{"id":139,"date":"2016-08-28T11:51:42","date_gmt":"2016-08-28T09:51:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=139"},"modified":"2019-02-21T02:11:53","modified_gmt":"2019-02-21T01:11:53","slug":"26-wem-die-stunde-schlaegt-der-tod-von-franz-josef-strauss-1988-und-horst-moellers-heldenepos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/08\/28\/26-wem-die-stunde-schlaegt-der-tod-von-franz-josef-strauss-1988-und-horst-moellers-heldenepos\/","title":{"rendered":"26. \u201eWem die Stunde schl\u00e4gt\u201c &#8211; Der Tod von Franz Josef Strau\u00df, 1988, und Horst M\u00f6llers Heldenepos"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-609 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001-700x1770.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1770\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001-700x1770.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001-119x300.jpg 119w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001-768x1942.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001-800x2023.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_001.jpg 1755w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Wenige Wochen vor dem tats\u00e4chlichen Ende von Franz Josef Strau\u00df: Wie Strau\u00df enden wird, Alf Mintzel in der M\u00fcnchner Abendzeitung vom 9.\/10. Juli 1988<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Glockengel\u00e4ute f\u00fcr FJS<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">3. Oktober 1988. Ein Montag. Die Herbstsonne strahlt ihr mildes Licht in die Passauer Gassen hinein und hebt die bunten Farben der umliegenden H\u00f6hen gegen das milchige Blau des Himmels ab. Ein ganz gew\u00f6hnlicher Werktag mit seinem Motorenl\u00e4rm und Get\u00f6se, dem Brummen und Summen. Um 11 Uhr 45 beginnen pl\u00f6tzlich alle Kirchen zu l\u00e4uten. Ich h\u00f6re den schweren Schlag der Domglocken und wei\u00df sofort, wem das L\u00e4uten gilt: Franz Josef Strau\u00df ist tot. In ganz Bayern verk\u00fcnden die Glocken, dass der politische Gigant gestorben ist. Schon tags zuvor hatte der Bayerische Rundfunk bei mir angerufen und angefragt, ob ich im Falle seines Todes zu einem Interview bereitst\u00fcnde. Alle Welt hatte st\u00fcndlich damit gerechnet, dass er den Schlaganfall nicht \u00fcberleben w\u00fcrde. Gegen 13 Uhr verlasse ich meinen Lehrstuhl und will mich gerade auf den Heimweg zum Mittagessen machen, als schon mein Amtstelefon schrillt. Ich eile nach Hause. Ab 13 Uhr 15 klingelt ununterbrochen das Telefon, ein Anruf folgt auf den anderen. Verschiedene Rundfunksender und Fernsehredaktionen wollen sofort Interviews, der Bayerische Rundfunk, der schon am Vortage angefragt hatte, der Westdeutsche Rundfunk, der Saarl\u00e4ndische Rundfunk, der S\u00fcdwestfunk und andere. Ich sage, ich k\u00f6nne die Masse der Anfragen nicht bew\u00e4ltigen. Die Redaktion des Westdeutschen Rundfunks \u00fcbernimmt eine koordinierende Initiative. Sie weist mich an: \u201eNehmen Sie sofort ein Taxi und fahren Sie zum M\u00fcnchner Flughafen. Dort startet ein Flugzeug nach K\u00f6ln. Ein Platz ist f\u00fcr Sie bereits reserviert. Vom Flughafen K\u00f6ln werden Sie mit einem Dienstwagen abgeholt.\u201c Ich rufe eilig ein Taxi, lande nach kurzem Flug am Sp\u00e4tnachmittag in K\u00f6ln und werde in den Sender gebracht. Hektik vor den Interviews. Redakteure und Journalisten verschiedener Medien kommen auf mich zu, stellen Fragen, wollen Ausk\u00fcnfte, der Sendeplan wird abgesprochen. Am Abend geht es auf Sendung: 19.00 S\u00fcdwestfunk Baden-Baden, 20.15 Uhr Stern-Redaktion, 20.25 Uhr RIAS-Berlin, 21.30 Uhr Westdeutscher Rundfunk TV Live, 21.45 Saarl\u00e4ndischer Rundfunk\/Europawelle. Die Fragen an mich gleichen sich im Tenor: \u201eWas kommt nach Strau\u00df?\u201c \u201eWer wird sein Nachfolger sein?\u201c \u201eWird die CSU ihren Einfluss in Bonn einb\u00fc\u00dfen und zu einer Provinzpartei herunterkommen?\u201c \u201eWird die CSU ohne Strau\u00df noch die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie zu Zeiten von Strau\u00df?