{"id":385,"date":"2017-12-07T20:33:26","date_gmt":"2017-12-07T19:33:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=385"},"modified":"2018-01-23T19:26:43","modified_gmt":"2018-01-23T18:26:43","slug":"wahre-geschichten-des-traeumenden-gehirns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/12\/07\/wahre-geschichten-des-traeumenden-gehirns\/","title":{"rendered":"51. Wahre Geschichten des tr\u00e4umenden Gehirns"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Traumerlebnisse<\/strong><\/p>\n<p><em>Ich, ein noch jugendlicher Mann, besuchte meine Schwiegereltern, Lulu und Georges Schaltenbrand. Beide wohnten in einer kleinen Wohnung in einer Gro\u00dfstadt. War es in Hannover? Oder in Berlin? Wir sa\u00dfen zusammen in ihrem Schlafzimmer, das mit ein paar St\u00fchlen wohnlich eingerichtet war. Ich hatte eine Doktorarbeit mitgebracht und daraus vorgelesen. Lulu verwickelte mich, wie sie das oft tat, in ein Gespr\u00e4ch. Sie wollte h\u00f6ren, wie ich die Arbeit beurteile. <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWas h\u00e4ltst du davon?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Ich weiche aus und antworte nicht direkt.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eEs handelt sich um ein biografisches Werk, in dem der Werdegang und die wissenschaftliche Leistung eines mir gut bekannten Kollegen abgehandelt werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Lulu: \u201eIst die Dissertation interessant?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber unserem Gespr\u00e4ch wird es sp\u00e4t am Abend. Mein Schwiegervater will zu Bett gehen und beginnt sich auszuziehen. Bevor ich gehe, frage ich ihn, ob er noch Doktorarbeiten annehme und betreue. Der alte Emeritus, eine weithin bekannte Koryph\u00e4e seines Faches, l\u00e4chelt m\u00fcde und gibt zu verstehen, dass er damit aufgeh\u00f6rt habe. Ich entschuldige mich, so lange geblieben zu sein, packe die Dissertation und einiges andere in meinen Tragebeutel, verschlie\u00dfe sorgf\u00e4ltig den Sack, h\u00e4nge ihn mit einem Gurt \u00fcber meine Schulter, verabschiede mich und gehe aus dem Raum. Durch einen engen Vorraum verlasse ich etwa um 23 Uhr die Wohnung.<\/em><\/p>\n<p><em>Drau\u00dfen ist es dunkel. Die Stra\u00dfenlampen werfen im Au\u00dfenbezirk der Gro\u00dfstadt einen fahlen Lichtstrahl auf Stra\u00dfen und Wege. Ich gelange im Universit\u00e4tsviertel zu einer schummerigen Studentenkneipe, in der ein paar Studenten sitzen, und nehme an einem Tisch Platz. Ich spreche am Tisch einen Studenten an:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch habe die Orientierung verloren. Ich wei\u00df nicht, in welcher Stadt und wo genau in der Stadt ich mich befinde. K\u00f6nnen Sie mir Auskunft geben?\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Der angesprochene Student sieht mich zweifelnd an und antwortet:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eSie haben die Orientierung verloren? Das glaube ich Ihnen nicht!\u00a0 Sie sehen so fit und pr\u00e4sent aus, Sie wissen doch genau, was Sie tun und wo Sie sind. Ich nehme Ihnen nicht ab, orientierungslos zu sein.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Und er argw\u00f6hnt: \u201cSie machen doch ein philosophisches Experiment!? Da mache ich nicht mit.