{"id":44,"date":"2016-04-30T16:25:52","date_gmt":"2016-04-30T14:25:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=44"},"modified":"2019-02-11T10:40:04","modified_gmt":"2019-02-11T09:40:04","slug":"6-kapitel-nuernberger-hungerjahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/04\/30\/6-kapitel-nuernberger-hungerjahre\/","title":{"rendered":"6. N\u00fcrnberger Hungerjahre"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Am Morgen des 6. Juli 1945 erhielt mein Vater einen Brief, der meine ganze Familie von einem Tag auf den anderen in eine katastrophale Lage brachte:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-561 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001-700x994.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"994\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001-700x994.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001-768x1091.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001-800x1136.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_001.jpg 1762w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Sofortige Suspension vom Amt in der Stadtverwaltung N\u00fcrnberg, 5. Juli 1945; eine R\u00fcckkehr in den \u00f6ffentlichen Dienst war bis zum Jahr 1950 nicht m\u00f6glich.<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><em>\u201eDie Alliierte Milit\u00e4r-Regierung hat am 30. Juni 1945 Ihre sofortige Suspension von der Ihnen innegehabten Stellung und die Beendigung Ihres mittelbaren oder unmittelbaren Einflusses und Ihrer weiteren Bet\u00e4tigung in der Stadtverwaltung N\u00fcrnberg angeordnet. Nach dieser Anordnung d\u00fcrfen Sie nicht mehr in der Stellung, von der Sie suspendiert wurden, verwendet werden. Ihre Suspension tritt mit sofortiger Wirksamkeit in Kraft. In Vertretung [Unterschrift] Stadtrat.\u201c<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Wahrscheinlich war es 1945\/46 vielen Nazis so ergangen, die im Stillen gehofft hatten, dass die gesamte zentrale Mitgliederkartei der NSDAP und damit alle parteiamtlichen Dokumente zur Mitgliederschaft in den letzten Kriegstagen vernichtet worden seien. Die Mitgliederkartei war jedoch vollst\u00e4ndig erhalten geblieben und in den Besitz der Siegerm\u00e4chte gelangt. Die Offiziere konnten gezielt Verd\u00e4chtige verh\u00f6ren und deren Angaben \u00fcberpr\u00fcfen. Mein Vater hatte die NSDAP-Mitgliedsnummer 2.751.136.\u00a0Kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung der NSDAP war er der Partei beigetreten.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Das Geheimfach<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Es klingelt es an der Wohnungst\u00fcre. Vor der T\u00fcr stehen zwei Offiziere der Besatzungsmacht, zwei Vertreter der amerikanischen Intelligence Division. Sie \u00fcberpr\u00fcfen Ausweis und Identit\u00e4t und beginnen ein Verh\u00f6r. Einer der beiden Offiziere spricht rechr gut Deutsch; er fragt meinen Vater aus, versucht dessen vage Antworten durch Nachfragen zu konkretisieren, bohrt weiter nach. Ich bin als stummer Zeuge dabei. Anscheinend wollte mein Vater, dass ich Augenzeuge des Vorganges werde. Beklommen stehe ich im Herrenzimmer, ein kleiner blasser Junge, schm\u00e4chtig und spindeld\u00fcrr, und beobachte das Geschehen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Hatte mein Vater sich schuldig gemacht? Etwas verbrochen? Ich sp\u00fcre, dass mein Vater in der Klemme steckt. Der Mann, der seine Autorit\u00e4t in der Familie so oft machtbesessen ausgespielt hatte, steht nun wehrlos da und versucht sich herauszureden.