{"id":287,"date":"2017-03-03T11:24:37","date_gmt":"2017-03-03T10:24:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=287"},"modified":"2023-07-24T15:45:49","modified_gmt":"2023-07-24T13:45:49","slug":"38-ein-mega-ereignis-375-jahre-mintzel-druck-2000","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/03\/03\/38-ein-mega-ereignis-375-jahre-mintzel-druck-2000\/","title":{"rendered":"38. Ein Mega-Ereignis &#8211; 375 Jahre Mintzel-Druck, 2000"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Ein regionales Ereignis &#8211; ein Weltereignis<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Am 13. Mai 2000 feierten die Firma \u201eMintzel-Druck\u201c ihr 375. und der \u201eHofer Anzeiger\u201c, das Traditionsblatt der Verleger Mintzel und Hoermann, sein 200j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Das Hofer Doppeljubil\u00e4um fiel mit einem anderen Ereignis zusammen: Im Jahre 2000 j\u00e4hrte sich zum 350. Mal das Erscheinen der ersten Tageszeitung der Welt. Nach 350 Jahren begegneten sich der Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei, Johann Albrecht Mintzel, und der Herausgeber der ersten Tageszeitung, Timotheus Ritzsch, im imagin\u00e4ren Raum historischer Feiern. Die Mintzelsche Buchdruckerei war 1625 in Leipzig gegr\u00fcndet worden, die erste Tageszeitung ebendort im Jahr 1650. Die Buchdrucker Mintzel und Ritzsch waren in Leipzig Konkurrenten gewesen. Ritzsch hatte sich 1641\/42 wie Mintzel auf die Hofer markgr\u00e4flich privilegierte Druckereistelle beworben. Mintzel hatte Erfolg mit seiner Bewerbung, Ritzsch Pech. Mintzel hatte 1642 seine Buchdruckerei nach Hof an der Saale \u00fcberf\u00fchrt, Ritzsch hatte sich in Leipzig mit Erfolg im Zeitungsgesch\u00e4ft versucht. Mintzels Gr\u00fcndung blieb ein lokales und regionales Ereignis, die des anderen, die erste Tageszeitung, wurde hingegen zu einem Weltereignis. Mintzel wurde im Jahr 1999 in Hof mit einem Stra\u00dfennamen geehrt, Ritzsch mit einer Briefmarke der Deutschen Post und einem gro\u00dfen Artikel in der ZEIT. Beide blieben im kulturellen Ged\u00e4chtnis, jedoch auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher Reichweite. Was meine Person betrifft, ging ein magischer Auftrag in Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Doppeljubil\u00e4um 375 Jahre \u201eMintzel-Druck\u201c\/200 Jahre \u201eHofer Anzeiger\u201c war, um es mit heutigen Sprachgewohnheiten der \u00dcbertreibung auszudr\u00fccken, eines der Superlative. Es war ein Hofer Mega-Ereignis. Am 12. Mai 2000 herrschte \u201eKaiserwetter\u201c, ein Sonnentag, wie er strahlender nicht sein konnte, ein lichtblauer Himmel \u00fcber Stadt und Land. \u00dcber f\u00fcnfhundert Personen waren zum Festakt eingeladen worden, sie str\u00f6mten schon am Vormittag zum Sektempfang, der im Foyer des Hofer Stadttheaters stattfand. Dort wurden auch ein opulentes Festessen und ein kulturelles Begleitprogramm geboten. Das Percussions-Ensemble der Musikschule der Hofer Symphoniker trommelte, ein Schauspieler des Stadttheaters rezitierte im Kost\u00fcm eines B\u00fcrgers aus der Zeit des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges Gedichte von Paul Gerhardt, Andreas Gryphius und Martin Opitz und erinnerte damit an die Lyrik des Barocks, die bei Johann Albrecht Mintzel in Leipzig gedruckt worden war. In einer Sonderausstellung wurden viele Bilder und Dokumente aus der Geschichte des Unternehmens gezeigt, alte Druckwerke, Zeitungsausgaben, Ansichten der Druckereigeb\u00e4ude, ausgediente Druckmaschinen, Portr\u00e4ts der fr\u00fcheren Inhaber und vieles mehr. Es sollte frisch und fr\u00f6hlich gefeiert werden und keine steife Honoratioren-Veranstaltung daraus werden. Gru\u00dfadressen sollten nicht die Geduld strapazieren, die Festreden m\u00f6glichst kurzweilig sein. Mit diesem Festakt der Superlative, dessen Kosten horrend hoch waren, sollte erneut die gewerbsgeschichtliche und kulturelle Bedeutung des altehrw\u00fcrdigen Familienunternehmens einer breiten \u00d6ffentlichkeit in Erinnerung gebracht werden. \u201eSchaut auf uns! Wir sind ein unausl\u00f6schlicher Bestandteil der Hofer Stadtgeschichte!\u201c war das Motto. \u201eWir haben erfolgreich 375 Jahre durchschritten, wir werden auch die Krisen der 21. Jahrhunderts bew\u00e4ltigen!