{"id":358,"date":"2017-09-14T14:08:39","date_gmt":"2017-09-14T12:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=358"},"modified":"2019-09-10T05:42:36","modified_gmt":"2019-09-10T03:42:36","slug":"47-ein-leben-mit-kunst-kunst-als-biografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/09\/14\/47-ein-leben-mit-kunst-kunst-als-biografie\/","title":{"rendered":"47. \u203aOn th sunny side of the street\u2039 (I) \u2013 Die Jahre im Tessin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u00bbDeutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>So prangerte der sozialdemokratische Protestk\u00fcnstler Klaus Staeck 1971 auf einem Plakat die soziale und gesellschaftspolitische Widerspr\u00fcchlichkeit in Westdeutschland an, das Leben der Wohlhabenden und Reichen im Gegensatz zur \u00f6konomischen Lebenswelt der Arbeiterschaft. Das provokative Plakat hatte eine Auflage von 70 000 St\u00fcck und hing so gut wie in jeder Studentenbude der 1968er Generation. Der Tessin war zum Inbegriff eines paradiesischen Lebensstils wohlhabender und reicher westdeutscher B\u00fcrger geworden. Wer in die S\u00fcdschweiz reiste und am Luganer See oder am Lago Maggiore eine Villa besa\u00df, z\u00e4hlte zu den Privilegierten.<\/p>\n<p>Zur Landtagswahl 1972 in Baden-W\u00fcrttemberg entwarf und publizierte Staeck ein Plakat, das die Gesellschaftspolitik der CDU attackierte: \u00bbDie Reichen m\u00fcssen noch reicher werden. W\u00e4hlt christdemokratisch.\u00ab Es vermittelte eine \u00e4hnliche Botschaft: Auf dem Plakat wurde das Matth\u00e4us-Prinzip \u00bbWer da hat, dem wird noch gegeben\u00ab zum Muss eines christdemokratischen Imperativs erhoben.<\/p>\n<p>Mein Schwiegervater in spe, Georges Schaltenbrand, hatte Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre gleich zwei mond\u00e4ne Villen gebaut, eine am Ort seines beruflichen Wirkens, in W\u00fcrzburg, und eine im Tessin am Lago Maggiore. Die Familie Schaltenbrand war im Oktober 1961 in die neue W\u00fcrzburger Villa eingezogen (siehe Blog-Kap. 13), die Tessiner war 1962 bezugsfertig. Casa Lu, so war das Anwesen an Anlehnung an den Vornamen meiner Schwiegermutter getauft worden, lag oberhalb Locarnos in Orselina am Hang an der Via Patocchi 88. Der Panoramablick reichte vom n\u00f6rdlich gelegenen Bellinzona bis zu den Isole di Brissago in Italien und weit dar\u00fcber hinaus. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite des Lago ragten die bewaldeten Massive des Tamaro und des Gambarogno ins durchsonnte Himmelblau. Vom Balkon der Villa konnten wir in gerader Linie hinunter auf den Hafen von Locarno schauen und die ein- und abfahrenden Schiffe beobachten. Das Hanggrundst\u00fcck umfasste 2600 Quadratmeter. Der obere Teil, einstmals ein terrassierter Weinberg, war bewaldet. Auf dem unteren Teil lag an den Hang gelehnt das neue, modern gestaltete Haus mit seinen lichtdurchfluteten R\u00e4umen. Im oberen Stockwerk residierte \u203adie Herrschaft\u2039, meine Schwiegereltern, im unteren wohnten in drei Zimmern die Abk\u00f6mmlinge, also wir, unsere T\u00f6chter Anne, Theresa und Caroline und sp\u00e4ter auch die Enkelkinder.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-931 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002-700x496.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002-700x496.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002-768x544.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002-800x567.