{"id":99,"date":"2016-06-26T22:20:04","date_gmt":"2016-06-26T20:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/?p=99"},"modified":"2019-03-21T12:37:16","modified_gmt":"2019-03-21T11:37:16","slug":"15-westberlin-brennpunkt-der-studentischen-protestbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/2016\/06\/26\/15-westberlin-brennpunkt-der-studentischen-protestbewegung\/","title":{"rendered":"15. Westberlin \u2013  ein Brennpunkt der studentischen Protestbewegung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gro\u00dfdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg (1963) und die grausamen Ausw\u00fcchse der US-amerikanischen Kriegsf\u00fchrung l\u00f6sten an vielen Universit\u00e4ten heftige Proteste aus. Westberlin, wo wir wohnten und studierten, wurde zu einem der gro\u00dfen Brennpunkte antiamerikanischer Protestaktionen und Gro\u00dfdemonstrationen. Die Anti-Kriegsbewegung, die 1965 in den USA ihren Anfang nahm, verbreitete sich rasch auch in Westeuropa. Aus verschiedenen Gruppierungen formierte sich eine internationale Studentenbewegung, die sich in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre infolge der Eskalation des Vietnamkrieges radikalisierte. An den Westberliner Hochschulen, insbesondere an der Freien Universit\u00e4t, kam es zu schweren, teils gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den F\u00fchrungsorganen der Universit\u00e4ten, mit der Polizei und mit Westberlins politischer F\u00fchrung. Den H\u00f6hepunkt der studentischen Revolte gegen den Vietnamkrieg bildete der vom Sozialistischen Studentenbund organisierte Internationale Vietnamkongress, der am 17.\/18. Februar 1968 im Auditorium der Technischen Universit\u00e4t Berlin stattfand. An dieser Konferenz nahmen 44 Delegierte aus vierzehn Staaten und sch\u00e4tzungsweise 5000 weitere Personen teil. Zu den prominenten Sprechern und Aktivisten aus Kultur und Wissenschaft geh\u00f6rten Peter Weiss, Erich Fried, Ernest Mandel, Gaston Salvatore und Giangiacomo Feltrinelli. Aus Westberlin war der Studentenf\u00fchrer Rudi Dutschke einer der Hauptakteure. Die Konferenz endete mit einer Gro\u00dfdemonstration von rund 12.000 Teilnehmern, die Ho-Chi-Minh-Rufe skandierten. Obwohl ich zu dieser Zeit zum SDS bereits auf Distanz gegangen war und mich nicht mehr an Demonstrationen beteiligt hatte, nahm ich aus politischem Interesse als Zuh\u00f6rer am Internationalen Vietnamkongress teil. Die Stadt brodelte, es herrschte eine explosive Stimmung. Die gro\u00dfe Mehrheit der Berliner Bev\u00f6lkerung hatte nicht das geringste Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Widerstand gegen den von den USA gef\u00fchrten Vietnamkrieg. Sie sah seit der Blockade Berlins\u00a0 von 1948 und nach der gerade erlebten Bedrohung durch die Kuba-Krise in den USA ihre Schutzmacht und einen Garanten der Fortexistenz des freien Berlins. Bev\u00f6lkerung und Studentenbewegung standen sich aggressiv gegen\u00fcber. Provokationen und Gegendemonstrationen schaukelten sich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen hoch. An der Freien Universit\u00e4t Berlin war der Lehrbetrieb weitgehend lahmgelegt. Das ostasiatische Institut, Inge Lus Arbeitsplatz in der Universit\u00e4t, wurde besetzt, auf dem Dach des Geb\u00e4udes die rote Flagge gehisst und das Lehrpersonal ausgesperrt. Wir beide wurden Augenzeugen der studentischen Aktionen und Demonstrationen. Ich drehte mit meiner Kamera einen Dokumentarfilm \u00fcber diese Vorg\u00e4nge. Trotz aller Turbulenzen versuchte ich meine wissenschaftliche Arbeit mit eiserner Konzentration, Disziplin und Zielstrebigkeit fortzusetzen. Der Kontrast zwischen meinem empirisch-analytischen CSU-Projekt, das ich 1967 begonnen hatte, und den Berliner Ereignissen konnte nicht krasser sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-687 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002-700x989.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"989\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002-700x989.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002-768x1085.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002-800x1131.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_002.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Alf Mintzel, Heinrich Albertz nach seinem Sturz, karikierende Portraitskizze, Kugelschreiber, 7. Juni 1972<\/em><\/p>\n<p>Heinrich Albertz (1915\u20131993) war ein evangelischer Pastor, Mitglied der SPD, 1966\/67 Regierender B\u00fcrgermeister von Westberlin. Er billigte und unterst\u00fctzte den harten und scharfen Polizeieinsatz gegen die studentischen Protestdemonstrationen, bei denen am 2. Juni 1967 der Student Peter Ohnesorg von einem Polizeibeamten r\u00fccklings erschossen wurde. Die Protestdemonstrationen hatten sich gegen den Besuch des Schahs von Persien und dessen Frau gerichtet. Noch in der Nacht zum 3. Juni 1967 lie\u00df Albertz verlauten: \u00bbDie Geduld der Stadt ist am Ende\u00ab. Im Herbst 1967 wandelte sich seine Haltung zum Polizeieinsatz. Er habe, so bekannte er nun, in jener Nacht des 2. Juni \u00bbobjektiv das Falsche getan\u00ab. Sein Gesinnungswechsel und andere Faktoren f\u00fchrten noch im Herbst zu seinem Sturz.