{"id":416,"date":"2018-04-11T15:00:42","date_gmt":"2018-04-11T13:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=416"},"modified":"2018-04-11T15:00:42","modified_gmt":"2018-04-11T13:00:42","slug":"53-abschied-von-der-buehne-des-daseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2018\/04\/11\/53-abschied-von-der-buehne-des-daseins\/","title":{"rendered":"53. Abschied von der B\u00fchne des Daseins"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Endzeit des Lebens &#8211;<\/strong> <strong>Was bleibt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eTapfer sterben\u201c, kein Hadern, kein Klagen, kein Jammern! Gelassenheit! Ist dieser Vorsatz, mit dem ich Blog-Kapitel 52 abgeschlossen habe, nicht zu pathetisch geraten? Von der B\u00fchne des Daseins still Abschied nehmen, leise weggehen? Ist dies nicht nur eine Demutsbezeugung vor dem unausweichlich Absoluten? Was bleibt mir anderes \u00fcbrig als gelassen zu warten? Wie k\u00f6nnte sich ein neugieriger Mensch, einer, der zeitlebens mit gro\u00dfem Interesse beobachtet hat, was um ihn herum und in der weiten Welt geschieht, gelassen und leise verabschieden? Viele aufregende Fragen sind offengeblieben, Fragen, die das eigene kleine Leben, und die ganz gro\u00dfen, welche die Menschheitsgeschichte und den Kosmos betreffen. Was bleibt von all dem, was ich unternommen, angestrebt und erreicht habe?<\/p>\n<p>Es st\u00fcrbe sich leichter, so habe ich irgendwo gelesen, wenn man vorher seine Biografie \u201egeordnet\u201c habe. Dann sei man gut gewappnet, wenn der Tod kommt. Mit meinem Blog habe ich versucht meine Biografie zu ordnen. Aber was ist am Ende dabei herausgekommen? Als ich mit der Niederschrift begann, schien das erlebte Leben noch so nahe zu sein, dass ich meinte, es \u2013 trotz der eingestandenen Schwierigkeiten &#8211; wirklichkeitsnah schildern zu k\u00f6nnen. Jetzt, am Abschluss dieses autobiografischen Unternehmens, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es mir gelungen ist, die verschiedenen Lebensfragmente zu einem klaren Selbstbild zusammenzusetzen. Vieles ist schon so weit in die Vergangenheit ger\u00fcckt, dass ich mir selbst fern vorkomme und mich kaum noch erkennen kann. Eine Autobiografie zu verfassen f\u00fchrt in viele Fallen und unterliegt selbstgef\u00e4lligen T\u00e4uschungen. Ich stehe vor mir selbst wie ein Archivar des eigenen Lebens und suche nach Erinnerungsst\u00fccken. Als sei alles schon eine Ewigkeit her. Die Lebensbedingungen und Anforderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit und der 1950er und 1960er Jahre waren so viel anders als die sp\u00e4teren Dekaden. Und auch ich bin nicht mehr der, der ich einmal gewesen war. Ich selbst kann meine \u00c4ngste, K\u00e4mpfe, sch\u00e4bigen Handlungen, Niederlagen und Zweifel nur schwer nacherleben. Meine Triumpfe, Freuden und H\u00f6hepunkte sind l\u00e4ngst verblasste Momente, die zu beschreiben mir nur andeutungsweise gelungen ist. Was ich zu Papier gebracht habe, scheint mir am Schluss noch fragw\u00fcrdiger zu sein als zuvor. Doch war mir wichtig, so unzul\u00e4nglich wie es auch immer ausgefallen sein mag, Ordnung und Sinn hineinzubringen, bevor andere sich bem\u00fchen und mir allerlei anh\u00e4ngen, was so nicht stimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gast auf der Erde und im Universum<\/strong><\/p>\n<p>Ich war Gast auf einem kleinen Flecken Erde und Gast in einem grandiosen Universum, das Milliarden Galaxien und Sterne ins Unendliche auseinander treibt. Ich h\u00f6rte von den neuesten Erkenntnissen der Astronomie und der Astrophysik und sah die atemberaubenden Bilder, die uns Teleskope und Satelliten aus dem Weltraum senden. Das Hubble-Weltraumteleskop, das in 600 Kilometer H\u00f6he im Erdorbit kreist, ist dreizehn Meter lang und kann mit seiner Optik in den galaktischen Wolken Vorg\u00e4nge beobachten, die zuvor nie gesehen werden konnten. Mit seinen inzwischen Millionen Bildern hat Hubble die Astronomie revolutioniert. Mit ihm warf ich einen Blick in die unermessliche Unendlichkeit. Galaxien entstehen und sterben, Sterne werden geboren und sterben, Planeten bilden sich aus kosmischen Staubwolken und werden zu Klumpen und Schlacken. Menschliche Gehirne sind nicht f\u00fcr kosmische Gr\u00f6\u00dfenordnungen gebaut. Zu sagen, man habe in kosmischen Ma\u00dfst\u00e4ben nur einen Wimpernschlag lang gelebt, ist euphemistische Poesie und anthropomorphisierende Verbildlichung. Menschen bed\u00fcrfen offenbar der Selbstt\u00e4uschung \u00fcber die Nichtigkeit ihres Daseins, in dem sie es mit sch\u00f6nen Worten ma\u00dfst\u00e4blich \u201cvermenschlichen.\u201c Die menschliche Hoffnung, unsterblich zu sein, ist angesichts des kosmischen Werdens und Sterbens ein Wahn. Gott, der ein ewiges Leben verspricht, ist eine evolutive \u00dcberlebensfantasterei des Menschen, ein Placebo, um den Schmerz unserer Endlichkeit ertr\u00e4glich zu machen. Auch die G\u00f6tter der Menschen sind sterblich, sie wechseln seit Jahrtausenden in immer neuen G\u00f6tterd\u00e4mmerungen. Kein Pharao ist zur\u00fcckgekehrt. Es gibt kein \u201eGeistwesen\u201c-Get\u00fcmmel in den Raumzeitgefilden des Kosmos, es sei denn in den Halluzinationen unserer Ewigkeitsr\u00e4usche. Da kommen die Schmerzpillen der Religionen ins Spiel. Ich brauche keine christlichen Schmerzpillen, keine Verhei\u00dfungen, keine Hoffnung auf Heil, kein Gebet, keinen Gott. Solange wir in Erinnerung bleiben, leben wir im Ged\u00e4chtnis fort. Gewiss ist, dass wir alle ins Reich der Vergessenheit eingehen werden. (aus meinen \u201eSkizzen &amp; Notizen\u201c, 1999).