\u201c Das Festprogramm schien ungebrochenen Firmenstolz auszustrahlen. Es war ein Festrausch, der alles in hellen Farben erscheinen lie\u00df, als g\u00e4be es keine Schatten, keine M\u00e4chte, die den Glanz einer langen Tradition \u00fcber Nacht zunichtemachen k\u00f6nnten. Wom\u00f6glich war es ein Aufb\u00e4umen gerade gegen unkalkulierbare Wirkkr\u00e4fte, eine rituelle Abwehrma\u00dfnahme, eine Beschwichtigung dunkler Ahnungen oder gar unternehmerischer Verzweiflung. Was gef\u00fchlt, gedacht, geahnt und bef\u00fcrchtet wurde, dar\u00fcber wurde nicht gesprochen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Als direkter Nachkomme und Repr\u00e4sentant von 375 Jahren sollte ich ans Rednerpult treten und in etwa zwanzig Minuten rund 560 Festg\u00e4ste auf unterhaltsame Weise durch vier Jahrhunderte Firmengeschichte f\u00fchren. Ich nahm die Rolle an, weil ich sie mir in Jahrzehnten buchst\u00e4blich selbst zugeschrieben hatte. Ich entschloss mich aus der Stofff\u00fclle und Ereignismasse kleine Geschichten zum Besten zu geben, f\u00fcr jedes Jahrhundert eine.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Jubil\u00e4en haben eine seltsam narkotisierende Wirkung. Prominente aus der Stadt, Region, aus Bayern und der ganzen Bundesrepublik gratulierten \u2014 wie es schon bei den Jubil\u00e4en von 1892, 1902 und 1976 geschehen war \u2014 in wohl gesetzten Worten und priesen Tradition und Leistung, den unternehmerischen Geist und das Geschick der Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel\/Hoermann. Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der, der bayerische Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber, der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der Regierungspr\u00e4sident von Oberfranken, Hans Angerer, der Hofer Oberb\u00fcrgermeister Dieter D\u00f6hla, der Landrat des Landkreises Hof, Bernd Hering, der Pr\u00e4sident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Wilhelm Sandmann, und ein Dutzend anderer prominenter Gratulanten sandten wort- und lobreiche Gru\u00dfbotschaften und w\u00fcnschten den Jubilaren weiterhin Erfolg. Die Jubil\u00e4umsausgabe umfasste 36 reich bebilderte Seiten. Ich selbst hatte \u201eEine Firmengeschichte\u201c verfasst. Ich war wochenlang mit in die Vorbereitung eingespannt gewesen und hatte als Chronist der Firma historische Daten und Texte beigetragen. Schon in meinen Jugendjahren hatte ich den Plan gehegt, Firmengeschichte und Familiensaga niederzuschreiben. In meiner Kindheit, in den Kriegsjahren von 1943 bis 1945, hatte ich in Speinshart tief in der Opferpfalz aus dem Brunnen Wasser getrunken, an dem sich Anfang des 17. Jahrhunderts der Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei im gleichen Alter erfrischt hatte. War da eine besondere Lebenskraft \u00fcbergesprungen? Ein Bogen spannte sich von damals zum Festakt des Jahres 2000. Es war mir, als erf\u00fcllte ich ein Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Reisen durch Jahrhunderte \u2013 Reisen in meine innere Erlebniswelt<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ahnenp\u00e4sse und Stammb\u00e4ume sind Eintrittskarten in das Reich der Vergessenheit, Geburts- und Todesdaten sind nur nackte Registriernummern, die nicht mehr preisgeben als Lebensspannen von Schemen. Diese Art der Ahnenforschung fand ich immer langweilig. Namen \u00fcber Namen auf Dutzenden Schildchen, die an den \u00c4sten eines Stammbaumes h\u00e4ngen. Wer waren sie? Ich wollte mehr erfahren \u00fcber das Leben meiner Vorfahren, ich wollte wissen, wo und wie sie gelebt haben, wie ihr Alltag ausgesehen hatte, welchen Lebensbedingungen sie ausgesetzt waren, was sie erlitten hatten. Seit 1967 verfolgte ich ihre Spuren in Archiven, in Bibliotheken, auf Wanderungen und in alten Geb\u00e4uden. Die Zeit, die ich hierf\u00fcr aufwandte, war insgesamt mehr als ein \u201eNebenher\u201c, sie machte einen nicht geringen Teil meines Gelehrtenlebens aus. Auch diese Forschungen und Reisen in die Vergangenheit geh\u00f6ren zu meiner Biografie, ohne sie w\u00e4re mein Leben anders verlaufen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ich will \u00fcber meine imagin\u00e4ren Reisen durch die Jahrhunderte und meine tats\u00e4chlichen und imaginierten Besuche bei der Druckerdynastie Mintzel berichten. Es waren zugleich Reisen in meine innere Erlebniswelt. In jahrzehntelangen Erkundungen gewannen die Lebensbilder an Farbe und Wirklichkeitsn\u00e4he.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Ankunft und Einzug in Hof, Trinitatis 1642<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Am Dreifaltigkeitstag 1642 traf die Buchdruckerfamilie Mintzel aus Leipzig mit Hab und Gut in Hof ein und bezog das Haus Nr. 78 (heute Ludwigstra\u00dfe 85) in der Ersten Gasse. Im Gew\u00f6lbe des Erdgeschosses wurde die rund drei\u00dfig Zentner schwere Druckerei eingerichtet. Im ersten Stockwerk lagen die Wohnr\u00e4ume, unter dem Dach die Schlafkammern. Es dauerte Tage, bis alles von den Karren abgeladen, ins Haus getragen und auf die R\u00e4ume verteilt war. Alle waren froh, den m\u00fchsamen und gef\u00e4hrlichen Umzug \u00fcberstanden zu haben. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg war mit seinen Grausamkeiten noch voll im Gange, der Umzug der Familie h\u00e4tte schon das Ende der Familie herbeif\u00fchren k\u00f6nnen. Sie hatten Gl\u00fcck, unversehrt in Hof angekommen zu sein.