{"id":76,"date":"2016-05-28T22:49:34","date_gmt":"2016-05-28T20:49:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=76"},"modified":"2019-01-29T08:01:45","modified_gmt":"2019-01-29T07:01:45","slug":"11-studium-der-freien-malerei-und-grafik-1955-1957","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/05\/28\/11-studium-der-freien-malerei-und-grafik-1955-1957\/","title":{"rendered":"11. Studium der Freien Malerei und Grafik, 1955-1957"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><strong><em>\u201eIch wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte \u2013 Warum war das so schwer?\u201c<\/em><br \/>\n<\/strong>(Hermann Hesse: Demian)<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Nach dem Schockereignis des Jahres 1954 stand mein Entschluss unumst\u00f6\u00dflich fest: Raus aus der Familie! Raus aus dem elterlichen Haushalt! Ich brach die Schule ab, bestand an der Werkkunstschule Hannover die Aufnahmepr\u00fcfung und das Probesemester und suchte im Studium der Freien Malerei und Grafik nach einem anderen Weg der Lebensgestaltung. Mein Bruder hatte seine Niederlagen mit dem Leben bezahlt, ich schwang mich auf und begab mich auf einen abenteuerlichen Weg der Selbstfindung. Ich hatte Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Die Flucht nach Hannover zur Werkkunstschule war kein zweiter Irrweg, Zeichnen und Malen waren keine pl\u00f6tzlich entdeckten F\u00e4higkeiten, ich hatte mich damit schon \u00fcber viele Jahre besch\u00e4ftigt. Nun hatten mich eine unb\u00e4ndige Lust und Neugier gepackt, auf k\u00fcnstlerischem Wege eine neue Freiheit zu gewinnen. Dass ich Talent dazu hatte, bezweifelten in meiner Umgebung selbst die nicht, die in mir einen Nichtsnutz sahen, einen kleinen verwilderten Abenteurer, der auf keinen gr\u00fcnen Zweig mehr zu kommen schien.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-512 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen-700x891.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"891\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen-700x891.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen-236x300.jpg 236w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen-768x977.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen-800x1018.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_01-malen.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Selbst beim Malen, 1955, Tintenzeichnung<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Mein Vater war meinen k\u00fcnstlerischen Tr\u00e4umen nicht abgeneigt. Er stimmte meinem Entschluss zu, die Schule zu verlassen und die Werkkunstschule Hannover zu besuchen, unterst\u00fctzte mich allerdings nur mit einem monatlichen Betrag in H\u00f6he von 107 Deutschen Mark. Davon waren 74 Mark f\u00fcr den Lebensunterhalt vorgesehen \u2013 inklusive Malutensilien wie Leinw\u00e4nde, Farben, Stifte und anderes mehr. Das war viel zu wenig. Ich musste monatlich mit Gelegenheitsarbeiten mindestens das Doppelte hinzuverdienen, um \u00fcber die Runden zu kommen. An Wochenenden fuhr ich zum Continental-Reifenwerk, das in Hannover-St\u00f6cken seinen Standort hatte, und arbeitete dort von Samstagnachmittag bis Sonntagmittag in der sogenannten industriellen Reinigung. Ich schabte zusammen mit Arbeitern in den noch erhitzten Kesseln die Gummireste aus. Wir kamen ru\u00dfverschmiert aus der Fabrik. Ich war spindeld\u00fcrr, wog nur knapp \u00fcber f\u00fcnfzig Kilogramm, aus dem blassen schmalen Gesicht stachen zwei Augen hervor. In der kalten Jahreszeit trug ich einen schwarzgef\u00e4rbten ausgedienten Soldatenmantel und eine ebenso gef\u00e4rbte Pelzm\u00fctze aus Hasenfell. Letztere hatte ich 1950 von meinem Gro\u00dfvater \u00fcbernommen. In der Zeit des ungarischen Aufstandes, im Herbst 1956, wurde ich in der Stra\u00dfenbahn angesprochen und gefragt, ob ich vom Aufstand k\u00e4me. Offensichtlich hinterlie\u00df ich den Eindruck eines grimmig dreinschauenden Revolution\u00e4rs. 1956 hielt ich in meinem Tagebuch meine generelle Einsch\u00e4tzung der politischen Weltlage und der gesellschaftlichen Systemkonkurrenz zwischen West und Ost fest, die im Nachhinein von einer gewissen Hellsichtigkeit zeugen: \u201eDie Idee eines Welthumanismus wird uns und kommende Generationen mehr und mehr bewegen, ja bewegen m\u00fcssen. Die L\u00f6sung, sofern eine solche \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein wird, liegt in ferner Zukunft. Der Sozialismus, zumindest in seiner heutigen Form, d\u00fcrfte sich eines Tages als Irrtum herausstellen, da er die Realit\u00e4t verkennt.\u201c (Notiz vom 03.02.1956)<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Der Saufheilige, Damenbesuch und Bruder Hunger<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Vom Herbst 1955 bis zum Fr\u00fchjahr 1959 wohnte ich in Hannover-Linden in der Badenstedterstra\u00dfe 10 in einem alten Backsteinhaus, das vom Bombenkrieg verschont geblieben war. Zur Werkkunstschule ging ich etwa drei\u00dfig Minuten zu Fu\u00df. Einen Fahrschein der Stra\u00dfenbahn konnte ich mir selten leisten. Das gro\u00dfe graue Geb\u00e4ude der Schule lag in der K\u00f6belingerstra\u00dfe rings umgeben von Ruinen der ehemaligen Altstadt. Der Wiederaufbau hatte gerade erst begonnen. Das Geb\u00e4ude der Werkkunstschule, das einsam aus den Tr\u00fcmmerfeldern herausragte, war selbst nur notd\u00fcrftig restauriert worden.