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Er l\u00e4sst sich auf meine Bitte nicht ein, mir zu helfen und Ausk\u00fcnfte zu geben. Er wolle nicht mein Proband sein. Auch Studenten an Nebentischen winken ab. Daraufhin stehe ich auf und gehe im Lokal zu einem Zigarettenautomaten. Mit meinem letzten Kleingeld ziehe ich eine Packung Zigaretten aus dem Automaten und verlasse, auf diese Weise mittellos geworden, das Lokal. Suchend laufe ich in den n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen umher, immer mit der Frage im Kopf, wo befinde ich mich und welche Richtung muss ich einschlagen, um mein Ziel zu erreichen? Welches?<\/em><\/p>\n<p><em>Nach einer Weile betrete ich das Werksgel\u00e4nde einer Firma. Im B\u00fcroraum sitzt ein \u00e4lterer, wei\u00dfhaariger Herr in blauer Monteurkleidung. Er tr\u00e4gt einen Dreitagebart und betrachtet mich neugierig. Ich bitte ihn, wie vorher den Studenten, mir zu sagen, wo ich mich bef\u00e4nde, in welcher Stadt und wo genau in der Stadt. Ich h\u00e4tte die Orientierung verloren, br\u00e4uchte dringend Hilfe. Auch er will mir keine Auskunft geben. Auch er scheint mir nicht zu glauben, dass ich nicht w\u00fcsste, wo ich mich bef\u00e4nde. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich wandere weiter durch die Stadt, irre in Stra\u00dfen umher und suche nach Ortsangaben, die mich aufkl\u00e4ren k\u00f6nnten, in welcher Richtung ich wohin gelangen k\u00f6nnte. Stra\u00dfen und Gassen sind in ein graues D\u00e4mmerlicht getaucht. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Morgen bricht an. Ich sto\u00dfe auf einen kleinen Platz, auf dem eine Reihe Verkaufsst\u00e4nde f\u00fcr Haushaltswaren auf den Tag warten. Noch ist niemand unterwegs. Auf dem Platz heben sich am Boden mehrere flache rechteckige Objekte hell vom Pflaster ab. Sie bilden insgesamt ein kleines Quadrat, das etwa den Umfang eines normalen Kopfkissens hat. Eine Frau l\u00e4uft \u00fcber den Platz, sie kommt auf mich zu und legt sich bei den Objekten nieder, die sie als Kopfst\u00fctzen benutzt. Ich sage ihr, das seien meine Objekte, sie solle vorsichtig mit ihnen umgehen. Gestalt und Aussehen der Frau bleiben vage, sie ist einfach gekleidet. Auch sie will oder kann auf meine Frage, wo ich sei, anscheinend keine Antwort geben. Ich gehe weiter.<\/em><\/p>\n<p><em>Den Gedanken, mit der U-Bahn oder S-Bahn zu fahren, lasse ich wieder fallen. Ich hatte mein restliches Geld f\u00fcr eine sch\u00e4dliche Ware ausgegeben und war hierdurch v\u00f6llig mittellos geworden. Mir fehlt das Geld f\u00fcr ein Ticket, also die M\u00f6glichkeit, schnell irgendwohin zu kommen. In meiner Orientierungs- und Ratlosigkeit f\u00e4llt mir ein, eine Polizeistation aufzusuchen, um den wachhabenden Polizisten meine Lage zu schildern und um Fahrgeld zu bitten. Die m\u00fcssten mir doch von Amts wegen helfen. Sie seien zur Auskunft und Hilfe verpflichtet. Irgendetwas bringt mich jedoch von dem Gedanken ab. Ich wandere weiter durch Stadtteile, in denen halbzerst\u00f6rte und bauf\u00e4llige H\u00e4userzeilen stehen, an alten, heruntergekommenen B\u00fcrgerh\u00e4usern vorbei, dazwischen stehen repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude. Doch bleibt weiterhin ungewiss, in welcher Stadt ich mich aufhalte und wohin ich mich wenden solle. Da ich kein Geld habe, bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als zu