{"id":344,"date":"2017-07-19T15:03:57","date_gmt":"2017-07-19T13:03:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=344"},"modified":"2018-03-07T13:05:02","modified_gmt":"2018-03-07T12:05:02","slug":"41-ueber-das-verhaeltnis-von-wissenschaft-und-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/07\/19\/41-ueber-das-verhaeltnis-von-wissenschaft-und-religion\/","title":{"rendered":"46. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Religion"},"content":{"rendered":"<p>Es mag verwunderlich erscheinen, dass ich mich immer wieder auf Erkundungsg\u00e4nge begab, die mich in umstrittene Grenzgebiete hineinf\u00fchrten. Solange ich in der vormaligen weltpolitischen \u201eFrontstadt Berlin\u201c, in der sp\u00e4teren Hauptstadt der \u201eHeidenrepublik Deutschland\u201c (Michael Wolffsohn, Passauer Neue Presse Nr. 295, 2.12.2017, S.3), wohnte und arbeitete, ging es in Bereichen der Parteienforschung unter anderem um den \u201eFaktor Konfession\u201c in Gesellschaft und Politik. Fragen der Abgrenzung von Wissenschaft und Religion spielten, wenn \u00fcberhaupt, in meinen politikwissenschaftlichen Forschungsbereichen nur eine marginale Rolle. \u00dcber religi\u00f6s-konfessionelle Zugeh\u00f6rigkeiten und Bekenntnisse wurde so gut wie nicht gesprochen. Sie galten als private Angelegenheit. Mit keinem meiner Kollegen, die an der Freien Universit\u00e4t Berlin am Zentralinstitut f\u00fcr sozialwissenschaftliche Forschung und am Otto-Suhr-Institut (OSI) mitgearbeitet hatten, f\u00fchrte ich jemals ein Gespr\u00e4ch \u00fcber religi\u00f6se Themen, es sei denn, sie hatten mit dem sozialwissenschaftlichen Faktor Konfessionszugeh\u00f6rigkeit zu tun. Die kirchliche Sph\u00e4re blieb in der Berliner \u00d6ffentlichkeit weitgehend unsichtbar.<\/p>\n<p>Da ich in meinen ersten zwanzig Lebensjahren an verschiedenen Orten Bayerns aufgewachsen und sozialisiert worden war, wusste ich aus eigener, hautnaher Lebenserfahrung und Anschauung, dass es dort mit dem Faktor Konfession und dem kirchlichen Leben anders bestellt ist als im \u201eheidnischen\u201c Berlin. Auch noch im Nachkriegsbayern war zudem der antipreu\u00dfische Affekt stark religi\u00f6s-konfessionell eingef\u00e4rbt. Die Berliner \u201eHeiden\u201c waren den christlich-sozialen und altbayerischen Parteif\u00fchrern und Anh\u00e4ngern h\u00f6chst suspekt. Die erlebten bayerischen Verh\u00e4ltnisse waren es wohl, die mich sp\u00e4ter in der Themenwahl und Forschung wiederholt auf \u201eAbwege\u201c f\u00fchren sollten. Ausgerechnet an der Freien Universit\u00e4t die CSU in Bayern und damit zugleich die Bayernpartei zum Forschungsgegenstand zu machen, war dort schon als recht exotische Themenwahl angesehen worden, ebenso wie mein Habilitationsvortrag zum Thema \u201eSozialdemokratie und Katholische Kirche\u201c (1978).<\/p>\n<p>In meinem Beitrag \u201eAktuelle Herausforderungen des s\u00e4kularisierten Staates: Schw\u00e4chelndes Christentum, erstarkender Islam\u201c (2007), abgedruckt in der Festschrift f\u00fcr Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, habe ich mich zum wiederholten Male mit Aspekten der Beziehung zwischen Religion und S\u00e4kularisierung auseinandergesetzt. Die Konflikte haben sich seither fraglos in globaler Hinsicht wie auch innereurop\u00e4isch versch\u00e4rft. Die Auseinandersetzungen sind immer von Machtverh\u00e4ltnissen bestimmt. Die r\u00f6misch-katholische Kirche steckt aus mehreren Gr\u00fcnden in einer Glaubens- und Verfassungskrise. In Europa laufen ihr die Gl\u00e4ubigen in Scharen davon. Auf einer eher akademischen beziehungsweise dogmatischen Ebene unterliegen Kernst\u00fccke der Glaubenslehre dem allgemein erh\u00f6hten und wissenschaftlich versch\u00e4rften S\u00e4kularisierungsdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Zur Kontroverse Martin Rees\/Richard Dawkins<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0Martin Rees \u2013 A \u201ecompliant qisling\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kontroverse, die in j\u00fcngster Zeit zwischen den beiden weltweit bekannten britischen \u201etop scientists\u201c, zwischen Martin Rees und Richard Dawkins und ihren jeweiligen Mitstreitern \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Religion entbrannte, erregte abermals mein gro\u00dfes Interesse an dieser Frage. Ich hatte sie selbst in den 1990er Jahren im sogenannten Madonnen-Streit an der Universit\u00e4t Passau \u00f6ffentlich zur Diskussion gestellt und damit eine heftige Debatte ausgel\u00f6st (ausf\u00fchrlich hierzu die Blog-Kap.29, 30, 31). Britische Wissenschaftler sind f\u00fcr ihre hohe Debatten-Kultur bekannt, sie pflegen sich auf ihren Podien in eleganter Weise, also gentleman like, zu bekriegen. Ich hatte auf meinen wissenschaftlichen Vortragsreisen nach London, Oxford, Cambridge und Warwick diesen Debatten-Stil zu sch\u00e4tzen gelernt. Meine Vortr\u00e4ge schlugen sich in einer Reihe englischsprachiger Ver\u00f6ffentlichungen nieder.