{"id":360,"date":"2017-09-14T14:30:16","date_gmt":"2017-09-14T12:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=360"},"modified":"2019-09-10T06:12:18","modified_gmt":"2019-09-10T04:12:18","slug":"48-on-the-sunny-site-neu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/09\/14\/48-on-the-sunny-site-neu\/","title":{"rendered":"48. \u203aOn the sunny side of the street\u2039 (II) \u2013 Tessiner Impressionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u00bbEt in Arcadia ego\u00ab<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch in Arkadien gibt es mich: den Tod. In zahlreichen Varianten und Ausdrucksformen war er allgegenw\u00e4rtig. Ich habe ihn in meinen \u203aNotizen &amp; Skizzen\u2039 in vielen kleinen Geschichten festgehalten. Auch die einstmaligen Eigent\u00fcmer und Besitzer des Hauses sind ihm anheimgefallen. Sie geistern nur noch in Gedanken und Erinnerungen durch das Haus, das heute Fremden geh\u00f6rt. An den allgegenw\u00e4rtigen Tod, dem auch ich entgegengehe, erinnert mich nicht nur der Sinnspruch des altr\u00f6mischen \u203amemento mori\u2039, gedenke des Todes! Dieser Spruch steht auf den W\u00e4nden vieler Tessiner Kapellen und Kreuzstationen. Auf Fresken h\u00e4lt der personifizierte Tod, der Knochenmann, die Sense bereit \u2013 selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr mich. In unserem Tessiner \u203aArkadien\u2039 war der Tod t\u00e4glich rund um das Haus zu beobachten. \u203aOn the sunny side oft the street\u2039 ereigneten sich grausame Vorg\u00e4nge. Daher schlage ich im Folgenden auch d\u00fcstere T\u00f6ne an. Meine Tageb\u00fccher, fast f\u00fcnfzig B\u00e4nde an der Zahl, sind voll davon. Aus ihnen will ich im Folgenden Eintr\u00e4ge wiedergeben und ein paar Impressionen und Erlebnisse in lockerer Folge in Worte fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich wollte stets wissen, mit wem und mit was ich es in der Natur zu tun hatte. Seit meiner Kindheit war ich naturkundlich interessiert. Meine Neigung, das Tier- und Pflanzenleben um mich herum zu beobachten und zu beschreiben, war nie verloren gegangen. Das Naturgeschehen zog mich auf jedem Spaziergang und bei jeder Erkundung in seinen Bann. Ich fand im Tessin und rund um das Haus einen vielf\u00e4ltigen Kosmos vor. In der Casa Lu hatte ich zahlreiche naturwissenschaftliche und -kundliche B\u00fccher zur Hand: Fachwerke \u00fcber Schmetterlinge, K\u00e4fer, Libellen, Heuschrecken und Bestimmungsb\u00fccher zur Flora Helvetica und \u00fcber vieles mehr. Ich wusste, wer und was giftig war oder harmlos. Aufgrund dieses Wissens fiel mir in der Familie die Rolle des Tierf\u00e4ngers zu. Bevor die Kinder sich abends schlafen legten, musste ich erst einmal dicke Spinnen fangen, Skorpione vertreiben, Stechm\u00fccken totklatschen, verirrte Eidechsen aus den Zimmern scheuchen und Spinnweben entfernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beides machte unser Leben im Tessin so reich an Eindr\u00fccken: Natur und Kultur. Wir lernten die T\u00e4ler kennen, deren rei\u00dfende Bergfl\u00fcsse zum Lago Maggiore hinabstr\u00f6men: das Centovalli, das Valle Onsernone, das Tal der Maggia, das wilde Valle Verzasca und andere. Wir kannten die urigen D\u00f6rfer an ihren steilen H\u00e4ngen, die Brunnen und zahlreichen Wasserf\u00e4lle. Wir spazierten in all den Jahren viele Dutzende Male auf schmalen Pfaden durch Weinberge und durch enge Gassen, an alten Gem\u00e4uern entlang, treppauf und treppab, an den Tessiner Rustici vorbei. Es gibt dort viele verwunschene kleine Pl\u00e4tze. Vor 150 Jahren waren die T\u00e4ler um den Lago Maggiore die Armenstuben des Kantons, aus denen ausgemergelte Bergbauern und Handwerker nach Amerika aufgebrochen waren. Sp\u00e4ter kehrten die Erfolgreichen zur\u00fcck und bauten in den T\u00e4lern pr\u00e4chtige H\u00e4user im Tessiner Stil, die einen besonderen Charme in die Landschaft brachten. Jedes kleine St\u00fcck Terrain wurde genutzt, sei es f\u00fcr Gem\u00fcse, sei es f\u00fcr Blumen und Kamelien, sei es f\u00fcr eine Sitzbank an einem sonnigen Fleck. Wir erlebten den Tessin noch vor der Welle des Massentourismus, die sich sp\u00e4ter \u00fcber den Kanton ergoss und manches erdr\u00fcckte, was den besonderen Reiz dieser Landschaft ausmachte. Wir nahmen am jahreszeitlichen Kulturleben teil, besuchten das \u203aTeatro Dimitri\u2039 in Verscio, in Tenero die hochkar\u00e4tige Kunstsammlung \u203aMatasci Arte\u2039, in Ascona die \u203aSettimane Musicali di Ascona\u2039, das \u203aMuseo Epper\u2039, den \u203aMonte Verita\u2039 und das Museum moderner Kunst in der Casa Communale. Ich kannte mich in Locarno und Ascona bald besser aus als in Passau. Der Besuch der Kunstsammlungen in der \u203aCasa Rusca\u2039 geh\u00f6rte zu unserem kulturellen Standardprogramm, ebenso die Ausfl\u00fcge nach Bellinzona, Mendrisio und Lugano, um die dortigen Ausstellungen zu besichtigen. Auf den Spuren von prominenten K\u00fcnstlern, Schriftstellern, Dichtern und Wissenschaftlern, die im Tessin Station gemacht hatten und eine Weile geblieben waren, kamen wir bis Montagnola, wo Hermann Hesse bis zu seinem Tode (1962) gewohnt hatte. Wir legten im Friedhof Sant&#8216; Abbondio einen kleinen Stein auf sein Grab. Nach einem abendlichen Sommerkonzert in Ascona notierte ich:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Abendd\u00e4mmerung.<br \/>\nDie klagende Oboe<br \/>\ndringt tief in mein Herz<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(27.07.2009)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zu den jahreszeitlichen Ereignissen geh\u00f6rten die Vernissagen, die die Galeristin Eva Lautenbach an Pfingsten und im Sp\u00e4tsommer im Dorf Aurigeno veranstaltete, das im Valle Maggia unweit vom Hauptort des Tales liegt. Sie fanden seit Jahrzehnten an Evas Wohnsitz in dem verwunschenen Castello Ciappui statt. Aus unseren j\u00e4hrlichen Besuchen entwickelte sich eine treue und anregende K\u00fcnstlerfreundschaft. Auch zur Welt der Tessiner Kunsthandwerker pflegten wir enge und zum Teil freundschaftliche Beziehungen. Inge Lu geriet immer wieder in den Bann formsch\u00f6ner, bezaubernd farbig glasierter Keramik. Ein \u00e4sthetischer Genuss, der uns beide erfreute. Natur und Kultur gehen ineinander \u00fcber und verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk, das vergessen l\u00e4sst, wie finster und grausam es in der Welt zugeht. Solche gemeinsamen Momente losgel\u00f6sten Schwebens in einer lichtdurchfluteten Atmosph\u00e4re habe ich versucht, in reimlosen Versen auszudr\u00fccken. Doch bleibt die Ahnung vom Ende der belles choses stets gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wunderbares Schweben<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Taue l\u00f6sen,<br \/>\ndie uns festhalten.<br \/>\nWunderbares Schweben.<br \/>\nZweifel abwerfen<br \/>\nund h\u00f6her steigen<br \/>\nins Azur.