{"id":68,"date":"2016-05-21T13:36:17","date_gmt":"2016-05-21T11:36:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=68"},"modified":"2019-02-20T22:55:22","modified_gmt":"2019-02-20T21:55:22","slug":"10-der-selbstmord-meines-bruders-das-drama-von-wuerzburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/05\/21\/10-der-selbstmord-meines-bruders-das-drama-von-wuerzburg\/","title":{"rendered":"10. Der Selbstmord meines Bruders: \u201eDas Drama von W\u00fcrzburg\u201c"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die Entwicklung meines um gut drei Jahre j\u00fcngeren Bruders Heinrich verlief schrecklich. Es schien, als h\u00e4tten sich in ihm alle b\u00f6sen M\u00e4chte einquartiert, um ihn ins Ungl\u00fcck zu treiben. Er geriet wie ich in den Jahren zuvor in pubert\u00e4re Turbulenzen, schloss sich einer Jugendbande an, beteiligte sich an Einbr\u00fcchen und Diebst\u00e4hlen, strauchelte und nahm sich 1954 nach einer ungeheuerlichen Tat kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag das Leben. Hein, so war sein famili\u00e4rer Kosename, endete elend durch das Gift E 605, das damals jedermann im Handel kaufen konnte. Sein ungl\u00fcckliches Leben und elendes Sterben hinterlie\u00dfen in meinem Leben tiefe Spuren. Ich f\u00fchlte mich lebenslang schuldig, weil ich ihm in seiner Not nicht hatte beistehen k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Eltern hatten mir, dem \u00c4ltesten in der Geschwisterrunde, die Aufsicht \u00fcber die J\u00fcngeren \u00fcbertragen und mich zum verl\u00e4ngerten Arm ihrer zweifelhaften Autorit\u00e4t gemacht. Meine Mutter hatte mich wiederholt beauftragt, Hein von der Stra\u00dfe nach Hause zu holen und ihn, falls er sich widersetzen sollte, zu verpr\u00fcgeln. Das hatte das br\u00fcderliche Vertrauensverh\u00e4ltnis zerst\u00f6rt. Hein hatte in der Familie keinen liebevollen Hort, niemand konnte sich wirklich in seine N\u00f6te einf\u00fchlen, einen hilfreichen Zugang zu ihm finden. Sein Freitod, um diese euphemistische Bezeichnung zu gebrauchen, war eine auf sich selbst gerichtete Extremisierung von Gewalt, der Untaten vorausgegangen waren. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-603 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101-700x910.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"910\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101-700x910.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101-231x300.jpg 231w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101-768x999.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101-800x1041.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_101.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Heinrich \u201eHein\u201c Mintzel, um 1950\/51; geb. 19.10.1938, gest. 18.09.1954<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Der Schwererziehbare<\/b><\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Hein wurde am 19. Oktober 1938 geboren, am Geburtstag unserer Mutter. Zwei Geschwister wurden vor, zwei nach ihm geboren. Heins Start ins Leben wurde vom Krieg \u00fcberschattet. Er wurde im September 1944 eingeschult, konnte aber wegen der Kriegsereignisse fast ein Jahr lang nicht zur Schule gehen. Trotzdem wurde die verlorene Schulzeit nach dem Krieg mitgez\u00e4hlt, als sei sie absolviert worden. Hein blieb durch alle Volksschulklassen hindurch ein schlechter Sch\u00fcler. In seinen Zeugnissen wurden wiederholt sein schlechtes Betragen und seine Faulheit ger\u00fcgt. In seinem Entlassungszeugnis aus der Volksschule stand: \u201eFlei\u00df und Aufmerksamkeit des Sch\u00fclers entbehrten der Stetigkeit. Sein schulisches und au\u00dferschulisches Betragen gab zu Tadel Anlass.\u201c Mein Vater sah in ihm einen Versager und lie\u00df ihn seine Entt\u00e4uschung, ja Verachtung deutlich sp\u00fcren. In seinen Augen war ein Mensch ohne Abitur und Universit\u00e4tsstudium weniger wert.<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Nach dem Umzug meiner Familie nach W\u00fcrzburg schloss sich Heinrich dort einer Jugendbande an. Die Jugendlichen machten sich einen Spa\u00df daraus, abends im Stadtpark M\u00e4dchen aufzulauern und zu bedr\u00e4ngen. In der beim Luftangriff vom 16. M\u00e4rz 1945 in Schutt und Asche gelegten Stadt wurden in vielen Stra\u00dfen die Wohnh\u00e4user wieder aufgebaut, eines nach dem anderen. An den Grundst\u00fccken standen Bauwagen, die den Handwerkern tags\u00fcber als Unterkunft dienten und in die \u00fcber Nacht Ger\u00e4te eingeschlossen wurden. Die Bauarbeiter, kr\u00e4ftige Biertrinker und Raucher, deponierten darin auch Alkohol und Tabak. Die Jugendbanden brachen auf ihren n\u00e4chtlichen Streifz\u00fcgen diese Bauwagen auf und stahlen Bierflaschen und Zigaretten. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Nachdem Hein 1953 die Volksschule abgeschlossen hatte, schoben ihn unsere Eltern in ihrer Ratlosigkeit in das bei N\u00fcrnberg gelegene evangelisch-lutherische Erziehungsheim Rummelsberg ab. In diesem Heim, das eigene Werkst\u00e4tten unterhielt, konnten \u201eF\u00fcrsorgez\u00f6glinge\u201c verschiedene Handwerke erlernen. Fanden die Z\u00f6glinge keinen Ausbildungsplatz oder wurden sie aus der Werkstatt verwiesen, mussten sie als Knechte in der Landwirtschaft mitarbeiten. In diesen kirchlichen Anstalten war psychische und physische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an der Tagesordnung. Hein ging es dort nicht gut. Die strengen Heimregeln wurden damals brachial durchgesetzt. Schon aus geringen Anl\u00e4ssen zu pr\u00fcgeln, war damals rechtens und gang und g\u00e4be. Was mag meinem Bruder in dieser evangelischen Erziehungsanstalt widerfahren sein? Wor\u00fcber traute er sich nicht zu sprechen? Mein Bruder wollte nach Hause zur\u00fcck, riss mehrmals aus und brach seine Lehre ab. In Briefen flehte er meinen Vater an, wieder nach Hause zur\u00fcckkehren zu d\u00fcrfen. Noch heute ersch\u00fcttern mich sein Bitten, Flehen, sein fast v\u00f6llig gebrochenes Selbstwertgef\u00fchl und sein Wille, den Teufelskreis von Willk\u00fcr, Gewalt, Versagen und Flucht zu durchbrechen. Ein paar Ausz\u00fcge aus seinen Briefen m\u00f6gen dies veranschaulichen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">06.01.1954: \u201eLieber Papa! (\u2026) Ich will jetzt unbedingt aus dem Heim. Du zahlst Dein Geld sowieso umsonst, denn wenn man nicht selbst zur Vernunft kommt, n\u00fctzt das Heim auch nichts. Durch das Heim ist das nur beschleunigt worden. Wenn man sich mit den anderen abgibt, wird man noch bl\u00f6der. Wenn nicht, dann wird man immer verachtet. Bis jetzt habe ich Euch noch nichts sagen trauen. Vor dem Essen mu\u00df man sich erst um einen Stuhl und einen Teller raufen, denn meistens fehlt etwas, wenn dann einer keinen Stuhl oder Teller hat, dann nimmt er ihn vom anderen. Zum Schluss habe ich dann keinen Teller, weil ich mich ausschlie\u00dfe und nicht \u00fcberall mitmache. (\u2026) Wenn man was sagt, dann soll man woanders hin oder heim gehen. So bin ich angeredet worden. Im Zimmer singt der eine lauter als der andere (\u2026) Jetzt haben die anderen wieder eine Wut auf mich (\u2026). Wenn ich in der Gruppe etwas sage, bekomme ich eine auf den Mund. Solls einen da gefallen? Es ist auch nicht so, da\u00df man wegen der Lehrstelle im Heim bleibt, denn in der Schlosserei sind 32 Lehrlinge, wenn 20 besch\u00e4ftigt sind, sind es sehr viele, die neuen Lehrlinge kommen \u00fcberhaupt nicht an die Arbeit. Wie [als] ich nach Arbeit fragte, sagte der Gehilfe: was kannst du schon, du hast ja noch nie gelernt. Nach Weihnachten ging ich zum Meister und sagte, er soll mich so einteilen, dass ich was lerne. Die Antwort, wenn dir was nicht passt, gehst raus. Auf alle F\u00e4lle ist es nicht mehr zu meinem Guten, wenn ich noch l\u00e4nger im Heim bleibe. Nat\u00fcrlich habe ich daheim [in W\u00fcrzburg] keine Lehrstelle, aber ich kann ja 1 \u2013 2 Monate als B\u00e4cker lernen, da stehen alle Tage ein paar [Stellenangebote] in der Zeitung. Bis ich eine andere Stelle habe, k\u00f6nnte ich vielleicht auch Mama helfen. Wenn ich noch l\u00e4nger im Heim bleiben muss, dann kann ich mich nicht mehr beherrschen. Oft k\u00f6nnte ich s\u00e4mtliche Sachen zum Fenster raushauen. Bei jeder Gelegenheit wollte ich durchgehen [aus dem Heim fl\u00fcchten], dann geht alles wieder von vorne an. Dein Hein.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">18.01.1954: \u201eMeine Lieben! (\u2026) Ich glaube. dass mir die Lehrzeit nicht anerkannt werden kann, weil ich noch nicht allzu viel wei\u00df. Deshalb k\u00f6nnt Ihr, wenn es m\u00f6glich ist, eine Lehrstelle als Elektriker besorgen. (\u2026). Alf m\u00f6chte so gut sein und das Buch, das Inge Lu von mir hat, auch mitschicken (\u2026). Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen! Euer Hein.