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Der andere Offizier spricht wenig. Er beobachtet genau, in welche Richtung die Blicke meines Vaters schweifen. Schlie\u00dflich geht er auf die zum Flur liegende Zimmerwand zu, nimmt ein Bild von der Wand und legt das in die Wand eingelassene Geheimfach offen. Mein Vater muss das Fach \u00f6ffnen. Im Raum herrscht eine ungeheuerliche Spannung. Was lag in dem Fach? All das, was mein Vater hatte verheimlichen und verbergen wollen: sein NSDAP-Parteibuch, sein Parteiabzeichen, seine Medaille \u201eMit Hitler in Coburg 1922-1932\u201c, das Mutterverdienstkreuz meiner Mutter und diverse schriftliche Dokumente, die die Verwicklung meines Vaters in das Unrechtsregime bewiesen. Das NSDAP-Mitgliedsbuch war angesengt. Er hatte es anscheinend vernichten wollen, aber dann doch ins Geheimfach gelegt. Die beiden Offiziere ziehen nach ihrer Entdeckung ab, ohne zu sagen, was nun geschehen wird.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Gleich nach dem beunruhigenden Besuch leiht sich mein Vater vom Milchgesch\u00e4ft Wasner einen flachen Karren, der eigentlich f\u00fcr den Transport von Milchtonnen bestimmt ist, l\u00e4dt mit mir zahlreiche Gegenst\u00e4nde aus dem Haushalt auf und zieht mit mir den Karren durch die Stadt zu Verwandten, bei denen er die Sachen sicher vor Enteignung glaubt. Meinem Gro\u00dfvater wird der restliche mobile Haushalt als Eigentum \u00fcberschrieben. Dieser verfasst ein Scheintestament und macht uns Kinder zu seinen Erben. Gro\u00dfvater Mintzel war 1870\u00a0 in die Kaiserzeit hineingeboren worden und zu einem \u201eHerzensmonarchist\u201c geworden. Im Gegensatz zu meinem Vater war er kein \u00fcberzeugter Nationalsozialist und hatte nach der Niederringung der NS-Diktatur nichts zu bef\u00fcrchten. Unter dem Datum des 13. Januar 1947 teilte der \u00d6ffentliche Kl\u00e4ger bei der Spruchkammer I, Stadtkreis N\u00fcrnberg, mit, dass mein Gro\u00dfvater vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. M\u00e4rz 1946 nicht betroffen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-562 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002-700x484.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"484\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002-700x484.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002-768x531.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002-800x553.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_002.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Amtliche Mitteilung des \u00f6ffentlichen Kl\u00e4gers bei der Spruchkammer an meinen Gro\u00dfvater Ottmar Mintzel vom 13. Januar 1947, dass er vom Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. M\u00e4rz 1945 nicht betroffen sei; mein Gro\u00dfvater Mintzel (1870\u20131950) war kein Nazi.<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die Suspendierung meines Vaters war ein tiefer Fall, der die gesamte Familie mitriss. Er selbst empfand diesen Sturz als die tiefste Kr\u00e4nkung, die einem Beamten widerfahren konnte. Es dauerte f\u00fcnf Jahre, bis er in die \u00f6ffentliche Verwaltung zur\u00fcckkehren durfte. Zun\u00e4chst musste er sich zwei Jahre lang als Bauhilfsarbeiter \u201ean der Pflichtarbeit bei der Schuttr\u00e4umung\u201c beteiligen. Er hatte eine 45-Stunden Arbeitswoche und musste auf Baustellen Schwerarbeit leisten. Auf einem Berg von Ziegelsteinbrocken sitzend klopfte er mit einem Pickel den alten M\u00f6rtel ab. Die ges\u00e4uberten Ziegelsteine wurden f\u00fcr den Wiederaufbau gestapelt. Ohne diese Zwangsarbeit, die regelm\u00e4\u00dfig best\u00e4tigt werden musste, h\u00e4tte er keine Lebensmittelkarten