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>CH, Orselina sopra Locarno, Casa Lu, Via Patocci 88, in den 1990er Jahren<\/em><\/p>\n<p>Das Tessiner Haus war so geplant, gebaut und eingerichtet, dass es als dauerhafter Wohnsitz dienen konnte. Mein Schwiegervater hegte in Gedanken die Hoffnung, sich nach seiner Emeritierung dorthin zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen. Im Gartengel\u00e4nde beider H\u00e4user lud ein Swimmingpool zur Erfrischung ein. Gegen\u00fcber Freunden und Bekannten wurde das Schweizer Domizil als bescheidenes \u203aFerienhaus\u2039 kleingeredet, um nicht allzu viel Neid zu erwecken. Innerhalb so kurzer Zeit gleich zwei Villen und eine sogar oberhalb des Lago Maggiore bauen und bewohnen zu k\u00f6nnen, rief eine gewisse Scham hervor, sich solches leisten zu k\u00f6nnen und zu den Reichen gez\u00e4hlt zu werden. Ambivalente Gef\u00fchle verlangten nach Rechtfertigung, wenn offen oder versteckt danach gefragt wurde, wie es m\u00f6glich gewesen sei, so rasch nach dem Krieg wieder zu Reichtum zu gelangen. Ein Professorengehalt und selbst hohe Arzthonorare k\u00f6nnten wohl kaum f\u00fcr den Bau zweier Villen ausgereicht haben. Meine Schwiegermutter in spe erkl\u00e4rte damals mir gegen\u00fcber, sie konnten sich die beiden H\u00e4user nur leisten, weil mein Schwiegervater zu rauchen aufgeh\u00f6rt und hierdurch viel Geld gespart habe. Das h\u00f6rte sich grotesk an und war zugleich eine moralische Watsche, weil ich noch ein passionierter Zigarettenraucher war. Man k\u00f6nnte diese kuriose Rechtfertigung \u00e0 la Staeck ironisch-plakativ so umformulieren: H\u00f6re zu rauchen auf und auch du kannst Dir eine Villa im Tessin leisten. Ich f\u00fchlte mich f\u00fcr dumm verkauft, schwieg aber dazu. Die Begr\u00fcndung hatte allerdings einen weltanschaulich-ideologischen Inhalt. Reichtum verdient man sich legitimer Weise nur durch Leistung, Askese und Verzicht. Doch woher kam das Geld? Und warum legten die Eltern Schaltenbrand es in einer Immobilie im Tessin an?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Eine \u203abombensichere\u2039 Idylle \u2013 Flucht in die Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Die neutrale Schweiz hatte schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein in der damaligen Welt einzigartiges, \u203abombensicheres\u2039 Schutzraum\u2013Konzept verwirklicht. Das allgemeine Sicherheitsbed\u00fcrfnis der Eidgenossen hatte sich geradezu in einer \u203aBunkermentalit\u00e4t\u2039 manifestiert. Im Ernstfall sollten alle gut sieben Millionen Einwohner in Schutzr\u00e4umen Platz finden k\u00f6nnen. Mit gesetzlichen Vorschriften hatte die Schweiz durchgesetzt, dass in allen privaten und \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden nach vorgegebenen Mustern Schutzr\u00e4ume eingebaut werden mussten. Als in den 1950er und 1960er Jahren das Wettr\u00fcsten der gegnerischen Milit\u00e4rbl\u00f6cke auf einen atomaren Krieg zusteuerte, wurde es f\u00fcr jeden Schweizer Bauherren zur Pflicht gemacht, sein Geb\u00e4ude mit einem Atombunker auszustatten. Die Bunker mussten mit massiven Schutzraumt\u00fcren, Panzerdecken, Notausstiegen und Fluchtr\u00f6hren sicher gemacht und innen mit Luftfiltern, Liegen, Wasserreinigungsmittel und mit einer \u00dcberlebensration an Lebensmitteln ausger\u00fcstet werden. Diese teuren Ma\u00dfnahmen wurden damit begr\u00fcndet, die Schweiz sei zwar ein neutraler Staat, aber von NATO-L\u00e4ndern umgeben und ein potenzielles Angriffsziel der Sowjetunion. Der Slogan der 1960er Jahre war: \u00bbDie Neutralit\u00e4t sch\u00fctzt nicht vor Radioaktivit\u00e4t\u00ab. Ein US-amerikanischer Fotograf namens Richard Ross, der sich auf Gef\u00e4ngnisse und Bunker spezialisiert hatte, spottete: \u00bbWenn es einen Atomkrieg geben sollte, w\u00e4re der Kreis der \u00dcberlebenden klein: die amerikanische Regierung, die Mormonen, ein paar Israelis, besonders widerstandsf\u00e4hige Insekten \u2013 und die Schweizer\u00ab. (\u00dcber die Schweizer Sicherheitsma\u00dfnahmen j\u00fcngst SZ Nr. 270, 24.11.2017, S. 3).