{"id":174,"date":"2016-10-08T15:40:14","date_gmt":"2016-10-08T13:40:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=174"},"modified":"2017-03-03T13:59:23","modified_gmt":"2017-03-03T12:59:23","slug":"32-die-bayerische-kruzifix-debatte-1995","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/10\/08\/32-die-bayerische-kruzifix-debatte-1995\/","title":{"rendered":"32. Die bayerische Kruzifix-Debatte 1995"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><strong>Aufruhr in Bayern! Wehrt Euch! Widerstand! Emp\u00f6rung! \u201eChristliche\u201c Mobilmachung gegen das Urteil.\u00a0 Mit den Reaktionen auf das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom August 1995 lie\u00dfen sich dicke Leitzordner f\u00fcllen. Allein in den Printmedien wurde das Urteil monatelang kontrovers diskutiert. Die Anti-Urteils-Kampagne der Kruzifix-Verteidiger fand in Bayern ihren H\u00f6hepunkt in einer Gro\u00dfdemonstration in M\u00fcnchen. Ich selbst wurde mehrmals in die \u00f6ffentliche Diskussion einbezogen (Der Spiegel, Nr. 34, 21.08.1995, S. 44; Abendzeitung Nr. 185\/32, 12.\/13.08.1995, S. 2; Frankfurter Rundschau Nr. 222, 23.09.1995, S. 14). Wenige Tage nach dem Bekanntwerden des Urteils f\u00fchrte die M\u00fcnchner \u201eAbendzeitung\u201c ein Interview mit mir, in dem ich zwar mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Protest glaubenstreuer Christen zum Ausdruck brachte, aber doch dagegenhielt: \u201eDiese schrillen T\u00f6ne sind nicht berechtigt\u201c (AZ Nr. 185\/32, 12.\/13.08.1995, S.2). Es herrsche \u201ein der Bev\u00f6lkerung ein Traditionschristentum mit einer ganzen Menge Gedankenlosigkeit.\u201c Die komplizierten und schwierigen Sachverhalte besch\u00e4ftigten mich \u00fcber Wochen. Es war weit mehr als ein gew\u00f6hnliches Interesse an tagespolitischen Ereignissen und Vorg\u00e4ngen, das mich jeden Tag die Berichterstattung verfolgen lie\u00df, mich interessierten grunds\u00e4tzliche Fragen des Verh\u00e4ltnisses zwischen Staat und Kirchen und des deutschen Religionsverfassungsrechts. Ich verteidigte energisch das Mehrheitsvotum des Ersten Senats.<br \/>\nParallelen zum Passauer Madonnen-Streit wurden sichtbar. In der Streitsache glichen sich die gegens\u00e4tzlichen Grundpositionen ebenso wie in einigen Formen der Auseinandersetzung. Was sich im Mikrokosmos der Stadt Passau und der Passauer Universit\u00e4t sozusagen im Kleinen abgespielt hatte, war in \u00e4hnlicher, obgleich extremer Weise, im Makrokosmos bayerischer Verh\u00e4ltnisse zu beobachten. Worum war es gegangen?<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes 1995<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Im Volksschulgesetz des bayerischen Staates stand in Paragraf 13: \u201eDie Schule unterst\u00fctzt die Erziehungsberechtigten bei der religi\u00f6sen Erziehung der Kinder. Schulgebet, Schulgottesdienst und Schulandacht sind M\u00f6glichkeiten dieser Unterst\u00fctzung. In jedem Klassenzimmer ist ein Kreuz anzubringen.\u201c Gegen diese staatliche Anordnung hatte ein Erziehungsberechtigter geklagt. Die Klage durchlief s\u00e4mtliche Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes (Erster Senat) vom August 1995 l\u00f6ste die sogenannte Kruzifix-Debatte aus und f\u00fchrte in Bayern zu heftigen Reaktionen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Im Ersten Senat gab es zwei Begr\u00fcndungsstrategien, zum einen die der f\u00fcnf Richter (Dr. Johann Friedrich Henschel, Dieter Grimm, J\u00fcrgen K\u00fchling, Helga Seibert und Renate J\u00e4ger), welche die Mehrheitsentscheidung vertraten, zum anderen die der drei Richter (Evelyn Haas, Otto Seidl und Alfred S\u00f6llner), die von der Mehrheitsentscheidung abwichen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die zwei Leits\u00e4tze der Mehrheitsentscheidung lauteten: \u201e[1] Die Anbringung eines Kreuzes oder Kruzifixes in den Unterrichtsr\u00e4umen einer staatlichen Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, verst\u00f6\u00dft gegen Artikel 4 Absatz 1 Grundgesetz.[2] Paragraf 13 Absatz 1 Satz 3 der Schulordnung f\u00fcr die Volksschulen in Bayern ist mit Artikel 4 Absatz 1 Grundgesetz unvereinbar und nichtig.