{"id":983,"date":"2020-02-16T13:09:39","date_gmt":"2020-02-16T12:09:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=983"},"modified":"2020-02-19T17:38:55","modified_gmt":"2020-02-19T16:38:55","slug":"62-der-schrei-im-alptraum-studenten-ghetto-passau-der-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2020\/02\/16\/62-der-schrei-im-alptraum-studenten-ghetto-passau-der-untergang\/","title":{"rendered":"62. Der Schrei im Alptraum, Studenten-Ghetto Passau, der Untergang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Schrei<\/strong><\/p>\n<p>Ich schreie auf. Der Schrei kommt aus tiefster Kehle. Ich w\u00e4lze mich im Bett hin und her. Hin zur Schrankseite, her zum Fenster, wo das erste Morgenlicht sich hereintastet. Ich hole mit meinem rechten Arm weit aus und schlage zu. Das Phantom weicht nicht. Ich schreie. Das Phantom bedroht mich. Ich br\u00fclle es an. Es kommt nah an mich heran. Ich schreie vor Angst in den stillen Fr\u00fchmorgen hinein. Meine Frau legt ihre Hand auf meinen Arm, um mich zu beruhigen. Im Halbschlaf tr\u00e4ume ich weiter. Das Phantom verschwindet.<\/p>\n<p>Wer war das Phantom? Ich hatte schon l\u00e4ngere Zeit keine Alptr\u00e4ume mehr. Doch jetzt scheinen sie mich wieder heimzusuchen. Was ist der Anlass?<\/p>\n<p>Ich wache auf. Der Schrei verhallt in meinen Ohren. Ich h\u00f6re ihn noch, bin ganz benommen von diesem Urschrei der Angst. Die Morgend\u00e4mmerung weicht dem sonnigen Tag. Ich bleibe noch eine Weile liegen und sinniere. \u00a0Was mag der Traum bedeuten? Was sagt er mir?<\/p>\n<p>Das Phantom, eine fast gestaltlose Masse, war aus einem eingenebelten Raum entstiegen und auf mich zu gewabert, als wolle es nach mir greifen. Der Vorgang erinnerte mich an den Horror-Spielfilm \u201eThe Fog\u201c. Schiffbr\u00fcchige, die das Ufer erreicht hatten, dort aber von K\u00fcstenbewohnern erschlagen und ausgeraubt worden waren, kamen sp\u00e4ter als Wiederg\u00e4nger aus einer Nebelwand heraus, um sich an den Frevlern zu r\u00e4chen. Es war eine wallende Wand des Grauens, aus der die Wiederg\u00e4nger hervortraten und sich \u00fcber die M\u00f6rder von damals hermachten. War das Phantom wom\u00f6glich ein Wiederg\u00e4nger, der mich verfolgt? Das Grauen ist allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Mein Alptraum schreckte mich am Morgen des 30. Januar auf, am Tage der nationalsozialistischen Machtergreifung (1933). Seit ich zu einem politisch interessierten und engagierten Staatsb\u00fcrger geworden war, seit Anfang der 1960er Jahre (siehe Blog-Kap. 13-15), meldet sich dieser Tag in meinem Hirn. Am 27. Januar 1945 war Auschwitz-Birkenau von Kampfeinheiten der Roten Armee befreit worden. Mehr als eine Million Menschen hatten die Nazis in diesem Lager ermordet. Fernsehdokumentationen, Zeitungsreportagen und Radioprogramm hatten in den letzten Tagen dieses grauenhafte Morden eindringlich in Erinnerung gerufen. Entsetzliche Szenen: ausgemergelte Opfer, Leichenberge, industrielle Vernichtung! Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner, k\u00e4men sie\u00a0 am Tage des Zorns als Wiederg\u00e4nger \u00a0zur\u00fcck, hallten millionenfache Schreie\u00a0 aus den Nebelw\u00e4nden. Ob diese Tagesthemen wirklich meinen Alptraum hervorriefen? Sich zu einem bedrohlichen Phantom verdichteten? \u00a0Diese Ad hoc-Deutung halte ich f\u00fcr zu gewagt. Nein, ich glaube nicht, dass sie einen Schl\u00fcssel liefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Am Lehrstuhl<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte an diesem Morgen noch einen anderen Traum, der mich luzide an meinen Passauer Lehrstuhl zur\u00fcckholte. Beide\u00a0 Tr\u00e4ume scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. War der zweite der erste? Oder umgekehrt? Wie \u00dcberblendungen von Filmabschnitten gingen sie ineinander \u00fcber.