<br \/>\nUns festhalten<br \/>\nin der Gondel<br \/>\nder Tr\u00e4ume.<br \/>\nWie lange werden wir fliegen?<br \/>\nUnd wohin?<br \/>\nDer Azur<br \/>\nist kein Ort des Bleibens.<br \/>\nDie Nacht wird kommen<br \/>\nund der Sturz<br \/>\nin die Tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 15.08.2001; Notizen &amp; Skizzen, Band 16)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einige der H\u00e4ndler und Tr\u00f6dler auf dem Locarneser Flohmarkt kannten den Objekt-J\u00e4ger Mintzel und seine Leidenschaft f\u00fcr alte handwerkliche und b\u00e4uerliche Ger\u00e4te. Ich kam an ihren St\u00e4nden nicht vorbei, ohne alles durchzuw\u00fchlen. Sie wussten schon, nach was ich suchte, und brachten mir aus den T\u00e4lern allerhand \u203aSchrott\u2039 mit. Die gro\u00dffl\u00e4chigen Terrassen der Casa Lu eigneten sich wunderbar zum Auslegen meiner Fundst\u00fccke. Ich konnte mit den Materialien, die ich auf den hellen Granitplatten verteilte, in eine \u00e4sthetische Kommunikation treten, sie neu kombinieren, drehen und wenden, bis ich ein Ergebnis hatte, mit dem ich zufrieden war. Dann skizzierte und fotografierte ich die ausgedachten skulpturalen Objekte f\u00fcr den Gang in die Schmiede.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-870 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005-700x1036.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1036\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005-700x1036.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005-203x300.jpg 203w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005-768x1137.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005-800x1184.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_005.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Objekt-Entw\u00fcrfe, 2.8.1997<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-868 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003-700x1044.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1044\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003-700x1044.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003-768x1145.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003-800x1193.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_003.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Kleine Stele, Entwurf, 15.4.1999<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-869 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004-700x1015.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1015\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004-700x1015.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004-768x1114.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004-800x1161.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_004.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Memo f\u00fcr Passau Flohmarkt, 22.4.1999<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Losone, am Eingang zum Pedemonte gelegen, fand ich eine Metallverarbeitungsfirma (Metalcostruzioni, CH-6616 Losone), die sich bereit erkl\u00e4rte, meine Sonderw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. Der Firmeninhaber Aldo V. D\u00f6ring und seine Mitarbeiter zeigten ein gro\u00dfes Interesse an meinen skulpturalen Entw\u00fcrfen und Objekten. Fr\u00fch um acht Uhr stand ich bereits in der Werkstatt und kam erst am Abend wieder heraus, und das viele Male. Es war eine erbauliche und zutiefst kreative Zusammenarbeit mit den kunsthandwerklich gewandten italienischen Schweizern, denen eine artifizielle \u00c4sthetik angeboren zu sein scheint. Ich lieferte die Materialien und Entw\u00fcrfe, sie f\u00fchrten in meinem Beisein nach meinen Vorgaben die Schwei\u00dfarbeiten aus (siehe hierzu auch Blog-Kap. 49).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Tage in der Losoner Werkstatt bereicherten mein Leben ungemein. Ich fasste noch vor meiner Entpflichtung als Hochschullehrer Fu\u00df im k\u00fcnstlerischen Bereich und nahm an Ausstellungen teil. Im Jahre 1995 ver\u00f6ffentlichte ich zu meinem 60. Geburtstag einen Katalog, in dem ich meine \u201eObjekte(n) 1989\u20131995 \u2013 Holz \u2013 Stein \u2013 Metall\u201c vorstellte (ISBN 3-00-000008-9), und 1997 ein Faltblatt mit 14 Abbildungen. Im Epilog zum Katalog bekenne ich: \u00bbEr stellt ein dem st\u00e4ndigen Berufsstress und der \u00dcberlast der wissenschaftlichen Lehre abgerungenes St\u00fcck \u203aalternatives\u2039 Leben dar. Am Beginn einer neuen Lebensphase kehre ich zu meinem alten Metier zur\u00fcck. Wer wei\u00df, ob noch Zeit genug ist.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Aus meinen Tessiner \u203aSkizzen &amp; Notizen\u2039<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine \u00fcppige mediterrane Flora und Fauna findet man rund um das Haus: Der etwa 2600 Quadratmeter gro\u00dfe Garten beherbergt ein Biotop mit mehreren Binnenzonen, oben der Kastanienwald und hohe Eschen, dichtes Unterholz, zwischen Wald und Haus ein offener Hang mit Geb\u00fcsch, Gr\u00e4sern, Wiesenblumen, Ginster, Hortensien, Sommerflieder. Auf der \u00f6stlichen Hangseite hin zu einem ausgetrockneten Bachbett ein sperriges Bambusw\u00e4ldchen, dessen H\u00f6lzer und Blattwerk bis zu zw\u00f6lf Metern in den Himmel ragen. Ein zweites Biotop auf der Hausebene: auf der Schlafzimmerterrasse ein kleines Wasserbecken mit Seerosen und Wasserlilien, das Kr\u00f6ten, Libellen und Wasserl\u00e4ufer bevorzugen und Bienen und Wespen als Tr\u00e4nke benutzen. Ein drittes Biotop rund um das Schwimmbad: kadmiumgelb bl\u00fchende Arnika-Gruppen. An der Schwimmbadmauer haben sich fleischige Opuntien ausgebreitet, in den locker gefugten Steinen lauern, vom wilden Wein verdeckt, Ringelnattern auf Beute. In der Abendd\u00e4mmerung flattern Flederm\u00e4use ums Haus und titschen \u00fcber das Wasser im Schwimmbad. Der Hangabschnitt unterhalb des Hauses reicht bis zur Stra\u00dfe, er ist gr\u00f6\u00dftenteils mit Iberikum und Lavendel bewachsen. Khakib\u00e4ume spenden Schatten. Zur rechten Seite, zum Nachbarn hin, ein flaches Wiesenfeld, auf dem ein weit ausladender, an \u00c4sten reicher Feigenbaum steht, der uns im Sp\u00e4tsommer mit s\u00fc\u00dfen Feigen versorgt. An den Wegen und Pfaden durchs obere Grundst\u00fcck wachsen Farne, Ginster, Brombeeren, Johanniskraut und Stechpalmenspr\u00f6sslinge. Wohin das Auge schweift, \u00fcberall Bl\u00fcten und Farben; wohin man auch immer schnuppert, s\u00fc\u00dfe und erdige Ger\u00fcche, eine Duftpalette des S\u00fcdens. Wohin die Ohren lauschen: Summen, Wispern, Rascheln, Rauschen, Zirpen, Vogelgesang. Um die Arnikabl\u00fcten gaukeln Distelfalter, auf den Granitplatten vor der K\u00fcchenterrasse jagen Garteneidechsen lautlos nach Fliegen. Am oberen Hang haben Smaragdeidechsen ihr Revier. In den hei\u00dfen Sommern\u00e4chten tanzen Dutzende Gl\u00fchw\u00fcrmchen um B\u00fcsche und Gr\u00e4ser. Abends und nachts besuchen uns Tiere: Wildschweine, ein Fuchs, ein Rehbock, Skorpione. K\u00e4uzchen rufen aus den hohen \u00c4sten einer alten Kiefer, die am Bach steht. Unheimliche Laute. Einem Gast, der einmal das Haus im Sommer f\u00fcr einen Monat gemietet hatte, jagten die n\u00e4chtlichen Laute einen so gro\u00dfen Schrecken ein, dass er schon nach einem Tag Aufenthalt fluchtartig abreiste. Er bezahlte lieber die vereinbarte Ferienmiete im vollen Umfang, als noch eine Nacht im Haus zu verbringen. Wir waren an die unheimlichen Ger\u00e4usche gew\u00f6hnt und erkannten unsere tierischen Besucher.