{"id":55,"date":"2016-05-11T21:16:17","date_gmt":"2016-05-11T19:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=55"},"modified":"2019-03-06T08:12:31","modified_gmt":"2019-03-06T07:12:31","slug":"8-kapitel-tyrannei-am-esstisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/05\/11\/8-kapitel-tyrannei-am-esstisch\/","title":{"rendered":"8. Bildungsb\u00fcrgerliche Erziehung zwischen patriotischer Sentimentalit\u00e4t und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u201eDeutschland in seiner tiefsten Erniedrigung\u201c <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Politische Gesinnung und erzieherische Absicht meines Vaters kamen deutlich in seinen Geschenken zum Ausdruck. Wahrscheinlich war es im Jahre 1948 aus Anlass meines 13. Geburtstages, als mein Vater mir ein B\u00fcchlein schenkte, in dem \u00fcber die patriotische Tat des N\u00fcrnberger Buchh\u00e4ndlers Johann Philipp Palm und dessen Hinrichtung berichtet worden war. Palm, ein geborener W\u00fcrttemberger, der sich in N\u00fcrnberg als Buchh\u00e4ndler niedergelassen hatte und B\u00fcrger der Stadt geworden war, hatte im Juni 1806 in seiner Verlagsbuchhandlung eine 144 Seiten umfassende Schrift mit dem Titel \u201eDeutschland in seiner tiefsten Erniedrigung\u201c verlegt. Die anonyme Streitschrift hatte sich gegen die preu\u00dfische Neutralit\u00e4tspolitik seit 1795, gegen Napoleon I. und seine s\u00fcddeutschen Verb\u00fcndeten Napoleons sowie gegen die seit dem Krieg von 1805 andauernde franz\u00f6sische Besatzung in deutschen Territorien gerichtet. Der Verfasser hatte beklagt: \u201eWenn aber, wie es dermalen leider geschieht, von Napoleon sanktionierte oder erweiterte K\u00f6nigreiche, diesem sich dar\u00fcber so sehr verpflichten, dass sie ihre Staaten von franz\u00f6sischen Kriegsv\u00f6lkern aushungern, durch die sch\u00e4ndlichsten Gelderpressungen in die bitterste Armut st\u00fcrzen, und wie der Fall bei Preu\u00dfen eintritt, von Vertr\u00e4gen sich losrei\u00dfen, und zu Napoleons, des Weltersch\u00fctterers, Werkzeugen gebrauchen lassen, dann ist gewiss die Stunde vorhanden, da das in Absicht seiner Einwohner kultiviertestes, seiner Lage nach gl\u00fccklichste, seines Ranges erste und vorz\u00fcglichste, das Deutsche Reich dem Untergang, an dessen Rand es gef\u00fchrt ist, nimmer entfliehen kann.\u201c Preu\u00dfen h\u00e4tte, so der Verfasser, ma\u00dfgeblich zur Erniedrigung Deutschlands beigetragen und Napoleon den \u201eSchl\u00fcssel zu allen deutschen Provinzen\u201c ausgeh\u00e4ndigt. In der zweiten Auflage der Streitschrift war der Verfasser noch weiter gegangen und hatte seiner Klage \u00fcber die politischen Zust\u00e4nde einen Aufruf angeh\u00e4ngt, in dem er zur Vereinigung der Truppen Sachsens, Preu\u00dfens und \u00d6sterreichs aufgerufen hatte, um Napoleon aus Deutschland zu vertreiben. Die franz\u00f6sischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden hatten daraufhin, unterst\u00fctzt von deutschen Kollaborateuren, den N\u00fcrnberger Verleger verfolgt, unter staatsrechtlich und polizeistaatlich zweifelhaften Umst\u00e4nden gefangen genommen und am 26. August 1806 in Braunau am Inn hingerichtet. Mein Vater hatte, dessen bin ich gewiss, Parallelen zur politischen Situation von 1945 und seiner Rolle am N\u00fcrnberger Milit\u00e4rgerichtshof im Sinn, als er mir dieses B\u00fcchlein auf den Gabentisch legte. Er wollte einen Patrioten aus mir machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-604 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771-700x496.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771-700x496.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771-768x544.