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Begr\u00fcndung der \u201eF\u00fcnfer-Gruppe\u201c (Position 1): Tenor und Kernargument waren, das Kreuz beinhalte und transportiere Glaubens\u00fcberzeugungen. Es k\u00f6nne nicht auf ein allgemeines Zeichen abendl\u00e4ndischer Kulturtradition reduziert werden. W\u00f6rtlich zitiert: \u201eEs symbolisiert den wesentlichen Kern der christlichen Glaubens\u00fcberzeugungen, die zwar insbesondere die westliche Welt in vielfacher Weise geformt hat, aber keineswegs von allen Gesellschaftsmitgliedern geteilt, sondern von vielen in Aus\u00fcbung ihres Grundrechts aus Art.4 Abs. 1GG abgelehnt wird \u201c<br \/>\nUnter den acht Mitgliedern des ersten Senats wandte sich die \u201eF\u00fcnfer-Gruppe\u201c folglich entschieden gegen eine Profanisierung des Kreuzes und verwies das Kreuz h\u00f6chstrichterlich in den religi\u00f6s-konfessionellen Glaubensbereich und die christlichen Kirchen auf ihre dogmatischen Lehrinhalte. Die \u201eF\u00fcnfer-Gruppe\u201c berief sich im Kern ihrer Begr\u00fcndung gerade auf das, was dann katholische Glaubenskreise in ihrer Argumentation \u2013geflissentlich oder nicht \u2013 ausblendeten, n\u00e4mlich die christlich-dogmatischen Inhalte.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Begr\u00fcndung des Sondervotums der \u201eDreier-Gruppe\u201c (Position 2): Tenor und Kernargument der Minderheitsposition waren, das Kruzifix geh\u00f6re zur Lebenswelt und zum Alltag, besonders in Bayern. Das Kruzifix sei ein Traditionssymbol ohne Glaubensinhalte. W\u00f6rtlich: \u201eEin unmittelbarer Einfluss auf Lehrinhalte und Erziehungsziele im Sinne eine Propagierung christlicher Glaubensinhalte geht von dem Kreuz im Klassenzimmer nicht aus. Im \u00dcbrigen ist auch insoweit von den besonderen Verh\u00e4ltnissen in Bayern auszugehen. Der Sch\u00fcler wird dort \u2013 auch au\u00dferhalb des engeren kirchlichen Bereichs \u2013 in vielen anderen Lebensbereichen t\u00e4glich mit dem Anblick von Kreuzen konfrontiert. Beispielhaft seien nur erw\u00e4hnt die in Bayern h\u00e4ufig anzutreffenden Wegekreuze, die vielen Kreuze in Profanbauten (wie in Krankenh\u00e4usern und Altersheimen, aber auch in Hotels und Gastst\u00e4tten) und schlie\u00dflich auch in Privatwohnungen vorhandenen Kreuze. Unter solchen Verh\u00e4ltnissen bleibt das Kreuz im Klassenzimmer im Rahmen des \u00dcblichen: ein missionarischer Charakter kommt ihm nicht zu.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Diese beiden gegens\u00e4tzlichen Grundpositionen bestimmten im Wesentlichen die Argumentations-strategien der verschiedenen Akteure in der sogenannten Kruzifix-Debatte. Die CSU-gef\u00fchrte bayerische Staatsregierung, die Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU), der r\u00f6misch-katholische Klerus, katholische Laienorganisationen und die katholisch-konservative Presse machten sich die zweite Position zu eigen und schossen sich auf die \u201eF\u00fcnfer-Gruppe\u201c ein. Gerade diese kulturweltlichen Traditionsargumente hatten sich im Madonnen-Streit meine katholischen Kontrahenten zu eigengemacht.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Agitation und Polemik<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">So wie im Madonnen-Streit ein aggressiver und ehrabschneidender Shitstorm \u00fcber mich niedergegangen war, sch\u00fctteten katholische Scharfmacher \u00fcber der \u201eF\u00fcnfer-Gruppe\u201c K\u00fcbel voll Schm\u00e4hungen aus. Die Muster der Diffamierung \u00e4hnelten sich. In vielen scharfz\u00fcngigen Stellungnahmen wurden die f\u00fcnf Bundesverfassungsrichter direkt und indirekt l\u00e4cherlich gemacht. In Anspielung auf die Note F\u00fcnf im Examen wurden sie die \u201eF\u00fcnfer-Juristen\u201c genannt und ihnen damit berufliche Kompetenz abgesprochen. Die \u201eF\u00fcnfer-Juristen\u201c betrieben Juristerei, nicht Jurisprudenz. Jurisprudenz sei, was bayerische Staatsregierung und Verwaltung betreiben und was die CSU-Mehrheitsfraktion im bayerischen Landtag beschlie\u00dft, um die bayerische Lebensart zu konservieren, Juristerei hingegen eine inkompetente, von einem angestaubten Aufkl\u00e4rung geleitete Rechtsprechung. Hohn und H\u00e4me schallte den Verfassungsrichtern entgegen: \u201eDie Richter und die Kl\u00e4ger sollen doch herkommen und die Kreuze eigenh\u00e4ndig abnehmen.