<\/p>\n<p>\u201eEine Generation kommt und eine Generation geht (\u2026). Da gibt es keine Erinnerung an die Fr\u00fcheren. Und an die K\u00fcnftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die sp\u00e4ter sein werden.\u201c (Der Prediger Salomon, 1,11).<\/p>\n<p>Am Ende kommt mir wieder der poetisch-vision\u00e4re Traum Jean Pauls ins Ged\u00e4chtnis, in dem er \u2013 1797 die moderne Kosmologie und Astrophysik vorwegnehmend \u2013 durch das Universum reist. Heute sehen und reisen wir mit Hilfe der wunderbaren Technik des Hubble-Weltraumteleskops bis an den Rand des Universums. Ich hatte damals, als ich vor Jahrzehnten Jean Pauls Vision zu ersten Mal las, tief beeindruckt\u00a0 Textfragmente in freie Verse gebracht:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich ging durch die Welten,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ich stieg in die Sonnen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und flog mit den Milchstra\u00dfen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">durch die W\u00fcsten des Himmels,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">aber es ist kein Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Aber ich h\u00f6rte nur den ewigen Sturm.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Ich blickte auf zur unermesslichen Welt,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie starrte aus leeren Augenh\u00f6hlen mich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich sah kein g\u00f6ttliches Auge.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Ich schaute in die Weiten der Galaxien,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">aber es ist kein Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Es schreitet kein Gott in Orkanen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">durch das Sternen-Schneegest\u00f6ber.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Auf unserem kleinen Planeten ereignen sich t\u00e4glich schreckliche und bestialische Dinge, und doch bin ich innerlich froh und zufrieden in einer Zeit gelebt zu haben, in der unser Wissen \u00fcber die Welt im Kleinen wie im Gro\u00dfen, im Nahen und im Fernen so revolution\u00e4r vorangekommen ist. Edwin Hubbles Vermessung des Universums brachte die Erkenntnis, dass \u201eda drau\u00dfen\u201c sehr viel mehr Objekte existieren als erwartet, dass in den Tiefen des Weltalls mehrere hundert Milliarden Galaxien sich wegbewegen, immer tiefer in die unfassbare Unendlichkeit hinein. Die Milchstra\u00dfe, unsere Heimat-Galaxie, ist mit einem Durchmesser von ungef\u00e4hr 100.000 Lichtjahren nur eine verschwindend kleine unter den Milliarden. Ihre Spiralarme beherbergen Milliarden von Sternen, die altern und verl\u00f6schen. Riesen unter den Galaxien sind \u201egefr\u00e4\u00dfig\u201c, sie verschlingen kleinere, die ihnen zu nahe kommen. Die Sterne der kleineren Galaxien werden von den Giganten \u201eaufgezehrt\u201c. In den unvorstellbar fernen Welten ereignen sich Super-Explosionen. Astrophysiker haben j\u00fcngst Gravitationswellen registriert, die vor 1,3 Milliarden Jahren vom Zusammensto\u00df und von der Verschmelzung zweier Schwarzen L\u00f6cher ausgel\u00f6st worden sind. Vor solchen Zeit- und Evolutionspanoramen erscheint die bisherige Entwicklung menschlicher Zivilisationen so kurz wie ein Lichtblitz. Mag die moderne Wissenschaft die Lebensspanne des Menschen auf 120 und mehr Jahre ausdehnen, so w\u00e4hrt das menschliche Leben, in kosmischen Ma\u00dfen gedacht, doch nur einen extrem kurzen Moment. Welche Anma\u00dfung lie\u00dfe mich auf ein ewiges Leben hoffen? Ich werde sterben, wie Galaxien, Sterne und Planeten sterben \u2013 aber nicht mit einem lauten stellaren Knall. Sondern nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben ganz leise.<\/p>\n<p>Von der Sache her ist es sicher fraglich, die grandiose kosmologische und astrophysikalische Vermessung des Kosmos mit der kleiner irdischer Forschungsfelder zu kontrastieren. Mit Staunen und Respekt verfolgte ich neugierig die rasanten Fortschritte bei den Erkundungen des Weltalls. Und mit argem Verdruss registrierte ich im Vergleich dazu die \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkten Forschungsm\u00f6glichkeiten und Forschungsbedingungen meines Faches an deutschen Universit\u00e4ten. Der Technologie, instrumentellen Ausstattung und finanziellen Ressourcen der Weltraumforschung steht in den sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern nichts wirklich Vergleichbares entgegen. Die Kosten der Weltraumforschung sind extrem hoch. Ein paar Daten: Der deutsche Staat beteiligt sich an der Finanzierung f\u00fcr die International Space Station (ISS) bis 2019 mit etwa 346 Millionen Euro (SZ Nr. 66, 20.03.2018, S. 2). Nach Berechnungen des Forschungszentrums Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) wird der Asteroid \u201eBennu\u201c am 2. September 2135 gef\u00e4hrlich nahekommen. Sein Aufprall w\u00fcrde 80.000 Mal mehr Energie freisetzen als die Hiroshima-Atombombe. Die Folgen w\u00e4ren f\u00fcr die Menschheit verheerend. Um diese Gefahr abzuwenden, hat das Forschungszentrum bereits mit einer Weltraummission \u201eOsiris Rex\u201c begonnen, die rund eine Milliarde Dollar kosten wird.