{"id":135,"date":"2016-08-07T16:16:15","date_gmt":"2016-08-07T14:16:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=135"},"modified":"2019-03-06T03:13:24","modified_gmt":"2019-03-06T02:13:24","slug":"25-passauer-denkmal-pflege-akademischer-weihrauch-und-beschimpfungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/08\/07\/25-passauer-denkmal-pflege-akademischer-weihrauch-und-beschimpfungen\/","title":{"rendered":"25. Passauer Denkmal-Pflege, akademischer Weihrauch und Beschimpfungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">\u201e<strong>Fritz Sch\u00e4ffer zum Gedenken\u201c, Mai 1988<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einen nachhaltigen Schlagabtausch mit bayerischen Landeshistorikern lieferte ich mir im Mai 1988. Hierzu gab es einen doppelten Anlass. Am 12. Mai 1988 w\u00e4re der bayerische Politiker Fritz Sch\u00e4ffer (1888\u20131967) hundert Jahre alt geworden. Die gro\u00dfe politische Bedeutung Fritz Sch\u00e4ffers und das Datum legten es nahe, zu seinem Ged\u00e4chtnis Veranstaltungen zu organisieren. Sch\u00e4ffer war im Bundeswahlkreis Passau zu den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 erfolgreich als Direktkandidat der CSU angetreten und von 1949 bis 1961 Bundesminister gewesen. Ged\u00e4chtnisfeiern in Passau auszurichten war folglich eine niederbayerische Ehrenpflicht. Im Mai 1988 fanden aus diesem Grund zwei Gro\u00dfveranstaltungen statt, die politisch-zeithistorische Ausstellung \u201e100 Jahre Fritz Sch\u00e4ffer\u201c in den Museumsr\u00e4umen des niederbayerischen Klosters Asbach und ein wissenschaftliches Symposion \u201ezum Gedenken Fritz Sch\u00e4ffers\u201c an der Universit\u00e4t Passau. Die Asbacher Veranstaltung wurde ma\u00dfgeblich von Prof. Dr. Peter Claus Hartmann, dem Inhaber der Passauer Professur f\u00fcr bayerische Landesgeschichte, und seinem Mitarbeiter Dr. Otto Altenhofer konzipiert und durchgef\u00fchrt. Sie stand unter der Schirmherrschaft des bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Franz Josef Strau\u00df und wurde von zahlreichen Institutionen und Pers\u00f6nlichkeiten der Stadt Passau, des Landkreises Passau und Niederbayerns sowie des Freistaates Bayern getragen. Dem \u201eEhrenausschuss\u201c geh\u00f6rten prominente Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Kirchen, Presse und Wissenschaft an. Ungeachtet ihrer zeithistorischen Dokumentation und Ausrichtung hatte diese Ausstellung, \u201eum dieses gro\u00dfen bayerischen Politikers geb\u00fchrend zu gedenken\u201c, einen eminent politischen Charakter. Die Beitr\u00e4ge zum Katalog hatten Politiker verfasst, die \u201ediejenigen hohen \u00c4mter bekleideten, die einst Fritz Sch\u00e4ffer innegehabt hatte\u201c (Katalog). Es war eine Ausstellung auf wissenschaftlicher Basis mit politischer Ausrichtung inklusive Gedenkgottesdienst. Dagegen war aus wissenschaftlicher Sicht grunds\u00e4tzlich nichts einzuwenden. Eine Stadt, eine Region und deren gro\u00dfe Mehrheitspartei gedachten einer ihrer politischen Gr\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Anders stand es mit dem wissenschaftlichen Symposium \u201ezum Gedenken Fritz Sch\u00e4ffers\u201c an der Universit\u00e4t Passau. In diesem Falle galten, so k\u00f6nnte man annehmen, ausschlie\u00dflich wissenschaftliche Ma\u00dfst\u00e4be. Tr\u00e4ger und Organisator des Symposions \u00fcber F\u00f6deralismus und Finanzpolitik war der Passauer Lehrstuhl f\u00fcr Volkswirtschaftslehre, den Prof. Dr. Wolfgang M\u00fcckl innehatte. Im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung stand das Wirken Sch\u00e4ffers als ehemaliger bayerischer Staatminister f\u00fcr Finanzen (1931\u20131933) und als Bundesfinanzminister (1949 bis 1957). Ich erfuhr von den bevorstehenden Gedenkveranstaltungen aus der Presse und \u00fcber universit\u00e4tsinterne Kan\u00e4le. Von keiner Seite kam eine Einladung zur Teilnahme, geschweige denn zu einem Beitrag. Es herrschte Schweigen, als h\u00e4tte ich mich nie mit der CSU und dem Politiker Fritz Sch\u00e4ffer befasst. Kurz vor Beginn des Symposiums kamen ausw\u00e4rtige Professoren an meinen Lehrstuhl, um sich aus der \u201eSammlung Mintzel\u201c noch Informationen und Daten f\u00fcr ihre Referate zu holen. Selbstverst\u00e4ndlich gew\u00e4hrte ich den Wissenschaftlern Zugang zu meinem Material.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Vorg\u00e4nge bewogen mich dazu, die Gedenk-Veranstaltungen auf externem Wege mit einem eigenen Beitrag zu begleiten. Ich kam mit Michael Stiller von der Bayern-Redaktion der S\u00fcddeutschen Zeitung \u00fcberein, zum Auftakt der Passauer Veranstaltungen f\u00fcr die Seite \u201eBerichte aus Deutschland\u201c ein politisches Portr\u00e4t Sch\u00e4ffers zu verfassen. Es erschien p\u00fcnktlich am 11. Mai 1988 in der Nummer 109 unter dem Titel \u201eDrei Karrieren, handfeste Intrigen und ein Juliusturm\u201c. Der Untertitel lautete: \u201eDie Festreden vermitteln nicht die ganze Wahrheit \u00fcber den erzkonservativen bayerischen Politiker\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Zeitungsartikel zu einem tagespolitischen Ereignis von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung unterliegt anderen stilistischen Bedingungen und Anforderungen als eine wissenschaftliche Abhandlung. Er muss allgemeinverst\u00e4ndlich, knapp, differenziert und pointiert komplexe Sachverhalte beschreiben. Geht es um einen strittigen Fall, darf mit spitzer Feder gestritten werden. Verk\u00fcrzungen sind unvermeidlich. Diese Kriterien trafen auf meinen fast ganzseitigen Artikel zu. Ich gebe ihn im Folgenden in Ausschnitten wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Drei Karrieren, handfeste Intrigen und ein Juliusturm, 11.05.1988<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Es ist kein Zufall, dass Universit\u00e4t, Stadt und Landkreis Passau zu Ehr und Preis des bayerischen Politikers in der niederbayerischen Barockkirche Kloster Asbach eine Ausstellung &gt;100 Jahre Fritz Sch\u00e4ffer. Treudeutsch \u2013 kernbayerisch&lt; veranstalten. Sch\u00e4ffer war in den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 erfolgreicher Direktkandidat der CSU im Bundeswahlkreis Passau.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Im Abstand der Jahre und Generationen verblassen die K\u00e4mpfe, Intrigen und Legenden der einstmaligen knorrigen und bissigen Charakterdarsteller des \u201eBayerischen Welttheaters\u201c. Der Historiker Golo Mann sagte einmal, man d\u00fcrfe historische Ereignisse nicht immer zu nahe betrachten, weil dann das Gro\u00dfe, das sich im historischen Prozess als Ergebnis von erbitterten K\u00e4mpfen, Intrigen und Gemeinheiten am Ende herausgebildet habe, sehr h\u00e4sslich erscheinen k\u00f6nnte. So verh\u00e4lt es sich auch bei n\u00e4herer Betrachtung der Figur Fritz Sch\u00e4ffers im politischen Kr\u00e4fte- und R\u00e4nkespiel Bayerns und Bonns.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>In Reden und Vortr\u00e4gen wird mit wohl abgewogenen Worten der bedeutendste bayerische Politiker und deutsche Staatsmann portr\u00e4tiert, werden seine Verdienste hervorgehoben \u2013 zu Recht und mit guten Gr\u00fcnden. Daran besteht kein Zweifel: Sch\u00e4ffer geh\u00f6rte zu den herausragenden politischen Gestalten der bayerischen und deutschen Politik. Aber es gibt auch das Hinterh\u00e4ltige, das Fragw\u00fcrdige, das Zwiesp\u00e4ltige und Doppeldeutige, das Unbequeme in dieser Person. Man muss die internen Protokolle der F\u00fchrungsorgane und Parteitage der CSU und Bayernpartei, die vertraulichen Dossiers der Kontrahenten und die geheimen Berichte der Spitzel und Denunzianten gelesen haben, um sich die Sch\u00e4rfe, Heftigkeit und Verbissenheit der innerparteilichen und zwischenparteilichen Auseinandersetzungen vorstellen zu k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sch\u00e4ffer spielte in der Fr\u00fch- und Aufbaugeschichte der CSU eine wenig r\u00fchmliche Rolle. Er war ein rebellischer Quertreiber und Spalter. Er betrieb eine hintergr\u00fcndige, auf gut bayerisch &gt;hinterfotzige&lt; Schaukelpolitik zwischen CSU und Bayernpartei, er intrigierte und verbreitete Legenden, er missionierte &gt;kernbayerisch&lt; und wollte auf Biegen und Brechen an die Spitze der bayerischen Politik<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sein politisches Leben war wechselvoll: Dreimal kam er nach oben, in der Weimarer Republik im Jahre 1945 und ein drittes Mal 1949. Zweimal wurde er in die Tiefe gerissen, 1933 und 1945. In den Jahren 1947\/48 verrannte er sich in den F\u00fchrungs- und Richtungsk\u00e4mpfen der CSU und im &gt;Bruderkrieg&lt; zwischen CSU und Bayernpartei. 1949 kam er durch die niederbayerische Hintert\u00fcr Passaus noch einmal in die gro\u00dfe Politik zur\u00fcck. 1961 trat er ehrenvoll von der politischen B\u00fchne ab und starb am 29. M\u00e4rz 1967 in Berchtesgaden. (\u2026)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Im katholischen Milieu aufgewachsen und noch im K\u00f6nigreich Bayern in den Staatsdienst eingetreten, wurde er geradezu selbstverst\u00e4ndlich Mitglied der Bayerischen Volkspartei. Engagement, Ehrgeiz und Umst\u00e4nde brachten ihn in politische Spitzenpositionen. Von 1920 bis 1933 geh\u00f6rte er dem Bayerischen Landtag an. Im Mai 1929 avancierte er zum Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei Am 16.09.1931 ernannte ihn der bayerische Ministerpr\u00e4sident Heinrich Held zum Staatsrat und beauftragte ihn mit der F\u00fchrung des bayerischen Finanzministeriums. Im Untergang der Weimarer Republik und im Zuge der Gleichschaltung der L\u00e4nder durch das NS-Regime wurde er von den Strudeln mit in die Tiefe der bayerischen und deutschen Geschichte gerissen. Mit dem von den Nazis erzwungenen R\u00fccktritt des Kabinetts Held endete im M\u00e4rz 1933 die erste politische Karriere Sch\u00e4ffers.