{"id":267,"date":"2017-01-31T08:33:34","date_gmt":"2017-01-31T07:33:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=267"},"modified":"2019-05-22T14:01:58","modified_gmt":"2019-05-22T12:01:58","slug":"der-tod-der-aus-dem-meer-kam-die-monsterwelle-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/01\/31\/der-tod-der-aus-dem-meer-kam-die-monsterwelle-2004\/","title":{"rendered":"36. Der Tod, der aus dem Meer kam &#8211; Die Monsterwelle 2004"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>\u00a0 <\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"center\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-787 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-700x705.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"705\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-700x705.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-298x300.jpg 298w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-768x774.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001-800x806.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_001.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><em>In memoriam<\/em><\/p>\n<p><em>Johann Christian Mintzel<\/em><br \/>\n<em>20.09.1966 \u2013 26.12.2004<\/em><\/p>\n<p><em>Nicola Barbara Mintzel, geb. Friedrich<\/em><br \/>\n<em>27.01.1969 \u2013 26.12.2004<\/em><\/p>\n<p><em>Lina Marie Johanna Mintzel<\/em><br \/>\n<em>30.01.1999 \u2013 26.12.2004<\/em><\/p>\n<p><em>Jule Lou Johanna Mintzel<\/em><br \/>\n<em>14.12.2001 \u2013 26.12.2004<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Tsunami, 26.12.2<\/strong><strong>004<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Schock traf uns tief ins Gem\u00fct. Gef\u00fchle \u00fcberw\u00e4ltigten uns und lie\u00dfen uns erstarren. Als wir die BILD-Zeitung vom 31.12.2004 aufschlugen, fanden wir die vier Portr\u00e4tfotos der vermissten \u201eFamilie M\u201c abgedruckt. Entsetzlich! Sie waren es: Lina, Jule, Nicola und Christian. Neben jedem Bild ein paar Lebensdaten und ein kurzer Bericht \u00fcber ihre letzten Tage in Thailand. Daneben ein schauderhaftes Foto mit Begleittext: \u201eDer Blick ins Grauen! Die Deutschen Carsten S. und Hans S. suchen in S\u00e4rgen nach ihren Freunden aus Deutschland \u2013 nach dem Ehepaar M. und ihren T\u00f6chtern\u201c. Aus den offenen S\u00e4rgen ragen Arme Get\u00f6teter, hochgestreckt, als riefen sie noch im Tod nach Hilfe, mit klaffenden Wunden, von der Verwesung dunkel angelaufen. Die beiden Freunde tragen Gesichtsmasken. Am Morgen des 26. Dezember 2004 riss ein Tsunami 230.000 Menschen in den Tod. Die genaue Zahl wird sich nie ermitteln lassen, wahrscheinlich verloren noch viel mehr ihr Leben. Unter den Toten waren mein Neffe Christian Mintzel, seine Frau Nicola und deren kleine T\u00f6chter Lina und Jule, Kinder und Kindeskinder meines Bruders Kurt. Lina w\u00e4re vier Wochen sp\u00e4ter sechs, Jule war gerade drei Jahre alt geworden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Der geophysikalische Bericht<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eSunda-Graben, 3,316 Grad Nord, 95,854 Grad Ost, 7:58:53 Ortszeit: Jahrzehnte lang haben sich in der Erdkruste, tief unter dem Indischen Ozean vor der Westk\u00fcste Sumatras, ungeheure tektonische Spannungen aufgebaut, die sich um 1.58.53 Uhr mitteleurop\u00e4ischer Zeit in einem der gewaltigsten Erdbeben aller Zeiten entladen.<br \/>\nDas Beben hat die St\u00e4rke 9,0 auf der Richter-Skala und ist damit das viertst\u00e4rkste jemals gemessene und das st\u00e4rkste der letzten 40 Jahre. Die dabei in wenigen Sekunden freigesetzte Energie entspricht der Sprengkraft von mehr als 32.000 Hiroshima-Bomben.<br \/>\nVor der Westk\u00fcste Thailands, um 10:00 Uhr Ortszeit, 2 Stunden und 2 Minuten nach dem Beben: Manche Touristen schlafen noch in ihren Bungalows am Meer, die am Strand einiger Luxusressorts sogar auf Stelzen im Wasser errichtet sind. Andere sitzen beim Fr\u00fchst\u00fcck. Viele aber sind schon aufgestanden und vergn\u00fcgen sich im Meer. Manche sehen da bereits den Tsunami: eine blauschwarze Wand am Horizont. Doch es dauert mehrere Sekunden, bis die Ersten begreifen, dass dort eine Wasserwand auf sie zukommt. Und dass sie rasend schnell ist. Da ist es f\u00fcr viele schon zu sp\u00e4t. Die Naturgewalten folgen einer eigenen Logik. Das Wasser t\u00fcrmt sich zu einem H\u00fcgel auf, saust mit ungeheurer Wucht auf den Strand zu und rei\u00dft dort alles mit sich. Schon die erste von zwei Wellen, die je nach K\u00fcstenabschnitt 6,5 bis zehn Meter hoch sind, wirft die meisten der Fliehenden um und sp\u00fclt sie tief ins Land hinein. Die wirbelnden Wasser treffen die Menschen g\u00e4nzlich unvorbereitet. Die Riesenwelle schwappte vom Berg zur\u00fcck und \u00fcberrollt die \u00fcberraschten Opfer unausweichlich ein zweites Mal, sie nimmt Menschen und Tr\u00fcmmer mit. F\u00fcr tausende Touristen und Einheimische ist die Frage von Leben oder Tod in diesen Minuten eine des Gl\u00fccks.\u201c<br \/>\nKnapper und packender als es GEO EPOCHE und die S\u00fcddeutsche Zeitung berichtet haben, kann ich nicht zusammenfassen, was am Morgen des 26. Dezember 2004 dort geschah.<br \/>\n(GEO EPOCHE Nr. 16, Februar 2005: Tsunami. Der Tod aus dem Meer, S. 48ff)<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eDie tiefen Spuren der gro\u00dfen Welle sind un\u00fcbersehbar. Je flacher das Gel\u00e4nde, desto tiefer drangen die Flutwellen bis auf einen Kilometer ins Landesinnere ein. Die Gewalt der Wasserstr\u00f6me muss so heftig gewesen sein, dass sich das Meer im Landesinneren geradezu eigene Flussl\u00e4ufe gebahnt, Br\u00fccken abgerissen, Stra\u00dfen zerst\u00f6rt und k\u00fcnstliche Salzwasserseen hinterlassen hat. Dort aber, wo sich nicht weit vom Meer entfernt die Berge auft\u00fcrmen, hatten die exklusiven Ressorts gestanden, die es bekanntlich am h\u00e4rtesten traf. Der gewaltige Tsunami-Effekt wirkte dort doppelt, weil die Hotels ganz nahe ans Wasser gebaut waren, was nat\u00fcrlich eine verheerende Wirkung zeigt. Die Chance, diesen Naturgewalten zu entrinnen, war gering. Der Strand von Khao Lak war eine geologische Falle.\u201c<br \/>\nS\u00fcddeutsche Zeitung Nr. 152 vom 05.07.2005, S. 38).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Notizen &amp; Skizzen aus meinem Tagebuch des Grauens<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><em>28. Dezember 2004<br \/>\n<\/em><em>Wir sind in gr\u00f6\u00dfter Sorge. Seit dem Ereignis ist der Kontakt zu Christian und seiner Familie abgebrochen. Wir haben seit drei Tagen keine Nachricht. Wir verfolgen die Katastrophenmeldungen im Fernsehen und am Rundfunk und warten h\u00f6chst besorgt auf eine Nachricht. Christian ist ein Computerfreak, der sich bestens mit der neuesten Kommunikationstechnik auskennt. Wir wundern uns, dass er noch keine Gelegenheit nutzen konnte, ein Lebenszeichen nach Hause zu senden. Wahrscheinlich, so nehmen wir an, sind seine und andere Kommunikationsmittel von Tsunami weggesp\u00fclt worden. Wir m\u00fcssen mit dem Schlimmsten rechnen. Die Massenmedien melden zur Stunde, dass mit weit mehr als 40.000 Toten gerechnet werden m\u00fcsse, darunter seien auch viele Touristen. Die Ungewissheit brachte uns in der letzten Nacht um den Schlaf.