{"id":302,"date":"2017-03-23T16:36:02","date_gmt":"2017-03-23T15:36:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=302"},"modified":"2019-09-02T03:51:53","modified_gmt":"2019-09-02T01:51:53","slug":"39-johann-heinrich-mintzel1763-1840-ein-freimaurer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/03\/23\/39-johann-heinrich-mintzel1763-1840-ein-freimaurer\/","title":{"rendered":"39.  Sankt Johannisloge \u203aZum Morgenstern\u2039 \u2013 verbotener Zutritt zum Freimaurertempel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong> Johann Heinrich Mintzel (1763\u20131840) \u2013 ein Freimaurer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Mein Ururgro\u00dfvater, der Hofer Buchdrucker und Zeitungsverleger Johann Heinrich Mintzel (1763\u20131840), war ein \u00fcberzeugter und bis an sein Lebensende engagierter Freimaurer. Er war im Jahre 1800 von Bayreuth nach Hof \u00fcbergesiedelt und hatte um die Jahreswende 1800\/1801 die Mintzelsche Buchdruckerei vom Alten Gymnasium zur\u00fcckgekauft und das Verlagsrecht des \u203aH\u00f6fer Intelligenz-Blattes\u2039 erworben. Dabei war ihm sein Freimaurerbruder Johann Theodor Benjamin Helfrecht, der Rektor des Alten Gymnasiums, behilflich gewesen. In Bayreuth hatte Mintzel der Loge \u203aEleusis zur Verschwiegenheit\u2039 angeh\u00f6rt. In Hof war er zun\u00e4chst in die Loge \u203aZur Goldenen Waage\u2039 und nach deren Aufl\u00f6sung 1815 in die Loge \u203aZum Morgenstern\u2039 aufgenommen worden. Er durchlief, in der Sprache der Logen ausgedr\u00fcckt, die drei Grade der \u203aJohannismeisterei\u2039, den Initiationsweg vom Lehrling \u00fcber den Grad des Gesellen zum Meister. Nachdem er 1819 den Grad eines Meisters erreicht hatte, konnte Mintzel \u203aLogenbeamter\u2039 werden. Er versah in den Jahren von 1822 bis 1826 das Amt des Ersten Aufsehers, von 1827 bis 1834 das Amt des Repr\u00e4sentanten der \u203aGro\u00dfen Provinzialloge Zur Sonne\u2039, die sich seit 1829 kurz \u203aGro\u00dfloge\u2039 nannte, und wurde 1835 in der Loge \u203aZum Morgenstern\u2039 zugeordneter Meister. In dieser Funktion hatte er den Meister vom Stuhl bei der \u203aF\u00fchrung des Hammers\u2039 zu unterst\u00fctzen und zu vertreten. Mintzel bekleidete somit freimaurerische Spitzen\u00e4mter. Er geh\u00f6rte dem inneren Zirkel an. In seinen Logen\u00e4mtern trug Mintzel ein blaues Band mit besonderen f\u00fcr das jeweilige Amt typischen Abzeichen. Jedes Werkzeug hat dabei seine eigene Bedeutung: Der Winkel steht f\u00fcr Moral, Rechtschaffenheit und fairen Handel, der Zirkel symbolisiert Aufrichtigkeit und Treue. Das Lot und die Wasserwaage sind Symbole des Gesellengrades.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-861 size-full\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001.jpg\" alt=\"\" width=\"1600\" height=\"2404\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001.jpg 1600w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001-768x1154.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001-700x1052.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_001-800x1202.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><br \/>\n<\/em><em>Georg Riess, Geschichte der gerechten und vollkommenen Sankt Johannisloge \u203aZum Morgenstern\u2039 im Orient Hof 1924\u20131949, Titelseite, Hof 1949<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-862 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002-700x1079.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1079\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002-700x1079.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002-768x1184.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002-800x1234.