{"id":22,"date":"2016-04-18T21:07:59","date_gmt":"2016-04-18T19:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=22"},"modified":"2019-02-02T05:14:30","modified_gmt":"2019-02-02T04:14:30","slug":"2-kapitel-im-schatten-des-hakenkreuzes-geboren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/18\/2-kapitel-im-schatten-des-hakenkreuzes-geboren\/","title":{"rendered":"2. Im Schatten des Hakenkreuzes geboren"},"content":{"rendered":"<p>Ich wurde im Schatten des Hakenkreuzes geboren, im Jahr der ber\u00fcchtigten \u201eN\u00fcrnberger Gesetze\u201c. Der NS-\u201eRassengrundsatz\u201c lautete: \u201eDie im nationalsozialistischen Denken verwurzelte Auffassung, dass es oberste Pflicht eines Volkes ist, seine Rasse von fremden Einfl\u00fcssen rein zu halten und die in den Volksk\u00f6rper eingedrungenen fremden Bluteinschl\u00e4ge wieder auszumerzen, gr\u00fcndet sich auf der wissenschaftlichen Erkenntnis der Erblehre und Rassenforschung.\u201c Der zynische Gehalt dieser pseudowissenschaftlichen Rassenlehre wurde bald in der staatlich organisierten Vernichtung sichtbar.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re als Jahrgang 1935 zu einer \u201eZwischen\u201c-Generation, einer Generation zwischen der, die in ihrer Mehrheit dem Nationalsozialismus erlegen war, und der sogenannten Nachkriegsgeneration, die den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit nur mehr vom H\u00f6rensagen kannte. Mich pr\u00e4gten in den 1940er und 1950er Jahren die Nazi-Zeit, der Hunger, eine vom Krieg zerst\u00f6rte Welt und die Widerspr\u00fcchlichkeiten der Nachkriegszeit. Die Zeit zwischen Stalingrad und W\u00e4hrungsreform, zwischen Kriegsende und Koreakrieg, das war die Zeit meiner Kindheit und Jugend.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Kinder der NS-Generation und der NS-Mitl\u00e4ufer wollten keinen Schatten auf ihre V\u00e4ter und M\u00fctter fallen lassen. Sie legten sich nach ihren W\u00fcnschen ein Idealbild der V\u00e4ter zurecht, deuteten deren Handlungen um und r\u00fcckten sie in ein milderes Licht, um sich mit ihnen identifizieren zu k\u00f6nnen. Ich will nicht in diese Wunschbild-Falle laufen, sondern mich der Wahrheit stellen. Wir haben gelernt, man solle \u00fcber den Verstorbenen nicht schlecht, sondern in w\u00fcrdiger Weise reden (\u201eDe mortuis nil nisi bene\u201c). Wie soll ich also mit der NS-Vergangenheit meines Vaters umgehen? Ich folge der Auffassung Voltaires: \u201eDem Lebenden schulde man R\u00fccksicht, dem Toten die Wahrheit.\u201c Ich habe versucht, die Wahrheit herauszufinden, und werde mit R\u00fccksicht auf die W\u00fcrde einer Person berichten, sei sie T\u00e4ter oder Opfer, sei sie nur widerwilliger Mitl\u00e4ufer oder erkl\u00e4rter Mittr\u00e4ger des Unrechtsregimes gewesen. Es steht uns heute nicht unbedingt zu, \u00fcber die Verirrungen und Verwicklungen dieser politischen Generation mit unserem heutigen Geschichtswissen auftrumpfend Gericht zu halten. Aber wir m\u00fcssen mit den immer noch wirksamen Tabus brechen, die uns zur\u00fcckhalten, sich mit den Untaten unserer V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter \u00f6ffentlich auseinander zu setzen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Das fr\u00e4nkisch-protestantische B\u00fcrgertum war mehrheitlich dem Nationalsozialismus und dem F\u00fchrer verfallen. Alle um die Jahrhundertwende 1899\/1900 geborenen fr\u00e4nkischen Mintzels geh\u00f6rten zu diesen Verblendeten. Auch mein Vater war ein \u00fcberzeugter und enthusiastischer Nationalsozialist. Ich m\u00fcsste es um der Wahrheit willen noch sch\u00e4rfer ausdr\u00fccken: Mein Vater geh\u00f6rte zu den Abermillionen Deutschen, die der nationalsozialistischen Ideologie verfielen und durch ihre Gesinnung und durch ihr Handeln den Untergang der Weimarer Republik und den Aufstieg der NS-Diktatur willentlich mit herbeif\u00fchrten und dann faktisch die NS-Todesmaschinerie am Laufen hielten.