{"id":86,"date":"2016-06-08T22:15:30","date_gmt":"2016-06-08T20:15:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=86"},"modified":"2019-03-06T03:34:15","modified_gmt":"2019-03-06T02:34:15","slug":"12-ein-doppelleben-zwischen-kunst-und-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/06\/08\/12-ein-doppelleben-zwischen-kunst-und-schule\/","title":{"rendered":"12. Doppelleben zwischen Kunst und Schule"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Im Sp\u00e4tsommer 1956 ergriff mich pl\u00f6tzlich der Wunsch, zur Schule zur\u00fcckzukehren und das Abitur nachzuholen. Ich h\u00e4tte mir zu Beginn des Studiums nicht vorstellen k\u00f6nnen, jemals wieder in eine Schule zur\u00fcck zu wollen. Das Kunststudium begeisterte mich, und ich brachte es zu Ergebnissen, die hoffen lie\u00dfen, in diesem Metier weiterzukommen. Es gab also keinen aktuellen Anlass, dieses abzubrechen. Und doch war etwas in meinem Kopf in Gang gekommen, das vom Kunststudium wegstrebte. Es brauchte Zeit, bis der Wunsch zu einem festen Entschluss reifte. Was trieb mich zu einer erneuten Wende an? Ein starker Impuls ging, dessen bin ich absolut sicher, von dem Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) aus, dessen Buch \u201eDer Heros in tausend Gestalten\u201c ich in den Jahren 1956\/57 verschlang. Das Motiv der Heldenreise beeindruckte mich tief. In den Proben, die ein Held auf seiner langen Reise von Station zu Station bestehen muss, um eine neue Freiheit zu gewinnen, erkannte ich meine eigene Lebensreise wieder.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Eine ehemalige Waldorfsch\u00fclerin, die an der Werkkunstschule studierte, brachte mich auf den Gedanken, mich an einer Waldorfschule zu bewerben. Ich hatte von meiner Absicht erz\u00e4hlt, das Abitur nachzuholen und \u00fcber die Schwierigkeiten berichtet, diesen Plan umzusetzen. Der Weg \u00fcber eine Abendschule war mir versperrt, weil hierzu eine abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich war. Als Schulabbrecher ohne Beruf hatte ich keine Chance. Auch das an der Werkkunstschule begonnene Studium war kein Ersatz, weil ich noch keinen Abschluss hatte, der als Beruf h\u00e4tte gewertet werden k\u00f6nnen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Ahnung von der Anthroposophie und ihren staatlich anerkannten Privatschulen. Ohne Vorurteile bewarb ich mich im August 1956 in die Oberstufe der Freien Waldorfschule Hannover. Offenbar hatte ich im Vorstellungsgespr\u00e4ch \u00fcberzeugend vermittelt, dass ich nun doch einen akademischen Lebensentwurf anstrebte. Die Schulleitung hatte sich allerdings vertraglich abgesichert. Sie konnte aus schwerwiegenden p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden das Vertragsverh\u00e4ltnis beenden. Denn das \u201eWaldorf-Experiment Mintzel\u201c konnte fehlschlagen. Und tats\u00e4chlich stand mir, wie sich bald herausstellen sollte, eine schwere pers\u00f6nliche Krise bevor.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die elfte Klasse, in die ich aufgenommen wurde, be\u00e4ugte neugierig den Neuling. Wer ist dieser schm\u00e4chtige, ausgehungerte junge Mann? Er ist schon vollj\u00e4hrig, lebt allein auf einer Bude in Hannover-Linden. Alle anderen wohnen noch zu Hause in ihren Familien. Er kommt von der Werkkunstschule, hat wohl schon viel erlebt. Ist er wirklich ein K\u00fcnstler? Die Klasse ist mir gewogen, sie nimmt mich in ihre Gemeinschaft auf. Komme ich ohne Fr\u00fchst\u00fcck in die Schule schenken mir Klassenkameradinnen ihre Pausenbrote, und Klassenkameraden helfen mir in F\u00e4chern, in denen ich mir schwer tue,<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Meine R\u00fcckkehr an die Schule fiel mir anfangs mental und