{"id":274,"date":"2017-02-02T15:34:52","date_gmt":"2017-02-02T14:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=274"},"modified":"2019-05-30T18:02:06","modified_gmt":"2019-05-30T16:02:06","slug":"37-kao-lak-ein-requiem-in-bildern-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/02\/02\/37-kao-lak-ein-requiem-in-bildern-2005\/","title":{"rendered":"37. Khao Lak. Ein Requiem in Bildern, 2005"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Im Dienste des Erinnerns und der Lebenshilfe<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Trotz der im Bildteil angestrebten Ikonografie der kollektiven Katastrophe sollte der Zyklus das pers\u00f6nliche Schicksal der vier Familienmitglieder festhalten. Ich wollte ein Dokument schaffen, das f\u00fcr immer an sie erinnert und zu einem Bestandteil familiengeschichtlicher \u00dcberlieferung wird. Ich wollte \u00bbdem Tod, der aus dem Meer kam\u00ab ein lebendiges Gedenken an die Vier abtrotzen. Im Herbst 2005 ver\u00f6ffentlichte ich meine Bilder zusammen mit einem dokumentarischen Text in meinem Katalog \u201eKhao Lak. Ein Requiem in Bildern. Collagen, Handzeichnungen, Lithografien\u201c (ISBN 3-88267-074-6). Die Gesamtherstellung hatte in den H\u00e4nden des Medienhauses Mintzel-M\u00fcnch in Hof\/Saale gelegen, der Hoermann-Verlag hatte den Druck finanziert. Noch im selben Jahr fanden zwei Ausstellungen statt, eine in der Universit\u00e4t Passau, eine in der Galerie an der Wolfach in Ortenburg\/Niederbayern.<br \/>\nDie Laudatio zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung am 5. Oktober 2005 im Foyer der Zentralbibliothek der Universit\u00e4t Passau hielt der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Kunsterziehung an der Universit\u00e4t Passau, Prof. Oswald Miedl. Seine Rede, die ich hier in Ausz\u00fcgen wiedergebe, ist zugleich ein Bericht \u00fcber die k\u00fcnstlerische Seite meines Lebens.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-796 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001-700x897.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"897\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001-700x897.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001-234x300.jpg 234w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001-768x985.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001-800x1026.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_001.jpg 1951w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/>Passauer Neue Presse, Nr. 231, 7. Oktober 2005, S. 24<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-797 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002-700x544.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002-700x544.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002-300x233.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002-768x596.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002-800x621.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_002.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Passauer Neue Presse, Nr. 228, 4. Oktober 2005, S. 31<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Laudatio zu \u00bbKhao Lak: Ein Requiem in Bildern\u00ab<br \/>\n<\/strong><em>Von Prof. Oswald Miedl, Linz<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>\u00bbDer schreckliche Anlass f\u00fcr die Bilder dieser Ausstellung ist uns noch in Erinnerung oder wird jetzt wieder vehement ins Bewusstsein gerufen: Aufgrund eines gewaltigen Erdsto\u00dfes auf dem Meeresgrund vor Sumatra am 26. Dezember 2004 wurde eine verheerende Flutwelle ausgel\u00f6st, die binnen weniger Sekunden und Minuten zwischen zweihundert- und dreihunderttausend Menschen in den Tod riss. Wenngleich Alf Mintzel