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Gewiss, als die Nazis daran gegangen waren, die L\u00e4nder gleichzuschalten und zu Verwaltungsprovinzen des &gt;Dritten Reiches&lt; zu erniedrigen, hatte der Erzf\u00f6deralist und bayerische Etatist Sch\u00e4ffer mit anderen versucht, Bayern vor der nationalsozialistischen &gt;Macht\u00fcbernahme&lt; zu bewahren und die f\u00f6derale Struktur des Deutschen Reiches zu retten. Aber als Verteidiger von Republik, Demokratie und Freiheit hatte er sich dabei nicht hervorgetan. Bayern, Bayern \u00fcber alles, war seine Devise \u2013 auch um den Preis der republikanischen Staatsverfassung. In letzter Minute hatte er in Bayern der &gt;braunen Diktatur&lt; die Monarchie entgegensetzen wollen. Ein demokratischer Widerstandsk\u00e4mpfer war er also nicht gewesen. Im Kampf gegen die Sozis und Kommunisten hatte er allemal, nach rechts halbblind, nach links christlich-draufg\u00e4ngerisch, auf der Seite der Nazi gestanden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Im Mai \/Juni 1933 erzwangen die neuen Machthaber die Aufl\u00f6sung der politischen Parteien und etablierten den Einpartei-Staat. In einer Verhaftungsaktion gegen viele Mandatstr\u00e4ger der BVP brachten die Nazi Ende Juni 1933 auch Sch\u00e4ffer hinter Gitter. Nach kurzer Zeit entlassen, zog sich Sch\u00e4ffer in das Privatleben zur\u00fcck und ern\u00e4hrte seine Familie als Rechtsanwalt \u2013 sowie mit dem von den Nazis gew\u00e4hrten Ruhegehalt eines Staatsrates a. D. Die Rache der des NS-Regimes brachte ihn allerdings nach dem 20. Juli 1944 kurzfristig ins KZ Dachau.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Am 28. Mai 1945 setzte ihn die amerikanische Milit\u00e4rregierung f\u00fcr Bayern als bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten ein. \u00dcber Nacht war Sch\u00e4ffer in das Amt gelangt, das er schon 1933 angestrebt hatte Die amerikanischen Offiziere hatten anfangs zu wenig historische und personelle Hintergrundkenntnisse und zu vage Direktiven. Sie fanden sich nur schrittweise in den \u201ebayerischen Verh\u00e4ltnissen\u201c zurecht. Ehemals prominente Repr\u00e4sentanten der BVP hatten sich den Amerikanern gegenseitig empfohlen und die tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung des Kardinals Faulhaber erhalten. Die mutigen Predigten Faulhabers gegen den Nationalsozialismus waren im Ausland bekannter geworden als seine antidemokratischen \u00c4u\u00dferungen. Die Amerikaner sahen in der katholischen Kirche eine Bastion des Anti-Nationalsozialismus, \u00fcbersahen aber anfangs deren Distanz zur liberalen Demokratie. So konnte die noch intakte r\u00f6misch-katholische Kirche ihre politischen &gt;Vertrauensleute&lt; aus der fr\u00fcheren BVP, konservative B\u00fcrgerliche und Monarchisten, in den Vordergrund schieben. Der politische Katholizismus Bayerns und die Erzbayern priesen das &gt;Gl\u00fcck, dass es der Kirche &#8211; geleitet von einer so \u00fcberragenden Pers\u00f6nlichkeit wie Kardinal Faulhaber &#8211; gelungen ist, in der gegenw\u00e4rtigen Lage durch ihre Vertrauensm\u00e4nner die Verwaltung Bayerns in die Hand bekommen zu haben.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sch\u00e4ffers Regierungskonzept f\u00fcr Bayern war: fachm\u00e4nnische Notstandsverwaltung mit Hilfe des bayerischen Berufsbeamtentums; Wiedergewinnung, Reorganisation und Festigung bayerischer Eigenstaatlichkeit in Ankn\u00fcpfung an die bayerische Staatstradition; Aufschub von Neu- und Wiedergr\u00fcndung politischer Parteien; \u201eunpolitische\u201c Zusammenarbeit der Aufbaukr\u00e4fte auf der Grundlage des &gt;christlichen Sittengesetzes&lt;. Er betrieb unter der Etikette einer angeblich unpolitischen Notstandsverwaltung und einer scheinbar parteineutralen Aufbaupolitik die handfeste Politik eines katholisch-konservativen, autorit\u00e4r gesinnten bayerischen Etatisten. Seine politische Gedankenwelt war 1945 meilenweit von dem entfernt, was unter einer liberalen Demokratie zu verstehen ist. (\u2026) Wenn \u00fcberhaupt, dann wollte Sch\u00e4ffer an der Tradition und Gedankenwelt der Bayerischen Volkspartei wiederankn\u00fcpfen. Die letztverbindliche Maxime seiner Ideenwelt war die Wiederherstellung eines starken bayerischen Staates. Dieser sollte zu einem Hort &gt;der christlich-konservativen Kr\u00e4fte &lt; werden. Ein Separatist war er allerdings nicht. F\u00fcr die Besatzungsmacht war die eingesetzte bayerische Regierung reine Auftragsverwaltung. Das Kabinett Sch\u00e4ffer und die bayerische Staatsverwaltung hatten zu gehorchen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Hauptanlass f\u00fcr seine Absetzung war die Entnazifizierung. Sch\u00e4ffer wiedersetzte sich im Sommer 1945 der amerikanischen Entlassungs- und Entnazifizierungspolitik (\u2026) Die Entnazifizierung wurde zur Existenzfrage der Sch\u00e4ffer-Regierung. Auf Anweisung General Dwight D. Eisenhowers wurde Sch\u00e4ffer am Abend des 28. September 1945 amtsenthoben und der Sozialdemokrat Wilhelm H\u00f6gner als bayerischer Ministerpr\u00e4sident eingesetzt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Nun wollte Sch\u00e4ffer an die Spitze der CSU gelangen. Im CSU-Richtungs- und F\u00fchrungskampf um den &gt;richtigen&lt; bayerischen Kurs in der deutschen Nachkriegsgeschichte sammelte und formierte er mit Alois Hundhammer und Anton Pfeiffer die innerparteiliche Opposition gegen den ersten Landesvorsitzenden, Josef M\u00fcller. Sch\u00e4ffer sah in M\u00fcller, der dem milit\u00e4rischen Widerstand um Canaris angeh\u00f6rt hatte und aus dem KZ Flossenb\u00fcrg befreit worden war, einen Intimfeind, der ihn um das politische Erbe der BVP zu bringen drohte. Er schob der angeblichen Konspiration M\u00fcllers mit der amerikanischen Besatzungsmacht zu Unrecht seine Absetzung zu. Am 21. M\u00e4rz 1946 zum Vorsitzenden des CSU-Bezirksverbandes M\u00fcnchen gew\u00e4hlt, verwandelte Sch\u00e4ffer den Stadtverband vollends in eine Operationsbasis gegen den liberal-konservativ und interkonfessionell gesinnten, gem\u00e4\u00dfigt f\u00f6derativen M\u00fcller.