3. Ein einzigartiger Fund und seine merkwürdige Geschichte

 „Deliae Hasenjagt“, 1625, im Weltkatalog  

Es gibt einzigartige Dinge und Ereignisse, Merkwürdigkeiten also, die buchstäblich dokumentiert und erzählt werden wollen. So ein Ding ist ein Druckwerk aus dem Jahr 1625, das laut Weltkatalog (WorldCat) rund um den Globus nur noch einmal existiert und in einer einzigen öffentlichen Bibliothek aufbewahrt wird. Aber in welcher und wo? Der Standort wird nicht genannt. Es handelt sich um eine Schrift, so viel geht aus dem Eintrag im Weltkatalog zweifelsfrei hervor, die zu Ehren der Brautleute Johann Albrecht Mintzel und Maria, geborene Hase, gedruckt worden ist. Das Brautpaar wurde 1625 in Leipzig getraut. Und noch eine Tatsache verrät die im Eintrag stark gekürzte barocke Titelei: Sie ist von der „löblichen, damals in der Grossianischen Druckerei in Arbeit stehenden Gesellschaft“ zu Leipzig verfasst und vermutlich auch gedruckt worden. Es handelt sich also, so könnte man glauben, um eine Art Festschrift der gesamten Belegschaft der Verlagsdruckerei Große zu Ehren des Brautpaares. Doch was ist ihr Inhalt? Es trägt den rätselhaften Haupttitel: „Deliae Hasenjagt.“ Der Katalog gibt nichts Näheres preis. Die Anspielung ist allerdings leicht zu erraten. Die Braut ist gemeint, die aus einer Leipziger Familie namens Hase stammt. Delia, die Göttin der Jagd, jagt Hasen. Welche Geschichte mag sich hinter dieser Anspielung verbergen? Der bibliografische Eintrag im Weltkatalog, auf den ich im Jahr 2011 ganz zufällig beim Surfen im Internet stoße, versetzt mich in Spannung. Wie komme ich an das Druckwerk heran? Was kann ich, sollte ich es finden, daraus entnehmen? Werde ich seinen Inhalt entschlüsseln können?

Der Leipziger Bürger und Buchdrucker Johann Albrecht Mintzel (1600-1653) und seine Ehefrau Maria (1602-1679) sind in direkter Linie meine Vorfahren. Ich kenne ihre Lebensgeschichten bis in viele Einzelheiten hinein und weiß, dass sie in Leipzig am Sonntag, dem 12. Juni 1625 Hochzeit gefeiert haben. Doch was hat die Hasenjagd der Delia für eine besondere Bewandtnis? Meine Recherche beginnt.

Der nächste Schritt führt mich in die Universitätsbibliothek Passau. Ich lasse über den Leihverkehr nach dem Druckwerk suchen. Wie und wo ist es aufzufinden? Selbst die professionellen Bibliothekarinnen kommen ihm schwer auf die Spur. Nach wochenlangen Recherchen werden sie fündig. Die Überraschung ist groß: Das einzige noch existierende Exemplar wird in der British Library London aufbewahrt. Wie war es einstmals von Leipzig dorthin gelangt? Sieben Wochen nach meiner Bestellung im Fernleihverkehr trifft das Digitalisat aus London ein. 386 Jahre nach dem gefeierten Ereignis kommt der Druck wieder zum Vorschein.

[Abbildung: Titelblatt  des Druckwerks]

Das Druckwerk

Das Druckwerk hat Quartformat und umfasst insgesamt zwölf nicht nummerierte Seiten: das Titelblatt, eine Leerseite und zehn in Fraktur gesetzte Textseiten. Ich sehe sofort, dass es sich nicht, wie ich vermutet hatte, um eine historische Beschreibung der Hochzeit handelt, sondern um ein Gedicht mit 290 Verszeilen, das die Belegschaft der renommierten Leipziger Verlagsdruckerei Grosse im Juni 1625 verfasst und wohl „heimlich“ gedruckt hat. Darin schildern die Druckergenossen Johann Albrecht Mintzels, der am 2. Mai 1625 die Grossesche Verlagsdruckerei gepachtet hatte, in Anlehnung an Bilder der griechisch-römischen Mythologie zwei Liebesdramen. Literaturhistorisch besehen zählt dieser Text zur Gattung der Gelegenheitsgedichte. Im 17. Jahrhundert war es in adeligen und vornehmen bürgerlichen Kreisen üblich, in Anknüpfung an antike Muster und Traditionen aus lebens- und berufsgeschichtlich wichtigen Anlässen Gedichte zu verfassen, so bei Todesfällen, Hochzeiten, Taufen, Bestallungen, öffentlichen Ehrungen, dynastisch-politischen Huldigungen und anderen Ereignissen. In akademischen bürgerlichen Kreisen wurden Gelegenheitsgedichte vielfach in deutscher Sprache verfasst. Auch in Buchdruckerkreisen, die sich als „gebildetes Handwerk“ verstanden, wurde diese Tradition gepflegt, und auch Johann Abrecht Mintzel trat mit zahlreichen Gelegenheitsgedichten hervor (Alf Mintzel, 2011, Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, S.210-225).

Das Hochzeitsgedicht ist im damals beliebten Versmaß des Alexandriners verfasst. Verszeilen mit zwölf Silben wechseln mit dreizehnsilbigen Zeilen ab. Neben der literaturhistorischen Einordnung und poetologischen Analyse interessieren mich in diesem Fall besonders der reale Kern und der konkrete soziale Kontext, die in der mythologischen Verpackung verborgen sein könnten. Welche Tatsachen und Zusammenhänge haben die Verfasser in ihrem Hochzeitsgedicht angesprochen? Ich begebe mich auf die analytische Dekodierung des Inhalts und stelle dazu zunächst den gedruckten Originaltext in transkribierter Form vor.

In den Buchwissenschaften sind kritische Stimmen verstummt, die meinten, es bedürfe keiner Transkription alter Druckwerke.[1] Angesichts der Tatsache, dass heutzutage die wenigsten Leser in Fraktur gedruckte Schriften noch lesen können und nachwachsenden Generationen dieser Schrifttypus völlig fremd sein wird, scheint es mir unbedingt notwendig, den alten Text zu transkribieren und seine sprachlichen Eigenart verständlich zu machen. Deshalb sei zunächst der Text des Hochzeitsgedichtes in einem jedermann geläufigen modernen Schrifttypus wiedergegeben und mit kurzen Erläuterungen versehen. Er dient im Anschluss daran der inhaltlichen Interpretation.

Transkribierter Originaltext

DELIAE Hasenjagt.

Dem Erbarn / Wolgeachten vnd Kunstreichen

Herrn

JOHANNI – ALBERTO

MINZELIO, Bürgern vnd Buchdru=

ckern in Leiptzig /

Als er mit der

Erbarn vnd Vieltugendreichen Frawen

MARIA,

Des Ersamen Andreæ Hasens / Bürgers vnd

Meurers daselbst Eheleiblichen Tochter. Zuvor aber des

Ersamen Michael Weidlichs auch weyland Bürgers vnd

Meurers hinderlassenen Wittib

Den 12. Junij Anno 1625. seinen hochzeitlichen

Ehrentag begieng /

Zu sonderlichen Ehren vnd gefallen beschrieben

Von

Der löblichen / damals in der Grossianischen Druckerey

In Arbeit stehenden / Gesellschaft.

[Leiste]

Geschehen im Jahr M. DC. XXV.

1 HImmlische Delia, Göttin der Jagt vnd Wälde /
2 Gros ist dein Lob vnd Ruhm (dir zu Ehrn ich solchs melde)
3 Deiner Fürsichtigkeit / Geschwindigkeit vnd Rencken /
4 Vnd daß so wunderlich / vbr alles vnser dencken
5 Du dein Weidwerk anstellst / wie du bald diesen Jäger
6 Bald jenem ein Häßlein wirffst in sein Garn vnd Läger:
7 Für Augen wir solchs sehn / ob wir gleich nicht rumb kriechen
8 Uff deinem Forst / vnd suchn / wo deine Wildbahn ligen /
9 Sieh da ein schnell Häßlein ligt jetzt in vnserm Garrn /
10 Vnd wartet deiner Hülff / thut auch deins Segens harrn;
11 Das ist das fein Häßlein / mit Tugend wol gezieret /
12 Welchs du / O Delia, vor kurtzer zeit geführet
13 Auff eine hohe Wart / daß sichs mit Lust vnd Frewden
14 Vntr einem grünen Pusch in Blumn vnd Graß solt weiden /
15             Wie gieng dirs aber da / mit dem zart schönen Häßlein?
16 Zu sagen mirs vergönn / Als es die grünen Gräßlein
17 Mit lust abfraß vnd sprang / theten sich alsbald finden
18 Zween hurtige Jäger mit jhrem Spiel und Winden[2] /
19 Erblickten das Häßlein / vnd gegen es entbrandten /
20 In sehr brünstiger Lieb / daß sie alln fleiß anwandten:
21 Setzten jhr Hörnlein an / machten los jhre Winden /
22 Ein jeder wolt voran / den andern zu vberwinden.
23             Abr einer vnter denn ein Weidelicher Jäger
24 Nam die schantz wol in acht / schlug vorn an sein Läger
25 Vnd weil er war geübt mit steigen in den Lüfften /
26 Schwang er in grosser eil sich mit beweglichen Hüfften
27 Vffn hohen Forst vnd Felß / da das Häßlein sich weidet /
28 Macht sich fertig zur Jagt / sein Wind vnd Spiel bereitet /
29 Ehe aber hetzt / thet er vor veneriren[3]
30 Die Göttin Deliam mit warhaftgn voviren[4]:
31 Er wolte jhr zu Ehren / wenn sie geb gutes Glücke
32 Zu seiner Jagt / auffbawn ein Tempel / ein schön Stücke.
33             Drauff ließ er seine Wind mit guter Hoffnung springen /
34 Sein Hörnlein in den Wald ließ er gar süß erklingen;
35 Vnd weil das Häßlein sich vnterm Gestriep verstecket /
36 Löst er seine Spürhund / daß er darmit erwecket
37 Ein hell gebell / dardurch er das Häßlein fürbrechte /
38 Vnd auff ein freyen Plan seinn Winden stellen möchte.
39             Die Sach gieng glücklich fort, gar nicht weit man marchiret,
40 Ein Hündlein mit seim Gruch / das fein Häßlein außspüret /
41 Welchs da es sahe jetzt / daß es auff allen seiten
42 In Gfahr war / stund es auff / sich zu salvirn bey zeiten /
43 Schlug bald auff sein Panier / floh wie ein Wind in eyle /
44 Der Jäger abr hernach mit seinen Spiel wie Pfeile /
45 Vbrfiel das Häselein / thets mit seinn Windn vmbringen /
46 Da es solchs hetzen sah / fiengs freundlich an zu springen
47 Auffn Weidlichn Jäger zu / vmbfieng jhn mit sein Armen /
48 Gab hiermit zuverstehn / er solt sich seinr erbarmen /
49 Sein Gfangner wolt es seyn / wolt sich jhm gantz ergeben /
50 Er solt jhm gnädig seyn / jhm nur schenken das Leben /
51 Sonst möcht ers machen mit jhm / wie es jhm thet gefallen /
52 Jhm wolts gehorsam seyn / fleissig folgen in allen /
53 Wolt sein ein trewer Gfert[5] / in Ruh in Fried in Frewden /
54 Bey jhm wolt es auch stehn in Creutz / Noth / Gfahr vnd Leiden.
55             Sih solche Freundligkeit thet den Jäger bewegen /
56 Daß er für Frewd auffsprang / vnd rühmbt Deliae Segen /
57 Strecket aus seine Arm nach dem freundlichen Häßlein /
58 Welches mit Frewd vnd Wonn schertzt in dem grünen Gräßlein /
59 Er greiffs vnd fassets starck mit allen beyden Händen /
60 Wust nicht vor grosser Frewd / wo er sich solt hinwenden /
61 Sprach drauff glückselig Stund da ich den Forst betreten /
62 Dich O zart Häselein hab ich von Gott erbeten /
63 Drumb weil ich dich erlangt solt du mein seyn vnd bleiben /
64 Mir solstu[6] auch nechst Gott weltlich unlust vertreiben.
65 Mein Hertzens Kron / mein Trost / mein AugenLust / mein Leben
66 Meine Hoffnung / Frewd / vnd Wonn solstu mir seyn darneben /
67 Sih da mein Hertz vnd Hand das sol dir seyn ein Zeichen /
68 Daß ich in keiner Noth vnd Gfahr will von dir weichen /
69 Bald drauff alß diese zwey in grossen Frewden schertzten /
70 Lachten vnd kütterten sehr in Ehren sich auch hertzten /
71 Gab drittman vnversehens die schöne Fraw der Wälder /
72 Delia von Schönheit lieblich / vnd jung von Alter /
73 Wandt sich zum Jäger [f]risch mit den freundlichen Worten /
74 O berühmbter Weidmann / erfrewt vbr dein Consorten[7].
75 Dein Freundligkeit vnd Lieb gegn mich nur thut behagen /
76 Drumb auch durch meine gunst hab ich dich lassn erjagen /
77 Diß Häßlein auff meinm Forst: Nun hör weiter mein Willen /
78 Du Jäger solst hinfort diß mein Mandat erfüllen /
79 Daß weil ich dir verknüpfft mit festn ehelichen Banden /
80 Diß Häßlein solstu es lieben als dein verwandten /
81 Ja als dein eigen Hertz / mit vernunfft bey jhm wohnen /
82 Mit vnträglicher Last vnd beschwerung sein verschonen /
83 Denn wirstu deine Lust vnd Frewd an jhme schawen /
84 Noch eins so lang lebstu / vnd wird dich nichts gerawen.
85             Amen der Jäger sprach: Drauff Delia in Winden[8]
86 Verschwandt / vnd ließ die zwey beysammn im Wald dahinden.
87             Bald der Weidlich Jäger fasst auff sein Raub mit frewden /
88 Führt jhn mit seim Windspiel zu Hauß mit Pfeiffen vnd Seiten[9] /
89 (Denn die WaldGötter all; die Fauni mit den Nimfen[10]
90 Spielten vnd sungen schön das Echo auff jhr Stimmen /
91 Ein schönen Resonantz aus den Thal ließ verlauten /
92 Den Weidlichen Jäger zu Ehrn vnd seinr vertrawten /)
93 Hernach die zwey beysam in einem Häußlein lebten
94 In rechter Lieb vnd Trewe in steter Frewd sie schwebten /
95 Der Jäger (nach seim Wort) sein Häßlein admittiret[11]
96 In sein Bett / an sein Tisch / vnd sich mit jhm foviret[12],
97 Sie waren beyd ein Leib / ein Will vnd wolgefallen /
98 Daß darob jhr Gerücht ist vnter vieln erschallen.
99             Wie gieng es aber denn dem andern jungen Weidmann /
100 Welcher mit seinem Garn thet auch nach dem Häßlein stahn:
101 Er lieff zwar hin und her im Wald mit seinen Winden /
102 Kund aber das Häßlein nicht aufspüren noch finden /
103 Drumb entfiel in des Hertz; höret auch bald die Posten
104 Er durfft sich ferner nu keine mühe lassen kosten /
105 Er wär mit seinem Spiel zu langsam in Wald kommen /
106 Das Häßlein daß er sucht / wer [war] jhm schon weggenommen /
107 Er würds nicht wiedersehen / noch seiner Huld geniessen /
108 Es möchte jhn gleich schmertzen odr im Hertzen verdrüssen /
109 Wer war in grösser Angst / damals als dieser Jäger /
110 Daß er mit seinem Weidwergk were gewesen träger
111 Als jener: drumb vor schmertzn danckt er sein Hündlein abe /
112 Sein Garn warff er weck / bracht sein Hörnlein zu grabe /
113 Drauff fiel er auff die Erd in grossen Trawrigkeiten /
114 Seufftzet sehr tieff vnd klagt von seinen grossen Leiden
115 Ich unglückselig Mensch / wie wil mir noch geschehen
116 Vor schmertzen vnd hertzleid muß ich noch gewiß vergehen /
117 Denn mein Trost ist dahin / mein Hoffnung ist erstorben /
118 O daß ich auch mit jhr nicht zugleich bin verdorben /
119 Daß nicht mein btrübter Leib in diesen Thal begraben /
120 Mög werdn zu Staub vnd Asch / vnd doch so viel Krafft haben /
121 Daß er wiedr herfürgeg viel wolrüchende Blumen /
122 Die den lieben Häßlein zu nutz vnd gut möchtn kommen /
123 O daß ich mit mein schreyn Charontem den Schiffmanne
124 Könt zu mir bringen her daß er mit seiner Danne[13] /
125 Auff diesen Bächlein jetzt fürvber segelt gschwinde /
126 Ich weiß er würd sich mein / wenn ich mein Hende winde /
127 Erbarmen vnd nehmn mit ins Elysisch gefülde /
128 Daß sich nur die Vnruh vnd Angst meines Herzen stilte.
129             O Häßlein / schön Mündlein / hie sitz ich in der Wüsten
130 Einsam / elend / betrübt / kan mein Leben nicht fristen /
131 Mich schrecket das rauschen der hohen Bäum vnd Fichten /
132 Die Vöglein mit Gesang / deucht mich / mich auch vernichten /
133 Ich bin sogar bestürtzt daß ich mich selbst nicht kenne /
134 Fehlt nicht / die grosse Hitze deinr Lieb mich noch so brenne /
135 Daß mein Verstand abnimpt / vnd werde immutiret[14] /
136 In einem wilden Hirsch / wie der Poet fingiret[15] /
137 Das widerfahren sey Actaeoni den Weidmann /
138 Als er auff grüner Heyd Dianam sah nackend stahn /
139 Solch kläglich lamentirn führt er bey Tag vnd Nachte /
140 Auch in vnstetn Schlaff Morpheus jhm schrecken brachte.
141             So hatte grosse Frewd jen Weidlichr Jäger stetig /
142 Der aber groß Hertzleid / mit zittern vnd Furcht thätig /
143             Es wehrt abr beyds nicht lang Fortuna sich mutiret[16];
144 Der fröhlich trawrig wurd / der betrübt exhilaciret[17].
145 Denn Jupiter der Gott des Todes vnd des Lebens /
146 Ließ solche trawrig Klag vnd Stimm nicht seyn vergebens /
147 Schickt bald Proserpinam auß seinm himlischn Gezelde /
148 Daß sie mit jhrer Scher sich vor den Jäger stelte /
149 Welcher diß Häßlein hat / vnd schnied ab seine Haare /
150 Solchs vnverruckter zeit nam diese Göttin wahre /
151 Ergreiff der Haarlocken des Jägers mir jhrn Henden /
152 Vnd schneids jhm ab / drauff bald er sein Leben thet enden.
153 Scheid ab von dieser Welt mit gantz betrübten Hertzen /
154 Vnd ließ sein Häselein hindr sich in grossen schmertzen /
155 O wie so manchen Tag bracht es zu nur mit weinen /
156 O wie so manche Nacht war kein Ruh in seinn Beinen /
157 Wie offt mit seufftzen viel rufft es seinen Ehegatten /
158 Wie thet sichs doch so sehr vor trawren gantz abmatten /
159 Abr wie man spricht: die zeit verzehret alles schmertzen /
160 Wirfft alle Trawrigkeit aus dem bekümmertn Hertzen /
161 Also nach etlichr Zeit thet allmehlich verschwinden
162 Des Häßleins Trawrigkeit vnd kläglich Hende winden[18].
163 Denn es vermercket wol / daß es nicht könnte geben
164 Seinm leblosen Ehschatz das hingerissne Leben.
165 Drumb als einsmals Phoebus[19] ein herrlich Fest begienge /
166 Daß er mit seinem Glantz Laub / Bäum vnd Graß behienge /
167 Darvon all wilten Thier / die Bächlein / Brünn / vnd Felder /
168 Die Gärten klein vnd groß / vnd auch die grünen Wälder /
169 Wurden so sehr erfrewt / daß sie gar lieblich lachten /
170 Vnd sich zu Ehrn vnd Ruhm des Phoebi lustig machten.
171 Legt auch diß Häßlein ab den Schleyr vnd Trawerkleider /
172 Weil der Tag war so schön / so warm vnd auch so heider /
173 Vnd putzt sich gar lieblich / wischt ab jhr Wenglein zarte /
174 Zog an jhr weiche Schue / vnd macht sich auff die farthe[20]
175 Herauß in grünen Wald / mit Delia zu sprachen
176 Von jhrm elenden Glück / das sie jetzt müste tragen:
177 Als aber diß Häßlein war auff den Weg und eylet /
178 In einer grünen Aw / welche ein Bächlein theilet /
179 Wurd es gespüret aus: Denn allda zween Schaaffhirten
180 Die gleichen wegs die Herd der Schaaffe hinder führten /
181 Diß Häßlein wurden inn / vnd besahns wol von ferne /
182 Drauff einr zum andern sprach: Ich möcht doch wissen gerne
183 Woher diß Häßlein köm? Ists nicht diß / darnach stunde
184 Vor zeiten ein Jäger / der dort in jenem Grunde
185 Vns nechst zu handen kam mit trewrigen Geberden?
186 Warlich es ists gewiß: ein gut Lohn wird mein werden /
187 Ich lauff vnd such mit fleiß denselben Jägr im Walde /
188 Bring jhm die gute Post[21] / dass er nicht gar erkalte.
189 Drauff lieff er gschwind / vnd kam an die vorige stelle /
190 Fand den trawrigen Jäger ligend in einer Höle /
191 Dem rufft er zu: Gut freund / mit mir solstu dich frewen /
192 Dein liebes Häselein / jag ich bey meinen Trewen /
193 Hab ich newlich gesehn im Walde wieder springen /
194 Mach dich geschwinde auff / vnd thu dich in Forst schwingen /
195 Jetzt blüht dein Glück vnd Heil / es wird dir nicht entgehen /
196 Nim dir nur einen Muth / thu steiff vnd feste stehen.
197 O Hertzens freund / sagt bald der Jäger / jetzt mein Leben
198 Mit der fröhlichen Post thustu mir wieder geben /
199 Danck hab deines Dienst: Nun will ich mich auffmachen /
200 Jetzt besser als zuvor anstellen meine Sachen:
201             Alsbald er wieder sucht sein Hörnlein / vnd thet blasen /
202 Seinen Winden[22] vnd Spür / so da von ferne sassen:
203 Vor allen dingen aber rufft er mit heissem flehen
204 Daliae der Göttin / die woll jhm jetzt beystehen /
205 Hab jener jhr vovire[23]t, ein Tempel auffzuführen /
206 So thet er jhr vielmehr mit Trew vnd Glauben spondiren[24],
207 Er durch der Bücher Hülff[25] wolte helffen außbreiten
208 Jhr Ehr vnd Majestet / jetzt vnd zu allen zeiten.
209             Alsbald stellt er die Netz / fieng an getrost zu hetzen /
210 Vnd mit seinen Winden dem Häßlein nachzusetzen.
211 Fortuna abr geneigt / thet jhm bald Raub beschehren /
212 Das Häßlein must zu jhm vnd in sein garn einkehren /
213 Des wurd der Jäger jnn / eylt zu mit seinen Winden /
214 Vnd ob sonst auch viel Wild sich in sein garn thet finden /
215 Griff er doch nur allein nach seinem Häßlein balde /
216 Hub an ein groß Geschrey vbr seinem Glück im Walde /
217 Daß Echo süsser Mund freundlich mit jhr certiret[26],
218 Vnd aus besonder Gunst seine Wort repetiret[27],
219 Vntr des gab gute Wort / das Häßlein in dem Garren /
220 Der Jäger woll mit jhm glimpfflich vnd sanfft verfahren /
221 Darauff sprach er für Frewd; nichts args darffstu gedencken /
222 Mein Hertz / mein Sinn vnd Muth / will Ich stets zu dir lencken /
223 Mein Lieb vnd Trew sol sich auch nimmer in dir enden /
224 Du bist die Liebste mein / von dir sol mich nichts wenden /
225 Wenn gleich Fraw Helena die schönst in GriechenLande /
226 Oder Cleopatra die Reiche käm zum stande /
227 Odr geb sich bey mir an Lycaste die geschwinde /
228 Odr die gelehrte Fraw Erinna, oder
229 Suadam, die wol beredt / als mein eigen / heimführen /
230 Könt auch michs starcke Weib Penthesilea zieren /
231 Odr könt bekommen jetzt Abigail die Weise /
232 Doch sag ich dir fürwar / daß mich gar keine reisse
233 Von dir / biß mir zerschneid Atropos meinen Faden /
234 Daß ich von dir getrennt durchn Fluß Lethen[28] muß waden,
235             O wunderliche Jagt! O Delia du frone[29] /
236 Wie wundersam bistu vff deinem Forst vnd Throne?
237 Wie weist du doch so fein wieder zusammen zu führen
238 Zwey LiebesHertz / die vor theten gantz desperiren[30],
239 Darvon könt man noch viel herrlicher sachen schreiben /
240 Wo nicht die kurtze zeit die Feder thet fort treiben.
241             Nun hat was haben sol vnser berühmter Weidmann /
242 Nemlich sein Häselein / darnach er sehr hat gethan /
243 Das führt er jetzt zu Hauß auff der Veneris Wagen /
244 Stellt an ein Frewdenfest in diesen lustign Tagen /
245 Drumb kompt zu hauffen all jhr Satyri vnd Hirten /
246 Jhr Nimfen all die jhr jetzt wohnt vnter den Myrten,
247 Kompt mit ewrn Instrument vnd helffet zu Hauß führen
248 Dem Jäger sein Häßlein; fangt an zu intoniren[31]
249 Ein lustige Concert, machts gut / jhr wird gepriesen /
250 Jhr Nimfen O thut nicht jetzt schonen ewrer Füssen /
251 Hüpffet vnd springt hoch auff / jhr Hirten acceptiret[32]
252 Was Ceres vnd Bacchus aus jhrn Kammern spendiret,
253 Vornemlich ab hört / jetzt solt jhr hoch erheben
254 Ewre hellen stimmlein / vnd der Deliae geben
255 Mit vnserm Jäger Lob / vnd Preiß vnd Danck / vnd Ehre /
256 Daß jhre Gnad vnd Güt sich in der Welt vermehre.
257 Merckt doch wie sie rumbführt so seltzam junge Leute /
258 Wie sie vnter jhnen anrichtet Leid vnd Frewde /
259 Wie sie aus wolmeynen gibt einen vmb den andern /
260 Doch aber nicht also wie etliche von Flandern /
261 Welcher Hertz eben ist wies Taubenhauß formiret[33].
262 Daß einer fleuget ein / der ander außspatziret /
263 Sondern in Zucht vnd Ehr / daß es bey den bringt Frewden /
264 Wie sie auch hat gethan diesn zwey newen Ehleuten /
265 Denen wolln wir jetzt auch ein geschenck praesentirn
266 Aus vnserm Wald vnd Feld / vnd wollen so vovirn,
267 Gott / der allmechtig ist / las sie beyde reich werden /
268 Von dem Thaw des Himmels / vnd Fettigkeit der Erden /
269 HErr Breutigam hinfort ewrn Forst mit fleiß verwaltet /
270 Last euch nicht finden feig / euch allzeit hurtig haltet /
271 Denn wird ewer Häßlein euch viel Häßlein zuführen /
272 Die mit jhrr Freundligkeit ewr Hertz werden erlustirn /
273 Denn auch die Delia wird es sehr fruchtbar machen /
274 Daß es euch alle Jahr wird zurichten ein Lachen /
275 Vbr das wird ewr Häßlein mit auffgerichten Ohren /
276 Nach ewres Hörnleins schall vnd willn gar leise hören /
277 Vnd daß in ewrn Geheg es alls wol werd bestellet /
278 Wird ewer Häselein / das jhr euch zugesellet /
279 Mit halb geschloßnen Augn des Nachts jhrs schlaffs abwarten /
280 Ja es wird vber diß an sich han schöne Arten /
281 Die euch / Herr Breutigam / vbr aus schön werden machen /
282 Denn von des Hasens Fleisch hat man noch diese sachen
283 Von alters / daß wer nur thet essen von eim Hasen /
284 Solt gantzer sieben Tag schön bleiben aus dermassen.
285             Nicht mehr / Herr Bräutigam in der That wird jhr spüren /
286 Was ein tugendsam Weib vor Nutz werde zu führen
287 Jhrem Mann / wenn sie stets in Gottesfurcht in frieden /
288 In Lieb / in Trew / vnd Zucht / im Glauben fest behüten
289 Jhr ehlich Band / darmit jhr Hertz Gott hat gebunden:
290 Derselbe gebe euch Glück / geb euch viel guter Stunden!