<\/p>\n<p>In der Parteienforschung bleibt es in der Regel beim \u201ekleinen Handwerk\u201c auch in Forschungseinrichtungen, die gr\u00f6\u00dfere international verankerte und verbundene Projekte erm\u00f6glichen. An den deutschen Universit\u00e4ten verlieren sich die einschl\u00e4gige Lehre und die Forschungsinitiativen in der Regel im Vielerlei unterschiedlich gewichteter Fragestellungen. Die Organisation von Symposien und Arbeitstagungen setzt zwar Akzente, f\u00fchrt aber in der Regel nicht zu koordinierten und zielorientierten Gro\u00dfprojekten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Finissage \u2013 Eine letzte Arbeitsbilanz<\/strong><\/p>\n<p>Was war mein Anteil? In den 1970 und 1980 Jahren war ich zu einem \u00fcberregional bekannten Parteienforscher geworden, dessen wissenschaftliche Prominenz nicht nur seinen Studien \u00fcber die CSU und Bayern zu verdanken war, sondern auch meinen Abhandlungen \u00fcber die Entwicklung der westdeutschen Parteien und des Parteiensystems der Bundesrepublik Deutschland allgemein. Dazu hatten auch meine theoretischen Auseinandersetzungen mit den methodischen Ans\u00e4tzen der Parteienforschung gez\u00e4hlt, die ich im Jahre 1984 in meinem Buch \u00fcber Typologien der Volkspartei publizierte (siehe Blog-Kapitel l8). Nach meinem Ruf an die Universit\u00e4t Passau (1981) hatte ich gehofft, auf diese Forschungsleistungen aufbauen und langfristig gr\u00f6\u00dfere Projekte durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. 1987 hatte ich den aktuellen Stand und die Hauptaufgaben der deutschen Parteienforschung skizziert (\u201eHauptaufgaben der Parteienforschung\u201c, in: \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Politikwissenschaft 16, Nr.3, 1987), 1993 den Stand der CSU-Forschung (\u201eDie CSU in Bayern als Forschungsobjekt. Entwicklung, Stand, Defizite und Perspektiven der CSU-Forschung\u201c,1993). Meine Forschungsperspektiven waren damit deutlich markiert. Wie ich schon in den Blog-Kapiteln 25, 28 und an anderen Stellen ausf\u00fchrlich geschildert habe, hatten sich diese Pl\u00e4ne nicht verwirklichen lassen. Es waren nicht nur \u00e4u\u00dfere Faktoren daran schuld, die mich davon abgehalten haben, in der Parteienforschung kontinuierlich weiterzuarbeiten. Ich schreibe mir im R\u00fcckblick selbst ein Quantum an Fehlentscheidungen zu, die meine Arbeitskraft anderweitig in Anspruch genommen haben. Ich h\u00e4tte mich als Ordinarius kraft Amtsprivilegien in der Fakult\u00e4t wissenschaftsbetrieblichen Aufgaben und f\u00e4cher\u00fcbergreifenden organisatorischen Kooperationsnotwendigkeiten entziehen und auf eigenn\u00fctzige Forschungsarbeiten konzentrieren k\u00f6nnen. Ich hatte mich 1988\/89 jedoch bereit erkl\u00e4rt, am Aufbau und der fachlichen Ausgestaltung des neuen Passauer Studienganges \u201eKulturwirt\u201c mitzuwirken (siehe auch Blog-Kapitel 28). Der unerwartet hohe Zuspruch und der gro\u00dfe Erfolg dieses interdisziplin\u00e4ren Studienganges hatten dann in einem nicht vorhersehbaren Ma\u00dfe die Arbeitskr\u00e4fte gebunden. Es hatte sich bald herausgestellt, dass das solit\u00e4re Kleinstfach Soziologie, das an der Philosophischen Fakult\u00e4t nur mit einer Professur und zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern ausgestattet war, in hohem Ma\u00dfe herausgefordert war, wahrscheinlich sogar \u00fcberfordert. Meine zwei Mitarbeiter und ich wurden von der breit angelegten Lehre fast v\u00f6llig erdr\u00fcckt. Die legitimen und unabdingbaren wissenschaftlichen Eigeninteressen der Mitarbeiter hatten die Situation obendrein versch\u00e4rft. Konflikte waren unvermeidlich. Eine B\u00fcndelung der Kr\u00e4fte in der Parteienforschung war nicht m\u00f6glich gewesen. Auch die Mittelausstattung des Lehrstuhls f\u00fcr den laufenden Betrieb war l\u00e4cherlich gering: Pro Jahr standen f\u00fcr alle und alles 6000 Deutsche Mark beziehungsweise Euro zur Verf\u00fcgung. Die sporadische Einwerbung von Drittmitteln lag unter diesem Betrag. Es war erstaunlich gewesen, was unter diesen Umst\u00e4nden \u00fcberhaupt noch wirklich Gewichtiges hatte hervorgebracht werden k\u00f6nnen. Mein Frust war auf dem \u201eMicky Maus-Lehrstuhl\u201c jedenfalls von Semester zu Semester gewachsen (siehe Blog-Kapitel 28). Ich verabschiedete mich schrittweise von der akademischen B\u00fchne der deutschen Parteienforschung. Die letzte gr\u00f6\u00dfere publizierte Forschungsleistung war mein Parteiportr\u00e4t\u00a0 von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen in Bayern, die 2014 im Historischen Lexikon Bayerns ver\u00f6ffentlicht wurde (&gt;<a href=\"http:\/\/www.historisches-lexikon-bayerns.de\/B\u00fcndnis%2090%20\/\">http:\/\/www.historisches-lexikon-bayerns.de\/B\u00fcndnis 90 \/<\/a> Die Gr\u00fcnen in Bayern&lt;). Anfang der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts stieg ich dann auch aus dem Triumvirat der politikwissenschaftlichen \u201eBayern-Auguren\u201c aus, als das die Professoren Oberreuter, Falter und Mintzel in Medien oft hervorgetreten waren (Blog-Kapitel 26).<\/p>\n<p>Schon am Ende meiner aktiven Berufsjahre hatte meiner Wahrnehmung nach mein Nimbus als Parteienforscher zu verblassen begonnen. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich mich damit abgefunden hatte. Anfangs haderte ich mit meinem R\u00fcckzug, war aber dann davon \u00fcberzeugt, dass es sich f\u00fcr mich nicht mehr lohnen w\u00fcrde, auf diesem Feld weiterzuarbeiten. Der Erkenntnisgewinn schien mir, was die Wirklichkeitsausschnitte und Fragestellungen anbelangte, nicht mehr genug Gewicht zu haben. Mir war klar, dass es sich um tempor\u00e4r und r\u00e4umlich sehr beschr\u00e4nkte Forschungsleistungen handelte (Notizen &amp; Skizzen, Band 33. 