{"id":319,"date":"2017-04-06T16:48:11","date_gmt":"2017-04-06T14:48:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=319"},"modified":"2019-05-22T11:26:11","modified_gmt":"2019-05-22T09:26:11","slug":"44-on-the-sunny-site-of-th-street-die-jahre-im-tessin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/04\/06\/44-on-the-sunny-site-of-th-street-die-jahre-im-tessin\/","title":{"rendered":"44. \u201eKann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?\u201c  Zum Tode des CDU-Politikers Heiner Gei\u00dfler, 12.09.2017"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Heiner Gei\u00dfler (1930\u20132017), ein CDU-Politiker, der die Provokation als Mittel des politischen Streits liebte, starb vor wenigen Tagen, am 12. September 2017, im Alter von 87 Jahren. Sein Tod traf mit der Niederschrift dieses Blog-Kapitels merkw\u00fcrdig zusammen. Ich kannte ihn nicht pers\u00f6nlich, war aber mit seiner Person aus der Politik und meiner Parteienforschung gut vertraut. \u00dcber Jahrzehnte beobachtete ich seine \u00f6ffentlichen Auftritte. Seinen Lebenslauf und seine steile politische Karriere k\u00f6nnen im Internet bei Wikipedia im Detail nachgelesen werden. Nur so viel sei in diesem Blog-Kapitel als Kurzinformation zum Verst\u00e4ndnis vorangestellt: Gei\u00dfler war Z\u00f6gling der Jesuitenschule Kolleg St. Blasius im Schwarzwald. Nach dem Abitur trat er 1949 als Novize dem Jesuitenorden bei und studierte auf der jesuitischen Ordenshochschule in M\u00fcnchen Philosophie. Nach vier Jahren verlie\u00df er den Orden, weil er sich, wie er sagte, nicht f\u00fcr den Z\u00f6libat geeignet sah, studierte Rechtswissenschaften in M\u00fcnchen und T\u00fcbingen und erwarb 1960 den juristischen Doktorgrad. Er heiratete und hatte drei Kinder. Seine politische Karriere f\u00fchrte ihn von 1967 bis 1977 in die Landesregierung von Rheinland-Pfalz. Er war Minister unter den Ministerpr\u00e4sidenten Peter Altmeier, Helmut Kohl und Bernhard Vogel. Von 1982 bis 1985 war er Bundesminister f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit im Kabinett Kohl, von 1977 bis 1989 Generalsekret\u00e4r der CDU. Gegen Ende der 1990er und zu Anfang des 21. Jahrhunderts wechselte Gei\u00dfler seine politisch-ideologischen Einstellungen und \u00dcberzeugungen. Er bezog auf mehreren Politikfeldern linke Positionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der konservative Christdemokrat Gei\u00dfler galt lange Zeit in seiner eigenen Partei, aber auch in den Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern als Scharfmacher, Querdenker und rebellischer Unruhestifter. Seine scharf zugespitzten Wortattacken und verbalen Entgleisungen gegen links waren gef\u00fcrchtet. Er war in vielen Auseinandersetzungen ein \u201ewortm\u00e4chtiger Hetzer\u201c (Peter Reinhardt in: Mannheimer Morgen, 13.09.2017 https:\/\/www.morgenweb.de\/mannheimer-morgen_artikel,-politik-vom-grossen-zuspitzer-zum-verbindlichen-schlichter-_arid,1111812.html.) Ein paar Beispiele: Im sogenannten Deutschen Herbst 1977 (siehe Blog-Kap.15) hatte er bei der Abwehr der Terroraktionen der Roten Armee Fraktion in einer von ihm verantworteten Brosch\u00fcre linke und liberale Kulturschaffende und Politiker der Bundesrepublik Deutschland (Helmut Gollwitzer, Heinrich Albertz, G\u00fcnter Wallraff, Herbert Markuse, Bundesminister Werner Maihofer und andere) als \u201eSympathisanten des Terrors\u201c hingestellt. 1983 hatte Gei\u00dfler, als es um die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa gegangen war, die SPD als \u201eF\u00fcnfte Kolonne der anderen Seite\u201c bezeichnet, gemeint war der Ostblock. Er hatte dem \u201ePazifismus der drei\u00dfiger Jahre\u201c eine Mitschuld am Massenmord in Konzentrationslagern zugeschrieben, weil angeblich \u201edieser Pazifismus (\u2026) Auschwitz erst m\u00f6glich gemacht\u201c habe. Sein Auschwitz-Pazifismus-Vergleich hatte Emp\u00f6rung hervorgerufen. 