\u201c Am 4. Oktober fliege ich zur\u00fcck nach M\u00fcnchen und bin am Nachmittag zur\u00fcck in Passau. Ich eile zum Lehrstuhl, wo mich weitere Anfragen erwarten. Die M\u00fcnchner Abendzeitung ruft an und bittet um einen Kommentar in der Abendausgabe, die Frankfurter Rundschau bittet um einen Artikel f\u00fcr eine ihrer n\u00e4chsten Ausgaben, das \u00d6sterreichische Fernsehen (FS 2 \u00d6sterreich) sucht nach einem Interview nach, und so geht es in den n\u00e4chsten Tagen weiter. Am 28. Oktober f\u00fchre ich ein Live-Interview mit der Deutschen Welle. Der Medienrummel endet erst am 4. November 1988 mit einer Diskussionsrunde im Bayerischen Rundfunk. Danach bin ich, salopp ausgedr\u00fcckt, fix und fertig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Staatspartei, Staat, katholische Kirche und zahlreiche bayerische Traditionsvereine hatten 1984 das Begr\u00e4bnis von Marianne Strau\u00df zelebriert, doch der Trauermarsch in diesem Herbst wird noch bombastischer inszeniert. Selbst die politischen Gegner Strauss` werden miteinbezogen, denn auch viele SPD-Anh\u00e4nger lieben konservative Rituale, den deftigen Spruch, das bayerische Sprachbarock oder die derb-fr\u00e4nkische Ausdrucksweise. Auch sie genie\u00dfen zuweilen das Wadenbei\u00dfen und m\u00f6gen es, wenn Staatsmacht bildhaft in Erscheinung tritt. Bayerische Staatsfeiern und Staatsbegr\u00e4bnisse, Parteijubil\u00e4en, Prozessionen und Aufz\u00fcge lassen bildhaft werden, wie sich Staat, Staatspartei, r\u00f6misch-katholische Amtskirche und Traditionsverb\u00e4nde in bayerischer Lebensart geschmeidig zu einem Machtkartell vereinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dr. Peter Glotz (SPD), damals Mitglied des Deutschen Bundestages, nahm mich in seinem Dienstwagen mit zur M\u00fcnchner Residenz, wo wir uns in eines der ausgelegten Kondolenzb\u00fccher eintrugen. Mit Peter Glotz kam ich nach seinem und meinem Weggang von Berlin im Jahre 1981 aus verschiedenen Anl\u00e4ssen wiederholt ins Gespr\u00e4ch. Meistens ging es um Fragen der Politik in Bayern, so auch auf unserer Fahrt zur Residenz. Was kommt nach Strau\u00df?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-613 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002-700x1472.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1472\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002-700x1472.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002-143x300.jpg 143w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002-768x1615.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002-800x1682.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_002.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Der Kolo\u00df bleibt, Alf Mintzel in der M\u00fcnchner Abendzeitung vom 6. Oktober 1988<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch der bundesweite Medienrummel zeigte 1988 abermals, was f\u00fcr ein Koloss Strau\u00df in der Politik der Bundesrepublik gewesen war. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl \u00e4u\u00dferte h\u00e4misch \u00fcber seinen Widersacher: \u201eDer kann froh sein, dass er das nicht mehr erlebt hat.\u201c Kohl war es beschieden, als \u201eKanzler der Einheit\u201c in die Geschichte einzugehen, nicht Strau\u00df, der es sicher gern gesehen h\u00e4tte, wenn ihm dieses Ehrenetikett verliehen worden w\u00e4re. Strau\u00df hatte in Helmut Kohl einen rheinischen Provinzpolitiker gesehen, dem er das Zeug zum Staatsmann absprach. \u201eEr (sei) total unf\u00e4hig, ihm fehl(t)en die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm (fehle) alles daf\u00fcr\u201c, so soll Strau\u00df geh\u00f6hnt haben (Mintzel, Geschichte der CSU, 1977, S. 402). Im Jahre 1975 hatte die CSU-F\u00fchrung im Vorfeld der Bundestagswahl 1976 die Kanzlerkandidatur Kohls nur widerwillig anerkannt. Der kleine CSU-Parteitag vom Juli 1975 hatte mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit festgestellt, \u201edass der Parteivorsitzende Strau\u00df die am besten geeignete Pers\u00f6nlichkeit zur Durchsetzung dieser Grunds\u00e4tze [\u201ef\u00fcr eine deutsche Politik nach innen und nach au\u00dfen\u201c] und zur Bestimmung und Gestaltung der Bundesrepublik ist.\u201d (Mintzel 1977, Geschichte der CSU, S. 401). Im Umkehrschluss hatte dies bedeutet, dass Strau\u00df die charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen f\u00fcr das Kanzleramt besa\u00df. Im Jahre 1980 hatte die CSU Strau\u00df schlie\u00dflich als Kanzlerkandidaten durchgesetzt, jedoch ihr Ziel verfehlt. So blieb ungekl\u00e4rt, wie Strau\u00df die Wiedervereinigung und die Epochenwende 1989\/90 auf seine Person bezogen h\u00e4tte, vor allem im Hinblick auf den Milliarden-Kredit, den er zuvor dem SED Regime vermittelt hatte. In Interviews wurde diese spekulative Frage wiederholt an mich gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201e<strong>Medien-Star\u201c \u2013 Eine fl\u00fcchtige Rolle<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zum Zeitpunkt seines Todes verdankte ich Strau\u00df einen weiteren H\u00f6hepunkt meiner Besch\u00e4ftigung mit der CSU und ihrem Vorsitzenden. Vier Wochen lang war der Parteienforscher und CSU-Spezialist Mintzel ein \u201eMedienstar\u201c. Meine Ergebnisse von zwei Jahrzehnten Forschung \u00fcber die CSU und \u00fcber den Wandel Bayerns vom Agrarland zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft genossen zum Zeitpunkt des Todes von Strau\u00df h\u00f6chste mediale Aufmerksamkeit. Die Medien machten mich zu einem Bayern-Augur. Wer etwas \u00fcber die aktuelle politische Situation in Bayern berichten wollte, kam an dem \u201eCSU-Mintzel\u201c, wie ich, zu einem \u201eMarkenartikel\u201c verk\u00fcrzt, genannt wurde, nicht vorbei. Die Journalistin und Redakteurin des Wochenblattes DIE ZEIT, Nina Grunenberg, schrieb \u00fcber mich, ich sei der wissenschaftliche CSU-Kenner par excellence. Sie und andere Journalisten besuchten mich in Passau oder riefen mich an. Die Frankfurter Rundschau brachte am Oktober meinen Artikel \u00fcber die CSU (FR vom 19. 