{"id":50,"date":"2016-05-08T18:35:22","date_gmt":"2016-05-08T16:35:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=50"},"modified":"2019-02-11T10:06:33","modified_gmt":"2019-02-11T09:06:33","slug":"7-kapitel-die-groessten-mordprozesse-der-weltgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/05\/08\/7-kapitel-die-groessten-mordprozesse-der-weltgeschichte\/","title":{"rendered":"7. Am US-Milit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg (1947\u20131949) \u2013 \u201eKurierdienste\u201c f\u00fcr die Verteidigung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Zur Rolle meines Vaters als Verteidiger<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einmal im Leben stand mein Vater auf dem Podium der politischen Weltb\u00fchne. Im Oktober 1947 bot sich ihm die Chance, am US-amerikanischen Milit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg in Prozessen gegen Kriegsverbrecher als Verteidiger mitzuwirken. In seinem bisherigen Berufsleben als Jurist war dies die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung und interessanteste Aufgabe, die er je hatte. Ich erinnere mich noch lebhaft an einzelne Ereignisse, weil mein Vater mich dann und wann im Rahmen seiner Arbeit mit Sonderaufgaben bedachte. Obwohl ich in dieser Zeit meinen Vater so gut wie nie am Tage antraf und ihn nur nachts in seinem Arbeitszimmer beim Aktenstudium sah, gab es Momente, in denen ich wiederum zu einem kleinen Zeitzeugen wurde. Ab und zu kamen Entlastungzeugen zu uns nach Hause und f\u00fchrten mit meinem Vater n\u00e4chtelange Gespr\u00e4che. Es war dann von \u201eKreuzverh\u00f6ren\u201c die Rede, die aber, so viel ich mith\u00f6ren konnte, freundlich waren und manchmal in einem Bes\u00e4ufnis endeten. Einmal n\u00e4chtigte ein betrunkener Zeuge in unserer Badewanne. Ich erinnere mich noch an den Namen. Meine Mutter sagte am n\u00e4chsten Morgen am\u00fcsiert zu mir: \u201eHerr von Lepel ist heute Nacht in die Badewanne gefallen\u201c. Gunther Carl Wilhelm Freiherr von Lepel, ein Milit\u00e4r und sp\u00e4terer Filmproduzent, war w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges Hauptmann der Nachrichtentruppe gewesen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-568 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg-700x564.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg-700x564.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg-300x242.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg-768x619.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg-800x645.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_001-schellenberg_Nu\u0308rnberg.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Blick in den Gerichtssaal des Wilhelmstra\u00dfen-Prozesses; Walter Schellenberg in der zweiten Reihe, zweiter von rechts; Bild: USHMM, courtesy of Robert Kempner, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=2039209<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozesse (20.11.1945\u201314.04.1949) umfassten den Prozess des Internationalen Milit\u00e4rtribunals gegen die Hauptkriegsverbrecher und die so genannten zw\u00f6lf Nachfolgeprozesse (Fall I\u2013XII) vor dem US-amerikanischen Milit\u00e4rgerichtshof. In den Folgeprozessen wurden Angeh\u00f6rige verschiedener Institutionen des Dritten Reiches vor Gericht gestellt, die sich an NS-Verbrechen beteiligt hatten: Diplomaten, Industrielle, Gener\u00e4le, \u00c4rzte, SS-angeh\u00f6rige Juristen und andere Gruppen. Allen Angeklagten standen Verteidiger zur Seite. Mein Vater war im Fall IX, dem sogenannten \u201eEinsatzgruppen-Prozess\u201c (15.09. 1947-10.04.1948) an der Verteidigung von Otto Ohlendorf und Martin Sandberger sowie im Fall XI, dem \u201eWilhelmstra\u00dfen-Prozess\u201c (04.11.1947-14.04.1949), an der Verteidigung Walter Schellenbergs beteiligt. Jede Anstellung von Verteidigern und Hilfsverteidigern bedurfte der offiziellen Zustimmung des amerikanischen \u201eChief of Counsel for War Crimes\u201c. Allerdings konnten die Verteidiger, allesamt deutsche Juristen, bei der Auswahl ihrer Hilfsverteidiger personelle Vorschl\u00e4ge unterbreiten. Wie kam mein Vater, der ein begeisterter Nazi gewesen war und auch nach dem Untergang des Dritten Reiches noch an die deutsche Volksgemeinschaft und an die guten Seiten des F\u00fchrers geglaubt hatte, zu seiner Rolle als Hilfsverteidiger in den N\u00fcrnberger Prozessen? Warum lie\u00df das amerikanische Gericht Verteidiger zu, von denen es gewusst haben muss, dass sie Anh\u00e4nger des NS-Regimes gewesen waren?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-569 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002-700x492.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002-700x492.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002-768x540.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002-800x563.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_002.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Zulassung meines Vaters zu den US-Milit\u00e4rgerichtsh\u00f6fen in N\u00fcrnberg; Dokument aus dem Prozess-Nachlass meines Vaters<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es waren Juristen-Netzwerke und gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde, die den Weg ins Milit\u00e4rtribunal zug\u00e4nglich machten. Mein Vater hatte unter N\u00fcrnberger Kollegen, die nach dem Krieg als Anw\u00e4lte praktizieren und in ihren Kanzleien juristische Hilfskr\u00e4fte einstellen durften, Helfer und F\u00fcrsprecher. So entwickelte sich aus seiner Bewerbung auf eine juristische Aushilfsstelle bei einem Rechtsanwalt \u00fcber dessen Kontakte der Eintritt in einige der gr\u00f6\u00dften Mordprozesse der Weltgeschichte. Der Verteidiger des Angeklagten Otto Ohlendorf, Dr. Karl Gick, ben\u00f6tigte einen Assistenten und schlug kurz entschlossen beim Chief of Counsel meinen Vater als Hilfsverteidiger vor. Der Angeklagte Ohlendorf war der ehemalige Leiter der Staatssicherheits-Organisation im Reichssicherheitshauptamt und der Einsatzgruppe in S\u00fcdrussland (1941\/42). Er war f\u00fcr die Ermordung von rund 90.000 Zivilisten verantwortlich. Er wurde 1948 zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 hingerichtet. Noch bevor die endg\u00fcltige Zustimmung der zust\u00e4ndigen US-Instanz am 16.10.1947 eintraf, nahm mein Vater die Arbeit auf. So wurde also ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Bekenner der nationalsozialistischen Weltanschauung binnen zwei Wochen am Milit\u00e4rtribunal zugelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-570 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003-700x492.