<\/p>\n<p>Szenenwechsel. Mein ehemaliges Dienstzimmer taucht auf und gewinnt an optischer Sch\u00e4rfe und szenischer Bestimmtheit. Der Raum und die Dinge erscheinen vor meinen Augen, so wie sie damals gewesen waren, bevor das Haus abgerissen wurde: mein Schreibtisch, meine Couch und davor der niedrige Beistelltisch, ein Sessel, zwei B\u00fccherregale an der Wand, zwei Fester, eines mit Blick auf die Promenade am Inn, das andere mit Blick aufs n\u00e4chststehende Haus, die T\u00fcre zum Vorraum &#8211; alles in der r\u00e4umlichen Gr\u00f6\u00dfe und Ordnung\u00a0 von damals. Alles steht an seinem alten Platz. Die W\u00e4nde sind wei\u00df, die Vorh\u00e4nge hellbeigefarben, die Bez\u00fcge des Sitzmobiliars in einem fleckenlosen Hellgrau. Aber was ist anders im Traum? Was ist ungew\u00f6hnlich?<\/p>\n<p>Der f\u00fcr den Geb\u00e4udekomplex zust\u00e4ndige Hausmeister steht in meinem Dienstzimmer und lehnt sich mit dem R\u00fccken an die Wand. Er wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Seine Miene und seine Stimme verraten, dass er mit mir eine ihm sehr unangenehme Angelegenheit besprechen will.<\/p>\n<p>\u201eSo geht es doch nicht weiter\u201c, sagt er. \u201eSo kann es nicht weitergehen!\u201c betont er. \u201eDie Reinigungskraft kann nicht mehr saubermachen. Sie kann nicht mehr den Boden saugen. \u00dcberall liegt etwas herum.\u201c \u00a0Ohne Gefahr zu stolpern sei der Raum nicht mehr begehbar. Ich m\u00fcsse die Dinge wegr\u00e4umen, sonst s\u00e4he er sich gezwungen, die Universit\u00e4tsverwaltung auf die Zust\u00e4nde aufmerksam zu machen. \u201eDie Putzfrau beklagt sich\u201c, wiederholt er, \u201eden Raum nicht mehr reinigen zu k\u00f6nnen.\u201c Ein zweiter Angestellter der Universit\u00e4t tritt hinzu und notiert in einem kleinen Schreibblock die beanstandeten Zust\u00e4nde in meinem Arbeitszimmer. Eine Szene wie in Donna Leons Venedig-Krimis, Commissario Brunetti schaut sich mit pr\u00fcfendem Blick um, der Sergente notiert, was gesprochen und bem\u00e4ngelt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Konzeptkunst und Raumgestaltung<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Diagonale von der einen zur anderen Zimmerecke liegen l\u00e4nglich aufgereiht zahlreiche Dinge: karminrote Backsteine, kleine Granitbl\u00f6cke, Pappschachteln, Blechdosen, Kistchen, Holzkl\u00f6tze, Plastikbeh\u00e4lter und andere Materialien. Ihre diagonale Anordnung verl\u00e4uft aus der Ecke \u00fcber den Couch-Tisch hinweg, an meinem Schreibtisch vorbei, hin zum Regal, wo sie endet.\u00a0 Ein kurioses Ensemble verschiedener Dinge, die eine Schlange quer durch den Raum bilden. Jede Besucherin und jeder Besucher muss vor dieser Barriere Halt machen und dar\u00fcber hinwegsteigen. Die Kette der Dinge bildet eine Scheidelinie. Wer sie \u00fcberschreitet, kommt mir nahe, wom\u00f6glich zu nahe. Die aufgereihten Dinge trennen mein Arbeitszimmer\u00a0 in einen Raum davor und in einen dahinter. Der Hausmeister steht noch immer an die Wand gelehnt im Raum. Verzweifelt versucht er mich zur Einsicht zu bringen, dass die Dinge nicht liegenbleiben d\u00fcrfen. Es m\u00fcsse wieder Ordnung hergestellt werden, wegen der Putzfrau. Ich habe ihm bisher geduldig zugeh\u00f6rt und nichts\u00a0 \u00fcber den Sinn der Raumgestaltung gesagt.