{"id":65,"date":"2016-05-16T23:29:08","date_gmt":"2016-05-16T21:29:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=65"},"modified":"2019-03-06T08:11:25","modified_gmt":"2019-03-06T07:11:25","slug":"9-kapitel-schulschwaenzer-ausreisser-gefaengnisinsasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/05\/16\/9-kapitel-schulschwaenzer-ausreisser-gefaengnisinsasse\/","title":{"rendered":"9. Schulschw\u00e4nzer, Ausrei\u00dfer, Gef\u00e4ngnisinsasse"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Es war ein Gemisch unterschiedlicher Ursachen, das mich nach dem Krieg zu einem Schulversager werden lie\u00df: direkte Kriegsfolgen wie Raumnot, Unterern\u00e4hrung und Zukunfts\u00e4ngste, schwierige famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse, die autorit\u00e4re Droh- und Pr\u00fcgelp\u00e4dagogik meiner Eltern und <span style=\"color: #000000;\">eine heftig einsetzende Pubert\u00e4t<\/span>. Die Verh\u00e4ltnisse waren buchst\u00e4blich zum Davonlaufen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">In meiner Volksschulzeit, in den Jahren von 1941 bis 1945, hatte ich keine Schul- und Lernschwierigkeiten. Von 1943 an hatte ich sogar in jedem Schuljahr, trotz der Kriegsereignisse und trotz eines zweimaligen kriegsbedingten Orts- und Schulwechsels, nur noch gute und sehr gute Noten mit nach Hause gebracht. Ich war gern zur Schule gegangen, hatte gro\u00dfe Freude gehabt am Schreiben und Rechnen wie generell am Unterricht. In der Rubrik F\u00fchrung hatte immer eine \u201esehr gut\u201c gestanden. Ich kann mich an keine nennenswerte Aufm\u00fcpfigkeit oder sonst eine Verhaltensauff\u00e4lligkeit erinnern. Die Volksschuljahre von 1943 bis zum Kriegsende waren die sch\u00f6nsten meiner Kindheit. Die Misere begann erst nach Kriegsende mit der R\u00fcckkehr in die Tr\u00fcmmer- und Elendsw\u00fcste N\u00fcrnbergs. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Die humanistische Kadettenanstalt<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Ich wurde Anfang Dezember 1945 in das Melanchthon-Gymnasium eingeschult, das f\u00fcr einen eingeschr\u00e4nkten Unterricht notd\u00fcrftig wieder instand gesetzt worden war. Der Wechsel aus der oberpf\u00e4lzischen Schulidylle in die graue, verstaubte Kadettenanstalt des Humanistischen Gymnasiums und die famili\u00e4ren N\u00f6te machten mir schwer zu schaffen. Das dortigeLehrpersonal war \u00fcberaltert und steckte selbst in N\u00f6ten. Da die meisten Lehrer Nazis gewesen und kalt gestellt worden waren, wurden statt ihrer \u201ealte Krauterer\u201c aus ihrem Pensionsdasein zur\u00fcckgeholt und Aushilfslehrer herangezogen. Die autoritativ-vorbildhafte, humanistische \u201eHeile-Welt-P\u00e4dagogik\u201c stand in einem krassen Gegensatz zu unserer schrecklichen Alltagswirklichkeit. Als habe es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, als st\u00fcnde noch das alte N\u00fcrnberg, als sei Ludwig Richters Kinderwelt noch gegenw\u00e4rtig, setzten die Gymnasiallehrer ihr altes Unterrichtsprogramm fort. Die Schulb\u00fccher dazu mussten erst \u201eentnazifiziert\u201c werden. Bis dahin schrieben die Lehrer den jeweiligen Stoff auf die gro\u00dfe Wandtafel, und wir mussten die Texte in unsere Schulhefte \u00fcbertragen. Diese notgedrungene Art der Stoffvermittlung war wenig ansprechend und im Vergleich zu heutigen Angeboten an Lehrmaterial katastrophal.