 

Ende

Dramaturgie der Hasenjagd

Personen, Handlungs- und Ereignisabläufe, Dekodierungen

Wir haben vor uns ein 290 Verszeilen umfassendes Gelegenheitsgedicht, dessen Inhalt die Verfasser, die „in der Grossianischen Druckerei[34] in Arbeit stehende Gesellschaft“, durch Absätze in Handlungs- und Ereignisblöcke gegliedert haben.  (Verszeilen 1-15; 16-22; 23-32; 33-38; 39-54; 55-84; 85/86; 87-98; 99-128; 129-140; 141/142; 143-200; 201-208; 209-234; 235-240; 241-268; 269-284; 285-290). Der Text berichtet von zwei Liebesdramen. Das erste geht letztendlich traurig aus, das zweite nach ausgestandenem Liebesleid glücklich. Ein tödlicher Schicksalsschlag bringt die Wende und treibt die Handlung voran. Die Verfasser schildern in ihrem hoch dramatischen Gedicht, wie sich die jungen Brautleute gefunden und was sie alles durchzustehen und zu überwinden haben, bis sie endlich den Ehebund schließen können. Die Handlungsabläufe und Gemütszustände werden in barocker Stilistik hochemotional aufgeladen, Personen und Geschehnisse in einer bukolischen Landschaft angesiedelt. Das Hochzeitsgedicht steht im Bann der Leipziger Barockdichtung. Es ist ein lyrisches Echo auf das „Buch von der Deutschen Poeterey“, das der Leipziger Barocklyriker Martin Opitz 1624 veröffentlicht hat (Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, S.66-81).

Jeder Leser kann den Text verstehen, sieht man einmal von dem Schrifttypus der Fraktur und den sprachlichen Eigenarten des 17. Jahrhunderts ab. Allerdings muss er sich mit dem darin angesprochenen Personal der antiken griechisch-römischen Mythologie vertraut machen. Allein aus der mythologisierenden Beschreibung der Liebesdramen mit ihrem Leid und ihren Liebesklagen würde der heutige Leser nichts über die tatsächlichen Ereignisse und Tatsachen erfahren, auf die im Text angespielt wird. Nur mit Hilfe genealogischer, historisch-biografischer und gewerbegeschichtlicher Daten und Kenntnisse lässt sich erschließen und entschlüsseln, was hinter der Dramaturgie des Hochzeitsgedichtes verborgen ist.

Die Verfasser, in der damaligen Zunftsprache der Buchdrucker „Kunstverwandte“ genannt, hatten gute Kenntnisse über die reale Vorgeschichte der Eheschließung Mintzels mit Maria, geborene Hase. Sie kleiden diese Vorgeschichte in ein griechisch-römisches mythologisches Gewand. In den zwei Liebesdramen treten „zwei hurtige Jäger“ (18) auf, „ein Weidelicher Jäger“ (23, 47, 87, 92, 141) und ein anderer, der ebenfalls das Häslein liebt und begehrt. Beide stellen dem Häslein „in inbrünstiger Liebe“ (20) nach und versuchen es zu umgarnen. Sie blasen in ihr „Hörnlein“ (217, 34) und werfen ihre Netze (Garn, 9, 100, 112) nach dem Häslein aus, das sich im Gras verborgen hält und – wenn es sich sicher fühlt – umherspringt (17). Im Gegensatz zum „Weidelichen Jäger“ wird der andere als ein noch unerfahrener Wettbewerber um die Gunst des Häsleins geschildert. Dem „Weidelichen Jäger“ gelingt es mit allerhand Kunststücken und Tricks, das Häslein einzufangen. Er ist darin geübt in die Lüfte zu steigen, mit den Hüften zu schwingen (25, 26), aus hoher Warte das Häslein zu beobachten und mit seinem Windspiel, einem Jagdhund (28, 36, 40), das Häslein aufzuspüren. Der Jagdgöttin Diana verspricht er, ihr zu Ehren einen schönen Tempel zu bauen, wenn sie ihm bei der Jagd auf das Häslein Glück bringe (29–32, 78-84). Dem gewandten Jäger gelingt es in der Tat, das Häslein einzufangen (33–45). Es ergibt sich dem Jäger, umarmt ihn, verspricht ihm gehorsam, fleißig und eine treue Gefährtin zu werden und in allen Nöten und Gefahren zu ihm zu stehen (46–54). Der überglückliche Jäger nimmt es in seine Arme und erlebte mit ihm bald große eheliche Freuden (55–70). „Hernach die zwey beysam in einem Häußlein lebten In rechter Lieb und Trewe in steter Frewd sie schwebten“ (93, 94).

Daten und soziale Zusammenhänge

Die beiden „hurtigen Jäger“ waren Michael Weidlich (Leipzig, um 1570-1624) und Johann Albrecht Mintzel (1600-1653). Das Häslein war Maria Hase, geboren Anfang November 1602. Michael Weidlich, wie sein Vater Maurer von Beruf, hatte am 07.08.1605 die Leipziger Bürgerschaft erworben. Er hatte zwei Ehen hinter sich, aus denen fünf Kinder hervorgegangen waren. Die Ehefrauen waren verstorben, die erste um 1605/07, die zweite um 1621/22. Er suchte für seine Kinderschar und seinen Haushalt dringend eine neue Ehefrau. Der Witwer war um die fünfzig, als er um Maria Hase warb. Maria war noch im jugendlichen Alter von etwa zwanzig Jahren. Auch Marias Vater, Andreas Hase, war Maurer, also ein Zunftgenosse. Alle Akteure kamen aus dem Leipziger handwerklichen Milieu und kannten sich persönlich. Der alte Weidlich war ein lebenserfahrener und wahrscheinlich liebesgewandter Mann, der seine Werbekünste gut einzusetzen verstand. Jedenfalls erlag das junge Häslein seinem Werben, was in dem Gedicht in blumiger Sprache mit Bildern und Szenen aus der griechischen Mythologie beschrieben wird. Maria heiratet den wesentlich älteren Leipziger Maurermeister Michael am 29. September 1622 und wurde somit schon im Alter von 21 die Stiefmutter von fünf Kindern aus den zwei ersten Ehen Weidlichs.

Im Hochzeitsgedicht nimmt Delia den Jäger Weidlich in Pflicht (74–86). Seine “Freundlichkeit und Liebe” ihr gegenüber, der er einen Tempel zu bauen verspricht (130-132), nimmt die Jagdgöttin nur unter den  Bedingungen an: Er müsse sein Häslein lieben wie einen Verwandten, er müsse sie mit Vernunft behandeln und ihr keine “unerträgliche Last” aufbürden (81/82). Dann werde ihn sein Leben lang nichts gereuen. Der Jäger besiegelt mit einem “Amen” (85) das “Mandat” der Göttin (78), die daraufhin in den Winden verschwindet (85). Die Bedingungen können als Hinweis auf die familiäre Situation verstanden werden, auf die schwierigen Aufgaben, die der jungen Stiefmutter und Hausfrau bevorstehen.

Die Hochzeit wird mit Musik (Pfeifen und Saitenspiel) und mit Gesang gefeiert (88–90), alle Waldgötter, Faune und Nymphen, stimmen ein. Ihr Gesang klingt als Echo herüber aus Wald und Tal (89–91). Michael Weidlich und seine dritte Frau, das Häslein, leben nach der Hochzeit zusammen “in einem Häußlein” (92/93). “Sie waren beide ein Leib / ein Wille” und hatten “Wohlgefallen” aneinander (96, 97). Die Verfasser des Gedichtes beschrieben die eheliche Gemeinschaft der beiden als eine vorbildliche Verbindung. Es spricht sich herum (96–98).

Wie geht es aber dem Rivalen und Verlierer? In den Verszeilen 99 bis 140 wird geschildert, wie er darunter leidet, vergeblich um Marias Gunst geworben zu haben und seinem Rivalen unterlegen zu sein. Er verzehrt sich in Selbstzweifeln. Er wirft sich vor, in der Konkurrenz mit dem Konkurrenten nicht beherzt und mutig genug um Marias Hand geworben zu haben (102–105). Er sei “mit seinem Spiel” (Jagdhund) zu langsam gewesen, der Rivale sei schon vor ihm dagewesen und habe ihm das Häslein weggenommen (105–107, 110). Er ist zu Tode betrübt, niedergedrückt, bar jeder Hoffnung, das Häslein jemals gewinnen zu können (113–117). Er schreit vor Unglück und Traurigkeit laut hinaus, läuft im Wald kopflos hin und her und wisse nicht, ob er sein Unglück verkraften könne. Todessehnsucht verdüstert sein Gemüt. Charon, der Fährmann ins Jenseits, möge ihn auf seinem Kahn hinüberfahren in die elysischen Gefilde (123-127). Alles erschrecke ihn: das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel (131, 132). Ihm sei zumute, als säße er in der Wüste, einsam und elendig (129, 130). Er sei dabei, seinen Verstand zu verlieren (133-135) und werde wie Actaeon in einen wilden Hirsch verwandelt (135-138). Er sei um seinen Schlaf gebracht und klage Tag und Nacht über seine Lage (139, 140).

Zweifache Schicksalswende

Das Glück des alten Weidlich und seiner jungen Ehefrau Maria währt jedoch nur kurz, tatsächlich nur sechzehn Monate (143). Im Gedicht hört Jupiter, Gott des Lebens und des Todes, die herzzerreißenden Liebesklagen des traurigen Verlierers und schreitet ein (145-156). Er schickt Proserpina, die Tochter des Jupiters und der Ceres, mit einer Schere ins Haus der Eheleute (Weidlich). Proserpina schneidet dem Ehemann eine Haarlocke ab, was dessen Tod bedeutet (151-153). Der „Weidliche Jäger“ wird aus dem Leben gerissen. Sein Häslein trauert „in grossen schmertzen“ um ihren Ehemann und bringt „so manchen Tag“ und „so manche Nacht“ mit Weinen zu (154-156).

Tatsächlich starb Michael Weidlich im Januar 1624. Sein Tod machte Maria schon mit 22 Jahren zur Witwe mit fünf Kindern aus Weidlichs ersten Ehen und einem eigenen Kind, Sabina Weidlich, die im September 1623 zur Welt gekommen war. Im Hochzeitsgedicht wird generell auf diese schwierige und tieftraurige Situation hingewiesen, jedoch ohne konkret auf die familiären Verhältnisse und existenziellen Nöte der jungen Frau einzugehen.

Maria gewinnt mit der Zeit wieder Lebensmut. Ein Sprichwort sagt: „Die Zeit verzehret alles Schmerzen und wirft alle Traurigkeit aus dem bekümmerten Herzen“ (159, 160). Maria legt den Trauerschleier und ihre Trauerkleider ab und beginnt wieder an den Freuden des Lebens teilzunehmen. Sie wischt die Tränen von ihren Wangen, kleidet sich hübsch, zieht „weiche Schuhe“ an und geht hinaus [aus der Stadt] zu den Vorgärten und den Wäldern hin (168-178). Auf ihrem Weg durch die Auen wird sie von zwei Schafhirten beobachtet, die sich verwundert fragen, woher das Häslein komme. Sei es nicht ein Jäger gewesen [Mintzel], der hier mit traurigem Gebärden gelaufen sei? Einer der Schafhirten eilt geschwind an die Stelle, wo sich der unglückliche Jäger aufgehalten haben soll, und findet ihn in einer Höhle (179-188). Der Schafhirte bringt ihm die frohe Botschaft, dass das Häslein wieder im Walde umherspringe und fröhlicher Dinge sei, und spornt den Jäger an: „Mach dich geschwind auf“, fasse Mut und greife nach deinem Glück! (189-196) Der Jäger folgt diesem Zuruf, holt wieder sein „Hörnlein“ hervor und beginnt von neuem, mit seinen Windspielen dem Häslein nachzustellen. Er ruft „mit heissem flehen“ Delia an und bittet die Göttin, ihm beizustehen. Im Gegensatz zu Weidlich, der versprochen hatte, nach erfolgreicher Hasenjagd der Göttin einen wunderbaren Tempel zu errichten, wolle er den Ruhm der Göttin „durch der Bücher Hülff“ ausbreiten helfen (203-208). Die Verfasser spielen hier auf den jeweiligen Beruf an, auf den des Maurers bei Weidlich und den des Buchdruckers bei Mintzel.

Es gelingt dem jungen Jäger mit Hilfe der Göttin und Fortuna, sein Häslein zu haschen. Er schreit sein Glück in den Wald hinein. Wenngleich Helena, Cleopatra, Lycaste, Penthesilea, Abigail und andere starke Frauen versuchten dazwischen zu treten, er wolle sein Herz, seinen Sinn und Mut stets auf sein Häslein richten (222-233). „Mein Lieb und Trew sol sich auch nimmer in dir enden /Du bist die Liebste mein / von dir sol mich nichts wenden“. Nur Atropos, in der griechischen Mythologie die Unabwendbare und Zerstörerin, könne ihn trennen, wenn sie seinen Lebensfaden abschneidet. Dann müsse er „von (ihr) getrennt durch den Fluss Lethe waden“ (233, 234). Delia wird mit viel Lobpreis bedacht. Sie habe die zwei Liebesherzen so wunderbar zusammengeführt. Alle sind eingeladen, Satyre, Nymphen und Hirten, mit den zwei neuen Eheleuten das Freudenfest zu feiern und zu genießen, was Ceres und Bacchus aus ihren Kammern spendiert haben (243-252). Die Hochzeitsgäste werden aufgefordert, ihre Stimme zu erheben und mit Lob- und Preisliedern der Göttin zu danken, die in ihrer „Gnad und Güte“ junge Leute zwischen Leid und Freude herumführt (253-264). Das Hochzeitsgedicht endet mit guten Ratschlägen und Glückwünschen, und dies nicht ohne Anspielungen auf die Fruchtbarkeit der Ehe. (265-282) Wenn die beiden Eheleute sich „allzeit hurtig“ halten, dann wird das Häslein (Maria) noch viele Häslein zuführen.