<\/p>\n<p>Sein Hinweis auf die Reinigungsfrau lockt mich aus der Reserve. Ich erwidere: \u201eWenn Sie sich bei der Universit\u00e4tsverwaltung beklagen und auf eine Beseitigung meines Arrangements dringen, machen Sie sich l\u00e4cherlich. Sie geben Ihren Unverstand zu erkennen, wenn Sie wegen der Raumpflege den Abbau der Elemente fordern.\u201c Ich erkl\u00e4re ihm, meine Raumgestaltung sei eine k\u00fcnstlerische Arbeit, ein Beispiel zeitgen\u00f6ssischen Kunstschaffens. Es handle sich um Konzeptkunst. Er werde f\u00fcr einen Spie\u00dfer gehalten, der nichts von Kunst verst\u00fcnde. Mir ist allerdings bei meiner besserwisserischen Art der Aufkl\u00e4rung nicht ganz wohl. Ich schmunzle, denn ich wei\u00df, dass auch gebildete Betrachter und Kunstkenner oft ratlos vor Produkten der Konzeptkunst stehen, man denke nur an Arbeiten von Marcel Duchamp (1887-1968) und Joseph Beuys (1921-1986). Der Hausmeister hatte sich mit keinem Wort \u00fcber das Arrangement und meine Raumgestaltung ge\u00e4u\u00dfert, sondern nur darauf gedr\u00e4ngt, die Barriere zu beseitigen, um die Raumpflege zu erm\u00f6glichen. Nach meiner Belehrung\u00a0 verl\u00e4sst er betr\u00e4ufelt und zerknirscht mein\u00a0 Arbeitszimmer. Damit endet mein Traum.<\/p>\n<p>Klar: Er hatte das, was ich als k\u00fcnstlerische Arbeit betrachtet haben wollte, allein unter Gesichtspunkten amtlicher Raumpflege gesehen. Wo und wie kann ungehindert gesaugt, gewischt, poliert und entsorgt werden. Au\u00dferdem ging es um Reinigungsarbeiten in den R\u00e4umen des Lehrstuhls f\u00fcr Soziologie, nicht um Werkr\u00e4ume des Lehrstuhls f\u00fcr Kunstp\u00e4dagogik und \u00e4sthetische Erziehung. Der Hausmeister h\u00e4tte ja seine Vorw\u00fcrfe auch damit begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Aber selbst dort gab es keine k\u00fcnstlerischen\u00a0 Miniatursperren diagonal durch Arbeitsr\u00e4ume.\u00a0 Dieses Traumfragment erinnerte mich an die Geschichte mit dem\u00a0 Exponat eines Butterst\u00fccks, das Joseph Beuys in einer Ecke deponiert hatte. Eine Putzfrau entsorgte es bei ihrer n\u00e4chtlichen Reinigungsarbeit. Meine \u201eKonzeptkunst\u201c &#8211; ich grinse &#8211; war in der Universit\u00e4t Passau unter den Dienstr\u00e4umen ein Alleinstellungsmerkmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Im \u201eGhetto<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Etwa ein Dutzend kleiner H\u00e4user, die um einen gro\u00dfen, rechteckigen Platz blockf\u00f6rmig gereiht waren, hatten bis Anfang der 2000er Jahre als provisorische Unterk\u00fcnfte f\u00fcr wissenschaftliches Personal und Studierende gedient. Auch ganze Studienf\u00e4cher und ihre Professuren hatten mit diesen Provisorien vorliebnehmen m\u00fcssen, bis zum Schluss (2000) auch das Fach Soziologie. \u00a0Der ganze H\u00e4userkomplex, die ehemalige Maierhof-Kaserne, hatte fr\u00fcher als Quartier f\u00fcr eine Garnison gedient. Ich hatte in einem dieser Geb\u00e4ude im zweiten Stock residiert. Dem Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie waren 1981 eine Offizierswohnung und auf gleicher Ebene nebenan eine Unteroffizierswohnung zugewiesen worden. Der H\u00e4usertrakt, in dem die Soziologie untergebracht worden war, lag zum Inn hin. Ich genoss eine idyllische Aussicht auf den von hohen B\u00e4umen und Buschwerk ges\u00e4umten Fluss und die gr\u00fcnen H\u00e4nge der \u00f6sterreichischen Seite. Hinter dem Wohnblock hatten die Bewohner kleine Gem\u00fcse- und Blumenbeete angelegt.