{"id":311,"date":"2017-04-05T17:06:02","date_gmt":"2017-04-05T15:06:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=311"},"modified":"2019-03-06T02:26:36","modified_gmt":"2019-03-06T01:26:36","slug":"40-schockierende-erlebnisse-das-totenbuch-von-mauthausen-warnung-und-appell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/04\/05\/40-schockierende-erlebnisse-das-totenbuch-von-mauthausen-warnung-und-appell\/","title":{"rendered":"40. Schockierende Erlebnisse: Das Totenbuch von Mauthausen \u2013 Warnung und Appell"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u201eDie Generation(en) der Davongekommenen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Kriegs- und Nachkriegsjahre von 1943 bis 1948 haben sich tief in mein Ged\u00e4chtnis eingebrannt: die N\u00e4chte im Luftschutzkeller, der Donnerschall explodierender Bomben, die ver\u00e4ngstigten Hausbewohner, die im fahlen Schein der Notbeleuchtung auf ihren St\u00fchlen hocken, das Flackern der elektrischen Birnen, wenn in der N\u00e4he Bomben einschlagen, die R\u00fcckkehr in die verw\u00fcstete Wohnung nach dem Angriff. Diese Ereignisse und Bilder sind, auch wenn sie allm\u00e4hlich an Schrecken verloren haben, nie ganz aus meinem Ged\u00e4chtnis gewichen. Ich bin ein Kriegskind geblieben. Der 2. Januar 1945 und die Tage danach, der Gang mit meinem Gro\u00dfvater durch das fast v\u00f6llig zerst\u00f6rte N\u00fcrnberg, geh\u00f6ren zu den unausl\u00f6schlichen Erinnerungen an meine Kindheit. Ich sehe mich noch immer an seiner Seite schweigend auf durch Schutt verengte Stra\u00dfen gehen. Brandgeruch steigt auf. Aus der Tr\u00fcmmerlandschaft ragen Hausskelette, Fassadenteile, Mauerreste, verbogene Rohrleitungen, Treppen ins Nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Menschen schieben Karren vor sich her, beladen mit dem wenigen, das sie gerettet haben. \u00dcber allem liegt eine bleierne Stimmung. Fast zweitausend Menschen sind am Abend des 2. Januar 1945 umgekommen, nach manchen wird in den Tr\u00fcmmern noch gegraben. Nach dem Krieg \u00fcberkommt mich noch lange Zeit ein Schauer, wenn Sirenen aufheulen. Mit jedem Alarmton kehrt der Krieg zur\u00fcck. Noch Mitte der 1950er Jahre sind nicht alle Tr\u00fcmmerberge abger\u00e4umt. Der Wiederaufbau zieht sich \u00fcber meine ganze Jugendzeit hin. Mein k\u00fcnftiges Leben wird davon bestimmt. Als ich 1955 in Hannover an der Werkkunstschule Malerei und Grafik zu studieren beginne, schaue ich von meinem Fenster aus noch auf Ruinen. Ich bin Jahrgang 1935, werde als so genannter Wei\u00dfer Jahrgang nicht zur Bundeswehr eingezogen, die eben aufgebaut wird. Mir bleibt der Wehrdienst erspart. Alles Milit\u00e4rische ist mir suspekt, doch die Frage der Wehrdienstverweigerung stellt sich nicht f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als in viel sp\u00e4teren Jahren im Fernsehen \u00fcber kriegszerst\u00f6rte St\u00e4dte berichtet wird, \u00fcber Grosny, Gaza Stadt, Aleppo, Damaskus oder Mossul, kehren die Ruinenbilder der Kriegs- und Nachkriegszeit zur\u00fcck. Die Fernsehbilder wecken Erinnerungen an die Schrecken des Krieges. Ich zucke innerlich zusammen. Und mit diesen Bildern dr\u00e4ngen sich mir erneut alte Fragen auf, Fragen nach dem Sinn all dieser Scheu\u00dflichkeiten und der Grausamkeiten, die sich Menschen seit alters antun. Warum l\u00e4sst der angeblich allm\u00e4chtige, allwissende, allg\u00fctige, allgegenw\u00e4rtige, absolut weise und liebende Gott zu, was, wie so oft in seinem Namen, geschieht? Mich \u00e4rgern die bekannten Floskeln, mit denen das angebliche Wirken Gottes besch\u00f6nigt wird. Zorn \u00fcberkommt mich, wenn ich \u00fcber theologische Spitzfindigkeiten nachdenke, mit denen christliche Priester ihren Gott exkulpieren