10. 1988). Das Jahr 1988 wurde f\u00fcr mich vollends zu einem Medienjahr. Meine B\u00fccher und Schriften \u00fcber die CSU und Bayern waren weit \u00fcber die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Genoss ich meine Auftritte in Medien? Schmeichelten sie meinem Ego? War ich stolz? Es mag gut sein, dass solche Momente in meinem Handeln wirksam waren. Ich sah es als Erfolg meiner Forschungsleistungen an. Am wenigsten f\u00fchlte ich mich wohl dabei. Ich hielt mich nicht f\u00fcr eine telegene Person, f\u00fcr einen, der sich im Fernsehen gut zu inszenieren und zu pr\u00e4sentieren versteht. Mir fehlten das professorale Gehabe und die Wortgewalt eines Propheten. Es gelang mir nicht so recht, vor der Kamera mein Wissen und mein analytisches Denken in knappe Formulierungen umzusetzen. Ich war nie zufrieden mit meinen \u00f6ffentlichen Auftritten. Wir waren in den 1950er und 1960er Jahren als junge Assistenten ohne Sprech- und Rhetorikschulung mit Lehraufgaben beauftragt worden. Ich hatte keine \u00d6konomie des Sprechens gelernt. Ich hatte keine Schulung in der \u00f6ffentlichen Pr\u00e4sentation von Wissen, da gab es keinen Coach, der mich h\u00e4tte beraten k\u00f6nnen. Der \u201ebaverian vulcano\u201c, wie mich britische Kollegen nannten, war ein zu impulsiver Redner, der seine Stimmgewalt nicht angemessen einsetzte. Ich konnte mich schriftlich besser ausdr\u00fccken. So sch\u00e4tzte ich mich jedenfalls selbstkritisch ein, ich f\u00fchlte mich hinterher stets als erfolgreicher Versager. Ich bewunderte \u201eNaturtalente\u201c, geborene Auftrittsk\u00fcnstler. Mein Kollege und Freund Heinrich Oberreuter, der sp\u00e4tere Direktor der Politischen Akademie Tutzing, hat so ein wunderbares Talent, in seinen Medienauftritten wissenschaftliche Stoffe und Ergebnisse ruhig und bed\u00e4chtig einer breiten \u00d6ffentlichkeit zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Trotz meiner bescheidenen rhetorischen F\u00e4higkeiten kamen jedoch Medien immer wieder auf mich zu und erbaten Interviews und Diskussionsbeitr\u00e4ge. Ich galt als ein hoch engagierter und zugleich kompetenter Gespr\u00e4chspartner, der keine Langeweile verbreitet. Und es hatte sich herumgesprochen, dass der \u201eCSU-Mintzel\u201c kein CSU-Mitglied war, sondern sich parteilos zwischen Engagement und Distanz bewegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die drei \u201eBayern-Auguren\u201c \u2013 Falter, Oberreuter und Mintzel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In den sp\u00e4ten 1980er Jahren und bis hinein in die 1990er Jahre gab es aus Sicht der Printmedien und Fernseh-Redaktionen f\u00fcr die Kommentierung und Beurteilung bayerischer Politik und bayerischen W\u00e4hlerverhaltens drei erstklassige Adressen: die Professoren J\u00fcrgen W. Falter (Mainz), Alf Mintzel (Passau) und Heinrich Oberreuter (Passau\/M\u00fcnchen). Diese drei \u201eBayern-Auguren\u201c wurden regelm\u00e4\u00dfig angerufen und um Interviews und Kommentare gebeten, wenn es in Bayern politisch hoch herging, F\u00fchrungsquerelen in der CSU die Gem\u00fcter erhitzten, K\u00f6pfe fielen und Wahlergebnisse zu deuten waren. Auf die Kontroverse zwischen Falter und mir \u00fcber die Frage und Metapher, ob Bayerns Uhren wirklich anders gingen, wurde schon wegen ihrer bildhaften Griffigkeit in der Presse und in fachwissenschaftlichen Publikationen wiederholt hingewiesen. Falter sagte damals (1982) \u201eJa!\u201c, ich \u201eNein\u201c (1987), die jeweiligen Begr\u00fcndungen darzulegen, muss ich mir hier versagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die mediale \u201eAugurenrolle\u201c machte mir jedoch zunehmend noch in anderer Weise zu schaffen. Sie brachte sehr viele Wiederholungen mit sich und wenig neuen Erkenntnisgewinn. Das geschmeichelte Ego machte nur noch ungern mit. Als mir nach meiner Pensionierung eine partielle Stimmbandl\u00e4hmung das Sprechen erschwerte, lehnte ich h\u00e4ufig \u00f6ffentliche Auftritte und Kommentare ab. Das sprach sich in Journalistenkreisen allm\u00e4hlich herum und f\u00fchrte dazu, dass ich als Dritter und \u00c4ltester der Auguren nur mehr selten in Erscheinung trat. Man ist dann schnell \u201eweg vom Fenster.