\u00a0 Das Provisorium hatte seinen ganz besonderen Charme, und das sahen so fast alle studentischen Bewohner, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Kollegen.<\/p>\n<p>Aus der ehemaligen Kaserne war auf studentische Initiative hin ein \u201eStudenten-Ghetto\u201c geworden, kurzerhand \u201edas Ghetto\u201c genannt. Niemand schien sich an dieser politisch-historisch hochbelasteten \u00a0Bezeichnung gest\u00f6rt zu haben. Das Ghetto z\u00e4hlte an die 150 Bewohner. Der Geb\u00e4udekomplex sollte nach den Pl\u00e4nen der Universit\u00e4tsleitung und der Stadtverwaltung abgerissen werden und auf seinem Baugrund eine gro\u00dfe Sportanlage entstehen. Die Studenten wollten die angebotene Zwischennutzung auf Dauer stellen, was zu scharfen Konflikten mit der Universit\u00e4tsleitung f\u00fchrte. Im Endstadium der Auseinandersetzungen holte die Universit\u00e4tsleitung zur Durchsetzung des Abrisses sogar Polizei zur Hilfe. Die Konfrontationen brachten aus studentischer Sicht kleine Heldinnen und Helden hervor, zum Beispiel den Hans Langmeier, der bis zum Schluss gegen den Abriss k\u00e4mpfte. Die Vorg\u00e4nge erinnerten mich lebhaft an die gef\u00fcrchteten Berliner APO-Verh\u00e4ltnisse. Es war ein Nachklang der Studentenbewegung mit Passauer Kolorit.<\/p>\n<p>Im Studenten-Ghetto hatte sich ein reges Sozialleben entwickelt. Es wurde vom Fr\u00fchling bis zum Herbst im Freien rund um den zentralen Platz viel gefeiert und in den kleinen ehemaligen Milit\u00e4runterk\u00fcnften ein alternativ-romantisches Leben gef\u00fchrt, Kinder geboren und aufgezogen. Studentinnen sonnten sich barbusig unter meinem Fenster. Farbige Graffitis zierten die schmuddeligen gr\u00fcngrauen Hausw\u00e4nde. Passauer B\u00fcrger beobachteten das Treiben mit Argwohn und Abscheu. Ich h\u00f6re noch eine Putzfrau, als sie zum Reinemachen ins Ghetto kam, sagen: \u201ePfui\u00a0 Teufel, diese Weiber!\u201c Im niederbayerischen Dialekt h\u00f6rte sich die Abscheu noch zweimal drastischer an. In Passau war man zu dieser Zeit noch nicht an so viel Freiz\u00fcgigkeit gew\u00f6hnt. Nach zwanzig Jahren Berliner Universit\u00e4tsleben (1961\u20131981) am\u00fcsierte mich das bunte Treiben in der gegenkulturellen Enklave am Inn. Die studentischen Bewohner initiierten und organisierten Lesungen, Kunstausstellungen, Partys und im Gang der Entwicklungen den Widerstand gegen die Pl\u00e4ne der Universit\u00e4t. Sie wollten das Ghetto als selbstverwaltetes Wohn- und Kulturprojekt erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Meine geheime Sammlung auf dem Dachboden<\/strong><\/p>\n<p>Es gab im Hause des Lehrstuhls einen geheimen Raum, in dem ich zahlreiche Objekte versteckt hielt, um sie gelegentlich in Konzeptkunst, Arte povera oder in Installationen zu verwandeln. In der Lebens- und Arbeitswelt des Ghettos fiel nicht besonders auf, was ich so nebenbei zusammentrug und sammelte. Mein Sammellager befand sich \u00fcber \u00a0dem Lehrstuhl \u00a0auf dem Dachboden. Die Dachst\u00fchle waren vor dem Einzug von Funktionseinheiten der Universit\u00e4t in den Geb\u00e4udekomplex geleert und abgesperrt worden. Solche leeren R\u00e4ume zogen mich unwiderstehlich an. Als das Ghetto im Zuge des Ausbaus der Universit\u00e4t in Etappen h\u00e4userblockweise platt gemacht wurde, bot sich f\u00fcr mich geradezu an, aus den Schuttbergen wunderbare Dinge zu bergen. Nach jedem Abriss inspizierte ich die Schutthaufen nach Relikten aus der bewohnten Zeit, nach zerbrochenen Baumaterialien \u00a0und Architekturresten.