\u201c Unverh\u00fcllt wurde ihnen mit Gewalt gedroht: \u201eWir Bauern werden sie jedenfalls geb\u00fchrend mit Dreschflegeln erwarten\u201c (Josef Ranner, CSU-Landtagsabgeordneter). \u201eDie Katholiken werden sich zu wehren wissen\u201c (Prof. Dr. Bernhard Sutor, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern). \u201eGegen den puren Unsinn und \u00dcbermut auch h\u00f6chster Gerichte ist Widerstand geboten\u201c (Hans Maier, ehemaliger bayerischer Kultusminister).\u201c \u201eDas Bundesverfassungsgericht ist mit seinem Urteil bis an die Grenze des Ertr\u00e4glichen gegangen. Es wird Widerspruch finden und Widerstand ausl\u00f6sen\u201c (Hans Maier in \u201eChrist und Welt. Rheinischer Merkur, 18.08.1995).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\nNach meinen Passauer Erlebnissen fragte ich mich: Was mag im Inneren der gescholtenen, geschm\u00e4hten, verh\u00f6hnten und beruflich herabgew\u00fcrdigten Bundesverfassungsrichter vorgegangen sein? Wie haben sie diese Beschimpfungsorgie ausgehalten? Welche Gef\u00fchle stellten sich bei ihnen angesichts der M\u00fcnchner \u201eWehrt-Euch-Gro\u00dfdemonstration\u201c ein? Welche Albtr\u00e4ume suchten sie heim? Sie schwiegen, soviel ich wei\u00df, \u00fcber die psychischen Verletzungen, die sie vermutlich erfahren haben. Der Vizepr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzende des Ersten Senats Johann Friedrich Henschel gab Formulierungsfehler und Fehleinsch\u00e4tzungen der gesellschaftlichen Wirkungen des Urteils zu. Die Angriffe auf die Richter seien jedenfalls bedenklich. \u201eSolche Vorg\u00e4nge sind f\u00fcr die Arbeitsfreude nicht eben f\u00f6rderlich\u201c (BZ Nr. 195\/34, 22.08.1995, S.2).<br \/>\nDie Anti-Urteilskampagne f\u00fchrte sogar zu einer als ernsthaft eingestuften Morddrohung. Das Ehepaar aus dem oberpf\u00e4lzischen Reuting, das sich mit seiner Klage vor dem Bundesverfassungsgericht durchgesetzt hatte, musste unter Polizeischutz gestellt werden (FAZ Nr. 190, 17.081995, S. 3).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Proteststimmen-Kampagne der Passauer Neuen Presse<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Kaum war das Urteil bekannt geworden, organisierte die PNP-Redaktion schon in ihrem ersten Leitartikel dazu eine Leserkampagne. \u201eWas meinen Sie? Was halten Sie vom Urteil des Bundesverfassungsgerichtes? Schreiben Sie uns Ihre Meinung\u201c. Der Bischof von Passau und der Landesvorsitzende der CSU kamen ebenfalls zu Wort. Der Bischof erinnerte an die verordneten Kreuzabnahmen in der NS-Zeit und rief zum Widerstand auf. Sofort wurden die agitatorischen Losungen ausgegeben. Prominente Politiker und katholischer Klerus gaben vor, was von dem Urteil und den Richtern zu halten sei. Als h\u00e4tte der PNP-Aufruf eine P\u00f6belmaschine in Gang gesetzt, kamen die Leserbriefe in Massen, 400 an der Zahl. Es war wohl die gr\u00f6\u00dfte Leserbrief-Aktion in der Geschichte dieser Tageszeitung. Vierzehn Tage sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte die PNP in einer sechzehnseitigen Sonderbeilage 283 der 400 Leserbriefe. Zorniger Tenor und Titel: \u201eLasst die Kruzifixe h\u00e4ngen.\u201c Die f\u00fcnf Richter und ihr Votum wurden an den Pranger gestellt, gescholten, geschm\u00e4ht, beleidigt, pers\u00f6nlich verunglimpft und verh\u00f6hnt. Die PNP gab ihren flei\u00dfigen Schimpftiraden-Schreibern das Gef\u00fchl gezeigt zu haben, was hierzulande Mehrheit war. Sogar die Deutsche Presseagentur musste davon Notiz nehmen. Was mag wohl Schlimmes in den 117 Leserbriefen gestanden haben, die nicht in die Sonderbeilage aufgenommen worden waren?