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Schon in seinen Jugendjahren war mein Vater, Jahrgang 1906, dem Aufruf der V\u00f6lkisch-Nationalen gefolgt und hatte sich fr\u00fch politisch-nationalistisch engagiert. Er ging den radikalen nationalistischen Parolen Hitlers schon auf den Leim, als Hitler in der rechtsradikalen Szene M\u00fcnchens noch ein fast Unbekannter war. Als am 8. M\u00e4rz 1922 im \u201eV\u00f6lkischen Beobachter\u201c ein Aufruf zur Gr\u00fcndung von NS-Jugendabteilungen erschien, geh\u00f6rte mein Vater in Franken zu den ersten, die einen Aufnahmeantrag nach M\u00fcnchen sandten. Er gr\u00fcndete, noch nicht einmal sechzehn Jahre alt, mit einer kleinen Schar Gleichgesinnter die N\u00fcrnberger NS-Jugendgruppe. Als Hitler 1922 mit Anh\u00e4ngern zum ersten \u201eDeutschen Tag\u201c mit der Eisenbahn nach Coburg fuhr und dort ins Zentrum marschierte, stieg mein Vater in N\u00fcrnberg zu und schloss sich der Bewegung an. In Coburg kam es zu Schl\u00e4gereien und Steinw\u00fcrfen zwischen Hitler-Anh\u00e4ngern und Kommunisten. Mein Vater lief begeistert hinterher und beteiligte sich an den Rangeleien, wobei er kr\u00e4ftig verdroschen wurde. Mit geschwellter Brust kehrte er nach N\u00fcrnberg zur\u00fcck und begann f\u00fcr die Hitler-Bewegung zu agitieren. Am 16. November 1922 wurde er zum Gauf\u00fchrer f\u00fcr Nordbayern ernannt. Er war nicht nur ein jugendlicher Mitl\u00e4ufer, der zuf\u00e4llig zur NS-Bewegung gesto\u00dfen war, sondern ein gl\u00fchender Aktivist und Draufg\u00e4nger. Der \u201eMarsch auf Coburg\u201c wurde bald zu einem nationalsozialistischen Mythos.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-524 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen-700x943.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"943\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen-700x943.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen-768x1035.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen-800x1078.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/02_01_Coburger_Ehrenzeichen.jpg 981w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Mit Hitler in Coburg 1922\/1932; Abzeichen f\u00fcr Teilnehmer des Deutschen Tages in Coburg am 14.\/15. Oktober 1922; Konvex aus Bronze gepr\u00e4gt, 55,4 x 39 mm.<br \/>\nDas Coburger Ehrenzeichen geh\u00f6rte zu den h\u00f6chsten Auszeichnungen der NSDAP, das nur 422 bis 436 \u201ealte K\u00e4mpfer\u201c erhielten.<br \/>\n<\/em><em>Bearbeitete Darstellung; Bildgrundlage: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/1b\/Coburger_Ehrenzeichen.jpg\u00a0\u00a0\u00a0 Creator: PimboliDD<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Die Teilnehmer, so auch mein Vater, erhielten sp\u00e4ter das Coburger Abzeichen \u201eMit Hitler in Coburg 1922-1932\u201c. Noch in den 1950er und 1960er Jahren erz\u00e4hlte mein Vater stolz davon, am Marsch teilgenommen zu haben und daf\u00fcr ausgezeichnet worden zu sein. Bei seiner \u201eEntnazifizierung\u201c vor der Spruchkammer im Februar 1948 wurde diese Tat als Jugends\u00fcnde abgetan.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">In seiner Studentenzeit an der Universit\u00e4t Erlangen und als \u201eAlter Herr\u201c der schlagenden Burschenschaft \u201eFrankonia\u201c nahm er an den pseudorelig\u00f6sen \u201ebraunen Wallfahrten zum Heiligen Berg der Franken\u201c (Thomas Greif, 2008) teil, an Ausfl\u00fcgen zum Hesselberg. Dieser Berg, eine bewaldete H\u00f6he, die in Westmittelfranken liegt, war zu einer Kultst\u00e4tte des Nationalsozialismus in Franken geworden. Der \u201eFrankenf\u00fchrer\u201c Julius Streicher hielt dort seine antisemitischen Hetzreden.