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771-800x567.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/08_001_palm_P1000771.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Unbekannter K\u00fcnstler, Hinrichtung Palms. Die Szene ist nicht richtig dargestellt, Palm waren in Wirklichkeit die Augen verbunden. Photo: Bezirksmuseum Braunau \/ Georg A. Thuringer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich war von der historischen Erz\u00e4hlung so begeistert und zugleich so tief ersch\u00fcttert, dass ich die N\u00fcrnberger Buchhandlung Korn &amp; Berg, die in der Altstadt am fast v\u00f6llig zerst\u00f6rten Hauptmarkt ihr Gesch\u00e4ft hatte, beauftragte, auf antiquarischen Wegen nach einem Original zu suchen. Sie wurde f\u00fcndig. Der Stoff zog mich \u00fcber Monate in seinen Bann. Ich begann ein Drama zu schreiben, erfand Dialoge, befasste mich mit der Theorie des Dramas, mit der Forderung nach Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein literarisch-dramaturgisches Talent kam allerdings nicht zutage. Das Manuskript, das ich bis heute aufbewahrt habe, verr\u00e4t eher eine aufgew\u00fchlte Gem\u00fctsverfassung als schriftstellerische Begabung. In dramatischen Szenen zeichnete ich die Verfolgung, Verhaftung und Hinrichtung Palms nach, ohne zu glauben oder zu hoffen, dass da ein kleiner William Shakespeare, Gerhard Hauptmann oder sonst ein Dramatiker am Werk sei. Nein! Von solchen literarischen H\u00f6henfl\u00fcgen tr\u00e4umte ich nicht! Mir war immer klar, dass ich nicht zum Romancier geboren war. Ich entdeckte schon im Alter von dreizehn Jahren das dokumentarische Schreiben f\u00fcr mich und beschrieb, was ich in freier Natur beobachtete. Die literarische Gattung des Sachbuches war das, was mir lag. Mein B\u00fchnenst\u00fcck \u00fcber Palms Leben und Sterben blieb ein dilettantisches Fragment. Wenn ich mich ,,literarisch\u201c auszudr\u00fccken versuchte und zum Beispiel Verse schrieb, dann hatte das eine expressive Ventilfunktion. Ich wollte und musste das, was mich emotional bewegte, manchmal in Reime kleiden. Dabei lie\u00df ich mich von Klassikern der deutschen und europ\u00e4ischen Literatur anregen, deren Werke in den B\u00fccherregalen meines Vaters standen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-649 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2-700x1160.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1160\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2-700x1160.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2-181x300.jpg 181w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2-768x1272.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2-800x1326.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_2.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Ich entdeckte schon im Alter von dreizehn Jahren das dokumentarische Schreiben f\u00fcr mich und beschrieb, was ich in freier Natur beobachtete \u2013 ornithologisches Beobachtungsprotokoll, 1949<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So stark das Schicksal Palms mich auch ber\u00fchrt und bewegt hatte, so wollte ich dennoch kein Held werden, schon gar nicht einer, der wegen seines Patriotismus hingerichtet wird. Aber ich fing an, mich f\u00fcr die j\u00fcngere Geschichte Deutschlands zu interessieren. Das v\u00e4terliche Geschenk hatte zumindest die gewollte Wirkung nicht ganz verfehlt. Die bildungsb\u00fcrgerliche Atmosph\u00e4re meines Elternhauses hat mich von Kindesbeinen an umweht. Sie blies nach allen Richtungen, nach dem k\u00fchlen Norden naturwissenschaftlicher Sachlichkeit, nach dem \u00e4sthetischen S\u00fcden