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><em>29. Dezember 2004<br \/>\n<\/em><em>Das Fernsehen \u00fcbertrug von 14:00-14:15 Uhr eine Stellungnahme des Bundeskanzlers zur Katastrophe. Gerhard Schr\u00f6der sprach von rund 1.000 \u201evermissten\u201c Deutschen und f\u00fcgte hinzu, dass wohl die meisten davon nicht mehr am Leben seien. Angesichts des Ausma\u00dfes der Katastrophe hat er bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet. Wir m\u00fcssen angesichts der Meldungen davon ausgehen, dass Christian, Nicola, Lina und Jule umgekommen sind. Wir diskutieren allerdings auch andere M\u00f6glichkeiten: Vielleicht hat ein Elternteil \u00fcberlebt, vielleicht hat durch einen gl\u00fccklichen Zufall eines der beiden Kinder \u00fcberlebt. Schwer verletzt liegen sie in Krankenh\u00e4usern und k\u00f6nnen sich vielleicht noch nicht melden. Ein Kind hat \u00fcberlebt und kann nicht sagen, woher es stammt. Vielleicht ist ein lebend angeschwemmtes Kind von irgendwelchen Leuten aufgenommen worden. Wir durchleben eine entsetzliche Zeit der Ungewissheit, wir sind bedr\u00fcckt und trauern um die Vier. <\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><em>29. Dezember 2004<br \/>\n<\/em><em>3,5 Tage danach. Kein Lebenszeichen. Allerletzte Hoffnung: Eltern oder ein Elternteil, Kinder oder auch nur ein Kind k\u00f6nnten durch irgendwelche gl\u00fccklichen Umst\u00e4nde und F\u00fcgungen \u00fcberlebt haben und verhindert sein, Kontakt aufzunehmen.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>30. Dezember 2004<br \/>\n<\/em><em>Neue Schreckensbilder und schlimme Berichte aus den Katastrophengebieten. Von Christian und seiner Familie kein Lebenszeichen. Die Zahl der erfassten Toten steigt st\u00fcndlich, insgesamt sollen \u00fcber 100.000 Menschen ums Leben gekommen sein. In Khao Lak sollen allein schon 1.300 Skandinavier umgekommen sein. Die Zahl der vermissten Deutschen liegt \u00fcber der 1.000er Grenze. Noch immer werden Leichen ans Land gesp\u00fclt, viele wird das Meer f\u00fcr immer verschlungen haben. Zwar werden die Vermissten- und Totenlisten nun pr\u00e4ziser gef\u00fchrt und ver\u00f6ffentlicht, aber noch immer sind nicht alle erfasst. Die Identifizierung der Leichen wird immer schwieriger, die R\u00fcckf\u00fchrung nach Deutschland immer unwahrscheinlicher. Es fehlen K\u00fchlh\u00e4user. Wir sind tief schockiert und haben alle Hoffnungen aufgegeben, Christian, Nicola, Lina und Jule wiederzusehen. Was hat sich in den letzten Minuten ihres Lebens abgespielt? Unter welchen dramatischen Umst\u00e4nden sind die beiden kleinen M\u00e4dchen umgekommen? Die Wohnanlage, die sie gemietet hatten, ist komplett weggesp\u00fclt, dort ist nichts mehr zu finden. Ein schreckliches Jahresende. Eine Familienkatastrophe. Eine unertr\u00e4gliche Situation.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-789 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003-700x600.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003-700x600.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003-300x257.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003-768x658.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003-800x685.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_003.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Ende Dezember 2004, Khao Lak: Der Blick ins Grauen. Die Deutschen Carsten S. und Hans S. suchen in S\u00e4rgen nach ihren Freunden aus Deutschland \u2013 nach dem Ehepaar M. und seinen T\u00f6chtern.<br \/>\nBILD, Bundesausgabe, 31. Dezember 2004, S. 2<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-790 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004-700x716.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"716\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004-700x716.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004-293x300.jpg 293w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004-768x786.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004-800x818.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_004.jpg 1656w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Das Ehepaar <\/em><em>Johann Christian und Nicola Barbara Mintzel mit seinen T\u00f6chtern Lina Marie Johanna und Jule Lou Johanna<\/em><br \/>\n<em>BILD, Bundesausgabe, 31. Dezember 2004, S. 2 (umgestellt)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>31. Dezember 2004<br \/>\nZwei Freunde der Familie flogen am Jahresende 2004 nach Phuket und suchten in Khao Lak s\u00e4mtliche Krankenh\u00e4user und Sammelstellen ab. Auf dem gro\u00dfen Sammelplatz f\u00fcr geborgene Leichen glaubten sie den Leichnam von Jule gefunden zu haben. Aber dazu muss erst eine DNA\u2013Analyse abgewartet werden. F\u00fcr uns alle ist die Ortlosigkeit des Todes und die v\u00f6llige Ungewissheit, ob ihre Leichen je gefunden und identifiziert werden, schwer zu ertragen. Die beiden Freunde, die dorthin [nach Phuket] geflogen waren, haben ihre Suchaktion abgebrochen, weil jedes weitere Suchen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne Ergebnis geblieben w\u00e4re. Die gesammelten Leichen sind inzwischen in einen Zustand \u00fcbergegangen, der kaum mehr eine [direkte] Identifizierung erm\u00f6glicht. Die Freunde werden morgen in Deutschland eintreffen.<br \/>\n<\/em><em>Sich am Silvesterabend \u201eAlles Gute\u201c zu w\u00fcnschen, wird angesichts dieses Leides und dieser Trauer zu einer abgedroschenen, entsetzlich unsensiblen Floskel. Eine stille Anteilnahme ist wohl das Beste, was wir vermitteln k\u00f6nnen. Der Schock sitzt tief, wir alle sind in ein Verh\u00e4ngnis hineingerissen worden. Ich f\u00fchle mich elend und gel\u00e4hmt. Ich habe M\u00fche, die Fassung zu bewahren. Psychologen und Therapeuten empfehlen auch den traumatisierten Angeh\u00f6rigen, die zu Hause diese Berichte am Bildschirm verfolgen, sich nicht dem Schrecken der Berichterstattung auszusetzen, sondern das Fernsehger\u00e4t zwei, drei Tage abzuschalten. Auch die furchtbaren Erlebnisse am Bildschirm k\u00f6nnen psychisch krankmachen.<br \/>\n<\/em><em>Heute Morgen ging durch das Fernsehen, dass die Identifizierung der Toten noch sechs Monate dauern kann. Damit ist eine weitere Leidenszeit gegeben, ein ritueller Abschied von den Toten ist erst nach ihrer Identifizierung m\u00f6glich. Uns stehen schwere Wochen bevor.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-791 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005-700x1080.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005-700x1080.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005-768x1184.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005-800x1234.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_005.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>BILD, Bundesausgabe, 3. Januar 2005, S.3<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>1. Januar 2005<br \/>\nGenau eine Woche ist es nun her, dass die Katastrophe hereinbrach. Vorgestern war in der Ausgabe der BILD-Zeitung vom 31. Dezember unsere Familie, Christian, Nicola, Lina und Jule mit Portr\u00e4tfotos aus ihrer allerletzten Lebenszeit abgebildet. Diese Aufnahmen haben uns ersch\u00fcttert, vor allem die h\u00fcbschen Gesichter der kleinen M\u00e4dchen. Durch diese sehr sch\u00f6nen Bilder waren sie pl\u00f6tzlich ganz nahe, als st\u00fcnden sie vor uns und w\u00fcrden reden. Ihre Gesichter sind so sch\u00f6n geformt, so hell im Blick, so zart im Ausdruck, so zugewandt und neugierig. Diese Bilder l\u00e4nger zu betrachten war uns unm\u00f6glich, wir mussten die Zeitung wieder weglegen. Es w\u00e4re wohl besser, wir w\u00fcrden die Sender abschalten und die Zeitungslekt\u00fcre beenden, um eine Stille zu schaffen. Ich will ihr Schicksal erz\u00e4hlen und die Toten damit in Erinnerung halten.