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Die Erste Gasse, in der das Wohn- und Druckhaus stand, war die Hauptstra\u00dfe, die Hof vom Oberen zum Unteren Tor mit einer leichten Kurve durchzog. Zuletzt bog sie stadtausw\u00e4rts in einer leichten Kurve zum Oberen Tor ein. Kurz vor dem Tor m\u00fcndete eine zweite Stra\u00dfe, die Hintere Gasse, in die Erste Gasse ein, um B\u00fcrger und Reisende durch den Engpass des Tordurchgangs zu f\u00fchren. Das obere Stadttor war eine m\u00e4chtige Verschlussarchitektur am oberen Ende des ovalen Mauerrings. Ihm war ein Mauerring vorgelagert, der sich sch\u00fctzend um die stadteinw\u00e4rts gelegene Seite des Tores legte. Jeder musste erst dieses Vorwerk passieren, bevor er in die Vorstadt gelangte.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">[Abbildung: Hof aus der Vogelschau von Osten, 1614\/1641]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Haus Nr. 78 lag f\u00fcnf H\u00e4user weit vom Oberen Tor stadteinw\u00e4rts auf der rechten Seite.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Es geh\u00f6rte dem \u201eHofer Typus\u201c an, der den st\u00e4dtebaulichen Gegebenheiten und Zwecken der Hofer Ackerb\u00fcrger und Handwerker entsprach. Durch die geschlossene Bauweise innerhalb der Ringmauern der Stadt und die gedr\u00e4ngte durchlaufende Reihung der H\u00e4user, eines dicht neben dem anderen, erhielten die Grundst\u00fccke eine schmale, handtuchartige, tiefe Form. So war ein typischer Grundriss entstanden: Das langgestreckte Wohnhaus lag zur Stra\u00dfe oder Gasse zugewandt, hatte im mittleren Teil des Grundst\u00fcckes einen Innenhof, an den sich stra\u00dfenabgewandt ein Hinterhaus anschloss. Das Hinterhaus war mit dem Vorderhaus in der Regel \u00fcber einen schmalen Geb\u00e4udeteil l\u00e4ngs des Hofes verbunden. Es diente der Lagerhaltung oder als Werkstatt, als Stall oder als Depot f\u00fcr landwirtschaftliche Ger\u00e4te. Die meisten Handwerker und Kaufleute betrieben nebenher noch etwas Ackerbau, um den Nahrungsmittelbedarf der Familie zu decken. Die Offizin der Buchdruckerfamilie Mintzel bildete das handwerklich-gesch\u00e4ftliche Zentrum des Hauses. Es muss ein relativ gro\u00dfer Raum gewesen sein, weil die Pressen, Setzk\u00e4sten, Schubladenschr\u00e4nke f\u00fcr Farben und allerlei anderes Ger\u00e4t viel Platz erforderten. An der Holzdecke war das Gest\u00e4nge angebracht, auf dem die noch druckfeuchten Bogen aufgeh\u00e4ngt wurden. In der Werkstatt fanden sich die Kunden ein, hier wurde verhandelt, gestapelt, gedruckt, verkauft und sich unterhalten. An den verputzten W\u00e4nden waren Kerzenhalter angebracht. Die Druckerfamilie Mintzel trat durch einen Torbogen aus ihrem Wohnhaus direkt auf die Erste Gasse, die mit Flusskieseln aus der Saale gepflastert war. Am Haus vorbei zogen stadteinw\u00e4rts und -ausw\u00e4rts die Fuhrwagen und Karren. B\u00fcrger gingen gesch\u00e4ftig hinaus zu ihren G\u00e4rten, die rechter Hand vor dem Oberen Tore lagen (heute zwischen Poststra\u00dfe und Kreuzsternstra\u00dfe). Buntes und lautes Kommen und Gehen pr\u00e4gten das Stra\u00dfenbild vor dem Wohn- und Druckhaus. Pferde\u00e4pfel und Kuhfladen lagen auf den Gassensteinen, herabgefallenes Stroh klebte in den Fugen. Fuhrwerke ratterten \u00fcber den Kieselbelag und wetzten und schliffen die Steine glatt. Der Aufschlag der Pferdehufe hallte von den Hausw\u00e4nden wider, Peitschenknallen begleitete die Karren auf dem Weg zum Oberen Tor. Es war gef\u00e4hrlich, Kleinkinder aus dem Haus auf die Stra\u00dfe gehen zu lassen. Die Familie hatte daher immer ein wachsames Auge auf die T\u00fcr und die Kinder wurden streng angehalten, sich im hinteren, zur Stadtmauer gelegenen Teil des Hauses und Grundst\u00fcckes aufzuhalten. Hinter dem Haus lag ein kleiner Innenhof, Freiraum f\u00fcr Kinderspiel und Federvieh. Dort war auch das \u00fcberdachte Plumpsklo, das sogenannte heimliche Gemach, darunter die Sickergrube. Die K\u00fcche lag im Vorderhaus gleich hinter der zur Stra\u00dfe gelegenen kleinen Stube. Sie war das andere Zentrum des t\u00e4glichen praktischen Lebensvollzuges. Hier arbeiteten die Hausfrau, die T\u00f6chter und die Magd. Die \u201eobere Stube\u201c und die Kammern im ersten und zweiten Stockwerk bildeten den Wohnbereich f\u00fcr Familie und Gesinde. Die Fenster der Wohnstube gingen auf die Stra\u00dfe hinaus.