{"id":15,"date":"2016-04-17T18:35:27","date_gmt":"2016-04-17T16:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=15"},"modified":"2019-02-11T11:06:17","modified_gmt":"2019-02-11T10:06:17","slug":"__trashed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/17\/__trashed\/","title":{"rendered":"\u00dcberlebensgeschichten eines Grenzg\u00e4ngers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>\u201eEiner Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Sch\u00e4ndliches enth\u00e4lt. Ein Mann, der eine gute Darstellung seiner selbst pr\u00e4sentiert, l\u00fcgt wahrscheinlich, denn jedes Leben, von innen betrachtet, ist einfach eine Serie von Niederlagen\u201c.\u00a0<\/em><br \/>\n(George Orwell, 1946)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-578 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi-700x492.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi-700x492.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi-768x539.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi-800x562.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/add-alf-portr-P1190373-demi.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Johann Albrecht (Alf) Mintzel, geb. 18.04.1935, Portr\u00e4t aus dem Jahre 2013;<\/em><br \/>\n<em>,In Extremis\u2018: Zur Frage der Privatheit und der Sph\u00e4re der Intimit\u00e4t \u201ein letzter Minute\u201c eine der m\u00f6glichen Antworten: \u201eweil der Erz\u00e4hler sich st\u00e4ndig selbst beobachtet und sehr wohl wei\u00df, dass seine Zweifel, Zw\u00e4nge und Umst\u00e4ndlichkeiten etwas sind, das man normalerweise vor fremden Augen verbirgt\u201c. (Meilke Fe\u00dfmann \u00fcber den Roman ,In Extremis\u2018 von Tim Park, SZ Nr. 2 vom 28. 1. 2019, S. 12)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">L\u00fcgen wir uns das Biografische im Nachhinein nicht immer etwas zurecht? Erfinden wir in unseren autobiografischen Berichten nicht Identit\u00e4tsmythen? Es w\u00e4re naiv zu glauben, Selbstzeugnisse und die darin enthaltenen Erinnerungen entspr\u00e4chen in allen Punkten den Tatsachen. Das menschliche Hirn passt sein biografisches Ged\u00e4chtnis an Bed\u00fcrfnisse der Gegenwart an. Br\u00fcche werden retuschiert, Vorg\u00e4nge umgedeutet, Widerspr\u00fcchlichkeiten ausgeblendet, Irrt\u00fcmer vertuscht. Welcher vor 1930 geborene Mensch gibt angesichts der zivilisatorischen Katastrophe des Hilter-Regimes schon zu, dazu beigetragen und das m\u00f6rderische Regime in der einen oder anderen Weise erm\u00f6glicht und unterst\u00fctzt zu haben? In solchen autobiografischen Erinnerungen wird die Neigung zur Rechtfertigung und zur Selbstentlastung durch die geschichtliche Last der Katastrophe verst\u00e4ndlicher Weise noch verst\u00e4rkt. Was ich im Hinblick auf die politischen Generationen zu bedenken gebe, die die \u201eUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c mit zu verantworten hatten, gilt auch f\u00fcr nachfolgende Generationen, also auch f\u00fcr meine autobiografischen R\u00fcckblicke und Selbstzeugnisse. In der Tat, ich habe in meinem langen Leben Ereignisse besch\u00f6nigt, Vorg\u00e4nge umgedeutet und gelogen. Mein Leben wurde durch eine Serie von Niederlagen gepr\u00e4gt. Einige dichtete ich zu Erfolgsgeschichten um. Das half mir in manchen F\u00e4llen, aus einer Misere herauszufinden und mich neu zu stabilisieren. Auch dar\u00fcber m\u00f6chte ich berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es w\u00e4re naiv zu glauben, wir k\u00f6nnten eine vergangene Wirklichkeit authentisch beschreiben, als w\u00fcrde sie sich tats\u00e4chlich so und nur so ereignet und zugetragen haben. Haben wir nicht gro\u00dfe Schwierigkeiten, schon unsere aktuellen Gedankengespinste, Gef\u00fchlslagen, Tagtr\u00e4ume und Wunschbilder schriftlich zu fixieren? Was wissen wir \u00fcber uns selbst, \u00fcber unsere Motive, \u00fcber Steuerungsmechanismen unseres Handelns? Wir k\u00f6nnen ja nicht einmal die Totalit\u00e4t unserer Person begreifen. Erinnerungen werden mit der Zeit von neuen Eindr\u00fccken \u00fcberlagert und umgemodelt. Sie