<\/p>\n<p>Mit Martin Rees und Richard Dawkins traten in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts zwei Kontrahenten auf, die diese Debatten-Kultur unterliefen, Dawkins, der Evolutionsbiologe, mit scharf stechender Herausforderung und gewohnter Aggressivit\u00e4t, Rees, ein exzellenter Astronom, Astrophysiker und Futurologe, mit Ironie und s\u00fcffisanter Nichtbeachtung. Ihre gegenseitige Verachtung lie\u00df nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Dawkins fulminante evolutionsbiologische Streitschrift \u201eDer Gotteswahn\u201c (englisch: The God Delusion, 2007) erregte international die Gem\u00fcter. Rees, der \u201eAstronomer Royal\u201c(seit1995) und Pr\u00e4sident (2005-2010) der altehrw\u00fcrdigen Royal Society, der \u00e4ltesten Gelehrtengesellschaft der Welt, l\u00f6ste Unverst\u00e4ndnis und Widerspruch aus, als er 2011 den in britischen Wissenschaftlerkreisen umstrittenen Templeton-Preis annahm, der f\u00fcr au\u00dferordentliche Beitr\u00e4ge zur Erforschung der spirituellen Seite menschlichen Lebens vergeben wird. Dawkins publizierte daraufhin einen geh\u00e4ssigen Wutausbruch (\u201eugly outburst\u201c), in dem er Rees einen \u201ecompliant quisling\u201c nannte, einen beklagenswerten Verr\u00e4ter an der Sache der Wissenschaft. Dawkins bezichtigte Rees in der gro\u00dfen Streitfrage ein \u201efervent believer in belief\u201c, also ein gl\u00fchender Gl\u00e4ubiger des Glaubens zu sein. Rees konterte diplomatisch und empfahl, den \u00c4u\u00dferungen Dawkins kein gro\u00dfes Gewicht einzur\u00e4umen. (Rees: \u201eRichard Dawkins on his website calls me&#8230;What did he call me?\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201ePraktizierender, aber kein gl\u00e4ubiger Christ\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Seither kam diese Kontroverse nicht zur Ruhe. Interviewpartner konfrontierten Rees mehrmals mit dem Ger\u00fccht, er besuche regelm\u00e4\u00dfig Gottesdienste. Der Astronom antwortete jedes Mal darauf: \u201eIch wurde als Mitglied der Kirche von England erzogen und befolge einfach die Gebr\u00e4uche meines Stammes. Die Kirche ist Teil meiner Kultur, ich mag die Rituale und die Musik. W\u00e4re ich im Irak gro\u00df geworden, ginge ich in die Moschee.\u201c Auch andere Menschen praktizierten religi\u00f6se Rituale, ohne an einen Gott zu glauben. Auf die Zusatzfrage, ob er darin keinen Konflikt mit seinem wissenschaftlichen Weltbild empf\u00e4nde, erkl\u00e4rte Rees: \u201e\u00dcberhaupt nicht. Mir scheint, dass Leute die die Religion angreifen, sie nicht wirklich verstehen. Wissenschaft und Religion k\u00f6nnen (und sollten) friedlich nebeneinander existieren. Allerdings denke ich, dass sie einander nicht viel zu sagen haben. Am liebsten w\u00e4re mir, Wissenschaftler w\u00fcrden das Wort &gt;Gott&lt;gar nicht gebrauchen. Ich wei\u00df doch, dass wir noch nicht einmal das Wasserstoffatom verstehen \u2013 wie k\u00f6nnte ich da an Dogmen glauben? Ich bin ein praktizierender, aber kein gl\u00e4ubiger Christ.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/1\/Klein-31\">http:\/\/www.zeit.de\/2008\/1\/Klein-31<\/a>,abgerufen am 07.02.2018).<\/p>\n<p>Interviewpartner und Kollegen gaben sich mit Rees\u00b4 Antworten nicht zufrieden und dr\u00e4ngten ihn, sich doch genauer zu \u00e4u\u00dfern, wie er das Verh\u00e4ltnis zwischen Wissenschaft und Religion s\u00e4he. Doch Rees wich jedes Mal mit \u201eweichen\u201c Antworten aus. Er k\u00f6nne dazu wenig sagen, schon gar nichts zur Gottesfrage. An Gott zu glauben und eine Kirche zu besuchen, seien allgemeine traditionelle Rituale und als solche Teil einer Kultur. \u201eI participate in occasional religious services which are the customs of the society I grew up. I\u00b4m not allergic to religion.\u201d (<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2011\/apr\/astronome...%2022.02.2018\">https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2011\/apr\/astronome&#8230; 22.02.2018<\/a>). Mehr wolle er nicht dazu sagen, au\u00dfer dass seiner Meinung nach beide Bereiche, Wissenschaft und Religion, in friedlicher Koexistenz existieren k\u00f6nnten. Beide unterschieden sich freilich sehr in ihren Aktivit\u00e4ten. Er habe gro\u00dfen Zweifel, ob beide Bereiche \u00fcberhaupt in einen konstruktiven Dialog eintreten k\u00f6nnten und sich etwas zu sagen h\u00e4tten. Er vermiede es, sich an dieser Debatte zu beteiligen. Den \u00c4u\u00dferungen der Atheisten Stephen Hawking und Richard Dawkins messe er kein besonderes Gewicht zu. Hawking habe, so wie er ihn kenne, zu wenig \u00fcber Philosophie und erst recht zu wenig \u00fcber Theologie gelesen. Er halte es f\u00fcr ziemlich verr\u00fcckt, wenn Wissenschaftler behaupten, die Entstehung des Universums h\u00e4tte keines Gottes bedurft. Dar\u00fcber lie\u00dfe sich schwerlich diskutieren. \u201eI\u00b4ve got no religious beliefs at all.\u201c Sein wiederholtes \u201eBekenntnis\u201c, ein \u201epraktizierender, aber kein gl\u00e4ubiger Christ\u201c zu sein, belie\u00df es bei dieser argumentativen Unsch\u00e4rfe. Kritiker waren sich nicht ganz sicher, wie sie Rees\u00b4 Position einsch\u00e4tzen sollten.