von Kunst und Literatur, nach dem Osten der Religionen und nach dem Westen der Zivilisation. Meine innere Kompassnadel pendelte unruhig hin und her. Ich hatte mehrere Talente, was mich zeitlebens zu einem Grenzg\u00e4nger und wissbegierigen Entdecker machte. Es gab in meinem Leben nicht nur eine potenzielle Entwicklungslinie, was mich schwierigen Entscheidungssituationen aussetzte. Nach allerlei Probel\u00e4ufen fand ich erst sp\u00e4t den Weg in die Wissenschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Eine autorit\u00e4r verfasste Familie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So viele Anregungen die bildungsb\u00fcrgerliche Atmosph\u00e4re in der Familie auch bot, die famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse blieben labil, von beruflichen und wirtschaftlichen Ungewissheiten \u00fcberschattet. Psychische und physische Gewalt\u00a0 pr\u00e4gten den famili\u00e4ren Alltag. Nachdem die Nachfolgeprozesse am N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal zu Ende gegangen waren, traf meinen\u00a0 Vater wieder das Los der \u201eVerdr\u00e4ngten\u201c, die auch als \u201eEnnazifierungsentlassene\u201c bezeichnet wurden. Wie viele hunderttausend ehemalige Nazi-Mitl\u00e4ufer hatte er vorerst wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit keine Chance, wieder in den \u00f6ffentlichen Dienst zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Der Artikel 131 des Grundgesetzes der 1949 gegr\u00fcndeten Bundesrepublik Deutschland schob einer Wiedereinstellung den Riegel vor. Er musste sich in den Jahren 1949\/50 nach einer neuen Einkommensquelle umsehen und Arbeit unter seiner beruflichen Qualifikation annehmen. Dabei schickte er h\u00e4ufig meine Mutter vor, um etwas zu erreichen. Mehrmals setzte sie sich f\u00fcr ihn bei Beh\u00f6rden und bei prominenten Politikern ein. Kurz vor Ende der Prozesse vor dem N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal hatte sie sich an den damaligen bayerischen Justizminister gewandt, um Dr. Josef M\u00fcllers Gunst f\u00fcr eine\u00a0 Einstellung meines Vaters in\u00a0 den bayerischen Justizdienst zu gewinnen. Sie hatte wohl gehofft, dass seine Rolle als Verteidiger in den Kriegsverbrecher-Prozessen ins Gewicht fallen w\u00fcrde. Wie aus einem\u00a0 Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz vom 18. Februar 1949 an meinen Vater hervorgeht, war ihr Einsatz vergebens. Der Bescheid und die in dem Schreiben ge\u00e4u\u00dferte Einsch\u00e4tzung machten in der Tat alle Hoffnungen zunichte, in absehbarer Zeit wieder im \u00f6ffentlichen Dienst eingestellt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eBetrifft Ihr Gesuch um \u00dcbernahme in den bayerischen Justizdienst.<br \/>\nWie ihnen durch die Entschlie\u00dfung vom 13. 09. 1948 er\u00f6ffnet und Ihrer Gattin wiederholt m\u00fcndlich mitgeteilt worden ist, besteht keine Aussicht auf Ihre Verwendung im bayerischen Justizdienst. Solange nicht die fr\u00fcheren bayerischen Richter mit nicht erheblicherer politischer Belastung wiederverwendet sind, und die Fl\u00fcchtlingsjuristen, die nach dem Gesetz \u00fcbernommen werden m\u00fcssen, angestellt sind, ist es unm\u00f6glich, Bewerbern, die aus der Verwaltung kommen, zu \u00fcbernehmen. Ich habe gestern Ihrer Gattin ausf\u00fchrlich auseinandergesetzt, dass es mir unm\u00f6glich ist, Sie f\u00fcr eine \u00dcbernahme vorzuschlagen. Die Justizverwaltung kann nicht Beamte anderer Verwaltungen, die dort wegen ihrer politischen Belastung nicht mehr \u00fcbernommen werden, aufnehmen. Die derzeitigen Personalverh\u00e4ltnisse werden auf lange Sicht andauern, so dass Sie sich auch k\u00fcnftighin