f\u00fcr die Ern\u00e4hrung seiner Familie erhalten. Die amerikanische Milit\u00e4rregierung kontrollierte streng die Ableistung der Pflicht, das bezeugen die in seine \u201eAusweiskarte\u201c eingetragenen Stempel und Unterschriften eines amerikanischen Offiziers. Zwei Jahre lang musste ich an Werktagen mit einem meiner Br\u00fcder, mit Heinrich oder Kurt, durch die v\u00f6llig zerbombte Stadt zur Schuttr\u00e4umungsstelle laufen, um meinem Vater in einem Essgeschirr ein karges Mittagessen bringen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-563 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a-700x993.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"993\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a-700x993.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a-768x1090.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a-800x1135.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003a.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-564 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b-700x987.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"987\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b-700x987.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b-768x1083.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b-800x1128.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_003b.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Vom Oberverwaltungsrat der Stadt N\u00fcrnberg zum Arbeiter degradiert \u2013 der tiefe Fall meines Vaters: \u201eStellung im Beruf Arbeiter\u201c; 1946\/47<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">In den von Ruinen ges\u00e4umten Stra\u00dfen bildeten sich 1945\/46 gewaltbereite Jugendbanden. Auch in unserem Viertel und in seinem weiteren Umfeld rotteten sich Jugendliche zu Banden zusammen und terrorisierten ganze Stra\u00dfenz\u00fcge. Wenn die D\u00e4mmerung und die Nacht hereinbrachen, tummelten sich die Banden in den schlecht beleuchteten Durchg\u00e4ngen des Tierg\u00e4rtnertortums. Sie machten sich, im fahlen Licht der Notbeleuchtung fast unsichtbar, an die Passanten heran und urinierten sie an. Kaum sp\u00fcrte man den warmen Strahl an der Kleidung herunterstr\u00f6men, verschwanden die \u00dcbelt\u00e4ter im D\u00e4mmerlicht des Tortumgew\u00f6lbes. Ich selbst geh\u00f6rte keiner Bande an. In der unzerst\u00f6rten Rieterstra\u00dfe, in der meine Familie wohnte, war das gehobene b\u00fcrgerliche Milieu anscheinend noch so weit intakt geblieben, dass die Jugendlichen davor zur\u00fcckscheuten, sich zu kleinkriminellen Gruppen zu vereinen. Ich konnte in unserem Wohngebiet in N\u00fcrnberg-Nord nicht durch bestimmte Stra\u00dfen gehen, ohne Gefahr zu laufen, von einer Jugendbande eingekreist und verpr\u00fcgelt zu werden. Nur auf Umwegen konnte ich von der Schule nach Hause gelangen. Wagte ich es doch einmal, den k\u00fcrzeren Weg durch fremdes Bandengebiet zu nehmen, schlich ich durch die besetzten Stra\u00dfen an den bekannten Brennpunkten vorbei. Trotz meiner Vorsicht erwischten sie mich doch einmal. In einer von ihnen beherrschten Stra\u00dfe schlugen sie mit F\u00e4usten auf mich ein und brachen dabei dir Kuppe meines rechten oberen Schneidezahns ab.