{"id":380,"date":"2017-10-05T15:47:33","date_gmt":"2017-10-05T13:47:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=380"},"modified":"2018-01-23T19:39:14","modified_gmt":"2018-01-23T18:39:14","slug":"50-abschied-von-der-buehne-des-daseins-eine-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/10\/05\/50-abschied-von-der-buehne-des-daseins-eine-bilanz\/","title":{"rendered":"50. Tr\u00e4ume, Dramen, Traumata"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Durch das Reich der Tr\u00e4ume zur Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWer wagt, durch das Reich der Tr\u00e4ume zu schreiten, gelangt zur Wirklichkeit\u201c (E.T.A. Hoffmann, Die Bergwerke zu Falun).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meinen Tr\u00e4umen in eigenes Blog-Kapitel einzur\u00e4umen und sehr pers\u00f6nliche Tr\u00e4ume zu ver\u00f6ffentlichen, wird vermutlich Kritik hervorrufen. In alle Welt hinauszutragen, was ich in meinem Leben irgendwann einmal getr\u00e4umt habe, so k\u00f6nnte eingewandt werden, sei sogar eine geradezu peinliche Selbstentbl\u00f6\u00dfung, die ich mir h\u00e4tte ersparen sollen. Zudem sei es doch zweifelhaft, ob pers\u00f6nliche Traumerlebnisse und ihre Deutung andere \u00fcberhaupt interessierten. Tr\u00e4ume geh\u00f6rten privatissime in die Praxis von Psychoanalytikern und Therapeuten. Ich sehe das anders und meine, mich dabei in guter Gesellschaft zu befinden.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume und Traumdeutungen haben in der Kulturgeschichte des Menschen eine lange Tradition. Wir finden sie in den gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen der Menschheitsgeschichte, in denen sie immer einen \u00f6ffentlichen Charakter gewonnen haben. Von der Antike bis zur Gegenwart wird Tr\u00e4umen eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich erinnere nur an die biblische Traumvision, die Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau erlebt haben soll, an die Jakobsleiter oder Himmelsleiter (Mose 27,1-46; 28,10-22). Ein anderes ber\u00fchmtes kulturgeschichtliches Beispiel ist der Schmetterlingstraum des Dschuang Dsi (auch Tschuang Tse gesprochen, um 365 v.Ch.-290 v.Ch.). Traumwelten spielen in der Literaturgeschichte eine wichtige Rolle, ich denke zum Beispiel an E.T.A. Hoffmanns Nachtst\u00fccke, oder an Jean Pauls atheistische \u201eRede des toten Christus vom Weltgeb\u00e4ude herab\u201c (siehe Blog-Kapitel 33), oder an die geheimnisvollen und fantastischen Geschichten von Edgar Allan Poe. Sp\u00e4testens seit Sigmund Freuds Werk \u00fcber \u201eDie Traumdeutung\u201c(1899) befassen sich Scharen von Psychoanalytikern, Psychotherapeuten, Psychologen, medizinische Schlafforscher und Gehirnforscher mit den Ph\u00e4nomen des Tr\u00e4umens und der Funktion von Tr\u00e4umen im menschlichen Leben. Die Traumforschung ist heute ein weites Feld mit vielen Parzellen. Das Magazin \u201eSpektrum der Wissenschaft\u201c hat in seinem Heft vom Juni 2016 die Frage \u201eWarum tr\u00e4umen wir?\u201c zum Titelthema erhoben und darin \u201ewichtige Aufgaben des n\u00e4chtlichen Kopfkinos\u201c aufgezeigt (6\/16, S.20ff). Tr\u00e4ume tr\u00fcgen zur Lebensbew\u00e4ltigung bei, indem sie uns auf soziale (Konflikt-)Situationen vorbereiteten und Probleml\u00f6sungen simulierten. Gut ein Viertel des Lebens verbr\u00e4chten wir im Traum. Das Gehirn schl\u00e4ft nicht. Traumerlebnisse geh\u00f6ren also, so k\u00f6nnte man Kritikern entgegenhalten, zwingend in eine Autobiografie, sonst unterschlage man \u00a0einen aufschlussreichen Teil des Lebens einer Person.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re allerdings vermessen zu glauben, ich k\u00f6nnte in einem Blog-Kapitel meine Tr\u00e4ume schl\u00fcssig in Konzepte der praktischen oder theoretischen Traumforschung einordnen oder gar zu einem wissenschaftlichen Beitrag ansetzen. Das w\u00e4re ein hoffnungsloses Unterfangen. Was ich jedoch aus der einschl\u00e4gigen Literatur entnehmen kann, ist die Tatsache, dass viele meiner Tr\u00e4ume gar nicht so individuell und einzigartig sind, sondern allgemein \u00fcbliche Traumthemen zum Inhalt haben wie zum Beispiel Versagenstr\u00e4ume, Flugtr\u00e4ume, Pr\u00fcfungstr\u00e4ume, Todestr\u00e4ume, Sextr\u00e4ume, Verlusttr\u00e4ume, R\u00fcckfalltr\u00e4ume (Tabakrauchen, Alkoholgenuss), Gewalttr\u00e4ume oder, noch allgemeiner gesagt, Albtr\u00e4ume und Lusttr\u00e4ume. Individuell und einzigartig sind jeweils die pers\u00f6nlichen bildhaften und symbolischen Ausgestaltungen der Traumerlebnisse, wie besondere \u00d6rtlichkeiten, in Erscheinung tretende konkrete Personen oder Gruppen, zum Beispiel lebende Partner oder Kollegen oder verstorbene Eltern und Geschwister. Insofern best\u00e4tigen meine Tr\u00e4ume Befunde der allgemeinen Traumforschung (Ich nenne hier nur Ann Faradays psychologischen Ratgeber \u201eDeine Tr\u00e4ume \u2013 Schl\u00fcssel zur Selbsterkenntnis\u201c, 780-ISBN-3-596-23306-2; Spektrum der Wissenschaft 6\/16, S. 20ff). Mein Regelbruch liegt im Folgenden vielmehr darin, meine Tr\u00e4ume nicht zu anonymisieren. Wie anders aber sollte es in einem autobiografischen Blog m\u00f6glich sein? Es sei denn, man verzichtet g\u00e4nzlich darauf.<\/p>\n<p>Aufgrund meiner Erfahrungen halte ich also nichts von dem alten Spruch \u201eTr\u00e4ume sind Sch\u00e4ume\u201c! Tr\u00e4ume spielten in meinem Leben eine ebenso fruchtbare und existenzerhellende wie bedr\u00fcckende und unheimliche Rolle. Sie f\u00fchrten mich in eine zweite, in eine andere Wirklichkeit hinein und bildeten stets ein wichtiges Medium der Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung. Sie \u00f6ffneten mir den Zugang zu einer zweiten Bewusstseinsebene. In einigen Blog-Kapiteln habe ich bereits darauf hingewiesen und Tr\u00e4ume geschildert (siehe Blog-Kapitel 10, 13, 31, 48). \u00dcber Jahrzehnte hielt ich in meinen tagebuchartigen \u201eNotizen &amp; Skizzen\u201c viele Dutzende Tr\u00e4ume fest, ohne je die Absicht gehabt zu haben, diese Niederschriften sp\u00e4ter einmal weiter zu bearbeiten und zu publizieren. Die Niederschriften hatten allein meiner Selbsterfahrung und psychisch-mentalen Selbstvergewisserung gedient. Wenn ich nun in diesem Blog-Kapitel auf meine alten Aufzeichnungen zur\u00fcckgreife und aus ihnen ausf\u00fchrlich zitiere, belasse ich sie in der Fassung meiner Urschriften. Abgesehen von Fehlern und kleinen stilistischen Korrekturen werde ich sie nicht paraphrasieren, um so den dokumentarischen Charakter zu bewahren und ihre urspr\u00fcngliche Authentizit\u00e4t zu unterstreichen. Ich belasse es bei einer dokumentarischen und protokollarischen Wiedergabe. Versiertere Schriftsteller h\u00e4tten daraus literarisch anspruchsvollere Erz\u00e4hlungen gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Panoramen meiner n\u00e4chtlichen Gesichter<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch habe eine Reihe von Muster-Tr\u00e4umen, die sich wiederholen, den Fluss-Traum, Fliegen, mich in einer Stadt oder in Stra\u00dfen nicht (mehr) zurechtfinden. Manche Tr\u00e4ume stellen sich in existenziell besonders bedeutsamen Situationen ein. Sie geben mir Hinweise auf meine innere Befindlichkeit, auf bevorstehende Entscheidungen, auf Beziehungen. Auf klare, einpr\u00e4gsame Traumbilder habe ich immer achtgegeben. Ich horche in mich hinein, beobachte mich im Traum in unterschiedlichen Gestalten.