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Die amerikanische Besatzungsmacht, inzwischen mit den &gt;bayerischen Verh\u00e4ltnissen&lt; und ihren politisch-historischen Hintergr\u00fcnden besser vertraut, untersagte Sch\u00e4ffer im April 1946 jegliche politische Bet\u00e4tigung. Die Amerikaner waren zur \u00dcberzeugung gelangt, Sch\u00e4ffer sei ein gesinnungsm\u00e4\u00dfiger Steigb\u00fcgelhalter der Nazis gewesen. Auch seine Hinhaltetaktik in der Entnazifizierungsfrage f\u00fchrten sie auf diesen &gt;spirit of cooperation&gt; mit den Nazis zur\u00fcck, ist den vertraulichen Dossiers zu entnehmen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Nachdem die Amerikaner das politische Bet\u00e4tigungsverbot im November 1947 aufgehoben hatten, betrat Sch\u00e4ffer wieder die politische B\u00fchne Bayerns. Diesmal stellte er sich mit einem geradezu religi\u00f6sen Sendungsbewusstsein als idealistisches &gt;Opfer&lt; und als bayerischen &gt;M\u00e4rtyrer&lt; vor, der sich in der auferlegten Zur\u00fcckgezogenheit auf die gro\u00dfen Aufgaben vorbereitet habe und zur &gt;inneren Reform&lt; sowie zur Rettung der CSU berufen sei.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Altbayern war noch nicht ganz reif f\u00fcr die gro\u00dfe interkonfessionelle Sammlungsidee. Sch\u00e4ffer interpretierte 1947\/48 den Unionsgedanken um und gab ihm eine altbayerische Fassung. Union hie\u00df f\u00fcr ihn haupts\u00e4chlich katholisch-konservative Blockbildung mit altbayerischem Schwerpunkt. Unter &gt;Union&lt; verstand er die Wiedervereinigung der zwei Parteien des gespaltenen katholisch-konservativen Lagers, der CSU und der Bayernpartei. Er war bereit, den Parteinamen &gt;CSU&lt; preiszugeben. In den F\u00fchrungs- und Richtungsk\u00e4mpfen brachte sich der altbayerische Streithahn durch seine aufwieglerischen Winkel- und Schachz\u00fcge und durch zwielichtiges Taktieren zwischen CSU und BP ins Aus. Dem Ausschluss aus der CSU kam er am 14. September 1948 durch seinen Parteiaustritt zuvor. Die Bayernpartei hatte ihm im Juni 1948 eine Abfuhr erteilt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sch\u00e4ffer musste seine Hoffnungen begraben, als der gro\u00dfe Retter und Vereinigungspolitiker in die bayerische Geschichte einzugehen, Er hatte das Gegenteil von dem bewirkt, was er wollte. Er hatte mit seiner Rebellion die Krise der CSU auf die Spitze getrieben. Der kleine Staatsrat a. D. hatte keinem verfassungsgebenden Gremium angeh\u00f6rt. Er war nicht zum Vater der bayerischen Verfassung oder des Grundgesetzes geworden. Der alte Plan, das Amt des bayerischen Staatspr\u00e4sidenten einzurichten, war vereitelt worden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Die ihm heute nachger\u00fchmten Verdienste erwarb sich Sch\u00e4ffer erst wirklich, als sich die besatzungspolitische und innerdeutsche Situation entscheidend gewandelt hatte \u2013 nach der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik. Vor der ersten Bundestagswahl kam der Ruf an ihn aus Passau; in dieser Stadt hatte Sch\u00e4ffer enge famili\u00e4re und politisch-klerikale Kontakte. CSU-Honoratioren holten mit bisch\u00f6flicher Unterst\u00fctzung Sch\u00e4ffer nach Passau und boten ihm eine Direktkandidatur im Bundestagswahlkreis Passau an. Der Passauer Bischof bef\u00fcrchtete, wie seine bayerischen Amtskollegen, dass der &gt;Bruderstreit&lt; zwischen CSU und Bayernpartei im Bundestagswahlkampf die Vorherrschaft der &gt;beiden christlichen Parteien&lt; gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Unter der strategischen Devise &gt;Einigung der christlichen Front&lt; begann sich die katholische Kirche Bayerns auf die Seite der CSU zu schlagen. Jetzt erst, als CSU-Bundestagsabgeordneter und Bundesminister, konnte Sch\u00e4ffer am innerbayerischen &gt;christlichen&lt; Vereinigungswerk mitarbeiten und der CSU bei der endg\u00fcltigen Niederringung der Bayernpartei helfen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sieger-Ehrung in Passau 1988. Es gibt eine Fritz-Sch\u00e4ffer-Promenade, aber keine Joseph \u2013Baumgartner\u2013Stra\u00dfe. Die Universit\u00e4t Passau veranstaltet ein \u201e&gt;Gedenk&lt;-Symposion\u201c. Die &gt;b\u00f6sen&lt; Spalter und Verlierer der anderen &gt;christlichen Partei&lt; werden wie in alt\u00e4gyptischen Dynastien aus dem Ged\u00e4chtnis gemei\u00dfelt. Joseph Baumgartner, der 1948 zur Bayernpartei &gt;\u00fcbergelaufen&lt; und Sch\u00e4ffer im Vorsitz der&gt;Spalter-Partei&lt; zuvorgekommen war, wird mit Vergessen bestraft.