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die obere Grundst\u00fccksgrenze hin zum Wald ist nicht l\u00fcckenlos eingez\u00e4unt. Wir wussten, wer bei einbrechender Dunkelheit grunzend vom oberen Hang raschelte und durch das trockene Bachbett zum unteren Nachbargrundst\u00fcck hinunterrutschte. Tapp, tapp, tapp liefen sie an der Schlafzimmerterrasse vorbei. \u00dcberraschende Begegnungen geh\u00f6rten zu unserem Domizil. In den Wochen und Monaten, in denen das Haus nicht bewohnt wurde, nahmen Rehe, Wildschweine und Spechte Besitz vom Terrain. Im sp\u00e4ten Fr\u00fchling wanderte ich durch den Garten und z\u00e4hlte bis zu vierzig verschiedene Fr\u00fchlings- und Wiesenblumen. Ich wollte wissen, wer sie sind, die meine Lebensfreude so wunderbar steigern, und bestimmte Arten und Namen. (Siehe \u201eNotizen &amp; Skizzen, B\u00e4nde 6, 7). Ich zeigte sie meinen Kindern und Kindeskindern und hoffte, dass sie mit offenen Augen lernten, welchen Reichtum und welche Kenntnisse \u00fcber das Leben uns die Natur beschert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-960 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009-700x492.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009-700x492.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009-768x540.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009-800x563.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_009.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, Blick auf die Nordwestseite des Hauses, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-961 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010-700x500.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010-700x500.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010-768x549.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010-800x572.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_010.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, Schlafzimmer-Terrasse mit kleinem Wasserbecken, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Pr\u00e4historische Spuren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein verstecktes Dorf, ein magischer Platz. An der Melezza flussabw\u00e4rts liegt eine h\u00fcgelige Berglandschaft, die von Intragna\/Golino bis Losone verl\u00e4uft. Oben an den H\u00fcgeln lehnt versteckt das Dorf Arcegno. Etwa hundert Meter nach dem Dorfausgang f\u00fchrt eine schmale Landstra\u00dfe am Berghang entlang in Richtung Intragna\/Golino. Nahe am Dorfausgang, beim Campo Enrico Pestalozzi, liegen im Laubwald verborgen zwei gro\u00dfe Felsbrocken, auf denen geheimnisvolle \u203aBilder\u2039 eingeritzt sind. In keinem Tessiner Tourismus-F\u00fchrer werden diese Petroglyphen erw\u00e4hnt. Selbst die Commune Arcegno scheint ihre pr\u00e4historischen Relikte zu verschweigen. (Notizen &amp; Skizzen, Band 6) und vor Touristen verborgen zu halten. Nur Eingeweihte kennen den Ort. Uns hatte Marco Mummenthaler, ein in Arcegno ans\u00e4ssiger Kunsthandwerker, den geheimnisvollen Ort verraten. J\u00e4ger und Sammler ritzten hier vor tausenden Jahren auf vom Gletschereis rundgeschliffenen Granitbl\u00f6cken Dutzende N\u00e4pfchen, Sch\u00e4lchen oder Sch\u00fcsselchen ein, lateinisch cupulae genannt. Einzelne Sch\u00e4lchen sind mit eingeritzten Rillen verbunden. Wozu haben sie gedient? Wer hat sie vor drei Jahrtausenden oder noch fr\u00fcher geschaffen? Wer war der Mensch, der hier gestanden und den Felsblock bearbeitet hat? Wahrscheinlich ist das h\u00fcgelige Gel\u00e4nde um Arcegno, am Eingang zum Centovalli, das \u00e4lteste nacheiszeitliche Siedlungsgebiet im Tessin. Das Gel\u00e4nde war pr\u00e4destiniert f\u00fcr fr\u00fche Siedlungen. Dort fanden die pr\u00e4historischen J\u00e4ger und Sammler zwischen den Felsw\u00e4nden Schutz und W\u00e4rme. Von den nach Losone abfallenden Bergr\u00fccken hatten sie eine weite Sicht hin\u00fcber zu den Alpen und hinunter nach Italien. Sie konnten von diesem Plateau aus rundum die Landschaft \u00fcberschauen und Himmelsvorg\u00e4nge beobachten. Weit in die Landschaft blicken zu k\u00f6nnen, bedeutete mehr Sicherheit, denn sie konnten nahende Gefahr rasch erkennen. Die Bergr\u00fccken um Arcegno liegen vom fr\u00fchen Morgen bis zum Sonnenuntergang im Sonnenlicht, was die fr\u00fchen Siedler optimal mit W\u00e4rme versorgte. Die Schwemmebene der rei\u00dfenden Melezza bot ein wildreiches Jagdgebiet, am Fluss wurde gefischt. Die pr\u00e4historische Siedlung hatte kulturelle Verbindungen nach Oberitalien zum Val Camonica bei Bergamo, wo zahlreiche Felszeichnungen zu finden sind. Ich liebe es, mich an Orten und Pl\u00e4tzen menschlicher Urgr\u00fcnde aufzuhalten. Am Abend fuhr ich oft in die Schwemmebene der Melezza hinunter und blickte von Verscio aus hin\u00fcber zu meinen pr\u00e4historischen Freunden. Archaische Empfindungen, Stille (Notizen &amp; Skizzen, B\u00e4nde 6, 16, 42).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-871 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006-700x1008.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1008\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006-700x1008.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006-768x1105.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006-800x1152.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_006.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Felszeichnung\/Incisione rupestre, Capo di Ponte, Zurla\/Val Camonica. \u00a9 Ernest Oeschger, CH-6655 Intragna, Ti<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In solchen Momenten hielt ich inne und horchte in mein kurzes Leben hinein. Ich f\u00fchlte mich von einem Zeitfluss fortgetragen. Sie, die hier gelebt und sich so \u203amanifestiert\u2039 haben, sind verschwunden, und doch sind sie mir mit ihren Relikten so nahe. Bald werde auch ich f\u00fcr immer verschwunden und vergessen sein. Ich versuchte diesen Moment, der mich zutiefst ber\u00fchrte, in Worte zu fassen<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Umriss<br \/>\nder Fu\u00dfspur aus Urzeit<br \/>\ndas Monogramm<br \/>\neines Unbekannten,<br \/>\nder mir nahe steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 27.06.1995; Notizen &amp; Skizzen, Band 6, 16)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Jagd der Mosaikjungfer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(geschrieben an einem Sommernachmittag im Tessin)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Lichtnetz der Sonne<br \/>\nschaukelt im Wasser,<br \/>\nf\u00e4ngt den Schatten der Libelle.