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Meine Vermieter f\u00fchrten in der kleinen Dachwohnung im vierten Stock eine damals sogenannte Onkelehe. Es handelte sich also um eine Witwe, die unverheirateter Weise mit einem Mann zusammenlebte. Sie verlie\u00dfen am fr\u00fchen Morgen die Wohnung, gingen ihrer Arbeit nach, kehrten am Abend ersch\u00f6pft zur\u00fcck und waren auf meine monatliche Mietzahlung angewiesen. 35 Deutsche Mark waren damals viel Geld. Einmal in der Woche kam die Tochter der Vermieterin, eine junge, flotte Frau, und putzte mein muffiges Zimmer. Mein kleines Dachzimmer war das erste, direkt am Wohnungshaupteingang gelegene Zimmer, das von der Hauptwohnung durch eine Zwischent\u00fcr getrennt war. Ich hatte zur Hauptwohnung nur zu bestimmten Zeiten Zugang. Die Vermieter sperrten, wenn sie morgens zur Arbeit gingen, die Zwischent\u00fcr ab, so dass ich kein flie\u00dfendes Wasser hatte, das nur in der K\u00fcche floss. In meinem Zimmer standen auf einer Anrichte eine Waschsch\u00fcssel und ein Krug. Bevor meine Vermieter am fr\u00fchen Morgen die Wohnung verlie\u00dfen, holte ich aus der K\u00fcche frisches Wasser, mit dem ich \u00fcber den ganzen Tag \u00fcber auskommen musste. Die primitiven sanit\u00e4ren Anlagen spendeten nur kaltes Wasser. Hei\u00dfes musste auf dem K\u00fcchenherd zubereitet werden. Am Morgen musste ich mich, wenn \u00fcberhaupt, mit einer Katzenw\u00e4sche begn\u00fcgen. Bis zum Abend war das wenige frische Wasser aufgebraucht. In der Waschsch\u00fcssel blieb eine graugesch\u00e4umte Br\u00fche zur\u00fcck. Es gab kein Bad, keine Dusche, geschweige denn eine Waschmaschine. Meine schmutzige W\u00e4sche sandte ich etwa alle drei bis vier Wochen nach Hause. Meine Mutter schickte sie gewaschen wieder zur\u00fcck. An der R\u00fcckwand meiner Bude stand ein Kohlenofen, den ich im Winter mit Briketts beheizen konnte. Meistens reichte mein Geld daf\u00fcr nicht aus, so dass ich mich an kalten Tagen ins Bett verkroch. Die Toilette lag au\u00dferhalb der Wohnung auf dem Zwischenstockwerk zur n\u00e4chsten Etage. In dem Au\u00dfentrakt zum Haus waren Plumpsklos mit h\u00f6lzernem Deckel eingebaut. Als Klopapier diente geschnittenes Zeitungspapier, das in B\u00fcndeln fein s\u00e4uberlich neben dem Loch auf dem Holzsitz lag. Das Treppenhaus war nicht beheizt und nur m\u00e4\u00dfig beleuchtet. Wehe dem, der einmal dringend musste! Schicksalhaft f\u00fcllte sich die Hose. Kurzum, die Zust\u00e4nde waren, gemessen am heutigen Komfort, vorsintflutlich und unappetitlich.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Der Fu\u00dfboden meines Zimmers hatte einen damals \u00fcblichen Linoleumbelag, br\u00e4unlich, piefkefarben und mit dem typisch.en Geruch. Die Tapeten waren zart rosafarben und gaben dem Raum eine besonders h\u00fcbsche Note. Unter der Dachschr\u00e4ge stand ein Eisenbett, das Bettzeug lag meistens unordentlich darauf. In einem Wandschrank unterhalb der Dachschr\u00e4ge bewahrte ich meine Utensilien und W\u00e4sche auf. Auf einem Sims, der die Dachschr\u00e4ge entlang lief, hatte ich bis zu meinem Auszug den Ausschnitt aus einer Lithografie aus der Werkkunstschule gestellt, auf der eine Art Priesterfigur abgebildet war. Ich nannte die kleine \u201eIkone\u201c, die ich bis heute aufbewahrt habe, meinen \u201eSaufheiligen\u201c. Im Jahr 1958 lag ich einmal krank im Bett, als es klingelte und ein katholischer Geistlicher in schwarzer Amtstracht um ein Gespr\u00e4ch bat. Ich f\u00fchrte ihn, mich f\u00fcr meinen Zustand entschuldigend, in mein Zimmer. Er nahm auf dem einfachen Holzstuhl Platz und versuchte mit allerlei Fragen herauszufinden, was ich treibe und wie es mir gehe. Er fragte, ob ich noch zur Kirche ginge. Er hatte wohl aus meinen Antworten herausgeh\u00f6rt, dass ich aus Bayern komme, und daraus geschlossen, dass ich ein Katholik sein m\u00fcsse. Mit einem Unterton der Ermahnung \u00e4u\u00dferte er dann: \u201eNun ja, von Bayern und von zu Hause weg, und schon ist der Kirchgang vergessen\u201c. Ob ich wisse, wo in Hannover-Linden die Kirche liege? Er meinte nat\u00fcrlich die katholische. Ich k\u00f6nne im Kirchenchor mitsingen. In diesem Moment fiel sein Blick auf meine \u201eIkone\u201c, auf den \u201eSaufheiligen\u201c. Er erkundigte sich, was das Bildchen darstelle. Ich lie\u00df eine Silbe weg und machte aus meinem \u201eSaufheiligen\u201c einen \u201eHeiligen\u201c. Der Pfaffe meinte, also seien Religion und Kirche doch noch in mir lebendig. Als ich ihm daraufhin offenlegte, dass ich kein Katholik sei, brach er mit wenigen Worten das Gespr\u00e4ch ab, erhob sich und strebte zur T\u00fcre. Es muss ihm peinlich gewesen sein, am Ende zu erfahren, dass ich nicht zu seinen Sch\u00e4flein z\u00e4hlte. Anscheinend hatte er mich mit jemandem verwechselt. Mein \u201eSaufheiliger\u201c symbolisierte \u00fcbrigens kein S\u00e4uferleben. Dazu hatte ich zu wenig Geld. Die abgebildete menschliche Figur trug wie ich asketische Z\u00fcge (Notizen &amp; Skizzen, Band 4, 12.07.1997).<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">In der N\u00e4he zum Fenster der Dachgaube stand meine gro\u00dfe Staffelei so aufgestellt, dass m\u00f6glichst viel Tageslicht auf die Leinwand fiel. Daneben diente ein wei\u00df lackiertes Nachtschr\u00e4nkchen als Auflage f\u00fcr Farben, Pinsel und Terpentin\u00f6l. Maler Mintzel sa\u00df auf einem einfachen Holzstuhl vor seiner Staffelei. Das Ambiente \u00e4hnelte im Genre dem ber\u00fchmten Bild Carl Spitzwegs, nur war es noch k\u00e4rglicher und erb\u00e4rmlicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-513 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme-700x890.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"890\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme-700x890.