{"id":387,"date":"2017-12-07T20:34:03","date_gmt":"2017-12-07T19:34:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=387"},"modified":"2019-09-02T03:21:51","modified_gmt":"2019-09-02T01:21:51","slug":"52-danksagungen-und-entschuldigungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2017\/12\/07\/52-danksagungen-und-entschuldigungen\/","title":{"rendered":"52. Begegnungen mit dem Tod"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist an der Zeit\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich bald sterben werde. Die Lebenskr\u00e4fte werden schw\u00e4cher, der K\u00f6rper zeigt die markanten Alterserscheinungen auf, ich brauche sie nicht aufzuz\u00e4hlen, jeder kennt sie. Doch bin ich im 83. Lebensjahr noch im Besitz meiner kognitiven F\u00e4higkeiten oder mentalen Vigilanz, wie es meine \u00c4rzte ausdr\u00fccken und best\u00e4tigen. Dar\u00fcber bin ich froh. Ich k\u00f6nnte sonst nicht meinen Blog verfassen, was ja ein gutes Ma\u00df an geistiger Pr\u00e4senz und Erinnerungsverm\u00f6gen voraussetzt. Es ist, was das Sterben und den Tod betrifft, an der Zeit, meine Gedanken, Einstellungen und \u00dcberzeugungen dazu noch einmal zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der oberfr\u00e4nkischen Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel, der ich entstamme, hatten sich alle im Dienste des evangelischen Glaubens und des Christentums gesehen. Ein gottgef\u00e4lliges Leben zu f\u00fchren war f\u00fcr sie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. \u201eRecht glauben, christlich leben, selig sterben\u201c, wie die religi\u00f6s-konfessionelle Formel im \u201etheologischen Zeitalter\u201c gelautet hatte, war f\u00fcr sie bis ins 19. Jahrhundert hinein eine zutiefst verinnerlichte Lebensmaxime gewesen. Sie war von Generation zu Generation weitergegeben worden. \u201cSelig sterben\u201c war damals eine stehende, jedem vertraute Wendung gewesen. Der Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei, Johann Albrecht Mintzel (1600\u20131653), hat 1628 die \u201eG\u00fcldene Sterbekunst\u201c des geistlichen Barockdichters Johann Heermann gedruckt: \u201eHertzlich thut mich verlangen nach einem seligen Ende\u201c. F\u00fcr seine Drucker-Marke hat er den Spruch \u201eEcce Agnus Dei Qui Tollit Peccata Mundi\u201c gew\u00e4hlt (Siehe das Lamm Gottes, welches die S\u00fcnden der Welt tr\u00e4gt). Sein Sohn, Gottfried Mintzel (1642\u20131713), hat 1710 Johann Heermanns \u201eExercitium Pietatis\u201c gedruckt und verlegt. Gottfried hat in seinem Druckersigel bekannt: \u201eJesum Fidelem Habeo\u201c (sinngem\u00e4\u00df: Ich habe den treuen Christus in meinem Herzen). Mein Urgro\u00dfvater Christian Carl Mintzel (1832\u20131911), der Sohn des letzten Druckers (Johann Heinrich Mintzel, 1763\u20131840) war ein sehr gestrenger evangelischer Pfarrherr gewesen, der seine Gemeinde, wie er gesagt hatte, gen Jerusalem f\u00fchren wollte. Diese religi\u00f6s-konfessionelle Gebundenheit, Gewissheit und gepflegte \u201eArs morandi\u201c, die \u201eg\u00fcldene Sterbekunst\u201c, haben sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Familie allm\u00e4hlich verfl\u00fcchtigt. Geblieben ist ein unverbindlicher, individualisierter Kulturprotestantismus, und nicht einmal dieser.<\/p>\n<p><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-936 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001-700x1258.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1258\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001-700x1258.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001-167x300.jpg 167w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001-768x1380.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001-800x1437.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_001.jpg 1317w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nG\u00fcldene Sterbekunst, 1628, Titelseite<\/em><\/p>\n<p><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-937 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002-700x1219.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1219\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002-700x1219.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002-172x300.jpg 172w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002-768x1337.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002-800x1393.