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">02.02.1954: \u201eMeine Lieben! (\u2026) Wie geht es Euch und Tante? Mir geht es zur Zeit nicht besonders gut, ich habe immer Magenschmerzen. In der Werkstatt ist jetzt auch immer Arbeit f\u00fcr mich (\u2026). Ich freue mich auf einen Brief von Euch. Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen. Euer Hein.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">04.02.1954: \u201eLieber Papa! Heute muss ich Dich nochmals entt\u00e4uschen (\u2026). Nachdem ich aber schon zwei Mal ohne Erlaubnis nicht in der Werkstatt war (weil ich heimgefahren bin), hat mich der Meister heimgeschickt [er meint wohl: aus der Werkstatt verwiesen]. Nun bin ich wieder einfacher landwirtschaftlicher Knecht. Wenn Du jetzt auch aufgibst, ich gebe noch nicht auf. (\u2026) Ich werde jetzt bis April noch in der Landwirtschaft arbeiten. Wenn Du nicht mehr willst, dann kannst Du es mir schreiben. Bei mir ist Hopfen und Malz verloren, da kann man nichts mehr \u00e4ndern. Schreibe mir bitte sofort. Ich bin es nicht wert, dass Ihr f\u00fcr mich die 115 DM im Monat zahlt. Gr\u00fc\u00dfe bitte Mama von mir. Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen. Dein Hein.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">26.02.1954: \u201eMeine Lieben! (\u2026) Habt Ihr schon eine Lehrstelle f\u00fcr mich in Aussicht oder ist es ganz aussichtslos bis April eine Lehrstelle als Elektriker zu bekommen? Wegen der Lehrstelle mache ich mir gro\u00dfe Sorgen! Hoffentlich wird alles klappen. (\u2026) Ich freue mich sehr, wenn ich wieder bei Euch in W\u00fcrzburg wohnen darf! Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen an alle. Euer Hein.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Trostlosigkeit, Hilferufe, Verzweiflung, Wut. Hein hatte keine Chance, aus diesen Missst\u00e4nden im Heim ohne schwerste Blessuren herauszukommen. Am 11. Januar 1954 sandte der Anstaltsleiter Dr. Schaubert an unseren Vater ein Telegramm folgenden Inhalts: \u201eHeinrich heute Morgen ohne Grund entwichen.\u201c \u2013 <i>\u201eOhne Grund\u201c?<\/i> Hein hatte in seinem Brief vom 06.01.1954 seine Absicht, aus dem Heim auszurei\u00dfen mitgeteilt und seine Beweggr\u00fcnde ausf\u00fchrlich geschildert. Wer h\u00e4tte ihm aber schon geglaubt? Die Aufdeckung von offenem und verschwiegenem Machtmissbrauch, von autorit\u00e4rer Willk\u00fcr und m\u00f6glicherweise auch sexueller \u00dcbergriffe w\u00e4re damals, wie sp\u00e4ter eine haarstr\u00e4ubende Missbrauchsaff\u00e4re an den Rummelsberger Anstalten ans Tageslicht brachte, so gut wie unm\u00f6glich gewesen (<a href=\"http:\/\/www.suedeutsche.de\/bayern\/affaere-an-den-rummels%2005.04.2016\">http:\/\/www.suedeutsche.de\/bayern\/affaere-an-den-rummels 05.04.2016<\/a>). <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Eltern sahen schlie\u00dflich wohl ein, dass sein Aufenthalt im Erziehungsheim nicht die gew\u00fcnschte \u201eResozialisierung\u201c brachte, sondern den Jungen zu zerbrechen drohte. Sie holten ihn im Juni 1954 zur\u00fcck. Er wohnte wieder bei uns zu Hause. Hein und ich teilten uns ein Zimmer als Schlaf- und Arbeitsraum, doch lebten wir mehr nebeneinander als miteinander. Hein der S\u00fcndenbock der Familie geworden. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Br\u00fcderlicher Sommer<\/b><\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">In den Sommermonaten Juli und August 1954 f\u00fchrten uns dann zwei Unternehmungen ein letztes Mal wirklich br\u00fcderlich zusammen. Wir arbeiteten beide auf dem W\u00fcrzburger Kilianifest in einer Wurfbude, um Geld f\u00fcr eine gemeinsame Anhalter-Tour durch Bayern in die Alpen zu verdienen. Wir trampten im August bis nach Garmisch-Partenkirchen, \u00fcbernachteten h\u00e4ufig in freier Natur oder in Scheunen und genossen das \u201ewilde Leben\u201c von Trampern. Dabei fielen mir durchaus fragliche und kleinkriminelle Verhaltensweisen Heins auf, etwa sein Diebstahl einer vollen Zigarettenpackung aus dem Fond eines Autos, dessen Fahrer uns mitgenommen hatte. Auf dem Weg zur\u00fcck wurde ich krank. Hohes Fieber veranlasste mich, in Kaufbeuren ein Krankenhaus aufzusuchen. Hein fand bei einer b\u00e4uerlichen Familie Unterschlupf, bei der wir gen\u00e4chtigt hatten. Mein Krankenhausaufenthalt zog sich hin, in einer blutigen Operation wurde ein Teil meiner Nasenscheidewand entfernt, weil die \u00c4rzte dahinter eine