Fu\u00df weiter durch die Stra\u00dfen zu irren. <\/em><\/p>\n<p><em>Am Ende erreiche ich einen Punkt, von dem aus ich einen Panoramablick auf die Stadt werfen kann. Ich sehe \u00fcber ein H\u00e4usermeer hinweg und entdecke in der Ferne ein hohes Geb\u00e4ude, das \u00e4hnlich wie der Berliner \u201eEuropa-Center\u201c \u00fcber den D\u00e4chern herausragt. Ich habe einen Orientierungspunkt gefunden, der mir die Richtung zeigt, in die ich gehen soll. Ich muss sie um 180 Grad \u00e4ndern und auf das Center zulaufen. Da f\u00e4llt mir ein, dass dort in der N\u00e4he die Kufsteinerstra\u00dfe liegt, in der das befreundete Arztehepaar Antje und Friedrich W. wohnt. Sie werden mir sicher f\u00fcr die R\u00fcckreise Geld leihen und die Gelegenheit f\u00fcr ein Telefongespr\u00e4ch mit Inge Lu bieten. Ich werde Inge Lu beruhigen und ihr sagen, dass ich nach Hause fahren kann. In dem Moment habe ich meine volle Orientierung und Zielgewissheit zur\u00fcckgewonnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Deutungen und Wahrheitsgehalte<\/strong><\/p>\n<p>Diese Erlebnisse tr\u00e4umte ich in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 2018, also einen Tag, nachdem ich mein 50. Blog-Kapitel endg\u00fcltig abgeschlossen hatte. Ich schrieb den Traum vor dem Fr\u00fchst\u00fcck sofort nieder, um den Ablauf und m\u00f6glichst viele Details festhalten zu k\u00f6nnen. Es war einer der luziden Tr\u00e4ume, die auf einer anderen, einer zweiten Bewusstseinsebene bildhafte Aufschl\u00fcsse vermitteln und so Antworten auf existenzielle Fragen geben. Im Traum trete ich an f\u00fcnf verschiedenen (Stand-) Orten mit verschiedene Personen in einen Dialog: Mit meinen Schwiegereltern in deren Schlafzimmer, in der Studentenkneipe mit einem Studenten, auf einem Werksgel\u00e4nde mit einem Monteur, auf einem kleinen Platz mit einer einfachen Frau\u00a0 und schlie\u00dflich in spe \u2013 im Sinne einer zu erwartenden Hilfe \u2013 mit dem befreundeten Arztehepaar W. Ich sehe und erlebe mich als eine orientierungslose Person, dabei bleibt allerdings ungewiss, ob es sich um eine von mir nur vorgegebene oder eine tats\u00e4chliche Orientierungs- und Hilflosigkeit handelt. Die drei Personen, die ich um Auskunft bitte, um dahin zu kommen, wohin ich wolle oder m\u00fcsse, trauen meiner Aussage nicht, ich sei orientierungs- und hilflos. Ich hinterlasse bei ihnen jedenfalls einen gegenteiligen Eindruck. Auch \u201eOrdnungsh\u00fcter\u201c, Polizisten, kommen in Betracht, sie werden aber von mir als potenzielle Helfer nicht in Anspruch genommen.<\/p>\n<p>Einen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Erschlie\u00dfung der Traumbotschaft geben die Anfangs- und Ausgangssituation im Traum, mein Besuch bei den Schwiegereltern und das Gespr\u00e4ch in deren Schlafzimmer. Ich halte eine Dissertation in den H\u00e4nden, welche \u201edie Biografie eines mir gut bekannten Wissenschaftlers\u201c zum Gegenstand hat. Ich nehme an, ich selbst bin es, \u00fcber den gesprochen wird. Ich lenke das Gespr\u00e4ch auf meinen autobiografischen Blog. Meine l\u00e4ngst verstorbene Schwiegermutter (gestorben 1999) fragt mich, ob die Dissertation, also mein Blog, interessant sei. Vom Traum synchronisierter Genrationswechsel. Jetzt bin ich ein alter Emeritus, der keine Doktorarbeiten mehr betreut und sich zur Ruhe legen will. Mein