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme-236x300.jpg 236w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme-768x976.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme-800x1017.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_02_03-boheme.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel; links: Stra\u00dfenszene, 1955;\u00a0 rechts:\u00a0Pariser Stra\u00dfenszene, Paris 1955; Tuschskizzen<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">\u201eDamenbesuch\u201c war nicht erw\u00fcnscht, und wenn schon einmal eine \u201eDame\u201c zu mir in den vierten Stock gefunden hatte, musste sie sp\u00e4testens um 22 Uhr das Zimmer verlassen. Sonst h\u00e4tte meinen Vermietern der Kuppeleiparagraf gedroht. Sie dr\u00fcckten aber schon einmal ein Auge zu, wenn Inge Lu Schaltenbrand, meine \u201eVerlobte\u201c, aus W\u00fcrzburg kam. Inge Lu riss ein paar Mal von zu Hause aus, um mich in Hannover zu besuchen. Sie gaukelte ihren Eltern vor, sie m\u00fcsse Schuhe zum Schuster bringen, packte ein Paar Schuhe und einen Rock ein und fuhr mit der Eisenbahn zu mir. Inge Lu lebte dann zwei Tage mit mir auf meiner Bude. Wir \u201epflegten\u201c unsere abenteuerliche Liebe. Das gut beh\u00fctete M\u00e4dchen aus einem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Elternhaus hatte Mut! Am 18.04.1957, an meinem 22. Geburtstag, &#8211; Inge Lu war zu einem Kurzbesuch nach Hannover gekommen &#8211; , notierte ich folgendes Malheur: Mit Inge Lu 2 Liter Chianti [getrunken]. Sie musste nach Mitternacht ans Fenster, um &gt;vorm Mond die Reiher vorbeiziehen zu sehen&lt;\u201c. Und am n\u00e4chsten Tag: \u201eFrau Seifert vom 1. Stock beschwerte sich, weil die Reiher auf ihrem Fenstersims eingefallen waren. Sie nannte das eine Schweinerei und glaubte, ich h\u00e4tte die V\u00f6gel geschickt \u2013 Ein zoologischer Irrtum!\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">\u201eBruder Hunger\u201c, wie ich ihn nannte, begleitete mich fast durch die ganze Hannoveraner Zeit hindurch, auch wenn Inge Lu mich des \u00f6fteren, wenn ich wieder einmal am \u201eExistenzminimum\u201c lebte, mit kleinen Fresspaketen und Geldbetr\u00e4gen versorgte. In meinen Tagesnotizen und Briefen finde ich zahlreiche Klagen. Ich greife ein paar heraus:<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">20.03.1957: \u201eJede freie Stunde habe ich mit Malen verbracht und ein paar leidliche Bilder produziert, dabei aber so viel Geld f\u00fcr Farben und Materialien ausgegeben, dass ich nun abends mit leerem Magen dasitze.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">18.05.1957: \u201eWie so oft klimpert kein Heller mehr in meiner Tasche. Und der Brotkorb h\u00e4ngt in unerreichbaren H\u00f6hen. Meine Mutter hat mir versprochen, zum Wochenende f\u00fcnf Mark zu schicken, sie hat mich jedoch in Stich gelassen. Bruder Hunger hat sich also als Gast eingestellt und lebt mit mir auf meiner Bude. Das gibt allemal einen recht ernsthaften Dialog. Mein Magen, das hei\u00dft, Bruder Hunger knurrt, und da es sich geziemt in der Sprache seines Gastes zu reden, knurrte ich eben auch. Leider ist diese Art von Gesellschaft nicht gerade labend, sie zeigt vielmehr auf einen tiefen sozialen Stand hin. (\u2026). Doch soll man \u00fcber den anderen nicht nur schlecht reden. Eine gute Seite hat selbst Bruder Hunger, er gibt geselligen Gef\u00fchlen wieder neue Impulse. So bin ich gestern Abend zur Familie Krengel gegangen, nat\u00fcrlich gerade zur Abendbrotzeit, um auch gewiss eingeladen zu werden.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">[Ohne Datum; 1957]: \u201eHeute Morgen, als ich aufwachte, klopfte jemand an die T\u00fcre. Ohne erst auf mein &gt;Herein!&lt; zu warten, kam er wieder herein, mein Bruder Hunger. Er kam zu mir ans Bett und lie\u00df mich nicht mehr einschlafen. Er redete unaufh\u00f6rlich auf mich ein. Ich hatte nicht einmal eine Zigarette, um ihn zum Schweigen zu bringen (\u2026)\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">30.05.1957: \u201eAm Freitag, den 24. Mai abends in Hannovers Unterwelt abgetaucht und erst am Morgen des 25. wieder an die Sonne gekommen. Der Gang war faszinierend, absto\u00dfend und von &gt;gro\u00dfem geistigen Ertrag&lt;. Hat jedoch mein ganzes Geld verschluckt. Deshalb in den letzten Tagen Hunger und Stillung durch Almosen. Morgens a\u00df ich einige Zwieb\u00e4cke, die den gr\u00f6\u00dften Hunger stillten und mich von dem Gedanken abbrachten fortzugehen, um irgendwo Essen zu bekommen. Ich setzte mich an die Arbeit (\u2026)\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">18.04.1958, [allein in meiner Bude]: \u201eGeburtstag: 23 Jahre. Nichts zum Essen! Warum feiern? Und diese Gedanken!! Noch keine Post von Inge Lu. Was kommt? Memento vivere!