\u201c Und das weist noch auf ein anderes gewichtiges Problem f\u00fcr den Wissenschaftler und Forscher hin: auf die Leichtgewichtigkeit und Fl\u00fcchtigkeit tagespolitischer Stellungnahmen und Einlassungen. Das kleine banale \u201eGl\u00fcck\u201c, das ein kurzer Fernsehauftritt unserem Ego beschert, ist oftmals nicht den Aufwand wert, der damit verbunden ist. Trotzdem genie\u00dfen manche Kollegen die Scheinwerfer des Fernsehauftritts wie Sonnenb\u00e4der.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Keine falschen Hoffnungen: Die CSU verkommt nicht zur Provinzpartei<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Diagnose und Prognose waren der Kern meiner Einsch\u00e4tzungen der Lage und Entwicklung der CSU nach Strau\u00df. Auf Fragen nach der k\u00fcnftigen Rolle der CSU antwortete ich, indem ich virulente Fehleinsch\u00e4tzungen zu entkr\u00e4fteten versuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die erste Fehleinsch\u00e4tzung betraf die politische Existenz der CSU. \u201eSobald sich die CSU die Frage stellen muss, was \u2013 au\u00dfer Strau\u00df ihre Existenz als Partei rechtfertigt\u201c, so stand es in der Wochenzeitung DIE ZEIT zu lesen, \u201ebefindet sie sich in einem Erkl\u00e4rungsnotstand oder doch in der Defensive\u201c. Diese Beurteilung beruhte auf einem fundamentalen Irrtum und verkannte staatsbayerische Grundpositionen und Strategien in der Politik. Das f\u00fcr viele unbequeme \u201eProblem Bayern\u201c wird auch, so setzte ich solchen Fehleinsch\u00e4tzungen entgegen, in der Post-Strau\u00df-\u00c4ra weiter existieren. Bei allem Wandel der politischen Situationen und Konstellationen w\u00fcrden zwei staatsbayerische Ziele auch von den Strau\u00df-Nachfolgern unver\u00e4ndert verfolgt werden. Zum einen die bayerische politisch-kulturelle Eigenpr\u00e4gung und wirtschaftlichen Wohlstand zu bewahren und zu f\u00f6rdern, zum anderen Bayerns historisch begr\u00fcndeten Machtanspruch und Gestaltungsauftrag in der deutschen und europ\u00e4ischen Politik durchzusetzen. Auch die Strau\u00df-Nachfolger w\u00fcrden sich an diese Maximen halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die zweite Fehleinsch\u00e4tzung im breiten Medienecho lag in der Erwartung oder Bef\u00fcrchtung, die CSU verk\u00fcmmere ohne Strau\u00df zu einem \u201enormalen\u201c Landesverband der Union. Die CSU werde gewisserma\u00dfen zu einer \u201eProvinzpartei\u201c oder verwandle sich gar in eine relativ bedeutungslose \u201eBayernpartei\u201c zur\u00fcck. Solche politischen Hoffnungen von Gegnern oder Besorgnisse von Sympathisanten gingen an der Wirklichkeit vorbei. Die CSU wird ihre institutionellen Hebel, die Parteiautonomie und den parlamentarischen Sonderstatus in Bonn, nicht aus der Hand geben. Schon aus diesen Gr\u00fcnden werde die CSU nach Strau\u00df nicht die Rolle eines \u201enormalen\u201c Landesverbandes der Union spielen. Die landes- und bundespolitische Sto\u00df- und Wirkkraft der CSU resultierte seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland aus ihrer institutionellen und politischen Doppelrolle. Sie bleibt eine autonome bayerische Landespartei und zugleich, in der Fraktionsgemeinschaft und im politischen Aktionsb\u00fcndnis mit der CDU, eine Bundespartei mit Sonderstatus. Diese Doppelrolle erm\u00f6glicht es der CSU, auf der Basis ihrer kontinuierlich hohen Wahlergebnisse als die Landespartei in Erscheinung zu treten, die Bayern par excellence verk\u00f6rpert, und im Bundesparlament \u00fcber die CSU-Landesgruppe und andere Institutionen als bayerische Bundespartei zu wirken. Bei aller Wirkkraft \u201egro\u00dfer M\u00e4nner\u201c wie Strau\u00df d\u00fcrfen die Wirkkr\u00e4fte von Institutionen und Rahmenbedingungen nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die dritte Fehleinsch\u00e4tzung von politischen und journalistischen Beobachtern betraf die landespolitische Situation in Bayern. Es waren die Erwartungen und Hoffnungen, dass in Bayern nach Strau\u00df gr\u00f6\u00dfere politische Ver\u00e4nderungen bevorst\u00fcnden, dass sich das Ungleichgewicht der Macht zumindest \u201emittelfristig\u201c beseitigen und ein \u201edemokratisches Wechselspiel\u201c einstellen w\u00fcrde. Diese Hoffnungen verkannten die strukturellen und politisch-kulturellen Tatsachen der CSU-Hegemonie in Bayern. Der CSU war es trotz einiger Alarmzeichen gelungen, in mehreren Jahrzehnten eine neue gesamt- und staatsbayerische Hegemonialkultur zu entwickeln, die weiterhin f\u00fcr die CSU einen tragf\u00e4higen und \u201eertragreichen\u201c Boden bildete. Bayern war zu einer \u201eGr\u00f6\u00dfe\u201c geworden, auf die man stolz war. Alte Unterlegenheitsgef\u00fchle waren unter der erfolgreichen Politik der CSU einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. \u201eWir