Fünfzehn Monate nach dem Tode ihres ersten Ehegatten heiratete Maria in zweiter Ehe den jungen Buchdruckermeister und Druckereibesitzer Johann Albrecht Mintzel. Das Paar wurde in der Sankt Nicolaikirche getraut. Zum Zeitpunkt ihrer zweiten Eheschließung war Maria 22 Jahre alt, also eine noch junge Frau. Mintzel hatte am 2. Mai 1625 die Bürgerschaft der Stadt Leipzig erworben und am gleichen Tag die Verlagsdruckerei Große gepachtet. Er war in Leipzig vom Buchdruckergesellen zum Buchdruckereibesitzer aufgestiegen und 1625 als frisch gebackener Buchdruckermeister in die Vorstandschaft der Buchdruckerinnung gewählt worden. Das Hochzeitsgedicht „Der löblichen / damals in der Grossianischen Druckerey In Arbeit stehenden / Gesellschaft“ war folglich auch eine Huldigung auf den neuen Buchdruckerherrn und seine Ehefrau. Er war ihr neuer Chef und Arbeitgeber, Maria die Seele der Offizin (Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, S.49-55 mit Quellenangaben).

Wer waren die Verfasser des Hochzeitgedichtes?

Die Belegschaft der Offizin

Wer „der löblichen/damals in der Grossianischen Druckerey In Arbeit stehenden/Gesellschaft“ mag an der Abfassung des Hochzeitgedichtes mitgewirkt haben? Wir wüssten es heute zu gern, gäben die Namen doch interessante Auskünfte über das Personal. Die Verlagsdruckerei Große war mit ihren vier Pressen eine der fünf größten Leipziger Offizinen. Ihre   Belegschaft war sich offensichtlich darin einig gewesen, als Betriebsgemeinschaft aufzutreten. Das Titelblatt bestätigt jedenfalls, dass keiner namentlich hervorgehoben werden sollte. Ich spekuliere ein wenig. Wer könnte, im doppelten Sinne gemeint, maßgeblich mitgewirkt haben? Die damalige personelle Ausstattung und Betriebshierarchie einer Großdruckerei mit vier Pressen lässt gewisse Schlüsse zu.

[Abbildung: Holzschnitt Druckereioffizin]

An jeder Holzpresse standen ein sogenannter Ballenmeister und ein Pressenmeister, bei vier Pressen folglich insgesamt acht Meister an der Zahl. Der Pressenmeister bediente den „Bengel“, mit dem er den richtigen Anpressdruck herstellte, um einen guten Druck zu erhalten. Der Ballenmeister war für die Qualität der Druckerfarbe und für den Auftrag der Farbe auf die Matrize verantwortlich. Die Druckfarbe wurde mit Ballen aufgetragen. An jeder Presse waren in der Regel fünf bis sechs Setzergesellen tätig. Bei völliger Auslastung der vier Pressen arbeiteten insgesamt an die zwei Dutzend Setzer mit. Zur Belegschaft zählten außerdem der Faktor, der die „Gespanne“ (Arbeitsgruppen) anleitete, sowie die Korrektoren. Hinzukamen noch die Lehrlinge und Knechte. Letztere waren ungelernte Helfer, die Papierbögen zum Druck reichten, frisch gedruckte Papierbögen zum Trocknen der Druckerfarbe auf Gestänge aufhängten und sonstige Hilfsarbeiten verrichteten. Waren alle vier Pressen ausgelastet, zählte die Belegschaft bis zu dreißig Personen.

Um dieses Hochzeitsgedicht zu verfassen, bedurfte es einer relativ hohen literarischen Bildung und guter Kenntnisse der griechisch-römischen Götterwelt und mythischen Gestalten, außerdem einer Dramaturgie, um die mythologische Verpackung realer individueller Charaktere und Lebensverläufe „zu sonderlichen Ehren und Gefallen“ (Titelei) zu gestalten. Gelernte Buchdrucker und Setzer grenzten sich damals als gebildete Handwerker vom gemeinen Handwerk ab. Die Gelehrtensprache war das Lateinische und zum Teil auch das Griechische. Ein Gutteil der Druckwerke erschien bis ins 18. Jahrhundert hinein in diesen alten Sprachen. Wer im sogenannten „gebildeten Handwerk“ arbeiten und vorankommen wollte, hatte zuvor eine Lateinschule und sogar mehrere Klassen eines Gymnasiums besucht. In einer anspruchsvollen Offizin wie der Verlagsdruckerei Große/Mintzel, die aufs Engste mit der Welt der Gelehrten verbunden war, waren diese Qualifikationen gefragt. Wir dürfen jedenfalls mit guten Gründen annehmen, dass aus der Gesamtheit der Belegschaft tatsächlich nur ein kleiner Kreis literarisch versierter und kenntnisreicher Mitarbeiter das Hochzeitsgedicht verfasste und die einzelnen Partien ausfeilte. Sie hatten sicher ihren Spaß daran, Einfälle zu sammeln, bunt gemischt Personal der griechisch-römischen Mythologie auftreten zu lassen und, für die Adressaten leicht zu erkennen, die Liebesgeschichte ihres Chefs und seiner Ehefrau in Alexandriner zu kleiden. Das Gedicht war, das scheint mir gewiss zu sein, Ergebnis wochenlanger „heimlicher“ Arbeit gewesen.

Die Dekodierung des einzigartigen Fundes führt mich ganz nahe an das Leben und die Erlebniswelt von Johann Albrecht und Maria Mintzel heran. Mögen ihre Motive, Handlungsweisen, Gefühle und Hoffnungen auch idealisiert und mythologisch überhöht worden sein, unter dem barocken Firnis scheint doch ein wenig die Wirklichkeit jener Tage und Ereignisse hervor.

Kommendes Unheil

1625 war ein relativ ruhiges Jahr zwischen den Teilkriegen oder Phasen des „Großen Krieges“. Der Böhmisch-Pfälzische Krieg (1618-1623), der sich, wie seine Bezeichnung sagt, in Böhmen und in der unteren Pfalz abgespielt hatte, war nach mehreren Schlachten zu Ende gegangen. Der Niedersächsisch-Dänische Krieg (1625-1629) wütete in Norddeutschland und hatte erst begonnen. Bis 1630 blieb Leipzig von der Kriegsfurie weitgehend verschont. Die Kriegsschauplätze lagen weit entfernt, in Leipzig blühten Gewerbe und Handel. Die Leipziger Bürgerschaft und das Druckerehepaar Mintzel konnten auf ruhige und geschäftlich ertragreiche Jahre hoffen. Noch waren keine Anzeichen für das kommende Unglück zu sehen. Erst der dritte Teilkrieg, der sogenannte Schwedische Krieg (1630-1635), veränderte in den Jahren 1630/31 schlagartig die politischen und kriegerischen Verhältnisse. Die schwedische Großmachtpolitik eröffnete eine neue Phase des “Großen Krieges“. Im Jahr 1630 landete der schwedische König Gustav II. Adolf mit seiner Flotte unbehelligt an der pommerschen Ostseeküste und kam mit seiner Streitmacht dem Protestantismus zur Hilfe. Erst dieser dritte Teilkrieg traf Sachsen und die Messestadt Leipzig mit voller Wucht und fügte der Bevölkerung große Beschwernisse und ungeheures Leid zu. Johann Albrecht und Maria Mintzel gingen schweren Tagen entgegen. Leipzig erlebte von 1631 bis 1642 fünf Belagerungen und Besetzungen: nach der 1. Schlacht bei Breitenfeld und durch Tilly im September 1631, nach der Schlacht bei Lützen im Oktober 1632, die Belagerung und Besetzung durch schwedische Truppen im August 1633, die sogenannte Bauersche Belagerung und Besetzung vom Ende 1636 bis zum Februar 1637 und zuletzt durch die der  Schweden nach der 2. Schlacht bei Breitenfeld. Nach der 1. Schlacht bei Breitenfeld ging das 1627 erworbene Wohnhaus und die Offizin der Druckerfamilie in Flammen auf. Von den elf Kindern des Ehepaars, die im Zeitraum von 1627 bis 1642 zur Welt kamen, starben allein im September 1633 innerhalb von drei Wochen fünf an Seuchen, die von der Soldateska eingeschleppt worden waren. Die Kriegsereignisse stürzten die Familie in eine schier unerträgliche Katastrophe. Das Massensterben führte dazu, dass nicht einmal die Namen der verstorbenen Kinder in den Sterberegistern eingetragen wurden. Später, 1649, klagte Johann Albrecht Mintzel in einem seiner Trauergedichte:

„In einer Summ: was uns allhier nur kann erfrewen /

Was lieb vnd angenehm: das führt er an den Reyen

Des finstern Toden-Tantzes / gantz grausam und geschwind /

Macht Wittwen / Waisen viel / und manch betrübtes Kind!

Diß haben wir / leider! ach!  Mit Hertzens Schmertz erfahren…“

Treten er und Maria mir in den Spiegelungen eines Hochzeitsgedichtes als liebende und leidende Personen entgegen, so teilt er sich hier ganz persönlich mit. Was uns hier auf Erden erfreut und uns lieb und angenehm ist, die Menschen um uns, die wir gerne haben und lieben, die reißt der Tod aus dem Leben und reiht sie in den Reigen der Toten ein. Johann Albrecht Mintzel starb am 15. Mai 1653, Maria am 9. August 1679. Sie hatte in Hof an der Saale nach dem Tod ihres Mannes die Mintzelsche Buchdruckerei übernommen und so lange in Schwung gehalten, bis ihr einziger Sohn, der die Kriegswirren überlebte, ab 1662 die Offizin fortführen konnte. Sie war eine tapfere, vitale und geschäftstüchtige Frau, ohne deren Tatkraft und Durchhaltevermögen der Betrieb Gefahr gelaufen wäre, schon mit dem Ableben ihres Gründers unterzugehen. Sie wurde in Hof respektvoll auch offiziell die Buchdruckerin genannt.  Ihr Lebensmut und ihre Lebensleistung haben mich tief beeindruckt (Alf Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, Kap. VIII, S. 276-313 mit zahlreichen Belegen).

[Abbildung; Titelblatt Druck von Maria Mintzel]

 

 

Anhang I: Das mythologische und antike Personal

(Verszeilen in der Reihenfolge ihrer Nennung)

 

Delia 1, 32, 56, 72, 85, 204, 235, 254, 273
Diana 138
Faune 89
Nymphen 89, 246, 250
Charon 123
Actaeon 137
Morpheus 140
Fortuna 143, 211
Proserpina 147
Jupiter 145
Phoebos 165, 170
Helena 225
Cleopatra 226
Lycaste 227
Erinna 228
Penthesilea 230
Abigail 231
Atropos 233
Venus 243
Satyre 245
Ceres 252
Bacchus 252

Anhang II: Genealogische Daten und Übersichten

Genealogische Übersicht I

Leipziger Herkunftsfamilie von Maria Mintzel, geb. Hase

 

Hase,

Leonhard

* ~ 1555 (?)

? Heberlein,

Christoph

* ?, † ?

?
Hase, Andreas

* 1570, † □?

Beruf: Maurermeister

1600

Trinitatis

Heberlein, Elisabeth

* ?, † □ ?

Sechs Kinder:
1. Maria          getauft 05.11.1602

I. ∞ 20.09.1622 mit Michael Weidlich (*?, □ 17.01.1624)

II. ∞ 12.06.1625 mit Johann Albrecht Mintzel (* 1600, † 1653)

2. Christoph    getauft 16.06.1605, † □  ?

3. Andreas      getauft 02.08.1608, † □  ?

4. Magdalena  getauft 04.01.1611, † □  ?

∞ 04.03.1633 mit Julius Holwein, Druckergeselle bei Johann Albrecht

Mintzel

5. Leonhard    getauft 22.11.1613, † □  ?

6. Catharina    getauft 08.01.1616, † □  ?

 

Quellen: Informationen des Sächsischen Staatsarchivs / Stadtarchiv Leipzig; StA-L, Moritz-Kartei. Schreiben vom 18.01.2011

 

Genealogische Übersicht II

Leipziger Familienverhältnisse Maria Mintzels, geb. Hase,

verwitwete Weidlich, in erster Ehe

(Michael Weidlich war drei Mal verheiratet, in dritter Ehe mit Maria Hase, 1622-1624)

 

Weidlich,

?

* ? † □ ?

? Finstermerten,

Sebastian

* ? † □ ?

Greger,

Anna

* ? † □ ?

∞ 1567
Weidlich, Michael

* ~ 1570, □ 17.01.1624

Beruf: Maurer

I. ∞

27.01.

1605

Finstermerten, Anna

* ?, † □ ?

Sechs Kinder aus drei Ehen:
I.
1. Christoph    getauft 03.05.1605
II. ∞ 31.07.1608 mit Maria Pantzer

getauft 05.11.1584, † □ um 1621/22

2. Georg          getauft 21.06.1609, † □  ?

3. Michael       getauft 29.08.1611, † □  ?

4. Leonhard    getauft 04.11.1616, † □  ?
5. Michael       getauft 13.02.1621, † □  ?
III. ∞ 29.09.1622 mit Maria Hase

getauft 05.11.1602

6. Sabina         getauft 17.09.1623

 

Quellen: Informationen des Sächsischen Staatsarchivs / Stadtarchiv Leipzig; StA-L, Moritz-Kartei.

 

Genealogische Übersicht III

Eltern und Geschwister Johann Albrecht Mintzels (01.10.1600 – 15.05.1653), Buchdrucker und Verleger zu Leipzig (1625 – 1642) und Hof/Saale (1642 – 1653)

 

Mintzel, Johann

* ~ 1560, □ 1611

Schulmeister in Speinshart/ Oberpfalz 1580 – 1611

1586

?

 

Zehn Kinder (mindestens vier Kinder verstarben in Speinshart):
1. Name?        Speinshart; *?, † □?
2. Name?        Speinshart; *?, † □?

3. Name?        Speinshart; *?, † □?

4. Name?        Speinshart; *?, † □?
5. Name?        Speinshart; *?, † □?
6. Name?        Speinshart; *?, † □?
7. Name?        Speinshart; *?, † □?
8. Johann Christoph    Speinshart; * 1598, † □?
9. Johann Albrecht     * 01.10.1600, Speinshart

† 15.05.1653, Hof/Saale

10. Germanus Speinshart * 1602, † □?
Quellen und Belege siehe Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Bd. I, S. 22-41.

Die lokale und regionale Geschichtsschreibung, die sich mit dem Prämonstratenserstift Speinshart und mit den umliegenden Ortschaften befasst, stammt von katholischen Autoren. Bis auf wenige Ausnahmen hat diese Geschichtsschreibung die protestantische Zeit zwischen 1556 und 1623 ausgespart und Protestanten aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt. Das Familienbuch von Tremmersdorf beginnt erst mit dem Jahr 1602.

Fußnoten

[1]              Ich will mich hier nicht abermals mit der elitär-bildungsbürgerlichen Attitüde auseinandersetzen, die meint auf eine erläuternde  Transkription des Originaltextes verzichten zu können.

[2]              Winden = Windspiele, eine Hunderasse

[3]              veneriren = huldigen

[4]              voviren = versprechen

[5]              Gfehrt = Gefährte

[6]              solstu = sollst du

[7]              Consorten = Gefährten

[8]              Hier in den Lüften.

[9]              Musikinstrumente: Pfeifen und Seiteninstrumente

[10]            Nimfen = Nymphen

[11]            admittiret = einlässt

[12]            foviret = erwärmt, warm hält, umarmt

[13]            Danne = Boot, Zille?

[14]            verwandelt

[15]            vorgibt

[16]            mutiret = verwandelt; sich eines anderen besinnt,

[17]            exhilaciret = ausatmet (?)

[18]            Hende winden = Hände ringen

[19]            Phoebus = Sonnengott

[20]            farthe = Fährte

[21]            Nachricht

[22]            Windspielen

[23]            voviret = gelobt, feierlich versprochen

[24]            spondieren = versprechen

[25]            Bücher Hülff = Anspielung auf seine Buchdruckerei

[26]            certiret = wettgeeifert

[27]            repitiret = wiederholt

[28]            Lethe = Fluss der Unterwelt

[29]            frone = ?  Fromme?

[30]            desperiren = verzweifeln, alle Hoffnung aufgeben

[31]            intonieren = einzustimmen

[32]            acceptiret = annehmen, akzeptieren

[33]            formiret = gestaltet

[34]            Die renommierte Verlagsdruckerei der Leipziger Verlegerfamilie Grosse wurde von Faktoren und Pächtern geführt, seit dem 2. Mai 1625 von dem Buchdruckerherrn Johann Albrecht Mintzel, der sie 1637 kaufte. Die Verlagsdruckerei gehörte mit vier Pressen zu den fünf größten Offizinen Leipzigs. Ausführlich beschrieben und mit vielen Quellenangaben belegt bei Alf Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I.

2. Speinshart – Ein magischer Ort meiner Kindheit

Zurück an den oberpfälzischen Ursprungsort

Merkwürdige Zufälle und Begebenheiten waren es, die mich fast 350 Jahre später an den oberpfälzischen Ursprungsort meiner Altvorderen zurückführten. Als sei eine geheimnisvolle Kraft im Spiel gewesen, als hätten mich unsichtbare Hände dorthin geleitet, erlebte ich die schönsten Jahre meiner Kindheit in der Gegend und an dem Ort, wo der lateinische Schulmeister Johann Mintzel (um 1560-1611) gut dreißig Jahre lang im kurpfälzischen Dienst seinen Beruf ausübte (1580-1611), 1586 heiratete und mit seiner Frau eine kinderreiche Familie gründete. Der kurpfälzische Klosterort Speinshart wurde ein magischer Ort meiner Kindheit – und ist es bis heute geblieben. Wer sich dorthin verirrt, muss besondere Gründe haben – wie ich. Als hätten sie mich aus der fernen Vergangenheit angesprochen und gebeten, sie aus der Vergessenheit herauszuholen und wieder in Erinnerung zu bringen, erkundete ich ihre Spuren. Erst in den Jahren 1967/68 stieß ich über Leipziger Quellen auf die Tatsache, dass Speinshart einstmals die Familie des Schulmeisters Mintzel beherbergt hatte. Aus den Leipziger Kirchenbüchern und Dokumenten im Stadtarchiv Leipzig geht hervor, dass der spätere Buchdrucker Johann Albrecht Mintzel in Speinshart als legitimes eheliches Kind geboren wurde. Das brachte mich auf die richtige Spur. Sehr viel mehr über die Schulmeisterfamilie erfuhr ich in späteren Jahren aus den Archivalien, die im Staatsarchiv Amberg zu finden sind.

Ich befinde mich auf Zeitreise, ich weiß mehr, sehr viel mehr als der Schulmeister Mintzel hatte wissen können. Ich kenne die Zukunft von zweien seiner Söhne, von Johann Christoph Mintzel (1598-1669) und von Johann Albrecht Mintzel (1600-1653), die in Speinshart geboren wurden und dort ihr Kindheit und frühe Jugend erlebten.  Mein Vater hat mich nach Johann Albrecht Mintzel benannt, dessen Lebensgeschichte ich später niederschreiben werde. Auf meinen Zeitreisen zurück in die Zukunft stelle ich eine mentale Verbindung her und hole die Schemen aus der Vergangenheit zurück. Johann Mintzel war auf Wiesenpfaden und Fuhrwegen gegangen, auf denen ich 350 Jahre später zur Schule ging und nach Speinshart wanderte. Er hat, wie ich später, auf die sanften Höhen geschaut, die zwischen den Rußweihern und Speinshart liegen. Er hat, wie ich in der gleichen Gegend, am gleichen Ort, in lauen Frühlingsnächten den unheimlichen Ruf der Rohrdommel gehört. Ich teile mit dem Begründer der ehemaligen Druckerdynastie Mintzel, mit Johann Albrecht Mintzel, die Kindheit in Speinshart und erkunde auf heute verschwundenen Pfaden die Umgebung des alten Klosterortes. Er und seine Geschwister tranken Wasser aus dem gleichen Brunnen auf dem Klosterplatz wie ich in meiner Kindheit. Ich sehe ihre Schatten, ich höre ihre Stimmen aus der Ferne der Zeit herüberklingen. Sie erzählen in zahlreichen schriftlichen und gedruckten Dokumenten aus ihrem Leben. Ich zeichne auf, was sie berichten. Auf Reisen und im Geiste kehre ich wiederholt in das mittelalterliche Speinshart zurück und begleite, wie so oft, die Schulmeisterfamilie auf ihren Wegen. Ferne Vergangenheit und mein gegenwärtiges Leben verfließen, das Damals wird zum Jetzt, das Jetzt wird Damals und schon bald werde ich zu den Früheren von damals gehören.