Schwiegervater starb schon 1979 im Alter von fast 82 Jahren. Im Gespr\u00e4ch habe ich die Toten ins Leben zur\u00fcckgerufen, f\u00fcr einen Augenblick vergegenw\u00e4rtigt und sie mit meinem Blog bekannt gemacht. Ich habe vor ihren Augen darin gebl\u00e4ttert und auf einer der ersten Seiten, so meine ich mich vage erinnern zu k\u00f6nnen, mein Geburtsdatum gelesen, den 18. April 1935. Kurz vor Mitternacht habe ich meinen Blog und andere Sachen in einen Tragebeutel gepackt und die Wohnung verlassen. Ich bin in die Nacht hinausgegangen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen, in der n\u00e4chtlichen Stadt, finde ich mich nicht zurecht. Es geht um eine genaue Orts- und Wegbestimmung. Keine der Personen, die ich um Auskunft und Hilfe bitte, kann oder will dies tun. Nachdem der Student meine Bitte entschieden abgelehnt hat, weil er dahinter ein philosophisches Experiment vermutet, ziehe ich aus einem Zigarettenautomaten ein Droge, Tabak. Ein R\u00fcckfall! (Ich habe schon 1966 endg\u00fcltig zu rauchen aufgeh\u00f6rt!)\u00a0\u00a0 Sicher scheint nur eines zu sein: Ich bin in einer Universit\u00e4tsstadt. Auf dem Werksgel\u00e4nde, das ich betrete, scheinen Metallwaren produziert zu werden. Am n\u00e4chsten Ort, auf dem kleinen Platz, liegen meine Objekte. Sie sind aus Stein. Auf ihnen l\u00e4sst sich schwerlich ausruhen. Sie eignen sich nicht als Kopfkissen, gen\u00fcgen aber offensichtlich der Frau als Kopfst\u00fctze. Wer ist sie? Tritt sie im Sinne von C.G.Jung (1875-1961) als ein unbewusster Komplex meines Ich-Bewusstseins auf, als Anima? Repr\u00e4sentiert sie meine Objektkunst? Ich wandere weiter durch die Stadt.<\/p>\n<p>Der Morgen zieht auf, der Tag bricht an. Ich gelange zu einem (erh\u00f6hten) Standort, von dem aus ein weiter Panoramablick eine Orts- und Wegbestimmung erm\u00f6glicht. \u201eMir d\u00e4mmert\u201c: Das Europa-Center steht in Berlin. Von der Peripherie her gelange ich ins Zentrum. Europa ist meine geistige und psychisch-mentale Mitte.<\/p>\n<p>Die Botschaft meines Traumes lautet etwa:\u00a0 Keiner kann oder will dir sagen (\u201evorschreiben\u201c), wo du dich existenziell befindest. Du musst selber den Standort finden, von dem aus du einen \u00dcberblick (\u00fcber das Gro\u00dfe und Ganze) gewinnst. Dann wird dir auch geholfen werden. Wahrscheinlich sind alle Personen ein Teil von mir und an meiner Selbstfindung beteiligt. Es sind Begegnungen mit meiner innerlichen Wirklichkeit. Das tr\u00e4umende Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das mit einer frappierenden Logik sowie mit Bildern und Bildsequenzen unsere Befindlichkeiten vorf\u00fchrt und Wege weist. Es erz\u00e4hlt uns so viel \u00fcber unsere \u00c4ngste, Hoffnungen, W\u00fcnsche, F\u00e4higkeiten, Unf\u00e4higkeiten und Beziehungen. Das tr\u00e4umende Gehirn nimmt in meinem Blog einen festen Platz ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traumerlebnisse Ich, ein noch jugendlicher Mann, besuchte meine Schwiegereltern, Lulu und Georges Schaltenbrand. Beide wohnten in einer kleinen Wohnung in einer Gro\u00dfstadt. War es in Hannover? Oder in Berlin? Wir sa\u00dfen zusammen in ihrem Schlafzimmer, das mit ein paar St\u00fchlen wohnlich eingerichtet war. Ich hatte eine Doktorarbeit mitgebracht und daraus vorgelesen. 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