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 3, Notiz vom 3. Januar 1997)<\/p>\n<p><em>\u201eFlusslandschaften\u2013Tr\u00e4ume bilden einen bestimmten, immer wiederkehrenden Typus meiner gro\u00dfen klaren Tr\u00e4ume. Sie stellen sich in der Regel in kreativen Phasen ein, w\u00e4hrend des Schreibens eines Buches oder bei der Arbeit an gr\u00f6\u00dferen Problemen. Ich hatte solche Flusstr\u00e4ume auch 1996\/97 zur Zeit der Abfassung meines Buches \u00fcber die \u201eMultikulturellen Gesellschaften in Europa und Nordamerika\u201c. In den letzten Wochen befasste ich mich mit Fragen der kulturellen Evolution. Immer von neuem gehe ich diese Fragen an. Es kommt in meinem Kopf etwas in Fluss. Flusstr\u00e4ume deuten auf Kreativit\u00e4t, positive Entfaltung und Gedankenfluss hin. Ich verbinde damit ein positives, hochgestimmtes Lebensgef\u00fchl. Es geht mir gut \u2013 auch wenn ich an den Begrenzungen leide.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 6, Notiz vom 10. Januar 1999; siehe auch Blog-Kapitel 31)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>\u201eBegrenzungen, begrenzte Lebenszeit, begrenzte Arbeitskapazit\u00e4t, begrenzte Erkenntnisf\u00e4higkeit, begrenztes Talent, begrenzte Kraft, begrenzte Sexualit\u00e4t. (\u2026) M\u00f6gen sich viele in ihre Begrenzungen einpassen und einf\u00fcgen, sich in ihren Begrenzungen sogar wohlf\u00fchlen, ich leide darunter. Jeden Tag versuche ich gegen eine Begrenzung anzugehen und sie zu sprengen. Ich leide an meinem Unverm\u00f6gen und Scheitern.\u201c<\/em> (Notizen &amp; Skizzen, Band 6, Notiz vom 10. Januar 1999)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Traum und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eKlar ist wiederum, dass der rational-wache, real erlebende Bewusstseinszustand nicht die einzige Bewusstseinsweise ist. Im Traum gibt es eine andere Erlebnisebene, eine andere Bewusstseinsweise. Im Traum erlebe ich mich gegenw\u00e4rtig in einer vergangenen Raumzeitlichkeit beziehungsweise eine vergangene Raumzeitlichkeit wird in die Gegenwart transponiert. Vergangenheit wird nicht nur &gt;vergegenw\u00e4rtigt&lt; sondern im Traum ganz Gegenwart. (\u2026) Es ist immer wieder faszinierend, welche Bewusstseinsweisen im Gehirn real existieren und in welcher Weise Raum-Zeit-Verh\u00e4ltnisse im tr\u00e4umenden Gehirn hergestellt werden k\u00f6nnen. Wenn ich meine Tr\u00e4ume der letzten Wochen und Monate typisierend ordne, ergeben sich vier unterschiedliche Wirklichkeiten des tr\u00e4umenden Gehirns: <\/em><\/p>\n<p><em>(1) Klare, relativ genaue Bildsequenzen aus einer im rational-wachen Bewusstseinszustand tats\u00e4chlich erlebten Welt (gewisserma\u00dfen Realit\u00e4tsabbilder),<\/em><\/p>\n<p><em>(2) klare, relativ genaue \u201eKunstbilder\u201c (Fiktionen) und Bildsequenzen, die ich im rational-wachen Bewusstseinszustand (so) nicht erlebe (zum Beispiel meine Fahrten in einem Hei\u00dfluftballon \u00fcber gro\u00dfartige Flusslandschaften), <\/em><\/p>\n<p><em>(3) eine Mischung aus (1) und (2); wahrscheinlich tr\u00e4ume ich solche \u201eMischtr\u00e4ume\u201c am h\u00e4ufigsten,<\/em><\/p>\n<p><em>(4) \u201eBild-Muster\u201c-Tr\u00e4ume (zum Beispiel Fluss-Tr\u00e4ume, Flug-Tr\u00e4ume; Situationsmuster-Tr\u00e4ume wie sich verirrt, verlaufen und die Orientierung verloren zu haben; Verlust\u2013Tr\u00e4ume, Beziehungstr\u00e4ume und Tr\u00e4ume vom eigenen Tod. Ich frage mich, ob diese Tr\u00e4ume selbst, gleich welchen Typs, im Gehirn mit anderen Bewusstseinselementen gespeichert, weiterverarbeitet und zu neuen Tr\u00e4umen zusammengesetzt werden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 3, 21.01.1997)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darunter waren sicher auch Tr\u00e4ume, dessen bin ich sicher, die Traumfachleute luzide Tr\u00e4ume nennen. Sie r\u00fchren aus einer besonderen Art des Traumbewusstseins her. Ein luzider Traumzustand tritt ein, nachdem der Tr\u00e4umer gelernt hat, sich seiner gew\u00f6hnlichen Tr\u00e4ume so zu bedienen, dass er Klarheit \u00fcber seine Lebensprobleme gewinnt.<\/p>\n<p><em>\u201eDie visuelle Wiedergabe meiner Tr\u00e4ume ist selbstverst\u00e4ndlich eine &gt;Rekonstruktion&lt;, ein bildliches Erinnerungsst\u00fcck. Ein Traum l\u00e4sst sich ebenso wenig \u201eabbilden\u201c wie die Natur in der Malerei. Es bleibt beim rekonstruierten Gesamteindruck, bei einer Moment-Skizze. Im Traum laufen die Szenen wie im Film ab, als sei es in der Wirklichkeit aufgenommen. Was ich mit Collagen und Zeichnungen festhalten will, ist der zentrale Bildeindruck und etwas von der Farb-Grundstimmung des Traumes. Es ist eine Art Traumtopografie, mit der Orte des Geschehens im Umriss oder Grundriss festgehalten werden. Das hilft mir auch D\u00e8j\u00e1 vu\u2013Erlebnisse zu fixieren.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 3).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das ber\u00fchmte Gleichnis von Dschuang Dsi<\/strong><\/p>\n<p>Das ber\u00fchmte Gleichnis vom Traum des Dschuang Dschou, das den unentwirrbaren Widerstreit zwischen Wachsein und Traum zur Anschauung bringt. Meister Dschuang Dsi (das ist der chinesische Schriftsteller und Philosoph Dschuang Dschou) berichtet \u00fcber seinen Schmetterlingstraum:<\/p>\n<p>\u201eEinst tr\u00e4umte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und gl\u00fccklich f\u00fchlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Pl\u00f6tzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun wei\u00df ich nicht, ob Dschuang Dschou getr\u00e4umt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmettterling getr\u00e4umt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.\u201c (Dchuang Dsi: Das wahre Buch vom s\u00fcdlichen Bl\u00fctenhang\/Nan Hua Dschen Ging. Aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm. Jena 1923, S. 21).<\/p>\n<p>Noch bevor ich das Schmetterling-Gleichnis aus der altchinesischen Weisheitslehre gekannt hatte, tr\u00e4umte ich in fr\u00fcheren Jahren wiederholt, ich sei ein gro\u00dfer Maik\u00e4fer, der eben aus dem Boden gekrabbelt ist und in einer weiten bl\u00fchenden Landschaft auf einem Grasfleck sitzt. Er bereitet sich auf seinen (ersten?) Flug \u00fcber Wiesen und Felder vor, indem er sich eine Weile mit Luft aufpumpt, um sich flugf\u00e4hig zu machen. Seine rhythmischen Pumpbewegungen bef\u00f6rdern beim Ein- und Ausatmen die Luft durch die Tracheen in den K\u00f6rper. Dabei werden an beiden Seiten des Hinterleibs die f\u00fcr Maik\u00e4fer typischen wei\u00dfen Zacken sichtbar. Die zwei F\u00e4cherf\u00fchler bewegen sich unruhig hin und her, als n\u00e4hmen sie Witterung auf, wohin der Flug f\u00fchren sollte. Das alles beobachte ich im Traum aus n\u00e4chster N\u00e4he. In dem Moment, in dem ich erwache, fliegt der Maik\u00e4fer \u00fcber die wundersch\u00f6ne Landschaft hinfort. Bin ich gar ein Maik\u00e4fer, der einen Augenblick lang getr\u00e4umt hat, er sei ein Mensch &#8211; ich? Der Maik\u00e4fer ist sich nicht bewusst, dass ich er bin. Oder bin ich ein Mensch, der getr\u00e4umt hat, er sei ein Maik\u00e4fer? Im Traum bin ich beides zugleich, ein bewusst beobachtender Mensch und ein Maik\u00e4fer, der nicht wissen kann, dass er ein Mensch ist, n\u00e4mlich ich. Ein bedeutsames Verwirrspiel des tr\u00e4umenden Gehirns! Dieses \u201esich\/mich-im-Traum-Aufpumpen und davonfliegen\/\u00fcberfliegen\u201c spiegelte wohl meine Situation und meine Gef\u00fchle als junger Wissenschaftler wider. Es gab eine Variante dieses Traumtypus, in der ich mich, ohne mich in eine Maik\u00e4ferexistenz zu verwandeln, direkt \u2013 wie ein Maik\u00e4fer &#8211; \u00a0selbst aufpumpte und abflog.