch\u00f6neberger Rathaus auf der offiziellen Feier seines 75. Geburtstages gehalten hatte. In einem R\u00fcckblick auf sein politisches und wissenschaftliches Leben hatte er ausdr\u00fccklich hervorgehoben, sich gew\u00fcnscht zu haben, f\u00fcr seine Partei eine so hervorragende Studie verfasst zu haben wie ich die meine \u00fcber die CSU. Er hatte, wie aus seinen Gutachten hervorgegangen war, gro\u00dfe St\u00fccke auf mich gehalten und mich am Ende seines Lebens als einen seiner akademischen Nachlassverwalter eingesetzt. Allerdings konnte ich diese Aufgabe aufgrund meiner beruflich unsicheren Situation nicht erf\u00fcllen. Im Zentralinstitut wurde ein anderer Weg gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>F\u00f6rderer und Freunde<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zu meinen pers\u00f6nlichen F\u00f6rderern, die mich nach Westdeutschland zu Vortr\u00e4gen und Lehrstuhlvertretungen einluden oder meine Bewerbungen auf Professuren unterst\u00fctzten, geh\u00f6rten eine Reihe \u00e4lterer renommierter Wissenschaftler, darunter die inzwischen verstorbenen Professoren Martin Broszat, Mario Rainer Lepsius, Hans Mommsen, Hans-Gerd Schumann und Rudolf Wildenmann. Aber auch schon Nachwuchswissenschaftler, die erst kurz zuvor in Professuren einger\u00fcckt waren, wie Ulrich von Alemann, Nils Diederich, J\u00fcrgen Fijalkowski, Karl Rohe, Uwe Thayssen, Joachim Veen und last but not least Heinrich Oberreuter, brachten mich mit Gutachten voran. Ohne die Hilfe von Alpha-Tieren der Fachwissenschaften und ohne Netzwerke w\u00e4ren die Chancen gering gewesen, in eine Professur zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Martin Broszat hatte mich noch vor meiner Passauer Zeit wiederholt zu Vortr\u00e4gen \u00fcber die CSU und die gesellschaftlich-politische Entwicklung Bayerns nach 1945 nach M\u00fcnchen ins Institut f\u00fcr Zeitgeschichte (IfZ) eingeladen. Die Stiftung Volkswagenwerk hatte von 1980 an das vom IfZ breit angelegte Forschungsprojekt \u201ePolitik und Gesellschaft in der US-Zone 1945\u20131949\u201c finanziert, das in mehreren Teilprojekten durchgef\u00fchrt wurde. Broszat war daran interessiert, meine Forschungsmaterialien und -ergebnisse auch f\u00fcr Projekte des Instituts nutzbar zu machen. Das wiederum war meinem Traumprojekt einer \u201eStaats- und Gesellschaftsgeschichte Bayerns nach 1945\u201c entgegengekommen. Allerdings blieb offen, inwieweit es zu einer institutionellen Koppelung kommen konnte. Mir war die Zusammenarbeit mit dem von Broszat geleiteten IfZ viel lieber als eine m\u00f6gliche Kooperation mit der an bayerischen Universit\u00e4ten etablierten bayerischen Landesgeschichtsschreibung. Nachdem ich mein Traumprojekt in Passau nicht realisieren konnte, \u00fcbergab ich Ende der 1980er Jahre dem IfZ das \u201egeheimnisvolle CSU- Spezialarchiv Mintzel\u201c, das Eingang in die dreib\u00e4ndige Dokumentation der \u201eProtokolle und Materialien zur Fr\u00fchgeschichte der Christlich- Sozialen Union\u201c fand. Ich bat mir bei der \u00dcbergabe eine Mitherausgeberschaft aus, weil Zweidrittel der von Barbara Fait und mir im Auftrag des Instituts ver\u00f6ffentlichten Dokumente, etwa 1200 Seiten, aus der \u201eSammlung Mintzel\u201c stammten. Meine M\u00fchen und Strapazen in zwei Jahrzehnten CSU- und Bayern-Forschung wollte ich mit dieser Mitherausgeberschaft belohnt haben. Im Sommer 1980 lud mich Broszat ein, auf dem W\u00fcrzburger Historikertag in der Sektion 9 \u201eDeutsche Nachkriegsgeschichte nach 1945 \u2013 Neuanfang oder Restauration\u201c einen Vortrag zum Thema \u201eDas westdeutsche Parteiensystem bis zum Ende der 50er Jahre\u201c zu halten. Broszat nahm meinen Beitrag unter dem Titel \u201eDer akzeptierte Parteienstaat\u201c in die Schriftenreihe des IfZ auf (Bd. 61, S. 75-94). Ein anderer prominenter F\u00f6rderer, der es mir erm\u00f6glichte, die Berliner wissenschaftliche Plattform zu verlassen und mich nach Westdeutschland zu orientieren, war der M\u00fcnchner Historiker Gerhard A. Ritter (1929\u20132015).