<\/p>\n<p>Die gesetzlichen Bauauflagen musste nat\u00fcrlich auch mein Schwiegervater erf\u00fcllen, als er 1961\/62 in Orselina sein Feriendomizil bauen lie\u00df. Er tat es, obwohl er an die Grenzen seiner finanziellen M\u00f6glichkeiten kam. Denn sein Sicherheitsbed\u00fcrfnis stand der Schweizer \u203aBunkermentalit\u00e4t\u2039 in nichts nach. Er hatte zwei Weltkriege erlebt, Zerst\u00f6rungen unvorstellbaren Ausma\u00dfes, Massenvernichtung und Grausamkeit und einen politischen Gesinnungs- und Orientierungswandel durchgemacht. Er war von einem deutschnational gesinnten Freikorps-K\u00e4mpfer, der an den Grenzen Oberschlesiens Wache gehalten hatte, zu einem Pazifisten geworden, der den Slogan \u00bbNie wieder Krieg von deutschem Boden aus!\u00ab auf sein politisches Panier geschrieben hatte. Er war zu einem entschlossenen Gegner der Wiederaufr\u00fcstung Westdeutschlands geworden, hatte sich gegen das atomare Wettr\u00fcsten gewandt und sich der westdeutschen Anti-Atomkrieg-Bewegung angeschlossen. Zudem hatte er sich mit seinem W\u00fcrzburger Universit\u00e4tskollegen Prof. Dr. Franz Rauhut (1898\u20131988) zusammengetan und in W\u00fcrzburg dessen pazifistische Aufrufe und Protestaktionen unterst\u00fctzt. Sein Schweizer Bauprojekt fiel, auf diesen direkten Zusammenhang will ich besonders hinweisen, genau in die extrem beunruhigenden Jahre 1961\/62, in denen das Regime der DDR die Berliner Mauer errichtete (1961) und die Kuba-Krise (1962) zu einer direkten atomaren Konfrontation zwischen der USA und der Sowjetunion f\u00fchrte. Alle Welt f\u00fcrchtete, dass die Kuba-Krise eine atomare Apokalypse ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Inge Lu und ich verfolgten in Berlin mit Bangen die Nachrichten, weil die Kuba-Krise auch die Insellage Westberlins erneut gef\u00e4hrden konnte. Beobachter bef\u00fcrchteten, Westberlin k\u00f6nnte zu einem Kompensationsobjekt f\u00fcr den Abzug der sowjetischen Atomwaffen von Kuba werden (siehe hierzu Blog-Kap. 14). Am Himmel Westberlins kreisten t\u00e4glich sowjetische MIG-Kampfjets und durchbrachen mit ohrenbet\u00e4ubendem Knall die Schallmauer, so dass unten die Fensterscheiben klirrten und schepperten. Ostberliner Volkspolizisten erschossen an der Berliner Mauer fl\u00fcchtende DDR-B\u00fcrger. Es herrschte in der sogenannten Frontstadt des Westens eine nerv\u00f6se, beklemmende Stimmung. Inge Lu erlitt einen psychischen \u203aBerlin-Koller\u2039. Sie f\u00fchlte sich dort unentrinnbar eingesperrt und in den Orchideenf\u00e4chern Sinologie und Japanologie den Launen ihrer Professoren ausgesetzt. Sie versank in eine schwere Depression und rang mit Selbstzweifeln und widerspr\u00fcchlichen Anforderungen. Besorgte Briefe und Telefonate gingen zwischen unseren Eltern und uns \u203aFrontst\u00e4dtern\u2039 hin und her. Vater Schaltenbrand bat einen befreundeten Berliner Kollegen, den Neurologen Prof. Dr. Arist Stender (1903\u20131975), sich medizinisch um Inge Lu zu k\u00fcmmern. Fraglich war, ob es uns wirklich gelungen w\u00e4re, aus Westberlin herauszukommen, falls die Stadt von der Sowjetunion okkupiert worden w\u00e4re. Doch trotz aller Dramatik und Unsicherheit war mir, was meine Person und Zukunft betraf, eines klar: F\u00fcr mich hatte sich 1961\/62 an der Freien Universit\u00e4t Berlin \u00fcber ein F\u00f6rderungsprogramm f\u00fcr wissenschaftlichen Nachwuchs ein Tor zur Wissenschaft ge\u00f6ffnet, durch das zu gehen ich fest entschlossen war. Meine Grundstimmung blieb optimistisch.