<br \/>\nDer Blaupfeil<br \/>\njagt im Fluge<br \/>\ndie arglos tanzenden M\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 26.06.1995; Notizen &amp; Skizzen, Band 16)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf der Schlafzimmerterrasse jagt eine blaugr\u00fcne Mosaikjungfer, eine Gro\u00dflibelle, am Seerosenteich nach Insekten. Sie schwirrt blitzschnell in einer H\u00f6he von 50 bis 100 Zentimetern \u00fcber den Teich, ver\u00e4ndert im Bruchteil einer Sekunde ihren Flug, nach links, nach rechts, nach oben, nach unten. Sie bleibt in der Luft stehen und beobachtet die Insekten, die sich im glei\u00dfenden Sonnenlicht von der morastigen Farbe des Wassers und den Seerosenbl\u00e4ttern abheben. Sie kommt mir bis auf Lineal-L\u00e4nge nahe, entfernt sich erneut, kehrt blitzschnell zur\u00fcck und verharrt im stehenden Flug \u00fcber meinem Kopf. F\u00fcr Menschen ist sie jedoch v\u00f6llig ungef\u00e4hrlich. Ich verfolge ihre Flugtechnik und Flugk\u00fcnste mit gro\u00dfer Faszination. Sie sind modernen Flugger\u00e4ten des Menschen, Helikoptern und Drohnen, weit \u00fcberlegen. Die Mosaikjungfer kann ihre glasig-durchsichtigen zwei Paar Fl\u00fcgel unabh\u00e4ngig voneinander bewegen, was in der Welt der Insekten einzigartig zu sein scheint. Sie muss ein ausgezeichnetes r\u00e4umliches und scharfes Sehverm\u00f6gen besitzen, um ihre blitzschnellen Bewegungen ohne Kollisionen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Ihre blaugr\u00fcn schimmernden Augen sind auffallend gro\u00df und bilden zwei kugelige Halbkreise. Ich w\u00fcrde gern eine Vorstellung davon haben, was sie wie sieht. Der Kopf dieser Gro\u00dflibelle ist aus der N\u00e4he betrachtet erschreckend, irgendwie urt\u00fcmlich teuflisch, bedrohlich. Vor 250 Millionen Jahren hatte ihre Art eine Fl\u00fcgelspannweite von bis zu siebzig Zentimeter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ihre Jagdzeit am Teich ist nachmittags zwischen 15 und 16 Uhr, also bei einem bestimmten Sonnenstand. Sie stellt sich im Flug so gegen das Dunkel im Hintergrund, dass auffliegende Insekten im Sonnenlicht aufleuchten und einen hellen Punkt bilden. Die J\u00e4gerin st\u00fcrzt sich auf eines herab, greift es in Millisekunden mit seinen drei Paar Beinen, die sich zu einem Fangkorb um das Opfer schlie\u00dfen. Alles geschieht mit einer Geschwindigkeit, der menschliche Augen kaum folgen k\u00f6nnen. (Aus meinen Notizen &amp; Skizzen, Band 13).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gut, dass ich kein Insekt bin, das sich am Seerosenteich vergn\u00fcgt und einer gefr\u00e4\u00dfigen Mosaikjungfer zum Opfer f\u00e4llt. Nach den Reinkarnationslehren des Hinduismus und des Buddhismus k\u00f6nnte mir bl\u00fchen, in eine Eintagsfliege verwandelt zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Sommerspiele mit Schwebfliegen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neben den Flugartisten der Libellen gibt es noch andere Insekten, die wahre Kunstflieger sind: die kleinen Schwebfliegen. Ihre K\u00f6rperl\u00e4nge misst nur 1 bis 1,5 Zentimeter. Sie geh\u00f6ren zu meinen Lieblingen unter den Insekten. Ich beobachte sie mit gr\u00f6\u00dftem Vergn\u00fcgen, wenn sie mich umschwirren und aus dem Stand blitzschnell vorw\u00e4rts oder r\u00fcckw\u00e4rts fliegen und \u00fcberraschende Flugman\u00f6ver ausf\u00fchren. Im Gegensatz zu den Libellen sind sie keine r\u00e4uberischen Kandidaten. Sie stechen nicht, sie saugen kein Blut, sie sind in freier Natur unsere stillen G\u00e4ste am Fr\u00fchst\u00fccks-, Mittags- oder Abendtisch. Anders als Bienen, Wespen oder Hornissen sind Schwebfliegen Einzelg\u00e4nger, sie leben nicht in Nestgemeinschaften. Ihre Biotope sind Parks, G\u00e4rten und Wiesen. Je nach Art \u2013 es gibt etwa 6000 Arten \u2013 variiert ihre K\u00f6rpergestalt. Manche sind lang und schlank, manche kurz und gedrungen geformt. Allen Arten gemeinsam ist eine typische Mimikry. Ihre schwarzgelbe oder schwarzorangene Tarnfarbe, die mal quergestreift, mal l\u00e4ngsgestreift ist, macht sie Wespen und Bienenarten zum Verwechseln \u00e4hnlich. Menschen, die kein geschultes Auge f\u00fcr diese T\u00e4uschung haben, schrecken vor diesen v\u00f6llig harmlosen Insekten zur\u00fcck, die nur Pollen und Nektar saugen. Sie k\u00f6nnen nur fl\u00fcssige Nahrung aufnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich bewundere ihre Flugk\u00fcnste und habe, wie bei den Libellen, meine wahre Freude daran. Sie bleiben mit mehrere hundert Fl\u00fcgelschl\u00e4ge pro Sekunde in der Luft stehen und schwirren lautlos hin und her, als suchten sie etwas. Auch ihr Flugapparat ist unserer Hubschrauber-Technik \u00fcberlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich am\u00fcsiere mich \u00fcber Richard Dawkins&#8216; Angst vor Schwebefliegen. Der Evolutionsbiologe und k\u00e4mpferische Atheist Dawkins schreibt in seinem Buch \u203aDie Sch\u00f6pfungsl\u00fcge. Warum Darwin recht hat\u2039 2010: \u00bbDas gleiche Problem [Angst zu empfinden \u2013 A. M.] habe ich, wenn ich Schwebefliegen in die Hand nehmen soll, die Wespen oder Bienen \u00e4hneln, obwohl sie nur ein Fl\u00fcgelpaar besitzen und ich deshalb genau wei\u00df, dass es sich um Fliegen handelt, die keinen Stachel haben.\u00ab (S. 73) Wahrscheinlich ist sein Angstbekenntnis nur intellektuelle Koketterie. Ich mache mir jedenfalls am Morgen- oder Mittagstisch einen besonderen Spa\u00df daraus, die anschwirrenden wespen\u00e4hnlichen Kunstflieger auf meinen Handr\u00fccken zu locken. Wenn sie im Flug \u00fcber dem Tisch schweben, schiebe ich meine Hand ganz vorsichtig unter ihre Flugposition. Und prompt landen sie auf meinem Handr\u00fccken und bleiben darauf sitzen. Sie lecken den Schwei\u00df auf, der sich auf meiner Haut gebildet hat, was kitzelt und bitzelt. Ich f\u00fchre meinen Kindern und Enkelkindern gern dieses kleine Schauspiel vor, um ihnen zu zeigen, dass Wissen und Achtsamkeit die Angst nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Tod des Irokesen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Garten und im umliegenden Gel\u00e4nde reihen sich verschiedene Baumgruppen aneinander: Kastanienb\u00e4ume, Eichen, Eschen, Fichten, F\u00f6hren und entlang der Stra\u00dfe Thujen \u2013 ein Eldorado f\u00fcr Eichh\u00f6rnchen. Sie laufen, h\u00fcpfen, springen und purzeln durchs Ge\u00e4st, an den St\u00e4mmen hinauf und hinunter, zur\u00fcck und vor. Wir beobachteten, wie sie von Ast zu Ast und von Baum zu Baum kletterten, und bewunderten ihre