in Bayern CSU 82\u201c, \u201eBayern vorn\u201c, Politik f\u00fcr Bayern, Deutschland und Europa\u201c und andere zupackende Slogans waren griffige, symboltr\u00e4chtige Formeln der Staatspartei und hoben das staatsbayerische Selbstbewusstsein. Daran w\u00fcrde sich, so meine damalige Prognose, auch in der Post-Strau\u00df-\u00c4ra wenig \u00e4ndern. So seien die Machtverh\u00e4ltnisse in Bayern beschaffen: \u00dcbermacht auf Seiten der CSU, Ohnmacht auf Seiten der Oppositionsparteien. Die Verh\u00e4ltnisse seien zu stabil und das Ungleichgewicht der Kr\u00e4fte zu gro\u00df, als dass sie sich nach Strau\u00df rasch ver\u00e4ndern lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Allerdings konnte im Oktober 1988 keiner die Entwicklungen auch nur ahnen, die mit der friedlichen Revolution in der DDR begannen und zum Epochenwandel 1989\/90 f\u00fchrten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Geschlossene Zirkel: Die \u201eErinnerungsgemeinschaft\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die akademischen Zirkel- und Lagerbildungen zeigten sich erneut 2008 auf dem Symposion, welches das Historische Kolleg zusammen mit der Hanns-Seidel-Stiftung aus Anlass des 20. Todestages von Franz Josef Strau\u00df in M\u00fcnchen veranstaltete. Die Tagung, zu der auch Zeitzeugen aus dem fr\u00fcheren Umkreis von Strau\u00df geladen waren, geriet mehr zu einem hagiografischen Hochamt, das eine handverlesene Schar \u201eunparteiischer\u201c Historiker im Dienste der Politikverehrung zelebrierten, als zu einer wirklich kritischen Auseinandersetzung mit kontroversen Positionen. Daran \u00e4nderten auch beil\u00e4ufige kritische T\u00f6ne nichts. Eine kleine Dosis Kritik geh\u00f6rt zu solchen Gedenk-Ritualen, um ihnen Dignit\u00e4t und Glanz und damit den Anschein von wissenschaftlicher Objektivit\u00e4t zu verleihen. Die \u201eErinnerungsgemeinschaft\u201c der geladenen Historiker knickte wie zu Zeiten Bismarcks vor dem \u201eGiganten Franz Josef Strau\u00df\u201c f\u00f6rmlich ein. Was Horst M\u00f6ller, der ehemalige Direktor des Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte, seinem Thema \u00fcber die Rolle von Franz Josef Strau\u00df als Vorsitzender der CSU und als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag abgewann, war im Kern schon l\u00e4ngst in der sozialwissenschaftlichen und historischen Parteienforschung gesagt und geschrieben worden. Dieser Zirkel parteilich erw\u00fcnschter Historiker tat selbst kund, dass er eine kritische Auseinandersetzung in die Zukunft verlege. Sozialwissenschaftler und im engeren Sinne Politikwissenschaftler wie der langj\u00e4hrige Leiter der Politischen Akademie in Tutzing waren von vornherein ausgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sich so brav in den Dienst der bayerischen Staatspartei nehmen zu lassen, hat seinen Preis. M\u00f6ller machte sich im Strau\u00df-Gedenkjahr 2015 zum hagiografischen Mitspieler in einer staats- und parteipolitischen Identit\u00e4tskampagne der Hanns-Seidel-Stiftung und der bayerischen Staatsregierung. Die CSU und die Hanns-Seidel-Stiftung betrieben eine wohl kalkulierte \u00dcberh\u00f6hung des \u201egro\u00dfen Vorsitzenden.\u201c Sie zelebrierten ihn als den gro\u00dfen Gestalter und Dynamo Bayerns. Strau\u00df wurde in Elogen als ein Gigant hingestellt, als w\u00e4re er es allen voran gewesen, der Bayern vom Agrarstaat mit industriellen Inseln zum High-Tech-Staat mit Agrarinseln umgewandelt habe. Der Anteil anderer aus Gesellschaft, Wirtschaft und Sozialwesen wurde hierdurch heruntergespielt. Das Matth\u00e4us-Prinzip wird auch in Hagiografien wirksam: Wer im Glanz des Ruhmes steht, der wird noch obendrein mit Ruhm \u00fcberh\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im hundertsten Geburtsjahr von Franz Josef Strau\u00df zelebrierte die CSU-nahe Hanns\u2013Seidel-Stiftung den \u201eMythos Strau\u00df\u201c und entr\u00fcckte ihn so fast unangreifbar in den bayerischen Glorienhimmel. Sie nahm dazu eine Vortrags- und Gedenkreihe in ihr Jahresprogramm 2015 auf und stellte aus dem Kreis der \u201eErinnerungsgemeinschaft\u201c wiederum Horst M\u00f6ller als Gedenkredner in ihren Dienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Horst M\u00f6llers Heldenepos, 2015<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">P\u00fcnktlich zum hundertsten Geburtstag von Strau\u00df erschien Horst M\u00f6llers politische Biografie, ein volumin\u00f6ses Werk. Strau\u00df hatte seit den 1950er Jahren wie kein anderer Politiker das politische Leben in der Bundesrepublik in Atem gehalten und polarisiert. Der interessierte Leser, der die einschl\u00e4gige Berichterstattung der Printmedien und Fernsehen verfolgt hatte, erwartete vom Biografen M\u00f6ller