{"id":122,"date":"2016-07-30T11:22:03","date_gmt":"2016-07-30T09:22:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=122"},"modified":"2019-06-30T00:20:27","modified_gmt":"2019-06-29T22:20:27","slug":"22-high-noon-in-passau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/07\/30\/22-high-noon-in-passau\/","title":{"rendered":"22. High Noon in Passau"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Religi\u00f6s-konfessionelle Vorurteile und Empfindlichkeiten<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Seit der Reformationszeit waren alle meine Vorfahren Mintzel Protestanten und hatten es in den letzten zw\u00f6lf Generationen immer mit B\u00fcchern zu tun. Sie waren Schulmeister, Pfarrer, Buch- und Zeitungsdrucker, Verleger und Herausgeber, Buchh\u00e4ndler, Staatsbeamte, Lehrer und \u00f6ffentliche Kommunikatoren. Allen gemeinsam waren das Lesen, Schreiben und Publizieren. Die Buchtradition wurde bis zum heutigen Tage fortgesetzt. Mein Vater war ein B\u00fccherwurm par excellence. Er besa\u00df eine gro\u00dfe Bibliothek mit vielen Tausenden B\u00fcchern und las fast t\u00e4glich bis sp\u00e4t in die Nacht hinein. Wenn auf eine geistige Familientradition das Etikett \u201eKulturprotestantismus\u201c zutrifft, dann kann ich meine Familie als ein sozialgeschichtliches Musterbeispiel anf\u00fchren Aus diesem Milieu gingen bekanntlich bis ins 20. Jahrhundert hinein viele Gelehrte und Forscher hervor. Der prominente Althistoriker Leopold von Ranke hatte die Wissenschaft allgemein noch als eine durch und durch protestantische Angelegenheit bezeichnet. Diesem Kulturprotestantismus war in Bayern eine latente Ablehnung des bayerischen, wie \u00fcberhaupt des Katholizismus eigen gewesen. Im konfessionsgeteilten Bayern waren noch bis in die 1950er Jahre hinein durch religi\u00f6s-konfessionelle Praxen tiefsitzende Vorurteile gen\u00e4hrt worden. Erst gegen Ende der 1950er Jahre verloren diese Animosit\u00e4ten an Kraft und Bedeutung. Ich erlebte in dem vom Katholizismus tief gepr\u00e4gten W\u00fcrzburg noch verst\u00f6rende Praxen konfessioneller Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier schildert in seiner Autobiografie \u201eB\u00f6se Jahre, gute Jahre\u201c (2013, 361ff) die damaligen Eigenheiten und Animosit\u00e4ten der katholischen und protestantischen sozial-moralischen Milieus im Badenser Raum. \u00c4hnlich verhielt es sich in den bayerischen Traditionszonen mit ihren jeweiligen konfessionellen Empfindlichkeiten. Maier berichtet: \u201eDa waren also die Evangelischen \u2013 eine Minderheit in der Volksschule, eine weit gr\u00f6\u00dfere im Gymnasium. Wie waren sie? Fielen sie auf? Gab es Schwierigkeiten mit ihnen? Eine Schwierigkeit, so erinnere ich mich, gab es in der Tat. Unsere evangelischen Mitsch\u00fcler waren von wenigen Ausnahmen abgesehen durchwegs besser situiert, sie waren etwas &gt;Besseres&lt;. Ihre V\u00e4ter waren Universit\u00e4tsprofessoren, Fabrikanten, Bankleute, w\u00e4hrend die Katholiken meist aus b\u00e4uerlichen, kleinb\u00fcrgerlichen, bestenfalls mittelst\u00e4ndischen Verh\u00e4ltnissen stammten. Die Evangelischen wohnten selten in Mietwohnungen, sie hatten meist eigene H\u00e4user. Bei Einladungen in diese ungewohnt feine Umgebung reagierten wir Katholiken manchmal st\u00f6rrisch und bockig \u2013 es war einfach das andere Milieu, der gehobene Lebensstil, die uns betroffen machten. Unsere evangelischen Mitsch\u00fcler, in der Schule ganz normal wie andere auch, schienen zuhaus etwas zu repr\u00e4sentieren, was uns fremd war \u2013 eine spezifische B\u00fcrgerlichkeit. B\u00fcrger und Protestant \u2013 das war offenbar eine Einheit (\u2026). Leichter war es mit einer anderen Eigenschaft evangelischer Mitsch\u00fcler, die sogar eine gewisse Anziehungskraft auf uns Katholiken aus\u00fcbte. Die Evangelischen, so schien es uns, waren freier. Sie bewegten sich ungezwungener, souver\u00e4ner. Das mochte mit der erw\u00e4hnten sozialen Stellung zusammenh\u00e4ngen. Sie waren freier in ihren Meinungen und Urteilen, ihren Sitten und Gewohnheiten, auch in ihren religi\u00f6sen Bindungen und Zugeh\u00f6rigkeiten. Schon damals erschienen mir Protestanten, verglichen mit dem gro\u00dfen und geschlossenen, aber manchmal auch schwerf\u00e4lligen katholischen Heerwurm wie eine rasch und beweglich ausschw\u00e4rmende Kavallerie &#8211; Individualisten, die in loser Tuchf\u00fchlung miteinander standen und doch, erstaunlich genug, zu gemeinsamen Zielen gelangten. Ohne Zweifel verf\u00fcgten sie \u00fcber gute K\u00f6pfe. (\u2026) Kurzum, der Einzelne, das Individuum, schien da eine andere Stellung zu haben als bei uns, man nahm sich mehr Rechte, mehr Freiheiten heraus. (\u2026) Sicher lag in dieser kecken Eigenverantwortlichkeit etwas, was wir Katholiken als &gt;protestantisch&lt; empfanden \u2013 es faszinierte uns, auch dort, wo wir Zweifel hatten und nicht ohne weiteres folgen mochten.