Vereiterung vermuteten. Das medizinische Ergebnis: Ich konnte seither besser durch die Nase atmen. Ich hoffte, dass Hein bis zu meiner Entlassung bei der b\u00e4uerlichen Familie bleiben k\u00f6nnte. Es kam anders. Unerwartet besuchte mich der Bauer und berichete besorgt \u00fcber Heins Verhalten. Hein mache sich an die M\u00e4dchen heran, stifte Unfrieden und st\u00f6re bei der Arbeit. Er m\u00fcsse nach Hause geholt werden. Der im Grunde gutwillige Bauer wollte nicht mehr die Verantwortung f\u00fcr Hein \u00fcbernehmen. Eigentlich w\u00e4ren nun meine Eltern, allen voran mein Vater, am Zuge gewesen, sich um uns zu k\u00fcmmern und uns zur\u00fcckzuholen. Mein Vater weigerte sich jedoch, nach Kaufbeuren zu kommen. An dieser schroffen Weigerung zerbrach sogar die Freundschaft mit seinem besten Jugendfreund, der 1935 mein Patenonkel geworden war. Er hatte es f\u00fcr unverantwortlich und erbarmungslos gehalten, Hein und mich nicht zu besuchen und uns nicht mit nach Hause zu nehmen. Mein Vater hatte wieder nach dem Grundsatz gehandelt, wer seine S\u00f6hne liebt, der behandelt sie mit ganzer H\u00e4rte. Seine finanziellen Kr\u00e4fte wurden allerdings auch wiederholt durch Sonderausgaben belastet, die unsere Eskapaden mit sich brachten. Wir S\u00f6hne waren eine kostspielige Brut, die die Geduld und elterliche Liebe auf harte Proben stellte. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-577 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-700x518.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-700x518.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-300x222.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-768x569.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-800x592.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_004.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Hein gewann im Mai 1953 beim Jugendbuch-Ausschreiben der Franck&#8217;schen Verlagsbuchhandlung den 3. Preis, ein Paar Skier. Er war zu dieser Zeit Sch\u00fcler der Pestalozzischule W\u00fcrzburg. Im Beisein seiner Schulklasse und des Rektors der Schule wurden ihm in er Universit\u00e4tsbuchhandlung Sch\u00f6ningh die Skier \u00fcberreicht. In seinem kurzen Leben vermutlich das letzte Erfolgserlebnis.<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Nichts von all dem, was passiert war, lie\u00df jedoch Heins dramatische Kurzschlusshandlung erwartenen. Doch nach der R\u00fcckkehr nach W\u00fcrzburg nahm das Drama seinen Lauf: Heins gr\u00f6\u00dfter Wunsch war es in den Jahren 1953\/54 gewesen, sich einen Plattenspieler und Schellackplatten kaufen zu d\u00fcrfen. Er hatte eine Vorliebe f\u00fcr amerikanischen Jazz. Mein Vater hatte jedoch nicht das geringste Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diesen Wunsch, er war strikt gegen \u201eNegermusik\u201c. Als Hein sich auf kriminellem Wege einen Plattenspieler zu beschaffen versuchte, geriet er in eine f\u00fcr ihn auswegslose Situation. Er irrte in der Stadt umher, rief ein letztes Mal meine Mutter aus einer Telefonzelle an und fand kein Geh\u00f6r. Meine Mutter soll gesagt haben: \u201eDu brauchst erst gar nicht mehr nach Hause zu kommen!\u201c Er ging daraufhin, so wurde berichtet, in ein Musikgesch\u00e4ft, lie\u00df sich ein Schallplatte reichen, verschwand in einer H\u00f6rkabine, legte die Platte auf, drehte die Lautst\u00e4rke hoch und nahm ein Gift ein, das rasch wirkte. \u201eHelft mir!\u201c schrie er im Todeskampf, so wurden mir seine letzten Worte zugetragen. Doch niemand konnte ihm helfen. Nach einer anderen Version des Hergangs soll meine Mutter ihn inst\u00e4ndig gebeten haben, wieder heimzukommen. Was war wirklich geschehen? Ich war zu dieser Zeit nicht in W\u00fcrzburg, ich war nicht dabei.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Sensationsberichte, Spie\u00dfrutenlauf und Beerdigung<\/b><\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-575 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001-700x103.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"103\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001-700x103.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001-300x44.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001-768x113.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001-800x117.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_001.