<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Nachdem die Sonderbeilage voller Bannfl\u00fcche und Schimpftiraden einen tiefen Einblick in die angeblich gewaltfreie christlich-katholische Seelenlandschaft gew\u00e4hrt hatte, kamen dann offenbar doch Bedenken auf. Zwanzig Tage nach der Kampagne blies der Passauer Di\u00f6zesanrat zum geordneten R\u00fcckzug. Nicht aus der Di\u00f6zese Passau seien die schrillen T\u00f6ne gekommen, sondern aus dem Nachbarbistum. In Regensburg habe der Chefredakteur des Bistumsblattes \u00fcber den \u201emoralischen Saustall\u201c in der Bundesrepublik gewettert. Erschrocken \u00fcber die Droh- und Schm\u00e4h-Orgie der katholischen Leserbriefschreiber wurde pl\u00f6tzlich zur Besonnenheit aufgerufen und zu moderateren T\u00f6nen. Die Eiferer m\u00f6gen gef\u00e4lligst von den Kampfparolen und den Schm\u00e4hungen der Bundesverfassungsrichter ablassen. Mit jedem Tag nahm die katholische Agitationspresse etwas von den schrillen T\u00f6nen zur\u00fcck.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Katholische Revolte im bayerischen Welttheater<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Redaktion der Frankfurter Rundschau r\u00e4umte mir im September 1995 ihre gesamte Dokumentationsseite ein. Unter dem Titel \u201eMia san mia, Kruzifixsakrament\u201c druckte sie meine sp\u00f6ttisch formulierten Betrachtungen ab. Halb ver\u00e4rgert, halb am\u00fcsiert hatte ich geschrieben:<br \/>\n\u201eDie CSU\u2013Elite inszeniert im kleine bayerischen Welttheater perfekt das traurige St\u00fcck vom F\u00fcnfer-Kruzifix und seine &gt;Schlichtheit&lt;. Dazu geh\u00f6ren der Kardinal, die Bisch\u00f6fe, die Weihbisch\u00f6fe, der niedere Klerus, ein gro\u00dfes Aufgebot an Laienschauspielern, Oberammergau, ein bisschen Wallfahrtsort Alt\u00f6tting, Biergarten\u2013Ambiente, der oberpf\u00e4lzische Teufel (Seher) und seine Hexe, die Kundgebung in M\u00fcnchen. Die &gt;Mehrheit&lt; sieht am\u00fcsiert zu. Sie gibt der CSU-Intendantur des bayerischen Staatstheaters nicht wegen des Kruzifixes, sondern wegen des gro\u00dfen Erfolgs ihrer politischen Spielpl\u00e4ne mehrheitlich die Stimme. Das ist bayerische Lebensart, Theater Wirklichkeit und Wirklichkeit Theater werden zu lassen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\nDer Kenner des bayerischen Milieu-Katholizismus wird einschr\u00e4nken: Das ist vor allem katholisch gepr\u00e4gtes Theater mit stark altbayerischer Tradition. Die meisten protestantischen Nord- und Mittelbayern, selbst \u00fcberzeugte evangelische Christen, fahren nicht zur Gro\u00df-Demo nach M\u00fcnchen. &gt;Lutherische&lt; haben nun einmal ein anderes Verh\u00e4ltnis zu religi\u00f6sen Symbolen als die sinnlicheren Altbayern mit ihren Heiligen. Die meisten Lutherischen bleiben zu Hause und \u00fcberlassen das Spektakel einer erzkatholischen Minderheit, die sich f\u00fcr die Mehrheit ausgibt.<br \/>\nDer aufmerksame Beobachter erkennt auf der bayerischen B\u00fchne und im Zuschauerraum auch (noch) einige Sozialdemokraten und Liberale, die nicht demonstrieren gehen. Sie werden in Bayern toleranter Weise &gt;unsere Sozis&lt; und &gt;Freigeister&lt; genannt. Das sind in Bayern gesch\u00fctzte Ehrennamen, sonst h\u00e4tte man ja nicht einmal mehr eine nominelle Opposition. Leben und leben lassen \u2013 solange sie unter dem Kruzifix zur bayerischen Lebensart stehen. Andernfalls droht, wie dem Oberpf\u00e4lzer &gt;Querulanten&lt;, aus staatsbayerischer N\u00e4chstenliebe, die Einweisung in die psychiatrische Klinik oder die soziale Ausgrenzung. Dees lingge Gschwerl! Greizhalleluia!<br \/>\nF\u00fchrende CSU-Politiker und mit ihnen im Chor zahlreiche kleine christsoziale Mitstreiter machen gar keinen Hehl daraus: Es geht nicht um die Botschaft Jesu Christi, es geht nicht um christliche Glaubensinhalte als solche und schon gar nicht um Dogmen. Es geht im &gt;christlich-abendl\u00e4ndischen Bollwerk Bayern&lt; um eine spezifische Lebensart und deren folkloristischen Ausstattung mit Dekorst\u00fccken christlich-abendl\u00e4ndischer Kultur (\u2026). Die f\u00fchrenden CSU-Politiker benutzen das Kruzifix als soziales Bindemittel. Noch immer haben religi\u00f6se Symbole sozial-koh\u00e4sive Funktionen. Das Kruzifix geh\u00f6rt zu Bayern wie der Chiemsee und die Berge, wie der Ma\u00dfkrug und der Maibaum, so formulierte es Stoiber