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Aus <\/b><b>Hunger <\/b><b>stehlen und schlachten<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">N\u00fcrnberg im so genannten Hungerwinter 1946\/47: Mir ist \u00fcbel von der Leere des Magens. Ich habe Hunger. Alle Lebensmittel sind rationiert, f\u00fcr jede Person gibt es nur kleine und kleinste Mengen: Pro Tag zwei St\u00fccke Brot, wenige Gramm Margarine, ein viertel Liter Magermilch, ein paar Kartoffeln, ein wenig Gem\u00fcse. Jedes Gramm wird amtlich in Kalorien gemessen und zugeteilt. Die deutsche Auftragsverwaltung der Besatzungsmacht legt die kargen Einheiten f\u00fcr die Allgemeinheit fest, berechnet nach Personen, Alter und Beruf. Schwerarbeiter erhalten mehr, Kopfarbeiter weniger. Meine Mutter rationiert im Haushalt das Wenige, niemand wird satt. Nur Schieber, Schwarzmarktganoven und \u201eAmi-Flittchen\u201c k\u00f6nnen sich satt essen und Zigaretten rauchen. Die Schwarzmarktpreise sind hoch, das Geld ist nichts mehr wert, es mangelt an Tauschwaren. Die Notsituation l\u00e4sst meine Mutter verzweifeln. Jeder schielt argw\u00f6hnisch auf den Teller des anderen, ob er nicht ein Quantum zu wenig erhalten hat. Fressneid \u00fcberkommt die Esser, weil jeder zu kurz kommt. Wer am raschesten seine Portion hinunterschlingt, hat an manchen Tagen vielleicht eine Chance, noch einen kleinen Happen mehr zu bekommen. Die Rechnung geht meistens nicht auf, meine Mutter muss am Tisch mit eiserner Hand das Regiment der Zuteilung f\u00fchren. Doch erweist sich meine Mutter im Strecken von d\u00fcnnen Suppen und So\u00dfen, von Rationen und Resten als eine erfinderische K\u00fcchenmeisterin. Nicht eine vertrocknete Brotrinde wirft sie weg, jeder Krautstiel wird noch einmal zerkocht und jede angefaulte, verrunzelte Kartoffel verwendet. Wer solche Hungerzeiten erlebt hat, der wirft in guten Tagen kein St\u00fcck Brot mehr weg, der tupft auf seinem Teller den letzten Rest So\u00dfe auf. Am Ende eines jeden Monats gibt es eine braune, nach Inhalt und Kaloriengehalt nicht mehr bestimmbare Suppe, eine ekelhafte breiige Fl\u00fcssigkeit mit allen Essensresten. Sie dreht mir den Magen um. Ich weigere mich, dieses Zeug zu essen, doch meine Mutter droht mir mit dem Kochl\u00f6ffel. Widerwillig w\u00fcrge ich ein paar L\u00f6ffel voll Suppe hinunter. In der Notzeit gilt erst recht die alte Erziehungsmaxime: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Wie elend muss meine arme Mutter sich beim Anblick ihrer hungrigen f\u00fcnf Kinder gef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die T\u00fcr zum Bad, in dem ein hoher, wei\u00dfer Speiseschrank und eine Anrichte stehen, bleibt stets verschlossen. Meine Mutter gibt den Schl\u00fcssel nicht aus der Hand. Schon ein St\u00fcck Brot w\u00e4re es wert gewesen, zum Dieb zu werden. Die Nahrungshaltung im Bad wird durch die Raumnot erzwungen. In der eigentlichen Speisekammer, die an die K\u00fcche anschlie\u00dft, ist Gro\u00dftante Mariechen untergebracht. Sie war durch einen Bombenangriff obdachlos geworden. In unsere Wohnung ist nach Kriegsende zwangsweise eine weitere Familie einquartiert worden. Bald waren die beiden Familienv\u00e4ter so zerstritten, dass es zu Handgreiflichkeiten kam, vor denen wir Kinder uns f\u00fcrchteten. Der schlechte Geruch nach gekochtem Kraut und Runkelr\u00fcben str\u00f6mt aus zwei K\u00fcchen, in denen sich das t\u00e4gliche Leben abspielt. Der Badeofen wird nur einmal in der Woche, am Sonnabend, geheizt. Die rationierten Brennmittel, Briketts und Holz, ergeben h\u00f6chstens zwei erhitzte Wannen, in denen wir alle nacheinander baden m\u00fcssen, w\u00e4hrend meine Eltern streng \u00fcber die Vorr\u00e4te wachen. Das Badewasser \u00e4hnelt nach der Massenw\u00e4sche der Monatssuppe mit einem Klacks Seifenschaum darauf. Wir riechen penetrant nach Kernseife. Die hygienischen Verh\u00e4ltnisse sind miserabel. Nachts kriechen Wanzen aus den Tapeten und lassen sich auf uns hinunterfallen, bis meine Eltern einen Kammerj\u00e4ger