keine Hoffnung machen d\u00fcrfen. Es tut mir leid, Ihr Gesuch trotz Ihrer ung\u00fcnstigen wirtschaftlichen Lage nicht ber\u00fccksichtigen zu k\u00f6nnen. Ministerialdirektor Dr. Konrad\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zun\u00e4chst schlug sich mein Vater als Anwaltsassessor durch, mit anderen Worten, als juristische Hilfskraft. Im Mai 1949 er\u00f6ffnete er dann eine eigene Anwaltspraxis, die er bis in das Jahr 1950 mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg f\u00fchrte. Die Einnahmen waren unregelm\u00e4\u00dfig und schwankten erheblich. Das Familienleben litt schwer darunter. Gerade nach seiner anspruchsvollen und gut finanzierten T\u00e4tigkeit am Milit\u00e4rtribunal empfand mein Vater seine berufliche Situation als &#8222;verdr\u00e4ngter Beamter&#8220; als dem\u00fctigend. Sein Gem\u00fctszustand verfinsterte sich, seine tyrannischen Charaktereigenschaften verst\u00e4rkten sich.\u00a0 Schon wegen geringf\u00fcgiger Anl\u00e4sse geriet er au\u00dfer Fassung. Spannungen zwischen den Eltern lie\u00dfen selten eine anhaltende friedliche Stimmung aufkommen. Meine Mutter beklagte sich bei mir \u00fcber die Unduldsamkeit und auch \u00fcber Handgreiflichkeiten meines Vaters. Wir Kinder f\u00fcrchteten uns vor seinem Zorn. Wenn er nach Hause kam und zu uns trat, \u00e4ngstigten wir Kinder uns. Kein freundlicher Gru\u00df, kein L\u00e4cheln, keine verbindliche Geste. Mit bohrendem Blick pr\u00fcfte er die Schar. Schulfreunde f\u00fcrchteten sich vor seinem strengen Blick, sie verlie\u00dfen gew\u00f6hnlich rasch den Raum und machten sich aus dem Staub.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">An den\u00a0 Einstellungen und Verhaltensweisen meines Vaters waren alle Komponenten des \u201eautorit\u00e4ren Syndroms\u201c\u00a0 geradezu musterhaft abzulesen: Starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung, Unterwerfung unter starke F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeiten, destruktive Neigungen und Zynismus. Er schnitt eiskalt Mitmenschen und Berufsgenossen und war ihnen gegen\u00fcber oftmals feindlich eingestellt, er setzte Mitmenschen und Mitarbeiter pers\u00f6nlich herab, er neigte dazu, sich \u00fcber andere zu erh\u00f6hen und Macht auszu\u00fcben. Er erwartete, dass man seine Meinung teilte und die Welt so sah wie er. Er konnte aber auch, wenn aus seiner Vergangenheit bestimmte Personen auftraten, wenn gefeiert wurde oder r\u00fchrselige Themen zur Diskussion standen, sentimental werden, mitunter sogar weich vor R\u00fchrung. Eine andere Seite seines Gem\u00fcts machte ihn aufgeschlossen und zug\u00e4nglich. An Silvester stimmte er um Mitternacht zu Zuckerhut und Punch, wenn der Alkohol abgefackelt wurde, das patriotische Lied an, das 1814 am Jahrestag der V\u00f6lkerschlacht bei Leipzig von einem gewissen Johann Heinrich Ch. Nonne gedichtet worden war: \u201eFlamme, empor!\/Steige mit loderndem Scheine\/auf dem Gebirgen am Rheine\/gl\u00fchend empor!\/\/Siehe, wir stehn treu im geweihten Kreise\/dich zu des Vaterlands Preise\/brennen zu sehn!\/\/Heilig Glut!\/Rufe die Jugend zusammen\/wachse der Mut!\/\/Auf allen H\u00f6hen\/leuchte das flammende Zeichen,\/ da\u00df alle Feinde erbleichen\/wenn sie dich sehn\u2026\u201c Ich fand das immer komisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vater folgte dem alten biblischen Grundsatz: \u201eWer seine Kinder liebt, der z\u00fcchtigt sie!\u201c Er pr\u00fcgelte mich schon aus geringstem Anlass. Meine Mutter drohte, wenn sie sich nicht anders zu helfen wusste, mit der Autorit\u00e4t meines Vaters: \u201eWarte nur, wenn Papa nach Hause kommt!