<\/p>\n<p>Das Schweizer Bauprojekt, dessen Durchf\u00fchrung sich Ende der 1950er Jahre verz\u00f6gert hatte, gewann in jenen Tagen f\u00fcr meinen Schwiegervater in spe geradezu eine \u00fcberlebenswichtige Bedeutung. Das investierte Geld und Verm\u00f6gen schien zu einer Art Lebensversicherung f\u00fcr den atomaren Ernstfall zu werden. Er war ein besorgter Patriarch, der seine Familie in Sicherheit bringen wollte. Ein verm\u00f6gensbildender Umstand war ihm dabei zeitlich sehr gelegen gekommen, und dies anscheinend reichlich genug. Es muss um das Jahr 1960 herum gewesen sein, als Belgien bis dahin eingefrorenes deutsches Feindverm\u00f6gen freigegeben hatte. Schaltenbrands Mutter hatte aus einer wohlhabenden belgischen Unternehmerfamilie gestammt, die seit Generationen Verm\u00f6gen vererbt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dieses Verm\u00f6gen, um das stets ein gro\u00dfes Geheimnis gemacht worden war, als Feindverm\u00f6gen f\u00fcr verloren gehalten worden. \u00dcber Herkunft und Gr\u00f6\u00dfe kann ich nur r\u00e4tseln, raunen und spekulieren. Der Patriarch und famili\u00e4re Schicksalslenker hatte sich so gut wie nie in die Karten gucken lassen und keine Ausk\u00fcnfte \u00fcber solche Vorg\u00e4nge gegeben. Kein Familienmitglied war von ihm in die tats\u00e4chliche Verm\u00f6genslage auch nur andeutungsweise eingeweiht worden, wahrscheinlich nicht einmal seine Ehefrau. Georges Schaltenbrand war, worauf ich schon an anderer Stelle zu sprechen kam, eine fast allm\u00e4chtige, in den K\u00f6pfen seiner Familie stets pr\u00e4sente oberste Instanz, die vieles im Alleingang regelte und kontrollierte (siehe auch Blog-Kap. 13). Das Familienoberhaupt, das er nach damaligen Rollenmustern geradezu archetypisch repr\u00e4sentierte, schwieg sich grunds\u00e4tzlich \u00fcber seine finanziellen Verh\u00e4ltnisse und Entscheidungen aus. Als Direktor der neurologischen Universit\u00e4tsklinik W\u00fcrzburg und international gefragte und geehrte medizinische Kapazit\u00e4t hatte er zwar ein vergleichsweise hohes Einkommen, aber es waren wohl auch Erbschaften gro\u00dfb\u00fcrgerlicher und kapitalistischer Herkunft, die es ihm erm\u00f6glicht hatten, fast zu gleicher Zeit zwei H\u00e4user an bezaubernd sch\u00f6nen Orten zu bauen. Sein Vater, Eugen Schaltenbrand (1866\u20131927), war einer der Generaldirektoren der Gutehoffnungsh\u00fctte (Aktiengesellschaft f\u00fcr Bergbau und H\u00fcttenbetrieb) gewesen, ein Stahlindustrieller also, der Aktienkapital hinterlassen hatte.<\/p>\n<p>Wir, Inge Lu und ich, und sp\u00e4ter auch die Kindeskinder, unsere drei T\u00f6chter, kamen jedenfalls in den Genuss eines Lebens \u203aon the sunny side oft the street\u2039. Seit der Geburt unserer \u00e4ltesten Tochter 1968 verbrachten wir jedes Jahr mehrere Wochen und sp\u00e4ter sogar Monate auf dem prato pernice, wie dieser Berghang in Orselina sopra Locarno genannt wurde. Ich schrieb dort im \u203aStudio\u2039, in dem mein Schwiegervater bis zu seinem Tode 1979 gearbeitet hatte, an B\u00fcchern, verfasste Artikel und bereitete mich auf meine Lehrveranstaltungen vor. Ruhten meine Augen vom vielen Schreiben aus, genoss ich einen fantastischen Panoramablick \u00fcber dieBerge und den strahlenden See. Z\u00e4hle ich diese Zeiten zusammen, d\u00fcrften wir mindestens sechs Jahre im Tessin \u2013 w\u00f6rtlich gemeint \u2013 zu Hause gewesen sein. Locarno und Casa Lu wurden selbst noch f\u00fcr unsere Enkelkinder zur zweiten Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-930 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001-700x464.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001-700x464.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001-768x509.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001-800x530.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/47_001.