{"id":851,"date":"2019-06-02T12:16:20","date_gmt":"2019-06-02T10:16:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=851"},"modified":"2019-08-09T09:33:14","modified_gmt":"2019-08-09T07:33:14","slug":"59-gott-vor-dem-internationalen-gerichtshof-fuer-menschenrechte-plaedoyers-der-verteidiger-die-grosse-exkulpation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2019\/06\/02\/59-gott-vor-dem-internationalen-gerichtshof-fuer-menschenrechte-plaedoyers-der-verteidiger-die-grosse-exkulpation\/","title":{"rendered":"60.Universit\u00e4t Passau und die Fronleichnamsprozession \u2013 ein aktueller Kl\u00e4rungsbedarf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Kritik an der Amtsf\u00fchrung der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin Prof. Dr. Carola Jungwirth<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePr\u00e4sidentin in Not\u201c, \u201eDie Patriarchin. Misstrauen und Mobbing an der Universit\u00e4t\u201c, \u201eDer Streit der Gelehrten\u201c, \u201eUnmut und Angst\u201c, \u201eDauerkritik an der Pr\u00e4sidentin\u201c, \u201eEitelkeiten\u201c, \u201eStudierenden Vertretung kritisiert Uni-Pr\u00e4sidentin\u201c \u2013 diese und weitere Presseberichte tragen seit einigen Wochen interne Konflikte der Universit\u00e4t Passau an die \u00d6ffentlichkeit. Am 17. Juli 2019 steht die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentschaftswahl an, und die amtierende Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin, Prof. Dr. Carola Jungwirth, kandidiert f\u00fcr eine zweite Amtsperiode. Ein Novum in der jungen Geschichte der Universit\u00e4t: Zwei ausw\u00e4rtige Kandidaten und eine hausinterne Konkurrentin bewerben sich gleichzeitig um dieses Amt. Alle Versuche der amtierenden Pr\u00e4sidentin, die konfliktgeladene Stimmung zu beruhigen und zu ihren Gunsten zu wenden, sind bisher missgl\u00fcckt. Es rumort weiter und immer heftiger. Der Ton wird sch\u00e4rfer und unvers\u00f6hnlicher, die Kluft zwischen den Streitparteien immer gr\u00f6\u00dfer. Der Amtsinhaberin werden von verschiedenen Seiten ein ungen\u00fcgender kommunikativer F\u00fchrungsstil, gravierende Eigenm\u00e4chtigkeiten, eklatante strukturelle Fehlentscheidungen und Ungerechtigkeiten vorgeworfen. Die meisten Kritiker wollen dabei gern anonym bleiben. Vor allem Professorinnen und Professoren halten sich bedeckt, erst recht der beruflich nicht abgesicherte wissenschaftliche Mittelbau. Sie f\u00fcrchten sp\u00e4tere Benachteiligungen. Aus der Studentenschaft kommen die heftigsten Attacken bis hin zum Aufruf \u201eSt\u00fcrzt die Pr\u00e4sidentin\u201c. Welche Vorw\u00fcrfe auf tats\u00e4chliche M\u00e4ngel zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen\u00a0\u00a0 und was an den Streitpunkten \u00fcberzogen und gar verf\u00e4lscht ist, l\u00e4sst sich von au\u00dfen schwer beurteilen. Ich bin als pensionierter Ordinarius im 85. Lebensjahr \u201ezu weit weg vom Schuss\u201c, um die vielf\u00e4ltigen Konflikte und ihre Turbulenzen im Detail wirklich durchschauen und beurteilen zu k\u00f6nnen. Nach vierzig Jahren beruflicher Universit\u00e4tserfahrung kann ich mir zwar auf vieles einen Reim machen, aber das ersetzt keine solide empirische Untersuchung. In einem Konfliktbereich kenne ich allerdings die Vorg\u00e4nge gut genug, um dazu pointiert Stellung nehmen zu k\u00f6nnen. Dieser Konfliktbereich mag f\u00fcr einen Nebenschauplatz gehalten werden, doch l\u00e4sst sich an ihm die Kritik an der Amtsf\u00fchrung der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin anschaulich nachvollziehen und demonstrieren.