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003-700x492.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003-768x540.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003-800x562.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_003.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Visitor&#8217;s Pass f\u00fcr Kurt O. Mintzel vom 20.10.1947, der ihm den Zugang zum Justizpalast erlaubte, um die Gespr\u00e4che \u00fcber seine Zulassung als Verteidiger zu f\u00fchren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit dem Verteidiger Dr. Karl Gick arbeitete mein Vater allerdings nur kurze Zeit zusammen. Schon am 15.12.1947 wechselte er zu Bolko von Stein \u00fcber, der die Angeklagten Eduard Strauch und Martin Sandberger vertrat. Zwei Monate sp\u00e4ter trat mein Vater bei Dr. Fritz Riedinger unter Vertrag, der im Fall XI den Angeklagten Walter Schellenberg verteidigte. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den zweifachen Wechsel blieben mir unbekannt. Dr. Riedinger schloss mit meinem Vater am 20. Februar 1948 einen internen Arbeitsvertrag, in dem sie ihre Zusammenarbeit parit\u00e4tisch regelten und die Bez\u00fcge und Honorare zu gleichen Teilen festsetzten. Jeder sollte monatlich 1.750,00 Reichsmark erhalten. Beide wollten im Fall XI im Vollstatus eines Verteidigers gleichberechtigt vor dem Gericht auftreten. Der Chief of Counsel stimmte zwar dem Personalwechsel zu, akzeptierte aber nicht die parit\u00e4tischen Vereinbarungen. Mein Vater fungierte weiterhin offiziell als Hilfsverteidiger, obschon er Schellenberg gleichberechtigt im Sinne des mit Riedinger geschlossenen Untervertrages verteidigte. Der Fall XI nahm ihn \u00fcber ein Jahr lang Tag und Nacht in Beschlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Angeklagte Walter Schellenberg (1910-1952), von Beruf Jurist, hatte nach dem zweiten Staatsexamen rasch eine steile NS-Karriere durchlaufen. Der SS-F\u00fchrer war im engsten Umfeld des NS-Machtzentrums des Dritten Reiches, im Reichshauptsicherheitsamt, t\u00e4tig gewesen. Er war in den Jahren 1939 bis 1944 vom SS-Standartenf\u00fchrer zum SS-Brigadef\u00fchrer (1941) und danach zum Generalmajor der Geheimen Staatspolizei aufgestiegen. In den Jahren von 1939 bis 1941 war er f\u00fcr die polizeiliche Spionageabwehr im Inland zust\u00e4ndig und 1941 an der Zerschlagung der Widerstandsgruppe \u201eRote Kapelle\u201c beteiligt. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20.07.1944 war er zu Hitlers Geheimdienstchef avanciert. Bis zum Kriegsende hatte er dem Auslandsnachrichtendienst vorgestanden, einer NS-Institution, die ein Netz von Agenten unterhalten und mit ausl\u00e4ndischen faschistischen Gruppen kooperiert hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Mitwirkung von Verteidigern mit NS-Vergangenheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Zulassung meines Vaters als Hilfsverteidiger zu einem Zeitpunkt, an der noch nicht einmal durch ein Entnazifizierungsverfahren gegangen war, stellte keine ungew\u00f6hnliche Besonderheit dar, sondern passte zu den US-amerikanischen Verfahrensregeln eines <em>fair trial<\/em> und <em>due process<\/em>.\u00a0 Die Mitwirkung von Verteidigern mit NS-Vergangenheit war sogar ein vom Tribunal erw\u00fcnschtes Kriterium f\u00fcr die Anstellung, solange sie im Sinne des Entnazifizierungsgesetzes von 1946 nur als \u201eMitl\u00e4ufer\u201c eingestuft worden waren. Der Anteil von ehemaligen NSDAP\u2013Mitgliedern unter den Verteidigern betrug bis zu zwei Dritteln. (NMT = N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal 1950, 50) Unter den zugelassenen Verteidigern gab es sogar ehemalige Mitglieder der SA und SS. Die auff\u00e4llige H\u00e4ufigkeit von Parteizugeh\u00f6rigkeit hatte haupts\u00e4chlich zwei Gr\u00fcnde: Zum einen war der deutsche Justiz- und Verwaltungsapparat eng mit dem NS-Regime verflochten gewesen, so dass Parteimitgliedschaft die Regel gewesen war. (NMT 1950, 50f, 609; Doerries 2009, 251). Zum anderen wollten die Ankl\u00e4ger den Vorwurf entkr\u00e4ften, es handle sich bei den Prozessen um Siegerjustiz und Schauprozesse (NMT 1950, 18, 58, 607). Diesem Generalvorwurf, der in der deutschen Nachkriegs\u00f6ffentlichkeit und in Juristenkreisen virulent war, wollten die US-amerikanischen Ankl\u00e4ger mit Prinzipien eines <em>fair trial<\/em> und <em>due process<\/em> entgegentreten. Sie verfolgten deshalb penibel Verfahrensregeln, die den Verteidigern im Prozessverlauf einen gro\u00dfen Freiraum zugestanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die meisten Verteidiger waren folglich keine politisch neutralen Rechtsbeist\u00e4nde, sondern mit der Sache ihrer Mandanten verbunden. Unabh\u00e4ngig vom Einzelfall und von der Anklage bestand die Aufgabe eines Strafverteidigers im Sinne eines <em>fair trial<\/em> darin, alles anzuf\u00fchren, was zu einer Entlastung seines Mandanten f\u00fchren konnte, und alles zu unterlassen, was dem Angeklagten angelastet werden k\u00f6nnte. Die Rolle eines Verteidigers lie\u00df sich ohne eine gewisse Parteilichkeit also nicht ausf\u00fcllen. Als Gegenspieler des Ankl\u00e4gers entwickelten die deutschen Anw\u00e4lte Verteidigungsstrategien, die dem \u201eSiegertribunal\u201c nicht nur die Legitimation absprachen, sondern auch die Anklagepunkte in Frage stellten und zu widerlegen versuchten. Diese Rolle brachte die Verteidiger somit nicht zwingend in einen inneren Konflikt mit ihrer NS-Vergangenheit. Allerdings schwelte unausgesprochen und unterschwellig die Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Vergangenheit. Ich wei\u00df sicher, dass mein Vater noch bis in die 1950er Jahre hinein die ehemaligen Alliierten allgemein und die Amerikaner in der US-amerikanischen Besatzungszone als Feinde und Okkupanten