auf dem CSU-Parteitag. Und wie die CSU. &gt;Himmelherrgott! Kruzifix! Sakratie! (\u2026) Die CSU-F\u00fchrung sichert sich erneut mit dieser Glanznummer christlich-abendl\u00e4ndischer Agitation die absolute Mehrheit in Bayern. Dabei f\u00e4llt immer auch etwas f\u00fcr den Klerus ab. Es geht um Machtpolitik, die sich populistisch der Folklore bedient. (\u2026) Das Kruzifix-Urteil war ein unverhofftes Geschenk von oben. Jetzt kann die CSU mit christlicher Agitation wieder ihr hohes &gt;C&lt; aufpolieren. Die n\u00e4chsten Wahltage werden f\u00fcr die CSU kraft &gt;Kruzifix-Urteil&lt; zu wahren Erntedank-Festen werden.\u201c<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Wer so respektlos schreibt und witzelt und dabei wom\u00f6glich noch Recht hat, f\u00e4llt bei CSU-Granden und ihren Anh\u00e4ngern in Ungnade. Leserbriefe und privat adressierte Post trafen wieder einmal ein und fragten, wie ich als ein Bayer so grantig daherreden k\u00f6nne. Damit hatte ich in CSU-Kreisen wohl die letzten Sympathien verspielt. Sie waren, wie mir whistle-blower zutrugen, nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Zuerst der Madonnen-Streit und dann auch noch diese halb ernsten, halb sp\u00f6ttischen Auslassungen in der linksliberalen Presse! Nun war ich endg\u00fcltig entlarvt und unten durch. Ich hatte mich als freischwebender Intellektueller erneut zwischen die St\u00fchle gesetzt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Katholisch-bayerische Identit\u00e4tskampagne: Aktionseinheit von Staat und Kirche<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Auf der politischen Ebene ging es in der Kruzifix-Debatte um die kollektive Identit\u00e4t der bayerischen Heimatwelten, um \u201eBayerisches\u201c und \u201eNichtbayerisches\u201c, um das bayerische \u201eWir-Gef\u00fchl\u201c in Abgrenzung von anderen. Die \u00e4u\u00dferst freundliche Kooperation von bayerischer Staatsregierung und katholischer Kirche schlug sich in wechselseitiger agitatorischer Indienstnahme nieder. Es kam zu einer politischen Aktionseinheit von Staat und katholischer Kirche und ihrer Laienorganisationen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern reagierte hingegen gelassen und in gem\u00e4\u00dfigtem Ton. Am wenigsten sahen sich Repr\u00e4sentanten der Evangelisch-Reformierten Kirchen von dem Urteil betroffen. In ihren Kirchen werden aus grunds\u00e4tzlichen Glaubensgr\u00fcnden keine Kreuze aufgeh\u00e4ngt. Reformierte sahen im dem Urteil keinen Angriff auf das christliche Abendland. Die Kampagne war im Wesentlichen eine katholische Streitsache und hatte theologisch betrachtet ihren Kern im anderen Kirchenverst\u00e4ndnis des Katholizismus. Unter politisch-kulturellen Gesichtspunkten war die Kruzifix-Debatte eine katholisch-bayerische Identit\u00e4tskampagne. Da sage einer, es habe keinen politischen Katholizismus mehr gegeben!<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die bayerischen Regierungs- und Mehrheitspartei, die CSU, und die bayerische Staatregierung instrumentalisierten den Protest gegen das Urteil zum Zwecke des Machterhalts und zur Bindung insbesondere der katholischen W\u00e4hlerschaft an die CSU. Die in Bayern fast selbstverst\u00e4ndliche Gleichsetzung von CSU und Bayern veranlasste die bayerische \u201eStaatspartei\u201c, die politisch-kulturelle Identit\u00e4tsfrage zu stellen und das Bayerische zu verteidigen. CSU und Staatsregierung nutzten die Argumentationsschw\u00e4chen und Informationsm\u00e4ngel des Bundesverfassungsgerichtes zu eigenen agitatorischen Mobilisierungszwecken. Sie bedienten mit ihrem christlich-abendl\u00e4ndisch aufgeladenen, konfessionellen Populismus katholische Heimatsph\u00e4ren. Die politischen Identit\u00e4tsmanager \u00fcbernahmen in der sich selbst zugeschriebenen Rolle des H\u00fcters und Pflegers bayerischer Heimatwelten die Argumente des Sondervotums der \u201eDreier Gruppe\u201c. Zugespitzt formuliert hie\u00df ihr Verteidigungspl\u00e4doyer, dass niemand das Kruzifix theologisch und dogmatisch (mehr) ernst nehmen m\u00fcsse. Es gehe um den mentalen Traditionskitt und die kollektive Identit\u00e4t, nicht