{"id":76,"date":"2018-08-27T08:53:29","date_gmt":"2018-08-27T06:53:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/diealtvorderen\/?p=76"},"modified":"2018-08-27T12:35:14","modified_gmt":"2018-08-27T10:35:14","slug":"1-auf-den-spuren-der-speinsharter-schulmeisterfamilie-mintzel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.prof-dr-alf-mintzel.de\/diealtvorderen\/2018\/08\/27\/1-auf-den-spuren-der-speinsharter-schulmeisterfamilie-mintzel\/","title":{"rendered":"1. Auf den Spuren der Speinsharter Schulmeisterfamilie Mintzel (16.\/17. Jh.)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Pl\u00f6tzlich stehen sie vor mir<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEine Generation kommt und eine Generation geht\u201c (\u2026) Da gibt es keine Erinnerung an die Fr\u00fcheren. Und an die K\u00fcnftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die sp\u00e4ter sein werden.\u201c So spricht der Prediger Salomon.<\/p>\n<p>Der weise K\u00f6nig spricht eine Wahrheit aus. Allerdings denkt er in weiten Zeitr\u00e4umen, in vieltausendj\u00e4hrigen Zeitaltern. Im Wandel der \u00c4onen wird alles Nichtigkeit und Windhauch. Niemand kennt mehr die Namen der Erbauer und Einwohner l\u00e4ngst versunkener Reiche und St\u00e4dte. Archaische Skulpturen blicken aus der Ferne her\u00fcber, Sch\u00f6pfer und Dargestellte sind l\u00e4ngst verblichen, ihre Namen unbekannt. Schon in der Gegenwart verklingen die Namen der allermeisten Menschen mit der Totenglocke und den Nachrufen.<\/p>\n<p>Doch werden Menschen immer nach ihren Wurzeln fragen, nach den \u201eroots\u201c suchen und ihre Herkunft und urspr\u00fcngliche Heimat erkunden wollen. Wir alle haben einen Ursprung in einem geografischen Raum, in einer Zeit, an einem Ort, in einer Gegend, in einem Kulturkreis und im Beziehungsgeflecht von Menschengruppen. Und dieser Ursprung hat wieder einen Ursprung, und so reiht sich Generation an Generation bis an den Punkt, von dem ab es keine Erinnerung mehr gibt an die Fr\u00fcheren. An diesem Punkt beginnen meine Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>Die Gestalten, die ich hereinrufe in unsere Gegenwart, sind keine \u201eLichtgestalten\u201c ihrer Zeit. Es sind kleine Existenzen aus dem Volk, die im B\u00fchnenhaus der Geschichte meist nur als l\u00e4rmende Masse in pittoresken Gew\u00e4ndern vergangener Moden auftreten und anonym bleiben. Ich lasse sie einzeln, in Gruppen und Generationen f\u00fcr einen kurzen Moment aus dem Dunkel der Vergangenheit und der Vergessenheit heraustreten und stelle sie dem Leser vor. Ich erm\u00f6gliche eine Begegnung der Schattenmenschen vergangener Zeiten mit uns. Mit der Schilderung ihrer Schicksale beschreibe ich unser kleines, unbedeutendes Dasein, unsere kurze Existenz zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach. Wir werden wie sie in das Reich der Vergessenheit eingehen. Vieles ist mir geradezu unheimlich gegenw\u00e4rtig. Ich komme l\u00e4ngst vergangenen Lebensl\u00e4ufen auf die Spur, ich beginne mich an die Gehirne verschwundener Generationen anzukoppeln und ihre Sinnorientierungen zu verstehen. Aus Daten werden Schatten, aus Schatten Schemen, aus Schemen Personen, und pl\u00f6tzlich stehen sie vor mir. Ich treffe sie auf ihren Wegen an. Ich besuche Erinnerungsorte, trete ein und lausche. Ich h\u00f6re in den Echor\u00e4umen der Jahrhunderte Stimmen und Ger\u00e4usche.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Woher sie kamen<\/strong><\/p>\n<p>Die kleine Buchdrucker- und Verlegerdynastie Mintzel, aus der ich stamme, hat ihren Ursprung in einem der zahlreichen kleinen Territorien und Herrschaftsgebieten des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation, in der Oberen Kurpfalz, die heute im nord\u00f6stlichen Bayern liegt und die Oberpfalz genannt wird. In dem kleinen Klosterdorf Speinshart versieht der lateinische Schulmeister Johann Mintzel gut drei\u00dfig Jahre lang, von Ende 1580 bis in das Jahr 1611 hinein, seinen Dienst. Er stammt aus der kurpf\u00e4lzischen Regierungsstadt Amberg und hat dort mehrere Jahre am kurf\u00fcrstlichen calvinischen P\u00e4dagogium studiert. Am 12. Oktober 1580 hat er vor dem Kirchenrat sein Examen abgelegt. Der junge Schulmeister heiratet 1586 in Speinshart und zeugt mit seiner Frau, deren Namen und Herkunft nicht \u00fcberliefert ist, zehn Kinder. Vier der Kinder sterben bereits im S\u00e4uglings- und Kindesalter. Die hohe Sterblichkeit ist damals ein kollektives Schicksal. Es gibt noch keine Mittel gegen todbringende Krankheiten.<\/p>\n<p>Nur von drei S\u00f6hnen sind Namen, Geburtsort und Geburtsdatum \u00fcberliefert, von zweien dieser S\u00f6hne wissen wir sehr viel mehr. Wir kennen ihre Lebenswege, ihre beruflichen Karrieren, ihr historisches Wirken und ihre Familien. Aus dem kleinen verschlafenen Klosterdorf sind keine prominenten Pers\u00f6nlichkeiten hervorgegangen. Speinshart ist nicht Geburtsort herausragender Gelehrter, K\u00fcnstler und Politiker, geschweige denn von Geistesgr\u00f6\u00dfen europ\u00e4ischen Formats. Zwei S\u00f6hne des Schulmeisters bringen es allerdings im protestantischen \u201eAusland\u201c zu beachtlichen Berufserfolgen: Johann Christoph wird 1622 ein evangelisch-reformierter Pfarrer, sein j\u00fcngerer Bruder, Johann Albrecht, 1625 ein renommierter Buchdrucker in Leipzig. Begeben wir uns auf Google-Suche und klicken auf unserem Rechner auf die Eingabe \u201eJohann Albrecht Mintzel, Buchdrucker\u201c, liefert uns das Internet Hunderte seiner Drucke und auch der sp\u00e4teren Druckerdynastie Mintzel. Im katholisch dahind\u00e4mmernden Klosterdorf Speinshart sind diese S\u00f6hne des Ortes \u201enobodies\u201c. Niemand kennt sie. Die Speinsharter Familie Mintzel hat sich zum \u201efalschen Glauben\u201c bekannt. Die \u00e4ltere lokale und regionale Geschichtsschreibung, die sich mit dem Pr\u00e4monstratenserstift Speinshart und mit umliegenden Ortschaften befasst, stammt aus der Feder katholischer Autoren. Bis auf wenige Ausnahmen haben diese Geschichtsschreiber die protestantische Zeit zwischen 1556 und 1624\/25 ausgespart und damit die protestantischen Pfarrer und Schulmeister, seien es Lutheraner oder Calvinisten, aus konfessionellem Eifer oder aus Desinteresse aus ihren Annalen verbannt. Sie haben diese als unerw\u00fcnschte Personen aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis der Orte gestrichen. In der lokalen katholischen Geschichtsschreibung ist die\u00a0 protestantische Zeit zwischen der ersten S\u00e4kularisierung 1556\/57 des Klosters und der v\u00f6lligen Annexion der Oberen Pfalz durch den bayerischen Kurf\u00fcrsten Maximilian I. im Jahre 1628 \u201egeschichtslos\u201c (Beispiele: Josef Scherl, 1940; Gustav Motyka, 1972).<\/p>\n<p>\u00dcbergeben die kleinen lokalen Geschichtsschreiber geflissentlich die H\u00e4retiker dem Orkus der Vergessenheit, so tut die hohe Geschichtsschreibung das ihre dazu. Sie geht \u00fcber die Mikrowelten und deren Alltagsleben, Beschr\u00e4nkungen und Scheu\u00dflichkeiten mit gl\u00e4ttenden und \u00fcbert\u00fcnchenden Worten hinweg. Ihre Historiografie folgt nur erhabenen Ideen und Staatsgesch\u00e4ften. Den gemeinen Mann und seine Sorgen verlieren sie oft aus den Augen. So ist unser kleiner Speinsharter Schulmeister Johann Mintzel durch die konfessionellen Siebl\u00f6cher der Geschichtsschreiber und Geschichtenerz\u00e4hler ins Dunkel gefallen.<\/p>\n<p>Ich will ihn und seine Familie aus ihrer Vergessenheit zur\u00fcckholen, die Orte aufsuchen, aus denen sie gekommen sind, und sie dorthin begleiten, wohin sie gegangen sind. Ich will erz\u00e4hlen, was ihnen widerfahren ist und wie sie sich abgem\u00fcht haben unter der Sonne. Und ich werde die sonderbaren Begebenheiten schildern, die mich auf ihre Spuren gebracht haben. Ich f\u00fchle mich ihnen so tief verbunden, als lebte ich in Jahrhunderten. Ich teile mit Johann Albrecht Mintzel, dem Begr\u00fcnder der Druckerdynastie, die Kindheit in der Umgebung des alten Klosterortes. Er hat Anfang des 17. Jahrhunderts als Kind auf dem Platz vor dem Klostergeb\u00e4ude aus dem gleichen Brunnen Wasser getrunken wie ich in den Kriegsjahren 1943 bis 1945. Ich schl\u00fcrfe das flie\u00dfende Wasser aus meiner hohlen Hand und sehe mich in das 17. Jahrhundert versetzt. Manche sagen, das sei kein Zufall. Wir seien uns tats\u00e4chlich begegnet, sagen sie. Mein Vater hat mich 1935 nach einem Sohn des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel benannt, nach Johann Albrecht Mintzel (1600-1653).