{"id":432,"date":"2018-10-18T21:12:02","date_gmt":"2018-10-18T19:12:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=432"},"modified":"2019-01-11T10:05:59","modified_gmt":"2019-01-11T09:05:59","slug":"zur-bayerischen-landtagswahl-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2018\/10\/18\/zur-bayerischen-landtagswahl-2018\/","title":{"rendered":"55.1 Zur bayerischen Landtagswahl 2018 &#8211; 1. Folge (18.10.2018)"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">\u00dcber Jahrzehnte habe ich in Printmedien und Fernsehen zu politischen Vorg\u00e4ngen und Ereignissen in Bayern Stellung genommen. Ich z\u00e4hlte lange Zeit zu den drei \u201eBayern-Auguren\u201c, die regelm\u00e4\u00dfig angerufen und um Interviews gebeten wurden, wenn es in Bayern politisch hoch herging, F\u00fchrungsquerelen in der CSU die Gem\u00fcter erhitzten, K\u00f6pfe fielen und Wahlergebnisse zu kommentieren und zu deuten waren. Vor ein paar Jahren stieg ich aus privaten Gr\u00fcnden aus dem Auguren-Triumvirat der Politikprofessoren J\u00fcrgen W. Falter (Universit\u00e4t Mainz), Heinrich Oberreuter (Universit\u00e4t Passau) und Alf Mintzel (Universit\u00e4t Passau) aus und nahm an der medialen Kommunikation nicht mehr teil. Der Ausgang der bayerischen Landtagswahl 2018 bewegt mich jedoch, zu den neuesten Entwicklungen noch einmal \u00f6ffentlich Stellung zu nehmen. Ich werde heute und in den n\u00e4chsten Tagen meine Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen ins Netz stellen. Vorweg verweise ich auf einschl\u00e4gige Kapitel in meinem autobiografischen Blog \u201eZwischen den St\u00fchlen war viel Platz\u201c (darin z. B. auf Kap. 26 und 32), auf meinen Beitrag im Historischen Lexikon Bayerns \u00fcber \u201eB\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen in Bayern\u201c von 2014 (htpp:\/\/www.historisches-lexikon-bayerns.de\/artikel\/artikel_45986) sowie auf meine Monografie \u201eDie CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer\u201c, Passau 1998. Meine Beobachtungen und Stellungnahmen, die ich in lockerer Folge und stichwortartig ins Netz stellen werde, will ich als Diskussionsbeitr\u00e4ge und Denkanst\u00f6\u00dfe verstanden wissen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Die wahlstatistische Ausgangslage<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Knapp und b\u00fcndig vorangestellt: Gesamtstimmenanteil in Prozent\/Ver\u00e4nderung im Vergleich zu 2013: CSU 37,2 (-10,4), Gr\u00fcne 17,5 (+8,9), Freie W\u00e4hler 11,6 (+2,6), AfD 10,2 (+10,2), SPD 9,7 (-10,5), FDP 5,1 (+1,8). Feststeht: In den bayerischen Landtag ziehen sechs Parteien ein, wobei die CSU trotz ihrer Schw\u00e4chung als noch immer relativ gro\u00dfe Mehrheitspartei das Heft in der Hand beh\u00e4lt. Die CSU wird, dessen bin ich sicher, eine Koalition mit den Freien W\u00e4hlern (FW) bilden. Die Gr\u00fcnen sind zur zweitst\u00e4rksten parlamentarischen Kraft geworden, gefolgt von den Freien W\u00e4hlern mit einem Gesamtstimmenanteil von 11,6 Prozent. Die Frage ist, ob und inwieweit die Gr\u00fcnen ihren triumphalen Zugewinn in parlamentarische Gestaltungsmacht umsetzen k\u00f6nnen. Von einer Niederlage der Gr\u00fcnen zu sprechen, wie es ein Kommentator der S\u00fcddeutschen Zeitung (Nr.238, 16.10.2018, S. 