{"id":34,"date":"2016-04-23T17:05:02","date_gmt":"2016-04-23T15:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=34"},"modified":"2019-02-05T00:59:02","modified_gmt":"2019-02-04T23:59:02","slug":"4-kapitel-zwischen-schwelbraenden-und-truemmerhaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/23\/4-kapitel-zwischen-schwelbraenden-und-truemmerhaufen\/","title":{"rendered":"4. Zwischen Schwelbr\u00e4nden und Tr\u00fcmmerhaufen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Mit Sack und Pack in die Oberpfalz<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sp\u00e4testens nach dem Fall von Stalingrad bedurfte es keiner Hellsicht mehr, um zu erkennen, dass der Russland-Feldzug in einer Katastrophe enden w\u00fcrde. Die verlorene Schlacht um Stalingrad wurde auch in meinem Leben zu einem Wendepunkt. Ich hatte das Gl\u00fcck, in einer idyllischen Nische den Zweiten Weltkrieg zu \u00fcberleben. Im Fr\u00fchjahr 1943 sorgen mein Gro\u00dfvater und Vater daf\u00fcr, dass sich die Familie in einem abgelegenen Waldwinkel verstecken kann. Wir verlassen die \u201eStadt der Reichsparteitage\u201c, wie sie zu Hitlers Zeiten genannt wird, und ziehen mit Sack und Pack in die Oberpfalz. Mein Gro\u00dfvater hatte auf seinen Ausfl\u00fcgen nicht weit von Eschenbach entfernt, in einer bewaldeten Senke, eine Ein\u00f6de entdeckt: die Holzm\u00fchle, ein altes Bauernhaus, an das eine M\u00fchle und ein S\u00e4gewerk angebaut sind, eine gro\u00dfe Scheune und Stallungen f\u00fcr Rinder, Pferde und Schweine. Gegen\u00fcber den alten Geb\u00e4uden steht auf einem Hang ein Neubau, in den sp\u00e4ter einmal die n\u00e4chste Bauerngeneration einziehen sollte. Nun ziehen dort meine Mutter, mein Gro\u00dfvater, wir f\u00fcnf Kinder und das Dienstm\u00e4dchen Emmi ein. Wir haben weder elektrisches Licht noch flie\u00dfendes Wasser. Das fahle Licht der Petroleumlampen hilft uns durch die Dunkelheit der Neumondn\u00e4chte und der Wintermonate. Das Holzsammeln f\u00fcr den Ofen und das Schleppen der Wassereimer von der Quelle am bewaldeten Hang zum Haus geh\u00f6ren zu meinen t\u00e4glichen Pflichten. Mein Vater muss in N\u00fcrnberg bleiben, wo er, \u201euk\u201c-gestellt, als \u201cunabk\u00f6mmlicher\u201c Oberverwaltungsrat im Dienst der Stadtverwaltung steht. Er hatte sich freiwillig zu Wehrmacht gemeldet und war von 1941 bis 1942 in der Normandie stationiert und dort, mehr Karikatur eines Soldaten, im Schreibstubendienst eingesetzt gewesen. In der Familie hatte es seit Jahrhunderten keine milit\u00e4rische Tradition gegeben. Als schwerkranker Mann kehrte mein Vater aus dem Kriegsdienst zur\u00fcck und war seither vom Wehrdienst befreit.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-545 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001-700x466.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001-700x466.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001-800x533.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_001.jpg 1780w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Holzm\u00fchle bei Eschenbach \/ Oberpfalz, Sommer 1943; Photo: Kurt O. Mintzel<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-546 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002-700x465.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002-700x465.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002-800x532.