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die wenigen Volksschulen, die nicht oder nur gering zerst\u00f6rt waren, \u00f6ffneten ihre Tore am 1. Oktober, die Oberschulen und Gymnasien aber erst Anfang Dezember 1945. Die engen r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse der provisorisch renovierten Schulgeb\u00e4ude und die Engp\u00e4sse beim Lehrpersonal lie\u00dfen nur einen Schichtunterricht zu. Es gab nicht gen\u00fcgend Heizmaterial, um die R\u00e4ume warm zu halten. Kaum hatte der Unterricht im Winter begonnen, musste er im Februar 1946 aus Kohlenmangel bereits wieder f\u00fcr vierzehn Tage eingestellt werden. Nach den \u201eKohlenferien\u201c wurden die Verh\u00e4ltnisse nicht besser. Am Morgen wurde der Unterricht klassenweise unterbrochen, um die US-amerikanische Qu\u00e4kerspeisung an die ausgehungerten Sch\u00fcler austeilen zu k\u00f6nnen. Meistens ging damit eine volle Unterrichtsstunde verloren. Ich war jedesmal erleichtert, wenn dadurch ein Fach ausfiel, in dem ich mich nicht vorbereitet hatte. Kurzum, im ersten Nachkriegsschuljahr 1945\/46 konnte das Lehrprogramm f\u00fcr diesen Jahrgang nicht erf\u00fcllt werden. Wir mussten 1946\/47 die erste Gymnasialklasse wiederholen. Es war kein individuelles Sitzenbleiben, sondern der allgemeine Verlust eines Schuljahres, der sich aus den ungeheuerlichen N\u00f6ten der Nachkriegssituation ergab. Bis zum dritten Gymnasialjahr lief dann f\u00fcr mich das Schulleben leidlich befriedigend ab, danach setzte die Leidensspirale ein, aus der ich nicht mehr herauskam. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">M<span style=\"color: #000000;\">eine Mutter, die ihre f\u00fcnf Kinder allein erziehen musste \u2013 mein Vater k\u00fcmmerte sich wenig um uns -, war v\u00f6llig \u00fcberfordert, hatte bis zur Ersch\u00f6pfung im Haushalt und mit unserer Versorgung zu tun. Sie war meinen Widerspenstigkeiten und Tricksereien hilflos ausgesetzt. Meine Tagebucheintragungen zeugen, so aufschlussreich sie heute \u00fcber meine damaligen inneren und \u00e4u\u00dferen N\u00f6te sein m\u00f6gen, von einem erb\u00e4rmlichen Unverst\u00e4ndnis ihrer Situation. Es war gegenseitiges Unverst\u00e4ndnis, was die Konflikte eskalieren lie\u00df. <\/span>Ich musste zu Hause viele Pflichten \u00fcbernehmen, was zu Auseinandersetzungen und zu einem unb\u00e4ndigen Drang f\u00fchrte, dem Familienalltag zu entfliehen. Ich wurde zu einem notorischen Ausrei\u00dfer und Schulschw\u00e4nzer. Die Pubert\u00e4t begann m\u00e4chtig zu rumoren, ich begehrte gegen die v\u00e4terliche Autorit\u00e4t auf, verweigerte von der Schule geforderte Leistungen und geriet nicht nach den W\u00fcnschen meiner Eltern. In F\u00e4chern, die mich interessierten, wie Deutsch, Geschichte und Kunst, erhielt ich gute Noten. Im Zeichenunterricht geh\u00f6rte ich stets zu den Besten. In F\u00e4chern, die mich langweilten, versagte ich. Gute und schlechte Noten lie\u00dfen sich bald nicht mehr ausgleichen. Die Pr\u00fcgel-P\u00e4dagogik meines Vaters bewirkte nur noch mehr Widerborstigkeit. Auch im Gymnasium schlugen die Lehrer, wenn wir die Vokabeln nicht oder zu schlecht gelernt hatten, mit einem Lineal auf unsere K\u00f6pfe ein. Ich simulierte \u00dcbelkeit, um nach Hause geschickt zu werden, und trieb mich irgendwo in der Stadt herum, lief \u00fcber Tr\u00fcmmerberge, machte mir allerlei Gedanken \u00fcber mich und die Welt und suchte nach M\u00f6glichkeiten, der Enge und den Konflikten des h\u00e4uslichen Familienlebens zu entkommen. Meine Leistungen fielen rasch ab, der schulische Absturz war nicht mehr aufzuhalten. Mein 1950 gef\u00fchrtes Tagebuch enth\u00e4lt haarstr\u00e4ubende Notizen. Ich war zu jung und zu bockig, um begreifen zu k\u00f6nnen, dass ich, indem ich Fluchtillusionen nachhing, nur noch tiefer in meiner Misere versank. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">In den Jahren 1950\/51 wollte ich raus aus der Enge des Familien- und Schullebens, auf einem Schiff anheuern, nach Afrika, nach Polynesien, wohin auch immer, es sollte vor allem weit weg von zu Hause sein. Wasser, Meer, andere L\u00e4nder, gro\u00dfe Schiffe, kleine seet\u00fcchtige Boote- meine Tagtr\u00e4ume waren voll sehns\u00fcchtiger Bilder. Ich st\u00f6berte in Buchl\u00e4den Literatur auf, die meine Fantasien von einem ungebundenen, abenteuerlichen Leben zur inneren Wirklichkeit werden lie\u00df. Ich schrieb Briefe irgendwohin in die Welt, an Orte und Adressen, die ich mir aus alten Geografieb\u00fcchern und landesgeschichtlichen Werken holte, und bat darum, Brieffreundschaften zu vermitteln. Ein Buch hatte es mir besonders angetan: \u201eSeeteufels Weltfahrt\u201c (1951) von Felix Graf von Luckner. Als Graf Luckner auf einer Vortragsreise 1953 in W\u00fcrzburg sein Seemannsgarn sponn, war ich hingerissen. Was der \u201eSeeteufel\u201c \u00fcber seine Jugend erz\u00e4hlte, h\u00f6rte sich an, als beschriebe er meine Situation: \u201eAls ich nicht in die Quinta versetzt wurde, wie ich es nach vielen schlechten Zeugnissen immer wieder versprochen hatte, war die Geduld meines Vaters zu Ende. Ich bekam die wohlverdienten Pr\u00fcgel. Vater schrieb in dieser Beziehung keine schlechte Handschrift, aber ich war viel zu stolz zum Wehklagen und Schreien. Ich versuchte meine Schmerzen abzuschw\u00e4chen, indem ich mir unausgesetzt eindringlich einredete: &#8222;Was geht mich das an, was hinter mir vorgeht.&#8220; Vater aber sah diesen Zustand als ungebrochenen Trotz an und rums hatte ich wieder einen weg.\u201c (Luckner 1951, 6f).<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Das erinnerte mich an den Vorsatz, den ich schon als kleiner Junge gefasst hatte: Ertrage stumm die Pr\u00fcgel deines Vaters. Mir war klar geworden, dass die Pr\u00fcgelorgien meines Vaters keine Ausnahme waren, sondern das p\u00e4dagogische Credo der meisten V\u00e4ter, Lehrer und Erzieher jener Zeit. Es h\u00e4tte wohl einer sanfteren P\u00e4dagogik und behutsamen Menschenf\u00fchrung bedurft, um mich zu der Einsicht zu bringen, dass meine jugendlichen Tr\u00e4umereien wie Seifenblasen an der Wirklichkeit zerplatzen werden. Die Pr\u00fcgel meines Vaters bewirkte das Gegenteil. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Revolte gegen den Schulbetrieb und meine Lehrerphobie am\u00fcsierten Mitsch\u00fcler und Mitleidende, die sich, so schien es mir, dem Unterrichtsbetrieb anpassten und darauf bedacht waren, nicht aufzufallen. Ich zog oft den Zorn der P\u00e4dagogen auf mich. In den Augen einiger Klassenkameraden mag ich wohl zu einem extremen \u201eTypus\u201c geworden sein, einem \u201ehoffnungslosen Fall\u201c. Diese Einsch\u00e4tzung h\u00f6rte ich viele Jahre sp\u00e4ter aus dem Munde fr\u00fcherer Mitsch\u00fcler, als ich sie alle beruflich \u00fcberholt hatte und Assistenzprofessor geworden war. F\u00fcr sie war es ein Wunder, dass ich es so weit gebracht hatte. Ich fragte mich wiederholt, wie es meinen Mitsch\u00fclern trotz \u00e4hnlicher allgemeiner Lebensumst\u00e4nde m\u00f6glich war, unauff\u00e4llig die Schule zu durchlaufen, w\u00e4hrend ich fast zwanghaft revoltierte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-648 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1-700x1126.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1126\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1-700x1126.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1-186x300.jpg 186w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1-768x1236.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1-800x1287.