{"id":847,"date":"2019-07-11T12:05:40","date_gmt":"2019-07-11T10:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=847"},"modified":"2021-05-19T08:15:45","modified_gmt":"2021-05-19T06:15:45","slug":"59-gott-vor-dem-internationalen-gerichtshof-fuer-menschenrechte-plaedoyers-der-verteidiger-die-grosse-exkulpation-in-vorbereitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2019\/07\/11\/59-gott-vor-dem-internationalen-gerichtshof-fuer-menschenrechte-plaedoyers-der-verteidiger-die-grosse-exkulpation-in-vorbereitung\/","title":{"rendered":"59. Die gro\u00dfe Exkulpation Gottes  \u2013 Im Sinne der Anklage nicht schuldig"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Theologie und Philosophie nach Auschwitz<\/strong><\/p>\n<p>Der Holocaust hat den Frage- und Antwort-Katalog der Theodizee (siehe Blog-Kapitel 58) radikal und dramatisch zugespitzt. Theologen und Philosophen haben sich nach Auschwitz mit der Rolle Gottes und des B\u00f6sen auseinandergesetzt und die g\u00e4ngigen Zuschreibungen g\u00f6ttlicher Eigenschaften (Allmacht, Allgegenw\u00e4rtigkeit, Allwissenheit, Liebe und G\u00fcte und andere) neu \u201eevaluiert\u201c. J\u00fcdische und christliche Anw\u00e4lte Gottes haben s\u00e4mtliche Sophistik und Rabulistik daran gesetzt, in ihren Verteidigungsreden Gott zu entlasten und auf die Theodizee-Fragen \u00fcberzeugende Antworten zu geben.(<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holocaust-Theologie\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holocaust-Theologie <\/a>abgerufen am 04.05.2021)<\/p>\n<p>Ich kann hier nur ansatzweise und \u00e4u\u00dferst selektiv auf die vielf\u00e4ltigen Darlegungen und Antworten verweisen und einzelne Antworten vorstellen. Alle Bem\u00fchungen, welcher Glaubenslehre sie auch folgen m\u00f6gen, halten nach meiner \u00dcberzeugung \u00a0einer \u00dcberpr\u00fcfung nicht wirklich stand. Alle laufen auf eine gro\u00dfe Exkulpation Gottes hinaus. Es sei eben seine G\u00f6ttlichkeit, wie immer sie beschrieben und geglaubt werde, die ihn einer Rechtfertigung vor dem Menschen enthebe. Er habe sich nicht schuldig gemacht, er k\u00f6nne f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten der Menschen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Verteidiger Gottes ziehen alle Register der Gotteslehren, um ihn zu exkulpieren, von der klassischen der Droh- und Straftheologie bis hin zu einer Theologie der allgegenw\u00e4rtigen Liebe Gottes, die auch Tyrannen und Verbrecher einbezieht. Hitler und Stalin als Werkzeuge Gottes, um sein Volk zum Glauben zur\u00fcckzuf\u00fchren? Der Holocaust als Menetekel Gottes?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine philosophische Verteidigung Gottes (Hans Jonas):<\/strong><strong> Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein<\/strong><\/p>\n<p>Hans Jonas, ein j\u00fcdischer Philosoph und Autor, argumentiert in seinem B\u00fcchlein \u201eDer Gottesbegriff nach Auschwitz\u201c (15. Auflage, 2016) so: \u201eDies ist nicht ein allm\u00e4chtiger Gott. Wir k\u00f6nnen \u201edie althergebrachte (mittelalterliche) Doktrin absoluter, unbegrenzter g\u00f6ttlicher Macht nicht aufrecht halten.\u201c S.33) \u201eNach Auschwitz k\u00f6nnen wir mit gr\u00f6\u00dferer Entschiedenheit als je zuvor behaupten, dass eine allm\u00e4chtige Gottheit entweder nicht allg\u00fctig oder (\u2026) total unverst\u00e4ndlich w\u00e4re.