zwar nicht unbedingt sensationelle Neuigkeiten aus dem Leben und Wirken von Strau\u00df oder gar brisante Enth\u00fcllungen, aber doch Aufkl\u00e4rung \u00fcber noch fragliche Zusammenh\u00e4nge. Strau\u00df-Aff\u00e4ren und Kungeleien mit Despoten und autorit\u00e4ren Herrschern lassen sich nicht einfach weichzeichnen oder gar hinwegwischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">M\u00f6ller liefert in Kernteilen seiner Biografie eine themen- und sachbezogene Parlaments- und Kabinettsgeschichte, in der er die Rollen von Strau\u00df als Parlamentarier, als Mitglied von Bundesregierungen und als bayerischer Ministerpr\u00e4sident fokussierte. Der Leser erh\u00e4lt detaillierte und faktenreiche Ausk\u00fcnfte \u00fcber Skandale, Aff\u00e4ren und Streitigkeiten, die Strau\u00df provoziert hat oder in die er verwickelt war. Es geht zwar, wie der Verfasser gleich eingangs hervorhebt, \u201enicht um die ach so beliebten Enth\u00fcllungsstorys oder die zugeh\u00f6rige Schl\u00fcssellochperspektive, sondern um eine politische Biografie (\u2026): Pers\u00f6nliches wird nicht ausgespart, sofern es den Menschen und Politiker veranschaulicht, steht aber nicht im Mittelpunkt. Auch tats\u00e4chliche oder mutma\u00dfliche Skandale werden nicht ausgelassen, wenn die Quellen daf\u00fcr Erkenntnisse liefern\u201c (S. 19). Doch macht die Darstellung und Er\u00f6rterung der Skandale, Aff\u00e4ren und Streitigkeiten einen Gutteil des Stoffes aus, den M\u00f6ller detailversessen und akribisch ausbreitet. Das macht die Biografie ohne Zweifel zu einer h\u00f6chst ergiebigen Fundgrube f\u00fcr eine Vielzahl von Fragen zur politischen Geschichte der alten Bundesrepublik und zur Rolle des hei\u00df umstrittenen bayerischen Vollblutpolitikers. M\u00f6llers \u201eSpannungsszenarien\u201c langweilen jedoch, wenn er akribisch und detailversessen auch den kleinsten Nebenschauplatz ausleuchtet. In so gut wie allen Streitfragen macht sich M\u00f6ller zum \u00fcberzeugten Anwalt und Starverteidiger von Strau\u00df. Die meisten Gegner seien Strau\u00df intellektuell nicht gewachsen, intellektuell \u00fcberfordert, weniger weitsichtig und in Prozessen vielfach unterlegen. M\u00f6ller verzeiht seinem Helden alle cholerischen Wutausbr\u00fcche, R\u00fcpeleien und destruktiven Anwandlungen, sei er doch so gut wie immer zu konstruktiver Politik zur\u00fcckgekehrt (S.706). Strau\u00df konnte, so bedauert M\u00f6ller, sein negatives Image, dem er allerdings immer wieder selbst Nahrung gab, in der ver\u00f6ffentlichten Meinung leider nicht loswerden. Strau\u00df ist M\u00f6llers gro\u00dfer Held, M\u00f6llers Biografie ein aus Quellen flei\u00dfig kompiliertes Heldenepos, aber kein wirklich gro\u00dfer Wurf. Das liegt an der konventionellen Machart, an dem schier uferlosen Erz\u00e4hlfluss und an M\u00f6llers Parteinahme. Er verliert sich in Details und Episoden, die in weiten Partien nichts Neues bringen und in ihrem argumentativen Stellenwert mitunter fragw\u00fcrdig bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch ich musste mir die Kritik gefallen lassen, meine gro\u00dfe Studie \u00fcber die CSU, die Anatomie einer konservativen Partei (1975, 2. Aufl.1978), sei \u201eweder in der Form der Darstellung noch im Stil faszinierend\u201c, \u00fcberzeuge jedoch \u201edurch vorbildliche Sachlichkeit und die \u00dcberf\u00fclle des Materials\u201c (Vorw\u00e4rts Nr.17, 22.04.1976, S. 14). Auch mir wurde Detailversessenheit und ausufernde Akribie vorgeworfen. Doch stand der Forscher in den 1970er Jahren in einer ganz anderen Situation. Die Fixierung der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit auf Franz Josef Strau\u00df, aber auch CSU-interne Informationssperren hatten dazu gef\u00fchrt, dass die Entwicklung der CSU zur bayerischen Hegemonialpartei und als gesellschaftsgestaltendes Instrument nicht wahrgenommen worden war. Ich hatte damals eine \u201e\u00dcberf\u00fclle\u201c an Fakten pr\u00e4sentiert, weil bis dahin \u00fcber die internen Verh\u00e4ltnisse der bayerischen Staats- und Mehrheitspartei fast nur spektakul\u00e4re Episoden, aber nur wenig \u00fcber ihr Politmanagement und ihre hegemonialen Strategien bekannt war. Das Nicht-Wissen \u00fcber die CSU hatte im umgekehrten Verh\u00e4ltnis zur tagespolitischen Polemik der Berichterstattung gestanden. Bei M\u00f6ller liegt der Sachverhalt anders. Die zeitgeschichtliche, landesgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Parteienforschung hatte inzwischen zahlreiche empirischen Untersuchungen und Einzelfallstudien \u00fcber die CSU, \u00fcber die CSU-Parteielite und einzelne ihrer prominenten K\u00f6pfe vorgelegt. Eine j\u00fcngere Forschergeneration war angetreten und hatte die Pionierleistungen der \u00e4lteren fortgeschrieben und mit neuen