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Rainer Lepsius und der Mannheimer Initiationsritus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einer der Gro\u00dfen seines Faches, der Soziologe M. Rainer Lepsius (1928\u20132014), Spross einer alten Gelehrtenfamilie, spielte in meiner wissenschaftlichen Karriere zweimal eine (mit-) entscheidende Rolle. Ich lernte ihn im Wintersemester1979\/80 pers\u00f6nlich kennen, als ich an der Universit\u00e4t Mannheim den Lehrstuhl des Politikwissenschaftlers und Wahlforschers Rudolf Wildenmann vertrat. Wildenmann hatte f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit eine Gastprofessur an der Europ\u00e4ischen Hochschule in Florenz\/Fiesole angenommen und mir angeboten, seinen Mannheimer Platz einzunehmen. In der Sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Mannheim war es \u00fcblich, den Gastdozenten oder Lehrstuhlvertreter zu einem Vortag vor der gesamten Fakult\u00e4t zu verpflichten. Der Neuling oder Gast musste vor der versammelten Kollegenschaft \u00fcber ein Thema seiner Wahl sprechen und sich anschlie\u00dfend in einer Diskussion bew\u00e4hren. Lepsius war in dieser Runde ein gef\u00fcrchteter Diskutant. Mit bohrenden Fragen und scharf formulierten Einw\u00e4nden nahm er den Vortragenden in den fachlichen Schwitzkasten. Unterlag man im Rededuell, war dies ein herber Prestigeverlust. Gewann man die Unterst\u00fctzung und Zustimmung von Lepsius, sekundierte dieser gar die Argumente und Beweisf\u00fchrung des Gastes, dann war man gewisserma\u00dfen fachlich geadelt. Es war eine Art h\u00f6herer Initiationsritus, der Folgen hatte. Ich referierte \u00fcber mein gro\u00dfes Thema und das war selbstverst\u00e4ndlich die \u201eCSU und Bayern\u201c. Lepsius trat in der Diskussionsrunde auf meine Seite, spitzte meine Thesen zur \u201eDualit\u00e4t von Partei und Staat\u201c zu und zeigte sich von meinen Forschungsergebnissen angetan. Die Mannheimer Wahl- und Parteienforscher um Wildenmann und Max Kaase, die andere empirische Wege verfolgten, lie\u00dfen meine politische Soziologie gelten. Was mich als Parteienforscher mit Lepsius besonders verband, war die politisch-soziologische Fragestellung nach \u201eDemokratie in Deutschland\u201c und die Orientierung am Werke von Max Weber. Lepsius hatte 1966 in seiner Betrachtung des deutschen Parteiensystems von 1871 bis 1928 das begriffliche und empirisch-analytische Konzept des \u201esozial-moralischen Milieus\u201c vorgestellt, das sich auch f\u00fcr meine Parteienforschung als ein fruchtbarer Ansatz erwies. In meinem parteiensoziologischen Werk \u201eDie Volkspartei. Typus und Wirklichkeit\u201c (1984) ging ich nochmals ausf\u00fchrlich auf die Thesen von Lepsius ein. Als ich mich 1981 auf den Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Passau bewarb, sa\u00df Lepsius als externes Mitgied in der Passauer Berufungskommission.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sich in den Jahren von 1977 bis 1981 lebens- und berufsgeschichtlich ereignete, l\u00e4sst sich nicht als blo\u00dfe Abfolge pers\u00f6nlicher Erlebnisse und Entscheidungen schildern. Die Niederlagen und Erfolge, \u00c4ngste, Bef\u00fcrchtungen und Hoffnungen hingen in jener \u00e4u\u00dferst turbulenten Zeit von unkalkulierbaren Wirkkr\u00e4ften ab. Gesellschaftliche, politische und institutionelle Faktoren beschleunigten Vorg\u00e4nge und Abl\u00e4ufe. Terrorakte der Roten Armee&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[113,112,110,117,109,115,105,103,104,73,114,106,107,108,111,116],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=116"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":740,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}