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Im Nachtzug zu meiner Amour fou<\/strong><\/p>\n<p>Besonders an lebensprallen Sommertagen, wenn am Abend von den Hausw\u00e4nden die W\u00e4rme zur\u00fcckstrahlte und die Menschen drau\u00dfen sa\u00dfen, hielt ich manchmal unsere \u201eFern-Liebe\u201c, die \u201epaper love per Post\u201c nicht mehr aus. Mich packte die Sehnsucht nach N\u00e4he so m\u00e4chtig, dass ich am Wochenende zum Hauptbahnhof in Hannover eilte, mit geliehenem Geld eine Fahrkarte l\u00f6ste und mit dem Nachtzug nach W\u00fcrzburg fuhr. Der Schnellzug legte die Strecke in etwa f\u00fcnf-sechs Stunden zur\u00fcck. Es war noch die Zeit der gro\u00dfen Dampflokomotiven, die fauchend und pfeifend durch die Landschaft fuhren. Lokf\u00fchrer und Heizer standen im F\u00fchrerhaus, der Heizer schippte die Kohlen aus dem Tender in den qualmenden Feuerrachen. Die langen Wagen des Zuges waren noch voneinander durch Stahlplatten getrennt, \u00fcber die man au\u00dfen von einem Wagen zum anderen gelangte. Wer den Wagen wechseln wollte, musste auf den Plattformen Wind und Wetter in Kauf nehmen. Ru\u00dfpartikel reizten die Augen und bildeten auf wei\u00dfen Hemden kleine Schmutzflecken. Voll innerer Anspannung trat ich nachts auf den Perron des Wagens, schaute in die Dunkelheit hinein, rauchte eine Zigarette und lie\u00df die L\u00fcfte durch meine Haare streichen. Der Zug hielt nur an den gro\u00dfen Stationen, in Kassel, Bebra und Fulda, dann fuhr er mit sto\u00dfend-rhythmischem Fauchen wieder an, nahm rasch Fahrt auf und rollte in die Nacht hinein. Die Schienen waren noch nicht verschwei\u00dft. sodass die gleichweiten Nahtstellen einen Takt schlugen, wenn die Stahlr\u00e4der \u00fcber sie hinwegfuhren. Ein endloses Tamdada, Tamdada, Tamdada. Die heutigen silbernen Schlangen der Intercity-Z\u00fcge fahren fast lautlos auf den neuen Schienen. Die raue Romantik der alten Dampflokzeit wird nur noch auf nostalgischen Strecken in Erinnerung gebracht.<\/p>\n<p>Fr\u00fchmorgens kam ich in W\u00fcrzburg an. Die Stadt schlief noch. Sonnt\u00e4gliche Stille. Der Main schimmerte im Morgenlicht, auf die Festung Marienberg fielen die ersten Sonnenstrahlen. Ich ging zu Fu\u00df \u00fcber den Stadtring hoch zur Wittelsbacher Stra\u00dfe und bog weiter oben in die Zeppelinstra\u00dfe ein. Das Wohnhaus Nr. 43, ein Einfamilienhaus, geh\u00f6rte Inge Lus Eltern. Inge Lu bewohnte im Hochparterre das linke vordere Eckzimmer. Ich hob kleine Kieselsteine auf und warf sie vorsichtig an ihr Fenster. In der Morgenstille war jeder Wurf ein Wagnis, er konnte unerw\u00fcnschte Zuschauer alarmieren. Das Klackern der Steine weckte Inge Lu, sie ahnte, wer da unten stand. Sie \u00f6ffnete das Fenster, gab mir pantomimisch zu verstehen, dass sie herauskommen w\u00fcrde, und verschwand flugs wieder hinter den Vorh\u00e4ngen. Wenige Minuten sp\u00e4ter stand sie vor mir. Gegl\u00fcckte \u00dcberraschung! Unbeschreibliche Wonne! Eine sanfte Umarmung, K\u00fcsse, noch immer sch\u00fcchtern, wie eben jugendliche K\u00fcsse der 1950er Jahre waren. Dann nichts wie weg vom Hause, um nicht entdeckt zu werden. Wir wanderten in der Morgenfrische hoch zum Sieboldsw\u00e4ldchen und hin\u00fcber zu den Weinbergen zwischen dem Frauenland und Randersacker. Feldlerchen stiegen quirilierend ins Blau. Goldammern begr\u00fc\u00dften den anbrechenden Tag mit ihrem hellen Izizizibiii. Wir wanderten leichten Schritts weiter, hielten inne, k\u00fcssten uns und sprachen \u00fcber alles, was uns gerade in den Sinn kam. Ein Gezwitscher der Liebe. Die Stadt erwachte, erste Motorenger\u00e4usche drangen herauf. Die Glocken der sechsunddrei\u00dfig W\u00fcrzburger Kirchen l\u00e4uteten den Sonntag ein. Wir mussten zur\u00fcck, damit Inge Lu noch rechtzeitig zum sp\u00e4ten sonnt\u00e4glichen Fr\u00fchst\u00fcck erscheinen konnte. Ein paar Stra\u00dfen von ihrem Elternhaus entfernt ein wehm\u00fctiger Abschied. Danach besuchte ich meine Eltern. Meine Mutter versorgte mich mit frischer W\u00e4sche und einer kr\u00e4ftigen fr\u00e4nkischen Mahlzeit. Gegen Abend fuhr ich mit dem Schnellzug nach Hannover zur\u00fcck &#8211; ins Stadium der \u201eFern-Liebe\u201c, aber mit dem Proviant der wunderbaren fr\u00fchmorgendlichen Begegnung.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"CENTER\"><b>Hubert Els\u00e4sser, <\/b><b>Johannes Itten, Erich Rhein, <\/b><b>Hinnerk Schrader und J\u00fcrgen Krengel<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Im folgenden Abschnitt erz\u00e4hle ich detailliert von meinem Studium der Werkkunstschule. Diejenigen, die sich nur wenig f\u00fcr moderne Kunst und deren renommierte Vertreter interessieren, m\u00f6gen dieses Kapitel getrost \u00fcberspringen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Der Besuch der Werkkunstschule brachte eine \u201e\u00e4sthetische Wende\u201c mit sich. Mein Kunstverst\u00e4ndnis wandelte sich unter dem Lehrprogramm und den neuen Eindr\u00fccken zu einer modernen Auffassung. Ich war in eine konservativ-traditionelle, bildungsb\u00fcrgerliche Anschauung von Kunst hineingewachsen. Mein Vater, ein guter Zeichner und Kolorist, war der alten Kunst und der akademischen Malerei des 19. Jahrhunderts verhaftet. Anfang der 1950er Jahre war bei uns zu Hause vom \u201eVerlust der Mitte\u201c die Rede. Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr hatte mit dieser kunstkritischen Streitschrift 1948 dem bildungsb\u00fcrgerlichen radikalen Antimodernismus im Nachhinein Argumente geliefert, die auch die NS-Aktionen gegen die \u201eentartete Kunst\u201c rechtfertigen konnten. Sedlmayrs Anklageschrift gegen die vermeintliche Herabsetzung und Zerst\u00f6rung des Menschenbildes in der (klassischen) Moderne diente meinen Eltern dazu, die \u201eKunst der Schmierfinken\u201c pauschal abzulehnen und zu verspotten. An den W\u00e4nden unserer Wohnr\u00e4ume hingen teure Reproduktionen alter Kunst, die Alexanderschlacht von Altdorfer, Watteaus Einschiffung nach Kyrene, der Rembrandt zugeschriebene Mann mit Goldhelm, ein niederl\u00e4ndisches Blumenbild und Albrecht D\u00fcrers fr\u00e4nkische Landschaftsaquarelle. Ich selbst war in diesem Milieu in den Sog einer stockkonservativen Kunstauffassung geraten und hatte in der Nachkriegszeit beim Zeichnen und Malen stets das \u201esch\u00f6ne Abbild\u201c angestrebt. Allerdings muss ich meinem Vater zugute halten, dass er mich schon fr\u00fch zum Zeichnen und Malen anhielt und diese Begabung f\u00f6rderte. Im ohnehin nur marginalen und wenig anschaulich gestalteten Kunstunterricht am Gymnasium mussten wir irgendwelche Gegenst\u00e4nde abzeichnen oder naturalistische Fantasiebilder malen. Weil ich gut zeichnen konnte und unser Kunstlehrer mich f\u00fcr ein Naturtalent hielt, schickte er mich zu Beginn einer jeden Zeichenstunde zu einer W\u00fcrstchenbude am Rathenau-Platz, um f\u00fcr ihn frisch belegte Br\u00f6tchen zu kaufen. Das war das Privileg eines \u201eBegabten\u201c. W\u00e4hrend wir \u00fcber unseren Zeichenbl\u00e4ttern sa\u00dfen, a\u00df er gen\u00fcsslich seine Semmeln.