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Georg Riess, Geschichte der gerechten und vollkommenen Sankt Johannisloge \u203aZum Morgenstern\u2039 im Orient Hof 1924\u20131949, Seite IV, Hof 1949<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Was mag den Buchdruckerherren und Zeitungsverleger bewogen haben, in der Loge \u203aZum Morgenstern\u2039 \u00fcber die drei Stufen der \u203aVersittlichung\u2039 zum Meister aufzusteigen und sich als Logenbeamter zu engagieren? Was hatte ihn angetrieben, als Hofer Repr\u00e4sentant in der Gro\u00dfloge \u203aZur Sonne\u2039 in Bayreuth zu wirken? Unsere Kenntnis der menschlichen Psyche spricht dagegen, dass es nur rein ideelle Gr\u00fcnde waren. Wer k\u00f6nnte von sich schon behaupten, immer nur lupenreinen Beweggr\u00fcnden zu folgen? Sicher, er war ein \u203aSuchender\u2039 und ein \u203aGottsucher\u2039 gewesen, einer, der an die Unsterblichkeit geglaubt hatte. Er hatte sich zeitlebens fortgebildet, sich im besten Sinne zu einem \u203agebildeten Handwerker\u2039 entwickelt und in der Loge gleichgesinnte B\u00fcrger gefunden, die sich der sittlichen Selbstveredelung und der Veredelung des Menschentums verschrieben hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Seine Zeit war, wie die unsere heute, eine Umbruchzeit, eine Wendezeit, eine \u203aAxialzeit\u2039 (Karl Jaspers). In der Metternich-\u00c4ra b\u00e4umte sich das \u00fcberkommene Feudalsystem noch einmal auf und zeigte seine polizeistaatlichen Klauen und Krallen. Das aufstrebende B\u00fcrgertum war sich seiner eigenen Entwicklung noch nicht gewiss. Der Freimaurer Mintzel dachte vermutlich, dass gerade in Zeiten des Umbruchs Alternativen aufgezeigt werden m\u00fcssten, weil erst das Denken in Alternativen ein freies Denken und damit die Entwicklung eines freiheitlich-humanen B\u00fcrgerbewusstseins erm\u00f6gliche. Der Mensch steht immer vor der Alternative, entweder zuzuschauen, wie M\u00e4chtige in den Weltlauf eingreifen und ihre Herrschaft den Untertanen aufdr\u00fccken, oder selbst einzugreifen. Mein Ururgro\u00dfvater wollte etwas tun, am Weltenlauf nach seinen Kr\u00e4ften mitarbeiten, etwas bewegen. Aber wo anpacken? Welchen Weg einschlagen? Die Freimaurerei schien ihm eine Alternative zu \u00fcberkommenen Denk- und Handlungsmustern zu bieten. Sie schien es ihm zu erm\u00f6glichen, zumindest f\u00fcr Stunden und Tage aus dem kleib\u00fcrgerlichen Untertanenmuff ins Licht einer geistigen Welt zu gelangen und die Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcberschreiten, an denen er litt. Die Freimaurerei versprach beides: Bei sich selbst zu beginnen und sich in Stufen zu einem gesitteten Menschen emporzuarbeiten und zugleich am \u203aBau der Menschheit\u2039, an der Kultivierung des Menschentums mitzuwirken. Die Stadt Hof und ihre Umgebung blieben allerdings ein karger Boden f\u00fcr die empfindlichen Pflanzen des Geistes und einer freimaurischen Humanit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Im 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19 Jahrhundert hatte die Freimaurerei als eine Vereinigung ehrw\u00fcrdiger, edel gesinnter B\u00fcrger besonderen Respekt genossen. Sie hatte zu ihren Mitgliedern viele Prominente aus Kultur, Staatsverwaltung, Politik und Gewerbe gez\u00e4hlt. Die weltb\u00fcrgerliche und philanthropische Orientierung hatte den Patriotismus der Freimaurer vor chauvinistischen und martialischen Ausw\u00fcchsen bewahrt. Freimaurerei und Aufkl\u00e4rung hatten weitgehend identische Ziele. Freimaurer waren sich im Wesentlichen darin einig, dass Nation, Konfession und Geburt der wahren Humanit\u00e4t als h\u00f6chstem Wert untergeordnet sein sollten. Zu den Zielen der Logen hatte die \u00dcberwindung st\u00e4ndischer und zunfteigener Schranken geh\u00f6rt. Freimaurerlogen hatten deshalb als Vorreiter demokratischer Prinzipien gegolten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Profane und Eingeweihte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Weg von Mintzels Wohn- und Druckhaus am Maxplatz \u2013 es war in Hof an der Saale das zweite Stammhaus der Druckerdynastie Mintzel \u2013 zum Logengeb\u00e4ude war nicht weit. Er \u00fcberquerte den Maxplatz, bog an der Michaeliskirche nach rechts in den Kirchplatz ein und ging \u00fcber den oberen Teil