I. Ein vorläufiger Überblick

Mein Essay zum bildnerischen Schaffen des Hannoveraner Malers und Grafikers Jürgen Krengel (geb. 1935) kann nicht sehr viel mehr sein als eine vorläufige Annäherung und erste Einführung. Ich versuche dabei mit dem Künstler in einen Dialog zu treten und lasse ihn bei meinen Betrachtungen selbst zu Wort kommen, um mögliche Fehlinterpretationen auszumachen.
Krengels Werk umfasst viele Hundert Bilder. Es besteht aus Zeichnungen, Aquarellen, Radierungen, Litho-grafien und Ölbildern. Er bedient sich fast ausschließlich klassischer bildnerischer Techniken und Mittel, die er virtuos beherrscht. Handwerkliche Könnerschaft und Sicherheit gehören zu seinem künstlerischen Anspruch. In den letzten Jahren hat er sich auch an digitalen Techniken erprobt und, wie eine kleine Publikation (2006/2007) von sieben aquarellierten Zeichnungen als Digitalprints zeigt, interessante Ergebnisse erzielt. Ein in Jahrzehnten gewachsenes, bisher wenig bekanntes und unerschlossenes Oeuvre verlangt für eine interpretierende Beschreibung zunächst einen Gesamt-überblick. Bevor ich also auf einzelne Werkgruppen zu sprechen komme und diese an Beispielen abhandle, will ich sie erst einmal benennen und vorstellen. Unter Gesichtspunkten der Entstehungsgeschichte, der Bild-ideen, der Themen und der Machart lässt sich das Werk in vier große Gruppen und in jeweilige Untergruppen gliedern:

I.: Frühe Arbeiten aus der Studienzeit an der Werkkunstschule Hannover (1954 – 1957) und an der Akademie der bildenden Künste Hamburg (1958/59).

II.: Stillleben als Bühne – Die Bühne der Dinge. Radierungen und Ölbilder seit 1974.

III.:  Landschaften und Orte als Stillleben. Radierungen und Ölbilder aus fünf Jahrzehnten.
 
IV.: Zeichnungen und Aquarelle als Studien und Vorarbeiten zu den Werkgruppen II und III aus der Zeit von 1955 bis heute.

Viele Motive kehren mehrfach variiert wieder: als Bleistiftzeichnung, als Tuschzeichnung, als Kreide-zeichnung in Schwarzweiß und auch mit Farbkreiden oder Aquarellstiften koloriert, als Radierung meist mit Strichätzung, selten als Farbradierung. Die Formate reichen von der Miniatur bis zum Großformat. Am Ende der grafischen Variationen steht vielfach die Aus-führung in Öl (Abb. II, 9). So gut wie jedes Motiv durchläuft diesen Prozess zum fertigen Bild. Diese fast durchgängigen bildnerischen Werdegänge erschweren eine scharfe und stimmige Abgrenzung der Werk-gruppen II, III und IV, und dies auch nach einer chronologischen Ordnung. Ältere Motive werden wieder aufgenommen und variiert, manchmal auch übermalt und mit neuen kompositorischen Elementen versehen. Eine weitere Schwierigkeit ist damit gegeben, dass Krengel  seine Werke selten betitelt. Man muss, um sie beschreiben zu können, sich vorläufig mit Behelfs-titeln begnügen und sie nach Motiven gruppieren, wie es in diesem Überblick und im Bildteil geschieht. Später müsste wenigstens ein numerisches Ordnungsprinzip eingeführt werden. Es gäbe wohl zu einzelnen Werken und vielleicht auch zu einzelnen Gruppen von Arbeiten Fragen an den Künstler vorzutragen. Doch wer sachverständig kritisieren will, muss Krengels Werk erst sehen und verstehen lernen.

Der Verfasser teilt mit Jürgen Krengel zwei höchst kreative Studienjahre an der Werkkunstschule Hannover (1955/57). Daraus ist eine über sechs Jahrzehnte währende Freundschaft entstanden und in vielen Gesprächen gewachsen.