psychisch schwerer, als mein Auftritt in der Klasse vermuten lie\u00df. Bis weit in das Jahr 1957 hinein besuchte ich sowohl die Werkkunstschule als auch die Waldorfschule. Erst am Ende des Sommersemesters 1957 lie\u00df ich mich an der Werkkunstschule exmatrikulieren. Bis dahin kam vor, dass ich vierzehn Tage lang ohne Entschuldigung an der Staffelei sa\u00df, weil mich die Malerei wieder in ihren Bann gezogen hatte. Um zu \u00fcberleben musste ich nach wie vor an den Wochenenden in den Continental-Werken in Hannover-St\u00f6cken Kessel reinigen. Am Montag kam ich dann ru\u00dfverschmutzt in die Schule. Zweifel plagten mich, ob ich diese Belastungen aushalten w\u00fcrde, und fraglich war, inwieweit Schulleitung und Lehrkr\u00e4fte mein Doppelleben dulden w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-650 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001-700x475.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"475\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001-700x475.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001-768x521.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001-800x542.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_001.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Sterbender Zentaur, 1956, \u00d6l auf Leinwand, 65 cm x 95 cm<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Im Herbst 1957 geriet meine seelische Verfassung in einen Notzustand. Mich ergriff eine unfassbare Unsicherheit. Mich plagten wieder schwere Zweifel, ob meine Entscheidung richtig war, das Studium der Malerei und Grafik abzubrechen und das Abitur nachzuholen. Meine Versagens\u00e4ngste kehrten zur\u00fcck. Die Erinnerungen an meinen Bruder Hein und an das Schuldesaster, das ich an bayerischen Gymnasien erlitten hatte, l\u00f6sten immer noch Albtr\u00e4ume aus. Nachmittage wurden zur H\u00f6lle. Kopfschmerzen dr\u00fcckten stundenlang auf mein Hirn, als wollten sie die Sch\u00e4deldecke aufsprengen. Ich war handlungsunf\u00e4hig, konnte nichts unternehmen, musste mich aufs Bett legen und warten, bis die Schmerzen nachlie\u00dfen. Es h\u00e4tte ja alles wiederum als Zeichen einer Leistungsschw\u00e4che und Unf\u00e4higkeit gedeutet werden k\u00f6nnen. Auch hatte sich in der Beziehung zu einem Lehrer wieder ein Autorit\u00e4tskonflikt entwickelt. Er war mir als pers\u00f6nlicher Betreuer zur Seite gestellt worden, hatte jedoch eine allzu kn\u00f6cherne und oberlehrerhafte Art, \u201emein Bestes\u201c zu wollen. Diesmal aktivierte der Autorit\u00e4tskonflikt nicht wie fr\u00fcher meine aufm\u00fcpfige und rebellische Handlungsbereitschaft. Stattdessen ergriff mich l\u00e4hmende Verzweiflung und Resignation.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Aus dieser desastr\u00f6sen Lebenssituation konnte ich ohne sachkundige fremde Hilfe nicht herausfinden, daher suchte ich in Hannover das \u201ePsychotherapeutische Institut f\u00fcr das Land Niedersachsen\u201c auf, das auf meinem Schulweg lag, und fand in der Nerven\u00e4rztin Frau Dr. med. Ursula Zenke eine Therapeutin, die mir in zehn Sitzungen aus dem Schlimmsten heraus half. Sie gab mir in den Gespr\u00e4chen Handlungsanweisungen auf den Weg, die schrittweise zu einer erfolgreichen \u201eRealit\u00e4tsanpassung\u201c zu f\u00fchren schienen. Die Gespr\u00e4che f\u00fchrten zur\u00fcck in meine Kindheit, in die Kriegs- und Nachkriegszeit, thematisierten meine Stellung und Rolle in der Familie, das Verh\u00e4ltnis zu meinem Vater und meine aktuellen Verhaltensweisen. Die \u00c4rztin diagnostizierte vier zentrale (Schmerz-)Punkte meiner Leidensgeschichte: die fr\u00fche \u00dcberforderung meiner kindlichen und jugendlichen Kr\u00e4fte in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Rolle meines Vaters als pr\u00fcgelnde Erziehungsinstanz, den elenden Tod meines Bruders und die extrem knapp bemessenen Mittel f\u00fcr meinen Hannoveraner Lebensunterhalt. Nach mehreren Sitzungen wandte sich die Therapeutin am 18. Dezember 1957 an meinen Vater und f\u00fcgte ihrem Schreiben eine \u00e4rztliche Bescheinigung bei. Beides bekam ich erst nach dem Tod meines Vaters zu Gesicht.