{"id":131,"date":"2016-08-07T16:12:35","date_gmt":"2016-08-07T14:12:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=131"},"modified":"2016-12-21T11:31:46","modified_gmt":"2016-12-21T10:31:46","slug":"23-brennpunkt-csu-und-franz-josef-strauss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/08\/07\/23-brennpunkt-csu-und-franz-josef-strauss\/","title":{"rendered":"23. Lehr- und Wanderjahre bis ans Lebensende"},"content":{"rendered":"<p>Selbstkritisch Innehalten? Weiterschreiben? Auf meinen Exkursionen und Grenzg\u00e4ngen werde ich unsicher. Was mute ich mir und anderen zu? Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach \u00e4u\u00dferte einmal \u00fcber unterschiedliche europ\u00e4ische Traditionen des Romanschreibens: \u201eDer deutsche Roman hat eher die Entwicklung des Einzelnen im Blick als die Gesellschaft im Ganzen. Die romanischen Romanciers stehen in einer Tradition des Welttheaters, die mit Dante beginnt. Das hat etwas mit Konfessionen zu tun. Die Protestanten schicken ihre Helden in Lehr- und Wanderjahre der pers\u00f6nlichen Bewusstwerdung, die Katholiken zwischen Rabelais und Joyce lassen ihre Helden in einem vielgestaltigen Chaos aufgehen.\u201c (SZ Nr. 129, 06.06.2014, S. 24) Ich schreibe weder einen autobiografischen Roman noch eine Familiengeschichte. Aber es scheint an den literarischen Beobachtungen Mosebachs etwas dran zu sein. Ich komme aus einem protestantischen Milieu und nehme wahr, wie mir unter der Hand meine biografischen Aufzeichnungen zu Beschreibungen von Lehr- und Wanderjahren geraten. Es sind Wanderungen zwischen Versuchen und Irrt\u00fcmern, es sind Bohrungen in die Tiefe der eigenen Lebenswelt und Zweifel am richtigen Einsatz meines geistigen und experimentellen Instrumentariums. Es handelt sich um Gest\u00e4ndnisse. Ich gebe etwas preis. Georges Orwells Diktum, das ich an den Anfang gesetzt habe, zieht sich wie ein Leitmotiv durch meine \u00dcberlebensgeschichten.<\/p>\n<p>\u201eEiner Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Sch\u00e4ndliches enth\u00e4lt. Ein Mann, der eine gute Darstellung seiner selbst pr\u00e4sentiert, l\u00fcgt wahrscheinlich, denn jedes Leben, von innen betrachtet, ist einfach eine Serie von Niederlagen\u201c \u2013 dieses Zitat von George Orwell hatte ich meinen Lebenserinnerungen vorangestellt. Es kann als Warnung verstanden werden, einen bereinigten und glatten Lebensbericht zu verfassen. Mit einer Autobiografie aufzuwarten, die besch\u00f6nigt und gl\u00e4ttet, w\u00e4re zum einen Selbstbetrug, zum anderen eine T\u00e4uschung der potenziellen Leser. Es w\u00fcrde ihnen ein makelloser Lebenslauf vorgegaukelt, den es in der Wirklichkeit nicht gegeben hat. Menschen verfallen bei ihren \u201eSelberlebensbeschreibungen\u201c (Jean Paul)allzu leicht der Verlockung, unter den Teppich zu kehren, was sie als h\u00e4sslich und sch\u00e4ndlich ansehen. Die normative Schere im Kopf schneidet rasch weg, was das sch\u00f6ne Selbstbild tr\u00fcben k\u00f6nnte. Die Neigung zur Selbstentlastung und zur Selbststilisierung wird von Mechanismen des Erinnerns unterst\u00fctzt, die das Unangenehme verdr\u00e4ngen und dem Vergessen anheimgeben wollen. Ich ringe mit diesen Verlockungen und Mechanismen und versuche ihnen einen Realismus der Ehrlichkeit und Offenheit entgegenzusetzen. Die realistische Radikalit\u00e4t meiner \u00dcberlebensgeschichten bringt mich jedoch in Verlegenheit. H\u00e4tte ich den Suizid meines Bruders so drastisch in Erinnerung bringen und darstellen, meine Eltern wegen ihrer p\u00e4dagogischen Fehler blo\u00dfstellen d\u00fcrfen? H\u00e4tte ich die Versagens\u00e4ngste, Autorit\u00e4tskonflikte und Albtr\u00e4ume nur andeuten, ihre psychoanalytische Behandlung verschweigen sollen? Es passt nicht so recht zum Bild eines selbstbewussten jungen Mannes, der Hindernisse mit Bravour \u00fcberwindet. Wie steht es mit der Trennung von privaten und \u00f6ffentlichen Bereichen? Ich habe mich mit meinen \u201e\u00dcberlebensgeschichten eines Grenzg\u00e4ngers\u201c erneut in ein publizistisches Abenteuer eingelassen.