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>5. Januar 2005<br \/>\nAn meinen Bruder Kurt und seine Frau: Uns helfen im Augenblick keine tr\u00f6stenden Worte, kein Trost kann die tiefe Trauer und den Verlust hinwegreden. Wir haben schlaflose N\u00e4chte. Schreckensbilder stehen vor den Augen. Was uns alle tief bedr\u00fcckt und bewegt, ist die grauenhafte \u201eOrtlosigkeit\u201c des Todes. Es gibt keinen Ort an dem ein Ritual des Abschieds stattfinden k\u00f6nnte. Wir m\u00fcssen uns erst einen Erinnerungsort schaffen, um diese Leere etwas f\u00fcllen zu k\u00f6nnen und eine innere Begegnung zu erm\u00f6glichen. Gerade spielen Carlotta und Mia [unsere Enkelkinder, sechs und vier Jahre alt] \u201eFlut und \u00dcberschwemmung\u201c, die Krankenschwester ist umgekommen. Auch sie m\u00fcssen die Berichte und Bilder verarbeiten. Wir sehen zu und schweigen.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>6. Januar 2005<br \/>\n17:55 Uhr. Die letzte Meldung vom Tag: Noch 751 Deutsche werden vermisst, doch wird immer noch von einer Zahl \u00fcber 1.000 ausgegangen. Der Tsunami hat Christian, Nicola, Lina und Jule verschlungen, zerschmettert, ins Meer hinausgesp\u00fclt oder irgendwo auf dem Land ums Leben gebracht. Sind sie gefunden worden? Aus Thailand wird gemeldet, etwa 600 Flutopfer, darunter 300 europ\u00e4ische Touristen, seien n\u00f6rdlich von Khao Lak in einem Massengrab bestattet worden. Den Toten aus der Region Khao Lak seien nach der Entnahme von genetischem Material im Yan-Yao-Tempel Micro-Chips eingesetzt worden, um sie sp\u00e4ter exhumieren und identifizieren zu k\u00f6nnen. Es wird noch viele Monate dauern, bis wir Gewissheit haben, ob Christian, Nicola, Lina und Jule identifiziert werden konnten. <\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>12. Januar 2005<br \/>\nDer von der Familie gemietete Bungalow im Green Beach Village Resort stand ganz nahe am Meer und wurde von der Monsterwelle platt gemacht. Ich hatte mit vorgenommen, mir \u00fcber die Situation vor Ort von den Freunden berichten zu lassen. H. erz\u00e4hlte von der Lage und Beschaffenheit des gemieteten Bungalows und schilderte dessen Leichtbau: Ein Holzboden, ein paar tragende gro\u00dfe Holzbalken, Dachbalken, Blechdach-Abdeckung. Das Haus war nur lose mit dem Untergrund verbunden, nur mit ein paar Balken auf dem Grund befestigt. Die zw\u00f6lf Meter hohe Welle erfasste den Bungalow, riss ihn wie eine Streichholzschachtel vom Boden weg, kippte ihn um, dr\u00fcckte ihn zusammen und zerquetschte die Familie. Dort war nichts mehr zu finden. Am 26. Dezember um kurz nach zehn Uhr morgens wurde Khao Lak ausgel\u00f6scht.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>14. Januar 2005<br \/>\nDie Cassini-Huygens-Mission scheint gegl\u00fcckt zu sein. Huygens, die Landesonde, ist p\u00fcnktlich auf dem Saturnmond Titan gelandet und sendet. Menschlicher Technik gelingt es heute, nach einer siebenj\u00e4hrigen Weltraumreise eine Sonde auf dem Saturnmond Titan abzusetzen. Der Mensch hat es aber vers\u00e4umt, im Indischen Ozean ein Seebeben-Fr\u00fchwarnsystem zu installieren. Dieses Vers\u00e4umnis ist das eigentlich Skandal\u00f6se der Naturkatastrophe im Golf von Bengalen. Ein Fr\u00fchwarnsystem kann zwar nicht in jedem Fall Menschenleben retten, aber es h\u00e4tte am 26. Dezember 2004 die Zahl der Toten sehr viel niedriger halten k\u00f6nnen, Vielleicht w\u00e4ren Christian, Nicola, Lina und Jule noch am Leben.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>15. Januar 2005<br \/>\nGedenkgottesdienst f\u00fcr Nicola, Christian, Lina und Jule in M\u00f6nchengladbach.<br \/>\n<\/em><em>Eine Freundin der Vier liest ein Kindertotenlied von Friedrich R\u00fcckert vor:<br \/>\n<\/em><em><br \/>\nOft denk\u00b4 ich, sie sind nur ausgegangen,<br \/>\n<\/em><em>bald werden sie wieder nach Haus gelangen.<br \/>\n<\/em><em>Der Tag ist sch\u00f6n, o sei nicht bang,<br \/>\n<\/em><em>sie machen nur einen weitren Gang.<br \/>\n<\/em><em>Ja wohl, sie sind nur ausgegangen,<br \/>\n<\/em><em>und werden jetzt nach Haus gelangen.<br \/>\n<\/em><em>O sei nicht bang, der Tag ist sch\u00f6n,<br \/>\n<\/em><em>sie machen den Gang zu jenen H\u00f6h\u00b4n.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Sie sind uns nur vorausgegangen<br \/>\n<\/em><em>und werden nicht hier nach Haus verlangen.<br \/>\n<\/em><em>Wir holen sie ein auf jenen H\u00f6h\u00b4n<br \/>\nim Sonnenschein, der Tag ist sch\u00f6n.<\/em><\/p>\n<p><em>Pastorin Beuschel:<br \/>\n<\/em><em>\u201eWir haben nicht nur Erinnerungen an die lieben Mintzels, sondern sie haben uns auch etwas zur\u00fcckgelassen: Nicola liebte es Muscheln zu sammeln. Diese Muscheln haben sie 2001 in Thailand gesammelt und den weiten Weg mit nach Hause gebracht. Auch Lina hat sich die Freude gemacht Muscheln zu sammeln. (\u2026) Wir m\u00f6chten diese Muscheln jetzt als Erinnerung weitergeben.\u201c<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>16. Januar 2005<br \/>\nEine Naturkatastrophe ereignet sich, bricht \u00fcber den Menschen herein, unvermutet, pl\u00f6tzlich, unberechenbar, furchtbar in ihren Folgen. Ein Seebeben und der ihm folgende Tsunami sind geophysikalische Ereignisse, jenseits von Gut und B\u00f6se, jenseits von Schuld und S\u00fchne, jenseits von Liebe und Hass. Sie sind etwas Naturgewaltiges, das Menschen \u00fcberw\u00e4ltigt und in den Tod rei\u00dft. Es dreht sich um keine Trag\u00f6dien, es gibt keinen Helden, es spielen sich aber dramatische Vorg\u00e4nge ab. In den Medien wird die Flutwelle, der Tsunami, d\u00e4monisiert: \u201eMonsterwelle\u201c, \u201eKillerwelle\u201c, \u201eTodeswelle\u201c. Fragen nach der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und insbesondere nach der Allm\u00e4chtigkeit Gottes werden aufgeworfen. Gott tr\u00e4fe keine Schuld. Der Allm\u00e4chtige habe sich selbst seiner Allm\u00e4chtigkeit begeben, indem er die Kr\u00f6nung seiner Sch\u00f6pfung, den Menschen, in die Selbstverantwortung und Freiheit entlassen habe. Gegen Naturkatstrophen m\u00fcsse der Mensch den ihm verliehenen Verstand einsetzen, also zum Beispiel ein Fr\u00fchwarnsystem installieren. Gott wird exkulpiert, Gott habe die von ihm erschaffenen Welt zu ihrer Entwicklung (Evolution) freigegeben. Alles mehr als unbefriedigende Antworten der Theologie.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>17. Januar 2005<br \/>\nDas Unfassbare muss erst in seiner Absolutheit akzeptiert werden, bevor sich die Gedankenwelt wieder aufhellen kann. Noch immer sehe ich die Wasserwand, die zw\u00f6lf Meter hohe \u201eMonsterwelle\u201c auf Christian und Nicola und auf Lina und Jule herunterbrechen, noch immer sehe ich sie im Wasser treiben. Es m\u00fcssen schreckliche letzte Minuten gewesen sein. Ich sehe Christian mit b\u00e4renhafter Kraft nach den Kindern greifen &#8211; sie hatten keine Chance, sie wurden zerschmettert und hinweggesp\u00fclt.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>21. Januar 2005<br \/>\nWir stehen nach wie vor tief niedergeschlagen unter dem Eindruck des Verh\u00e4ngnisses und k\u00f6nnen nicht einfach ins gewohnte Leben zur\u00fcckkehren. Die schrecklichen Bilder gehen uns Tag und Nacht im Kopf herum, sie verfolgen uns und lassen uns nicht los. Sie l\u00f6sen immer wieder Best\u00fcrzung aus. Der rituelle Abschied am 15. Januar war wichtig und wirklich ergreifend, er brachte einen Moment lang sogar so etwas wie eine innere Entlastung von dem Ungeheuerlichen. Aber dann kehrten die finsteren Fragen doch wieder zur\u00fcck. Wie k\u00f6nnten sich die dramatischen Minuten abgespielt haben? Die grauenhaften Ereignisse werden uns noch lange verfolgen. Wir m\u00fcssen aber unsere Sprache wiedergewinnen, wir m\u00fcssen dar\u00fcber sprechen. Ich erlebe angesichts der gewaltigen Wucht der Familienkatastrophe, wie schwierig es ist, den Schock, den sie ausgel\u00f6st hat, die Gef\u00fchle und Gedanken, in einer ad\u00e4quaten Sprache auszudr\u00fccken. Das Grauen hat einen neuen Namen: Khao Lak.