2005\/06) Meine Forschungsinteressen hatten sich mehr und mehr auf die \u201elongue duree\u201c menschheitsgeschichtlicher Entwicklungsprozesse konzentriert. Tagespolitische Ereignisse und Vorg\u00e4nge, die in der aktuellen Parteienforschung im Fokus der Beobachtungen gestanden hatten, fand ich nicht mehr so interessant, um mich damit kontinuierlich befassen und auseinandersetzen zu wollen. Viele Diskussionen, die im Alltag hochkochen, sind kurzlebig. An \u00f6ffentlichen Auftritten in Medien war mir nicht mehr viel gelegen. Gegen\u00fcber Kollegen, die ihre mediale Prominenz genossen, hegte ich keine Konkurrenz- und Neidgef\u00fchle mehr. Ich war auf den Feldern der Parteienforschung mit meinen bisherigen Leistungen, sprich wichtigen Publikationen, insgesamt m\u00e4\u00dfig zufrieden. Die letzte Anfrage, ob ich zu einem l\u00e4ngeren Interview bereit sei, kam am Morgen des 12. M\u00e4rz 2018 von der Rhein-Neckar-Zeitung herein. Ihre Politik-Redaktion wollte aus Anlass des personellen Wechsels im Amt des bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten und der Berliner Regierungsbildung h\u00f6ren, wie ich die Politik und den F\u00fchrungsstil des bisherigen bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Horst Seehofer einsch\u00e4tze. Noch einmal Stress? Schon wieder Fragen zur CSU-Politik!? Nein! Ich lehnte mit ein paar freundlichen Worten das Ansinnen ab. La cosa e finita! Tempi passati! Mit buchhalterischer Penibilit\u00e4t hielt ich den Zeitpunkt der Absage auf die Sekunde genau fest: 13.03.2018, 10.03.Uhr. Schluss! Alte Professoren sollten wissen, wann es an der Zeit ist, endlich abzutreten. Ich versp\u00fcrte danach eine tiefe innere Ruhe. Es war gut so. Die sanften Kl\u00e4nge einer japanischen Bambusfl\u00f6te, einer Shakuhachi (gesprochen: Schakuhaschi), begleiteten mich hinaus in eine neu gewonnene Freiheit.<\/p>\n<p>Im Bereich der Kultursoziologie, einem anderen Schwerpunkt meiner Forschungsinteressen, befasste ich mich mit dem Kulturbegriff in der Soziologie und in Nachbarwissenschaften und dann, in der letzten Dekade meines Berufslebens, mit den Entwicklungen, Strukturen und Konflikten multikultureller Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Dabei traten die Makroanalyse und der Vergleich multiethnischer und multikultureller Megast\u00e4dte, Megalopolen und Metropolen ins Zentrum meiner Lehre. Hierzu publizierte ich 1997 ein umfangreiches Lehrwerk (Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde. Passau 1997) und 1999 weitere Lehrmaterialien (Passauer Papiere zur Sozialwissenschaft. Begleitheft zur Lehre ISSN 0943-0733). Gerade auch diese neue Ausrichtung meiner sozialwissenschaftlichen Lehre f\u00fchrte von der Parteienforschung weit weg und in globale Forschungsgebiete hinein, in denen international zahlreiche Forscher, Forschungsgruppen und Institutionen t\u00e4tig waren. Ich betrat neue Forschungsfelder, die in weltweite aktuelle Fragestellungen hineinf\u00fchrten und meine ganze Arbeitskraft in Anspruch nahmen. Zu sp\u00e4t! Und f\u00fcr einen \u201eMicky Maus-Lehrstuhl\u201c nicht zu bew\u00e4ltigen! Ich musste schmerzlich erfahren, dass ein Solit\u00e4r- und Kleinstfach Soziologie an einer niederbayerischen Universit\u00e4t, und dies vor allem in der empirischen Forschung, trotz gro\u00dfer Anstrengungen dazu wenig beitragen kann. Es bedarf einer international vernetzten Forschung und personell und finanziell angemessen ausgestatteter Forschungseinrichtungen, um die Hauptprobleme der heutigen Menschheit wissenschaftlich angehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An der Schwelle zum 21. Jahrhundert hatte ich in meinem zitierten Lehrkompendium (1999) zw\u00f6lf globale Hauptprobleme der heutigen Menschheit benannt: 1. das Bev\u00f6lkerungswachstum (die \u201eBev\u00f6lkerungsexplosion\u201c), 2. die atomare Bedrohung (nach dem \u201eKalten Krieg\u201c), 3. Kriege (rund 200 Kriege in den letzten 50 Jahren), 4. ethnische und religi\u00f6s-konfessionelle Konflikte mit B\u00fcrgerkriegscharakter, 5. die Massenmigration (die \u201eneue V\u00f6lkerwanderung\u201c), 6. die \u00f6kologischen Krisen und die Bedrohung des \u00d6kosystems der Erde, 7. Armut und Reichtum: S\u00fcd-Nord-Diskrepanz, 8. Gewalt, Genozide und Menschenrechte, 9. Verknappung prim\u00e4rer Ressourcen (z.B. \u201eKampf um Wasser\u201c, 10. Verst\u00e4dterungs- und Metropolisierungprozesse, Megast\u00e4dte und Megalopolen, 11. die Alphabetisierung und Aufkl\u00e4rung gro\u00dfer Bev\u00f6lkerungsteile in bestimmten Gebieten der Erde, 12. Erh\u00f6hung des politischen Problem- und Entscheidungsdruckes; Steuerungs- und Regulierungsnotwendigkeit und die defizit\u00e4re F\u00fchrungskapazit\u00e4t politischer Eliten und Entscheidungstr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Ich hatte in der Lehre zu einzelnen dieser Problemfelder eine Menge Stoff zusammengetragen und f\u00fcr Lehreinheiten proportioniert. Als ich im Jahr 2000 pensioniert wurde, war klar, dass ich mich nun auch aus diesen Forschungsfeldern zur\u00fcckziehen musste.