der Ludwigstra\u00dfe, der fr\u00fcheren Ersten Gasse, zum Gasthaus vor dem Oberen Tor. Vielleicht blieb er ab und zu am ehemaligen ersten Wohn- und Stammhaus der Drucker Mintzel stehen, am Haus Ludwigstra\u00dfe 85, wie ich es sp\u00e4ter auf meinen Reisen nach Hof ebenso tat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">In der Loge \u203aZum Morgenstern\u2039 galten, wie in der Freimaurerei allgemein, von Anfang an strenge Schweigeregeln, die vor Einmischungen und Kritik von au\u00dfen sch\u00fctzen und dem inneren Zusammenhalt dienen sollten. Die Verschwiegenheitspflicht galt f\u00fcr die \u203aTempelarbeit\u2039, also f\u00fcr die geheimen rituellen Lehren und Praktiken, f\u00fcr die Rituale und Symbole bei der Aufnahme von \u203aSuchenden\u2039 und f\u00fcr den Initiationsweg zur tieferen Selbsterkenntnis (Lehrling, Geselle und Meister).Der \u00dcbergang von einem Grad zum n\u00e4chsten hat seine jeweils besonderen Rituale.<\/p>\n<p align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-863 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003-700x447.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"447\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003-700x447.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003-300x192.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003-768x491.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003-800x511.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_003.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Initiation eines Suchenden in der Freimaurerei, Kupferstich von 1805, Frankreich; aus: Sonntagsblatt Nr. 45, 08.11.205, S. 5<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">In ihrer Tempelarbeit bildeten die Br\u00fcder eine hermetisch geschlossene Gemeinschaft, zu der Nichteingeweihte, sogenannte Profane, keinen Zutritt hatten. Jede Loge hatte in ihrem Geb\u00e4ude oder in ihren R\u00e4umlichkeiten einen besonderen Sakralsaal. Was darin geschah und gesprochen wurde, war mit einem absoluten Tabu belegt. Diese unabdingbare Verschwiegenheitspflicht gilt bis zum heutigen Tag. Sie ist im Selbstverst\u00e4ndnis der Logen der empfindlichste Punkt im Verhaltenskodex. Der entsprechende Paragraph des Logen-Gesetzes lautet: \u00bbDer Bund fordert gegen Nichtmaurer die strengste Verschwiegenheit; es bedarf daher mit keinem Uneingeweihten \u00fcber die im Logenleben begr\u00fcndeten Kenntnisse und Gebr\u00e4uche, weder im Allgemeinen noch Einzeln, gesprochen und viel weniger etwas davon mitgeteilt werden. Ein Gleiches ist in den wesentlichen Punkten von Seiten der Gesellen und Meister gegen Br\u00fcder, Lehrlinge und Gesellen zu beobachten.\u00ab (Quelle: Loge \u203aZum Morgenstern\u2039).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Mein Besuch eines Tempels \u2013 Ein verbotener Zutritt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auf einer Reise nach Hof\/Saale \u2013 es muss gegen Ende der 1980er Jahren gewesen sein \u2013 darf ich dort in den Tempel der gerechten und vollkommenen Sankt Johannisloge \u203aZum Morgenstern\u2039 eintreten und das verborgene Innere der Loge kennenlernen. Der Meister vom Stuhl f\u00fchrt mich in den Raum, der Nichteingeweihten streng verschlossen bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Es ist nicht der gleiche Raum, in dem mein Ururgro\u00dfvater in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts als Meister gewirkt hat, doch gleicht der Mitte des 19. Jahrhunderts neu bezogene Raum in seiner inneren Ordnung und Symbolik den damaligen Verh\u00e4ltnissen. Die heilige Zahl Drei bestimmt die Raumeinteilung und den Standort der Dinge. Der Meister vom Stuhl sitzt \u203aim Osten\u2039, wo das Licht herkommt, an einem hohen Pult, vor ihm liegt auf der Tischfl\u00e4che der Hammer, den er w\u00e4hrend der Sitzung f\u00fchrt. Zum Pult, das altar\u00e4hnlich auf einer erh\u00f6hten Plattform steht, f\u00fchren \u2013 wie in Kirchen \u2013 drei Stufen hoch. \u00dcber dem Meister vom Stuhl ist an