<\/p>\n<p>Rees wird gelegentlich f\u00fcr einen Atheisten gehalten. Ich meine jedoch, dass alle seine \u201eweichen\u201c und \u201eausweichenden\u201c \u00c4u\u00dferungen ihn mehr als einen vorsichtigen Agnostiker und friedfertigen Pragmatiker ausweisen, der sich scheut, sich \u00fcberhaupt auf solche grunds\u00e4tzlichen Fragen einzulassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Rees\u00b4 argumentative Unsch\u00e4rfe<\/strong><\/p>\n<p>Genau an dieser Unsch\u00e4rfe der Rees\u00b4schen Argumentation gegen religi\u00f6sen Fundamentalismus und jegliche religi\u00f6se Dogmatik setzt auch meine Kritik an. Ein praktizierender Ungl\u00e4ubiger zu sein, der sich nicht an Religion st\u00f6re \u2013 wie ist das m\u00f6glich? Macht Rees es sich mit seiner \u201eweichen\u201c Unentschiedenheit und mit seinem Lavieren zwischen den Frontlinien nicht allzu leicht?<\/p>\n<p>Die britischen Streitigkeiten erinnerten mich lebhaft an die Auseinandersetzungen an der erst 1978 gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t Passau dar\u00fcber, ob eine jesuitische gegenreformatorische Kampfmadonna im Logo und als Identifikationsprodukt einer modernen wissenschaftlichen Institution akzeptabel sei. Im sogenannten Madonnen-Streit war es auf bayerischer lokaler und regionaler Ebene im Grunde um die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Religion gegangen. (siehe Blog-Kapitel 29, 30, 31). Ich hatte in dieser Frage den Pr\u00e4sidenten der Universit\u00e4t Passau, Prof. Dr. Karl-Heinz Pollok, und die damaligen Vizepr\u00e4sidenten, die Professoren Helmut Schmalen und Klaus Dittmar Haase, und andere f\u00fcr Verr\u00e4ter an der Wissenschaft gehalten &#8211; f\u00fcr \u201ebeklagenswerte \u201eQuislinge\u201c. Die Passauer Debattenkultur hatte sich zudem unter dem intellektuellen Niveau einer Universit\u00e4t abgespielt. Selbst der j\u00fcngst verstorbene CDU-Politiker Heiner Gei\u00dfler hatte in seiner provokativen Auseinandersetzung mit theologischen Dogmen eine intellektuelle Sehsch\u00e4rfe, welche die der Universit\u00e4tsleitung bei Weitem \u00fcbertraf (Blog-Kapitel 44).<\/p>\n<p>Rees zog bei all seinem Respekt gegen\u00fcber der Religion f\u00fcr sich zwei Grenzen: Er sei grunds\u00e4tzlich gegen jeden religi\u00f6sen Fundamentalismus und Fanatismus eingestellt und er habe mit religi\u00f6sen Dogmen nichts am Hut. Fundamentalismus sei eine wirkliche Gefahr, gegen den wir mit allen m\u00f6glichen Verb\u00fcndeten zusammenstehen m\u00fcssten, auch mit der Kirche von England. Der Kreationismus zum Beispiel k\u00f6nne von Astronomen, Astrophysikern und Biologen nicht akzeptiert werden. Daneben ziehe auch die Bioethik rote Linien, die etwa reproduktives Klonen von Menschen nicht erlaube. Man m\u00fcsse sich die rote Linie als ein Kontinuum vorstellen, an dem mehrere Kulturen mitwirkten, seien es religi\u00f6se, rationalistische oder technologische, seien es atheistische oder theistische. Sie m\u00fcssten sich aus ihren jeweiligen kulturellen Blickwinkeln gegen Fundamentalismus, Dogmatismus und unethischen Tendenzen stellen. Rees fordert Toleranz gegen\u00fcber den \u201eKulturen\u201c, gerade auch gegen\u00fcber \u201eReligion\u201c, soweit sie nicht dogmatisch seien (<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2011\/apr\/06\/astronome...aaberufen%20am%2022.02.2018\">https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2011\/apr\/06\/astronome&#8230;aaberufen am 22.02.2018<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/belief\/2011\/apr...25.02.2018\">https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/belief\/2011\/apr&#8230;25.02.2018<\/a>; Reith Lectures 2010: Scientific Horizons, Lecture 3).<\/p>\n<p>Rees\u00b4 Antworten und Erl\u00e4uterungen h\u00f6rten sich angenehm, sympathisch und hoch reflektiert an, blieben aber, gerade was die zentrale Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Religion betrifft, alle im Ungef\u00e4hren und Ungenauen. Seine Ausf\u00fchrungen liefen auf einen schwammigen politischen Pragmatismus hinaus. Es waren Appelle an die verschiedenen Kulturen, Streitfragen tolerant und friedfertig zu behandeln. Seinen Erl\u00e4uterungen fehlte es an erkenntnistheoretischer und analytischer Sch\u00e4rfe, was zum Beispiel die beiden Kulturen Wissenschaft und Religion tats\u00e4chlich verbindet oder trennt. Was hei\u00dft es genau, beide Kulturen k\u00f6nnten zwar in einer friedlichen Koexistenz nebeneinander bestehen, h\u00e4tten sich aber wenig zu sagen? Zwischen beiden, so Rees, sei kein konstruktiver Dialog m\u00f6glich. Liegt es an den Dogmen der Religionen? Welcher Religionen? Wissenschaftler sollten zwar die Religionskulturen tolerieren und als m\u00f6gliche Verb\u00fcndete respektieren, aber sich gef\u00e4lligst von dem religi\u00f6sen Territorium fernhalten, weil sie davon zu wenig verst\u00fcnden. Der Astronom, Astrophysiker und Futurologe Rees blieb seinen Kritikern pr\u00e4zise Antworten schuldig. Richard Dawkins Vorwurf, Rees verrate mit seinen Stellungnahmen die Wissenschaft, hatte folglich zutreffende Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Im Folgenden will ich das Verh\u00e4ltnis von Religion und Wissenschaft aus meiner Sicht am Beispiel der dogmatischen Erbs\u00fcndenlehre der r\u00f6misch-katholischen Kirche fokussieren und er\u00f6rtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Katechismus der Katholischen Kirche \u2013 Ein Handbuch religi\u00f6ser Tollheiten<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und B\u00f6sen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.