1985 hatte Willy Brandt Gei\u00dfler vorgeworfen, \u201eseit Goebbels der schlimmste Hetzer im diesem Land\u201c zu sein. Die Liste der verleumderischen Entgleisungen Gei\u00dflers lie\u00dfe sich unschwer fortsetzen. Auch nach seinem politischen Positionswechsel hatte der streitbare CDU-Politiker und nunmehrige Linkskatholik seine Neigungen zu kritischen Zuspitzungen und angriffsbereiten Stellungnahmen beibehalten. Er hatte zum Beispiel die Wirtschaftspolitik der von der CDU gef\u00fchrten Bundesregierung als \u201eultrakonservativ\u201c, \u201eturbokapitalistisch\u201c, \u201eneoliberal\u201c, \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandt\u201c oder \u201evon gestern\u201c bezeichnet. \u201eDas gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem (sei) nicht konsensf\u00e4hig und zutiefst undemokratisch, es (m\u00fcsse) ersetzt werden durch eine neue Wirtschaftsordnung\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_Gei%C3%9Fler..17.09.2017\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_Gei%C3%9Fler..17.09.2017<\/a> 2016 hatte er die CSU als \u201eTotengr\u00e4berin der Union\u201c beschimpft und die CDU aufgefordert, in der Fl\u00fcchtlingspolitik sch\u00e4rfer entgegenzutreten (<a href=\"http:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/parteien\/id\">http:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/parteien\/id<\/a>_7&#8230;28.09.2017).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seine sp\u00e4te Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie lie\u00df ebenfalls nichts an Sch\u00e4rfe zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. In seinem kritischen Rundumschlag gegen den christlichen Glauben und die christlichen Gro\u00dfkirchen fand ich die vielen Gedanken wieder, die mich seit Jahren besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Gei\u00dflers Abrechnung mit der christlichen Theologie, 2015\/2017<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es w\u00e4re eine intellektuell unverantwortliche Verharmlosung, zu sagen, wie es in der Wikipedia-Biografie unter \u201eSonstiges\u201c steht, \u201eGei\u00dfler (habe) sich mehrfach kritisch zur katholischen Kirche\u201c und selbstkritisch und zweifelnd zu seinem katholischen Glauben ge\u00e4u\u00dfert. Nein! Gei\u00dfler wandelte sich in sp\u00e4teren Jahren, pointiert formuliert, von einem Paulus zu einem Saulus. Aus dem Jesuitenz\u00f6gling und tiefgl\u00e4ubigen praktizierenden Katholiken wurde ein Agnostiker und radikaler Kritiker nicht nur der katholischen Kirche, sondern allgemein der christlichen Theologie. In zweien seiner letzten Buchver\u00f6ffentlichungen setzte er zu einer radikalen und rabiaten Abrechnung mit dieser an: in seiner Brosch\u00fcre \u201eWas m\u00fcsste Luther heute sagen\u201c (2015) und noch drastischer in seiner letzten Schrift \u201eKann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifelt?\u201c (2017). Noch zwei Wochen vor seinem Tod sagte er in einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung (Nr. 211, 13.09.2017, S. 11): \u201eEs muss Streit geben \u00fcber das Gottesbild der katholischen und protestantischen Theologie. Solch einen Gott kann es nicht geben. Auf der einen Seite erschafft er die Welt so, wie sie ist, was ja im Glaubensbekenntnis betont wird. Gleichzeitig hat er solch einen Pfusch geschaffen, dass er seinen eigenen Sohn in einem etwas komplizierten Man\u00f6ver mit Hilfe einer Jungfrau auf die Welt gebracht hat, der dann in solidarischem Auftreten und Handeln sich an die Seite der leidenden Menschheit gestellt und alle M\u00fchen und Leiden durchlitten hat, die andere auch erleiden, und dadurch die Welt erl\u00f6st hat. Was soll das f\u00fcr ein allm\u00e4chtiger Gott sein, der erst eine Welt schafft, die dann aber so schlecht ist, dass sie vom eigenen Sohn wieder erl\u00f6st werden muss?