der symbolischen Ostwand ein dreieckiger Leuchtkasten angebracht, auf dessen Glasscheibe das Auge Gottes erstrahlt. In Gott sehen die Logenbr\u00fcder, die Maurer, den h\u00f6chsten und gr\u00f6\u00dften Baumeister, der die Welt erschaffen hat. Die Logenbr\u00fcder arbeiten am Tempelbau der Menschheit, ein jeder nach seinen individuellen Kr\u00e4ften. In der Ordnung der Logenbr\u00fcder herrscht eine strenge Platzordnung und Hierarchie. Zur Linken des Meisters vom Stuhl sitzt sein Erster Sekret\u00e4r, zur Rechten der Zweite. Beide werden als Logenbeamte bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Gegen\u00fcber vom Meister vom Stuhl, \u203aim Westen\u2039 des Raumes, sitzt an den zwei Reihenende der Erste Aufseher auf der Seite der Meister und Gesellen, der Zweite auf der Seite der Lehrlinge. Die Aufseher haben \u00fcber die genaue Einhaltung der Rituale zu wachen. Im langen Mittelfeld des Tempelraumes stehen drei S\u00e4ulen, welche die drei Enden des Zirkels symbolisieren. Hammer und Zirkel stehen f\u00fcr die Werkzeuge der Maurer. Der Tempel wird nach mittelalterlichem Vorbild auch \u203aBauh\u00fctte\u2039 genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Im Raum waltet eine strenge Ordnung, alles hat seine Bedeutung, alles dient den Ritualen. Auf jeder der drei S\u00e4ulen und auf jedem Tisch der Sekret\u00e4re und Aufseher steht eine Kerze. W\u00e4nde, Stuhlpolster und Bemalungen sind in Preu\u00dfischblau gehalten. Der Ablauf der Handlungen, der Reden und Gegenreden, folgt strengen Regeln. F\u00fcr bestimmte Rituale sind besondere Licht- und Beleuchtungseffekte vorgesehen, sie reichen vom hell durchstrahlten Raum bis zum Verl\u00f6schen der Lichtquellen. So hat es mein Ururgro\u00dfvater erlebt, so \u00e4hnlich wird es auch heute noch praktiziert. Ich verdanke es wohl meinem Ururgro\u00dfvater, in einen Tempel gef\u00fchrt und mit dessen innerer Ordnung vertraut gemacht zu werden, wodurch der amtierende Meister vom Stuhl seine Verschwiegenheitspflicht verletzt. M\u00f6gen seine Freimaurerbr\u00fcder ihm dies verzeihen! In meinem Forscherleben hatte ich immer wieder das Gl\u00fcck, auf Akteure zu treffen, die mir T\u00fcren \u00f6ffneten und Einblicke gew\u00e4hrten \u2013 wie 1967 mein Lehrer und Chef Prof. Dr. Otto Stammer den Eintritt in die Sozialwissenschaft, wie 1968 Franz Josef Strau\u00df in die Arkana der CSU, wie mein Kollege Prof. Dr. Heinrich Oberreuter 1980\/81 an der Universit\u00e4t Passau, wie der Meister vom Stuhl der Hofer Loge \u203aZum Morgenstern\u2039. Wir brauchen im Leben kompetente T\u00fcr\u00f6ffner, um weiterzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>\u00bbStirb und werde!\u00ab \u2013 Die Erhebung zum Meister<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">So mag es sich 1819 zugetragen haben: Die Logenbr\u00fcder, die bereits den Meistergrad erreicht haben, versammeln sich in dunklen Anz\u00fcgen im Tempel, um am Ritual der Erhebung Mintzels zum Meister teilzunehmen. Sie tragen ihre Zylinder und Sch\u00fcrzen. Der Schurz geh\u00f6rt zur symbolischen Kleidung der Maurer bei ihrer Tempelarbeit. Der Zeremonienmeister \u00bbsorgt f\u00fcr die ritualgem\u00e4\u00dfe Gestaltung der Logenarbeit und Feierlichkeiten.\u00ab Heute wird einer der <em>Gesellen<\/em>, der Buchdrucker und Zeitungsverleger Johann Heinrich Mintzel, zum Meister erhoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Zur symbolischen Kleidung geh\u00f6ren auch die wei\u00dfen Handschuhe, die alle Grade als Zeichen ihrer Ehrfurcht tragen, wenn sie in ihren Arbeiten im Tempel eine h\u00f6here Welt suchen. Vorn sitzt an seinem Pult der amtierende Meister vom Stuhl. Am Westende des Tempels steht Mintzel. Die Sekret\u00e4re des Stuhlmeisters und die Aufseher haben Platz genommen. Der Stuhlmeister er\u00f6ffnet mit drei Hammerschl\u00e4gen das Ritual der Meistererhebung, das auf der so genannten Hiramslegende beruht. Der Legende nach war Hiram Abif K\u00f6nig Salomons Meisterarchitekt gewesen, der den unvollendeten Tempel errichtet hatte (2. Chronik, 2,3ff). Hiram Abif war von drei Gesellen ermordet worden, weil er ihnen nicht die geheimen Erkennungsworte der Meisterschaft verraten hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-933 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001-700x456.