\u201c (Mose 2:17)<\/p>\n<p>\u201eDenn der Tod ist der S\u00fcnde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserem Herrn.\u201c (Aus dem Brief des Paulus an die R\u00f6mer, 6: 23)<\/p>\n<p>Der aufm\u00fcpfige Katholik und Kritiker der Glaubenslehre seiner Kirche, der j\u00fcngst verstorbene CDU-Politiker Heiner Gei\u00dfler, nannte die dogmatische Lehre von der Erbs\u00fcnde einen Wahnsinn und einen Super-GAU aller faulen Ausreden (H. Gei\u00dfler 2017: \u00a0Kann man noch Christ sein, S.32; siehe Blog-Kapitel 44). Der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Verhaltensphysiologie in Seewiesen, Wolfgang Wickler, schrieb im Blick auf die r\u00f6misch-katholische Glaubenslehre, sie verk\u00fcnde naturwissenschaftlich unhaltbarer Unsinn. (Wolfgang Wickler 2010, 106). Ich halte den Katechismus der Katholischen Kirche f\u00fcr ein \u201ewahrhaftiges\u201c Handbuch religi\u00f6ser Tollheiten. Dass an staatlichen Universit\u00e4ten und Hochschulen noch immer Professuren f\u00fcr katholische Dogmatik angesiedelt sind und mit \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert werden, halte ich f\u00fcr ein Skandalon des staatlichen Wissenschaftsbetriebes. \u201eGlaube und Vernunft\u201c (Papst Benedikt XVI., 2006; siehe Blog-Kapitel 43) stehen hier zweifellos in einem unvers\u00f6hnlichen Widerspruch. Au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten und (kirchlichen) Hochschulen m\u00f6ge das Dogma von der Erbs\u00fcnde, schlimm genug, unter anderen Fahnen als denen der Wissenschaft \u201egelehrt\u201c und verbreitet werden. In der Wissenschaft haben ewige Wahrheiten und dogmatische Verbohrtheit keinen Platz.<\/p>\n<p>Nach allgemeinchristlicher Glaubenslehre waren es angeblich unsere \u201eStammeltern\u201c Adam und Eva, die durch ihren Ungehorsam wider Gott der gesamten Menschheit die Erbs\u00fcnde aufgeb\u00fcrdet haben. Ihr Ungehorsam sei es gewesen, vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben. Auch die evangelische Kirche h\u00e4lt noch immer an der theologischen Erbs\u00fcnden-Lehre fest, allerdings mit modifizierten und modernisierten Versionen. (evangelischer Glaube.de DIE ONLINE-DOGMATIK). Die r\u00f6misch-katholische Lehre geht jedoch noch einen gro\u00dfen Schritt \u00fcber die allgemeinchristliche Version hinaus: Nach herrschender katholischer Dogmatik, 1993 festgeschrieben im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 1993), haben die beiden paradiesischen Nackedeis mit ihrem Ungehorsam nicht nur ges\u00fcndigt, sondern mit ihrem Ungehorsam erstmals den Tod in die Menschheitsgeschichte gebracht. Ihnen h\u00e4tten wir es zu verdanken, Sterbliche zu sein.<\/p>\n<p>Die evangelische Theologie verwirft diese abstruse Behauptung. Die Emp\u00f6rung des prominenten Katholiken Heiner Gei\u00dfler \u00fcber den, von ihm w\u00f6rtlich so gesagt, Irrsinn dieser theologischen Erfindungen und das naturwissenschaftliche Verdikt gegen diesen Unsinn haben mich zu einem weiteren Grenzgang herausgefordert, um die Quellen dieses Irrsinns zu erkunden und dazu Stellung nehmen zu k\u00f6nnen. K\u00f6nnte es sein, dass ich mich an einer Theologie abarbeite, an deren Dogmen inzwischen selbst viele katholische Kirchenmitgliedern nicht mehr glauben?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Genese des Todes als Strafe f\u00fcr Ungehorsam<\/strong><\/p>\n<p>Die theologische Lehre von der Urs\u00fcnde oder Erbs\u00fcnde stellt ein Kernst\u00fcck des \u201eKatechismus der Katholischen Kirche\u201c (KKK, Absatz 7, 385-421) dar, der im Jahre 1993 als offizielle und f\u00fcr jeden Katholiken verbindliche Glaubenslehre ver\u00f6ffentlicht wurde. Darin wird \u201edie S\u00fcnde auf dem Leben und der Geschichte des Menschen\u201c so dargestellt (KKK 1993, 387 \u2013 404):<\/p>\n<p>Der S\u00fcndenfall sei ein Urereignis gewesen, das zu Beginn der Menschheitsgeschichte tats\u00e4chlich stattgefunden habe. Die ganze Menschheitsgeschichte sei bis auf den heutigen Tag (und bis zum Ende aller Tage) durch die Urs\u00fcnde gekennzeichnet und belastet, die von den Stammeltern der gesamten Menschheit, von Adam und Eva, freiwillig begangen worden sei. Die freiwillige Urs\u00fcnde habe darin bestanden, sich gegen Gott gewandt zu haben. Ihr Ungehorsam gegen\u00fcber Gott habe sich so zugetragen:<\/p>\n<p>\u201eEine verf\u00fchrerische widerg\u00f6ttliche Stimme\u201c sei es gewesen, die sie dazu verleitet habe, die Stimme des Teufels oder Satans. Gott habe Satan zun\u00e4chst zwar als einen guten D\u00e4mon geschaffen, doch habe sich dieser \u201edurch sich selbst\u201c b\u00f6se und zum Widersacher Gottes gemacht. Adam und Eva seien seinen Einfl\u00f6\u00dfungen erlegen und h\u00e4tten damit die S\u00fcnde ein f\u00fcr alle Male in die Welt gebracht. Dieser S\u00fcndenfall habe eine \u201eunwiderruflichen Charakter\u201c (KKK 1993,393).