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Blick auf die protestantische Theologie setzt er hinzu: Auch \u201edie [Protestanten] m\u00fcssen dringend theologische Ver\u00e4nderungen vornehmen, etwa die Erbs\u00fcndenlehre von Luther auf den Abfall der Geschichte schmei\u00dfen.\u201c (SZ, 13.09.2017, S. 11)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gei\u00dfler \u00fcbt in den beiden oben genannten Schriften einen wuchtigen Rundumschlag gegen die christliche Theologie und ihre speziellen Auspr\u00e4gungen aus (S\u00fcndentheologie, Droh- und Straftheologie, Moraltheologie, Gnadentheologie). Er fragt: \u201eIst die christliche Religion nicht ein gro\u00dfes Theater, zu dem die Theologen das Drehbuch geschrieben haben? Ist sie nicht ein T\u00e4uschungsunternehmen, eine Drogenfabrik?\u201c (Gei\u00dfler 2017: Kann man noch Christ sein, S. 9).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Man k\u00f6nnte versucht sein dagegenzuhalten, mit diesem Rundumschlag k\u00e4me wiederum der alte Polemiker und Zuspitzer zum Vorschein, einer, der mit fraglichen Vereinfachungen und b\u00f6swilligen Unterstellungen arbeite, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. In der Tat riefen Gei\u00dflers Streit- und Glaubensschriften unter Theologen und Kirchenm\u00e4nnern heftige Erwiderungen aus. Beide Schriften f\u00fchrten \u201eerhebliche Verwerfungen und Zerw\u00fcrfnisse in der katholischen Kirche\u201c und auf protestantischer Seite \u201eeinen Verriss der \u00fcbelsten Sorte\u201c herbei (so Gei\u00dfler in: SZ 13.09.2017, S. 11). Gei\u00dfler gibt zu: \u201eEinem Ratzinger w\u00fcrde ich gerne theologisch wehtun.\u201c (ebd.)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die katholische Kirche hat allerdings einen gro\u00dfen Magen, der allerhand verdaut. Die Nachrichtenagenturen melden, Gei\u00dfler werde nach katholischem Ritus in der Kirche ausgesegnet. Vor vierhundert Jahren h\u00e4tte ihn die katholische Inquisition auf einem Scheiterhaufen zu Tode gebraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gei\u00dfler stellt in seiner Abrechnung mit der christlichen Theologie all die Fragen der Theodizee, die auch ich hier in meinem Blog stelle. Er gibt auf sie \u00e4hnliche Antworten, nur noch radikaler, noch aggressiver, noch direkter. Die Moraltheologie der katholischen Kirche sei \u201eeine Moraltheologie der Scharia\u201c, die Lehre von der Erbs\u00fcnde eine \u201etheologische Erfindung, deren Wahnsinn den Irrsinn jeder Rassenideologie weit\u201c \u00fcbertreffe. Die Rechtfertigungslehre sei \u201eder Super-Gau aller faulen Ausreden\u201c, n\u00e4mlich, dass sich nicht Gott rechtfertigen m\u00fcsse, sondern der Mensch. Und \u00fcberhaupt: Die christliche Theologie b\u00f6te nur faule Ausreden auf die wirklich dr\u00e4ngenden Grundfragen des menschlichen Seins und Leidens an und verletze und beleidige die menschliche W\u00fcrde (Gei\u00dfler 2017: Kann man noch Christ sein, S. 15, 22, 32, 34f). Wenn es Gott gibt, wie ihn die christliche Theologie beschreibt, dann m\u00fcsse er auch in Auschwitz, in der Hinrichtungsst\u00e4tte Pl\u00f6tzensee, in Guantanamo und in allen Folterkammern der Welt anwesend gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber den Gott der christlichen Theologie g\u00e4be es nicht. Gei\u00dfler meint dies an empirischen Tatsachen demonstrieren zu k\u00f6nnen. Er f\u00fchrt zahlreiche Beispiele an. Die raffinierteste Erfindung der Theologie, um das \u00dcbel der Welt zu erkl\u00e4ren\u201c, (sei), so Gei\u00dfler, \u201eder ,freie Wille\u2018: dass n\u00e4mlich Gott von den Menschen geliebt werden wolle und dies nur dann wertvoll sei, wenn sie auch die Freiheit h\u00e4tten, ihn nicht zu lieben (\u2026) und ihre Freiheit zu Ungeheuerlichkeiten [zu] missbrauchen in Auschwitz, durch Pol Pot, den ,Islamischen Staat\u2018, Terrorakte mit schweren Lkws [Lastkraftwagen] in Nizza und auf dem Berliner Weihnachtsmarkt\u201c\u00a0 (ebd. S. 26f).