holen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Wer kann in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft wirklich nachempfinden, wie wir gehungert haben? Eines Nachts qu\u00e4lt mich wieder der Hunger. Ich kann nicht einschlafen und kr\u00fcmme mich im Bett. Wie komme ich an etwas Essbares heran? Hat meine Mutter vergessen, das Badezimmer abzusperren? Die Frage treibt mich aus dem Bett. Ich schleiche durch den langen Flur an der Kammer vorbei, die fr\u00fcher Abstellplatz f\u00fcr Ger\u00e4te- und Ger\u00fcmpel war, nun aber f\u00fcr meinen Gro\u00dfvater als Schlafst\u00e4tte dient. Sie hat zwei Fenster, die jedoch nur in die Innenr\u00e4ume ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen, zum Flur hin und zum Badezimmer. Frischluft kann nur hereinflie\u00dfen, wenn das Badefenster zum Hof offen steht. Im Winter bleibt es jedoch wegen der K\u00e4lte geschlossen, weil es zu wenig Heizmaterial gibt. Im extrem kalten Winter 1946\/47 musste ich mit einem kleinen Leiterwagen halbverkohlte Holzbalken aus den Ruinen holen. Menschen hausten in Kellerr\u00e4umen halb zerst\u00f6rter Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-565 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-700x436.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"436\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-700x436.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-768x478.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-800x498.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004-482x300.jpg 482w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_004.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>N\u00fcrnberg, Altstadt mit Blick auf den Laufer Torturm, 1945<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Ich schl\u00fcpfe in die enge Notunterkunft meines Gro\u00dfvaters. Der ganze Raum riecht nach abgetragener Kleidung, nach ungewaschenen Socken, nach ausgetretenen Lederschuhen, nach Altpapier, nach Knoblauch, nach Bl\u00e4hungen, nach Schmutz unter dem Linoleum. Wir haben uns daran ebenso gew\u00f6hnt wie auf dem Bauernhof an den Geruch des Kuhmists und der Jauche. Mein Gro\u00dfvater sammelt in seiner Kammer alles, was m\u00f6glicherweise noch einmal zu gebrauchen ist, hebt auf der Stra\u00dfe gebrauchte N\u00e4gel und Schrauben auf, Holzst\u00fccke, Papiere, Blechst\u00fccke. Er hat die Notzeiten zweier Weltkriege \u00fcberlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-566 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005-700x1003.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1003\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005-700x1003.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005-209x300.jpg 209w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005-768x1101.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005-800x1147.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_005.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Mein Gro\u00dfvater Ottmar Mintzel, Sommer 1950<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nun liegt er wach im Bett und ist noch halb angezogen, weil ihn friert. Er fragt mich leise: \u201eWarum bist du nicht im Bett? Alle schlafen.\u201c \u2013 \u201eOpa, ich habe Hunger.\u201c \u2013 \u201eDu auch?