Arbeiten \u00fcberholt. Hinzugekommen waren auch gro\u00dfe Werke zur j\u00fcngeren und j\u00fcngsten Geschichte Deutschlands und der Bundesrepublik wie die von Hans\u2013Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit ihren Deutungen. Strau\u00df war ein Politiker der Vor-Wende-Zeit. Wer sich nach der Epochenwende 1989\/90 und nach der Jahrtausendwende 1999\/2000 an eine Biografie des Franz Josef Strau\u00df wagte und ihn in seinen verschiedenen Rollen als bayerischen Staatsmann, Weltmann, Au\u00dfenpolitiker und Europ\u00e4er erfassen wollte, musste ihn weit \u00fcber den Kontext des \u201ekleinen Welttheaters Bayern\u201c hinaus im europ\u00e4ischen und globalen Kontext analysieren und einordnen. Zu diesen Rollen lag bereits eine umfangreiche Literatur vor, wenngleich von unterschiedlichem Gewicht. Gelangen M\u00f6ller sch\u00e4rfere Konturierungen der Rollen von Strau\u00df? Was \u00fcbernahm er aus der Literatur, was aus den Quellen, die ihm zur Verf\u00fcgung standen? Markierte er seine Entlehnungen? Literatur- und Quellenverzeichnisse sind verr\u00e4terisch. Bezeichnenderweise listet er alle seine mehr oder weniger einschl\u00e4gigen Publikationen auf, zwanzig an der Zahl, selbst die kleinsten Beitr\u00e4ge. Bei anderen Autoren verf\u00e4hrt er dagegen auffallend selektiv. Auch vermisst man Autoren, die sich mit der Pers\u00f6nlichkeit und Rolle von Strau\u00df befasst haben, zum Beispiel Erich Kuby (1910-2005), Eugen Kogon (1903-1987), Carl Amery (1922-2005) und Hans\u2013J\u00fcrgen Heinrichs. Links orientierte Wissenschaftler und Schriftsteller gelten anscheinend, auch wenn sie Substanzielles zur Person Strau\u00df beigetragen haben, als wenig zitierw\u00fcrdig. Die narrative und parteiische Machart der Biografie erlaubt es M\u00f6ller, manche sehr gro\u00dfz\u00fcgig zu \u00fcbergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">M\u00f6ller verfolgt den CSU-internen Aufstieg vom Landesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Generalsekret\u00e4r bis zum langj\u00e4hrigen Parteivorsitzenden (1961-1988). Im parteigeschichtlichen Zusammenhang zeichnet er eher nebenbei und bruchst\u00fcckhaft die Entwicklung der CSU von ihren Gr\u00fcndungsjahren 1945\/46 bis zum Tode von Franz Josef Strau\u00df nach, von den r\u00fcden Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen der Nachkriegszeit bis zur vom gro\u00dfen Vorsitzenden gef\u00fchrten und gepr\u00e4gten absoluten Mehrheitspartei. Er kennzeichnet ihn als einen der ma\u00dfgebenden Modernisierer der Partei. Parteigeschichtlich bietet M\u00f6llers Biografie nichts Neues (siehe S. 62, 90ff; 118ff, 668ff, 689ff), er f\u00e4llt sogar, was die fl\u00e4chendeckende Ausbreitung und die Funktionen der CSU-Parteiorganisation betrifft, hinter den heutigen Erkenntnisstand zur\u00fcck. Er entnimmt seine Fakten und seine Nacherz\u00e4hlungen aus einschl\u00e4gigen politikwissenschaftlichen und parteihistorischen Publikationen, die er gelegentlich zitiert. In den dazugeh\u00f6rigen Anmerkungen verf\u00e4hrt er h\u00f6chst selektiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meinem sozialwissenschaftlichen Ansatz stelle ich M\u00f6llers gegen\u00fcber, um zu zeigen, was in M\u00f6llers Biografie weitgehend ausgeblendet wird: die gesellschaftlich-politische und soziokulturelle Perspektive und Analyse. Bei seiner Ausleuchtung von \u201eSpannungsszenarien\u201c bleibt der gesellschaftliche und kulturelle Wandel Bayerns unterbelichtet, wie \u00fcberhaupt der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel in der Bundesrepublik (S. 420, 428f, 512, 656). Er wird nur modellhaft und formelhaft angesprochen. Ausgeblendet bleiben auch die politisch-kulturelle Homogenisierung Bayerns und die Entstehung einer neuen gesamtbayerischen Hegemonialkultur, die gerade der \u201ebayerischen Urw\u00fcchsigkeit\u201c von Strau\u00df (S. 306) Wirkung verschafft und ihm in schwierigen politischen Situationen und Auseinandersetzungen den R\u00fccken gest\u00e4rkt hat. In seiner konventionellen Parlaments- und Kabinettsgeschichte kommen diese bayerischen \u201eSpannungsszenarien\u201c und ihr \u201eWechselspiel von Pers\u00f6nlichkeit und Wirkungsraum\u201c (S. 13) zu wenig ins Blickfeld der Betrachtung. Es wird \u00fcbersehen, wie Strau\u00df in kritischen Entscheidungssituationen immer wieder vom unsichtbaren Band seiner bayerischen Existenz und von der gesamtbayerischen Hegemonialkultur politisch gehalten und bei Ausf\u00e4llen aus der Bastion Bayern zugleich zur\u00fcckgezogen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die \u201ehistorische Gr\u00f6\u00dfe\u201c von Strau\u00df entr\u00fcckt M\u00f6ller letztendlich einer gesellschaftlich-politischen Analyse der Wirklichkeit, indem er auf ein Wort von Jacob Burckhardt verweist: \u201eDie wirkliche Gr\u00f6\u00dfe ist ein Mysterium. Das Pr\u00e4dikat wird weit mehr nach einem dunklen Gef\u00fchle als nach eigentlichen Urteilen aus Akten erteilt und versagt; auch sind es nicht die Leute vom Fach allein, die es erteilen, sondern ein tats\u00e4chliches \u00dcbereinkommen vieler.