{"id":31,"date":"2016-04-21T17:14:47","date_gmt":"2016-04-21T15:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=31"},"modified":"2019-02-02T05:19:56","modified_gmt":"2019-02-02T04:19:56","slug":"und-am-naechsten-morgen-fehlen-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/21\/und-am-naechsten-morgen-fehlen-kinder\/","title":{"rendered":"3. Und am n\u00e4chsten Morgen fehlen Kinder"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Luftangriffe auf N\u00fcrnberg<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">1942. N\u00fcrnberg im dritten Kriegsjahr. Ehemalige Freie Reichsstadt im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation, jetzt \u201eStadt der Reichsparteitage\u201c, ein Zentrum des Nationalsozialismus in \u201eGro\u00dfdeutschland\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wohnen direkte Nachkommen der Druckerdynastie Mintzel, die Familie meines Vaters und Verwandte, in der alten Reichsstadt. Wir wohnen in N\u00fcrnberg-Nord in der Rieterstra\u00dfe 6 oben im dritten Stock. Die Stra\u00dfe liegt etwa einen halben Kilometer au\u00dferhalb der Stadtmauern, quer zur Bucherstra\u00dfe, die hinausf\u00fchrt in das so genannte Knoblauchland. Das Wohnhaus ist wie die meisten an dieser Stra\u00dfe gelegenen im Jahre 1906 erbaut. Das vierst\u00f6ckige Geb\u00e4ude aus massiven grauen Keupersandsteinen ist mit Ziegelsteinen unterkellert. Ein gro\u00dfr\u00e4umiges B\u00fcrgerhaus mit repr\u00e4sentativen hohen Zimmern, die Decken stuckverziert, in jedem Wohnraum ein hoher Kachelofen. Im Hinterhaus eine Waschk\u00fcche f\u00fcr alle Mieter. Es hei\u00dft, das Haus sei vor 1937 in j\u00fcdischem Eigentum gewesen. Das hohe, massiv gebaute B\u00fcrgerhaus erweckt den Eindruck, unverw\u00fcstlich zu sein. In den Jahren 1941 bis 1943 erlebe ich hier erste vereinzelte Angriffe auf N\u00fcrnberg, verbringe Bombenn\u00e4chte in den dunklen, verwinkelten Kellerr\u00e4umen. Der Luftkrieg ist noch nicht weit ins Reich vorgedrungen. Wir haben die Schrecken schwerer Luftangriffe noch nicht erlebt; wir wissen noch nicht, was auf uns zukommen wird. Auf die Idee, eine Fliegerbombe k\u00f6nnte bis zum Keller durchschlagen und alle Hausbewohner t\u00f6ten, kamen wir noch nicht. Nur die Vorbereitungen des organisierten Luftschutzes lassen uns sp\u00fcren, dass eine t\u00f6dliche Bedrohung irgendwie in der Luft liegt. Am Ende des Jahres 1942 beginnen sich die Luftwarnungen zu h\u00e4ufen. Es gibt, nach Einflugzonen gestaffelt, drei Alarmstufen: Erste Vorwarnung, zweite Vorwarnung, Hauptwarnung. Wenn die feindlichen Bombergeschwader in das Stadtgebiet einfliegen, gilt es, so rasch wie m\u00f6glich die Schutzr\u00e4ume in den Kellern aufzusuchen. Schon wir Volkssch\u00fcler werden \u00fcber die Luftschutzvorkehrungen unterrichtet und mit Verhaltensma\u00dfregeln bekannt gemacht. Der einge\u00fcbte \u201eErnstfall\u201c bleibt nicht lange aus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im dritten Kriegsjahr werden die Angriffe heftiger. \u00dcber die kleinen schwarzen Volksempf\u00e4nger, das Jedermannsradio von damals, werden die sogenannten Luftlagemeldungen durchgegeben: Anflug der Feindmaschinen auf Luftkorridor drei, zwei, eins. Die Bev\u00f6lkerung wird aufgerufen, sich sofort in die Luftschutzr\u00e4ume zu begeben. Meine Eltern, ihre f\u00fcnf kleinen Kinder, Gro\u00dfvater, Dienstm\u00e4dchen und Kinderm\u00e4dchen, packen ihre B\u00fcndel. Wir eilen drei Stockwerke hinunter zum Keller. Die anderen Hausbewohner tun das Gleiche. Wir treffen uns dort alle, schlaftrunken und verst\u00f6rt, und harren der Dinge. Die ersten Angriffe verlaufen glimpflich, die Trefferquote der Bombenabw\u00fcrfe ist noch gering, das Feuer der Fliegerabwehrkanonen, kurz Flak genannt, noch wirksam. Wir gew\u00f6hnen uns an das n\u00e4chtliche Sirenengeheul. Nicht jede Luftwarnung hat einen Angriff zur Folge.