<\/p>\n<p>Nach meiner Entpflichtung als Hochschullehrer musste ich mich erst einmal an die neuen Gegebenheiten gew\u00f6hnen, nicht mehr \u00fcber die Ressourcen eines Lehrstuhls zu verf\u00fcgen, so gering sie auch immer gewesen waren. Mein breites Interessenspektrum bewahrte mich allerdings vor einem \u201eFall in die Leere\u201c, vor der bangen Frage: \u201eWas nun? Im Gegenteil, jetzt stand ich vor der Frage, welches meiner Forschungsinteressen Vorrang haben sollte. Zudem hatten sich meine k\u00fcnstlerischen Neigungen zur\u00fcckgemeldet. Wissenschaftlich weiterzuarbeiten hie\u00df in jedem Fall, alle dazu n\u00f6tigen Hilfsmittel selbst zu besorgen und Texte selbst in den Rechner zu schreiben. Mir blieb als vordigitales Fossil nichts anderes \u00fcbrig, als einen Computer anzuschaffen und mich in digitale Techniken und Kommunikationsformen einzuarbeiten. Ich trat in eine \u00dcbergangsphase ein, in der ich meine Interessen \u201esortieren\u201c und meine Kapazit\u00e4ten neu gewichten musste. Der Sturz in den \u201eRuhestand\u201c wirkte sich vielmehr k\u00f6rperlich aus. Quasi \u00fcber Nacht stellte sich eine partielle Stimmbandl\u00e4hmung ein und erschwerte mir das Sprechen. Ein beginnender Morbus Parkinson fing an, mich in meiner Bewegungsfreiheit zu st\u00f6ren. In dieser relativ offenen, aber zugleich eingeschr\u00e4nkten Situation wandte ich mich noch einmal der regional und lokal \u00fcberschaubaren Geschichte des Druckerei- und Verlagswesens Oberfrankens zu. Aus Anlass ihres 375. Jubil\u00e4umsjahres hatte mir die Firma Mintzel-Druck ihr gesamtes Archivmaterial \u00fcbergeben. Das Archiv enthielt viele Dokumente, darunter zahlreiche handschriftliche und gedruckte Dokumente aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Vor allem die alten handschriftlichen Dokumente aus der Markgrafenzeit \u00fcbten auf mich einen gro\u00dfen Anreiz aus, sie auszuwerten. Ich stellte ein anderes Wunschprojekt zur\u00fcck, das in den 1990er Jahren nebenbei herangereift war: eine Einf\u00fchrung in Theorie und Empirie der soziokulturellen Evolution. Der Preis f\u00fcr diese Entscheidung war der selektive Bedeutungsverlust, n\u00e4mlich die raumzeitliche Verk\u00fcrzung wissenschaftlicher \u201eVermessung\u201c auf einen kleinen Flecken unserer Erde.<\/p>\n<p>Seit meiner Jugendzeit hatte ich mich f\u00fcr die Geschichte der oberfr\u00e4nkischen Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel interessiert, die zwischen 1600 und 1844 in f\u00fcnf Generationen ihr \u201egebildetes Handwerk\u201c, wie es damals genannt worden war, kontinuierlich betrieben hatte. Die anfangs familiengeschichtlich motivierte Forschung hatte sich im Laufe der Zeit zu einer Geschichte des gesamten oberfr\u00e4nkischen Druckerei-, Verlags- und Pressewesen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart ausgeweitet. Dabei hatte ich mehrmals auch die j\u00fcngste politische Stadtgeschichte Hofs mit einbezogen. Die Forschungsergebnisse fasste ich nach meiner Pensionierung in dem zweib\u00e4ndigen Werk \u201eVon der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie\u201c zusammen, das 2011 im Berliner Verlag Duncker &amp; Humblot in hervorragender Qualit\u00e4t erschien. Ich erf\u00fcllte meine selbstgew\u00e4hlte famili\u00e4re Hausaufgabe zur vollen Zufriedenheit aller, die daran Interesse hatten und beteiligt waren. Von Anfang an war die lokale und regionale \u201eVermessung\u201c des Forschungsfeldes klar vorgegeben gewesen. Die Arbeit daran war anstrengend, machte mir aber gro\u00dfen Spa\u00df. Ich haderte niemals mit dem solcherma\u00dfen begrenzten, aber f\u00fcr mich \u00fcberaus fruchtbaren Erkenntnisgewinn dar\u00fcber, woher ich stamme und was mich gepr\u00e4gt hat. Hier war ich mit mir einig (siehe Blog-Kapitel 38). Die Jahrzehnte w\u00e4hrende Forschungsarbeit zur oberfr\u00e4nkischen Gewerbe- und Kulturgeschichte und zur politischen Geschichte der Stadt Hof fand im Jahre 2017 mit meinem Beitrag \u201e\u00dcber den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit\u201c ihren Abschluss. Der Artikel erschien im Band XI der \u201eChronik der Stadt Hof\u201c. Damit verabschiedete ich mich endg\u00fcltig als direkter Nachfahre des Gr\u00fcnders der ehemaligen Buchdruckerei Mintzel, dessen Namen ich trug und mit dem ich mich seit meiner Jugendzeit identifiziert hatte.<\/p>\n<p>Meine Buchdrucker-Vorfahren hatten das Gl\u00fcck, nicht rasch verg\u00e4ngliche G\u00fcter zu produzieren, sondern vergleichsweise dauerhafte Produkte: B\u00fccher und andere gedruckten Schriften. Ihre Berufsarbeit materialisierte sich in Gegenst\u00e4nden und Formen, die heute noch fassbar und f\u00fcr das ge\u00fcbte Auge lesbar sind. Wer heute \u00fcber die Suchmaschine Google nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel (1600-1653) sucht, wird binnen weniger Minuten mit \u00fcber Hunderten seiner Druckwerke bekannt gemacht. Drucke aus seiner Hand in der meinen zu halten, erf\u00fcllte mich stets mit einem ehrf\u00fcrchtigen Gef\u00fchl. Eine von ihm gestaltete barocke Titelseite zu betrachten, hinterlie\u00df in meinen Augen einen tiefen optischen Eindruck. Mit meinen Fingern \u00fcber eine bedruckte Seite handgesch\u00f6pften Papiers aus seiner Werkstatt zu gleiten, war ein haptisches Ereignis. Die Mitglieder der Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel hatten sicher, wie aus verschiedenen Quellen hervorgeht, so etwas wie ein kollektives Ged\u00e4chtnis ausgebildet. Sie kannten ihre gemeinsame Herkunft und berufliche Kunstfertigkeit. Ich sah mich als ein Glied in einer ehrw\u00fcrdigen Kette von Generationen. Wie ihre Druckwerke wird auch mein zweib\u00e4ndiges Werk \u00fcber die Druckerverleger Mintzel bleiben. Es steht in vielen Bibliotheken der Welt.