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-788 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002-700x444.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002-700x444.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002-768x487.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002-800x508.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_002.jpg 1807w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Lina Mintzel, Farbstiftzeichnung, 2004<\/em><br \/>\n<em>Mama, Papa, Lina und Juli als Fische im Meereswasser \u2013 als ob sie die kommende Katastrophe geahnt h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>30. Januar 2005<br \/>\nEin sehr trauriger Tag. Lina Mintzel h\u00e4tte heute ihren sechsten Geburtstag gefeiert. Sie w\u00e4re in diesem Jahr in die Schule gekommen. Mir ging das Schicksal der Kleinen nicht aus dem Kopf. Wohin mag die Gro\u00dfe Welle sie hinweggerissen haben? Wurde ihr Leichnam gefunden und inzwischen identifiziert? Die arme kleine Lina!<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Inge Lu und ich besuchten gestern das Museum Moderner Kunst Stiftung W\u00f6rlen. Im Kassen- und Verkaufsraum fiel mir die Postkarte auf, die Hokusais \u201eWellental bei Flut [an der K\u00fcste] vor Kanagawa\u201c (ca. 1823-1825) zeigt. Die bildliche Konstruktion Hokusais hat mich doppelt besch\u00e4ftigt: Einmal trifft sie auf das Verh\u00e4ngnis in Khao Lak (und an anderen Orten im Golf von Bengalen) zu, zum anderen gibt er ein Beispiel der bildnerisch\u2014\u00e4sthetischen Darstellung eines gewaltigen Naturgeschehens. Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder mit dem Gedanken getragen, diese Katastrophe des 26. Dezember 2004 in Bilder umsetzen. Wie kann ich die zerst\u00f6rerische, t\u00f6dliche Wucht einer haushohen Welle mit grafischen Mitteln darstellen? Im Gegenprogramm zu Hokusai will ich das Schreckliche nicht \u00e4sthetisch bannen, sondern durch Bildmittel zum Ausdruck kommen lassen \u2013 eine schwierige Aufgabe.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>13. Februar 2005<br \/>\nAn meinen Freund J\u00fcrgen Krengel, Maler und Grafiker in Hannover. Nun habe ich damit begonnen, mich mit Hokusais Wellen-Darstellungen zu befassen und selbst \u201eSchreckensbilder\u201c zu skizzieren, um den Schock und das Grauen zu bannen. Hokusais Wellental bei Flut [an der K\u00fcste] vor Kanagawa zeigt so eine Todeswelle. In den tiefen Wellent\u00e4lern zweier sich \u00fcberschlagender Wogen versuchen die in die Boote geduckten Ruderer die hohen Wellen frontal zu schneiden, um nicht zu kentern und verschlungen zu werden. Der Kamm der h\u00f6chsten Welle zerstiebt in Schaumkrallen und Spritzern und st\u00fcrzt auf die Boote herab. Im Hintergrund steht vor dem dunkelgrauen Horizont der Fuji, der unterhalb der Horizontlinie im Verh\u00e4ltnis zur haushohen Welle klein erscheint. Hokusai hat sein Bild k\u00fchn und dramatisch aufgebaut. Die gro\u00dfe Welle ist seitlich gesehen, so dass eine Fernsicht auf den Fuji entsteht. Es bleibt ungewiss, ob die drei Boote die enorme Wucht der Welle \u00fcberstehen.<br \/>\n<\/em><em>Hokusai hat sich mit der verh\u00e4ngnisvollen, t\u00f6dlichen \u201eGro\u00dfen Welle\u201c mehrmals ikonografisch-\u00e4sthetisch befasst und das gewaltige Naturschauspiel ins Bild gesetzt. Mir scheint, dass er durch seine k\u00fchne Konstruktion des Bildaufbaus, durch die konstruierende \u00c4sthetik des Bildes den Schrecken und das Grauen \u201ezum Stehen bringt\u201c und bannt. Die tonnenschweren Wassermassen halten pl\u00f6tzlich und st\u00fcrzen eben nicht zerschmetternd nieder. Die in ihre Boote geduckten Ruderer scheinen eine \u00dcberlebenschance zu haben. Die \u00c4sthetik des Bildes nimmt der Naturgewalt die zerst\u00f6rerische, Menschen vernichtende Kraft.<br \/>\n<\/em><em>Mir schweben andere Bilder vor, wirkliche Schreckensbilder, die nicht die ungeheure Wucht der Naturgewalt \u00e4sthetisch \u201ebannen\u201c, sondern das Schreckliche und Grauenhafte zum Ausdruck bringen. Aber wie? Mit welchen Bildkonzepten und mit welchen Stilmitteln? Wie lassen sich Zerst\u00f6rung, Sterben, Schrecken, Entsetzen und Grauen \u201eins Bild setzen\u201c? Es m\u00fcssen Bilder sein, die den Betrachter in das Verh\u00e4ngnis hineinziehen, ihn fast erdr\u00fccken.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>11. April 2005<br \/>\nAntwort J\u00fcrgen Krengels. \u201eHokusai tut als K\u00fcnstler das Angemessene und Richtige. Ich bin da mit ihm v\u00f6llig einig. Er w\u00e4hlt einen Moment der Stille und gro\u00dfer Ruhe vor der m\u00f6glichen Katastrophe, einen Augenblick, der f\u00fcr seinen \u00e4sthetischen Anspruch zwingend ist. Nat\u00fcrlich kann man sich fragen, ob es den Fischern gelingen wird, zu \u00fcberleben, aber das ist nicht entscheidend. Auch sie tun das einzig Richtige. Das Bild zeigt zwei Gegenbewegungen: Die diagonal auf ihrem H\u00f6hepunkt sich aufb\u00e4umende Welle, dagegen steht die Bewegung der Boote. Ganz klein, fast im Mittelpunkt der Konzeption steht das Symbol des Bleibenden, der heilige Berg. Es ist ein Blatt von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit, mehr kann die Kunst nicht geben. Im 19. Jahrhundert h\u00e4tte man wahrscheinlich den dramatischen H\u00f6hepunkt der Katastrophe dargestellt wie im \u201eFlo\u00df der Medusa\u201c. Die Heutigen w\u00fcrden wohl eine ausf\u00fchrliche Dokumentation liefern und diese auch noch nach allen Richtungen dokumentieren. Was hat das mit Kunst zu tun? Der Alte aus Japan war eben ein weiser Mann.\u201c<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>4. M\u00e4rz 2005<br \/>\nVom 21. Februar bis gestern, bis zum 3. M\u00e4rz, arbeitete ich am Khao Lak-Thema. Ich entwarf in Collagen einen \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c. Es entstanden in elf Tagen 22 Bilder (70 x 50 cm) und dazu zwei Titelbogen (\u2026) Ich will zum Andenken an Christian, Nicola, Lina und Jule einen Zyklus schaffen.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>10. M\u00e4rz 2005<br \/>\nAm 10. M\u00e4rz waren Inge Lu und ich mit etwa drei\u00dfig Collagen und Zeichnungen bei Karl Schleinkofer, um mit ihm die Ergebnisse zu besprechen und eine Auswahl zu treffen. Wir diskutierten lange \u00fcber Machart, Bildstrukturen, Aussagekraft und Fragen der \u201eMedienrealit\u00e4t\u201c. Ich brauchte und suchte Kontrolle und Kritik, um sentimentalen Fallen der Betroffenheit zu entgehen. Ein gutes Dutzend Collagen und die Zeichnungen kamen durch die Kontrolle. Auch Oswald Miedl sch\u00e4rfte durch seine professionelle Au\u00dfensicht meinen Blick f\u00fcr die Auswahl. Er bot sich an, f\u00fcr eine Ausstellung des Zyklus im Foyer der Universit\u00e4tsbibliothek die Bibliotheksleitung zu gewinnen.<br \/>\n<\/em><em>In Gespr\u00e4chen mit den befreundeten K\u00fcnstlern Waltraud Danzig, Oswald Miedl, Karl Schleinkofer und Christian Zeitler setzte ich mich mit der Problematik der ikonografisch-\u00e4sthetischen Darstellung von Grauen, Schrecken, furchtbaren Ereignissen und massenhaftem Sterben, auseinander. Alle waren der Ansicht, dass die Darstellung grauenhafter Ereignisse eine schwierige Aufgabe sei. Kollege und Freund Miedl verwies auf das Thema Auschwitz.