um dogmatische Glaubensinhalte. Dieses Pl\u00e4doyer glich sinngem\u00e4\u00df dem im Streit um das Passauer Universit\u00e4tslogo. Aus der Perspektive des staatsbayerischen Identit\u00e4tsmanagements lautete die Kritik am Mehrheitsurteil des Bundesverfassungsgerichtes: weltfremd, antibayerisch, im Kern p\u00e4pstlicher als der Papst, dogmatisch befangen. Die Heftigkeit des Kruzifix-Streites verdeckte jedoch in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung eine auch in Bayern zu beobachtende, allgemeine Tendenz der Abkehr von institutionalisierter Religion und Amtskirche. Religi\u00f6se Indifferenz nimmt nachweislich auch in Bayern zu, macht m\u00f6glicherweise die wirkliche Mehrheit aus. Die Katholiken, die auf der Gro\u00dfdemonstration in M\u00fcnchen demonstrierten, repr\u00e4sentierten h\u00f6chstwahrscheinlich selbst in der katholischen Bev\u00f6lkerung eine Minderheit. Die lautstarken und vehementen Wortmeldungen kamen aus den kirchen- und glaubenstreuen Kreisen und von Seiten christlich-sozialer Identit\u00e4tsmanager. Die Organisatoren deuteten die Masse der Demonstranten propagandistisch zu einer Mehrheit um. Wie sch\u00f6n, dass die Gro\u00dfdemonstration zur Zeit des Oktoberfests stattfand. In W\u00fcrzburg wiesen die Organisatoren der zwei Sonderz\u00fcge die Teilnehmer darauf hin, dass sie im Anschluss an die Demonstration in M\u00fcnchen das Oktoberfest besuchen k\u00f6nnten (Main-Echo Nr. 219, 23.091995), was also auf eine Freifahrt hinauslief.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Gro\u00dfdemonstration gegen das Kruzifix-Urteil am 26.09.1995 in M\u00fcnchen<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Sie stand unter dem Motto \u201eDas Kreuz bleibt \u2013 gestern, heute und morgen\u201c. Veranstalter waren bezeichnenderweise die r\u00f6misch-katholische Amtskirche der sieben Bist\u00fcmer Bayerns, das Landeskomitee der Katholiken in Bayern und die Organisatoren der katholischen Laienorganisationen vor Ort. Diese organisierten den Transport Tausender Demonstranten in Sonderz\u00fcgen nach M\u00fcnchen. Die Polizei sch\u00e4tzte die Teilnehmerzahl auf 25.000, die Veranstalter auf 30.000 Teilnehmer. Unter ihnen waren: f\u00fcnfzehn katholische Bisch\u00f6fe und ein Weihbischof, beispielsweise der Erzbischof von M\u00fcnchen und Freising Kardinal Friedrich Wetter, Domkapitulare, die \u201eMarianische M\u00e4nnerkongregation\u201c, katholische Burschenschaften und Sch\u00fctzenverb\u00e4nde. Von der bayerischen Staatsregierung nahmen der Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber, der Leiter der Staatskanzlei Erwin Huber und fast die H\u00e4lfte des Kabinetts teil. Und selbstverst\u00e4ndlich trat der damalige CSU-Landesvorsitzende und Bundesfinanzminister Theodor Waigel auf. Repr\u00e4sentanten anderer Glaubensgemeinschaften, so der evangelisch-lutherischen Kirche, der orthodoxen Kirche und der j\u00fcdischen Gemeinde, waren als G\u00e4ste eingeladen. Es handelte sich folglich zu allererst um einen Riesenaufmarsch der katholischen Streitkr\u00e4fte in Bayern. Ein politischer Katholizismus zeigte seine Z\u00e4hne. Die Kruzifix-Debatte erwies sich prim\u00e4r als eine r\u00f6misch-katholische Angelegenheit<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">.<br \/>\nLogischerweise st\u00fctzten die Gegner des Urteils ihre Argumentationsstrategie ganz auf kulturelle Traditionsfakten und vermieden jeden Verweis auf Glaubensinhalte. Die Rettung des Kreuzes im Klassenzimmer war im s\u00e4kularisierten Staat nur um den Preis der Leugnung seiner Glaubensinhalte zu erk\u00e4mpfen. Der Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche mahnte die Katholiken sich zu m\u00e4\u00dfigen: \u201eWir verlieren nichts, und wir bitten die katholischen Mitchristen, im Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nicht zu schnell einen Angriff auf das christliche Abendland und unseren gemeinsamen Glauben zu sehen.