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_002.jpg 1782w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Holzm\u00fchle bei Eschenbach: S\u00e4gewerk, Sommer 1943; Photo: Kurt O. Mintzel<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Meine Schwester und ich gehen in Tremmersdorf zur Dorfschule, das rund zwei Kilometer von der Holzm\u00fchle entfernt liegt. In der typisch bayrischen Zwergschule werden acht Klassen unterrichtet. Die zwanzig Sch\u00fcler der ersten bis zur achten Klasse sitzen in einem engen Raum in zwei Bankreihen, vorne die J\u00fcngsten, hinten die \u00c4lteren. Lehrer Anton Mailer geht am Morgen durch die Bankreihen, jede Klasse erh\u00e4lt ihr Pensum. Im Winter wird der Schulraum mit einem Kanonenofen beheizt. Der Lehrer schiebt ein paar Holzscheite nach. Der Unterricht beginnt morgens um acht Uhr und endet mittags. Die Sch\u00fcler der unteren Klassen schreiben mit Griffeln auf Schiefertafeln, die der oberen benutzen schon Schulhefte. Das Unterrichtsmaterial ist k\u00fcmmerlich, verglichen mit heutigen Standards katastrophal. Ich nehme gern am Unterricht teil und verfolge, was Lehrer Mailer bei der Unterrichtung der h\u00f6heren Klassen vorne auf die gro\u00dfe Lehrertafel schreibt und zeichnet. Das war ein Lernvorteil dieses binnendifferenzierten Unterrichts. Ich liebe das Sch\u00f6nschreiben, das zu den t\u00e4glichen Aufgaben geh\u00f6rt. Zeile f\u00fcr Zeile schreibe ich auf meiner Schiefertafel Buchstabenreihen. Daf\u00fcr werde ich in meinem Schulzeugnis mit der Note Eins belohnt. Es wird zu einer Manie und hat meine Schriftz\u00fcge bis ins hohe Alter gepr\u00e4gt. Der Unterricht f\u00fcr acht Klassen in einem kleinen Raum verlangt Disziplin. Die Sch\u00fcler, unruhige Bauernjungen, werden wie ehedem mit Stock und Rute bestraft. Dies geschieht in der Regel hinter den letzten Schulb\u00e4nken an der Wand. Sch\u00fclerinnen kommen mit einer Verwarnung davon. Lehrer Mailer, ein schm\u00e4chtiger Mann, wohnt mit seiner Familie im ersten Stock des Schulhauses in einfachen Verh\u00e4ltnissen. Vor dem Geb\u00e4ude befindet sich ein umz\u00e4unter Platz, der Schulhof. An der Seite steht ein Fahnenmast f\u00fcr den nationalsozialistischen Flaggenappell. Der Mast ist h\u00f6her als das einst\u00f6ckige Schulhaus. Bis zum Kriegsende h\u00f6ren wir t\u00e4glich den Kanonendonner, der vom nahen Truppen\u00fcbungsplatz Grafenw\u00f6hr her\u00fcberschallt. Am Tag ziehen Geschwader feindlicher Kampfbomber hoch am Himmel ihre todbringende Bahn und hinterlassen lange Kondensstreifen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-548 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a-700x464.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a-700x464.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a-768x509.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a-800x531.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003a.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Postkarte \u201eGru\u00df aus Temmersdorf, Oberpfalz\u201c, 1. H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-547 size-full\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003.jpg\" alt=\"\" width=\"1176\" height=\"1770\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003.jpg 1176w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003-768x1156.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003-700x1054.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_003-800x1204.