<\/p>\n<p>Bei der Erbs\u00fcnde handele es sich nicht um eine in der individuellen Lebensgeschichte eines Menschen pers\u00f6nlich begangene S\u00fcnde, sondern um eine, die mit der biologischen Geburt eines jeden Menschen automatisch \u00fcbertragen und weitergegeben werde. Es sei also eine S\u00fcnde, die man von Anfang an miterhalten habe. Sie sei \u201eein Zustand, keine Tat\u201c (KKK 1993, 404). In diesem Sinne seien wir Menschen von Adam und Eva an alle unabh\u00e4ngig von unserem pers\u00f6nlichen Tun stets S\u00fcnder. Seit Adams und Evas Urs\u00fcnde habe sich \u201eeine wahre S\u00fcndenflut \u00fcber die Welt ergossen\u201c. Das begr\u00fcnde die \u201e<em>Universalit\u00e4t der S\u00fcnde und des Todes<\/em>\u201c (KKK 1993, 402). Zu den verh\u00e4ngnisvollen Folgen des \u201eersten Ungehorsams\u201c gegen Gott geh\u00f6re die \u201eTatsache\u201c, dass der Mensch hierdurch sterblich geworden sei: \u201eWegen des Menschen ist die Sch\u00f6pfung der Verg\u00e4nglichkeit unterworfen\u201c (KKK 1993, 400; R\u00f6m. 8, 20). Im Katechismus der Katholischen Kirche wird felsenfest behauptet: <em>\u201eDer Tod h\u00e4lt [mit dem S\u00fcndenfall] Eingang in die Menschheitsgeschichte\u201c<\/em> (KKK 1993, 400).<\/p>\n<p>Diese Darstellung wird keinesfalls f\u00fcr einen symbolischen Deutungsversuch ausgegeben, sondern als eine unverbr\u00fcchliche Wahrheit hingestellt. Im Umkehrschluss gesagt hei\u00dft das: Vor ihrem Abfall von Gott seien die Stammeltern der Menschen in ihrer \u201eurspr\u00fcnglichen Heiligkeit\u201c (KKK 1993, 399) unsterblich gewesen. Im Katechismus der Katholischen Kirche wird ausdr\u00fccklich festgestellt:<\/p>\n<p><em>\u201eDurch einen einzigen Menschen kam die S\u00fcnde in die Welt und durch die S\u00fcnde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle s\u00fcndigten.\u201c (KKK 1993, 402). Die Erbs\u00fcnde oder Urs\u00fcnde habe \u201edie Herrschaft des Todes\u201c in die Welt gebracht. (KKK 1993, 407). <\/em><\/p>\n<p>Satan sei es gewesen, durch dessen b\u00f6sartige Verf\u00fchrung der Stammeltern sei \u201eder Tod in die Welt gekommen.\u201c (KKK 1993,413). Und in einer heilsgeschichtlichen Folgebehauptung wird dann erkl\u00e4rt, der Tod werde erst durch die Auferstehung Christi \u00fcberwunden. Erst durch das Opfer Christi gew\u00f6nne der Mensch seine Unsterblichkeit zur\u00fcck. Ohne die Erbs\u00fcnde w\u00e4ren die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und dessen Kreuzestod nicht erkl\u00e4rbar. Allein die Gottesmutter Maria sei nach Gottes Heilsplan als Mensch ohne Erbs\u00fcnde geboren worden, so dass auch ihr Sohn Jesus frei davon gewesen sei. (Mit der r\u00f6misch-katholischen Mariologie habe ich mich schon in den Blog-Kapiteln 29 und 30 aus Anlass des sogenannten Madonnen-Streits an der Universit\u00e4t Passau auseinandergesetzt). Auf einer \u00e4u\u00dferst schmalen biblischen Basis haben der Kirchenvater Augustinus (354-430) und das Konzil von Trient (1545-156) die Lehre von der Erbs\u00fcnde entfaltet, die noch heute als g\u00fcltiges Glaubensgut aufrechterhalten und verk\u00fcndet wird.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ja ein wundersch\u00f6ner vorwissenschaftlicher Erkl\u00e4rungsversuch aus antiken und mittelalterlichen Zeiten, g\u00e4be die Katholische Kirche in ihrem Katechismus dieses Dogma nur als verbindliche Glaubenswahrheit aus. Sie h\u00e4lt aber daran fest, dass es sich <em>auch<\/em> um eine historische Tatsache handele. Im Katechismus werden alle Ereignisse und Vorg\u00e4nge so dargestellt, als h\u00e4tten sie sich tats\u00e4chlich so zugetragen. An keiner Stelle wird diesen Aussagen auch nur andeutungsweise ein blo\u00df symbolhafter oder mythologischer Charakter zugesprochen. Ganz im Gegenteil, im Katechismus wird ausdr\u00fccklich bekr\u00e4ftigt: \u201eDer Bericht vom S\u00fcndenfall verwendet [zwar] eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat. Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewissheit, dass die ganze Menschheitsgeschichte durch die Urs\u00fcnde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwillig begangen haben.\u201c (KKK 1993, 390) Kritikern wird entgegnet, die Weitergabe der Erbs\u00fcnde (sei) \u201eein Geheimnis, das wir nicht v\u00f6llig verstehen k\u00f6nnen\u201c (KKK 1993, 404).<\/p>\n<p>Gegen alle modernen naturwissenschaftlichen und pal\u00e4oanthropologischen Erkenntnisse und Wissensbest\u00e4nde wird an der aberwitzigen Behauptung festgehalten und von einem \u201eGeheimnis\u201c gesprochen, das unserer \u201eVerstandesschw\u00e4che\u201c nicht ganz zug\u00e4nglich sei. Kardinal Ratzinger orakelte im Jahre 2000 \u201ein bemerkenswerter Denk-Akrobatik\u201c: \u201eHier stehen wir wieder vor einem abgr\u00fcndigen Problem\u201c (zit. n. Wolfgang Wickler 2010, S. 109). Ich frage mich, wie kann ein halbwegs aufgekl\u00e4rter Mensch solchem \u201eMysterium\u201c Glauben schenken?