\u201c (Maier 2013, 361ff)<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Was Hans Maier aus katholischer Perspektive und Erfahrung \u00fcber die sozial-moralischen Milieus und ihre jeweiligen Mentalit\u00e4ten erz\u00e4hlt, fand sein Gegenst\u00fcck in der protestantischen Sichtweise. Protestanten sahen in Katholiken geistig gebremste und beschr\u00e4nkte, von ihrer Kirche geg\u00e4ngelte Mitb\u00fcrger, die sich nicht so recht trauten, ihre Meinungen und Ansichten frei zu \u00e4u\u00dfern. Katholiken galten als geduckte und von ihrer Kirche vergatterte Menschen, die dumm gehalten wurden. Sie galten als falsch, bigott und verlogen. Die gegens\u00e4tzlichen Animosit\u00e4ten arteten auch noch in der Nachkriegszeit in Familien in Psychoterror aus: Konfessionell gemischte Eheschlie\u00dfungen wurden vor allem von katholischer Seite hintertrieben, beide Seiten mieden Gesch\u00e4fte, deren Inhaber das falsche Gesangbuch hatten. Es war die katholische Mehrheit, die partout an der Bekenntnisschule (Konfessionsschule) und an den konfessionellen Lehrerbildungsanstalten festhalten und so den religi\u00f6s-konfessionellen Separatismus aufrecht erhalten wollte. Noch Mitte der sechziger Jahre standen in Bayern rund 6.300 Bekenntnisschulen den 260 Gemeinschaftsschulen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Als in der SPD-regierten Landeshauptstadt M\u00fcnchen 1966 die Bef\u00fcrworter der Gemeinschaftsschule in der Mehrheit waren und Initiativen von FDP und SPD zu einer Kurskorrektur zwangen, bezog der damalige katholische Kultusminister Ludwig Huber in letzter Minute eine sogenannte Auffangstellung. Es ging im Wesentlichen um die Absicherungen katholischer Interessen, weniger um Positionen der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Er habe zahlreiche Gespr\u00e4che mit der katholischen Kirche gef\u00fchrt und sich \u201eauch sagen lassen, welche Festlegungen von der Katholischen Kirche aus erwartet werden k\u00f6nnen.\u201c Huber schloss vor der versammelten CSU-Landesvorstandschaft seine streng vertraulichen konfessionspolitischen Ausf\u00fchrungen mit der eindringlichen Bitte ab: \u201eTragen Sie das nicht in die \u00d6ffentlichkeit hinaus! Wenn das in die \u00d6ffentlichkeit hinauskommt, ist so viel zerschlagen, dass Sie mich nie mehr bereitfinden werden, vor der Landesvorstandschaft der CSU solche internen Vorg\u00e4nge darzulegen.\u201c (Mintzel, 1977: Geschichte der CSU, 1977, 311f). Die evangelische Kirche sei, so betonte Huber, \u201eim geschichtlichen Werdegang nicht so einseitig f\u00fcr die Bekenntnisschule eingetreten, wie das in der geschichtlichen Entwicklung von der katholischen Seite her der Fall gewesen sei.\u201c Die evangelische Seite sollte mit einem Minderheitenschutz bes\u00e4nftigt werden. CSU-F\u00fchrung und bayerische Staatsregierung bezogen in diesen Fragen eine halsstarrige Haltung und widersetzten sich Initiativen f\u00fcr eine Verfassungs\u00e4nderung. Es bedurfte 1967 des Machtwortes von Franz Josef Strau\u00df, um davon abzukommen und den Typus der christlichen Gemeinschaftsschule als staatliche Regelschule einzuf\u00fchren (Mintzel 1977: Geschichte der CSU, 312ff). Der sp\u00e4tere Kultusminister Hans Maier sicherte 1974 in den Vertr\u00e4gen der bayerischen Staatsregierung mit dem Vatikan die sogenannten Konkordatslehrst\u00fchle zu.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Aus Passaus dreifaltigem Milieu<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Als ich Ende 1981 nach Passau zog, um dort den Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie einzurichten, hatte ich den Eindruck, die sch\u00f6ne Stadt an den drei Fl\u00fcssen hinke den interkonfessionellen Entwicklungen und Wandlungen um drei\u00dfig bis vierzig Jahre hinterher. Was dort noch in konfessionellen Bereichen zu h\u00f6ren und zu erleben war, erinnerte mich zum Teil an die f\u00fcnfziger Jahre im katholischen W\u00fcrzburg. Die fast geschlossen katholisch gepr\u00e4gte Stadtgesellschaft Passaus verharrte noch in einer vergleichsweise ungebrochenen Enge, Selbstbezogenheit