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">In den Jahren 1953\/54 versuchte ich meine zeichnerischen F\u00e4higkeiten unabh\u00e4ngig von Schule und Elternhaus \u00fcber ein blo\u00dfes Hobby hinaus weiterzuentwickeln. Ich lernte in W\u00fcrzburg Hubert Els\u00e4sser kennen, der zu dieser Zeit schon fest entschlossen gewesen war, Bildhauer zu werden. Wir trafen uns an vielen Nachmittagen, um miteinander zu zeichnen, wobei wir uns besonders im Portr\u00e4tzeichnen \u00fcbten. Unsere Freundschaft hielt bis an sein Lebensende im Jahr 2009 an. Els\u00e4sser wurde sp\u00e4ter in Deutschland mit seinen architekturbezogenen Skulpturen und Altarraumgestaltungen zu einem der bedeutendsten Bildhauern in diesem Bereich. Im Jahre 2004 entwarf er auf meine Anregung hin die Erzplatte auf dem historischen Familiengrab Mintzel im alten Sankt Johannisfriedhof in N\u00fcrnberg. Das Grab steht wie alle alten Gr\u00e4ber auf dem einstmaligen mittelalterlichen Pestfriedhof unter Denkmalschutz und geh\u00f6rt zum Weltkulturerbe. Ich werde darin also \u201eewig\u201c ruhen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Von Beginn meines Kunststudiums an wollte ich, so paradox das klingen mag, kein Kunstmaler werden, sondern B\u00fchnenbildner an gro\u00dfen Theatern, also in ein Fach der angewandten K\u00fcnste gehen. Mir schwebte eine umfassende Ausbildung vor, umfassend in dem Sinne, auch etwas von Tanz, Choreografie und Theatereffekten zu verstehen. Deshalb schrieb ich mich 1955 zugleich als Gast an der Hannoveraner Akademie f\u00fcr Musik und Theater ein. Diese Begeisterung war in mir vor allem durch den franz\u00f6sischen Schauspieler und Pantomimen Jean-Louis Barrault (1910-1994) entfacht worden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-515 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER-700x791.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"791\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER-700x791.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER-266x300.jpg 266w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER-768x867.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER-800x904.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_5_OLYKINDER.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Jean Louis Barrault als Baptiste in \u201eDie Kinder des Olymp\u201c<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-514 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief-700x868.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"868\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief-700x868.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief-242x300.jpg 242w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief-768x952.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief-800x992.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_04-barraultbrief.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Brief an Jean Louis Barrault, 12. Aug. 1955<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Barraults Auftritte als Pantomime in dem Film die \u201eKinder des Olymp\u201c (Les enfants du paradis, 1945) hatten mich so stark mitgerissen, dass ich 1955 kurz vor Beginn meines Kunststudiums einen Brief an ihn schrieb, in dem ich darlegte, ich wolle mein Talent zum Malen und Zeichnen mit dem Theater verbinden. Mein handschriftlicher Brief vom 12. August 1955 versetzt mich noch heute in Staunen \u00fcber meine Naivit\u00e4t und Courage, mich an den weltber\u00fchmten Schauspieler zu wenden. Ich wei\u00df nicht mehr, ob ich den Brief tats\u00e4chlich abschickte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-516 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_6_pierrot-700x496.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_6_pierrot-700x496.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_6_pierrot-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_6_pierrot-768x544.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_6_pierrot-800x567.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Pierrot mit Tod, 1955, \u00d6l gespachtelt auf Hartfaserplatte<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Diese innere Beziehung zu Barrault und zu seiner Rolle als Pierrot fand in einem \u00d6lbild, das ich 1955 mit einer Spachtel ausf\u00fchrte, ihren Ausdruck. Meinen Eltern verschwieg ich diese Kombination, mein Vater h\u00e4tte ohnehin keinen einzigen Pfennig dazugelegt. Die Ausbildung an der Akademie f\u00fcr Musik und Theater brach ich jedoch schon bald ab. Ich hatte mir zu viel vorgenommen. Was blieb, waren die Liebe zum Tanz und ein verr\u00fcckter t\u00e4nzerischer Freistil.