4) sieht, differenziert zu wenig die Verh\u00e4ltnisse. Mit 38 Sitzen im Landtag haben die Gr\u00fcnen immerhin eine wichtige und medial sichtbare institutionelle Plattform f\u00fcr ihre oppositionelle Pr\u00e4senz. Eine vernichtende Niederlage hat hingegen die SPD erlitten, die mit ihrem Wahlergebnis auf Landesebene wohl endg\u00fcltig auf das Format einer marginalen Kleinpartei zur\u00fcckgestuft worden ist. Klar ist auch, dass \u2013 in Erinnerung an die f\u00fcnfziger Jahre &#8211; eine \u201eViererkoalition\u201c gegen die CSU ein rein numerisches Gedankenspiel w\u00e4re. Der numerisch addierte \u201eAnti-CSU-Block\u201c k\u00e4me zwar gegen\u00fcber der CSU (37,2) auf 39,0 Prozent, aber diese Addition entbehrte unter oppositionellen Gesichtspunkten jeder politischen Realit\u00e4t. Im Gegenteil, sie spricht f\u00fcr die weiterhin existierende Vorherrschaft der CSU, die zwar geschm\u00e4lert, aber nicht wirklich gebrochen worden ist. Die Bildung der CSU\/FW-Koalition verweist alle anderen im Parlament mitwirkenden Parteien, also die Gr\u00fcnen, die SPD, die FDP und erst recht die AfD, in die Opposition. Wegen der ideologischen, politisch-programmatischen und bereichspolitischen Gegens\u00e4tze, die diese Oppositionsparteien voneinander trennt, ist es h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass sie zu einer gemeinsamen Oppositionsarbeit finden werden. Die AfD scheidet erkl\u00e4rterma\u00dfen in der Opposition als Koalitionspartner von vorneherein aus. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Der triumphale Wahlerfolg von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Woher kommen sie? Der Zulauf im Wahlkampf und der Wahlausgang haben erneut best\u00e4tigt: Die Gr\u00fcnen rekrutieren sich vor allem aus j\u00fcngeren Altersgruppen mit h\u00f6heren Bildungsabschl\u00fcssen (Abitur, Fachhochschul- und Hochschulabschl\u00fcsse). Sie kommen in hohem Ma\u00dfe aus dem Dienstleistungssektor und quart\u00e4ren Bereich (Kommunikation und Information). Sie repr\u00e4sentieren vor allem Dienstleistungsberufe, insbesondere Beamte und Angestellte sowie Selbstst\u00e4ndige. Sie setzen sich zu einem Teil aus der sozialstatistischen Kategorie der Nicht-Erwerbst\u00e4tigen zusammen (Sch\u00fcler, Studenten, Auszubildende), allerdings mit r\u00fcckl\u00e4ufiger Tendenz. Sie erhalten vor allem Zulauf in urbanen Gebieten, in Mittel- und Gro\u00dfst\u00e4dten. In Universit\u00e4tsst\u00e4dten treffen sie auf f\u00fcr sie besonders g\u00fcnstige Strukturen. Sie weisen ein typisches Land-Stadt-<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">G<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">ef\u00e4lle auf. Der Frauenanteil ist bei ihnen deutlich h\u00f6her als bei den anderen Parteien. Hingegen sind Arbeitslose, Arbeiter und Rentner bei den Gr\u00fcnen nur schwach vertreten. In summa: Die Gr\u00fcnen kommen aus den sozio\u00f6kologischen und liberal-intellektuellen Milieus st\u00e4dtischer Gebiete, am deutlichsten aus den Ballungsr\u00e4umen und Dienstleistungszentren, zumal aus den Metropolengebieten M\u00fcnchen\/Augsburg, N\u00fcrnberg, F\u00fcrth \/Erlangen, Aschaffenburg und Neu-Ulm. Sie haben inzwischen ihren \u201eB\u00fcrgerschreck-Charakter\u201c verloren. Sie in Anspielung