{"id":155,"date":"2016-09-13T16:53:32","date_gmt":"2016-09-13T14:53:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=155"},"modified":"2019-01-23T18:07:34","modified_gmt":"2019-01-23T17:07:34","slug":"30-die-phalanx-der-katholischen-streitkraefte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/09\/13\/30-die-phalanx-der-katholischen-streitkraefte\/","title":{"rendered":"29. Die \u201eMaria vom Siege\u201c und die Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Durch eine Doktorarbeit, die an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Passau eingereicht und nach erfolgreichem Abschluss \u00f6ffentlich pr\u00e4miert worden war, sah ich mich 1989\/90 veranlasst, als Sozialwissenschaftler und Mitglied der Fakult\u00e4t wissenschaftlich nachzubohren, was es mit der in der Doktorarbeit beschriebenen Ikone der Passauer \u201eMaria vom Siege\u201c auf sich hatte. Sie war 1978 von der vormaligen Philosophisch-Theologischen Hochschule \u00fcbernommen worden und hatte seither als Siegel, Logo und Identit\u00e4tsikone gedient. Meine sozialwissenschaftliche Intervention (plakativ: ein \u201eErsch\u00fctterungs-experiment\u201c) und die Aufdeckung universit\u00e4tsinterner und Passauer Sinnwelten stie\u00dfen auf heftigen Widerstand und l\u00f6sten einen erbitterten Streit aus. \u00dcber mich ergoss sich zweimal ein aufschlussreicher \u201eShitstorm\u201c. Der Doktorand Conrad Lienhardt hatte mit seinen historisch-ikonologischen und ikonografischen Ergebnissen unversehens eine akademische Expertise und die Steilvorlage f\u00fcr eine Untersuchung geliefert: Welchen Bedeutungsgehalt mochte die katholische \u201eMaria vom Siege\u201c im Logo der Universit\u00e4t Passau wohl heute noch haben.?<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Mein ethnomethodologischer Ansatz, seine methodische Durchf\u00fchrung und die Ergebnisse meiner sozialwissenschaftlichen Intervention und \u201eAktion\u201c sowie die Kritik daran sind an anderer Stelle publiziert (Mintzel 1990a, 1990b, 1991, 1992, 1994, 1996; Wasner 1998, 2000). Bei der Schilderung dieses Ereignisses aus meiner Biografie will ich nicht ein weiteres Mal meine wissenschaftlichen Untersuchungen ausbreiten, sondern vielmehr meine pers\u00f6nlichen Erlebnisse schildern, die dieses \u201eAbenteuer Wissenschaft\u201c mit sich brachten. Ich werde R\u00f6sser und Reiter nennen, die bei diesen zum Teil krassen Wertkollisionen gegeneinander antraten. Einer meiner britischen Kollegen, Professor Gordon Smith, der an der London School of Economics Politikwissenschaft und politische Zeitgeschichte lehrte, fragte mich auf einem Passauer Symposion: \u201eAlf, Passau is a beautiful city. But what is under the surface?\u201c Meine Expeditionen in das katholische, sozial-moralische Milieu und zu den \u201eEthnien\u201c der Passauer Universit\u00e4t kosteten mich viel Kraft und erforderten eine stabile psychische wie physische Konstitution. Der \u201ePassauer Madonnen-Streit\u201c w\u00e4re nichts f\u00fcr konfliktscheue Forscher gewesen. Solche anstrengenden Expeditionen in das Innenleben einer Universit\u00e4t sind nur f\u00fcr erprobte Abenteurer empfehlenswert. Forscher auf mittleren Universit\u00e4tsr\u00e4ngen w\u00e4ren von den honorigen Herren Lehrstuhlinhabern und kleineren Chargen kurzerhand als \u201eSchandflecken\u201c von der sch\u00f6nen Fassade der Universit\u00e4t \u201eweggeputzt\u201c worden. Es gab Kollegen, die mich angesichts der Angriffe besorgt fragten: \u201eHerr Mintzel, wie halten Sie das nur aus!?\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Der wissenschaftliche S\u00fcndenfall: Die \u201esch\u00f6ne Maria\u201c<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">\u201eOrte des Soziologen sind alle Pl\u00e4tze der Welt, wo Menschen mit Menschen zusammentreffen (\u2026) Nichts was Menschen treiben, ist ihm zu hoch oder zu gering, zu langweilig oder zu l\u00e4stig\u201c (Peter L. Berger).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Welche Sinnwelten lassen sich hinter einem Logo aufdecken, das aus dem religi\u00f6s-konfessionellen Bereich stammt und von einer neu gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t angeblich als rein dekoratives Identit\u00e4tszeichen eingef\u00fchrt worden ist? Mit welchem empirisch-analytischen Instrumentarium lassen sich die m\u00f6glichen Sinnwelten dechiffrieren? Ich sah mich als Sozialwissenschaftler und Kenner der katholischen, sozial-moralischen Milieus von der ignoranten Behauptung des Gr\u00fcndungspr\u00e4sidenten veralbert und f\u00fcr dumm verkauft, das Emblem bef\u00f6rdere keine religi\u00f6s-konfessionellen Botschaften mehr, es sei ein v\u00f6llig glaubensentleertes Dekor. Im September 1990 verteidigte der oberste Repr\u00e4sentant der Wissenschaft in einem zweist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch, zu dem ich die kurz zuvor mit 3000 Deutschen Mark pr\u00e4mierte Doktorarbeit \u00fcber die Ikone mitgebracht hatte, das Logo der Universit\u00e4t auf eine so fragliche, um nicht zu sagen engstirnige Weise, dass ich mich als Sozialwissenschaftler herausgefordert sah. Er versteifte sich auf die Behauptung, die Marienikone sei ein Dekor \u00e4hnlich wie der Mercedesstern. Argumente der Wissenschaftslehre und -geschichte lie\u00df er nicht gelten. Nach zwei Tagen Bedenkzeit beschloss ich, mit einer sozialwissenschaftlichen Intervention aufzudecken, was es mit dem Logo so alles auf sich habe.