\u201c (S.39).<\/p>\n<p>Gott habe sich im Moment seines Sch\u00f6pfungsaktes kraft eigener souver\u00e4ner Vollmacht und eigener Autorit\u00e4t entschlossen, sich aus der von ihm eben geschaffenen Welt zur\u00fcckzuziehen und der Welt freien Lauf zu lassen, der Natur ebenso wie dem Menschen. Gott habe sich in einer sich selbst auferlegten Selbstbeschr\u00e4nkung jeder Einmischung in den physischen Verlauf der Weltdinge begeben, was seine Ohnmacht gegen\u00fcber Naturgewalten ausmache. Mit dem Verzicht auf seine g\u00f6ttliche Macht habe er dem Menschen die Freiheit des Handelns gegeben und ihn damit erm\u00e4chtigt, sich gegen seinen Sch\u00f6pfer zu wenden (S.42ff). Gott werde jedoch mit dem Entwicklungsgang von der mit seinem Sch\u00f6pfungsakt ent\u00e4u\u00dferten Welt \u201eaffiziert\u201c, also r\u00fcckwirkend beeinflusst, und dadurch selbst ver\u00e4ndert und \u201everzeitlicht\u201c. Gott sei ein <em>werdender<\/em> Gott (18ff, 27ff). Der Ewige wird durch die Verwirklichung des Weltprozesses fortschreitend anders. Mit der Evolution des Menschen werde aus ihm allm\u00e4hlich auch ein \u201esorgender Gott\u201c, der allerdings kein Zauberer sei, der alles bewirken k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Im Weltentwicklungsprozess g\u00e4be es weiterhin die anderen, aus dem Eigenlauf und der Eigenmacht (Freiheit) des Menschen erwachsenen Akteure, die sich gegen Gott wenden k\u00f6nnen und es auch tun. Gottes Macht sei durch sie begrenzt. Deren Existenz sowie deren Tun aus eigenem Recht und eigener Autorit\u00e4t erkenne Gott auf Grund seiner selbstgew\u00e4hlten Beschr\u00e4nkung nolens volens an (S.40).<\/p>\n<p>Aus dem von Gott gewollten freien Weltentwicklungsprozess seien auch Nazis, M\u00f6rder, Henker, Despoten wie Hitler und Stalin und andere Gewaltverbrecher hervorgegangen. Gott habe ihrem Treiben nicht Einhalt gebieten k\u00f6nnen. \u201eDurch die Jahre des Auschwitz-W\u00fctens schwieg Gott (\u2026), nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein\u201c (S.41).<\/p>\n<p>Der \u201esorgende Gott\u201c, soweit er sich schon entwickelt hatte, war auf Grund seiner Selbstknebelung zum Zuschauen gezwungen.\u00a0 Zwar sei Gott \u201evom Augenblick der Sch\u00f6pfung an, und gewiss von der Sch\u00f6pfung des Menschen an\u201c ein \u201eleidender Gott\u201c gewesen (S. 25). Aber er musste schweigen. Er konnte nicht anders.<\/p>\n<p>Hans Jonas kommt in seinem mythologisch-poetischen Pl\u00e4doyer zu folgendem Schluss:<\/p>\n<p>Gott k\u00f6nne f\u00fcr Auschwitz und generell f\u00fcr alles Schreckliche und Entsetzliche, das Menschen anderen Menschen antun, f\u00fcr Leid und Unrecht, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Gott w\u00e4re und sei noch immer ein \u201ewerdender Gott\u201c, der sich im evolutiven Gang der Weltentwicklungsprozesse seiner eigenen Fesselung entledigen muss, um einschreiten zu k\u00f6nnen. Gott habe es durch seinen Verzicht auf Allmacht und durch seine Selbstbeschr\u00e4nkung allerdings erm\u00f6glicht, dass das B\u00f6se \u201eaus dem Herzen der Menschen erwachsen\u201c ist (S. 43). Jonas pl\u00e4diert f\u00fcr Freispruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Theologische Verteidigung: Hans K\u00fcng, katholischer Theologe<\/strong><\/p>\n<p>Hans K\u00fcng widerspricht in seinem