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/10_xx_1.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Ornithologisches Beobachtungsprotokoll, 1949<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Was mich jedoch unabh\u00e4ngig von schulischen Leistungsnormen und Erwartungen fesselte, war das Beobachten, Schreiben, Zeichnen und Malen. Ich f\u00fchrte damals empirisch sachlich ornithologische Beobachtungshefte. Nach wissenschaftlichen Vorgaben notierte ich Ort, Zeitpunkt, Wetterlage, Vogelart, lateinischen Name, Gefieder, Verhaltensweise, Gesang, Nestbau, F\u00e4rbung der Eier und andere Besonderheiten. In den Sommerferien 1949 fuhr ich mit dem Fahrrad zum Bodensee und besuchte mehrere Wochen die Vogelwarte Radolfzell, die damals auf Schloss Bodman beherbergt war. Zusammen mit den Ornithologen, beobachtete ich in den Schilfzonen Wasser- und Sumpfv\u00f6gel. Wir beringten vor ihrem Abflug in den S\u00fcden \u00fcber 2000 Schwalben. Ich war begeistert, wenn ein Wanderfalke im Sturzflug auf seine Beute schoss und eine Schwalbe griff. In der Schule konnte ich mit diesem Spezialwissen nicht punkten. Ich habe die Hefte aufgehoben und kann in der R\u00fcckschau mich selbst beobachten. Das ist mehr als ein Erinnern. Das ist Ausgrabung und Vergegenw\u00e4rtigung, eine Art Altertumskunde meiner Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Die Neigung, Vieles aufzuzeichnen und auch in Skizzen festzuhalten, machte es m\u00f6glich, mich dem bedr\u00fcckenden Alltag zu entziehen und mich in meine innere Welt zu verkriechen. Die in mir widerstreitenden mentalen Kr\u00e4fte, die zwischen Verweigerung und Engagement hin und her gerissen waren, kamen so zur Ruhe. Ich fasste Selbstvertrauen und f\u00fchlte ein kreatives Potenzial in mir rumoren. In mir steckte, so deute ich heute meinen Entwicklungsgang, ein embryonaler Wissenschaftler, der in einer schwierigen Sp\u00e4tgeburt zur Welt kam.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Flucht bis in die Gef\u00e4ngniszelle 25<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Eine Episode, es ist die spektakul\u00e4rste aus dieser Zeit, m\u00f6ge gen\u00fcgen, um die Leidensspirale aufzuzeigen, die sich mit jedem Schuljahr weiter drehte. \u201eErtrag dein Leiden mit Geduld, denn dass du hier sitzt, ist deine eigene Schuld\u201c, so war es auf die Wand der Zelle gekritzelt worden, in die mich die Polizei im Sommer 1950 eingesperrt hatte. Ich sa\u00df drei Tage lang im Stadtgef\u00e4ngnis Bremens in Zelle 25 in Haft. Wie war ich dorthin gekommen? <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">In verschiedenen Schulf\u00e4chern war es \u00fcblich, in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden eine so genannte \u201eEx\u201c, eine Extemporale, \u00fcber den Stoff der letzten Lektionen schreiben zu lassen. Unser Geschichtslehrer war seinem Auftreten nach ein ehemaliger Offizier der deutschen Wehrmacht mit All\u00fcren eines schneidigen Kommandeurs. Er kam mit flottem Schritt ins Klassenzimmer herein. Wir erwiesen pflichtgem\u00e4\u00df unsere Referenz und setzten uns gehorsam wieder auf unsere B\u00e4nke. Da kam aus seinem Mund mit kerniger Stimme: \u201eWir schreiben heute eine Extemporale\u201c. Das gef\u00fcrchtete Wort lie\u00df mich zusammenzucken, denn ich hatte den Stoff der letzten Stunden nicht gelernt. Wahrscheinlich handelte es sich um Lektionen \u00fcber altgriechische Geschichte. Ich mochte diese Episoden aus dem alten Griechenland und h\u00f6rte gern zu, wenn von ihnen die Rede war. Das hie\u00df aber nicht, dass ich von Stunde zu Stunde die Lektionen lernte. Also musste ich dieses Mal bei meinem Banknachbarn spicken. M\u00f6glicherweise hatte der Lehrer schon w\u00e4hrend der Pr\u00fcfungsarbeit meine Stielaugen beobachtet. Als er in der folgenden Unterrichtsstunde die korrigierten Arbeiten besprach, h\u00e4ndigte er mir meine Arbeit aus und sagte: \u201eDu hast abgeschrieben! Du hast eine F\u00fcnf!