{"id":17,"date":"2016-04-17T18:39:20","date_gmt":"2016-04-17T16:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=17"},"modified":"2019-02-11T10:07:42","modified_gmt":"2019-02-11T09:07:42","slug":"ueberlebensgeschichten-eines-erfolgreichen-versagers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/17\/ueberlebensgeschichten-eines-erfolgreichen-versagers\/","title":{"rendered":"1. Gewalt am Kinderbett und ein geladener Trommelrevolver"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Ich kam am 18. April 1935, es war an einem Gr\u00fcndonnerstag, um 16 Uhr 45 in Augsburg gesund und ohne Komplikationen zur Welt. Am 5. Mai 1935 wurde ich an einem f\u00fcr Protestanten besonders ehrw\u00fcrdigen Ort getauft, in der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche St. Anna. Meine Mutter war eine gl\u00e4ubige, kirchennahe Protestantin, mein Vater ein getaufter und konfirmierter \u201eKulturprotestant\u201c, mit einem ausgelaugten Verh\u00e4ltnis zur evangelischen Kirche. In der NS-Zeit trat er aus der Kirche aus, nach dem Krieg aus opportunistischen Gr\u00fcnden wieder ein. Sein Glaube war verdunstet. Doch war er protestantischen Denktraditionen verpflichtet geblieben. In diesem s\u00e4kular verd\u00fcnnten Sinne wurde ich als evangelischer Christ in ein fr\u00e4nkisch-protstantisches sozial-moralisches Milieu hineingeboren und 1950 in N\u00fcrnberg in der kunst- und stadtgeschichtlich ber\u00fchmten St. Johannis Kirche konfirmiert. Mit zunehmendem Alter wurde mein Gottesglaube, soweit er sich \u00fcberhaupt gebildet und verfestigt hatte, br\u00fcchig. Realit\u00e4t und rationale Widerspr\u00fcche rieben ihn schie\u00dflich v\u00f6llig auf. Ich trat 1964 aus \u00dcberzeugung aus der Kirche aus. Christlicher Glaube war mir so gr\u00fcndlich abhanden gekommen, dass es verlogen gewesen w\u00e4re, das Vater Unser auch nur der H\u00f6flichkeit halber oder blo\u00df aus Tradition mit- oder nur nachzubeten.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Die ersten Jahre nach der Geburt bezeichnen Entwicklungspsychologen, Hirnforscher, P\u00e4dagogen und andere Experten als \u201eSchicksalsjahre\u201c, als die sensiblen Jahre, in denen wir unser Ich und unsere F\u00e4higkeiten entwickeln und Handlungsdispositionen aufbauen, die uns ein Leben lang begleiten. In dieser Zeit bilden sich die meisten Nervenverbindungen, ein Vorgang im Gehirn, der durch Zuwendung und Anregung seitens der Eltern oder Pflegepersonen gef\u00f6rdert und geformt wird. Unser Denkverm\u00f6gen und unser sp\u00e4teres Lernverhalten werden angelegt und vorgepr\u00e4gt, angeborene F\u00e4higkeiten durch Umwelteinwirkungen verst\u00e4rkt oder beeintr\u00e4chtigt. Ein bildungsb\u00fcrgerliches famili\u00e4res Umfeld bietet in der Regel gr\u00f6\u00dfere Chancen, sp\u00e4ter in der Schule, an der Universit\u00e4t und im Beruf erfolgreich zu sein als eine bildungsferne Herkunft. Platt formuliert: \u201eHerkunft bestimmt Zukunft\u201c. Mein Vater hatte schon kurz nach meiner Geburt in einer Art Wunschprogramm meinen Lebenslauf und akademischen Werdegang vorausbestimmt, indem er die Stationen auflistete, die ich in meiner Karriere durchlaufen sollte: Einschulung in die Volksschule, \u00dcbertritt ins Gymnasium, Studium an der Universit\u00e4t, Beitritt zur schlagenden Burschenschaft \u201cFrankonia\u201c, Mensuren, Abschluss des Studiums usw. Seinen Fahrplan f\u00fcr mein Leben, der von Anfang an feststand, fand ich viele Jahrzehnte sp\u00e4ter in seinem Nachlass.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-534 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001-700x464.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001-700x464.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001-768x509.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001-800x530.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_001.jpg 1775w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>K\u00e4the Mintzel mit Johann Albrecht (Alf) Mintzel, Augsburg, kurz nach der Geburt<br \/>\nam 18. April 1935<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-535 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002-700x466.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002-700x466.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002-800x533.