\u201c Wir werden in dieser Nacht zu Komplizen. Der alte Mann stellt sich mit dem R\u00fccken an die Wand zum inneren Badefenster und verklammert seine H\u00e4nde zu einem Steigb\u00fcgel. Ich klettere \u00fcber sein Bett, stelle einen Fu\u00df auf seine Handfl\u00e4chen, \u00f6ffne das Fenster, hangle mich hin\u00fcber auf die andere Seite und taste mich, am Fensterrahmen festhaltend, mit den F\u00fc\u00dfen hinunter auf den Rand der eisernen Badewanne. Mit einem federnden Sprung lande ich auf dem Boden. Von drau\u00dfen dringt fahles Licht in den Raum. Ob meine Eltern etwas geh\u00f6rt haben? Der Brotkasten steht vor mir auf der Marmorplatte der Anrichte. Ich \u00f6ffne vorsichtig den Kasten und entnehme den angeschnittenen Laib Brot und das gro\u00dfe Brotmesser. Das schlechte Gewissen zu \u00fcberwinden, kostet mich Kraft. Hastig s\u00e4ble ich mit unge\u00fcbter Hand zwei Scheiben ab, eine f\u00fcr meinen Gro\u00dfvater, eine f\u00fcr mich, lege den Laib zur\u00fcck und schlie\u00dfe leise den emaillierten Brotkasten. Dann hangle ich mich \u00fcber die Badewanne und das L\u00fcftungsfenster zur\u00fcck auf die Handfl\u00e4chen meines Gro\u00dfvaters. Ich schlie\u00dfe das Fenster. Wir sprechen nur wenige Worte miteinander, nur die zur Absicherung unseres gemeinsamen Mundraubes notwendigen. Es versteht sich von selbst, dass keiner den anderen verraten wird. Zwei kleine Gauner, ein hagerer alter Mann und ein schm\u00e4chtiger Junge, sitzen still nebeneinander auf dem Bett und kauen bed\u00e4chtig an ihrer Brotscheibe. In dieser Situation l\u00f6sen die Ger\u00fcche in Gro\u00dfvaters Schlafkammer in mir heimelige Gef\u00fchle aus. Das mit gekochten Kartoffeln grob gebackene Brot schmeckt zwar fad und w\u00e4ssrig, denn auch der B\u00e4cker streckt das Brot, aber der Hunger l\u00e4sst keine Geschmacksfragen zu. Ich taste mich durch den langen Flur zur\u00fcck ins Kinderzimmer, in dem meine drei Br\u00fcder ruhig schlafen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nat\u00fcrlich entdeckte meine Mutter gleich am n\u00e4chsten Morgen den Diebstahl. Die Schnittfl\u00e4che war verr\u00e4terisch. Doch nach ein paar inquisitorischen Fragen gab sie auf. Vielleicht war sie unsicher geworden, ob sie nicht selbst den Brotkanten br\u00f6cklig geschnitten hatte. Einmal, es war im Jahre 1946 oder 1947, trat ich in die Schlafkammer meines Gro\u00dfvaters ein und sah den alten Mann weinen. Er erlebte keine guten Jahre mehr. Und ich kann kein Brot wegschmei\u00dfen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">In den Hungerjahren von 1945 bis 1947 hielten die Mieter in den N\u00fcrnberger Stadth\u00e4usern auf ihren Balkonen Kleinvieh, Kaninchen und H\u00fchner. Das Federvieh wurde an den F\u00fc\u00dfen mit kurzen Schn\u00fcren an das Balkongitter gebunden, damit es nicht davonflattern und in die Tiefe st\u00fcrzen konnte. Ich hielt Kaninchen in engen Holzkisten. Am Heiligen Abend musste ich eigenh\u00e4ndig eines schlachten und ihm das Fell abziehen, damit meine Mutter einen Weihnachtsbraten auftischen konnte. Ich war zw\u00f6lf Jahre alt, als ich zum ersten Mal zum Schlachten eines Kaninchens gezwungen wurde. Dies gebot die nackte Versorgungslage, niemand fragte danach, was die eigenh\u00e4ndige Schlachtung meines Lieblingstieres f\u00fcr mich bedeutete. Das Weihnachtsfest wurde zum traurigen Schlachtfest. Seither kann ich nicht die kleinste Kreatur t\u00f6ten, selbst Kellerasseln trage ich auf einem Blatt Papier nach drau\u00dfen. Im Grunde waren in der allgemeinen und allgegenw\u00e4rtigen Notsituation alle \u00fcberfordert: Mein Vater durch seine berufliche Krise und existenzielle Gef\u00e4hrdungen, meine Mutter durch die Aufzucht von f\u00fcnf kleinen Kindern, mein Gro\u00dfvater, dem im Alter von fast achtzig Jahren zu viel Arbeit aufgeb\u00fcrdet wurde, und ich durch famili\u00e4re Hilfspflichten, die weit \u00fcber das hinausgingen, was einem Kind dieses Alters