Buch \u201eCredo. Das apostolische Glaubensbekenntnis\u201c (1992) entschieden und lapidar der Behauptung, Gott sei nicht in Auschwitz gewesen. Er h\u00e4lt dagegen: \u201e\u00dcbergro\u00dfes, unschuldiges, sinnlose Leid l\u00e4sst sich \u2013 im individuellen wie im sozialen Bereich \u2013 nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen (\u2026). Gott ist und bleibt den Menschen letztlich unbegreiflich, und doch ist dem Menschen die M\u00f6glichkeit geschenkt, diesem unbegreiflichen Gott statt Resignation oder Verzweiflung ein unersch\u00fctterliches, unbedingtes Vertrauen entgegen zu bringen.\u201c<\/p>\n<p>K\u00fcng exkulpiert den Allm\u00e4chtigen mit dem Hinweis auf dessen Unergr\u00fcndlichkeit. Gott wisse, worum er was, wann und wie zul\u00e4sst. Sinn und Zweck seines Handelns oder Nichthandelns entz\u00f6gen sich menschlichem Verstehen. Die konkrete Frage, warum Gott in Auschwitz nicht eingegriffen und millionenfache Vergasung verhindert habe, k\u00f6nne nicht theoretisch beantwortet werden. Alle Versuche seien gescheitert, angesichts der \u00dcbel in der Welt den Allm\u00e4chtigen und Allg\u00fctigen zu rechtfertigen. Das unl\u00f6sbare Problem liefere f\u00fcr eine atheistische Position die st\u00e4rksten Argumente gegen Gott. Aber keiner der gro\u00dfen Geister in Theologie und Philosophie habe das Urproblem gel\u00f6st. Der \u201eVermessenheit des Menschengeistes, ob sie nun im Kleide der theologischen Skepsis, der philosophischen Geschichtsphilosophie oder der trinitarischen Spekulation daherkommt\u201c, k\u00f6nne nur mit einem absoluten Glauben an Gott begegnet und entgegnet werden. K\u00fcng greift auf die Ur-Figur Hiob zur\u00fcck, auf den Archetypus des geschundenen und leidenden Menschen, auf den \u201eHeimgesuchten\u201c, der nichts B\u00f6ses getan hat und dennoch von schlimmsten \u00dcbeln geplagt wird und deshalb mit seinem despotischen Gott hadert. <em>Die<\/em> Antwort schlechthin, so argumentiert Hans K\u00fcng, sei im Buch Hiob zu finden: \u201eEin grenzenloses Vertrauen auf einen unbegreiflichen Gott. Leiden und Hoffnung geh\u00f6ren zusammen, Hoffnung auf einen Gott, der sich trotz allem nicht als launisch-apathischer Willk\u00fcrgott, sondern als Gott der rettenden Liebe zeigt.\u201c<\/p>\n<p>Jesus habe die furchtbare Erfahrung der Opfer des Holocaust vorweggenommen, jene Erfahrung, dass man von allen Menschen verlassen werden kann, dass man sogar des Menschseins verlustig gehen kann, dass man von Gott selbst aufgegeben werden kann.\u201c Wer den Glauben aufg\u00e4be, Gott sei allm\u00e4chtig, gut und gerecht, habe es nicht mehr mit Gott zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hans K\u00fcngs theologische Hilflosigkeit und inhumane Antwort<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcngs R\u00fcckgriff auf das Buch Hiob verr\u00e4t seine theologische Hilflosigkeit. Ich sehe in der Hiob-Erz\u00e4hlung ein Ur-Muster menschlicher Selbstdem\u00fctigung und Unterw\u00fcrfigkeit. Der Gottesknecht Hiob l\u00e4sst sich alles gefallen. \u201eSiehe, ich bin zu leichtfertig gewesen, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Ich habe einmal geredet, und will nicht antworten; zum andermal will ich\u00b4s nicht mehr tun\u201c (Hiob 40: 4, 5). Der geknechtete Untertan gelobt k\u00fcnftighin den Mund zu halten, zu schweigen, weil ihm vorgegeben und eingebl\u00e4ut wird, es fehle ihm die Einsicht in Sinn und Zweck von Gottes Handeln. Hiob versucht seinen Peiniger zu beschwichtigen, indem er eingesteht, verantwortungslos gehandelt zu haben. Das gef\u00e4llt dem tyrannischen Gott. Er tritt in seiner \u201ezweiten Rede (\u2026)\u00a0 aus dem Wetter\u201c hervor und prahlt selbstgef\u00e4llig und gro\u00dfspurig mit seiner Macht (Hiob 40: 6-32; 41,1-6).