den ganz unmittelbaren, pers\u00f6nlichen Grund seiner Betroffenheit nur \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckhaltend deklariert (\u2026), will ich ihn doch wenigstens kurz nennen (\u2026). Unter den Tausenden von Urlaubern, die sich zu diesem Zeitpunkt in S\u00fcdostasien aufhielten, befand sich auch eine vierk\u00f6pfige Familie aus der engeren Mintzel-Verwandtschaft. Alle vier, die Eltern und beide T\u00f6chter im Alter von drei und f\u00fcnf Jahren, wurden Opfer der Katastrophe. Nach ersten Meldungen und Lageberichten auch aus dem Ort Khao Lak in Thailand, wo sich die Familie aufgehalten hatte, folgten f\u00fcr die Verwandtschaft und Gro\u00dffamilie Tage und Wochen bangen Wartens, der schrecklichen Ungewissheit und der zerm\u00fcrbenden Sorge, die sich schlie\u00dflich zur Trostlosigkeit und tiefen Trauer ob der zunehmenden Gewissheit des Todes steigerte.<br \/>\n<\/em><em>Dies wurde \u2013 vor allem beim Ehepaar Inge Lu und Alf Mintzel \u2013 von vielf\u00e4ltigen beklemmenden und nicht abzusch\u00fcttelnden Vorstellungen von den m\u00f6glichen Umst\u00e4nden und \u00d6rtlichkeiten des Zu-Tode-Kommens begleitet. Selbstverst\u00e4ndlich waren es auch die Fragen der eventuellen Verhinderung oder wenigstens Verminderung von Folgen bei einer derart brachialgewaltigen, elementaren Naturkatastrophe, die viele damals wie heute bewegten, im Besonderen nat\u00fcrlich die nahen Betroffenen. Es sind zum einen die Gedanken \u00fcber leichtfertiges menschliches Agieren gegen die Natur \u2013 etwa des allzu dichten Bauens in unmittelbarer K\u00fcstenn\u00e4he, das vielleicht auch wider alle bessere Einsicht und langj\u00e4hriger Erfahrung erfolgte. Zum anderen aber das Vers\u00e4umnis der Einrichtung eines Seebeben-Fr\u00fchwarnsystems. Das eigentliche Skandalon ist es, dass dies technisch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, ja ist, den armen L\u00e4ndern in den gef\u00e4hrdeten Regionen aber das Geld mangelt, um ein solches Warnsystem zu installieren, w\u00e4hrend die reichen Staaten gigantische Summen in ehrgeizige technische Prestige-Projekte oder auch in den Krieg investieren. Das ist immerhin die nicht geringe menschliche Seite bei diesem Naturereignis.<br \/>\n<\/em><em>Alf Mintzel begann sich bald gedanklich damit zu befassen, wie er sich mit den ihn bewegenden und nicht loslassenden Schrecknissen bildhaft gestalterisch besch\u00e4ftigen k\u00f6nne. Es fiel ihm im Museum Moderner Kunst Passau eine Postkarte des japanischen K\u00fcnstlers Hokusai auf \u2013 nat\u00fcrlich inhaltlich sensibilisiert \u2013, auf der eine Darstellung von Booten im Wellental einer riesigen Woge war. Daraufhin begann eine intensive, sich \u00fcber Monate hin erstreckende Suche und Besch\u00e4ftigung mit der Ikonographie des Katastrophischen, eine Befragung der Kunst nach den Darstellungsformen des Schrecklichen: Bilder der Sintflut, dieser Katastrophe im mythisch-biblischer Vorzeit fielen ein, ohne dass jedoch deren theologisch-moralische Interpretationen als Strafgericht Gottes gedanklich anwendbar, akzeptabel und nachvollziehbar erschien. Aber auch Bilder des Schrecklichen, wie es die Menschen einander antun in Gewalthandlungen, Krieg und Massenvernichtung. Das \u203aHomo-homini-lupus\u2039-Thema bei Goya, Dix, Beckmann, Picasso (Guernica) geriet in das Gedanken- und Blickfeld. Auch Bilder der christlichen Ikonographie: der Gekreuzigte, der ins Grab gelegte Christus tauchten auf.