\u201c Die politische Aktionseinheit von Staat und katholischer Kirche und Laienorganisationen dr\u00e4ngte geradezu die Frage auf, ob wir es im Falle des Freistaates Bayern tats\u00e4chlich mit einem s\u00e4kularisierten Staatsgebilde zu tun haben. Die vielf\u00e4ltigen engen Beziehungen zwischen Staat und Kirche, die zum Teil geradezu symbiotischen Verh\u00e4ltnisse und das geschmeidige Miteinander, die in der Kruzifix-Debatte zum Ausdruck kamen, hinterlie\u00dfen eher den Eindruck eines semi-s\u00e4kularisierten Staates. Das katholisch-staatsbayerische Identit\u00e4tsmanagement glaubte offensichtlich, die pluralistische Gesellschaft noch einmal auf einer katholischen Wertegrundlage integrieren zu k\u00f6nnen. Wie lange eine solche Strategie noch wirklich greifen wird, ist angesichts des zunehmenden S\u00e4kularisierungsdruckes, der auch in Bayern in den letzten beiden Jahrzehnten zu beobachten war, fraglich geworden. Das Diktum des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgericht Ernst\u2013Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rdes, der freiheitliche s\u00e4kularisierte Verfassungsstaat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren und \u00fcber die er nicht verf\u00fcgen kann, gilt auch f\u00fcr Bayern. Noch gelingt es der bayerischen Staatsf\u00fchrung, die s\u00e4kularisierenden Kr\u00e4fte abzubremsen und die politisch-kulturelle CSU-Hegemonie staatsprotektionistisch zu st\u00fctzen. Doch wird sich die katholische Kirche, die unter hohem s\u00e4kularen Druck steht und auch in Bayern zusehends an Boden verliert, um ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit willen auf ihre ureigene christliche Kernaufgabe besinnen m\u00fcssen. Der bayerische Milieu-Katholizismus und seine Gesinnungsgemeinschaften und Traditionsverb\u00e4nde sind zwar immer noch vitale staatstragende Kr\u00e4fte, ob sich aber nach mehr als zwei Jahrzehnten so eine Verteidigungsaktion wiederholen lie\u00dfe, scheint mir angesichts aktueller Entfremdungsprozesse fraglich zu sein.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Kirche im r\u00f6misch-katholischen und im evangelischen Verst\u00e4ndnis<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Was in etlichen Kommentaren angesprochen, aber nicht weiter er\u00f6rtert wurde, war das r\u00f6misch-katholische Kirchenverst\u00e4ndnis, welches von den katholischen Streitkr\u00e4ften geflissentlich nicht thematisiert wurde, weil es in den Auseinandersetzungen der Argumentationsstrategie zuwidergelaufen w\u00e4re. Dieses l\u00e4sst sich aus dem Katechismus der katholischen Kirche (KdkK, 1993, S. 227-237) erschlie\u00dfen. Danach ist, alle dogmatischen Aussagen zusammengefasst,\u00a0 Kirche der Leib Christi. \u201eChristus ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche.\u201c Wer das Kruzifix abnimmt, nimmt Christus ab, und wer Christus abnimmt, nimmt zugleich die Kirche vom Nagel. Die Forderung, ein Kruzifix abzunehmen, trifft, um im dogmatischen Bild zu bleiben, ins Mark Christi und damit in das der Kirche. Der katholische Klerus rief zur Feldschlacht gegen das Kruzifix-Urteil, weil es letztendlich \u2013 im dogmatischen Sinne &#8211; um seine Existenz ging.<br \/>\nIm Gegensatz dazu sind Kirchen nach evangelischer Auffassung von Menschen gebaute, weltliche Institutionen, in denen sich gl\u00e4ubige Menschen organisieren und zur Ehre Gottes versammeln. Die evangelischen Kirchen verstehen sich nicht als \u201e\u00fcberirdische\u201c oder \u201emystische\u201c Organanteile Christi. Sie kennen keine oberste und zentrale, f\u00fcr alle verbindliche Autorit\u00e4t und apostolische Stellvertreterschaft Christi. Die Kirche kann im evangelischen Verst\u00e4ndnis Gl\u00e4ubige in ihrer Suche nach Heil bestenfalls unterst\u00fctzen, aber kein Heil allein kraft ihrer Existenz und Autorit\u00e4t vermitteln. Der glaubende und Heil suchende Mensch steht in unmittelbarer Beziehung zu Gott. Der evangelische Altverfassungsrichter Helmut Simon (1922-2013) lobte deshalb das Kruzifix-Urteil: \u201eDas BVG macht Ernst damit , dass das Kreuz das zentrale Symbol des christlichen Glaubens ist.