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_002.jpg 1214w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nDrucker-Marke von Johann Albrecht Mintzel, 1628<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-938 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003-700x1261.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1261\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003-700x1261.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003-166x300.jpg 166w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003-768x1384.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003-800x1442.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_003.jpg 1171w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nExercitium Pietatis, 1710<\/em><\/p>\n<p><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-939 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004-700x856.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"856\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004-700x856.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004-245x300.jpg 245w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004-768x940.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004-800x979.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_004.jpg 1123w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nDrucker-Marke von Gottfried Mintzel, 1710<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Im 20. Jahrhundert waren in der n\u00e4chsten und weiteren Verwandtschaft die religi\u00f6s-konfessionellen Schranken weitgehend zu Gunsten einer multi-konfessionellen Koexistenz gefallen. Nominell etikettiert lebten r\u00f6misch-katholische Katholiken (einige traten aus ihrer Kirche aus), evangelisch-lutherische Protestanten, reformierte Protestanten, russisch-orthodoxe Christen und eine zunehmende Zahl von Atheisten nebeneinander her. Der allgemeine S\u00e4kularisierungsprozess fand auch im famili\u00e4ren Rahmen statt. Dies traf wohl noch st\u00e4rker auf die konfessionslose Herkunftsfamilie und Verwandtschaft meiner Frau zu, in der nicht einmal mehr der Typus des indifferenten Anpassungschristen vorkommt. Anders betrachtet: Jede konfessionelle Dogmen-Spielart war verp\u00f6nt. Mein hypothetischer Atheismus wurde als eine m\u00f6gliche Weltsicht toleriert. Die Religionsfreiheit und Distanz zur institutionalisierten Religiosit\u00e4t geh\u00f6ren seit Jahrzehnten in der Familie und Verwandtschaft zur g\u00e4ngigen Praxis. Diese Atmosph\u00e4re religi\u00f6s-konfessioneller Gleichg\u00fcltigkeit und Indifferenz wirkte sich ohne Zweifel auf den individuellen Umgang mit Sterben und Tod aus. Vor diesem famili\u00e4ren Hintergrund gewinnen meine Begegnungen mit dem Tod ein spezifisches, individuelles Kolorit.<\/p>\n<p>Mehrmals habe ich schon \u00fcber meine Begegnungen mit dem Tod berichtet (Blog-Kapitel 10, 19, 36, 37, 40). \u201eOn the sunny side of the street\u201c (Blog-Kapitel 48) habe ich den Schattenmann beobachtet, wie er in vielen Winkeln gestanden und in verschiedenen Erscheinungsformen auf seinen Auftritt gewartet hat. Kein Lebewesen entrinnt ihm. Ich selbst bin ihm mindestens einmal knapp entkommen, als ich 1958 auf einer Fahrt nach S\u00fcdfrankreich bei Cassis zu weit ins Mittelmeer hinausgeschwommen und von einem Sog erfasst worden bin. Der Hannoveraner K\u00fcnstler Eberhard WP Eggers (1939\u20132004), mit dem ich befreundet war, ein kr\u00e4ftiger und ge\u00fcbter Schwimmer, hatte am Strand die Gefahr rechtzeitig erkannt und mir geholfen, mit letzter Kraft gegen den Sog ans Land zur\u00fcck zu gelangen. Ich h\u00e4tte meinen Leichtsinn beinahe mit dem Leben bezahlt.<\/p>\n<p>Der Tod hat mich in Angsttr\u00e4umen verfolgt und \u00fcberw\u00e4ltigt. Ich habe in luziden Traumbildern mich sterben sehen und meinen Tod erlebt. Aus solchen Tr\u00e4umen ins wache Leben zur\u00fcckzukehren hinterl\u00e4sst eine Vorahnung, wie es sein k\u00f6nnte, niedergefahren in das Reich des Todes und Auferstehung.