{"id":133,"date":"2016-08-07T16:13:53","date_gmt":"2016-08-07T14:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=133"},"modified":"2019-03-06T03:44:44","modified_gmt":"2019-03-06T02:44:44","slug":"24-top-ten-der-parteienforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/08\/07\/24-top-ten-der-parteienforschung\/","title":{"rendered":"24. Im Banne des Terrors"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Im Laufe meines Lebens lernte ich verschiedene Gesichter des Terrors kennen, manche noch in direkter Begegnung und in zeitgeschichtlicher Konfrontation, so beispielsweise den nationalsozialistischen Staatsterror, wie er mir zur Zeit des N\u00fcrnberger US-Milit\u00e4rtribunals in der Person Walter Schellenbergs leibhaftig vor Augen gestanden hatte, manche in meiner unmittelbaren Umgebung, von Angesicht zu Angesicht und \u00a0hautnah, so in der Westberliner APO-und RAF-Szene, manche aus der Ferne wie den islamistischen Angriff auf die Twin Towers des World Trade Centers in New York City und auf das Pentagon in Washington D.C. Im Herbst 1989 fuhr ich mit meiner \u00e4ltesten Tochter Anne auf die Plattform eines der T\u00fcrme des World Trade Centers. Wir waren fasziniert von dem Rundblick und ahnten nicht, was sich zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter ereignen sollte. Als am 11. September 2001 zwei von islamistischen Terroristen gekaperte Passagierflugzeuge die Twin Towers rammten und die T\u00fcrme zum Einsturz brachten, erlebte ich \u00a0diesen Terrorakt in den Medienberichte so nahe und grauenhaft, als sei ich selbst dort oben gestanden, mit in die Tiefe gerissen und zermalmt \u00a0worden. Dieses entsetzliche Gef\u00fchl, dem Tod absolut ausgeliefert zu sein, l\u00e4sst sich schwer beschreiben. Der Terror begann sich Anfang des 21. Jahrhunderts zu wandeln und neue Formen anzunehmen. Nicht mehr einzelne Prominente standen als Verk\u00f6rperungen des Systems im Visier der Killerkommandos, sondern beliebige Menschenansammlungen. Die Attent\u00e4ter legten es darauf an, v\u00f6llig unberechenbar m\u00f6glichst viele Menschen in den Tod zu rei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir hatten in den 1970er Jahren in Berlin-Sch\u00f6neberg, wo wir bis Ende 1981 im vierten Stock der Bambergerstra\u00dfe 59 wohnten, eines Morgens erlebt, wie mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten in die Wohnung unter uns eindrangen und eine junge Frau festnahmen. Christa G. hatte eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit einer polizeilich gesuchten Terroristin der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Vermutlich war sie einer alten Dame aus dem Hinterhaus verd\u00e4chtig erschienen. Dass Christa im Stockwerk unter uns Mitglied einer Wohngemeinschaft von Studierenden und jungen Berufsanf\u00e4ngern war, hatte ins Bild gepasst. In Westberlin war in der Bev\u00f6lkerung die Anti-APO und Anti-RAF-Stimmung so aufgeladen, dass man rasch Opfer von Anzeigen hatte werden k\u00f6nnen. Wie stark die Terrorbek\u00e4mpfung sich auf viele \u00f6ffentliche Bereiche auswirkte und wie hautnah sie erlebt werden konnte, daf\u00fcr kann ich noch ein weiteres Beispiel schildern, das mich selbst und meine Forschungsarbeit betraf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Von Carabinieri besch\u00fctzt in die Konferenz, Fiuggi 1983<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im September 1983 wurde ich zusammen mit drei Parteien- und Wahlforschern, darunter der Mannheimer Ordinarius Rudolf Wildenmann, von der Agenzia di Recerca Legislazione (AREL, Roma) nach Fiuggi zu einer Konferenz zum Thema \u201eLa riorganizzione di un partito democratico cristiano\u201c eingeladen. Fiuggi ist eine Kleinstadt in der Region Latium, achtzig Kilometer \u00f6stlich von Rom. Die AREL stand der Democrazia Cristiana (DC) nahe, die in die Phase ihrer politischen Agonie eingetreten war. Ich sollte mit einem Vortrag \u00fcber das Parteimanagement der CSU organisationspolitische Wege aus der Parteienkrise aufzeigen. Mit wissenschaftlichen Vortr\u00e4gen konnte der Niedergang der DC allerdings, das war jedem Parteienforscher klar, nicht aufgehalten werden. Prof. Dr. Rudolf Wildenmann, Prof. Dr. Franz Lehner und Prof. Dr. Karl Schumacher (CDU) und ich flogen von Frankfurt am Main nach Rom. Am Flughafen wurden wir sogleich von einer Gruppe Carabinieri empfangen und zum Ausgang gebracht. Unter dem Schutz ihrer Maschinengewehre wurden wir nach Fiuggi eskortiert. Das Konferenzgeb\u00e4ude war von Carabinieri umstellt und bewacht. Unter den prominenten italienischen Teilnehmern war der damalige Finanzminister Nino Andreatta. Auch die Konferenz in Fiuggi war \u201eWissenschaft jenseits des Elfenbeinturms\u201c. Was gab den besonderen Anlass zu diesen Schutzma\u00dfnahmen?