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">[Abbildung: Rembrandt van Rijn: Frau, aus einem Fenster blickende, um 1655\/56]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ein Fachwerkhaus lehnte am anderen, die Zacken der Dachfirste bildeten eine lange Reihe. Die D\u00e4cher waren mit Schindeln bedeckt. An der Haust\u00fcre hing eine Glocke, mit der sich Besucher anmeldeten. Die klassizistisch-biedermeierliche Architektur, die heute Hof ein typisches, einmaliges Gepr\u00e4ge gibt, entstand erst mit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem gro\u00dfen Brand vom 23. September 1823. Auch die D\u00e4cher richten sich seither nicht mehr mit dem Giebel, sondern mit ihrer Traufseite zur Stra\u00dfe.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Ein Haus voll praller Lebensgeschichten<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das schmale Haus hatte vier Generationen Mintzel als Wohnst\u00e4tte und Werkstatt gedient. Jeder Raum, jeder Winkel des Geb\u00e4udes hatte seine Geschichte, seinen besonderen Geruch und seine Episoden. Die Stube, die Schlafr\u00e4ume, die Kammern f\u00fcr die Lehrlinge und Gesellen, die K\u00fcche, die Vorratsr\u00e4ume, die knarrenden Holzstufen und die Treppen zum Dachstuhl, alle Zimmer, Winkel und Stiegen hatten aus den 120 Jahren vieles \u00fcber Lieben, Lachen, Leid und Sterben zu erz\u00e4hlen, \u00fcber Heimliches und Gemeinschaftliches, \u00fcber sehr Privates und ganz \u00d6ffentliches, \u00fcber Arbeit und Feste. Viele Kinder waren in dem Haus geboren, viele S\u00e4rge hinausgetragen worden. Die Druckergesellen Mintzel waren von dort auf Wanderschaft gegangen und eines Tages wieder in ihr Stammhaus heimgekehrt. Im kleinen zur Stadtmauer hin gelegenen Innenhof hatten sie in ihrer Kinderzeit gespielt. In der gro\u00dfen Wohnstube und im Kreuzgew\u00f6lbe hatten die Regale gestanden, auf denen vier Generationen dicke und d\u00fcnne, gro\u00dfe und kleine, gebundene und broschierte B\u00fccher aufgereiht hatten, darunter Traditionsst\u00fccke der Druckerei wie die Jubil\u00e4umsschrift der Leipziger Druckerinnung zur 200-Jahrfeier der Erfindung Gutenbergs aus dem Jahre 1640.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">[Abbildung: Seite aus der Jubil\u00e4umsschrift von 1640]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Haus war zu einem Organismus der Dynastie geworden. Mit jeder Geburt hatte es von neuem zu atmen begonnen, mit jedem Todesfall war etwas in ihm abgestorben. Die T\u00fcren hatten Generationen in das Haus kommen und wieder hinausgehen sehen, die Planken der B\u00f6den die schlurfenden Schritte der Alten, den festen Tritt der Jugend und das Krabbeln und die ersten Gehversuche der Kleinsten gekannt. Jede Gangart hatte sich in das Ged\u00e4chtnis der Dielen eingepr\u00e4gt. Die T\u00fcrklinken hatten sich jeden ihrer Benutzer gemerkt, die schweren kr\u00e4ftigen H\u00e4nde der Drucker, die zarten M\u00e4dchenh\u00e4nde der T\u00f6chter, die knochigen der Matronen. Die W\u00e4nde hatten die Ru\u00dfspuren der Kerzen, Kiensp\u00e4ne und \u00d6llampen getragen, die Risse im Gem\u00e4uer die Ersch\u00fctterungen mitgemacht, welche die Generationen heimgesucht hatten. Die Steine waren gealtert und mancher Stein durch Gewalt zersprungen. Von den W\u00e4nden klang ein Nachhall der Stimmen. Es war, als l\u00e4gen die Toten unter den Dielen und lauschten den Lebendigen und als lauschten die Lebendigen den Toten. In dunklen N\u00e4chten waren sie zu h\u00f6ren, als spr\u00e4chen sie miteinander \u00fcber die menschliche Zerbrechlichkeit. Aus den Kammern drang das Wimmern und Weinen kranker Kinder und das Lachen und L\u00e4rmen der gesunden. Geb\u00e4rende waren zu h\u00f6ren, die st\u00f6hnten und hechelten, und die Schreie der vielen einstmals im Hause Neugeborenen. Das ersterbende Seufzen der Generationen schwang im Hintergrund mit. Das Haus war zu einem Resonanzk\u00f6rper geworden, in dem alle T\u00f6ne, die es einst eingefangen hatte, nachklangen. Die Gr\u00fcndergeneration war noch immer gegenw\u00e4rtig in den Spuren ihrer Erben. Aus dem Kreuzgew\u00f6lbe im Erdgeschoss kam noch immer der Duft der Speisen, aus dem Hinterhaus drang wie ehedem der Arbeitsrhythmus an den Handpressen. Im Innenhof pl\u00e4tscherte in die Tonne das Regenwasser.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Seit mehr als einem Jahrhundert waren es die gleichen Wege gewesen, bei Leichenbeg\u00e4ngnissen der Weg vom Haus zum Sankt Lorenzkirchhof, bei Hochzeiten und Taufen der Weg vom Geburtshaus zur Sankt Michaeliskirche. Der t\u00e4gliche Weg zum oberen R\u00f6hrenkasten, um Wasser zu sch\u00f6pfen, und der w\u00f6chentliche zum Markt vor dem Rathaus blieben unver\u00e4ndert. Jede Ecke, jeder rundgeschliffene Gassenstein, jedes ausgebrochene St\u00fcck Pflaster war ein Wegzeichen nach Hause. Noch jeder hatte ins Stammhaus zur\u00fcckgefunden, auch in der dunkelsten Nacht. Die vierte Generation der Dynastie hatte noch im Stammhaus gelebt und gearbeitet, die f\u00fcnfte ging dort nicht mehr ein und aus.