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Obschon ich in Gei\u00dflers Rundumschlag gegen die christliche Theologie und ihre Gottesbegriffe eine Reihe argumentativer Schw\u00e4chen sehe, laufen seine Auslassungen doch in die gleiche Richtung wie meine Kritik an der christlichen Theologie und den Kirchen. Ich kann seine Wut, seinen Zorn, seine Emp\u00f6rung und seine Lust an der radikalen Attacke gut verstehen und nachvollziehen. Sie sind auf jeder Seite seiner Streitschriften zu sp\u00fcren und meiner Person nicht fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als Sozialwissenschaftler teile ich allerdings nicht seine Hoffnung, \u00fcber ein <em>elementares Christsein <\/em>die Lebensbedingungen der Menschen verbessern und den Weg in eine friedlichere und freundlichere Weltgesellschaft finden zu k\u00f6nnen. (ebd. S. 73f). Ich komme am Schluss noch einmal darauf zu sprechen. Gei\u00dflers Vorschl\u00e4ge und Forderungen untersch\u00e4tzen und verkennen die Funktionen von Gro\u00dforganisationen in modernen, hochdifferenzierten Gesellschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gei\u00dfler kommt in seinen Antworten letztendlich zu einem ebenso fundamentalen wie radikalen Ergebnis: Die christliche Theologie und ihre Kirchen haben \u201ekeine ehrlichen Antworten\u201c auf die grundlegenden Fragen der Menschheit (ebd., S.62). \u201eMit Sicherheit steht fest: \u201eDen Gott, wie ihn die Theologie der christlichen Kirchen beschreibt, kann es [aus logischen und empirischen Gr\u00fcnden \u2013 A.M.] nicht geben\u201c (ebd., S. 67). Die christliche Theologie und ihre Dogmen \u201esind nicht ma\u00dfgebend f\u00fcr das Christsein und versperren [sogar \u2013 A.M.] den Weg zu einem m\u00f6glichen Gott\u201c (ebd. S. 74).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Alles theologische Gerede \u00fcber Gott sei m\u00fc\u00dfig. Gei\u00dfler und ich h\u00f6ren auf der gleichen Wellenl\u00e4nge. Schon in fr\u00fcheren Jahren fragte ich mich im Stillen, wie es kl\u00e4nge, wenn alle bestialisch ermordeten und durch Naturkatastrophen aus dem Leben gerissenen Menschen in einem einzigen Augenblick ihr Leid und ihren Schmerz hinausbr\u00fcllen w\u00fcrden. Alle Trommelfelle w\u00fcrden in dem ohrenbet\u00e4ubenden Br\u00fcllorkan platzen und die Welt w\u00fcrde durch die akustischen Druckwellen zerbersten. Ich war erstaunt, als ich in Gei\u00dflers letzten Streitschrift vom M\u00e4rz 2017 (ebd., S. 11) las: \u201eK\u00f6nnte man die Schreie dieser gequ\u00e4lten, gesteinigten, gedem\u00fctigten, geschlagenen, ermordeten Menschen \u2013 die Schreie der Tiere mitgerechnet \u2013 alle gleichzeitig h\u00f6ren, w\u00fcrde dieser unertr\u00e4gliche Schrei alles Leben ausl\u00f6schen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und Gei\u00dfler wiederholt an dieser Stelle seinen Zweifel und seine dringliche Frage: \u201eDer Gott, der so etwas nicht nur m\u00f6glich macht, sondern es in jeder Minute zul\u00e4sst, soll auch noch ein liebender, gn\u00e4diger, gerechter Gott sein?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Heiner Gei\u00dflers religi\u00f6s-fundamentale Antwort und Forderung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eKann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?\u201c Heiner Gei\u00dfler bleibt ein Zweifler und \u00fcberzeugt davon, dass es keinen Gott gibt, \u201ewie ihn die Theologie der christlichen Kirchen beschreibt.