und Selbstgef\u00e4lligkeit. Die meisten Passauer Katholiken waren es nicht gewohnt, sich mit anderen religi\u00f6s-konfessionellen Bekenntnissen und Weltanschauungen ernsthaft auseinanderzusetzen. Die kleine protestantische Minderheit, die nur knapp sechs Prozent der Passauer Einwohner ausmachte, lebte unauff\u00e4llig unter der katholischen Mehrheit und hielt still. Die meist unsichtbaren Grenzen dieses Nebeneinanders zeigten sich zum Beispiel 1978 bei der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Passau: Oben im Kirchenschiff der St. Nikola-Kirche zelebrierten die Katholiken mit einem Pontifikalamt die Neugr\u00fcndung, unten in der Krypta durften die Protestanten feiern. Anstatt als konfessionsneutrale staatliche Institution der Wissenschaft der \u00d6kumene eine Plattform zu bieten, zelebrierten die Universit\u00e4tsgr\u00fcnder konfessionellen Separatismus von gestern und lieferten die Universit\u00e4t dem katholischen sozial-moralischen Milieu Passaus und dem \u201eschwerf\u00e4lligen katholischen Heerwurm\u201c (Hans Maier) aus. Als ich 1990\/92 die gegenreformatorische Kampfikone der \u201eMaria vom Siege\u201c im Emblem der Universit\u00e4t infrage stellte, kam im vielf\u00e4ltigen Stimmengewirr ein starrk\u00f6pfiger und eifernder Fundamentalkatholizismus zum Vorschein, der seine Madonna mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigte.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die F\u00fchrungsorgane der Universit\u00e4t Passau trugen diesen Verh\u00e4ltnissen allzu gerne Rechnung. Es war nicht allein meine Wahrnehmung, dass die Universit\u00e4t besondere Weihen genoss. Empirische Studien erwiesen, dass in der Bundesrepublik Deutschland in der Wissenschaftselite (nominelle) Protestanten\u00a0 bei Weitem \u00fcberwogen. Leopold von Rankes alte These, die Wissenschaft sei eine durch und durch protestantische Angelegenheit, war also immer noch nicht ganz vom Tisch. Die Vermutung war nicht v\u00f6llig abwegig, dass bei der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Passau ein unausgesprochen katholisches Korrekturbed\u00fcrfnis mit im Spiel gewesen sein k\u00f6nnte. Dem bayerischen Kultusminister Hans Maier w\u00e4re zumindest in bestimmten Fakult\u00e4ten und F\u00e4chern eine unauff\u00e4llig katholisch gelenkte Wissenschaftspolitik zuzutrauen gewesen. An der Universit\u00e4t Passau hatten sich die (nominellen) konfessionellen Verh\u00e4ltnisse jedenfalls &#8211; nach vorsichtiger Sch\u00e4tzung &#8211; auffallend umgekehrt. Der Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Kunsterziehung, Professor Paul Lankes, stellte die \u201eGr\u00fcndung der Universit\u00e4t Passau\u201c, so der Titel einer seiner Radierungen, als Gottes Werk dar. Gott greift mit seiner Hand von oben auf das Stadtbild herab, zeugt die Universit\u00e4t und gibt ihr seinen himmlischen Segen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-655 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001-700x940.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"940\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001-700x940.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001-768x1031.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001-800x1074.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/22_001.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Hirtenbrief, Passauer Satire-Magazin, M\u00e4rz 1979<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>D<\/b><b>ie \u201eSpitzbuben\u201c des<\/b><b> Scharfrichterhaus<\/b><b>es<\/b><b> <\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Aus dem alten Scharfrichterhaus hatten die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Edgar Liegl und Walter Landshuter seit 1977 zusammen mit den Kabarettisten Sigi Zimmerschied, Bruno Jonas und Rudolf Klaffenb\u00f6ck sowie mit Musikern mit einem Cafe und einem Restaurant sowie Kleinb\u00fchne, Jazzkeller, Galerie und Mini-Kino eine kleine Gegenwelt und regelrechte Gegenkultur zur stockkatholischen Stadt\u00f6ffentlichkeit gemacht. Die meisten alteingesessenen st\u00e4dtischen Honoratioren mieden diesen Ort der Aufm\u00fcpfigkeit und gottesl\u00e4sterlichen Treibens wie ein Pesthaus. Viele Passauer waren anfangs dagegen gewesen, in Passau eine Universit\u00e4t zu gr\u00fcnden, weil sie bef\u00fcrchtet hatten, mit den Studenten z\u00f6gen ein rebellischer Ungeist und Krawall in die Stadt ein. Aber es waren nicht nur biedere Stadtb\u00fcrger, die das \u201eLokal des Teufels\u201c