Geschicklichkeit. Sie bevorzugten bestimmte Wege durch die Baumgruppen. War die L\u00fccke zwischen B\u00e4umen sehr gro\u00df, \u00fcberbr\u00fcckten sie die Distanz mit k\u00fchnen Weitspr\u00fcngen. Sie landeten sicher auf dem n\u00e4chsten Baum, obschon es manchmal sehr knapp zu gehen schien. Wir alle liebten unsere kleinen G\u00e4ste, die t\u00e4glich bei uns vorbeischauten und ihre Turn- und Kletterk\u00fcnste vorf\u00fchrten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Tessin gibt es zur Sommerzeit heftige monsunartige Regenf\u00e4lle, die sich \u00fcber Tage hinziehen k\u00f6nnen. Der kr\u00e4ftige Dauerregen tr\u00e4nkt die Erde und durchn\u00e4sst die ganze Flora. Trockene Bachrinnen werden zu gurgelnden Bachl\u00e4ufen, die Bergb\u00e4che rauschen in die Tiefe, \u00fcberall tropft und perlt das Wasser herab, die Bergfl\u00fcsse bef\u00f6rdern ungeheure Wassermassen hinunter zum See. Sie rei\u00dfen manchmal Br\u00fccken und Stege weg und schwemmen alles in den See, was sich mit den Wassermassen dorthin tragen l\u00e4sst. Auf dem Lago Maggiore schwimmen Riesenfl\u00f6\u00dfe aus mitgerissenen Baumst\u00e4mmen, Ge\u00e4st und Wurzeln. Wir haben im Laufe der mehr als vierzig Tessiner Jahre mehrmals solche Wetterkatastrophen erlebt. Auch Casa Lu wurde von Wetterst\u00fcrzen heimgesucht. Vom hinteren Hang schoss das Wasser auf den Wegen und Pfaden auf das Haus zu und drohte es zu \u00fcberschwemmen. Dachrinnen und Drainagen konnten die Wassermassen nicht mehr fassen. Wir mussten Gr\u00e4ben schaufeln, Schl\u00e4uche legen und Wasser sch\u00f6pfen, damit das Wasser vom Haus wegflie\u00dfen konnte. Auch die Tiere suchten Schutz und blieben in ihren Verstecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach einem dieser Monsuntage wagte sich eines unserer Eichh\u00f6rnchen aus seinem trockenen Platz hervor, den es unter dichten Zweigen gefunden hatte. Der Himmel hatte sich aufgehellt, die hei\u00dfen Sonnenstrahlen die Landschaft in ein Dampfbad verwandelt. Die V\u00f6gel fingen wieder an zu zwitschern. F\u00fcr das Eichh\u00f6rnchen schien aber jeder Sprung noch ein Wagnis zu sein, die \u00c4ste waren noch nass und glitschig. Der sonst buschige Schwanz des kleinen Tieres wurde zu einem nassfransigen Anh\u00e4ngsel und der Pelz auf seinem Kopf zu einer hochstehenden Popfrisur. Wir am\u00fcsierten uns \u00fcber diesen Auftritt und hatten sofort einen Rufnamen f\u00fcr den putzigen \u203aIrokesen\u2039. Der kleine Kerl hatte Pech. Er verungl\u00fcckte bei einem gewagten Weitsprung, fiel in die Tiefe und schlug so ungl\u00fccklich auf, dass er offensichtlich halb gel\u00e4hmt war. Er verkroch sich mit letzter Kraft unter eine Thuja und verendete dort unter gro\u00dfen Schmerzen. Unsere Kinder empfanden tiefes Mitleid mit dem Tierchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Quakkonzert der Kr\u00f6ten und Grasfr\u00f6sche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gewitterschw\u00fcle.<br \/>\nDer Grasfrosch gr\u00fc\u00dft die Tropfen<br \/>\nmit Wonnequaken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die schweren Tropfen<br \/>\nzerspringen auf dem Wasser.<br \/>\nDer Grasfrosch taucht ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(geschrieben am 21. 09. 2002 in Orselina)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Lotos<br \/>\nholt im dunklen Teich<br \/>\naus morastgr\u00fcner Tiefe<br \/>\nseine Bl\u00fctenkraft.<br \/>\nOhne Wasser<br \/>\nsinkt er haltlos<br \/>\nauf den Schlammgrund zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 27.06.1995, Notizen &amp; Skizzen, Band 16)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Krabbenspinnen und Schlupfwespen \u2013 <\/strong><strong>auf den Spuren Charles Darwins<br \/>\n<\/strong>(Aus meinen Notizen &amp; Skizzen, B\u00e4nde 13, 24)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vom Swimmingpool wenige Meter entfernt w\u00e4chst, dicht zu B\u00fcscheln gedr\u00e4ngt, Arnika, eine reich und \u00fcppig bl\u00fchende Gartenblume. Die Pflanze, ein Korbbl\u00fctler, ist mit circa f\u00fcnfzig kadmiumfarbigen Bl\u00fcten besetzt, mit lanzettf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern. Viele Honigbienen umschw\u00e4rmen die Bl\u00fcten, ihr munteres Summen h\u00f6rt sich friedlich und wonnetrunken an. Sie lieben den Nektar. Ich beobachtete h\u00e4ufig den Bieneneifer und freute mich \u00fcber An- und Abflug unserer Honigproduzenten. Einmal sa\u00df auf einer Bl\u00fcte ein kleines gelbes Tier, das sich kaum von den Bl\u00fctenfarben abhob. Es sa\u00df ganz still, r\u00fchrte sich keinen Millimeter vom Fleck. Sein K\u00f6rper war kugelf\u00f6rmig, sein Kopf relativ klein. Es streckte vier Gliedma\u00dfen nach vorne wie Greifarme aus, nach hinten vier kurze Beinchen. H\u00e4tte ich nicht so lange und hochaufmerksam das Bienenvolk beobachtet, w\u00e4re mir die kleine gelbe Kugel im Inneren des Bl\u00fctenkranzes nicht aufgefallen, so perfekt war die Mimikry des Wesens. Seine Tarnfarbe machte es fast unsichtbar. Bei meinen ersten Beobachtungen wusste ich zun\u00e4chst nicht, wer da lauerte und was passieren w\u00fcrde. Dann sah ich eine Biene anfliegen und auf den Bl\u00fctenkorb steigen. Blitzschnell griffen vier Fangbeine nach der Biene. Die Nektarsammlerin hatte offensichtlich den Killer nicht gesehen, die t\u00f6dliche Gefahr nicht erkannt. Die gelbe Kugel, die sie gegriffen hatte und festhielt, war eine Krabbenspinne. Ihr Biss l\u00e4hmte die Biene, die keine \u00dcberlebenschance hatte. Krabbenspinnen weben kein Fangnetz. Sie lauern ihren Opfern, Insekten und Bienen, in Bl\u00fcten auf, umfassen ruckzuck ihre Beute mit den vier vorderen Greifbeinen, die \u2013 nur unter der Lupe zu sehen \u2013 mit Widerborsten besetzt sind. Die Spinne sondert aus einer Dr\u00fcse am Hinterleib einen feinen Faden ab, mit dem sie ihre Beute umwickelt. Mit einem giftigen Biss l\u00e4hmt sie das gefangene Insekt und saugt es aus. \u00dcber Wochen beobachtete ich auf Kontrollg\u00e4ngen durch den Garten diese Killer, wie sie tagelang v\u00f6llig unbeweglich an derselben Stelle auf den Arnika-Bl\u00fcten sa\u00dfen und auf Beute warteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mich beschlichen merkw\u00fcrdige menschliche Gef\u00fchle und Gedanken: ich bangte um das Leben der arglosen Bienen und wollte sie vor den hinterh\u00e4ltigen und heimt\u00fcckischen Biestern warnen und sch\u00fctzen. Sympathie und Abscheu, Grausamkeit und heimt\u00fcckischer Mord sind menschliche Kategorien. Doch kommen mir wieder ketzerische Gedanken ins Gehirn. In der Genesis steht geschrieben, was Gott an seinem sechsten Tagewerk geschaffen haben soll: \u00bbDann sprach Gott: Die Erde bringe alle Arten lebender Wesen hervor, Vieh, Kriechgetier (oder: Gew\u00fcrm) und wilde Landtiere, jedes nach seiner Art! Und es geschah so. Da machte Gott alle Arten des Viehs und des Getiers, das auf dem Erdboden kriecht, jedes nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war\u00ab (Mos.1, 25).