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Bei ihrer Er\u00f6ffnung im Jahre 1978 hatte die neue Universit\u00e4t Passau zwei Probleme ihrer akademischen und gesellschaftlichen Repr\u00e4sentation zu l\u00f6sen. Sie musste nach innen zur Bildung einer \u201ecorporate identity\u201c ein Zeichen, Logo oder Wappen finden, das geeignet war, von allen Mitgliedern der Universit\u00e4t als symbolische Repr\u00e4sentation akzeptiert und gebraucht zu werden. Dieses musste zudem nach au\u00dfen zur gesellschaftlichen Repr\u00e4sentation der Universit\u00e4t regional, landes- und bundesweit brauchbar sein. Gew\u00f6hnlich wird der symbolischen Repr\u00e4sentation einer Organisation oder Institution keine allzu gro\u00dfe Aufmerksamkeit geschenkt. Diese scheinbar nebens\u00e4chliche Angelegenheit ist jedoch, wie viele Beispiele zeigen, von gro\u00dfer funktionaler Bedeutung, zumal bei Neugr\u00fcndungen. Ein Markenzeichen soll der Identit\u00e4t und Unterscheidung dienen und innere und \u00e4u\u00dfere Identifikationsbed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen. Zumindest beim Gr\u00fcndungsakt einer neuen Institution wird die Einf\u00fchrung eines Markenzeichens zu einem hoheitlichen Akt mit Langzeitwirkung. Einmal gew\u00e4hlte werden gew\u00f6hnlich nicht mehr ausgetauscht. Sie sollen sich auf Dauer einpr\u00e4gen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die Leitung der neu gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t Passau \u00fcbernahm in einem Hauruck-Verfahren das Emblem der vormaligen katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau, die in die neue Universit\u00e4t als katholisch-theologische Fakult\u00e4t integriert worden war. Im Zentrum des runden Emblems steht die \u201eMaria vom Siege\u201c. Es war wohl ein reflexionsarmer Traditionalismus, der wie selbstverst\u00e4ndlich auf diese vermeintlich alteingef\u00fchrte Vorgabe zur\u00fcckgreifen lie\u00df. Sp\u00e4ter wurde hinter vorgehaltener Hand zugegeben, dass man sich nicht viel dabei gedacht hatte. Der Gr\u00fcndungssenat hatte die \u201esch\u00f6ne Maria\u201c in f\u00fcnf Minuten zum Siegel und Logo gemacht und in den Universit\u00e4tshimmel gehoben. Die \u201eMadonna\u201c suggerierte auch Altehrw\u00fcrdigkeit und Unantastbarkeit. Glaube und Vernunft schienen wunderbar vers\u00f6hnt zu sein. Dann kam es 1989\/90 zum wissenschaftlichen S\u00fcndenfall, der den sogenannten Passauer Madonnen-Streit ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-476\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-700x700.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_1-Siegel.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Siege<\/em><em>l und L<\/em><em>ogo der Universit\u00e4t Passau von 1978<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Mit seiner typengeschichtlichen Untersuchung hatte der Doktorand der Universit\u00e4t unabsichtlich \u201eAufkl\u00e4rungs-unterricht\u201c erteilt. Die Laudatio, die aus Anlass ihrer Pr\u00e4mierung gehalten wurde, lie\u00df aufhorchen. Es kam heraus, dass diese sch\u00f6ne Madonna historisch-ikonologisch eine martialische Bedeutung hat. Sie stellt eine Variante der \u201eImmaculada militante\u201c der spanischen Inquisition dar. Das katholische Kultsymbol symbolisiert den Suprematie- und Primatsanspruch der katholischen Kirche, die r\u00f6misch-katholische Orthodoxie und Dogmatik, die Miterl\u00f6serschaft Mari\u00e4 im Heilsplan, die angeblich unbefleckte Empf\u00e4ngnis und die selbst unbefleckt empfangene Maria, die Ecclesia triumphans gegen Ungl\u00e4ubige und H\u00e4retiker und den Sieg der Gegenreformation \u00fcber die Protestanten. Die Ikone war das \u201emilitante Triumphbild der Gegenreformation schlechthin\u201c (Conrad Lienhardt). Es mag ja sein, dass einzelne Bedeutungsinhalte sich inzwischen verfl\u00fcchtigt hatten, doch wurde in der Universit\u00e4t die Frage laut, ob dieses Symbol f\u00fcr eine 1978 neu gegr\u00fcndete, \u00fcberkonfessionelle und konfessionsneutrale staatliche Universit\u00e4t wirklich passend sei. Welche Wappen und Embleme alte Universit\u00e4ten in den Zeiten der Glaubensk\u00e4mpfe eingef\u00fchrt hatten, steht auf einem anderen Blatt. Die wissenschaftliche Neugier war geweckt und der Widerspruch dazu.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Es kam noch eine Peinlichkeit hinzu: Der universit\u00e4tsamtliche Devotionalienhandel mit der Ikone. Diese Praxis hatte groteske Formen angenommen. Der f\u00fcr alle Ver\u00f6ffentlichungen und Briefk\u00f6pfe vorgeschriebene Gebrauch der Ikone wurde begleitet von der Verteilung und feierlichen \u00dcbergabe von \u201eIdentit\u00e4tsprodukten\u201c wie Anstecknadeln, Autoplaketten, Wimpeln, Herrenschlipsen, Dament\u00fcchern, Wachsg\u00fcssen, D\u00f6schen, Bierkr\u00fcgen und Glashumpen \u2013 allesamt mit diesem Glaubenssymbol verziert. Die Universit\u00e4t Passau fungierte gewisserma\u00dfen als \u201emarianisches Hilfswerk.\u201c Je nach W\u00fcrde und Anlass gab es in Wachs gegossene Marien in drei Gr\u00f6\u00dfen. Die \u201eMaria vom Siege\u201c hatte auf dem blaufarbigen Grund der Herrenschlipse sinnigerweise einen Ehrenplatz etwa eine Handspanne \u00fcber der erhabenen M\u00e4nnlichkeit des Geehrten und Gelehrten. Von trinkfreudigen Universit\u00e4tsmitgliedern wurde mit Kr\u00fcgen und Humpen angesto\u00dfen, die mit der \u201eReinen\u201c und \u201eUnbefleckten\u201c geschm\u00fcckt waren. \u201eProst Maria!\u201c Die Spitze der Geschmacklosigkeiten, aber passend zum einstmaligen jesuitischen Kampfsymbol, war ein mehrfarbiger Brustschmuck, eine Ordensspange mit kleinen (Marien-)Anh\u00e4ngern in der Art, wie sie hochdekorierte Gener\u00e4le an ihren Uniformjacken tragen. Eine besonders sinnvolle Auszeichnung f\u00fcr verdiente Marienk\u00e4mpfer?<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die Alma Mater Passaus vereinigte mit ihrem Devotionalienhandel das Heilige und Profane zur akademischen Imagepflege und aus schn\u00f6den Gr\u00fcnden des Marketings. Die Madonna sollte die lokale und regionale Spendenfreudigkeit anregen. Die \u201eSiegerin in allen Schlachten Gottes\u201c war mit dieser Praxis in s\u00e4kularer Sicht zu einem Spottbild ihrer selbst geworden. Die Universit\u00e4t trug \u2013 zu ihrer Schande unwissentlich \u2013 kr\u00e4ftig zur Sinnentleerung bei. \u201eAnything goes\u201c war die postmoderne Devise. Das war auf Grund gewohnter Devotionalien-Praxis nicht einmal glaubenstreuen Katholiken aufgefallen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">\u201eSo ist es nun einmal hier \u00fcblich.\u201c Es bedurfte eines rabiaten universit\u00e4ts\u00f6ffentlichen Widerspruchs, um diesem Treiben ein Ende zu setzen. Universit\u00e4tsmitglieder fragten, ob die Universit\u00e4tsleitung die Institution des Wissens und Erkennens zu einem akademischen Alt\u00f6tting verkommen lassen wolle.