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sch\u00e4ffers Rolle als Bundesfinanzminister war vorgezeichnet. Von 1931 bis 1933 hatte er das bayerische Finanzministerium gef\u00fchrt und in den 124 Tagen seiner Ministerpr\u00e4sidentschaft 1945 auch das Finanzressort \u00fcbernommen. Sch\u00e4ffer war von Haus aus Finanz- Steuer- und Haushaltspolitiker. Auf den ersten Blick wirkte Sch\u00e4ffer, der gut in die &gt;kleinb\u00fcrgerlich-mittelst\u00e4ndische Gesellschaft&lt; der ersten Kabinette Adenauer passte, ein typischer Vertreter der trockenen Stehkragen-B\u00fcrokratie. Aber er blieb ein politischer Querkopf mit Format. Beinahe w\u00e4re er Vizekanzler geworden. 1955 war er sogar als denkbarer Nachfolger Adenauers im Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Aus seiner Bonner Zeit blieb vor allem sein &gt;Juliusturm&lt; in Erinnerung. Als knausriger &gt;Bundesbuchhalter&lt; und gewitzter &gt;Finanzakrobat&lt; hatte Sch\u00e4ffer im Bundesaushalt betr\u00e4chtliche R\u00fccklagen angeh\u00e4uft. In Erinnerung an die franz\u00f6sische Kriegsentsch\u00e4digung, die nach dem Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg 1870\/71 als &gt;Kriegsschatz&lt; im Juliusturm, einem Geb\u00e4ude bei Berlin-Spandau, gehortet worden war, wurden die R\u00fccklagen \u201eJuliusturm\u201c genannt. Gerade die sparsame Finanz- und Haushaltspolitik war es aber gewesen, die zwischen Adenauer und Sch\u00e4ffer zu gro\u00dfen Spannungen f\u00fchrte, insbesondere als es den Aufbau der Bundeswehr zu finanzieren galt. Adenauer hielt Sch\u00e4ffers Finanzpolitik f\u00fcr zu &gt;fiskalisch&lt; und f\u00fcr zu wenig an innen- und au\u00dfenpolitischen Notwendigkeiten orientiert. Sch\u00e4ffer drohte des \u00d6fteren mit seinem R\u00fccktritt. Er \u00e4rgerte Adenauer einmal mit der Bemerkung: &gt;Die CSU ist eine bayerische Partei und nicht dem Kommando eines fremden Parteichefs unterworfen&lt;. Eine wirkliche Kraftprobe mit dem Kanzler wagte aber damals selbst das bayerische &gt; Eisenhaupt Sch\u00e4ffer&lt; (F.J. Strau\u00df, 1955) nicht. 1957 musste Sch\u00e4ffer in das Bundesjustizministerium \u00fcberwechseln. Adenauer wollte den &gt;Finanzbuchhalter&lt; Sch\u00e4ffer nicht nochmals das Bundesfinanzministerium leiten lassen. 1961 folgte ein getr\u00fcbter Abgang aus der Politik.\u201c<\/em><br \/>\nSoweit meine Portr\u00e4tskizze.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich konnte es mir nicht verkneifen, am Schluss noch einen kr\u00e4ftigen Seitenhieb gegen etablierte Landeshistoriker zu richten, und forderte eine weniger staatsschmeichelnde und hagiografische Landesgeschichtsschreibung ein: \u201eDer Landesversch\u00f6nerungsverein &gt;berufener&lt; Historiker gl\u00e4ttet und \u00fcberhebt von r\u00fchmlichen Ausnahmen abgesehen, mit akademischen Worten die damaligen Ereignis- und Wirkungsgeschichte. Der renommierte Landeshistoriker Andreas Kraus, der sich in seiner &gt;Geschichte Bayerns \u2013 Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart&lt; in die Nachkriegsgeschichte vorwagte, widmet von insgesamt 745 weniger als vier Seiten der Zeit nach 1945 \u2013 und dies unter der Kapitel\u00fcberschrift &gt;Bayern im NS-Reich&lt;. Eine gro\u00dfe Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945 muss erst noch geschrieben werden. Dies verlangt den Mut, \u00fcber den Horizont einer lammfrommen bayerischen Denkm\u00e4ler-Pflege hinauszugehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Beschimpfungen und Sympathien-Bekundungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Artikel verfehlte nicht die beabsichtigte Wirkung. Er schlug nicht nur in Passau wie eine Bombe ein und hinterlie\u00df Verletzte. Am 12. Mai 1988 wurde die Asbacher Ausstellung mit einem Gedenkgottesdienst er\u00f6ffnet. Es waberte viel Weihrauch durch die Veranstaltung. Am 19. Mai 1988 begann an der Universit\u00e4t Passau das Symposion \u201ezum Gedenken an Fritz Sch\u00e4ffer\u201c, am Abend des 19. Mai empfing die bayerische Staatsregierung im Passauer Rathaus die Initiatoren, Organisatoren und Teilnehmer der beiden Gedenk-Veranstaltungen. Der gro\u00dfe Rathaussaal und die Nebenr\u00e4ume waren rappelvoll. Prominente und weniger Prominente schl\u00e4ngelten sich durch die R\u00e4ume und bildeten Trauben an den Stehtischen, delikate Speisen und Getr\u00e4nke wurden herumgereicht. Das Stimmengewirr lie\u00df kaum eine Unterhaltung zu. Man musste ganz nahe beieinanderstehen, um sich unterhalten zu k\u00f6nnen. Ich war unter den G\u00e4sten, und prompt kam es zu einer Kollision mit Mitgliedern der Familie Sch\u00e4ffer. Sie beschimpften mich wutentbrannt, bezeichneten meinen Artikel als Pamphlet und Unversch\u00e4mtheit, das sei keine Wissenschaft, sondern Verunglimpfung. Die Redaktion der S\u00fcddeutschen Zeitung berichtete mir sp\u00e4ter, ein Mitglied der Familie Sch\u00e4ffer habe sich erz\u00fcrnt an die Redaktion gewandt und die Zeitung abbestellt. Familienmitglieder fragten mich allen Ernstes, ob Franz Josef Strau\u00df hinter meinem Artikel stehe. Sie hegten anscheinend den Verdacht, er k\u00f6nnte hintergr\u00fcndig mitgewirkt haben. Animosit\u00e4ten und Rivalit\u00e4ten aus alten Tagen waren herauszuh\u00f6ren. Meine Einw\u00e4nde gegen eine hagiografisch verkl\u00e4rende Feier blieben ungeh\u00f6rt. Anstatt die Universit\u00e4t indirekt politisch in den Dienst zu nehmen, h\u00e4tte das wissenschaftliche Symposium