betrachtete. Seine Rolle als Verteidiger vertrug sich also mit seinen politischen Ansichten und seiner Gesinnung. Er kam, soweit ich es beurteilen kann, anscheinend in keinen grunds\u00e4tzlichen Konflikt mit seiner politischen Weltanschauung. Er musste seine vom Nationalsozialismus gepr\u00e4gten Anschauungen nicht generell verraten oder ihnen abschw\u00f6ren. Zu den Angeklagten, die er vertrat, pflegte er ein verst\u00e4ndnisvolles und im Falle Walter Schellenbergs ein fast freundschaftliches Verh\u00e4ltnis. Er wollte als Verteidiger die Siegerjustiz mit den ihm zugestandenen Rechtsmitteln unterlaufen und seine Mandanten, wie es in der Sprache schlagender Studentenverbindungen hei\u00dft, \u201eherauspauken\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die ungeschriebenen \u201eGedanken und Notizen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bis heute kann ich mich nicht wirklich mit seinem Schweigen abfinden. Viel Frust macht sich dar\u00fcber breit, dass mein Vater niemals Grunds\u00e4tzliches und Biografisches \u00fcber seine Rolle und Erlebnisse in diesem Jahrhundertprozess niederschrieb. Er, der trotz anstrengender Berufsarbeit und schwieriger Familienverh\u00e4ltnisse bis in die sp\u00e4ten Nachtstunden hinein Geschichtswerke und historische Romane verschlungen hatte, blieb stumm. Man k\u00f6nnte den ungeschriebenen pers\u00f6nlichen Bericht f\u00fcr symptomatisch halten f\u00fcr das Schweigen und Verschweigen dieser Generation. Mein Vater \u00e4u\u00dferte sich sp\u00e4ter nur mehr in Gespr\u00e4chen im kleinen Kreis \u00fcber die Prozesse, und dies auch nur sporadisch und wenig tiefgr\u00fcndig. Dabei h\u00e4tte er so viel berichten, dokumentieren und zeitgeschichtlich Bedeutendes, ja weltgeschichtlich Wichtiges mitteilen k\u00f6nnen. Warum hat ihn sein reges Interesse an historischen Vorg\u00e4ngen nicht dazu motiviert? Er h\u00e4tte zu einem bedeutenden Zeitzeugen werden k\u00f6nnen. Ich habe es ihm sp\u00e4ter, als ich mich als Sozialwissenschaftler und Zeithistoriker mit der Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und mit Bayerns Weg in die Moderne befasst habe, fast \u00fcbelgenommen, seine Riesenchance nicht ergriffen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-571 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004-700x993.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"993\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004-700x993.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004-768x1089.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004-800x1135.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_004.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Passierschein f\u00fcr Medizinalrat Felix Kersten und Begleitperson vom 19. April 1945, ausgestellt von SS-Brigadef\u00fchrer, Generalmajor der Waffen-SS und Polizei Walter Schellenberg; Dokument aus dem Prozess-Nachlass meines Vaters<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater hatte als Verteidiger tiefe Einblicke in die NS-Todesmaschinerie erhalten. Die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen waren zu ungeheuerlich und abscheulich, um seine vom Nationalsozialismus gepr\u00e4gte politische Ideologie ungebrochen aufrechterhalten zu k\u00f6nnen. Seine inneren ideologischen Bindungen begannen sich zu lockern und abzuschw\u00e4chen. Am Ende schien er sich mit der politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland vers\u00f6hnt zu haben. Seine ver\u00e4nderte politische Einstellung f\u00fchrte in den 1960er Jahren zum Bruch mit Bundesbr\u00fcdern der schlagenden Burschenschaft \u201eFrankonia\u201c, die stark rechts ausgerichtet und zum Teil noch der NS-Ideologie h\u00f6rig war. Die \u201eFrankonia\u201c geriet auch sp\u00e4ter wiederholt ins Visier des Verfassungsschutzes (SZ Nr. 268, 20.11.2015, S. 49). Wahrscheinlich war die bittere Erkenntnis, sich in der Jugend und in fr\u00fchen Mannesjahren politisch-ideologisch verrannt und falsche Opfer gebracht zu haben, der Grund daf\u00fcr, dass er nie zu einem pers\u00f6nlichen Rechenschaftsbericht ansetzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater war nicht der einzige unter den fast zweihundert Verteidigern und ihren Assistenten, der sich nicht mehr aufraffte, \u00fcber seine Rolle und Arbeit zu berichten. Nur wenige bem\u00fchten sich sp\u00e4ter dar\u00fcber zu schreiben. Unter ihnen waren der sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker (1920-2015) und Alfred Seidl (1911-1993). Letzterer wurde 1958 Mitglied des Bayerischen Landtags, avancierte 1974 zum Staatssekret\u00e4r im bayerischen Justizministerium und 1977 zum bayerischen Staatsminister des Inneren. Seidl, eine politisch rechtsstehende Pers\u00f6nlichkeit, rollte nach seiner Pensionierung als ehemaliger Verteidiger den Fall Rudolf He\u00df aus seiner pers\u00f6nlichen Perspektive in Dokumentationen auf (Seidl, 1986, 1988). Richard von Weizs\u00e4cker beteiligte sich wie mein Vater als Hilfsverteidiger im Prozess gegen seinen Vater Ernst von Weizs\u00e4cker. Der \u201eDiplomat des Teufels\u201c, wie sein Vater genannte wurde, war wegen seiner aktiven Mitwirkung bei der Deportation franz\u00f6sischer Juden nach Auschwitz angeklagt worden. Im Gegensatz zu meinem Vater nahm der vierzehn Jahre j\u00fcngere Richard von Weizs\u00e4cker sp\u00e4ter in Wort und Schrift zum Prozess und zu seiner Rolle \u00f6ffentlich Stellung (Richard v. Weizs\u00e4cker, 1997; Spiegel online. Einestages; FAZ Nr. 54, 05.03.2005,S. 39). Er hielt die Anklage gegen seinen Vater f\u00fcr \u201eungerecht und unmoralisch\u201c und wollte die Familienehre wiederherstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u201eKurierdienste\u201c f\u00fcr die Verteidigung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als ich 1978 im Rahmen des deutsch-amerikanischen OMGUS-Projektes in den USA in den National Archives arbeitete, wollte der damalige Archivar John Mendelsohn, der den Fall IX dokumentiert und mir Akten meines Vaters gezeigt hatte, nicht glauben, dass mit Personen, die zur Entlastung Schellenbergs Wichtiges beitragen konnten, abseits der amerikanischen Kontrollen Kontakte hergestellt worden waren. Mendelsohn war sich sicher, dass den strengen Kontrollen nichts entgangen sein konnte. Er war erstaunt, als ich ihm erz\u00e4hlte, dass mein Vater mich in solchen F\u00e4llen ab und zu als \u201eKurier\u201c eingesetzt hatte. Ich erinnere mich noch gut an den Ort und die Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-584 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut-700x803.