<\/p>\n<p>Wir alle tragen Masken, hinter denen wir unser Gesicht verbergen und unsere tats\u00e4chlichen Gef\u00fchle und Gedanken verdecken. Wir sind alle verletzlich. Etwas findet sich in jeder Vita, was selbst die Figur des besten Mannes beschattet. Selbstentbl\u00f6\u00dfungen und Selbstent\u00e4u\u00dferungen sind Wagnisse, weil wir dabei f\u00fcr einen Moment unsere Masken absetzen und unser Gesicht zeigen. Sie machen verletzlich, wir setzen uns damit Gefahren aus. Und wir k\u00f6nnen auch andere in Gefahr bringen, mit denen wir stillschweigend ein Geheimnis teilen, einen intimen Austausch, eine verborgene gegenseitige Verwicklung, etwas Unanst\u00e4ndiges gar, ja Verwerfliches. Der Mut zur Selbstentbl\u00f6\u00dfung hat da seine Grenzen, wo ein anderer gegen seinen Willen hineingezogen werden k\u00f6nnte in eine unberechenbare \u00d6ffentlichkeit. Ich beabsichtige niemanden an den Pranger zu stellen, es sei denn, er oder sie hat sich selbst \u00f6ffentlich zu Wort gemeldet.<\/p>\n<p>Die Frage nach den M\u00f6glichkeiten und Grenzen der Selbstent\u00e4u\u00dferung ist zugleich eine nach der Schmerzgrenze, nach der eigenen und nach der anderer, in deren Leben ich mich eingemischt habe oder noch einmischen werde. In der eigenen Preisgabe kann ich nach pers\u00f6nlichen Kr\u00e4ften meine Grenzen ausloten. Was aber mute ich anderen zu?<\/p>\n<p>Vieles l\u00e4sst sich aufbauschen, verdrehen, skandalisieren. Wer als Blogger von sich aus Munition liefert, ist ja selbst schuld daran, wenn er zur Zielscheibe wird. Wer die digitale Welt der sozialen Netzwerke nutzt und Pers\u00f6nliches mitteilt, muss mit unangenehmen Reaktionen rechnen. Manche, die mir \u00fcbelwollen, k\u00f6nnten meine Berichte als Fundgrube benutzen, aus der sie Munition f\u00fcr Verurteilungen und Exekutionsversuche holen. Wie k\u00f6nne man so t\u00f6richt sein und sich zwischen alle (Lehr-)St\u00fchle setzen!? Habe der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier mit seiner Autobiografie \u201eB\u00f6se Jahre, gute Jahre\u201c nicht ein Beispiel gegeben, was man von einem erlauchten Geist und Universit\u00e4tsprofessor erwarte?<\/p>\n<p>Weiterschreiben? Auch Jean Paul, der ein \u201eVita-Buch\u201c mit vielen Erinnerungsnotizen gef\u00fchrt hatte, war an einem Punkt angelangt, an dem ihn die Lust an diesem Gesch\u00e4ft verlassen hatte. Am 3. August 1818 hatte er an seinen Freund Emanuel Osmund geschrieben, er sei durch seine Romane so sehr ans L\u00fcgen gew\u00f6hnt, dass er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe als sein eigenes. Die ausgearbeiteten Teile seiner \u201eSelberlebensbeschreibung\u201c wurden allerdings erst nach seinem Tode (1825) unter dem Titel \u201eWahrheit aus Jean Pauls Leben\u201c ver\u00f6ffentlicht. Ich werde nach einer Pause selbstkritischer Vergewisserung an meinen subjektiven Wahrheiten weiterschreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstkritisch Innehalten? Weiterschreiben? Auf meinen Exkursionen und Grenzg\u00e4ngen werde ich unsicher. Was mute ich mir und anderen zu? Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach \u00e4u\u00dferte einmal \u00fcber unterschiedliche europ\u00e4ische Traditionen des Romanschreibens: \u201eDer deutsche Roman hat eher die Entwicklung des Einzelnen im Blick als die Gesellschaft im Ganzen. 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