\u00a0 Er gibt gro\u00dfm\u00e4ulig an, was er mit seiner Allmacht alles bewirken k\u00f6nne. Hiob duckt sich und stammelt: \u201eIch erkenne, dass du alles vermagst und nichts, was du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. Wer ist der der den Ratschluss verh\u00fcllt mit Unverstand? Darum bekenne ich, dass ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe\u201c (Hiob 42, 2,3).\u00a0 Der theologische Ratschlag lautet: Nimm Pein und Qual und alle \u00dcbel als gottgewollte und gottgegebene Pr\u00fcfung an, auch wenn du Gottes Gr\u00fcnde nicht erkennen, geschweige denn verstehen kannst. F\u00fcge dich in das Leid, das der Allm\u00e4chtige \u00fcber dich gebracht hat. Verliere nicht deinen Glauben an seine Allmacht, Weisheit und G\u00fcte. Es ist ein liebender Gott, der es letztendlich mit den \u201eHeimgesuchten\u201c gut meint. Die zynische Formel f\u00fcr diese \u00fcberlieferte Handlungsanweisung lautet: \u201eWas Gott tut, das ist wohlgetan, der Name des Herrn sei gelobt.\u201c<\/p>\n<p>In der biblischen Hiob-Erz\u00e4hlung ist es ohne Zweifel Gott, der seinen Kumpan, den Teufel, anstachelt, seinem frommen Knecht Hiob die \u00fcbelsten Leiden zuzuf\u00fcgen. Gott h\u00f6chst pers\u00f6nlich ist es, der den Teufel beauftragt, Hiob bis aufs But zu piesacken. Gott ist folglich der Grund allen \u00dcbels und Leidens. Hans K\u00fcngs Versuch, Gott zu exkulpieren, f\u00fchrt zur\u00fcck in eine archaische Zeit.<\/p>\n<p>Angesichts der ungeheuerlichen technischen Gewalt\u2013 und Zerst\u00f6rungspotentiale, die der Mensch entwickelt hat, angesichts des industriell organisierten Holocausts, des Bombenterrors im Zweiten Weltkrieg, der Massenvernichtung in Josef Stalins Lagern und der sich weiterdrehenden Spirale menschlicher Gewaltt\u00e4tigkeit mag die sogenannte Hiob-Antwort auf den Sinn von Leid und \u00dcbel in Gottes Sch\u00f6pfungswerk nicht mehr \u00fcberzeugen. Im Gegenteil: Die Hiob-Antwort ist h\u00f6chst suspekt geworden. Eine weltimmanente Deutung erlaubt heute eine ganz andere Lesart der Hiob-Erz\u00e4hlung. Gott muss, wenn wir die \u201eHiobsbotschaften\u201c und deren theologische Auslegungen zu Ende denken, ein blutr\u00fcnstiges Monster sein oder ein Sadomasochist schlimmster Art. Er befriedigt seine selbstgef\u00e4lligen Bed\u00fcrfnisse, indem er den Menschen Schl\u00e4ge und Grausamkeiten zuf\u00fcgt. Er stachelt sie perfide auf, sich von ihm loszusagen, um sie mit jeder seiner weiteren Strafaktion umso schlimmer maltr\u00e4tieren zu k\u00f6nnen. Der himmlische Despot qu\u00e4lt gerade diejenigen, die sich ihm ganz und gar gottgef\u00e4llig unterwerfen. Er sendet ihnen die widerw\u00e4rtigsten \u00dcbel, treibt sie in Verzweiflung, versetzt sie in Angst und Schrecken, schickt ihre Kinder und Kindeskinder in den Tod. Der monstr\u00f6se Despot scheut kein Mittel, den Menschen, seine Kreatur, zu peinigen und zu dem\u00fctigen. Und dies alles, um seine