<br \/>\nGleichzeitig und ganz unmittelbar vorhanden waren aber vor allem auch die massenmedialen Bilder von den grauenhaften Ereignissen, die bedr\u00e4ngten und verst\u00f6rten, aufw\u00fchlten und immer wieder blankes Entsetzen hervorriefen. Mintzel griff \u2013 wahrscheinlich intuitiv \u2013 zu den Bildquellen der Printmedien, um seinem schon bald nach der Katastrophe erwachten inneren Anliegen nach deren Umsetzung in Bildern nachzukommen und seinem inneren Dr\u00e4ngen zu folgen. Mintzel hat im Katalog, der zu dieser Ausstellung erschienen ist, die Entwicklung des Geschehens, die Gef\u00fchle und Empfindungen, die ihn und seine Frau bewegten aber auch die vor- und begleitenden \u00dcberlegungen des Arbeitsprozesse, die Gespr\u00e4che und den gepflegten Gedankenaustausch sehr genau berichtet, analysiert und reflektiert. Aber \u00fcber die Begr\u00fcndung der Wahl seiner vorrangig verwendeten Arbeitstechnik schreibt er seltsamerweise \u2013 oder charakteristischerweise? \u2013 nichts. Ich glaube, dass die wichtigsten gestalterischen Entscheidungen intuitiv erfolgten, bei aller sonst hoch vorhandenen Reflexivit\u00e4t des geschulten Wissenschaftlers<br \/>\n<\/em><em>Und \u2013 so meine ich \u2013 die massenmedialen Bilder, ihr Bedr\u00e4ngendes, ihre Gewalt, musste einfach bew\u00e4ltigt werden, ihre inhaltliche Gewalt in den Griff genommen werden. Da Vernichtung Ausl\u00f6schung, eventuelle \u00dcbermalung (Arnulf Rainer) keine akzeptable und konstruktive Bew\u00e4ltigung verhie\u00df, mussten sie bearbeitet, ver\u00e4ndert, verwandelt werden. Ich sehe diesen Prozess des Sich-Abarbeitens an den Bildern der Zerst\u00f6rung und des Grauens als einen notwendigen kathartischen Vorgang. Am 15. Januar 2005 hatte es einen Gedenkgottesdienst f\u00fcr die Familie gegeben. Alf Mintzel schreibt, dass dieser \u203arituelle Abschied (\u2026) einen Moment lang sogar so etwas wie eine innere Entlastung von dem Ungeheuerlichen brachte\u2039. Eine \u00e4hnliche Bedeutung und Funktion d\u00fcrfte meiner Einsch\u00e4tzung nach auch der gestalterischen T\u00e4tigkeit zugekommen sein, deren Ergebnis Mintzel als Bl\u00e4tter \u203aim Dienste des Erinnerns\u2039 bezeichnet.<br \/>\n<\/em><em>Das Ausgangsmaterial wurde in mehrfacherweise ver\u00e4ndert und verwandelt, wobei in zunehmendem Ma\u00dfe auch die vorhin genannten Assoziationen zur Kunst Raum gewannen. Dem Bildmaterial aus den Printmedien wurde die Farbe abstrahiert \u2013 \u203aabgezogen\u2039. Sie erschien unangemessen f\u00fcr das Thema. Alle Bilder sind also auf das Schwarz-Wei\u00df reduziert. Es wurden auch Vergr\u00f6\u00dferungen und Verkleinerungen vorgenommen, die f\u00fcr den Bildschnitt, die Komposition und Kombination ganz wesentlich sind. Aber stets ist bei den collagierten Bildteilen bewusst die Herkunft erkennbar belassen. Trotz der meist starken Verfremdungsprozesse war Mintzel somit ganz offensichtlich das \u00dcberzeugungspotenzial, \u00fcber das fotografische Bilder aufgrund ihres Authentizit\u00e4tspotenzial verf\u00fcgen, sehr wichtig. Fotografische Bilder erheben den Anspruch und behaupten, die Wahrheit unverf\u00e4lscht zu berichten. Und wir glauben ihnen das selbst heute im Zeitalter der digital unendlich ver\u00e4nderbaren und manipulierbaren Fotografie naiver Weise immer noch. Und das ist selbst hier, nach diesen vehementen Eingriffen noch wirksam und daher benutzbar f\u00fcr die Eindringlichkeit der Bildaussagen.