\u00a0 Ich nutzte freie Stunden und Abende, um\u00a0 meine Fundsachen unbemerkt auf den Dachboden zu schleppen. Es gab f\u00fcr mich nichts Sch\u00f6neres als ihn mit Dingen zu f\u00fcllen. Ich wurde ein Schrott-Messie-Monster, das auf dem Dachstuhl hauste und dort seine Sch\u00e4tze h\u00fctete.<\/p>\n<p>Darunter sind lange Zinkblechteile, die vom einst\u00fcrzenden Mauerwerk zerbeult und zu gotischen Faltenw\u00fcrfen geformt worden waren. Ich bin geradezu versessen auf diese Faltenw\u00fcrfe, die sich wunderbar aufstellen lassen.<\/p>\n<p>[ 1 Abbildung]<\/p>\n<p>Aus den Schutthalden ragt Eisengest\u00e4nge, das zu kleinen skulpturalen Gebilden zusammengebogen werden k\u00f6nnte. Im Schutt der Hauseing\u00e4nge sind noch metallene Verteiler- und Schaltk\u00e4sten f\u00fcr die elektrischen Leitungen zu finden. An ihnen h\u00e4ngen noch Dr\u00e4hte wie Haarstr\u00e4hnen um ein kantiges Haupt. Die offenen K\u00e4sten wirken wie Grimassen verr\u00fcckter K\u00f6pfe. Ich assoziiere\u00a0 Portr\u00e4tb\u00fcsten von Hochschulprofessoren.<\/p>\n<p>[1 Abbildung]<\/p>\n<p>Also ab in mein Versteck auf dem Dachboden! Drahtspiralen, zerbrochene Rohrleitungen, Ziegelsteinbruchst\u00fccke, verwitterte Backsteine, ich hole sie aus ihrem Schrott-Dasein heraus und lege sie auf dem Dachboden aus. Ich beginne zwischendurch Farben und Pinsel, B\u00fcrsten und Feilen f\u00fcr die Bearbeitung meiner Fundst\u00fccke bereitzustellen. Nach jedem Gang sperre ich wieder zu. Der Hausmeister ist mit anderen Dingen voll besch\u00e4ftigt, er hat, so glaube ich, meine Schatzkammer nicht entdeckt. Sonst h\u00e4tte er wohl, wie ich es in meinem Traum erlebt habe, mich aufgefordert, den \u201eSchrott\u201c wegzur\u00e4umen und den Schl\u00fcssel abzugeben.<\/p>\n<p>Es gab am Lehrstuhl, genau beobachtet, zwei Messis namens Mintzel, das Papier-Messie-Monster und das Schrott-Messie-Monster. Das erstere konnte jeder sehen, der durch die Dienstr\u00e4ume ging, das letztere blieb bis zum Untergang des Ghettos vor den Augen der anderen verborgen. Als die letzten Tage des Ghettos gekommen waren, stellte die Universit\u00e4tsleitung einen Sieben-Tonnen-Container zur Entsorgung meiner Papierberge vor die Haust\u00fcre. Was ich in den fast zwanzig Jahren meiner Passauer Dienstzeit an Korrespondenzen, Aufs\u00e4tzen, diversen fachwissenschaftlichen Zeitschriften, Sonderdrucken, Zeitungsausschnitten, Lehrmitteln, Textentw\u00fcrfen, Kopien, Brosch\u00fcren, Plakaten, Dokumentationen und anderen Papier-Materialien gesammelt und aufbewahrt hatte, musste in kurzer Zeit entsorgt werden. Ich hatte auch alle handschriftlichen Fassungen meiner wissenschaftlichen Texte aufgehoben. Ein Gro\u00dfteil der Papiermassen stammte aus der vordigitalen Zeit (siehe Blog-Kapitel 57: Mein digitaler \u00a0Weitsprung in das 21. Jahrhundert). Der Container war im Nu mit\u00a0 sieben Tonnen \u201eAltpapier\u201c bis zum Rand gef\u00fcllt. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, dass auch an anderen Lehrst\u00fchlen Messie-Symptome aufgetreten waren. Ehefrauen von Kollegen sollen hinter vorgehaltener Hand eingestanden haben, zu Hause die Arbeitszimmer ihrer gelehrten M\u00e4nner heimlich st\u00fcckweise entleert zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Untergang des Ghettos und mein dreifacher Abschied<\/strong><\/p>\n<p>Es waren also drei Ereignisse zusammengekommen: meine amtliche Verabschiedung in den Ruhestand, die Riesen-Entsorgungsaktion am Lehrstuhl und der Untergang des Ghettos, in welchem meine Arbeitsst\u00e4tte gelegen hatte. Kurz vor der finalen Bagger- und Abrissbirnen-Attacke war ich mit meiner Familie in unser Schweizer Domizil gefahren.