<br \/>\n<\/em><em>Die existenziellen \u00c4ngste, das v\u00f6llige Ausgeliefertsein an eine unmenschliche Praxis, Entkr\u00e4ftung bis zum Zusammenbruch, das alles l\u00e4sst sich wahrscheinlich nicht wirklich darstellen. Von solchen Bildern selbst m\u00fcsste ein Grauen ausgehen, solche Bilder m\u00fcssten zutiefst schockieren, den Betrachter in Angst und Schrecken versetzen. Mir fallen dazu Zyklen von Goya, Max Beckmann und Otto Dix eine: die Kriegszyklen.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>11. M\u00e4rz 2005<br \/>\nAus meinem Geburtstagsbrief an meinen Bruder Kurt, den Vater Christians und Gro\u00dfvater Linas und Jules. In den letzten drei Wochen habe ich, von den Schreckensbildern in meinem Kopf getrieben, einen \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c geschaffen, eine auf drei\u00dfig Blatt (Kartonformat 50 x 70 cm) angewachsene Reihe von Bildern (Bleistift, Grafit, Kohle, Collage), die ich noch in diesem Jahr drucken lassen und ver\u00f6ffentlichen will. Die Bl\u00e4tter sind dem Andenken an Christian, Nicola, Lina und Jule gewidmet.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>21. M\u00e4rz 2005<br \/>\nHeute via Bundeskriminalamt (BKA) und \u00fcber die \u00f6rtliche Polizei die Nachricht erhalten, Christian sei gefunden und identifiziert worden. Ungewissheit herrscht weiterhin, ob Nicola, Lina und Jule gefunden wurden. Die schreckliche Wartezeit ist noch nicht zu Ende, doch l\u00e4sst die Nachricht hoffen, dass auch die drei noch identifiziert werden.<br \/>\n<\/em><em>Ich hatte die Chance, die Werkstatt des Kulturmodelles Passau zu mieten und zu lithografieren. Ich arbeitete f\u00fcnf Tage in der Werkstatt fast bis zur Ersch\u00f6pfung und produzierte insgesamt 51 Lithografien auf gro\u00dfem B\u00fcttenpapier (50,5 x 65 cm). Es entstanden vier Bilder, drei davon bilden eine Mappe, es ist die Sequenz \u201eFerien in Khao Lak\u201c, \u201eVerh\u00e4ngnis\u201c und \u201eVerwandlung\u201c. Ich bin mit dem Ergebnis einigerma\u00dfen zufrieden, wenngleich meine Bildvorstellungen im Kopf mit den Bildern differieren, die am Schluss herauskommen.<br \/>\n<\/em><em>Vom 21. Februar bis zum 21. M\u00e4rz hatte ich fast t\u00e4glich und ausschlie\u00dflich an dem \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c gearbeitet. Ich f\u00fchlte mich danach \u201ebefreit\u201c, \u201centlastet\u201c und hatte ein \u201egutes Gef\u00fchl\u201c. Ich hatte mich von den Schreckensbildern befreien m\u00fcssen. Schock und Trauer sitzen noch immer tief im Gem\u00fct. Ich musste etwas zur Erinnerung an die Vier machen, ich musste ihnen ein kleines Denkmal setzen.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>10. M\u00e4rz 2005<br \/>\nIn den f\u00fcnf Werkstatt-Tagen kamen Besucher herein und betrachteten neugierig, was ich aufs Papier bringe. Die Besucher waren stark beeindruckt, hielten die \u00e4sthetisch-bildnerische Umsetzung der Katastrophe f\u00fcr besonders schwierig, stellten handwerklich-technische Fragen, scheuten sich aber \u2013 verst\u00e4ndlicherweise \u2013 Kritik zu \u00fcben.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>10. Mai 2005<br \/>\nAus meinem Brief an Oswald Miedl vom 10.05.2005. Ich danke Dir sehr herzlich f\u00fcr Deine freundliche Initiative, das Foyer der UB Passau f\u00fcr den Monat Oktober reservieren zu lassen, um dort eine Ausstellung meiner letzten Arbeiten zu erm\u00f6glichen. Mein \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c befasst sich mit einem schwierigen Thema, die Bl\u00e4tter sind ein Wagnis, das es Betrachtern schwer macht mitzugehen. Deine Bereitschaft, etwas zur Er\u00f6ffnung zu sagen, begr\u00fc\u00dfe ich in doppelter Hinsicht: Du kannst aus Deinem reichen Wissen \u00fcber die \u00e4sthetisch-k\u00fcnstlerische Problematik solcher Themata wirklich etwas Substantielles sagen und mich zudem in diesem besonderen Fall auf der emotionalen Ebene entlasten. Entsetzen und Trauer wirken nach und dr\u00fccken noch m\u00e4chtig auf mein Gem\u00fct. Es fiele mir wahrscheinlich schwer, \u00fcber den traurigen Anlass und \u00fcber meine Trauerarbeit etwas zu sagen. Inzwischen habe ich mich nochmals ans Werk gemacht und von verwitterten, \u00fcber hundert Jahre alten Tessiner Stallbrettern Handabz\u00fcge (Materialbilder) gemacht, die ich teilweise mit Pinselzeichnungen \u00fcberarbeitet habe (Akryl).<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>30. Mai 2005<br \/>\nErst am 21. M\u00e4rz erhielten wir die offizielle Nachricht, dass mein Neffe gefunden und identifiziert wurde. Am 27. April erfuhren wir Gleiches von Nicola. Beide wurden inzwischen in Khao Lak\/Thailand einge\u00e4schert. Die zwei kleinen T\u00f6chter bleiben vielleicht f\u00fcr immer verschollen. Die Urne der Mutter soll dort bleiben, bis auch die Kinder gefunden und identifiziert sind, um dann zusammen mit dem Vater in N\u00fcrnberg auf dem alten St. Johannisfriedhof im Familiengrab Mintzel, das nahe bei den Gr\u00e4bern von Albrecht D\u00fcrer und Hans Sachs liegt, beigesetzt zu .<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Darstellung des Grauens in der Kunst<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Mit welchen Bildkonzepten, Stilmitteln und Techniken lassen sich in der Kunst Zerst\u00f6rung, Sterben, Schrecken, Entsetzen und Grauen ins Bild setzen? Wie k\u00f6nnen Menschenschicksale unter der Wirkung von Naturgewalten oder verbrecherischer Menschengewalt dargestellt werden? Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen wir Naturereignisse und von Menschen hervorgerufene Katastrophen unterscheiden. Ich denke dabei an Glaubenskriege, Genozide, Massaker, Deportationen, Hungersn\u00f6te, Massensterben durch atomare Strahlenverseuchung, Stichwort Tschernobyl. Als ich nach dem 26. Dezember 2004 hierzu nach Antworten suchte, fielen mir die Kriegszyklen (Radierungen\/ Lithografien) von Francisco de Goya (\u201eDesastres de la Guerra\u201c), von Max Beckmnn (\u201eDie H\u00f6lle\u201c), von Otto Dix (\u201eKrieg\u201c) und Picassos \u201eGuernica\u201c ein. Ich erinnerte mich an Bilder von Otto Pankok und K\u00e4the Kollwitz und an vision\u00e4re Lithografien A. Paul Webers, die vor der nationalsozialistischen Machtergreifung entstanden waren. Die Genannten w\u00e4hlten haupts\u00e4chlich grafische Techniken, das Schwarz-Wei\u00df und d\u00fcstere Graut\u00f6ne. Sie schufen eindrucksvolle, beklemmende, scheu\u00dfliche Bilder, die nicht f\u00fcrs Wohnzimmer bestimmt sind, nicht der Erbauung und dem Frohsinn dienen, sondern Brutalit\u00e4ten und Leiden unserer Spezies thematisieren. Der \u201eUntergang der Titanik\u201c (Max Beckmann) wurde als umfassende Parabel, als Gleichnis des 20. Jahrhunderts aufgefasst. Ich fand die Darstellungen elementarer Gewalt bei Hokusai ikonografisch-\u00e4sthetisch k\u00fchn, gro\u00dfartig und faszinierend, jedoch hatte ich mich gefragt, ob wir heute Naturgewalt noch so ungebrochen als grandioses Naturschauspiel darstellen k\u00f6nnen und sollen. Auf einer anderen Ebene des Seins ist die Natur gegen\u00fcber dem Schicksal der Menschen und der Menschheit v\u00f6llig indifferent. Seebeben und Tsunamis ereignen sich jenseits menschlichen Seins und Erlebens. Insofern k\u00f6nnte es tats\u00e4chlich gleichg\u00fcltig sein, ob die in die drei Boote geduckten Ruderer \u00fcberleben werden. Doch gibt es in einem anderen Bild Hokusais den Meeresgott, der in einer \u201eGro\u00dfen Welle\u201c furchterregend auftaucht und zu einem Samurai in Beziehung tritt (\u201eDer Meeresgott erscheint dem Ritter in der Woge\u201c). Hokusai beseelt die Natur und bringt sie und den Menschen ins Zwiegespr\u00e4ch. Das Schicksal der Ruderer oder des Samurais ist ihm (und der Natur) nicht gleichg\u00fcltig. Er l\u00e4sst aber offen, ein \u00e4sthetisches Mittel japanischer Kunst, was passieren wird. Meine Frau, die Sinologie und Japanologie studiert hat, macht mich wiederholt auf diese Aspekte aufmerksam.