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Carola Jungwirth nahm in ihrer Eigenschaft als amtierende Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin auch in diesem Jahr wieder an der Fronleichnamsprozession teil. Sie hatte sich in den Dienst des Passauer Episkopats gestellt und \u2013 wie die lokale und \u00fcberregionale Presse berichtete \u2013 in einer Rundmail\u00a0 an ihre \u201eUntergebenen\u201c von diesen erbeten, an der Passauer Fronleichnamsprozession teilzunehmen (B\u00fcrgerblick Nr. 124, April 2019, S.30; S\u00fcddeutsche Zeitung Nr. 138, 17. 06.2019, S. 29). Diesen universit\u00e4tsamtlichen Appell hatten manche als Bel\u00e4stigung aufgefasst. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass universit\u00e4tsinterner Widerspruch gegen diese Form der Aufforderung zur Teilnahme ge\u00e4u\u00dfert worden und an die Presse gelangt ist.<\/p>\n<p>Bisher hat die Universit\u00e4tsleitung nichts zur Kl\u00e4rung des Sachverhalts beigetragen. Die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin scheint dies nicht f\u00fcr notwendig zu halten und h\u00fcllt sich in Schweigen. Dabei st\u00fcnde der konfessionsunabh\u00e4ngigen staatlichen Universit\u00e4t eine gr\u00fcndliche und prinzipielle Auseinandersetzung mit dem Vorgang gut an. Liegt es in der Kompetenz und im Ermessen des Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten einer staatlichen, nichtkirchlichen Institution der Wissenschaft, in seiner Amtseigenschaft die Professorenschaft zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen, und dies mit einem nachdr\u00fccklichen Schreiben? Es gibt Kl\u00e4rungsbedarf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>In wessen Namen, kraft welcher Kompetenz und in welcher Form?<\/strong><\/p>\n<p>Der Appell der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin hat eine interne Vorgeschichte. Universit\u00e4tspr\u00e4sident Prof. Dr. Walter Schweitzer, von 1997\u20132008 Rektor und von 2008\u20132012 Pr\u00e4sident, hatte im Jahre 2008 in einem Schreiben an <em>alle<\/em> \u201eDamen und Herren Professorinnen und Professoren\u201c bedauert, dass aus der Universit\u00e4t \u201eeine stetig sinkende Zahl von Teilnehmern an der Fronleichnamsprozession\u201c zu beobachten sei. \u201eAus eigenem Entschluss\u201c, so hatte er ausdr\u00fccklich betont, b\u00e4te er \u201ewieder um eine vermehrte Teilnahme, um unsere Verbundenheit mit Kirche und Stadt zum Ausdruck zu bringen.\u201c Er hatte allerdings seinen Appell vorsichtig dahin abgeschw\u00e4cht: \u201eMan m\u00f6ge sein Schreiben als gegenstandslos betrachten, falls man sich davon nicht angesprochen\u201c f\u00fchle.<\/p>\n<p>Walter Schweitzer hatte damit grunds\u00e4tzliche und allgemeine Fragen des heutigen Verh\u00e4ltnisses zwischen staatlicher Universit\u00e4t und Kirche anger\u00fchrt und universit\u00e4tsinternen Widerspruch hervorgerufen. Schlie\u00dflich ist ein Universit\u00e4tspr\u00e4sident h\u00f6chster Repr\u00e4sentant aller Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der konfessionsunabh\u00e4ngigen Universit\u00e4t. Der amtliche Aufruf des Pr\u00e4sidenten h\u00e4tte als Werbeschreiben f\u00fcr die katholische Kirche verstanden werden k\u00f6nnen. Das hatte Schweitzer wohl bedacht und deshalb auch ausdr\u00fccklich darum gebeten, seinen Appell als gegenstandslos zu betrachten, falls man sich nicht angesprochen f\u00fchle \u2013 eine diplomatische \u00dcberspielung der realen Verh\u00e4ltnisse, die es eigentlich zu kl\u00e4ren gilt: In welcher Position beziehungsweise Rolle, in wessen Namen und kraft welcher Kompetenz nimmt der h\u00f6chste Amtsinhaber\/die h\u00f6chste Amtsinhaberin der Universit\u00e4t Passau an der Fronleichnamsprozession teil? Wer repr\u00e4sentiert wen mit welcher Begr\u00fcndung?