Welche Zufälle und Begebenheiten waren es, die mich in diese abgelegene oberpfälzische Gegend führten? Nach den ersten großen Luftangriffen auf Nürnberg entschlossen sich meine Eltern im Frühjahr 1943, die „Stadt der Reichsparteitage“ zu verlassen und die Familie auf dem Lande in Sicherheit zu bringen. Mein Großvater Otmar Mintzel (1870–1950), ein direkter Nachfahre des Speinsharter Schulmeisters Mintzel, hatte auf seinen Ausflügen in die Oberpfalz in einer Senke mitten im Wald die Holzmühle entdeckt. Wir verließen Nürnberg und zogen mit Sack und Pack in diese Einöde. Sie bestand aus einem alten Bauernhaus, an das eine Mühle und ein Sägewerk angebaut waren, aus einer großen Scheune, aus Stallungen für Rinder, Pferde und Schweine und aus einem stattlichen, freistehenden Neubau. In das neue Haus, das am Hang gegenüber dem Gehöft lag, sollte später einmal die nächste Generation der Bauernfamilie einziehen. Meine Mutter, mein Großvater, wir fünf Kinder und unser Dienstmädchen Emmy fanden darin genügend Platz. Wir wähnten uns dort vor Fliegerangriffen sicher. Mein Vater musste in Nürnberg bleiben, wo er, „uk“-gestellt, als „unabkömmlicher“ Oberverwaltungsrat im Dienst der Stadt stand. Ein merkwürdiger Zufall? Oder seltsame Fügung? Die Holzmühle liegt nur wenige Kilometer von Speinshart entfernt, wo der Schulmeister Johann Mintzel mit seiner Familie von 1580 bis 1611 gewohnt hat. Wenn mein Vater am Wochenende aus Nürnberg kommt, um mit seiner Familie zusammen zu sein, wandern wir an heißen Sommertagen von der Holzmühle über die Herrnmühle nach Speinshart und dann weiter zum Rauhen Kulm. In Speinshart erfrischen wir uns, meine Eltern, meine Geschwister und ich, vor dem Klostergebäude an dem Brunnen, aus dem Johann Mintzel und seine Ehefrau vor zehn Generationen Wasser geschöpft haben. Wir stehen vor dem Haus, an dessen Stelle Johann Albrecht Mintzel am 1. Oktober 1600 geboren wurde.

[Abb.: Kloster Speinshart, Kupferstich von 1670. Haus mit Nr. 26, unten im Vordergrund Mitte, schräg an der Mauer Haus des Schulmeisters. Quelle: Museen der Stadt Regensburg, Dachauplatz 2-4, Regensburg. Mit freundlicher Genehmigung]

Hier an diesem Platz vor dem Klostergebäude ist die Kinderschar des Schulmeisters herumgetollt. Ein merkwürdiger Zufall, während des Zweiten Weltkrieges in dieser entlegenen Gegend Schutz vor den Luftangriffen zu finden.

Im Alter von acht und neun Jahren wanderte ich in den Sommermonaten der Jahre 1943 und 1944 – ohne es damals zu wissen – auf den Spuren der Speinsharter Mintzels nach Neustadt am Rauhen Kulm. Die alte Straße, die nach Neustadt führte, war, wie viele andere Landstraßen in der “Ur”-Welt der Oberpfalz, noch nicht asphaltiert. Es sind noch die alten, schotterbelegten Fuhrstraßen, auf denen wir 1943/44 laufen. Sie werden seit vielen Jahrhunderten befahren und begangen. Vom Klosterort bis zur nördlichen Grenze der Oberpfalz sind es nur sechs Kilometer, dahinter liegt das ehemalige evangelisch-lutherische Markgrafentum Bayreuth. Das protestantische Städtchen Neustadt am Rauhen Kulm, früher eine markgräflich-brandenburgische Enklave, ist bequem in anderthalb Stunden zu Fuß zu erreichen. Über diesen Weg sind im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) Oberpfälzer Exilanten in das Markgrafentum hinübergewechselt und in den protestantischen Konfessionsraum abgewandert. Der Basaltkegel des Rauhen Kulms, Rest eines nie ausgebrochenen Vulkans, ragt weit aus der bewaldeten Landschaft heraus.

[Abb.:Prämonstratenserabtei; Kloster Speinshart, Postkartenan- sicht, 20. Jahrhundert; im Hintergrund der Rauhe Kulm]

Er ist ein riesenhafter natürlicher Grenzstein zum protestantischen Norden, ein Naturdenkmal, das noch heute zwei Konfessionswelten trennt, die katholische Oberpfalz und das protestantische Oberfranken. Wer sich die Mühe macht und über die Basaltblöcke bis an die Spitze hinaufklettert, die ein hölzerner Aussichtsturm krönt, wird mit einem weiten Rundblick über die Senke belohnt. Ich war als kleiner Junge mehrmals ganz oben auf der Plattform und sah in die Landschaft hinaus und hinüber nach Speinshart und nach dem benachbarten Tremmersdorf, in dem ich von 1943 bis 1945 zur Schule ging.

[Abb.: Aquarell von Johann Karl, 18. Jh., Landschaftsdarstellung mit Speinshart und Rauhen Kulm, Quelle: Museum der Stadt Regensburg]

Speinshart – ein idyllisch-verschlafener Klosterort

Seit der Zeit des Schulmeisters hat sich der architektonische Grundriss des abgelegenen Ortes wenig verändert. Doch sein stilistisches Gesicht hat sich stark gewandelt. Das vormals mittelalterliche Gepräge mit seinen in einem nahezu geschlossenen Quadrat um das Klostergebäude gereihten ärmlichen Fachwerkhäuschen und Wirtschaftsgebäuden ist vom Ende des 17., bis weit in das 18. Jahrhunderts einer barocken Anlage und Verkleidung gewichen. Der einstmalige mehrstöckige Wehrturm und andere Gebäude sind gänzlich verschwunden. Die ecclesia triumphans, die gegenreformatorisch auftrumpfende und stilbildende katholische Kirche, hat dem Ort zwar ein neues Gepräge verliehen, aber seine Gestalt und Topografie in der Landschaft beibehalten.

[Abb.: Kloster Speinshart, 1839. Um die Hauptgebäude (shwarz) gruppieren sich die Wirtschaftsgebäude (schraffiert) mit Obstgärten und dem Klosterfriedhof (Kreuze), Umfassungsmauern und Umfassungsgraben. Quelle: Motyka, 1972, S.39]

Wie eine steinerne Wagenburg gruppieren sich die niedrigen einstöckigen Wohn- und Wirtschaftsgebäude von heute fast maßgenau in dem Geviert, das schon zu Zeiten Johann Mintzels das Leben am Ort eingeschlossen hat. Teile der Umfassungsmauer und des Umfassungsgrabens, die die Innenwelt von der Außenwelt getrennt hatte, sind noch erhalten. Kein Fremdenverkehr, kein Tourismus stört bis in die 1970er Jahre hinein die Ruhe des Klosterortes. Das Klosterareal bildet einen Zellkern im Innern des Ortes. Jeder der Früheren, kehrte er ins Leben zurück, würde sich zwar verwundert die Augen reiben, aber sich dort sofort wieder zurechtfinden. Das ländlich-verschlafene Leben folgt nach wie vor dem Rhythmus der Jahreszeiten und des Kirchenjahres.

Das Haus des Schulmeisters stand dort, wo sich heute die Klosterwirtschaft befindet, direkt gegenüber der Klosterkirche. Es war ein schlichtes, einstöckiges Fachwerkhaus, in dem es unten auch Platz für Vieh gab.

Vor meinem inneren Auge sehe ich den Schulmeister heraustreten. Er geht auf mich zu. Zwischen uns liegen zehn Generationen. Kinder spielen um den Brunnen herum Fangen. Am Brunnen treffen sich die Dorfbewohner, Mägde und Knechte, niedere und höhere kurpfälzische Bedienstete, der Pfarrer, der Richter, der Gerichtsschreiber und der Klosterverwalter. Er ist ein sozialer Treffpunkt. Mägde und Knechte schöpfen Wasser, die einen für den häuslichen Bedarf, die anderen für das Vieh. Gelegenheit zum Plaudern und Schwatzen, zum Lachen und Schimpfen. Gespräche über Alltagssorgen und Neuigkeiten. Rund um den Brunnen herrscht ein reges Treiben. In dem höchstens zweihundert Seelen zählenden Klosterdorf kennt jeder jeden. Das Stimmengewirr der Klostergemeinschaft, das Gackern und Geschnatter des Federviehs, das Knirschen und Ächzen der einfahrenden Bauernkarren, das Klatschen der Taubenflügel, das Kreischen der Kinderschar, die Rufe der Mütter, das Füllen der Bütten bilden eine vielstimmige Lautkulisse. Es riecht nach Dung. Um das Dach des Wehrturmes schwirren Schwalben. Der heiße Sommertag brütet über den Dächern. Auf den großen Vorplatz setzt ein kleines Kind Schritt vor Schritt. Johann Albrecht Mintzel, vor ein paar Monaten ein Jahr alt geworden, trägt wie die anderen Kleinkinder ein Kleidchen. Er probt auf dem Klostervorplatz das Laufen, er wankt noch ein wenig, hält seinen Körper mit erhobenen Armen in der Balance, tapst vom unsichtbaren Faden seiner Sinne  und seiner Motorik gezogen vorwärts. Er streckt die Hände nach seinem Vater aus. Der Schulmeister verfolgt aufmerksam den Probelauf seines Sohnes. Ein kleiner Mensch lernt gerade aufrecht zu gehen und Schritte allein zu setzen. Tauben stelzen kopfnickend um den Kleinen herum. Mit höchster Konzentration bewegt er sich auf die Vögel zu, die zu greifen ihm die größte Mühe wert ist. Das Söhnlein strahlt, jauchzt. Den aufrechten Gang zu lernen, ist ein spannender, großartiger Moment. Zum ersten Mal wirklich frei und aufrecht gehen zu können, ist ein triumphales Ereignis, das uns kognitiv aufrichtet und autonom werden lässt. Ohne Hilfe eine Wegstrecke zu durchmessen und ein selbstbestimmtes Ziel erreichen zu können, und sei es das geringste, ist eine wunderbare Grunderfahrung jeder Generation, ein Ur-Erlebnis aller Geschlechter und Kulturen. So habe ich das wunderbare Wagnis, zum ersten Mal aufrecht zu gehen, bei meinen Töchtern erlebt und später bei meinen Enkelkindern. Es ist ein Moment des Glücks, aber auch der Sorge, die richtigen Schritte ins Leben zu finden.

Der mittelalterliche Wach- und Wehrturm, eine familiengeschichtliche Ikone

Mitten in Speinshart. Der massive, vier Stockwerke hohe Wehr- und Schutzturm steht frei vor dem Kloster. Die großen, schweren Steinquader sind zu klobigen Kuben zusammengefügt, die jeweils ein Stockwerk bilden. Auf dem obersten sitzt ein spitzer Dachhelm. Der Turm ruht auf einer quadratischen Basis, jedes Stockwerk ist vom anderen durch eine Zwischendecke getrennt.

[Abb.: Ausschnitt Wach- und Wehrturm, 1670]

Schulmeister Johann Mintzel lädt mich zu einem Aufstieg ein. Im Turm führt uns eine Holztreppe über Eck in die schwindelnde Höhe. Der massive Wehr- und Schutzturm überragt alle Klostergebäude und die kleinen Häuser im Mauergeviert des Ortes. Vom obersten Geschoss aus ist der gesamte Ort einzusehen und jede Annäherung an die Klostermauern zu beobachten. Von der Plattform schweift unser Blick in jede Himmelsrichtung, nach Norden zum Vulkankegel des Rauhen Kulms, nach Süden über die Talsenke der Creußen hinweg nach Tremmersdorf. Wir klettern die Treppe wieder hinunter. Der Klostervorplatz ist nicht gepflastert. Schottersand und Gestein bilden einen festen Boden, der bei langem Regen aufweicht.

Der hohe Wehrturm, der gegenüber dem Wohnhaus stand, hatte sich tief in das Gedächtnis des kleinen Albrecht eingeprägt. Als er sich im Jahr 1627 in Leipzig sein Buchdruckeremblem anfertigen ließ, beauftragte er den Formschneider, nach seinen Angaben einen hohen Wehrturm ins Zentrum des inneren Ovals zu setzen. Ich kann nach mehr als 375 Jahren noch vieles entschlüsseln, was ihm in seinem Leben und Wirken wichtig war. Der Speinsharter Wach- und Wehrturm mit einem spitzen Helm und vier Ecktürmchen[1] ist für mich zu einer familiengeschichtlichen Ikone geworden.

[Abbildung: Druckermarke Johann Albrecht Mintzels von 1627]

Besuch der Volksschule im benachbarten Tremmersdorf

Zur Klosterpfarrei Speinshart gehörte von jeher Tremmersdorf, ein verschlafenes Dörfchen, das etwa drei Kilometer südlich an der Landstraße liegt, die nach Eschenbach führt. Auch dort begegne ich dem Schulmeister Mintzel. Im Kirchenvisitationsbericht vom 12. Oktober 1582 wird dem Schulmeister vorgeworfen, er sei, ohne den Pfarrer zu informieren, öfters abwesend und „ausläufferisch“ gewesen.

[Abb.: Staatsarchiv Amberg. Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen 52, fol.206]

Mit anderen Worten: Mintzel sei häufig irgendwo in der Umgebung unterwegs gewesen.  Der junge Schulmeister, so vermute ich, ist nach seiner Bestallung neugierig und will die Umgebung und seine Klientel kennenlernen. Er liebt zudem die Natur, er wandert gern und beobachtet die Fauna und Flora. Über den ganzen Sommer bis tief in Herbst hinein bleiben seine Schüler vom Unterricht fern. Sie müssen bei der schweren Feldarbeit mithelfen. Schulmeister Mintzel nutzt die Zeit und unternimmt Exkursionen in die Umgebung. Sein Weg führt ihn auch nach dem benachbarten Tremmersdorf. Dort treffen sich, wie aus kirchlichen Visitationsberichten hervorgeht, auch die Pfarrer von Speinshart und Tremmersdorf in einer kleinen Schankwirtschaft. War es die neben der Kirche, in der ich 1988, auf einer Fahrt zurück in meine Kindheit, bei Anton und Annemarie Vetter auf eine Halbe Bier einkehren werde?  Annemarie, die jüngste Tochter des Müllers Reis von der Holzmühle, war mein erster Schwarm. Sie war sechzehn, ich zehn Jahre alt, als der Krieg 1945 zu Ende ging.

Nach unserer Evakuierung aus dem von Luftangriffen bedrohten Nürnberg besuchten meine Schwester und ich von 1943 bis 1945 in Tremmersdorf die Dorfschule. Die Verhältnisse hatten sich in den letzten 350 Jahren wenig verändert. Die Schüler der ersten bis achten Klasse saßen in einem Schulraum. Zur Sommerszeit gingen wir am taufrischen Morgen barfuß zur Schule, die wir in einer guten halben Stunde Fußweg erreichten. Der Fußpfad führte von der Holzmühle durch ein lichtes Waldstück, das nach einer Weile von offenen, hügeligen Fluren abgelöst wurde. Auf einem taufeuchten Wiesenpfad ging es weiter bis nahe an die Creußen heran, die mitten durch Tremmersdorf fließt und erst in ihrem weiteren Verlauf zu einem Fluss anschwillt, durch den man nicht mehr waten kann. Der Pfad bog vor den ersten Scheunen und Bauernhöfen nach rechts ab und stieß auf einen Fuhrweg, der zur Dorfmitte und von dort hinauf zum Schulhaus führte. In den nasskalten Jahreszeiten, im Frühjahr und im Herbst, und im Winter sowieso, kamen wir selten mit trockenem Schuhwerk in die Schule. Der Fußpfad war vom Regen durchweicht und mit Pfützen bedeckt, daneben sumpfiges Gelände.

Die kleine Dorfschule lag am oberen Ortsrand direkt an der Landstraße, die sich von Eschenbach über Tremmersdorf und Speinshart nach Neustadt am Kulm hinzog. Das ganze Dorf machte, wie viele Dörfer in dieser Gegend, einen ärmlichen Eindruck. Es gab keine großen, stolzen Gehöfte mit reichem Holzdekor und Balkonen, sondern nur einfache, schmucklose Häuschen, die sich entlang der Creußen reihten und um die alte Dorfkirche gruppierten. Sofern sie überhaupt schon an das elektrische Stromnetz angeschlossen waren, gab es in den Dörfern keine Straßenbeleuchtung. In den kärglich eingerichteten Bauernstuben spendeten in der dunklen Jahreszeit und zur Nachtzeit Petroleumlampen ein spärliches Licht.

Das modernste, will heißen neueste Gebäude im Dorf war die Schule, die wohl in der Nazi-Zeit gebaut worden war. In dem einstöckigen Zweckbau befand sich im Erdgeschoss der Schulraum, darüber wohnte in einfachen Verhältnissen der Lehrer mit seiner Familie. Die Tremmersdorfer Schule war das Muster einer urigen bayerischen Zwergschule, wie sie auf alten vergilbten Abbildungen in Heimatmuseen zu sehen sind. Es mögen höchstens zwei Dutzend Kinder dort gewesen sein, mehr hätten kaum Platz gefunden.

Im Schulraum angekommen zogen wir die quietschend nassen Stiefel und tropfenden Strümpfe aus. Im Winter legten wir sie um den Kanonenofen, der den Schulraum wärmte. Frühmorgens, vor Beginn des Unterrichtes, hatte Lehrer Mailer den Ofen schon angeheizt, um den Raum vorzuwärmen.

Der Unterricht begann morgens um acht Uhr und endete mittags. Die Zöglinge saßen nach Klassen geordnet in zwei Bankreihen auf je zwölf Sitzen, ganz vorne die Jüngeren der ersten und zweiten, hinten die Älteren der siebten und achten Klasse. Die Schüler der unteren Klassen schrieben mit Griffeln auf Schiefertafeln, die der oberen benutzten Schulhefte aus schlechtem Papier. Lehrer Anton Mailer, ein schmächtiger Mann, ging nach Schulbeginn durch die Bankreihen und erteilte jeder Klasse ihr Pensum. Die Schulanfänger mussten das ABC lernen, die zweite Reihe sich im Schönschreiben üben, die in den mittleren Reihen wurden in Heimatkunde unterrichtet und die hinten mussten Rechenaufgaben lösen. Ich liebte das Schönschreiben und hörte gern zu, wenn der Lehrer im Fach Heimatkunde über das Maindreieck sprach und den Flussverlauf mit farbigen Kreiden auf die schwarze Tafel zeichnete. Das war der Vorteil des – wie es heute heißt – „binnendifferenzierten“ Zwergschulunterrichts. Das Lehrmaterial war kümmerlich, verglichen mit heutigen Standards sogar katastrophal. Hatte ich gut aufgepasst und meine Aufgaben erledigt, konnte ich lauschen, was den älteren Schülern an Stoff beigebracht wurde.  Der Unterricht für acht Klassen in einem Raum verlangte Disziplin. Die Schüler, meist unruhige Bauernlümmel, waren schwer im Zaum zu halten. Zwischen den letzten Schulbänken und der rückseitigen Wand war ein schmaler Raum, der Platz für Züchtigung bot. Hier strafte Lehrer Mailer die Schüler, wie damals üblich, mit Rute und Stock. Schülerinnen kamen mit milden Verwarnungen davon.

Das Schönschreiben gehörte zu unseren täglichen Hausaufgaben. Zeile für Zeile schrieb ich auf meiner Schiefertafel Buchstabenreihen, m-Reihen, n-Reihen, besonders schön das „t“ und das „z“. Dafür wurde ich in meinem Schulzeugnis mit der besten Note belohnt. Darauf war ich stolz. Schönschreiben wurde zur Manie und prägte meine Schriftzüge bis ins hohe Alter. Noch heute schreibe ich gern.

Vor dem Schulgebäude befand sich ein umzäunter Platz. Dieser bot in den Pausen gerade einmal genügend Fläche zum Herumtollen. An der Seite stand, die Höhe des Schulhauses überragend, ein Fahnenmast für den nationalsozialistischen Flaggenappell. Nach wirklichen oder vermeintlichen Siegen der deutschen Wehrmacht mussten wir am Fahnenmast strammstehen und das Horst-Wessel-Lied und die Deutschlandhymne singen. Hoch über unseren Köpfen flogen gegen Kriegsende fast täglich Geschwader fliegender Festungen hinweg. Klein wie Eintagsfliegen umkreisten Jagdflieger als Begleitschutz die Bomber, die lange Kondensstreifen hinter sich herzogen. Die Geschwader entluden irgendwo über Hitlers rasch schrumpfendem „Großdeutschland“ ihre tödliche Last. Erst im Frühjahr 1945 bekamen wir in unserer trügerischen Idylle die Schrecken des Krieges zu spüren. Es gab selbst noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs idyllische Orte und Nischen, wo der Anschein herrschte, sie würden vom Weltgeschehen ausgespart bleiben. Wir wären dort fast vergessen worden. Wie vor Jahrhunderten, wie zu Zeiten des Schulmeisters Mintzel, lag dieser Winkel der Welt abseits der entsetzlichen Geschehnisse. Bis zum Kriegsende hatte ich nichts von dem millionenfachen Morden der nationalsozialistischen Todesmaschinerie gehört. Erst ganz spät, in den letzten Kriegsmonaten, gab es ein Gemunkel der Erwachsenen, als hätten sie etwas Ungeheuerliches, kaum Glaubhaftes vernommen. Wenn sie schon eher etwas gewusst haben sollten, dann teilten sie es uns nicht mit, sie ließen uns in der Idylle fröhlich in den Tag hineinleben.