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu \u2013 selbst noch f\u00fcr die Enkelkinder zweite Heimat; von links: Julian Sperling, Carlotta Bausenwein, Theresa Sperling geb. Mintzel, Mia Bausenwein, Noah Sperling; Ostern 2009, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p>Doch nach dem Tode meiner Schwiegermutter, die 1999 im Alter von 101 Jahren gestorben war, stritt sich die Erbengemeinschaft, die drei Geschwister Schaltenbrand, um M\u00f6glichkeiten und Modalit\u00e4ten des Erhalts sowie um die Verwaltung des Erbes.<\/p>\n<p>H\u00e4tte im \u203aKalten Krieg\u2039 1962 der Kuba-Konflikt Europa und besonders die zwei deutschen Teilstaaten, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, tats\u00e4chlich in ein atomares Inferno verwandelt, w\u00e4ren wir h\u00f6chstwahrscheinlich nicht rechtzeitig in die Schweiz gelangt, um in unserem Atombunker Schutz zu finden. Die Schweiz h\u00e4tte sicher ihre Grenzen geschlossen und den Ansturm auf ihr Territorium und ihre Bunker abgewehrt. Und selbst wenn uns die Flucht gelungen w\u00e4re, h\u00e4tte uns auch dort t\u00f6dliche Radioaktivit\u00e4t dahingerafft. Die Neutralit\u00e4t h\u00e4tte im Ernstfall vermutlich nicht vor Radioaktivit\u00e4t gesch\u00fctzt. Die \u203abombensichere\u2039 Idylle war eine Illusion. Unser Atombunker, der von Anfang an nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfig ausgestattet gewesen war, diente im Grunde mehr als Vorratskeller f\u00fcr Getr\u00e4nke, Lebensmittel, Gartenger\u00e4te, Farbt\u00f6pfe, Ger\u00fcmpel und seit den 1990er Jahren in zunehmenden Ma\u00dfe als Aufbewahrungsplatz f\u00fcr meinen \u203aSchrott\u2039, den ich auf Flohm\u00e4rkten in Locarno und Ascona f\u00fcr die Konstruktion von Objekten kaufte (siehe Blog-Kap. 50). Meine \u00fcbervolle Schrottecke missfiel den Geschwistern Schaltenbrand, umso lieber versteckten sich dort dicke Spinnen und gut gen\u00e4hrte Skorpione, denen die \u00c4sthetik des Hauses nicht sakrosankt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Kosten der Idylle<\/strong><\/p>\n<p>\u203aOn the sunny side oft the street\u2039 zu leben, hatte nat\u00fcrlich auch seine Schattenseiten. Familiengeschichte besteht aus vielen Episoden, aus b\u00f6sen und guten, h\u00e4sslichen und sch\u00f6nen, wahren und erfundenen. Wer ehrlich berichtet, kommt nicht umhin, auch allzu Menschliches aufzudecken, auf unangenehme Charaktereigenschaften zu deuten und weh zu tun. Wer nur Positives und Schmeichelhaftes erz\u00e4hlt, macht sich verd\u00e4chtig, zu verheimlichen, was das sch\u00f6ne Familienbild verschandeln k\u00f6nnte. Plaudert man allerdings aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen, wird man rasch als Nestbeschmutzer beschimpft. Meine Schilderungen bewegen sich am Rande der Indiskretion und des Verrats von Dingen und Vorg\u00e4ngen, von denen man gew\u00f6hnlich sagt, sie gingen anderen Leuten nichts an. Ich nehme es in Kauf, daf\u00fcr gescholten zu werden.<\/p>\n<p>Wir f\u00fchrten in Orselina einen kompletten zweiten Haushalt mit allen Nutzgegenst\u00e4nden f\u00fcr das t\u00e4gliche Leben. Bei jedem Aufenthalt war ein anstrengendes Arbeitsprogramm zu bew\u00e4ltigen. Casa Lu war also kein Ferienbetrieb im eigentliche Sinne, in dem man sich h\u00e4tte bedienen lassen und auf die faule Haut legen k\u00f6nnen. Wir mussten uns selbst versorgen, bei der Gemeinde melden, nach Locarno hinunterfahren und Lebensmittel einkaufen, Getr\u00e4nke holen, K\u00e4sten schleppen, waschen, putzen, fegen, kochen, die Betten machen, Teppiche klopfen, die Fenster wieder blank wischen, T\u00fcrangeln \u00f6len und noch ein Dutzend anderer Dinge erledigen. Der Alltag mit seinen Routinen hatte uns voll im Griff. Zu den h\u00e4uslichen Arbeiten kam die Gartenpflege in einer \u00fcppig wuchernden Natur. Im oberen Teil des Grundst\u00fcckes schoss der