<\/p>\n<p>[Abbildungen: Speinshart, Ansicht des Klosterdorfes]<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Lebensdaten von Johann Mintzel, Schulmeister in Speinshart\/Oberpfalz von 1580 bis 1611<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Genealogischer Steckbrief<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zur Vita von Johann Mintzel \u201eaus Amberg\u201c liegen quellenbelegte Daten und indirekte Berichte vor, durch die sich seine Lebensumst\u00e4nde, Ausbildung und beruflichen Aufgaben relativ gut nachvollziehen lassen:<\/p>\n<ul>\n<li>geboren um 1560, wahrscheinlich in Amberg.<\/li>\n<li>gestorben 1611 in Speinshart.<\/li>\n<li>Schreibweise des Familiennamens wie damals \u00fcblich uneinheitlich: Eigene Schreibweise des Schulmeisters: Mintzll, Minzll, Mintzel, Schreibweise von fremder Hand (beh\u00f6rdlich): Minzelius, Mintzel, M\u00fcntzel, M\u00fcntzelius, M\u00fcnzelius, M\u00fcntzl (auch Mentzel, Menzel).<\/li>\n<li>Beruf: 1580 &#8211; 1611 kurpf\u00e4lzischer lateinischer Schulmeister in Speinshart.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Elterngeneration:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Lebenszeitraum der Eltern Johann Mintzels sind die Jahre von etwa 1530 bis 1600 anzusetzen. \u00dcber seine Eltern ist bisher nichts bekannt. Hierzu w\u00e4re einiges aus den Archivalien im Stadtarchiv Amberg zu erwarten. Eine Familie Mintzel beziehungsweise ein B\u00fcrger Mintzel soll, wie aus Urkunden hervorgeht, um 1524 von Coburg nach Amberg \u00fcbergesiedelt sein. Es d\u00fcrfte sich vermutlich um einen Gro\u00dfvater des Johann Mintzel gehandelt haben. Die Existenz einer Coburger Familie Mintzel im 16. Jahrhundert ist in Coburger Quellen verb\u00fcrgt.<\/p>\n<p><strong><em>Ausbildung\/Studium\/Bestallung:<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>1574 oder 1576-1580 Studium am kurf\u00fcrstlichen P\u00e4dagogium in Amberg (in der Zeit der Regentschaft Ludwig VI., 1576 \u2013 1583, der die lutherische Konfession durchzusetzen trachtete).<\/li>\n<li>10.1580 Examen am P\u00e4dagogium.<\/li>\n<li>Ende 1580 Bestallung als kurpf\u00e4lzischer <em>lateinischer<\/em> Schulmeister im Stift Speinshart.<\/li>\n<li>Beh\u00f6rdliche \u00dcberpr\u00fcfung seiner Amtsf\u00fchrung bei der Kirchenvisitation vom 06.10.1582.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Berufsaus\u00fcbung \/ Bittschriften:<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>In seinen Bittschriften von 1591, 1606, 1607, 1608, 1609 und 1610 an die kurpf\u00e4lzische Regierung in Amberg ersucht er um \u201eAddition\u201c, das hei\u00dft um finanzielle Zulagen und um zus\u00e4tzliche Naturalien (Weizen, Gerste, Hafer); in den Gesuchen schildert er ausf\u00fchrlich seine Lebens- und Familienverh\u00e4ltnisse, zum Beispiel die Zahl seiner Kinder.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Ein Pf\u00e4lzer aus Amberg:<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Johann Mintzel bezeichnet sich in seinem Bittschreiben vom 30.06.1606 an die kurpf\u00e4lzische Regierung in Amberg selbst \u201eal\u00df ein Pf\u00e4lzer\u201c.<\/li>\n<li>Im kirchlichen Visitationsbericht vom 06.10.1582 hei\u00dft es: \u201eDer Schulmeister Ist M\u00fcntzelius von Ambergk\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Familiengr\u00fcndung \/ Familienverh\u00e4ltnisse:<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>1586 Eheschlie\u00dfung (wahrscheinlich in Speinshart; Name der Ehefrau unbekannt, keine \u00dcberlieferung in einschl\u00e4gigen Quellen).<\/li>\n<li>Aus der Ehe gehen nach Mintzels Angaben 10 Kinder hervor, von denen 4 im S\u00e4uglings- oder Kindesalter sterben.<\/li>\n<li>Von drei Kindern (S\u00f6hnen) sind Namen, Geburtsdaten und Geburtsort \u00fcberliefert:<\/li>\n<li>Johann Christoph Mintzel, geb. 1598 in Speinshart.<\/li>\n<li>Johann Albrecht Mintzel, geb. 01.10.1600 in Speinshart.<\/li>\n<li>Germanus Mintzel, geb. 07.03.1602 in Speinshart.<\/li>\n<li>Es d\u00fcrfte sich um die j\u00fcngsten Kinder aus der Ehe handeln. Im Jahre 1628 konvertiert in Speinshart ein Georg Menzel (Mintzel?) zum katholischen Glauben. Es k\u00f6nnte sich um einen der namentlich unbekannten S\u00f6hne Mintzels handeln, der in Speinshart geblieben und unter dem Druck der neuen dynastischen und konfessionellen Verh\u00e4ltnisse den Glauben gewechselt hat.<\/li>\n<li>Von den S\u00f6hnen Johann Christoph (1598\u20131669) und Johann Albrecht (1600\u20131653) sind Lebenswege und berufliches Wirken bekannt. Johann Albrecht Mintzel ist der Gr\u00fcnder der Mintzelschen Buchdruckerei in Leipzig (1625) und in Hof \/ Saale (1642). Seine Nachfahren wirken in f\u00fcnf Generationen als Buchdrucker und Verleger in Hof \/ Saale und Bayreuth. Sein Bruder Johann Christoph Mintzel studiert in Leipzig (1614) und Frankfurt an der Oder (1616) Theologie, kehrt um 1620 zur\u00fcck in die Oberpfalz, wird dort 1620 Schulmeister in Freystadt, dann 1622\u20131625 ev.-reform. Pfarrer in Hausheim \/ Opf. Im Zuge der Rekatholisierung 1625 amtsenthoben. Er wandert nach Libbenichen bei Frankfurt a. d. Oder aus und wirkt dort bis zu seinem Tode (1669) als ev.-reform. Pfarrer (alle Daten und Belege in: Mintzel, 2011, Band I).<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>Todesjahr:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>1611 ist h\u00f6chstwahrscheinlich das Todesjahr des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel. In den schlecht gef\u00fchrten, l\u00fcckenhaften Kirchenb\u00fcchern ist kein Eintrag zu finden, doch gibt es zwei indirekte Best\u00e4tigung des Todesjahres: Der Nachfolger Mintzels im Amt des Schulmeisters, Kaspar Eccius (Eck), bittet unter dem Datum des 14. Dezember 1614 in seinem Gesuch an die kurf\u00fcrstliche Regierung in Amberg um die gleiche Addition, wie sie seinem Vorg\u00e4nger [Mintzel] gew\u00e4hrt worden war. Er weist in seinem Gesuch unter anderem daraufhin, dass sein Schwager, der in Speinshart amtierende kurf\u00fcrstlich pf\u00e4lzische Richter Jonas Liebing ihn im Jahre 1611 aus Schlesien in die Oberpfalz gebracht und zum Schuldienst in Speinshart bef\u00f6rdert habe. Jonas Liebig unterst\u00fctzt mit einem Schreiben vom 17. Dezember 1614 das Bittschreiben seines Schwagers.<\/p>\n<p>Die kurf\u00fcrstliche Regierung bewilligt am 19.12.1614 das Gesuch des Eccius um Addition mit Verweis auf \u201eJohann Mintzel seelig, Schulmaisters zum Speinshart\u201c. Mintzel muss folglich im Jahre 1611 im Alter von etwa 51 Jahren verstorben sein. Sein letztes Gesuch um \u201eAddition\u201c, es war das sechste in Folge, schreibt er am 17. Dezember 1610. Er erlebt noch Weihnachten 1610 und Neujahr 1611.<\/p>\n<p>\u00dcber das weitere Schicksal seiner Witwe ist nichts bekannt. Sie erhielt wahrscheinlich bis zum Jahresende 1611 die ihrem Mann zugestandenen Eink\u00fcnfte und danach Gnadengelder. (Siehe zu dieser Versorgungsproblematik Frieb 2006, 78).<\/p>\n<p>Kaspar Eccius ersuchte, wie vordem Mintzel, bis 1625 in weiteren Bittschreiben die kurf\u00fcrstliche Regierung um \u201eAdditionen\u201c. Im Jahr 1625 wurden die protestantischen, seien es die calvinischen, seien es die lutherischen Beamten im Zuge der Rekatholisierung ihrer \u00c4mter enthoben. (Denk 1904, 50ff)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><em>Offene genealogische Fragen<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Zur Amberger Herkunft des Schulmeisters Johann Mintzel: Gab es in Amberg im Zeitraum von etwa 1530 bis 1600 eine B\u00fcrgerfamilie Mintzel (siehe auch die oben genannten Schreibweisen des Familiennamens), aus der Johann Mintzel stammen k\u00f6nnte oder nachweislich stammt?<\/p>\n<ol>\n<li>Geht aus den einschl\u00e4gigen Kirchenregistern oder \/ und anderen Quellen sein Geburts- und Taufdatum hervor? Schulbesuch in Amberg?<\/li>\n<li>Falls seine Herkunft aus einer Amberger B\u00fcrgerfamilie Mintzel ermittelt und belegt werden kann, welchen sozialen Status hatte diese Familie? Welche Berufe wurden ausge\u00fcbt? (st\u00e4dtische Bedienstete; kirchlicher Dienst? Handwerker? Welches Handwerk?)<\/li>\n<li>Drehte es sich um eine alteingesessene Amberger Familie oder um eine zugewanderte?<\/li>\n<li>In welcher Weise war die Amberger Herkunftsfamilie von den religi\u00f6sen Verh\u00e4ltnissen betroffen? Es scheint eine innerfamili\u00e4re Spaltung in Calvinisten und Lutheraner gegeben zu haben. Der Schulmeistersohn Johann Christoph Mintzel war Calvinist, der Sohn Johann Albrecht Mintzel Lutheraner.