Der auch schon damals übliche Schulausflug führte nicht einmal zur nächstgelegenen Kleinstadt, geschweige denn in eine Großstadt. Es blieb bei beschaulichen Fußwanderungen im Umkreis der Schule, an den Kleinen und Großen Rußweiher, die damals noch keine überlaufenen Naherholungsziele für Städter waren. Die Gegend war reich an Weihern, deren Biotope später unter Naturschutz gestellt wurden. Der Lehrer hielt uns zu Naturbeobachtungen an und lehrte uns Baumarten zu unterscheiden: Erlen, Birken, Eichen, Föhren, Fichten und Tannen. Der Anschauungsunterricht in freier Natur vermittelte uns sämtliche biologischen Grundkenntnisse, denn Biologiebücher mit anschaulichen Abbildungen gab es nicht.

Leben, wo die Große Rohrdommel ruft

In den Sommernächten der Jahre 1943 und 1944 packte mich das Grauen, wenn plötzlich ein seltsam dumpfes “Üüpruumb” unheimlich durch die Landschaft schallte. Das langgezogene “U” hatte die Lautstärke eines Ochsenschreis, als brüllte ein großes Tier seinen Urschrei in die Nacht hinein. Wenn diese fremdartige Stimme durch die Nachtschwärze drang, zuckte ich innerlich zusammen und erschrak zutiefst. Es war der dumpfe Balzruf der Großen Rohrdommel, die in den sumpfigen Gewässern des Großen und Kleinen Rußweihers lebte. Von alters her boten die schilfbewachsenen, morastigen Gewässer mit ihren zahlreichen runden Schilfhöckern einer großen, vielartigen Schar von Schwimm- und Tauchvögeln, Sumpfvögeln und Sängern ein nahrungsreiches Brutgebiet. Seit jeher bevölkerte diese Weiher und das umliegende Sumpfgebiet eine große Schar von Lachmöwen. Das dichte Schilfrohrgebiet mit seinen zahlreichen Inselchen war ein beliebter Brutplatz. Das nimmer endende Geschrei einer vielköpfigen Lachmöwenkolonie erfüllte die Luft. Doch in der Nacht, wenn alle anderen Vogelstimmen verstummt waren, ertönte das dumpfhohle “Üüpruumb” der Großen Rohrdommel. Insbesondere in mondlosen, schwarzen Nächten, in denen ich meine Hand nicht vor den Augen sah, jagte mir jeder Schrei Schauer durch den Leib. Es war ein unheimliches Urerlebnis, es klang nach dem wilden Schrei eines mächtigen Naturgeistes, als wolle er mich rufen und warnen.

Dieser dumpfe Ruf war kilometerweit zu hören, so stark war sein Schall. Er drang bis nach Speinshart, bis Tremmersdorf, bis zur Herrnmühle und bis zu uns in die Holzmühle. Als wir uns in den letzten Kriegsjahren dort hinten, tief in der Oberpfalz, versteckt hielten, lag die Landschaft noch wie vor drei- oder vierhundert Jahren vor uns. Seit Jahrhunderten hatte der Mensch dieses sumpfige Gebiet so belassen, wie es war. Manchmal wateten ein paar Männer durch das Schilf und raubten die Eier der auffliegenden Lachmöwen. Wenn die Bauern der Umgebung im Frühjahr ihre Äcker pflügten, flogen hinter der Pflugschar Schwärme von hungrigen Möwen und fielen mit heiserem Gekreische in die Furchen. Mit jeder Wendung stoben sie wieder hoch. Die Kiebitze flogen im Gaukelflug, führten die kühnsten Schwenkungen aus und stießen dabei ihr helles “i – kwitt” aus.

So sah die Landschaft aus, so zeigten sich die sumpfigen, schilfbedeckten Gewässer vor 350 Jahren, als Johann Mintzel im Kloster Speinshart Schule hielt und, wie er es vermutlich gern tat, durch die Gegend streifte. Er hörte die Rufe der Rohrdommel wie ich, der kleine, fast zehnjährige Volksschüler auf der Holzmühle. Er ging auf denselben Wiesenpfaden wie ich, 350 Jahre später, zur Schule nach Tremmersdorf. Er sah die sanfte Höhe, die zwischen den Weihern und Speinshart liegt. Er besuchte den einsamen kleinen Weiler, der seit alters an den Weihern liegt. Er hörte in lauen Frühlingsnächten, wie ich in der gleichen Gegend, am gleichen Ort, den unheimlichen Balzruf der Rohrdommel. Seine Kindheit in Speinshart und meine Kindheit in der Holzmühle ähneln sich in vielem: Kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser im Haus, ein Plumpsklo, ein Herd, der mit Holz aus dem nahegelegenen Wald beheizt wird, kalte, eisklirrende Winternächte, trockene Sommer und Myriaden von Stechmücken, die wir mit Erlenlaub abwedelten.

[Abb.: Alte Postkarte „Gruß aus Tremmersdorf, Oberpfalz“ aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts]

Wo die “lutherischen Brockenfresser” herstammen

Dort hinten in der Oberpfalz gab es weit und breit keinen einzigen Protestanten. Herzog Maximilian, der spätere Kurfürst von Bayern, hatte, nachdem die Obere Pfalz und mit ihr Speinshart 1621 an Bayern gefallen war, konfessionell durchgegriffen, Protestanten amtsenthoben und vertrieben und bis 1628 die Rückkehr zum katholischen Glauben erzwungen. Diese Gegend war noch bis 1945 fast geschlossen katholisch. Es war fast unmöglich, an einem protestantischen Religionsunterricht teilzunehmen oder eine evangelische Kirche zu besuchen. Nirgendwo wurde ein evangelischer Gottesdienst abgehalten, auch nicht am Karfreitag, Ostersonntag oder am Heiligen Abend geschweige denn am Reformationstag. In der rein katholischen Volksschule wurde ich der “lutherische Brockenfresser” genannt. Ich wusste damals nur, dass mit diesem Spottnamen irgendwie Protestanten, Lutherische, gemeint waren, die anderen eben, die nicht dem richtigen Glauben anhingen. Wir, meine Familie, waren die einzigen “Brockenfresser” weit und breit, ich lernte in diesen Jahren keine anderen kennen. Ich hielt mich deshalb nicht einmal für ein Mitglied einer geduldeten Minderheit, sondern für ein exotisches Exemplar unter lauter Katholiken, das die Bauernkinder fröhlich neben sich leben ließen. Das exotische Exemplar störte sie nicht sonderlich. Es blieb beim Spottnamen, den sie mehr amüsiert denn in ausgrenzender Absicht gebrauchten. Erst Jahrzehnte später, auf den Spuren des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel, entschlüsselte ich den ursprünglichen Sinn des Spottnamens, mit dem mich meine Klassenkameraden, Oberpfälzische Bauernbuben und Bauernmädchen, in den Kriegsjahren gehänselt hatten. Der Schimpfname, obschon er mich unangenehm berührt hatte, war nur mehr ein Nachhall aus nach- und gegenreformatorischer Zeit. Ich war nicht „der Jude“, der mit dem Davidstern markierte “Untermensch”. Ich war nur ein heranwachsender “Volksgenosse” anderen christlichen Glaubens.

In der Zeit zwischen der Einführung der Reformation in der Oberpfalz-Kurpfalz und der gewaltsamen Rekatholisierung dieses Gebietes, im Zeitraum zwischen 1520 und 1620, hatten nicht nur alter und neuer Glaube gewechselt, sondern auch innerhalb des Protestantismus, der 1520 zunächst gegenüber dem Katholizismus sich durchzusetzen begonnen hatte, war ein erbitterter Kampf zwischen Lutheranern und Calvinisten entbrannt(vgl. Lippold,2003: Der Kalvinismus, S.278; Schottenloer,122: Flugblatt und Zeitung, S. 262ff). So wechselreich die dynastische Geschichte der Oberpfalz damals gewesen war, so wechselreich waren auch die konfessionellen Verhältnisse, die von dem Grundsatz “cuius regio, eius religio“ bestimmt waren. Der regierende Fürst und sein Regierungsapparat hatten bestimmt, welche Religion in seinem Lande die “wahre” und allein zu praktizierende sei. Die für “wahr” und “absolut” gehaltene Konfession war mit mehr oder weniger starkem Nachdruck durchgesetzt worden, meist mit gewaltsamen Mitteln. Das galt selbstverständlich auch für die protestantische Seite und ihre internen Auseinandersetzungen, für die Anhänger des lutherischen Protestantismus und für die Anhänger der Lehre Calvins (Hartmann, 2003: Konfessionelle Kulturen im 17. Jahrhundert, S. 46ff). Die Obere Pfalz erlebte unter ihren Kurfürsten in ihrer protestantischen Zeit mehrmals einen Konfessionswechsel zwischen lutherischen und calvinischen Protestantismus. Zu den dogmatischen Streitpunkten hatten insbesondere der Charakter des Abendmahls und seine Feier gezählt. Nach der lutherischen Glaubenslehre verwandeln sich beim Abendmahl Brot und Wein in den Leib und in das Blut Christi. Luther sagt: Christus sei „in, mit und unter“ Brot und Wein gegenwärtig. Nach Calvins Lehre findet dagegen keine Wandlung – Transsubstantion genannt – statt. Brot und Wein symbolisieren nur Leib und Blut Christi. Die calvinische Formel lautet nach Paulus: „Das Brot, das wir brechen, ist eine Anteilnahme am Leib Christi.“ Zur lutherischen Abendmahlfeier gehört die Oblate, zur calvinischen das Brot, das gebrochen wird. Es waren die Anhänger der Lehre Luthers, die zuerst Calvinisten wegen des Brotbrechens als „zwinglische, calvinische Brockenfresser“ beschimpft hatten. Es war, wie wir wissen, nicht bei den sprachlichen Kampf- und Propagandaschlachten geblieben. Es folgten die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges. Katholiken hatten in der Oberpfalz anscheinend in den Glaubenskämpfen das Schimpfwort generalisiert. Für sie waren alle Protestanten, gleich ob Lutheraner oder Calvinisten, Brockenfresser. Wie es die Katholiken in den Zeiten der konfessionellen Auseinandersetzungen und Kämpfe getan hatten, so hielten es auch noch ihre Nachfahren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In der Oberpfalz wurden Protestanten auch noch in der Zeit des Zweiten Weltkrieges so genannt. Inzwischen verloren diese dogmatischen Abgrenzungen und konfessionellen Ressentiments und Animositäten an Wirkkraft, obschon sie noch immer konfessionelle Grenzlinien markieren und Familiengeschichten prägen.

Am Grabe von Johann Mintzel, 1611

Bei meinen späteren Besuchen des Klosterortes unternahm ich im Geviert des idyllischen Gebäudekomplexes jedes Mal einen stillen Rundgang. Ich ging an den schlichten Häuschen entlang und kehrte in Gedanken und inneren Bildern in die Zeit des lateinischen Schulmeisters Johann Mintzel zurück. Ich lehnte mich an den Brunnen, aus dem noch immer Wasser plätschert. Das Jetzt verschwamm in einem Damals, die Vergangenheit wurde gegenwärtig. Einunddreißig Jahre lang hat der ergraute Schulmeister im kurfürstlichen Dienst mit viel Fleiß und pädagogischer Verantwortung Kinder und Jugendliche unterrichtet. Noch im Dezember 1610, kurz vor Weihnachten, bat er in einem abermaligen Bittschreiben, es sollte sein letztes sein, an die kurfürstliche Regierung um eine Aufbesserung („Addition“) seiner Bezüge in Geld und Naturalien. Er hat noch Weihnachten 1610 und Neujahr 1611 erlebt, dann griff der Tod nach ihm. Die Obere Pfalz wurde in den Wintermonaten 1610/11 von einer Schneedecke tief zugedeckt. Speinshart versank im Schnee, in den schmalen Häusern herrschte klamme Feuchtigkeit, an den Wänden der unbeheizten Räume glitzerten Eiskristalle, die Fensterscheiben waren vom Frost erblindet, die Familie scharte sich um das Küchenfeuer. Die Frühjahrsmonate waren in der Oberen Pfalz nass und kalt, es dauerte bis in den April hinein, bis das letzte Eis geschmolzen war. Ich habe in meiner Kindheit in der Oberpfalz diese kalten Jahreszeiten 1943/44 und 1944/45 selbst erlebt.

Johann Mintzel wurde gut fünfzig Jahre alt, für damalige Lebensverhältnisse hatte er ein recht hohes Alter erreicht. Wer in jenen Zeiten so alt geworden war, galt schon als Greis. Wir kennen nicht die Todesursache. Möglicherweise hatte er sich erkältet, gar eine Lungenentzündung zugezogen. Wir wissen auch nicht, an welchem Tag genau er verstarb. Die medizinische Versorgung lag im Argen, in Speinshart soll es nicht einmal einen Bader gegeben haben. Aber selbst diese waren häufig nur Quacksalber, die mit unwirksamen Mitteln Kranke zu Tode kurierten. Nur sein Todesjahr lässt sich aus den Archivalien zweifelsfrei erschließen, das Jahr 1611 (AM: Blog „Lebensgeschichten und Erelebniswelten…“, 1. Kap., S. 5).

Der verstorbene Schulmeister wurde, wie allgemein üblich, zu Hause eingesargt, aufgebahrt und bei ihm eine Kerze angezündet. Im Klosterdorf wird sich schnell herumgesprochen haben, dass der alte Mann gestorben war. Jeder hatte ihn gekannt, aber nicht alle hatten ihn gemocht. Allzu oft hatte er, wie kirchliche Visitationsberichte auch für Speinshart bezeugen, säumige Eltern und ihre Kinder ermahnen müssen, die Katechismus-Lehre und die Schule zu besuchen. Der mehrmalige Konfessionswechsel hatte auch in Speinshart und seinem Umland zu verdecktem Widerspruch und passivem Widerstand geführt, ja sogar Verweigerung hervorgerufen. Unter allerlei Vorwänden war man dem Gottesdienst ferngeblieben. Das hatte dem Schulmeister Verdruss und Ärger beschert. Es hatte so manchen Zoff gegeben. Doch begleitete wohl jeder, der gehen konnte und nicht selbst krank darniederlag, den Sarg zur Aussegnung in die Klosterkirche und danach an das Grab. Der Speinsharter Friedhof lag innerhalb der Mauern hinter den Klostergebäuden in einem Winkel, der räumlich vom Treiben der Lebenden abgesondert war. Dorthin zog der kleine Leichenzug zur ausgehobenen Grube: die Witwe Mintzels, sechs seiner Kinder, die das Kindes- und frühe Jugendalter überlebt hatten, ein Häuflein kurfürstliche Amtsträger und Honoratioren des Ortes, gefolgt von einer Schar Kinder und Jugendlicher, der Schülerschaft des Verstorbenen, alle in Reih und Glied und im stillen Gedenken. Der Glöckner läutete das Totenglöckchen. Pfarrer Johann Lucas (I.), selbst vom Tod gezeichnet – er starb noch im gleichen Jahr – hielt die Leichenpredigt, die damals viel länger ausfiel als heutige Nachrufe. Am Ende der rituellen Handlungen kamen alle zum Leichenschmaus zusammen und tauschten Anekdoten aus.

Der Tod des alten Schulmeisters veränderte die Lebenssituation seiner Hinterbliebenen drastisch. Im Laufe des Jahres 1611 wurde Kaspar Eck in das vakante Schulmeisteramt berufen.  Eccius, wie er sich lateinisch nannte, kam aus Schlesien. Sein Schwager, der Speinsharter Richter Jonas Liebing, hatte ihn der Obrigkeit empfohlen. Witwe Mintzel und ihre sechs Kinder mussten aus dem Schulmeisterhaus ausziehen und im Ort eine andere Bleibe finden. Eck unterrichtete wohl noch ein paar Jahre die Söhne des verstorbenen Mintzel, Johann Christoph bis zum Jahre 1614, Johann Albrecht bis 1616. Nach Abschluss der Lateinschule verließen beide ihren Heimatort, wo keine höhere Ausbildung möglich war. Christoph wanderte nach Leipzig und begann dort Theologie zu studieren. Albrecht ging in einer renommierten Buchdruckerei in die Lehre. Im Jahre 1620 tritt er uns in Leipzig zum ersten Mal als Buchdruckergeselle in der damals weithin bekannten Verlagsdruckerei der Verlegerfamilie Große entgegen. Diese Daten sind jedenfalls zweifelsfrei belegt. Die weiteren Schicksale der Mutter und der anderen Geschwister sind unbekannt. Als „nobodies“ wurden sie nicht einmal als Sterbefälle in die nachlässig geführten Kirchenregistern eingetragen, so als hätte es sie nie gegeben. Möglicherweise zogen sie schon vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges von Speinshart weg. Vielleicht führt meine Fehl- und Suchanzeige zu Entdeckungen in anderen genealogischen Zusammenhängen.

Aus konfessionspolitischen Gründen unternahmen damals Oberpfälzer, evangelisch-lutherische und calvininische Theologen, Pfarrer und Schulmeister weite Wanderungen, um in Territorien ihrer Konfession Aufnahme und Anstellung zu finden. Die Speinsharter Schulmeisterfamilie Mintzel teilte mit vielen anderen dieses Schicksal: Amtsenthebung und Vertreibung. Sie wurden zu einer “Migrantenfamilie”, zu Wanderern, die weite Wege zurücklegten. Die Gebrüder Johann Christoph und Johann Albrecht Mintzel konnten nicht in ihre Heimat zurückkehren. Die gewaltsame Rekatholisierung, die 1621 einsetzte, verwehrte es ihnen. Ihre Wanderrouten zeigen, dass sie in protestantische Territorien Mittel- und Norddeutschlands gingen und sich im fernen „Ausland“ niederließen. Orte, wo der zeitweise Aufenthalt der Brüder und ihrer Kinder belegt ist, sind Leipzig, Frankfurt/Oder, Libbenichen/Oder, Berlin, Oranienburg, Stettin, Kolberg in Pommern und Hof/Saale. Der spätere Buchdrucker Johann Albrecht Mintzel, dessen Namen ich trage, verlor am Ende des Dreißigjährigen Krieges in Leipzig die Hoffnung, in der vom Krieg heimgesuchten Stadt seine Druckerei auf Dauer fortführen zu können. Er folgte einem Ruf des Rates der markgräflich-brandenburgische Stadt Hof im Vogtland, übersiedelte 1642 mit seiner Familie und Druckerei nach Hof und führte dort seine in Leipzig erworbene Buchdruckerei weiter (Alf Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, S, 46-277).

Das Kurfürstentum Bayern blieb als ein Hort der Gegenreformation bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ein konfessionelles “Sperrgebiet” für protestantische Drucker und Theologen. Speinshart wurde bald nach dem Abzug der Mintzels wieder katholisch und erhielt am Ende des 17. Jahrhunderts ein barockes Kleid. Die große Geschichte prägte sich auch im Familienleben aus. Die Einstellungen und Werthaltungen in den Familien Mintzel waren bis ins 20. Jahrhundert hinein stark antikatholisch geprägt. Es gab mit einer Ausnahme bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts keine Mischehen.

 

Literatur (Auswahl): Bernhard Fuchs: Geschichte des Klosterarchivs Speinshart; Peter Claus Hartmann,2003: Konfessionelle Kulturen im 17.Jahrhunder, in: Wolf, Peter: u. a. (Hrsg.): Der Winterkönig V. Der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Haus der Geschichte, S. 46-52; Daniel Heinrich Hering, 1784 u. 1785: Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Reformierten Kirchen in den Preußisch –Brandenburgischen Ländern. Erster und Zweiter Theil; Stephan Lippold, 2003: Der Kalvinismus, in: Wolf, Peter u. a. (Hrsg.): Der Winterkönig V. Der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Haus der Bayerischen Geschichte, S. 278f; Alf Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zu Druckindustrie, 2011, Band I, Kapitel I, S.22-37; Gustav Motyka: Das Kloster Speinshart, Weiden 1972; Josef Scherl: Die Grundherrschaft des Klosters Speinshart, Nachdruck 1940; Motyka, 1972: Das Kloster Speinshart, S. 39.

1. Auf den Spuren der Speinsharter Schulmeisterfamilie Mintzel (16./17. Jh.)

Plötzlich stehen sie vor mir

„Eine Generation kommt und eine Generation geht“ (…) Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die später sein werden.“ So spricht der Prediger Salomon.