Bambus zw\u00f6lf Meter in die H\u00f6he. Ich musste die unterirdischen Rhizome kappen und mich mit einer Machete durch das Unterholz k\u00e4mpfen. Am Hang stand mehrmals im Jahr der Schnitt der Wiese an. Im Fr\u00fchjahr und im Herbst mussten wir das Laub der Khakib\u00e4ume wegr\u00e4umen und in K\u00f6rben hinauf zu einer Kuhle schleppen. Zweimal im Jahr stieg ich auf das Flachdach des Hauses, um in Schwindel erregender H\u00f6he Dach und Dachrinnen zu reinigen. Einmal im Jahr holten wir f\u00fcr die schwersten Arbeiten einen G\u00e4rtner, was im Hochlohnland Schweiz eine Menge Geld kostete. Ich f\u00fchrte \u00fcber viele Jahre ein Arbeitsheft, in das auch die anderen Familienmitglieder ihre geleisteten Stunden eintrugen. Ich rechnete alle Anteile am Gesamtvolumen aus und zog Bilanz. Kein Wunder, dass es Streit gab unter den Geschwistern. Stimmungen und Spannungen entluden sich in Kr\u00e4chen.<\/p>\n<p>Nachdem die Hausherrin Lulu gestorben war, lie\u00df sich die m\u00fchsam gehaltene Balance von Arbeit und vergn\u00fcglicher freier Zeit nicht mehr verwirklichen. Die verschiedenen Interessen, Vorlieben und Anspr\u00fcche lie\u00dfen sich nicht auf den n\u00f6tigen gemeinsamen Nenner bringen f\u00fcr eine dauerhafte gemeinsame Erhaltung und Pflege des Erbes. Inge Lu und ich waren inzwischen Gro\u00dfeltern geworden, vier Enkelkinder waren hinzugekommen (sp\u00e4ter kamen noch einmal zwei). Wir liebten Orselina. Casa Lu bot sich gerade f\u00fcr eine wachsende Familie als gro\u00dfr\u00e4umiger Treffpunkt und paradiesisches Ambiente an. Besonders das Schwimmbad lockte die Kinderschar an. F\u00fcr sie gab es in dem gro\u00dfen Gel\u00e4nde jeden Tag Neues zu entdecken. Inge Lus Geschwister, J\u00fcrgen und Else-Li, waren hingegen kinderlos geblieben. Ihre Ehen waren in die Br\u00fcche gegangen und auch andere Beziehungen waren gescheitert. Eine \u00e4u\u00dferst unangenehme Charaktereigenschaft machte sie unvertr\u00e4glich: ihre Pfennigfuchserei, f\u00fcr die sie auch unter Freunden und Bekannten bekannt waren, ja sogar Geiz bis in l\u00e4cherliche Kleinigkeiten. Sie betrachteten Orselina nicht gleicherma\u00dfen als willkommenen Ort f\u00fcr ein vergn\u00fcgliches Miteinander der Geschwister und Generationen, sondern als einen Ort des R\u00fcckzugs in ein ungest\u00f6rtes Alleinleben, und dies erst recht im h\u00f6heren Alter. Sie f\u00fchlten sich bedr\u00e4ngt, mokierten sich \u00fcber die Fingerabdr\u00fccke der Kinder auf den Glasscheiben der wandhohen Schiebet\u00fcren, durch die wir ins Freie gingen, und schimpften \u00fcber Schokoladenspuren an den wei\u00dfen W\u00e4nden. Sie \u00e4rgerten sich \u00fcber das herumliegende Kinderspielzeug. F\u00fcr J\u00fcrgen und Else-Li boten sich als Einzelg\u00e4nger Alternativen f\u00fcr Individualreisen in ferne L\u00e4nder an, die wir in unserer famili\u00e4ren Situation nicht hatten. Inge Lu und ich nutzten dagegen mit unseren Kindern und Kindeskindern \u00fcber vier Jahrzehnte das von den Eltern Schaltenbrand geschaffene Idyll. Wir f\u00fchlten uns dort wirklich zu Hause.\u00a0 F\u00fcr mich war Casa Lu trotz der geschilderten M\u00fchen stets ein Ort hoher Kreativit\u00e4t gewesen. Noch heute kehre ich in meinen n\u00e4chtlichen Tr\u00e4umen oft dahin zur\u00fcck. Der prato pernice war mein Arkadien.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-957 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004-700x974.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"974\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004-700x974.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004-216x300.jpg 216w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004-768x1069.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004-800x1114.