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Ernstfall ist gekommen: Wieder sitzen wir im Keller und horchen und horchen. Die Feindmaschinen scheinen Bomben \u00fcber einem anderen Stadtgebiet abzuwerfen. Mein Vater ist ein sogenannter Luftschutzwart. Er tr\u00e4gt eine gr\u00fcne Armbinde und muss daf\u00fcr sorgen, dass die Luftschutzordnung eingehalten wird und bei Bombeneinschl\u00e4gen erste Hilfsma\u00dfnahmen eingeleitet werden. Noch w\u00e4hrend des Angriffs nimmt mich mein Vater bei der Hand. Als \u00e4ltestem von f\u00fcnf Geschwistern wird mir Verantwortung \u00fcbertragen, wenn es ernst wird. Mein Vater verl\u00e4sst mit mir den Keller und f\u00fchrt mich im dunklen Stiegenhaus nach oben in den dritten Stock. Wir tasten uns durch die abgedunkelten G\u00e4nge unserer Wohnung, mein Vater voran. Licht zu machen ist streng verboten. Jeder Lichtpunkt k\u00f6nnte ein Ziel f\u00fcr die Flugzeugmannschaften sein. Das Nazi-Regime hat \u00fcberall in der Stadt an Lithfa\u00dfs\u00e4ulen Plakate aufkleben lassen: Ein Knochenmann reitet auf einem feindlichen Flugzeug und schleudert eine Bombe auf ein beleuchtetes Haus Die Plakate weisen drastisch auf die Gefahr hin: \u201eDer Feind sieht Dein Licht! Verdunkeln!\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-525 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1-700x986.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"986\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1-700x986.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1-768x1082.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1-800x1127.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/03_01_Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_113_Nr._0071_Bild_1_5-196980-1.jpg 1068w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><em>Der Feind sieht Dein Licht! Verdunkeln!; Otto Sander-Herweg, 1940\/43, Plakat f\u00fcr das Deutsche Propaganda-Atelier.<\/em><br \/>\n<em>Landesarchiv Baden-W\u00fcrttemberg, Staatsarchiv Freiburg W113 Nr.0071 Bild 1<\/em><br \/>\n<em>http:\/\/www.landesarchiv-bw.de\/plink\/?f=5-196980-1<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir gehen in den Seitengang zum hinteren Teil der Wohnung. Mein Vater \u00f6ffnet das schmale, hohe Fenster im Toilettenraum. Alle Nachbarh\u00e4user stehen im Dunkeln, nirgendwo ein Lichtschein, nirgendwo eine menschliche Stimme. Ein unheimliches Surren dringt zu uns herab, wir h\u00f6ren das monotone Ger\u00e4usch der Fliegermotoren. Angestrengt schauen wir in den Nachthimmel. Die deutsche Flakabwehr hat Dutzende Gro\u00dfscheinwerfer in den schwarzen Himmel gerichtet. Mit ihren Lichtkegeln sucht sie den Himmel ab. Die Strahlenb\u00fcndel wandern hin und her, sie kreuzen sich, sie tasten in die Nacht hinein: ein faszinierendes Lichtschauspiel. Irgendwo Einschl\u00e4ge, ganz nah eine Detonation. Pl\u00f6tzlich scheint in einem Lichtkegel ein Kampfflugzeug auf. In gro\u00dfer H\u00f6he wirkt es wie ein silberner Winzling, wie ein harmloses Silberfischchen, das ins Dunkel zu entkommen versucht. Die Gro\u00dfscheinwerfer verfolgen die viermotorige Maschine, doch bleibt sie f\u00fcr die Flak au\u00dfer Reichweite. Es fliegen viele dort oben. Das Surren wird schw\u00e4cher. Wir h\u00f6ren nur noch ged\u00e4mpftes Grollen und einzelne ferne Detonationen. Aber noch ist keine Entwarnung gegeben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">W\u00e4hrend eines anderen Angriffs nimmt mich mein Vater abermals bei der Hand, geht mit mir zum Kellerausgang und f\u00fchrt mich nach drau\u00dfen auf die Stra\u00dfe. Wir laufen auf dem menschenleeren Gehsteig zur Ecke Bucherstra\u00dfe\/Rieterstra\u00dfe. An der Apotheke bleiben wir stehen. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben ein lichterloh brennendes Haus. Ich bin zwar erst acht Jahre alt, aber die hautnahen Kriegserlebnisse haben mich wach werden lassen. Die Bombenn\u00e4chte haben meine Wahrnehmungsf\u00e4higkeit gesch\u00e4rft. Ich wei\u00df nun, was Angst bedeutet. Noch zehn Jahre nach Kriegsende werde ich angstvoll aufschrecken, wenn Sirenen aufheulen. Sie erinnern mich immer an Krieg, Zerst\u00f6rung und Tod.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im vierten Kriegsjahr h\u00e4ufen sich die Luftangriffe auf N\u00fcrnberg. Sie werden heftiger, die Zerst\u00f6rungen nehmen zu. Eines Nachts heulen wieder die Sirenen. Alle Hausbewohner versammeln sich im langen Gang des Kellers. Sie hocken auf St\u00fchlen, die sie f\u00fcr die Bombenn\u00e4chte im Schutzraum bereitgestellt haben. Im schummerigen Licht der schwachen Beleuchtung erscheinen alle fahl und grau, sie werfen kaum Schatten. Die Worte ersterben. Alle horchen, was oben geschieht. Im Keller herrschte immer eisernes Schweigen. Erste, noch ferne Detonationen, als w\u00fcrde irgendwo ein Feuerwerk abgebrannt. Ein dumpfes Grollen, begleitet von den Salven der Flak. Die Bombeneinschl\u00e4ge kommen n\u00e4her, die Angst w\u00e4chst. Die Detonationen h\u00f6ren sich an, als seien sie nur noch ein paar Stra\u00dfenz\u00fcge entfernt, der Kellerboden bebt. Die elektrischen Birnen beginnen zu flackern, das Stromnetz scheint getroffen, Sekunden lange Finsternis. Die Ohren der Erwachsenen haben gelernt, die Sprengkraft von Bomben zu unterscheiden: die fast unh\u00f6rbaren und deshalb so gef\u00e4hrlichen Einschl\u00e4ge von Brandbomben, die krachenden von Phosphor- und Sprengbomben, die ohrenbet\u00e4ubenden Detonationen tonnenschwerer Luftminen. Pl\u00f6tzlich eine ungeheuer laute Detonation; eine heftige Druckwelle schleudert meine Mutter an die Wand. Wir erstarren vor Angst. Ein Aufschrei aus Dutzend M\u00fcndern, das elektrische Licht erlischt. Was ist mit meiner Mutter passiert? Meine Mutter weint. Sie scheint unversehrt geblieben zu sein. Hat es oben eingeschlagen? Wird die Kellerdecke halten? Ist der Durchbruch zum n\u00e4chsten Haus gangbar? Werden wir ins Freie gelangen, sterben oder \u00fcberleben? Minuten vergehen. Angespanntes Horchen. M\u00e4nner gehen zum Kellerausgang und wagen einen Blick ins Treppenhaus. Die Rieterstra\u00dfe 6 ist nicht getroffen worden. Die Bomben schlagen immer ferner ein. Der Luftangriff ist vorbei. Die Sirenen entwarnen mit einem langen Heulton. Alle sind erleichtert, alle streben aus dem Keller, rennen nach oben, um nach den Sch\u00e4den zu schauen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zur\u00fcck in der Wohnung. Die Luftdruckwellen der Explosionen haben alle Fensterscheiben zu Bruch gehen lassen. Auf dem Boden liegen unz\u00e4hlige Scherben und Glassplitter. Die Verdunklungsrollos aus schwarzem Papier sind zerrissen, die Fetzen h\u00e4ngen von den Fensterrahmen herab. Am Himmel ist ein heller Widerschein der Feuer zu sehen. Die Erwachsenen r\u00e4umen rasch die Splitter weg und verh\u00e4ngen die Fenster notd\u00fcrftig mit T\u00fcchern und Decken. Wir sind einmal mehr mit dem Leben davon gekommen. Eine Riesenluftmine hat zwei Stra\u00dfenz\u00fcge weiter in der Johannisstra\u00dfe mehrere Geb\u00e4ude in Schutt und Asche gelegt. Viele Hausbewohner sind in den Kellern umgekommen. Am Morgen fehlen in der Schule Kinder, die dort gewohnt haben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir lesen am Tag darauf bizarre Bombensplitter auf. Auch ich beginne Splitter zu sammeln und tausche St\u00fccke, kleine und gro\u00dfe Splitter, die durch die Sprengkraft der Bomben besonders \u201esch\u00f6ne\u201c Formen erhalten haben. Wir haben Spa\u00df am Tausch, wie ihn Jahrzehnte