<br \/>\n<\/em><em>Die Collagen wurden aber auch mit zus\u00e4tzlichen freien graphisch-zeichnerischen Elementen weitergef\u00fchrt, in sehr unterschiedlichem Ausma\u00dfe zwar, aber alle gezeigten Bilder weisen prinzipiell handgezeichnete freie Erg\u00e4nzungen auf, die zum Teil auch v\u00f6llig dominieren k\u00f6nnen und die Collage nur mehr als kleinen Teil des Bildganzen in Erscheinung treten lassen, wie etwa beim Blatt \u203aTodeswelle\u2039. (Es sind \u00fcbrigens verschiedene graphische Materialien, mit denen \u2013 teils auch kombinierte \u2013 die fotografischen Collage-Elemente \u00fcberzeichnet oder\/und weitergezeichnet wurden, wie Bleistift \u00d6lkreide Pastell, Kohle). Bei einem bzw. zwei Bildern hat sich Mintzel nicht mehr massenmedial \u00fcbermittelter Bildvorlagen, sondern eines anderen Ausgangsmaterials bedient. Es sind die Bilder mit den Titeln \u203aVerwandlung\u2039 und \u203aIns Dunkel der Tiefe sinkend\u2039. (\u2026) \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr das letzte Bild der Serie mit dem Titel \u203aVerwandlung\u2039. Es ist \u2013 so wie die beiden Nachbarbl\u00e4tter \u2013 eine Lithographie. Alf Mintzel vertraut der Ausdruckskraft der (abgedruckten) Handzeichnung vom Stein. Mir scheint, dass, je mehr die menschliche Hand also die Handzeichnung dominiert, die Aussagen desto vers\u00f6hnlicher sind. Wahrscheinlich weil da das Dargestellte durchs \u203aInnere\u2039 des Menschen gegangen ist, verinnerlicht wurde, was ja auch mit dem hier so zentralen Anliegen der Erinnerung zusammengeht.<br \/>\n<\/em><em>Ein wenig ist schon angeklungen, dass die Bl\u00e4tter zwar nicht der zeitlichen Entstehung nach, aber doch so angeordnet sind \u2013 auch im Katalog, dass sie eine Aart Bildergeschichte darstellen. Da scheint sich die Denkweise des Wissenschaftlers Albrecht Mintzel wieder durchzusetzen, der sowohl historisch als auch sprachlich \u2013 und daher auch bildsprachlich \u2013 in Folgerungen und sequenziellen Ordnungen denkt und formuliert. Ich habe angesichts des ungeheuren Ernstes des Themas der Ausstellung lange \u00fcberlegt und gez\u00f6gert, ob ich \u00fcberhaupt etwas zum Formalen, zur Bildgestaltung sagen solle. Es erschien mir nicht angemessen, mich auf Formalia angesichts der Gravitas des Inhalts einzulassen oder gar zur\u00fcckzuziehen. Da aber Alf Mintzel \u2013 wie den Gespr\u00e4chen mit ihm und den schriftlichen Aussagen im Katalog \u00fcber die Arbeiten zu entnehme \u2013 immer wieder selbst um die Frage gerungen hat, wie man denn \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 dieses Schreckliche und Grauenvolle darstellen k\u00f6nne, also die bildhafte Organisation betreffend, -m\u00f6chte ich doch zum Schluss noch eine Beobachtung kurz ansprechen.<br \/>\n<\/em><em>Schreckliches, Desastr\u00f6ses, Chaotisches nicht oder kaum zu Bew\u00e4ltigendes l\u00e4sst sich nach Regeln der Wahrnehmungs- und Gestaltungslehre eher durch Verzicht auf formale Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und Ordnung, also durch unertr\u00e4gliche Un\u00fcberschaubarkeit von Sinneseindr\u00fccken, durch deren riesige Komplexit\u00e4t, Heterogenit\u00e4t, Widerspr\u00fcchlichkeit und Unentwirrbarkeit ausdr\u00fccken und veranschaulichen. Aber kaum etwas von diesen Strukturen des Chaotisch-Komplexen ist in den Bl\u00e4ttern dieser Ausstellung. Vielmehr herrscht \u2013 vor allem bei den Collagen \u2013 das formale Prinzip der Wiederholung, der Sequenz. Besonders eindringlich ist dies in den Bl\u00e4ttern \u203aTotenreigen\u2039, oder \u203aPartitur des Todes\u2039, das auch den Titel \u203aTodesfuge\u2039 tr\u00e4gt. Die Wiederholung ist auch durch die relativ strenge Auswahl des letztlich verwendeten Bildmaterials gegeben, mit einigen \u203aKatastrophen-Ikonen\u2039 (Alf Mintzel), die als besonders pr\u00e4gnant und eindrucksvoll immer wieder auftauchen. Normalerweise f\u00fchrt das formale Prinzip der Wiederholung, der Wiederkehr durch die sich dadurch ergebenden Redundanz zu Sicherheit, Beruhigung. Hier jedoch, bei diesen Bl\u00e4ttern, entsteht, sowohl bei vielen Einzelbl\u00e4ttern wie beim ganzen Zyklus, der Charakter und Ausdruck des Unausweichlichen, Unentrinnbaren, des geradezu pochend und unaufh\u00f6rlich h\u00e4mmernden Schicksalshaften. Und sie enthalten trotz der Unfasslichkeit des Geschehens. dennoch den Ausdruck des Fasslichen durch Zeit und Erinnerung. Durch diese erzielte gestalterische Intensit\u00e4t erhalten sie letztlich die G\u00fcltigkeit, Dauerhaftigkeit und \u00dcberzeugungskraft der Bew\u00e4ltigung des schrecklichen Inhalts.