<\/p>\n<p>Die offizielle katholische Glaubenslehre gesteht zwar ein, dass heutzutage viele Christen Schwierigkeiten damit h\u00e4tten, die Lehre von der Erbs\u00fcnde anzunehmen, weist aber umso entschiedener daraufhin, dass diese Lehre \u201edas zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens unmittelbar\u201c ber\u00fchre. Die grunds\u00e4tzliche Wahrheit der Erbs\u00fcnde k\u00f6nne anhand des Zustandes des Menschen und der Welt [empirisch!] erkannt werden, auch wenn die genaue historische Einordnung [man h\u00f6re!] dieses vor allem \u00fcbernat\u00fcrlichen Ereignisses auf Schwierigkeiten stie\u00dfe. (<a href=\"http:\/\/www.kathpedia.com\/index.php?title=Erbs%C3%BCnde\">http:\/\/www.kathpedia.com\/index.php?title=Erbs%C3%BCnde<\/a>, 07.01.2018).<\/p>\n<p>Im Erwachsenenkatechismus der deutschen Bisch\u00f6fe hei\u00dft es, dadurch, dass \u201edie Menschheit bereits an ihrem Anfang das Heilsgebot Gottes ausgeschlagen\u201c habe, sei eine \u201eheillose Situation\u201c universale <em>Wirklichkeit<\/em> geworden. Zur Schwindel erregenden Denk-Akrobatik kommt heute noch eine Wortklauberei hinzu. In die argumentative Defensive gedr\u00e4ngt und unter Anpassungsdruck wird statt von der Erbs\u00fcnde von einer \u201eallgemeinen S\u00fcndhaftigkeit\u201c oder von der \u201eErbschuld\u201c des Menschen gesprochen. Theologen, Geistliche aller R\u00e4nge und Glaubensh\u00fcter eiern um angebliche Wahrheiten herum, die von der modernen Wissenschaft und ihren Erkenntnissen l\u00e4ngst als unhaltbare religi\u00f6se Konstrukte und Fiktion angesehen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Sinn des \u201eUnsinns&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Doch ist das fabul\u00f6se Spintisieren von Priestern und Theologen nicht v\u00f6lliger Unsinn. Ihr Sinn ergibt sich nach modernem Wissen und Verst\u00e4ndnis vielmehr aus der sozialen Funktion solcher dogmatischen Doktrinen. Der immanente Sinn und die Logik dieser Konstrukte liegen ganz anders, n\u00e4mlich in einer totalit\u00e4ren theologischen Lehre vom Menschen. Es dreht sich um eine religi\u00f6se Herrschaftsideologie. Dem Menschen wird nach katholischer und allgemein christlicher Sicht generell S\u00fcndhaftigkeit unterstellt. Alle Menschen seien seit Adam und Eva S\u00fcnder. Aus katholischer Sicht k\u00f6nnen sich die S\u00fcnder nur in, durch und mit der Kirche gem\u00e4\u00df eines von Kirchenv\u00e4tern und anderen Theologen ausgedachten Heilsplanes befreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eVers\u00f6hnung aus dem Ganzen der Vernunft\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Papst Benedikt XVI. (der ehemalige Kardinal Joseph Ratzinger) hat im Jahre 2006 in seiner umstrittenen Regensburger Rede 2006 der modernen Wissenschaft, insbesondere den Naturwissenschaften vorgeworfen, einer \u201epositivistischen Vernunft\u201c zu erliegen und eine Hinwendung zu einem ganzheitlichen Vernunftbegriff angemahnt. \u201eGlaube und Vernunft\u201c sollen nicht als Gegens\u00e4tze verstanden, sondern \u201eim Ganzen der Vernunft\u201c vers\u00f6hnt werden. Die Theologie stehe an staatlichen Universit\u00e4ten und Hochschulen \u201ein einer gemeinschaftlichen Verantwortung f\u00fcr den rechten [man h\u00f6re!] Gebrauch der Vernunft, indem sie nach der Vernunft des Glaubens\u201c fragt. In diesem Sinne geh\u00f6re die Theologie \u201enicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft an die Universit\u00e4t und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein\u201c (siehe Blog-Kapitel 43).<\/p>\n<p>Der Papst hat mit seinen Ausf\u00fchrungen und Postulaten f\u00fcr die r\u00f6mische Kurie nichts weniger als die Wahrheit und das richtige Weltverstehen reklamiert und die moderne Wissenschaft auf seine Wahrheit zu verpflichten versucht (siehe auch Blog-Kapitel 43). Die kirchenamtliche Erbs\u00fcndenlehre und ihr aberwitziger Wahrheitsanspruch liefern ein eklatantes Beispiel, warum diese angemahnte \u201eVers\u00f6hnung in einem Ganzen der Vernunft\u201c nicht m\u00f6glich ist. Die katholische Priester-Oligarchie tradiert noch immer ein Gemisch aus antiker Metaphysik und mittelalterlichem Denken (Alf Mintzel: Passauer Papiere zur Sozialwissenschaft. Begleitheft zur Lehre 2, Soziologische Exkurse in die Antike. ISSN 094-0733). Ihre \u201eHeilige Ordnung\u201c wirkt bis auf unsere Tage in der katholischen Glaubenslehre und Praxis nach. Auf katholischen Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Dogmatik werden an den staatlichen Universit\u00e4ten weiterhin auf Kosten der \u00f6ffentlichen Hand gehorsam diese abstrusen Lehren tradiert. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, alle Dogmatik-Professuren, die ja sowieso der kirchlichen Autorit\u00e4t unterstellt sind, aus dem Wissenschaftsbetrieb staatlicher Universit\u00e4ten und Hochschulen auszugliedern und kirchlichen Einrichtungen anzuschlie\u00dfen, die von den Kirchen selbst finanziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissensbest\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>Ich muss es mir hier selbstverst\u00e4ndlich ersparen, die neueren und neuesten Forschungsergebnisse der verschiedenen einschl\u00e4gigen Wissenschaftszweige zu referieren, um diese schauerlichen Lehrbehauptungen \u00fcber die Erbs\u00fcnde (und andere Kernst\u00fccke der Glaubenslehre) blo\u00dfzustellen. Solche \u201eewigen Wahrheiten\u201c zu entkr\u00e4ften d\u00fcrfte allerdings angesichts der Dauerhaftigkeit und Virulenz religi\u00f6s-konfessioneller Sinnwelten schwer gelingen. In der Menschheitsgeschichte hat es am Anfang nicht einmal in einem metaphorischen oder symbolischen Sinne das Stammelternpaar Adam und Eva gegeben. Und mitnichten ist mit dieser ihnen angedichteten Urs\u00fcnde der Tod in die Menschheitsgeschichte gekommen. Der Tier-Mensch-\u00dcbergang beginnt vor etwa vierzig Millionen Jahren. Fr\u00fche Hominiden tauchen vor etwa vier Millionen Jahren auf, die Stammesgeschichte der Gattung Homo setzt vor rund zwei Millionen Jahren ein. Es gab flie\u00dfende und verzweigte \u00dcberg\u00e4nge, phylogenetische Sackgassen und klimatisch bedingtes Sterben und Aussterben. Die menschlichen Vorfahren haben \u00fcber Jahrhunderttausende h\u00f6chstwahrscheinlich keinen Gott gekannt, von dem sie h\u00e4tten abfallen k\u00f6nnen. Sie sind als Sammler und J\u00e4ger in Gruppen umhergezogen. Sie starben wie seit Milliarden Jahren alle Lebewesen.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr viel ergiebiger, sich in die seit den 1990er Jahren erschienene evolutionswissenschaftliche Literatur einzuarbeiten. Ich weise hier nur auf ein paar Neuerscheinungen hin, die zur Entstehung, zu den Funktionen, zur Dauerhaftigkeit und zum Wandel religi\u00f6ser Weltanschauungssysteme und religi\u00f6ser Institutionen luzide, evolutionstheoretisch basierte Erkenntnisse beitragen: \u201eDarwin`s Cathedral. Evolution, Religion and the Nature of Society\u201c(D. S. Wilson, 2002), \u201eGott, Gene und Gehirn\u201c(R\u00fcdiger Vaas und Michael Blume, 2009, 3. Aufl. 2012), \u201eDie Sch\u00f6pfungsl\u00fcge\u201c(Richard Dawkins, 2012), \u201eEvolution in Natur und Kultur\u201c(Gerhard Schurz, 2011) und \u201eThe Divine Archetype: The Sociobiology and Psychology of Religion\u201c(B. Wenegrat).<\/p>\n<p>Sie entzaubern die aus der Sp\u00e4tantike und aus dem Mittelalter \u00fcberkommenen Glaubenslehren und religi\u00f6sen Institutionen, zumindest in aufgekl\u00e4rten westlichen Gesellschaften, und setzen sie zunehmend einem Legitimationsdruck aus.<\/p>\n<p>Die Wissenschaft, dem \u00fcbergeordneten Beurteilungsma\u00dfstab aufgekl\u00e4rter Rationalit\u00e4t verpflichtet, muss unhaltbare Positionen r\u00e4umen. Kirchen k\u00f6nnen dagegen an ihren tradierten Lehren und damit an angeblichen Glaubenswahrheiten festhalten, seien sie unter wissenschaftlichen Wahrheitskriterien noch so obsolet und absurd. Ich weise hier nur auf die Zeugungs- und Vererbungslehren der griechischen Antike hin, insbesondere auf die von Aristoteles. Auch die Lehre des mittelalterlichen Kirchenvaters Thomas von Aquin (1225\/26-1274) von der biogenetischen Minderwertigkeit des Weibes ist aus moderner wissenschaftlicher Kenntnis und Beurteilung pseudowissenschaftlicher Unsinn und obendrein eine unhaltbare Rechtfertigungslehre des maskulinen Primats. Papst Leo XIII. erhob Thomas von Aquin 1879 zum ersten Lehrer der r\u00f6misch-katholischen Kirche und 1880 zum Patron aller katholischen Schulen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit von Religion<\/strong><\/p>\n<p>Der Verhaltensphysiologe Wolfgang Wickler gibt zu bedenken, \u201edass nachweislich dummes und falsches Argumentieren jede, auch die kirchliche, Autorit\u00e4t untergr\u00e4bt, und zwar auch f\u00fcr den Fall, dass sie berechtigte Anliegen vertritt.\u201c (Wickler 2010, 117). Die Glaubens-Spaltung zwischen denen, welche die Achsel zucken oder den Kopf sch\u00fctteln, und denen, die gehorsam glauben, was mit p\u00e4pstlicher Billigung verk\u00fcndete wird, g\u00e4be dem modernen Atheismus kr\u00e4ftig und nachhaltig Hilfestellung (ebd., S.119). In Wicklers These, dass nachweislich ignorantes und unhaltbares Argumentieren in the long run selbst auch kirchliche Autorit\u00e4t untergraben wird, steckt nat\u00fcrlich generell die Frage, wie lange sich solche religi\u00f6s-konfessionellen Fiktionen und Lehren halten werden und wann sie als evolution\u00e4re Tatsachen nicht mehr den Gegenkr\u00e4ften aufgekl\u00e4rter Rationalit\u00e4t standhalten k\u00f6nnen. Trotz und ungeachtet der vielf\u00e4ltigen rational-aufkl\u00e4rerischen Bem\u00fchungen und S\u00e4kularisierungstendenzen erweisen religi\u00f6s-konfessionelle Glaubensvorstellungen und ihre institutionellen Repr\u00e4sentationen, wie weltweit zu beobachten ist, eine z\u00e4he Widerstandskraft und Dauerhaftigkeit. Die \u201eirrationale\u201c Kraft von Religionen scheint schwer zu brechen. Die evolutionstheoretische Frage ist, wie lange ihre selektive \u201eEignungspr\u00fcfung\u201c anhalten wird. Es kann noch Jahrhunderte und l\u00e4nger dauern, bis sie einzelne ihrer Effekte verlieren werden.