<\/p>\n<p>Seit Alters haben Menschen \u00fcber Sterben und Tod nachgedacht, Totenkulte hervorgebracht, Unsterblichkeitsideen entwickelt und sich grandiose religi\u00f6se Weltanschauungen ausgedacht. Geburt, Sterben und Tod geh\u00f6ren, wie zahllose kulturelle Artefakte beweisen, zu den Ur-Themen der Menschheitsgeschichte. Das Panorama kultureller Manifestationen und Traditionen ist viel zu weit und vielf\u00e4ltig, als dass ich es hier skizzieren k\u00f6nnte. Ruft man im Wikipedia-Lexikon einschl\u00e4gige Stichw\u00f6rter auf, wird man von der Informationsflut schier weggerissen. Wikipedia registrierte f\u00fcr den Zeitraum von neunzig Tagen (08.11.2017\u201306.02.2018), um nur einige Beispiele anzuf\u00fchren, f\u00fcr das Stichwort \u201eTod\u201c insgesamt 38 650 Seitenaufrufe, f\u00fcr das Stichwort \u201eLeben nach dem Tod\u201c 21 017, f\u00fcr \u201eUnsterblichkeit\u201c 9 086, f\u00fcr \u201eAdam und Eva\u201c 59 305, f\u00fcr \u201eDogma\u201c 36 564 und f\u00fcr \u201eGlaube\u201c 12 848 Aufrufe. Wie immer wir diese Zahlen interpretieren m\u00f6gen, sie bezeugen jedenfalls ein vergleichsweise hohes Interesse an diesen Themen und Fragestellungen. Selbst wenn wir die uferlosen Wiederholungen und aberwitzigen Beitr\u00e4ge unbeachtet lassen, haben wir es mit einer Informationsmasse zu tun, die sich schwerlich bew\u00e4ltigen l\u00e4sst. Was also k\u00f6nnte ich in meinem Blog-Kapitel Originelles und vielleicht sogar Ma\u00dfgebliches noch hinzuf\u00fcgen oder dem entgegensetzen?<\/p>\n<p>Es sind ja in der Regel nicht die Todesanzeigen und Nachrufe in Medien, die uns besonders ber\u00fchren oder gar ersch\u00fcttern, geschweige denn allgemeines R\u00e4sonieren \u00fcber Sterben und Tod, sondern die konkreten pers\u00f6nlichen Begegnungen mit Sterbenden und der endg\u00fcltige Abschied von Menschen, die uns nahegestanden haben.<\/p>\n<p><strong>\u201eTapfer sterben\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ihre Antwort ist mir bis zum heutigen Tag in Erinnerung geblieben. Tante Mariechen, wie wir sie nannten, war eine kleine, pummlige Person (Julie Maria Mintzel, 1866\u20131955). Sie war die Schw\u00e4gerin meines Gro\u00dfvaters Otmar Mintzel (1870\u20131950). 1944 hatte sie bei einem Luftangriff auf N\u00fcrnberg ihr ganzes Hab und Gut verloren. Sie war, als die Sirenen heulten, in den nahe gelegenen mittelalterlichen Neutor-Turm gefl\u00fcchtet, der zu einem Luftschutzbunker ausgebaut worden war. Als sie nach dem Angriff herauskam, lag das Haus am Neutorgraben, in dem sie gewohnt hatte, in Schutt und Asche. V\u00f6llig mittellos war sie im Alter von 78 Jahren zu meinem Vater gegangen, um in unserer N\u00fcrnberger Wohnung Unterschlupf zu finden. Meine Eltern erbarmten sich der alten Frau und boten ihr in unserer Familie eine Bleibe an. Tante Mariechen machte sich im Haushalt n\u00fctze. Sie flickte Kleider, stopfte unsere Socken und Str\u00fcmpfe, n\u00e4hte Kn\u00f6pfe an, s\u00e4umte Stoffe und half meiner Mutter, soweit es ihre Kr\u00e4fte zulie\u00dfen, auch sonst im Haushalt. Dies waren in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, in den Zeiten des Mangels und der Not, lebensnotwendige Handarbeiten. Ich erlebte die alte Frau als eine sehr gen\u00fcgsame und freundliche Person. Sie war froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, und f\u00fcgte sich anpassungsf\u00e4hig in unser Familienleben ein. Wir mochten sie alle gern. Sie wohnte bei uns bis zum Jahre 1955, bis zu ihrem Tod. Besonders wegen einer Antwort behielt ich sie tief im Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>In den ersten Nachkriegsjahren \u2013 es war wohl in der Zeit, in der ich konfirmiert wurde \u2013 besuchte uns eines Tages ein protestantischer Pfarrer. Er wollte mit Tante Mariechen, sie war eine N\u00fcrnberger Protestantin, ein seelsorgerisches Gespr\u00e4ch f\u00fchren. Nachdem der Pfarrer gegangen war, stellte ich ihr als Konfirmand, der gerade mit Glaubensfragen vertraut gemacht worden war, unverbl\u00fcmt und direkt die Frage, wie sie es mit der Kirche und mit dem Tod halte. Es stellte sich heraus, dass sie mit der Kirche nichts am Hut hatte. Sie antwortete auf meine etwas taktlose Frage ohne zu z\u00f6gern: \u201eIch will tapfer sterben. Ich brauche keinen Pfarrer. Ich mag keinen Pfarrer an meinem Grab.\u201c Ich staunte. So eine klare Willenserkl\u00e4rung hatte ich von der alten Frau nicht erwartet. Frauen, so glaubte man allgemein, seien eher treue Mitglieder ihrer Kirche und religi\u00f6ser eingestimmt als M\u00e4nner. Ihre lapidare Antwort, \u201etapfer sterben\u201c zu wollen, erschien mir wie ein in Stein gemei\u00dfelter Vorsatz und Protest zugleich gegen das Pastoren- und Sonntagschristentum. Sie starb im Alter von 89 Jahren an einem Gehirnschlag. Ob ihr Wille respektiert wurde, wei\u00df ich nicht. Ich hatte zu dieser Zeit mein Elternhaus bereits verlassen und habe auch an ihrer Beerdigung nicht teilgenommen. Sp\u00e4ter h\u00e4tte mich interessiert, was der Grund f\u00fcr ihre energische Abwehr kirchlichen Beistandes und religi\u00f6s-konfessioneller Rituale gewesen war.