<br \/>\nL\u00e4sst die Moderne mit ihren neuen Weltbildern die Sichtweise Hokusais noch zu? In seinem Bild erschrickt der Samurai beim Anblick des Meeresgottes. Er wirft die Arme hoch, verschr\u00e4nkt bittend seine H\u00e4nde und verdeckt \u2013 in Demut \u2013 sein Angesicht. Die Gewalt des Meeresgottes ist furchtbarer als die Tapferkeit des Samurais. Was lehren uns Naturereignisse wie Seebeben und Tsunamis heute? Nicht wir beherrschen, wie oft anma\u00dfend gesagt wird, die Natur, sondern die Natur beherrscht immer noch uns. Der (Meeres-) Gott ist aus unseren Naturbildern verschwunden und mit ihm die Demut.<br \/>\nMeine Reise nach Venedig, die ich im April 2005 mit Inge Lu unternahm, war gerade unter solchen Fragestellungen informativ und lehrreich. Die venezianischen Museen und Pal\u00e4ste boten zahlreiche Beispiele f\u00fcr \u201eKatastrophen-Malerei\u201c, angefangen bei der biblischen Sintflut. Auf den Schlachtengem\u00e4lden sieht man die grausamsten Massaker, \u00fcberall ein Metzeln und Morden. Auf anderen Gem\u00e4lden gehen Schiffe mit Mann und Maus in St\u00fcrmen unter. Der ganze Geb\u00e4udekomplex des Dogenpalastes und der ihn umgebenden Bauwerke ist eine \u00fcberw\u00e4ltigende, grandiose Demonstration der Macht und des Reichtums, der Einsch\u00fcchterung durch Prunk und Protz. Jede S\u00e4ule, jedes Tor, jeder Raum ist eine \u00c4sthetisierung von Macht, Herrschaft und Gewalt. Hier begegnen wir auch der anderen, dunklen, gewaltsamen und grausamen Seite der Macht, den Unterbau der Kerker und Verlie\u00dfe, die durch dicke Mauern und mehrfach verschlossene T\u00fcren vom \u00dcberbau getrennt sind, damit kein Schrei die sch\u00f6ne Seite st\u00f6rt. Die Bilder Tintorettos, Veroneses, Basanos und anderer \u201eMalerf\u00fcrsten\u201c waren ikonografische Ausstattungen des Machtzentrums. Die Maler standen im Dienste der weltlichen und geistlichen Macht und des Reichtums. Man wird von der Wucht der gro\u00dfformatigen Bilder f\u00f6rmlich erschlagen. Viel Kriegsl\u00e4rm und grauenhafte Szenen. Die Bilder verherrlichen die venezianischen Siege, sie sind Hymnen auf die Seemacht und ihre Kriege. Dann pl\u00f6tzlich, einen Saal weiter, eine ganz andere Welt \u2013 in der Sala del Magistrato dei Conservatori alle Leggi des Dogenpalastes vier Tafelbilder von Hieronymus Bosch aus den Jahren 1504\/05. Welch ein Kontrast zu den Monumentalbildern der venezianischen Malerei! Die Infernoszene und das Triptychon der Eremiten zeigen Katastrophen und Weltuntergangsszenarien ganz anderen geistigen Inhalts. Den Darstellungen von Bosch fehlt jegliches auftrumpfende Imponiergehabe und jede Selbstverherrlichung, die auffallendsten Charakteristika vieler venezianischer Riesengem\u00e4lde.<br \/>\nBeim Gang durch die Pal\u00e4ste und S\u00e4le hatte ich st\u00e4ndig meine Leitfragen im Kopf. Trotz der \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindr\u00fccke blieb in meinen Gedanken das Schicksal meiner vier Familienmitglieder immer gegenw\u00e4rtig. Ich suchte die Bilder nach Motiven des Grauens und Entsetzens ab. Auf Tintorettos Gem\u00e4lde \u201eKain und Abel\u201c (entstanden 1550\/53) fesselte mich die Drehbewegung der beiden nackten K\u00f6rper, die im Handgemenge um eine gedachte Achse kreisen, wobei die K\u00f6rper selbst noch eine dramatische Drehbewegung vollziehen. Die Aktfiguren in Vorder- und R\u00fcckenansicht sind harmonisch in die sie umgebende Landschaft eingef\u00fcgt. Auf Tintorettos Gem\u00e4lde Gem\u00e4lde \u201eSan Marco salva un Saracene\u201c (\u201eDer Heilige Markus errettet einen Sarazenen aus Seenot\u201c, entstanden 1562) faszinierte mich, wie der K\u00f6rper des Sarazenen aus einem sinkenden Schiff hochgezogen wird. Der K\u00f6rper vollzieht dabei eine Drehbewegung nach rechts. Tintoretto stellt im Hintergrund des dramatischen Rettungsvorganges eine gro\u00dfe Welle dar, die ich f\u00fcr meine Arbeiten skizzierte.<br \/>\nIch blieb ganz im grafischen Schwarz-Wei\u00df mit d\u00fcsteren Graut\u00f6nen. Meine Schreckensbilder, mein Grauen und Entsetzen konnte ich so am besten ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Notizen &amp; Skizzen aus meinem Tagebuch des Grauens Teil II<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>15. Juni 2005<br \/>\nChristian wurde am 21. M\u00e4rz, Nicola am 27. April und Lina Ende Mai identifiziert. Jule wurde, wenn sie \u00fcberhaupt gefunden worden ist, noch nicht identifiziert. Mit der Beisetzung der Urnen warten wir\u00a0 noch bis in den Juli hinein, in der Hoffnung, dass auch noch die \u00dcberreste der kleinen Jule zur\u00fcckkommen werden. Christian war ein geborener und \u00fcberaus erfolgreicher Unternehmer und Kaufmann in der Informationstechnik-Branche. Mit 38 Jahren hinterlie\u00df er ein betr\u00e4chtliches Verm\u00f6gen. Er wusste, wie man ein Unternehmen hochbringt.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>22. Juni 2005<br \/>\nAn Hannelore und Kurt Mintzel, Rimpar.- Es ist sicher ein Wagnis, solche Bilder \u00f6ffentlich zu zeigen. Ich muss gestehen, dass es mir bei dem Gedanken an die Ausstellung etwas mulmig zumute ist. &#8211; Eben ging durch den Deutschland-Funk, dass nur noch 43 Deutsche vermisst werden (oder noch nicht identifiziert sind?)<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>25. Juni 2005<br \/>\n\u201eDas Bundeskriminalamt gibt die Zahl der deutschen Opfer mit 557 an. 516 Personen seien identifiziert worden, 41 w\u00fcrden noch vermisst. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass auch die Vermissten im Laufe des Jahres noch identifiziert werden k\u00f6nnen.\u201c (Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 145 vom 25. 06. 2005, S. 9)<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>26. Juni 2005<br \/>\nBei der abermaligen Sichtung und Einordnung der Bilder in den \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c sehe ich noch sch\u00e4rfer als bisher das eigentliche Problem der Verarbeitung massenmedialer Bildreportagen. Solche Bildvorgaben wirken sich auf die ikonografisch-\u00e4sthetische Auswertung und Umsetzung des Materials aus, sie weisen dem Versuch der Umsetzung in eine eigene Bildsprache die Richtung und wollen sich herrisch behaupten. Bei einer nachtr\u00e4glichen Analyse der benutzten Vorgaben zeigt sich, dass diese ihrerseits schon hoch selektive Prozesse durchlaufen haben. Die H\u00e4ufigkeit der Auswahl bestimmter Fotos in den Printmedien und die Wiederverwendung gleicher Bildausschnitte in sp\u00e4teren Berichten haben selektierte Horrorbilder zu Ikonen der Katastrophe werden lassen. \u00c4hnliche Vorg\u00e4nge der Entstehung von Katastrophen-Ikonen waren nach dem 11. September 2001 zu beobachten. Die Passagierflugzeuge rasen noch immer in die Twin Towers des World Trade Centers, die Flammen schlagen noch immer aus den getroffenen Etagen der Wolkenkratzer. Diese Ikonografie der Katastrophe hat sich eingepr\u00e4gt, diese Bilder sind zu kollektiven Ikonen des beginnenden 21. Jahrhunderts geworden. Von den fast 3000 Menschen, die in den Twin Towers umgekommen und von den in sich zusammenst\u00fcrzenden Hochh\u00e4usern zermalmt worden sind, gibt es keine Ikonen.