\u201c Er war nach altem Recht der allein Erziehungsberechtigte und zum Pr\u00fcgeln gesetzlich erm\u00e4chtigt. Er allein durfte beispielsweise die Schulzeugnisse unterschreiben, die Mutter hatte sich dem Diktat des Vaters zu f\u00fcgen. Diese Rechtsgrundlagen f\u00fcr die h\u00e4usliche Tyrannei der V\u00e4ter sind heute so gut wie vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Bezwingung der v\u00e4terlichen Allmacht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie es mir gelingen k\u00f6nnte, mich gegen meinen Vater zu behaupten, wurde zu einer Grundfrage meiner Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Es kam, w\u00f6rtlich gemeint, zu einer Art Zweikampf, den ich mit brachialer Gewalt f\u00fcr mich entschied. Die Tyrannei meines Vaters konnte, das behaupte ich auch heute noch, nur mit Gegengewalt gebrochen worden. Als er mich im Alter von etwa sechzehn Jahren wieder einmal verpr\u00fcgeln wollte, packte ich ihn bei den Armen und drohte zur\u00fcckzuschlagen. Seither lie\u00df er vom Pr\u00fcgeln ab. Er drohte mir nie wieder mit k\u00f6rperlicher Z\u00fcchtigung. Das Gewaltspiel war zwar aus, aber die autorit\u00e4re Pr\u00e4gung wirkte fort<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst sehr viel sp\u00e4ter wurde mir vollends klar, wie tief sich mir dieses \u201eGewaltspiel\u201c, die damals praktizierte Z\u00fcchtigungsp\u00e4dagogik und die Bezwingung der v\u00e4terlichen Allmacht, als Handlungsmuster eingepr\u00e4gt hatten. Die Auseinandersetzungen wirkten sich nachhaltig auf meinen Umgang mit Autorit\u00e4ten aus. Ich wurde rebellisch gegen angema\u00dfte, halsstarrige Autorit\u00e4t, die gesellschaftliche und institutionelle Machtpositionen ausnutzt, um auch zweifelhafte Zwecke durchzusetzen. Diese Empfindlichkeiten brachten mich rasch in eine Kampfstimmung und Abwehrhaltung \u2013 gegen autorit\u00e4re Lehrer, gegen akademische Platzhirsche, gegen einen Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten, der mit fadenscheinigen Argumenten eine universit\u00e4tspolitische Fehlentscheidung verteidigt. \u201eAlpha-Tiere\u201c weckten in mir stets Kampfeslust und intellektuelle Gegenaktionen. Zu \u201e\u00dcberv\u00e4tern\u201c hatte ich immer ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis, nicht zuletzt zu einem allgewaltigen Gottesbild. In dieser psychologischen und mentalen Handlungsbereitschaft lauerte die Gefahr, in konkreten Auseinandersetzungen die eigene Kraft falsch einzusetzen oder an der falschen Front zu k\u00e4mpfen. Die in der Sozialforschung seit den 1930er Jahren erforschten und weiterhin diskutierten Muster autorit\u00e4rer Einstellungen und Verhaltensweisen (Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Wilhelm Reich,\u00a0Max Horkheimer und andere)\u00a0 zu erkennen und zu durchschauen, war mir lange nicht m\u00f6glich. Stattdessen entzog ich mich dem v\u00e4terlichen autorit\u00e4ren Regime durch Verweigerung und Flucht. Es war ein langer, leidvoller Prozess. Erst Ende der 1950er\/Anfang der 1960er Jahre gelang es mir, aus dem emotionalen und mentalen Bannkreis des autorit\u00e4ren Sozialcharakters herauszutreten und mich als eine selbst\u00e4ndige Person weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Rehabilitierung der 131er<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die berufliche Situation meines Vaters begann sich erst zu verbessern, als ihm 1951 die R\u00fcckkehr ins Beamtenverh\u00e4ltnis und damit in eine h\u00f6here Beamtenlaufbahn erm\u00f6glicht wurde, nachdem der Deutsche Bundestag einstimmig die Neuregelung des Artikels 131 im Grundgesetz verabschiedet hatte. Fortan konnten \u00f6ffentliche Bedienstete, sofern sie