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-688 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003-700x947.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"947\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003-700x947.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003-222x300.jpg 222w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003-768x1039.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003-800x1083.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_003.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>konkret EXTRA BLATT, Titelseite, wohl 3. Juni 1967 (undatiert)<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-689 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004-700x330.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004-700x330.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004-300x142.jpg 300w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004-768x362.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004-800x378.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_004.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>2. Juni 1967: die sogenannten Pr\u00fcgelperser beim Schah-Besuch waren Ausl\u00f6ser f\u00fcr den folgenden Gewaltexzess; konkret EXTRA BLATT, wohl 3. Juni 1967 (undatiert), S. 2<\/em><\/p>\n<p><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-690 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a-700x864.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"864\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a-700x864.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a-243x300.jpg 243w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a-768x948.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a-800x988.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_a.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/em><em>FU-Spiegel 58, offizielle Studentenzeitschrift der FU Berlin, Sonderdruck, wohl 3. oder 4. Juni 1967 (undatiert), S. 1<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-691 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d-700x864.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"864\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d-700x864.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d-243x300.jpg 243w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d-768x948.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d-800x988.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_005_d.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>FU-Spiegel 58, offizielle Studentenzeitschrift der FU Berlin, Sonderdruck, wohl 3. oder 4. Juni 1967 (undatiert), S. 4<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der endg\u00fcltige Bruch<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als in Berlin und anderswo an den Universit\u00e4ten 1967\/68 die sog. APO-Zeit angebrochen war, hatte ich mein Soziologie-Studium bereits abgeschlossen. Die linken \u203aKinderkrankheiten\u2039, Orthodoxie und eine linke Form der Inhumanit\u00e4t, entfremdeten mich den linken Eiferern, obwohl ich die Revolte gegen den Biedersinn der Adenauer-\u00c4ra gut verstehen konnte. \u203aAbschied von der autorit\u00e4ren Demokratie?\u2039 Diese Frage besch\u00e4ftigte mich genau wie die anderen. Die linken Aktivisten nahmen mir jedoch \u00fcbel, dass ich mich mit der CSU besch\u00e4ftigte. Zu politischen Seismographen-Gruppen wie den sog. Linkskatholiken hatte ich ein verbindliches intellektuelles Verh\u00e4ltnis. Dagegen blieb mein Verh\u00e4ltnis zu den katholisch- konservativen Machern und Apologeten ambivalent.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Am\u00a013. August 1966, dem 5. Jahrestag des Berliner Mauerbaus, vollzog ich mit einer stillen Aktion den Bruch mit der sozialistischen Studentenschaft und ihren Aktivisten. Es war am Tage unseres Umzugs von der Zehlendorfer Hammerstra\u00dfe 34 nach Lichtenrade im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcden Westberlins. Ich verbrannte im Garten des H\u00e4uschens, in dem wir seit Februar 1964 gewohnt hatten, alle Materialien, die ich als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes an der Freien Universit\u00e4t Berlin in meinen H\u00e4nden gehabt hatte: Mitgliederlisten, Beschl\u00fcsse, Protokolle, Korrespondenzen, Plakate, universit\u00e4tsamtliche Dokumente, die den SDS betrafen. Damit entzog ich alle Verbandsunterlagen einem sp\u00e4teren Zugriff, sodass meine Mitgliedschaft und Aktivit\u00e4t in der Geschichte des SDS nicht vorkommen. Ich war letztendlich zu keinem bekennenden \u203a68er\u2039 