\u201c Ich log ihm ins Gesicht, nicht abgeschrieben zu haben. \u201eDoch! Du hast abgeschrieben!\u201c \u201e Nein! Das habe ich nicht!\u201c Ein heftiges Wortgefecht folgte. Das Lehrer-Sch\u00fcler-Drama eskalierte. Wahrscheinlich war es ein Schamgef\u00fchl, das mich hartn\u00e4ckig abstreiten lie\u00df, gespickt zu haben. In mir stiegen Aggressionen auf, ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Der Lehrer f\u00fchlte sich wohl in seiner Autorit\u00e4t herausgefordert und drohte mit \u201eArrest\u201c, \u00e4hnlich dem heutigen Nachsitzen. Im mehrstufigen Strafarsenal der Gymnasien war der Arrest damals ein besonders hartes Strafma\u00df, das vom Rektor genehmigt und best\u00e4tigt werden musste, und nat\u00fcrlich zogen Lehrer und Rektor am gleichen Vollzugsstrick. Der \u201e\u00dcbelt\u00e4ter\u201c musste au\u00dferhalb der regul\u00e4ren Unterrichtszeiten zu einem festgesetzten Termin in die Schule kommen, wo er in einen Klassenraum eingesperrt und mit einer Aufgabe besch\u00e4ftigt wurde. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Mein Geschichtslehrer hatte den verlogenen und widerst\u00e4ndigen Sch\u00fcler mit seiner Autorit\u00e4t zur Raison bringen wollen. Meine st\u00f6rrische Auflehnung und die im autorit\u00e4ren Denken befangene Holzhammer-P\u00e4dagogik des Lehrers verst\u00e4rkten sich wechselseitig. Am Ende des Zusammenpralls war f\u00fcr mich der angedrohte Arrest zu einer Frage von Unterwerfung oder Freiheit geworden. Eine sanftere, psychologisch geschulte P\u00e4dagogik, ein Appell an mein Ehrgef\u00fchl, ein Lob f\u00fcr mein reges Interesse am Fach h\u00e4tten den Konflikt wom\u00f6glich entsch\u00e4rfen k\u00f6nnen. Die Eskalation endete f\u00fcr mich jedoch in einem Desaster. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Ich ging nach Hause und \u00fcberlegte, wie ich der Strafe entgehen k\u00f6nnte. Pubert\u00e4re Sch\u00fcbe wischten rationale Handlungsimpulse beseite und der Plan war rasch gefasst. Ich studierte in einem alten Atlas die Route zur Nordsee, holte den Rucksack meines Gro\u00dfvaters hervor, packte einen Kanten Brot und W\u00e4sche hinein, ein Hemd, ein Handtuch, eine Unterhose, ein Paar Str\u00fcmpfe und einiges mehr, fuhr mit meinem Fahrrad, ohne eine Zettel zu hinterlassen, gegen Norden, um dem angeordneten Arrest-Termin zu entgehen. Mein Fluchtweg f\u00fchrte mich \u00fcber W\u00fcrzburg, Fulda, Hersfeld, Celle, Gifhorn und Verden nach Bremen. Die warmen Sommertage erleichterten dem Ausrei\u00dfer die Tour auf dem alten, schweren Fahrrad, das noch nicht mit einer Gangschaltung ausger\u00fcstet war. Aus jeder Etappe k\u00f6nnte ich eine kleine aufregende Geschichte erz\u00e4hlen, Angenehmes und Unangenehmes, ja sogar gef\u00e4hrliche Situationen. In der Rh\u00f6n half ich eine Woche lang einer b\u00e4uerlichen Familie bei der Heuernte. Die Bauerntochter schlich sich in der ersten Nacht, in der ich in der Scheune schlafen musste, zu mir ins Heu. Der Bauer gab mir am Ende der Arbeitswoche ein paar Mark Taschengeld und eine Brotzeit mit auf den Weg. Dann war ich Gast der Adelsfamilie von B\u00fclow, die mich f\u00fcr ein paar Tage auf ihrem Gut Triangel bei Gifhorn aufnahm. Ich a\u00df an ihrem Tisch, schlief in einem kleinen G\u00e4stezimmer und erhielt Reiseproviant