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Meine Ausbildung an der Werkkunstschule Hannover \u00a0(<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunstgewerbeschule-_und_Handwerkerschule_Hannover\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunstgewerbeschule-_und_Handwerkerschule_Hannover<\/a>) fiel genau in die Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Dokumenta in Kassel, zwischen die Jahre 1955 bis 1959. Die heftig gef\u00fchrten Auseinandersetzungen \u00fcber die angeblichen Gegens\u00e4tze zwischen gegenst\u00e4ndlicher und abstrakter Kunst unter Kunsttheoretikern und bildenden K\u00fcnstlern n\u00e4herten sich ihrem H\u00f6hepunkt. Ich stolperte unvorbereitet, wenngleich wissbegierig in diese Kontroversen hinein und versuchte mich darin zurechtzufinden. Die Auseinandersetzungen wurden mehr oder weniger offen auch an der Werkkunstschule ausgetragen. Es schien im Jahr der zweiten Dokumenta so, als h\u00e4tte die \u201eWeltsprache der Abstraktion\u201c (Grohmann, 1955) endg\u00fcltig den Sieg \u00fcber die gegenst\u00e4ndlichen Str\u00f6mungen errungen. Allerdings arbeiteten die meisten K\u00fcnstler in einem Zwischenbereich und in Nischen. Der Leiter der Abteilung der Freien Malerei und Grafik, Prof. Erich Rhein (1906-1956), verfolgte ein nach beiden Seiten offenes Lehr- und Arbeitsprogramm. Er wollte den schroffen Gegensatz nicht mitmachen, wie \u00fcberhaupt die meisten Hannoveraner K\u00fcnstler und Lehrer an der Werkkunstschule sich auf der Nahtstelle zwischen dem Gegenst\u00e4ndlichen und Abstrakten bewegten, so auch Gerhard Wendland (1910-1986). Die Verunsicherung war allenthalben zu beobachten. Ich ergriff Partei f\u00fcr das figurative Credo, ohne den m\u00f6glichen Zugang zur Welt \u00fcber die Abstraktion grunds\u00e4tzlich infrage zu stellen. Ich blieb der gegenst\u00e4ndlichen Malerei treu.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Ich hatte keine Ahnung, wer der neue Lehrer war, woher er kam und welche Bedeutung ihm in der Kunst des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurde, als er, ein hagerer, gro\u00dfer Mann, als Gastdozent an der Werkkunstschule Hannover vor uns stand. Es muss im Sommersemester 1956 oder im Wintersemester 1956\/57 gewesen sein. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitglied des Lehrergremiums zu Beginn des Kurses vorgestellt und etwas \u00fcber seine Verdienste als Maler, Kunsttheoretiker und Kunstp\u00e4dagoge gesagt. Es war Johannes Itten (1888-1967), der vor uns stand und einen Kurs \u00fcber die Farben in der Kunst abhielt. Erst sp\u00e4ter wurde mir klar, welch wichtiger Mann in der Geschichte der \u201eKlassischen Moderne\u201c mich in \u201eDie Kunst der Farbe\u201c eingef\u00fchrt hatte. Ich bin heute noch stolz darauf, ein Sch\u00fcler Ittens gewesen zu sein. Ich geh\u00f6rte zu den wenigen, die aus der Abteilung f\u00fcr \u201eFreie Malerei und Grafik\u201c kamen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Itten uns \u2013 ganz entgegen der \u00fcblichen Abl\u00e4ufe von \u201eNormal-Kursen\u201c \u2013 vor Beginn einer jeden Sitzung zu gymnastischen \u00dcbungen aufstehen lie\u00df. Zur Einstimmung auf die \u00dcbungen in der Farblehre sollten wir uns aufrichten, unsere Arme rhythmisch schwingen und kreisen lassen, tief durchatmen und uns auf diese Weise k\u00f6rperlich lockern und in Schwung bringen. Diese Lockerungs\u00fcbungen sollten sich dann auf den Duktus unserer Arbeit mit Farben \u00fcbertragen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Ittens gro\u00dfartiges Werk \u00fcber die \u201eKunst der Farbe\u201c erschien in erster Auflage 1960. Ich bin sicher, dass Itten zur Zeit des Kurses, an dem ich unter seiner Leitung teilgenommen hatte, schon an diesem pr\u00e4chtigen kunsttheoretischen und kunstp\u00e4dagogischen Werk gearbeitet hatte. Unser Kurs hatte wohl zu den \u201eVorkursen\u201c gez\u00e4hlt, in denen Itten seine Farbenlehre darstellte, weiterentwickelte und erprobte. Seine Einf\u00fchrung in verschiedene Aspekte der \u201eKunst der Farbe\u201c, in die Farbenkontrastlehre, in impressive und expressive Wirkungen von Farben und Farbkompositionen sowie in die Wirkungen von Farbstufungen und Tonwerten \u00f6ffneten mir die Augen und sch\u00e4rften meinen Blick f\u00fcr Bildbetrachtungen. Ich gewann zuverl\u00e4ssige Kriterien f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Bildwerken. Allein schon dieser Kurs bereicherte mein \u00e4sthetisches Wissen, Sehen und Erleben in so hohem Ma\u00dfe, dass mein Besuch der Werkkunstschule mitnichten ein Irrweg, sondern ein gro\u00dfer Gewinn war. Ich habe diese nur scheinbar verlorenen Jahre nie bereut und lange davon gezehrt. Diese fruchtbare Passage l\u00e4sst sich schwerlich in finanziellen Bilanzen, materiellen Bereicherungen und Karrierevorteilen bemessen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Zu Ittens Farbenlehre geh\u00f6rte auch eine Farbpsychologie, die sich unter anderem mit der individuellen Wahl von Farbkl\u00e4ngen befasst. Jeder Kunstsch\u00fcler w\u00e4hle, so Itten, in seinem bildnerischen Schaffen Farbkl\u00e4nge aus, die er f\u00fcr sich stimmig und harmonisch halte. Itten glaubte aus einem subjektiv gew\u00e4hlten Farbakkord, aus seinem Gesamtklang, aus der Stellung der Farben zueinander, aus ihrer Richtung und aus den Mengenverh\u00e4ltnissen auf die psycho-physische Konstitution und Befindlichkeit ihres k\u00fcnstlerischen Urhebers schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Er sah in diesen gestalterischen Momente objektive Gegebenheiten und Kriterien f\u00fcr die Beurteilung subjektiver Vorlieben. Er demonstrierte die von ihm behauptete psycho-physische Aussagekraft von Farbakkorden und Farbkompositionen an Sch\u00fclerarbeiten, die w\u00e4hrend des Kurses entstanden waren. Die esoterischen Neigungen und gewagten Deutungsversuche von K\u00fcnstlern im Umkreis des Bauhauses waren mir damals nicht bekannt. Was Itten aus den Farbakkorden k\u00fcnstlerischer Bildwerke herauslas, seine Interpretationen und Deutungen, schien mir plausibel zu sein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-517 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56-700x1136.