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Entdeckungen in einem \u201eSchei\u00df-H\u00e4uschen\u201c \u2013 Ein Gleichnis<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEtwa Mitte November 1994 hatte ich einen sehr klaren, aufschlussreichen Traum. Seine Bildsprache pr\u00e4gte sich fest in meine Erinnerung ein. Ich gehe durch einen weiten (Gro\u00df-) Stadtpark, \u00e4hnlich dem Volkspark in Berlin-Wilmersdorf. Die Rasenfl\u00e4chen werden von geteerten Wegen durchquert. Hohe Laubb\u00e4ume mit herbstlich angebr\u00e4unten Bl\u00e4ttern s\u00e4umen die Wege und \u00fcberdecken in lichten Reihen den Park. Sp\u00e4tsommerliches Sonnenlicht flutet hell durch die B\u00e4ume. Mein Blick gleitet \u00fcber die gr\u00fcnen, bl\u00e4ttergesprenkelten Rasenfl\u00e4chen hinweg und trifft auf ein massiv gemauertes H\u00e4uschen. Dessen schmale T\u00fcren stehen offen. Das Glas der kleinen quadratischen Fenster ist noch nicht eingeschmissen. Es scheint ein altes Toiletten-H\u00e4uschen zu sein. Der kleine Raum ist wei\u00df gekalkt. Auf den W\u00e4nden sind die \u00fcblichen Schmutzspuren von Klo-H\u00e4uschen zu sehen. Die Schmutzflecken sind aber nicht &gt;unappetitlich&lt;. In dem stillgelegten Klo-Raum flie\u00dft kein Wasser mehr. Verdreckte Ecken. Ein paar Bretter, irgendwo herausgerissen, versperren den Zugang.<\/em><\/p>\n<p><em>In das Innere des H\u00e4uschens dringt heller Sonnenschein. Der Sonnenstrahl f\u00e4llt durch die kleinen quadratischen Fenster schr\u00e4g herein und taucht die wei\u00dfgekalkten, leicht verschmutzten W\u00e4nde in ein warmes Licht. Mein Blick f\u00e4llt auf eine tiefe Nische, die an ihrem \u00e4u\u00dfersten Ende durch ein kleines Fenster begrenzt wird. Die Nische l\u00e4uft, sich verj\u00fcngend, auf die Fenstereinfassung zu. Im hinteren Bereich, nahe am Fenster, sehe ich etwa ein halbes Dutzend blaugefl\u00fcgelter Schmetterlinge sitzen. Sie scheinen sich hier in die Nische zur\u00fcckgezogen zu haben. Sie sitzen ruhig auf der Nischenwand und haben ihre Fl\u00fcgel zu spitzen Dreiecken gefaltet. Die Schmetterlinge faszinieren mich. Ich trete n\u00e4her an die Nische heran, versuche die dunkelblau-exotischen Falter genau zu betrachten und zu identifizieren. W\u00e4hrend ich sie aus der N\u00e4he ansehe, werden es immer mehr. Am inneren Ausgang der Fensternische, ganz nahe an meinem Gesicht, werden sie alle zu gro\u00dfen, gespinsthaft durchsichtigen Gro\u00dfschmetterlingen, deren weit ausgebreitete, durchsichtige Fl\u00fcgel zarte blaugr\u00fcnliche Muster tragen. Die Fl\u00fcgelfl\u00e4chen changieren im Sonnenlicht. Ich bin erstaunt \u00fcber diese unerwartete Entdeckung und gebannt von dem seltsamen Fund in einem alten &gt;Schei\u00df-H\u00e4uschen&lt;!<\/em><\/p>\n<p><em>In dem alten aufgelassenen &gt;Schei\u00df-H\u00e4uschen&lt; hatten die Schmetterlinge in einer Fensternische ein Refugium gefunden, in dem sie ungest\u00f6rt die W\u00e4rme des einfallenden Sonnenlichts genossen. Im Traum teilte ich meine Entdeckung Inge Lu mit. Ich war, wie daraus zu schlie\u00dfen war, nicht allein durch den Park gegangen. Die Bildersprache war klar: Selbst in einem &gt;Schei\u00df-H\u00e4uschen&lt; kannst du in einer Nische die sch\u00f6nsten Schmetterlinge finden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Mein Schmetterlingstraum. Aus meinen Notizen &amp; Skizzen, Band 1, Mitte November 1994)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Begegnungen und Gespr\u00e4che mit Toten<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEin merkw\u00fcrdiger Traum der letzten Nacht mit selten klaren Landschaftsbildern, Situationen und Gesten. <\/em><\/p>\n<p><em>Wir sind auf einem Wanderpfad unterwegs der durch wildes, steiniges Gebirgsgel\u00e4nde f\u00fchrt. Wir? Wir sind zu dritt, ich und mein 1954 verstorbener Bruder Hein. Wer ist der Dritte? <\/em><\/p>\n<p><em>Wir gehen nach einem langen Anweg \u2013 oder war es eine Anfahrt mit einem \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel? \u2013 am Fu\u00df hoher H\u00e4nge, die mit einer Grasrinde bewachsen sind. Die Gebirgslandschaft ist in ein sattes Grasgr\u00fcn getaucht, aus dem dunkle Steinbrocken herausragen. Wir sind \u00fcber das steinige Gel\u00e4nde hinuntergestolpert, auf dem flachen Fu\u00dfweg angelangt und setzen unsere Wanderung auf dem Pfad fort. Nach einer Weile gelangen wir in die N\u00e4he einer gro\u00dfen H\u00f6hle, in die ein Fluss st\u00fcrzt und darin verschwindet. Er flie\u00dft unterirdisch weiter und kommt wahrscheinlich irgendwo wieder ans Tageslicht. F\u00fcnfzig bis hundert Meter vor der H\u00f6hle str\u00f6mt das Wasser \u00fcber ein Gef\u00e4lle abw\u00e4rts zur H\u00f6hle. Das rei\u00dfende Wasser ist gef\u00e4hrlich. Wer in seine Strudel ger\u00e4t, wird mitgerissen und in die H\u00f6hle hineingesogen. Es gibt kein Entrinnen, so stark ist der Sog ins Innere des Berges. Ich sage zu meinen Br\u00fcdern (war der Dritte auch ein Bruder?): Gebt acht! Kommt nicht zu nahe an den Flusslauf! \u00dcberquert den Fluss nicht an dieser Stelle! Haltet euch fern! Sie befolgen wie selbstverst\u00e4ndlich meinen Rat, vermeiden es, zu nahe an die gef\u00e4hrliche Stelle zu geraten und abzurutschen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wandern in sicherer Entfernung auf dem Pfad weiter. Ich lege meinen rechten Arm um die Schultern meiner Br\u00fcder, was eigentlich einen &gt;verl\u00e4ngerten Arm&lt; voraussetzt. Im Traum ist es jedenfalls m\u00f6glich, meinen Bruder Hein, der rechts au\u00dfen geht, mit meiner Hand zu erreichen und am Hinterkopf im Haar zu streicheln. Er sieht mich an, wir haben Blickkontakt, ich sehe ihn im Alter von etwa f\u00fcnfzehn Jahren. Seine Haare haben eine dunkelbraune, fasst schwarze Farbe. Er erwidert mit einem zustimmenden Blick meine br\u00fcderlich-z\u00e4rtliche Geste. Unser Blickkontakt bringt ihn mir im Traum ganz nahe, ich sehe in seine dunklen Augen. Mein Streicheln ist eine friedliche Geste, als wolle ich sagen, lass uns Vergangenes vergessen und br\u00fcderlich-friedlich auf dem Pfad weiterwandern. Wir sind an der gef\u00e4hrlichen Stelle, wo uns das Wasser h\u00e4tte mitrei\u00dfen k\u00f6nnen, vorbeigekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>In der Ferne taucht die Silhouette von Passau auf, wir befinden uns anscheinend auf dem R\u00fcckweg zur Stadt. Wir sind von Passau gekommen, haben wohl eine &gt;Rundwanderung&lt; unternommen und kehren dorthin zur\u00fcck. Auf unserer &gt;Rundwanderung&lt; gab es auf dem gef\u00e4hrlichsten Teil des Weges eine Art R\u00fcckbesinnung und eine friedliche, warmherzige und verst\u00e4ndnisvolle Friedensgeste.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 49, 04.03.2012)<\/p>\n<p>Der Traum blieb von mir unkommentiert; ich f\u00fcgte aber eine Skizze des Landschaftsbildes und des H\u00f6hleneinganges bei.<\/p>\n<p>Der Traum hat eine dramatische und traumatische Vorgeschichte &#8211; den Suizid meines Bruders Heinrich (Hein genannt), ein Ereignis, das ich im Blog-Kapitel 10 schildere.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Warnungen vor lebensgef\u00e4hrlichen Situationen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201ePunkt 8.00 Uhr werde ich mit einem Sturmklingeln aus dem Schlaf gerissen. Ich st\u00fcrme ins untere Stockwerk zum H\u00f6rapparat und frage, wer drau\u00dfen steht: &gt;Hallo!?&lt; \u2013 &gt;Plechinger&lt;. Meine Sekret\u00e4rin spricht mich mit lauter Stimme an und sagt, mein Telefonh\u00f6rer sei nicht aufgelegt, ich k\u00f6nne deshalb nicht angerufen werden. Ob ich das schon bemerkt h\u00e4tte? (\u2026) Offenbar hatte ich am Sonntagabend nach Gespr\u00e4chen mit meinen Br\u00fcdern vergessen, den Telefonh\u00f6rer aufzulegen (\u2026).<\/em><\/p>\n<p><em>Ich war unsanft aus einem Albtraum geweckt worden. Ich hatte getr\u00e4umt, dass \u00fcber uns, \u00fcber Inge Lu und mich, eine gro\u00dfe hohe Halle, die aus Holz gebaut war, st\u00fcckweise \u00fcber uns einbrach. Der gro\u00dfe Stadel lag am Rande und am Fu\u00df eines Berghanges und stand auf grobem massereichen Steinger\u00f6ll. Er war ein f\u00fcr Mensch, Tier und landwirtschaftliches Ger\u00e4t bestimmter Raum, der von Balken, S\u00e4ulen und Querbalken getragen wurde. Die Dachkonstruktion war mit breiten Brettern abgedeckt. Die H\u00f6lzer hatten eine vom Alter verwitterte dunkelbraungraue Farbe. Ich sah wie sie sich langsam St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck vom Dach abl\u00f6ste, zuerst ein kleineres, aber schweres Brett, dann weitere Balken, die einen Menschen schwer verletzen konnte. Ich rief Inge Lu zu &gt;Obacht! da kommt ein Brett herunter!