f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage. Die freundliche Aufnahme l\u00e4sst mich schlussfolgern, dass ich nicht den Eindruck eines verwahrlosten Ausrei\u00dfers machte. F\u00fcr die Fragen, woher ich k\u00e4me und wohin ich wolle und was der Grund daf\u00fcr sei, so weite Strecken mit dem Fahrrad zur\u00fcckzulegen, hatte ich mir eine ergreifende, aber glaubw\u00fcrdige Geschichte ausgedacht: Ich m\u00fcsse zu einem alten Onkel nach Bremen fahren. Meine Eltern h\u00e4tten nicht genug Geld, um eine Reise zu bezahlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Es waren etwa f\u00fcnf Wochen vergangen, als ich in Bremen ankam. Mein letztes Ziel war der Bremer Binnenhafen, wo gro\u00dfe Handelsschiffe lagen. Ich trieb mich im Hafengel\u00e4nde herum und beobachtete, wie die Frachter be- und entladen wurden. Ich musterte die Seeleute, die von Bord gingen und die vom Landgang zur\u00fcckkehrten. Welches Schiff w\u00fcrde bald auslaufen? Ein schwedischer Frachter schien bald die Taue einzuholen. Das Schiff hie\u00df \u201eMuskoe\u201c. Ich nahm mir ein Herz und stieg \u00fcber die ausgefahrene Bordleiter ans Deck. Keiner der Schiffsoffiziere und einfachen Seeleute fragte mich, was ich auf dem Schiff wolle. Sie schienen keine Notiz von mir zu nehmen. Vielleicht hielten sie mich f\u00fcr einen frisch angeheuerten Schiffsjungen. Niemand sprach mich an, niemand jagte mich von Bord, Ich schaute den Seeleuten bei der Arbeit zu, \u00fcberlegte, wie ich mich einreihen und so vort\u00e4uschen k\u00f6nnte, irgendwie zur Mannschaft zu geh\u00f6ren. So verging der Tag. Als die Nacht hereinbrach, sah ich mich nach einem Winkel um, in dem ich mich verbergen und schlafen konnte. Jetzt w\u00fcrde sich zeigen, ob ich mit hinausk\u00e4me auf die hohe See, sei es als vermeintlicher Schiffsjunge oder in meinem Versteck als blinder Passagier. Niemand sollte mich in einen schulischen Arrest zwingen k\u00f6nnen. Ich wollte nicht mehr in die autorit\u00e4re Kadettenanstalt des Humanistischen Gymnasiums zur\u00fcckkehren. Aus! Vorbei! Freiheit!<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Mitten in der Nacht h\u00f6rte ich lautes Gerede. Von Seeleuten gef\u00fchrt kamen zwei Polizisten an Bord, sp\u00fcrten mich in meinem Winkel auf, nahmen mich fest, brachten mich nach einem kurzen Wortwechsel \u00fcber meine Identit\u00e4t von Bord und fuhren mich in einem Polizeiwagen zur Wache, wo ich in den n\u00e4chsten Tagen mehrmals verh\u00f6rt wurde. Es hie\u00df, der Schiffszimmermann habe in der Nacht seiner Frau erz\u00e4hlt, ein schm\u00e4chtiger Junge sei an Bord gekommen, den er f\u00fcr einen Ausrei\u00dfer halte. Seine Frau habe ihm geraten die Polizei zu benachrichtigen. Die Polizei fuhr mich zum Stadtgef\u00e4ngnis und steckte mich kurzer Hand und \u201esicherheitshalber\u201c in die Zelle Nr. 25. Diese Art der Sicherheitsverwahrung verstie\u00df zwar gegen das Jugendstrafgesetz, aber die Polizei schien in dieser Nacht keine gesetzesgem\u00e4\u00dfe Alternative zu haben. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">In der Zelle sa\u00df bereits ein anderer jugendlicher Ausrei\u00dfer, der es angeblich als blinder Passagier bis nach Afrika geschafft hatte. Am n\u00e4chsten Morgen wurde ich von einer Polizistin \u201eentlaust\u201c, obwohl ich keine L\u00e4use hatte. Mit einer gro\u00dfen Pumpe st\u00e4ubte sie vorne am Kragen und hinten im Nacken ein wei\u00dfes Desinfektionsmittel \u00fcber meinen K\u00f6rper. Das waren hygienische Vorsorgema\u00dfnahmen, die jeder Neuank\u00f6mmling \u00fcber sich ergehen lassen musste. Die enge Zelle hatte die damals \u00fcbliche karge