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Ja, mein Vater hat auch noch nach dem Zusammebruch der Zivilisation und der Katastrophe, die das verbrecherische NS-Regime zu verantworten hatte, den Aufstieg des Nationalsozialismus verherrlicht. Wie gehe ich damit um? Achtung vor dem Menschen und seinen Irrt\u00fcmern gebietet sich auch dort, wo Zweifel an der Haltung oder sogar ein b\u00f6ser Verdacht aufkommt, er k\u00f6nnte noch mehr in die uns\u00e4glich grausamen Vorg\u00e4nge verwickelt gewesen sein. Mein Vater war es meines Wissens nicht. Er war im Krieg an keinen Exekutionen beteiligt, er stand wohl nicht im Dienst der Geheimen Staatspolizei, er lieferte wohl niemanden ans Messer der NS-M\u00f6rder. Dennoch war mein Vater, ein gescheiter und belesener Mann, engagierter Mitl\u00e4ufer und Maulheld-Propagandist der Nazis, ein rassistischer Antisemit, der seinen Antisemitismus lauthals kundtat. Meine Mutter redete meinem Vater nach dem Munde und hielt f\u00fcr richtig, was der Haustyrann als \u201ereine Wahrheit\u201c verk\u00fcndete. Warum? Immer wieder qu\u00e4lt mich diese Frage, wenn ich an die Jahre der NS-Zeit und an den Krieg zur\u00fcckdenke. Meine Kindheit wurde dadurch gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">H\u00e4tte nicht auch mir sp\u00e4ter die ideologische Verblendung zum Verh\u00e4ngnis werden k\u00f6nnen, w\u00e4re ich nur einige Jahre \u00e4lter gewesen? H\u00e4tte nicht auch aus mir ein T\u00e4ter werden k\u00f6nnen, w\u00e4re ich am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren worden? Auch in meiner Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung gab es \u201edunkle Vorg\u00e4nge\u201c, verwerfliches Handeln und viel Fragliches. Die eigene Schwachheit einzugestehen, auch wenn es sich nicht um Gewalttaten gedreht hat, dazu ermahnt im Alten Testament, im Ersten Buch von den K\u00f6nigen, der vierte Vers des 19. Kapitels: \u201eIch bin nicht besser denn meine V\u00e4ter.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Im September 1941 wurde ich in N\u00fcrnberg in die \u201eHans-Schemm-Schule\u201c am Bielingplatz eingeschult, benannt nach dem ersten NS-Gauleiter des Gaues Bayerische Ostmark. Vor dem Schulgeb\u00e4ude steht eine Reihe hochgewachsener Pappeln mit silbergrauen Herzbl\u00e4ttern. Im Zweiten Weltkrieg musste ich nach Siegen der deutschen Wehrmacht auf dem Schulhof zum nationalsozialistischen Flaggenappell antreten und das Horst-Wessel-Lied \u201eDie Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen\u201c singen. Ich wurde im Elternhaus und in der Schule noch ganz im Sinne des Nationalsozialismus indoktriniert. Mein Werdegang zu einem forschen HJ-F\u00fchrer war geradezu vorgezeichnet, w\u00e4re ich ein paar Jahre \u00e4lter gewesen. In den letzten Kriegsmonaten wurden schon F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige zu den Waffen gerufen und in sinnlosen Kampfaktionen verheizt. Ich hatte das Gl\u00fcck, zwei Tage nach meinem zehnten Geburtstag von der US-Armee &#8222;befreit&#8220; zu werden; doch diese Einsicht war sp\u00e4teren Jahren vorbehalten.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\"><b>Das Verschwinden der Juden<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Ich erinnere mich noch daran, obgleich nur ein blasses Erlebnisbild zur\u00fcckgeblieben ist: Es war zur Zeit meiner ersten Einschulung im September 1941. Ich war sechseinhalb Jahre alt. Es k\u00f6nnte auch erst im Oktober 1941 gewesen sein, als ich den letzten Juden verschwinden sah. Meine Erinnerung deckt sich jedenfalls mit den Angaben der Zeitgeschichte: Im September\/Oktober 1941 begann die Deportation der Juden.