und Aktivisten der \u203aAPO-Zeit\u2039 geworden. Ich war, wie linksradikale Aktivisten es damals abf\u00e4llig nannten, ein b\u00fcrgerlicher \u203aSeminar-Marxist\u2039 gewesen. Ich hatte nicht an \u203aGo-Ins\u2039 und \u203aSit-Ins\u2039 teilgenommen und die Ereignisse aus der Distanz beobachtet. Als Demonstrationen die Freie Universit\u00e4t und die Berliner \u00d6ffentlichkeit ersch\u00fctterten, hatte ich meine in den ersten Studentenjahren angenommene marxistische Weltsicht bereits wissenschaftstheoretisch auf den Pr\u00fcfstand gestellt und zu korrigieren begonnen. Eine profunde Kenntnis des Theoriegeb\u00e4udes von Karl Marx und sp\u00e4terer marxistisch-theoretischer Positionen war im Berliner Lehrbetrieb unerl\u00e4sslich f\u00fcr die Auseinandersetzungen. Man konnte sich nicht in ein bequemes konservatives Gehege zur\u00fcckziehen. Meine linke, akademisch-theoretische Vergangenheit war dem schwierigen <em>trial and error<\/em> geschuldet, das die Welterfahrung eines jungen Menschen ausmacht. Letzte Gewissheiten, insbesondere religi\u00f6s-konfessioneller Art, blieben mir fremd. Ich war, um es mit Max Weber zu sagen, religi\u00f6s unmusikalisch, obwohl mich das Ph\u00e4nomen \u203aReligion\u2039 als Sozialwissenschaftler in seinen menschheitsgeschichtlichen Auspr\u00e4gungen und als evolution\u00e4re Gegebenheit immer interessierte. Mein genuines Interesse an der Wissenschaft und meine berufliche Entscheidung f\u00fcr sie bewahrten mich vor einem wilden Protestaktionismus. Nur das Attentat auf Rudi Dutschke brachte mich am 12. April 1968 auf die Beine. Die Emp\u00f6rung war zu heftig, sie brauchte ein Ventil \u2013 die Gro\u00dfdemonstration.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mitte der 60er Jahre setzte ich mich intensiv mit der modernen Wissenschaftslehre auseinander. Ich las Karl R. Popper, Max Weber, Ernst Topitsch, Carl Hempel, Hans Albert und andere. Poppers Werk \u00fcber \u203aDie offene Gesellschaft und ihre Feinde\u2039 wurde f\u00fcr mein Denken und Handeln ma\u00dfgebend. Seine Empfehlung, in der gesellschaftspolitischen Praxis eher auf vorsichtige, im Notfall wieder korrigierbare Einzelschritte zu gehen und auf den \u203apiece-meal-approach\u2039 statt auf den \u203agro\u00dfen Wurf\u2039 zu setzen, schien mir zumindest f\u00fcr unsere westlichen liberalen Demokratien der humanere Weg der Gesellschaftsgestaltung. Ich befasste mich mit dem Werturteilsstreit in der Sozialwissenschaft und wurde skeptisch gegen\u00fcber den Ismen. Max Weber stand sp\u00e4ter im Zentrum meiner Lehrt\u00e4tigkeit. Ein \u00dcbriges bewirkten meine empirischen Forschungen, vor allem meine Untersuchungen der Entwicklungsgeschichte der CSU und Bayerns. Diese Wende in meiner politischen und wissenschaftlichen Biografie schlug sich 1966\/67 in meinen zahlreichen B\u00fccherk\u00e4ufen nieder. Ich datierte meine K\u00e4ufe, so dass ich den Zeitraum dieser Wende genau belegen kann. Es kam \u00fcbrigens nicht ganz von ungef\u00e4hr, dass ich just in dem Jahr, in dem ich mich vom SDS distanzierte, mit dem Rauchen aufh\u00f6rte. Ich war seit Mitte der 1950er Jahren zu einem notorischen Vielraucher geworden, dem es nicht gelungen war, sich von dieser Sucht zu befreien. Mitte des Jahres 1966 h\u00f6rte ich von einem Tag auf den anderen auf zu rauchen und r\u00fchrte niemals mehr eine Zigarette an.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Freigeist und \u203afreischwebender Intellektueller\u2039<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meinem R\u00fcckzug aus dem studentischen Verbandsleben folgte im Jahre 1967 der Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der ich 1959 zu Beginn meines Studiums der Rechtswissenschaften in Hamburg beigetreten war. Ich war im Bezirk Berlin-Tempelhof im SPD-Kreisvorstand gewesen und hatte mich als Beisitzer eine Weile vor Ort engagiert. Parteiarbeit hatte mich aber nicht zufriedengestellt. Ich wollte mich von engeren politischen Organisationsbindungen l\u00f6sen und von programmatischen Verbindlichkeiten und Festlegungen befreien. Mir schwebte im Grunde die Rolle eines \u203afreischwebenden\u2039 Intellektuellen und Wissenschaftlers vor, der sich in seinem normativen und analytischen Denken relativ unabh\u00e4ngig sieht und der sich einer festen gesellschaftlichen Zuordnung entzieht. Diese Selbstverortung entsprach in etwa dem Konzept der sozial freischwebenden Intelligenz Karl Mannheims, der ihr 1929 die Charakteristika \u203aungebunden, kritisch und sensibel\u2039 zugeschrieben hatte. Es sollte sich allerdings erweisen, dass meine soziale Herkunft aus einer alten protestantischen Buchdrucker- und Verlegerfamilie und meine famili\u00e4re Sozialisation einen fr\u00e4nkischen \u203aKulturprotestanten\u2039 hervorgebracht hatten. Meine \u203abasic personality\u2039 trug, wie es damals in APO-Kreisen beschimpft wurde, viel \u203ab\u00fcrgerlichen Schei\u00df\u2039 mit sich herum. Der Bruch mit dem SDS, der Austritt aus der SPD und das Kappen von politischen Banden verschafften mir ein St\u00fcck weit neue innere Handlungsfreiheit in Bezug auf meine sozialwissenschaftlichen Forschungsinteressen. Ich musste keine Zugeh\u00f6rigkeit mehr verbergen oder gar l\u00fcgen. Bei meiner Erforschung der CSU und ihrer Politik konnte ich ungeniert den geb\u00fcrtigen Bayern aus Franken hervorkehren und auch zum Beispiel dialektal an Gegebenheiten anpassen, wenn es meiner Forschung f\u00f6rderlich war,. Mit der Zeit erwies sich aber meine Selbstbestimmung als Freidenker und \u203afreischwebender Intellektueller\u2039 als problematisch.