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Also lasse ich es, sp\u00f6ttisch gemeint, <em>gut<\/em> sein und greife nicht in das bestialische Geschehen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In unserem \u203aArkadien\u2039 Orselina ist noch ein anderes Insekt zu beobachten, das \u00fcber seinesgleichen herf\u00e4llt und sich merkw\u00fcrdig an seiner Beute zu schaffen macht: Schlupfwespen. Schon im 19. Jahrhundert waren Philosophen, Naturwissenschaftlern und Theologen gerade auch am Beispiel der Lebensweise der Schlupfwespe Zweifel daran gekommen, ob die Grausamkeit von Tieren mit der Existenz eines liebenden, allg\u00fctigen und f\u00fcrsorglichen Gottes vereinbar sei. Charles Darwin hatte 1860 angesichts der parasit\u00e4ren Fortpflanzungsweise der Schlupfwespe ge\u00e4u\u00dfert: \u00bbEs erscheint mir zu viel Elend in der Welt. Ich kann mich nicht davon \u00fcberzeugen, dass ein wohlmeinender und allm\u00e4chtiger Gott die Ichneumonidae [Schlupfwespen \u2013 A.M.] mit der Absicht erschaffen haben soll, dass sie sich vom Innern von Raupen ern\u00e4hren, oder dass eine Katze mit M\u00e4usen spiele.\u00ab (<a href=\"https:\/\/de.wiipedia:org\/wiki\/Schlupfwespen.%20Abgerufen%20am%2010.12.2017\">https:\/\/de.wiipedia:org\/wiki\/Schlupfwespen. Abgerufen am 10.12.2017<\/a>; Dawkins 2010: Die Sch\u00f6pfungsl\u00fcge, S. 418, 447).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schlupfwespen sind parasit\u00e4re Insekten, deren Nachwuchs sich von anderen Insekten beziehungsweise von Eiern und Larven andere Insekten ern\u00e4hrt. Sie l\u00e4hmen ihr Opfer, zum Beispiel Schmetterlingsraupen. Das Weibchen legt, nachdem es eine Schmetterlingsraupe aufgesp\u00fcrt hat, mit seinem Legestachel sein Ei in deren K\u00f6rper oder Ei. Aus dem K\u00f6rper oder Ei des Wirtstiers schl\u00fcpft die Larve der Schlupfwespe aus und frisst sein Wirtstier von innen her auf. Bis sich die Schlupfwespen-Raupe voll entwickelt hat, bleibt das Wirtsinsekt am Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Falls es ihn tats\u00e4chlich g\u00e4be, w\u00e4re zu fragen: Was ist das f\u00fcr ein Gott, der sich solches Getier und dessen Fressverhalten ausgedacht hat? Hat er sich einen pathologischen Spa\u00df daraus gemacht, seine Verr\u00fccktheiten in die Welt zu bringen? Dreht es sich nicht um eine ganz und gar pathologische Willk\u00fcr eines Sch\u00f6pfers, von dem Propheten, Priester und Theologen behaupten, dass er ein guter und gn\u00e4diger Gott sei, der alle seine Gesch\u00f6pfe liebt? Ist dieser so hochgelobte Gott nicht eigentlich und vielmehr ein selbstverliebter Psychopath?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Darwin weist emp\u00f6rt auf das t\u00f6dliche Spiel der Katze mit der Maus hin. Das kleine Raubtier springt hoch, wirft mit seinen Vorderpfoten die Maus in die Luft, l\u00e4sst sie einen Augenblick fliehen, um sie mit noch gr\u00f6\u00dferer Gier erneut zu krallen und ihre Rei\u00dfz\u00e4hne in den winzigen K\u00f6rper zu schlagen. Und das wiederholt sie ein Dutzend Mal. Die Maus piepst vor Angst. Ich habe dieses grausame Katze-Maus-Spiel oft mit unangenehmen Gef\u00fchlen beobachtet. Schmerzen, Qualen und gefressen werden. \u00bbUnd Gott sah, dass es gut war.\u00ab (Mos. 1,20, 25)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Krieg der Ameisen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es geschah an einem Sommernachmittag. Siesta. Die Sonne heizte die Granitplatten der Terrasse auf, wir konnten nicht mehr barfu\u00df \u00fcber sie gehen. Ich hatte es mir unter dem Balkon im Schatten auf einer Liege bequem gemacht, um die Ruhe zu genie\u00dfen. Von meinem Platz aus konnte ich die gro\u00dffl\u00e4chige Terrasse gut \u00fcberblicken. Zum Schwimmbad hin lag sie im glei\u00dfenden Sonnenlicht, unter dem Balkon im Schatten. Rechts von mir ging es einen mit Platten belegten Weg hinunter zum Hauseingang. Trompetenblumen, die zum Balkon hinauf rankten, lockten zahlreiche Insekten an. Schmetterlinge, Distelfalter, F\u00fcchse, Admirale, Hauhechelbl\u00e4ulinge und andere gaukelten vorbei und lie\u00dfen sich f\u00fcr einen Augenblick nieder. Eidechsen liefen ger\u00e4uschlos vorbei, hielten inne und lauerten bewegungslos kleinen Insekten und K\u00e4fern auf. Feuerwanzen hielten Hochzeit. Die locker verfugten Granitplatten boten Schlupfwinkel und Schutz. An der Ecke, an der ich lag, hatten Ameisen unter den Platten in einem Hohlraum ihr Nest gebaut. Sie krabbelten in Scharen hinein und hinaus und zogen auf ihren chemischen Stra\u00dfen in den unteren Garten. Es waren keine gro\u00dfen Waldameisen, sondern mittelgro\u00dfe, dunkelhonigfarbene, die hier \u00fcberall h\u00e4ufig vorkommen. Eine friedliche Idylle, so schien es, ein friedliches Neben- und Miteinander der kleinen Lebewesen, ein arkadischer Sonnentag. Ich tagtr\u00e4umte so vor mich hin und sah dem emsigen Treiben aus halb geschlossenen Augen zu. Vogelgezwitscher. Claude Debussys Nachmittag eines Fauns (Prelude a l&#8217;apres d \u00fan faune) h\u00e4tte musikalisch zur Stimmung gepasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich entdeckte sie nicht gleich, schon gar nicht ahnte ich, was da kommen w\u00fcrde. Pl\u00f6tzlich sah ich, wie einige Hundert fremder Ameisen, zu einer Kolonne formiert, schnurstracks auf meine Terrassenecke zust\u00fcrmten. Sie waren etwas kleiner als die an meiner Ecke und hellfarbig wie milchiger Bernstein. In gleichen Abst\u00e4nden von einander marschierten sie wie eine mittelalterliche Heerschar \u00fcber die Granitplatten auf mich zu, als h\u00e4tten sie ein gemeinsames Ziel abgesprochen, auf das sie wild entschlossen loszogen. Ich hatte nie zuvor so eine Szene beobachtet. Meine Anwesenheit schien sie nicht im Geringsten zu st\u00f6ren. Erst als sie das Terrasseneck erreicht hatten, wo die dunkelhonigfarbige Ameisenart unter einer Granitplatte ihr Nest gebaut hatte, wurde mir klar, welches Ziel der Heerhaufen hatte: das dortige Ameisenvolk und sein Nest. Dieses erkannte nun offensichtlich die t\u00f6dliche Gefahr und setzte zur Gegenwehr an. Angreifer und Verteidiger verwickelten sich in einen Nahkampf auf Leben und Tod. Ameise k\u00e4mpfte gegen Ameise. Nur einen Meter vom Schlachtfeld entfernt konnte ich den Ablauf des Kampfes genau beobachten. Die Ameisen, die bekanntlich das Vielfache ihres Gewichts in die H\u00f6he stemmen und wegtragen k\u00f6nnen, packten im Zweikampf mit ihren Zangen ihre jeweilige Todfeindin, stemmten sie hoch, bissen ihr Glieder und F\u00fchler ab und wandten sich der n\u00e4chsten zu. Angreifer und Verteidiger zerst\u00fcckelten sich gegenseitig in einem unglaublich brutalen Kampf. Es mag eine Viertelstunde, vielleicht auch ein paar Minuten mehr