&lt; Und schon war es geschehen. Ich schaute zur Decke hoch, beobachtete das Geb\u00e4lk und sah, wie es sich langsam bewegte, wie die gro\u00dfen Balken und Sparren langsam hangabw\u00e4rts zu kippen anfingen. Steinbrocken waren bereits ins Innere eingedrungen. Balken f\u00fcr Balken l\u00f6ste sich aus der Deckenkonstruktion, sie t\u00fcrmten sich sperrig zu Haufen auf. Es war h\u00f6chste Zeit ins Freie zu gelangen, um nicht von dem zusammenbrechenden Geb\u00e4lk erdr\u00fcckt und begraben zu werden. Wir versuchten zum Tor und nach drau\u00dfen zu gelangen. Doch war der Weg schon durch ein Gewirr von Balken verstellt. Ich musste meine Warnungen vor herunterbrechenden Balken mehrmals wiederholen. Mit gro\u00dfer Wucht fielen weitere Balken ins Innere der Holzhalle und t\u00fcrmten sich kreuz und quer auf. Ihre Zwischenr\u00e4ume boten allerdings auch Schutz. Pl\u00f6tzlich scheinen auch Tiere im Raum gestanden zu haben. Wir kletterten zwischen Balken und Ger\u00e4ten hindurch zum Scheunentor, das wir m\u00fchsam erreichten. Als wir in der N\u00e4he des Tores waren, klingelte Frau Plechinger an der Haust\u00fcre Sturm. Der Albtraum riss ab. Noch halb schlaftrunken schrieb ich den Traum nieder.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Aus Notizen &amp; Skizzen, Band 9, 07.12.1999)<\/p>\n<p>Meine Deutung des Traumes war damals \u00e4u\u00dferst knapp: <em>\u201eDie hohe, zusammenbrechende Holzhalle symbolisiert ein gef\u00e4hrdetes Leben. Sie f\u00e4llt \u00fcber mir in sich zusammen. In meinem Leben bricht etwas zusammen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nachtrag 2018: Das Jahr 2000 stand unmittelbar bevor, das Jahr meiner Pensionierung. Ich bereitete mich auf meinen Abgang vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Tr\u00e4ume, orientierungslos zu sein und sich nicht zurechtzufinden<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eGed\u00e4chtnisverlust, Verlust der Orientierung, verzweifelte Versuche herauszufinden, wo ich mich an welchem Ort befinde und welchen Weg ich einzuschlagen habe. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich kam in einer Stadt an, in einer Gro\u00dfstadt. War es Hamburg? War es Hannover? Im Traum versuchte ich mich zu erinnern: Welche dieser St\u00e4dte war es? Ich konnte es nicht herausfinden. Stadtbilder tauchten auf, die mehr f\u00fcr Hamburg sprachen. Doch ich war mir nicht sicher. Ich war an einer Eisenbahnstation angekommen, es k\u00f6nnte auch eine S-Bahnstation gewesen sein. Ich fragte einen Bahnhofsvorsteher, wann der n\u00e4chste Zug ginge und in welche Richtung. Er antwortete, es ginge kein Zug mehr auf dieser Strecke. Ich lief auf der grasdurchwucherten Bahnterrasse entlang, auf der keine Schienen mehr lagen. \u00dcber dem Gras und durch das Gras der Terrasse zog eine Gleisspur. Bahnhofsbeamte riefen mir zu, ich solle das Gleis verlassen, es drohe Gefahr, wenn ein Zug k\u00e4me. \u00a0Ich ging von der Terrasse herunter und lief unterhalb von ihr auf die Stadt zu.<\/em><\/p>\n<p><em>Dort angekommen befand ich mich pl\u00f6tzlich in einem Universit\u00e4tsgel\u00e4nde. Ich war in einem Geb\u00e4ude gelandet, das wie eine Mensa aussah. In einem gro\u00dfen Saal, in dem Essen ausgegeben wurde, hielten sich viele Studenten auf. Nun versuchte ich herauszufinden, in welcher Universit\u00e4t ich mich befinde. An den Wandseiten des gro\u00dfen Saales standen Kreationen von Studenten der Kunstp\u00e4dagogik, Projekte, die soziale Situationen und Arbeitsbeziehungen zeigten. In einer unteren Etage arbeiteten kleine runde Wesen an R\u00e4derwerken. Oben thronte die bessere Gesellschaft. Die runden Maschinenm\u00e4nnchen passten in Hohlformen, in denen das R\u00e4derwerk installiert war.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber Gespr\u00e4che versuchte ich zu ermitteln, wo ich mich befand. Ich bekam es nicht heraus und verlie\u00df den Saal. Ich irrte drau\u00dfen umher, immer im Ungewissen, wo ich mich wirklich befand und wohin ich ging. Irgendwie stie\u00df ich \u2013 an die Traumdetails kann ich mich nicht mehr erinnern \u2013 auf meine Tochter Caroline. Ich fragte sie, ob ich bei ihr \u00fcbernachten k\u00f6nne. Aber auch sie schien an diesem Ort keine feste Bleibe zu haben. Sie kampierte irgendwo in einem Schlafsack. Meine Tochter legte sich im Schlafsack schr\u00e4g an einen Abhang und st\u00fctzte sich mit den F\u00fc\u00dfen an einem gro\u00dfen Stein ab. Ich kampierte notd\u00fcrftig neben ihr. Es blieb unklar, wo das war. In der qu\u00e4lenden Situation des Ged\u00e4chtnisverlustes und der damit einhergehenden Orientierungslosigkeit blieb meine Tochter am Ende der einzig bekannte Fixpunkt meiner Erinnerung. Im morgendlichen Fr\u00fchst\u00fccksgespr\u00e4ch mit Inge Lu diskutieren wir eine Interpretationsm\u00f6glichkeit: meine stark reduzierten sozialen Kontakte. Caroline war vom 15.04. bis zum 20,04.1995 mit ihrer Freundin Felicitas von Imhoff in Orselina zu Besuch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Traum in der Nacht vom 21. zum 22. 04.1995 in CH &#8211; Orselina. Notizen &amp; Skizzen, Band 1)<\/p>\n<p>Nachtrag vom 09.01.2017: <em>\u201eEin wichtiger Bezugsort und Hinweis, der im Traum nicht namentlich genannt wurde, war die Kunstp\u00e4dagogik an einer Universit\u00e4t. Zum Fach Kunstp\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Passau hatte ich aus k\u00fcnstlerischem Interesse stets eine besonders enge Beziehung. Im Jahr 1995 publizierte ich meinen Objekt-Katalog, in welchem ich zu meinem 60. Geburtstag meine \u201eKreationen\u201c vorstellte. Ich k\u00f6nnte auf der Suche nach meinem Ort und nach meinem Weg eines der kleinen, runden Maschinenm\u00e4nnchen gewesen sein, die unterhalb der \u201ebesseren Gesellschaft\u201c (der Professoren) an R\u00e4derwerken arbeiteten. Es war die Zeit, in der ich mich theoretisch und handwerklich-praktisch intensiv mit der Objektkunst auseinandersetzte und sie als mein eigentliches Metier entdeckte. Auf dem stillgelegten Bahngleis f\u00e4hrt kein Zug mehr. Der Bahnhofsvorsteher (meines Faches?) warnt mich, auf dem imagin\u00e4ren Gleis (weiter) zu gehen. Ich solle es verlassen, sonst drohe mir Gefahr. Es k\u00f6nne ein Zug kommen und mich \u00fcberfahren. Auch der Traum l\u00e4sst mich im Stich. Ich muss selbst herausfinden, wo ich mich aufhalte und in welche Richtung ich gehen will. Schon 1959 hatte ich einmal vor der Frage und Entscheidung gestanden, ob ich nach Hamburg auf die Kunstakademie oder an eine Universit\u00e4t (in die Wissenschaft) gehen soll. Tr\u00e4ume haben eine frappierende Logik!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>In der eingemauerten Stadt<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn der letzten Nacht, wie \u00fcblich gegen Morgen, suchten mich zwei Albtr\u00e4ume heim, besonders einer versetzte mich in eine f\u00fcrchterliche Situation. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich war wieder einmal unterwegs und lief zu Fu\u00df durch eine alte Gro\u00dfstadt, die breite Stra\u00dfen durchzogen. Ich befand mich anfangs wohl im Zentrum, hatte keinen Stadtplan und Handlungsplan und wusste nicht, welchen Weg ich einschlagen soll, um an irgendein nicht n\u00e4her bezeichnetes Ziel zu gelangen. Ich irrte umher. An den breiten Stra\u00dfenalleen standen hohe alte H\u00e4user, keine modernen Hochbauten oder gar Wolkenkratzer, doch viele Stockwerke z\u00e4hlende Backsteinbauten, deren rote Mauerziegeln zerbr\u00f6ckelt und st\u00fcckweise eingefallen waren. Ich blickte \u00fcber die Schuttberge eingest\u00fcrzter H\u00e4user hinweg in gr\u00f6\u00dfere st\u00e4dtische Areale, wusste aber nicht, wo ich mich in der Stadt genau aufhielt und wohin ich meine Schritte lenken sollte. Ich ging aufs Geradewohl neugierig durch die Stra\u00dfen dorthin, wo mir die Architektur oder der Zustand alter Geb\u00e4ude besonders auffiel. Ich kam an H\u00e4userresten vorbei, schaute in die H\u00f6he vielst\u00f6ckiger H\u00e4userfronten, suchte nach Namensschildern langer Stra\u00dfenz\u00fcge, fand mich in weiteren Arealen nicht zurecht und schritt auf gut Gl\u00fcck forschend weiter durch Stra\u00dfen. Ich kam, \u00fcber Schuttberge steigend, bis zu einem Gel\u00e4nde, wo es nicht mehr weiterging.\u00a0 Die Stadt musste eine historische Metropole gewesen sein, die allm\u00e4hlich unterging. Die hohen Geb\u00e4ude hatten, ohne klobig zu wirken, nahezu monumentalen Charakter. Auf den Stra\u00dfen gingen im Stadtgebiet verstreut Menschen in Gruppen, die sich ganz unpers\u00f6nlich zeigten. Ich hatte keinen Kontakt zu ihnen. <\/em><\/p>\n<p><em>Dann geschah etwas, das dem Geschehen eine besondere Wende gab. Inge Lu, die anscheinend mit dem Auto unterwegs gewesen war, griff mich auf. Pl\u00f6tzlich sa\u00df ich neben ihr auf dem Beifahrersitz. Inge Lu lenkte das Auto in ein Haus, durchbrach eine Mauer und landete in einem garagengro\u00dfen Raum, der mit Schutt angef\u00fcllt war. Wir steckten fest. Inge Lu man\u00f6vrierte vor und zur\u00fcck und versuchte durch ein gro\u00dfes Fenster oder durch eine Mauer\u00f6ffnung wieder nach au\u00dfen zu gelangen. Dabei kippte sie mich ungewollt, so vermutete ich, in einen anderen, rundum abgeschlossenen Stadtteil \u2013 in eine andere Welt. Der Stadtteil war von hohen Betonmauern umfasst, die mit starken Stahltr\u00e4gern abgest\u00fctzt waren. Es waren m\u00e4chtige, un\u00fcberwindbare Mauern, die alle Menschen einschlossen, die in diesem Stadtgebiet lebten. Das ganze Areal wirkte wie ein riesengro\u00dfes Gef\u00e4ngnis und erwies sich als ein Kolosseum der Gewalt. Eine fundamentalistische Clique oder Sekte bestimmte despotisch, wer was zu tun hatte, zu arbeiten, zu beten, sich zu versammeln, andere anzutreiben, nach Eindringligen zu suchen und sie einzufangen. Ich ging in diesem Kolosseum aus Beton und Stahl auf einer breiten Stra\u00dfe an der Riesenmauer entlang und versuchte \u00e4ngstlich den &gt;H\u00e4schern&lt; und &gt;Eiferern&lt; der Clique zu entkommen. Sie waren hinter mir her, wollten mich greifen und gefangen nehmen. Andere eilten an mir vorbei und liefen zur Mauer, um zu beten. Sie salbaderten<\/em><em> ihre Gebete herunter, wobei unklar blieb, ob auf Befehl oder aus freien St\u00fccken. Ich beobachtete als verfolgter Fremdling das Treiben, empfand mich eingeschlossen und ausgeliefert. Im Weitergehen suchten meine Augen die Mauern und Geb\u00e4ude nach einem Ausweg und Fluchtweg ab, entdeckte aber keinen.\u00a0 Ich konnte aber den H\u00e4schern entrinnen. Irgendwann und irgendwo gelang es mir zu entkommen. <\/em><\/p>\n<p><em>Im Moment des Entkommens wurde ich akustisch von einer lauten Stimme geweckt. Inge Lu f\u00fchlte sich durch lautes Reden auf der Stra\u00dfe gest\u00f6rt, schimpfte und riss mich hierdurch aus meinem Traum.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 49, 29.05.2012)<\/p>\n<p>Nachtrag 2018: Der Traum spiegelte, so interpretiere ich ihn heute, unsere damalige Berliner Lebenssituation wieder. Der andere Stadtteil, von hohen Betonmauern umgeben wie ein Gef\u00e4ngnis, ist Ostberlin, wo eine fundamentalistische Clique herrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Rotationsmaschine<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn der letzten Nacht hatte ich wieder einen Albtraum, an dessen Ende ich um Hilfe schrie und aufwachte. Der Albtraum bestand aus zwei Teilen, wobei der Schauplatz ein und derselbe war: der Grimmaische Torturm im alten Leipzig. Ich betrat den halb zerst\u00f6rten, aufgelassenen Torturm. Der runde Innenraum war &gt;entkernt&lt;, es standen nur noch die Au\u00dfenmauern. Deren m\u00e4chtige Steinquader hatten L\u00fccken, durch die Licht ins Innere drang. Reste eines \u00e4lteren Bauabschnittes waren durch sp\u00e4tere Einbauten \u00fcberdeckt.\u00a0 Der gew\u00f6lbte Raum war ohne Fu\u00dfboden. Aus dem Erdreich ragten Fragmente eines Fundaments, es waren Steinsockel f\u00fcr einen Fu\u00dfbodenbelag. Der Torturm war nicht voll begehbar. Ich sah mich in der verwitterten Ruine um, die den Carceri Piranesis \u00e4hnelten. Ich war sicher, dass es sich um den ehemaligen Grimmaischen Torturm in Leipzig handelte, in dessen N\u00e4he das Wohnhaus von Johann Albrecht Mintzel gestanden hatte. Die Stadtmauern und der Torturm waren schon vor mehr als zweihundert Jahren geschliffen worden. Ich warf meinen Blick also in ein Bauwerk, das schon lange nicht mehr existiert. Nicht einmal Reste davon waren erhalten geblieben. Im Halbdunkel des Innenraumes herrschte eine stille, gespenstische Piranesi-Atmosph\u00e4re.<\/em><\/p>\n<p><em>Pl\u00f6tzlich ein Szenenwechsel. Genau auf dem Platz, auf dem eben noch der Torturm gestanden hatte, stand eine riesenhafte Rotationsmaschine, auf der gro\u00dfe flache Beh\u00e4lter montiert waren. Die Beh\u00e4lter bestanden aus Metallplatten, die verstrebt und verschraubt waren, und aus Plexiglasteilen, die den Blick in das Innere des Beh\u00e4lters freigaben. Die Hohlr\u00e4ume der Beh\u00e4lter hatten gerade einmal Platz f\u00fcr einen liegenden menschlichen K\u00f6rper. Ich sah mich in einem der Plexiglasgeh\u00e4use liegen und verzweifelt nach Hilfe rufen. Ich wurde von der Rotationsmaschine auf und ab bewegt und hin und her gedreht. Ich fand mich dem Geschehen v\u00f6llig ausgeliefert.\u00a0 Eine starke Antriebskraft hielt die Rotationsmaschine in Gang. Durch das Plexiglas konnte ich sehen, was sich drau\u00dfen ereignete. Eine junge Frau ging vorbei, sie schob einen Kinderwagen vor sich her und hatte, wenn ich mich genau erinnere, ein Kind an der Hand. Ich versuchte sie auf mich aufmerksam zu machen und hoffte, sie k\u00f6nne\/werde mich aus meiner Lage herausholen. Doch drangen meine Hilfeschreie nicht nach drau\u00dfen. Es war als bef\u00e4nde ich mich in einem schalldichten Raum eingesperrt. Mit meinen Schreien &gt;Hilfe!&lt;, &gt;Hilfe!&lt; endete der [erste] Traumteil.<\/em><\/p>\n<p>(Aus Notizen &amp; Skizzen, Band 36, 06.01.2007)<\/p>\n<p>Meine Deutung vom 06.01.2007: <em>\u201eIch kann die Rotationsmaschine, die ich im Traum gesehen und erlebt habe, zeichnerisch nicht 1:1 wiedergeben, sondern nur ein ungef\u00e4hres Traumbild aufzeigen. Es scheint mir ein Schl\u00fcsselbild meiner Situation zu sein. Der erste Teil des Traumes, der zur Ruine des Grimmaischen Torturms f\u00fchrt, bezeichnet den Ort: Leipzig und ein st\u00e4dtisches Relikt aus vergangener Zeit. Letzteres existiert nicht mehr. Im Innern des Torturms stehen Steinsockel, auf die ehemals ein Boden aufgelegt gewesen war. Ich kann in den Innenraum hineinschauen, ihn aber nicht betreten. Im zweiten Traumteil findet ein Szenenwechsel statt, der Torturm wird mit einer riesenhaften Rotationsmaschine ausgewechselt, die aus mehreren flachen Beh\u00e4ltern besteht. Ich stecke in einem der Plexiglasbeh\u00e4ltern und liege darin flach eingesperrt. Die runde Rotationsmaschine, die von einer starken Antriebskraft in Gang gehalten wird, bewegt mich in dem Beh\u00e4lter kr\u00e4ftig nach oben und nach unten, seitw\u00e4rts gekippt auf und ab. Es ist eine Art kreisender Sch\u00fcttelmaschine. Ich will mich aus dieser Lage befreien. Mir gelingt es aber nicht, mich aus dem Beh\u00e4lter, in dem ich gefangen bin, auszusteigen. Ich schaffe es nicht aus eigener Kraft. Meine Hilfeschreie dringen aus dem schalldichten