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte war ich schriftstellerisch aktives Mitglied des Nordoberfr\u00e4nkischen Vereins f\u00fcr Natur-, Geschichts- und Landeskunde e.V. in Hof und des Historischen Vereins f\u00fcr Oberfranken in Bayreuth, den Gegenst\u00fccken des Passauer Vereins f\u00fcr Ostbairische Heimatforschung und des Instituts f\u00fcr Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen. Meine fr\u00e4nkisch-protestantische Verwurzelung wurde auch darin sichtbar. Auch die vielen Forschungen und Ergebnisse des \u201ekleinen Formats\u201c haben als Treibsand in den Wirbeln der gro\u00dfen Kulturstr\u00f6me ihre Berechtigung. Man sollte sich nur nicht einbilden, dass sie von weltwissenschaftlicher Bedeutung sind. Der gro\u00dfe Soziologe Max Weber hat es in seiner Wissenschaftslehre auf den Punkt gebracht: \u201eOhne Frage sind nun jene Wertideen &gt;subjektiv&gt;. Zwischen dem &gt;historischen&lt; Interesse an einer Familienchronik und demjenigen an der Entwicklung der denkbar gr\u00f6\u00dften Kulturerscheinungen, welche einer Nation oder der Menschheit in langen\u00a0 Epochen gemeinsam waren und sind, besteht eine unendliche Stufenleiter der &gt;Bedeutungen&lt;, deren Staffeln f\u00fcr jeden einzelnen von uns eine andere Reihenfolge haben wird\u201c (Wissenschaftslehre 1988, S. 183\/84).<\/p>\n<p>Es hatte f\u00fcr mich immer einen hohen Wert, die Firmen- und Familiengeschichte zu schreiben, aber es war eine Stoffauswahl minderer allgemeiner &gt;Bedeutsamkeit&lt; (\u201eNotizen &amp; Skizzen\u201c, Band 45, 21.10.2010). Auch dieses Eingest\u00e4ndnis geh\u00f6rt zu meiner Bilanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das letzte \u00a0Wunschprojekt \u2013 Zur Theorie und Empirie soziokultureller Evolution<\/strong><\/p>\n<p>Nach Abschluss der zweib\u00e4ndigen Studie \u00fcber das Hofer und oberfr\u00e4nkische Druckerei und Verlagsgewerbe in den Jahren 2011\/12 begann ich noch einmal damit, den Plan f\u00fcr eine Einf\u00fchrung in Theorie und Empirie soziokultureller Evolution aufzunehmen. Die Problematik hatte mich immer wieder in ihren Bann gezogen. \u00dcber Jahre hatte ich eine gro\u00dfe F\u00fclle von Materialien zusammengetragen und die wissenschaftliche Diskussion verfolgt. Eine erste Zusammenfassung meiner Vorarbeiten hatte ich 2002 in dem von G\u00fcnter Endruweit und Gisela Trommsdorff herausgegebenen \u201eW\u00f6rterbuch der Soziologie\u201c (2., v\u00f6llig \u00fcberarbeiteten und erweiterten Auflage, S.131-135) unter dem Stichwort Evolutionstheorien publiziert. Mein Lexikon-Beitrag zeigte die Entwicklung von den Gesellschaftslehren des 19. und 20. Jahrhunderts zu den systemtheoretisch fundierten Theorien soziokultureller Evolution (Talcott Parsons; Niklas Luhmann) und den damals aktuellen Forschungsstand auf. Ich wollte diesen Entwicklungsgang in einer leicht verst\u00e4ndlichen Einf\u00fchrung darstellen, wobei der Schwerpunkt auf den Prozessen der soziokulturellen Evolution liegen sollte. In meinen \u201eNotizen &amp; Skizzen\u201c (Band 4) finde ich unter dem Datum des 17. Mai 2012 folgenden Eintrag:<\/p>\n<p>\u201eNochmals zu meinem Projekt zur soziokulturellen Evolution des Menschen (\u2026). Ich bin bei der Lekt\u00fcre evolutionstheoretischer Schriften wieder erschrocken, wie viele Beitr\u00e4ge zu &gt;meinem&lt; Thema seit den 1990er Jahren erschienen sind. Ich muss bei meinem Vorhaben h\u00f6llisch aufpassen, nicht Opfer eines hyperehrgeizigen Planes zu werden, den ich nicht mehr verwirklichen kann Andererseits st\u00f6rt mich, in eine Art Abschiedsstimmung zu geraten und mich nicht mehr herauszufordern. Ich will nicht im Kleinklein ersticken, mich nicht im Oberfl\u00e4chengekr\u00e4usel des Alltags verlieren. Think big! Habe ich vor Jahren einmal zu meinem Vorsatz gemacht (\u2026) Ich f\u00fchle mich blockiert, von au\u00dfen und von innen (\u2026) Was tue ich? (\u2026) Es ist mein Lieblingsthema (\u2026) Vielleicht sind mir doch noch ein paar \u00e4u\u00dferst kreative Arbeitsjahre beschieden! Ich sollte nicht \u00fcber mein Alter lamentieren, sondern mich dem zuwenden, was mich erfreut und zufrieden macht.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich glaubte ich nicht, bahnbrechend Neues in die Diskussion einbringen zu k\u00f6nnen. Ich dachte an ein doppeltes Konzentrat: an einen zusammenfassenden \u00dcberblick \u00fcber den Gang und Stand der Forschung und an eine auch f\u00fcr Laien verst\u00e4ndliche Wissensvermittlung. Mir wurde jedoch rasch klar, dass selbst ein bescheiden angelegtes Publikationsprojekt im Alleingang nur schwer zu verwirklichen war. Deshalb wandte ich mich im Sommer 2012 an den Kollegen Prof. Dr. Peter Meyer (Universit\u00e4t Augsburg), einen mit der Soziologie wie mit der Soziobiologie gleicherma\u00dfen vertrauten und in beiden Feldern publizistisch ausgewiesenen Kollegen, und fragte, ob er sich an einem solchen Projekt beteiligen wolle. Peter Meyer zeigte sich bereit, gab aber zu bedenken, welche Sisyphusarbeit damit verbunden sei. Mich packten Selbstzweifel, ich z\u00f6gerte, mich verlie\u00df der Mut, ich brach meinen Projektentwurf ab und fiel, was dieses Projekt anbelangte, in einen Blockadezustand. Diese mentale L\u00e4hmung hielt an und qu\u00e4lte mich unterschwellig bis heute. Meinem Kollegen Meyer blieb ich eine Erkl\u00e4rung schuldig. Dieses Vers\u00e4umnis und Versagen machte mir lange Zeit schwer zu schaffen. Ich kam nie wirklich dar\u00fcber hinweg.