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-692 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006-700x992.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"992\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006-700x992.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006-768x1089.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006-800x1134.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_006.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Kampfblatt der \u203aRoten Zellen\u2039, Westberlin, Dezember 1970; verso Aufruf zur Massendemonstration: \u00bbAmerika ist in die Fu\u00dfstapfen von Nazi-Deutschland getreten. Amerika ist in Wirklichkeit heute in der Welt das Hindernis Nr. 1 f\u00fcr den Fortschritt der Menschheit.\u00ab, JK der Roten Zellen PL\/PI<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Pers\u00f6nlicher Kontakt zu Mitgliedern der RAF: Horst Mahler und Jan-Carl Raspe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich greife im Folgenden bis in die siebziger Jahre vor, weil zu der Zeit, als ich mich fast ausschlie\u00dflich mit der Erforschung der CSU und der Nachkriegsgeschichte Bayerns befasste, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien von Gewalttaten terroristischer \u203aStadtguerrillas\u2039 heimgesucht und ersch\u00fcttert wurden. Die Jahre von 1972 bis 1977, von der sogenannten \u203aMai-Offensive\u2039 der \u203aBaader-Meinhof-Bande\u2039 bis zum sogenannten \u203aDeutschen Herbst\u2039 des RAF-Terrors, erlebte ich in Westberlin zum Teil aus n\u00e4chster N\u00e4he. Ich kannte einige Mitglieder der sp\u00e4teren Roten Armee Fraktion nicht nur fl\u00fcchtig, sondern aus pers\u00f6nlichen Begegnungen und aus Konfliktsituationen besonders heikler Art. Hier begn\u00fcge ich mich mit einem Stenogramm der Ereignisse und Vorg\u00e4nge und konzentriere mich auf die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen. Weitere biografische Informationen \u00fcber die genannten Personen finden sich reichlich anderswo.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit Horst Mahler (geboren 1936), dem sp\u00e4teren Mitbegr\u00fcnder der Roten Armee Fraktion, war ich von 1962 bis 1966 als Vorsitzender des SDS an der Freien Universit\u00e4t Berlin eng verbunden. Mahler war stets gut gekleidet. Er trat nur im gut geb\u00fcgelten Anzug auf und trug dazu eine passende Krawatte. Er war ein Kontrasttypus zu den Kommunarden wie Fritz Teufel und Rainer Langhans. Bei deren \u00f6ffentlichen Auftritten musste ich immer an Max und Moritz denken. \u00bbDieses war der dritte Streich, und der n\u00e4chste folgt sogleich\u00ab. Ich am\u00fcsierte mich \u00fcber diese B\u00fcrgerschrecke. Sie sprachen meine unbotm\u00e4\u00dfige und provokative Lust an. Bei Mahler verhielt es sich anders. Niemand h\u00e4tte ihn seiner \u00e4u\u00dferen Erscheinung nach f\u00fcr einen gehalten, der sich der Westberliner \u203aStadtguerilla\u2039 anschlie\u00dfen w\u00fcrde. Er schien eine Figur des Establishments zu sein. Mahlers Eloquenz, politisch-ideologische Versiertheit und sein imponierendes Auftreten machten ihn im Berliner Landesverband zu einer Art \u203agrauen Eminenz\u2039, deren Wort galt. Er bef\u00fcrwortete, rechtfertigte und initiierte politische Aktionen. In meiner Zeit als Vorsitzender schaltete er sich wiederholt als \u203aBerater\u2039 und \u203aAgitator\u2039 in laufende Verbandsaktivit\u00e4ten ein, beispielsweise in die inhaltliche Gestaltung der von mir an der Freien Universit\u00e4t organisierten und thematisch vorbereiteten Pressekonferenzen des SDS. Mahler war Bef\u00fcrworter und Hauptakteur in der Organisation einer Gegendemonstration zur antikommunistischen Massenveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der SPD am 1. Mai, f\u00fcr die ich mit ihm Tage zuvor vor den Siemens-Werken Flugbl\u00e4tter verteilte. Die Arbeiter und Angestellten gaben uns, nebenbei bemerkt, mit ihren Beschimpfungen eine kr\u00e4ftige Lektion. Selbst ein politisch Blinder konnte sehen, dass die Arbeiterklasse aufgeh\u00f6rt hatte, ein \u203ahistorisches Subjekt\u2039 zu sein. Aber Mahler beschwor beredt dieses ideologische Phantom. Am Himmel \u00fcber Westberlin kreisten sowjetische MIG 15 