im Zuge der Entnazifizierung nicht unter die Gruppen der \u201eBelasteten\u201c oder \u201eHauptschuldigen\u201c gefallen waren, als Beamte in den \u00f6ffentlichen Dienst zur\u00fcckkehren. Mein Vater bewarb sich an die Wasser- und Schifffahrtsdirektion W\u00fcrzburg und wurde zun\u00e4chst im Rang eines Regierungsrates im Angestelltenverh\u00e4ltnis \u00fcbernommen. Nachdem die Neureglung verabschiedet war, konnte er wieder ins Beamtenverh\u00e4ltnis \u00fcbernommen werden. Er durchlief danach alle Dienstr\u00e4nge bis zum Leitenden Regierungsdirektor. Die finanzielle Lage der Familie war seither gesichert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Neuregelung des Artikels 131 diente der raschen Wiedereingliederung der ehemaligen \u201eEntnazifizierungs-Entlassenen\u201c in die Nachkriegsgesellschaft und der Entsch\u00e4rfung politisch-sozialer Spannungen. Die beabsichtigte Wirkung einer inneren Befriedung zeigte sich im individuellen Fall meines Vaters deutlich darin, dass er sich allm\u00e4hlich mit der zweiten deutschen Demokratie auss\u00f6hnte, obschon er manchmal in n\u00e4chtlichen Gespr\u00e4chen in eine Glorifizierung der fr\u00fchen Nazi-Zeit zur\u00fcckfiel. Dann erz\u00e4hlte er begeistert, dass er 1922 als Sechzehnj\u00e4hriger an Hitlers \u201eMarsch auf Coburg\u201c teilgenommen hatte, im Zentrum der Stadt in Schl\u00e4gereien mit Kommunisten verwickelt gewesen und daf\u00fcr 1932 mit dem Coburger Abzeichen \u201eMit Hitler in Coburg 1922-1932\u201c ausgezeichnet worden war. Der Mythos vom angeblich \u201eguten Hitler\u201c wollte nicht aus seinem Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Tischmanieren und Menschenverachtung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Als die Jahre bitterer Not vor\u00fcber waren und wir aus dem Provisorium der \u201eWohn\u201c-K\u00fcche wieder ins Esszimmer \u00fcberwechseln konnten, kehrte auch dort wieder b\u00fcrgerliche Ordnung ein. Der h\u00e4usliche Mittagstisch und die Essensvorschriften unterstanden dem strengen Regime meines Vaters und der in diesen Dingen an meine Mutter delegierten Autorit\u00e4t. Geschirr, Besteck, Gl\u00e4ser und Servietten mussten sorgf\u00e4ltig aufgedeckt sein, die Reihenfolge des Bestecks genau beachtet, die Salatteller links von den Tellern, Trinkgl\u00e4ser rechts davon platziert sein. Nach jedem Gang wurden die Teller abgedeckt. Alles hatte leise zu geschehen. Geklapper war verp\u00f6nt. Die Arme auf den Tisch zu legen, galt als unfein und wurde verboten. Nur die H\u00e4nde durften zu beiden Seiten der Teller auf den Tisch platziert werden, und dies selbstverst\u00e4ndlich nur frisch gewaschen. Wir mussten solange auf unseren St\u00fchlen sitzen bleiben, bis die Eltern das Mahl f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt hatten. Mein Vater kontrollierte alles und r\u00fcgte jeden Versto\u00df gegen die Etikette, um uns gesellschaftsf\u00e4hig zu machen. Zu den unumst\u00f6\u00dflichen Tischregeln geh\u00f6rte auch, dass wir Kinder w\u00e4hrend der Mahlzeit zu schweigen hatten, es sei denn, Vater oder Mutter hatten uns zum Sprechen aufgefordert. Wollten wir etwas sagen, mussten wir fragen und einen Grund nennen. So war der Mittagstisch ein Ort des Schweigens. Jeder l\u00f6ffelte leise seinen Suppenteller leer. Essen und Trinken mussten m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos vor sich gehen. Schl\u00fcrfen war strikt untersagt. Die Regeln machten es fast unm\u00f6glich, uns am Tisch \u00fcber Geschehnisse des Tages auszutauschen. Sie erstickten unser Mitteilungsbed\u00fcrfnis, ersparten uns allerdings auch peinliche Fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Mein