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001-700x456.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001-768x500.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001-800x521.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/39_n_001.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Erhebung eines Freimaurer-Gesellen zum Meister, Kupferstich, Ende 18. Jahrhundert;<br \/>\naus: Sonntagsblatt Nr. 45, 8.11.2015, S. 6<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Raum ist vom Schein der Kerzen matt erhellt. Schatten flackern \u00fcber die W\u00e4nde, Reden und Gegenreden raunen aus den Reihen von Platz zu Platz. Im Mittelteil des Raums steht auf einem sogenannten Arbeitsteppich eine mit einem schwarzen Tuch bedeckte Bahre, an deren Kopfende liegt ein schwarzes Kissen. Kandidat Mintzel senkt seinen Blick auf den Teppich und erkennt die dort abgebildeten Symbole des Todes. Er betrachtet den menschlichen Sch\u00e4del und die gekreuzten Knochen. Im rituellen Drama werden die symbolischen Werkzeuge der Meistererhebung verwendet: Der Schl\u00e4gel (Hammer) mit dem Hiram Abif erschlagen, der Spaten, mit dem sein Grab geschaufelt, der Sarg, in der seine \u00dcberreste gelegt, und der Akazienzweig, der auf seinem Grab gebl\u00fcht haben soll. Der Meister vom Stuhl hei\u00dft den \u203aTodeskandidaten\u2039, sich zum Sterben auf die Bahre niederzulegen. Zwei Logenbr\u00fcder unterst\u00fctzen ihn dabei. Feierliche Stille. Mintzel liegt regungslos da, l\u00e4sst in sich den <em>Gesellen<\/em> absterben. Die zwei Logenbr\u00fcder decken ein gro\u00dfes schwarzes Tuch \u00fcber seinen Kopf und Oberk\u00f6rper. Sie treten gemessenen Schrittes zur\u00fcck. <em>Geselle<\/em> Mintzel erlebt symbolisch den Tod Hirams. Die Maurer murmeln leise und getragen ihre Sinnspr\u00fcche der Verwandlung. Der Meister vom Stuhl tritt von seinem Sitz herab und schreitet auf die Bahre zu. Er erweckt den Toten und erhebt ihn im w\u00f6rtlichen Sinne in den Meistergrad. Mintzel erf\u00e4hrt, wie sich seine Seele \u00fcber seine inneren Feinde \u2013 Ignoranz, Begierde, Leidenschaft und S\u00fcnde \u2013 erheben kann. Er richtet sich mit Hilfe des Meisters vom Stuhl auf. Das schwarze Tuch wird dem Erhobenen feierlich vom Kopf gezogen. Mit seiner <em>Geburt im Grade eines Meisters<\/em> hat Mintzel eine neue Stufe der Versittlichung erreicht. Er wird wie der legend\u00e4re Hiram Abif das geheime Erkennungszeichen, durch das sich ein Meister identifiziert, niemals verraten und \u00fcber seine rituelle Erhebung im Beisein profaner Personen niemals sprechen, auch nicht im engsten Familienkreis. Er wird das Mysterium im Herzen bewahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Aus seiner Sicht habe ich etwas Ungeheuerliches gewagt, n\u00e4mlich aufgrund meines Tempelbesuches, von Berichten, die doch nach au\u00dfen gedrungen sind, und mit etwas Fantasie seinen rituellen Tod und seine Erhebung zum Meister so zu erz\u00e4hlen, wie er sie damals erlebt haben k\u00f6nnte. (A. Mintzel 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band II, S. 89\u2013133).