<\/p>\n<p>Chapeau Tante Mariechen! Ihre Antwort wurde sp\u00e4ter zu einer meiner Maximen.<\/p>\n<p>Dank Tante Mariechen? Das w\u00e4re eine Verniedlichung meiner Maxime. Noch zu ihren Lebzeiten war ich zweimal direkt mit Sterben und Tod konfrontiert worden, im Jahr 1950, als mein Gro\u00dfvater Mintzel starb, und 1954, als mein Bruder Hein sich das Leben nahm (Blog-Kapitel 10). In dieser Zeit war ich, obschon v\u00f6llig undogmatisch, noch religi\u00f6s empfindsam gewesen. Ich war noch von einem naiven Gottesglauben beseelt gewesen und hatte ernsthaft gefragt, ob es ein Leben nach dem Tod g\u00e4be. Ich hatte nachts geh\u00f6rt, wie mein verstorbener Gro\u00dfvater durch die G\u00e4nge der Wohnung schlurfte. Ich war sicher gewesen, dass er an meiner Zimmert\u00fcre vorbeiging. Mein Bruder Hein war mir viele Male in meinen Tr\u00e4umen erschienen. (Blog-Kapitel 10 und 50). Er war mir so greifbar nahegekommen, dass ich ihn f\u00fcr noch existent h\u00e4tte halten konnte (Blog-Kapitel 50). Numinoses F\u00fchlen und Denken hatten mich bis weit in die 1950er Jahre hinein manchmal schauern lassen. Mir hatte das wissenschaftliche Wissen gefehlt, die Erkenntnisse der Psychologie, der Gehirnforschung, der natur- und kulturwissenschaftlichen Anthropologie und anderer F\u00e4cher, um rationale Antworten auf numinose Anwandlungen und Fragestellungen geben zu k\u00f6nnen. Ich hatte mich quasi auf einer Zwischenstation zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Religion und S\u00e4kularismus bewegt. Das sollte sich erst mit meinem Universit\u00e4tsstudium \u00e4ndern. Wie meine geschilderten Begegnungen mit dem Tod bezeugen, ver\u00e4nderte sich mit den Jahren mein Verh\u00e4ltnis zum Geschehen um Sterben und Tod. Stoische Gelassenheit wurde zu einer Grundhaltung.<\/p>\n<p><strong>\u201eWas ich noch sagen wollte\u2026\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wie es so meine Art als Wissenschaftler und Chronist der Familie war, \u201eprotokollierte\u201c ich nach dem Ableben meiner Mutter ihre letzten Tage, ihre k\u00f6rperliche und geistige Verfassung, einzelne Vorg\u00e4nge wie letzte Besuche und Gespr\u00e4che, und insbesondere die Sterbestunden und den Eintritt des Todes. Im Folgenden handelt es sich um eine komprimierte Zusammenfassung meiner Aufzeichnungen.<\/p>\n<p>Meine Mutter, eine von Grund auf religi\u00f6s eingestimmte Frau, verlangte in den letzten Monaten und Wochen nicht nach einem geistlichen Beistand. Ihr Sterben ereignete sich au\u00dferhalb des kirchlich-religi\u00f6sen Raumes. Was immer sie gedacht, empfunden oder geglaubt haben mochte, sie hatte niemals ausdr\u00fccklich um ein christliches Begr\u00e4bnis gebeten. Jedoch nach christlich-traditioneller Art und evangelischem Ritus beigesetzt zu werden, war f\u00fcr sie selbstverst\u00e4ndlich. Und sie wollte, was sie wiederholt als einen festen Wunsch ge\u00e4u\u00dfert hatte, nicht einge\u00e4schert werden. Davor hatte sie eine untergr\u00fcndige Angst, die vermutlich aus dem \u00fcberkommenen leiblichen Auferstehungsglauben herr\u00fchrte. Von den protestantischen Kirchenliedern waren es zwei gewesen, die sie besonders mochte und an hohen kirchlichen Feiertagen mit religi\u00f6ser Innigkeit mitsang: \u201eWer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten\u201c und \u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c. Mein Bruder Kurt (1941\u20132016) hatte daf\u00fcr gesorgt, dass unsere Mutter kurz vor ihrem Tod in einem W\u00fcrzburger Pflegealtersheim einen Platz erhalten hatte. Sie lebte dort nur noch vierzehn Tage. Meine Mutter wusste, dass ihr Lebensende gekommen war, sie hatte sich damit abgefunden und wartete gefasst auf ihr Ende. Sie wollte sterben und verweigerte am Schluss die Nahrungsaufnahme. Am 5. M\u00e4rz 1994 endete ihr Leben.