h\u00e4tte zugemutet werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Verteidigung der <\/b><b>Hitlerpolitik<\/b><b> versus<\/b><b> Reeducation<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Kaum war der Krieg zu Ende, gab es viele, die behaupteten, sie h\u00e4tten alles so kommen sehen, doch h\u00e4tte es keiner laut sagen d\u00fcrfen. Meine Eltern geh\u00f6rten zu Verteidigern des \u201eguten Hitlers\u201c, der \u201eleider ein wenig zu weit gegangen war\u201c. Ich habe noch heute ihre Reden im Ohr. Wie st\u00fcnde Deutschland da, h\u00e4tte Hitler sich mit den Erfolgen begn\u00fcgt, die er bis 1938 errungen hatte? War es Hitler nicht gegl\u00fcckt, Deutschland eine gro\u00dfe Gestalt zu verleihen? Das \u201eDritte Reich\u201c w\u00e4re nicht untergegangen und \u201eGro\u00dfdeutschland\u201c st\u00fcnde glorreich da, h\u00e4tte er nicht diesen verh\u00e4ngnisvollen Krieg begonnen. Und &#8222;das mit den Juden&#8220;, das h\u00e4tte man auch nicht machen sollen, in dieser Frage sei er zu weit gegangen. Die meisten standen noch hinter dem Hitler von 1938. Bis dahin sei alles gut gegangen, so sagten sie, er habe bis dahin erfolgreich Politik gemacht und viel Gutes erreicht. \u201eDer F\u00fchrer\u201c habe doch die Autobahn gebaut, der Arbeitslosigkeit ein Ende bereitet, Ordnung und Sicherheit geschaffen und die Kriminalit\u00e4t einged\u00e4mmt. Noch weit in die 1950er Jahre hinein wurden mit diesen Argumenten Hitlers schreckliche Verbrechen und der Genozid verharmlost und verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die US-amerikanische Besatzungsmacht versuchte mit ihrer Reeducationpolitik die deutschen Jugendlichen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie aufgewachsen waren, zu demokratischen Jungb\u00fcrgern umzuerziehen, setzte der Rassenideologie die Menschenrechte entgegen und machte uns mit den hehren Worten der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1776 bekannt: \u201eWir halten diese Wahrheiten f\u00fcr ausgemacht, dass alle Menschen gleich geschaffen worden, dass sie von ihrem Sch\u00f6pfer mit gewissen unver\u00e4u\u00dferlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit\u2026\u201c. Die Amerika-H\u00e4user waren Orte der geselligen Begegnung, ausgestattet mit einer Bibliothek und mit einem Kinoraum. In Leser\u00e4umen waren Zeitungen, Zeitschriften und Brosch\u00fcren ausgelegt, die \u00fcber die Politik und den <i>way of life <\/i>einer freiheitlichen Gesellschaft berichteten. In Filmen wurde uns das reiche Land gezeigt, die US-amerikanische Agrarindustrie beim Ernten vorgef\u00fchrt und aus der Geschichte der USA erz\u00e4hlt. Angesichts der Ruinenlandschaften und des entbehrungsreichen Alltags \u00fcberw\u00e4ltigten mich diese Filme und Berichte. Sie erschienen mir wie Botschaften aus einem \u201egelobten Land.\u201c Ich entlieh im Amerika-Haus h\u00e4ufig B\u00fccher, bl\u00e4tterte in den Brosch\u00fcren, besuchte Filmvorf\u00fchrungen und begann die amerikanischen Truppen nicht mehr als \u201eBesatzer\u201c zu betrachten, sondern als Menschen, die etwas Neues, Erstrebenswertes und Lebensfrohes aus ihrer Welt her\u00fcberbrachten. Neben der Welt der Besiegten, die wir im Elternhaus erlebten, gab es nun die Parallelwelt der US-amerikanischen Besatzungsmacht. Der amerikanische Milit\u00e4r-Radiosender \u201eAmerican Forces Network\u201c (AFN) unterhielt die Truppen mit amerikanischer Musik, mit Dixie, Swing, Blues und Jazz. Die Musik schallte aus den Milit\u00e4rquartieren und beschlagnahmten Villen. Mein Vater verbot uns diesen Sender der \u201eunkultivierten Besatzer&#8220; einzuschalten, bewirkte