boykottierten. Auch etliche Professoren meinten, honorige Amtstr\u00e4ger der Universit\u00e4t sollten sich von diesem Ort fernhalten. Als ich 1981 nach Passau \u00fcbersiedelte, wurde ich an der Universit\u00e4t von Kollegen gewarnt. Das Scharfrichterhaus sei eine \u201ekryptokommunistische Zelle\u201c, die man als Professor nicht aufsuchen sollte. Ein paar Kollegen und wissenschaftliche Mitarbeiter lie\u00dfen es sich jedoch nicht nehmen, im Scharfrichterhaus zu verkehren und sogar an dessen Programm mitzuwirken. Als zugewanderter Sozialwissenschaftler interessierte mich, wie die st\u00e4dtischen Funktionseliten (in Verwaltung, Politik, Kirche, Wirtschaft und Kultur), die zusammen ein st\u00e4dtisches Machtkartell gebildet hatten, sich gegen Ver\u00e4nderungen stemmten und potenzielle St\u00f6renfriede und Gegenkr\u00e4fte abzuwehren versuchten. Die gegenseitige Abneigung gipfelte im M\u00e4rz 1979, kurz nach der Er\u00f6ffnung der Universit\u00e4t, darin, dass der Passauer Kabarettist und Satiriker Sigi Zimmerschied zusammen mit Rudolf Klaffenb\u00f6ck und andere Passauer \u201eSpitzbuben\u201c einen satirischen \u201eHirtenbrief\u201c ver\u00f6ffentlichte, mit welchem die etablierte Stadtgesellschaft erschreckt und der katholische Volkszorn in Wallung gebracht wurde. Das lokale und regionale Machtdreieck aus CSU-Establishment, katholischer Kirche und Passauer Neuen Presse (PNP) hatte diese \u201eL\u00e4sterer\u201c und \u201eB\u00fcrgerschrecke\u201c mit Mitteln der Justiz, mit Boykott-Ma\u00dfnahmen und sozialer Ausgrenzung \u201ezur Strecke bringen wollen\u201c. Die PNP hatte sich \u00fcber mehrere Jahre geweigert, \u00fcber Veranstaltungen des angeblich von aufr\u00fchrerischen Geistern gef\u00fchrten \u201eScharfrichterhaus\u201c zu berichten. Das Machtdreieck h\u00e4tte das Scharfrichterhaus im mittelalterlichen Kern Passaus, das zum Treffpunkt f\u00fcr niederbayerische Nonkonformisten geworden war, am liebsten \u201eausger\u00e4uchert\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">\u00a0Ich verfolgte die Berichterstattung der Passauer Neuen Presse, beobachtete Vorg\u00e4nge vor Ort und wie sich die Organe der Universit\u00e4t in dem Umfeld verhielten. W\u00e4hrend die kleine Schar antiklerikaler \u201eB\u00fcrgerschrecke\u201c daran war, mit ihren Aktionen das verkrustete Stadtestablishment vorzuf\u00fchren und aufzubrechen, betrieben die Universit\u00e4tsleitung und die Mehrheit der Professoren, so schien es mir, eine \u00dcberanpassung an die hiesigen Verh\u00e4ltnisse. In ihrer \u00f6ffentlichen Selbstdarstellung gerierte sich vor allem die gr\u00f6\u00dfte unter den anfangs vier und dann f\u00fcnf Fakult\u00e4ten, die Philosophische Fakult\u00e4t, augenf\u00e4llig wie eine katholische Bildungseinrichtung zur Pflege lokaler und regionaler Identit\u00e4tsbed\u00fcrfnisse. Viele Kollegen sahen gerade darin eine besonders gut gelungene Einpassung der Universit\u00e4t in das katholisch-konservative soziale und politische Umfeld. Kein Wunder, dass die Honoratioren der Stadt, die lokale Machtelite, in dem Gr\u00fcndungspr\u00e4sidenten einen Gl\u00fccksfall f\u00fcr Passau sahen. Interessant war zu beobachten, wie die etablierte Stadtelite sich mit einer neuen, durch die Universit\u00e4tsgr\u00fcndung zugewanderten wissenschaftlichen Funktionselite arrangieren musste. Es kam mit der Er\u00f6ffnung der Universit\u00e4t eine nach Berufsposition und Prestige h\u00f6her eingesch\u00e4tzte Funktionselite hinzu, die der lokal gewachsenen Stadtelite zum gesellschaftlichen und politischen Konkurrenten werden konnte.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Die feinen Unterschiede<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nach meinen beruflichen Wanderungen durch drei Universit\u00e4ten \u2013 Berlin, Bochum und Mannheim \u2013 kam mir die Universit\u00e4t Passau in ihren Gr\u00fcndungsjahren wie eine Sp\u00e4tbl\u00fcte der alten Ordinarienuniversit\u00e4t vor. Jeder Ordinarius sonnte sich in seinem Hoheitsgebiet, \u00fcberwachte die Grenzen und verwies Professoren tieferen Ranges in ihre Schranken. Es gab halb verdeckte Konventionen und Trennungslinien. Anfangs behielten sich die Ordinarien der Philosophischen Fakult\u00e4t das Amt des Dekans vor, erst sp\u00e4ter wurde es auch f\u00fcr C3-Professoren zug\u00e4nglich. Noch sch\u00e4rfer wurden die feinen Unterschiede zwischen den Fachordinarien und den C3-Professoren f\u00fcr Didaktik exerziert. Sitzungen des Fachbereichsrates gerieten