<br \/>\n<\/em><em>Im Nachhinein nehme ich wahr, dass meine individuelle Auswahl von Bildmaterial von Anfang an \u201eunwissentlich\u201c mit kollektiven Selektionsprozessen korrespondiert hat. Ich habe anscheinend das Bildmaterial ausgew\u00e4hlt, das tats\u00e4chlich mit am st\u00e4rksten ersch\u00fcttert hat. Ist die Umsetzung in eine eigene Bildsprache hierdurch gescheitert? Die Antwort darauf ist wohl \u00fcber die Frage zu finden, inwieweit ich mich durch die spezielle individuelle Be- und Verarbeitung von fotografischen Vorgaben entfernt und sie in eigene Bildideen \u00fcbersetzt habe. Durch die Einf\u00fcgung in eine Handzeichnung oder durch die Komposition und grafische Bearbeitung in einer Folge wie beim \u201eTotenreigen\u201c wird die ausgeschnittene und mit Bleistift, Kohle und Grafit bearbeitete Bildvorgabe in eine eigene Bildidee \u00fcberf\u00fchrt. Die Technik der Collage wird hierdurch zu einem legitimen bildnerischen Mittel.<br \/>\n<\/em><em>Auch in meiner Lithografie \u201eVerh\u00e4ngnis\u201c, die ich noch in den Zyklus aufgenommen habe, scheint ein kultureller Topos auf, eine kulturelle \u201eVorgabe\u201c: der \u201eGekreuzigte\u201c unter Wasser im Todeskampf mit der Welle, neben und unter ihm im Wasser treibende Menschen, eine ertrinkende Frau, ein Kind und andere Personen. Foto-Vorgabe und die Vorgabe eines kulturellen Topos dienen einer aktuellen Bildidee, Schrecken und Grauen der Flutkatastrophe ins Bild zu setzen. In dieser Auseinandersetzung mit dem bildnerischen Prozess erkenne ich in mir immer wieder auch den Wissenschaftler, den Analytiker, der seinen eigenen Arbeitsprozess beobachtet.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>27. Juni 2005<br \/>\nInge Lu in ihrem Brief von heute an Hannelore und Kurt Mintzel: Das Thema l\u00e4sst uns nicht los, und wir k\u00f6nnen das Thema nicht loslassen. Wir hoffen auf den Zeitfaktor, aber einordnen l\u00e4sst sich das einfach nicht. Jede neue Nachricht schwappt \u00fcber unser angekratztes System, wir sch\u00fctteln uns, nichts l\u00e4sst sich absch\u00fctteln. So laufen wir wie begossene Pudel herum, kl\u00e4ffend, weil gereizt, und irgendwie nicht im Lot. Festhalten kann man sich eigentlich nur an dem Satz, dass die Familie n\u00e4her zusammenr\u00fcckt, das ist nun wirklich so, und nicht wegzureden. Beim Baden im Passauer \u201eErlebnisbad\u201c mit Mia und Carlotta am Sonntag vor acht Tagen rief der Bademeister: \u201eMeine Damen und Herren, in f\u00fcnf Minuten kommt die gro\u00dfe Welle\u201c. Im gro\u00dfen Schwimmbecken passiert das etwa alle Stunde.<br \/>\n<\/em><em>Alle Leute rasten ins Wasser, und Mia fragte: \u201eSterben die jetzt?\u201c Anne [unsere Tochter] hatte auch ein sehr mulmiges Gef\u00fchl, schmiss sich aber dann mit beiden Kindern ins Tiefe, wei\u00df der Teufel, was in ihr vorging. Sie kam sehr nachdenklich heraus. Immer wieder wagt sich die Vorstellung ein St\u00fcck weiter, aber es bringt einfach keinen inneren Frieden. Am besten geht es noch, wenn man sich viel vornimmt. Das ist ja bei Euch gegeben, und die Gro\u00dffamilie fordert einen st\u00e4ndig. Also \u201erei\u00df mer uns zamm!\u201c wie der Franke sagt. Die Elefantenherde ist stark \u2026<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Juli 2005<br \/>\nIch hatte geglaubt, den \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c abgeschlossen und aus der Vielzahl der Collagen die ausgew\u00e4hlt zu haben, mit denen es am eindringlichsten gelungen zu sein schien, massenmedial aus den Katastrophengebieten \u00fcbermittelte Fotografien in eine eigene Bildsprache zu \u00fcbersetzen. Mit jeder neuerlichen Betrachtung meiner Bilder kommen mir indes Zweifel, ob ich mit der Collagetechnik die ungeheure Katastrophe wirklich so \u201eins Bild gesetzt\u201c habe, dass ein Betrachter sich nicht mit blo\u00dfer Medienrealit\u00e4t konfrontiert sieht. In jeder meiner Collagen bleibt der Verweis auf eine fotografische Vorgabe aus der Presse bestehen. Ich vertusche und verleugne nicht die massenmediale Vorgabe, ich nutze die schrecklichen Informationen einer Fotografie und die Gef\u00fchle, die sie ausl\u00f6st. Es schaudert uns, wenn wir Horrorbilder aus den Katastrophengebieten betrachten. Die Frage bleibt, ob ich mit der Collagetechnik die \u00fcbermittelten Vorgaben nur verst\u00e4rke oder in eine eigene Bildqualit\u00e4t transformiere. Es gibt ausdrucksstarke und ersch\u00fctternde Fotografien, die grauanhafte Vorg\u00e4nge und Ereignisse festhalten. Zwei M\u00e4nner stehen an einer scheinbar nicht gef\u00e4hrdeten Stelle unweit des Strandes und sehen die Welle heranrollen. Sie befinden sich auf einer Veranda eines Bungalows oder Hotels. Ihre Silhouetten lassen die beiden zu anonymen Schatten werden. Der bullige Mann st\u00fctzt seine H\u00e4nde gelassen auf die H\u00fcfte, schaut hinaus auf die heranschwappende Riesenwelle und scheint nicht zu begreifen, was auf ihn zukommt. Der andere Mann steht neben ihm, sei Profil l\u00e4sst vermuten, dass sich beide \u00fcber das Naturschauspiel unterhalten. Die Fotografie zeigt eine Situation unbekannter Gefahr. Ich habe dieses Bildmotiv in meinem &#8222;Khao Lak-Zyklus\u201c mehrmals verarbeitet, den bulligen Mann vervielfacht und die Ausschnitte in eine Sequenz gesetzt. Die schwarzen Silhouetten wirken wie eine starke Barriere vor der Gro\u00dfen Welle, als k\u00f6nnte der Tsunami sie nicht wegrei\u00dfen. Die sequentielle Darstellung soll zugleich die Massenhaftigkeit dieses Schicksals ausdr\u00fccken.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>5. Juli 2005<br \/>\n\u201eKhao Lak, immer wieder Khao Lak, das mehr als die H\u00e4lfte der 5.300 Opfer in Thailand zu beklagen hatte. Praktisch alle Anlagen haben den Betrieb l\u00e4ngst wieder aufgenommen. Die gro\u00dfe Ausnahme sind die Phi-Phi-Inseln und Khao Lak, wo der Wiederaufbau ein bis zwei Jahre dauern d\u00fcrfte. Doch s\u00e4mtliche Str\u00e4nde im S\u00fcdwesten Thailands sind menschenleer. Die scheinbare Willk\u00fcr der Verheerungen \u00fcberfordert den menschlichen Verstand im allgemeinen und die geographischen Kenntnisse im Besonderen.\u201c (S\u00fcddeutsche Zeitung Nr. 152 vom 05.07.2005, S. 38)<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>9. Juli 2005<br \/>\nDer Mensch hat seit Urzeiten sintflutartige Naturkatastrophen erlebt. In Jahrtausenden sind unz\u00e4hlige Menschen Opfer dieser \u201eWasser-Monster\u201c geworden, die sich pl\u00f6tzlich aus dem Meer erheben und alles verschlingen, was ihnen im Weg steht. Zu allen Zeiten haben gewaltige Wassermassen L\u00e4nder und Menschen \u00fcbersp\u00fclt. In der Menschheitsgeschichte sind die Urkatastrophen als Mythen im kollektiven Ged\u00e4chtnis geblieben. Geophysikalische Verschiebungen und klimatische Ver\u00e4nderungen werden noch viele Sintfluten hervorrufen. Die Monster kehren wieder! Naturgewalten nehmen nicht am Schicksal des Menschen teil. Die sie in den Tod rei\u00dfen, haben einfach Pech gehabt. Wasser spendet Leben, Wasser vernichtet Leben. Christian, Nicola, Lina und Jule waren wie viele Opfer zur falschen Zeit am falschen Ort.<br \/>\n<\/em><em>In den Hochreligionen sind Sintfluten und Monsterwellen, gleich wodurch ausgel\u00f6st, Drohungen und Strafen Gottes f\u00fcr s\u00fcndhaftes Denken und Tun oder Pr\u00fcfungen der Glaubensfestigkeit (Hiob). Der Imam predigt, der Tsunami sei ein Zeichen Gottes. Allah habe die Menschen bestraft, weil sie nicht nach dem Koran gelebt h\u00e4tten. In aufgekl\u00e4rten modernen Gesellschaften funktioniert diese Drohtheologie nur noch in fundamentalistischen Glaubenskreisen. Die Frage, wo war Gott, wird ansonsten h\u00e4misch gestellt: \u201eWo war Euer Gott?