wollen. Ihre stereotypen Denkfiguren und Deutungsschemata sind abgegriffen und angesichts der Ereignisse und Verh\u00e4ltnisse geradezu zynische Beschwichtigungen, so scheint es mir. Den Glauben an einen Gott habe ich l\u00e4ngst verloren. Aber die Suche des Wissenschaftlers nach rationalen Antworten ist geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich sehe mich als einen, der davongekommen ist, der das Gl\u00fcck hatte, am Leben zu bleiben. Mehr noch, ich hatte die Chance, als ein vergleichsweise autonomes Subjekt mein Leben gestalten zu k\u00f6nnen. Mein gleichaltriger Kollege Oskar Negt, ein prominenter Sozialwissenschaftler, w\u00e4hlte f\u00fcr seine \u201eautobiografische Spurensuche\u201c den Titel \u201e\u00dcberlebensgl\u00fcck\u201c (Steidl Verlag, G\u00f6ttingen 2016) und reihte sich damit in die \u201eGeneration der Davongekommenen\u201c ein. Ein treffender Titel f\u00fcr uns traumatisierte Kriegskinder mit ihren schmerzhaften Erfahrungen und schrecklichen Erlebnissen. Sein Lebenslauf wurde wie der meine von gemeinsamen Erfahrungen gepr\u00e4gt. Sie dr\u00e4ngen uns offenbar gleicherma\u00dfen, dar\u00fcber zu berichten. Oskar Negt sieht sein \u00dcberlebensgl\u00fcck und sein gelungenes Leben nicht als schicksalhaftes, von oben beschiedenes \u00dcberleben an, schon gar nicht als eine g\u00f6ttliche F\u00fcgung, sondern als etwas existenziell Gegebenes, das er aktiv bearbeitet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich bezeichne es als einen Zufall, dass es mich noch gibt, ja \u00fcberhaupt gegeben hat. Schon mein Spiel mit dem geladenen Trommelrevolver meines Gro\u00dfvaters h\u00e4tte t\u00f6dlich ausgehen k\u00f6nnen. H\u00e4tte die Luftmine, die ein britisches Kampfflugzeug bei einem Luftangriff auf N\u00fcrnberg \u00fcber unserem Wohnviertel abgeworfen hat, nicht unser Wohnhaus treffen und bis auf die Grundmauern zerst\u00f6ren k\u00f6nnen? Die Bombe schlug zwei H\u00e4userzeilen entfernt ein, zerst\u00f6rte einen ganzen Stra\u00dfenzug und t\u00f6tete Menschen, die wie wir in den Luftschutzkellern gesessen hatten. Leben oder Tod hingen von Zeit und Ort des Ausklinkens einer Bombe ab. H\u00e4tte ich nicht in das Fadenkreuz eines feindlichen Tieffliegers geraten k\u00f6nnen, der am Ende des Krieges unsere Wege unsicher machte? H\u00e4tte mich nach dem Kriege nicht einer der Blindg\u00e4nger zerrei\u00dfen k\u00f6nnen, die \u00fcberall im Boden staken? \u00dcberall lauerten t\u00f6dliche Gefahren. Dass wir Kinder und Jugendlichen davonkamen, verdankten wir nicht allein elterlichem Schutz und F\u00fcrsorge, sondern wohl weit h\u00e4ufiger dem blinden Zufall.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieser Zufall, davongekommen zu sein und (noch) zu leben, lie\u00dfe sich sogar noch viel weiter in die Vergangenheit verfolgen: Schon im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg h\u00e4tte die Existenz der Buchdruckerfamilie Mintzel bei den Belagerungen Leipzigs oder bei ihrem \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Umzug nach Hof an der Saale im Jahr 1642 enden k\u00f6nnen. Der einzige \u00fcberlebende Sohn des Gr\u00fcnders der Mintzelschen Buchdruckerei wurde in Hof bei einem Raub\u00fcberfall kaiserlicher S\u00f6ldnergruppen so heftig an die Wand geschleudert, dass er zeitlebens hinken musste. Der S\u00e4ugling hatte \u00dcberlebensgl\u00fcck. Dass er mit dem Leben davonkam und eine Familie gr\u00fcnden konnte, diesem Zufall verdanke ich in der Kette vieler Zuf\u00e4lle mein Leben. Ich habe diese Chance genutzt, obschon daraus keine Triumphgeschichte geworden ist. Ich habe als ein Davongekommener die Berufsposition eines Hochschullehrers stets als ein Privileg und zugleich als Herausforderung und als die Verpflichtung