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1136\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56-700x1136.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56-185x300.jpg 185w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56-768x1246.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56-800x1298.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_07-selbst-56.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Selbstportrait, 1956, \u00d6l auf Pappkarton<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Nach Ittens Kurs begann ich von Neuem Portr\u00e4ts zu malen. Einem Portr\u00e4tierten Farbe zu verleihen, bedeutet jedes Mal, sich mit seiner Pers\u00f6nlichkeit und Lebenswelt zu befassen. Es geht nicht nur um die \u00e4u\u00dfere, abbildhafte \u00c4hnlichkeit, sondern auch um das, was man nicht sieht, um den individuellen Farb-Charakter. Platt formuliert: Welche Farben und Farbkompositionen entsprechen der \u201einneren\u201c Person? Es geht zudem um zwei verschiedene Ann\u00e4herungen: um die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit einem Anderen oder mit der eigenen Person beim Selbstportr\u00e4t. Wer ist der Andere wirklich? Wer bin ich im Augenblick meiner Selbstdarstellung? Mein Selbstportr\u00e4t aus dem Jahre 1956, ein hochformatiges \u00d6lbild auf Pappe, war in seiner farbigen und farbkompositorischen Machart h\u00f6chstwahrscheinlich unter dem Einfluss der Ittenschen psychisch-physischen Farbenlehre entstanden: Ich trete mit hoch aufgerichteter K\u00f6rperhaltung von links nach rechts ins Bild. Es ist ein beunruhigender Auftritt in einer imagin\u00e4ren R\u00e4umlichkeit. Mein skeptisch pr\u00fcfender Blick ist auf den Betrachter gerichtet. Damals f\u00fchlten sich Menschen, die mir begegneten, von meinem stechenden Blick unangenehm ber\u00fchrt. Diese Fremdbeobachtung habe ich wohl intuitiv erfasst und festgehalten. Hinnerk Schrader (1932-1989), der sp\u00e4tere Professor an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste in Braunschweig, der zu meiner Zeit noch an der Werkkunstschule Hannover bei Erich Rhein Freie Malerei und Grafik studierte, sagte zu meinen Portr\u00e4ts: \u201eDer Mintzel, der kann malen.\u201c Hinnerk geh\u00f6rte damals schon zu den arrivierten Kommilitonen, deren Urteil wir J\u00fcngeren und Anf\u00e4nger gern h\u00f6rten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-518 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56-700x1034.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1034\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56-700x1034.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56-203x300.jpg 203w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56-768x1134.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56-800x1181.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_08-selbst-56.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Mein Bruder Reinald, 1956, \u00d6l auf Holzfaserplatte<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Professor Erich Rhein (1902-1956) leitete von 1947 bis zu seinem fr\u00fchen Tod die Abteilung Freie Malerei und Grafik. Ich erinnere mich an einen kleinen, h\u00f6chst agilen Mann, der w\u00e4hrend des Semesters w\u00f6chentlich mehrmals am Arbeitsplatz erschien, in dem gro\u00dfen Saal der Abteilung von einer Staffelei zur anderen schritt und mit seinen Sch\u00fclern deren Arbeitsergebnisse besprach. Wenn er an meine Staffelei trat, blieb es bei wenigen Worten. Nur einmal, so erinnere ich mich, blieb er l\u00e4nger stehen und befasste sich eingehend mit der Machart eines \u00d6lbildes, das ich gerade malte. Es zeigte eine Stra\u00dfe entlang hoher Hausmauern und einen knappen Himmelsausschnitt. Auf dem schmalen, horizontal verlaufenden Gehsteig gingen ein paar Leute. Das war f\u00fcr den eher dekorativ-verspielt arbeitenden Rhein zu \u00f6de. Er wollte auf den Farbfl\u00e4chen der hohen Mauern wenigstens ein paar Kratzspuren sehen. Mit dem Pinselende Eingraviertes sollte etwas Leben ins Bild bringen. Seine Empfehlung entsprach aber nicht meiner Bildidee, und so blieb es in diesem Fall bei der etwas \u201etrostlosen\u201c Malerei. Ein anderes, von mir mit kr\u00e4ftigem Pinselstrich und dynamischem Duktus ausgef\u00fchrtes \u00d6lbild, ein Halbakt, fand dagegen sein Gefallen. Mehr als von Rhein selbst lernte ich im Grunde von dessen \u00e4lteren Sch\u00fclern, denen er sich vornehmlich zuwandte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-519 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe-700x502.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe-700x502.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe-768x550.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe-800x573.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_09_stra\u00dfe.