und durchbrachen die Schallmauer. Die Fensterscheiben klirrten. Aber Mahler schien sich an den Drohgeb\u00e4rden der Sowjetmacht nicht zu st\u00f6ren. Gemessen an Mahlers rhetorischen und politisch-ideologischen F\u00e4higkeiten hielt ich mich f\u00fcr ein politisches \u203aLeichtgewicht\u2039, um nicht zu sagen f\u00fcr ein \u203aGreenhorn\u2039, das aus idealistischen und politisch-generationsspezifischen Gr\u00fcnden zum SDS gesto\u00dfen war. Ich sah mich jedenfalls Mahler nicht gewachsen und von ihm wiederholt zu Dingen und Taten veranlasst, die ich eigentlich nicht mittragen wollte. Zwischen uns beiden gab es heftige theoretische und politisch-praktische Kontroversen. Mich be\u00e4ngstigte die zunehmende Radikalisierung seines Denkens und Handelns, insbesondere, dass er zusehends Positionen vertrat, die von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) eingenommen wurden. Mahler nahm an einer Veranstaltung der \u203aV\u00f6lkerfreundschaft\u2039 in der DDR teil. Daraufhin beantragte ich Mahler wegen verbandssch\u00e4digenden Verhaltens auszuschlie\u00dfen, wurde aber energisch zurechtgewiesen und zur\u00fcckgepfiffen. Ausschlussverfahren seien sozialdemokratische Praktiken, nicht Methode und Stil des SDS. Der SDS schlie\u00dfe niemanden aus, sondern diskutiere die Dinge so lange, bis die Ansichten gekl\u00e4rt seien. Man d\u00fcrfe vor der Berichterstattung der b\u00fcrgerlichen Presse nicht zur\u00fcckweichen. Mahler setzte sich mit seinen radikalen Ansichten durch, ich nahm meinen Ausschlussantrag zur\u00fcck. Mit meiner Abkehr vom SDS endete 1966 vorerst unser Kontakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Anfang Juni 1972 sp\u00fcrten die Fahnder die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan Raspe in Frankfurt\/Main auf. Wenige Tage sp\u00e4ter wurde Gudrun Ensslin in Hamburg festgenommen. Horst Mahler wurde Baaders Strafverteidiger und begann selbst Militante um sich zu scharen, die das \u203aSystem\u2039 mit Waffengewalt bek\u00e4mpfen wollten. Mahler wurde in Prozessen gegen prominente APO-Aktivisten wie Beate Klarsfeld, Rudi Dutschke, Peter Brand (den Sohn des damaligen Bundeskanzlers) und gegen Mitglieder der Berliner Kommune Fritz Teufel und Rainer Langhans ein Staranwalt der linksradikalen Szene. All diese Namen werden dem heutigen Leser wenig sagen, weil das Jahr 1968 und die Folgejahre zu einer Legende verblasst sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein letztes Mal trat ich mit Mahler 1975 in Kontakt, diesmal um seinen juristischen Rat einzuholen. Als ich kurz vor der Ver\u00f6ffentlichung meiner ersten gro\u00dfen Studie \u00fcber \u203aDie CSU\u2039 1975 in eine brenzlige Situation geraten war, weil CSU-Generalsekret\u00e4r Gerold Tandler mit einer einstweiligen Verf\u00fcgung das Erscheinen des Buches zu verhindern drohte, konsultierte ich Horst Mahler in seiner Anwaltspraxis. Ich wollte wissen, wie ich Tandlers Drohung erfolgreich abwehren k\u00f6nnte. Er beriet mich gut. Ich solle die Behauptung Tandlers zur\u00fcckweisen, bestimmte von mir geschilderte Vorg\u00e4nge und Schlussfolgerungen entspr\u00e4chen nicht den Tatsachen oder seien zumindest fehlerhaft, und die Beweislast umkehren. Die Landesleitung der CSU m\u00fcsse nachweisen, wo ich m\u00f6glicherweise geirrt h\u00e4tte und dies mit entsprechenden Dokumenten belegen. Das funktionierte. Danach brachen die Kontakte zu Mahler endg\u00fcltig ab. Ich hatte damals nicht den Eindruck, als st\u00fcnde er kurz davor, in den Untergrund abzutauchen, und war \u00fcberrascht, als ich davon h\u00f6rte. Er lie\u00df sich, wie sp\u00e4ter bekannt wurde, einen z\u00fcnftigen Rauschebart wachsen und beteiligte sich an Terroraktionen. Mahlers sp\u00e4terer Seitenwechsel ins rechtsradikale Fahrwasser war nach meiner Ansicht nicht vorauszusehen, hatte jedoch eine innere Logik. Er mauserte sich theoretisch von einem Linkshegelianer zu einem Rechtshegelianer. Heute sehe ich seine Pers\u00f6nlichkeit noch sehr viel sch\u00e4rfer. Mahler war eine autorit\u00e4re Pers\u00f6nlichkeit, und dies in so extrem ausgepr\u00e4gter Weise, dass er immer zu wissen glaubte, welches historische Subjekt vom Weltgeist ausersehen war, den Gang der Geschichte zu bestimmen. Theodor W. Adorno hatte damals geglaubt, dass zwischen den autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeiten der Studentenbewegung und den autorit\u00e4ren gesellschaftlichen Strukturen, die von der Au\u00dferparlamentarischen Opposition bek\u00e4mpft wurden, ein innerer Zusammenhang zu erkennen sei. Horts Mahlers autorit\u00e4rer Charakter, an dem ich mich gerieben hatte, kippte gewisserma\u00dfen vom linksextremen Syndrom ins rechtsextreme. Er wandelte sich zu einem rechtsradikalen K\u00e4mpfer und Antisemiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-686 size-large\" src=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt-700x1109.