Ausstattung: ein einfaches Bettgestell, eine Klosch\u00fcssel, einen Stuhl und einen kleinen Holztisch, ein Schr\u00e4nkchen, ein schmales Brett f\u00fcr wenige Hygieneartikel, eine Blechsch\u00fcssel und einen L\u00f6ffel. Ich lernte meinen Zellengenossen n\u00e4her kennen. Er erz\u00e4hlte seine Geschichte, ich die meine. Ich konnte ein wenig mithalten. Auch er sei, wie er sagte, von einer Frau verpfiffen worden. Ich hatte in meiner Leidensgeschichte die Frau des Schiffszimmermanns vorzuweisen. Der angebliche Verrat hatte uns beide zu Opfern \u201eweiblicher Perfidie\u201c gemacht. Wir erlitten in der Zelle 25 ein gemeinsames Schicksal.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Das Sch\u00f6nste in meinem neuen Domizil waren die Dekorationen auf den grau verputzten W\u00e4nden. Die fr\u00fcheren Insassen hatten auf den W\u00e4nden Spr\u00fcche und Fl\u00fcche gekritzelt und tief eingeritzt. Sie hatten mit Strichlisten die Tage und Wochen ihrer Inhaftierung gez\u00e4hlt, kleine Graffitis und sexuelle Zoten hinterlassen. Das gr\u00f6\u00dfte Dekor stellte eine nackte Frau dar, die mit satten Umrisslinien auf das Grau gezeichnet war. Als W\u00e4rter mittags uns mit Linsen- oder Erbsensuppe gef\u00fcllte Blechsch\u00fcsseln in die Zelle hereinreichten, nahmen wir Ausrei\u00dfer die nackte Frau ins Visier, genau gesagt, ihre Scham, und bespritzen sie mit Suppe, die \u00fcber ihre Schenkel herunterlief. Wir setzten unsere Essl\u00f6ffel als treffsichere Katapulte ein und hatten einen Heidenspa\u00df. Die W\u00e4chter hatten daf\u00fcr leider kein Verst\u00e4ndnis und schimpften lauthals. Sie trennten uns \u00dcbelt\u00e4ter, mein Mitbewohner wurde kurzer Hand in eine andere Zelle gesteckt. Ich blieb bis zu meiner Entlassung in Zelle 25 allein und dachte viel \u00fcber meine Lebenssituation nach. Aus der H\u00f6he eines vergitterten Fensters fiel ein fahler Schein auf mich herab. Mein Blick fiel pl\u00f6tzlich auf einen der Spr\u00fcche an der Wand, es war der zitierte: \u201eErtrag dein Leiden mit Geduld, denn dass du hier sitzt, ist deine eigene Schuld.\u201c Worte, die mir mein Leben lang in Erinnerung blieben. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die drei N\u00e4chte, die ich in Gefangenschaft ausharren musste, waren f\u00fcr mich erstaunlich unterhaltsam. Meine Zelle lag offenbar auf der Seite zum Innenhof des Gef\u00e4ngnisses. In der Nacht standen viele Insassen unter ihren vergitterten Fenstern, die in den hei\u00dfen Sommertagen leicht aufgeklappt waren. Von Zelle zu Zelle erscholl lautes Rufen. \u201eHans, h\u00f6rst du mich?\u201c &#8211; \u201eFritz, wann kommst du raus?\u201c \u2013 \u201eHella, du S\u00fc\u00dfe, wie geht es dir? &#8211; \u201eWenn ich rauskomme, mache ich dich zur Schnecke!\u201c- Die Stimmen verrieten, dass auch Frauen einsa\u00dfen. Es h\u00f6rte sich an, als w\u00fcrden in einer Voliere gefangene unsichtbare Nachtv\u00f6gel verst\u00f6rte Schreie aussto\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die Polizei hatte meinen Eltern mitgeteilt, ich sei aufgegriffen worden und k\u00f6nne nach den polizeilichen Ermittlungen aus dem Gewahrsam entlassen und nach Hause geholt werden. Mein Vater weigerte sich jedoch, wie nicht anders zu erwarten war, mich in Bremen abzuholen. Er wollte, dass ich von einer Aufsichtsperson des Bremer Jugendamtes nach N\u00fcrnberg begleitet werde. So geschah es. Die polizeilichen Recherchen bei den Stationen, wo ich auf meinem Fluchtweg nach Norden eingekehrt war, hatten ergeben, dass ich nichts ausgefressen hatte. Das Ergebnis entsprach den Tatsachen, ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Ein