\u201c<br \/>\nDie f\u00fcnf Bundesverfassungsrichter hatten gute Gr\u00fcnde, das Kreuzsymbol nicht auf das katholische Verst\u00e4ndnis bayerischer Heimat- und Kulturatmosph\u00e4ren zur\u00fcckstutzen zu lassen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><b>Herausforderungen des s\u00e4kularisierten Staates<\/b><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Problemfeld Religion hatte mich immer evolutionstheoretisch, religionsgeschichtlich und soziologisch interessiert. Die heftigen Auseinandersetzungen \u00fcber das fragw\u00fcrdige Logo der Universit\u00e4t Passau hatten in den neunziger Jahren und \u00fcber meine aktive Zeit als Hochschullehrer hinaus meinen Blick f\u00fcr die Herausforderungen des s\u00e4kularisierten Staates von heute gesch\u00e4rft. Ich verfolgte aufmerksam und kontinuierlich die \u00f6ffentlichen Debatten und wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirchen in Deutschland, \u00fcber das institutionelle Selbstverst\u00e4ndnis der christlichen Gro\u00dfkirchen, \u00fcber die verschiedenen Kooperationsformen zwischen staatlichen und kirchlichen Institutionen, \u00fcber die staatliche Besoldung der katholischen Kleriker, \u00fcber den Mitgliederschwund der Kirchen, \u00fcber Fragen des Religionsverfassungsrechtes in Hinblick auf die Integration von Muslimen, \u00fcber Konkordatslehrst\u00fchle und \u00fcber Fragen der allgemeinen Religionsentwicklung. So trug der Passauer Streit \u00fcber die \u201eMaria vom Siege\u201c im Universit\u00e4tsemblem noch einmal sp\u00e4te wissenschaftliche Fr\u00fcchte. Der Leiter des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient, Kollege Prof. Dr. Gian Enrico Rusconi, lud mich zweimal zu einem Vortrag ein. Im November 2005 ich in Trient im Rahmen eines Symposions \u00fcber das Kruzifix-Urteil, im Oktober 2006 \u00fcber \u201eHerausforderungen des s\u00e4kularisierten Staates heute. Kruzifixdebatte, Moscheenbau, Marktl, Konkordatslehrst\u00fchle und anderen Formen freundlicher Kooperation.\u201c Beide Vortr\u00e4ge fasste ich in meinem Beitrag zum Sammelband \u201eDer s\u00e4kularisierte Staat im posts\u00e4kularen Zeitalter\u201c zusammen. Die zornig gef\u00fchrte Kruzifix -Debatte und die demagogische Polemik katholischer Kreise veranlassten mich, in meinen Lehrveranstaltungen noch tiefer in Max Webers Wissenschaftslehre und Religionssoziologie hineinzuf\u00fchren. Die Werturteilsproblematik stand auf dem Lehrplan. Im Weltkatechismus der katholischen Kirche (1993, S. 234,237) wird behauptet, die Kirche \u201eist mystischer Leib Christi\u201c. Was ist empirische Tatsachenaussage, was wertendes Raisonnement von Religionsvirtuosen? Studierenden fiel es besonders schwer, zwischen \u201ewissenschaftlicher Er\u00f6rterung der Tatsachen und wertenden Raisonnements\u201c zu unterscheiden (Max Weber, 1988: Wissenschaftslehre, S. 157).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Nat\u00fcrlich interessierten mich nach wie vor die gesellschaftlichen und politischen Vorg\u00e4nge und Verh\u00e4ltnisse in Bayern und wie clever die CSU daraus ihren Nutzen zog. Doch wuchs meine innere Distanz zum \u201ekleinen bayerischen Welttheater\u201c, zu seiner CSU-Intendantur, zu seiner Regie und seinem Ensemble. Sie brachten f\u00fcr mich keine wirklich neuen \u00dcberraschungen und Erkenntnisse\u00a0 mehr, sie langweilten mich.\u00a0 Meine seit Mitte der 1980er Jahre in vielen Vortr\u00e4gen gebotenen und in verstreuten Artikeln publizierten wissenschaftlichen Analysen zum Thema \u201eBayern nach 1945: Gesellschaft \u2013 Politik \u2013 Staat\u201c fasste ich 1998 am Ende meiner Amtszeit in meinem Buch \u00fcber \u201eDie CSU-Hegemonie in Bayern\u201c zusammen und wand mich dann anderen Themen zu.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufruhr in Bayern! Wehrt Euch! Widerstand! Emp\u00f6rung! \u201eChristliche\u201c Mobilmachung gegen das Urteil.\u00a0 Mit den Reaktionen auf das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom August 1995 lie\u00dfen sich dicke Leitzordner f\u00fcllen. Allein in den Printmedien wurde das Urteil monatelang kontrovers diskutiert. Die Anti-Urteils-Kampagne der Kruzifix-Verteidiger fand in Bayern ihren H\u00f6hepunkt in einer Gro\u00dfdemonstration in M\u00fcnchen. 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