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-656 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001-700x488.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001-700x488.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001-768x536.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001-800x558.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/24_001.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Auf der R\u00fcckreise von Fiuggi, Piazza Navona, Rom, 14.9.1983; rechts: Prof. Dr. Rudolf Wildenmann (1921\u20131993), Universit\u00e4t Mannheim, Politikwissenschaft, Parteien- und Wahlforschung; links: Prof. Dr. Alf Mintzel (*1935), Universit\u00e4t Passau, Soziologie, Parteienforschung; Photo: Franz Lehner<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Roten Brigaden hatten im M\u00e4rz 1978 Aldo Moro (1916\u20131978) zusammen mit f\u00fcnf seiner Leibw\u00e4chter ermordet. Wie die alte Bundesrepublik unter dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF), so hatte Italien bis in die 1980er Jahre hinein unter den Attacken der Roten Brigaden zu leiden. Aldo Moro, 1978 Vorsitzender der Democrazia Cristiana, war zu jener Zeit auf dem Weg ins italienische Parlament entf\u00fchrt und nach erfolglosen Verhandlungen umgebracht worden. Seine Leiche war am 9. Mai 1978 im Zentrum Roms in einem Renault R 4 gefunden worden. Bis heute wurden die Hintergr\u00fcnde des Mordes und die Rolle des Mittelsmannes des Papstes Paul VI. zwischen dem Vatikan und den Roten Brigaden nicht aufgekl\u00e4rt. Der Papst hatte sich sogar als Geisel zum Austausch angeboten. Die Spekulationen \u00fcber den Mord hatten den Verdacht gespeist, dass es um die Rolle Aldo Moros als Vermittler zwischen der konservativen Democrazia Cristiana und der Kommunistischen Partei Italiens unter Enrico Berlinguer ging. Die KPI hatte nach den Wahlen von 1976 eine politische Mehrheit in Italien und eine Minderheitsregierung unter Aldo Moro geduldet. Aldo Moro war einer der wichtigsten Bef\u00fcrworter des sogenannten \u201eHistorischen Kompromisses\u201c gewesen, der die politische Spaltung des Landes h\u00e4tte beenden und zu einer Regierungsbeteiligung der Kommunisten f\u00fchren sollen. Der US-amerikanische Geheimdienst war immer wieder mit der Entf\u00fchrung und Ermordung Aldo Moros in Verbindung gebracht worden. Der Terror der Roten Brigaden, der Italien bis in die 1980er Jahre hinein verunsicherte, machte scharfe Sicherheitsma\u00dfnahmen selbst bei politikwissenschaftlichen Konferenzen mit politisch brisanten Themen n\u00f6tig. Ich stand in der Feldforschung und im Verwertungsprozess vor Anforderungen, wie sie j\u00fcngere Parteienforscher wohl nicht mehr erlebten. So lie\u00dfe sich Episode an Episode reihen, die eine aufregender als die andere. Mein Vortrag erschien in italienischer Sprache in einer Buchpublikation der AREL.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Manchmal hatte ich mir gew\u00fcnscht, auf fachwissenschaftlichen Feldern zu forschen und zu publizieren, die in weniger sensiblen Bereichen lagen. Wie angenehm hatten es Kollegen, die in stillen und wohlgeordneten Archiven Themen bearbeiteten, die weit ablagen vom Get\u00f6se und den F\u00e4hrnissen einer im rasanten Wandel begriffenen politischen Welt. Sie studierten hinter Regalen und Papierstapeln alte Hinterlassenschaften von Dichtern und Gelehrten und registrierten und enth\u00fcllten literarische Schn\u00f6rkel von Autoren, die kaum einer mehr kannte. Oder sie zogen an der Passauer Grenze zwischen dem r\u00f6mischen Noricum und R\u00e4tien antike Gegenst\u00e4nde aus dem Boden und aus dem Inn und best\u00e4tigten zum Jubel der Einwohner die Bedeutung Passaus als r\u00f6mischen Milit\u00e4rsitz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Laufe meines Lebens lernte ich verschiedene Gesichter des Terrors kennen, manche noch in direkter Begegnung und in zeitgeschichtlicher Konfrontation, so beispielsweise den nationalsozialistischen Staatsterror, wie er mir zur Zeit des N\u00fcrnberger US-Milit\u00e4rtribunals in der Person Walter Schellenbergs leibhaftig vor Augen gestanden hatte, manche in meiner unmittelbaren Umgebung, von Angesicht zu Angesicht und \u00a0hautnah, so&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[356,358,355,354,353,352,357,195,359],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":676,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}