gedauert haben, bis der Kampf entschieden war. Auf dem Schlachtfeld blieben viele Dutzende Leichen und abgebissenen K\u00f6rperteile liegen. Als Sieger gingen anscheinend die Angreifer hervor, was ich jedoch nicht sicher feststellen konnte. Wie viele Verteidiger mochten unter den Granitplatten \u00fcberlebt haben? Ich behielt den Krieg der Ameisen als merkw\u00fcrdigen Vorgang in Erinnerung, verga\u00df aber ihn naturwissenschaftlich einzuordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst Jahre sp\u00e4ter erfuhr ich, dass sich vor meinen Augen ein dramatisches Naturereignis abgespielt hatte. Eine Horde Argentinischer Ameisen hatte eine einheimische Art \u00fcberfallen und zu vernichten versucht. Die Argentinische Ameise war auf dem Umweg \u00fcber die USA auf Schiffen in den europ\u00e4ischen Mittelmeerraum eingewandert. Sie war lange Zeit unentdeckt geblieben. Die Einwanderer hatten sich an den K\u00fcsten des Mittelmeeres verbreitet und eine \u203aSuperkolonie\u2039 gebildet, die auf einer Strecke von fast 6 000 Kilometern von Norditalien bis Portugal reichte. Diese \u203aSuperkolonie\u2039, die viele Milliarden Arbeiterinnen z\u00e4hlte, verdr\u00e4ngte mit \u00e4u\u00dferster Aggressivit\u00e4t einheimische Arten. Die Territorialk\u00e4mpfe der \u203aInvasoren\u2039 glichen Stammesk\u00e4mpfen vorindustrieller Gesellschaften. (<a href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/news\/krieg-der-ameisen\/44127\">www.spektrum.de\/news\/krieg-der-ameisen\/44127<\/a>; <a href=\"http:\/\/programm.ard.de\/TV\/arte\/krieg-der-ameisen\/eid_2872...Abgerufen\">http:\/\/programm.ard.de\/TV\/arte\/krieg-der-ameisen\/eid_2872&#8230;Abgerufen<\/a> am 15.12.2017).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum hat Gott, vorausgesetzt er existiert, mit seinem Sch\u00f6pfungsakt solche bestialischen Handlungen hervorgebracht? In der Genesis steht geschrieben: \u00bbDa schuf Gott die gro\u00dfen Seetiere und alle Arten der kleinen Lebewesen, die da sich regen, von denen die Gew\u00e4sser wimmeln, dazu alle Arten der beschwingten V\u00f6gel. Und Gott sah, dass es gut war.\u00ab (Mos.1, 20)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-867 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b-700x502.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b-700x502.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b-768x551.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b-800x574.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_002b.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Hornisse \u00fcberw\u00e4ltigt im Flug Biene, A4-Blatt, Kohlestift, Kugelschreiber, 16.9.2012<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-866 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b-700x987.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"987\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b-700x987.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b-768x1083.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b-800x1128.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/48_001b.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Alf Mintzel, Hornisse \u00fcberw\u00e4ltigt im Flug Biene, A4-Blatt, Kohlestift, Kugelschreiber, 16.9.2012<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Leiden in der Natur hat ein ungeheures Ausma\u00df. Warum hat Gott seinen tierischen Kreaturen keine organischen Mechanismen mitgegeben, welche den Gejagten, zu Tode Gebissenen Todes\u00e4ngste und Schmerzen erspart h\u00e4tten? Gazellen werden von Geparden zu Tode gejagt, wobei sie extreme Angst und Schmerzen haben. Krokodile ziehen Gnus ins Flusswasser und bei\u00dfen und sch\u00fctteln sie zu Tode. Eisb\u00e4ren zerfleischen Robben. Katzen treiben mit M\u00e4usen ihr t\u00f6dliches Spiel. Man k\u00f6nnte mit Richard Dawkins argumentieren: \u00bbEin wohlwollender Gestalter, so k\u00f6nnte man idealistisch annehmen, sollte darauf aus sein, so wenig Leiden wie m\u00f6glich zu verursachen\u00ab (Dawkins, 2010, S. 438). Es sei \u00bbdie evolutionstheoretische Version der Theodizee, warum muss der Schmerz so gro\u00df sein?\u00ab (S. 442).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich werde<br \/>\nins Dunkel wandern.<br \/>\nDie Hitze<br \/>\nder Granitplatten<br \/>\nwird meine F\u00fc\u00dfe<br \/>\nnicht mehr<br \/>\nstechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 26.06.1995; Notizen &amp; Skizzen, Band 16)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Glei\u00dfendes Licht.<br \/>\nAuf dem Granit<br \/>\nbr\u00fctet die Sonne ihre Hitze aus.<br \/>\nBei jedem Schritt brennt der Stein<br \/>\nmeine Fu\u00dfsohlen auf.<br \/>\nEin Falter nascht<br \/>\nan meiner Sandale.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 26.06.1995; Notizen &amp; Skizzen, Band 16)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Spiegel des Sees<br \/>\ndas Jadegr\u00fcn der Berge.<br \/>\nFreude des Auges.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 01.06.2008; Notizen &amp; Skizzen, Band 39)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Melancholia.<br \/>\nDas Zirpwispergezwitscher<br \/>\neines Rotkehlchens.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 18.11.2009)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Trauermantel.<br \/>\nLetzter Sonnenflug,<br \/>\nbevor die dunkle Zeit kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0(Orselina, 21.11.2009)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Abschied, 2010<br \/>\n<\/strong>(aus meinen Notizen &amp; Skizzen, Band 43)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tempi passati! Am 3. M\u00e4rz 2010 verlie\u00dfen wir endg\u00fcltig Casa Lu und Orselina. Hier waren an fr\u00f6hlichen Ferientagen unsere drei T\u00f6chter aufgewachsen, hier hatten vier Enkelkinder gespielt. Unsere j\u00fcngste Tochter Caroline war traurig, weil ihre zwei Kinder diesen Ort nicht mehr erleben durften. Sie h\u00e4tte es ihren Kindern gew\u00fcnscht, wie sie dort aufzuwachsen. Die ganze Familie erlebte den Auszug aus dem \u203aParadiesg\u00e4rtlein\u2039 als einen gro\u00dfen Verlust. Wir r\u00e4umten das Haus, soweit noch Mobiliar vorhanden war, in vier Tagen leer und lie\u00dfen vieles auf die Sperrm\u00fcll-Deponie fahren. Eine gro\u00dfb\u00fcrgerliche Familien\u00e4ra mit ihren Privilegien und Annehmlichkeiten war mit dem Verkauf zu Ende gegangen. Wir verbrachten noch einige Tage in Ascona und verlie\u00dfen die Schweiz am 14. M\u00e4rz 2010. Ich schrieb in jenen Tagen meine Gedanken und Gef\u00fchle in Form japanischer Haikus nieder, die sehr viel dichter und intensiver meine Stimmung wiedergeben, als es ein prosaischer Bericht k\u00f6nnte. Haiku-Gedichte dr\u00fccken in drei Versen \u2013 f\u00fcnf, sieben und f\u00fcnf Silben lang \u2013 extrem kurz und oft hintersinnig Erlebnisse und Gedankeng\u00e4nge aus. Wir hatten ein dicht gedr\u00e4ngtes Arbeitspensum zu erledigen, doch f\u00fcr ein Haiku g\u00f6nnte ich mir fast t\u00e4glich ein Innehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Noch einmal schlafen<br \/>\nIm leeren Haus der Eltern.