<\/li>\n<li>Als der Schulmeister Johann Mintzel im Jahr 1611 starb, waren seine oben genannten S\u00f6hne 13, 11 und 9 Jahre alt. Die Witwe hat zumindest zwei S\u00f6hnen (Johann Christoph und Johann Albrecht) eine gute akademische (Universit\u00e4tsstudium) bzw. handwerkliche (Buchdrucker) Ausbildung erm\u00f6glichen k\u00f6nnen. Am Klosterort Speinshart gab es hierf\u00fcr keine Gelegenheit. Die Witwe k\u00f6nnte, so meine Vermutung, nach dem Tode ihres Mannes von Speinshart weggezogen sein. Wohin? Nach Amberg?<\/li>\n<li>Johann Albrecht Mintzel k\u00f6nnte seine Druckerlehre in der Zeit von etwa 1614 bis 1619\/20 bei einem der zwei Amberger Buchdrucker absolviert haben, entweder bei Michael Forster (t\u00e4tig von 1591\u20131622) oder bei Johann Sch\u00f6nfeld (t\u00e4tig von 1603\u20131621). Diese Daten passen gut zum Werdegang. Als Lehrherr kommt allerdings auch der markgr\u00e4flich-brandenburgische Drucker Matth\u00e4us Pfeilschmidt d. J. (1575 \u20131633) in Hof\/Saale infrage. Johann Albrecht Mintzel ging auf Wanderschaft (\u00fcber Hof \/Saale?) nach Leipzig, wo er bereits 1620 als Buchdruckergeselle t\u00e4tig und 1625 zum Buchdruckermeister ernannt wird. Er f\u00fchrt als Faktor von 1625 bis 1637 die renommierte Leipziger Verlagsdruckerei Grosse (Gro\u00df).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Viele Spuren f\u00fchren zum famili\u00e4ren Ursprungsort Amberg. Nach Aussch\u00f6pfung und Auswertung zahlreicher Quellen sind weitere und n\u00e4here Ausk\u00fcnfte \u00fcber die famili\u00e4re Herkunft Johann Mintzels aus Amberg nur noch aus den Archivalien im Stadtarchiv Amberg zu erwarten. In Betracht kommen hierf\u00fcr vor allem die Ratsb\u00fccher, das B\u00fcrgerbuch, die Stadtkammerrechnungen und der Almosenkasten, au\u00dferdem kirchliche Register (Tauf-, Trau- und Sterberegister).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Spurensuche in der Amberger Vergangenheit: <\/strong><strong>Dynastische Verh\u00e4ltnisse und Religionswirren<\/strong><\/p>\n<p>Ausbildung und Beruf von Johann Mintzel fielen in die Zeit heftiger Auseinandersetzungen zwischen calvinischem und lutherischem Protestantismus. Wollte er seinen angestrebten und erlernten Beruf aus\u00fcben, blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig, als sich \u00f6ffentlich zum calvinischen Glauben zu bekennen. Im Zeitalter der Glaubensk\u00e4mpfe bestimmte der regierende F\u00fcrst nach dem Grundsatz \u201ecuius regio eius religio\u201c, welche Religion in seinem Herrschaftsgebiet die \u201ewahre\u201c und allein zu praktizierende sei. Die Kuroberpfalz war nach schwankenden reformatorischen Ans\u00e4tzen unter Pfalzgraf Friedrich II, (1544\u20131556) protestantisch geworden. Auch sein Nachfolger Ottheinrich (1556\u20131559) hing der Lehre Luthers an. Dann begannen die wechselhaften kirchlich-konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Luthertum und Calvinismus. Auf Ottheinrich Friedrich III. (1559\u20131576), der die calvinische Konfession durchzusetzen trachtete. Unter seiner Regentschaft wurde 1566 in Amberg das calvinische P\u00e4dagogium gegr\u00fcndet. Nach dessen Tod \u00fcbernahm Ludwig VI. die Regentschaft (1576\u20131583), der mit seinem weltlichen und kirchlichen Verwaltungsapparat die R\u00fcckkehr zur lutherischen Konfession erzwingen wollte. Die Kurf\u00fcrsten Johann Casimir (1583\u20131592), Friedrich IV. (1592\u20131610) und Friedrich V. (1610\u20131619) setzten wiederum den Calvinismus durch. Mintzels Amtszeit fiel anfangs, 1580 bis 1583, noch in die lutherische, von 1583 bis 1611, bis zu seinem Tode, in die calvinische \u00c4ra.<\/p>\n<p>1620\/21 ver\u00e4nderte sich f\u00fcr die Kurpfalz schlagartig die dynastische und religi\u00f6s-konfessionelle Situation. Der pf\u00e4lzische Kurf\u00fcrst Friedrich V. unterlag als \u201eWinterk\u00f6nig von B\u00f6hmen\u201c in der Schlacht am Wei\u00dfen Berg dem Heer des Kaisers und der katholischen Liga. 1621 wurde Herzog Maximilian von Bayern mit dem Territorium der Kuroberpfalz f\u00fcr seine Kriegsauslagen entsch\u00e4digt. Die bayerischen Truppen marschierten in die Kuroberpfalz ein und besetzten das Territorium. 1628 ernannte Kaiser Ferdinand II. den bayerischen Kurf\u00fcrsten endg\u00fcltig zum Landesherrn der Oberpfalz. Bayern wurde die kurpf\u00e4lzische Kurw\u00fcrde \u00fcbertragen. Maximilian I., der schon 1621\/23 damit begonnen hatte, die Oberpfalz zu rekatholisieren, setzte nun den katholischen Glauben endg\u00fcltig durch (Frieb 2006, 16, 25; Mintzel 2011, I. 22ff).<\/p>\n<p>Hauptschrift des Calvinismus war der \u201eHeidelberger Katechismus\u201c von 1563 mit seinen 129 Fragen und Antworten. Eine der beruflichen Hauptpflichten Mintzels als Schulmeister bestand darin, in Speinshart seinen Z\u00f6glingen die 129 Fragen und Antworten des \u201eHeidelberger Katechismus\u201c einzutrichtern und die Sch\u00fcler im Sinne der Obrigkeit auf das calvinische Glaubensbekenntnis zu verpflichten.<\/p>\n<p>[Abbildung: Titelseite des Heidelberger Katechismus]<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzungen wirkten sich auch innerfamili\u00e4r aus: Johann Mintzels Sohn Johann Christoph Mintzel (1598\u20131669) hing dem Calvinismus an und wurde evangelisch-reformierter Schulmeister und Pfarrer. Johann Albrecht Mintzel (1600\u20131653) bekannte sich zum Luthertum und wurde ein renommierter Buchdruckerherr in Leipzig (1620\u20131642) und in Hof \/Saale (1642- 1653). Leipzig und Hof waren durch und durch lutherisch gepr\u00e4gte St\u00e4dte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das kurf\u00fcrstliche calvinische P\u00e4dagogium in Amberg<\/strong><\/p>\n<p>Das kurf\u00fcrstliche P\u00e4dagogium war eine h\u00f6here Lateinschule mit einem gehobenen Lehrprogramm, eine Art konfessionspolitischer Bildungsanstalt, die den \u201ewahren Glauben\u201c festigen und verbreiten sollte. Das P\u00e4dagogium unterstand der Aufsicht und Kontrolle des Amberger Kirchenrates, des h\u00f6chsten kirchlichen Gremiums in der Kuroberpfalz (Frieb 2006, 78). Der Kirchenrat befasste sich auch mit Disziplinfragen, mit der Ausgangserlaubnis, mit Fragen der Kleiderordnung der Stipendiaten, mit der Rechtslage zum Bierausschank, mit Modalit\u00e4ten bei der Haltung sogenannter Kostknaben und mit der Lebensgestaltung der Lehrer. Er beschied Aufnahmegesuche von Eltern und beorderte in Konfliktf\u00e4llen Rektor und Lehrer zum Bericht vor das Gremium.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde das P\u00e4dagogikum im April 1566 unter der Regentschaft Friedrich III. (1559-1576), der die P\u00e4dagogien zur Durchsetzung des Calvinismus gr\u00fcndete, er\u00f6ffnet. An das P\u00e4dagogium wurde ein Internat angeschlossen, in dem alle Sch\u00fcler untergebracht werden sollten. (Denk 1904, 35ff). Auch Johann Mintzel wohnte und lernte seit Mitte der 1570er Jahre, h\u00f6chstwahrscheinlich bis zu seinem Examen am 12. Oktober 1580, in diesem Internat. Die erste calvinisch dominierte Zeit der Bildungseinrichtung w\u00e4hrte allerdings nur gut zehn Jahre, sie endete um 1576\/57. Am 26. Oktober 1576 starb Kurf\u00fcrst Friedrich III. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig VI., ein Lutheraner, setzte sofort die Augsburger Konfession wieder ein und entlie\u00df die calvinischen Staatsdiener und Lehrer. Kurz vor Weihnachten 1576 hob er das kurf\u00fcrstliche P\u00e4dagogium als Anstalt auf, er\u00f6ffnete es jedoch 1577 wieder unter lutherischen Vorzeichen. Kurf\u00fcrst Casimir und dessen Nachfolger folgte die zweite calvinische Zeit. Sie verlangten wieder die R\u00fcckkehr zum Calvinismus. \u00a0Gleich ob Johann Mintzel sein Studium 1576 oder schon 1574 begonnen hatte, er geriet in jedem Fall 1576\/77 in die konfessionellen Spannungsverh\u00e4ltnisse und Auseinandersetzungen zwischen Calvinismus und Luthertum. Bis Oktober 1576 waren nur Anh\u00e4nger des Calvinismus beziehungsweise im Geiste des Calvinismus erzogene Jugendliche in das P\u00e4dagogium aufgenommen, unterrichtet, nach durchlaufener Ausbildung examiniert und mit der Stelle eines Schulmeisters oder Pfarrers belohnt worden. Von 1576\/77 bis 1583 wurde das Amberger P\u00e4dagogium und sein Internat lutherisch gef\u00fchrt, nach 1583 bis zu seiner endg\u00fcltigen Aufhebung wieder calvinistisch. Mintzel, der aus einer calvinistisch orientierten Familie kam, absolvierte folglich sein p\u00e4dagogisches Studium unter calvinistischer \u00c4gide. Konfession und Konfessionswechsel griffen tief in die Lebensgeschichte und in die Berufschancen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Funktion und Zusammensetzung der Anstalt<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder Kurf\u00fcrst Friedrich III. hatte die konfessionspolitischen Aufgaben dieser h\u00f6heren Bildungsanstalt mit folgenden Worten bestimmt: \u201e\u2026damit k\u00fcnftighin an gottseeligen, selbsterzogenen und bekannten Kirchen- und Schuldienern kein Mangel erscheine und man nicht mit fremden unbekannten, die auch nicht allewege rechtschaffen und qualifiziert zu finden oder aber ungeschickten, ungelehrten und bisweilen auch mit ungesunder Lehre behafteten Kirchendienern, dadurch die Untertanen an geb\u00fchrlicher Seelsorge vers\u00e4umt und gro\u00dfe Uneinigkeit und Verwirrung in weltlichem und geistlichem Regiment notwendig erfolgen w\u00fcrde, sich behelfen m\u00fcsse\u201c(zit. n. Maximilian Weigel 1939, 223). Kurzum: Das kurf\u00fcrstliche calvinische P\u00e4dagogium sollte \u201ezu einer festen Burg kalvinischen Geistes und zu einer Bildungsst\u00e4tte kalvinischer Theologen und Beamten ausgebaut werden\u201c (Maximilian Weigel 1939, 211).