<\/p>\n<p>Inge Lu und ich hatten sie am Abend des Vortages ein letztes Mal besucht und mit ihr gesprochen. Wir hatten Fotografien mitgebracht von den Dingen, die sie so sehr geliebt hatte: Ihre alte Nussbaumkommode, ein Glasschr\u00e4nkchen mit Porzellan, eine antike Vitrine und andere Antiquit\u00e4ten. \u00dcber ihr Gesicht war der Anflug eines L\u00e4chelns geglitten. Mit einem wehm\u00fctigen Blick auf die Bilder hatte sie Abschied von ihren \u201ePreziosen\u201c genommen. \u201eDas waren sch\u00f6ne Sachen\u201c, hatte sie gefl\u00fcstert, und am Ende mit kaum mehr h\u00f6rbarer Stimme die Worte gehaucht: \u201eWas ich noch sagen wollte\u2026\u201c\u00a0 Der Satz brach ab, sie blickte uns unverwandt an und schwieg. Sie schien irgendwo den verlorenen Einfall zu suchen, richtete dann ihren Blick auf mich, er kam aus einer f\u00fcr mich nicht fassbaren Tiefe. Von weit her schien sie mich anzusehen, sie war anscheinend schon weit weg. Ich sah in ihrem Gesicht keine Anzeichen von Todesangst, nur Gefasstheit und Bereitschaft zum Sterben. Es war ihr wichtig gewesen, ihren Nachlass an sch\u00f6nen Dingen in guten H\u00e4nden zu wissen. Sie hatte darin offenbar eine kleine Garantie gesehen, in Erinnerung zu bleiben und in den Dingen fortzuleben. Als wir gingen, verabschiedete sie sich stumm mit einem verlorenen Blick, hob leicht ihren Arm und winkte uns einen Gru\u00df zu.<\/p>\n<p>Es sollte ihr letzter sein. Meine Mutter starb tags darauf am Abend des 5. M\u00e4rz.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-940 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005-700x1002.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1002\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005-700x1002.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005-768x1099.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005-800x1145.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/52_005.jpg 1386w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<em>K\u00e4the Mintzel, geb. P\u00f6ller, 1913\u20131994<\/em><\/p>\n<p>Als Inge Lu und ich benachrichtigt wurden, dass meine Mutter im Sterben liege, war es schon zu sp\u00e4t, sie noch einmal bei vollem Bewusstsein anzutreffen. Sie war bereits ins Koma gefallen. Das Pflegepersonal hatte, als die letzte Sterbephase eingesetzt hatte, auf einem Tisch eine Kerze angez\u00fcndet und ein Kreuz dazugelegt. Niemand von uns w\u00e4re allerdings auf die Idee gekommen, ein Gebet zu sprechen, jedenfalls kam aus keinem Munde eine Anregung dazu. Wir traten ans Bett und beobachteten den Fortgang des Sterbeprozesses. Die Augen, die bereits gebrochen waren, bewegten sich unruhig hin und her, als suchten sie nach einem letzten Blickkontakt. Die Pupillen schienen wie von einer Mattscheibe unterlegt zu sein. Sie sah uns nicht mehr. Das Pflegepersonal hatte das Ger\u00e4t, das ihr das Atmen erleichtern sollte, abgenommen. Meine Mutter atmete schwer und sto\u00dfweise, was allm\u00e4hlich schw\u00e4cher wurde. Ich setzte mich an ihr Bett und nahm ihre schon leblose Hand in meine H\u00e4nde, um sie zu beruhigen und ihr das Gef\u00fchl zu geben, dass wir bei ihr waren. Ich streichelte ihre Wangen, strich sanft \u00fcber ihre Stirn, k\u00fcsste sie und sprach mit ihr leise ein paar Worte. Es schien anfangs, als h\u00f6rte sie mich noch. Ein ungeheuer tiefer Ernst lag auf diesem Moment. Ich notierte: \u201eAm Sp\u00e4tnachmittag hatte auf der Westseite des Hauses der Raum im matten Licht gestanden. Kalendarischer Sonnenuntergang 18.09 Uhr. Drau\u00dfen ein winterblauer Abendhimmel, durchzogen von dunklen Wolkenstreifen. Der Strahl der untergehenden Sonne traf ins Innere des Raumes (\u2026). Im Gel\u00e4nde vor dem Zimmer standen B\u00fcsche und B\u00e4ume. Eine Meise flog zu einem Futterh\u00e4uschen. Im Raum der leiser werdende Atem der Sterbenden. Beklemmende Stille im Familienkreis. Unsere j\u00fcngste Tochter, Caroline, die an diesem Zeitpunkt acht Jahre alt war, stahl sich, \u00fcberw\u00e4ltigt von ihren Gef\u00fchlen, leise aus dem Zimmer. Abendhimmel, Sonnenuntergang, letztes Licht des Tages, ein verl\u00f6schendes Leben. Kaum war die Sonne hinter dem Horizont versunken, starb Mama ruhig und friedlich um 18.04 Uhr.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eDu warst tapfer, Mutter\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wir Geschwister waren tief beeindruckt, wie gefasst, klar und ergeben unsere Mutter ihrem Tod entgegengegangen war. Mein Bruder Kurt sagte zu ihr, als der Tod schon eingetreten war: \u201eDu warst tapfer, Mutter! Du hast Dich tapfer durchs Leben geschlagen.