betrachtet, einen Beitrag zur Befriedung Europas zu leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Beteiligung am deutsch-amerikanischen OMGUS-Projekt in Washington D.C., 1978<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meine T\u00e4tigkeit als Hochschullehrer war es auch, die mich im Herbst 1978 in die USA und dort in die Kriegs- und Nachkriegszeit zur\u00fcckf\u00fchrte. Ich nahm in den USA am deutsch-amerikanischen OMGUS-Projekt teil, in dessen Rahmen eine Riesenmenge an Aktenmaterial aus der US-Besatzungszone gesichtet, ausgewertet und, soweit als historisch relevant eingestuft, verzeichnet und verfilmt wurde. Dazu geh\u00f6rten auch die OMGUS-Akten des US-Sektors in Berlin. OMGUS war die Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201cOffice of Military Government United States\u201d. Das kostspielige und aufw\u00e4ndige Projekt wurde in Zusammenarbeit des M\u00fcnchner Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte, des Zentralinstituts f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung an der Freien Universit\u00e4t Berlin, des Koblenzer Bundesarchivs und der Staatsarchive der westdeutschen Bundesl\u00e4nder durchgef\u00fchrt. Diese Institutionen sandten im Wechsel jeweils Mitarbeiter nach Washington D.C. Ich war im Auftrag des Landesarchivs Berlin und des Zentralinstituts f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung beteiligt. Zu meinen Aufgaben z\u00e4hlte auch die Auswertung des Aktenmaterials zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Berlins und zur Wiederbelebung der Berliner Wirtschaft nach der Berliner Blockade durch die UdSSR. Eine gewisse Kompetenz hatte ich daf\u00fcr, weil ich von 1962 bis 1966 an dem Forschungsprojekt \u201eBerlin &#8211; Hauptstadtanspruch und Westintegration\u201c beteiligt gewesen war und zu den Mitautoren des Buches z\u00e4hlte. Der Riesenberg an Archivmaterial war nach der Besatzungszeit in die USA verschifft, dort zun\u00e4chst nach Kansas gebracht und schlie\u00dflich nach Suitland\/Maryland in eine Dependance der National Archives \u00fcberf\u00fchrt worden. Wir pendelten werkt\u00e4glich mit einem Shuttle von Washington D.C. zu unserem Arbeitsplatz in Suitland. Ich wohnte im Hotel \u201eThe Coronet\u201c 200 C Street SE ganz nahe am Capital Hill. Es war eine ereignisreiche und erlebnisintensive Zeit, in der lebenslange Freundschaften begr\u00fcndet wurden. Einer der amerikanischen Projektmitarbeiter, Bryan van Sweringen, wurde in den 1980er Jahren mein Doktorand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von Washington D.C. aus unternahmen wir Ausfl\u00fcge in die benachbarten Bundesstaaten und genossen den Indian Summer. Ich besuchte in Paris\/Kentucky zum ersten Mal eine amerikanische Brieffreundin, mit der ich, abgesehen von zeitweiligen Unterbrechungen, seit 1950 korrespondiert hatte. Ellen Ch. Boyd stammte aus Tracy City Tennessee. Sie war mit einem Gro\u00dfunternehmer verheiratet, mit William Stamler, der gro\u00dfe Maschinen herstellte und nach Jugoslawien verkaufe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der \u00e4u\u00dferst lehrreiche Aufenthalt f\u00fchrte uns auch die Schattenseiten der USA vor Augen, wir wurden mit den Folgen des Vietnamkrieges konfrontiert, der in der US-Gesellschaft tiefe Wunden hinterlassen hatte, und erlebten buchst\u00e4blich hautnah den weit verbreiteten Rassismus. Unsere afroamerikanischen Mitarbeiterinnen verhielten sich scheu und zur\u00fcckhaltend, sie nahmen an unseren Geselligkeiten nicht teil. Was mir besonders auffiel, war der offene Drogenkonsum wei\u00dfer Akademikerkreise. Marihuana zu rauchen schien auf abendlichen und n\u00e4chtlichen Zusammenk\u00fcnften selbstverst\u00e4ndlich zu sein. Ich nahm in einer