<\/p>\n<p>Die Situation erinnerte mich lebhaft an die Hoffnungen alter Emeriti, sich nach ihrer Entpflichtung noch einem Alterswerk zuwenden und darin ihr gesammeltes Wissen einbringen zu k\u00f6nnen. So hatte Prof. Dr. Otto Stammer (1900-1978), der ehemalige Leiter des Instituts f\u00fcr politische Wissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin, mein Lehrer, Mentor und Chef, mir gegen\u00fcber wiederholt seine Absicht kundgetan, auf dem Felde der politischen Soziologie noch ein grundlegendes Werk zur Parteienforschung verfassen zu wollen. Es war beim Wunsch geblieben. Altersgebrechen hatten ihm Grenzen gesetzt. \u00c4hnlich hatte es sich bei meinem Schwiegervater Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand (1897-1979) verhalten. Er, damals eine international bekannte Koryph\u00e4e der Neurologie, hatte sich stets \u00fcber seine Fachwissenschaft weit hinaus mit philosophischen, religionsgeschichtlichen und vor allem politischen Themen befasst und zu Zeitfragen publizistisch Stellung genommen. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur hatte er eine Schrift \u00fcber \u201eDeutschland zwischen gestern und morgen\u201c publiziert und darin \u201eHitlers Aufstieg und Sturz\u201c psychologisch gedeutet. Nach seiner Emeritierung hatte er ein Publikationsprojekt \u00fcber Ideologien in Angriff genommen und dazu schon eine Reihe von Kapiteln verfasst, als er mich bat, die Texte kritisch durchzusehen. Ich musste ihm schonend sagen, dass zur Thematik in den sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern bereits eine umfangreiche Literatur vorliege, die er ber\u00fccksichtigen m\u00fcsse, wolle er in der einschl\u00e4gigen Diskussion kompetent mitreden. Er brach das Unternehmen ab. Die Liste ehrgeiziger Altersvorhaben lie\u00dfe sich fortsetzen. Schaltenbrands Universit\u00e4tskollege Prof. Dr. Friedrich Pfister (1883-1967), von Hause aus Professor der Klassischen Philologie, hatte nach seiner Emeritierung (1951) noch emsig an seinem Alterswerk \u00fcber \u201eReligion und Wissenschaft. Ihr Verh\u00e4ltnis von den Anf\u00e4ngen bis zu Gegenwart\u201c gearbeitet. Es war unvollendet geblieben. Das Lektorat des A. Francke AG Verlag machte aus dem unfertigen Manuskript \u201eein behutsames und nicht um jeden Preis bis zur j\u00fcngsten Tagesaktualit\u00e4t herantastendes\u201c Opus (in der \u201eVorbemerkung\u201c zum Buch). Es war folglich schon 1972 bei seinem Erscheinen nicht mehr auf dem neuesten Stand der Forschung. Wie immer man hoffnungsvoll geplante und noch verwirklichte Alterswerke beurteilen mag, sie zeigen jedenfalls, dass das Arbeitsleben eines Wissenschaftlers in der Regel nicht mit dem amtlichen Zeitpunkt seiner Pensionierung endet. Dar\u00fcber, was von unserem Schaffen \u00fcberliefert wird und bleibt, entscheiden andere und sp\u00e4tere Generationen \u2013 und k\u00fcnftige Zeitumst\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Breaking News \u2013 Dringende Eilmeldung \u2013 Sondermeldung: <\/strong><strong>Astrophysiker Stehen Hawking gestorben<\/strong><\/p>\n<p>Gestern, am 14. M\u00e4rz 2018, starb der britische Astrophysiker Stephen W. Hawking im Alter von 76 Jahren. Ein merkw\u00fcrdiger Zufall! Am Morgen dieses Tages sa\u00df ich an der Niederschrift meines Abschluss- und Abschiedskapitels und notierte: \u201eIch war Gast auf einem kleinen Flecken Erde und Gast in einem grandiosen Universum, das Milliarden Galaxien und Sterne ins Unendliche auseinandertreibt. Ich h\u00f6rte von den neuesten Erkenntnissen der Astronomie und Astrophysik und sah die atemberaubenden Bilder, die uns Teleskope und Satelliten aus dem Weltraum senden.\u201c<\/p>\n<p>Die letzte Botschaft Hawkings, die die Universit\u00e4t Cambridge gestern ins Internet stellte, lautet: \u201eEs war eine gro\u00dfartige Zeit, um am Leben zu sein. Unser Bild des Universums hat sich in den letzten 50 Jahren umfassend ver\u00e4ndert und ich bin gl\u00fccklich, wenn ich einen kleinen Beitrag leisten konnte. (\u2026) schaut zu den Sternen und nicht hinab auf eure F\u00fc\u00dfe (\u2026). Seid neugierig, und wie schwer auch immer das Leben scheinen mag, so gibt es doch immer etwas, das ihr tun und worin ihr erfolgreich sein k\u00f6nnt. Es kommt darauf an, nicht aufzugeben (\u2026). Dass es uns Menschen, die wir selbst haupts\u00e4chlich Ansammlungen von Partikeln der Natur sind, m\u00f6glich war, so nah an ein Verst\u00e4ndnis der Gesetze zu kommen, die uns und das Universum regieren, ist ein gro\u00dfer Triumph\u201c (www.pnp.de\/Hawking).<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Hawking das Musterbeispiel eines unerschrockenen Wissenschaftlers und Forschers, einer der ganz Gro\u00dfen, die das Weltwissen einen weiten Sprung nach vorne brachten. Er hatte im Unterschied zu mir das Gl\u00fcck, schon in sehr jungen Jahren sein Thema und seine Fragestellungen gefunden zu haben, die er dann sein ganzes Forscherleben lang unabl\u00e4ssig bearbeitete. Sein revolution\u00e4res Ergebnis war der Nachweis der Schwarzen L\u00f6cher. Mein Vergleich mit ihm mag d\u00e4mlich und absurd sein, aber im Gegensatz zu ihm fand ich in der Parteienforschung meine Themen und Fragestellungen erst in sehr viel sp\u00e4teren Lebensjahren und verlor dann allm\u00e4hlich mein Interesse daran. Meine \u201eSchwarzen L\u00f6cher\u201c, die CSU und Bayern, sogen zwar auch vieles in sich ein und h\u00e4tten beinahe mich mit verschlungen, aber ich konnte an ihrem Rande der Sogwirkung