\u00a0 Als ich zur\u00fcckkam, lag das ganze ehemalige Ghetto in Tr\u00fcmmern. Alles, was ich noch nicht abtransportiert hatte, war vernichtet worden. Sie mussten beim letzten Begehen der Dachb\u00f6den meinen Schatz entdeckt haben und h\u00f6chst verwundert gewesen sein. Alles war weg. Ich stand wehm\u00fctig und erschrocken vor dem Tr\u00fcmmerfeld. Es sah aus, als w\u00e4re das Areal bei einem Luftangriff der US Air Force durch Sprengbomben dem Boden gleichgemacht worden. Das Papier-Messie- und das Schrott-Messie-Monster Mintzel\u00a0 trauerten um ihre Sch\u00e4tze. &#8222;H\u00f6here Gewalt&#8220; hatte ihrem Treiben ein Ende gesetzt &#8211;\u00a0 zumindest an diesem Platz.\u00a0 Auf dem Dachboden unseres Passauer Wohnhauses konnte ich meiner Leidenschaft weiter fr\u00f6nen. Ich habe noch Material f\u00fcr viele Jahre, um \u00a0Geheimnisse zu l\u00fcften.<\/p>\n<p>Der n\u00e4rrische Beuys h\u00e4tte mit meinen Materialien die zeitgen\u00f6ssische Kunstgeschichte auf einen zweiten H\u00f6hepunkt, wenn nicht gar zum Wahnsinn gebracht. &#8222;Der Narr&#8220; aus dem Ghetto sollte hingegen nicht einmal die Ehre haben, von der Passauer Kunstp\u00e4pstin namens Dr. Edith Rabenstein unter die 1000 K\u00f6pfe der kulturellen Stadtgeschichte aufgenommen zu werden. Vielleicht war in meinem Alptraum diese wabernde Kulturredakteurin das Phantom, das mich ausgrenzen und vernichten wollte.<\/p>\n<p>Zu Rabensteins Auswahl ehrw\u00fcrdiger K\u00f6pfe ein paar kritische Anmerkungen: Rabenstein betreibt mit ihrem biografischen Lexikon allzu penetrant Hochstapelei, indem sie der kulturellen Stadtgeschichte bekannte Namen zuschreibt, die mit Passau selbst so gut wie nichts zutun hatten. Unter den in Rabensteins Olymp aufgenommenen K\u00fcnstlerInnen und Kulturschaffenden der Gegenwart vermisst man dagegen eine Reihe bedeutender Namen. Unverzeihlich ist zum Beispiel, dass Rabenstein einen satirisch so bissigen wie im Strich schmissigen Zeichner wie Fritz Klier nicht f\u00fcr aufnahmew\u00fcrdig befunden hat. Zurecht sind in einer Besprechung Nachtr\u00e4ge eingefordert worden (vgl. PNP Nr. 297 vom 24.12.2019, S. 7).<\/p>\n<p>Mein Nachfolger auf dem Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie, Prof. Dr. Maurizio Bach, zog im Jahr 2000 bei seiner Dienstaufnahme nach einer kurzen \u00dcbergangszeit gleich in einen modernen Neubau ein, der frisch fertig gestellt worden war. Er betrat ein bestelltes Feld. F\u00fcr ihn waren die Ghetto-Jahre der Soziologie, die m\u00fchsamen Jahre des Aufbaues und der Organisierung des Faches im Konzert der anderen Fachwissenschaften (siehe Blog-Kap. 22-25), eine Vorgeschichte, mit der er anscheinend nichts zu tun haben wollte. Mein dreifacher Abschied schien ihn nicht ber\u00fchrt zu haben. Der Untergang des Ghettos und meines Arbeitsplatzes waren f\u00fcr mich eine lebens- und berufsgeschichtlich tiefe Z\u00e4sur. Nichts erinnert heute mehr an die Ghetto-Jahre. Nicht einmal ich kann sagen, wo das Areal genau gelegen hat. Es war einmal\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schrei Ich schreie auf. Der Schrei kommt aus tiefster Kehle. Ich w\u00e4lze mich im Bett hin und her. Hin zur Schrankseite, her zum Fenster, wo das erste Morgenlicht sich hereintastet. Ich hole mit meinem rechten Arm weit aus und schlage zu. Das Phantom weicht nicht. Ich schreie. Das Phantom bedroht mich. 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