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"803\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut-700x803.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut-261x300.jpg 261w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut-768x881.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut-800x918.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_005-schellenberg-1cut.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Walter Schellenberg, so wie ich ihn von meinen \u201eKurierdiensten\u201c in Erinnerung habe; Bearbeitetes Bild, Grundlage: US Army photographers on behalf of the OUSCCPAC or its successor organisation, the OCCWC [Public domain], via Wikimedia Commons: https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Walter_Schellenberg.jpg<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schellenberg war sterbenskrank. Aus diesem Grund war er nicht wie die anderen Angeklagten im Gef\u00e4ngnis des N\u00fcrnberger Justizpalastes in Gewahrsam, sondern unter strenger Bewachung in einem Geb\u00e4ude der Innenstadt in medizinischer Behandlung. Vor dem Krankenzimmer sa\u00dfen zwei schwarze amerikanische Bewacher, jeder mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Sie kontrollierten jeden Vorgang. Selbstverst\u00e4ndlich hatten nur autorisierte Personen wie die Verteidiger Zutritt zu den Gefangenen. Wie es meinem Vater gelungen war, mir freien Zugang zu verschaffen, wei\u00df ich bis heute nicht. Er hatte mich mehrmals zu seinen Unterredungen mit Schellenberg mitgenommen, so dass ich den Bewachern als <em>son of the attorney<\/em> bekannt war. Ich habe meinen Vater leider niemals danach gefragt, wie mein Zugang zu Schellenberg m\u00f6glich wurde. Jedenfalls konnte ich ohne besondere Umst\u00e4nde oder Formalien den Raum betreten und mich mit Schellenberg unterhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schellenberg residierte wie ein Monarch auf seinem Bett. Er war, wenn ich ihn besuchte, immer gut gestimmt, so schien es mir wenigstens. Ich trat an sein Bett und \u00fcbergab ihm etwas. Er fragte nach meinen Interessen, wollte wissen, was ich gerade lese, und zeigte sich neugierig zu wissen, was ich so treibe. Als ich ihm erz\u00e4hlte, dass ich gerade die B\u00fccher der Afrikaforscher Livingsten und Stanlay lese und gern einmal nach Afrika fahren w\u00fcrde, versprach er mir f\u00fcr den Fall, dass er freikommen werde, eine Reise nach Afrika. War es eine blo\u00dfe Nettigkeit? Aus der Afrikareise ist nichts geworden. Schellenberg wurde 1950 begnadigt und starb 1952 in Trient (Paehler 2015, 29-56).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater hatte mich ohne viele Worte zu einem \u201eKurier\u201c gemacht. Ich trug, wie das damals \u00fcblich war, eine kurze Lederhose, die an ihren Beinenden umgeschlagen war. Der Umschlag war so breit, dass man dahinter etwas Unauff\u00e4llig verstecken konnte. Mein Vater benutzte meine freie Zugangsm\u00f6glichkeit f\u00fcr allerlei Botschaften an den Angeklagten. Er beauftragte mich, die auf kleinen Papierr\u00f6llchen oder Zettelchen geschriebenen Informationen im Umschlag der Lederhose ins Krankenzimmer zu schmuggeln. Die schwarzen Bewacher lie\u00dfen mich immer freundlich eintreten. Ich wusste selbstverst\u00e4ndlich nichts \u00fcber den Inhalt dieser \u201eKassiber\u201c. Ein Schreiben meines Vaters vom 19.04.1948 l\u00e4sst erahnen, um welche Botschaften es sich gehandelt haben k\u00f6nnte. Es best\u00e4tigt und dokumentiert einen der inoffiziellen Schleichwege und wom\u00f6glich einen meiner \u201eKurierdienste\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">N\u00fcrnberg, den 19.04.1948. (Schreiben an Herrn Felix Kersten, Medicinalrad, Stockholm, Lennegatan 8)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>\u201eSehr geehrter Herr Kersten,<\/em><br \/>\n<em>ich komme heute im Auftrag unseres Freundes Schellenberg mit einer ganz besonderen Bitte zu Ihnen. Nach der Venlo-Aff\u00e4re im November 1939 ist nach unserer Kenntnis der Chef des Informationsdienstes im niederl\u00e4ndischen Generalstab Generalmajor van Oorchot seines Amtes enthoben worden. F\u00fcr diese Tatsache ben\u00f6tigen wir nun m\u00f6glichst umgehend ein Beweisst\u00fcck in Gestalt eines Dokuments oder der Bekundung einer von diesem Vorgang unterrichteten Person.<\/em><br \/>\n<em>Da wir selbstverst\u00e4ndlich gro\u00dfe Schwierigkeiten haben werden, ein solches Beweisst\u00fcck irgendwie auf offiziellem Weg zu beschaffen, wende ich mich an Sie, mit der Bitte, in dieser Sache zu helfen. Denn Ihnen d\u00fcrfte es ja wohl nicht so schwer sein, aus den Niederlanden das entsprechende zu beschaffen. Sie verstehen sicher, dass bei der Bedeutung der Aufhellung des Sachverhaltes im Zusammenhang mit dem Zwischenfall Venlo f\u00fcr das Schicksal Schellenbergs irgendwelche politischen oder sonstigen Gr\u00fcnde gegen\u00fcber der Gestaltung seines Schicksals zur\u00fcckgestellt werden m\u00fcssen. Die Beschaffung dieses Beweisst\u00fcckes w\u00fcrde allerdings eilen und ich vertraue darauf, dass Sie dieser Situation Rechnung tragen werden. <\/em><br \/>\n<em>Mit vorz\u00fcglicher Hochachtung. <\/em><br \/>\n<em>Ihr sehr ergebener gez. Kurt O. Mintzel.\u201c<\/em><br \/>\n(Aus dem Nachlass meines Vaters)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Mit \u201cFrau General \u201cIrene Schellenberg ans Krankenlager<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-573 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006-700x990.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"990\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006-700x990.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006-768x1086.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006-800x1132.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_006.