<\/p>\n<p>Schweitzers Nachfolger im Amt des Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten, Prof. Dr. Burkhard Freitag (2012\u20132016), hatte die Frage \u201eentklerikalisiert\u201c, indem er von derartigen Empfehlungen und Appellen Abstand nahm und bei einem Besuch des Passauer Bischofs Stefan Oster in der Universit\u00e4t klarstellte, dass die Universit\u00e4t im Sinne einer freundlichen \u00c4quidistanz zu beiden Kirchen Beziehungen pflegen wolle. Professor Freitag vermied es auch, nach katholischer Sprachregelung von \u201eder Kirche\u201c im Singular zu sprechen.<\/p>\n<p>Freitags Amtsnachfolgerin, Prof. Dr. Carola Jungwirth, brachte hingegen in die grunds\u00e4tzlichen Fragen erneut Verwunderung und Verwirrung hinein. Sie nahm in ihrer Doppeleigenschaft als evangelische Christin und Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin wiederholt demonstrativ an der Fronleichnamsprozession teil und begr\u00fcndete ihre Teilnahme damit, sie wolle auf diese Weise das gute Verh\u00e4ltnis der Universit\u00e4t zur katholischen Kirche sichtbar machen und bekr\u00e4ftigen (Passauer Neue Presse Nr. 171, 27.07.2017, S. 22). Hatte Schweitzer in seinem Appell noch sensibel erkennen lassen, dass die Teilnahme von Universit\u00e4tsmitgliedern im Grunde eine katholische Sache sei, setzte sich die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin Jungwirth \u00fcber solche konfessionellen Bedenken hinweg. Sie reihte sich als h\u00f6chste Amtstr\u00e4gerin der Universit\u00e4t Passau in die vom Generalvikariat der katholischen Kirche vorgegeben Prozessionsordnung ein. Frau Jungwirth meinte anscheinend, amtlich legitimiert zu sein, f\u00fcr die ganze Universit\u00e4t mit gutem Beispiel vorangehen zu d\u00fcrfen. Dass die Fronleichnamsprozession eine zutiefst katholisch-konfessionelle Veranstaltung ist, die seit jeher rituell und dogmatisch gerade auch der Abgrenzung zum Protestantismus dient, scheint die h\u00f6chste Amtsinhaberin der Universit\u00e4t offenbar nicht zu st\u00f6ren. Konsequent zu Ende gedacht m\u00fcsste die Universit\u00e4tsleitung, vertreten durch die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin, auch zu einer vermehrten Teilnahme am Gottesdienst zum evangelischen Reformationsfest oder zur Karfreitagspredigt aufrufen \u2013 was selbstverst\u00e4ndlich nicht geschieht.<\/p>\n<p>Prinzipiell gesagt und unmissverst\u00e4ndlich formuliert: Es steht au\u00dfer Frage, dass Frau Carola Jungwirth als Privatperson die vom Grundgesetz verb\u00fcrgte positive und negative Religionsfreiheit genie\u00dft. Als Privatperson kann sie auch als Protestantin, wenn sie das pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnis dazu hat, an der Prozession teilnehmen. Niemand w\u00fcrde es ihr verwehren k\u00f6nnen oder wollen. Die Sache steht jedoch anders, wenn sie, wie geschehen, als Amtsperson und h\u00f6chste Repr\u00e4sentantin der Wissenschaft und aller Wissenschaftler auftritt. Mag sein, dass die Amtsposition auch diesbez\u00fcglich einen relativ gro\u00dfen Entscheidungsspielraum zul\u00e4sst. Dennoch muss sie sich Fragen nach ihrem Rollenverst\u00e4ndnis gefallen lassen.<\/p>\n<p>Frau Jungwirth erkl\u00e4rt, sie demonstriere mit ihrer Teilnahme in der \u201eTradition des fr\u00fcheren Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten Schweitzer\u201c die guten Beziehungen zur katholischen Kirche. Sich auf diese Tradition zu berufen, ist aber ein \u00e4u\u00dferst schwaches Argument.