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Im Siebenj\u00e4hrigen Krieg (1756-1763), den Friedrich II. 1756 vom Zaun brach und mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t gegen die \u00f6sterreichische Kaiserin Maria Theresia und die mit ihr verb\u00fcndeten M\u00e4chte f\u00fchrte, trat eine bedrohliche Lage ein. Die Hofer litten schwer an den Kriegsereignissen. Die Einquartierung preu\u00dfischer Truppen 1757\/58 und die K\u00e4mpfe bei und um Hof im Jahr 1759 beeintr\u00e4chtigten Gewerbe und Handel. Es kam zu einem akuten Mangel an Druckauftr\u00e4gen, und die Druckerei kam zeitweise zum Stillstand. \u00dcber Wochen und Monate gab es keine Arbeit und somit keine Einnahmen. Die Geldreserven schmolzen dahin, die Schuldenlast wuchs, die Haussteuer konnte nicht mehr erbracht werden. Die Druckerfamilien Hetschel und M\u00f6nnich, die seit den drei\u00dfiger Jahren das alte Mintzelsche Stammhaus gemeinsam bewohnt hatten, verloren die Hoffnung, die Kriegszeit noch l\u00e4nger \u00fcberstehen zu k\u00f6nnen. Anfang der 1760er Jahre verschlechterten sich die Lebensverh\u00e4ltnisse derma\u00dfen, dass der Verkauf unumg\u00e4nglich schien. Johann Adam M\u00f6nnich und seine Frau Anna Maria, eine geborene Mintzel, die das Haus 1746 durch Kauf im Familienbesitz hatten halten k\u00f6nnen, trennten sich schweren Herzens von ihrem Eigentum und brachten in famili\u00e4rer Solidarit\u00e4t das gro\u00dfe Opfer. Sie ver\u00e4u\u00dferten das alte Haus, das von 1642 bis 1761\/62 im Eigentum der Druckerfamilie Mintzel und ihrer eingeheirateten Mitglieder gewesen war, an einen Hofer Zinngie\u00dfer.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">F\u00fcr die f\u00fcnfte und letzte Druckergeneration Mintzel war das Haus der Vorfahren schon Geschichte. Seit 1761\/62 lebten die Druckerfamilien in gemieteten R\u00e4umen, Mietverh\u00e4ltnisse waren damals durchaus \u00fcblich. Die Br\u00fcder Johann Christian, Johann Georg und Johann Heinrich Mintzel, die sp\u00e4ter, in den sechziger und siebziger Jahren, alle drei bei ihrem Stiefgro\u00dfvater Hetschel das Druckerhandwerk erlernten, arbeiteten schon am neuen Standort der Druckerei, im Hofer Gymnasium. Der Verkauf des Stammhauses in der Ersten Gasse symbolisierte des Ende der vierten Generation und einer Drucker\u00e4ra, die schon damals 120 Jahre lang gew\u00e4hrt hatte.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Der Verkauf des Stammhauses und der Auszug aus der Ersten Gasse Nr. 78 hatten hohen symbolischen Charakter. Jetzt hatte die Buchdruckerfamilie bei f\u00fcrstlichen Durchz\u00fcgen keinen Fensterplatz mehr, jetzt sa\u00df sie nicht mehr ganz vorn, in der ersten Reihe sozusagen, nahe am Geschehen, nahe am Puls der Stadt. Jetzt erlebte sie drastisch eine gewisse Deklassierung, Gef\u00fchle des Niedergangs stellten sich ein. Der Nimbus der Buchdrucker<em>kunst <\/em>nahm ab, obschon die Buchdruckerei auch jetzt noch nicht zu den \u201erohen Handwerken\u201c z\u00e4hlte, sondern noch immer zu den \u201egebildeten\u201c gerechnet wurde. Ein Buchdruckergeselle und erst recht ein Buchdruckerherr hatte in der Regel in den Grundklassen eines Gymnasiums die Sprachen der Wissenschaften, Gelehrten und Theologen gelernt, Latein und Griechisch.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das vormalige Stammhaus Mintzel mit seinem spitzen, einstmals zur Stra\u00dfe gelegenen Giebel und seiner Fachwerkfassade, brannte beim gro\u00dfen Brand am 23. September 1823 aus. Im Flammeninferno zerbarst das Gem\u00e4uer, nur das Gew\u00f6lbe des Erdgeschosses \u00fcberstand Hitze und Tr\u00fcmmerlast. Was an alten geschmiedeten N\u00e4geln und Gitterst\u00e4ben noch in den W\u00e4nden und Balken gesteckt hatte, war vergl\u00fcht und verbogen und wurde mit dem Schutt weggetragen. Die Zeit des feuergef\u00e4hrdeten Schindeldaches war endg\u00fcltig vorbei. \u00dcber dem alten Gew\u00f6lbe wurde das neue Haus im klassischen Architekturstil errichtet und ein Schieferdach daraufgesetzt. Doch der Grundriss blieb und die alten Ma\u00dfe wurden beibehalten. So zeigt es uns heute sein neues Gesicht. Nicht einmal ein kleines Schild erinnert mehr daran, dass dieses Haus das Stammhaus der \u00e4ltesten noch im Familienbesitz befindlichen Druckerei Deutschlands gewesen war.