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-576 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-700x696.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"696\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-700x696.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-300x298.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-768x763.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002-800x795.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/10_002.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Berichterstattung in der M\u00fcnchner Illustrierten<\/em><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr meine Eltern und uns Geschwister wurde Heins Tod zu einem Spie\u00dfrutenlauf. Jeder wusste, was passiert war. Die W\u00fcrzburger \u201eMain-Post\u201c, das \u201eW\u00fcrzburger Volksblatt\u201c, der \u201eStern\u201c, die \u201cM\u00fcnchner Illustrierte\u201c, \u201eDie Bunte\u201c und andere Presseorgane und Magazine hatten mit bebilderten Sensationsberichten auf das Familiendrama aufmerksam gemacht und hierdurch Neugierige angelockt. Ich erlebte die mediale Berichterstattung als eine pers\u00f6nliche Katastrophe, f\u00fchlte mich mit der Familie an den \u00f6ffentlichen Pranger gestellt.\u00a0 Wir sch\u00e4mten uns. Die W\u00fcrzburger \u201eMain-Post\u201c schilderte am 24. September 1954 in ihrem Bericht unter dem Titel \u201eBei Schallplattenmusik t\u00f6dliches Gift getrunken\u201c den Hergang. rei\u00dferisch so:<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eAm Samstag hat sich ein junger Mensch das Leben genommen. Wir haben \u00fcber diese Tatsache in unserer Montag-Ausgabe kurz berichtet und wollten es bei dieser Notiz bewenden lassen, wenn die polizeilichen Ermittlungen nicht eine furchtbare Trag\u00f6die im Hintergrund dieses Selbstmordes ergeben h\u00e4tten. Der 16 Jahr alte Sch\u00fcler, der als letzten Ausweg das Einnehmen von Gift sah, ist der mi\u00dfratene Sohn einer anst\u00e4ndigen Familie, der er schon immer viel Kummer bereitet hat. Heinz hatte am Tage vorher seine 81 Jahre alte Tante, der er 250 Mark gestohlen hatte, mit einem Pflanzenschutzmittel vergiften wollen, damit dieser Diebstahl nicht aufkommen sollte. Wie durch ein Wunder ging sein teuflischer Anschlag fehl. Der Kriminalpolizei ist der Bursche nicht unbekannt gewesen. Er geh\u00f6rte einer Rotte von Halbw\u00fcchsigen an, die mehrere Diebst\u00e4hle begangen, Autos geknackt hatten und auf dem besten Weg waren, Berufsverbrecher zu werden. Die Eltern versuchten ihren Sohn in einer Erziehungsanstalt zu bessern. Aber Heinz war wohl schon zu sehr auf die schiefe Bahn gekommen. Vor etwa drei Wochen aus der Anstalt zur\u00fcckgekehrt, sann er, wie er zu Geld kommen k\u00f6nnte. Die alte Tante, die bei der Familie wohnt, hatte Geld. Er stahl es, kaufte davon einen Plattenspieler und Jazzplatten. Jazzmusik war seine gro\u00dfe Leidenschaft. Dann reifte in ihm der Plan, die alte Frau aus dem Wege zu schaffen, damit sie den Diebstahl nicht bemerken sollte. Beim Mittagessen tr\u00f6pfelte er unbemerkt ein Planzenschutzmittel in den Suppenteller der Frau. \u201eDas riecht doch so komisch\u201c, meinte die Tante, als Heinz, seine Schwester und die Mutter um den Tisch sa\u00dfen. Heinz gab keine Antwort. Als seine Mutter einen L\u00f6ffel kostete, tat er auch nichts, sie daran zu hindern, obwohl er wusste, da\u00df die Suppe t\u00f6dliches Gift enthielt. Seine Mutter musste sich sofort \u00fcbergeben, die Suppe wurde weggesch\u00fcttet und es wurde weitergegessen. Noch ahnte niemand, da\u00df hier ein Anschlag gegen das Leben einer alten Frau vorbereitet war. Sp\u00e4ter entdeckte die Tante, da\u00df aus ihrer Tasche 250 Mark fehlten. Als Heinz weggegangen war, angeblich wollte er zu einem Freund, und der Vater kam, fiel es allen bei der Unterhaltung \u00fcber das verschwundene Geld und den Vorfall beim Mittagessen wie Schuppen von den Augen. Heinz wollte die Tante umbringen! Der Junge blieb die ganze Nacht aus und rief erst am n\u00e4chsten Morgen an. Ob alles in Ordnug sei, wie es der Tante gehe, wollte er wissen. Die Mutter tat, als sei nichts weiter vorgefallen. Er solle ruhig nach Hause kommen. Heinz kam aber nicht mehr. Er ging in ein Radiogesch\u00e4ft, lie\u00df sich mehrere Schallplatten geben und ging damit in eine Abh\u00f6rkabine, wo er sie abspielen lie\u00df. Der Gesch\u00e4ftsinhaber wurde stutzig, als die Musik pl\u00f6tzlich laut wurde. Er sah nach, fand die T\u00fcr der Kabine weit offen und den Jungen zitternd auf einem Hocker sitzen. Am Boden war eine Limonadenflasche mit einem kleinen Rest darin und ein Tintenglas, das, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, auch noch Reste des gleichen Pflanzenschutzmittels enthielt, mit dem Heinz seine Tante hatte ermorden wollen. \u201eIch habe Gift getrunken\u201c, sagte der Junge mit tonloser Stimme, \u201ein f\u00fcnf Minuten bin ich tot.