\u00ab<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Zur medialen Rezeption des Khao\u2013Lak-Zyklus<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Zyklus fand hohe mediale Aufmerksamkeit, Bilder daraus wurden in mehreren Tageszeitungen (zum Beispiel in der Passauer Neue Presse und in der Main-Post) sowie in anderen Publikationsorganen abgedruckt. Pers\u00f6nlich von der Katastrophe Betroffene und Helfer w\u00fcrdigten meinen Katalog und die darin enthaltene Dokumentation unter kunsttherapeutischen Gesichtspunkten. Sie sahen darin ein gelungenes Beispiel, wie eine von Naturgewalten herbeigef\u00fchrte Familienkatstrophe und \u00fcberhaupt gro\u00dfes Leid bew\u00e4ltigt werden kann und baten darum, Bilder kunsttherapeutisch nutzen zu d\u00fcrfen. Ich bekam wohlgemeinte Briefe von \u00fcberall her, in denen mir seelischer und geistiger Beistand angeboten wurde. Ich hatte in Presseinterviews mit beabsichtigter Spitze bekannt, dass mir angesichts der unz\u00e4hligen unschuldigen Opfer der Glaube an Gott abhandengekommen sei (was schon Jahrzehnte fr\u00fcher der Fall war). Etliche Briefschreiber, darunter auch Theologen, versuchten mich zu tr\u00f6sten und zum Glauben zur\u00fcckzuf\u00fchren. Und unter dem Aspekt theologischer Lebenshilfe fanden mein Khao Lak-Zyklus und meine Tagebuch-Notizen Eingang in das Lehrbuch \u203aReligion vernetzt 10. Unterrichtswerk f\u00fcr katholische Religionslehre an Gymnasien\u2039 (K\u00f6sel Schulbuch, ISBN 978306065-4543), das in vierter Auflage vorliegt. Darin wird auf die Wiedergabe des Kataloges auf meiner Homepage hingewiesen und die Frage gestellt: \u00bbDer K\u00fcnstler Alf Mintzel hat in seinem Khao-Lak-Zyklus versucht, den Verlust mehrerer Angeh\u00f6rigen durch den Tsunami von 2004 zu verarbeiten. Warum hat er diese Form gew\u00e4hlt?\u00ab<br \/>\nAm zehnten Jahrestag der Tsunami-Katstrophe wiederholten sich die mediale Aufmerksamkeit und die hohe Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung an dem Gedenken an die Opfer. Abermals wurde von der Presse dar\u00fcber berichtet, wie die junge Familie Mintzel, Christian, Nicola, Lina und Jule, umkamen und wie ich mit meinem Khao Lak-Zyklus der Familie, anderen Hinterbliebenen und nicht zuletzt mir selbst half, diese Katastrophe zu verkraften. Im Lehrbuch f\u00fcr die katholische Religionslehre an Gymnasien werden unter dem Motto \u201eTrauer in Solidarit\u00e4t bew\u00e4ltigen\u201c den Sch\u00fclern Behauptungen nahe gelegt (S. 43), die der Bew\u00e4ltigung von Leid dienen sollen:<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">&#8211; \u00bbDas Leid bleibt auch f\u00fcr einen gl\u00e4ubigen Menschen unbegreiflich und ohne Sinn.\u00ab<br \/>\n&#8211; \u00bbGott ist aber ein Gegen\u00fcber, dem man auch Unverst\u00e4ndnis und Klagen entgegenbringen kann.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Theologisches Gestammel, das beliebig ausgelegt werden kann, und die Vorstellung eines personalen Gottes, der sich geduldig und verst\u00e4ndnisvoll menschliche Klagen und Zweifel anh\u00f6rt, wobei ungewiss bleibt, ob er sich der leidenden Kreatur erbarmt. F\u00fcr manche mag solches religi\u00f6se Geraune einen hilfreichen Placebo-Effekt haben. Auch die positive Illusion eines Placebo-Effekts, Religion, gibt Kraft, das Leben zu meistern und Krisen zu \u00fcberstehen. Ich brauche sie nicht.