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Auf jeder meiner vielen Reisen nach Hof ging ich durch die Ludwigsstra\u00dfe am vormaligen Druckhaus Mintzel vorbei, hinauf zum Oberen Torplatz, viele Male am Tag, viele Male in den Abendstunden, manchmal in tiefer Nacht. Immer blieb ich f\u00fcr eine Weile stehen, hielt inne und schaute von der Gegenseite der Stra\u00dfe hin\u00fcber auf das heutige Haus Nr. 85. Mir war, als s\u00e4he ich sie auf die Erste Gasse heraustreten, eine Generation nach der anderen. Manchmal fiel im einstmaligen Stammhaus nachts die Haust\u00fcre schwer ins Schloss, dann waren sie wieder verschwunden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">[Abbildung: Blick in den oberen Teil der Ludwigstra\u00dfe auf die H\u00e4user der vormaligen Ersten Gasse]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Erinnerungsorte und Echor\u00e4ume<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Am 12. Mai 2000 ziehe ich mich, um mich tief innerlich auf meinen Festvortrag vorzubereiten, in meine Erinnerungen zur\u00fcck. Ich suche in Gedanken noch einmal die alten Pl\u00e4tze auf, gehe durch Stra\u00dfen und Gassen, werfe einen Blick auf die Geb\u00e4ude, gehe die Wege entlang, auf denen sie, deren Schaffen und Schicksale ich beschrieben habe, gegangen sind.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ich gehe die Erste Gasse hinauf zum Oberen Torplatz, vorbei am ersten Hofer Stammhaus, ich schreite durch das imagin\u00e4re Stadttor. Mein Weg f\u00fchrt mich \u00fcber das Vorwerk hinaus in die sogenannte Altstadt. Ich schlendere an den geduckten Fachwerkh\u00e4usern vorbei. Der Regen tropft von den Schindeld\u00e4chern. Der Weg f\u00e4llt sanft zum Lorenzsteig ab. Die Lorenzkirche steht gravit\u00e4tisch auf der Erdplattform, die seit geologischen Vorzeiten in die Landschaft ragt. Auf dem aufgelassenen Friedhof, der heute als Parkanlage dient, sehe ich die Gr\u00e4ber liegen. Jedes ist mit einem schmiedeeisernen Grabkreuz best\u00fcckt, das mit barocker Ornamentik verziert ist. Ich lese den Namen \u201eJohann Albrecht Mintzel, gewesener bestalter Hochf\u00fcrstlich Buchdrucker alhier, gestorben am 15. Maij ANNO 1.6.5.3.\u201c Im Rauschen des Regens erklingt ein uraltes, fernes Lied, die Erde saugt die Myriaden von Tropfen ein, saugt sich voll und gibt sie an Rinnsale weiter, die das Rauschen mit ihrem Gluckern begleiten. Ich bin allein. Diejenigen, an die ich mich erinnere, werden zu lebenden Schatten. Aus den Gr\u00e4bern kommen die Toten zu unserer Verabredung. Ich m\u00f6chte noch viele Fragen an sie richten, sie haben mir noch viel zu sagen. In meiner Seele sp\u00fcre ich ihr Dasein, ein Zeichen schicksalhafter Verkettung.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ich \u00f6ffne die schwere Holzt\u00fcr des Hauptportals der Lorenzkirche, gehe durch den Vorraum und betrete die Kirchenhalle. Nahe der Apsis, vorn an der linken Wand, nehme ich Platz &#8211; &#8211; -Stille. &#8211; &#8211; &#8211; Allein. &#8211; Keine menschliche Stimme im hohen Raum. &#8211; &#8211; &#8211; Stille. &#8211; R\u00fcckfluss der Zeit. Jetzt ist 1653, 1653 ist jetzt. &#8211; &#8211; -Stille. &#8211; &#8211; &#8211; Ich lausche. Bis Ende des 19. Jahrhunderts sind alle Drucker und Setzer, alle Prinzipale, Gehilfen und Lehrlinge durch dieses Hauptportal getreten, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Helle Vogelstimmen dringen herein, als k\u00e4men sie aus weiter Ferne &#8211; wie damals. Meisen turnen drau\u00dfen im Ge\u00e4st der B\u00e4ume, unver\u00e4ndert der Klang ihrer Rufe, als sei die Zeit stehen geblieben. So haben sie damals die V\u00f6gel geh\u00f6rt, so wie jetzt ihr Gezwitscher an mein Ohr dringt, jetzt 2000, jetzt 1650, jetzt 1733, oder jetzt, 1840.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Der Mittelgang l\u00e4uft direkt auf den Altar zu, drei breite Stufen f\u00fchren zu ihm hoch. Drei Stufen, die heilige Zahl Drei, die Trinit\u00e4t, die Dreiheit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Zwischen der untersten Stufe und den vordersten Sitzb\u00e4nken stand immer der Sarg auf einer mit schwarzem Tuch verhangenen Totenbahre. Ich sehe sie in den vorderen Reihen sitzen, hingeduckt auf ihren B\u00e4nken, in dunkle Gew\u00e4nder geh\u00fcllt, die Frauen und M\u00e4dchen mit Kopfputz, die M\u00e4nner mit schulterlangen Haaren. Ich lausche in die Stille der Hallenkirche hinein und h\u00f6re ihre Stimmen. Es gibt sie nicht mehr, sie werden nie wieder hier eintreten, nie wieder auf diesen B\u00e4nken sitzen. Ihre Stimmen sind f\u00fcr immer verklungen. Dennoch f\u00fchle ich ihre Gegenwart, Schatten werden zu Schemen, Schemen zu Personen. In der Stille des Raumes h\u00f6re ich ihre Stimmen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Das Tageslicht flutet durch die sechs hohen Seitenfenster in die Kirchenhalle. An der rechten Seitenwand des Kirchenschiffs, unten, zwischen dem zweiten und dritten und dem dritten und vierten Fenster betrachte ich zwei gro\u00dfe Tafelbilder. Das eine stammt aus dem 17., das andere aus dem 18. Jahrhundert, das \u00e4ltere wurde 1642 von einem alten Bekannten der Mintzelschen Buchdruckerei, von dem Hofer Maler, Holzschneider und Kupferstecher Tobias Wolfart gemalt. Das j\u00fcngere Gem\u00e4lde, datiert auf das Jahr 1719, zeigt die alte Kirche in einem Bauzustand, der ihrer heutigen Gestalt \u00e4hnlich ist. Alle Drucker und Setzer der Hofer Mintzelschen Buchdruckerei sind an diesen Ged\u00e4chtnistafeln vorbeigegangen und davor stehen geblieben, so wie ich heute. Ich kann nur erahnen, was dabei in ihren K\u00f6pfen vorgegangen sein mag.