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Begr\u00fcndungsnotstand und fragliches Traditionsargument<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Dem Argument des Missbrauchs religi\u00f6s-konfessioneller Symbole wurde von Seiten der Universit\u00e4t im Begr\u00fcndungsnotstand prompt das Traditionsargument entgegengesetzt. Die Ikone sei seit langem im Emblem der vormaligen katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule Passaus gef\u00fchrt worden. Aber auch dieses Gegenargument war nicht stichhaltig, denn diese hatte das Emblem mit der Ikone erst 1950, im \u201eHeiligen Jahr\u201c der katholischen Kirche, zur Zeit des 74. Deutschen Katholikentages in Passau eingef\u00fchrt. Es war das Jahr, in dem auch das zweite Mariendogma verk\u00fcndet worden war, wonach die verstorbene Maria \u201emit Leib und Seele in die Pr\u00e4chtigkeit des Himmels aufgenommen\u201c worden sei. Das Universit\u00e4tslogo war folglich alles andere als ein alteingef\u00fchrtes. Die steinerne Skulptur der \u201eImmaculada militante\u201c, die in einer Mauernische des alten Passauer Jesuitenkollegs steht, war zuvor in kein Wappen oder Logo aufgenommen worden. Die Philosophisch-Theologische Hochschule hatte sich bis 1950 des bayerischen Staatswappens bedient. Die Verteidiger hatten mit ihrer falschen Zweckbehauptung die \u201esch\u00f6ne Maria\u201c zu einer akademischen L\u00fcgen-Maria gemacht. Dar\u00fcber schwieg sich sp\u00e4ter das aus Anlass der 30-Jahre-Feier in der Universit\u00e4t kursierende \u201eInformationsblatt\u201c geflissentlich aus. Der Universit\u00e4tssenat hatte in aberwitziger Selbstherrlichkeit geglaubt, mit seiner Definition die religi\u00f6s-konfessionelle Bedeutung der \u201eMaria vom Siege\u201c aushebeln zu k\u00f6nnen, die eine Weltkirche in ihrem Katechismus f\u00fcr jeden nachlesbar h\u00f6chstamtlich festgelegt hatte. Man wollte nicht einsehen, dass der s\u00e4kulare Charakter wissenschaftlich begr\u00fcndeten Weltwissens mit diesem religi\u00f6sen Symbol nicht (mehr) vereinbar war.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Selbst dann, wenn historisch-religi\u00f6se Bedeutungsgehalte sich verfl\u00fcchtigt haben sollten, war die Ikone 1953\/54 und 1987\/88 erneut h\u00f6chstkirchenamtlich religi\u00f6s aufgeladen worden. In der Geschichte der r\u00f6misch-katholischen Kirche wurden zweimal sogenannte marianische Jahre ausgerufen, von Pius XII. das von 1953\/54 und von Johannes Paul II. das von 1987\/88. Das zweite Mal stand im Zusammenhang mit dem 70. Jubil\u00e4um des Marienwallfahrtsortes Fatima und sollte dazu dienen, \u201eauch all das erneut und vertieft zu bedenken, was das Konzil \u00fcber die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gesagt hat.\u201c Papst Johannes Paul II. hatte zuvor am 25. M\u00e4rz 1987 den Sinn des \u201eMarianischen\u201c dargelegt: \u201eHierbei geht es nicht nur um die Glaubenslehre, sondern auch um das Glaubensleben und folglich auch um echte <em>&gt;marianische Spiritualit\u00e4t&lt;<\/em>, wie sie im Lichte der Tradition sichtbar wird, und insbesondere um die Spiritualit\u00e4t, zu der uns das Konzil ermutigt.\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marianisches%20Jahr%20-%2013.03.2016\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marianisches Jahr \u2013 13.03.2016<\/a>).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die Passauer Universit\u00e4tsleitung, voran der Gr\u00fcndungspr\u00e4sident, hielten an ihrer Version fest, wonach das alles f\u00fcr das Logo der Universit\u00e4t Passau nicht gelte. Sie verliehen der Ikone der \u201eMaria vom Siege\u201c \u201eim Lichte der Tradition\u201c ihre besondere universit\u00e4tsamtliche \u201eSpiritualit\u00e4t\u201c, n\u00e4mlich eine Zierde der Wissenschaft zu sein und dem akademischen Umtrunk zu dienen. Von welcher Seite her und unter welchen Gesichtspunkten man immer auch den universit\u00e4tsamtlichen Gebrauch betrachtete: er war reflexionsarm und stupide. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Oberreuter nannte die Wahl dieses Logos und den Umgang mit ihm eine \u201einstitutionalisierte Gedankenlosigkeit.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-477\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"422\" height=\"586\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican-216x300.jpg 216w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican-768x1069.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican-700x974.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican-800x1113.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_2-Vatican.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>VATICAN magazin Jg. 4\/ Heft 5 \u2013 Mai 2010: Die Kirche, die Krise und der Drache. Nur die Frau kann helfen. Zur\u00fcck zu Maria!<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Sp\u00e4testens mit dem wissenschaftlichen S\u00fcndenfall der unbeabsichtigten Aufkl\u00e4rung war 1989\/90 evident, dass das Universit\u00e4tswappen weder nach innen im Sinne einer \u201ecorporate identity\u201c, noch im Au\u00dfenverh\u00e4ltnis als Markenzeichen gesellschaftlicher Repr\u00e4sentation weitergef\u00fchrt werden konnte. Die \u201eMaria vom Siege\u201c war obsolet geworden. Sie hatte im Innenverh\u00e4ltnis der Universit\u00e4t ihre allgemein verbindliche Symbolkraft verloren \u2013 sofern sie \u00fcberhaupt bestanden hatte. Akzeptanz und Konsens waren zerbrochen. Ihre gesellschaftliche Repr\u00e4sentationsfunktion nach au\u00dfen war in Widerspruch zur kognitiven Leitfunktion der Universit\u00e4t geraten. Die Situation war \u00e4u\u00dferst prek\u00e4r, denn es war klar, dass mit einer R\u00fccknahme des Logos vor allem im Au\u00dfenverh\u00e4ltnis der Universit\u00e4t lokale und regionale katholische Identit\u00e4tsbed\u00fcrfnisse verletzt w\u00fcrden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-478\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"593\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung-219x300.jpg 219w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung-768x1050.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung-700x957.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung-800x1094.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29_3-Lichtung.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Titelseite der \u201elichtung ostbayerisches magazin, Januar\/Februar 1991<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Mittel der Aufdeckung: Satire oder Antrag auf Abschaffung?