\u201c Und weinte. Unsere Mutter hatte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ein entbehrungsreiches Leben durchgestanden, mit \u00e4u\u00dferst knappen Mitteln auskommen, Dem\u00fctigungen ertragen und h\u00e4usliche \u00a0Gewalt aushalten m\u00fcssen. Die schlimmen Zeiten hatten an ihren Kr\u00e4ften gezehrt. Sie hatte im Haushalt unter engen Raumverh\u00e4ltnissen unseren Gro\u00dfvater und zwei alte Tanten mitversorgt. Erst seit den 1960er Jahren hatte sie in einer relativ entspannten Familiensituation zu sich kommen und bisher unterdr\u00fcckte Neigungen entfalten k\u00f6nnen. Mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen war sie in den 1970er Jahren bei ihren Besuchen in Berlin stundenlang im Bayerischen Viertel und in den Stra\u00dfen rund um den Kudamm in Antiquit\u00e4tenl\u00e4den auf Schn\u00e4ppchen-Jagd gegangen. Meiner Mutter war eigentlich eine Frohnatur mit in die Wiege gegeben worden, gesellige Lebensfreude und Verspieltheit. War sie bei sch\u00f6nem Wetter ausgegangen, hatte sie nach Art prominenter Filmdiven stets einen ihrer breitkrempigen H\u00fcte getragen. Sie hatte ihren Hut, wor\u00fcber ich mich ge\u00e4rgert hatte, auch im Kino nicht abgesetzt, so dass Personen in den Reihen hinter ihr die Sicht auf die Leinwand genommen war. Bei Regenwetter hatten ihr ein halbes Dutzend alter, pl\u00fcschiger Damenschirme an der T\u00fcr zur Auswahl gestanden. An Zimmerw\u00e4nden hatten goldgerahmte Modebilder gehangen, kolorierte Reproduktionen, die vergangenen Damenmoden zeigten. Ihre Lust am \u201eKost\u00fcmieren\u201c hatte sogar ihre Enkelinnen am\u00fcsiert. Besuchten wir Gro\u00dfmutter Mintzel, hatten sie Spa\u00df daran, in Omas \u201eRequisiten\u201c aufzutreten.<\/p>\n<p>Meine Mutter hatte gern Freunde und Bekannte um sich geschart und am Nachmittag die T\u00fcre f\u00fcr Besucher offengehalten. Sie hatte mit hellem Lachen und heiterem Plaudern ihre G\u00e4ste so manchen Kummer vergessen lassen. Diese relativ unbeschwerte Lebensphase war in den 1980er Jahren zu Ende gegangen. Sie war mit der Versorgung und Pflege meines Vaters \u00fcberfordert gewesen, der 1986 in einem Rotkreuzheim einsam gestorben war. Eine \u00e4u\u00dferst schmerzliche Arthritis und Altersgebrechen hatten sie selbst zu einem Pflegefall werden lassen.<\/p>\n<p>Meinem Bruder Kurt, der mit seiner Familie in der N\u00e4he gewohnt hatte, war die Rolle des Helfers und Pflegers zugefallen. Er hatte sich in r\u00fchrender Weise um unsere Mutter gek\u00fcmmert und seine Betreuung als selbstverst\u00e4ndliche Sohnespflicht w\u00f6rtlich so begr\u00fcndet: \u201eAls wir Babys waren, hat unsere Mutter unsere Popos abgewischt und die Windeln gewaschen. Jetzt, wo sie alt und hilflos ist, wische halt ich ihren Po ab.\u201c<\/p>\n<p>Kurt war der vom Leid gepr\u00fcfte Vater gewesen, dessen Sohn Christian zusammen mit seiner Frau und zwei kleinen T\u00f6chtern am 26. Dezember 2004 vom Tsunami in den Tod gerissen wurde (Blog-Kapitel 36 und 37). Seine j\u00fcngste Enkelin, Jule Mintzel (2001-2004), wurde bis heute nicht gefunden. Sterben und Tod als geophysikalisches Zufallsereignis! Sinnfragen dr\u00e4ngten sich auf. Kurt zerbrach seelisch an dem schauderhaften, sinnlosen Verlust. Er wollte, wie er sp\u00e4ter einmal sagte, zu seinen Kindern gehen, deren Urnen in N\u00fcrnberg auf dem Sankt Johannisfriedhof im Familiengrab Mintzel 2005 beigesetzt wurden.<\/p>\n<p>Ich war bei aller Trauer und Bedr\u00fccktheit froh, dass ich meiner Mutter in ihren Sterbestunden zur Seite stehen konnte. Ich war ihr erster und \u00e4ltester Sohn. Sie hatte mich liebevoll und geduldig aufgezogen, dabei hatte ich ihr viel Kummer bereitet. Sie hatte gro\u00dfe \u00c4ngste ausgestanden, als ich in den ersten Nachkriegsjahren zu einem notorischen Schulschw\u00e4nzer und Ausrei\u00dfer geworden war (Blog-Kapitel 6 und 9). Ich hatte ihr wiederholt \u00fcbel mitgespielt. Sp\u00e4ter, nachdem ich zu beruflichen Ehren gekommen war, hatte ich mir zu wenig Zeit f\u00fcr ihre Lebensfragen genommen, ihre Gebrechlichkeit nicht ernst genug eingesch\u00e4tzt und ihr nicht beigestanden, als sie meine Hilfe gebraucht h\u00e4tte. Ich kann nicht mehr gutmachen, was ich ihr an Sorgen bereitet und mit meinem Unverst\u00e4ndnis angetan habe. Der Tod macht alles endg\u00fcltig.