\u201c, der angeblich Allm\u00e4chtige, Allwissende, Allgegenw\u00e4rtige und Allg\u00fctige, der so v\u00e4terlich um den Menschen besorgt sein soll? Buddhisten f\u00fcgen sich klaglos in ihr Los. Nichts ist ihrem Glauben zufolge Zufall, sondern alles die Folge eigener Taten in diesem oder in einem fr\u00fcheren Leben. Sentimentale Anteilnahme ist fehl am Platz. Ob Strafgericht oder Karma, es sind unterschiedliche Weisen, diesem sinnlosen Sterben einen Sinn zu unterlegen und das ungeheuerliche fassbar und ertragbar zu machen. Mein Zyklus\u00a0 kann und will keinen Trost spenden. Er ist lediglich ein St\u00fcck menschlicher Erinnerungskultur und eine Form der Anteilnahme an dem Ungl\u00fcck und an der Trauer. Inge Lu hat sie in Haikus ausgedr\u00fcckt. Zwei davon:<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Das Maul der Welle<br \/>\n<\/em><em>Speit noch Unverdautes aus:<br \/>\n<\/em><em>Eltern und Kinder.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Wer kann begreifen,<br \/>\n<\/em><em>dass von unsren Lieben nur<br \/>\n<\/em><em>eine Muschel blieb?<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>25. Juli 2005<br \/>\nDer Tsunami vom 26. Dezember riss laut Passauer Neue Presse vom heutigen Tag in elf asiatischen L\u00e4ndern mindestens 178 953 Menschen in den Tod. Bis heute werden noch 49 616 Menschen vermisst. Die ungeheuerlich hohe Zahl der noch Vermissten tr\u00f6stet nicht dar\u00fcber hinweg, dass auch Jule zu den Vermissten geh\u00f6rt. Ein endloser Totenreigen!<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>26. Juli 2005<br \/>\nSieben Monate nach der Tsunami-Katastrophe wissen wir immer noch nicht, ob Jule gefunden und identifiziert worden ist. Mit diesem traurigen Nachruf schlie\u00dfe ich heute den Katalog zum \u201eKhao Lak-Zyklus\u201c endg\u00fcltig ab.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>\u201eWo war Gott?\u201c<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Unter der Bild-Reportage stand in gro\u00dfen Lettern die Titelfrage: \u201eWo war Gott?\u201c BILD riss die Frage provokativ an, spielte damit auf die Gott zugeschriebenen Eigenschaften an, auf seine Allgegenw\u00e4rtigkeit, seine Allm\u00e4chtigkeit und Allg\u00fctige. Aber es blieb, wie nicht anders zu erwarten, bei dem Aufmacher, bei der Anspielung. Warum hat Gottvater, der angeblich seine Menschenkinder allg\u00fctig liebt und besch\u00fctzt, nicht vor der hereinbrechenden Gefahr, vor der \u201eKillerwelle\u201c, gewarnt? Warum hat er, der Allwissende und Allm\u00e4chtige, Abertausende im Stich gelassen? Wo war er, der der Allgegenw\u00e4rtige genannt wird, als die \u201eMonsterwelle\u201c Hunderttausende verschlungen hat: S\u00e4uglinge, Kleinkinder, junge Leute, Eltern, Gro\u00dfeltern, Freunde, verliebte Paare? \u201eWo war der barmherzige und gerechte Gott?\u201c Warum hat er vor Ort nicht geholfen, die \u201eTodeswelle\u201c aufzuhalten? Solche Fragen wurden zwar gestellt, aber im selben Atemzug wurde Gott freigesprochen von jeder Verantwortung. Gott tr\u00e4fe keine Schuld, der \u201eAllm\u00e4chtige \u201ehabe die Kr\u00f6nung seiner Sch\u00f6pfung, den Menschen, in die Selbstverantwortung und Freiheit entlassen. Gegen Naturkatastrophen m\u00fcsse der Mensch den ihm verliehenen Verstand einsetzen, zum Beispiel ein technisches Fr\u00fchwarnsystem einrichten. Die Verteidiger des \u201elieben Gottes\u201c meinen, man m\u00fcsse zwischen Naturgewalten und verbrecherischen Menschengewalt unterscheiden. Gott wird exkulpiert. Gott habe die von ihm erschaffene Welt ihrer Entwicklung, Evolution, freigegeben. Gott habe sich von seinem missratenen \u201eEbenbild\u201c abgewandt und in den Himmel zur\u00fcckgezogen. Alles mehr als unbefriedigende Antworten der Theologie und theologisierender Laien. Gerettete Gottesgl\u00e4ubige m\u00f6gen sich auf Psalm 18 berufen und glauben, Er habe seine Hand ausgestreckt und sie aus den gro\u00dfen Wassern gezogen: \u201e(5) Es umfingen mich die Todes Bande, \/ und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. (8) Die Erde bebte und wankte, \/ und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war. (16) Da sah man die Tiefen der Wasser und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt \/ vor deinem Schelten, HERR, \/ vor dem Odem und \/ Schnauben deines Zornes. (17) Er streckte seine Hand aus von der H\u00f6he und fasste mich \/ und zog mich aus gro\u00dfen Wassern. (20) Er f\u00fchrte mich hinaus ins Weite, \/ er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. (31) Gottes Wege sind vollkommen, \/ die Worte des HERRN sind durchl\u00e4utert. \/ Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen.\u201c<br \/>\nWir haben fast ein ganzes Jahr gewartet und gehofft. Jule Mintzel wurde nicht mehr gefunden. Die Beisetzung der drei Urnen der gefundenen Eltern und ihrer Tochter Lina fand ein volles Jahr nach der Katastrophe statt. Am 15. Dezember 2005 nahmen wir noch einmal am Familiengrab Mintzel auf dem St. Johannisfriedhof in N\u00fcrnberg Abschied. F\u00fcr die auf ewig verschollene Jule wurde eine rote Rose auf das Grab gelegt. Seit dem Jahre 2004 konnten wir kein Weihnachtsfest mehr feiern, ohne am 26. Dezember der Vier zu gedenken. Mein Bruder Kurt litt schwer am Verlust seiner Kinder und Kindeskinder. Er erholte sich nicht mehr von diesem Ungl\u00fcck. Seelisch und physisch gebrochen starb er am 8. Juli 2016 im Alter von 75 Jahren.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><strong>Bilder aus dem Khao Lak-Zyklus<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-792 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006-700x490.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"490\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006-700x490.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006-768x537.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006-800x560.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_006.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Flucht vor der Todeswelle, 6. M\u00e4rz 2005, Zeichnung, Bleistift Kohle, Graphit, Collage mit Bleistift \u00fcberzeichnet, 38,5 cm x 56,5 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-793 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007-700x488.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007-700x488.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007-768x536.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007-800x558.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_007.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Danach: Treibgut Mensch, 6. M\u00e4rz 2005, Zeichnung und Collage, Bleistift Kohle, Graphit, 35,9 cm x 60,9 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-794 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008-700x508.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"508\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008-700x508.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008-300x218.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008-768x557.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008-800x580.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_008.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Todesreigen, 3. M\u00e4rz 2005, Collage mit Bleistift, Kohle, Graphit \u00fcberzeichnet, 38,5 cm x 56,5 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0 In memoriam Johann Christian Mintzel 20.09.1966 \u2013 26.12.2004 Nicola Barbara Mintzel, geb. Friedrich 27.01.1969 \u2013 26.12.2004 Lina Marie Johanna Mintzel 30.01.1999 \u2013 26.12.2004 Jule Lou Johanna Mintzel 14.12.2001 \u2013 26.12.2004 &nbsp; Tsunami, 26.12.2004 Der Schock traf uns tief ins Gem\u00fct. Gef\u00fchle \u00fcberw\u00e4ltigten uns und lie\u00dfen uns erstarren. 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