<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Ich hatte zun\u00e4chst an eine schriftstellerische Attacke gedacht und eine bissige Satire auf die Universit\u00e4tsmadonna und ihre Anh\u00e4nger verfasst. Der Titel der Satire lautete:\u201c Die Marienuniversit\u00e4t zu Passau. Oder: Schenkendes Verstr\u00f6men von Gedankenlosigkeit. Eine sarkastische Denkmalnach-Schrift. In vier Teilen. Im Dienste der Wissenschaft allgemeinverst\u00e4ndlich verfasst von Alf Mintzel.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Nach dem zweist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch, das ich mit dem Pr\u00e4sidenten und dem Kanzler der Universit\u00e4t gef\u00fchrt hatte, war ich zun\u00e4chst entschlossen, die Satire als Sonderheft des ostbayerischen Magazins \u201elichtung\u201c zu publizieren. Hubert Ettl, der Herausgeber, hatte schon alle drucktechnischen Vorbereitungen getroffen. Die Druckmaschinen sollten schon am n\u00e4chsten Morgen anlaufen, als mich in der Nacht ein Kollege aus der juristischen Fakult\u00e4t anrief und mir riet, von einer Publikation abzusehen und einen anderen Weg zu gehen. Ich hatte den Strafrechtler Prof. Dr. Bernhard Haffke gebeten, den Text der Satire unter strafrechtlichen Gesichtspunkten zu pr\u00fcfen. Sein Ergebnis war: Die Satire b\u00f6te Anl\u00e4sse zu Beleidigungsklagen, weil die Protagonisten allesamt namentlich bekannt und religi\u00f6se Empfindlichkeiten ber\u00fchrt seien. Form und Text der Satire w\u00fcrden es Gegnern, vor allem aufgebrachten Glaubensh\u00fctern, leicht machen, von der Streitsache abzulenken. Die eigentliche Absicht, auf die Fragw\u00fcrdigkeit der Universit\u00e4tsikone hinzuweisen und ihre Abschaffung zu erreichen, k\u00e4me durch das Medium Satire nicht zum Tragen. Kollege Haffke empfahl mir, einen wohlbegr\u00fcndeten f\u00f6rmlichen Antrag bei den zust\u00e4ndigen Gremien zu stellen, das Emblem oder was auch immer es sei, abzuschaffen. Er w\u00fcrde sich einem Antrag anschlie\u00dfen. Ich zog noch in derselben Nacht den Druckauftrag zur\u00fcck. Wir beide formulierten einen mehrseitigen Antrag, in dem wir in sechzehn Punkten wissenschaftshistorisch, wissenschaftstheoretisch und erkenntnistheoretisch ausf\u00fchrlich begr\u00fcndeten, warum diese Ikone grunds\u00e4tzlich im Widerspruch zu den Aufgaben einer konfessionsneutralen freien Institution der modernen Wissenschaft steht. Unser Antrag vom 4. Oktober 1990 l\u00f6ste in der Universit\u00e4t und in der \u00d6ffentlichkeit heftige Kontroversen aus und brachte im katholischen, sozialmoralischen Milieu die konfessionellen Bedeutungsinhalte des \u201eDekors\u201c zum Vorschein.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Es bedurfte h\u00e4rtester wissenschaftlicher Methoden und einer aufwendigen wissenschaftlichen \u00d6ffentlichkeitsarbeit, um einen universit\u00e4tsamtlichen Entscheidungsprozess einzuleiten und skandal\u00f6se Diffamierungen und \u00fcble Drohungen abzuwehren. Eine vorher angek\u00fcndigte Initiative, die das Universit\u00e4tslogo unverbindlich zur Diskussion gestellt und eine Abschaffung nur empfohlen h\u00e4tte, w\u00e4re im Sand verlaufen. Nur ein \u00dcberraschungscoup und eine amtlich formale Herausforderung lie\u00dfen erwarten, \u00fcber Zustimmung und Widerst\u00e4nde Aufschl\u00fcsse \u00fcber den \u201ementalen Kitt\u201c der Ikone zu erhalten. Die desinteressierten Stummen, die stummen Interessierten, die offen bekennenden und stillen Marienverehrer und andere Kategorien von Meinungstr\u00e4gern mussten universit\u00e4tsintern und extern zum Reden gebracht werden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Fragw\u00fcrdige Vereinnahmungen der Universit\u00e4t Passau<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Der Universit\u00e4tspr\u00e4sident bedauerte 2008 in einem universit\u00e4tsamtlichen Schreiben an alle \u201eDamen und Herren Professorinnen und Professoren\u201c unter seinem amtlichen Briefkopf, dass aus der Universit\u00e4t \u201eeine stetig sinkende Zahl von Teilnehmern an der Fronleichnamsprozession\u201c zu beobachten sei. Er bat \u201eaus eigenem Entschluss\u201c, \u201ewieder um eine vermehrte Teilnahme, um unsere Verbundenheit mit Kirche und Stadt zum Ausdruck zu bringen.\u201c Zwar f\u00fcgte er hinzu, man m\u00f6ge sein Schreiben als gegenstandslos betrachten, \u201efalls man sich davon nicht angesprochen\u201c f\u00fchle, aber der h\u00f6chstamtliche Brief war auf Kosten des Universit\u00e4tsetats an die gesamte Kollegenschaft versandt worden. War es Aufgabe eines Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten, also des h\u00f6chsten Vertreters aller Wissenschaftler, auf dem Amtsweg zu einer vermehrten Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen? Was der einen Seite recht ist, m\u00fcsste der anderen Seite konsequenter Weise billig sein. Doch wurde bei so viel freundlicher Verbundenheit nicht einmal die amtlich-neutrale \u00c4quidistanz zu den Kirchen gewahrt. Selbstverst\u00e4ndlich wurden zum Reformationsfest die Kolleginnen und Kollegen nicht gebeten, wieder mehr am Gottesdienst teilzunehmen. Hinter vorgehaltener Hand wurde dar\u00fcber geschimpft oder gelacht, doch niemand wagte es, dagegen offen, geschweige denn \u00f6ffentlich etwas zu sagen. Neuerdings l\u00e4sst sich die 2016 gek\u00fcrte Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin, eine Protestantin, wieder aus Tradition, nach der vom Generalvikariat vorgegeben standesgem\u00e4\u00dfen Ordnung in die Fronleichnamsprozession einordnen. \u00d6kumene nach katholischer Art!<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Charakteristisch f\u00fcr den religi\u00f6s-konfessionellen Stumpfsinn und den reflexionsarmen Traditionalismus der damaligen Leitungsgremien der Universit\u00e4t war, dass sie es im Jahre 1978 bei der Er\u00f6ffnung der Universit\u00e4t nicht einmal zustande brachten, die Konfessionen in einem \u00f6kumenischen Gottesdienst zusammenzuf\u00fchren. Die Katholiken feierten in der St. Nicolai Kirche oben im Kirchenschiff, die Protestanten durften unten in der Krypta der Kirche ihren Gottesdienst zelebrieren. Kein \u00f6kumenisches Miteinander, sondern ein traditionsbeschwertes Nebeneinander. Kein Wunder, dass es f\u00fcrderhin mit der amtlich-neutralen \u00c4quidistanz zu den Kirchen schlecht bestellt war und die Selbstdarstellung der Universit\u00e4t bis zum \u201eS\u00fcndenfall\u201c der Wissenschaft \u201emarianisch\u201c gepr\u00e4gt blieb. Bildpolitik wie in r\u00f6mischen Herrschaftszeiten. Katholische Professoren sagten es \u2013 entlarvend \u2013 offen und ehrlich: Sie f\u00fchlten sich hier wohl in ihrem Katholisch-Sein. Aber der Pr\u00e4sident und der zust\u00e4ndige Senat der Universit\u00e4t Passau blieben bei ihrer Meinung, dass dies alles nichts bedeute, und beharrten weiterhin auf dem universit\u00e4tsamtlichen Gebrauch der \u201eMaria von Siege\u201c als reines Traditionssymbol (PNP Nr. 51, 01.03.1991, S. 3). Es sollte allerdings k\u00fcnftig sensibler mit dem Logo umgegangen werden. Professoren und Fakult\u00e4ten wurde es freigestellt, das Emblem zu verwenden oder nicht, was zu einer kuriosen Vielfalt eigener Kreationen f\u00fchrte. Mit dieser scheinliberalen Senatsentscheidung geriet die \u201eMaria vom Siege\u201c, ich personifiziere das symbolische Abstraktum, bereits in die Defensive.