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">N\u00fcrnberg\u2013Nord. Rieterstra\u00dfe, eine Stra\u00dfe mit alten H\u00e4usern aus der letzten Jahrhundertwende. Das Wohnhaus, in dem meine Familie lebt, ist 1906 erbaut worden. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, dass dieses Haus und andere in der Stra\u00dfe in j\u00fcdischem Eigentum gestanden haben soll. Ich sehe mich noch als kleinen Jungen auf der Stra\u00dfe laufen. Als \u00c4ltester von f\u00fcnf Geschwistern schickt mich meine Mutter im Sp\u00e4tsommer oder Herbst 1941 mal wieder zu den n\u00e4chstgelegenen L\u00e4den zum Einkaufen: Zum Milchmann Wasner in der Bucherstra\u00dfe, zum Gem\u00fcseladen Schmittlutz und zum B\u00e4cker Albin, der in unserer Stra\u00dfe schr\u00e4g gegen\u00fcber im Hinterhaus seine B\u00e4ckerei und im Vorderhaus seinen Laden f\u00fchrt. Der Einkauf in diesen drei L\u00e4den geh\u00f6rt zu meinen ersten Pflichten, meine Mutter schickt mich h\u00e4ufig mit vorher abgez\u00e4hlten Pfennigen und einem Merkzettel hin, mit einem Aluminiumkrug zum Milchh\u00e4ndler, mit einer Netztasche zum Gem\u00fcseh\u00e4ndler, mit einer Einkaufstasche zum B\u00e4cker. Ich sehe mich aus dem Haus auf die Stra\u00dfe treten, eine Leinentasche in der Hand. Ich sehe mich die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, die damals noch mit Kopfsteinpflaster belegt ist. Auf dem Weg hin\u00fcber zum Gehsteig auf der anderen Seite schaue ich, von den Eltern als Verkehrsregel eingesch\u00e4rft, nach rechts. Die Gefahr von einem Auto \u00fcberfahren zu werden, war damals noch sehr gering. So sehe ich, wie in wenigen Metern Abstand von mir ein Jude \u00fcber die Stra\u00dfe geht. Der gelbe Davidstern an seiner Jacke sagt mir augenblicklich: Das ist einer! Mit sechseinhalb Jahren wei\u00df ein Kind, der mit dem Davidstern, das ist ein Jude. Und mir ist wohl die Verhaltensregel eingeimpft worden: Halte dich fern! Mit \u201edenen\u201c haben wir nichts zu tun! Der Jude ist hager, sein Gesicht ist fahl, seine Kleidung \u00e4rmlich. Er tr\u00e4gt einen grauen zerknitterten Anzug, der an der d\u00fcrren Gestalt h\u00e4ngt. Er geht nicht aufrechten Ganges, er huscht etwas geduckt, ver\u00e4ngstigt. Sein Blick streift mich kurz, als d\u00fcrfe er mich nicht ansehen. Ich nehme sein verunsichertes Verhalten wahr, seine Scheu, seinen bedr\u00fcckten Gesichtsausdruck. Mehr kann ich nicht sehen. Ich wei\u00df nicht, wie entrechtet, ausgegrenzt und gedem\u00fctigt dieser Jude bereits ist. Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie wird ihn vermutlich bald ausl\u00f6schen. Ich begegne das letzte Mal einem Juden auf der Stra\u00dfe &#8211; pl\u00f6tzlich sind sie alle \u201everschwunden\u201c. Ich glaube nicht, dass ich damals gefragt habe, wohin die mit dem Davidstern gegangen sind. \u201eDie\u201c waren einfach nicht mehr da. Aus meiner Kinderperspektive ergaben sich daraus keine Fragen. Ich hatte ja keinen pers\u00f6nlich gekannt, kein gut nachbarschaftliches Miteinander erlebt. Also fehlte keiner von \u201edenen\u201c in meiner kleinen Lebenswelt. Als ich eingeschult wurde, war die Schule schon arisiert. Wir hatten keine j\u00fcdischen Mitsch\u00fcler mehr.