<\/p>\n<p><strong>Ein Str\u00e4u\u00dfchen verblichener Kunstblumen f\u00fcr das Reich des Todes<\/strong><\/p>\n<p>Eine Krankenschwester kam herein, und ich band mit ihrer Hilfe das Kinn hoch. Im Beisein von Kurt und Inge Lu zog ich meiner Mutter behutsam einen schmalen silbernen Ring vom Ringfinger und nahm ihn an mich. Inge Lu gab ihr einen kleinen Strau\u00df Kunstblumen, der irgendwo im Zimmer gestanden und aus Mutters Wohnung gestammt hatte, in die H\u00e4nde und legte einen kleinen Engel dazu. Der Engel hatte meiner Mutter viele Jahre als Weihnachtsschmuck gedient \u2013 kleine, an sich wertlose, aber emotional hoch besetzte Dinge, die nun ihren letzten Sinn und Zweck erhielten. Sie sollten meine Mutter ins Grab begleiten. Es war eine spontane Ehrenbezeugung wie sie schon vor vielen Jahrtausenden gepflegt worden war, dem Toten Dinge mit hin\u00fcberzugeben in die ewige Vergessenheit. Zwei Pflegeschwestern und ich schoben das fahrbare Totenbett aus dem Zimmer in einen anderen Raum hinein, wo die Verstorbenen verbleiben bis sie eingesargt und abgeholt werden. Inge Lu und Kurt gingen hinterher. Wir wurden gebeten, den Raum f\u00fcr einen Augenblick zu verlassen. Mama wurde in eine Art \u201eGefriertruhe\u201c [eine Art K\u00fchlbox &#8211; A. M.] gelegt und der Plexiglasdeckel geschlossen. Als wir noch einmal den Raum betreten durften, bemerkte ich, dass noch eine zweite \u201eGefriertruhe\u201c im Raum stand, in der eine andere Tote lag. Diese hatte runde, wei\u00dfe Watteschscheibchen auf ihren Augenlidern, die im d\u00e4mmerigen Licht des Raumes wie gespenstisch-starr aufgerissene Augen wirkten. \u00a0Meiner Mutter waren ebenfalls solche Scheibchen aufgelegt worden. Ich kenne nicht die Bedeutung dieser Vorkehrung. Die Pflegeschwestern hatten Inge Lus Str\u00e4u\u00dfchen verblichener Kunstblumen in die gefalteten H\u00e4nde gelegt und den kleinen Weihnachtsengel dazu gegeben. Wir warfen einen letzten, wehm\u00fctigen Blick auf unsere Mutter und verlie\u00dfen den Raum. Die Schwestern schlossen die Fl\u00fcgelt\u00fcren zum dunklen Reich des Todes.<\/p>\n<p>Meine Mutter wurde, wie sie es gew\u00fcnscht hatte, auf dem N\u00fcrnberger St. Johannisfriedhof kirchlich begraben. Ich gab dem Pfarrer f\u00fcr seine Aussegnungspredigt eine Lebensbeschreibung zur Hand. Als die Friedhofangestellten den Sarg an Gurten ins Grab hinabsenkten, entglitt einem der M\u00e4nner f\u00fcr einen Moment der Gurt. Der Sarg geriet in eine Schieflage und drohte zu kippen. So wurde meine Mutter, wie oftmals in ihrem Leben, selbst noch im Tod durchgesch\u00fcttelt.<\/p>\n<p>Ganz anders verstarb, um es hier kurz einzuf\u00fcgen, 1999 Inge Lus Mutter, Luise Schaltenbrand (1898\u20131999), im Alter von 101 Jahren. \u201eDas Sterben ist so schwer\u201c, sagte sie in ihren letzten Lebenstagen und stemmte sich seufzend und r\u00f6chelnd gegen den Tod. Sie hatte eine ungew\u00f6hnlich z\u00e4he Vitalit\u00e4t und wollte nicht sterben. Im Methusalem-Alter hatte sie gewitzelt, der Tod habe vergessen sie abzuholen, und als er dann kam, str\u00e4ubte sie sich mitzugehen. Inge Lu lie\u00df mich \u2013 sie war in W\u00fcrzburg, ich in Passau \u2013 an dem Geschehen telefonisch teilnehmen. Erst ganz am Schluss gab Inge Lus Mutter mit zwei Sto\u00dfseufzern auf. Am 5. Februar 1999 wurde die Urne nachmittags um 15.00 Uhr bei st\u00fcrmischen Wetter beigesetzt. Ein Orkan zog \u00fcber Unterfranken hinweg in Richtung S\u00fcdostbayern. Um 15.19 Uhr erhellte ein Blitzstrahl Passau. Darauf folgte ein heftig knallender Donnerschlag. Es war, als w\u00e4re meine Schwiegermutter aus der Urne gefahren, um sich mit Blitz und Donner noch extra von mir zu verabschieden. Ich hatte mit ihr so manchen Strau\u00df ausgefochten. Das gleichzeitige Naturschauspiel fand ich einer besonderen Notiz Wert (Notizen &amp; Skizzen, Band 6), obschon mir eine magische Weltsicht fremd ist. Knall und Fall aus dem Leben zu scheiden, w\u00e4re mir lieber als ein tagelanges qualvolles Ringen mit dem Tod. Das m\u00f6ge mir erspart bleiben.<\/p>\n<p><strong>\u201eWir alle sind Sternenstaub\u201c<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr alle diejenigen, die nicht an ein Leben nach dem Tod und an die verhei\u00dfene Auferstehung glauben, halten die Astrophysik und moderne Kosmologie eine griffige und elegante Formel und in gewisser Weise eine sch\u00f6ne Tr\u00f6stung bereit: \u201eWir alle bestehen aus Sternenstaub.