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Stra\u00dfe in einer Gro\u00dfstadt, 1956, \u00d6l<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">In den Jahren 1955\/56 arbeitete Rhein an der Endfassung seines Lehrbuches \u00fcber \u201eDie Kunst des manuellen Bilddrucks\u201c, einer \u201eUnterweisung in den graphischen Techniken\u201c. Die von dem Druckermeister Erich Jaeckel gef\u00fchrte Druckwerkstatt bot ihm eine ideale M\u00f6glichkeit, sich auf \u201eDie Kunst des manuellen Bilddrucks\u201c zu konzentrieren, die technischen Probleme durchzuspielen und in Lehrbeispielen aufzuzeigen. Sein Standardwerk zeugt zugleich davon, wie offen er gegen\u00fcber den k\u00fcnstlerischen Spielarten seiner Sch\u00fcler war. Er lie\u00df uns gew\u00e4hren. Wir durften Techniken und Stile frei w\u00e4hlen und erproben, welche Technik wir gerade bevorzugten. Er unterrichtete nicht doktrin\u00e4r eine Machart, weder die \u201eabstrakte\u201c noch die \u201egegenst\u00e4ndliche\u201c. Er sah in den beiden, damals in einen scharfen Gegensatz geratenen gro\u00dfen Str\u00f6mungen gleicherma\u00dfen k\u00fcnstlerische Ausdrucks- und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Ich lernte in seiner Abteilung vor allem die \u201egrafischen Zwischenverfahren\u201c anzuwenden, insbesondere die Technik der Monotypie und des Linolschnitts. Die theoretische und praktische Ausbildung diesen Techniken vermittelte mir solide handwerkliche Kenntnisse, mit denen ich sp\u00e4ter bei der Betrachtung von Kunstwerken auf objektive Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be zur\u00fcckgreifen konnte. Rhein a\u00df im Dezember 1956 in den vorweihnachtlichen Tagen ungewaschene italienische Weintrauben und ging an den gespritzten Giftstoffen zugrunde.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Mein Kommilitone und enger Freund J\u00fcrgen Krengel (<a href=\"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/essay-ueber-den-kuenstler-juergen-krengel\/einleitung\/\">http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/essay-ueber-den-kuenstler-juergen-krengel\/einleitung\/<\/a>) brachte es schon damals zu einer erstaunlichen Fertigkeit. Er schuf gro\u00dfformatige Lithografien von hoher technischer und bildnerischer Qualit\u00e4t.\u00a0 Sein k\u00fcnstlerisches Schaffen dokumentierte ich erst k\u00fcrzlich in meinem Essay &#8222;Fundsache Stillleben&#8220;, den ich zeitnah auf meiner Homepage ver\u00f6ffentlichen werde. J\u00fcrgen Krengel hat sich zeitlebens seiner Kunst gewidmet, lebte jedoch \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckgezogen und machte von seiner Person und seinem Werk nicht viel Aufhebens. So kommt es, dass der bedeutende K\u00fcnstler bei Wikipedia nicht einmal als Sch\u00fcler der Werkkunstschule Hannover gef\u00fchrt wird. Auch sonst gibt es im Internet kaum Spuren seines Schaffens.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-520 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt-700x828.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"828\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt-700x828.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt-254x300.jpg 254w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt-768x908.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt-800x946.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/11_10-halbakt.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Halbakt, 1957, \u00d6l<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"JUSTIFY\">Aus meiner urspr\u00fcnglichen Absicht, das Handwerk eines B\u00fchnenbildners zu erlernen, wurde nichts. Die Werkkunstschule Hannover war daf\u00fcr nicht die richtige Ausbildungsst\u00e4tte gewesen. Es gab keine Kursangebote, die in dieses Metier eingef\u00fchrt h\u00e4tten. Insofern hatte ich 1955 blau\u00e4ugig die falsche Wahl getroffen. Nur einmal wurde ich vor eine b\u00fchnenbildnerische Aufgabe gestellt, und diese Aufgabe hatte nicht im Lehrprogramm der Werkkunstschule gestanden. Es war die Verwandlung der gro\u00dfen R\u00e4ume auf den Stockwerken der Hannoveraner Akademie f\u00fcr Musik und Theater in eine riesige Faschingsb\u00fchne. Studierende der Werkkunstschule und der Akademie richteten j\u00e4hrlich zusammen ein mehrt\u00e4giges Faschingsfest aus. Die Studierenden der Werkkunstschule fanden sich hierzu mit meterlangen Papierrollen, vielen Farbk\u00fcbeln und Pinseln ein, um die Akademie in eine Riesenb\u00fchne zu verwandeln. Die dekorative Malerei musste gro\u00dffl\u00e4chig angelegt werden, um die gew\u00fcnschte optische Wirkung von Kulissen zu entfalten. Es war Hinnerk Schrader, der mir einen breiten Borstenpinsel in die Hand dr\u00fcckte und mich in die gro\u00dffl\u00e4chige Kulissenmalerei einwies. Zwei Tage lang malte ich wild drauflos und war schon fix und fertig, bevor der Faschingsball begann. Auf dem Fest tobte ich mich bis zur endg\u00fcltigen Ersch\u00f6pfung aus. \u201eDa ist ein Verr\u00fcckter\u201c, sagte mein sp\u00e4terer K\u00fcnstlerfreund J\u00fcrgen Krengel zu Kommilitonen und deutete auf mich. Am Ende der vier Tage und N\u00e4chte halluzinierte ich und sah auf dem Heimweg an den dunklen H\u00e4userfronten schwarze lange Flaggen wehen. Das war das Ende meiner \u201eB\u00fchnenmalerei\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte \u2013 Warum war das so schwer?\u201c (Hermann Hesse: Demian) Nach dem Schockereignis des Jahres 1954 stand mein Entschluss unumst\u00f6\u00dflich fest: Raus aus der Familie! Raus aus dem elterlichen Haushalt! Ich brach die Schule ab, bestand an der Werkkunstschule Hannover die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[21,22,19,20,23,318],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":523,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions\/523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}