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Auf meinem Weg zum Hauptportal entdecke ich an der Wand einen kleinen, schmiedeeisernen Almosen-Kasten, der an einem massiven Brett befestigt ist. Der Kasten tr\u00e4gt Spuren fr\u00fcherer Aufbr\u00fcche. Die Ecken des Deckels sind leicht aufgeschlitzt. Auf dem moosgr\u00fcnen Untergrund steht in roter und schwarzer Frakturschrift gemalt: \u201eHastu viel gieb reichlich, hastu \/ Wenig so gieb doch das wenige mitt \/ trewen hertzen denn du wirst sam \/eln einen rechten lohn in der \/ noth\u201c(Anno 1647). Diese Botschaft und ihr Appell haben bis heute nichts an Klarheit und Eindeutigkeit verloren. Sie alle haben, wenn sie ein Kind, einen Vater oder eine Mutter zu Grabe getragen haben, ihr Scherflein in den Almosen-Kasten eingeworfen: Johann Albrecht und Maria, Gottfried und Susanne, Christoph und Regina, und auch noch der letzte Drucker Mintzel, mein Ururgro\u00dfvater Johann Heinrich. Sie alle haben in dieser Kirche Platz genommen, sie alle sind hier aufgebahrt worden.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ich habe sie hereingerufen in die Gegenwart, ich habe sie f\u00fcr einen kurzen Moment aus dem Dunkel der Vergangenheit und der Vergessenheit heraustreten lassen. Stets habe ich mich selbst als Glied einer genealogischen Kette gef\u00fchlt und begriffen. Wie steht es um Menschen, die keine Erinnerungsorte mehr besuchen k\u00f6nnen? Sie haben wahrscheinlich neue, sehr junge Pl\u00e4tze des Erinnerns. Erinnerungsorte bedeuten Vertrautheit, Heimat. Von jeher haben sich Menschen Erinnerungsorte geschaffen und an solchen Orten versammelt. Ich habe es immer als ein gro\u00dfes Geschenk empfunden, auf tats\u00e4chlichen und imagin\u00e4ren Reisen famili\u00e4re Erinnerungsorte besuchen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Der Untergang der Firma Mintzel-Druck und des Hofer Anzeigers<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Kaum war die Gro\u00dffeier des 375-Jahre-Jubil\u00e4ums ausgeklungen, brach mit dem beginnenden 21. Jahrhundert eine allgemeine Medienkrise herein, die \u00fcberregionale Zeitungen ebenso mit voller Wucht traf wie regionale Bl\u00e4tter. Das Zeitungssterben und der Untergang traditionsreicher Lokalbl\u00e4tter machten auch nicht vor der Stadt Hof Halt. Die \u201eFrankenpost\u201c und ihre Kooperationspartner, darunter der \u201eHofer Anzeiger\u201c, verloren an Abonnenten und K\u00e4ufern und gerieten in eine prek\u00e4re Marktlage. Zugleich brachte eine allgemeine Krise in der Druckindustrie Druckereibetriebe in wirtschaftliche Bedr\u00e4ngnis. Die neuen M\u00f6glichkeiten der digitalen Informations- und Kommunikationstechnik machten traditionelle Produkte der Druckereibranche \u00fcberfl\u00fcssig. Die Firma \u201eMintzel-Druck\u201c geriet trotz gro\u00dfer Anstrengungen, mit den neuen Drucktechniken Schritt zu halten, in eine gesch\u00e4ftliche Lage, die das \u00dcberleben der Firma akut gef\u00e4hrdete. In dieser schwierigen Situation traf der letzte Inhaber aus der Linie Hoermann betriebswirtschaftliche Fehlentscheidungen, die letztendlich den Untergang der Firma herbeif\u00fchrten (ausf\u00fchrlich A. Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Berlin, Band II, S. 660-680).<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Tradition und Kontinuit\u00e4t, Gedeihen und Bl\u00fctezeiten, hatten nicht nur im Ermessen und Wollen der Firmeninhaber und Familienmitglieder gelegen. Sie hatten sich nicht allein durch Flei\u00df, T\u00fcchtigkeit und mit Durchhaltekraft erzwingen lassen. G\u00fcnstige Umst\u00e4nde und gl\u00fcckliche Zuf\u00e4lle hatten wiederholt eine entscheidende Rolle gespielt. Die Vorstellung, wir h\u00e4tten alles im Griff, wenn wir uns nur richtig entscheiden, erweist sich oft als tr\u00fcgerisch. Mehrmals hatte es in der Geschichte des Unternehmens Ereignisse und Z\u00e4suren gegeben, die seine Existenz gef\u00e4hrdeten. Mit dem Zukauf der Selber Druckerei M\u00fcnch hatte die Firma \u201eMintzel-Druck\u201c 2004 eine \u00dcberkapazit\u00e4t geschaffen, die sich wegen des anhaltenden Auftragsschwundes verh\u00e4ngnisvoll auswirkte. Mit dem Kauf der Selber Firma war zugleich eine \u00fcberalterte Druckereibelegschaft \u00fcbernommen worden. Das Medienhaus Mintzel-M\u00fcnch konnte nicht mehr kostendeckend produzieren. Um aus den Engp\u00e4ssen zu gelangen und die wirtschaftliche Krise in der Druckindustrie zu \u00fcberstehen, h\u00e4tten maschinelle Druckkapazit\u00e4t