von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung ausgerichtet werden m\u00fcssen. Ich war nicht der einzige aus dem Kreis der Professorenschaft, der sich an dem akademischen Weihrauch st\u00f6rte, der um die Person Sch\u00e4ffer gewedelt wurde. Ein Dutzend Kollegen aus der Philosophischen Fakult\u00e4t kamen auf mich zu und bekundeten ihre Sympathie f\u00fcr meinen bissigen Artikel. Professor Paul Lankes, der Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Kunsterziehung, skizzierte mich am\u00fcsiert als Denkmal-St\u00fcrzer. Er traf mit sicherem Strich Sch\u00e4ffers B\u00fcste und den kleinen Mintzel, wie er mit einer Brechstange die B\u00fcste vom Sockel holt. Mag der \u201eFall Sch\u00e4ffer\u201c eine besondere politische Delikatesse gewesen sein, es wurden jedenfalls Bedenken gegen eine allzu bereitwillige politische Indienstnahme der Universit\u00e4t laut, zumal gegen einseitige Glorifizierungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-657 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-700x525.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-800x600.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_001.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Prof. Paul Lankes, Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Kunstp\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Passau, Bleistiftskizze, 1988, recto beschriftet: \u201eAlso da gehts ja nicht um den Sch\u00e4ffer allein, da mu\u00df ja jeder, der da flei\u00dfig an seinem Denkmalsockel mauert besorgt sein, da\u00df der Mintzel ihn herunterkippt. Trotz meines Sinns f\u00fcr Denkmalpflege hat mir Ihr Artikel sehr gut gefallen. Gratuliere. Paul Lankes.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meine Bemerkung, \u201eeine gro\u00dfe Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945 (m\u00fcsse) erst noch geschrieben werden\u201c und meine provokative Aufforderung an die bayerische Landgeschichtsschreibung, mit mehr \u201eMut \u00fcber den Horizont einer lammfrommen bayerischen Denkm\u00e4ler\u2013Pflege hinauszugehen\u201c, wurden in Verlagen vernommen. Noch w\u00e4hrend des Symposiums erschienen die Herren des Olzog-Verlages an meinem Lehrstuhl und wollten mich f\u00fcr ein Publikationsprojekt gewinnen. Bezeichnenderweise ging der Auftrag an die Verlagsbuchhandlung Ferdinand Sch\u00f6ningh. Der Ertrag des Symposiums wurde 1990 in der Reihe der \u201eRechts- und Staatswissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichungen der G\u00f6rres\u2013Gesellschaft publiziert. Kollege Winfried Becker strafte mich in seinem Beitrag \u201eFritz Sch\u00e4ffer und der F\u00f6deralismus\u201c einmal mehr ab: Er \u00fcberging meine Publikationen, in denen ich mich ausf\u00fchrlich mit Sch\u00e4ffers Wirken befasst hatte. Solche Strafaktionen machten es an der Universit\u00e4t Passau unm\u00f6glich, ein gemeinsames zeitgeschichtliches Bayern-Projekt auf den Weg zu bringen. Mir waren diese kleinkarierten und spie\u00dfigen Konkurrenzspiele und Lagerbildungen in Form von Zitierverweigerungen zuwider. Leider sind sie in den Geschichts- und Sozialwissenschaften eine g\u00e4ngige Praxis.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ausw\u00e4rtige Professoren, die am Passauer Symposium \u00fcber Sch\u00e4ffer teilgenommen hatten, wie beispielsweise Wolf D. Gruner (Hamburg) und Dieter Grosser (M\u00fcnchen), griffen in ihren f\u00fcr die \u201eGedenkschrift f\u00fcr Fritz Sch\u00e4ffer\u201c elaborierten Beitr\u00e4ge auf meine einschl\u00e4gigen Schriften zur\u00fcck. Sie verschwiegen auch nicht meinen Artikel in der S\u00fcddeutschen Zeitung. Die Herausgeber des \u201eBiographischen Lexikons der deutschen Bundeskabinette 1949\u20131998\u201c (2002), Udo Kempf und Hans G. Merk, luden mich ein, das Portr\u00e4t Fritz Sch\u00e4ffers zu verfassen, das Raum bot f\u00fcr eine differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser markanten Politikerpers\u00f6nlichkeit und ihrem historischen Wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ein b\u00f6ses Nachspiel, 1988\/89<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Verh\u00e4ltnis zu den Passauer (Landes-)Historikern wurde 1988 ein weiteres Mal durch einen Schlagabtausch mit dem Historiker-Kollegen Becker gest\u00f6rt. Man mag darin ein notorisches Professorengez\u00e4nk sehen und ihn als ein typisches Beispiel professoraler Besserwisserei abtun, das au\u00dfer den Kampfh\u00e4hnen selbst niemanden interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1988 besprach ich in der \u201ePolitischen(n) Vierteljahresschrift (29. Jg. Heft 4, S. 668-673) Beckers Buch \u201eCDU und CSU 1945\u20131950. Vorl\u00e4ufer, Gr\u00fcndung und regionale Entwicklung bis zum Entstehen der CDU-Bundespartei.