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Walter Schellenberg, SS-Brigadef\u00fchrer, Generalmajor der Waffen-SS und Polizei und seine zweite Frau Irene Schellenberg, geb. Grosse-Sch\u00f6nepauck; Bild: S\u00fcddeutsche Zeitung \/ Enigma Archive<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater betraute mich gewisserma\u00dfen auch mit einem \u201ePersonenschutz-Dienst\u201c. Er beauftragte mich die \u201eFrau General\u201c, Irene Schellenberg, ans Krankenlager ihres Mannes zu begleiten. Die zweite Ehefrau Schellenbergs, eine geborene Irene Grosse-Sch\u00f6nepauck, war eine wundersch\u00f6ne Frau. Sie war die Tochter einer Polin. Heinrich Himmler hatte sein Einverst\u00e4ndnis geben m\u00fcssen, als Schellenberg sie 1940 heiratete. Bei ihren Besuchen bei uns war sie immer extravagant und k\u00f6rperbetont gekleidet. Sie hatte eine schlanke Figur, selbst auf buckeligem Kopfsteinpflaster konnte sie in ihren schmalen Schuhen auf hohen Abs\u00e4tzen noch elegant dahinschreiten. Ging sie aus dem Haus, trug sie einen schwarzen Hut mit geschwungener breiter Krempe. Ihre Erscheinung hatte etwas von einer Diva. In dem vom Bombenkrieg zerst\u00f6rten N\u00fcrnberg erweckte sie, wenn ich sie durch die schmutzigen Stra\u00dfen zu ihrem Mann begleitete, gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Die schlecht gekleideten Nachkriegsdeutschen merkten sofort, dass sie einer Dame von Welt begegneten, jedenfalls einer Person, der eine besondere Prominenz zuzuschreiben war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Care-Pakete aus Schweden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Anstellung meines Vaters am N\u00fcrnberger Milit\u00e4rgerichtshof ver\u00e4nderte schlagartig die Situation der Familie. Mein Vater verdiente als Verteidiger fast das Doppelte des Gehalts, das er am Ende des Krieges als Oberverwaltungsrat bezogen hatte. Zus\u00e4tzlich zu seinem Einkommen in Geld wurde er materiell entlohnt: Er bekam monatlich eine Stange Zigaretten der Marke Lucky Strike und durfte in der Kantine des Milit\u00e4rgerichtshofes essen. Die Kantine im Justizgeb\u00e4ude bot in der damaligen Notzeit au\u00dfergew\u00f6hnlich gute Mahlzeiten, was die h\u00e4usliche Lebensmittelversorgung entlastete. Die Verteidigung Schellenbergs f\u00fchrte 1948 nach Schweden zu Kontakten mit schwedischen Entlastungszeugen, vor allem mit Graf Folke Bernadotte, Carl Herslow und Alvar M\u00f6ller. Mit Herslow, der bei uns zu Hause mit meinem Vater Fragen der Verteidigung Schellenbergs besprach, lernte ich noch einen prominenten schwedischen Verbindungsmann zum Dritten Reich pers\u00f6nlich kennen. M\u00f6ller hatte nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler mit Walter Schellenberg Kontakt aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Herslow verbesserte \u00fcber seine Verbindung zur \u201eDeutschen Z\u00fcndholzfabriken Aktiengesellschaft\u201c unsere Verpflegung mit Lebensmitteln. Alvar M\u00f6ller, ein Topmanager der \u201eSvenska Taendsticks Aktiebolaget\u201c, der Schwedischen Z\u00fcndholz Aktiengesellschaft, veranlasste vom Fr\u00fchjahr 1948 an, dass wir monatlich ein gro\u00dfes Care-Paket mit Grundnahrungsmitteln erhielten. Die Sendungen enthielten Mehl, Schmalz, Dosenfleisch, Trockenmilch und andere hochwertige Genussmittel. Jedes Mal, wenn ein Paket angekommen war, versammelten wir uns in der warmen K\u00fcche, in der sich in diesen Notjahren das Leben haupts\u00e4chlich abspielte, und \u00f6ffneten es unter gro\u00dfem Jubel. Diese Liebesgaben-Pakete, so wurden sie deklariert, machten der schlimmsten Hungerzeit ein Ende, wenngleich die kargen Jahre erst nach der W\u00e4hrungsreform vor\u00fcber waren. Ich bedankte mich f\u00fcr die Lebensmittelsendungen mit Malereien aus meiner Hand, wof\u00fcr mir Alvar M\u00f6ller im Auftrag von Herslow noch zum Weihnachtsfest 1951 hundert Deutsche Mark schenkte. Das war damals der halbe Monatslohn eines Arbeiters und erst recht f\u00fcr einen F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen enorm viel Geld.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So willkommen das hohe Einkommen meines Vaters auch war, die Kaufkraft der Reichsmark war gering. Es herrschte nach wie vor an allem Mangel, die Lebensmittel waren amtlich rationiert. Der Schwarzmarkt bl\u00fchte, wer konnte, ging auf Hamsterfahrt. Die amerikanischen Zigaretten waren als Zahlungsmittel hoch begehrt. Bis zur W\u00e4hrungsreform (20.06.1948) kostete auf dem Schwarzmarkt eine Packung Lucky Strike bis zu 120 Reichsmark. Meine Eltern schickten mich vor Ostern 1948 mit etlichen Packungen in die Oberpfalz, um sie bei uns aus der Kriegszeit bekannten Bauern gegen Eier und Mehl einzutauschen. Mit gerade einmal dreizehn Jahren wurde ich auch auf diese Weise zum kleinen Mitversorger der Familie gemacht. Mit dem, was ich nach Hause brachte, buk meine Mutter den Osterkuchen. Mein Vater br\u00fctete \u00fcber seinen Akten, meine Mutter hatte uns f\u00fcnf Kinder und die Alten zu versorgen, mein Gro\u00dfvater war zu alt geworden, um noch beschwerliche Hamsterfahrten unternehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Entnazifizierung und Selbstverteidigung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die \u201eEntnazifizierung\u201c meines Vaters erfolgte in der ersten H\u00e4lfte des Jahres 1948, mitten in der Zeit also, in der er am N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal mit Dr. Riedinger die Verteidigung Schellenbergs \u00fcbernommen hatte. Das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 05.03.1946 sah f\u00fcnf Gruppen von Verantwortlichen vor: Gruppe I Hauptschuldige, Gruppe II Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznie\u00dfer), Gruppe III Minderbelastete (Bew\u00e4hrungsgruppe), Gruppe IV Mitl\u00e4ufer und Gruppe V Entlastete. Die Spruchkammer IV N\u00fcrnberg hatte meinen Vater in erster Instanz im Fr\u00fchjahr 1948 aufgrund der \u201eBeweismittel\u201c und der \u201eKlageschrift\u201c in die Gruppe der \u201eMinderbelasteten\u201c eingeordnet und zu einem einmaligen Sonderbeitrag von 1000,00 Reichsmark verurteilt. Der Betrag sollte in einen Wiedergutmachungsfond einbezahlt werden. Die Spruchkammer hatte Mitgliedschaften