feucht-fr\u00f6hlichen Akademikerrunde zum ersten und \u2013 ich sage es gleich \u2013 zum letzten Mal in meinem Leben an einer Marihuana-Party teil, die mir nicht gut bekam. Obwohl in diesen Jahren auch in Westberlin Drogenkonsum in der antiautorit\u00e4ren Szene \u00fcblich gewesen war, hatte ich mich davon stets ferngehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf meinen neugierigen Fu\u00dfwanderungen durch schwarze Wohngebiete und Slums geriet ich w\u00e4hrend <em>dieses<\/em> Aufenthaltes in den USA trotz so mancher Mahnung nie in eine heikle oder gar gef\u00e4hrliche Situation. Ein wirklich tief aufw\u00fchlender, nachhaltiger Erlebnisschock riss mich psychisch, mental und intellektuell bei einer ganz anderen Begebenheit um, die mich in das Nazi-Deutschland zur\u00fcckversetzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Grauen der Vernichtungslager \u2013 Das Totenbuch von Mauthausen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">John Mendelsohn, ein leitender Angestellter der National Archives in Washington D.C., zust\u00e4ndig f\u00fcr den Records Service und die General Service Administration, lud die Mitarbeiter am OMGUS-Projekt zu einer besonderen F\u00fchrung und Informationsrunde ins Hauptgeb\u00e4ude der National Archives ein. Mendelsohns Einladung folgten unter anderen Dr. Josef Henke vom Bundesarchiv Koblenz, Reinhard Heydenreuter von der Zentralverwaltung der bayerischen Staatsarchive, Vertreter von Landesarchiven und unsere amerikanischen Mitarbeiter Bruster Chamberlin und Bryan van Sweringen. Mendelsohn hatte wohl mit Bedacht f\u00fcr uns Deutsche \u201ehochkar\u00e4tige\u201c originale Dokumente aus der NS-Zeit Deutschlands ausgesucht, die damals schwer oder gar nicht zug\u00e4nglich waren. Unter den Dokumenten waren die Geheimreden Heinrich Himmlers vor der SS und dessen Randnotizen dazu, ein von Eva Braun, der Lebensgef\u00e4hrtin Adolf Hitlers, gef\u00fchrtes Fotoalbum, das zahlreiche Bilder aus ihrem Privatleben enthielt, das Totenbuch vom Konzentrationslager Mauthausen und zu meiner besonderen \u00dcberraschung Akten meines Vaters aus den N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozessen. Ich hatte Mendelsohn erz\u00e4hlt, dass mein Vater von 1947 bis 1949 als Verteidiger im Wilhelmstra\u00dfen-Prozess mitgewirkt und ich in dieser Zeit den Geheimdienstchef Hitlers, SS-Brigadegeneral Walter Schellenberg, pers\u00f6nlich kennengelernt hatte (siehe Blog Kap.7). Mendelsohn schenkte mir bei dieser Gelegenheit den von ihm gerade (1978) zusammengestellten Bericht \u00fcber den Fall IX \u201eUnited States of America v. Otto Ohlendorf et al.\u201c (Nuernberg War Crimes Trials Records of Case 9).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-659 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002-700x1040.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1040\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002-700x1040.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002-768x1141.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002-800x1189.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-660 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003-700x1040.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1040\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003-700x1040.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003-768x1141.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003-800x1189.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/40_003.