\u201c Er antwortete 1989 im ersten Heft dieser Zeitschrift mit einer Replik. Im Grunde ging es in der scharfen Auseinandersetzung um die Deutungshoheit \u00fcber die thematisierten Aspekte der CSU-Geschichte und um die Bewertung einzelner Vorg\u00e4nge in der Gr\u00fcndungsphase der CSU. Dabei spielte ein weiteres Mal mein Fundus an Materialien aus der CSU eine gewichtige Rolle. Der Inhaber des Passauer Lehrstuhls f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte \u00fcbert\u00fcnchte meines Erachtens die \u00fcberaus heftigen Fl\u00fcgel- und Richtungsk\u00e4mpfe in der CSU der Nachkriegszeit mit einem \u201einterkonfessionellen Glaubensbekenntnis\u201c. Becker glaubte, dass sich alles doch nicht so drastisch abgespielt habe, wie ich das in meinen B\u00fcchern \u00fcber die CSU dargestellt hatte. Er bezweifelte die Sch\u00e4rfe der innerparteilichen Konflikte und wollte die erzkonservativen ober- und niederbayerischen Quertreibereien von Alois Hundhammer, Fritz Sch\u00e4ffer und deren Anh\u00e4nger in ein milderes Licht gestellt wissen. Dass Sch\u00e4ffer zeitweise sogar bereit gewesen war, die interkonfessionelle Unionsidee einer \u201ealtbayerisch-katholischen Blockpartei\u201c zu opfern, passte nicht zu Beckers Vorverst\u00e4ndnis. Es h\u00e4tte sich ideologisch-programmatisch in Wirklichkeit nicht so zutragen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diesem Streit um die richtige Bewertung historischer Vorg\u00e4nge lag ein gravierendes empirisches Problem zugrunde: Becker hatte von der \u201eSammlung Mintzel\u201c, die f\u00fcnfhundert Meter von seinem Lehrstuhl in meinen Amtsr\u00e4umen lagerte und prinzipiell f\u00fcr jeden Wissenschaftler zug\u00e4nglich war, keine Kenntnis genommen. Seine Ausf\u00fchrungen zur CSU-Geschichte 1945\u20131950 beruhten auf einer sehr viel schmaleren Quellenbasis als meine Kapitel \u00fcber die Gr\u00fcndungs- und Aufbaujahre der CSU. Kein Wissenschaftler hatte zuvor so viele parteiinterne Quellen gerade auch zu den CSU-internen Richtungs- und Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen auswerten k\u00f6nnen wie ich. Das hatte sich bis ins europ\u00e4ische Ausland herumgesprochen. Junge Wissenschaftler waren angereist, um f\u00fcr ihre Studien \u00fcber \u201eGerman and Bavarian Politics\u201c die \u201eSammlung Mintzel\u201c zu nutzen. Andere bezogen sich auf meine Quellen. Becker glaubte meine Forschungsergebnisse unter dem Blickwinkel der interkonfessionellen Unionsidee in Zweifel ziehen zu k\u00f6nnen. Er wollte nicht wahrhaben, dass in altbayerischen Gebieten der politische Katholizismus in der Nachkriegszeit noch eine Weile heftig nachgewirkt hatte, vor allem in der damaligen politischen Wetterecke Niederbayerns. Ich wandte mich gegen landesgeschichtliche Sch\u00f6nf\u00e4rbereien von politischen K\u00e4mpfen und politisch-ideologischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit. So wie ich den Sachverhalt einsch\u00e4tzte, hatte meine Kritik an Becker nichts mit selbstgef\u00e4lligem Aufplustern und auch nichts mit Korinthenkackerei zu tun. Wir Wissenschaftler haben alle unsere weltanschaulichen Brillen, durch die wir mehr oder weniger scharf die reale Welt betrachten und Erkenntnisse gewinnen. Wir forschen nicht voraussetzungslos, sollten aber nicht an der Empirie vorbei arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">An Beckers Buch \u201eDie CDU und CSU 1945\u20131950\u201c gab es noch anderes zu beanstanden. Ich hatte 1966 einen hundert Seiten umfassenden Beitrag \u00fcber \u201eDie Entwicklung der Berliner Parteien und Gewerkschaften von ihrer Neugr\u00fcndung 1945 bis zu ihrer Konstituierung als Landesverb\u00e4nde der westdeutschen Organisationen\u201c publiziert. Der Beitrag war im Rahmen des mehrj\u00e4hrigen Forschungsprojektes \u201eBerlin \u2013 Hauptstadtanspruch und Westintegration\u201c im Berliner Institut f\u00fcr politische Wissenschaft entstanden und ver\u00f6ffentlicht worden. Darin hatte ich ausf\u00fchrlich die Neugr\u00fcndung, Sonderentwicklung und Programmatik der CDU in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone abgehandelt, also einen Teilbereich der Beckerschen Themenstellung. Das kollegiale Arbeitsklima an der Universit\u00e4t Passau war stark gest\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Diskreditierung meiner Forschungsarbeiten, 1989<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es war eine fachidiotische Unversch\u00e4mtheit zu behaupten, ich h\u00e4tte meine Studien \u00fcber die CSU haupts\u00e4chlich aus Zeitungen und anderen gedruckten Quellen gespeist. Der Historiker Udo Wengst, sp\u00e4ter stellvertretender Direktor des M\u00fcnchner Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte (2008\u20132012), schrieb 1989 in seinem Beitrag zur Festschrift f\u00fcr den Historiker Gerhard Schulz: \u201eAls Grundlage dienten Mintzel lediglich parteiamtliche Publikationen, Zeitungen, Zeitschriften, Korrespondenzen sowie schlie\u00dflich die Jahrb\u00fccher der Unionsparteien und einige wenige parteiinterne Unterlagen wie Rechenschaftsberichte und Organisationsberichte.