Beh\u00e4lter nicht nach drau\u00dfen. Die junge Frau und ihr Kind h\u00f6ren mich nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Der Traum und seine Bilder schildern meine Arbeitssituation und mein Ziel. Die gro\u00dffl\u00e4chige, runde Rotationsmaschine symbolisiert mein gro\u00dfes Buchprojekt [Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie. Die Mintzelsche Buchdruckerei und ihr Zeitungsverlag, das ich im Jahre 2001 begonnen hatte]. Die Mintzelsche Buchdruckerei wurde 1625 in Leipzig von Johann Albrecht Mintzel (1600-1653) gegr\u00fcndet. Seine Druckerei und sein Wohnhaus standen in der Vorstadt nahe am Grimmaischen Torturm. Die starke Antriebskraft, die die Rotationsmaschine in Schwung h\u00e4lt, ist meine starke Motivation, dieses Projekt durchzuf\u00fchren. Rotieren und Sch\u00fctteln der Maschine stehen f\u00fcr die zahlreichen Fassungen, die die Kapitel durchlaufen. Ich bin auf der Rotationsmaschine in einem der Plexiglasbeh\u00e4lter gefangen und kann mich von diesem Projekt nicht befreien. Die junge Frau und ihr Kind symbolisieren &gt;die Welt drau\u00dfen&lt; [meine Familie] und die Zukunft. Die Frau [Inge Lu?!] richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Kinder und auf ihren Weg. Sie nimmt anscheinend die Rotationsmaschine nicht wahr und geht an ihr vorbei. Die Rotationsmaschine und der Beh\u00e4lter, in dem ich liege und mich kaum bewegen kann, symbolisieren zugleich mein &gt;Ich&lt;. Ich bin in meinem &gt;Ich&lt; gefangen und vermag aus meinem &gt;Ich-Beh\u00e4lter&lt; nicht auszusteigen. Ich liege darin wie in einem gl\u00e4sernen Sarkophag, nehme allerdings die Welt drau\u00dfen hellwach wahr.\u201c<\/em><\/p>\n<p>[Abbildungen: Titelblatt des ersten Bandes der Firmen- und Familiengeschichte Mintzel; Ansicht aus dem Leipziger Stadtbild am Grimmaischen Torturm]<\/p>\n<p>Nachtrag 2018: Ich investierte in das Publikationsprojekt von 2001 bis 2011 mehr als 10.000 Arbeitsstunden. Es erschien im M\u00e4rz 2011 im Berliner Verlag Duncker &amp; Humblot zweib\u00e4ndig im Gesamtumfang von rund 1600 Seiten auf dem Buchmarkt. Das Buchprojekt \u00fcber zehn Jahre in Schwung zu halten und zu einem grandiosen Abschluss zu bringen, war nur mit einer enormen Antriebskraft und einem zielorientierten Durchhalteverm\u00f6gen m\u00f6glich. Es war die Bilanz jahrzehntelanger Forschung. Es hatte stets ein unaufl\u00f6sbares und konfliktschwangeres Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen der Welt in mir und den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden, zwischen meinem \u201eIch-Beh\u00e4lter\u201c und der Welt drau\u00dfen gegeben. Die Spannung l\u00f6ste sich erst nachdem das Werk 2011 erschienen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Tr\u00e4ume von Fl\u00fcssen und Fl\u00fcgen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eBallonfahrt (\u2026). Unter mir eine weite gro\u00dfe Flusslandschaft. Ich befinde mich in einem Hei\u00dfluftballon und treibe direkt \u00fcber dem Fluss in geringer H\u00f6he dem Fluss entlang. im Traum war der Fluss silbrig-hell, die Flussauen und gro\u00dfen Baumgruppen auf beiden Seiten des Flusses erlengr\u00fcngrau bis flechtengrau. Ich stand in der Gondel und man\u00f6vrierte zwischen hohen Baumwipfeln hindurch. Ich streife die h\u00f6chsten Baumkronen und habe M\u00fche, den Ballon zwischen den Wipfeln hindurch zu man\u00f6vrieren. Der Ballon ist nicht allzu gro\u00df. Ich greife nach einem St\u00fcck Schnur, das \u00fcber mir von der H\u00fclle herabpendelt. um die Hei\u00dfluft zu regulieren, ich will an H\u00f6he gewinnen. Der Fluss ist breit, langgezogene Inseln liegen mitten im Fluss. Der Horizont ist hell. Ich gleite dahin. Nach einer Weile habe ich etwas an H\u00f6he gewonnen. Vor mir liegt eine riesenhafte, flache Wolke, ein Wolkenk\u00f6rper, etwas K\u00f6rperhaftes. Es hat die flache Gestalt einer Riesengummi-W\u00e4rmflasche. Doch ist die Haut des Riesenluftschiffes aus einem wei\u00dfen Kunststoff. Es erinnert mich an das riesenhafte, flache, aber runde Raumschiff der Au\u00dferirdischen in dem Science Fiction-Film \u201eIndependence Day\u201c. Doch gleicht das breite und lange quadratische Ding, das ich mit meinem Hei\u00dfluftballon unterfliege, eher einer flachen Riesenwolke. Es ist leichter, liegt h\u00f6her in der Luft. Ich muss darunter hinweg, das Ding liegt mitten \u00fcber dem Fluss, dem ich wie einem Leitsystem folge.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich gleite in der Gondel zwischen Baumkronen und Wolkenluftschiff dahin, streife ein paar \u00c4ste. Pl\u00f6tzlich springt mich etwas an, ein frosch- oder kr\u00f6tenartiges Tier, und bei\u00dft sich an meiner rechten Wade fest. Es ist etwas Unheimliches an dem kleinen Tier. Ich greife mit der linken Hand nach unten an meine rechte Wade und versuche das Tier loszuwerden. Ich versuche es abzustreifen. Das ist der Moment, in dem ich aufwache. Ich bin nicht sicher, ob es mir gelungen ist, das kleine Biest von der Wade abzustreifen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Ich halte diesen Traum fest, weil er der zweite Fluss-Traum innerhalb weniger Tage ist. Im letzten Traum befand ich mich auf einem Felsen in einem Glashaus mitten im Fluss. In diesem Traum befinde ich mich in einer Ballongondel \u00fcber dem Fluss, der eine zentrale Rolle spielt. Ich folge in der Luft seinem Lauf, ich gleite dem Fluss entlang, er leitet mich, gibt die Richtung an. Ein breiter Strom, der hell-silbrig das Licht des Himmels reflektiert und als silberner Strom mitten durch eine breite, flache Flusslandschaft seinen Lauf nimmt. Ich befinde mich zwischen Himmel und Erde. Ich steuere zwischen den Baumkronen hindurch, reguliere nur etwas die H\u00f6he.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Traum, in der Nacht vom 17.\/18.12 in Ausz\u00fcgen, Notizen &amp; Skizzen, Band 3, 21. Und 25. 12. 1996).<\/p>\n<p>Ich denke, der Traum hat wiederum mit meiner Arbeits- und Lebenssituation zu tun. Der Hei\u00dfluftballon, so deute ich ihn, steht f\u00fcr die Wissenschaft, die mich tr\u00e4gt und treibt. Die Gondel ist mein Fachgebiet, das an Seilen am Ballon festgehalten wird. Ich stehe in meinem Fachgebiet und schaue von dieser Position aus auf die weite Landschaft herab, wobei der hell-silbrige Fluss und sein Lauf die Richtung vorgeben. Ich folge im \u00dcberflug dem gro\u00dfen Fluss. Ich lasse mich hinaustreiben in die Weite des Raumes der Erkenntnisse (?). Die Ballonfahrt erm\u00f6glicht mir zumindest einen \u00dcberblick \u00fcber Landschaftsr\u00e4ume. Was ich selbst steuernd tun kann, ist die H\u00f6he regulieren und einen Absturz vermeiden. Mir gelingt es Baumkronen (was bedeuten sie? Hindernisse?) auszuweichen, sie zu \u00fcberfliegen, durch sie hindurch zu man\u00f6vrieren, bleibe jedoch so erdnah, dass mich ein frosch- oder kr\u00f6tenartiges Tier anspringen kann. Von unten lauert wohl eine unberechenbare Gefahr, etwas, das sich an mir festbei\u00dft. Mein \u201eH\u00f6henflug\u201c zwischen Himmel und Erde scheint von oben und von unten bedroht (beengt?) zu werden: Oben von einem riesenhaften Wolkengebilde, das einer Gummi-W\u00e4rmflasche gleicht, von unten von einem kleinen ekelhaften Biest, das nicht locker l\u00e4sst. Die Riesenwolke k\u00f6nnte f\u00fcr das Ph\u00e4nomen Religion stehen, die vielen als mentale W\u00e4rmflasche dient. Wer oder was mag die Kr\u00f6te sein? Will sie mich herunterziehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ich \u2013 ein pfl\u00fcgender Bauer und Schrottverwerter<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eH\u00fcgeliges Land. \u00dcber einem rundbuckeligen, weit ausladenden H\u00fcgel eine gro\u00dfe, sattgr\u00fcne Wiese, die hinter der Horizontlinie nicht \u00fcberschaubar ist. Ein Bauer hat mit einer M\u00e4hmaschine, die von einem Pferd gezogen wird, eine zweispurige erste Schneise herausgeschnitten. Die doppelspurige Schneise ist sehr akkurat gezogen und f\u00fchrt in einem weiten Bogen um den H\u00fcgel. Rechts vorne ein Fichtengeh\u00f6lz mit lichtem Bestand. Ich betrete die Schneise und folge Schritt f\u00fcr Schritt der Spur durch ein v\u00f6llig geschlossenes, \u201emakelloses\u201c Gr\u00fcn, das mehr einem gepflegten Rasen \u00e4hnelt als einer von Blumen und Kr\u00e4utern durchwachsenen Wiese. <\/em><\/p>\n<p><em>Inge Lu scheint irgendwo im Hintergrund zu sein. Ich h\u00f6re mich zu ihr sagen, sie solle doch einmal auf diese wundersch\u00f6ne, akkurat gezogene Doppelspur in der gr\u00fcnen Fl\u00e4che schauen. Ich schaue auf der gr\u00fcnen Spur weiter h\u00fcgelaufw\u00e4rts, blicke \u00fcber den H\u00fcgel hinweg und sehe auf der anderen Seite den Bauern hinter seinem Ger\u00e4t her schreiten, das eher nach einem Pflug aussieht. Das Pferd zieht den Pflug, der die akkurate Doppelspur hinterl\u00e4sst. Von weitem sieht es aus, als z\u00f6ge der Bauer nur eine Furche, aber es ist ohne Zweifel ein doppelspuriger Grasschnitt. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Bauer war inzwischen einmal im Quadrat \u00fcber die Wiese gezogen, das ausgeschnittene Quadrat war an den Ecken abgerundet. Er nimmt mich wahr, bemerkt, dass ich seiner Spur gefolgt bin. Zun\u00e4chst setzt er seine Arbeit fort. Ich beobachte ihn dabei. Ich bleibe in der Spur. Die ausgeschnittene Doppelspur erinnert mich an Skispuren, nur alles in Gr\u00fcn. In der N\u00e4he der Stra\u00dfe, die zu einem Geh\u00f6ft f\u00fchrt, verlasse ich das Feld und gehe auf der Stra\u00dfe weiter zum Hof. Der Bauer zieht eine zweite Spur. Vom Geh\u00f6ft aus beobachte ich ihn bei der Arbeit, er beobachtet mich.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin im Haus. Der Bauer h\u00f6rt auf, sein gr\u00fcnes Feld zu bearbeiten und kommt zum Geh\u00f6ft her\u00fcber. Er scheint sich im Hofgel\u00e4nde unter dem Vorwand umzusehen, eine passende Glasscheibe zu suchen. Wir gehen gemeinsam \u00fcber das Gel\u00e4nde innerhalb des Hofes, an Schuppen und Stallungen vorbei. \u00dcberall liegt eine Menge Schrott herum, alte, verrostete, nicht mehr gebrauchte Ger\u00e4tschaften; zerbrochene oder angebrochene Glasscheiben lehnen an einem Schuppen; Metalle und kleine Gussformen liegen in Ecken auf Brettern. Wir mustern gemeinsam den Schrott durch, finden aber keine passende Scheibe. Ich habe den Eindruck, dass die Suche nach einer Scheibe (f\u00fcr mich) nur ein Vorwand gewesen ist, um mich auf dem Geh\u00f6ft n\u00e4her umzusehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir gehen ins Haus und durch die Innenr\u00e4ume. Einige Zimmer sind neu mit Ikea-artigen hellen Holzm\u00f6beln ausgestattet. Bei einem Zimmer handelt es sich ohne Zweifel um Carolines (C. wohnt zurzeit mit uns auf dem Lerchenweg 4). Der Bauer hat ebenfalls eine Tochter (oder mehrere T\u00f6chter). Eine Tochter ist bei uns zu Besuch. Sie ist anscheinend mit Caroline befreundet. Der Bauer, das ist mein Eindruck, ist vorbeigekommen, um zu sehen, wie wir leben, und um sich zu \u00fcberzeugen, ob alles in Ordnung ist. Wir scheinen Fremde in dieser Gegend zu sein. Wir haben uns in diesen Hof eingemietet. Der Traum ist wesentlich bestimmt vom Schauen und Beobachten. Es wird nicht viel gesprochen. An das Ende des Traumes erinnere ich mich nicht klar. Der Bauer geht wohl wieder weg und an seine Arbeit.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Traum in der Nacht vom 1. zum 2.Januar 1997, W\u00fcrzburg. \u201eNotizen &amp; Skizzen, Band 3)<\/p>\n<p>Dieser Traum war wieder einer jener kristallklaren Tr\u00e4ume \u00fcber meine Lebens- und Arbeitssituation. Der Bauer bin ich, ich bewege mich auf zwei verschiedenen Arbeitsfeldern, auf dem eines gro\u00dffl\u00e4chigen sattgr\u00fcnen Rasens, auf dem ich pfl\u00fcge und Furchen ziehe, und auf einem b\u00e4uerlichen Geh\u00f6ft, auf dem ich nach Schrott suche und verschiedene Materialien finde. Das gr\u00fcne, weite Feld, auf dem ich mit Pferd und Pflug ein akkurates Quadrat ziehe, steht f\u00fcr die Wissenschaft. Das Geh\u00f6ft, in dem der Schrott lagert, steht f\u00fcr mein k\u00fcnstlerisches Schaffen, f\u00fcr meine Objektkunst. Die Doppelspur deutet auf die zwei Bereiche hin, hier die Wissenschaft, dort die Schrott-Kunst. Ich, der Bauer, hinterlasse mit meinem Schaffen eine Doppelspur. Der Bauer beobachtet mich, ich beobachte den Bauern bei seiner Arbeit. Es dreht sich um eine verdoppelte Selbstbeobachtung. Wir beide finden keine passende Glasscheibe. Zur Durchsicht? Zur optischen Trennung der beiden Arbeitsgebiete? Dass der Bauer und ich identische Personen sind, wird durch die (drei) T\u00f6chter best\u00e4tigt, die er und ich haben. \u201eWir\u201c besuchen eine der T\u00f6chter, die auf dem Geh\u00f6ft lebt, in das wir, Inge Lu und ich, uns eingemietet haben. Inge Lu h\u00e4lt sich im Hintergrund auf. Ich m\u00f6chte gern, dass sie \u201edoch einmal auf diese wundersch\u00f6ne, akkurat gezogene Doppelspur auf der gr\u00fcnen Fl\u00e4che schaut.\u201c Mit anderen Worten: Ich s\u00e4he es gern, wenn sie (wenigstens optisch) Anteil n\u00e4hme an meiner Arbeit. (Inge Lu liest prinzipiell nicht meine wissenschaftlichen Schriften, auch nicht Ausschnitte daraus, weil sie f\u00fcrchtet, ihre kritische Lekt\u00fcre k\u00f6nnte Streit ausl\u00f6sen und dazu f\u00fchren, dass ich mit meiner Arbeit nicht vorw\u00e4rts komme. Sie nimmt an meiner wissenschaftlichen Arbeit nur am Rande teil).<\/p>\n<p>Ich feilte um die Jahreswende 1996\/97 an der Endfassung meines gro\u00dfen Publikationsprojektes \u00fcber \u201eMultikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika\u201c, das im Sommer 1997 erschien. Ich hatte bis zur Jahreswende bereits weit \u00fcber tausend Arbeitsstunden in dieses Lehrwerk investiert. Im Traum war ich dabei, das auf der weiten gr\u00fcnen Fl\u00e4che fein s\u00e4uberlich ausgeschnittene Quadrat an seinen Ecken abzurunden. Ich betrachtete dieses Werk zugleich als eine Art \u201eobjet vivant\u201c, als Objektkunst in der vom Menschen, von mir geformten Natur. Der Bauer geht wieder unbeirrt seiner Arbeit nach und zieht eine zweite Doppelspur. Ich hielt die Bildwelt dieses Traumes als visuelle Erinnerung fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Im Glashaus am Fluss der Zeit<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch hatte in der letzten Zeit drei Fluss-Tr\u00e4ume, einen vom 15. zum 16.12.1996, einen vom 17. zum 18.12.1996 und einen dritten kurz danach. Den letzten habe ich nicht aufgeschrieben. Die ersten beiden waren sehr klare, einpr\u00e4gsame Tr\u00e4ume mit Flusslandschaften. Im ersten Traum befand ich mich mitten im \u201eZeitstrom\u201c in einem Glashaus, das auf einem gro\u00dfen, rundbuckeligen, vom Wasser rund geschliffenen Felsen stand. Der rei\u00dfende Strom glitt mit seinen kr\u00e4ftigen Wellen am Glashaus vorbei. Ich betrachtete aus dem Glashaus die Flusslandschaft und verfolgte den Strom in die Richtung, aus der er kam. Trotze ich in meinem Glashaus auf dem Granitfelsen dem Zeitstrom?<\/em><\/p>\n<p><em>Im zweiten Flusstraum vom 17. zum 18.12.1996 fliege ich in einem Hei\u00dfluftballon \u00fcber die Flusslandschaft. Ich halte genau \u00fcber dem Fluss Kurs in Richtung des Flusslaufes. Bedeutsam ist, dass ich mich in der Luft \u00fcber dem Fluss befinde, der Fluss mir aber die Richtung weist, in die ich den Ballon steuern will\/muss. (dazu Einf\u00e4lle in Stichworten: im Fluss der Zeit; Zeitstrom; die Zeit flie\u00dft dahin; River of no return [song]; die Zeit l\u00e4uft ab; der Strom des Lebens). Ich denke beide Flusstr\u00e4ume verbildlichen innere Gegebenheiten, innere \u201eBeobachtungen\u201c meiner Lebenssituation im Fluss der Zeit. In meinem Ged\u00e4chtnis sind offenbar kulturelle Metaphern gespeichert.