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_004.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, 1964, Inge Lu Mintzel, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-965 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-700x512.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-700x512.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-768x562.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-800x585.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_014.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, Ostern 1989; die drei Mintzel-T\u00f6chter: Anne, geb. 1968, Theresa, geb. 1971, Caroline, geb. 1975; Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-956 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003-700x902.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"902\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003-700x902.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003-768x990.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003-800x1031.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/47_003.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, 2009, Theresa Sperling mit ihrem Sohn Julian im Studio; Julian sagt, er bef\u00e4nde sich nun in seiner monochromen Phase. Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe des Wohnraumes im oberen Stockwerk mit seinen wandhohen Panoramascheiben erm\u00f6glichte es, sich auch bei schlechtem Wetter, an Regentagen und im k\u00fchlen Herbst, drinnen zu besch\u00e4ftigen. Die Kinder hatten viel Platz f\u00fcr Spiele und Vergn\u00fcgungen. Inge Lu und ich sorgten daf\u00fcr, dass den Kindern stets genug Materialien zur Verf\u00fcgung standen: Malbl\u00f6cke, Buntstifte, Malpinsel, Wasserfarben, Malkreiden, Scheren, Klebstoff und Kinderb\u00fccher. Wir f\u00fchrten sie spielerisch an den realen Kunstbetrieb heran, indem wir in dem 75 Quadratmeter gro\u00dfen Wohnzimmer Vernissagen und Auktionen f\u00fcr ihre Malereien veranstalteten. Die Kinder erfanden Sch\u00e4tzpreise f\u00fcr ihre Bilder, wir boten kleine Betr\u00e4ge, um sie zu weiterem \u203aKunstschaffen\u2039 anzuregen. Inge Lu und ich entwarfen selbst kleine Kinderb\u00fccher, schrieben Texte dazu und illustrierten sie mit Zeichnungen und Deckfarbenbildchen. Unsere Kinder und sp\u00e4ter auch die Enkelkinder machten begeistert mit und begannen die hochkar\u00e4tige Sammlung moderner und zeitgen\u00f6ssischer Kunst, die im ganzen Haus an den Zimmerw\u00e4nden hing, mit neugierigen Augen zu betrachten. Einer unserer Enkels\u00f6hne malte ein Bild nach dem anderen und erkl\u00e4rte, er sei nun in seiner monochromen Phase. Ich bewahre noch heute viele Kinderbilder auf und freue mich \u00fcber den Reichtum an Fantasie und das kompositorische K\u00f6nnen. Noch immer animiere ich die Enkelkinder bei ihren Besuchen in Passau zum Zeichnen und zum Malen. Sp\u00e4ter, als die H\u00e4user verkauft werden mussten, wurde die Beteiligung an Auktionen zur bitteren Realit\u00e4t. Wir l\u00f6sten die gro\u00dfelterliche, museumsw\u00fcrdige Kunstsammlung schrittweise auf und verteilten sie an unsere T\u00f6chter, die in Absprache mit uns einen gro\u00dfen Teil ver\u00e4u\u00dferten. Es war ein trauriger Abschied von der Sammlung Schaltenbrand, die auch viele wertvolle Ostasiatika enthalten hatte, die meine Schwiegereltern Ende der 1920er Jahre aus China und Japan mitgebracht hatten. Mein Schwiegervater hatte, wie ich schon an anderer Stelle hervorgehoben hatte, in den Jahren 1928\/29 als Neurologe in Peking am dortigen \u203aUnion Medical College\u2039 gearbeitet und geforscht (siehe auch Blog-Kap. 42). So ging die \u203aWelt von gestern\u2039, um es mit Stefan Zweig auszudr\u00fccken, f\u00fcr uns endg\u00fcltig unter. Nur wenige Einzelst\u00fccke, die noch in unserem Eigentum geblieben sind, erinnern uns daran.