<\/p>\n<p>Religi\u00f6ser Glaube generiert gemeinsame Werte und Regeln und stabilisiert hierdurch eine Glaubensgemeinschaft. Er f\u00f6rdert Kooperation und Gegenseitigkeitsverpflichtungen. Die religi\u00f6se Glaubens- und Wertegemeinschaft wird durch ihren Glauben an eine h\u00f6here Macht, an einen Gott, nach innen abgesichert und best\u00e4rkt. Glaube hat einen stark koh\u00e4siven Effekt. Dem regelkonformen Gl\u00e4ubigen wird im Christentum eine ewige Belohnung versprochen:<\/p>\n<p>\u201ePreis und Ehre und unverg\u00e4ngliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben\u201c (R\u00f6mer 5, 7)<\/p>\n<p>\u201eWahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort h\u00f6rt und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen\u2026\u201c (Johannes 5, 24,9,40)<\/p>\n<p>\u201eUnd das ist die Verhei\u00dfung, die er uns verhei\u00dfen hat: das ewige Leben\u201c (1. Johannes 2: 25)<\/p>\n<p>Dagegen wird dem Regelbrecher, Abtr\u00fcnnigen oder Ungl\u00e4ubigen mit ewiger Verdammnis gedroht:<\/p>\n<p>\u201eWeh den Gottlosen! Denn sie haben es \u00fcbel, und es wird ihnen vergolten werden, wie sie es verdienen\u201c (Jesaja 3:11)<\/p>\n<p>\u201eUnd sie werden in die Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben\u201c (Matth\u00e4us 25:46).<\/p>\n<p>Eine religi\u00f6se Glaubens- und Wertegemeinschaft folgt einem mehr oder weniger institutionalisierten Straf- und Belohnungssystem. Die Priesterkaste verwaltet das von ihr kodifizierte Heilsgut und kontrolliert die Einhaltung der Regeln. Auch im Islam funktioniert dieses Bestrafungs- und Belohnungssystem. Wenn du im Kampf gegen die Heiden stirbst, kommst du direkt ins Paradies, wo dich 78 Jungfrauen erwarten. Konvertierst du zum christlichen Glauben, wirst du mit dem Tod bestraft. Medien f\u00fchren uns diese Effekte im Positiven wie im Negativen t\u00e4glich vor Augen.<\/p>\n<p>Gerhard Schurz gibt in seinem Werk \u00fcber \u201eEvolution in Natur und Kultur zu bedenken (2011, S. 399f): \u201eDie erl\u00e4uterten Selektionsgr\u00fcnde f\u00fcr Religionen haben D. S. Wilson (20002, 220ff) und in noch st\u00e4rkerem Ausma\u00df Wenegrat (1990, 144ff.) dazu veranlasst, sich insgesamt f\u00fcr Religionen auszusprechen. Dieser Einstellung folge ich nicht, sondern bleibe Anh\u00e4nger eines gel\u00e4uterten Aufkl\u00e4rungsprogramms. Denn Religionen besitzen ein Janusgesicht: Die Kehrseite ihrer wohltuenden Placebo-Effekte ist ihr hohes Gefahrenpotenzial. Dennoch halte ich es f\u00fcr \u00e4u\u00dferst wichtig, die Selektionsgr\u00fcnde von Religionen, ihre positiven Eigenschaften f\u00fcr Menschen, herauszuarbeiten: erstens, um die evolution\u00e4re Nachhaltigkeit von Religionen erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, und zweitens, um im Sinne einer Metaaufkl\u00e4rung die Illusionen eines \u00fcberzogenen Aufkl\u00e4rungsprogramms aufzuzeigen. Es ist wohl kaum m\u00f6glich, so wie Marx oder Freud es dachten, Religionen aus der Welt zu schaffen und durch Vernunft oder Wissenschaft zu ersetzen. Wichtig w\u00e4re es (\u2026), Religionen zu <em>transformieren<\/em>, dass sie ohne den Verlust ihrer wohltuenden Placebo-Effekte ihr Gefahrenpotenzial abstreifen. (\u2026). Die gro\u00dfe Gefahr aller Religionen ist ihre Tendenz zum Fundamentalismus, also zum Absolutheitsanspruch ihres jeweils eigenen Gottes und der Abwertung der Lehren anderer Religionen als Verfehlungen\u201c.<\/p>\n<p>Ich selbst teile diese Einstellung in ihren Grundpositionen und ihre Postulate. Gerade im letzten Jahrzehnt meiner Forschungs- und Lehrt\u00e4tigkeit (1990-2000) und in den ersten Dezennien des 21. Jahrhunderts erschienen zur Problematik der kulturellen Evolution und \u00fcber polyfunktionale Effekte von Religionen erkenntnisreiche Publikationen. Ich selbst wandte mich in dieser Zeit von den bisherigen sozialwissenschaftlichen Entwicklungskonzepten und Theorien linearer \u201eH\u00f6herentwicklungen\u201c ab und neuen evolutionstheoretischen Fragestellungen zu. Es war klar geworden, dass Vorstellungen kontinuierlicher, irreversibler unilinearer Kausal- und H\u00f6herentwicklungskonzepte nicht mehr haltbar waren. Meine Ausarbeitungen zur evolutionstheoretischen Systemtheorie Niklas Luhmanns und anderer Wissenschaftler blieben allerdings in der Schublade.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag verwunderlich erscheinen, dass ich mich immer wieder auf Erkundungsg\u00e4nge begab, die mich in umstrittene Grenzgebiete hineinf\u00fchrten. Solange ich in der vormaligen weltpolitischen \u201eFrontstadt Berlin\u201c, in der sp\u00e4teren Hauptstadt der \u201eHeidenrepublik Deutschland\u201c (Michael Wolffsohn, Passauer Neue Presse Nr. 295, 2.12.2017, S.3), wohnte und arbeitete, ging es in Bereichen der Parteienforschung unter anderem um den&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[585,747,628,765,760,748,749,754,766,763,751,755,762,757,605,759,758,276,761,767,756,753,764,245,750,752],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/344"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=344"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":413,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/344\/revisions\/413"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}