verblassen und verschwinden ganz. Sie werden durch neue Ereignisse erneut hervorgerufen, haben jedoch nur noch entfernt etwas mit den einstmaligen Tatsachen zu tun. Erinnertes wird zur Fiktion. Und doch ist jede Erinnerung f\u00fcr sich eine Tatsache. Erinnerungen k\u00f6nnen uns t\u00e4uschen, sie sind aber keine L\u00fcgengespinste. Dieses Paradoxon m\u00fcssen wir in Kauf nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was meine eigene Person betrifft, kann ich meine Erinnerungen insoweit \u00fcberpr\u00fcfen, als ich von fr\u00fcher Jugend an minuti\u00f6s Tagebuch gef\u00fchrt habe. Sie reichen bis in das Jahr 1947 zur\u00fcck. Ich greife zum Teil auf vor Jahrzehnten Erinnertes zur\u00fcck und schaue so ungefiltert durch sp\u00e4tere \u00dcberlagerungen in meine eigene Vergangenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><b><em>\u201eDe nobis ipsis silemus\u201c \u2013 \u201eVon uns selber schweigen wir\u201c<br \/>\n<\/em><\/b>(Francis Bacon: Instauration magna. Praefatio, zit. n. Immanuel Kant)<span style=\"font-size: large;\"><span style=\"font-size: 18.0pt;\"><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieser Satz und Vorsatz, den der englische Empirist Francis Bacon gepr\u00e4gt hat, weist auf eine Grundregel f\u00fcr Wissenschaftler hin. Nach herrschender Auffassung soll es in der modernen Wissenschaft nicht um die pers\u00f6nlichen Motive, Befindlichkeiten und privaten Lebensphilosophien der Wissenschaftler, nicht um Person und Amt gehen, sondern um die Sache des Erkenntnisgewinns und um die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit. Die Person soll hinter die Sache zur\u00fccktreten. \u00dcber uns selbst sollen wir schweigen. Unsere Arbeit und unsere Leistungen zu w\u00fcrdigen, sei Angelegenheit anderer aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler. Obschon es gute Gr\u00fcnden gibt, die pers\u00f6nlichen Motive, Vorlieben und Sichtweisen vom eigentlichen Forschen zu trennen, ist diese strikte Trennung fraglich geworden. Entstehungszusammenh\u00e4nge spielen immer selektiv in unsere Forschung und Erkenntnis hinein. Was treibt uns an? Was sind unsere Motive? Wissenschaftliche Erkenntnisse k\u00f6nnen in au\u00dferwissenschaftlichen Bereichen zu vielerlei Zwecken verwendet und dabei missbraucht werden. Ich werde in meinen Erz\u00e4hlungen etwas \u00fcber meine kulturelle Pr\u00e4gung und pers\u00f6nlichen Motive preisgeben, die meinen wissenschaftlichen Zugang zur Welt bestimmt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sich am Ende eines langen und ereignisreichen Lebens mit Abrechnungen zu verabschieden, w\u00e4re in der Tat ein schm\u00e4hlicher Abgang. Doch es gibt zu viele gravierende Gr\u00fcnde, zu z\u00fcrnen und aus seinem Zorn keinen Hehl zu machen. Gewisse Auseinandersetzungen wurden hart und r\u00fccksichtlos gef\u00fchrt. Als ich im Jahre 1959 zum ersten Mal in eine Universit\u00e4t eintrat, w\u00e4hnte ich einen Tempel der Wissenschaft zu betreten, als ich im Jahre 2000 verabschiedet wurde, verlie\u00df ich erfahrungssatt und entt\u00e4uscht ihre Hallen. Leider herrschen im Hause der Wissenschaft nicht nur intellektuelle Redlichkeit und Verantwortung, nicht nur ein weitsichtiger Geist, sondern auch Ignoranz, Eitelkeit, Bornierheit, Gemeinheiten, Intrigen und Anfeindungen, kurzum, alle menschlichen Schw\u00e4chen, die auch au\u00dferhalb der Wissenschaft anzutreffen sind. Nur die \u201eLeidenschaft zur Sache\u201c, nur der Dienst an der wissenschaftlichen Wahrheit, nur Wissbegierde lassen Diffamierungen und Verletzungen \u00fcberstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><b>Selbstdeutung und Fremdwahrnehmung<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Selbstdeutung und Fremdwahrnehmung stehen zeitlebens in einem offenen dialektischen Prozess, dessen Bestandteile oder Momente sich im Laufe eines langen Lebens ver\u00e4ndern, verdichten, verfl\u00fcchtigen und verh\u00e4rten k\u00f6nnen. Wir sind nicht wirklich souver\u00e4n und autonom in unserer Selbstdeutung. Wie wir uns sehen, erleben und