<\/em><\/p>\n<p><em>Traum 1 und 2 sind zwei Modalit\u00e4ten: \u201eim Fluss der Zeit\u201c oder \u00fcber dem Fluss der Zeit sich zu befinden. Im ersteren beobachte ich von sicherer Warte aus (Granitblock, Glashaus) den rei\u00dfenden Zeitstrom, wie er an mir vorbeirauscht. Der Zeitstrom kommt aus der Zukunft. Vielleicht bin ich beides zugleich, Granitblock und Glashaus. Ich versuche mich im Zeitstrom zu halten, nicht weggerissen zu werden. Im zweiten Traum folge ich dem breiten Zeitstrom unter mir, aber ich habe oben in der Luft in der Gondel des Ballons mein eigenes Tempo. Der von mir gesteuerte Ballon (mein Leben?) gleitet \u00fcber dem Zeitstrom, aber richtungsgleich. M\u00f6glicherweise stand der Traum im Kontext mit dem Jahresende 1996 und dem Jahreswechsel. Ich erlebe Zeit sehr intensiv\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Traum vom 06.01.1997, Niederschrift vom gleichen Tag, Notizen &amp; Skizzen, Band 3, 06.01.1997)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Supernova im Sternbild der Kassiopeia, sp\u00e4te Einsicht und Resignation<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn den fr\u00fchen Morgenstunden wieder von einer gro\u00dfen, weiten Landschaft getr\u00e4umt, von einer Landschaft am Meer. Gebirgsausl\u00e4ufer streben zum Wasser hin. Die Landschaft zeigt einen \u00fcppigen gr\u00fcnen Bewuchs. Pfade ziehen sich \u00fcber die nahen H\u00fcgel hin, D\u00f6rfer lehnen sich an die H\u00e4nge. Doch die homerische Landschaft tr\u00fcgt. Ich beobachte ein kolossales kosmisches Geschehen. Die Sonne steht hoch am Himmel (\u2026) Sie ist fahl, als w\u00fcrde sie ein d\u00fcnner atmosph\u00e4rischer Dunstschleier so verdecken, dass meine Augen in die Sonne schauen k\u00f6nnen. Ich sehe, wie zahlreiche Protuberanzen rings um den Sonnenball aus dem Innern des Gestirns schie\u00dfen. Es sind sehr heftige Eruptionen, so gewaltig, wie sie die Menschheit vielleicht noch nicht erlebt hat. Ich erkenne die Gefahr, die von den Gaseruptionen ausgeht. Wer vor der Strahlung keinen Schutz findet oder keinen Schutzanzug anlegen kann, dessen Leben ist gef\u00e4hrdet. Die Strahlung ist t\u00f6dlich<\/em>(<em>s<\/em>iehe Blog-Kapitel 33).<\/p>\n<p><em>Ich scheine mich auf einer Wanderung zu befinden. Ich bin unterwegs. Vor mir liegt die weite h\u00fcgelige Landschaft. Weit drau\u00dfen liegt ruhig das Meer. Der Meeresspiegel ist heller als der fahle Himmel. Eigenartig spiegelt sich die Sonne nicht darin. Ich sehe mich mit einem Mal in einer Ortschaft unter Menschen. Sie scheinen mir bekannt zu sein, wenigstens einige von ihnen. Auch sie haben die Gefahr erkannt und schon Schutz gesucht. Ein Mann \u00e4u\u00dfert sich besorgt dar\u00fcber, dass ich noch keinen Schutzanzug trage. Er zieht aus einem Haufen von S\u00e4cken und Packpapieren gro\u00dfe Cellophan-S\u00e4cke heraus und reicht sie mir. Ich solle mich wenigstens notd\u00fcrftig gegen die Strahlung sch\u00fctzen. Ich schl\u00fcpfe in die glasklaren, durchsichtigen S\u00e4cke, die nicht ausreichen, um meinen ganzen K\u00f6rper zu bedecken.<\/em><\/p>\n<p><em>Dann sehe ich mich im Traum weiterwandern. Ich gehe durch die Ortschaft, in der ich gerade Halt gemacht hatte, um mich zu sch\u00fctzen. \u00dcber schmale Pfade f\u00fchrt mich mein Weg hinaus in die weite Landschaft. Ich begegne Menschen. Die Traumdetails werden vage. Ich erinnere mich nicht mehr an das, was weiter geschah.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 41, Passau, 06.12.2008)<\/p>\n<p>Meine Deutung am n\u00e4chsten Morgen:<\/p>\n<p><em>\u201eSpontan f\u00e4llt mir zu diesem Traum ein, dass mich vorgestern der Bericht in der S\u00fcddeutschen Zeitung \u00fcber Tycho Brahes Entdeckung einer Supernova extrem fasziniert hat. Tycho Brahe hatte am 11. November 1572 am Nachthimmel im Sternbild der Kassiopeia eine Sternenexplosion beobachtet. Mit seiner Entdeckung ersch\u00fctterte Brahe das aristotelische Weltbild, wonach der Fixsternhimmel unver\u00e4nderlich sei. Fasziniert hat mich auch, dass Astronomen jetzt das von interstellaren Staubwolken reflektierte Echo des urspr\u00fcnglichen Lichtblitzes gemessen und ausgewertet haben. Wahrscheinlich habe ich den Bericht auf die Gegenwart \u00fcbertragen und im Traum beobachtet, wie die Sonne sich zu einer Supernova entwickelt. In meinem Traum hat unser Zentralgestirn begonnen, sich mit gewaltigen Gasexplosionen auszudehnen. Ich habe ein kosmisches Schauspiel erlebt. Dahinter steckt kein mystisches Geheimnis, keine &gt;Offenbarung&lt;. Es dreht sich um eine der inneren Erregungen, die ich empfinde, wenn Wissenschaftler gro\u00dfartige Entdeckungen machen und unser Weltbild ver\u00e4ndern. Meine eigenen wissenschaftlichen Leistungen und &gt;Entdeckungen&lt; nehmen sich dagegen \u00e4u\u00dferst bescheiden aus. Dar\u00fcber bin ich manchmal ungl\u00fccklich.<\/em><\/p>\n<p><em>Seit meiner Pensionierung [im Jahre 2000] habe ich \u00fcber 4666 Arbeitsstunden [bis 2011 sollten es weit mehr als 10.000 werden] mit dem Schaffen und den Schicksalen kleiner Leute befasst. Ich habe mich in Passau in das \u00f6rtliche Kunsttreiben eingemischt. Es sind keine gro\u00dfen Fragestellungen gewesen, f\u00fcr die ich meine Arbeitskraft eingesetzt habe. <strong>Die gro\u00dfen Theorien der kulturellen Evolution des Menschen <\/strong>[in der Niederschrift unterstrichen], die ich vor 2000 begonnen hatte anzugehen, habe ich leider nicht weiterverfolgt. Jetzt ist es zu sp\u00e4t daf\u00fcr. Es tut mir innerlich weh, diesem Projekt trauere ich nach. Darauf h\u00e4tte ich meine ganze Arbeitskraft konzentrieren sollen. Von der so genannten CSU- und Bayernforschung Abstand genommen zu haben, finde ich dagegen eine richtige Entscheidung. Die CSU ist kein wirklich gro\u00dfes Thema! Zeitgeschichtsschreibung hinkt immer hinter aktuellen Ereignissen hinterher. <strong>Ein gewichtiges Bauelement einer gro\u00dfen Theorie der kulturellen Evolution <\/strong>[in der Niederschrift unterstrichen] zu konstruieren, w\u00e4re eine lohnende Aufgabe gewesen. Diesen Weg nicht beschritten zu haben, macht mich traurig.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Notizen &amp; Skizzen, Band 41, Passau, 07.12.2008)<\/p>\n<p>Diese Selbsteinsch\u00e4tzung und dieses Eingest\u00e4ndnis haben den Grundton und das Lei<strong>d<\/strong>motiv (!) der verbliebenen Lebensjahre bestimmt, obschon mein wissenschaftlicher Arbeitsertrag nach anderen Ma\u00dfst\u00e4ben als eine respektable Leistung angesehen werden kann. Einmal hatte ich sogar getr\u00e4umt, einer der Gro\u00dfen der Soziologie, Max Weber, habe mir pers\u00f6nlich den Stab weitergereicht (Notizen &amp; Skizzen, Band 5, 19.09.1997). Ich hatte 1994 eine ausgefeilte \u201eEinf\u00fchrung in die &gt;Verstehende Soziologie&lt; Max Webers. Max Weber verstehen lernen\u201c f\u00fcr Lehrzwecke publiziert (Passauer Papiere zur Sozialwissenschaft- PaPaS, Heft 4).Leider wurden solche didaktisch angelegten Ausarbeitungen der \u201eGrauen Literatur\u201c in der Fachwissenschaft nicht angemessen honoriert.<\/p>\n<p>Mit dieser Selbsteinsch\u00e4tzung und diesem Eingest\u00e4ndnis komme ich schlie\u00dflich bei den letzten Kapiteln meines Blogs an. Ich nehme \u201eAbschied von der B\u00fchne des Daseins\u201c und ziehe Bilanz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch das Reich der Tr\u00e4ume zur Wirklichkeit \u201eWer wagt, durch das Reich der Tr\u00e4ume zu schreiten, gelangt zur Wirklichkeit\u201c (E.T.A. Hoffmann, Die Bergwerke zu Falun). &nbsp; Meinen Tr\u00e4umen in eigenes Blog-Kapitel einzur\u00e4umen und sehr pers\u00f6nliche Tr\u00e4ume zu ver\u00f6ffentlichen, wird vermutlich Kritik hervorrufen. 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