zu einem Schauspiel des Ranggerangels. Es ging \u00e4hnlich zu wie auf einem Felsen im Affengehege zu. Die Alpha-Tiere und ihre Unterst\u00fctzer hockten auf ihren Pl\u00e4tzen und dirigierten mit Imponiergehabe die Abl\u00e4ufe. Schlug sich ein Alpha-Tier auf die Brust, tat es ein anderes gleich hinterher. Die Reihenfolge war fast immer abzusehen, auf A folgte B, auf B so gut wie sicher C. Und das alles wiederholte sich x-mal, bis sich im Gr\u00fcndungsprozess die Regeln eingespielt hatten und die Strukturen ausgebildet waren. Die Ordinarien Heinrich Oberreuter und Mintzel hatten darin ihren festen Platz. Der verhaltensbiologische Vergleich hinkt, und die Verhaltensmuster lie\u00dfen sich gruppendynamisch genauer schildern. Als ein gew\u00e4hltes, aber von Wahl zu Wahl geborenes Mitglied des Fachbereichsrates verfolgte ich jahrelang das Geschehen, das mich teils am\u00fcsierte, teils nervte und viel wissenschaftsbetriebliche Arbeit kostete. Nach meiner Attacke auf die \u201eMaria vom Siege\u201c, die \u201esch\u00f6ne Madonna\u201c im Logo der Universit\u00e4t, zeigten dann wirklich honorige Professoren und wahre Marienanh\u00e4nger die Grenzen zwischen katholischer und kulturprotestantischer Weltsicht auf und was ein \u201erichtiger\u201c Professor im katholischen sozial-moralischen Milieu Passaus gef\u00e4lligst tun und lassen sollte.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Unvertr\u00e4glichkeiten zwischen Soziologie und Landesgeschichte<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nach meiner R\u00fcckkehr nach Bayern nahm ich au\u00dferdem zum ersten Mal sch\u00e4rfer wahr, dass ich mit meinen sozialwissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Publikationen \u00fcber die CSU und Bayern zu einem ernsthaften Konkurrenten der seit 1929 an bayerischen Universit\u00e4ten fest etablierten bayerischen Landesgeschichte geworden war. Ich war nicht an einem bayerischen Lehrstuhl f\u00fcr Landesgeschichte zum Wissenschaftler herangewachsen, sondern seit Mitte der 1970er Jahre als Au\u00dfenseiter aufgefallen. In Passau kam ich als Vertreter der Politischen Soziologie und als Zeithistoriker den Landeshistorikern unausweichlich ins Gehege, was zu verdeckten und offenen Kollisionen der \u201eKonkurrenzdisziplinen Soziologie und Geschichtswissenschaft\u201c (Wolf Lepenies, 1985, 283ff) f\u00fchrte. Die unterschiedlichen Forschungsans\u00e4tze und ein mehrmaliger Schlagabtausch zeigten, dass sich an der Universit\u00e4t Passau keine wissenschaftliche Plattform f\u00fcr ein gro\u00dfes gemeinsames Bayern-Projekt aufbauen lie\u00df. Die Geschichtswissenschaft war fest in katholischer Hand und durch entsprechend eingef\u00e4rbte Fragestellungen und Forschungsziele eingeengt. Am ehesten h\u00e4tte wohl mit dem Landeshistoriker Prof. Dr. Maximilian Lanzinner ein gemeinsames Bayern-Projekt zustande kommen k\u00f6nnen, da sich unsere Forschungskonzepte in Teilen deckten. Es kam jedoch nicht dazu, weil Lanzinner 2001 eine C4-Professur an der Universit\u00e4t Bonn \u00fcbernahm. Allerdings hatten noch andere Faktoren, die mit der weiteren Entwicklung der Universit\u00e4t und neuen Studieng\u00e4ngen zusammenhingen, in der Forschung eine Kooperation erschwert. Der neue Passauer Diplomstudiengang \u201eSprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien\u201c verbrauchte einen Gutteil unserer Arbeitskraft. Letztendlich blieb ich in der Forschung auf weiten Strecken ein Einzelg\u00e4nger. Das fachegoistische Konkurrenzdenken und die notorische Besserwisserei hielten mich trotz aller kollegialen Freundlichkeit auf Distanz und auf der Hut.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>An einen alten Hannoveraner Freund vom 12.02.1984 (Ausz\u00fcge aus einem Brief)<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">\u201eMit meiner Arbeit am Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie bin ich im Gro\u00dfen und Ganzen zufrieden. Erstens sollte ich jeden Tag ein Sto\u00dfgebet gen Himmel richten, \u00fcberhaupt noch auf einen Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie berufen worden zu sein. Die Situation an den Universit\u00e4ten ist im Hinblick auf Stellen katastrophal, die allgemeine Arbeitsmarktlage [f\u00fcr Soziologen] ebenso hoffnungslos. Im zweiten Halbjahr 1982 kamen auf 3047 Bewerbungen von Soziologen 19 offene Stellen!! Wer angemessen unterkommt, kann nur aufatmen und &gt;dankbar&lt; sein. Einen Lehrstuhl zu erhalten, hei\u00dft das gro\u00dfe Los ziehen. Ich darf also \u00fcberhaupt nicht mit meinem Schicksal hadern, und ich tue es auch nicht. Ich bin immer noch mit Leidenschaft Wissenschaftler und trotz aller Unzul\u00e4nglichkeit der Soziologie auch gern Soziologe. Nach den fast zwanzig Jahren der Hochspezialisierung auf dem Felde der Parteienforschung und \u2013lehre muss ich nun als C4-Professor das Fach breit vertreten (\u2026).