damit aber das Gegenteil. Hatte er die Wohnung verlassen, h\u00f6rte ich den AFN so oft wie m\u00f6glich. Das war eine ganz andere Klangwelt, als die der stiefelstampfenden NS-Soldatenlieder, die immer noch in unseren K\u00f6pfen dr\u00f6hnten. Einen meiner damaligen Lieblingssongs des Glenn Miller Orchestra kann ich heute noch singen: \u201e\u2026maybe is that the Chattanooga Choo Choo\u2026\u201c. Als dann im Jahre 1950 ein US-amerikanisches <i>pen-pal<\/i>-Programm deutschen Jugendlichen die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnete, mit amerikanischen Jugendlichen Brieffreundschaften zu schlie\u00dfen, begann ich sofort eine flei\u00dfige Korrespondenz mit mehreren jungen Amerikanerinnen. Die Korrespondenz mit Ellen Ch. Boyd aus Tracy City in Tennessee m\u00fcndete in eine herzliche Freundschaft, die bis in die 1980er Jahre w\u00e4hren sollte. Ich besuchte Ellen und ihren Ehemann William Stamler auf zwei Reisen in den USA.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Das positive Amerika-Bild, das aus der Reeducation-Zeit in unseren Vorstellungen h\u00e4ngen geblieben war, erhielt Anfang der 1960er Jahre h\u00e4ssliche Kratzer. Die Rassenunruhen und die Ermordung Martin Luther Kings, der weiter schwelende allgegenw\u00e4rtige Rassismus, die Ermordung John F. Kennedys, die plutokratischen Ausw\u00fcchse der US-amerikanischen Demokratie und Innenpolitik, die grausame amerikanische Kriegf\u00fchrung in Vietnam, der Einsatz von Folter und Rechtsentzug, die L\u00fcgenpropaganda zur Rechtfertigung von Angriffskriegen \u2013 all diese Ereignisse und Vorg\u00e4nge verd\u00fcsterten das Bild von den USA. Die westliche Vormacht missachtete die proklamierten Menschenrechte und benutzte himmelschreiende Praktiken, um Feinde zu qu\u00e4len und Informationen zu erpressen. Das positive Amerika-Bild aus der Nachkiegszeit, das die Reeducation-Politik hervorgerufen hatte, wirkte aber insoweit nach, als dass es bei einem Teil der Kriegsgeneration in den sp\u00e4teren Auseinandersetzungen eine gewisse Bei\u00dfhemmung aktivierte. Die befriedenden Leistungen der US-amerikanischen Nachkriegspolitik, der Marshall-Plan und die Etablierung einer funktionierenden Demokratie relativierten die negativen Eigenschaften des transatlantischen Partners.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-567 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006-700x450.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006-700x450.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006-768x494.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006-800x514.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/06_006.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Wie die anderen deutschen L\u00e4nder wird Bayern im 2. Weltkrieg von den Alliierten bombardiert. Das Photo zeigt einen Teil der zu 51 % zerst\u00f6rten Stadt N\u00fcrnberg. Photo: Hochbauamt der Stadt N\u00fcrnberg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des 6. Juli 1945 erhielt mein Vater einen Brief, der meine ganze Familie von einem Tag auf den anderen in eine katastrophale Lage brachte: Sofortige Suspension vom Amt in der Stadtverwaltung N\u00fcrnberg, 5. Juli 1945; eine R\u00fcckkehr in den \u00f6ffentlichen Dienst war bis zum Jahr 1950 nicht m\u00f6glich. \u201eDie Alliierte Milit\u00e4r-Regierung hat am&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[310,308,309,311],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":594,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44\/revisions\/594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}