Der weise König spricht eine Wahrheit aus. Allerdings denkt er in weiten Zeiträumen, in vieltausendjährigen Zeitaltern. Im Wandel der Äonen wird alles Nichtigkeit und Windhauch. Niemand kennt mehr die Namen der Erbauer und Einwohner längst versunkener Reiche und Städte. Archaische Skulpturen blicken aus der Ferne herüber, Schöpfer und Dargestellte sind längst verblichen, ihre Namen unbekannt. Schon in der Gegenwart verklingen die Namen der allermeisten Menschen mit der Totenglocke und den Nachrufen.

Doch werden Menschen immer nach ihren Wurzeln fragen, nach den „roots“ suchen und ihre Herkunft und ursprüngliche Heimat erkunden wollen. Wir alle haben einen Ursprung in einem geografischen Raum, in einer Zeit, an einem Ort, in einer Gegend, in einem Kulturkreis und im Beziehungsgeflecht von Menschengruppen. Und dieser Ursprung hat wieder einen Ursprung, und so reiht sich Generation an Generation bis an den Punkt, von dem ab es keine Erinnerung mehr gibt an die Früheren. An diesem Punkt beginnen meine Erzählungen.

Die Gestalten, die ich hereinrufe in unsere Gegenwart, sind keine „Lichtgestalten“ ihrer Zeit. Es sind kleine Existenzen aus dem Volk, die im Bühnenhaus der Geschichte meist nur als lärmende Masse in pittoresken Gewändern vergangener Moden auftreten und anonym bleiben. Ich lasse sie einzeln, in Gruppen und Generationen für einen kurzen Moment aus dem Dunkel der Vergangenheit und der Vergessenheit heraustreten und stelle sie dem Leser vor. Ich ermögliche eine Begegnung der Schattenmenschen vergangener Zeiten mit uns. Mit der Schilderung ihrer Schicksale beschreibe ich unser kleines, unbedeutendes Dasein, unsere kurze Existenz zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach. Wir werden wie sie in das Reich der Vergessenheit eingehen. Vieles ist mir geradezu unheimlich gegenwärtig. Ich komme längst vergangenen Lebensläufen auf die Spur, ich beginne mich an die Gehirne verschwundener Generationen anzukoppeln und ihre Sinnorientierungen zu verstehen. Aus Daten werden Schatten, aus Schatten Schemen, aus Schemen Personen, und plötzlich stehen sie vor mir. Ich treffe sie auf ihren Wegen an. Ich besuche Erinnerungsorte, trete ein und lausche. Ich höre in den Echoräumen der Jahrhunderte Stimmen und Geräusche.

Woher sie kamen

Die kleine Buchdrucker- und Verlegerdynastie Mintzel, aus der ich stamme, hat ihren Ursprung in einem der zahlreichen kleinen Territorien und Herrschaftsgebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in der Oberen Kurpfalz, die heute im nordöstlichen Bayern liegt und die Oberpfalz genannt wird. In dem kleinen Klosterdorf Speinshart versieht der lateinische Schulmeister Johann Mintzel gut dreißig Jahre lang, von Ende 1580 bis in das Jahr 1611 hinein, seinen Dienst. Er stammt aus der kurpfälzischen Regierungsstadt Amberg und hat dort mehrere Jahre am kurfürstlichen calvinischen Pädagogium studiert. Am 12. Oktober 1580 hat er vor dem Kirchenrat sein Examen abgelegt. Der junge Schulmeister heiratet 1586 in Speinshart und zeugt mit seiner Frau, deren Namen und Herkunft nicht überliefert ist, zehn Kinder. Vier der Kinder sterben bereits im Säuglings- und Kindesalter. Die hohe Sterblichkeit ist damals ein kollektives Schicksal. Es gibt noch keine Mittel gegen todbringende Krankheiten.

Nur von drei Söhnen sind Namen, Geburtsort und Geburtsdatum überliefert, von zweien dieser Söhne wissen wir sehr viel mehr. Wir kennen ihre Lebenswege, ihre beruflichen Karrieren, ihr historisches Wirken und ihre Familien. Aus dem kleinen verschlafenen Klosterdorf sind keine prominenten Persönlichkeiten hervorgegangen. Speinshart ist nicht Geburtsort herausragender Gelehrter, Künstler und Politiker, geschweige denn von Geistesgrößen europäischen Formats. Zwei Söhne des Schulmeisters bringen es allerdings im protestantischen „Ausland“ zu beachtlichen Berufserfolgen: Johann Christoph wird 1622 ein evangelisch-reformierter Pfarrer, sein jüngerer Bruder, Johann Albrecht, 1625 ein renommierter Buchdrucker in Leipzig. Begeben wir uns auf Google-Suche und klicken auf unserem Rechner auf die Eingabe „Johann Albrecht Mintzel, Buchdrucker“, liefert uns das Internet Hunderte seiner Drucke und auch der späteren Druckerdynastie Mintzel. Im katholisch dahindämmernden Klosterdorf Speinshart sind diese Söhne des Ortes „nobodies“. Niemand kennt sie. Die Speinsharter Familie Mintzel hat sich zum „falschen Glauben“ bekannt. Die ältere lokale und regionale Geschichtsschreibung, die sich mit dem Prämonstratenserstift Speinshart und mit umliegenden Ortschaften befasst, stammt aus der Feder katholischer Autoren. Bis auf wenige Ausnahmen haben diese Geschichtsschreiber die protestantische Zeit zwischen 1556 und 1624/25 ausgespart und damit die protestantischen Pfarrer und Schulmeister, seien es Lutheraner oder Calvinisten, aus konfessionellem Eifer oder aus Desinteresse aus ihren Annalen verbannt. Sie haben diese als unerwünschte Personen aus dem kulturellen Gedächtnis der Orte gestrichen. In der lokalen katholischen Geschichtsschreibung ist die  protestantische Zeit zwischen der ersten Säkularisierung 1556/57 des Klosters und der völligen Annexion der Oberen Pfalz durch den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. im Jahre 1628 „geschichtslos“ (Beispiele: Josef Scherl, 1940; Gustav Motyka, 1972).

Übergeben die kleinen lokalen Geschichtsschreiber geflissentlich die Häretiker dem Orkus der Vergessenheit, so tut die hohe Geschichtsschreibung das ihre dazu. Sie geht über die Mikrowelten und deren Alltagsleben, Beschränkungen und Scheußlichkeiten mit glättenden und übertünchenden Worten hinweg. Ihre Historiografie folgt nur erhabenen Ideen und Staatsgeschäften. Den gemeinen Mann und seine Sorgen verlieren sie oft aus den Augen. So ist unser kleiner Speinsharter Schulmeister Johann Mintzel durch die konfessionellen Sieblöcher der Geschichtsschreiber und Geschichtenerzähler ins Dunkel gefallen.

Ich will ihn und seine Familie aus ihrer Vergessenheit zurückholen, die Orte aufsuchen, aus denen sie gekommen sind, und sie dorthin begleiten, wohin sie gegangen sind. Ich will erzählen, was ihnen widerfahren ist und wie sie sich abgemüht haben unter der Sonne. Und ich werde die sonderbaren Begebenheiten schildern, die mich auf ihre Spuren gebracht haben. Ich fühle mich ihnen so tief verbunden, als lebte ich in Jahrhunderten. Ich teile mit Johann Albrecht Mintzel, dem Begründer der Druckerdynastie, die Kindheit in der Umgebung des alten Klosterortes. Er hat Anfang des 17. Jahrhunderts als Kind auf dem Platz vor dem Klostergebäude aus dem gleichen Brunnen Wasser getrunken wie ich in den Kriegsjahren 1943 bis 1945. Ich schlürfe das fließende Wasser aus meiner hohlen Hand und sehe mich in das 17. Jahrhundert versetzt. Manche sagen, das sei kein Zufall. Wir seien uns tatsächlich begegnet, sagen sie. Mein Vater hat mich 1935 nach einem Sohn des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel benannt, nach Johann Albrecht Mintzel (1600-1653).

[Abbildungen: Speinshart, Ansicht des Klosterdorfes]

 

Lebensdaten von Johann Mintzel, Schulmeister in Speinshart/Oberpfalz von 1580 bis 1611

Genealogischer Steckbrief

Zur Vita von Johann Mintzel „aus Amberg“ liegen quellenbelegte Daten und indirekte Berichte vor, durch die sich seine Lebensumstände, Ausbildung und beruflichen Aufgaben relativ gut nachvollziehen lassen:

  • geboren um 1560, wahrscheinlich in Amberg.
  • gestorben 1611 in Speinshart.
  • Schreibweise des Familiennamens wie damals üblich uneinheitlich: Eigene Schreibweise des Schulmeisters: Mintzll, Minzll, Mintzel, Schreibweise von fremder Hand (behördlich): Minzelius, Mintzel, Müntzel, Müntzelius, Münzelius, Müntzl (auch Mentzel, Menzel).
  • Beruf: 1580 – 1611 kurpfälzischer lateinischer Schulmeister in Speinshart.

Elterngeneration:

Für den Lebenszeitraum der Eltern Johann Mintzels sind die Jahre von etwa 1530 bis 1600 anzusetzen. Über seine Eltern ist bisher nichts bekannt. Hierzu wäre einiges aus den Archivalien im Stadtarchiv Amberg zu erwarten. Eine Familie Mintzel beziehungsweise ein Bürger Mintzel soll, wie aus Urkunden hervorgeht, um 1524 von Coburg nach Amberg übergesiedelt sein. Es dürfte sich vermutlich um einen Großvater des Johann Mintzel gehandelt haben. Die Existenz einer Coburger Familie Mintzel im 16. Jahrhundert ist in Coburger Quellen verbürgt.

Ausbildung/Studium/Bestallung:

  • 1574 oder 1576-1580 Studium am kurfürstlichen Pädagogium in Amberg (in der Zeit der Regentschaft Ludwig VI., 1576 – 1583, der die lutherische Konfession durchzusetzen trachtete).
  • 10.1580 Examen am Pädagogium.
  • Ende 1580 Bestallung als kurpfälzischer lateinischer Schulmeister im Stift Speinshart.
  • Behördliche Überprüfung seiner Amtsführung bei der Kirchenvisitation vom 06.10.1582.

Berufsausübung / Bittschriften:

  • In seinen Bittschriften von 1591, 1606, 1607, 1608, 1609 und 1610 an die kurpfälzische Regierung in Amberg ersucht er um „Addition“, das heißt um finanzielle Zulagen und um zusätzliche Naturalien (Weizen, Gerste, Hafer); in den Gesuchen schildert er ausführlich seine Lebens- und Familienverhältnisse, zum Beispiel die Zahl seiner Kinder.

Ein Pfälzer aus Amberg:

  • Johann Mintzel bezeichnet sich in seinem Bittschreiben vom 30.06.1606 an die kurpfälzische Regierung in Amberg selbst „alß ein Pfälzer“.
  • Im kirchlichen Visitationsbericht vom 06.10.1582 heißt es: „Der Schulmeister Ist Müntzelius von Ambergk“.

Familiengründung / Familienverhältnisse:

  • 1586 Eheschließung (wahrscheinlich in Speinshart; Name der Ehefrau unbekannt, keine Überlieferung in einschlägigen Quellen).
  • Aus der Ehe gehen nach Mintzels Angaben 10 Kinder hervor, von denen 4 im Säuglings- oder Kindesalter sterben.
  • Von drei Kindern (Söhnen) sind Namen, Geburtsdaten und Geburtsort überliefert:
  • Johann Christoph Mintzel, geb. 1598 in Speinshart.
  • Johann Albrecht Mintzel, geb. 01.10.1600 in Speinshart.
  • Germanus Mintzel, geb. 07.03.1602 in Speinshart.
  • Es dürfte sich um die jüngsten Kinder aus der Ehe handeln. Im Jahre 1628 konvertiert in Speinshart ein Georg Menzel (Mintzel?) zum katholischen Glauben. Es könnte sich um einen der namentlich unbekannten Söhne Mintzels handeln, der in Speinshart geblieben und unter dem Druck der neuen dynastischen und konfessionellen Verhältnisse den Glauben gewechselt hat.
  • Von den Söhnen Johann Christoph (1598–1669) und Johann Albrecht (1600–1653) sind Lebenswege und berufliches Wirken bekannt. Johann Albrecht Mintzel ist der Gründer der Mintzelschen Buchdruckerei in Leipzig (1625) und in Hof / Saale (1642). Seine Nachfahren wirken in fünf Generationen als Buchdrucker und Verleger in Hof / Saale und Bayreuth. Sein Bruder Johann Christoph Mintzel studiert in Leipzig (1614) und Frankfurt an der Oder (1616) Theologie, kehrt um 1620 zurück in die Oberpfalz, wird dort 1620 Schulmeister in Freystadt, dann 1622–1625 ev.-reform. Pfarrer in Hausheim / Opf. Im Zuge der Rekatholisierung 1625 amtsenthoben. Er wandert nach Libbenichen bei Frankfurt a. d. Oder aus und wirkt dort bis zu seinem Tode (1669) als ev.-reform. Pfarrer (alle Daten und Belege in: Mintzel, 2011, Band I).

Todesjahr:

1611 ist höchstwahrscheinlich das Todesjahr des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel. In den schlecht geführten, lückenhaften Kirchenbüchern ist kein Eintrag zu finden, doch gibt es zwei indirekte Bestätigung des Todesjahres: Der Nachfolger Mintzels im Amt des Schulmeisters, Kaspar Eccius (Eck), bittet unter dem Datum des 14. Dezember 1614 in seinem Gesuch an die kurfürstliche Regierung in Amberg um die gleiche Addition, wie sie seinem Vorgänger [Mintzel] gewährt worden war. Er weist in seinem Gesuch unter anderem daraufhin, dass sein Schwager, der in Speinshart amtierende kurfürstlich pfälzische Richter Jonas Liebing ihn im Jahre 1611 aus Schlesien in die Oberpfalz gebracht und zum Schuldienst in Speinshart befördert habe. Jonas Liebig unterstützt mit einem Schreiben vom 17. Dezember 1614 das Bittschreiben seines Schwagers.

Die kurfürstliche Regierung bewilligt am 19.12.1614 das Gesuch des Eccius um Addition mit Verweis auf „Johann Mintzel seelig, Schulmaisters zum Speinshart“. Mintzel muss folglich im Jahre 1611 im Alter von etwa 51 Jahren verstorben sein. Sein letztes Gesuch um „Addition“, es war das sechste in Folge, schreibt er am 17. Dezember 1610. Er erlebt noch Weihnachten 1610 und Neujahr 1611.

Über das weitere Schicksal seiner Witwe ist nichts bekannt. Sie erhielt wahrscheinlich bis zum Jahresende 1611 die ihrem Mann zugestandenen Einkünfte und danach Gnadengelder. (Siehe zu dieser Versorgungsproblematik Frieb 2006, 78).

Kaspar Eccius ersuchte, wie vordem Mintzel, bis 1625 in weiteren Bittschreiben die kurfürstliche Regierung um „Additionen“. Im Jahr 1625 wurden die protestantischen, seien es die calvinischen, seien es die lutherischen Beamten im Zuge der Rekatholisierung ihrer Ämter enthoben. (Denk 1904, 50ff)

Offene genealogische Fragen

Zur Amberger Herkunft des Schulmeisters Johann Mintzel: Gab es in Amberg im Zeitraum von etwa 1530 bis 1600 eine Bürgerfamilie Mintzel (siehe auch die oben genannten Schreibweisen des Familiennamens), aus der Johann Mintzel stammen könnte oder nachweislich stammt?

  1. Geht aus den einschlägigen Kirchenregistern oder / und anderen Quellen sein Geburts- und Taufdatum hervor? Schulbesuch in Amberg?
  2. Falls seine Herkunft aus einer Amberger Bürgerfamilie Mintzel ermittelt und belegt werden kann, welchen sozialen Status hatte diese Familie? Welche Berufe wurden ausgeübt? (städtische Bedienstete; kirchlicher Dienst? Handwerker? Welches Handwerk?)
  3. Drehte es sich um eine alteingesessene Amberger Familie oder um eine zugewanderte?
  4. In welcher Weise war die Amberger Herkunftsfamilie von den religiösen Verhältnissen betroffen? Es scheint eine innerfamiliäre Spaltung in Calvinisten und Lutheraner gegeben zu haben. Der Schulmeistersohn Johann Christoph Mintzel war Calvinist, der Sohn Johann Albrecht Mintzel Lutheraner.
  5. Als der Schulmeister Johann Mintzel im Jahr 1611 starb, waren seine oben genannten Söhne 13, 11 und 9 Jahre alt. Die Witwe hat zumindest zwei Söhnen (Johann Christoph und Johann Albrecht) eine gute akademische (Universitätsstudium) bzw. handwerkliche (Buchdrucker) Ausbildung ermöglichen können. Am Klosterort Speinshart gab es hierfür keine Gelegenheit. Die Witwe könnte, so meine Vermutung, nach dem Tode ihres Mannes von Speinshart weggezogen sein. Wohin? Nach Amberg?
  6. Johann Albrecht Mintzel könnte seine Druckerlehre in der Zeit von etwa 1614 bis 1619/20 bei einem der zwei Amberger Buchdrucker absolviert haben, entweder bei Michael Forster (tätig von 1591–1622) oder bei Johann Schönfeld (tätig von 1603–1621). Diese Daten passen gut zum Werdegang. Als Lehrherr kommt allerdings auch der markgräflich-brandenburgische Drucker Matthäus Pfeilschmidt d. J. (1575 –1633) in Hof/Saale infrage. Johann Albrecht Mintzel ging auf Wanderschaft (über Hof /Saale?) nach Leipzig, wo er bereits 1620 als Buchdruckergeselle tätig und 1625 zum Buchdruckermeister ernannt wird. Er führt als Faktor von 1625 bis 1637 die renommierte Leipziger Verlagsdruckerei Grosse (Groß).

Viele Spuren führen zum familiären Ursprungsort Amberg. Nach Ausschöpfung und Auswertung zahlreicher Quellen sind weitere und nähere Auskünfte über die familiäre Herkunft Johann Mintzels aus Amberg nur noch aus den Archivalien im Stadtarchiv Amberg zu erwarten. In Betracht kommen hierfür vor allem die Ratsbücher, das Bürgerbuch, die Stadtkammerrechnungen und der Almosenkasten, außerdem kirchliche Register (Tauf-, Trau- und Sterberegister).

Spurensuche in der Amberger Vergangenheit: Dynastische Verhältnisse und Religionswirren

Ausbildung und Beruf von Johann Mintzel fielen in die Zeit heftiger Auseinandersetzungen zwischen calvinischem und lutherischem Protestantismus. Wollte er seinen angestrebten und erlernten Beruf ausüben, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich öffentlich zum calvinischen Glauben zu bekennen. Im Zeitalter der Glaubenskämpfe bestimmte der regierende Fürst nach dem Grundsatz „cuius regio eius religio“, welche Religion in seinem Herrschaftsgebiet die „wahre“ und allein zu praktizierende sei. Die Kuroberpfalz war nach schwankenden reformatorischen Ansätzen unter Pfalzgraf Friedrich II, (1544–1556) protestantisch geworden. Auch sein Nachfolger Ottheinrich (1556–1559) hing der Lehre Luthers an. Dann begannen die wechselhaften kirchlich-konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Luthertum und Calvinismus. Auf Ottheinrich Friedrich III. (1559–1576), der die calvinische Konfession durchzusetzen trachtete. Unter seiner Regentschaft wurde 1566 in Amberg das calvinische Pädagogium gegründet. Nach dessen Tod übernahm Ludwig VI. die Regentschaft (1576–1583), der mit seinem weltlichen und kirchlichen Verwaltungsapparat die Rückkehr zur lutherischen Konfession erzwingen wollte. Die Kurfürsten Johann Casimir (1583–1592), Friedrich IV. (1592–1610) und Friedrich V. (1610–1619) setzten wiederum den Calvinismus durch. Mintzels Amtszeit fiel anfangs, 1580 bis 1583, noch in die lutherische, von 1583 bis 1611, bis zu seinem Tode, in die calvinische Ära.

1620/21 veränderte sich für die Kurpfalz schlagartig die dynastische und religiös-konfessionelle Situation. Der pfälzische Kurfürst Friedrich V. unterlag als „Winterkönig von Böhmen“ in der Schlacht am Weißen Berg dem Heer des Kaisers und der katholischen Liga. 1621 wurde Herzog Maximilian von Bayern mit dem Territorium der Kuroberpfalz für seine Kriegsauslagen entschädigt. Die bayerischen Truppen marschierten in die Kuroberpfalz ein und besetzten das Territorium. 1628 ernannte Kaiser Ferdinand II. den bayerischen Kurfürsten endgültig zum Landesherrn der Oberpfalz. Bayern wurde die kurpfälzische Kurwürde übertragen. Maximilian I., der schon 1621/23 damit begonnen hatte, die Oberpfalz zu rekatholisieren, setzte nun den katholischen Glauben endgültig durch (Frieb 2006, 16, 25; Mintzel 2011, I. 22ff).