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">\u201eSehr geehrter Herrr Regierungsdirektor! Ihr Sohn Albrecht hat mich im November 1957 aufgesucht, um sich zu erkundigen, ob es eine Hilfe in seinen seelischen Schwierigkeiten g\u00e4be. Ich habe wegen der auffallenden Ratlosigkeit, die Ihr Sohn ausstrahlte, sofort eine eingehende Untersuchung durchgef\u00fchrt, und ich mu\u00df ehrlich sagen, da\u00df ich verwundert bin, da\u00df Ihr Sohn so lange mit seiner schweren neurotischen St\u00f6rung, die doch schon seit dem achten Lebensjahr in dem dauernden depressiven Davonlaufen f\u00fcr die Umwelt sehr auff\u00e4llig geworden ist, ohne Behandlung geblieben ist. Vor allen Dingen war ich auch von dem tragischen Schicksal, das ja der j\u00fcngere Bruder sicherlich aufgrund der gleichen St\u00f6rung genommen hat, sehr beeindruckt. Auch unter Ber\u00fccksichtigung dieser Tragik habe ich dann sofort eine Behandlung eingeleitet, und ich habe den Eindruck, da\u00df Ihr Sohn Albrecht doch besten Bem\u00fchens ist, eine bessere Realit\u00e4tsanpassung zu bekommen, und da\u00df er sich Schritt f\u00fcr Schritt sozialisieren wird. F\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer seelischen Behandlung bei Ihrem Sohn w\u00e4re es nat\u00fcrlich auch sehr wesentlich, wenn ich einmal h\u00f6rte, wie eigentlich Ihr Sohn in der elterlichen Familie steht. Au\u00dferdem m\u00fc\u00dfte ich die Kostenfrage f\u00fcr die seelische Behandlung kl\u00e4ren. Ihr Sohn meint, da\u00df er in einer Krankenkasse ist. Ich habe daf\u00fcr eine \u00e4rztliche Bescheinigung ausgestellt. Bei der gesamten seelischen Situation Ihres Sohnes konnte man ihn nicht ohne eine Behandlung lassen. Er selber wird ja keine Kosten daf\u00fcr aufbringen k\u00f6nnen. Ich habe den Eindruck, da\u00df er doch unter geldlich sehr eingeengten Verh\u00e4ltnissen lebt. Falls die Kasse nicht die Kosten f\u00fcr die Behandlung \u00fcbernehmen sollte, bitte ich baldm\u00f6glichst um eine Mitteilung. Mit vorz\u00fcglicher Hochachtung gez. Dr. med. Ursula Zenke Nerven\u00e4rztin, Hannover.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die Antwort meines Vaters kennzeichnete seinen Unwillen und seine Abwehr. Ich fand sie erst in seinem Nachlass. Er k\u00f6nne keine psychische St\u00f6rung entdecken, die eine psychotherapeutische Behandlung notwendig mache. Er begr\u00fcndete seine Meinung mit einem Hinweis auf Inge Lus Vater, Professor Georges Schaltenbrand, der eine international anerkannte Koryph\u00e4e der Neurologie sei und bisher nichts gegen meine Beziehung zu seiner Tochter eingewandt habe. Dieser h\u00e4tte sich doch dazu ge\u00e4u\u00dfert, falls sich bei mir eine gravierende neurotische St\u00f6rung gezeigt h\u00e4tte. Die Blindheit meines Vaters war wohl auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass ich mich ihm mit meinen Problemen niemals anvertraut hatte. Wir Geschwister hatten es vermieden, viel aus unserem Innenleben preiszugeben. Jeder litt schweigend vor sich hin.