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eSehr geehrte, liebe Frau Pr\u00e4sidentin\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In seinem Einladungsschreiben vom 21. Mai an die \u201eliebe Frau Pr\u00e4sidentin\u201c hebt Bischof Stefan Oster ausdr\u00fccklich hervor, dass \u201ees ja schon eine kleine Tradition\u201c sei, \u201enach der Fronleichnamsprozession am 20. Juni bei mir im Innenhof (\u2026) zur gem\u00fctlichen Brotzeit bei Bier, Wei\u00dfwurst und mehr\u201c Gast zu sein. Er bitte sie, \u201ediese Einladung an die betreffenden Personen weiterzugeben.\u201c<\/p>\n<p>An die <em>betreffenden<\/em> Personen? In der diplomatischen Amtssprache der katholischen Kirche waren wohl vor allem katholische Professoreninnen und Professoren gemeint. Es blieb jedoch nicht nur bei der Einladung zum traditionellen Wei\u00dfwurstessen. Die kirchenamtliche Einladung zur Mitfeier der Prozession folgte am 27. Mai. Msgr. Helmut Reiner, Domkapitular und Pfarrer im Pfarrverband Altstadt schrieb an die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin:<\/p>\n<p>\u201eIch lade Sie im Auftrag unseres H. H. Bischof Dr. Stefan Oster SDB herzlich ein zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes am Donnerstag, den 20. Juni 2019. Die Feier beginnt mit dem Pontifikalamt um 8.30 Uhr im Hohen Dom. Im Anschluss daran wird die Fronleichnamsprozession durch die Passauer Altstadt stattfinden (\u2026) Alle n\u00e4heren Einzelheiten \u00fcber die Aufstellung und den Weg der Prozession werden am Ende des Pontifikalamtes bekanntgegeben. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn Sie das Fronleichnamsfest mitfeiern w\u00fcrden, zu dem sowohl alle Gl\u00e4ubigen eingeladen sind als auch die Ordensgemeinschaften und die Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Passau sowie ihrer Beh\u00f6rden und \u00c4mter.\u201c<\/p>\n<p>Der Wortlaut der amtskirchlichen Einladung richtet sich ohne Zweifel an die Amts- und Titeltr\u00e4gerin Jungwirth, nicht an die gl\u00e4ubige Privatperson. Es ist die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin, die zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes in Dienst genommen wird. Sie wird gebeten, diese Einladung an die betreffenden Personen weiterzugeben. Und die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin ist es, die kraft ihres Amtes und ohne Abstimmung mit den Gremien der Universit\u00e4t den Bitten nachkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Rundmail an die lieben Kolleginnen und Kollegen<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Datum des 4. Juni richtet die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin an alle \u201elieben Kolleginnen und Kollegen\u201c eine Mail, in der sie die kirchenamtlichen Einladungen zu ihrer eigenen Sache macht. Daraus folgender Auszug:<\/p>\n<p>(\u2026) am (\u2026) 20. Juni 2019 um 8.30 Uhr findet der allj\u00e4hrliche Fronleichnamsgottesdienst im und um den Passauer Dom statt: Fronleichnam \u2013 Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi \/ Pontifikalamt mit Prozession durch die Stadt mit Domchor und Dombl\u00e4sern. Msgr. Helmut Reiser, Domkapitular und Pfarrer im Pfarrverband Altstadt, l\u00e4dt herzlich zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes im Dom ein. Der Bischof von Passau Dr. Stefan Oster SDB setzt auch in diesem Jahr im Anschluss an den Gottesdienst die sch\u00f6ne Tradition fort, das Kollegium der Professorinnen und Professoren der Universit\u00e4t\u00a0 Passau im Anschluss an den Gottesdienst und die Prozession (\u2026) zu einem Imbiss in den Innenhof der ehemaligen Dompropstei einzuladen, wor\u00fcber ich mich sehr freue.