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Opulentes Abendmahl \u2013 Die Tische des Bischofs waren reich gedeckt<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Der Bischof von Passau lud bis 2011 allj\u00e4hrlich, so um den Tag \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c herum, alle Professorinnen und Professoren samt Partnern zu einem opulenten Abendmahl ein. Die hochamtliche Einladung zum Sankt Nikolaus-Treffen erfolgte, unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit, nur an die gesamte Professorenschaft und an eine handverlesene Schar aus der Universit\u00e4tsverwaltung, \u00fcber einhundert Personen an der Zahl. Die Tische des Bischofs waren jedes Mal reich gedeckt \u2013 nach dem Matth\u00e4us-Prinzip \u201eDenn wer da hat, dem wird noch gegeben!\u201c Die flei\u00dfigen Mitarbeiter der Universit\u00e4t mussten drau\u00dfen bleiben. Das alles w\u00e4re ja verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig harmlos gewesen, w\u00e4ren Kritiker nicht f\u00fcr dumm verkauft worden. Wie k\u00f6nne man nur glauben, so fragten Kollegen, dass die Universit\u00e4tsmadonna noch irgendwelche religi\u00f6sen Botschaften mit sich tr\u00fcge. Wer auf die katholischen Traditionen und auf die Volksfr\u00f6mmigkeit in Bayern verwies, wurde zum Narren gehalten. Man musste schon mit Blindheit geschlagen sein oder im Beweisnotstand zur Zweckl\u00fcge greifen, um in Bayern die religi\u00f6s-konfessionelle Bedeutung einer \u201eMadonna\u201c abzustreiten. In der \u201ePassauer Neuen Presse\u201c, in der \u201ePassauer Woche\u201c, im Bistumsblatt und in anderen Presseorganen wurde vor allem in Zeiten religi\u00f6ser Hochfeste ausf\u00fchrlich \u00fcber Prozessionen, Marienandachten und Pilgerfahrten berichtet, bei denen die Gottesmutter um Hilfe gebeten wurde. Die Passauer Bisch\u00f6fe bekundeten oftmals ihre \u201einnige Verbundenheit mit Maria\u201c. Im katholischen Bayern wird t\u00e4glich unz\u00e4hlige Male das \u201eAve Maria\u201c gebetet. Die universit\u00e4tsamtliche Blindheit oder Verlogenheit besch\u00e4digte eine Institution freier Wissenschaft. Die \u201eMaria vom Siege\u201c wurde verstohlen Schritt f\u00fcr Schritt aus der Pr\u00e4chtigkeit des Universit\u00e4tshimmels entfernt und zu ihrer Rettung stillschweigend an die Staatliche Bibliothek Passau \u00fcberf\u00fchrt \u2013 ein Stoff f\u00fcr eine Satire. Es lie\u00df sich \u201eunter der sch\u00f6nen Maria\u201c zwar gut forschen, aber bei der Erforschung der sozialen und religi\u00f6s-konfessionellen Wirkkraft dieses Logos h\u00f6rte f\u00fcr viele Passauer und Kollegen die Freiheit der Wissenschaft auf.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die Universit\u00e4t mag, wie die \u201eBayerische Staatszeitung\u201c (Nr. 10, 08.03.1991, S. 10) \u00fcber den Senatsbeschluss geschrieben hat, \u201emit dem Kompromiss leben \u2013 nach jenem Prinzip, nach dem wir alle mit vielen Dingen leben: nicht hinschauen; wenn wir hinschauen: nichts wahrnehmen; wenn wir etwas wahrnehmen: nichts dabei denken. Von einer Universit\u00e4t darf man allerdings mehr erwarten.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Kollegen scheuten nicht vor \u00f6ffentlichen Diffamierungen zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">\u201eMagnifizenz, lieber Herr Pollok,<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">als ersternannter Professor unserer Universit\u00e4t, aber auch als Stadtrat, dem daran liegt, dass Passau und seine Universit\u00e4t nicht in seltsames Gerede geraten sowie als Rechtshistoriker, der die weiter als nur ins 18. Jahrhundert reichende wirklich liberale Tradition unserer Bischofsstadt kennt, darf ich zur Ern\u00fcchterung der eventuellen Diskussion im Senat \u00fcber o. g. Gegenstand [Emblem unseres Hauses] eine alphabetische Liste von Emblemen deutschsprachige Universit\u00e4ten vorlegen:<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Bamberg<\/em>. Heiliger Bischof, herrscherlich<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Basel<\/em>, reformierter Staat: Muttergottes mit Kind, Krone (K\u00f6nigin!) und Herrscherstab<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Heidelberg<\/em>: Der erste Vorg\u00e4nger des Papstes (St. Petrus) vor ihm kniend zwei Ritter, einer mit Rautenwappen (Wittelsbach, Bayern!) und L\u00f6wenwappen Welfen Pfalz)<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Kiel<\/em>: Antike Gottheit des Friedens<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Leipzig<\/em> fr\u00fcher: Zwei Heilige: Laurentius mit Rost und Joh. Bapt. {[gemeint war Johannes der T\u00e4ufer \u2013 A. M.] mit Schaferl (Das w\u00e4re mein Vorschlag f\u00fcr unser k\u00fcnftiges Siegel \u2013 im Gedenken an die beiden Initiatoren des j\u00fcngsten Bildersturmes \u2013 f\u00fcr den Fall, dass sie Erfolg haben sollten!)<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">M\u00fcnchen: Madonna als K\u00f6nigin (!) (mit Krone) und Kind<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">M\u00fcnster: Wie Basel<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Osnabr\u00fcck:<\/em> Madonna als K\u00f6nigin (!), Kind und Herrscherstab, erster Vorg\u00e4nger des Papstes (St. Petrus) und Kaiser<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Saarbr\u00fccken:<\/em> Eule (das w\u00e4re mein Ersatzvorschlag)<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Stra\u00dfburg:<\/em> fr\u00fcher einmal Joh. Bapt. [gemeint war Johannes der T\u00e4ufer \u2013 A. M.]