selbst deuten, ist von anderen abh\u00e4ngig und mitgepr\u00e4gt, die in unsere Erlebnis- und Handlungsfelder eintreten. Wir gewinnen unser Selbstbewusstsein in der Begegnung mit anderen. Die Entwicklung und Selbstdeutung unserer Pers\u00f6nlichkeit und Fremddeutungen stehen in einem unaufhebbaren Spannungsverh\u00e4ltnis. Meine Selbstverortung als freischwebender Intellektueller hat sich, wie mein Lebensbericht noch zeigen wird, als eine Selbstt\u00e4uschung erwiesen, die mich in schwierige Situationen gebracht hat. Man k\u00f6nnte es \u201ephysikalisch\u201c sehen: Wir geraten unvermeidbar in die Gravitationsfelder anderer Personen und Personengruppen, noch lebender und schon verstorbener, wir werden von ihnen angezogen oder abgesto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>\u201e<\/em><b><em>Eine Generation kommt und eine Generation geht (\u2026) Da gibt es keine Erinnerung an die Fr\u00fcheren. Und an die K\u00fcnftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die sp\u00e4ter sein werden\u201c,<\/em><\/b><em> so spricht der Prediger Salomon.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der weise K\u00f6nig spricht eine Wahrheit aus. Allerdings denkt er in weiten Zeitr\u00e4umen, in vieltausendj\u00e4hrigen Zeitaltern. Im Wandel der \u00c4onen wird alles Nichtigkeit und Windhauch. Niemand kennt mehr die Namen der Erbauer und Einwohner l\u00e4ngst versunkener Reiche und St\u00e4dte. Schon in der Gegenwart verklingen die Namen der allermeisten Menschen mit der Totenglocke und den Nachrufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch werden Menschen immer nach ihren Wurzeln fragen. Wir alle haben einen Ursprung in einem geografischen Raum, in einer Zeit, an einem Ort, in einer Gegend, in einem Kulturkreis und in einem Beziehungsgeflecht einer Menschengruppe. Und dieser Ursprung hat wieder einen Ursprung, und so reiht sich Generation an Generation bis an den Punkt, von dem ab es keine Erinnerung mehr gibt an die Fr\u00fcheren. Ich habe mich seit meiner fr\u00fchen Jugend stets als Glied in einer langen familiengeschichtlichen Kette gesehen und daraus Kraft gesch\u00f6pft. Ohne diese Kette von Generationen ist meine Existenz nicht zu denken. Mit der Schilderung ihrer Schicksale und meines Schicksals beschreibe ich unser kleines, unbedeutendes Dasein, unsere kurze Existenz zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach. Wir werden wie sie in das Reich der Vergessenheit eingehen. So komme ich auch l\u00e4ngst vergangenen Lebensl\u00e4ufen auf die Spur, ich beginne mich auch an die Gehirne verschwundener Generationen anzukoppeln und ihre Sinnorientierungen zu verstehen. Aus Daten werden Schatten, aus Schatten Schemen, aus Schemen Personen, und pl\u00f6tzlich stehen sie vor mir. F\u00fcr ein paar Minuten, manchmal auch f\u00fcr ein paar Stunden, kehren sie zur\u00fcck \u2013 ins Ged\u00e4chtnis.Viele sind mir geradezu unheimlich gegenw\u00e4rtig. Ich h\u00f6re ihre Stimmen aus der Ferne der Zeit her\u00fcberklingen. Sie beginnen aus ihrem Leben zu erz\u00e4hlen. Ich besuche Erinnerungsorte, trete ein und lausche in die Echor\u00e4ume der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Erinnerungen schwelgen? Erinnerungen genie\u00dfen? Lieber h\u00e4tte ich vieles vergessen oder so gut verdr\u00e4ngt, dass es nicht mehr ins Bewusstsein zur\u00fcckkehrt: Pr\u00fcgel, Dem\u00fctigungen, Niederlagen, Versagen, sch\u00e4ndliches Handeln, L\u00fcgen, Unterlassungen &#8211; ein Menschenleben ist gew\u00f6hnlich voll schlechter, niederdr\u00fcckender Erfahrungen, zumal in und am Rande von Zivilisationsbr\u00fcchen, wie sie sich im 20. Jahrhundert ereigneten. Vergessen und Vergessenk\u00f6nnen entlastet, befreit von Schuld- und Albtr\u00e4umen. Ich m\u00f6chte gegen das Vergessen und Vergessenwerden schreiben, um so kleine biografische Pyramiden zu hinterlassen. Hier also sind sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEiner Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Sch\u00e4ndliches enth\u00e4lt. 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