absolute Macht zu demonstrieren. Hans K\u00fcngs fundamentaler R\u00fcckgriff auf Hiob ist inhuman, denn er transportiert damit eine despotische Botschaft der unbedingten Unterwerfung unter die Gewaltherrschaft eines Psychopaten. Ein Despot unterwirft in seiner angema\u00dften Allmacht seine Untertanen. Mit Mitteln der Willk\u00fcrherrschaft macht er seine Untertanen zu gef\u00fcgigen Helfern, um seine Machtposition aufrechtzuerhalten. Das ist die Botschaft: Wer sich unterwirft, nicht viel fragt, den Mund h\u00e4lt und sich mit den beklagenswerten \u00dcbeln abfindet, den belohnt Gott. Er ist ein Konstrukt des absoluten altorientalischen Herrschers. \u201cWehe den Gottlosen! Denn sie haben es \u00fcbel, und es wird ihnen vergolten werden, wie sie es verdienen\u201c (Jesaja 3, 11). Und auch der Christengott bestraft und belohnt: \u201eUnd sie werden in die Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben\u201c (Matth\u00e4us, 25:40). Torturen zu ertragen, sich zu unterwerfen und trotz aller erlittenen Qualen und Ungerechtigkeiten glaubensfest zu bleiben, das lohnt sich also.<\/p>\n<p>Der Allm\u00e4chtige m\u00fcsse sich nicht rechtfertigen. Sein Handeln und Nichthandeln seien durch seine Allmacht, seine Weisheit und sein Allwissen gerechtfertigt. Kein Mensch sei bef\u00e4higt und d\u00fcrfe es wagen, Gott zur Rechenschaft zu ziehen. Das sei wider das Geheimnis Gottes und Gottesl\u00e4sterung. Vor dem Internationalen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte Anklage gegen Gott zu erheben (siehe Kapitel 58), sei eine unerh\u00f6rte Anma\u00dfung. Es sei allein der Mensch, der sein Handeln und Nichthandeln vor Gott rechtfertigen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Jeremias-Antwort<\/strong><\/p>\n<p>Die Klagelieder Jeremias 3: 42-47): \u201eWir haben ges\u00fcndigt und \/ sind ungehorsam gewesen, darum hast \/ Du billig nicht verschont; \/ sondern du hast uns mit Zorn \/ \u00fcbersch\u00fcttet und verfolgt und ohne \/ Barmherzigkeit erw\u00fcrgt \/ Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, \/ dass kein Gebet hindurch konnte. \/ Du hast uns zu Kot und Unflat \/ gemacht unter den V\u00f6lkern. \/ Alle unsere Feinde sperren ihr \/ Maul auf wider uns. \/ Wir werden gedr\u00fcckt und geplagt \/ mit Schrecken und Angst.\u201c \/\/ (5: 22): Denn du hast uns verworfen \/ und bist allzu sehr \u00fcber uns erz\u00fcrnt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd der Herr sprach zu mir [Jeremias]: \/ Und wenngleich Mose und Samuel \/ vor mir st\u00fcnden \/ so habe ich doch kein \/ Herz zu diesem Volk; treibe sie weg \/ von mir und lasse sie hinfahren. \/ Und wenn sie zu dir sagen: wo \/ sollen wir hin? So sprich zu ihnen: So \/ spricht der Herr: Wen der Tod trifft, \/ den treffe er; wen das Schwert trifft, \/ den treffe es \/ wen der Hunger trifft, den treffe er; wen das Gef\u00e4ngnis trifft, \/ den treffe es. \/ Denn ich will sie heimsuchen mit \/ vielerlei Plagen spricht der Herr: \/ Mit dem Schwert, dass sie erw\u00fcrgt \/ werden; mit Hunden, die sie schleifen \/ sollen; mit den V\u00f6geln des Himmels \/ und mit den Tieren auf Erden, dass sie \/ gefressen und vertilgt werden sollen\u201c (Jeremias 15: 1-3).