\u201c Der K\u00f6rper des Menschen besteht im wahrsten Sinne des Wortes zur G\u00e4nze aus Sternenstaub, der aus der Asche explodierender Sterne stammt. Das Universum steht uns doch n\u00e4her, als unser irdischer Alltag vermuten l\u00e4sst (Harald Lesch). In lokalen Verdichtungen unvorstellbar riesiger Sternenstaubnebel sind vor etwa f\u00fcnf Milliarden Jahren auch unsere Sonne und ihre Planeten geboren worden. S\u00e4mtliche chemische Elemente sind in Sternen durch Kernfusion aus Wasserstoff und Helium entstanden. Der menschliche K\u00f6rper besteht zu fast 100 Prozent aus den gleichen chemischen Elementen, wie sie in der Materie der Sterne vorkommen. Alle Objekte unseres Sonnensystems und somit jedes Lebewesen unserer Erde bestehen aus Atomen aus dem Kosmos. Das Eisen in unseren Blutzellen, der Sauerstoff in der Luft, die wir einatmen, der Kohlenstoff und Stickstoff in unserem Gewebe und das Kalzium in unseren Knochen haben ihren Ursprung in zahlreichen Sonnen. Es g\u00e4be uns nicht, wenn sich nicht vor Milliarden von Jahren Sonnen zu Supernovae aufgebl\u00e4ht h\u00e4tten und explodiert w\u00e4ren. Kraft neuester Erkenntnisse der Astrophysik und Kosmologie werden uns auf die gro\u00dfen Lebensfragen alternative Erkl\u00e4rungen geboten, die unseren modernen Bed\u00fcrfnissen nach einer aufgekl\u00e4rten Weltsicht mehr entsprechen als die alten Sch\u00f6pfungsmythen und heilsgeschichtlichen Verhei\u00dfungen. Die moderne astronomische Forschung geht davon aus, dass jedes Atom unseres K\u00f6rpers im feurigen Kern eines Sterns entstanden ist. Die geradezu poetische Formulierung, wir seien \u201eSternenkinder\u201c, erleichtert es uns, fast heiter zu sagen, dass unser menschliches Dasein, Geborenwerden, Wachsen, Sterben und Tod einer kosmischen Gesetzlichkeit folgen. Sternenleben und stellare Zyklen und irdisches Leben und seine Zyklen stehen in einem unaufhebbaren Zusammenhang. \u00a0Die poetische Formulierung zaubert uns zur\u00fcck in unseren kosmischen Ursprung. Ich muss gestehen, dass diese Vorstellung bei mir eine stoische Gelassenheit best\u00e4rkt. Manche Naturwissenschaftler setzen der astronomischen und astrophysikalischen Sternenstaub-These vorsichtig ein \u201eim weitesten Sinne\u201c hinzu, um die Ursprungsthese nicht sprachlich ganz zu verniedlichen. Der prominente britische Astronom und Astrophysiker Martin Rees (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Rees\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Rees<\/a> &#8211; abgerufen am 22.02.2018), der seit 1995 das prestigereiche Amt des \u201eAstronomer Royal\u201c innehatte und Pr\u00e4sident der \u00e4ltesten Gelehrtengesellschaft der Welt war, der Royal Society (2005\u20132010), nahm in einem Interview der Formel ihren poetisch-romantischen Nimbus, indem er sie negativ umformulierte: Wir k\u00f6nnten uns auch als \u201estellaren Atomm\u00fcll\u201c bezeichnen (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/31\/Klein-31%20-%20abgerufen%20am%2007.02.2018\">http:\/\/www.zeit.de\/2008\/31\/Klein-31 &#8211; abgerufen am 07.02.2018<\/a>). Mit unserem Sterben und unserem Tod zerfallen wir in unsere atomaren und molekularen Bestandteile und kehren als solche in den kosmischen Kreislauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Was aber geschieht mit der Person Alf Mintzel, mit meinem \u201eIch\u201c? Es zerf\u00e4llt ebenso wie sein materielles Substrat. Was auf der Ebene der kulturellen und individuellen Evolution von mir bleibt, ist der Anteil und Niederschlag meines kulturellen Daseins und Wirkens, der Meme, wie gering sie auch immer sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Also: Tapfer sterben! Kein Str\u00e4uben, kein Hadern und Aufbegehren, kein Jammern und Klagen! Keine theologischen Placebos! Gelassenheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist an der Zeit\u2026 Ich wei\u00df, dass ich bald sterben werde. Die Lebenskr\u00e4fte werden schw\u00e4cher, der K\u00f6rper zeigt die markanten Alterserscheinungen auf, ich brauche sie nicht aufzuz\u00e4hlen, jeder kennt sie. Doch bin ich im 83. Lebensjahr noch im Besitz meiner kognitiven F\u00e4higkeiten oder mentalen Vigilanz, wie es meine \u00c4rzte ausdr\u00fccken und best\u00e4tigen. Dar\u00fcber bin&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[740,732,729,742,730,736,719,738,728,731,739,734,735,737,741,744,733,745,746,743],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=387"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":943,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387\/revisions\/943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}