<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Trotz oder gerade wegen meiner R\u00fcckkehr in die bayerische Heimat werde ich noch gottloser als ich es je zuvor war. Religion und religi\u00f6se Kultur und Kunst sind zwar interessante Ph\u00e4nomene, aber mir fehlt jeglicher Glaube. Da schwingt \u00fcberhaupt nichts. Durch die Kinder sind wir \u00fcber die Schule und die hiesige Kirchg\u00e4ngerei st\u00e4ndig mit Kirche und Religion konfrontiert. In der Konfrontation w\u00e4chst jedoch meine Areligiosit\u00e4t. (\u2026) Ich rechne mich allerdings nicht zu den naiven Aufkl\u00e4rern. Wir sind Gesch\u00f6pfe der Evolution, in deren K\u00f6pfe noch allerlei geistige Gespinste rumoren. Die Gestalt des Heros wie er uns in Mythen entgegentritt, hat mich immer beeindruckt und in meinem Handeln best\u00e4rkt. In Pr\u00fcfungen und Konfliktsituationen hatte ich jedes Mal Gary Cooper in \u201eHigh Noon\u201c vor Augen, wie er bei seinem gef\u00e4hrlichen Alleingang durch das Dorf nach seinen Revolvern greift. Mein Wissen war meine Munition.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Neue Freundschaften zu schlie\u00dfen ist schwer geworden, die gewachsenen alten zu halten schwierig. Die Professoren regieren hier mit relativ gro\u00dfer Unabh\u00e4ngigkeit ihre kleinen F\u00fcrstent\u00fcmer \u2013 oder bayerisch gesprochen \u2013 ihre kleine Almwirtschaften. Jeder d\u00fcnkt sich eine Primadonna zu sein, die hofiert werden will. Ich habe mich k\u00fcrzlich entschieden dagegen verwahrt, als eine Glanz spendende Statusperson behandelt zu werden. Ich mag dieses Gehabe nicht. Aber es gibt doch mehr Kollegen, als man denkt, die ihren Status nicht nur genie\u00dfen, sondern sich durch professoral-elit\u00e4re Verhaltensweisen auch dann &gt;auszeichnen&lt;, wenn nicht viel an wissenschaftlicher Leistung dahintersteckt. Man f\u00fchlt sich wohl im Rotary Club oder im Lions Club, pflegt gesellschaftliche Kontakte, wartet mit sechs G\u00e4ngen auf, h\u00f6rt sich gern mit &gt;Herr Professor&lt; angesprochen usw. Das Schlimme ist, dass man bis zu einem gewissen Grad mitspielen muss. Als Soziologe habe ich wohl etwas mehr &gt;Narrenfreiheit&lt;, auch als &gt;Freigeist&lt;. Mit Bedacht habe ich durchblicken lassen, dass ich Malerei und Grafik studiert habe. Als &gt;halber&lt; K\u00fcnstler oder Hobby-Maler genie\u00dft man dann wom\u00f6glich ein paar Zugest\u00e4ndnisse an die eigene Unkonventionalit\u00e4t. Aber am liebsten wollen sie einen doch als einen &gt;g\u00b4scheiten und ehrw\u00fcrdigen Professor&lt; mit statusbewusstem Benimm-Dich ins Passauer Stadtbild stellen. Auf der Stra\u00dfe belohnen Passauer \u201eihre\u201c Professoren mit \u201eGria\u00df Di Good, Heer Professer!\u201c, \u201eHabe di Ehre\u201c, Heer Professer!\u201c (\u2026) Das alles macht es schwierig, sich ohne konventionelle R\u00fccksichten zu befreunden, \u203amenschlich\u2039 zu sein und das \u203aHalbg\u00f6ttliche\u2039 abzustreifen. In der Passauer \u00d6ffentlichkeit bleibt man immer der \u203aHerr Professor\u2039. (Adversaria 1984\/1. Heft).<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Erh\u00f6hung des S\u00e4kularisierungsdrucks <\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Der Passauer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Oberreuter vertrat 2008 in seinem R\u00fcckblick auf das drei\u00dfigj\u00e4hrige Bestehen der Universit\u00e4t die Ansicht, dass es \u201eeben die Gr\u00fcndung dieser Universit\u00e4t\u201c gewesen sei, \u201edie vor genau 30 Jahren das Milieu der Stadt zu s\u00e4kularisieren begann\u201c (ZEIT ONLINE. Wenn die Stammtische aussterben). Er schrieb den Abstieg der CSU von der Dreiviertel-Mehrheitspartei zur st\u00e4dtischen Oppositionspartei vor allem den s\u00e4kularisierenden Wirkkr\u00e4ften aus dem Campus zu. Ich halte das f\u00fcr eine gewagte These, die erst auf den Pr\u00fcfstand gestellt werden m\u00fcsste. Es waren gewiss mehrere s\u00e4kularisierende Wirkkr\u00e4fte an der auffallend sp\u00e4ten <i>Auflockerung<\/i> \u2013 nicht Aufl\u00f6sung! \u2013 des Passauer katholischen Milieus und seiner organisierten