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 1176px) 100vw, 1176px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><em>Geschwister Mintzel am Weiher hinter der Holzm\u00fchle bei Eschenbach \/ Oberpfalz, Sommer 1943; von links: Johann Albrecht (Alf), Johann Heinrich (Hein), Dorothea (Dorle); <\/em><em>Photo: Kurt O. Mintzel<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als wir uns in den letzten Kriegsjahren dort hinten, tief in der Oberpfalz, versteckt hielten, lag die Landschaft wie vor drei- oder gar vier vierhundert Jahren vor uns. Seit Jahrhunderten hatte der Mensch dieses sumpfige Gebiet so belassen, wie es nach den Rodungen ausgesehen hatte. Manchmal wateten M\u00e4nner am Rande des Gro\u00dfen Ru\u00dfweihers durch das Schilf und raubten die Eier der auffliegenden Lachm\u00f6wen. In dieses Versteck in der M\u00fchlbachsenke drangen nur wenige Nachrichten von au\u00dfen herein. Es gab selbst noch gegen Ende des Zweiten Weltkrieges idyllische Orte und Nischen, wo der Anschein herrschte, sie w\u00fcrden vom Weltgeschehen ausgespart bleiben. Wie vor Jahrhunderten lag dieser Winkel der Welt abseits der entsetzlichen Geschehnisse. Wir waren dahinten fast vergessen worden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch am 2. Januar 1945 holt uns die Realit\u00e4t ein: Die Royal Air Force (RAF) und die US-amerikanischen Luftstreitkr\u00e4fte greifen die Stadt der Reichsparteitage an. Mit einem verschl\u00fcsselten Code soll die BBC britische Agenten im Raum N\u00fcrnberg gewarnt haben: \u201eWagnerfreunde, am 2. Januar bringen wir die Meistersinger.\u201c Eine zynische Botschaft, hinter den Meistersingern verbergen sich \u00fcber f\u00fcnfhundert Bomber, die am Abend des 2. Januars auf ihr Ziel N\u00fcrnberg einschwenken und um 18.43 Uhr ihre Bombensch\u00e4chte \u00f6ffnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Inferno des Gro\u00dfangriffes kommen, wie die amtliche Statistik sp\u00e4ter mitteilen wird, 1794 Menschen um. Hunderttausend Einwohner werden obdachlos. Die \u201efliegenden Festungen\u201c der RAF entladen 1825 Tonnen Spreng- und 379 Tonnen Stabbrandbomben, die 4553 Wohngeb\u00e4ude v\u00f6llig zerst\u00f6ren, 2047 schwer und 2993 mittelschwer besch\u00e4digen. Die statistischen Angaben lassen das kolossale Ausma\u00df der Zerst\u00f6rungen erahnen. Vom \u201eSchatzk\u00e4stlein\u201c des ehemaligen Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation bleibt nur ein schrecklicher Tr\u00fcmmerhaufen \u00fcbrig. Unsch\u00e4tzbare kulturelle Werte gehen in dieser Nacht f\u00fcr immer verloren. Das Leben von nahezu zweitausend Menschen wird ausgel\u00f6scht. Es w\u00e4ren sicher noch sehr viel mehr Opfer zu beklagen gewesen, h\u00e4tte ein Gro\u00dfteil der Einwohnerschaft nicht schon vorher die Stadt verlassen und sich auf dem Lande in Sicherheit gebracht. Die Zerst\u00f6rungen waren so gewaltig, dass damals ein Wiederaufbau der Stadt nicht mehr m\u00f6glich schien. Ich erlebe das H\u00f6llengewitter des Angriffs aus einer Entfernung von etwa f\u00fcnfzig Kilometern Luftlinie. Wenige Tage sp\u00e4ter sehe ich die Zerst\u00f6rungen aus n\u00e4chster N\u00e4he. Noch heute erschauere ich, wenn ich das Erlebte aus meinem Ged\u00e4chtnis hochkommen lasse. Ich habe meine Erinnerungen schon vor vielen Jahren niedergeschrieben und greife hier auf meine Aufzeichnungen zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">2. Januar 1945. Die Nacht ist hereingebrochen, drau\u00dfen ist es stockfinster, ein kalter Winterabend. Wir sitzen in der Wohnk\u00fcche um den gro\u00dfen Tisch: mein Gro\u00dfvater, meine Mutter, wir f\u00fcnf kleinen Kinder, das Dienstm\u00e4dchen. Die Suppe dampft im Teller. Im eisernen K\u00fcchenherd zerplatzen im Feuer die Fichtenzapfen, das Reisig knistert und prasselt in der Glut, im Messingkessel brodelt das Wasser leise vor sich hin. Die K\u00fcche ist in den ged\u00e4mpften, warmen Schein einer