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Die Passauer Freimaurerloge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auf einem anderen Weg habe ich in der Dreifl\u00fcsse-Stadt Passau die dortige Freimaurerei kennengelernt. In Passau gibt es nebeneinander und scharf getrennt voneinander zwei Logen: Die Freimaurerloge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039 e.V. i. Or. [im Orient \u2013 A.M.] Passau und den Freimaurer-Orden. Erstere versteht sich als humanistischer M\u00e4nnerbund ohne religi\u00f6s-konfessionelle Bindung. Nach ihrem Selbstverst\u00e4ndnis ist die Loge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039 den Grundideen der Humanit\u00e4t, Toleranz, Freiheit und Gleichheit verpflichtet. Sie tritt unter ihrem Meister vom Stuhl \u00f6ffentlich mit eigenen Veranstaltungen auf. Der Orden ist dagegen strikt religi\u00f6s-konfessionell ausgerichtet und meidet jede Art und Form des \u00f6ffentlichen Auftritts. Er verh\u00e4lt sich wie ein Geheimbund. W\u00e4hrend sich die Frage der \u00d6ffentlichkeitsarbeit beim Orden erst gar nicht stellt, ist sie bei der Loge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039 zu einem Brennpunkt ihres Selbstverst\u00e4ndnisses geworden. Was darf aus dem geselligen Innenleben und \u00fcber das br\u00fcderliche Wirken der Loge an die \u00d6ffentlichkeit gelangen und auf welchem Weg? Und was unterliegt der absoluten Verschwiegenheitspflicht? Wo liegt die Grenzlinie? Die vier Grundregeln, die \u203avier alten Pflichten\u2039, sind streng vorgegeben: die Verschwiegenheitspflicht, die politische und religi\u00f6s-konfessionelle Neutralit\u00e4tspflicht (\u00dcberparteilichkeit und \u00dcberkonfessionalit\u00e4t), die Treuepflicht gegen\u00fcber Staat und Obrigkeit (die Pflicht, ein guter Staatsb\u00fcrger zu sein) und die Pflicht, Nachsicht mit den Fehlern der Br\u00fcder zu \u00fcben. Die br\u00fcderliche Handlungsmaxime der Nachsicht korrespondiert mit dem Gebot: \u00bbVerachte deinen Bruder nicht wegen seiner Schw\u00e4chen, sondern suche ihn zu verbessern.\u00ab Zu den Verschwiegenheitspflichten geh\u00f6rte bisher auch die unabdingbare Pflicht, seine Logenzugeh\u00f6rigkeit und die seiner Freimaurerbr\u00fcder in der profanen Welt nicht zu offenbaren, die Mitgliedschaft also geheim zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die Passauer Loge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039 ist dabei, ihr Erscheinungsbild an die Erfordernisse der Medien- und Kommunikationsgesellschaft anzupassen (PNP Nr. 198, 27.08.2016, S. 20). Sie lockert die Verschwiegenheitspflicht dadurch auf, dass sie die Grenzen zwischen Geheimnis und \u00d6ffentlichkeit auf den rituellen Bereich der Tempelarbeit zur\u00fccksteckt und die profanen Teile ihrer Veranstaltungen \u00f6ffentlich ank\u00fcndigt und f\u00fcr Interesssenten zug\u00e4nglich macht. Sie bietet Diskussionsforen, beteiligt sich an \u00f6ffentlichen Aktionen und erm\u00f6glicht es ihrem Meister vom Stuhl, Interviews zugeben. Mit seinen von den Logenbr\u00fcdern zugelassenen Auftritten geht der Meister vom Stuhl \u00bbaus seiner Deckung\u00ab. Auch anderen Logenbr\u00fcdern wird gestattet, in begrenzter Weise aus der Deckung der Loge zu treten und sich als Freimaurer zu erkennen zu geben. In ihrer Gratwanderung zwischen Verschwiegenheitspflicht und \u00d6ffentlichkeit gilt allerdings umso nachdr\u00fccklicher das Prinzip der Diskretion. Kein Freimaurer ist befugt, die Identit\u00e4t eines Bruders preiszugeben. Der Meister vom Stuhl, Franz Josef Gotzler, hat in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse die grunds\u00e4tzliche Handhabung der Deckung so erl\u00e4utert: \u00bbDoch selbst wenn ich als Vorsitzender die \u00d6ffentlichkeitsarbeit forciere, gew\u00e4hre ich dennoch jedem Bruder die M\u00f6glichkeit der Deckung. Die Br\u00fcder k\u00f6nnen nach au\u00dfen gehen, wie ich es tue, m\u00fcssen aber nicht. Viele haben noch immer Angst vor Restriktionen, wenn ihre Mitgliedschaft publik wird. Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, zumindest was die nichtreligi\u00f6se Entourage betrifft.\u00ab (PNP Nr. 198, 27.08.2016, S. 20). Mit anderen Worten im Umkehrschluss: die religi\u00f6sen \u2013 sprich katholischen \u2013 Mitglieder der Loge haben in Passau nach wie vor mit kirchlichen und gesellschaftlichen Restriktionen zu rechnen. Wird eine Mitgliedschaft entdeckt und angezeigt, k\u00f6nnen Missgunst und Diskriminierung sogar bis zur Existenzgef\u00e4hrdung f\u00fchren. Unter vorgehaltener Hand wird in der Loge von einem aktuellen Fall berichtet, der die \u00c4ngste katholischer Freimaurer vor Entdeckung verst\u00e4rkt hat. Die meisten katholischen Freimaurer ziehen es deshalb vor, in der Deckung ihrer Loge zu bleiben. \u00bbProtestanten haben dagegen relativ wenige Probleme mit der Freimaurerei\u00ab, so Gotzler.