Gro\u00dfvater war zur Zeit des strengen Tischregimentes meines Vaters fast achtzig Jahre alt. Er war in der entbehrungsreichen Zeit mager geworden. Seine wasserblauen Augen blickten m\u00fcde in die Runde. Seine H\u00e4nde zitterten, wenn er nach einem Gegenstand griff. Er knickte ein, wenn er sich vom Tisch erhob, er musste sich auf die Tischkannte st\u00fctzen, um aufzustehen. Wir sp\u00fcrten, dass sein Leben zu Ende ging, ein Leben voll Bitternis und Entsagung. Ich schildere eine Szene, die ich nie vergessen werde: Ein Exerzieren der Tischregeln an einem fast Achtzigj\u00e4hrigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Mein Gro\u00dfvater sitzt mit uns am Mittagstisch. Wir essen schweigend unser Mahl und bem\u00fchen uns, die L\u00f6ffel ger\u00e4uschlos in die Suppe zu tauchen. Die Hand meines Gro\u00dfvaters, der links von mir am unteren Tischende sitzt, zittert. Er b\u00fcckt sich \u00fcber seinen Teller. Wenn er seinen L\u00f6ffel zum Mund f\u00fchrt, tropft Suppe herunter. Er schl\u00fcrft die Suppe zitternd ein. Die Stille am Tisch l\u00e4sst sein Schl\u00fcrfen lauter erscheinen, als es in einer gespr\u00e4chigen Runde der Fall gewesen w\u00e4re. Mein Vater blickt streng auf den schl\u00fcrfenden Alten. Er ma\u00dfregelt seinen Vater und fordert ihn mit schneidender Stimme auf, anst\u00e4ndig zu essen. \u00dcber seinen Teller geneigt versucht mein Gro\u00dfvater, seinem Sohn zu gehorchen. Es gelingt ihm nicht, seine Hand zittert, Suppe flie\u00dft vom L\u00f6ffel, wieder kommt aus seinem Mund der verp\u00f6nte Laut. Mein Vater droht dem Alten an, ihn vom Tisch zu verweisen. Mein Gro\u00dfvater blickt verst\u00f6rt auf, es gelingt ihm nicht mehr, die rigorose Tischregel einzuhalten. Mein Vater verweist ihn schroff des Tisches und schickt ihn in die K\u00fcche. Der alte Mann nimmt seinen Teller und verl\u00e4sst das Esszimmer. Ich empfinde tiefes Mitleid mit meinem Gro\u00dfvater, muss aber schweigen, denn der Haustyrann lie\u00dfe keine Widerrede zu. Vor den Augen seiner Familie verletzt er die W\u00fcrde eines alten Menschen und setzt Tischmanieren ohne R\u00fccksicht auf die physische und psychische Befindlichkeit eines alten Menschen mit autorit\u00e4rer Gewalt zu einer menschenverachtenden Norm. H\u00e4tte er die gro\u00dfv\u00e4terliche Schw\u00e4che nicht als Beispiel einer liebenden Ausnahme machen k\u00f6nnen? Drei Jahrzehnte sp\u00e4ter werden die H\u00e4nde meines Vaters zittern. Er sieht schlecht. Seine physische Verfassung erm\u00f6glicht es ihm nicht mehr, die b\u00fcrgerlichen Essvorschriften, die er einstmals so streng eingefordert hatte, selbst einzuhalten. Er schl\u00fcrft und sabbert und verlangt, dass wir Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine altersbedingten Einschr\u00e4nkungen haben. Ich habe in diesen Momenten immer daran denken m\u00fcssen, wie \u00fcbel er seinen Vater behandelt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDeutschland in seiner tiefsten Erniedrigung\u201c Politische Gesinnung und erzieherische Absicht meines Vaters kamen deutlich in seinen Geschenken zum Ausdruck. Wahrscheinlich war es im Jahre 1948 aus Anlass meines 13. Geburtstages, als mein Vater mir ein B\u00fcchlein schenkte, in dem \u00fcber die patriotische Tat des N\u00fcrnberger Buchh\u00e4ndlers Johann Philipp Palm und dessen Hinrichtung berichtet worden war&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[343,346,14,345,344,350,349,351,347,348,15],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":681,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55\/revisions\/681"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}