Gesinnungsgemeinschaften beteiligt: die Akteure aus dem Scharfrichterhaus und aus dessen Umfeld, die allm\u00e4hliche Lockerung der Bindungen an die katholische Kirche (r\u00fcckl\u00e4ufige Kirchgangh\u00e4ufigkeit, schwindende Teilnahme an den Sakramenten, Kritik an der M\u00e4nneroligarchie, Austritte etc.), die mangelnde gesellschaftlich-politische Flexibilit\u00e4t des von der katholischen Kirche und der Monopolpresse PNP getragenen CSU-Establishments und nicht zu vergessen die von dem FDP-Staatssekret\u00e4r Max Sadler gef\u00fchrte FDP, die mit dem Passauer Klerikalismus nichts am Hut hatte. Nicht die Universit\u00e4t im Ganzen war es, die an dem lokalen S\u00e4kularisierungsprozess mitwirkte und das Ende der klerikal dominierten Jahre herbeif\u00fchrte, sondern nur Teilbereiche und einzelne Akteure. Im Gegenteil, es gab bis Ende der 1990er Jahren gerade auch in der Universit\u00e4t beharrende Kr\u00e4fte, die sich in dem katholischen Milieu und seinen Gesinnungsgemeinschaften eingerichtet hatten, sich in ihrem Katholischsein wohlf\u00fchlten und mitnichten etwas ver\u00e4ndern wollten. Es dauerte jedenfalls fast zwei Jahrzehnte, bis die offizielle Universit\u00e4t ihre katholisch gepr\u00e4gte Selbstdarstellung aufgab und sich aus diesem Milieu emanzipierte. Der Versuch, die Passauer Wissenschaftselite f\u00fcr eine katholisch eingef\u00e4rbte wertkonservative Gemeinschaft, also f\u00fcr eine durch eine besondere geistige Grundhaltung ausgezeichnete \u201eWertelite\u201c auszugeben, (so Prof. Dr. Helmut Schmalen 1990) scheiterte an der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Im Solit\u00e4r- und Kleinstfach Soziologie wurde mir an der Universit\u00e4t Passau die Rolle eines Generalisten und Allrounders zugeschrieben. Von Beginn meiner Lehrt\u00e4tigkeit an fand ich es wichtig, meine Position und Funktion als Wissenschaftler f\u00fcr mich und damit f\u00fcr die Vertretung des Faches abzukl\u00e4ren. Ich machte es mir zur Aufgabe, nicht nur aus einem allgemein vorgegebenen Lehrprogramm und speziellen Soziologien Stoff zu vermitteln und abzufragen, sondern Grundfragen soziologischen Denkens und Forschens zu behandeln. Dabei stellte ich Max Webers Wissenschaftslehre und die einschl\u00e4gige Fachliteratur dazu ins Zentrum meiner Lehre. Ich fasste meine Ausarbeitungen in zwei Lehrheften zusammen, das eine zum Kulturbegriff in der Soziologie, das andere zur Einf\u00fchrung in die &#8222;Verstehende Soziologie&#8220; Max Webers (\u201eMax Weber verstehen lernen. Anleitungen f\u00fcr Lehre und Studium\u201c). Beide Kompendien geh\u00f6rten zum unabdingbaren Kern- und Standardprogramm meiner Lehre in Passau. Meine Position verdeutlichte und pr\u00e4zisierte ich im Januar 1990 in meinem Beitrag \u00fcber \u201eWissenschaft und Verantwortung aus der Sicht der Sozialwissenschaften\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-860 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b-700x990.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"990\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b-700x990.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b-768x1086.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b-800x1131.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/22_002b.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Einf\u00fchrung in die \u201eVerstehende Soziologie\u201c Max Webers, Passau 1994<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Wir d\u00fcrfen niemals vergessen, dass Wissenschaft selbst ein Kulturprodukt ist, das sich gerade als \u201efreie okzidentale Wissenschaft\u201c nur auf einer Wertebasis nach eigenen innerwissenschaftlichen Regeln voll entfalten kann. Max Weber hat unmissverst\u00e4ndlich festgestellt: \u201eDer Glaube an den Wert wissenschaftlicher Wahrheit ist Produkt bestimmter Kulturen und nichts Naturgegebenes\u201c, er ist also selbst ein Wertstandpunkt. Die freiheitlich-humanit\u00e4re Grundorientierung der heutigen Soziologie ist das Erbe der Entstehungsgeschichte der Fachdisziplin und bleibt Auftrag in der stets gef\u00e4hrdeten sozialen und politischen Welt der Menschen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die Freiheit der Wissenschaft, die ich meiner wissenschaftlichen Arbeit als Leitmotiv zugrunde gelegt habe, ist selbst ein hoher kultureller Wert. Der freie ungehinderte wissenschaftliche Erkenntnisprozess beruht \u2013 im Gegensatz zu den Kirchendoktrinen der vatikanischen Glaubenskongregation und autorit\u00e4rer