Petroleumlampe getaucht. Wir h\u00f6ren die M\u00e4use in den Hohlr\u00e4umen der W\u00e4nde trippeln und rascheln. Sie sind so frech, dass sie w\u00e4hrend unserer Mahlzeit \u00fcber den Absatz des K\u00fcchenbuffets laufen und nach unten rutschen. F\u00fcr viele M\u00e4use bedeutet ihr Schnelllauf \u00fcber den Absatz den sicheren Tod. Allabendlich stellt meine Mutter einen Eimer mit Wasser gef\u00fcllt ans B\u00fcffet, jeden Morgen finden wir darin eine ersoffene Maus. Doch werden wir der Plage nicht Herr. Wir Kinder gruseln und am\u00fcsieren uns zugleich \u00fcber die leichtf\u00fc\u00dfige Plage. Gro\u00dfvater rezitiert aus E.T.A. Hoffmanns phantastischen M\u00e4rchen \u201eNussknacker und Mausek\u00f6nig\u201c: \u201eKnack \u2013 knack \u2013 knack \u2013 dummes Mausepack \u2013 knack \u2013 knack &#8211; Mausepack \u2013 krick, krack!\u201c Wir kringeln uns vor Lachen. \u201eNochmal ,Opa!\u201c \u2013 Gro\u00dfvater schmunzelt vergn\u00fcgt und tut uns den Gefallen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Pl\u00f6tzlich ein fernes Rollen und Grollen, als z\u00f6ge ein Gewitter auf. Wir horchen auf, lauschen \u2013 ein fernes, dumpfes, ungew\u00f6hnliches Donnern. Wir gehen aus der K\u00fcche, verlassen das Haus \u00fcber den hinteren Ausgang. Meine Mutter, mein Gro\u00dfvater und ich laufen auf die Wiese hinter dem Haus. Emmi ist bei meinen Geschwistern im Haus geblieben. Das Donnern kommt aus dem Westen. Wir schauen hin\u00fcber. Am Horizont leuchten Blitze auf, der Himmel verf\u00e4rbt sich r\u00f6tlich. Wir h\u00f6ren Detonationen, ihre Schallwellen erreichen uns in raschen Folgen. Donner auf Donner, Lichtblitz auf Lichtblitz, r\u00f6tlicher Horizont. Kein Zweifel mehr, wir beobachten ein furchtbares Geschehen. N\u00fcrnberg wird von Bomberverb\u00e4nden angegriffen. Wir ahnen, dass die Zerst\u00f6rungen ein fast unvorstellbares Ausma\u00df haben m\u00fcssen. Sofort macht die bange Frage die Runde, ob mein Vater den Luftangriff \u00fcberlebt hat. Er ist Oberregierungsrat in der N\u00fcrnberger Stadtverwaltung und in seinem Amt mitverantwortlich f\u00fcr die Organisation der Rettungsdienste und Hilfsma\u00dfnahmen nach Angriffen. Er h\u00e4lt sich zum Zeitpunkt des Angriffes in der Stadt auf. Meine Mutter und mein Gro\u00dfvater sind h\u00f6chst besorgt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir sind in der Ein\u00f6de von der \u00f6ffentlichen Kommunikation weitgehend abgeschnitten. Wir haben keine Elektrizit\u00e4t, keinen Volksempf\u00e4nger, keine Zeitung. Die Zeitung m\u00fcssen wir in der n\u00e4chstgelegenen Kleinstadt holen, in Eschenbach. Mein Gro\u00dfvater, der Zeitungsleser, kann aus ihr nur sporadisch Informationen sch\u00f6pfen. Nur \u00fcber die Landpost sind wir mit der Welt verbunden, aber auch die kommt nur einmal in der Woche. Drei Tage warten wir vergeblich auf Post, auf ein Telegramm, auf irgendeine Nachricht von meinem Vater. Schlie\u00dflich bleibt uns nichts anderes \u00fcbrige, als uns selbst auf den Weg nach N\u00fcrnberg zu machen, um Gewissheit zu erlangen. Mein Gro\u00dfvater und ich brechen nach auf, um nach meinem Vater zu suchen. Doch die Ein\u00f6de ist nicht an das gro\u00dfe Verkehrsnetz angeschlossen. Die n\u00e4chste Eisenbahnstation liegt einen Fu\u00dfweg von eineinhalb Stunden entfernt, und es fahren keine Z\u00fcge mehr nach N\u00fcrnberg. Wir m\u00fcssen uns also zu Fu\u00df nach N\u00fcrnberg durchschlagen, rund siebzig Kilometer Wegstrecke liegen vor uns.