<\/p>\n<p>Zu Lebzeiten hatten Georges und Lulu Schaltenbrand aus ihrem Verm\u00f6gen alle anfallenden Rechnungen f\u00fcr Casa Lu beglichen. Nach dem Tode von Lulu, der Alleinerbin von 1979, fiel das Schweizer Erbe zu gleichen Teilen an ihre drei Kinder J\u00fcrgen, Inge Lu und Else-Li. Keinem der drei war es kraft seiner \u00f6konomischen Lage m\u00f6glich, die jeweils zwei anderen auszubezahlen. Dazu w\u00e4re wohl das Einkommen eines Top-Managers im Finanz- oder Wirtschaftssektor notwendig gewesen. Selbst wenn wir unsere jeweiligen finanziellen Kr\u00e4fte geb\u00fcndelt h\u00e4tten, w\u00e4re der gemeinsame Erhalt dauerhaft kaum zu verwirklichen gewesen. Auf uns w\u00e4ren bald zum laufenden teuren Unterhaltung hohe Reparaturkosten zugekommen. Meine Pension als ehemaliger Professor und Lehrstuhlinhaber nahm sich angesichts der finanziellen Gegebenheiten l\u00e4cherlich gering aus. Mein Schwager J\u00fcrgen Schaltenbrand, der als angestellter Psychologe einer katholischen Einrichtung der Erziehungsberatung die schlechtesten Karten in der Hand hielt, zog sich \u2013 auch aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden \u2013 v\u00f6llig aus dem gemeinsamen Projekt Casa Lu zur\u00fcck und zwang uns zum raschen Verkauf. Mit dem Verkauf der W\u00fcrzburger Villa im Jahre 2002 und des Tessiner Domizils 2010 ging eine gro\u00dfb\u00fcrgerliche Familien\u00e4ra zu Ende. Selbst unsere Enkelkinder beklagten noch lange den Verkauf, den sie, wie wir Alten, als gro\u00dfen Verlust erlebten. Inge Lu schenkte ihr Drittel an dem Verkauf gro\u00dfz\u00fcgig unseren T\u00f6chtern. Wir investierten unser Verm\u00f6gen in unsere Kinder und Kindeskinder, um deren Lebenschancen zu verbessern. So kam die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation noch in den Genuss der Relikte einstmaliger gro\u00dfb\u00fcrgerlicher Lebensverh\u00e4ltnisse. Gro\u00dfvater Schaltenbrand, der 1979 im Alter von fast 82 Jahren verstorben war, h\u00e4tte es gefreut.<\/p>\n<p>Mein Schwiegervater lebte aber fiskalisch noch zehn volle Jahre weiter. Nach seinem Tod war es ein kurioser Zufall, dass f\u00fcr die Schweizer Erbschaft, die zur G\u00e4nze an seine Frau gefallen war, keine Erbschaftssteuer bezahlt worden war. Mir ist der Vorgang nicht in Einzelheiten bekannt. Ich kann ihn nicht pr\u00e4zise schildern. Es muss sich etwa so zugetragen haben: Unser Locarneser Steuer- und Finanzberater hatte anscheinend vergessen, dem Schweizer Finanzamt den Todesfall zu melden. Erst um das Jahr 1990 war dem Schweizer Fiskus irgendwie aufgefallen, dass der Erbfall stattgefunden haben musste. Er forderte eine horrende Summe nach. Wir mussten den Streitfall einem Anwalt und Notar vorlegen. Doch nicht er kam darauf, sondern die schlaue Inge Lu, die herausfand, dass das Vers\u00e4umnis verj\u00e4hrt und uns durch die Nachl\u00e4ssigkeit des Steuerberaters die Erbschaftssteuer erspart geblieben war. Keines ihrer geizigen Geschwister hat es ihr je gedankt. So hatten der verstorbene Patriarch und Finanzjongleur postum und seine Tochter Inge Lu daf\u00fcr gesorgt, dass wir noch zwei weitere Jahrzehnte in Orselina \u203aon th sunny side of the street\u2039 weiterspazieren konnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDeutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.\u00ab So prangerte der sozialdemokratische Protestk\u00fcnstler Klaus Staeck 1971 auf einem Plakat die soziale und gesellschaftspolitische Widerspr\u00fcchlichkeit in Westdeutschland an, das Leben der Wohlhabenden und Reichen im Gegensatz zur \u00f6konomischen Lebenswelt der Arbeiterschaft. 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