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>T\u00fcbingen:<\/em> Christus als Weltenherrscher mit Reichsapfel, segnend<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Wien:<\/em> Muttergottes mit Kind und Engeln, darunter ein von diesen ungest\u00f6rt lehrender Professor mit Studenten!<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>W\u00fcrzburg:<\/em> Muttergottes mit Kind und Herrscherstab (K\u00f6nigin!)<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Z\u00fcrich<\/em>, reformierter Staat: Kirchenfassade mit Jahreszahl: 1833<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Als eine m\u00f6glicherweise durchaus aktuelle, nat\u00fcrlich unverbindliche, weitere Deutung unseres derzeitigen Emblems darf ich die Frau im 12. Kapitel der Apokalypse des hl. Johannes vorschlagen. Zu weiteren Ausf\u00fchrungen bin ich wegen Examensbelastung (Staats- und Fremdsprachenpr\u00fcfung) momentan nicht imstande. Den beiden militanten Kollegen gilt im Hinblick auf ihre freie Zeitkapazit\u00e4t und ihr Problemfindungsbewusstsein kollegiale Ver- und Bewunderung.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Verbindliche Empfehlungen und gute W\u00fcnsche Ihr ergebener gez. Michael Kobler.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Kopien an die Herren Dekane die Herren Kollegen der Jur. Fak. und an die PNP [Passauer Neue Presse]\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Was in jedem kulturwissenschaftlichen und historischen Seminar zurecht bem\u00e4ngelt w\u00fcrde, erlaubte sich der Rechtswissenschaftler Kobler ohne Skrupel. Er f\u00fchrte mit dem Schein wissenschaftlicher Seriosit\u00e4t formalistisch eine blo\u00dfe Auflistung in die Diskussion ein. Weder nannte er die Gr\u00fcndungsdaten der von ihm benannten Universit\u00e4ten, noch setzte er seine 15 Beispiele ins Verh\u00e4ltnis zur Gesamtzahl der knapp 140 Universit\u00e4ten und Hochschulen, die in der von ihm benutzten Quelle genannt sind. Auch setzte er sich nicht einmal auch nur im Ansatz mit den historisch-konfessionellen Bedeutungsinhalten der \u201eMaria vom Siege\u201c auseinander. Kobler unterschied nicht nach Gr\u00fcndungszeiten und historisch kulturellen Zeitumst\u00e4nden, nicht nach einstmaligen dynastisch-territorialen Verh\u00e4ltnissen, nicht nach Tr\u00e4gerschaften und dem heutigen \u00f6ffentlich-rechtlichen Status neuer Universit\u00e4ten. Mit seiner Auflistung synchronisierte, simplifizierte und vermischte der Rechtshistoriker wissenschaftlich unhaltbar ganz unterschiedliche Zeiten, Embleme, Tr\u00e4gerschaften und historische Konstellationen religi\u00f6s-konfessioneller M\u00e4chte. Er ignorierte die Entwicklungen der Wissenschaften und die moderne Wissenschaftslehre. Er setzte die zum Teil noch mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen Beispiele mit viel sp\u00e4teren und j\u00fcngsten Universit\u00e4tsgr\u00fcndungen gleich. Engen wir die historisch differenzierende und wissenschaftliche Betrachtungsweise auf Mariendarstellungen in Universit\u00e4tswappen, Siegeln und Emblemen ein, dann wird Koblers Auflistung noch fragw\u00fcrdiger. Von den insgesamt zehn Universit\u00e4ten, die in ihrem Wappen\/Siegeln\/ Emblemen eine Madonnendarstellung aufweisen, sind f\u00fcnf \u00e4lter als 400 Jahre, zwei \u00e4lter als 160 Jahre. Ein Beispiel: Die Universit\u00e4t W\u00fcrzburg war 1402 \u201edurch den apostolischen Stuhl\u201c errichtet worden, \u201eauf dass ebendort\u201c, wie es in der Gr\u00fcndungsurkunde hei\u00dft, \u201eder Glaube selbst verbreitet und das ungebildete Volk unterrichtet werde\u201c. Universit\u00e4ten waren damals und erst recht in nachreformatorischen Zeiten Bastionen des Glaubens und der Glaubensk\u00e4mpfe. Kobler verschwieg zudem, dass das Emblem der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck ebenfalls wegen seines religi\u00f6s-konfessionellen Charakters umstritten war. Er lieferte nicht nur einen fragw\u00fcrdigen Diskussionsbeitrag und ebenso willk\u00fcrliche Vorschl\u00e4ge, sondern \u00fcberzog die Antragsteller mit H\u00e4me und Spott. Er nannte sie militante Bilderst\u00fcrmer, mokierte sich \u00fcber deren Problemfindungsbewusstsein und stellte sie s\u00fcffisant als kleinkarierte Geister vor. Kobler wirkte mit seinem Leserbrief universit\u00e4tsintern und in der Passauer Neuen Presse nach alten Mustern an der Diffamierung und Ausgrenzung mit und blies so in das gleiche Horn wie Passauer katholische Fundamentalisten und Glaubensh\u00fcter. Unf\u00e4hig oder unwillig Dinge wahrzunehmen, die au\u00dferhalb seines bekenntnishaften Katholisch-Seins lagen, blendete er die moderne Wissenschaftslehre, andere wissenschaftliche Sichtweisen und s\u00e4kulare Wahrnehmungen religi\u00f6s-konfessioneller Bildwelten aus. In der Psychologie wird dieses Ph\u00e4nomen als \u201eTunnelblick\u201c bezeichnet, im Alltag ist von \u201eScheuklappen\u201c die Rede, in der Wissenschaft spricht man von \u201eFachidioten\u201c. Von dem Instrument einer ethnomethodologischen Intervention in eine fragw\u00fcrdige Praxis hatte der wohl nicht die geringste Ahnung. Kobler lieferte frei Haus, was es mit der Madonna auf sich hatte. Nicht wissenschaftliche Neugier und Erkenntniswille waren es, die ihn bewegten, seine Ausf\u00e4lle gegen Kollegen von der Passauer Neuen Presse abdrucken zu lassen, sondern au\u00dfengeleitete Gefallsucht. Stadtrat Kobler stilisierte sich als erstberufener Rechtswissenschaftler zum H\u00fcter einer angeblich liberalen katholischen Kirchentradition und sammelte Stimmen mit populistischer Stimmungsmache. Er genoss den dumpf-spie\u00dfigen Beifall katholischer Glaubensh\u00fcter. Koblers Haltung darf als exemplarisch angesehen werden. Die Auslassungen anderer katholischer Kollegen waren \u00e4hnlich verengt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Ich h\u00f6rte aus verschiedenen Ecken jene ebenso bornierten wie durchsichtigen Argumente gegen mein Engagement im Madonnen-Streit. \u201eDazu nimmt er sich Zeit, daf\u00fcr hat er Zeit\u201c. Die Infamie selbstgef\u00e4lliger Kollegen kannte keine Grenzen. Sie diffamierten intern und extern allzu durchsichtig mit populistischen Unterstellungen und dienten sich dem Pr\u00e4sidenten als Berater und Verteidiger an. Die Anfangs-Idylle der Passauer Universit\u00e4t war vorbei.