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\"><b>Die Sprache der Nazi-Propaganda<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels machte Rundfunk und Film zu Medien nationalsozialistischer Propaganda. Die Kriegswochenschauen, die in Lichtspielh\u00e4usern und Filmpal\u00e4sten liefen, waren gut besucht. Es gab noch kein Fernsehen. Ich erinnere mich noch an diese Wochenschauen, obschon diese Besuche \u00fcber sechzig Jahre zur\u00fcckliegen. Ich sehe mich 1942 als kleiner Junge in N\u00fcrnberg auf dem Weg zur \u201eBilderb\u00fchne\u201c am Tierg\u00e4rtner Tor. Ich gehe von der Rieterstra\u00dfe \u00fcber die Bucherstra\u00dfe zur Jagdstra\u00dfe und dann hinauf zum Tierg\u00e4rtner Tor. Gegen\u00fcber der Burgmauer \u00f6ffnet die so genannte \u201eBilderb\u00fchne\u201c, ein Kino, w\u00f6chentlich am Sonntagvormittag um elf Uhr ihren Einlass zur Wochenschau \u00fcber das Kriegsgeschehen. Der Eintritt kostet f\u00fcnfzig Pfennig. Meine Eltern gestatten mir \u2013 das verr\u00e4t ihre politische Einstellung \u2013 diesen Kinobesuch. Es geh\u00f6rt zu meinen Sonntagsvergn\u00fcgen, die Kriegsfilme der UfA zu verfolgen. Ich erinnere mich an die bequemen Sitze des Lichtspielhauses. Spannung. Es ist aufregend, das Kriegsgeschehen mitzuerleben. Die Kriegsberichterstattung ruft in mir jedes Mal ein starkes Kriegserlebnis hervor. Am meisten imponieren mir die Angriffe der \u201eStukas\u201c, der deutschen Sturzkampfbomber, auf feindliche Ziele, das Dr\u00f6hnen der Motoren, der entschlossene Blick der Piloten, der Befehl, das Aufheulen der Motoren, der Sturzflug, das Ausklinken der Bomben, die Einschl\u00e4ge irgendwo unten. Ich sehe im Film die Panzer rollen, Infanterieeinheiten vorw\u00e4rts marschieren und h\u00f6re die Soldaten singen: \u201eDie R\u00e4der, sie rollen nach Osten! Die R\u00e4der, sie rollen f\u00fcr den Sieg!\u201c So zumindest ist mir der Text im Ged\u00e4chtnis geblieben. So etwas geht ein Leben lang nicht aus dem Kopf. Die Wirkung der NS-Propagandafilme erfahre ich am eigenen Leib. Ich bin begeistert und werde von der Bildersprache mitgerissen: \u201eGro\u00dfkampftag\u201c, \u201eHelden\u201c, \u201eHeldentod\u201c, \u201eEndsieg\u201c, die Kampfparolen hallen nach. Zuhause spiele ich meine Kriegserlebnisse mit Spielsoldaten nach, mit deutschen Wehrmachtsoldaten aus Bakelit in Kampfuniform. Die einen werfen Handgranaten, andere m\u00e4hen imagin\u00e4re Gegner mit Maschinengewehren nieder, wieder andere marschieren in voller Ausr\u00fcstung selbstverst\u00e4ndlich nur vorw\u00e4rts und gegen Osten. Die N\u00fcrnberger \u201eBilderb\u00fchne\u201c wurde bald von einer Bombe getroffen und zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">In den Nachkriegsjahren nahm ich wahr, wie tief die Nazi-Propaganda in meine Sprache eingedrungen war. Ich erkannte sie in allen Ritzen meines Denkens wieder. Ich sprach vom \u201einneren Reichsparteitag\u201c, wenn mir eine Sache gut gelungen war und mich zufrieden machte. Ich \u00e4rgerte mich \u00fcber Dinge und Vorg\u00e4nge \u201ebis zur Vergasung\u201c. Ich nannte Tage, an denen m\u00fchsame Arbeiten verrichtet werden mussten \u201eGro\u00dfkampftage\u201c. Bei Geheimniskr\u00e4mereien legte ich den Zeigefinger auf die Lippen und sagte \u201ePst, Feind h\u00f6rt mit\u201c! Ich hatte noch lange die Nazi-Lieder im Ohr, das Horst Wessel-Lied \u201eDie Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert im gleichen Schritt und Tritt\u201c und die Soldatenlieder, die im Krieg jeden Tag im Volksempf\u00e4nger zu h\u00f6ren waren. Ich schmetterte, wenn ich fr\u00f6hlich war, das Fliegerkampflied von den \u201eBomben auf Engeland\u201c vor mich hin: \u201eH\u00f6rst du die Motoren? Ran an den Feind! Bomben, Bomben, Bomben auf Engeland!