auf inzwischen verlassene programmatische Positionen als linke \u201eVerbotspartei\u201c zu verteufeln, so Markus S\u00f6der im Landtagswahlkampf, taugt nicht mehr zur Abschreckung. Die Akzeptanz nimmt in der Bev\u00f6lkerung, wie Umfragen zeigen, allgemein zu. Die bayerische Hegemonial- und Staatspartei hat in diesen Gebieten und Milieus, die f\u00fcr sie ohnehin traditionell Problemgebiete sind, in der Landtagswahl 2018 am meisten Stimmen verloren. Besonders auff\u00e4llig sind ihre Verluste in M\u00fcnchen, wo die Gr\u00fcnen der CSU f\u00fcnf Direktmandate abgenommen haben. Das sechste Direktmandat haben sie in der Universit\u00e4tsstadt W\u00fcrzburg gewonnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Zur Koalitionsfrage<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Der Landesverband Bayern der Gr\u00fcnen wird heute allgemein zurecht als \u201erealpolitisch\u201c eingesch\u00e4tzt. Er gilt in seiner Programmatik als reformerisch und in seiner Praxis als pragmatisch ausgerichtet. Er hat den Charakter einer \u201e\u00f6kologisch-sozialen Reformpartei\u201c angenommen. In ihren Wahlkampfauftritten zum bayerischen Landtag haben die f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Gr\u00fcnen diese pragmatische Ausrichtung besonders betont und den Ideologie-Vorwurf ihrer konservativen Gegner zu entkr\u00e4ften versucht. Die bayerischen Gr\u00fcnen haben damit zugleich signalisiert, unter bestimmten Bedingungen sogar mit der CSU koalieren zu wollen. Sie leiten aus dem Ausgang der Landtagswahl einen politischen Mitgestaltungsauftrag ihrer W\u00e4hlerschaft ab, der sie sogar zu einer Regierungsbeteiligung erm\u00e4chtigt. Kein geringerer parteipolitischer Gegner als der ehemalige bayerische Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber (CSU) hatte bereits 2004 den bayerischen Gr\u00fcnen best\u00e4tigt, sie seien \u201ein manchen Bereichen pragmatischer, offener geworden\u201c, sie h\u00e4tten \u201eF\u00fchrungsleute, die nicht mehr ideologisch argumentieren und ihre b\u00fcrgerliche Herkunft verleugnen\u201c.(FAZ Nr. 220, 24.09.2005, S.3). Stoiber schloss schon damals, falls es landespolitische Entwicklungen erforderlich machten, nicht einmal mehr f\u00fcr Bayern eine schwarzgr\u00fcne Koalition aus. Nach der bayerischen Landtagswahl 2018 scheint nun das, was bisher f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten wurde, m\u00f6glich geworden zu sein. Die gemeinsamen politischen Schnittmengen sind jedoch immer noch zu klein und die Verluste der bayerischen Staatspartei noch immer nicht hoch genug, um im Landesparlament die Bildung einer schwarzgr\u00fcnen Koalition m\u00f6glich werden zu lassen. Der amtierende bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der \u00fcbt sich zwar, wie er kundtut, \u201ein Demut\u201c und l\u00e4dt auch die Gr\u00fcnen, eine Novum in der bayerischen Politik, pro forma zu Sondierungsgespr\u00e4chen ein. Er wird aber alles daransetzen, die Gr\u00fcnen von einer Mitregierung fern zu halten. Die Bildung einer Koalition mit den Gr\u00fcnen w\u00e4re in der CSU nicht mehrheitsf\u00e4hig, sie br\u00e4chte eine weitere Unruhe in die CSU-Basis. Die Gr\u00fcnen w\u00e4ren gut beraten, ihre geb\u00fcndelten politischen Kr\u00e4fte in eine eigene Oppositionsstrategie zu investieren und zu testen, welche Dissonanzen, Differenzen und Konflikte in der CSU\/FW-Koalition k\u00fcnftig Chancen bieten, im parlamentarischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess gr\u00fcne Themen und Ziele zum Tragen zu bringen. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Sieger ohne Macht\u201c?<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Das neue Sechs-Parteien-Parlament bringt neue Reibungsverh\u00e4ltnisse und ein neues Kr\u00e4ftemessen in die Parlamentsarbeit. Trotz ihres Debakels beh\u00e4lt die CSU mit 37,2 Prozent ihre landespolitische Position als eine noch immer starke Regierungs- und Staatspartei, die bestimmt, mit welcher der parlamentarischen Parteien sie koalieren wird. Sie wird, dessen bin ich sicher, die Freien W\u00e4hler (FW) an der Regierung beteiligen, nicht die Gr\u00fcnen. Mit dieser Entscheidung werden die Gr\u00fcnen in die Opposition verwiesen. Das hat zur Folge, dass die Gr\u00fcnen ihr triumphales Wahlergebnis institutionell nur sehr begrenzt in staatliche Gestaltungsmacht umsetzen k\u00f6nnen. Im bayerischen Landesparlament hat aufgrund der Mehrheitsverh\u00e4ltnisse jede Opposition schlechte Karten in der Hand. In der Opposition die Rolle eines Korrektivs zu spielen, ist eine ebenso schwierige wie undankbare politische Aufgabe. Auch ein noch so einheitliches Stimmverhalten der Opposition kann von der CSU- beziehungsweise von der k\u00fcnftigen Koalitionsmehrheit CSU\/FW fast problemlos \u00fcberspielt werden. (Alf Mintzel\/Barbara Wasner, 2004: Landesparlamentarismus in Bayern, in: Siegfried Mielke\/Werner Reutter (Hrsg.): L\u00e4nderparlamentarismus in Deutschland. Geschichte \u2013 Struktur \u2013 Funktionen, Wiesbaden 2. erg. Auflage). Dies k\u00f6nnte bei den Gr\u00fcnen zu einem politischen Energiestau f\u00fchren, der die gegenw\u00e4rtige Hochstimmung in Frust verwandelt. Die S\u00fcddeutsche Zeitung bringt es in einem Kommentar negativ ausgedr\u00fcckt so auf den Punkt:\u201e Sollten die Gr\u00fcnen nicht in der Regierung landen, wonach es aussieht, haben sie trotz aller Zugewinne eine Niederlage erlitten. Mit 17,5 Prozent in der Oppositionsrolle zu landen, ist kein Erfolg\u201c (SZ Nr. 238, 16.10.20018, S. 4). Die zuk\u00fcnftige Oppositionsrolle der Gr\u00fcnen wird, was die schwer zu erf\u00fcllenden Aufgaben noch erschwert, in einer kritischen Konkurrenz mit drei im Landesparlament vertretenen Oppositionsparteien stehen, mit der SPD, mit den Freien Demokraten und der AfD. Wahrscheinlich kommt es sogar zu gegenseitigen Blockaden. Es ist damit zu rechnen, dass die AfD im Maximilianeum als neue Protestpartei in ihrer Oppositionsrolle viel Unruhe und Streit stiften wird. Gegenseitiges Ausbremsen der drei Oppositionsparteien k\u00f6nnte es der regierenden Koalition erleichtern, ihre Entscheidungen entschlossen durchzusetzen. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Fragliches Identit\u00e4tsmanagement der CSU<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Das ethnozentrische Identit\u00e4tsmanagement der CSU-F\u00fchrung diskriminiert andere Bundesl\u00e4nder. Auf eine knappe, vereinfachende Formel gebracht: Ethnozentrismus bedeutet die H\u00f6herbewertung der Kultur, der man selbst anzugeh\u00f6ren glaubt, und die Abwertung einer anderen. Ethnozentrismus betrachtet das soziale Kollektiv als handelndes Subjekt und grenzt es von anderen Kollektiven ab. Fr\u00fcher: \u201eWir Bayern\u201c in Abgrenzung von \u201eden Preu\u00dfen\u201c und \u201eNordlichtern\u201c. S\u00f6ders ethnozentrischer Zungenschlag 2018: \u201eWir in Bayern\u201c, Bayern ist anders, Bayern ist besser, Bayern hat wie kein anderes Bundesland eine kulturelle Eigenpr\u00e4gung. Fast im Agitationsstil von Trump: \u201eBayern first!\u201c, \u201eBayern is great!\u201c, \u201eMythos Bayern\u201c und andere Slogans gewannen im Landtagswahlkampf ausgesprochen ethnozentrische Z\u00fcge. Das Identit\u00e4tsmanagement soll innerbayerisch Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit suggerieren und best\u00e4rken. Die CSU-F\u00fchrung neigt zu einer penetranten H\u00f6herbewertung der, was immer auch man darunter verstehen k\u00f6nnte, bayerischen Kultur. Sie neigt dazu, ihre eigenen Ma\u00dfst\u00e4be und ihren eigenen Lebensstil zur Beurteilung und zur Messlatte der Einsch\u00e4tzung anderer regionaler Kulturen in Deutschland und anderswo zu machen. Mit dem \u201eMia san mia!\u201c wird das eingebildete Selbstbild zu einer stupiden Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Mir scheint, dass der staatsbayerische Ethnozentrismus in der Landtagswahl 2018 nicht mehr funktioniert hat. Die gestanzten Polit-Formeln wirken abgedroschen, abgestanden und zunehmend realit\u00e4tsfern, zumal in st\u00e4dtischen Dienstleistungszentren und in sozial stark heterogenen Ballungszentren. Der so h\u00e4ufig apostrophierte \u201eMythos Bayern\u201c hat, soweit er realit\u00e4tshaltig war, seine Wirkung verloren. Der stetig wachsende Zuzug aus anderen Bundesl\u00e4ndern nach Bayern und der gesellschaftliche Wandel in Bayern haben eine abnehmende mentale Verbundenheit mit der bayerischen Geschichte zur Folge. Das staatsbayerische Identit\u00e4tsmanagement greift zunehmend ins Leere. Vielen nachwachsenden B\u00fcrgern und Zuz\u00fcglern bedeutet die bayerische Staats- und Kulturgeschichte wenig, der \u201eMythos Bayern\u201c fast gar nichts. Und in dem Ma\u00dfe verblasst auch der Nimbus der bayerischen Staats- und Hegemonialpartei als erkl\u00e4rte H\u00fcterin bayerischer Eigenstaatlichkeit und Kultur. Es wirkt wie eine museale Phrase oder wie ein Werbegag, wenn heute der Mythos Bayern beschworen und gegen nichtbayerische Verh\u00e4ltnisse in eine Art Abwehrstellung gebracht wird. F\u00fcr die nachwachsende Generation bedeutet \u201edas sch\u00f6ne Bayern\u201c etwas anderes. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Das sch\u00f6ne Bayern\u201c &#8211; \u201eein weltoffener Heimatbegriff\u201c<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Die Gr\u00fcnen sahen sich angesichts der Heimatverbundenheit weiter Bev\u00f6lkerungskreise ebenfalls herausgefordert, sich mit mentalen Inhalten des abgegriffenen Heimatbegriffes auseinanderzusetzen. Auf eigens daf\u00fcr organisierten Foren versuchten sie \u201eeinen weltoffenen Heimatbegriff\u201c zu kreieren (Dieter Janecek, SZ Nr. 215, 17.09.2010, S. 33). Sie wollten und wollen ihren Heimatbegriff von dem krachledernen, bierseligen, folkloristisch verbogenen, Maibaum- klamaukigen und