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_002.jpg 1779w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>K\u00e4the Mintzel mit ihrem Sohn Johann Albrecht (Alf) Mintzel, M\u00fcnchen Ramersdorf, Sommer 1935<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Gerade an diese \u00e4u\u00dferst sensiblen ersten Lebens- und Lernjahre des S\u00e4uglings und Kleinkindes k\u00f6nnen wir uns nicht erinnern. Das als <em>amnesia juvenilis<\/em> bekannte Ph\u00e4nomen l\u00f6scht so gut wie jede Erinnerung daran aus, was an F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten angelegt und ausgepr\u00e4gt worden ist. Was ich \u00fcber meine ersten vier Lebensjahre wei\u00df, woran ich ich mich zu erinnern glaube, stammt gr\u00f6\u00dftenteils aus Berichten meiner Eltern oder verwandter Personen, deren Erz\u00e4hlungen ich nicht \u00fcberpr\u00fcfen kann. Das wenige, das \u00fcber meine Entwicklung und meine Taten der Jahre zwischen 1935 bis 1940 berichtet worden ist, gibt jedoch erste Ausk\u00fcnfte \u00fcber lebensgeschichtliche Potenziale, die in die Zukunft weisen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Meine Eltern hatten sich nach ihrem Umzug von Erding in Oberbayern nach N\u00fcrnberg eine f\u00fcr einen st\u00e4dtischen Verwaltungsrat auffallend stattliche und teure Wohnugseinrichtung gekauft: das Mobiliar f\u00fcr ein Esszimmer, ein Herrenzimmer und ein elterliches Schlafzimmer. Das neugekaufte Mobiliar war von erlesener Qualit\u00e4t, hergestellt mit wertvollen H\u00f6lzern und gl\u00e4nzenden Fournieren. Die M\u00f6bel des Herrenzimmers waren aus edlem, braunen Jamaika-Holz. Der riesengro\u00dfe, an seinen Ecken geschwungene Schreibtisch hatte auf seiner Vorder- und R\u00fcckseite von T\u00fcren verschlossene F\u00e4cher, die Geheimnise zu bergen schienen. Selbst der K\u00f6rper eines gro\u00dfen Erwachsenen wurde klein, wenn dieser sich in einen der gro\u00dfen Sessel sinken lie\u00df. Auf dem runden Couchtisch standen Utensilien aus Bronze, als Dekor eine Eidechse, die Insekten auflauert, Beh\u00e4lter f\u00fcr Zigarren und Streichh\u00f6lzer, ein Aschenbecher, Zinnteller f\u00fcr kleines Geb\u00e4ck und anderes mehr. Alles machte einen \u201eherrschaftlichen\u201c Eindruck. Das Mobiliar des Esszimmers war aus hellerem, ebenfalls hochpolierten H\u00f6lzern. Besondere Schmuckst\u00fccke waren eine hohe Vitrine und eine f\u00e4cherreiche Anrichte f\u00fcr Porzellan und das Silberbesteck.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-536 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003-700x1057.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1057\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003-700x1057.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003-768x1160.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003-800x1208.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_003.jpg 1177w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Johann Albrecht (Alf) Mintzel, 1936<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Mein Kinderbett stand, wie meine Mutter erz\u00e4hlte, am Tage im Esszimmer parallel zur gro\u00dfen Anrichte. Die Erwachsenen hatten mich an diesem Platz am besten im Kontrollblick. Der Standort hatte allerdings einen Nachteil, die Anrichte lag in Reichweite der Kinderh\u00e4ndchen. Ich konnte durch die Gitterst\u00e4be das sch\u00f6n polierte M\u00f6belst\u00fcck erreichen und kleine Fingerabdr\u00fccke hinterlassen. Das war f\u00fcr meinen Vater ein Graus, er konnte es nicht leiden, wenn ich \u201e\u00fcbergriffig\u201c wurde und mit meinen Fingern die sch\u00f6ne Politur bewunderte und erkundete. Was machte er, um mich davon abzubringen? Er vergr\u00f6\u00dferte nicht den Abstand zwischen Kinderbett und Anrichte, vielleicht war das auch aus r\u00e4umlichen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich. Nein, er klopfte mir bei jedem meiner Versuche, die Anrichte zu bef\u00fchlen, kr\u00e4ftig auf die Finger, und das viele Male. Ich lernte bereits im fr\u00fchkindlichen Alter Gewalt kennen, Gewalt pr\u00e4gte meine Entwicklung. Und schon im Kindesalter &#8211; ich glaube im Alter von sechs oder sieben Jahren &#8211; nahm ich mir fest vor, der v\u00e4terlichen Gewalt lautlos zu trotzen. Das mag wie eine nachtr\u00e4gliche Stilisierung und \u00dcbertreibung klingen, doch geh\u00f6rte mein Vorsatz, Schl\u00e4ge meines Vaters still zu ertragen, zu den ersten Maximen meines Lebens. Durchhalten, sich nicht unterkriegen lassen, \u00fcberstehen, zur\u00fcckschlagen, psychischer und mentaler Gewalt widerstehen, wurden zu lebensgeschichtlichen Devisen. Die