\u201c Die Kampf- und Propaganda-Sprache der Nazis hatte in vielen Redewendungen und Begriffen von unseren K\u00f6pfen Besitz ergriffen. War vom Jazz die Rede, schwang immer das Vorurteil mit, es handle sich um l\u00e4rmende \u201eNegermusik\u201c. Mein Vater hatte uns strikt verboten, zuhause \u201eNegermusik\u201c zu h\u00f6ren. War von \u201eden Russen\u201c. \u201eden Pollacken\u201c, \u201eden Juden\u201c und von \u201eden Zigeunern\u201c die Rede, schwang immer mit, das seien \u201eUntermenschen\u201c oder zumindest schmutzige, \u00fcbelriechende Kreaturen, die man sich am besten vom Leib h\u00e4lt \u2013 wie Ungeziefer. Entsprachen Gem\u00e4lde und Bilder nicht den Spie\u00dfernormen, dann war es \u201eentartete Kunst\u201c. Vieles wurde auch nach dem Krieg noch f\u00fcr \u201eentartet\u201c gehalten. Es war deprimierend zu bemerken, wie leicht uns die Sprache der Nazis von den Lippen ging. Ich verpflichtete mich sp\u00e4ter selbst dazu, in einem reflektierten Reinigungsprozess mein Gehirn sprachlich vom Nazi-Wortschatz zu befreien. Noch immer treibt er in meinen Erinnerungen sein Unwesen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\">\u201e<b>Morgen kommt der Weihnachtsmann\u201c<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Jeder hatte es gekannt, jedes Kind hatte es gesungen: \u201eMorgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben\u201c. Eine alte Volksweise, wie es so h\u00fcbsch und harmlos hie\u00df. Ich h\u00f6re sie noch heute aus dem Mund meiner Mutter klingen, die uns in der Weihnachtszeit dieses Lied vorsang. Die Volksweise war ein kriegerisches, militaristisches Lied. Der Text stammt von Hoffmann von Fallersleben, der auch das Deutschlandlied schrieb. Von Fallersleben unterlegte in den drei\u00dfiger Jahren des 19. Jahrhunderts der alten Volksweise in patriotischem Geist einen kriegerischen Text, der sp\u00e4ter zur Weihnachtszeit nationalliberale, deutschnationale wie \u00fcberhaupt patriotische Herzen h\u00f6her schlagen lie\u00df:<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\">Morgen kommt der Weihnachtsmann,<br \/>\nkommt mit seinen Gaben:<br \/>\nTrommel, Pfeifen und Gewehr,<br \/>\nFahn&#8216; und S\u00e4bel und noch mehr,<br \/>\nja ein ganzes Kriegesheer<br \/>\nm\u00f6chte ich gerne haben.<br \/>\nBring uns lieber Weihnachtsmann,<br \/>\nbring auch morgen, bringe:<br \/>\nMusketier und Grenadier,<br \/>\nZottelb\u00e4r und Panthertier,<br \/>\nRoss und Esel, Schaf und Stier,<br \/>\nlauter sch\u00f6ne Dinge!<br \/>\nDoch du wei\u00dft ja unsern Wunsch,<br \/>\nkennst ja unsere Herzen!<br \/>\nKinder, Vater und Mama,<br \/>\nauch sogar der Gro\u00dfpapa,<br \/>\nalle, alle sind wir da,<br \/>\nwarten dein mit Schmerzen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Alle haben, so will es das Lied glaubhaft machen, den Wunsch, vom Weihnachtsmann bewaffnet zu werden, sogar die Frau Mama. So war es das damals tats\u00e4chlich. Am \u201eHeiligen Abend\u201c bekam ich Bakelit-Soldaten, Panzerwagen und Kriegsschiffe. Deutschland musste erst die zweite Katastrophe erleiden, um den Weihnachtsmann zu entwaffnen, die \u201ealte Volksweise\u201c zu entmilitarisieren und schlie\u00dflich den Wirtschaftswunder-Kindern einen neuen Text auf den Leib zu schreiben:<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\">\u201eMorgen kommt der Weihnachtsmann,<br \/>\nkommt mit seinen Gaben.<br \/>\nPuppen, Pferdchen, Sang und Spiel,<br \/>\nund auch sonst der Freude viel.<br \/>\nJa, o welch ein Gl\u00fccksgef\u00fchl<br \/>\nK\u00f6nnt\u00b4 ich alles haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wurde im Schatten des Hakenkreuzes geboren, im Jahr der ber\u00fcchtigten \u201eN\u00fcrnberger Gesetze\u201c. Der NS-\u201eRassengrundsatz\u201c lautete: \u201eDie im nationalsozialistischen Denken verwurzelte Auffassung, dass es oberste Pflicht eines Volkes ist, seine Rasse von fremden Einfl\u00fcssen rein zu halten und die in den Volksk\u00f6rper eingedrungenen fremden Bluteinschl\u00e4ge wieder auszumerzen, gr\u00fcndet sich auf der wissenschaftlichen Erkenntnis der Erblehre&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":531,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22\/revisions\/531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}