katholisch-fr\u00f6mmelnden Heimatbegriff absetzen und eine andere Weise der mentalen Verbundenheit mit bayerischen Orten und Landschaften dagegenstellen. Nicht das abgrenzende \u201eMia san mia\u201c und das lokalistische \u201eDo bin i dahoam\u201c, sondern ein weltoffener Heimatbegriff sollte es sein. Im Landtagswahlkampf bekundeten die gr\u00fcnen Wahlk\u00e4mpfer demonstrativ ihr Bekenntnis zum \u201esch\u00f6nen Bayern\u201c und trafen damit auf ein in der j\u00fcngeren Generation vorherrschendes weltoffenes Lebensgef\u00fchl. Besonders die Spitzenkandidatin der Gr\u00fcnen, Katharina Schulze, fiel hierdurch auf. In diesem Sinne besteht auch im alltagskulturellen Bereich eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Distanz zur CSU als zwischen der CSU und den Freien W\u00e4hlern. Die Hubert-Aiwanger-Partei steht als Stimme l\u00e4ndlich-lokaler Bayerntradition h\u00f6rbar im Einklang mit den von der CSU gepflegten bayerisch-kulturellen Basistraditionen. Die gr\u00fcne bayerisch-alltagskulturelle Distanz zur CSU korrespondiert mit einer deutlichen Distanz der Gr\u00fcnen zum institutionellen kirchlichen Bereich, insbesondere zur katholischen Amtskirche. <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>Religionsverfassungspolitik<\/b><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Viele Gr\u00fcne sehen das religi\u00f6se Bekenntnis als eine Privatangelegenheit an, was auf ihr kritisches Verst\u00e4ndnis des Staat-Kirchen-Verh\u00e4ltnisses hinweist. Ihre kirchenpolitischen Grundsatzerkl\u00e4rungen (Trennung von Staat und Kirche, Abl\u00f6sung des Konkordats mit dem Vatikan) und Vorst\u00f6\u00dfe in den Kopftuch- und Kruzifix-Debatten speisen sich aus diesen innerparteilichen konfessionellen Spannungsfeldern zwischen laizistischen Positionen und eher kirchennahen Einstellungen. Ihre Gegner, die hauts\u00e4chlich im konservativen Milieukatholizismus Altbayerns zu finden sind, werfen den Gr\u00fcnen deshalb vor, sie seien kirchenfern und antikirchlich eingestellt. Es f\u00e4llt auf, dass die meisten gr\u00fcnen Mandatstr\u00e4ger keine Angabe zu ihrer Konfessionszugeh\u00f6rigkeit machen. Die vergleichsweise gr\u00f6\u00dfere Kirchenferne der Gr\u00fcnen dr\u00fcckt sich auch darin aus, dass das Engagement ihrer Mitglieder in kirchlichen \/ religi\u00f6sen Institutionen und Vereinen deutlich geringer ist als das von vielen Mitgliedern der CSU und der stark katholisch gepr\u00e4gten bayerischen gr\u00fcnen Konkurrenzpartei, der \u00d6kologisch-Demokratischen Partei (\u00f6dp). In konfessionellen und kirchenpolitischen Fragen besteht also zweifellos eine gro\u00dfe Distanz zwischen der CSU und den bayerischen Gr\u00fcnen. Diese Distanzen zum konservativen Milieukatholizismus erschweren die Bildung einer schwarzgr\u00fcnen Koalition. Ich bin sicher, dass es gerade auch aus diesen Gr\u00fcnden in Bayern nicht zu einer schwarzgr\u00fcnen Koalition kommen wird. Die Anh\u00e4ngerschaft der Freien W\u00e4hler steht weltanschaulich-konfessionell der CSU viel n\u00e4her.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen \u00dcber Jahrzehnte habe ich in Printmedien und Fernsehen zu politischen Vorg\u00e4ngen und Ereignissen in Bayern Stellung genommen. 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