Aufpasser des Jugendamtes holte mich am Gef\u00e4ngnistor ab, brachte mich mit einem Schnellzug nach N\u00fcrnberg und \u00fcbergab mich meinen Eltern. Entgegen meinen Erwartungen tobte mein Vater nicht und es setzte keine Pr\u00fcgel. Im Gegenteil, meine Eltern empfingen mich mit Kaffee und Kuchen. Offensichtlich waren sie heilfroh, dass ich unversehrt und ohne ein strafrechtliches Vergehen zur\u00fcckgekehrt war. Die \u201eN\u00fcrnberger Nachrichten\u201c berichteten, ich sei \u201eals ein zweiter Karl May\u201c von einer abenteuerlichen Fahrt zur\u00fcckgekommen. Das war ein erster zweifelhafter medialer Ruhm. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Was hatte ich also am Ende meiner \u201eIrrfahrt in die Freiheit\u201c erreicht? Ich hatte meine Weigerung, eine Stunde Schularrest abzusitzen, mit drei Tagen Gef\u00e4ngnisaufenthalt bezahlt. Gegen den polizeilichen Freiheitsentzug war ich machtlos gewesen. Aber es kam noch schlimmer: Die Schule lie\u00df mich wegen meiner Eskapaden und Vers\u00e4umnisse nicht auf die n\u00e4chste Klassenstufe vorr\u00fccken. Ich verlor ein Schuljahr. Ein bitteres Ergebnis. Ich erkannte, dass die Irrfahrt in die Freiheit keine L\u00f6sung f\u00fcr meine existenziellen Schwierigkeiten gebracht hatte. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"color: #000000;\">Heute ist es keine Schande mehr, ein schlechter Sch\u00fcler gewesen oder gar sitzengeblieben zu sein, obgleich es auch noch heute ungern zugegeben wird. Die starren Strukturen der Nachkriegszeit und der 1950er Jahre sowie die rigide autorit\u00e4re Praxis der \u00e4lteren P\u00e4dagogik geh\u00f6ren der Vergangenheit an. Die Pr\u00fcgelstrafe wurde abgeschafft, auch die Strafe, f\u00fcr eine kleine Unfolgsamkeit in der Ecke stehen zu m\u00fcssen, bis die Lehrkraft den \u201eStr\u00e4fling\u201c aus der Schandecke holte. Der Kommandoton der Kriegsheimkehrer-Lehrerschaft und das autorit\u00e4re Gehabe der alten Gymnasialprofessoren ist einem konzilianteren Umgang mit Sch\u00fclern gewichen. Doch noch immer ruft Sitzenbleiben \u00c4rger, Scham und Tr\u00e4nen hervor. Aus dem Teufelskreis von schlechten Schulnoten, versiegendem Selbstwertgef\u00fchl und weiter absinkenden Leistungen herauszukommen, ist ohne gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde und Hilfe nach wie vor schwer m\u00f6glich. Viele \u201eVersager\u201c machen wenig spektakul\u00e4re Karrieren, sie bleiben in der Berufswelt irgendwo h\u00e4ngen. Noch heute, nach mehr als sechzig Jahren, bedr\u00e4ngen mich Albtr\u00e4ume mit Versagens\u00e4ngsten. Meine eigene Schulmisere und die Albtr\u00e4ume wirkten sich auf meine sp\u00e4tere Rolle als Vater und Gro\u00dfvater aus: Ich versuchte geduldiger, einf\u00fchlsamer, weniger streng und vorsichtiger zu sein, wenn meine T\u00f6chter und Enkelkinder mit Schulproblemen nach Hause kamen oder unter Konflikten mit Lehrern litten. <\/span><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Es war aber ein ganz anderer Schock, der mich kurz danach aus dem elterlichen Haus und aus der Schule trieb: der Tod meines Bruders Heinrich, von dem ich im n\u00e4chsten Kapitel berichten werde.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Gemisch unterschiedlicher Ursachen, das mich nach dem Krieg zu einem Schulversager werden lie\u00df: direkte Kriegsfolgen wie Raumnot, Unterern\u00e4hrung und Zukunfts\u00e4ngste, schwierige famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse, die autorit\u00e4re Droh- und Pr\u00fcgelp\u00e4dagogik meiner Eltern und eine heftig einsetzende Pubert\u00e4t. 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