Hauptschrift des Calvinismus war der „Heidelberger Katechismus“ von 1563 mit seinen 129 Fragen und Antworten. Eine der beruflichen Hauptpflichten Mintzels als Schulmeister bestand darin, in Speinshart seinen Zöglingen die 129 Fragen und Antworten des „Heidelberger Katechismus“ einzutrichtern und die Schüler im Sinne der Obrigkeit auf das calvinische Glaubensbekenntnis zu verpflichten.

[Abbildung: Titelseite des Heidelberger Katechismus]

Die Auseinandersetzungen wirkten sich auch innerfamiliär aus: Johann Mintzels Sohn Johann Christoph Mintzel (1598–1669) hing dem Calvinismus an und wurde evangelisch-reformierter Schulmeister und Pfarrer. Johann Albrecht Mintzel (1600–1653) bekannte sich zum Luthertum und wurde ein renommierter Buchdruckerherr in Leipzig (1620–1642) und in Hof /Saale (1642- 1653). Leipzig und Hof waren durch und durch lutherisch geprägte Städte.

Das kurfürstliche calvinische Pädagogium in Amberg

Das kurfürstliche Pädagogium war eine höhere Lateinschule mit einem gehobenen Lehrprogramm, eine Art konfessionspolitischer Bildungsanstalt, die den „wahren Glauben“ festigen und verbreiten sollte. Das Pädagogium unterstand der Aufsicht und Kontrolle des Amberger Kirchenrates, des höchsten kirchlichen Gremiums in der Kuroberpfalz (Frieb 2006, 78). Der Kirchenrat befasste sich auch mit Disziplinfragen, mit der Ausgangserlaubnis, mit Fragen der Kleiderordnung der Stipendiaten, mit der Rechtslage zum Bierausschank, mit Modalitäten bei der Haltung sogenannter Kostknaben und mit der Lebensgestaltung der Lehrer. Er beschied Aufnahmegesuche von Eltern und beorderte in Konfliktfällen Rektor und Lehrer zum Bericht vor das Gremium.

Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde das Pädagogikum im April 1566 unter der Regentschaft Friedrich III. (1559-1576), der die Pädagogien zur Durchsetzung des Calvinismus gründete, eröffnet. An das Pädagogium wurde ein Internat angeschlossen, in dem alle Schüler untergebracht werden sollten. (Denk 1904, 35ff). Auch Johann Mintzel wohnte und lernte seit Mitte der 1570er Jahre, höchstwahrscheinlich bis zu seinem Examen am 12. Oktober 1580, in diesem Internat. Die erste calvinisch dominierte Zeit der Bildungseinrichtung währte allerdings nur gut zehn Jahre, sie endete um 1576/57. Am 26. Oktober 1576 starb Kurfürst Friedrich III. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig VI., ein Lutheraner, setzte sofort die Augsburger Konfession wieder ein und entließ die calvinischen Staatsdiener und Lehrer. Kurz vor Weihnachten 1576 hob er das kurfürstliche Pädagogium als Anstalt auf, eröffnete es jedoch 1577 wieder unter lutherischen Vorzeichen. Kurfürst Casimir und dessen Nachfolger folgte die zweite calvinische Zeit. Sie verlangten wieder die Rückkehr zum Calvinismus.  Gleich ob Johann Mintzel sein Studium 1576 oder schon 1574 begonnen hatte, er geriet in jedem Fall 1576/77 in die konfessionellen Spannungsverhältnisse und Auseinandersetzungen zwischen Calvinismus und Luthertum. Bis Oktober 1576 waren nur Anhänger des Calvinismus beziehungsweise im Geiste des Calvinismus erzogene Jugendliche in das Pädagogium aufgenommen, unterrichtet, nach durchlaufener Ausbildung examiniert und mit der Stelle eines Schulmeisters oder Pfarrers belohnt worden. Von 1576/77 bis 1583 wurde das Amberger Pädagogium und sein Internat lutherisch geführt, nach 1583 bis zu seiner endgültigen Aufhebung wieder calvinistisch. Mintzel, der aus einer calvinistisch orientierten Familie kam, absolvierte folglich sein pädagogisches Studium unter calvinistischer Ägide. Konfession und Konfessionswechsel griffen tief in die Lebensgeschichte und in die Berufschancen ein.

Funktion und Zusammensetzung der Anstalt

Der Gründer Kurfürst Friedrich III. hatte die konfessionspolitischen Aufgaben dieser höheren Bildungsanstalt mit folgenden Worten bestimmt: „…damit künftighin an gottseeligen, selbsterzogenen und bekannten Kirchen- und Schuldienern kein Mangel erscheine und man nicht mit fremden unbekannten, die auch nicht allewege rechtschaffen und qualifiziert zu finden oder aber ungeschickten, ungelehrten und bisweilen auch mit ungesunder Lehre behafteten Kirchendienern, dadurch die Untertanen an gebührlicher Seelsorge versäumt und große Uneinigkeit und Verwirrung in weltlichem und geistlichem Regiment notwendig erfolgen würde, sich behelfen müsse“(zit. n. Maximilian Weigel 1939, 223). Kurzum: Das kurfürstliche calvinische Pädagogium sollte „zu einer festen Burg kalvinischen Geistes und zu einer Bildungsstätte kalvinischer Theologen und Beamten ausgebaut werden“ (Maximilian Weigel 1939, 211).

Außerdem hatte er am 25.11.1564 zur Vorbereitung der Gründung verfügt: „Es soll (aber) kein Knabe aufgenommen werden ausser mit Einwilligung seiner Eltern, wenigstens muss er 15 oder 16 Jahre alt sein und die fundamenta Grammatices auch zum Teil wo möglich Rhetorices und Dialectices haben.“ (zit. n. Denk 1904, 41).

Aus dieser Verfügung lässt sich in etwa das Geburtsjahr Mintzels erschließen. War er schon 1574 aufgenommen worden, wäre er etwa im Jahr 1559 geboren worden. Sollte er erst 1576 aufgenommen worden sein, wäre seine Geburt in das Jahr 1561 zu legen.

Alle Anwärter mussten sich einer Eignungsprüfung unterziehen. Für die Aufnahmeprüfung wurden Grundkenntnisse im Lateinischen vorausgesetzt. (Maximilian Weigel 1939, 213). Das spricht dafür, dass die künftigen Zöglinge in der Regel vorher zumindest die Grundklassen einer Lateinschule besucht haben mussten, um eine Chance zu haben, aufgenommen zu werden. Am Ende der mindestens vierjährigen Schullaufbahn schloss der Zögling seine Ausbildung mit einem Examen ab. Er wurde danach feierlich entlassen.

„Die Väter der Schüler hatten sich bei der Aufnahme ihrer Kinder für den Gehorsam der Söhne zu verpflichten weiter für deren späteren Eintritt in kurfürstliche Dienste und für den Fall des Austritts zum Rückersatz der aufgewendeten Kosten. Letztere wurden auf 25 Gulden für das Jahr veranschlagt“ (Maximilian Weigel 1939, 212).Daraus folgt: Johann Mintzels Vater musste in bürgerlichen Lebensverhältnissen gestanden haben, die es ihm erlaubten, diese Kosten auf sich nehmen.

In der Planungsphase war nach kurfürstlichem Willen eine Schülerzahl um 50 anvisiert worden(Denk 1904, 34). „Anfangs [war es allerdings nur gelungen] 15, 18 und bis 20 Knaben, die gute ingenia [Geist, Genie, Talent, Fähigkeiten – A.M.] haben, hierher zu verordnen und denselben mit allem notwendigen Unterhalt versorgen zu lassen“ (zit. n. Denk 1904, 36). Zur Studienzeit Mintzels dürften es schon mehr als zwanzig Schüler gewesen sein, die sich auf die vier Klassen verteilten. Auf seinem Höhepunkt hatte das Pädagogium 53 Schüler. Jedenfalls erfreute sich Johann Mintzel einer privilegierten Ausbildung, die ihn aus der großen Masse der Bevölkerung heraushob.

„Wer in das Pädagogium als Schüler aufgenommen war, der war versorgt. Die Schule bot ihm nicht nur Unterricht und Verköstigung, sondern auch volle Bekleidung, ärztliche Hilfe durch den Klosterbader oder den Regierungsarzt, sämtliche Schulbedarfsgegenstände und Lehrmittel. Wer das Pädagogium absolvierte hatte, rückte nahezu automatisch in das Heidelberger Sapienzkollegium [Universität, A. M.] vor, dessen Insassen ebenfalls volle Verpflegung und Verköstigung und außerdem strenge Beaufsichtigung ihrer Universitätsstudien genossen“ (Maximilian Weigel 1939, 211f; siehe auch Denk 1904, 43).

Aus diesem Hinweis Maximilian Weigels auf das Heidelberger Sapienzkollegium kann geschlossen werden, dass Johann Mintzel – aus welchen Gründen auch immer – von einem Universitätsbesuch in Heidelberg Abstand genommen hat. Bekannt und belegt ist, dass er sich schon wenige Tage vor seinem Schulabschluss am Pädagogium auf eine Schulmeisterstelle bewarb. Konnte sein Vater ein anschließendes Universitätsstudium nicht mehr finanzieren? Ich muss diese Frage dahingestellt lassen.

Rekrutierung der Schüler

Nach den Plänen der mit der Gründung beauftragten Kirchendiener sollten die Zöglinge des künftigen Pädagogiums im ganzen Land  vor allem aus zwei Personenkreisen beziehungsweise Bereichen rekrutiert werden: aus der kurfürstlichen Beamtenschaft und der Schülerschaft der Klosterschulen (Maximilian Weigel, 1939,210). Die Stifte wurden später tatsächlich mit Nachdruck angehalten, begabte Klosterschüler in die Pädagogien zu senden. Die Klosterschulen sollten an Stelle der „Erwählten“, der mit ingenium ausgezeichneten Schüler, „arme Kinder aus den Städten und Flecken“ und besonders „der armen Pfarrherrn Kinder und der Klosterunterthanen“ aufnehmen. (Denk 1904, 37). Diese Anweisung und spätere Praxis bedeutete für die lateinischen Klosterschulen, und das gilt auch für Johann Mintzels Schuldienst in Speinshart, einen Aufgabenwechsel. Klosterschulen hatten „Zubringerdienste“ zu leisten. Sie mussten ihre besten Schüler abgeben.

Diese Hinweise sind unter der Frage nach der örtlichen oder regionalen pfälzischen Herkunft Johann Mintzels interessant. Woher kam er? War er ein Amberger Bürgersohn? Mintzels Vater könnte in Amberg in kurfürstlichen Diensten gestanden haben. Wir können jedoch nicht völlig ausschließen, dass Mintzel aus einer der pfälzischen Klosterschulen nach Amberg gekommen ist. Dafür könnte seine eigene Herkunftsbezeichnung sprechen, er sei „ein Pfälzer“. Dagegen spricht allerdings, dass er in amtlichen Korrespondenzen wiederholt als Schulmeister „aus Amberg“ bezeichnet wird. Dieser Hinweis könnte nur darauf bezogen gewesen sein, dass Mintzel vom Amberger Pädagogium gekommen war. Ich muss die Frage nach seiner territorialen und herrschaftlichen Herkunft dahingestellt lassen.

Die Fragen nach seinem Geburtsjahr und nach seiner Einschulung lassen sich dagegen auf einem anderen Wege erschließen und beantworten.

Bekannt und belegt ist, dass Johann Mintzel am 12. Oktober 1580 sein Abschlussexamen absolvierte.  Anfangs hatte das Pädagogium vier Klassen. Später kamen anscheinend noch zwei Klassen hinzu, wahrscheinlich nach endgültiger Auflösung der Klosterschulen (Maximilian Weigel 1939, 211). Hatte Mintzel nur vier Klassen durchlaufen, war er höchstwahrscheinlich im Jahre 1576 aufgenommen worden. Sollten es zu seiner Schulzeit am Pädagogium schon sechs Klassen gegeben haben, dann wäre er schon im Jahr 1574 aufgenommen worden.

Aus diesen und anderen Daten lässt sich auch auf sein Lebensalter schließen. Er musste vor seiner Aufnahmeprüfung bereits eine Elementarschule und zumindest die Grundklassen einer Lateinschule besucht haben, also etwa sechs bis acht Schuljahre hinter sich gebracht haben. Bei seiner ersten Einschulung musste er folglich etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Nach dieser Rechnung wäre er um 1560/62 geboren worden. Für weitere Recherchen in Kirchenbüchern käme demnach ein Zeitraum zwischen 1559 und 1562 in Betracht.

Was lernte Johann Mintzel im Pädagogium? Der Unterricht am Pädagogium

Wir können uns ein recht gutes Bild davon machen. Wie immer der Studienplan und das Schulprogramm praktisch umgesetzt worden sein mochten, sie vermitteln uns zumindest einen ungefähren Einblick in die Unterrichtsfächer, ihre Stoffe und den Tagesablauf des Unterrichts. Die Nutzung des Tageslichtes bestimmte den Zeitplan. Der Unterricht begann im Sommer früh um 6, im Winter um 7 Uhr und nachmittags um 12 Uhr. Er umfasste früh und nachmittags je drei Stunden. Montag und Dienstag war der Stundenplan derselbe, ebenso Donnerstag und Freitag. Aus einschlägigen Quellen entnehme ich folgende Auskünfte:

Nach dem Studienplan von 1569 gehörten die beiden Altsprachen, Latein und Griechisch, zum Kernbestand des Unterrichtes. Dabei wurde vorausgesetzt, dass die neu eintretenden Zöglinge die Basis des Lateinischen hinlänglich beherrschten. So konnte sofort mit der Lektüre begonnen. Die ersten lateinischen Texte, welche die Schüler in die Hand bekamen, waren die Fabeln des Äsop und die Lustspiele des Terenz. Sie wurden wahrscheinlich auswendig gelernt. Mit der Lektüre der Lustspiele wurde in die lateinische Umgangssprache eingeführt. Beide Schriftsteller dienten in den unteren Klassen zugleich der Einübung in die Grammatik, die vom Lehrer vorgesagt, von den Schülern wiederholt und nachgeschrieben wurde. Ein Grammatikbuch erhielten die Schüler erst in den oberen Klassen. An der Lektüre von Vergils Bucolica wurden die Gesetze der Metrik gelehrt, die Länge und Kürze der Silben, und damit auf den Unterricht in der Prosodie vorbereitet. In den beiden oberen Klassen standen Schriften Ciceros und die Äneis auf dem Stundenplan. Mit Ciceros Schriften sollten die Schüler befähigt werden am Ende ihrer Ausbildung, wenn sie  das Pädagogium verließen, selbst lateinische Aufsätze und Reden zu verfassen und ihre Glückwünsche zu Familienfesten, seien es zum Beispiel Kondolationen bei Trauerfällen, seien es Hochzeitsgedichte, in gewandten lateinischen Versen auszudrücken. Die Lektüre der Äneis diente der Einführung in die Dichtkunst. Um ihre selbständige Redefertigkeit in lateinischer Sprache zu schulen, wurden sie in „Dialektik“ (wir würden wohl Logik dazu sagen) und Rhetorik unterrichtet. Als Lehrbücher wurden hierfür in den beiden oberen Klassen die Grammatik und die Syntax des Reformators Melanchthon benutzt, wie überhaupt im ganzen Lehrplan Melanchthons Gedanken und Unterrichtsideale ihren Niederschlag fanden.

Zum Lateinischen kam das Griechische. In den unteren Klassen wurden Elementarkenntnisse vermittelt, in den beiden oberen Klassen systematisch Grammatik gelehrt und ein griechischer Schriftsteller gelesen. (Maximilian Weigel 1939, 213f; siehe auch Denk 1904, 37f). Johann Mintzel hatte somit am Pädagogium eine gediegene humanistische Ausbildung genossen und zumindest fundierte Kenntnisse in der lateinischen Literatur und Sprache.

Auch über seine Ausbildung in den nichtsprachlichen Unterrichtsfächern wissen wir gut Bescheid.  Dazu zählten die Arithmetik, Astronomie, Physik, Musik und Religion. Unterricht in Arithmetik wurde nur in den oberen Klassen erteilt, und dies nur in zwei Wochenstunden. Er beschränkte sich wohl auf die vier Grundarten des Rechnens. Zwei weitere Wochenstunden wurden im Stundenplan mit „Sphaera“ bezeichnet. Unter dem Begriff Sphaera wurden Kenntnisse über den gestirnten Himmel vermittelt, über die Planeten und Tierkreiszeichen und deren angebliche Einflüsse auf das Schicksal des Menschen. Die Astrologie hatte damals Hochkonjunktur. In allen Klassenstufen wurde je eine Stunde der Physik gewidmet. Im Musikunterricht waren sämtliche Schüler beisammen. Eine Stunde war für den  theoretischen Unterricht reserviert, worunter wohl die Tonarten und möglicherweise auch Kompositionsregeln fielen, eine zweite für die praktische Musikpflege, also das Singen im Chor und das Spiel von Musikinstrumenten. Die Schüler sollten vermutlich so auf eine spätere  Mitwirkung in Gottesdiensten vorbereitet werden. Singen im Chor und Chorleitung scheinen, wie wir noch erfahren werden, nicht Mintzels pädagogische Stärke gewesen zu sein.

Die religiöse Erziehung im „richtigen Glauben“ war in verschiedener Weise allgegenwärtig. Für den Unterricht in Religion waren ebenfalls zwei Wochenstunden vorgesehen, an denen  alle Schüler gemeinsam teilnahmen. Er wurde von dem calvinischem Stadtpfarrer erteilt, der in der einen Stunde den Heidelberger Katechismus, in der andern das Examen theologicum Melanchthons erklärte. Am frühen Sonntagmorgen, vermutlich vor dem Gottesdienst, wurde das jeweilige Sonntagsevangelium in griechischer und lateinischer Sprache gelesen. Am Nachmittag wurde der Heidelberger Katechismus aufgesagt und abgehört. Jeweils nach dem Essen wurde ein Kapitel der Bibel vorgelesen.

Der Unterricht in Physik, Musik und Religion fand an den Mittwochen und Samstagen statt“ (Maximilien Weigel 1939, 214). Die für den Schulgebrauch benötigten Heidelberger Katechismen wurden in den Amberger Druckereien hergestellt. (In einer der zwei Amberger Druckereien könnte Johann Mintzels Sohn Johann Albrecht Mintzel, in den 1610er Jahren seine Druckerlehre absolviert haben).

Zwei Wochenstunden mit „Sphaera“ – Die Lehre vom geozentrischen Weltbild

Wir wissen es nicht genau, dürfen es aber beinahe für sicher halten, dass im Pädagogium der 1560er und 1570er Jahre das kopernikanische Weltbild noch nicht zum Lehrstoff der wöchentlich zweistündigen Lehre von den Sphären gehörte. Nikolaus Kopernikus hatte kurz vor seinem Tod (24.05.1543) seine astronomischen Beobachtungen und Kenntnisse in seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium libri VI“ zusammengefasst und 1543 veröffentlicht und das geozentrische Weltbild in Frage gestellt. Sein heliozentrisches Weltbild hatte sich damit noch lange nicht durchgesetzt. Die alte Lehre von den Sphären folgte noch der Ansicht, die Erde sei im Kosmos der ruhende Punkt, um den sich die Gestirne und mit ihnen die Tierkreiszeichen drehen. Mintzels Weltbild, das ihm im Pädagogium vermittelt wurde, war höchstwahrscheinlich noch weitgehend dem Mittelalter verhaftet. Er verließ im Oktober 1580 nach bestandenem Examen das Pädagogium immerhin mit einer gediegenen humanistischen Ausbildung, welche sich zum Beispiel in seiner individuell gut ausgeprägten schönen Handschrift in seinen Bittbriefen an die kurpfälzische Regierung in Amberg niederschlägt. Mintzel war ohne Zweifel ein schreibgewandter Mann.

[Abbildung: Beispiele seiner Bittbriefe]

Die Berufsgruppe der Schulmeister: Ausbildung und Arbeitsverhältnisse

Die Ausbildung im calvinischen Pädagogium befähigte Mintzel zur Ausübung des Amtes eines lateinischen Schulmeisteramtes, zu unterscheiden von dem eines deutschen (Frieb 2006, 187). Deutsche Schulmeister übten ihr Amt im städtischen/örtlichen Dienst aus, lateinische in der Regel im kurfürstlichen Dienst.

„In den großen Städten bestanden lateinische und deutsche Schulen nebeneinander. In kleineren Städten und in Märkten waren lateinisch-deutsche Zwergschulen die übliche Schulform. Auf dem Lande gab es – sofern überhaupt – Dorf- oder Mesnerschulen, daneben wurden in Einzelfällen sogenannte Maidlinschulen unterhalten, also Schulen (auch?) für Mädchen, die überdies mitunter von Frauen betrieben wurden“ (Frieb 2006, 98). In Speinshart handelte es sich wegen der geringen Schülerzahl wohl um eine lateinisch-deutsche Zwergschule.