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>P\u00e4dagogische Wende<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nach den anf\u00e4nglichen massiven Schwierigkeiten lernte ich an der Waldorfschule Hannover eine zutiefst humane P\u00e4dagogik kennen, die auf die individuellen Eigenarten und F\u00e4higkeiten eines jeden Sch\u00fclers einf\u00fchlsam einging. Auch st\u00f6rrische und schwierige Kandidaten wurden nicht kurzer Hand abgekanzelt, h\u00e4ngen gelassen und entmutigt, wie ich das fr\u00fcher auf der Kadettenanstalt des bayerischen Gymnasiums erlebt und erlitten hatte, sondern geduldig und emphatisch gef\u00f6rdert. Das oberste Prinzip war nicht das einer strikten Auslese nach hochgesteckten kognitiven Leistungskriterien, sondern individuell unterschiedliche F\u00e4higkeiten und Leistungspotenziale von Stufe zu Stufe zur Entfaltung zu bringen. Dabei wurde auf kreative F\u00e4higkeiten besonders geachtet. Ich sp\u00fcrte den anderen p\u00e4dagogischen Geist und f\u00fchlte mich in besonderer Weise angenommen, Meiner Arbeitsweise entsprach zudem der sogenannte Epochenunterricht, in dem der Stoff einzelner F\u00e4cher \u00fcber mehrere Wochen schwerpunktm\u00e4\u00dfig geboten und erarbeitet wurde. Die von Rudolf Steiner begr\u00fcndete kreativ-t\u00e4nzerische Kunstform \u201eEurythmie\u201c, ein Zusammenflie\u00dfen von Bewegung und Sprache, machte ich aus Freude an der Bewegung mit. Die Esoterik des anthroposophischen Menschenbildes blieb im Unterrichtsbetrieb der Waldorfschule Hannover weit im Hintergrund und st\u00f6rte mich nicht. Aus meinen Textfragmenten aus dem Jahr 1957 geht hervor, dass ich damals Wiedergeburt und Inkarnation f\u00fcr m\u00f6gliche \u00fcbersinnliche Geschehnisse hielt. \u201eAlles wandelt sich\u201c, so schrieb ich nieder. \u201eMein Geist schweift umher, von dort hierher, von hier dorthin. Er bem\u00e4chtigt sich dieser und jener Glieder. Es wird weiterhin eine endlose Kette von Tod und Geburt sein, Geburt freilich nicht nochmals der alten Verh\u00e4ltnisse, sondern eines Neuen. Unsere Lebensreise vollzieht sich auf einem inneren dunklen Weg, in Tiefen, wo finstere Widerst\u00e4nde \u00fcberwunden und lange verlorene und vergessene Kr\u00e4fte wiederbelebt werden. Ich war ein Suchender und bin es noch.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Es war die Waldorflehrerin Frau X, die mir die positive Wende erm\u00f6glicht hatte. Ihre P\u00e4dagogik ver\u00e4nderte mein Verh\u00e4ltnis zur Schule und zu Lehrern. Frau X geh\u00f6rte der NS-Generation der Frauen an, die bitter an den Begleiterscheinungen und Folgen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges zu leiden hatten. Als Hitler und seine Gener\u00e4le 1939 Deutschland in den Zweiten Weltkrieg f\u00fchrte, war sie achtzehn und am Ende des Krieges dreiundzwanzig Jahre alt gewesen. Sie war in das Erwachsenenalter eingetreten, als die wehrdienstf\u00e4higen M\u00e4nner ihrer Generation an den Fronten im Westen und Osten und weit weg von Europa zu Hunderttausenden ihr Leben f\u00fcr den F\u00fchrer und ein nationalsozialistisches Gro\u00dfdeutschland gelassen hatten. Der vermeintliche Heldentod hatte die Alterskohorten der Wehrpflichtigen schrecklich dezimiert. An der Heimatfront waren die wartenden Frauen in der Wirtschaft und R\u00fcstungsindustrie arbeitsverpflichtet worden. Frau Dr. X war, wie sie Jahrzehnte sp\u00e4ter zugab, ein begeisterte Anh\u00e4ngerin Hitlers gewesen. Im \u201eBund Deutscher M\u00e4dchen\u201c (BDM) hatte sie an dessen Veranstaltungen mitgewirkt. Erst am Kriegsende und in der Nachkriegszeit d\u00e4mmerte ihr, welchem Verbrecher sie gefolgt war. Sie litt unter dem M\u00e4nnermangel der Nachkriegszeit und blieb unverheiratet. 1957 \u00fcbernahm sie die Klasse, in die ich aufgenommen worden war, als Klassenleiterin. Das war f\u00fcr mich eine entscheidende Wende. Ohne die Hilfe dieser Frau h\u00e4tte das \u201eWaldorf-Experiment Mintzel\u201c schon nach kurzer Zeit scheitern k\u00f6nnen. Ihrem p\u00e4dagogischen Engagement und ihrer herzlichen und couragierten Zuneigung verdanke ich, alle inneren und \u00e4u\u00dferen Widerst\u00e4nde \u00fcberwunden und mein Ziel erreicht zu haben.