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">5. Januar 1945, dritter Tag nach dem Luftangriff: Die B\u00e4uerin gibt meinem Gro\u00dfvater und mir einen frisch gebackenen Laib Brot und ein St\u00fcck ger\u00e4ucherten Schinken mit auf den Weg. Mein Gro\u00dfvater packt alles Notwendige in seinen alten Rucksack. Wir brechen bei nasskaltem Wetter auf und wandern auf Pfaden, Fuhrwegen und Landstra\u00dfen \u00fcber Kirchenthumbach, Auerbach und Pegnitz zur Autobahn, die von Berlin nach N\u00fcrnberg f\u00fchrt. Auf der Autobahn gehen wir mit Str\u00fcmpfen, die Schuhe sind vom Regen durchweicht und unbrauchbar geworden. Die F\u00fc\u00dfe schmerzen. Ich halte den Gewaltmarsch kaum durch. Eine \u00dcbernachtung reicht nicht aus, um gen\u00fcgend Kr\u00e4fte zu sammeln. Mein Gro\u00dfvater wird in zwei Wochen 75 Jahre alt. Er ist hager, aber k\u00f6rperlich in erstaunlich guter Verfassung. Wir legen die Wegstrecke mit \u00e4u\u00dferster Anstrengung in gut zwei Tagen zur\u00fcck, eine Hochleistung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Gang durch das zerst\u00f6rte N\u00fcrnberg<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Am 7. Januar, f\u00fcnf Tage nach dem Luftangriff, treffen wir in N\u00fcrnberg ein. Unterwegs haben wir schon von der Katastrophe geh\u00f6rt, vom Untergang der Stadt. Wir n\u00e4hern uns, von dem St\u00e4dtchen Lauf her, auf der Hauptstra\u00dfe dem Stadtrand und durchqueren die Vorstadt Erlenstegen. Links und rechts Bombentrichter, zerst\u00f6rte H\u00e4user. Wir erreichen die \u00c4u\u00dfere Sulzbacher Stra\u00dfe mit \u2013 ehemals \u2013 dicht bebauten Stra\u00dfenz\u00fcgen und Stadtteilen. Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge liegen in Schutt und Asche. Ruine reiht sich an Ruine. Fensterh\u00f6hlen in Mauerresten, da und dort steigt noch Qualm aus den Schuttbergen. Schwelbr\u00e4nde, es riecht durchdringend brandig. Die Stra\u00dfen sind nur mehr einspurig passierbar, die Stra\u00dfenmitte ist provisorisch freigelegt, um \u00fcberhaupt Verkehr zu erm\u00f6glichen. Zur rechten und zur linken Seite t\u00fcrmen sich die Schuttberge. An der Sulzbacher Stra\u00dfe steht fast kein Haus mehr, das Melanchthon-Gymnasium zur linken Hand ist schwer besch\u00e4digt.<i> <\/i>Die Stra\u00dfenbeleuchtung ist v\u00f6llig zerst\u00f6rt, das elektrische Netzwerk der Stra\u00dfenbahnlinien h\u00e4ngt wirr an den Befestigungen herunter. Der Stra\u00dfenbahnverkehr ist eingestellt, der \u00f6ffentliche Verkehr weitgehend lahmgelegt. Menschen laufen durch die Tr\u00fcmmer, fahren auf R\u00e4dern, schieben kleine Karren, ziehen Leiterwagen hinter sich her, auf denen sie gerettetes Hab und Gut transportieren. Mein Gro\u00dfvater, ein alter N\u00fcrnberger Stadtb\u00fcrger, f\u00fchrt mich in die Stadt hinein. Am letzten stadteinw\u00e4rts gelegenen Stra\u00dfenende steht kein Haus mehr. Am Laufer Torturm angekommen sehen wir kilometerweit Tr\u00fcmmerberge und Mauerreste der Altstadt. Die T\u00fcrme der gro\u00dfen gotischen Kirchen, Sankt Lorenz und Sankt Sebald, sind gek\u00f6pft. Nur wenige einzeln stehende H\u00e4user ragen aus dem riesenhaften Schuttfeld heraus. Bergungstrupps suchen nach Versch\u00fctteten, geborgene Tote liegen abgedeckt auf der Stra\u00dfe zum Abtransport bereit. Mein Gro\u00dfvater h\u00e4lt inne, scheint zu \u00fcberlegen, auf welchem Wege wir am besten zum Wohnhaus in der Rieterstra\u00dfe gelangen k\u00f6nnen. Ich erinnere mich noch daran, in einem ausgebrannten Haus, dessen Stockwerke in sich zusammengefallen waren, an einer der stehengebliebenen Innenw\u00e4nde ein Bild mit Hitlers Portr\u00e4t gesehen zu haben. Damals wusste ich noch nicht, dass auf dem Bild in der Ruine einer der gr\u00f6\u00dften Verbrecher des 20. Jahrhunderts hing. F\u00fcr mich war er der F\u00fchrer. So war es uns eingebl\u00e4ut worden. Auch in der elterlichen Wohnung hing ein gro\u00dfformatiges Bild des F\u00fchrers. Hitler sah im Herrenzimmer als Feldherr gebieterisch auf meinen Vater herab. Erst drei Jahre sp\u00e4ter, als mein Vater am N\u00fcrnberger Milit\u00e4r-Tribunal als Verteidiger von Nazi-Gr\u00f6\u00dfen wirkte, erfuhr ich etwas \u00fcber die Massenmorde der nationalsozialistischen Verbrecher.