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hatte er am 25.11.1564 zur Vorbereitung der Gr\u00fcndung verf\u00fcgt: \u201eEs soll (aber) kein Knabe aufgenommen werden ausser mit Einwilligung seiner Eltern, wenigstens muss er 15 oder 16 Jahre alt sein und die fundamenta Grammatices auch zum Teil wo m\u00f6glich Rhetorices und Dialectices haben.\u201c (zit. n. Denk 1904, 41).<\/p>\n<p>Aus dieser Verf\u00fcgung l\u00e4sst sich in etwa das Geburtsjahr Mintzels erschlie\u00dfen. War er schon 1574 aufgenommen worden, w\u00e4re er etwa im Jahr 1559 geboren worden. Sollte er erst 1576 aufgenommen worden sein, w\u00e4re seine Geburt in das Jahr 1561 zu legen.<\/p>\n<p>Alle Anw\u00e4rter mussten sich einer Eignungspr\u00fcfung unterziehen. F\u00fcr die Aufnahmepr\u00fcfung wurden Grundkenntnisse im Lateinischen vorausgesetzt. (Maximilian Weigel 1939, 213). Das spricht daf\u00fcr, dass die k\u00fcnftigen Z\u00f6glinge in der Regel vorher zumindest die Grundklassen einer Lateinschule besucht haben mussten, um eine Chance zu haben, aufgenommen zu werden. Am Ende der mindestens vierj\u00e4hrigen Schullaufbahn schloss der Z\u00f6gling seine Ausbildung mit einem Examen ab. Er wurde danach feierlich entlassen.<\/p>\n<p>\u201eDie V\u00e4ter der Sch\u00fcler hatten sich bei der Aufnahme ihrer Kinder f\u00fcr den Gehorsam der S\u00f6hne zu verpflichten weiter f\u00fcr deren sp\u00e4teren Eintritt in kurf\u00fcrstliche Dienste und f\u00fcr den Fall des Austritts zum R\u00fcckersatz der aufgewendeten Kosten. Letztere wurden auf 25 Gulden f\u00fcr das Jahr veranschlagt\u201c (Maximilian Weigel 1939, 212).Daraus folgt: Johann Mintzels Vater musste in b\u00fcrgerlichen Lebensverh\u00e4ltnissen gestanden haben, die es ihm erlaubten, diese Kosten auf sich nehmen.<\/p>\n<p>In der Planungsphase war nach kurf\u00fcrstlichem Willen eine Sch\u00fclerzahl um 50 anvisiert worden(Denk 1904, 34). \u201eAnfangs [war es allerdings nur gelungen] 15, 18 und bis 20 Knaben, die gute ingenia [Geist, Genie, Talent, F\u00e4higkeiten \u2013 A.M.] haben, hierher zu verordnen und denselben mit allem notwendigen Unterhalt versorgen zu lassen\u201c (zit. n. Denk 1904, 36). Zur Studienzeit Mintzels d\u00fcrften es schon mehr als zwanzig Sch\u00fcler gewesen sein, die sich auf die vier Klassen verteilten. Auf seinem H\u00f6hepunkt hatte das P\u00e4dagogium 53 Sch\u00fcler. Jedenfalls erfreute sich Johann Mintzel einer privilegierten Ausbildung, die ihn aus der gro\u00dfen Masse der Bev\u00f6lkerung heraushob.<\/p>\n<p>\u201eWer in das P\u00e4dagogium als Sch\u00fcler aufgenommen war, der war versorgt. Die Schule bot ihm nicht nur Unterricht und Verk\u00f6stigung, sondern auch volle Bekleidung, \u00e4rztliche Hilfe durch den Klosterbader oder den Regierungsarzt, s\u00e4mtliche Schulbedarfsgegenst\u00e4nde und Lehrmittel. Wer das P\u00e4dagogium absolvierte hatte, r\u00fcckte nahezu automatisch in das Heidelberger Sapienzkollegium [Universit\u00e4t, A. M.] vor, dessen Insassen ebenfalls volle Verpflegung und Verk\u00f6stigung und au\u00dferdem strenge Beaufsichtigung ihrer Universit\u00e4tsstudien genossen\u201c (Maximilian Weigel 1939, 211f; siehe auch Denk 1904, 43).<\/p>\n<p>Aus diesem Hinweis Maximilian Weigels auf das Heidelberger Sapienzkollegium kann geschlossen werden, dass Johann Mintzel &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 von einem Universit\u00e4tsbesuch in Heidelberg Abstand genommen hat. Bekannt und belegt ist, dass er sich schon wenige Tage vor seinem Schulabschluss am P\u00e4dagogium auf eine Schulmeisterstelle bewarb. Konnte sein Vater ein anschlie\u00dfendes Universit\u00e4tsstudium nicht mehr finanzieren? Ich muss diese Frage dahingestellt lassen.<\/p>\n<p><em><strong>Rekrutierung der Sch\u00fcle<\/strong><strong>r<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nach den Pl\u00e4nen der mit der Gr\u00fcndung beauftragten Kirchendiener sollten die Z\u00f6glinge des k\u00fcnftigen P\u00e4dagogiums im ganzen Land \u00a0vor allem aus zwei Personenkreisen beziehungsweise Bereichen rekrutiert werden: aus der kurf\u00fcrstlichen Beamtenschaft und der Sch\u00fclerschaft der Klosterschulen (Maximilian Weigel, 1939,210). Die Stifte wurden sp\u00e4ter tats\u00e4chlich mit Nachdruck angehalten, begabte Klostersch\u00fcler in die P\u00e4dagogien zu senden. Die Klosterschulen sollten an Stelle der \u201eErw\u00e4hlten\u201c, der mit <em>ingenium<\/em> ausgezeichneten Sch\u00fcler, \u201earme Kinder aus den St\u00e4dten und Flecken\u201c und besonders \u201eder armen Pfarrherrn Kinder und der Klosterunterthanen\u201c aufnehmen. (Denk 1904, 37). Diese Anweisung und sp\u00e4tere Praxis bedeutete f\u00fcr die lateinischen Klosterschulen, und das gilt auch f\u00fcr Johann Mintzels Schuldienst in Speinshart, einen Aufgabenwechsel. Klosterschulen hatten \u201eZubringerdienste\u201c zu leisten. Sie mussten ihre besten Sch\u00fcler abgeben.<\/p>\n<p>Diese Hinweise sind unter der Frage nach der \u00f6rtlichen oder regionalen pf\u00e4lzischen Herkunft Johann Mintzels interessant. Woher kam er? War er ein Amberger B\u00fcrgersohn? Mintzels Vater k\u00f6nnte in Amberg in kurf\u00fcrstlichen Diensten gestanden haben. Wir k\u00f6nnen jedoch nicht v\u00f6llig ausschlie\u00dfen, dass Mintzel aus einer der pf\u00e4lzischen Klosterschulen nach Amberg gekommen ist. Daf\u00fcr k\u00f6nnte seine eigene Herkunftsbezeichnung sprechen, er sei \u201eein Pf\u00e4lzer\u201c. Dagegen spricht allerdings, dass er in amtlichen Korrespondenzen wiederholt als Schulmeister \u201eaus Amberg\u201c bezeichnet wird. Dieser Hinweis k\u00f6nnte nur darauf bezogen gewesen sein, dass Mintzel vom Amberger P\u00e4dagogium gekommen war. Ich muss die Frage nach seiner territorialen und herrschaftlichen Herkunft dahingestellt lassen.<\/p>\n<p>Die Fragen nach seinem Geburtsjahr und nach seiner Einschulung lassen sich dagegen auf einem anderen Wege erschlie\u00dfen und beantworten.<\/p>\n<p>Bekannt und belegt ist, dass Johann Mintzel am 12. Oktober 1580 sein Abschlussexamen absolvierte.\u00a0 Anfangs hatte das P\u00e4dagogium vier Klassen. Sp\u00e4ter kamen anscheinend noch zwei Klassen hinzu, wahrscheinlich nach endg\u00fcltiger Aufl\u00f6sung der Klosterschulen (Maximilian Weigel 1939, 211). Hatte Mintzel nur vier Klassen durchlaufen, war er h\u00f6chstwahrscheinlich im Jahre 1576 aufgenommen worden. Sollten es zu seiner Schulzeit am P\u00e4dagogium schon sechs Klassen gegeben haben, dann w\u00e4re er schon im Jahr 1574 aufgenommen worden.<\/p>\n<p>Aus diesen und anderen Daten l\u00e4sst sich auch auf sein Lebensalter schlie\u00dfen. Er musste vor seiner Aufnahmepr\u00fcfung bereits eine Elementarschule und zumindest die Grundklassen einer Lateinschule besucht haben, also etwa sechs bis acht Schuljahre hinter sich gebracht haben. Bei seiner ersten Einschulung musste er folglich etwa f\u00fcnf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Nach dieser Rechnung w\u00e4re er um 1560\/62 geboren worden. F\u00fcr weitere Recherchen in Kirchenb\u00fcchern k\u00e4me demnach ein Zeitraum zwischen 1559 und 1562 in Betracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was lernte Johann Mintzel im P\u00e4dagogium? <\/strong><strong>Der Unterricht am P\u00e4dagogium<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns ein recht gutes Bild davon machen. Wie immer der Studienplan und das Schulprogramm praktisch umgesetzt worden sein mochten, sie vermitteln uns zumindest einen ungef\u00e4hren Einblick in die Unterrichtsf\u00e4cher, ihre Stoffe und den Tagesablauf des Unterrichts. Die Nutzung des Tageslichtes bestimmte den Zeitplan. Der Unterricht begann im Sommer fr\u00fch um 6, im Winter um 7 Uhr und nachmittags um 12 Uhr. Er umfasste fr\u00fch und nachmittags je drei Stunden. Montag und Dienstag war der Stundenplan derselbe, ebenso Donnerstag und