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>John Mendelsohn, Nuernberg War Crimes Trials, Records of Case 9, United States of America v. Otto Ohlendorf et al., Washington 1978<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was mich jedoch tief ersch\u00fctterte und geradezu umriss, war das Totenbuch von Mauthausen. Es l\u00f6ste in mir einen psychischen Ausnahmezustand aus. Die Konfrontation mit diesem Zeugnis des Grauens und des B\u00f6sen war unertr\u00e4glich. Das vom KZ-Personal akribisch-b\u00fcrokratisch gef\u00fchrte Totenbuch war die bestialische Perversion einer Todesmaschinerie. Mit gestochen sch\u00f6ner Handschrift hatte das KZ-Personal chronologisch die ethnische oder staatliche Zugeh\u00f6rigkeit, die H\u00e4ftlingsnummer, Namen und Vornamen, Geburtsdatum, Geburtsort, angebliche Todesursache und Uhrzeit des Todes eines jeden Ermordeten registriert. Abertausende Eintragungen. In Sch\u00f6nschrift folgt eine Zeile auf die n\u00e4chste, eine jede ein vernichtetes Menschenleben. Dieses Dokument der NS-Verbrechen in den H\u00e4nden zu halten und darin zu lesen, w\u00fchlte mich innerlich auf und brannte sich in mein Ged\u00e4chtnis ein. Ich wurde diese entsetzlichen Eindr\u00fccke nie wieder los. Damals war es ein au\u00dferordentliches Ereignis, weil nur wenigen Personen der Zugang zu den Originaldokumenten gestattet war. Heute ist das l\u00e4ngst digitalisierte Totenbuch von Mauthausen f\u00fcr jeden Internetznutzer zu jeder Zeit frei zug\u00e4nglich. (World War II. War Crimes Records\/National Archives, The Mauthausen Concentration Camp Complex\/ Mauthausen Death Book; https:www.archives.gov\/research&#8230;\/war-crime-trials.html).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch sp\u00e4ter verlor ich noch in Gespr\u00e4chen, wenn ich auf dieses Ereignis zu sprechen kam, fast meine Fassung. Mir versagte die Stimme, wenn ich dar\u00fcber berichtete. Sprache wurde zum hilflosen Gestammel, wollte ich ausdr\u00fccken, welches Schockerlebnis diese Horrorstunde in den National Archives in mir ausgel\u00f6st hatte. Entsetzen, Schaudern, Erschrecken, Trauer. Mein Vater war als Verteidiger am Fall IX, am sogenannten \u201eEinsatzgruppen-Prozess\u201c (15.09.1947-10.04.1948) gegen Otto Ohlendorf beteiligt gewesen. Ohlendorf hatte als Leiter der Sicherheits-Organisation im Reichssicherheitshauptamt und der Einsatzgruppe in S\u00fcdrussland (1941\/42) die Ermordung von 90.000 Zivilisten auf dem Gewissen. Er war 1951 hingerichtet worden (siehe Blog Kap. 7). Wie hatte mein Vater seelisch und intellektuell diese Prozesse verkraftet, an denen er als Verteidiger mitgewirkt hatte? Ich hatte ihm in fr\u00fcheren Jahren vorgeworfen, dar\u00fcber geschwiegen zu haben. Das Totenbuch von Mauthausen, dieses Schockerlebnis in den National Archives, stimmte mich gegen\u00fcber der Weigerung meines Vaters, seine Zeitzeugenschaft autobiografisch zu dokumentieren, etwas milder. Wir kamen uns in seinen letzten Lebensjahren in diesen Fragen etwas n\u00e4her. Er hatte seine nationalsozialistische Vergangenheit weitgehend abgestreift.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So sehr mich die Konfrontation mit den Verbrechen der NS-Diktatur und die Auseinandersetzung mit den Untaten der V\u00e4tergeneration bedr\u00fcckte, lehnte ich es dennoch entschieden ab, eine kollektive Mitschuld und historische Mitverantwortung an diesen Verbrechen zu tragen. Ich sah meine Verantwortung als Hochschullehrer und politischer Zeitgenosse vielmehr darin, vor einer Wiederkehr rechtsradikaler, fremdenfeindlicher und neonazistischer Kr\u00e4fte zu warnen, mich \u00f6ffentlich gegen derartige Umtriebe zu stellen und die freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratie der Bundesrepublik Deutschland sichern zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Zu Neonazismus und Fremdenhass, 08.11.1992 &#8211; Warnung und Appell<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als ich von Passauer Politikern und Gewerkschaftlern