Kehrseite dieser Pr\u00e4gung und Grundorientierung, St\u00e4rke zu zeigen, war Angst vor Gewalt. Ich weigerte mich sp\u00e4ter in meiner Gymnasialzeit, einen damals \u00fcblichen Schularrest anzutreten, machte mich auf und davon, wurde in Bremen vom Schiff geholt und in die Zelle 25 des Stadtgef\u00e4ngnis gesperrt. Zeitlebens schauderte mir vor dem Gedanken, rechtlos und wehrlos psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt zu sein. Dass ich mich Jahrzehnte sp\u00e4ter in meinem Kunstschaffen mit Themen wie \u201eSchrecken des Krieges\u201c, \u201eFolter\u201c, \u201eOpfer\u201c, \u201eSrebrenica\u201c befasste, war wohl schon in Erfahrungen meiner Kindheit vorherbestimmt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-537 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004-700x465.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004-700x465.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004-800x532.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_004.jpg 1777w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>K\u00e4the Mintzel mit ihrem Sohn Johann Albrecht (Alf) und ihrer Tochter Dorothea (Dorle, geb. 1936), ca 1938<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-538 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005-700x1059.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1059\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005-700x1059.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005-768x1162.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005-800x1210.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/01_005.jpg 1174w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Johann Albrecht (Alf) Mintzel in Schaftstiefeln, ca. 1938\/39<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\">Es gibt noch zwei, drei andere unangenehme Ereignisse, die mir aus meiner Kindheit in Erinnerung geblieben sind. Eines h\u00e4tte t\u00f6dlich enden k\u00f6nnen. Noch heute sp\u00fcre ich den Schrecken, wenn ich das Ereignis in meine Erinnerung zur\u00fcckrufe. Ich verdanke mein Leben einem blinden Zufall. Es h\u00e4tte schon mit f\u00fcnf Jahren enden k\u00f6nnen. Mein Gro\u00dfvater Mintzel, im Jahre 1937 Witwer geworden, lebte seit Herbst 1937 mit uns in der elterlichen Wohnung. Er hatte ein eigenes, ger\u00e4umiges Zimmer, das f\u00fcr ihn Wohn- und Schlafraum zugleich war. Dorthin konnte er sich zur\u00fcckziehen, wenn ihm der Kinderl\u00e4rm zuviel wurde und er nach Ruhe suchte. Der Raum war mit Mobiliar aus seinem fr\u00fcheren Hausstand ausgestattet, darunter ein gro\u00dfer schwarzer Schreibtisch mit einem f\u00e4cherreichen Aufbau. Der alte Mann sperrte sein Zimmer nicht jedesmal ab, wenn er die Wohnung verlie\u00df. Solche Situationen reizten meine Neugier. Ich nutzte seine Abwesenheit f\u00fcr heimliche Erkundungen und zog eine Schublade nach der anderen auf. An einem sonnigen Vormittag entdeckte ich in einer der unverschlossenen Schubf\u00e4cher einen kleinen, sehr handlichen Trommelrevolver. Ich nahm ihn h\u00f6chst interessiert heraus und begann seinen Mechanismus genauer zu betrachten. Ich drehte an dem Kugellager, sah darin Kugeln stecken und spielte daran herum. Ich hielt den Revolver mal in die H\u00f6he, mal von mir weg, die Finger am Abzug. In der rechten Ecke des Raumes stand als Dekor ein hoher bauchiger Krug. Auf diesen richtete ich spielerisch den Lauf und dr\u00fcckte ab. Der Krug zersprang mit lautem Knall in Scherben. Ich erschrak bis in alle Glieder, legte den Revolver rasch in das \u201eGeheimfach\u201c zur\u00fcck und blieb auf dem Schreibtisch sitzen. Unser Dienstm\u00e4dchen Emmi hatte den ungew\u00f6hnlichen und sonderbaren Knall geh\u00f6rt. Sie kam herein und wollte wissen, was geschehen war. Ich sagte, ich sei an den Krug gesto\u00dfen, der daraufhin zersprungen sei. Meine Erkl\u00e4rung schien ihr plausibel genug. Sie sammelte die Scherben ein und ging der Sache nicht weiter nach. Von diesem Ereignis war niemals mehr die Rede. Geschehnisse totzuschweigen, scheint oft das Einfachste zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kam am 18. April 1935, es war an einem Gr\u00fcndonnerstag, um 16 Uhr 45 in Augsburg gesund und ohne Komplikationen zur Welt. Am 5. Mai 1935 wurde ich an einem f\u00fcr Protestanten besonders ehrw\u00fcrdigen Ort getauft, in der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche St. Anna. 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