\u201c Ein Kunde, der sich zuf\u00e4llig im Gesch\u00e4ft befand, steckte Heinz sofort einen Finger in den Mund, worauf sich der Bursche \u00fcbergeben mu\u00dfte. Aber es war zu sp\u00e4t, kurze Zeit nach seiner Einlieferung in ein Krankenhaus starb Heinz, obwohl die \u00c4rzte alles daran gesetzt hatten, um ihn noch zu retten. Als dem Vater die Nachricht \u00fcberbracht wurde, da\u00df sein Sohn sich das Leben genommen hatte, sagte er: \u201eDas war wohl das beste, ich h\u00e4tte ihn ja doch wegen Mordversuchs anzeigen m\u00fcssen.\u201c (Main-Post Nr. 221, 24.09.1954). <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Hein starb erst einen Tag sp\u00e4ter an den gr\u00e4sslichen Wirkungen, die das Gift auf die inneren Organe hatte. Die \u00c4rzte hatten, wie meine Schwester erz\u00e4hlt, meinen Eltern geraten, ihn sterben zu lassen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die Printmedien hatten \u201eDas Drama von W\u00fcrzburg\u201c, wie es die \u201eM\u00fcnchner Illustrierte\u201c in gro\u00dfen Lettern tituliert hatte, in ihren Berichten noch mit drastischen Formulierungen und angeblich w\u00f6rtlichen Zitaten ausgeschm\u00fcckt. Die \u201eM\u00fcnchner Illustrierte\u201c hatte sogar zu einer gro\u00dfformatig nachgestellten Situation auf der abgegildeten Fotografie \u201eDie Schallplatte des Todes\u201c laufen lassen und ein Coca Cola-Flasche und das angebliche Giftgl\u00e4schen daneben gestellt. Bildkommentar: \u201eDie Schallplatte des Todes drehte sich gespenstisch, als man den 16j\u00e4hrigen Heinz Mintzel fand. Eine verglommene Zigarette klebte zwischen seinen Fingern, das h\u00fcbsche Gesicht war starr. Aus dem Lautsprecher dr\u00f6hnte es: ,Cock a Doodl doo\u2018. \u201c <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Das Wort Trauma wird in solchen F\u00e4llen rasch im Munde gef\u00fchrt. Es war aber so, jeder einzelne der Familie war traumatisiert. Mein Vater und ich gingen als einzige Familienmitglieder vor seiner Beisetzung in das Leichenschauhaus, um einen letzten Blick auf ihn zu werfen. Er lag aufgebahrt im Raum. Sein blass-w\u00e4chsernes Gesicht verriet nichts mehr von seinem dramatischen Todeskampf. Aus seinem linken Mundwinkel quoll eine dunkele, sirupfarbene Fl\u00fcssigkeit der Verwesung. Ich war innerlich erstarrt, wechselte mit meinem Vater kein Wort und schaute unverwandt auf meinen Bruder. Er lag unerreichbar vor uns, als habe er nichts mehr mit uns zu tun. Die rituelle Formel \u201evon Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!\u201c gewann in diesem Augenblick einen kosmischen Sinn. Wir verlie\u00dfen tief bedr\u00fcckt den Raum. Das Bestattungsamt stellte f\u00fcr den letzten Blick auf den Verstorbenen eine \u201eLeichengeb\u00fchrerh\u00f6hung\u201c von einer Deutschen Mark in Rechnung (Kostenaufstellung vom 20.09.1954). <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Hein wurde in W\u00fcrzburg beerdigt und nicht im N\u00fcrnberger Familiengrab beigesetzt. Meine Mutter wollte ihn, wie sie sagte, in ihrer N\u00e4he haben und jederzeit an sein Grab gehen k\u00f6nnen. Der Friedhof lag gegen\u00fcber der Stra\u00dfe, in der wir wohnten. An den Inhalt der Predigt des Pfarrers kann ich mich nicht mehr erinnern, nicht an ein einziges Wort des Trostes. Viele Fragen blieben offen. War Hein bereits im Rummelsberger Landwirtschaftsbetrieb an das Gift herangekommen? Damals waren solche Mittel leicht zug\u00e4nglich. Hatte er sich schon in Rummelsberg mit dem Gedanken getragen, sich das Leben zu nehmen? War es dann eine \u00dcbersprungshandlung gewesen, seine Tante zu vergiften, obwohl er ihr, wie viele Briefe bezeugen, herzlich zugetan war? Er hatte sie immer gr\u00fc\u00dfen lassen und sich nach ihrem Befinden erkundigt. Ich glaube nicht, dass mein Vater sich dar\u00fcber ernsthaft Gedanken machte. Seine rigiden Erziehungsmaximen gingen einher mit einer tiefen Verachtung der Psychologie. Meine Mutter hatte sich hingegen intuitiv um eine fachpsychologische Beratung bem\u00fcht und ein paar Adressen erhalten, war jedoch ohne Hilfe geblieben. Meine Eltern redeten sich ein, meinem Bruder seien ung\u00fcnstige Charaktereigenschaften mit ins Leben gegeben worden. Unsere Eltern schrieben somit, um den Schock zu bew\u00e4ltigen und sich selbst zu entlasten, Hein selbst die Schuld an seinem Ungl\u00fcck zu. Im Jahr, in dem mein Bruder sich das Leben nahm, schrieb der Psychoanalytiker C. G. Jung: \u201eWenn wir an einem Kind etwas \u00e4ndern wollen, sollten wir zuerst pr\u00fcfen, ob es sich nicht um etwas handelt, das wir an uns \u00e4ndern m\u00fcssen.