gebeten wurde, zum Gedenken an die November-Pogrome 1938 einen \u00f6ffentlichen Vortrag zu halten und dabei zu den neonazistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen, Brandanschl\u00e4gen und Sch\u00e4ndungen von Gedenkst\u00e4tten der Jahre 1991\/92 Stellung zu nehmen, f\u00fchlte ich mich als Hochschullehrer im Sinne der eigenen historisch-politischen Erfahrungen verpflichtet und herausgefordert, diese Ausschreitungen und \u00a0ausl\u00e4nderfeindlichen Aktionen, die in neuen und alten Bundesl\u00e4ndern stattgefunden hatten, anzuprangern und die Bev\u00f6lkerung aufzurufen, diesen Umtrieben entschieden entgegenzutreten (PNP Nr. 260, 10.11.1992, S. 28).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In H\u00fcnxe (1991), Hoyerswerda (1991), Eberswalde (1991) und Sachsenhausen (1991) Rostock-Lichtenhagen (1992) und M\u00f6lln(1992) hatten Brandanschl\u00e4ge auf Asylantenheime, Wohnungen und j\u00fcdische Gedenkst\u00e4tten sowie gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen wieder Bilde des h\u00e4sslichen Deutschland hervorgerufen. Aggressiver Fremdenhass war von Zuschauern beklatscht und von Sympathisanten unterst\u00fctzt worden. Herumstehende B\u00fcrger hatten lebensgef\u00e4hrlicher Brandstiftung lauthals zugestimmt: \u201eGut, dass endlich was geschieht!\u201c Ich sagte in meiner zornigen Rede: \u201eDer Wissenschaftsbetrieb darf nicht in vornehmer Reserviertheit wegsehen und tatenlos beiseite stehen. Ich geh\u00f6re einer politischen Generation an, die zu den rechtsextremistischen Ausschreitungen nicht schweigen kann und darf. Auch wir Wissenschaftler sind herausgefordert, gegen alle Formen barbarischer Verwilderung unseres sozialen und politischen Lebens klar und entschieden Stellung zu nehmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es hatte an politischer Sensibilit\u00e4t gemangelt. Am Abend des 9.November 1992 waren auf Einladung des Passauer Oberb\u00fcrgermeisters, des niederbayerischen Regierungspr\u00e4sidenten und der Universit\u00e4tsleitung 6.000 Studentinnen und Studenten zur fr\u00f6hlichen Leberk\u00e4s-Speisung und Biertr\u00e4nke in die Nibelungenhalle gekommen. An der stadtoffiziellen Kundgebung gegen den Ungeist von rechts, die am 4. Dezember stattfand, nahmen hingegen nicht einmal zwei Dutzend Studierende teil. Die Er\u00f6ffnung des Wintersemesters mit der traditionellen Leberk\u00e4s-Speisung, die 30.000 Deutsche Mark kostete, war der Universit\u00e4tsleitung und der angehenden Akademikerschaft wichtiger als eine gemeinsame Demonstration gegen rechtsradikale Gewaltt\u00e4ter, Fremdenhass und Antisemitismus. Diese Gleichg\u00fcltigkeit machte und macht mich bis heute zornig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Ausz\u00fcge meiner Rede in: INSIDE. Monatsmagazin f\u00fcr Passau und Umgebung. Ausgabe 5, 2, Jg., Jan. 93, S. 6f)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Generation(en) der Davongekommenen\u201c Die Kriegs- und Nachkriegsjahre von 1943 bis 1948 haben sich tief in mein Ged\u00e4chtnis eingebrannt: die N\u00e4chte im Luftschutzkeller, der Donnerschall explodierender Bomben, die ver\u00e4ngstigten Hausbewohner, die im fahlen Schein der Notbeleuchtung auf ihren St\u00fchlen hocken, das Flackern der elektrischen Birnen, wenn in der N\u00e4he Bomben einschlagen, die R\u00fcckkehr in die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[493,504,506,505,520,508,509,494,501,517,503,513,495,514,502,516,500,512,499,330,497,507,518,496,515,511,510,519,498],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=311"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":664,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions\/664"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}