<\/p>\n<p>Auch der Gott des Propheten Jeremias ist ein grausamer Gott, ein r\u00e4chender Despot, ein W\u00fcrger und Schl\u00e4chter, der selbst vor einem Genozid nicht zur\u00fcckschreckt. Was ist das f\u00fcr ein Gott, der sich hinter eine Wolke zur\u00fcckzieht, sich unzug\u00e4nglich macht und einen Genozid befiehlt? Wiederum eine theologische Exkulpation.<\/p>\n<p>Die theologische Denkfiguren, die den \u201eallm\u00e4chtigen\u201c Sch\u00f6pfer und Christengott der Verantwortung f\u00fcr die Untaten der Menschen entheben, sorgen daf\u00fcr, dass in Gott kein Monster gesehen werden darf. Die Wahrheit einer Religion und g\u00f6ttlicher Allmacht darf, so die Amtskirchen, \u201enicht aufgrund des Verhaltens einzelner Gl\u00e4ubiger oder Glaubensgruppen beurteilt werden.\u201c Es g\u00e4be den dramatischen Widerspruch zwischen Glauben und unserem Leben und Verhalten. Ein hochgestellter Gottesmann sieht heute das Problem so: \u201eWenn sich (\u2026) die Religionen von den Ideologien verseuchen lassen, k\u00f6nnen sie Krieg oder Intoleranz verursachen. Aber Gott ist nicht der Polizist der Welt, sondern deren liebevoller Vater. Deshalb sollten sich alle religi\u00f6sen Menschen an der Wahrheit Gottes messen und sich st\u00e4ndig von der Ideologie distanzieren. Religion und Krieg verbinden sich nur, wenn die Ideologie zum Parasiten der Religion wird.\u201c<\/p>\n<p>Der Allmachtsmonotheismus wird heute von seinen Vertretern sch\u00f6ngeredet, das Buch Hiob zu einem Fr\u00f6mmigkeitstest eines angeblich liebenden und sorgenden Gottes herabgestuft und der angeblich unbegreifliche Gott von jeder Verantwortung f\u00fcr das Leid freigesprochen, das er mit seiner Sch\u00f6pfung in die Welt gebracht hat. Wer sich auf diese Gotteslehren einl\u00e4sst, sieht sich am Ende um eine befriedigende kognitive Antwort betrogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Meine Anstrengung war vergebens, in diesen Fragen, die gemeinhin als Theodizee bekannt sind, zu befriedigenden Antworten zu gelangen. Ich hatte, je tiefer ich mich mit diesen Fragen besch\u00e4ftigte, den Eindruck, mich in zirkulare und gebetsm\u00fchlenartige Begr\u00fcndungen einzulassen. Ich sah mich mehr und mehr in traditionelle Argumentationsmuster verstrickt, die Pseudoerkl\u00e4rungen liefern und die sich dabei auf absolute religi\u00f6se Gewissheiten st\u00fctzen. Meine Fragen und \u00dcberlegungen waren in der Welt des G\u00f6tterglaubens und der Heilslehren befangen. Ich sah mich auf der falschen Spur der Erkenntnisgewinnung und wechselte zu einem hypothetischen Atheismus \u00fcber und zu den wissenschaftlichen \u00a0Fragen und Forschungsergebnissen der evolution\u00e4ren Anthropologie.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;Copyright f\u00fcr die Blog-Kapitel 58 (ausgenommen Charlie Hebdo, Numero Special \/NR. 1224, 6. Januar 2016), 59 und 60, insbesondere f\u00fcr die Titelei, beim Verfasser und K\u00fcnstler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theologie und Philosophie nach Auschwitz Der Holocaust hat den Frage- und Antwort-Katalog der Theodizee (siehe Blog-Kapitel 58) radikal und dramatisch zugespitzt. Theologen und Philosophen haben sich nach Auschwitz mit der Rolle Gottes und des B\u00f6sen auseinandergesetzt und die g\u00e4ngigen Zuschreibungen g\u00f6ttlicher Eigenschaften (Allmacht, Allgegenw\u00e4rtigkeit, Allwissenheit, Liebe und G\u00fcte und andere) neu \u201eevaluiert\u201c. 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