und \u00c4mter meines Vaters noch stark negativ bewertet: Seine Mitgliedschaft in der NSDAP von 1933 bis 1945, seine T\u00e4tigkeit als F\u00fchrer der Altherrenschaft \u201eHesselberg\u201c in den Jahren von 1938 bis 1942 und als Gaureferent f\u00fcr Rechtsfragen und Scharf\u00fchrer der Hitlerjugend sowie seine Anwartschaft als F\u00fchrer der SS. In diesen und anderen Tatbest\u00e4nden hatte die Kammer \u2013 wie ich meine zurecht &#8211; Tatbest\u00e4nde einer wesentlichen F\u00f6rderung des NS-Regimes erf\u00fcllt gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater war ein viel zu gewiefter Jurist, um den Urteilsspruch der ersten Instanz hinzunehmen. Wer in die Gruppe der Minderbelasteten eingeordnet wurde, musste auch mit schwerwiegenden Folgen f\u00fcr seine B\u00fcrgerrechte und f\u00fcr sein weiteres Berufsleben rechnen. Er legte bei der Berufungskammer gegen das Urteil Widerspruch ein und brachte umfangreiches Beweismaterial vor, aus dem entnommen werden sollte, dass er nur ein \u201eMitl\u00e4ufer\u201c gewesen sei. Seine Verteidigungsstrategie war klar und konsequent: Alles, was ihn im Sinne des Entnazifizierungsgesetzes h\u00e4tte belasten und das Urteil der ersten Instanz best\u00e4tigen k\u00f6nnen, wurde vertuscht, geleugnet oder bestritten. Alles, was ihn als blo\u00dfen \u201eMitl\u00e4ufer\u201c hatte erscheinen lassen k\u00f6nnen, wurde in ein positives Licht ger\u00fcckt. Und selbst ein Mitl\u00e4ufer sei er \u201enur rein \u00e4u\u00dferlich in einem nominellen Sinne gewesen\u201c. Er legte zum Beweis zahlreiche Entlastungsschreiben vor, damals \u201ePersilscheine\u201c genannt. Sie waren von Personen aus seinem nachbarschaftlichen Umfeld, aus Freundschaftskreisen und aus seinem ehemaligen Berufsumfeld verfasst. Die Berufungskammer folgte in allen Punkten den Widerlegungsbeweisen meines Vaters und hob den Urteilsspruch der ersten Instanz auf. Aus dem Beweismaterial ginge klar und eindeutig hervor, so wurde nun argumentiert, dass der Betroffene \u201eein v\u00f6llig objektiver, jederzeit hilfsbereiter, entgegenkommender Mensch\u201c gewesen sei, \u201eder sich nur von sachlichen Gesichtspunkten leiten lie\u00df und dem insbesondere die Parteizugeh\u00f6rigkeit (\u2026) v\u00f6llig gleichg\u00fcltig war\u201c. Er habe \u201ein keiner Weise auf andere eingewirkt, etwa um sie zum Parteibeitritt zu bewegen (\u2026) und (er sei) nie aktivistisch oder propagandistisch hervorgetreten.\u201c \u201e\u00c4u\u00dferlich habe der Betroffene dies schon damit dokumentiert, dass er kein Amt im Rahmen der Partei angenommen oder gef\u00fchrt habe. In gleicher Weise verhielt er sich milit\u00e4rischen Dingen gegen\u00fcber ablehnend\u201c. Er habe \u201einsbesondere den Krieg und seine zeitgeschichtlichen Ausw\u00fcchse mit scharfen Ausdr\u00fccken wie Verbrechen, Wahnsinn und dergleichen verurteilt.\u201c Die Berufungskammer (habe) die \u00dcberzeugung gewonnen, dass der Betroffene am Nationalsozialismus nicht mehr als dem Namen nach teilgenommen und diesen nur unwesentlich unterst\u00fctzt\u201c (habe).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es w\u00e4re sicher informativ, an diesem Beispiel Punkt f\u00fcr Punkt diese Persilscheinpraxis zur Reinwaschung von braunen Flecken des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Es war eine g\u00e4ngige Praxis, mein Vater war kein auffallender Sonderfall (Woller, 1986, S. 116ff). In seiner Selbstverteidigung und \u201eBeweisf\u00fchrung\u201c konnte er gewiss auch seine Erfahrungen und sein Wissen als Verteidiger in den Kriegsverbrecherprozessen nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Spruchkammern waren mit zunehmender Dauer der Entnazifizierung zu \u201eMitl\u00e4uferfabriken\u201c (Lutz Niethammer) geworden. Minderbelastete wurden von den Berufungskammern in der Regel als Mitl\u00e4ufer eingestuft und mit geringeren Geldbu\u00dfen bestraft. 1948 hatte sich der Rehabilitierungsgedanke rasch durchgesetzt. Auch insofern hatte mein Vater im Juni 1948 bereits von der ver\u00e4nderten Situation profitiert. Dennoch geh\u00f6rte er, wie es schon bald euphemistisch hie\u00df, zu den \u201everdr\u00e4ngten\u201c Beamten, zu den \u201eEntnazifizierungs-Entlassenen\u201c, die wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit nicht wieder im \u00f6ffentlichen Dienst eingestellt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Jerusalem, 1948 \u2013 Der Mord an Graf Folke Bernadotte<\/strong><\/p>\n<p>An einem milden Sp\u00e4tsommertag des 17. September 1948 kam mein Vater unerwartet fr\u00fch vom Justizpalast zur\u00fcck. Er trat aufgeregt und erbost auf unseren Balkon. Graf Folke Bernadotte sei eben in Jerusalem von zionistischen Terroristen ermordet worden. Bernadotte hatte im Prozess gegen Schellenberg zu den Hauptentlastungszeugen geh\u00f6rt. Mein Vater hatte seine Verteidigung vor allem auf dessen eidesstattlichen Erkl\u00e4rungen aufgebaut. Ich h\u00e4tte als dreizehnj\u00e4hriger Sch\u00fcler dieser Nachricht, wenn \u00fcberhaupt, sonst wohl keine gro\u00dfe Bedeutung beigemessen. Im Rundfunk wurde jeden Tag \u00fcber Morde und Konflikte berichtet. Ich h\u00e4tte Gewicht und Tragweite nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, h\u00e4tte mein Vater nicht dar\u00fcber gesprochen.<\/p>\n<p>Zwei R\u00fcckblenden: (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte<\/a>, 04.04.2014)<\/p>\n<p><em>R\u00fcckblende 1: Die Aktion \u201eWei\u00dfe Busse\u201c<br \/>\n<\/em>Folke Bernadotte Graf von Wisborg (1895\u20131948) stammte aus dem Adelsgeschlecht Bernadotte und war somit ein Verwandter des schwedischen K\u00f6nigshauses. Nach dem Abitur hatte er die Offizierslaufbahn eingeschlagen. Nach seiner milit\u00e4rischen Ausbildung war er in den diplomatischen Dienst eingetreten. Am 1. September 1943 hatte er zun\u00e4chst das Amt des Vizepr\u00e4sidenten des Schwedischen Roten Kreuzes \u00fcbernommen und in dieser Funktion f\u00fcr die Nachkriegszeit Pl\u00e4ne f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfsma\u00dfnahmen ausgearbeitet. Noch im Fr\u00fchjahr 1945 hatte er Kontakt mit Heinrich Himmler aufgenommen und in Verhandlungen mit ihm erreicht, dass etwa 8.000 KZ-H\u00e4ftlinge