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-549 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004-700x374.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004-700x374.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004-300x160.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004-768x410.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004-800x428.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/04_004.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>1945, Rathenauplatz \u2013 fr\u00fcher Feldmarschall-von-Hindenburg-Platz \u2013 und Sulzbacher Stra\u00dfe; markiert: Melanchthon-Gymnasium<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mein Gro\u00dfvater und ich schweigen. Die ganze Zeit. Was wir sehen und was wir dabei empfinden, l\u00e4sst sich nicht in Worte fassen. Vielleicht sind es ein paar einfache Worte gewesen, Bruchst\u00fccke eines Satzes. Vielleicht hat sich der alte Mann gescheut, mir, dem erst Zehnj\u00e4hrigen, seine Gef\u00fchle auszudr\u00fccken. Unter den \u00dcberlebenden herrscht eine tiefe Niedergeschlagenheit. Untergangsstimmung greift um sich. Wahrscheinlich ist es diese L\u00e4hmung, die meinem Gro\u00dfvater die Stimme nimmt, als wir durch die schwelenden Tr\u00fcmmerw\u00fcsten wandern. Ich habe ihn sp\u00e4ter nie danach gefragt, was er auf unserem gemeinsamen Weg durch die Ruinenlandschaft gef\u00fchlt und gedacht hat. Die j\u00fcngere Generation fragt die \u00e4ltere nicht zur rechten Zeit, die \u00e4ltere vers\u00e4umt es, sich der j\u00fcngeren mitzuteilen. Wir wissen wenig voneinander, zu wenig. Heute w\u00fcrde ich viel darum geben, meinen Gro\u00dfvater fragen und mit ihm dar\u00fcber ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als wir in die Rieterstra\u00dfe einbiegen, f\u00e4llt uns ein Stein vom Herzen: Keines der H\u00e4user ist zerst\u00f6rt, Hernach hei\u00dft es, die Stra\u00dfe sei geplant verschont worden, weil die H\u00e4user Juden geh\u00f6rt h\u00e4tten. Der Antisemitismus muss auch zur Erkl\u00e4rung purer Zuf\u00e4lle herhalten. Wir treffen in der Wohnung meinen Vater an. Ich sehe eine fremde Frau \u00fcber den Gang huschen. Sie verschwindet in einem Zimmer. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob mein Vater jemals dar\u00fcber gesprochen hat, wie er das Inferno \u00fcberlebt hat. In meinem Leben bleibt der 2. Januar unausl\u00f6schlich als Tag des Unterganges von Alt- N\u00fcrnberg im Ged\u00e4chtnis. Ich werde diese Erinnerungen nie wieder los. Bis heute werden diese an jedem 2. Januar geweckt. Um das Schweigen der Generationen zu brechen, werde ich meinen Kindern immer und immer wieder meine Kriegserinnerungen schildern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Sack und Pack in die Oberpfalz Sp\u00e4testens nach dem Fall von Stalingrad bedurfte es keiner Hellsicht mehr, um zu erkennen, dass der Russland-Feldzug in einer Katastrophe enden w\u00fcrde. Die verlorene Schlacht um Stalingrad wurde auch in meinem Leben zu einem Wendepunkt. 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