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Ich hatte mit allerlei Diffamierungen und Praktiken der Ausgrenzung fest gerechnet. Schon im Vorfeld meiner Erkundungen war deutlich geworden, dass es mit dieser \u201eMaria\u201c extern und universit\u00e4tsintern eine eigene Bewandtnis hatte. Ich wusste, dass das Logo nur so lange harmlos war, wie es nicht infrage gestellt wurde. Mir war klar, welche Brisanz der Streit im Kontext des niederbayerischen und Passauer katholischen sozial-moralischen Milieus in dem Moment gewinnen konnte, in dem das Logo zur \u201eDisposition\u201c gestellt wurde. Der Verdacht einer unterschwelligen konfessionellen Vereinnahmung der Universit\u00e4t wurde im Verlauf der Auseinandersetzungen von den Gegnern selbst bekr\u00e4ftigt. Es kam wie erwartet, das Milieu lieferte prompt den Beweis und Realsatire. Passau war ja als besonders fruchtbarer N\u00e4hrboden f\u00fcr Kabarett und Satire bundesweit bekannt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Liberale Tradition ?<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Der unverd\u00e4chtige Chronist der katholischen Bildungsinstitutionen Passaus, Franz Xaver Eggersberger, ein Professor der Theologie und Kenner dieser Tradition, beschreibt und beurteilt in seiner Geschichte der Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau die Leistungen dieser katholischen Bildungsanstalt f\u00fcr Geistliche so:<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Bildungsarbeit habe ganz \u201eim Dienste der Gotteserkenntnis\u201c gestanden, nicht im Dienst humanistischer Bildung (Eggersdorfer 1933, 46). Die theologische Erkenntnislehre habe den erlaubten geistigen Wissensdrang bestimmt und eingegrenzt. Nach den Aufzeichnungen der Z\u00f6glinge \u201eh\u00f6rte man von Newton nicht einmal den Namen\u201c (Eggersdorfer 1933, 106). Mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und der Erhebung des Kollegs zu einer Akademie war dann zwar \u201eeine gewisse S\u00e4kularisierung der Lehrkanzeln\u201c eingetreten (Eggersdorfer, 167), aber die liberale \u201eAufkl\u00e4rungsbl\u00fcte\u201c hatte nur kurz gew\u00e4hrt. Der f\u00fcrstbisch\u00f6flichen Obrigkeit waren die Aufkl\u00e4rung\u201c und geheime Freigeisterei ihrer \u201eHochf\u00fcrstlichen Akademie\u201c bald zu weit gegangen. Zur Hebung der Religiosit\u00e4t und Moralit\u00e4t\u201c der Studierenden hatte sie am 24. September 1794 vier Professoren von ihren Lehrkanzeln und aus dem Lande gejagt. \u201eEs war bekannt geworden, da\u00df die (vier) in verschiedenen Wirtschaften (\u2026) l\u00e4sterliche Reden \u00fcber Freiheit und Gleichheit, \u00fcber Abla\u00df und Transsubstantion ausgestossen, da\u00df sie f\u00fcr die Franz\u00f6sische Revolution geschw\u00e4rmt, da\u00df sie anonyme Pasquillen verbreitet h\u00e4tten\u201c und\u00a0 derlei Verruchtes mehr (Eggersdorfer 1933, 226). \u201eDie revolution\u00e4re Aufkl\u00e4rung konnte in Passau keinen Boden gewinnen\u201c (Eggersdorfer 1933, 227), meinte der unverd\u00e4chtige Chronist der Passauer Bildungsinstitutionen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Jede freigeistige Regung war schon im Keim erstickt worden. \u201eMaria hat geholfen!\u201c Die Universit\u00e4tsleitung und Kollegen verfingen sich in einem Netz der Unkenntnis.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Katholisch gepr\u00e4gter wertkonservativer Traditionalismus<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Besonders auffallend war, dass die meisten Vertreter der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t z\u00e4h und demonstrativ am Gebrauch des Logos festhielten. Sie erwiesen sich als besonders resistent gegen andere Sichtweisen und boykottierten eine rationale kritische Auseinandersetzung mit der symbolhaften Selbstdarstellung der Universit\u00e4t. Der Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Absatzwirtschaft und Handel, Prof. Dr. Helmut Schmalen, verteidigte in seiner Amtseigenschaft als Vizepr\u00e4sident laut Passauer Neue Presse das Marienlogo unter werkkonservativen Gesichtspunkten so: Er \u201ebef\u00fcrchte Einbu\u00dfen im Wert des Emblems als Traditionssymbol, wenn es jeweils dem wechselnden Zeitgeist angepasst werde\u201c (PNP Nr. 249, 27.10.1990, S. 33). \u201eScharfsinniger\u201c h\u00e4tte es auch nicht der Bischof in einer Sonntagspredigt ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Schmalen formulierte mit dieser Begr\u00fcndung eine in der Universit\u00e4t Passau wohl weitverbreitete, betont wertkonservative Grundhaltung, die nun, nachdem der Streit entfacht worden war, gegen die geforderte Abschaffung mobilisiert wurde. Gr\u00fcndungspr\u00e4sident und Vizepr\u00e4sident waren von Beginn an Gegner des Antrages. Schmalen, zog auf Bergtouren informeller Universit\u00e4tskreise \u00fcber mich her und glaubte mich mit wertkonservativen Wortkeulen als Wissenschaftler niederschmettern zu k\u00f6nnen. Kollegen trugen mir zu, was ich nicht direkt zu h\u00f6ren bekam. Die kritische Funktion eines gel\u00e4uterten Aufkl\u00e4rungsprogrammes schien dem betriebswirtschaftlichen \u201eMacher\u201c zumindest uninteressant zu sein. War 1978 auf das vermeintlich alteingef\u00fchrte Emblem einfach aus einer unterstellten und nicht infrage gestellten (katholischen) Tradition zugegriffen worden, ohne gr\u00fcndlich nachzudenken, so wurde es jetzt in s\u00e4kularen Verteidigungsargumenten ausgesprochen wertkonservativ aufgeladen. Die mit dem Antrag vorgetragenen wissenschaftshistorischen, wissenschaftstheoretischen und religi\u00f6s-konfessionellen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abschaffung wurden ignoriert. Das wissenschaftliche Personal, und nicht nur dieses, wurde von den Verteidigern des Logos anscheinend als eine wertkonservative Gesinnungsgemeinschaft gesehen. Unter ihrem Gr\u00fcndungspr\u00e4sident Pollok verstand die Universit\u00e4tsleitung die Universit\u00e4t Passau im Gegensatz zu den unruhigen linkslastigen Universit\u00e4ten als eine wertkonservative, katholisch gepr\u00e4gte \u201eGegenuniversit\u00e4t\u201c. Schmalen und andere Kollegen deuteten das Marienlogo im Sinne eines universit\u00e4tspolitischen Gesinnungsprogramms um. Die bisherige \u201einstitutionalisierte Gedankenlosigkeit\u201c (Prof. Dr. Heinrich Oberreuter) wurde nun s\u00e4kular-ideologisch aufgeputzt. Das Marienlogo sollte als \u201eTraditionssymbol gegen den wechselnden Zeitgeist\u201c verstanden werden. Eine Reihe von Kollegen benutzte das Logo auch dann noch demonstrativ, als die Universit\u00e4tsleitung schon begonnen hatte, es schrittweise und leise aus dem Verkehr zu ziehen. Es sah nach einer Art Trotzreaktion aus. Dem Mintzel zeigen wir es! Wir halten an unserer Madonna fest! Die Verteidiger wollten nicht wahrhaben, dass das Logo auch dann nicht mehr als \u201ecorporate identity\u201c dienen kann, wenn es wertkonservativ umgedeutet wird. Das verbissene Festhalten an dem fraglichen Logo konnte nicht durchgehalten werden. Schmalens Rettungsversuch schlug fehl.