G\u00e4ngelungen \u2013 auf einer pluralistischen Werteordnung mit spezifischen institutionellen Garantien und einer hochdifferenzierten Konfliktregelung. Die moderne Wissenschaft muss als autonome Institution geregelter wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -vermittlung grunds\u00e4tzlich wachsam sein gegen\u00fcber allen autorit\u00e4ren oder totalit\u00e4ren Forderungen, Anma\u00dfungen und \u00dcbergriffen seitens gesellschaftlicher und politischer Institutionen und Organisationen. Sie hat in diesem Sinne grunds\u00e4tzlich eine eminent politische Eigenverantwortung. Indem Wissenschaft diese politische Eigenverantwortung \u00fcbernimmt, verteidigt sie in modernen Gesellschaften zugleich ein St\u00fcck freiheitlich-humanit\u00e4rer Herrschaftsorganisation. Diese politische Funktion und Verantwortung der Wissenschaft um ihrer selbst willen bedeutet immer zugleich die Offenhaltung von Freiheitsr\u00e4umen in der Gesellschaft. Konkordatslehrst\u00fchle haben in einer modernen freiheitlich-humanit\u00e4ren Wissenschaftsorganisation keinen Platz. Wenn einem augenzwinkernd versichert wird, dass der Inhaber eines Konkordatslehrstuhl ohne R\u00fccksicht auf die verlangte R\u00fcckbindung an die Lehre der Kirche frei lehren und forschen k\u00f6nne, wird ein doppeltes Spiel getrieben \u2013 eines der angema\u00dften kirchlichen Macht und eines der wissenschaftsberuflichen Heuchelei. Es bleibt ja der katholischen Kirche unbenommen, eigene Hochschulen zu gr\u00fcnden und zu finanzieren und mit einem christlich-religi\u00f6s gebundenen Wissenschaftsbegriff in Konkurrenz zu treten.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Der gr\u00f6\u00dfte und kr\u00e4ftigste S\u00e4kularisierungsschub an der Universit\u00e4t Passau kam von au\u00dfen. Noch mehr als die Konkordatslehrst\u00fchle waren die Studienverh\u00e4ltnisse an den sieben Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4ten Bayerns zu einem universit\u00e4tsinternen und \u00f6ffentlichen \u00c4rgernis geworden. Die Zahlenverh\u00e4ltnisse an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Passau waren alarmierend, die zehn Professoren hatten vor leeren H\u00f6rs\u00e4len doziert. Der Bayerische Oberste Rechnungshof hatte im Blick auf die viel zu niedrigen Studierendenzahlen mehrmals angemahnt, den gesellschaftlichen und religi\u00f6s-konfessionellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Er hatte nachdr\u00fccklich gefordert, wissenschaftliches Personal zu reduzieren und sogar ganze Fakult\u00e4ten zu schlie\u00dfen. Passaus selbst ernannte akademische \u201eWertelite\u201c wollte dem \u201ewechselnden Zeitgeist\u201c trotzen (Prof. Dr. Helmut Schmalen in: PNP Nr.249, 27.10.1990, S. 33) und stemmte sich bis zum Schluss gegen die Entscheidung, die die Bayerische Staatsregierung gemeinsam mit dem Nuntius des Heiligen Stuhls wegen der skandal\u00f6sen Verh\u00e4ltnisse treffen musste, n\u00e4mlich die Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4ten an den Universit\u00e4ten Bambergs und Passaus f\u00fcr 15 Jahre ruhen zu lassen. Die kritische Masse f\u00fcr eine wissenschaftlich vertretbare Mindestausstattung war dort bei Weitem unterschritten worden. In Passau ging damit eine etwa 400 Jahre alte Tradition der Kleriker-Ausbildung zu Ende. Die um Professorenstellen beschnittene Katholisch\u2013Theologische (Rest-)Fakult\u00e4t wurde organisatorisch s\u00e4kularisiert und als Department in die Philosophische Fakult\u00e4t \u00fcberf\u00fchrt. Im Jahre 2003 hatte die Universit\u00e4tsleitung das Traditionsemblem, die \u201eMaria vom Siege\u201c, in den Ruhestand versetzen m\u00fcssen, 2007 musste die Katholisch-Theologische Fakult\u00e4t dem S\u00e4kularisierungsdruck weichen. Was sagte der damalige Rektor der Universit\u00e4t Passau dazu? Prof. Dr. Walter Schweitzer: \u201eEs bewegt sich einiges an unserer Universit\u00e4t. Zahlreiche innovative Projekte in Forschung und Lehre besch\u00e4ftigen unsere Wissenschaftler\u2026\u201c (alles nachzulesen in: Campus Passau 01\/2007, S. 4ff). Die von au\u00dfen erzwungene Binnens\u00e4kularisierung der Universit\u00e4t wirkte in einer Art R\u00fcckkoppelungsschleife auch auf die Stadt Passau zur\u00fcck. Universit\u00e4t und Stadt waren einem starken Wandel unterworfen. Die katholisch-konservativen Streitkr\u00e4fte der Gr\u00fcndungszeit waren geschw\u00e4cht, ihre Lautsprecher, sofern sie noch im Dienst waren, kleinlaut geworden. 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