skandinavischer Herkunft und mit ihnen 10.000 bis 12.000 Juden und andere Personengruppen verschiedener Nationalit\u00e4t vor der Ermordung in den Konzentrationslagern gerettet wurden. An die 20.000 H\u00e4ftlinge, vorrangig aus den Lagern Ravensbr\u00fcck und Theresienstadt, wurden von rund 250 Helfern begleitet nach Schweden gebracht. Diese humanit\u00e4re Hilfs- und Befreiungsaktion, die mit wei\u00dfen Fahrzeugen durchgef\u00fchrt worden war, ging sp\u00e4ter unter dem Namen \u201eMission Wei\u00dfe Busse\u201c in die Geschichte des Schwedischen Roten Kreuzes ein. Einer dieser Busse wurde sp\u00e4ter in die Jerusalemer Holocaust\u2013Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem gebracht. Am 23. April 1945, wenige Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, hatte Himmler, so wird berichtet, ohne Hitlers Wissen in illusorischer Verkennung der Absichten der alliierten M\u00e4chte und seiner eigenen Handlungsm\u00f6glichkeiten dem Mittelsmann Graf Bernadotte zugesagt, das Deutsche Reich werde vor den USA und Gro\u00dfbritannien kapitulieren, wenn es seinen Krieg gegen die Sowjetunion weiterf\u00fchren d\u00fcrfe. Bernadotte hatte dieses eigenm\u00e4chtige Angebot Himmlers an die schwedische Regierung weitergereicht. (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte<\/a>, 04.04.2014)<br \/>\nWalter Schellenberg, der als Geheimdienstchef Kontakte nach Schweden besa\u00df und sich wiederholt in Schweden aufgehalten hatte, war in der \u201eMission Wei\u00dfe Busse\u201c einer der deutschen Mittelsm\u00e4nner gewesen, die mitgeholfen hatten, diese Rettungsaktion zu erm\u00f6glichen und erfolgreich durchzuf\u00fchren. Im Wilhelmstra\u00dfen-Prozess gereichte diese Mitwirkung Schellenberg zu seiner Entlastung. Dr. Riediger und mein Vater hatten als seine Verteidiger Kontakt nach Schweden aufgenommen und erreicht, dass Graf Bernadotte Schellenberg entlastete. Der Anklagepunkt \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c wurde daraufhin fallengelassen (dazu Paehler 2015, S. 29-56).<\/p>\n<p><em>R\u00fcckblende 2: Mord der zionistischen Attent\u00e4ter und \u201eLandr\u00e4uber\u201c<br \/>\n<\/em>Im Mai 1948 hatten die zionistischen Einwanderer und Siedler in Pal\u00e4stina, das unter dem Mandat Gro\u00dfbritanniens gestanden hatte, den Staat Israel ausgerufen und damit den ersten Pal\u00e4stinakrieg provoziert. Bernadotte war am 20. Mai 1948 zum ersten Vermittler in der Geschichte der Vereinten Nationen (UN) gew\u00e4hlt worden. Er hatte in dieser Amtseigenschaft unter anderem die Gr\u00fcndung des Hilfswerkes der UN f\u00fcr Pal\u00e4stina-Fl\u00fcchtlinge im Nahen Osten angesto\u00dfen und sich f\u00fcr eine Anerkennung des R\u00fcckkehrrechtes der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge eingesetzt. Au\u00dferdem erreichte Bernadotte im Rahmen seines Auftrages, eine friedliche Entwicklung in Pal\u00e4stina zu f\u00f6rdern, einen drei\u00dfigt\u00e4gigen Waffenstillstand. Er war davon \u00fcberzeugt, dass die pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge einen Anspruch auf ihre Heimat h\u00e4tten. Dar\u00fcber hinaus hatte Bernadotte einen Plan entwickelt, wonach die Stadt Jerusalem unter internationale Aufsicht gestellt und die Negev-W\u00fcste an die Araber abgetreten werden sollte. Dieser Plan war bei den israelischen Staatsgr\u00fcndern auf erbitterten Widerstand gesto\u00dfen. Sie sahen ihre gewaltsame Landnahme und einseitige Staatsgr\u00fcndung gef\u00e4hrdet. Die sogenannte Terroristen-Gruppe Lechi machte kurzen Prozess: Sie erschoss Bernadotte und seinen Begleiter, den UN-Beobachter Andre Serot am 17. September 1948. (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Folke_Bernadotte<\/a>, 04.04.2014)<br \/>\nDie Sympathien meines Vaters galten, soweit ich das aus seinen \u00c4u\u00dferungen heraush\u00f6ren konnte, der arabisch-pal\u00e4stinensischen Seite. Dahinter verbarg sich vermutlich ein Antisemitismus, den er nicht offen bekunden wollte. Welche Gedanken wurden wohl in jenen Tagen zwischen meinem Vater und dem Angeklagten Schellenberg ausgetauscht?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Gesuch um Amnestie f\u00fcr den Kriegsverbrecher Martin Sandberger, 22.11.1949<\/strong><\/p>\n<p>Auch nach dem Ende der Prozesse war mein Vater noch einige Zeit mit den F\u00e4llen befasst, mit denen er als Verteidiger zu tun hatte. Er schaltete sich in die Bem\u00fchungen der ersten deutschen Bundesregierung ein, f\u00fcr die Verurteilten beim Hochkommissar eine Amnestie zu erwirken. (siehe hierzu Earl 2015, S. 57ff)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-574 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007-700x950.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"950\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007-700x950.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007-768x1042.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007-800x1086.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/07_007.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Office of Military Government for Germany (U.S.); Reiseerlaubnis f\u00fcr Kurt Mintzel am 9. Januar 1948 nach Darmstadt, M\u00fcnchen, W\u00fcrzburg zur Durchf\u00fchrung von Interviews mit Zeugen im Fall Martin Sandberger<\/em><\/p>\n<p>Martin Sandberger (1911\u20132010), dessen Verteidiger er zusammen mit Bolko von Stein bis zum Ende des Prozesses im M\u00e4rz 1948 gewesen war, hatte es nach seinem Studium der Rechtswissenschaften (1929\u20131933) in einer steilen NS-Karriere bis 1938 zum SS-Sturmbannf\u00fchrer (Major) gebracht. Im Oktober 1939 hatte ihn Heinrich Himmler zum Chef der Einwanderungszentralstelle Nord\u2013Ost ernannt, deren Aufgabe es unter anderem war, deutsche Umsiedler nach ihrer Rassereinheit zu bewerten. Nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion war er neben Dr. Walter Stahlecker F\u00fchrer des Einsatzkommandos 1a geworden und damit direkt f\u00fcr Massenmorde an Juden im Baltikum verantwortlich gewesen. Zur Belohnung war er 1941 zum Kommandeur der Sicherheitspolizei der Staatssicherheitsdienste in Estland ernannt worden. Bis zum Ende des Krieges hatte er noch weitere Spitzen\u00e4mter im