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Was bedr\u00fcckende und niederschmetternde Ereignisse und Lebenskrisen zu \u00fcberstehen und zu bew\u00e4ltigen hilft, sind Rituale, gleich welchen religi\u00f6sen Gehalts und\u00a0 welcher Ausformung.\u00a0 Sie geben Halt. Ich verkenne\u00a0 trotz meiner eigenen religi\u00f6sen Abstinenz nicht die m\u00f6glichen positiven Funktionen von Religion. Religionen sind ein evolution\u00e4res Ph\u00e4nomen zur St\u00e4rkung kollektiven \u00dcberlebens, worin auch ihr zerst\u00f6rerisches Gewaltpotenzial liegt, Andersgl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Aus dem Khao Lak \u2013 Zyklus<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-801 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006-700x493.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"493\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006-700x493.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006-768x541.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006-800x563.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_006.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Verwandlung, 14. 3. 2005, Lithographie, Collage, 37,5 cm x 57,5 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-800 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-700x515.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"515\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-700x515.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-300x221.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-768x565.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-800x589.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_005.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Verwandlung, 17. 3. 2005, Lithographie, schwarze Kreide, 31,5 cm x 41,4 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-795 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009-700x483.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009-700x483.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009-768x530.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009-800x552.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/36_009.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Zu sp\u00e4t erkannte Gefahr, 29. 2.\/3. 7. 2005, Collage \u00fcberzeichnet mit Bleistift, Kohle, Graphit, 39,5 cm x 59 cm<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-798 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003-700x496.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003-700x496.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003-768x544.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003-800x567.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/37_003.jpg 2024w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel beim Lithographieren, Druckwerkstatt Kulturmodell Passau, M\u00e4rz 2005<\/em><br \/>\n<em>Photo: Frank Weichelt, Passau<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dienste des Erinnerns und der Lebenshilfe Trotz der im Bildteil angestrebten Ikonografie der kollektiven Katastrophe sollte der Zyklus das pers\u00f6nliche Schicksal der vier Familienmitglieder festhalten. Ich wollte ein Dokument schaffen, das f\u00fcr immer an sie erinnert und zu einem Bestandteil familiengeschichtlicher \u00dcberlieferung wird. Ich wollte \u00bbdem Tod, der aus dem Meer kam\u00ab ein lebendiges&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[380,403,401,400,389,383,373,398,382,399,381,402,397,377,369],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=274"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":844,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274\/revisions\/844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}