<\/p>\n<p>Bitte teilen Sie bis (\u2026) 13. Juni mit, wenn ich f\u00fcr sie und ihre Familie \/ Ihre Partnerin \/ Ihren Partner bei Msgr. Reiner im Dom Pl\u00e4tze reservieren soll (die Professorinnen und Professoren mit ihren Familien \/ ihrer Partnerin \/ ihrem Partner sitzen links neben dem Altar gegen\u00fcber den Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Passau) und wie viele Personen ich bei Bischof Oster f\u00fcr Sie anmelden darf. F\u00fcr die Weiterleitung dieser Einladung an ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls gerne teilnehmen m\u00f6chten, bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich freue mich auf ein nettes Beisammensein. Herzliche Gr\u00fc\u00dfe, Carola Jungwirth.\u201c<\/p>\n<p>Diese Rundmail an <em>alle <\/em>Kolleginnen und Kollegen enth\u00e4lt weit mehr nur als eine sachliche Weitergabe der kirchenamtlichen Einladungen. Sie \u00fcbergeht eigenm\u00e4chtig wie selbstverst\u00e4ndlich den religi\u00f6s-konfessionellen Pluralismus in der Universit\u00e4t. Frau Jungwirth machte sich zur universit\u00e4tsinternen Vollstreckerin der katholisch-amtskirchlichen Bitten. Ihren Formulierungen mangelt es an einer der Universit\u00e4t angemessenen Distanz zum vielfach aufgef\u00e4cherten religi\u00f6s-konfessionellen Bereich. Die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin ignoriert mit ihrer Rundmail dogmatische Trennungslinien in so zentralen Fragen wie die der Eucharistie, die gerade in der Fronleichnamsprozession (Leib und Blut Jesu Christi) wirksam sind. Und sie macht das \u201enette Beisammensein\u201c in katholischer Manier zu einem gesellschaftlichen Wei\u00dfwurst-Ereignis. Erst der Leib Christi, dann das Wei\u00dfwurstessen \u2013 das ist nicht nach jedermanns religi\u00f6sem Geschmack. Dies alles sollte unter dem intellektuellen und kognitiven Niveau einer h\u00f6chstamtlichen Repr\u00e4sentantin der heutigen Wissenschaft sein. Und es ist eine bedenkliche Missachtung Andersgl\u00e4ubiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>St\u00e4ndestaatliche und berufsst\u00e4ndische Platzzuweisungen<\/strong><\/p>\n<p>Die offizielle Teilnahme an der Fronleichnamsprozession bedeutet \u2013 wie auch die Platzreservierung best\u00e4tigt \u2013 mehr als nur ein blo\u00dfes freundliches Mitlaufen. Teilnahme bedeutet in die Prozessionsordnung ein- und untergeordnet zu werden. Die amtskirchlich verordnete Platzierung folgt einem st\u00e4ndestaatlichen und berufsst\u00e4ndischen Ordnungskonzept mit Honoratioren-Privilegien. Den Professoren werden wie dem Klerus respektable Pl\u00e4tze reserviert und zugewiesen. Die Universit\u00e4t bildet die 12. Gruppe, unterteilt in Professoren, Katholische Hochschulgemeinde und (katholische)\u00a0 Studentenverbindungen. Das Ende des Zuges bilden das \u201eGl\u00e4ubige Volk aus den Stadtpfarreien, Frauen, M\u00e4nner und Kinder gemischt\u201c. (Hinweise des Generalvikars zur Durchf\u00fchrung der Gro\u00dfen Fronleichnamsprozession).<\/p>\n<p>Professoren genie\u00dfen ein Honoratiorenprivileg, sie werden nicht der Gruppe des \u201eGl\u00e4ubigen Volks\u201c zugeordnet. Wie l\u00e4sst sich die Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin, Frau Professor Jungwirth, platzieren? Auch in organisatorischer Hinsicht ist der Appell der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin ein Akt der Diskriminierung. Warum richtet sie ihren Appell nur an die Professorenschaft, aber nicht, allgemein und in der Sache neutral, auch an die wissenschaftsunterst\u00fctzenden Bediensteten der Universit\u00e4t? Letztere werden auf diese Art und Weise indirekt zum \u201eGl\u00e4ubigen Volk\u201c