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auf der Seite der evangelischen Kirche hat es im Gegensatz zur r\u00f6misch-katholischen keine Unvereinbarkeitserkl\u00e4rungen und keine scharf abwehrende Frontstellung gegen die Freimaurerei gegeben. In ihrer Tutzinger Erkl\u00e4rung vom Oktober 1973 hielten beide Seiten fest, dass das freimaurische Gottesverst\u00e4ndnis und ethische Wollen trotz offener Fragen keine Unvereinbarkeit mit der evangelischen Glaubenslehre begr\u00fcnde: \u00bbDie Entscheidung \u00fcber die Mitgliedshaft in der Freimaurerei muss dem freien Ermessen des Einzelnen \u00fcberlassen werden.\u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-864 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004-700x1110.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1110\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004-700x1110.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004-768x1218.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004-800x1269.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_004.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Lokal-Gesetze f\u00fcr die [&#8230;] St. Johannis-Loge zum Morgenstern im Or. Hof, Titelblatt<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-865 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005-700x577.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005-700x577.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005-300x247.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005-768x633.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005-800x659.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/39_005.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Lokal-Gesetze f\u00fcr die [&#8230;] St. Johannis-Loge zum Morgenstern im Or. Hof, Maur. Grunds\u00e4tze<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>\u00bbdiese widerliche Plage \u2026 vernichten\u00ab (Papst Leo XIII., 1884)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Sehr fr\u00fch hatte hingegen die Freimaurerei den Zorn und die Abwehr der r\u00f6misch-katholischen Kirche hervorgerufen. Von 1738 bis 1918 hatten zw\u00f6lf p\u00e4pstliche Stellungnahmen die Freimaurerei verurteilt, weil sie antiklerikale Ziele verfolge und eine humanit\u00e4r-deistische Weltanschauung vertrete. Papst Leo XIII. verteufelte sie 1884 in seiner Enzyklika Humanum Genus, \u203a\u00dcber Wesen und Gefahr der Freimaurerei\u2039, als ein Werk des Satans. Die Freimaurerei schmiede ein Komplott gegen die Kirche, sie sei eine \u00bbverh\u00e4ngnisvolle Pest\u00ab, die ausgemerzt geh\u00f6re. In ihren wahnwitzigen und finsteren Bestrebungen offenbare sich \u00bbSatans unaustilgbarer Hass und Rachedurst gegen Jesus Christus\u00ab. Sp\u00e4tere Bem\u00fchungen, die alte kirchliche Gegnerschaft zu entsch\u00e4rfen, blieben ohne Erfolg. Die sogenannte Lichtenauer Erkl\u00e4rung von 1970, in der sich beide Seiten n\u00e4hergekommen schienen, erhielt keinen verbindlichen Rechtscharakter. Als Pr\u00e4fekt der Glaubenskongregation stellte Joseph Kardinal Ratzinger noch 1983 fest, dass ein Katholik, der Freimaurer geworden sei, weiterhin im Stande der schweren S\u00fcnde lebe und automatisch von der heiligen Kommunion (Eucharistie) ausgeschlossen sei. Daran habe auch der 1983 novellierte Codex Iuris Canonici, das kanonische Kirchenrecht, nichts ver\u00e4ndert. Noch heute verbreiten die katholische Kirche und ihre Meinungsf\u00fchrer aberwitzige und abstruse Ger\u00fcchte \u00fcber das, was Freimaurer ihrer Meinung nach treiben und anstreben. Nach wie vor gilt das Verdikt von 1884: \u00bbDie Sekte ist eben ihrem ganzen Wesen und ihrer innersten Natur nach S\u00fcnde und Schande, darum ist es nicht erlaubt, ihr beizutreten und in irgendeiner Weise behilflich zu sein.