\u201c<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Die bitterste innere Verletzung und Dem\u00fctigung, die ich nach der Berichterstattung \u00fcber den Tod meines Bruders erfuhr, war das strikte Hausverbot, das die Eltern meiner sp\u00e4teren Frau \u00fcber mich verh\u00e4ngten. Die Eltern Schaltenbrand dr\u00e4ngten ihre Tochter, den Verkehr mit mir abzubrechen. Ich sei, wie die Untaten meines Bruders gezeigt h\u00e4tten, kein ins Professorenhaus Schaltenbrand passender Freund. Ich k\u00e4me nach allem, was man so h\u00f6re, aus einer zweifelhaft beleumundeten Familie. Ich selbst sei ein schwieriger Fall und Vagabund. Der Umgang mit mir sei sch\u00e4dlich. Meine sp\u00e4tere Frau trotzte den \u00fcblen Nachreden und stand zu mir. Vom Herbst 1954 bis Anfang 1957 konnten wir uns nur heimlich treffen und schreiben. Meine Schwester, die zu jener Zeit in W\u00fcrzburg eine Buchhandelslehre absolvierte, diente uns als Zwischenadresse, \u00fcber die meine Briefe umgeleitet wurden. Weit \u00fcber hundert Briefe stammen aus dieser Zeit, in der es noch keine digitale Kommunikation gab, die es erm\u00f6glicht h\u00e4tte, unauff\u00e4llig miteinander zu korrespondieren. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Tote kehren in Tr\u00e4umen zur\u00fcck<\/b><\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Mein Bruder hatte auch ein empfindsames Gem\u00fct. Diese Seite seiner zerbrechlichen Pers\u00f6nlichkeit war vernachl\u00e4ssigt und misshandelt worden. Der famili\u00e4re Alltag mit seinen Schroffheiten und Autorit\u00e4tskonflikten hatte den Jungen erdr\u00fcckt. Seine einf\u00fchlsame Seite war vier Jahre zuvor in den Augusttagen des Jahes 1950 zum Vorschein gekommen, als unser Gro\u00dfvater Mintzel im Sterben lag. Gro\u00dfvater war in seinen letzten Tagen aus seiner kleinen stickigen Kammer ins Kinderzimmer verlegt worden, wo ein gro\u00dfes, h\u00f6lzernes Doppelbett stand. In dem alten Ehebett \u2013 es stammte aus dem ehemaligen Haushalt meines Gro\u00dfvaters &#8211; hatten Hein und ich in der Nachkriegszeit geschlafen.\u00a0Wir beide hatten nun auf einer Seite zusammenr\u00fccken m\u00fcssen, damit Gro\u00dfvater auf der anderen Platz hatte. Unsere Mutter hatte meinen Bruder und mich mit der Aufgabe betraut, nachts am Sterbebett zu wachen und zu rufen, \u201ewenn es soweit sei\u201c, und uns damit sicherlich psychisch \u00fcberfordert. Wir hatten uns mehrere N\u00e4chte lang in der Nachtwache abgewechselt und dem Atmen des Gro\u00dfvaters gelauscht. Dieser starb am fr\u00fchen Morgen des 30. August, nachdem Hein die Wache pflichtbewusst und still \u00fcbernommen hatte. Hein war erst zw\u00f6lf Jahre alt, als er neben dem sterbenden Gro\u00dfvater lag und dessen Todesstunde miterlebte. Gro\u00dfvaters letzte Atemz\u00fcge, ich h\u00f6re sie noch heute, waren unertr\u00e4glich. Ich nahm, um meine aufgew\u00fchlten Gef\u00fchle zu \u201eversachlichen\u201c, meine Armbanduhr und verfolgte auf dem Ziffernblatt den Sekundenzeiger. Nach drei schw\u00e4cher werdenden Atemz\u00fcgen starb er. In den n\u00e4chsten N\u00e4chten meinte ich, meinen Gro\u00dfvater noch durch die G\u00e4nge der Wohnung schlurfen zu h\u00f6ren. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"color: #000000;\">Meinen Bruder und mich hatten diese Tage innerlich tief verbunden. <\/span>Wir hatten nach dem Hinscheiden unseres Gro\u00dfvaters in einem existenziellen Gespr\u00e4ch verabredet, dass wer von uns zuerst sterbe, sich beim anderen aus dem Jenseits melden und berichten solle. Ob diese Abmachung auf einem Jenseitsglauben beruhte oder nur eine Frage der Neugier war, ob es so etwas wie ein Jenseits geben k\u00f6nnte, kann ich nicht mehr beantworten. Ich glaube, dass mich damals Jenseitsvorstellungen beunruhigten. Hein meldete sich indes nicht. Stattdessen zeigte er sich Jahrzehnte lang in meinen Albtr\u00e4umen. Diese waren das verschl\u00fcsselte Jenseits, aus dem er hervortrat. Es scheint, als sei die Seele eines engen Familienangeh\u00f6rigen auch nach seinem Tod noch als Geist vorhanden, weil die innere Kommunikation mit ihm anh\u00e4lt. Der Verstorbene ist nach wie vor ein integraler Bestandteil des eigenen seelischen Beziehungssystems. Vielleicht r\u00fchrt daher der uralte Geisterglaube. In Tr\u00e4umen sprach ich oft mit meinem Bruder, der in seiner Gestalt, seinen Eigent\u00fcmlichkeiten und seiner Stimme so lebendig schien wie der Mensch, den ich aus den vertrauten Tagen unseres Miteinanderseins erinnerte. Es f\u00fchlte sich so an, als sei er wirklich da. Dahinter stand immer mein eingebranntes Schuldgef\u00fchl, als Bruder versagt zu haben. Sein Tod machte es unm\u00f6glich, B\u00f6ses wieder gutzumachen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Am 11. Januar 1996, rund 51 Jahren nach seinem qualvollen Tod, begegnete ich Hein nachts in einer typischen Nachkriegssituation wieder. Im Traum \u201ekletterte ich mit ihm in den N\u00fcrnberger Ruinen umher. Wir schauten in offene Kellergew\u00f6lbe bis in schuttbedeckte Winkel und Ecken hinein. Pl\u00f6tzlich rutschte mein Bruder \u00fcber Ger\u00f6ll durch Engp\u00e4sse hinab in einen halb versch\u00fctteten Raum. Er wurde von dem nachrutschenden Erdreich begraben. Ich konnte ihn nicht retten, und jeder Rettungsversuch w\u00e4re wohl vergeblich gewesen.\u201c (Notizen &amp; Skizzen, Band 2, 11.01.1996). Dieser Albtraum verband zwei meiner Schreckensszenarien mit seinem Tod: Die Tr\u00fcmmerberge und ihre dunklen H\u00f6hlungen aus der Kriegszeit. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\">Am 17. April 1999: \u201eIm Traum erlebe ich einen Streit mit meinem verstorbenen Bruder Heinrich (Hein). Wir raufen und schlagen uns auf einem Gehsteig. Ich treffe ihn so schwer, dass er taumelt und st\u00fcrzt. Er schl\u00e4gt vor mir auf der Bordsteinkante auf und bricht sich das Genick. Er ist tot. Im Traum scheine ich an seinem Tod folglich direkt schuld zu sein. Nach diesem Ereignis, das mich entsetzt, tritt im Traum meine Schwester in Erscheinung und wirft mir vor, den Tod Heins verursacht zu haben. Ich verteidige mich mit dem Hinweis, ich h\u00e4tte dieses Ereignis nur getr\u00e4umt, Hein sei doch schon lange tot. Ich befreie mich im Traum von dem Albtraum, indem ich das Geschehen als ein getr\u00e4umtes erkl\u00e4re.\u201c (Notizen &amp; Skizzen, Band 6, 17.04.1999).<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\" style=\"text-align: center;\" align=\"CENTER\"><span style=\"color: #000000;\">Aber heidschi bumbeidschi, schlaf lange,<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">es ist ja dein Muatter ausganga;<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">sie ist ja ausganga und kimmt neamer hoam<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">und la\u00dft das kloan Biabele alloan!<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Aber heidschi bumbeidschi bum bum,<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">aber heidschi bumbeidschi bum bum.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Der Heidschi bumbeidschi is kumma<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Und hat ma mein Biabla mitgnumma;<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">er hat ma&#8217;s mitgnumma und hat&#8217;s neamer bracht,<br \/>\ndrum winsch i mein&#8216; Biaberl a recht guate Nacht!<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Aber heidschi bumbeidschi bum bum,<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Aber heidschi bumbeidschi bum bum.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entwicklung meines um gut drei Jahre j\u00fcngeren Bruders Heinrich verlief schrecklich. Es schien, als h\u00e4tten sich in ihm alle b\u00f6sen M\u00e4chte einquartiert, um ihn ins Ungl\u00fcck zu treiben. Er geriet wie ich in den Jahren zuvor in pubert\u00e4re Turbulenzen, schloss sich einer Jugendbande an, beteiligte sich an Einbr\u00fcchen und Diebst\u00e4hlen, strauchelte und nahm sich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[17,316,315,317,18,16],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":607,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions\/607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}