hintangestellt. Wieder einmal scheint in der Universit\u00e4t eine gewisse \u201einstitutionalisierte Gedankenlosigkeit\u201c (Prof. Dr. Heinrich Oberreuter) zu vermeintlich respektablen Entscheidungen zu f\u00fchren. Jedenfalls glaubt man, sich unbedenklich und bequem in die vorgegebene katholische (Prozessions-) Ordnung einreihen zu k\u00f6nnen. Teile des Sozialsystems Universit\u00e4t kollidieren mit dem kognitiven System der Wissenschaft und seinen Regeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das prek\u00e4re Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und religi\u00f6s-konfessionellen Institutionen<\/strong><\/p>\n<p>Einer modernen Institution des Wissens, Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung st\u00fcnde es in der heutigen s\u00e4kularen Welt gut an, das prek\u00e4re Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und religi\u00f6sen Institutionen nicht diplomatisch zu \u00fcbert\u00fcnchen und sch\u00f6nzureden, sondern grunds\u00e4tzlich zu kl\u00e4ren, ob, inwieweit und in welcher Form eine kirchlich-konfessionell unabh\u00e4ngige Universit\u00e4t amtlich \u00fcberhaupt bei einer Fronleichnamsprozession in Erscheinung treten kann und sollte. F\u00fcr eine konfessionsunabh\u00e4ngige staatliche Institution der Wissenschaft gibt es andere, der heutigen Wirklichkeit angemessene Wege und Kommunikationsformen, ihre Beziehungen zu den Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften zu ordnen und zu pflegen. Es k\u00f6nnte zum Beispiel ein Arbeitskreis \u201eUniversit\u00e4t, Kirchen und Glaubensgemeinschaften\u201c gebildet werden, der als Plattform f\u00fcr Diskurse und akademische Streitfragen dienen k\u00f6nnte. Zweifelhafte und oder gar krass einseitige Appelle an Professoren und Professorinnen, an kirchlichen Festen teilzunehmen, geh\u00f6ren nicht zu den Aufgaben einer konfessionsneutralen staatlichen Institution der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirchen hat sich inzwischen aufgrund gesellschaftlicher und politischer Ver\u00e4nderungen vom Modell einer freundlichen Kooperation zum Konzept \u201eder \u00fcbergreifenden offenen Neutralit\u00e4t\u201c weiterentwickelt (Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde 2006: Der s\u00e4kularisierte Staat und seine Probleme im 21. Jahrhundert). Die \u00fcbergreifende offene Neutralit\u00e4t gilt auch f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von konfessionsunabh\u00e4ngiger staatlicher Universit\u00e4t und katholischer Kirche. Ausgerechnet die erzkatholische Institution der Fronleichnamsprozession als amtliches \u201eBindemittel\u201c zwischen Universit\u00e4t und Kirche zu instrumentalisieren, ist seitens einer neutralen Institution der Wissenschaft eine intellektuelle und kognitive Fehlleistung, die nicht mehr um eines internen Friedens willen einfach hingenommen wird. \u00dcberdies mutet die universit\u00e4tsamtliche Bitte um \u201evermehrte Teilnahme\u201c angesichts einer schrumpfenden und krisengesch\u00fcttelten katholischen Kirche (Mitgliederschwund, dramatischer Priestermangel, Beteiligung und Gleichstellung der Frau, amtskirchliche Sexualmoral, Missbrauchsskandale, Entkirchlichung \u2026) wie eine spirituelle Hilfsma\u00dfnahme an. Eine kirchenunabh\u00e4ngige staatliche Universit\u00e4t ist jedoch keine Missionsgehilfin bei der \u201eNeuevangelisierung\u201c verlorengehenden religi\u00f6s-konfessionellen Bodens (siehe Blog-Kap. 43 und 46). Traditions- und Brauchtumsargumente sind die schw\u00e4chsten Verteidigungsman\u00f6ver, auch im Falle der Teilnahme an der Fronleichnamsprozession. Mitglieder der Universit\u00e4t sehen sich mit gutem Grund von der amtlichen Aufforderung der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin kognitiv und konfessionell bel\u00e4stigt.