Freitag. Aus einschl\u00e4gigen Quellen entnehme ich folgende Ausk\u00fcnfte:<\/p>\n<p>Nach dem Studienplan von 1569 geh\u00f6rten die beiden Altsprachen, Latein und Griechisch, zum Kernbestand des Unterrichtes. Dabei wurde vorausgesetzt, dass die neu eintretenden Z\u00f6glinge die Basis des Lateinischen hinl\u00e4nglich beherrschten. So konnte sofort mit der Lekt\u00fcre begonnen. Die ersten lateinischen Texte, welche die Sch\u00fcler in die Hand bekamen, waren die Fabeln des \u00c4sop und die Lustspiele des Terenz. Sie wurden wahrscheinlich auswendig gelernt. Mit der Lekt\u00fcre der Lustspiele wurde in die lateinische Umgangssprache eingef\u00fchrt. Beide Schriftsteller dienten in den unteren Klassen zugleich der Ein\u00fcbung in die Grammatik, die vom Lehrer vorgesagt, von den Sch\u00fclern wiederholt und nachgeschrieben wurde. Ein Grammatikbuch erhielten die Sch\u00fcler erst in den oberen Klassen. An der Lekt\u00fcre von Vergils Bucolica wurden die Gesetze der Metrik gelehrt, die L\u00e4nge und K\u00fcrze der Silben, und damit auf den Unterricht in der Prosodie vorbereitet. In den beiden oberen Klassen standen Schriften Ciceros und die \u00c4neis auf dem Stundenplan. Mit Ciceros Schriften sollten die Sch\u00fcler bef\u00e4higt werden am Ende ihrer Ausbildung, wenn sie \u00a0das P\u00e4dagogium verlie\u00dfen, selbst lateinische Aufs\u00e4tze und Reden zu verfassen und ihre Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu Familienfesten, seien es zum Beispiel Kondolationen bei Trauerf\u00e4llen, seien es Hochzeitsgedichte, in gewandten lateinischen Versen auszudr\u00fccken. Die Lekt\u00fcre der \u00c4neis diente der Einf\u00fchrung in die Dichtkunst. Um ihre selbst\u00e4ndige Redefertigkeit in lateinischer Sprache zu schulen, wurden sie in \u201eDialektik\u201c (wir w\u00fcrden wohl Logik dazu sagen) und Rhetorik unterrichtet. Als Lehrb\u00fccher wurden hierf\u00fcr in den beiden oberen Klassen die Grammatik und die Syntax des Reformators Melanchthon benutzt, wie \u00fcberhaupt im ganzen Lehrplan Melanchthons Gedanken und Unterrichtsideale ihren Niederschlag fanden.<\/p>\n<p>Zum Lateinischen kam das Griechische. In den unteren Klassen wurden Elementarkenntnisse vermittelt, in den beiden oberen Klassen systematisch Grammatik gelehrt und ein griechischer Schriftsteller gelesen. (Maximilian Weigel 1939, 213f; siehe auch Denk 1904, 37f). Johann Mintzel hatte somit am P\u00e4dagogium eine gediegene humanistische Ausbildung genossen und zumindest fundierte Kenntnisse in der lateinischen Literatur und Sprache.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber seine Ausbildung in den nichtsprachlichen Unterrichtsf\u00e4chern wissen wir gut Bescheid. \u00a0Dazu z\u00e4hlten die Arithmetik, Astronomie, Physik, Musik und Religion. Unterricht in Arithmetik wurde nur in den oberen Klassen erteilt, und dies nur in zwei Wochenstunden. Er beschr\u00e4nkte sich wohl auf die vier Grundarten des Rechnens. Zwei weitere Wochenstunden wurden im Stundenplan mit \u201eSphaera\u201c bezeichnet. Unter dem Begriff Sphaera wurden Kenntnisse \u00fcber den gestirnten Himmel vermittelt, \u00fcber die Planeten und Tierkreiszeichen und deren angebliche Einfl\u00fcsse auf das Schicksal des Menschen. Die Astrologie hatte damals Hochkonjunktur. In allen Klassenstufen wurde je eine Stunde der Physik gewidmet. Im Musikunterricht waren s\u00e4mtliche Sch\u00fcler beisammen. Eine Stunde war f\u00fcr den \u00a0theoretischen Unterricht reserviert, worunter wohl die Tonarten und m\u00f6glicherweise auch Kompositionsregeln fielen, eine zweite f\u00fcr die praktische Musikpflege, also das Singen im Chor und das Spiel von Musikinstrumenten. Die Sch\u00fcler sollten vermutlich so auf eine sp\u00e4tere \u00a0Mitwirkung in Gottesdiensten vorbereitet werden. Singen im Chor und Chorleitung scheinen, wie wir noch erfahren werden, nicht Mintzels p\u00e4dagogische St\u00e4rke gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Die religi\u00f6se Erziehung im \u201erichtigen Glauben\u201c war in verschiedener Weise allgegenw\u00e4rtig. F\u00fcr den Unterricht in Religion waren ebenfalls zwei Wochenstunden vorgesehen, an denen \u00a0alle Sch\u00fcler gemeinsam teilnahmen. Er wurde von dem calvinischem Stadtpfarrer erteilt, der in der einen Stunde den Heidelberger Katechismus, in der andern das Examen theologicum Melanchthons erkl\u00e4rte. Am fr\u00fchen Sonntagmorgen, vermutlich vor dem Gottesdienst, wurde das jeweilige Sonntagsevangelium in griechischer und lateinischer Sprache gelesen. Am Nachmittag wurde der Heidelberger Katechismus aufgesagt und abgeh\u00f6rt. Jeweils nach dem Essen wurde ein Kapitel der Bibel vorgelesen.<\/p>\n<p>Der Unterricht in Physik, Musik und Religion fand an den Mittwochen und Samstagen statt\u201c (Maximilien Weigel 1939, 214). Die f\u00fcr den Schulgebrauch ben\u00f6tigten Heidelberger Katechismen wurden in den Amberger Druckereien hergestellt. (In einer der zwei Amberger Druckereien k\u00f6nnte Johann Mintzels Sohn Johann Albrecht Mintzel, in den 1610er Jahren seine Druckerlehre absolviert haben).<\/p>\n<p><em><strong>Zwei Wochenstunden mit \u201eSphaera\u201c \u2013 Die Lehre vom geozentrischen Weltbild<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir wissen es nicht genau, d\u00fcrfen es aber beinahe f\u00fcr sicher halten, dass im P\u00e4dagogium der 1560er und 1570er Jahre das kopernikanische Weltbild noch nicht zum Lehrstoff der w\u00f6chentlich zweist\u00fcndigen Lehre von den Sph\u00e4ren geh\u00f6rte. Nikolaus Kopernikus hatte kurz vor seinem Tod (24.05.1543) seine astronomischen Beobachtungen und Kenntnisse in seinem Hauptwerk \u201eDe revolutionibus orbium coelestium libri VI\u201c zusammengefasst und 1543 ver\u00f6ffentlicht und das geozentrische Weltbild in Frage gestellt. Sein heliozentrisches Weltbild hatte sich damit noch lange nicht durchgesetzt. Die alte Lehre von den Sph\u00e4ren folgte noch der Ansicht, die Erde sei im Kosmos der ruhende Punkt, um den sich die Gestirne und mit ihnen die Tierkreiszeichen drehen. Mintzels Weltbild, das ihm im P\u00e4dagogium vermittelt wurde, war h\u00f6chstwahrscheinlich noch weitgehend dem Mittelalter verhaftet. Er verlie\u00df im Oktober 1580 nach bestandenem Examen das P\u00e4dagogium immerhin mit einer gediegenen humanistischen Ausbildung, welche sich zum Beispiel in seiner individuell gut ausgepr\u00e4gten sch\u00f6nen Handschrift in seinen Bittbriefen an die kurpf\u00e4lzische Regierung in Amberg niederschl\u00e4gt. Mintzel war ohne Zweifel ein schreibgewandter Mann.<\/p>\n<p>[Abbildung: Beispiele seiner Bittbriefe]<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Berufsgruppe der Schulmeister: Ausbildung und Arbeitsverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausbildung im calvinischen P\u00e4dagogium bef\u00e4higte Mintzel zur Aus\u00fcbung des Amtes eines <strong>lateinischen<\/strong> Schulmeisteramtes, zu unterscheiden von dem eines <strong>deutschen<\/strong> (Frieb 2006, 187). Deutsche Schulmeister \u00fcbten ihr Amt im st\u00e4dtischen\/\u00f6rtlichen Dienst aus, lateinische in der Regel im kurf\u00fcrstlichen Dienst.<\/p>\n<p>\u201eIn den gro\u00dfen St\u00e4dten bestanden lateinische und deutsche Schulen nebeneinander. In kleineren St\u00e4dten und in M\u00e4rkten waren lateinisch-deutsche Zwergschulen die \u00fcbliche Schulform. Auf dem Lande gab es &#8211; sofern \u00fcberhaupt &#8211; Dorf- oder Mesnerschulen, daneben wurden in Einzelf\u00e4llen sogenannte Maidlinschulen unterhalten, also Schulen (auch?) f\u00fcr M\u00e4dchen, die \u00fcberdies mitunter von Frauen betrieben wurden\u201c (Frieb 2006, 98). In Speinshart handelte es sich wegen der geringen Sch\u00fclerzahl wohl um eine lateinisch-deutsche Zwergschule.<\/p>\n<p>F\u00fcr deutsche Schulmeister gab es keine Ausbildungsvorschriften und Regeln. Den Schuldienst deutscher Schulmeister verrichteten Personen mit ganz unterschiedlichen Berufen und F\u00e4higkeiten oftmals nebenberuflich, zum Beispiel Mesner, Stadt-, Markt- und Gerichtsschreiber. Um deren Lese- und Schreibf\u00e4higkeit war es oft nicht zum Besten bestellt (Frieb 2006, 95, 98, 128 161). Sie mussten keine Lateinkenntnisse haben. Sie wurden von \u00f6rtlichen Amtstr\u00e4gern nach Gutd\u00fcnken in Dienst genommen und besoldet. Je nach \u00f6rtlicher Rechtslage kamen daf\u00fcr grunds\u00e4tzlich verschiedene Stellen in Frage \u2013 Geistliche, Pfleger Kirchpr\u00f6pste, Klosterverwalter, Junker und andere. Bisweilen stellten auch Kantoren ihrerseits gelegentlich in eigener Verantwortung und auf eigenen Kosten Stellvertreter ein (Frieb 2006, 128).