entkommen. Da mein 1978 neu eingerichteter \u201eMicky Maus-Lehrstuhl\u201c kein renommierter Newton-Lehrstuhl war, sondern verschiedene kulturwissenschaftliche F\u00e4cher in der Regel blo\u00df auf einem Grundstudium- oder Nebenfach-Niveau bedienen musste, war mir nicht beschieden, weiterhin in der vordersten Reihe der Parteienforscher mithalten zu k\u00f6nnen. Ich traf allerdings auch Entscheidungen, die sich karrierestrategisch als kontraproduktiv erweisen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Menschlich tief verschuldet \u2013 Vers\u00e4umnisse und Versagen<\/strong><\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe meinen autobiografischen Blog mit einem Eingest\u00e4ndnis und Bekenntnis ab. Verpfusche nicht das Finale deines Lebens! Habe ich das getan, indem ich dies alles in meinen letzten Lebensjahren niedergeschrieben habe? Was alles habe ich verschwiegen? Menschlich tief verschuldet gehe ich meinem Ende entgegen. Vers\u00e4umnisse und Versagen sind nicht wieder gut zu machen. Ich schlage einen Bogen zur\u00fcck an den Anfang meines Blogs. Dort habe ich George Orwell zitiert: \u201eEiner Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Sch\u00e4ndliches enth\u00e4lt. Ein Mann, der eine gute Darstellung seiner selbst pr\u00e4sentiert, l\u00fcgt wahrscheinlich, denn jedes Leben, von innen betrachtet, ist einfach eine Serie von Niederlagen.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe vieles von mir preisgegeben, was Autobiografen gew\u00f6hnlich oder geflissentlich verschweigen: Niederlagen, sch\u00e4ndliches Handeln, L\u00fcgen, Unterlassungen, verletzenden Egoismus. Und doch w\u00e4re da noch vieles zu berichten und zu kl\u00e4ren, was ich anderen angetan und zugemutet habe. Auf jeder meiner sozialen Beziehungen, seien sie famili\u00e4r, beruflich, freundschaftlich, situativ-fl\u00fcchtig oder sonstiger Art, lastet auch ein Fehlverhalten, ein Vers\u00e4umnis, ein Mangel an Verst\u00e4ndnis und sogar boshafte Absicht. Ich bin Erkl\u00e4rungen und Offenlegungen schuldig geblieben. Ich habe vielen im Kleinen und im Gro\u00dfen Unrecht getan: meinen Eltern, meinen Geschwistern, meiner Ehefrau, meinen Kindern, Freunden, Bekannten und Kollegen. Manchmal kommen in Albtr\u00e4umen schon fast vergessene Sch\u00e4ndlichkeiten wieder an die Oberfl\u00e4che und t\u00fcrmen sich bedrohlich auf. Einige, denen ich \u00fcbel mitgespielt habe, sind schon tot. Reue liefe ins Leere. Manches Fehlverhalten hat sich ohne viel Aufhebens im Stillen wiedergutmachen lassen, durch eine kleine Geste, durch ein Eingest\u00e4ndnis, durch ein Zur\u00fcckstecken. Es w\u00e4re eine eitle Pose, mich am Ende meines Lebens hinzustellen und zu beichten und um Vergebung meiner S\u00fcnden zu bitten. F\u00fcr Blessuren, die ich in akademischen Auseinandersetzungen anderen Wissenschaftlern zugef\u00fcgt habe, muss ich mich nicht entschuldigen. Es ging in der Regel um die Sache, nicht um die Person. Einiges muss ich mit mir ganz allein ausmachen und mit ins Grab nehmen.<\/p>\n<p>Von der B\u00fchne des Lebens Abschied nehmen und leise weggehen: Am Ende f\u00e4llt es doch schwer. Nicht mehr dabei sein k\u00f6nnen, nicht mehr zu erleben, was die Zukunft an guten und schlimmen Ereignissen bringt, beunruhigt und stimmt traurig. Was wird auf unsere Kinder und Kindeskinder zukommen? Wie werden sie ihr Leben bew\u00e4ltigen? Was nehmen sie von unseren Erfahrungen und Lebensmaximen mit in ihre sich wandelnde Welt? Ein Grundmotiv daf\u00fcr, diesen autobiografischen Blog zu verfassen, war zu berichten, was wir in guten wie in b\u00f6sen Zeiten durchgestanden haben. Was mag in meinem Gro\u00dfvater vorgegangen sein, als wir beide nach dem verheerenden Luftangriff vom 2. Januar 1945 zwischen Schwelbr\u00e4nden und Tr\u00fcmmerhaufen durch das zerst\u00f6rte N\u00fcrnberg liefen? (Blog-Kapitel 4). Er schwieg, als wir einen Weg durch die Ruinenlandschaft suchten. Wie erlebte mein Vater vor dem US-amerikanischen Milit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg seine Rolle als Verteidiger von Kriegsverbrechern? (Blog-Kapitel 7). Die j\u00fcngere Generation fragt die \u00e4ltere nicht zur rechten Zeit, die \u00e4ltere vers\u00e4umt es, sich der j\u00fcngeren mitzuteilen. Wir wissen wenig voneinander, zu wenig. Heute g\u00e4be ich viel darum, k\u00f6nnte ich manches vers\u00e4umte Gespr\u00e4ch nachholen. Beim Abschied von der B\u00fchne des Daseins f\u00e4llt der Vorhang f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen tief bewegenden Epilog \u00fcbergebe ich das Wort an die n\u00e4chste Generation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endzeit des Lebens &#8211; Was bleibt? \u201eTapfer sterben\u201c, kein Hadern, kein Klagen, kein Jammern! Gelassenheit! Ist dieser Vorsatz, mit dem ich Blog-Kapitel 52 abgeschlossen habe, nicht zu pathetisch geraten? Von der B\u00fchne des Daseins still Abschied nehmen, leise weggehen? Ist dies nicht nur eine Demutsbezeugung vor dem unausweichlich Absoluten? Was bleibt mir anderes \u00fcbrig als&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[778,777,776,785,775,781,784,786,780,719,779,783,769,768,774,773,770,772,771,782,787],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/416"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=416"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":904,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/416\/revisions\/904"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}