\u201c Ich war emp\u00f6rt \u00fcber diese Ignoranz und niedertr\u00e4chtige Herabsetzung einer allgemein anerkannten Forschungsleistung. Der Anmerkungsapparat zu meinem ersten Werk \u00fcber die CSU (1975 1. Aufl.; 1978 2. Aufl.) war ein Buch im Buche. Jeder, der die 2205 Anmerkungen auch nur auf die Schnelle durchsah, musste erkennen, dass ich mich auf zahlreiche unver\u00f6ffentlichte Quellen st\u00fctzen konnte. Auch meine \u201eGeschichte der CSU\u201c, die im Jahre 1977 erschienen war, entstand auf dieser breiten Basis bisher noch nicht publizierter Quellen. Die leichtfertige Behauptung von Wengst resultierte entweder aus einer allzu fl\u00fcchtigen Lekt\u00fcre oder er wollte absichtlich meine Forschungsleistung kleinmachen. Jedenfalls mangelte es diesem Historiker an intellektueller Redlichkeit. Ich wandte mich in der Sache an den Kollegen Hans Mommsen und fragte ihn, wie so eine Diskreditierung unter Historikern behandelt werde. In seiner Antwort schrieb Mommsen diese Praxis den \u201ein letzter Zeit bedauerlicher Weise eingerissenen Abgrenzungsritualen [zu], die mit dem Lagerdenken in einem Teil des Faches zusammenh\u00e4ngen.\u201c Er beklagte die \u201esehr unbewegliche historische Fachwelt.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-658 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002-700x1014.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1014\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002-700x1014.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002-768x1112.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002-800x1159.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/25_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Schreiben von Prof. Dr. Hans Mommsen an Prof. Dr. Albrecht Mintzel, 10.4.1990<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wengst wurde sp\u00e4ter von anderer Seite faktisch der Unwahrheit \u00fcberf\u00fchrt. In der \u201eVorbemerkung\u201c zum sp\u00e4teren Findbuch f\u00fcr die \u201eSammlung Mintzel\u201c im Institut f\u00fcr Zeitgeschichte steht zu lesen: \u201eDie Arbeiten Mintzels erregten auch wegen ihrer besonders breiten Quellenbasis Aufsehen. Seine Sammlung parteiinterner Dokumente entstand als Ergebnis umfassender, teilweise langwieriger Recherchen im Generalsekretariat und in der Landesgesch\u00e4ftsstelle der CSU sowie in den Gesch\u00e4ftsstellen der Bezirksverb\u00e4nde. (\u2026) Dieser Fundus an parteiinternen, zum Teil vertraulichen Dokumenten war f\u00fcr die Wissenschaft \u00fcber Mintzels eigene Studien hinaus von gro\u00dfer Bedeutung (\u2026) [Das] Parteiarchiv Alf Mintzels (bildete) gleichsam eine Art Ersatz\u00fcberlieferung und war so Ausgangspunkt f\u00fcr weitere Untersuchungen zur Geschichte der bayerischen Unionspartei.\u201c (Thomas Schlemmer).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kollegen, die mit meinen Forschungen vertraut waren, rieten mir, nicht so d\u00fcnnh\u00e4utig auf Fehlurteile zu reagieren. Wengst habe sich doch mit seiner unsachlichen Kritik selbst l\u00e4cherlich gemacht. Und Beckers katholische Sicht auf die CSU sei es ebenfalls nicht wert, in diesem oder jenem Detail blo\u00dfgestellt zu werden. Ich sollte diese Kritiker nicht noch dadurch aufwerten, indem ich mich \u00fcberhaupt damit befasste. Das mag so sein. Doch war ich damals \u00fcber diese wissenschaftliche Unredlichkeit so erbost und zornig, dass ich in meinem autobiografischen R\u00fcckblick in puncto haltloser Kritiken meine D\u00fcnnh\u00e4utigkeit nicht verbergen kann. Mein protestantisches Arbeits- und Berufsethos forderten grunds\u00e4tzlich wissenschaftliche Redlichkeit ein. Mir schwebte immer noch Max Webers Idealbild des Wissenschaftlers vor, das idealtypische Konstrukt eines \u201eGeistesaristokraten\u201c. Die Wirklichkeit sah anders aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sp\u00e4ter sch\u00e4tzte ich diese \u00e4rgerlichen Vorg\u00e4nge anders ein. Ich h\u00e4tte mir einen weisen, abgekl\u00e4rten Altmeister der Zeitgeschichte oder Politischen Soziologie als Coach gew\u00fcnscht, um nicht in diese Fallen kleinkarierter Streitigkeiten zu laufen. Es waren keine Niederlagen in der Sache, sondern vor allem auf der psychisch-mentalen Ebene. Ich h\u00e4tte in der Tat meine Arbeitskraft nicht mit solchen Nichtigkeiten vergeuden sollen. Auf der sachlichen Ebene h\u00e4tte ich bedenken m\u00fcssen, dass im gro\u00dfen Langzeitgeschehen gesellschaftlich-politischer Entwicklungen solche speziellen Streitfragen um das Wirken von Sch\u00e4ffer, Hundhammer und anderer lokaler und regionaler Heldenfiguren wissenschaftlich von zu geringer Bedeutung sind, um sich damit allzu lange aufzuhalten. Wen interessiert noch der akademische Weihrauch, der in Passau um Fritz Sch\u00e4ffer gewedelt wurde? Wer erinnert sich noch an die unredlichen Kritiken von Professoren? Wer sich ernsthaft und gr\u00fcndlich mit der Wissenschaftsgeschichte seines Faches und \u00fcberhaupt mit Wissenschaftsgeschichte befasst hat, wei\u00df, wie rasch solches Kleinklein in Vergessenheit ger\u00e4t. Ich h\u00e4tte mich in diese und andere \u201ePassauereien\u201c nicht hineinziehen lassen sollen. Aber sie geh\u00f6rten nun einmal zum katholischen sozial-moralischen Milieu, das sich damals noch mit viel klerikalen Weihrauch kr\u00e4ftig artikulierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFritz Sch\u00e4ffer zum Gedenken\u201c, Mai 1988 Einen nachhaltigen Schlagabtausch mit bayerischen Landeshistorikern lieferte ich mir im Mai 1988. Hierzu gab es einen doppelten Anlass. Am 12. Mai 1988 w\u00e4re der bayerische Politiker Fritz Sch\u00e4ffer (1888\u20131967) hundert Jahre alt geworden. 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