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1109\" srcset=\"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt-700x1109.jpg 700w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt-768x1217.jpg 768w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt-800x1268.jpg 800w, https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/15_001_gepixelt.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><em>Jan-Carl Raspe als regelm\u00e4\u00dfiger Student: Anwesenheitsliste 30. Nov. und 7. Dez. 1964; Namen der Kommilitonen sind aus Datenschutzgr\u00fcnden unkenntlich gemacht<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jan-Carl Raspe (1944\u20131977) geh\u00f6rte an der Freien Universit\u00e4t Berlin zu meinen ersten Studenten. Er stammte aus einer Fabrikantenfamilie, wuchs in Ost-Berlin auf, wechselte Anfang der 1960er Jahre nach Westberlin und lebte dort bei Verwandten. Er studierte nach bestandenem Abitur (1963) an der Freien Universit\u00e4t Berlin zun\u00e4chst Chemie und wechselte dann ins Fach Soziologie \u00fcber. Als Student der Soziologie lernte ich ihn pers\u00f6nlich kennen. Er nahm an meiner Einf\u00fchrung in Methoden und Techniken des sozialwissenschaftlichen Arbeitens teil. Im Jahre 1967 trat er dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund bei. Sp\u00e4ter wurde er Mitglied der \u203aKommune 2\u2039. Raspe radikalisierte sich, fand zu den Gesinnungsgenossen, die als \u203aStadtguerilla\u2039 ihren Kampf gegen das kapitalistische System im Untergrund fortf\u00fchren wollten, und wurde zu einem f\u00fchrenden Mitglied der ersten Generation der Roten Armee Fraktion. Seine technischen F\u00e4higkeiten erm\u00f6glichten es ihm, Bomben herzustellen. Er war 1972 an f\u00fcnf Bombenschl\u00e4gen beteiligt, bei denen vier Menschen ums Leben kamen und \u00fcber f\u00fcnfzig verletzt wurden. Ihm wurde des Weiteren mindestens ein Bank\u00fcberfall zur Last gelegt. 1972 wurde er zusammen mit Andreas Baader und Holger Meins in Frankfurt am Main verhaftet. Am 28. April 1977 wurde er in dem sogenannten Stammheim-Prozess nach fast zweij\u00e4hriger Verhandlung zu lebenslanger Haft verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vom 5. September bis zum 19. Oktober 1977 ereigneten sich eine Reihe von dramatischen Terroraktionen: RAF-Terroristen des \u203aKommandos Siegfried Hausner\u2039 \u00fcberfielen am 5. September den Personenwagen von Arbeitgeberpr\u00e4sident Hanns Martin Schleyer, erschossen dessen Fahrer und drei Sicherheitsbeamte und verschleppten Schleyer. Am 6. September schickten die Entf\u00fchrer ein Foto Schleyers und stellten das Ultimatum, bis zum n\u00e4chsten Tag unter anderem die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe im Austausch gegen Schleyer freizulassen. Am 13. September wurde die Lufthansa-Maschine \u203aLandshut\u2039 mit 86 Passagieren und f\u00fcnf Besatzungsmitgliedern von zwei M\u00e4nnern und zwei Frauen auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt am Main entf\u00fchrt. Auch hier verlangten die pal\u00e4stinensischen Entf\u00fchrer in einem Ultimatum die Freilassung der \u00bbGenossen der RAF aus westdeutschen Gef\u00e4ngnissen\u00ab und die \u00bbpal\u00e4stinensischer Genossen aus dem Gef\u00e4ngnis in Istanbul\u00ab. Die \u203aLandshut\u2039 flog w\u00e4hrenddessen \u00fcber Rom, Zypern, Bahrein, Dubai bis nach Aden im S\u00fcd Jemen, von dort aus am 16. September nach Mogadischu. Am 17. September landete nach Einbruch der Dunkelheit eine Sondermaschine der Lufthansa mit einem GSG-Kommando an Bord in Mogadischu und st\u00fcrmte nach Mitternacht die \u203aLandshut\u2039. Drei der Entf\u00fchrer wurden get\u00f6tet, Passagiere und Besatzung in Sicherheit gebracht. Nachdem die Austauschforderung der Terroristen erfolglos geblieben war, begingen am Morgen des 18. Oktober 1977 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe mit einer ins Stammheimer Gef\u00e4ngnis eingeschleusten Pistole Suizid.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich hatte Raspe als einen schlanken, ja hageren, schmalgesichtigen Studenten wahrgenommen, der sich leicht nerv\u00f6s verhielt. Als ich die Studentengruppe zum Abschluss meiner Lehrveranstaltung einmal zu mir nach Hause eingeladen hatte, nahm er in unserem gro\u00dfen, alten Thonet-Schaukelstuhl Platz. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, zerbr\u00f6selte zwischen Daumen und Zeigefinger die Kippen und wippte unabl\u00e4ssig mit den Kufen, die den Aschenbecher zu streifen und umzukippen drohten. Meine Frau beobachtete sein Verhalten mit Unbehagen. Er kam wohl aus einem gutb\u00fcrgerlichen Milieu und wirkte eher sch\u00fcchtern. Raspe war, so wie wir ihn erlebten, keiner, der aufm\u00fcpfige Reden hielt, geschweige denn ein auftrumpfender \u203aRevoluzzer-Typ\u2039. Wie es kam, dass er sich sp\u00e4ter radikalisierte, kann ich nicht sagen. Nach Abschluss seines Diplomexamens im Fach Soziologie zog Raspe mit seiner Freundin Marianne Herzog zusammen. Beide geh\u00f6rten zur ersten RAF-Generation. Ihre Wohnung diente der Baader-Meinhof-Gruppe als konspirativer Treffpunkt und als Zufluchtsort. (Der Spiegel 31\/1972; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jan-Carl_Raspe\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jan-Carl_Raspe<\/a>; http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marianne Herzog)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das geplatzte Seminar in Kiew \u00fcber den \u203aAufbau des Sozialismus\u2039 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einen anderen politisch \u00e4u\u00dferst heiklen Vorgang sollte ich ebenfalls nicht verschweigen. Von sowjetischer Seite erging 1964 oder 1965 an den (Bundes-)SDS eine Einladung zu einem Seminar in Kiew \u00fcber den \u203aAufbau des Sozialismus\u2039. (Zwar fehlen mir hierzu die einschl\u00e4gigen dokumentarischen Materialien, die ich am 13. August 1966 verbrannte, auf meine Verhandlungen in der sowjetischen Botschaft und ihr Scheitern wies Kurt Leo Shell 1966 jedoch in seinem Buch \u203aBerlin. Bedrohung und Bew\u00e4hrung\u2039 in einer Fu\u00dfnote hin.) Die SDS-F\u00fchrung schlug f\u00fcr die Teilnahme daran auch Mitglieder des Westberliner SDS vor, was in den Verhandlungen wegen des Vier-M\u00e4chte-Status\u2019 Berlins Komplikationen mit der sowjetischen Seite mit sich brachte. Mit aus heutiger Sicht entsetzlich blau\u00e4ugiger Naivit\u00e4t glaubte ich tats\u00e4chlich, den sowjetischen Machthabern in Ostberlin eine Entscheidung in unserem Sinne abringen zu k\u00f6nnen. Was mich antrieb, waren nat\u00fcrlich Neugier und das gro\u00dfe Interesse daran, einmal hinter den \u203aEisernen Vorhang\u2039 schauen zu k\u00f6nnen. Als sei es eine Einladung zu einer bildungsb\u00fcrgerlichen Informationsreise, f\u00fchrte ich in der Sache f\u00fcr den Westberliner SDS die Gespr\u00e4che in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin und bestand auf der gleichberechtigten Teilnahme der Westberliner Studenten. Nat\u00fcrlich scheiterte ich, da diese Entscheidung dem Vier-M\u00e4chte-Status Berlins entgegengestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sp\u00e4ter war ich froh, dass die Verhandlungen \u00fcber die Teilnahme Westberliner Studenten\u00a0 geplatzt\u00a0 waren, denn sicher f\u00fchrte die sowjetische Seite etwas im Schilde.\u00a0 W\u00e4re die Teilnahme an dem Seminar zum Aufbau des Sozialismus in Kiew zustande gekommen, h\u00e4tte das auf eine geheimdienstartige Zusammenarbeit hinauslaufen sollen. In lebhafter Erinnerung blieb mir, wie ein KGB-Offizier mir am Beispiel einer kleinen Z\u00fcndholzschachtel beizubringen versuchte, wie man in Kassibern Informationen verstecken konnte. Ich hatte dazu schon konkrete Erfahrungen in der Zeit der N\u00fcrnberger Kriegsprozesse gesammelt und war daher dar\u00fcber eher am\u00fcsiert als erstaunt. Der sowjetische Geheimdienst hatte uns sicher f\u00fcr blau\u00e4ugige Esel gehalten, die er im Kalten Krieg beliebig benutzen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weder Sympathisanten noch Gegner rechneten damals damit, dass der Sowjetkommunismus 1989\/90 untergehen w\u00fcrde. Die Koryph\u00e4en unter den Deutern weltgeschichtlicher Entwicklungen hatten kapitalistische Gesellschaften und sowjetkommunistische Gesch\u00e4fte in einem evolutiven Wettbewerb gesehen, dessen Ausgang je nach Standort und ideologischer Sicht gegens\u00e4tzlich vorhergesehen wurde. Ich hielt die Einladung f\u00fcr besonders interessant, versprach sie doch einen Blick hinter den Eisernen Vorhang. Es waren mehr Neugier und ein sensationelles Gef\u00fchl als sozialistische \u00dcberzeugung, die mich antrieben. Im Grunde f\u00fchlte ich mich entlastet und befreit, als Mitte der 1960er Jahre die geplante Exkursion nach Kiew am Vier-M\u00e4chte-Status der besonderen Einheit Berlin scheiterte. Manche meiner intellektuellen und tats\u00e4chlich durchgef\u00fchrten Exkursionen glichen eher Blindfl\u00fcgen in eine unbekannte Wirklichkeit statt hellsichtigen Erkundungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Antiautorit\u00e4re Kinderladen-Bewegung, 1968\u20131975<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In den 1960er Jahren nahm die Zahl von Studierenden zu, die schon vor dem Abschluss ihrer Examina und vor dem Einstieg in ein Berufsleben Ehen schlossen und Kinder bekamen. Auch wir hatten ja von 1964 bis 1967 eine Studentenehe gef\u00fchrt, unser Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr die n\u00e4chste Generation gebot es uns jedoch, erst dann Kinder in die Welt zu setzen, wenn die beruflichen und damit die finanziellen Voraussetzungen f\u00fcr eine Familiengr\u00fcndung gegeben waren. Dies war 1967 nach bestandenem Examen mit der \u00dcbernahme der Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten am Institut f\u00fcr politische Wissenschaften gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unsere drei T\u00f6chter kamen alle in Westberlin zur Welt: Anne Katharina am 13. April 1968, Theresa Florentine am 1. Oktober 1971 und Caroline Isabel am 6. September 1975. Erst in den siebziger Jahren wurde es \u00fcblich, dass die V\u00e4ter der Geburt beiwohnten. So durfte ich nur Carolines Geburt als einen aufregenden, aber doch wunderbaren Vorgang erleben. Anne wurde einen Tag nach der gro\u00dfen Demonstration gegen den Anschlag auf Rudi Dutschke geboren. Rund 35.000 Studenten waren am 12. April 1968 durch die Innenstadt gezogen. Die politische Stimmung war hoch aufgeheizt, es herrschten Aufruhr und Gewalt. Anne wurde zu einem Kind der APO-Zeit, der antiautorit\u00e4ren Erziehung, der Kinderladen-Bewegung und der sogenannten sexuellen Revolution. Wir wurden Mitglied und Mittr\u00e4ger einer privaten Kinderladen-Initiative, die in der Darmst\u00e4dter Stra\u00dfe in Berlin-Charlottenburg einen Kr\u00e4merladen gemietet hatte, und beteiligten uns an den endlosen Diskussionen \u00fcber die richtigen Erziehungsmaximen und ihre praktische Anwendung. Die Gruppe machte alle akademischen und theoretischen \u203aKinderkrankheiten\u2039 dieser Zeit mit, Inge Lu und ich bezogen dabei allerdings keine Extrempositionen. Betreuung und Versorgungsdienste wurden unter den Eltern aufgeteilt. Auch ich wurde w\u00f6chentlich zum Kinderdienst verpflichtet. Theresa weigerte sich vehement einen Kinderladen zu besuchen, sie wollte zu Hause bleiben und nach eigenen Ideen spielen. Als Caroline ins Kindergartenalter kam, hatten sich in der antiautorit\u00e4ren Kinderladen-Bewegung die Verh\u00e4ltnisse beruhigt. Caroline besuchte von 1979 bis 1981, bis zu unserem Umzug nach Passau, einen Kinderladen in der Wexstra\u00dfe, der von einer Eltern-Kind-Gruppe privat geleitet wurde. Dieser Kinderladen wurde von einer ausgebildeten Kinderg\u00e4rtnerin gef\u00fchrt, die von einer jungen Frau in Ausbildung und einer Mutter oder einem Vater in der Betreuung unterst\u00fctzt wurde. Auch diese Kinderladen-Initiative verlangte selbstverst\u00e4ndlich eine aktive Beteiligung aller Eltern, wir konnten die Kinder nicht einfach abgeben und allein der Kinderg\u00e4rtnerin \u00fcberlassen. Meistens brachte ich Caroline dorthin, weil die Wexstra\u00dfe auf dem Weg zu meiner Dienststelle gut zu erreichen war. Das Institut f\u00fcr politische Wissenschaft lag unweit vom Volkspark in der Babelsberger Stra\u00dfe. Ich stie\u00df nachmittags, wenn es meine Arbeit erlaubte, dazu und machte beim Spiel mit den Kindern mit. Einmal in der Woche trafen sich die Eltern abends im Kinderladen, um \u00fcber die aktuellen Fragen der F\u00fchrung und Betreuung zu sprechen und Beschl\u00fcsse zu fassen. Die finanzielle Unterhaltung der L\u00e4den und die Bezahlung der Betreuer kostete uns eine betr\u00e4chtliche Summe Geld.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die \u203aBerliner Freiheiten\u2039 der antiautorit\u00e4ren Erziehung waren hei\u00df umstritten und in konservativen Kreisen verp\u00f6nt, insbesondere in Bayern. Berliner Kinder erlaubten sich Frechheiten, die dort als Ausdruck einer fehlgeleiteten Erziehung angeprangert wurden. Unsere drei T\u00f6chter hatten bei unseren Besuchen in Bayern rasch herausgefunden, mit was und wie sie dort Erwachsene schockieren konnten und machten sich einen Spa\u00df daraus, mit \u203aBerliner Freiheiten\u2039 ihre Gro\u00dfeltern und andere Verwandte zu \u00e4rgern. Wenn wir auf Autoreisen von Berlin zu den Gro\u00dfeltern nach W\u00fcrzburg fuhren, trichterten wir unseren Kindern am Grenzdurchgang von der DDR nach Bayern jedes Mal ein, dass wir in ein anderes Land kommen, in dem andere Sitten herrschen. Sie d\u00fcrften sich nicht nackt ausziehen, keine \u203azotigen Knaller\u2039 loslassen, nicht vorlaut Gespr\u00e4che st\u00f6ren, sie m\u00fcssten zum Gru\u00dfe die rechte Hand reichen, die Gro\u00dfeltern artig begr\u00fc\u00dfen, zu Fremden h\u00f6flich sein, ihre Kleidchen sauber halten, in der Mittagsruhe nicht st\u00f6ren und was sonst noch Kinder in Bayern zu beachten h\u00e4tten. Meine Mutter und mein Vater st\u00f6rten sich an Berliner \u203aUnsitten\u2039. Inge Lus Eltern waren hingegen toleranter. Heute beobachte ich am\u00fcsiert, wie meine T\u00f6chter ihren Kindern \u00e4hnliche Verhaltensregeln mit auf den Weg geben, wenn sie die Gro\u00dfeltern in Bayern besuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg Der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg (1963) und die grausamen Ausw\u00fcchse der US-amerikanischen Kriegsf\u00fchrung l\u00f6sten an vielen Universit\u00e4ten heftige Proteste aus. Westberlin, wo wir wohnten und studierten, wurde zu einem der gro\u00dfen Brennpunkte antiamerikanischer Protestaktionen und Gro\u00dfdemonstrationen. 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