<\/p>\n<p>Die Stelle eines Schulmeisters, insbesondere die eines lateinischen, war keine berufliche Sackgasse, keine berufliche Endstation, sondern h\u00e4ufig eine Durchgangs- und Aufstiegsposition. Der Wechsel aus anderen Berufen in eine Schulmeisterstelle und von einer Schulmeisterstelle in h\u00f6here kirchliche Berufe war nicht nur m\u00f6glich, sondern \u00fcblich. \u201eKantoren (bewarben) sich gerne um die Stelle eines Schulmeisters, Schulmeister wiederum um eine Anstellung als Kirchendiener. Es war also eine \u00fcbliche Laufbahn, sich \u00fcber Kantoren- und Schulmeisterdienste zu einer Kaplan- oder Pfarrstelle emporzuarbeiten.\u201c (Frieb 2006, 77 Anm.123). Mintzel h\u00e4tte sich folglich auch um eine Pfarrstelle bewerben k\u00f6nnen, scheint aber gern auf seiner Stelle in Speinshart geblieben zu sein. Er hatte sie immerhin gut drei\u00dfig Jahre inne, von Ende 1580 bis in das Jahr 1611 hinein.<\/p>\n<p>Die diversen Eink\u00fcnfte der Schulmeister konnten aus Geld, Naturalien und Nutzungsrechten, aus festgelegten Entlohnungen f\u00fcr einzelne Verrichtungen, mitunter aus freier Herberge oder aus bestimmten Mahlzeiten im Pfarrhaus oder aus dem Recht auf Durchf\u00fchrung von Sammlungen bestehen. Im Ganzen ist davon auszugehen, dass die Bezahlung der Schulmeister nicht eben gro\u00dfz\u00fcgig bemessen war und auch die Arbeitsbedingungen zu w\u00fcnschen \u00fcbriglie\u00dfen. So erkl\u00e4rt sich zum einen die wiederholten Gesuche um Aufstockung des Einkommens, zum anderen die relativ hohe Fluktuationsrate in dieser Berufsgruppe. F\u00fcr das letztgenannte Ph\u00e4nomen sorgte \u00fcbrigens auch die Tatsache, dass Schulmeisterstellen f\u00fcr Studierte vielfach lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg ins Pfarramt darstellten. (Frieb 2006, 129) Die Berufskarriere Johann Christoph Mintzels, eines Sohnes von Johann Mintzel, war typisch f\u00fcr eine Durchgangsstation: Er wurde nach seinem Studium der Theologie in Leipzig und Frankfurt\/Oder im Jahr 1620 zun\u00e4chst Schulmeister in Freystadt in der Oberen Pfalz, dann, im Jahre 1622, evangelisch-reformierter Pfarrer in Hausheim. Diese Stelle hatte er bis zu seiner Amtsenthebung 1625 inne (siehe zu den Einkommensverh\u00e4ltnissen Frieb 2006 S. 105).<\/p>\n<p>Johann Mintzels Petitionen um \u201eAdditionen\u201c an die kurf\u00fcrstliche Verwaltung in Amberg waren keine Einzelf\u00e4lle, sondern f\u00fcr die schlechtbezahlte Berufsgruppe der Schulmeister allgemein typische und \u00fcbliche Gesuche, um eine Verbesserung ihres Einkommens zu erreichen. In seinen eigenh\u00e4ndig geschriebenen Petitionsbriefen begr\u00fcndet Mintzel ausf\u00fchrlich, warum er sich gen\u00f6tigt sieht, \u201eAdditionen\u201c zu erbitten. Er schildert seine Einkommens- und Lebensverh\u00e4ltnisse im Detail: Sein j\u00e4hrliches Gehalt betrug vierzig Gulden. Dazu kam ein festgelegtes Quantum gew\u00e4hrter Naturalien in Form von Weizen, Hafer und Gerste. F\u00fcr die Ern\u00e4hrung seiner kinderreichen Familie reichte das nur knapp aus. Heute w\u00fcrde man sagen, er und seine Familie lebten vermutlich an der Armutsgrenze. Was Mintzel dennoch hoch einsch\u00e4tzte, war sein freies Wohnen im Speinsharter Schulmeisterhaus. Es lag gegen\u00fcber dem Klostergeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>[Abbildung: Ansicht mit dem Schulmeisterhaus]<\/p>\n<p><em><strong>Mehrfachpflichten und Kompetenzen von Schulmeistern<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Schulmeistern oblagen weitere Aufgaben. Das galt auch f\u00fcr lateinische Schulmeister. Ihre amtlichen Funktionen waren vielf\u00e4ltig, wenngleich uneinheitlich geregelt. So wurde das Amt in Personalunion mit dem des Gl\u00f6ckners ausge\u00fcbt. Sie waren h\u00e4ufig zugleich Mesner, unterst\u00fctzen bei Bedarf den Pfarrer bei Amtshandlungen, leiteten den Kirchenchor, besuchten Kranke, waren zugleich Amts- und Gerichtsschreiber und anderes mehr. Mit Sicherheit l\u00e4sst sich sagen, dass Mintzel in den ersten Jahren nach seinem Amtsantritt nicht als Gl\u00f6ckner t\u00e4tig war. In Speinshart \u00fcbte in dieser Zeit noch ein alter, blinder Gl\u00f6ckner dieses Amt aus (Frieb 2006,128,218, 388). Die Handlungsspielr\u00e4ume und Entscheidungsbefugnisse der Amtsinhaber waren im Einzelnen keineswegs klar definiert und abgegrenzt. Der moderne Verwaltungsstaat war erst im Entstehen. \u00a0Es gab damals keinen Vorbereitungsdienst, in dem angehende P\u00e4dagogen unter Anleitung erfahrener Kr\u00e4fte praktische Erfahrungen h\u00e4tten erwerben k\u00f6nnen. In dieser relativ lockeren Arbeitssituation kam es unter den Amtstr\u00e4gern leicht zu Kompetenzstreitigkeiten. (Frieb 2006, 263, 271, 276, 295, 326ff).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Amtsf\u00fchrung und Lebensf\u00fchrung Johann Mintzels im Spiegel amtlicher Dokumente<\/strong><\/p>\n<p>Kaum hatte Johann Mintzel gegen Ende des Jahres 1580 sein Amt als Schulmeister angetreten, stand dem Stift Speinshart eine Visitation des Amberger Kirchenrates bevor. Am 6. Oktober 1582 \u00fcberpr\u00fcften und beurteilten die Kirchenr\u00e4te, die von der Residenzstadt Amberg gekommen waren, die Amtsf\u00fchrung auch des Speinsharter Schulmeisters.<\/p>\n<p>Der Schulmeister und seine Amtsf\u00fchrung unterstanden damals \u00fcblicherweise der Kirchenaufsicht, also unter der Kontrolle des zust\u00e4ndigen Pfarrers bzw. des Predigers. Zur Amtszeit Mintzels, von 1580 bis 1611, gab es im Amt des Pfarrers zu Speinshart mindestens vier Mal einen Wechsel: 1591, 1595, 1597 und 1602. Man muss in den Pfarrern seine direkten Vorgesetzten sehen. Es waren diese vier: Magister Georg Sch\u00f6nwei\u00df (1577-1591), Magister Konrad Limmer (1591-1595), Magister Johann M\u00fcller (1597-1600) und zuletzt Johann Lucas I. von 1602 bis 1611 (nach Weigel\/Wopper\/Ammon 1967, 219). Das amtliche und private Verh\u00e4ltnis zwischen dem lateinischen Schulmeister und den amtierenden Pfarrern scheint mitunter ein gespanntes gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Der Protokollant der Kirchenvisitation vom 6. Oktober 1582.hielt Folgendes fest (\u00fcbersetzt in unsere gegenw\u00e4rtige Sprache):<\/p>\n<p>\u201eDer Schulmeister ist derzeit Johann Mintzel aus Amberg. Die ehrw\u00fcrdigen Herren Kirchenr\u00e4te haben an seiner Amtsf\u00fchrung bem\u00e4ngelt, dass er zeitweise s\u00e4umig und abwesend [aus\u00dfl\u00e4uferisch] sei. Er sei ohne Wissen [oder Kenntnis] des Pfarrers unterwegs. Er habe sich aber nach einer Abmahnung ein wenig gebessert. Die Kirchenr\u00e4te hoffen, dass er k\u00fcnftig mit Flei\u00df sein Amt versehen werde. Er ist angehalten worden, flei\u00dfig zu sein, sonst fiele er in Ungunst. Mintzel unterrichtet etwa sieben Sch\u00fcler, im Winter seien es mehr. Dazu kommen zwei oder drei M\u00e4dchen. Er lehrt sie den Katechismus in Deutsch und Lateinisch, bringt ihnen Schreiben und Lesen bei und \u00fcbt und dekliniert mit ihnen [mit dem Katechismus} Grammatik. Mintzel soll den Chor leiten, sei aber sehr unachtsam im Gesang.<\/p>\n<p>Der Pfarrer [des Stiftes] visitiert die Schulen, was der Schulmeister nicht dulden soll. Er [Mintzel] hat gesagt, der [Pfarrer] unterstehe sich mehr als ihm befohlen worden sei. Der Pfarrer \u00fcberschreite seine Kompetenzen. Ansonsten sei er [Mintzel] mit der Wohnung zufrieden und bereit, so viel es ihm m\u00f6glich sei, mit seinem Flei\u00df das Vers\u00e4umte nachzuholen\u201c(Oberpf\u00e4lzer Religions- und Reformationswesen 52, fol.206; Mintzel 2011, I. 26ff; Frieb 2006, 108f, 213, 222).<\/p>\n<p>Aus dem oben zitierten Visitationsprotokoll geht klar hervor, dass Mintzel nur wenige Sch\u00fcler aus dem d\u00f6rflichen Speinshart und den umliegenden D\u00f6rfern zu unterrichten hatte. In den Pfarreien waren die Schulverh\u00e4ltnisse extrem unterschiedlich. In gro\u00dfen\u00a0 st\u00e4dtischen Pfarreien bewegten sich die Sch\u00fclerzahlen zwischen 60 und 100, an kleineren Orten zwischen 40 und 50, an d\u00f6rflichen Orten wie Speinshart etwa zwischen 10 und 20. Die Zahlen variieren vor allem auf dem Lande saisonal stark. Viele Kinder blieben in der Erntezeit der Schule fern, sie mussten bei der Ernte helfen (Frieb 2006, 138f, 179, 220, 258). Im Falle Speinsharts handelte es sich also faktisch um eine Art lateinisch-deutscher Zwergschule. Der lateinische Schulmeister Mintzel, so k\u00f6nnte man sagen, war in seinem Amt nicht ganz ausgelastet und unterfordert.