sp\u00e4ter Kinder beim Tauschen von Schl\u00fcmpfen haben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Am 2. Februar 1943 geht das grausame Gemetzel im Kessel von Stalingrad zu Ende. Der Bericht der deutschen Wehrmacht meldet den Fall von Stalingrad. Die NS-F\u00fchrung sieht sich vor die Aufgabe gestellt, die verheerende Niederlage der deutschen Bev\u00f6lkerung so mitzuteilen, dass die Wirkungen nicht den, wie es damals hie\u00df, Wehr- und Kriegswillen l\u00e4hmen. Die Bekanntgabe der verlorenen Schlacht wird propagandistisch bis ins Detail geplant und die Verk\u00fcndigung des Heldendramas pathetisch inszeniert. Die Erwachsenen h\u00e4ngen am Lautsprecher des Volksempf\u00e4ngers und warten auf die angek\u00fcndigten Nachrichten. Den Programmablauf habe ich erst viel sp\u00e4ter als Wissenschaftler kennengelernt: Am 3. Februar um 14.18 Uhr knisterte es in unserem Radio: die \u00dcbertragung der Heldenfeier begann mit Beethovens Milit\u00e4rmarsch, dann folgte die Egmont-Ouvert\u00fcre, schlie\u00dflich Liszt. Um 15 Uhr t\u00f6nte die Sondermeldung aus dem Lautsprecher. Sie war in die ber\u00fcchtigte Phrase gekleidet: \u201eSie starben, damit Deutschland lebe\u201c. Es folgte das \u201eLied vom guten Kameraden\u201c, das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied in \u201egro\u00dfer Fassung \u2013 ohne Gesang\u201c. Dann war drei Minuten lang Funkstille. Die pomp\u00f6se Inszenierung dieser Heldengedenkfeier klang mit dem Trauermarsch aus Richard Wagners \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c und Beethovens f\u00fcnfter Symphonie aus. Die medial inszenierte Verwandlung des Massensterbens in einen Mythos des kollektiven Opfertodes hatte ich selbstverst\u00e4ndlich als Kind nicht begreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich erinnere mich noch an diesen Nachmittag. Die Gef\u00fchlsbewegungen im Kreise der Erwachsenen sagten mir, dass weit drau\u00dfen auf einem Kriegsschauplatz etwas Schreckliches passiert sein musste. Wir hatten uns im kleinen Wohnzimmer versammelt, mein Gro\u00dfvater, meine Mutter, unser Dienstm\u00e4dchen Emmi, unser Kinderm\u00e4dchen Theresa, meine j\u00fcngeren Geschwister und ich \u2013 mein Vater ist zu dieser Zeit im Rathaus im Dienst. Gro\u00dfvater Mintzel sitzt auf dem alten abgewetzten grauen Sofa, das aus seinem fr\u00fcheren Haushalt stammt. Vorne in der Ecke, nahe am hohen Fenster, steht der schwarze, mattgl\u00e4nzende Volksempf\u00e4nger auf einem Buffet. Alle lauschen. Theresa lehnt am Buffet und weint. Sie bangt um das Schicksal eines Freundes oder Verlobten. Im Wohnzimmer herrscht Niedergeschlagenheit. Irgendwelche Wortfetzen h\u00e4ngen im Raum. Der hohe wei\u00dfe Kachelofen strahlt wohltuende W\u00e4rme ab. Die Bedeutung des Falls von Stalingrad konnte ich als knapp Achtj\u00e4hriger nicht einmal erahnen. Dass im russischen Winter die gefangenen deutschen Soldaten den Todesmarsch in die Lager antraten, wusste ich damals noch nicht. Ich sp\u00fcrte aber, dass sich etwas Ungeheuerliches zugetragen haben musste. Der 3. Februar 1943 verbindet sich in meiner Erinnerung mit Theresas Tr\u00e4nen. Ich habe nie erfahren, ob sie den Menschen, um den sie geweint hatte, jemals wiedergesehen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luftangriffe auf N\u00fcrnberg 1942. N\u00fcrnberg im dritten Kriegsjahr. Ehemalige Freie Reichsstadt im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation, jetzt \u201eStadt der Reichsparteitage\u201c, ein Zentrum des Nationalsozialismus in \u201eGro\u00dfdeutschland\u201c. Seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wohnen direkte Nachkommen der Druckerdynastie Mintzel, die Familie meines Vaters und Verwandte, in der alten Reichsstadt. 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