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Aus meinen Notizen vom 18. Mai 1957 ging hervor, dass ihr Verhalten nicht ganz im Einklang mit waldorfp\u00e4dagogischen Grunds\u00e4tzen und Leitlinien gestanden haben k\u00f6nnte: \u201eFrau X [so bezeichnete ich sie in meinen Niederschriften] kam in der Pause zu mir und sagte, ich m\u00f6ge nach dem Unterricht ein Buch abholen, das ich ihr geliehen hatte. Da sich gerade niemand [im Lehrerzimmer] aufhielt, lie\u00df sie mich schnell hereinkommen, eilte zu ihrem Schrank und f\u00f6rderte daraus ein Paket Brot, eine T\u00fcte Kn\u00e4ckebrot, Senf, Butter usw. ans Tageslicht. Es passte nicht alles in meine Tasche. &gt;Ziehen Sie die Bibel heraus&lt;, sagte sie, &gt;machen Sie Platz&lt;, und im Augenblick war meine Tasche mit Essen \u00fcberf\u00fcllt. [\u2026] Zu Hause besah ich die Dinge n\u00e4her und bemerkte beim Herausnehmen der Kn\u00e4ckebrott\u00fcte ein Ger\u00e4usch wie von Geld. Ich nahm das Kn\u00e4ckebrot heraus und entdeckte auf dem Boden der T\u00fcte zwei Markst\u00fccke und eine angebrochene Zigarettenschachtel, in der sich noch vier Glimmstengel von einer guten Sorte befanden.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">So sorgte Frau X daf\u00fcr, dass Spannungen zwischen meiner Lebensf\u00fchrung und den Schulpflichten meine Schullaufbahn nicht gef\u00e4hrdeten. So viel Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung war mir fr\u00fcher von keinem Lehrer geschenkt worden. Daraus entwickelte sich ein lebenslange Freundschaft.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Im Februar 1959 bestand ich das Abitur. Es war kein anthroposophisches Sonderabitur. Die Waldorfschule musste das Abitur unter staatlicher Aufsicht und nach staatlichen Vorgaben durchf\u00fchren. Wegen der strengen Auflagen und um ihres Rufes wegen durften am Ende der 12. Klasse, die noch nach Regeln der Waldorfp\u00e4dagogik gef\u00fchrt wurde, nur die leistungsstarken Sch\u00fcler in die 13. Klasse aufr\u00fccken. Die Schulleitung wollte sicher gehen, dass ihre dem staatlichen Schulamt gemeldeten Abiturienten die Pr\u00fcfungen bestanden. Die Auswahl war unerbittlich und l\u00f6ste bei Sch\u00fclern und Eltern Protest aus, schlie\u00dflich hatten die Eltern \u00fcber viele Jahre den Besuch der Waldorfschule bezahlt. Ich geh\u00f6rte zu denjenigen, die zugelassen worden waren. Zum ersten Mal in meiner albtraumhaften Schullaufbahn hatte ich das gute Gef\u00fchl, die H\u00fcrde nehmen und das gew\u00fcnschte Ziel erreichen zu k\u00f6nnen, obgleich in letzter Minute eine schmerzhafte Komplikation auftrat: In der Nacht vor der schriftlichen Pr\u00fcfungsarbeit im Englischen hatte mich ein Weisheitszahn so gewaltig geschmerzt, dass ich am fr\u00fchen Morgen zum Zahnarzt gehen und ihn ziehen lassen musste.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Geholfen hatte mir nicht zuletzt auch ein G\u00f6nner, dessen Namen ich nie erfuhr. Er hatte im letzten halben Jahr vor dem Abitur meinen Lebensunterhalt finanziert, so dass ich am Wochenende nicht mehr in den Continental-Werken arbeiten musste und mich ganz auf die Abschlusspr\u00fcfungen vorbereiten konnte. Eine \u201efremde\u201c Person hatte an mich geglaubt und gehofft, dass aus mir noch etwas werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Nach dem bestandenen Abitur hoffte ich nicht mehr von Versagens\u00e4ngsten gequ\u00e4lt zu werden, doch sie verfolgten mich mein Leben lang, machten meine N\u00e4chte schwer, schlichen sich gerade auch in Erfolgsmomenten ein. Viele Dutzend Male scheiterte ich im Traum in einem Fach an einer Abiturfrage. Ich sehe mich im Traum, wie ich verzweifelt eine Aufgabe zu l\u00f6sen versuche, aber die L\u00f6sung nicht finde. Ich stiere auf das Blatt Papier, mir f\u00e4llt nichts ein. Die Zeit l\u00e4uft ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-651 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002-700x421.