<br \/>\nKeiner kehrt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 27.02.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bambuszelt am Hang.<br \/>\nAlte Schnur aus Kinderzeit<br \/>\nH\u00e4lt Vergangenheit fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 28.02.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Verwaister Sitzplatz.<br \/>\nWo ist er hingegangen,<br \/>\ndem ich ein Lied sang?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 28.02.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gr\u00e4ser ducken sich<br \/>\nunter Tr\u00e4nen des Himmels.<br \/>\nEin schwerer Abschied.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 01.03.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Letztes Durchschreiten.<br \/>\nEcho in leeren R\u00e4umen.<br \/>\nEin Kinders\u00f6ckchen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 01.03.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In leeren R\u00e4umen<br \/>\nder Widerhall alter Zeit.<br \/>\nHier stand das Klavier<strong>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 03.03.2010)<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Boten des Fr\u00fchlings.<br \/>\nDie ersten Kamelien<br \/>\npfl\u00fcck ich zum Abschied.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(Orselina, 09.03.2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-964 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013-700x1014.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1014\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013-700x1014.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013-768x1113.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013-800x1159.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_013.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nCasa Lu, Untere Etage, Mittelzimmer, Photo: Alf Mintzel<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-958 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007-700x473.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007-700x473.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007-768x519.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007-800x541.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_007.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Casa Lu, Terrasse, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie tief und schmerzlich der Abschied nachwirkte, verrieten in den Jahren danach Dutzende Tr\u00e4ume, in denen ich an diesen Ort zur\u00fcckkehrte. Die Traumbilder \u00e4hnelten sich. Ich n\u00e4herte mich auf vertrauten Wegen dem Haus, betrat den Garten, ging die Treppe hinauf zur Terrasse und schlich verstohlenen Schritts ums Haus. Ich \u00f6ffnete die hintere Haust\u00fcr und sah mich in den R\u00e4umen herumirren, als suchte ich nach einem St\u00fcck Vergangenheit. Dabei begegnete ich mehrmals den neuen Eigent\u00fcmern, die mich argw\u00f6hnisch musterten und aufforderten, das Haus zu verlassen. Ich kehrte wieder um und versuchte von neuem im Garten umherzuwandern. Die Eigent\u00fcmer hatten im Gel\u00e4nde inzwischen kreuz und quer Stolperdr\u00e4hte gezogen, um mich abzuhalten. Ich wolle ja nur alte Zeiten nacherleben und dann wieder verschwinden, sagte ich zu meiner Verteidigung. Aber ich blieb ein unerw\u00fcnschter Eindringling.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-959 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008-700x469.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"469\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008-700x469.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008-768x514.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008-800x536.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/48_008.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>Orselina, Casa Lu, Blick \u00fcber das Tal, Photo: Alf Mintzel<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In diesen Tr\u00e4umen kam eine zweite Wirklichkeit zum Ausdruck, meine Trauer \u00fcber den Verlust eines Ortes, der f\u00fcr mich der Inbegriff von Lebensfreude geworden war. Ich hatte in meinem Leben gewiss ein Dutzend Mal meinen Wohnsitz gewechselt, aber wenige waren so tief in meinen Erinnerungen geblieben wie unser Tessiner Domizil. Dort hatte ich \u2013 trotz der im Blog-Kap. 47 geschilderten St\u00f6rfaktoren \u2013 einen zauberhaften Zusammenklang von Natur, Kultur, Kunst, geistiger Arbeit und Lebensfreude erlebt. Erst jetzt, w\u00e4hrend ich an diesem Blog-Kapitel schreibe, scheint sich ein Wandel der traumhaften Beziehung anzudeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor wenigen Tagen fand ich mich im Traum in ein Untergangsszenario versetzt. Ein gewaltiger Bergsturz machte allem ein Ende. Ich sah vom Bergr\u00fccken oberhalb von Casa Lu, nahe der Seilbahn hoch zum Monte Bre, eine riesenhafte Ger\u00f6lllawine abgehen, die auf ihrem Weg alles niederriss, B\u00e4ume, Telefonmasten, H\u00e4user, H\u00fctten und vieles mehr. Das eiszeitliche Ger\u00f6ll w\u00e4lzte sich auf Locarno zu. Hubschrauber waren aufgestiegen, um aus der Luft Menschen zu retten. Aber es war zu sp\u00e4t. Alle wurden von den Steinmassen begraben. Der Bergsturz h\u00fcllte den Hang mit einer riesigen Staubwolke zu, in der auch Casa Lu verschwand. Die Rettungshubschrauber \u2013 im Tessin eines der wichtigsten Transportmittel \u2013 mussten abdrehen, um nicht selbst von der Staubwolke verschluckt zu werden. Am Hang, wo Casa Lu gestanden hatte, ragten Wipfel und kahles Ge\u00e4st hoher B\u00e4ume heraus, die noch stehengeblieben waren. In den \u00c4sten flatterten f\u00fcnf Rabenkr\u00e4hen, sie flogen mit Gekr\u00e4chze von Baumkrone zu Baumkrone und schienen h\u00f6chst beunruhigt zu sein. Ich hielt die F\u00fcnf f\u00fcr ein Elternpaar mit drei Kindern \u2013 f\u00fcr unsere Familie. Seltsam. Pl\u00f6tzlich waren es nur noch zwei Kr\u00e4hen, und diese versuchten mich mit einem aggressiven Flugman\u00f6ver zu vertreiben. Waren es der K\u00e4ufer von Casa Lu und seine junge Lebensgef\u00e4hrtin, die auf mich zuschossen? Ich machte mich von dannen und verlie\u00df endg\u00fcltig diesen Ort, der unter einer grauen Staubschicht lag. Tempi passati!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbEt in Arcadia ego\u00ab Auch in Arkadien gibt es mich: den Tod. In zahlreichen Varianten und Ausdrucksformen war er allgegenw\u00e4rtig. Ich habe ihn in meinen \u203aNotizen &amp; Skizzen\u2039 in vielen kleinen Geschichten festgehalten. Auch die einstmaligen Eigent\u00fcmer und Besitzer des Hauses sind ihm anheimgefallen. 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