Reichssicherheitshauptamtes inne. Sandberger war vom US-amerikanischen Milit\u00e4rtribunal im M\u00e4rz 1948 wegen Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt worden. (Earl 2015, 57ff)<\/p>\n<p>Mein Vater geh\u00f6rte zu den ersten, die sich sofort nach Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr eine Amnestie oder zumindest f\u00fcr eine Aufhebung der Todesstrafe einsetzten. (Earl, 2015, S. 57ff). Zu diesem Zweck wandte er sich im November 1949 mit folgendem Schreiben an den ersten Bundesminister der Justiz, an Dr. Thomas Dehler (FDP):<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>\u201eSehr verehrter Herr Bundesjustizminister,<br \/>\n<\/em><em>Mein Mandant, Martin Sandberger (zurzeit im War Crime Prison in Landsberg\/Lech), Sohn des Kaufmanns Karl Viktor Sandberger in Stuttgart\/Illenbuch, wurde im April 1948 von einem amerikanischen Milit\u00e4rgericht in N\u00fcrnberg, ebenso wie die 13 seiner Mitangeklagten, zum Tode verurteilt.<br \/>\n<\/em><em>Wie ich einigen Zeitungsnotizen entnahm, ist das Bundesjustizministerium im Begriff, mit den Dienststellen der Hohen Kommissare auch die Fragen der vor Milit\u00e4rgerichten der Besatzungsm\u00e4chte verurteilten Deutschen zu er\u00f6rtern. In diesem Zusammenhang bitte ich, Sandberger ganz besonders zur Amnestierung oder mindestens zu einer wesentlichen Herabsetzung der Strafe beim amerikanischen Hohen Kommissar in Vorschlag zu bringen. Einen \u00dcberblick \u00fcber Sandbergers Fall in m\u00f6glichst kurzer Form erhalten Sie aus der als Anlage 1 beigef\u00fcgten Abschrift eines Berichtes, der an sich zur Orientierung amerikanischer Stellen bestimmt ist, aber doch auch die wichtigsten f\u00fcr Ihre Entschlie\u00dfung ma\u00dfgeblichen Gesichtspunkte enth\u00e4lt. Falls Sie dar\u00fcber hinaus die umfangreichen Schrifts\u00e4tze und Beweismaterialien, die ich der ehemaligen amerikanischen Milit\u00e4rregierung, dem Herrn Hohen Kommissar und dem U.S. District Court in Washington eingereicht habe, w\u00fcnschen, bitte ich, diese Unterlagen bei mir anfordern zu wollen.<br \/>\n<\/em><em>Als Anlage 2 f\u00fcge ich die Abschrift eines Briefes bei, den der ehemalige Beauftragte der Schwedischen Regierung und des Schwedischen Roten Kreuzes in Estland, Herrn Carl Mothan vor kurzem in der Sache Sandberger an den Herrn Kommissar gerichtet hat. Der Brief beweist nicht nur, dass Sandberger seiner inneren Einstellung nach keineswegs ein williges Werkzeug der Nazi-Politik war, sondern ist auch insofern von Interesse, als solche und \u00e4hnliche Gesichtspunkte von manchen Besatzungsgerichten weitgehend als \u203amildernde Umst\u00e4nde\u2039 anerkannt wurden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Mit vorz\u00fcglicher Hochachtung<br \/>\n<\/em><em>gez. Kurt Mintzel\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aus dem Inhalt dieses Schreibens l\u00e4sst sich der Schluss ziehen, dass er sich auch nach Abschluss des Prozesses noch als Verteidiger Sandbergers betrachtete. Sicher war er mit dem Fall juristisch bis ins Detail vertraut, er kannte Anklageschrift, Verteidigungsschrift und Urteilsbegr\u00fcndung im Wortlaut. H\u00e4tte er sich aber deshalb Ende 1949 f\u00fcr einen der Hauptt\u00e4ter des V\u00f6lkermordes im Baltikum einsetzen m\u00fcssen? Was veranlasste meinen Vater, seinem ehemaligen Mandanten Sandberger zu bescheinigen, kein williges Werkzeug der Nazi-Politik gewesen zu sein? W\u00e4re es meinem Vater nicht m\u00f6glich gewesen, auszuweichen und sich nicht mehr weiter in den Fall einzulassen? Warum setzte er sich gleich bei der ersten M\u00f6glichkeit, die Aufhebung des Todesurteils zu betreiben, mit ganzer Kraft daf\u00fcr ein? Warum nahm er sich ganz besonders des Falles Sandberger an?<\/p>\n<p>Ein Motiv l\u00e4sst sich m\u00f6glicherweise aus der Tatsache erschlie\u00dfen, dass Sandberger an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen zum Hochschulgruppenf\u00fchrer des NS-Studentenbundes avanciert und dann zum Bereichsf\u00fchrer S\u00fcdwest des Reichsstudentenf\u00fchrers ernannt worden war. Mein Vater hatte von 1927 bis 1931 ebenfalls Rechtswissenschaft studiert, war der rechtsradikalen schlagenden Burschenschaft \u201eFrankonia\u201c beigetreten und 1933 zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund \u00fcbergetreten. Die studentenb\u00fcndlerischen Ideale und Schw\u00fcre verpflichteten zur lebenslangen gegenseitigen Unterst\u00fctzung. Auch solche gesinnungsm\u00e4\u00dfigen Gesichtspunkte k\u00f6nnten meinen Vater veranlasst haben, seinen ehemaligen Mandanten aus der Todeszelle herauszupauken zu wollen. Letztendlich war seine Initiative insofern erfolgreich, als Sandberger 1951 mit Hilfe zahlreicher prominenter Politiker der Bundesrepublik, darunter Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss und der Vizepr\u00e4sident des Deutschen Bundestages Carlo Schmid, vom Hochkommissar John McCloy begnadigt wurde. Das Todesurteil wurde in lebenslange Haft ge\u00e4ndert. Nach einem Revisionsprozess kam er 1958 endg\u00fcltig frei und wurde Justiziar in einem w\u00fcrttembergischen Wirtschaftsunternehmen. Sandberger verstarb als einer der letzten hochrangigen NS-Verbrecher 2010 im Alter von 98 Jahren in Stuttgart. (zur Biografie und Begnadigung neuerdings Earl 2015, S. 57ff). Viele alte Nazis kehrten in den f\u00fcnfziger Jahren in hochrangige \u00c4mter zur\u00fcck. Auch mein Vater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Rolle meines Vaters als Verteidiger Einmal im Leben stand mein Vater auf dem Podium der politischen Weltb\u00fchne. Im Oktober 1947 bot sich ihm die Chance, am US-amerikanischen Milit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg in Prozessen gegen Kriegsverbrecher als Verteidiger mitzuwirken. In seinem bisherigen Berufsleben als Jurist war dies die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung und interessanteste Aufgabe, die er je&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[13,342,335,341,339,340,337,328,331,334,327,338,329,332,12,11,8,330,336,326,333,9,10],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":588,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions\/588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}