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft, so wurde kolportiert, drohten der Universit\u00e4t mit dem Entzug von Geldmitteln, falls die Madonna aus dem Verkehr gezogen werde. Schlie\u00dflich betrieb die Universit\u00e4t mit Madonnen-Devotionalien einen einbringlichen Handel. Die Universit\u00e4t liefe Gefahr, so wurde es von Mund zu Mund in Umlauf gebracht, Finanzmittel zu verlieren. In der lukrativen marianischen Vermarktung der Universit\u00e4t, die wohl die erbosten Professoren der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t vor allem im Sinne hatten, offenbare sich, so schrieb die Bayerische Staatszeitung (Nr. 10, 08.03.1991, S. 10), \u201edie Bodenlosigkeit der Misere\u201c. Die Universit\u00e4t, die sich als H\u00fcterin einer Tradition geriere, n\u00e4hme ihr Symbol nicht ernst.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die Universit\u00e4tsleitung sah sich zum Handeln gezwungen und zog sich schrittweise aus der Aff\u00e4re. Printmedien, darunter regionale und \u00fcberregionale Tageszeitungen und DIE ZEIT, hatten mit ihrer kritischen Berichterstattung \u201enachgeholfen\u201c. Die marianischen Identit\u00e4tsprodukte, die \u201eDevotionalien\u201c, wurden schon zu Beginn des Streites aus dem Verkehr gezogen. Das Marienlogo wurde von Semester zu Semester ohne jede explizite Erkl\u00e4rung quasi klammheimlich aus den Vorlesungsverzeichnissen getilgt: Zun\u00e4chst verschwand es vom Cover, dann von der inneren Titelseite, dann von weiteren Innenseiten. Es blieb allerdings bei dem Siegel mit der katholischen Kampfmadonna. Noch heute wird es zur Beurkundung eingesetzt. Die \u201esch\u00f6ne Maria\u201c wurde allerdings buchst\u00e4blich ins Wasser geworfen. Sie wird heute auf Briefpapier in einem Wasserzeichen versteckt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">.Die \u201eMaria vom Siege\u201c verschwand leise und f\u00fcr die meisten unauff\u00e4llig aus dem Universit\u00e4tshimmel. Erst nachdem der Gr\u00fcndungspr\u00e4sident 1997 abgetreten war, f\u00fchrte die Universit\u00e4t nach einem ersten missgl\u00fcckten Versuch 2003 ein neues, nun konfessionsneutrales Logo ein. Die Universit\u00e4t ver\u00e4nderte schrittweise ihr \u00f6ffentliches Erscheinungsbild, f\u00fchrte im Jahre 2003 ein neues Logo ein und tilgte den Streit lautlos aus ihrer Geschichte. Erst im Sommer 2014 erkl\u00e4rte der neue Universit\u00e4tspr\u00e4sident Prof. Dr. Burghard Freitag \u00f6ffentlich, dass die Universit\u00e4t Passau das \u201eintellektuelle Gespr\u00e4ch mit den Religionen\u201c pflege.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-485\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu-300x80.jpg\" alt=\"\" width=\"503\" height=\"134\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu-300x80.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu-768x206.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu-700x187.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu-800x214.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/29-Logo-Uni-Passau-Neu.jpg 1016w\" sizes=\"(max-width: 503px) 100vw, 503px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><em>Das neue Logo der Universit\u00e4t Passau von 2003<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Der sogenannte Madonnen-Streit blieb zwar in den K\u00f6pfen alter Passauer B\u00fcrger h\u00e4ngen, das Gespr\u00e4chsthema ersch\u00f6pfte sich aber mit der Zeit. F\u00fcr die nachgewachsene Wissenschaftlergeneration ist dieser Streit nur noch eine am\u00fcsante Legende.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen schlossen sich 40 Kollegen und wissenschaftliche Mitarbeiter dem Antrag auf Abschaffung an. Der Antrag hatte zum Nachdenken und zu einer Meinungsbildung herausgefordert. Es wurden immer mehr. Die beharrenden Kr\u00e4fte und Gegner hatten wohl gehofft, die Forderung nach einer Abschaffung werde sich durch Nichtbeachtung erledigen und alles beim Alten bleiben. Ihre Rechnung konnte nicht aufgehen, weil selbst eine Minderheit, sofern sie eine geblieben w\u00e4re, in einer staatlichen konfessionsneutralen Institution des Wissens und der Wissensvermittlung in dieser grunds\u00e4tzlichen Frage h\u00e4tte nicht missachtet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Ich danke allen Kollegen und Mitstreitern, die mich in den Auseinandersetzungen stillschweigend, verdeckt und offen mit Rat und Tat unterst\u00fctz haben. <em>Wir<\/em> haben am Ende viel erreicht. Aus der Universit\u00e4t Passau ist eine wissenschaftlich leistungsstarke, interkulturelle Institution geworden, die internationales Ansehen genie\u00dft. Sie hat sich von dem \u00f6rtlichen Traditionsmuff und seinem phrasenhaften Traditionalismus befreit, ihr inneres und \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild s\u00e4kularisiert und sich betont interkulturell ausgerichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch eine Doktorarbeit, die an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Passau eingereicht und nach erfolgreichem Abschluss \u00f6ffentlich pr\u00e4miert worden war, sah ich mich 1989\/90 veranlasst, als Sozialwissenschaftler und Mitglied der Fakult\u00e4t wissenschaftlich nachzubohren, was es mit der in der Doktorarbeit beschriebenen Ikone der Passauer \u201eMaria vom Siege\u201c auf sich hatte. Sie war 1978 von der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[220,214,219,218,223,217,216,221,215,154,222,226,225,189,228,227,229,224],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/155"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=155"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":487,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/155\/revisions\/487"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}