\u201c (ebd., S. 67, auch 39). Er halte die Existenz eines \u201eanderen, von der christlichen Theologie weitgehend bereinigten Gott\u201c f\u00fcr m\u00f6glich (ebd., S.39). Die Lehren und Dogmen der christlichen Theologie seien auf alle F\u00e4lle hinderlich, weil diese auf antiquierten, heute nicht mehr akzeptablen Positionen und Sichtweisen verharren. \u201eDie Theologie beider Kirchen bleibt bei der unversch\u00e4mten und unglaublichen Behauptung, die Menschen m\u00fcssten sich f\u00fcr Ungl\u00fcck und Leid, die ihnen milliardenfach seit Tausenden Jahren widerfahren, vor Gott rechtfertigen und nicht umgekehrt Gott vor den Menschen. Gott, der doch als ,der Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde\u2018, so das Credo des ersten Konzils von Nic\u00e4a, eigentlich den Menschen und den Tieren ohnehin Rechenschaft ablegen m\u00fcsste, weil er sie gar nicht gefragt hat, ob sie so ein Leben haben wollen\u201c (ebd., S. 10). Gei\u00dfler dreht die Rechtfertigungslehre, so wie er sie versteht, einfach um. Sein Argument, Gott h\u00e4tte bei seinem Sch\u00f6pfungsakt Menschen und Tiere fragen m\u00fcssen, ob sie die von ihm zugedachten Lebensweisen haben f\u00fchren und Lebensumst\u00e4nde haben hinnehmen wollen, scheint mir absurd zu sein. Ein Sch\u00f6pfungsmythos einer g\u00f6ttlichen Urdemokratie. Solche gedanklichen Eskapaden sind ebenso schnurrig wie m\u00fc\u00dfig. Das mag ausgebuffte und ausgekochte Theologen zur Wei\u00dfglut bringen. Es w\u00e4re jedoch Zeitverschwendung, sich weitere Gedanken dar\u00fcber zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ob ein Gott existiert oder nicht und welche Qualit\u00e4ten er haben k\u00f6nnte oder gar m\u00fcsste, dar\u00fcber kann man, so Gei\u00dfler, nur spekulieren und als Christ hoffen, dass es einen g\u00e4be. In dieser Gottesfrage g\u00e4be es keine Gewissheit. Eines sei aber absolut sicher und empirisch erwiesen, dass Jesus gelebt und gelehrt hat. Er habe die sinnvollste Botschaft hinterlassen, die je ein Mensch verk\u00fcndet hat, die Botschaft der N\u00e4chstenliebe (ebd., S. 71, 73). \u201eDieser Jesus\u201c, so fasst Gei\u00dfler seine Gedanken zusammen, verk\u00f6rpert das Ideal der Glaubw\u00fcrdigkeit, das hei\u00dft der Einheit von Idee, Reden und Handeln, der Einheit von Anspruch und Wirklichkeit. So wie er damals die Menschen gegen die Machthaber sowie Sitten- und Glaubensw\u00e4chter vertreten hat \u2013 unabh\u00e4ngig, freim\u00fctig, selbstbewusst, furchtlos -, m\u00fcssten auch heute Bisch\u00f6fe, Kirchenpr\u00e4sidenten und charismatische F\u00fchrer mit dem Widerstandsgeist eines Martin Luther zur treibenden Kraft f\u00fcr eine neue und gerechte Welt-, Friedens-, und Wirtschaftsordnung werden\u201c (ebd., S. 74). Dieser historische Jesus und seine revolution\u00e4re Lehre m\u00fcssten unbedingt vor der christlichen Theologie, insbesondere vor der S\u00fcnden- und Gnadentheologie gerettet werden, um wieder voll wirksam werden zu k\u00f6nnen. \u00a0Die Botschaft Jesu sei eine der \u201eBefreiung mitten im Leben\u201c (ebd., S. 37). Gei\u00dfler k\u00e4mpfte sich in seiner radikalen Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie und den Kirchen zu einer Art fundamentaler Befreiungstheologie durch, die auch ohne Gott denkbar sei. \u201eWir haben als Christen\u201c, so schlie\u00dft er seine Streitschrift ab, \u201ekeine bessere Sinndeutung des Leidens in der Welt als jeder andere auch. Deswegen wird das Leiden f\u00fcr viele immer mehr zum ,Fels des Atheismus\u2018 \u201c (ebd., S. 69, siehe auch S. 22.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Gei\u00dfler (1930\u20132017), ein CDU-Politiker, der die Provokation als Mittel des politischen Streits liebte, starb vor wenigen Tagen, am 12. September 2017, im Alter von 87 Jahren. Sein Tod traf mit der Niederschrift dieses Blog-Kapitels merkw\u00fcrdig zusammen. 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