<\/p>\n<p>Auch sein Pflichtunterricht f\u00fcr Erwachsene im Katechismus war h\u00f6chstwahrscheinlich wenig besucht. Viele Erwachsene dr\u00fcckten sich davor. Das Interesse an Glaubensfragen war unter der Landbev\u00f6lkerung nicht wirklich ausgepr\u00e4gt (Frieb 2006, 271, 245). Mintzel stie\u00df auf einen breiten Unwillen rings um Speinshart, sich mit religi\u00f6s-konfessionellen Lehrfragen zu befassen und an der Religionslehre zu beteiligen. Vielerorts wurde \u00fcber einen schleppenden und geringen Kirchgang geklagt. Die Kirchgangh\u00e4ufigkeit hing nat\u00fcrlich von der Jahreszeit ab, von der Witterung, von der Entfernung zwischen Wohnort und Kirche, aber auch von der Person des Pfarrers. Die Wege zur Kirche waren zum Teil schwer begehbar. Entsprechend schwankend war der Wille der Eltern, ihre Kinder in die Schule und in die kirchliche Kinderlehre zu schicken. Es gab noch keine ausgepr\u00e4gte allgemeine Schulpflicht. In dieser Situation allgemeiner religi\u00f6ser Widerst\u00e4nde und Verwahrlosung konnte es leicht zu Zwistigkeiten zwischen Pfarrern und Schulmeistern in der Einsch\u00e4tzung des Notwendigen oder M\u00f6glichen kommen.\u00a0 Mintzels Widerwillen gegen die von ihm f\u00fcr \u00fcbergriffig gehaltenen Einmischungen des in Speinshart schon seit 1577 t\u00e4tigen Pfarrers Georg Sch\u00f6nwei\u00df, dem die Kirchenaufsicht \u00fcber das Schulwesen oblag, r\u00fchrte wohl von Differenzen in der Einsch\u00e4tzung her. Der Neuank\u00f6mmling und Amtsanf\u00e4nger Mintzel versuchte anscheinend seine Kompetenzen abzustecken und geriet dar\u00fcber mit Sch\u00f6nwei\u00df in Streit. Mit den Jahren d\u00fcrften sich beide jedoch arrangiert haben.<\/p>\n<p>Bei sp\u00e4teren Visitationen des Stiftes Speinshart (1597, 1598, 1602) wurde bem\u00e4ngelt:<\/p>\n<p>Zu Speinshart werden die Bettage nicht flei\u00dfig (\u201eohnvleissig\u201c) besucht. Es seien deshalb Erkundigungen einzuziehen, ob Verbesserungen eintreten oder nicht. Wiederum werde dort das Abendmahl \u201efahrl\u00e4ssig gebraucht\u201c, und die Kinder werden nicht flei\u00dfig zur Kinderlehre geschickt. Ob dieser Mangel korrigiert werde, sei zu erkunden. Der Schulmeister [Mintzel] sei nicht flei\u00dfig (\u201eohnvleissig\u201c), trinkt gern und sei z\u00e4nkisch (? schwer lesbar) mit den Nachbarn zu [Tremmers] \u2026dorf. (unleserlich). (Oberpf\u00e4lzer Religions- und Reformationswesen 2, fol.396v)<\/p>\n<p>Mintzel hatte vermutlich \u00c4rger mit Eltern aus benachbarten D\u00f6rfern gehabt, weil sie ihre Kinder nicht zur Schule und zur Kinderlehre schickten. Als Schulmeister war er verpflichtet, Eltern dazu anzuhalten und zu ermahnen. Er hatte sicher mit vielen Widrigkeiten zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Exzessives Biertrinken und Trunksucht<\/strong><\/p>\n<p>Damals war exzessives Biertrinken allgemein \u00fcblich, erst recht nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben. Trunksucht war in allen St\u00e4nden und Kreisen verbreitet. In den Protokollen der Kirchenvisitationen wird oftmals auf den gro\u00dfen Bierkonsum hingewiesen. Das galt im Grunde f\u00fcr alle Berufsgruppen im Dienste der Kirche. Der protokollarische Vermerk, \u201eer trinkt gern\u201c, muss aber nicht zwingend als ein Hinweis auf exzessives Trinken verstanden werden. Jedenfalls scheinen Trunksucht und anst\u00f6\u00dfiger Lebenswandel auch unter Geistlichen und anderen Kirchendienern verbreitet gewesen sein. Ich zitiere aus neueren und neuesten Forschungsberichten:<\/p>\n<p>\u201eNeben einigen positiven \u00c4u\u00dferungen zum Lebenswandel der Geistlichen war von den Lastern dieser Personengruppe \u00a0[in Visitationsprotokollen] vergleichsweise h\u00e4ufig die Rede: Sei es, dass der Hausstand eines Pfarrers Ansto\u00df erregte, sei es, dass ein Pfarrer, obwohl er nicht viel vertrug, trank und daraufhin unangemessene Reden f\u00fchrte und sich liederlichen Dingen zuwandte, dass ein anderer zwar gern trank und spielte, ohne dass das jedoch bei ihm auch nur die mindeste Streitsucht hervorrufen w\u00fcrde oder dass der Zank mit der Ehefrau oder mit dem Nachbarn allzu sehr in der Luft lag\u201c (Frieb 2006, 279).<\/p>\n<p>\u201eSolange ein Pfarrer dabei innerhalb seiner eigenen vier W\u00e4nde blieb, war man geneigt, sein Verhalten zu dulden; als sehr viel gravierender hingegen wurde es erachtet, wenn er sich in der \u00d6ffentlichkeit, also bei Tauf- und Hochzeitsfeierlichkeiten oder im Wirtshaus, betrank\u201c (Frieb 2006, 219).<\/p>\n<p>Interessant ist ein Visitationsbericht \u00fcber das Verhalten des Speinsharter Pfarrers Sch\u00f6nwei\u00df und seines Tremmersdorfer Amtsbruder. Der Bericht gibt uns zugleich einen unmittelbaren Einblick in die Alltagswelt Mintzels, der ja mit beiden verkehrte. Im Protokoll \u201ewurde ausdr\u00fccklich vermerkt, dass man den Pfarrer von Speinshart nota bene nur dann im Wirtshaus antreffe, wenn sich dort auch ein anderer Pfarrer aufhielt. In \u00e4hnlicher Weise pflegte sein Kollege aus Tremmersdorf die Wirtschaft nur dann aufzusuchen, wenn er von Nachbarn dazu eingeladen wurde\u201c (Frieb 2006, 219; Oberpf\u00e4lzer Religions- und Reformationswesen, Bd. 52, fol.205 \u2013 207 [Speinshart] und fol. 208 \u2013 209 [Tremmersdorf]).<\/p>\n<p>Es gab unter dem strengen Kirchenregiment eine gegenseitige Kontrolle bis tief in das Privatleben hinein, zumal in einer so kleinen Dorfgemeinschaft wie Speinshart, die vermutlich weniger als 200 Seelen z\u00e4hlte. Jeder kannte jeden. Es gab keine Anonymit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Lebenswirklichkeit, Orthodoxie und unerw\u00fcnschte Sitten und Gebr\u00e4uche<\/strong><\/p>\n<p>Mintzel lebte, wie viele Berichte drastisch zeigen, in keiner \u201eheilen Welt\u201c mit lauter frommen B\u00fcrgern. Ganz im Gegenteil, seine Erlebniswelt war voll praller \u201eS\u00fcndhaftigkeit\u201c und Widerborstigkeit gegen die obrigkeitlichen Vorschriften, gegen die von der Obrigkeit erwartete und geforderte Glaubenspraxis und vor allem gegen das Kirchenregiment. Er selbst nahm vermutlich an mancher unerw\u00fcnschten T\u00e4tigkeit und Belustigung teil. Viele Berichte aus damaliger Zeit, vor allem kirchliche Visitationsberichte, vermitteln ein derbes Treiben der Untertanen. Die landeshistorische Forschung tr\u00e4gt dazu eine F\u00fclle von Beispielen bei, die uns in Mintzels Lebenswirklichkeit und Alltag zur\u00fcckversetzen:<\/p>\n<p>\u201eObwohl Volksbelustigungen wie Kirchweihfeiern, Tanzveranstaltungen und Fastnachttreiben zu calvinischer Zeit offiziell unterbunden worden waren, und auch unter Ludwig VI. nicht gerne gesehen waren, bestanden sie weiter. Zu den Faschingsbr\u00e4uchen z\u00e4hlten auch damals schon das Verkleiden, das Ringelstechen, das St\u00fcrmen des Rathauses, das Backen von Kucheln, das Pflugziehen oder das Verbrennen von Strohpuppen (&#8230;) Allen Verboten zum Trotz zogen um Weihnachten und Neujahr in weiten Teilen des Landes die Neujahrssinger oder G\u00f6llner mit einer Glocke und einem Stern durch die Gemeinden\u201c (Frieb 2006, 98).<\/p>\n<p>\u201eWeitverbreitete \u00dcbel scheinen vorehelicher Geschlechtsverkehr und Leichtfertigkeit in der Ehemoral gewesen zu sein: So wurde von einem Fall eines unehelichen Kindes mit unbekanntem Vater berichtet, ferner von einer k\u00fcrzlich erfolgten Taufe zweier Hurenkinder und einer unrechtm\u00e4\u00dfig geschlossenen, da zuvor nicht verk\u00fcndeten Ehe. Ebenfalls namentlich benannt wurden Personen, die sich Verst\u00f6\u00dfen wie Unzucht, Misshandlung der Ehefrau, Streitsucht Trunksucht, Verschwendung oder Wucher schuldig gemacht hatten oder auch durch Gottesl\u00e4sterung oder langes Fernbleiben von der Kirche aufgefallen waren\u201c (Frieb 2006, 166).<\/p>\n<p>\u201eEher weltlicher Natur waren die folgenden verbreiteten \u00dcbel: Ungehorsam, Widerspenstigkeit und Leichtfertigkeit, Streitsucht, Fluchen du Schelten, ungezogenes und sch\u00e4ndliches reden, Spielen und V\u00f6llerei, Trunksucht und ausgiebiger Wirtshausbesuch sowie insbesondere das ungeh\u00f6rige n\u00e4chtliche Treiben auf Stra\u00dfen und in Gassen (&#8230;) Massiv angeprangert wurde ferner die Unzucht in all ihren Spielarten \u2013 wie allgemeine Geringsch\u00e4tzung der Ehe, Zusammenleben vor der Eheschlie\u00dfung, vorehelicher oder unehelicher Geschlechtsverkehr und Ehebruch\u201c (Frieb 2006 180f, vergleiche hierzu auch 259, 272).<\/p>\n<p>\u201eNegativ ins Auge fielen den Vorgesetzten neben religi\u00f6ser Nachl\u00e4ssigkeit das Aufsuchen von Tanzveranstaltungen und das Betreiben von Spielen auch und grade zur Zeit der Kinderlehre sowie die Unbest\u00e4ndigkeit und der Eigensinn speziell des Gesindes. Des \u00d6fteren kamen dar\u00fcber hinaus F\u00e4lle von Untreue und Ehebruch vor\u201c (Frieb 2006, 238).