abgebaut, Personal freigestellt und Kurzarbeit eingef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Und nicht einmal solche drastischen Ma\u00dfnahmen h\u00e4tten angesichts der wirtschaftlichen Situation in der Druckindustrie den Fortbestand garantiert. Die negativen Effekte der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise, die externen Faktoren also, und die der internen betriebswirtschaftlichen Fehlentscheidungen verst\u00e4rkten sich wechselseitig. Auch mit einer Umstrukturierung zu einer Kommanditgesellschaft konnte die Firma nicht mehr gerettet werden. Der Letzte in der Reihe der Hofer Drucker und Verleger, die seit 1840 das dreiteilige Unternehmen (Druckerei, Zeitungsverlag und Hoermann-Verlag) gef\u00fchrt hatten, musste f\u00fcr das Medienhaus 2009 ein Insolvenzverfahren beantragen. Die \u00c4ra Hoermann ging am 1. Mai 2009 mit der \u00dcbergabe der Druckerei an einen Investor endg\u00fcltig zu Ende. Doch auch der neue Inhaber der Firma konnte den Untergang der Druckerei, die er unter dem alten Firmennamen \u201eMintzel-Druck\u201c weiterf\u00fchrte, nicht mehr abwenden. Die Firma wurde ein zweites Mal insolvent und im Jahre 2013 aus den Hofer Gewerberegistern gestrichen.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Sinnfragen des Lebens und Forschens<\/strong><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Als ich nach meiner Pensionierung in den Jahren 2000 bis 2011 meine gro\u00dfe zweib\u00e4ndige Firmengeschichte \u201eVon der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie\u201c niederschrieb, hatte ich bis zum Abschluss noch gehofft, die Firma werde die Krisen der Printmedien und Druckereien \u00fcberstehen. Am Ende wurde das Werk jedoch zu einer gewerbegeschichtlichen und kulturellen Gedenkschrift, in welcher ich detailliert die Geschichte der Firma und ihrer Pers\u00f6nlichkeiten von Beginn 1625 bis zum Untergang im Jahre 2013 beschrieb und die Ergebnisse meiner jahrzehntelangen Forschungen zusammenfasste. Allein schon diese ver\u00f6ffentlichten Forschungsergebnisse zum oberfr\u00e4nkischen Druckerei- und Verlagswesen und Pressegeschichte machten ein halbes Gelehrtenleben aus, ohne dass sie die Aufmerksamkeit fanden, die meine Schriften \u00fcber Bayern und die CSU hervorgerufen hatten. Es war eine stille und in ihrer Reichweite im Wesentlichen auf Oberfranken beschr\u00e4nkte Forschung, abseits von Kernbereichen des Universit\u00e4tsfaches Soziologie. Hatte ich eine rationale Entscheidung getroffen, als ich mich auch noch diesen Themen und Forschungsfeldern zuwandte?\u00a0 Warum setzte ich die vielen Tausenden Arbeitsstunden nicht f\u00fcr andere, menschheitsgeschichtlich viel bedeutendere Fragestellungen ein? F\u00fcr Fragen nach der Evolution in Natur und Kultur?<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">Ich habe mich tief in das kulturelle Ged\u00e4chtnis der Stadt Hof eingeschrieben. Meine Eltern hatten mir die Vornamen des Firmengr\u00fcnders gegeben. Im Krieg hatte ich aus demselben Brunnen getrunken wie er Jahrhunderte zuvor. Mir war, als h\u00e4tte mich sein Geist ber\u00fchrt und mir einen Auftrag erteilt. Ich glaube, diesen habe ich erf\u00fcllt.<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\">[Abbildung: Ansicht von Speinshart, Kupferstich]<\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"justify\"><strong>Zum Weiterlesen: <\/strong>A.Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie: Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag, 2 Bde.; A. Mintzel, 1984: Studien zur fr\u00fchen Presse- und Verlagsgeschichte der St\u00e4de Hof und Bayreuth, in: Archiv f\u00fcr Geschichte von Oberfranken, 64. Band, S. 197-286; A. Mintzel,1986: Bayreuther und Hofer Kleiverleger und ihre Verlagswerke, in: Archiv f\u00fcr Geschichte von Oberfranken, 66, S. 77-189; A. Mintzel, 2000: Hofer Einblattdrucke und Flugschriften des 16. Und 17. Jahrhunderts. Eine Dokumentation von 29 Exemplaren. 43. Bericht, Hof. Nordoberfr\u00e4nkischer Verein f\u00fcr Natur-, Geschichts- und Landeskunde e.V.; A. Mintzel: Die \u201eH\u00f6fer literarische Zeitung\u201c von 1811\/12 \u2013 Dokumentation zweier Funde, in: Archiv f\u00fcr Geschichte von Oberfranken, Bd. 81. Historischer Verein f\u00fcr Oberfranken, S. 355-369.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein regionales Ereignis &#8211; ein Weltereignis Am 13. Mai 2000 feierten die Firma \u201eMintzel-Druck\u201c ihr 375. und der \u201eHofer Anzeiger\u201c, das Traditionsblatt der Verleger Mintzel und Hoermann, sein 200j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Das Hofer Doppeljubil\u00e4um fiel mit einem anderen Ereignis zusammen: Im Jahre 2000 j\u00e4hrte sich zum 350. Mal das Erscheinen der ersten Tageszeitung der Welt. 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