<\/p>\n<p>Auf einer universit\u00e4tsinternen interkonfessionellen Plattform wie dem oben vorgeschlagenen Arbeitskreis (Universit\u00e4t, Kirchen und Glaubensgemeinschaften) k\u00f6nnten Positionen ohne angema\u00dfte konfessionelle Pr\u00e4sidialappelle abgekl\u00e4rt und akademische Br\u00fccken geschlagen werden. Dem Generalvikariat der katholischen Kirche bleibt es selbstverst\u00e4ndlich unbenommen, zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen. Jede Katholikin und jeder Katholik kann je nach religi\u00f6sem und kirchlichem Bed\u00fcrfnis daran teilnehmen oder nicht.<\/p>\n<p>Die Beziehungen der Universit\u00e4t Passau zu den Kirchen und religi\u00f6s-konfessionellen Glaubensgemeinschaften sollten nicht dem Gutd\u00fcnken und pers\u00f6nlichen konfessionell eingef\u00e4rbten Neigungen einer Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin beziehungsweise eines Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten \u00fcberlassen bleiben. Der sensible Bereich bedarf universit\u00e4tsintern einer institutionellen Regelung und Kontrolle. Es muss klar sein, wer in wessen Namen, kraft welcher Kompetenz und in welcher Form die Beziehungen zu den Kirchen und Glaubensgemeinschaften unterh\u00e4lt. Die Kritik an der amtierenden Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin griffe allerdings zu kurz, hebe sie nur auf ihre pers\u00f6nliche Praxis freundlicher Kooperation mit der katholischen Kirche ab. Strukturelle Rahmenbedingungen sind es, die es der Pr\u00e4sidentin erm\u00f6glichen, die Kooperation mit der katholischen Amtskirche diensteifrig zu \u00fcberdehnen. Die bisherige Praxis ist religionsverfassungsrechtlich und grundgesetzlich fundiert und beruht zwar auf den Prinzipien freundlicher Kooperation und Freiwilligkeit, aber die gesellschaftlichen und mit ihnen die religionspolitischen Verh\u00e4ltnisse haben sich in den letzten Dezennien erheblich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Im einst so tief katholisch gepr\u00e4gten Passau hat sich viel verschoben. Die katholische Kirche in Passau hat in 15 Jahren fast die H\u00e4lfte ihrer Kirchg\u00e4nger verloren. (PNP Nr. 299, 24.12.2018, S. 25.) Auch die Fronleichnamsprozession ist sichtlich geschrumpft. Von der Universit\u00e4t nehmen, wie der ehemalige Universit\u00e4tspr\u00e4sident Prof. Dr. Walter Schweitzer beklagt hat, immer weniger Menschen teil. Sie werden die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden L\u00fccken nicht f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4tsleitung t\u00e4te gut daran, im Sinne einer \u00fcbergreifenden Neutralit\u00e4t religi\u00f6s-konfessionell anmutende\u00a0 Empfehlungen und Appelle prinzipiell zu unterlassen und sich nicht in den Dienst einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft nehmen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik an der Amtsf\u00fchrung der Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin Prof. Dr. Carola Jungwirth \u201ePr\u00e4sidentin in Not\u201c, \u201eDie Patriarchin. Misstrauen und Mobbing an der Universit\u00e4t\u201c, \u201eDer Streit der Gelehrten\u201c, \u201eUnmut und Angst\u201c, \u201eDauerkritik an der Pr\u00e4sidentin\u201c, \u201eEitelkeiten\u201c, \u201eStudierenden Vertretung kritisiert Uni-Pr\u00e4sidentin\u201c \u2013 diese und weitere Presseberichte tragen seit einigen Wochen interne Konflikte der Universit\u00e4t Passau an die \u00d6ffentlichkeit. 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