\u201c (S. 19)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der politische Gigant aus Bayern bleibt f\u00fcr M\u00f6ller letztendlich ein \u201eMysterium\u201c. So viel tief empfundene Verehrung wird die CSU-Granden erfreuen. M\u00f6ller l\u00e4sst im Schlusssatz seines Heldenepos\u00b4 Strau\u00df sich selbst frei nach Platon r\u00fchmen: \u201eAlles Gro\u00dfe steht im Sturm.\u201c (S. 726)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-634 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004-700x1091.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1091\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004-700x1091.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004-192x300.jpg 192w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004-768x1197.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004-800x1247.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_004.jpg 1393w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-635 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005-700x1078.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1078\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005-700x1078.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005-768x1182.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005-800x1232.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/17_005.jpg 1396w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel: Franz Josef Strau\u00df, Sonderdruck aus: Walther Bernecker und Volker Dotterweich (Hg.), Pers\u00f6nlichkeit und Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Band 2, S. 196\u2013208, G\u00f6ttingen 1982;<\/em><br \/>\n<em>Horst M\u00f6ller, ehemaliger Direktor des Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte (IfZ), M\u00fcnchen, listet in seiner Biographie \u00fcber ,Franz Josef Strau\u00df. Herrscher und Rebell\u2018, 2015, zwanzig seiner Publikationen auf, von denen er meint, dass sie f\u00fcr seine Biographie relevant sind. Zu den vier Literaturangaben zu meiner Person vergisst er, auf meine Biographie \u00fcber FJS hinzuweisen. So erh\u00f6hen Wissenschaftler ihr Gewicht auf der Waagschale der Bedeutsamkeit.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Franz Josef Strau\u00df, \u00e4sthetisch zerrissen<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-612 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004-700x466.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004-700x466.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004-800x532.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_004.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-611 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005-700x483.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005-700x483.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005-768x530.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005-800x552.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_005.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-610 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006-700x510.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"510\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006-700x510.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006-768x559.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006-800x583.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/26_006.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><em>Alf Mintzel: Franz Josef Strau\u00df, \u00e4sthetisch zerrissen, August 1988, 50 cm x 70 cm; \u00c4sthetisierung der politischen Sph\u00e4re. Collagen, Ausschnitte und -risse aus Abbildungen von Franz Josef Strau\u00df auf Wahlplakaten der CSU<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Wochen vor dem tats\u00e4chlichen Ende von Franz Josef Strau\u00df: Wie Strau\u00df enden wird, Alf Mintzel in der M\u00fcnchner Abendzeitung vom 9.\/10. Juli 1988 Glockengel\u00e4ute f\u00fcr FJS 3. Oktober 1988. Ein Montag. Die Herbstsonne strahlt ihr mildes Licht in die Passauer Gassen hinein und hebt die bunten Farben der umliegenden H\u00f6hen gegen das milchige Blau&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[192,182,190,186,184,183,118,71,181,193,180,185,191,189,188,187],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=139"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":640,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions\/640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}