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"421\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002-700x421.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002-768x462.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002-800x481.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/12_002.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Drei Zentauren in s\u00fcdlicher Landschaft, 2. Kompositionsgedanke, 29.2.1956, Federzeichnung mit Tusche und Bleistift, 20 cm x 35 cm<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Kunstakademie oder Universit\u00e4t?<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Warum ging ich nach dem Abitur, das ich mit gro\u00dfer Anstrengung nachgeholt hatte, nicht nach Hamburg auf die Kunsthochschule? Warum begann ich im Mai 1959 in Hamburg Rechtswissenschaften zu studieren? Ich bin sicher, dass ich an der Kunsthochschule aufgenommen worden w\u00e4re. Ich h\u00e4tte genug qualifizierte Arbeiten unterschiedlicher Machart einreichen k\u00f6nnen. Hatte ich mir nicht mehr zugetraut, in der Freien Malerei und Grafik voranzukommen und sp\u00e4ter einmal Bedeutendes hervorzubringen? Meine k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten und \u00e4sthetischen Bed\u00fcrfnisse wollte ich zwar weiterhin pflegen, aber nur im Sinne einer sch\u00f6nen und anerkannten Nebent\u00e4tigkeit, als Hobby.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Es stellte sich 1959\/60 heraus, dass meine Annahme nicht zutraf, allein von ureigenen, selbstgesetzten Zielvorstellungen geleitet zu sein. Erst sp\u00e4ter, als Soziologe, erkannte ich, wie tief Milieu, Vorbilder, spezifische Erziehungsmaximen und gesellschaftlichen Strukturen unsere vermeintlich autonomen Entscheidungen und inneren Befehle pr\u00e4gen und spezifische individuelle und \u00fcberindividuelle Konflikte hervorrufen. Unser Handeln folgt sehr viel mehr verinnerlichten Normen, als wir wahrhaben wollen, und dies gerade auch in Entscheidungssituationen wie der Wahl eines bestimmten Fachstudiums. Die T\u00fccke gegenseitiger Verwicklungen liegt ja eben gerade darin, dass wir im Moment unseres Verwickeltseins nicht oder nicht scharf genug wahrnehmen, wie verwickelt wir gegenseitig sind. Was sich als unsere ureigene sachliche Entscheidung ausnimmt, ist gerade in lebensgeschichtlich entscheidenden Situationen Ergebnis unterschwelliger psychisch-mentaler Wechselbeziehungen in der Familie. Die von meinen Eltern eingeimpften Imperative bestimmten letztendlich meinen Weg in die Universit\u00e4t und die Wahl meines Studienfaches. Mit dieser Wahl konnte ich meinen Vater bes\u00e4nftigen. Er hatte ja schon kurz nach meiner Geburt meinen Weg in einen akademischen Beruf vorbestimmt. Ich, der \u201enotorische Versager\u201c, w\u00fcrde keine mentalen Pr\u00fcgel mehr beziehen, weil ich nun funktionierte, wie es sich meine Eltern und designierten Schwiegereltern gew\u00fcnscht hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sp\u00e4tsommer 1956 ergriff mich pl\u00f6tzlich der Wunsch, zur Schule zur\u00fcckzukehren und das Abitur nachzuholen. Ich h\u00e4tte mir zu Beginn des Studiums nicht vorstellen k\u00f6nnen, jemals wieder in eine Schule zur\u00fcck zu wollen. Das Kunststudium begeisterte mich, und ich brachte es zu Ergebnissen, die hoffen lie\u00dfen, in diesem Metier weiterzukommen. 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