<\/p>\n<p>\u201eFluchen und gottesl\u00e4sterliche Reden scheinen ebenso wie mangelnder Respekt vor der Geistlichkeit sehr verbreitet gewesen zu sein\u201c (Frieb 2006, 235). Alles in Allem kommen uns diese Berichte und Klagen doch sehr modern vor.<\/p>\n<p>In der sittlichen Lebensf\u00fchrung und in den Ausw\u00fcchsen scheint es ein gewisses Stadt-Land-Gef\u00e4lle gegeben zu haben (Frieb 2006, 195). Jedenfalls lassen Visitationsberichte darauf schlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Amberger Verh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Die Amberger Herkunft Mintzels und seine Ausbildung am P\u00e4dagogium machen die Schilderungen Amberger Verh\u00e4ltnisse besonders interessant.<\/p>\n<p>\u201eUnzucht, Leichtfertigkeit in verschiedenen Situationen \u2013 wie etwa beim Baden in der Vils oder bei Bauernhochzeiten \u2013 waren zum Leidwesen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit ebenso gemein wie zu fr\u00fches <em>Zusammenbetten<\/em> von Paaren oder gar das Schw\u00e4ngern vor der Hochzeit. Und auch bei schlechten Ehen oder Misshandlungen von Frauen, die daraufhin zum Teil ihre M\u00e4nner verlie\u00dfen, handelte es sich um keine Einzelf\u00e4lle. Kinder, die ihr str\u00e4fliches Verhalten freilich von ihren Eltern \u00fcbernommen haben mochten, benahmen sich b\u00f6se und ungehorsam gegen Vorgesetzte, S\u00f6hne hielten ihre Eltern schlecht und behandelten diese mit Beschimpfungen und Schl\u00e4gen; Eltern schickten umgekehrt ihre Kinder auf die Stra\u00dfe, um zu betteln \u2013 wom\u00f6glich um das durch Trinkgelege verlorene Geld zu ersetzen. Auch war die Stadt offenbar nicht arm an streits\u00fcchtigen Frauen, an M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngern und Bettlern, an Mutwilligen und Unfl\u00e4tigen, unter denen der Anteil fremder Handwerksgesellen besonders hoch gewesen sein soll. M\u00e4nner hielten sich, bevorzugt bei Nacht und zur Marktzeit, l\u00e4ngere Zeit und unter Geschrei in den Wirtsh\u00e4usern auf, w\u00e4hrend ihre Familien zuhause wom\u00f6glich darben mussten. Sch\u00e4ndliches Reden, Schreien und Schelten waren ebenso verbreitet wie Schw\u00f6ren, Fluchen und Gottesl\u00e4sterung. Als Beleg f\u00fcr die sittliche Verfasstheit der Stadtbev\u00f6lkerung wurde angef\u00fchrt, dass bereits im laufenden Jahr etliche uneheliche Kinder zur Welt gebracht worden seien. Die diversen Amtstr\u00e4ger sprachen immer wieder davon, dass es in der Stadt Personen gebe, die mit Zauberei, Magie und allerlei sonderbaren K\u00fcnsten Umgang h\u00e4tten\u201c (Frieb 2006, 195f). Lesen wir solche und \u00e4hnliche Berichte nicht jeden Tag in der Heimatpresse?<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass die Z\u00f6glinge des kurf\u00fcrstlichen P\u00e4dagogiums, die sp\u00e4ter vorbildhaft die calvinische oder lutherische Lehre festigen und verbreiten sollten, im Internat unter strenger Kontrolle gestanden hatten und Tag und Nacht zu eiserner Disziplin und Gehorsam angehalten worden waren. Ob diese Abschirmung vor der s\u00fcndigen Au\u00dfenwelt wirklich hermetisch dicht gewesen war, darf bezweifelt werden. Der Preis ihrer vollen Rundumversorgung war in der Anstalt der einer asketischen Ausbildung und Lebensf\u00fchrung gewesen. In die \u201eWelt drau\u00dfen\u201c entlassen mussten sich die ehemaligen Z\u00f6glinge rasch zurechtfinden und gerieten selbst leicht in prek\u00e4re Situationen.<\/p>\n<p><em><strong>In Ansehung seiner flei\u00dfigen Amtsf\u00fchrung <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Schulmeister Mintzel, \u00fcber den berichtet wurde, er tr\u00e4nke gern, scheint in der \u00d6ffentlichkeit nicht sonderlich auff\u00e4llig geworden zu sein. Vielleicht war er, wenn er sich, ohne sich abzumelden, \u201eau\u00dfl\u00e4uferisch\u201c von Speinshart entfernt hatte, anderenorts in eine Wirtschaft oder auch nur in der sch\u00f6nen Umgebung spazieren gegangen. Ein Trunkenbold scheint er jedoch nicht gewesen zu sein. Das w\u00e4re der Obrigkeit sicher zu Ohren gekommen. Seine sp\u00e4teren Bittschriften mit Gesuchen um \u201eAdditionen\u201c wurden in den Jahren 1591, 1606, 1607, 1608, 1609 und 1610 von der Obrigkeit mit Ausnahme der ersten von 1591 jedes Mal positiv beschieden. In den Begr\u00fcndungen wurde wiederholt ausdr\u00fccklich auf Mintzels gute Amtsf\u00fchrung und Flei\u00df hingewiesen. Die Bewilligung eines Zuschusses f\u00fcr das Jahr 1606 wurde zum Beispiel am 15. August 1606 mit der Bemerkung begr\u00fcndet:<\/p>\n<p>\u201e\u2026um seines uns ber\u00fcmbten Flei\u00dfes auch an die 20 Jahr geleister diensts willen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Und 1609 wird Mintzels Bittgesuch um eine Addition mit den Worten beschieden:<\/p>\n<p>\u201e\u2026haben wir in ansehung seiner langwierigen [langw\u00e4hrenden \u2013 A.M.] Diensten und geclagten d\u00fcrfftigkeit gn\u00e4dig bewilligt\u2026\u201c<\/p>\n<p>Mintzels Gesuche und die amtlichen Stellungnahmen und Verf\u00fcgungen weisen ihn ohne Zweifel als einen gut beleumundeten und seinen dienstlichen Pflichten gen\u00fcgenden kleinen Staatsbeamten aus. Seine Lebens- und Amtsf\u00fchrung gaben keinen Anlass, ihm Extrazusch\u00fcsse in Form von wenigen Gulden und Naturalien zu verweigern.<\/p>\n<p>Speinshart war von Anfang an eine Ortschaft mit nur wenigen Insassen. Es behielt seinen idyllischen, architektonisch in sich abgeschlossenen Charakter \u00fcber viele Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>[Abbildung: Postkartenansicht der 1960er Jahre]<\/p>\n<p>\u00dcber lange Zeit z\u00e4hlte es wohl h\u00f6chstens 200 bis 300 Seelen. Heute leben dort knapp \u00fcber 1000 Personen. Ich habe einen \u201enobody\u201c der langen Stifts- und Ortsgeschichte aus dem Dunkel der Vergangenheit hervorgeholt, meinen direkten Vorfahren Johann Mintzel. Er, der Pfarrer, der Richter, der Gerichtsschreiber und wenige andere Personen hatten am Ort zu den gebildeten Honoratioren geh\u00f6rt. Sie waren die studierten Herren, die lesen und schreiben konnten und die Sprache der Gelehrten, das Lateinische, leidlich beherrschten. Ihren schriftlichen Hinterlassenschaften verdanke ich tiefe Einblicke in die Lebens- und Erlebniswelt vergangener Zeiten. Ich schreibe gegen das Vergessen und vergessen zu werden an. Alles ist Windhauch. \u201eEine Generation kommt und eine Generation geht (\u2026) Da gibt es keine Erinnerung an die Fr\u00fcheren. Und an die K\u00fcnftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die sp\u00e4ter sein werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur (Auswahl): <\/strong>Denk, Julius: Zwei ehemalige Lehr- u. Erziehungsanstalten Ambergs, Amberg 1904; Katharina Frieb, 2006, Kirchenvisitation und Kommunikation. Die Akten zu den Visitationen in der Kuroberpfalz unter Ludwig VI. (1576-1583) Verlag C.H. Beck. Maximilian Weigel, 1967: Ambergisches Pfarrerbuch, Kallm\u00fcnz.<\/p>\n<p>Krebs, F.: Das deutsche Schulwesen Ambergs von den Anf\u00e4ngen im 15. Jahrhundert bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Amberg 1931; Hartig, M.: Kloster Speinshart. Kleine Kunstf\u00fchrer. M\u00fcnchen: Schnell 1951; Motyka, Gustav,1972: Das Kloster Speinshart, Weiden 1972; G\u00f6tz, J. B.: Die religi\u00f6sen Wirren in der Oberpfalz 1576-1620; Ammon, Hans: Beitr\u00e4ge zu einem Schulmeisterlexicon Oberpfalz. Neuausgabe, bearbeitet von Georg Paul. Familienkundliche Beitr\u00e4ge Nr. 39, 2006; Scherl, Josef,1940: Die Grundherrschaft des Klosters Speinshart, Neudruck; Weigel, Maximilian: Beitr\u00e4ge zu einer Geschichte des kurf\u00fcrstlichen P\u00e4dagogiums in Amberg, 1939;<\/p>\n<p>Archivalien: Staatsarchiv Amberg, Oberpf\u00e4lzer Religions- und Reformationswesen 2 (folio 396v), 52(folio 205-207, 208-209), 55,922,923 Ambergische Kirchenratsprotokolle 1577-1581;<\/p>\n<p>Meine bisherigen Forschungsergebnisse und Quellenbelege habe ich zusammengefasst in:<\/p>\n<p>Alf Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie: Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag. Ein Familienunternehmen in f\u00fcnf Jahrhunderte, Bd. I: Vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg bis 1800, XXII, 693 Seiten; Bd. II: Von 1800 bis zur Gegenwart, XXV, 895 Seiten. Duncker &amp; Humblot: Berlin, 2011.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich stehen sie vor mir \u201eEine Generation kommt und eine Generation geht\u201c (\u2026) Da gibt es keine Erinnerung an die Fr\u00fcheren. Und an die K\u00fcnftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die sp\u00e4ter sein werden.\u201c So spricht der Prediger Salomon. 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