\u00ab Die katholische Kirche sieht bis zum heutigen Tag in der Freimaurerei eine gegen sie und ihre Lehre gerichtete Sekte: wehe dem katholischen Freimaurer, der sich aus der Deckung seiner Loge wagt! Er muss mit erheblichen Unannehmlichkeiten rechnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Freimaurerische Umtriebe an der Universit\u00e4t Passau?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die katholische Frontstellung gegen die Freimaurerei hatte sich auch beim Streit um das Passauer Universit\u00e4tsemblem, im Madonnen-Streit, gezeigt. Die Universit\u00e4t hatte bei ihrer Neugr\u00fcndung 1978 die gegenreformatorische Kampf-Ikone der \u203aMaria vom Siege\u2039 zu ihrem Emblem erkoren. Der universit\u00e4tsinterne Antrag, diese zweifelhafte \u00dcbernahme zur\u00fcckzunehmen und ein konfessionsneutrales Emblem einzuf\u00fchren, war 1990\/91 von fundamentalistischen katholischen Kreisen Passaus aufs Heftigste kritisiert worden. In der katholischen Diffamierungskampagne war sofort der Verdacht ausgestreut worden, in der Universit\u00e4t seien Freimaurer am Werk. Die Antragsteller waren in der Passauer Neuen Presse verd\u00e4chtigt worden, freimaurerisches Gedankengut in die Universit\u00e4t hineinzutragen: \u00bbNun erregt auch das Bildnis der Heiligen Jungfrau im Siegel der Universit\u00e4t Passau Ansto\u00df. F\u00fcr sie, die weise Jungfrau, Mittlerin aller Gnaden, der Siegerin in allen Schlachten Gottes, ist in einer modernen Universit\u00e4t, in der Liberalismus und freimaurischer Humanismus regieren soll, nat\u00fcrlich kein Platz mehr.\u00ab (PNP Nr. 257, 07.11.1990, S. 22) Die Freimaurerei blieb f\u00fcr viele Katholiken eine Schreckgestalt des B\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Meister vom Stuhl der Passauer Loge \u203aZu den vereinigten drei Fl\u00fcssen\u2039 verriet \u00fcber die Sozialstruktur der Loge: \u00bbVom Handwerker bis zum Professor ist alles dabei\u00ab (PNP Nr. 198, 27.08.2016, S. 20). Wehe die Mitgliedschaft eines Professors w\u00e4re im Madonnen-Streit der Universit\u00e4t Passau ruchbar geworden! Schon eine Verd\u00e4chtigung h\u00e4tte gen\u00fcgt, um den Zorn der Glaubenseiferer zum Wallen zu bringen und den \u203aS\u00fcnder\u2039 \u00f6ffentlich zu brandmarken und zu verdammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">An der Universit\u00e4t Passau hat die \u203aSiegerin in allen Schlachten Gottes\u2039 allerdings ihre Schlacht gegen eine angeblich falschverstandene Wissenschaft verloren (siehe Kap. 29 und 30). In der Frage des r\u00f6misch-katholischen Glaubens- und Kultsymbols konnten die gegens\u00e4tzlichen weltanschaulichen, religi\u00f6s-konfessionellen und wissenschaftstheoretischen Anschauungen nicht vers\u00f6hnt, geschweige denn eine gemeinsame inhaltliche L\u00f6sung gefunden werden. Es blieb nur die pragmatische Entscheidungsalternative: Konsens durch Verfahren. Und dies hie\u00df: Abschied von der \u203aMaria vom Siege\u2039, Einf\u00fchrung eines konfessionsneutralen Logos.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<pre class=\"western\"><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Heinrich Mintzel (1763\u20131840) \u2013 ein Freimaurer Mein Ururgro\u00dfvater, der Hofer Buchdrucker und Zeitungsverleger Johann Heinrich Mintzel (1763\u20131840), war ein \u00fcberzeugter und bis an sein Lebensende engagierter Freimaurer. Er war im Jahre 1800 von Bayreuth nach Hof \u00fcbergesiedelt und hatte um die Jahreswende 1800\/1801 die Mintzelsche Buchdruckerei vom Alten Gymnasium zur\u00fcckgekauft und das Verlagsrecht des&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[481,492,489,490,484,488,487,214,486,482,483,485,480,491],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=302"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":944,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302\/revisions\/944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}