Für deutsche Schulmeister gab es keine Ausbildungsvorschriften und Regeln. Den Schuldienst deutscher Schulmeister verrichteten Personen mit ganz unterschiedlichen Berufen und Fähigkeiten oftmals nebenberuflich, zum Beispiel Mesner, Stadt-, Markt- und Gerichtsschreiber. Um deren Lese- und Schreibfähigkeit war es oft nicht zum Besten bestellt (Frieb 2006, 95, 98, 128 161). Sie mussten keine Lateinkenntnisse haben. Sie wurden von örtlichen Amtsträgern nach Gutdünken in Dienst genommen und besoldet. Je nach örtlicher Rechtslage kamen dafür grundsätzlich verschiedene Stellen in Frage – Geistliche, Pfleger Kirchpröpste, Klosterverwalter, Junker und andere. Bisweilen stellten auch Kantoren ihrerseits gelegentlich in eigener Verantwortung und auf eigenen Kosten Stellvertreter ein (Frieb 2006, 128).

Die Stelle eines Schulmeisters, insbesondere die eines lateinischen, war keine berufliche Sackgasse, keine berufliche Endstation, sondern häufig eine Durchgangs- und Aufstiegsposition. Der Wechsel aus anderen Berufen in eine Schulmeisterstelle und von einer Schulmeisterstelle in höhere kirchliche Berufe war nicht nur möglich, sondern üblich. „Kantoren (bewarben) sich gerne um die Stelle eines Schulmeisters, Schulmeister wiederum um eine Anstellung als Kirchendiener. Es war also eine übliche Laufbahn, sich über Kantoren- und Schulmeisterdienste zu einer Kaplan- oder Pfarrstelle emporzuarbeiten.“ (Frieb 2006, 77 Anm.123). Mintzel hätte sich folglich auch um eine Pfarrstelle bewerben können, scheint aber gern auf seiner Stelle in Speinshart geblieben zu sein. Er hatte sie immerhin gut dreißig Jahre inne, von Ende 1580 bis in das Jahr 1611 hinein.

Die diversen Einkünfte der Schulmeister konnten aus Geld, Naturalien und Nutzungsrechten, aus festgelegten Entlohnungen für einzelne Verrichtungen, mitunter aus freier Herberge oder aus bestimmten Mahlzeiten im Pfarrhaus oder aus dem Recht auf Durchführung von Sammlungen bestehen. Im Ganzen ist davon auszugehen, dass die Bezahlung der Schulmeister nicht eben großzügig bemessen war und auch die Arbeitsbedingungen zu wünschen übrigließen. So erklärt sich zum einen die wiederholten Gesuche um Aufstockung des Einkommens, zum anderen die relativ hohe Fluktuationsrate in dieser Berufsgruppe. Für das letztgenannte Phänomen sorgte übrigens auch die Tatsache, dass Schulmeisterstellen für Studierte vielfach lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg ins Pfarramt darstellten. (Frieb 2006, 129) Die Berufskarriere Johann Christoph Mintzels, eines Sohnes von Johann Mintzel, war typisch für eine Durchgangsstation: Er wurde nach seinem Studium der Theologie in Leipzig und Frankfurt/Oder im Jahr 1620 zunächst Schulmeister in Freystadt in der Oberen Pfalz, dann, im Jahre 1622, evangelisch-reformierter Pfarrer in Hausheim. Diese Stelle hatte er bis zu seiner Amtsenthebung 1625 inne (siehe zu den Einkommensverhältnissen Frieb 2006 S. 105).

Johann Mintzels Petitionen um „Additionen“ an die kurfürstliche Verwaltung in Amberg waren keine Einzelfälle, sondern für die schlechtbezahlte Berufsgruppe der Schulmeister allgemein typische und übliche Gesuche, um eine Verbesserung ihres Einkommens zu erreichen. In seinen eigenhändig geschriebenen Petitionsbriefen begründet Mintzel ausführlich, warum er sich genötigt sieht, „Additionen“ zu erbitten. Er schildert seine Einkommens- und Lebensverhältnisse im Detail: Sein jährliches Gehalt betrug vierzig Gulden. Dazu kam ein festgelegtes Quantum gewährter Naturalien in Form von Weizen, Hafer und Gerste. Für die Ernährung seiner kinderreichen Familie reichte das nur knapp aus. Heute würde man sagen, er und seine Familie lebten vermutlich an der Armutsgrenze. Was Mintzel dennoch hoch einschätzte, war sein freies Wohnen im Speinsharter Schulmeisterhaus. Es lag gegenüber dem Klostergebäude.

[Abbildung: Ansicht mit dem Schulmeisterhaus]

Mehrfachpflichten und Kompetenzen von Schulmeistern

Schulmeistern oblagen weitere Aufgaben. Das galt auch für lateinische Schulmeister. Ihre amtlichen Funktionen waren vielfältig, wenngleich uneinheitlich geregelt. So wurde das Amt in Personalunion mit dem des Glöckners ausgeübt. Sie waren häufig zugleich Mesner, unterstützen bei Bedarf den Pfarrer bei Amtshandlungen, leiteten den Kirchenchor, besuchten Kranke, waren zugleich Amts- und Gerichtsschreiber und anderes mehr. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Mintzel in den ersten Jahren nach seinem Amtsantritt nicht als Glöckner tätig war. In Speinshart übte in dieser Zeit noch ein alter, blinder Glöckner dieses Amt aus (Frieb 2006,128,218, 388). Die Handlungsspielräume und Entscheidungsbefugnisse der Amtsinhaber waren im Einzelnen keineswegs klar definiert und abgegrenzt. Der moderne Verwaltungsstaat war erst im Entstehen.  Es gab damals keinen Vorbereitungsdienst, in dem angehende Pädagogen unter Anleitung erfahrener Kräfte praktische Erfahrungen hätten erwerben können. In dieser relativ lockeren Arbeitssituation kam es unter den Amtsträgern leicht zu Kompetenzstreitigkeiten. (Frieb 2006, 263, 271, 276, 295, 326ff).

Amtsführung und Lebensführung Johann Mintzels im Spiegel amtlicher Dokumente

Kaum hatte Johann Mintzel gegen Ende des Jahres 1580 sein Amt als Schulmeister angetreten, stand dem Stift Speinshart eine Visitation des Amberger Kirchenrates bevor. Am 6. Oktober 1582 überprüften und beurteilten die Kirchenräte, die von der Residenzstadt Amberg gekommen waren, die Amtsführung auch des Speinsharter Schulmeisters.

Der Schulmeister und seine Amtsführung unterstanden damals üblicherweise der Kirchenaufsicht, also unter der Kontrolle des zuständigen Pfarrers bzw. des Predigers. Zur Amtszeit Mintzels, von 1580 bis 1611, gab es im Amt des Pfarrers zu Speinshart mindestens vier Mal einen Wechsel: 1591, 1595, 1597 und 1602. Man muss in den Pfarrern seine direkten Vorgesetzten sehen. Es waren diese vier: Magister Georg Schönweiß (1577-1591), Magister Konrad Limmer (1591-1595), Magister Johann Müller (1597-1600) und zuletzt Johann Lucas I. von 1602 bis 1611 (nach Weigel/Wopper/Ammon 1967, 219). Das amtliche und private Verhältnis zwischen dem lateinischen Schulmeister und den amtierenden Pfarrern scheint mitunter ein gespanntes gewesen zu sein.

Der Protokollant der Kirchenvisitation vom 6. Oktober 1582.hielt Folgendes fest (übersetzt in unsere gegenwärtige Sprache):

„Der Schulmeister ist derzeit Johann Mintzel aus Amberg. Die ehrwürdigen Herren Kirchenräte haben an seiner Amtsführung bemängelt, dass er zeitweise säumig und abwesend [ausßläuferisch] sei. Er sei ohne Wissen [oder Kenntnis] des Pfarrers unterwegs. Er habe sich aber nach einer Abmahnung ein wenig gebessert. Die Kirchenräte hoffen, dass er künftig mit Fleiß sein Amt versehen werde. Er ist angehalten worden, fleißig zu sein, sonst fiele er in Ungunst. Mintzel unterrichtet etwa sieben Schüler, im Winter seien es mehr. Dazu kommen zwei oder drei Mädchen. Er lehrt sie den Katechismus in Deutsch und Lateinisch, bringt ihnen Schreiben und Lesen bei und übt und dekliniert mit ihnen [mit dem Katechismus} Grammatik. Mintzel soll den Chor leiten, sei aber sehr unachtsam im Gesang.

Der Pfarrer [des Stiftes] visitiert die Schulen, was der Schulmeister nicht dulden soll. Er [Mintzel] hat gesagt, der [Pfarrer] unterstehe sich mehr als ihm befohlen worden sei. Der Pfarrer überschreite seine Kompetenzen. Ansonsten sei er [Mintzel] mit der Wohnung zufrieden und bereit, so viel es ihm möglich sei, mit seinem Fleiß das Versäumte nachzuholen“(Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen 52, fol.206; Mintzel 2011, I. 26ff; Frieb 2006, 108f, 213, 222).

Aus dem oben zitierten Visitationsprotokoll geht klar hervor, dass Mintzel nur wenige Schüler aus dem dörflichen Speinshart und den umliegenden Dörfern zu unterrichten hatte. In den Pfarreien waren die Schulverhältnisse extrem unterschiedlich. In großen  städtischen Pfarreien bewegten sich die Schülerzahlen zwischen 60 und 100, an kleineren Orten zwischen 40 und 50, an dörflichen Orten wie Speinshart etwa zwischen 10 und 20. Die Zahlen variieren vor allem auf dem Lande saisonal stark. Viele Kinder blieben in der Erntezeit der Schule fern, sie mussten bei der Ernte helfen (Frieb 2006, 138f, 179, 220, 258). Im Falle Speinsharts handelte es sich also faktisch um eine Art lateinisch-deutscher Zwergschule. Der lateinische Schulmeister Mintzel, so könnte man sagen, war in seinem Amt nicht ganz ausgelastet und unterfordert.

Auch sein Pflichtunterricht für Erwachsene im Katechismus war höchstwahrscheinlich wenig besucht. Viele Erwachsene drückten sich davor. Das Interesse an Glaubensfragen war unter der Landbevölkerung nicht wirklich ausgeprägt (Frieb 2006, 271, 245). Mintzel stieß auf einen breiten Unwillen rings um Speinshart, sich mit religiös-konfessionellen Lehrfragen zu befassen und an der Religionslehre zu beteiligen. Vielerorts wurde über einen schleppenden und geringen Kirchgang geklagt. Die Kirchganghäufigkeit hing natürlich von der Jahreszeit ab, von der Witterung, von der Entfernung zwischen Wohnort und Kirche, aber auch von der Person des Pfarrers. Die Wege zur Kirche waren zum Teil schwer begehbar. Entsprechend schwankend war der Wille der Eltern, ihre Kinder in die Schule und in die kirchliche Kinderlehre zu schicken. Es gab noch keine ausgeprägte allgemeine Schulpflicht. In dieser Situation allgemeiner religiöser Widerstände und Verwahrlosung konnte es leicht zu Zwistigkeiten zwischen Pfarrern und Schulmeistern in der Einschätzung des Notwendigen oder Möglichen kommen.  Mintzels Widerwillen gegen die von ihm für übergriffig gehaltenen Einmischungen des in Speinshart schon seit 1577 tätigen Pfarrers Georg Schönweiß, dem die Kirchenaufsicht über das Schulwesen oblag, rührte wohl von Differenzen in der Einschätzung her. Der Neuankömmling und Amtsanfänger Mintzel versuchte anscheinend seine Kompetenzen abzustecken und geriet darüber mit Schönweiß in Streit. Mit den Jahren dürften sich beide jedoch arrangiert haben.

Bei späteren Visitationen des Stiftes Speinshart (1597, 1598, 1602) wurde bemängelt:

Zu Speinshart werden die Bettage nicht fleißig („ohnvleissig“) besucht. Es seien deshalb Erkundigungen einzuziehen, ob Verbesserungen eintreten oder nicht. Wiederum werde dort das Abendmahl „fahrlässig gebraucht“, und die Kinder werden nicht fleißig zur Kinderlehre geschickt. Ob dieser Mangel korrigiert werde, sei zu erkunden. Der Schulmeister [Mintzel] sei nicht fleißig („ohnvleissig“), trinkt gern und sei zänkisch (? schwer lesbar) mit den Nachbarn zu [Tremmers] …dorf. (unleserlich). (Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen 2, fol.396v)

Mintzel hatte vermutlich Ärger mit Eltern aus benachbarten Dörfern gehabt, weil sie ihre Kinder nicht zur Schule und zur Kinderlehre schickten. Als Schulmeister war er verpflichtet, Eltern dazu anzuhalten und zu ermahnen. Er hatte sicher mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen.

Exzessives Biertrinken und Trunksucht

Damals war exzessives Biertrinken allgemein üblich, erst recht nach heutigen Maßstäben. Trunksucht war in allen Ständen und Kreisen verbreitet. In den Protokollen der Kirchenvisitationen wird oftmals auf den großen Bierkonsum hingewiesen. Das galt im Grunde für alle Berufsgruppen im Dienste der Kirche. Der protokollarische Vermerk, „er trinkt gern“, muss aber nicht zwingend als ein Hinweis auf exzessives Trinken verstanden werden. Jedenfalls scheinen Trunksucht und anstößiger Lebenswandel auch unter Geistlichen und anderen Kirchendienern verbreitet gewesen sein. Ich zitiere aus neueren und neuesten Forschungsberichten:

„Neben einigen positiven Äußerungen zum Lebenswandel der Geistlichen war von den Lastern dieser Personengruppe  [in Visitationsprotokollen] vergleichsweise häufig die Rede: Sei es, dass der Hausstand eines Pfarrers Anstoß erregte, sei es, dass ein Pfarrer, obwohl er nicht viel vertrug, trank und daraufhin unangemessene Reden führte und sich liederlichen Dingen zuwandte, dass ein anderer zwar gern trank und spielte, ohne dass das jedoch bei ihm auch nur die mindeste Streitsucht hervorrufen würde oder dass der Zank mit der Ehefrau oder mit dem Nachbarn allzu sehr in der Luft lag“ (Frieb 2006, 279).

„Solange ein Pfarrer dabei innerhalb seiner eigenen vier Wände blieb, war man geneigt, sein Verhalten zu dulden; als sehr viel gravierender hingegen wurde es erachtet, wenn er sich in der Öffentlichkeit, also bei Tauf- und Hochzeitsfeierlichkeiten oder im Wirtshaus, betrank“ (Frieb 2006, 219).

Interessant ist ein Visitationsbericht über das Verhalten des Speinsharter Pfarrers Schönweiß und seines Tremmersdorfer Amtsbruder. Der Bericht gibt uns zugleich einen unmittelbaren Einblick in die Alltagswelt Mintzels, der ja mit beiden verkehrte. Im Protokoll „wurde ausdrücklich vermerkt, dass man den Pfarrer von Speinshart nota bene nur dann im Wirtshaus antreffe, wenn sich dort auch ein anderer Pfarrer aufhielt. In ähnlicher Weise pflegte sein Kollege aus Tremmersdorf die Wirtschaft nur dann aufzusuchen, wenn er von Nachbarn dazu eingeladen wurde“ (Frieb 2006, 219; Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen, Bd. 52, fol.205 – 207 [Speinshart] und fol. 208 – 209 [Tremmersdorf]).

Es gab unter dem strengen Kirchenregiment eine gegenseitige Kontrolle bis tief in das Privatleben hinein, zumal in einer so kleinen Dorfgemeinschaft wie Speinshart, die vermutlich weniger als 200 Seelen zählte. Jeder kannte jeden. Es gab keine Anonymität.

Lebenswirklichkeit, Orthodoxie und unerwünschte Sitten und Gebräuche

Mintzel lebte, wie viele Berichte drastisch zeigen, in keiner „heilen Welt“ mit lauter frommen Bürgern. Ganz im Gegenteil, seine Erlebniswelt war voll praller „Sündhaftigkeit“ und Widerborstigkeit gegen die obrigkeitlichen Vorschriften, gegen die von der Obrigkeit erwartete und geforderte Glaubenspraxis und vor allem gegen das Kirchenregiment. Er selbst nahm vermutlich an mancher unerwünschten Tätigkeit und Belustigung teil. Viele Berichte aus damaliger Zeit, vor allem kirchliche Visitationsberichte, vermitteln ein derbes Treiben der Untertanen. Die landeshistorische Forschung trägt dazu eine Fülle von Beispielen bei, die uns in Mintzels Lebenswirklichkeit und Alltag zurückversetzen:

„Obwohl Volksbelustigungen wie Kirchweihfeiern, Tanzveranstaltungen und Fastnachttreiben zu calvinischer Zeit offiziell unterbunden worden waren, und auch unter Ludwig VI. nicht gerne gesehen waren, bestanden sie weiter. Zu den Faschingsbräuchen zählten auch damals schon das Verkleiden, das Ringelstechen, das Stürmen des Rathauses, das Backen von Kucheln, das Pflugziehen oder das Verbrennen von Strohpuppen (…) Allen Verboten zum Trotz zogen um Weihnachten und Neujahr in weiten Teilen des Landes die Neujahrssinger oder Göllner mit einer Glocke und einem Stern durch die Gemeinden“ (Frieb 2006, 98).

„Weitverbreitete Übel scheinen vorehelicher Geschlechtsverkehr und Leichtfertigkeit in der Ehemoral gewesen zu sein: So wurde von einem Fall eines unehelichen Kindes mit unbekanntem Vater berichtet, ferner von einer kürzlich erfolgten Taufe zweier Hurenkinder und einer unrechtmäßig geschlossenen, da zuvor nicht verkündeten Ehe. Ebenfalls namentlich benannt wurden Personen, die sich Verstößen wie Unzucht, Misshandlung der Ehefrau, Streitsucht Trunksucht, Verschwendung oder Wucher schuldig gemacht hatten oder auch durch Gotteslästerung oder langes Fernbleiben von der Kirche aufgefallen waren“ (Frieb 2006, 166).

„Eher weltlicher Natur waren die folgenden verbreiteten Übel: Ungehorsam, Widerspenstigkeit und Leichtfertigkeit, Streitsucht, Fluchen du Schelten, ungezogenes und schändliches reden, Spielen und Völlerei, Trunksucht und ausgiebiger Wirtshausbesuch sowie insbesondere das ungehörige nächtliche Treiben auf Straßen und in Gassen (…) Massiv angeprangert wurde ferner die Unzucht in all ihren Spielarten – wie allgemeine Geringschätzung der Ehe, Zusammenleben vor der Eheschließung, vorehelicher oder unehelicher Geschlechtsverkehr und Ehebruch“ (Frieb 2006 180f, vergleiche hierzu auch 259, 272).

„Negativ ins Auge fielen den Vorgesetzten neben religiöser Nachlässigkeit das Aufsuchen von Tanzveranstaltungen und das Betreiben von Spielen auch und grade zur Zeit der Kinderlehre sowie die Unbeständigkeit und der Eigensinn speziell des Gesindes. Des Öfteren kamen darüber hinaus Fälle von Untreue und Ehebruch vor“ (Frieb 2006, 238).

„Fluchen und gotteslästerliche Reden scheinen ebenso wie mangelnder Respekt vor der Geistlichkeit sehr verbreitet gewesen zu sein“ (Frieb 2006, 235). Alles in Allem kommen uns diese Berichte und Klagen doch sehr modern vor.

In der sittlichen Lebensführung und in den Auswüchsen scheint es ein gewisses Stadt-Land-Gefälle gegeben zu haben (Frieb 2006, 195). Jedenfalls lassen Visitationsberichte darauf schließen.

Amberger Verhältnisse

Die Amberger Herkunft Mintzels und seine Ausbildung am Pädagogium machen die Schilderungen Amberger Verhältnisse besonders interessant.

„Unzucht, Leichtfertigkeit in verschiedenen Situationen – wie etwa beim Baden in der Vils oder bei Bauernhochzeiten – waren zum Leidwesen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit ebenso gemein wie zu frühes Zusammenbetten von Paaren oder gar das Schwängern vor der Hochzeit. Und auch bei schlechten Ehen oder Misshandlungen von Frauen, die daraufhin zum Teil ihre Männer verließen, handelte es sich um keine Einzelfälle. Kinder, die ihr sträfliches Verhalten freilich von ihren Eltern übernommen haben mochten, benahmen sich böse und ungehorsam gegen Vorgesetzte, Söhne hielten ihre Eltern schlecht und behandelten diese mit Beschimpfungen und Schlägen; Eltern schickten umgekehrt ihre Kinder auf die Straße, um zu betteln – womöglich um das durch Trinkgelege verlorene Geld zu ersetzen. Auch war die Stadt offenbar nicht arm an streitsüchtigen Frauen, an Müßiggängern und Bettlern, an Mutwilligen und Unflätigen, unter denen der Anteil fremder Handwerksgesellen besonders hoch gewesen sein soll. Männer hielten sich, bevorzugt bei Nacht und zur Marktzeit, längere Zeit und unter Geschrei in den Wirtshäusern auf, während ihre Familien zuhause womöglich darben mussten. Schändliches Reden, Schreien und Schelten waren ebenso verbreitet wie Schwören, Fluchen und Gotteslästerung. Als Beleg für die sittliche Verfasstheit der Stadtbevölkerung wurde angeführt, dass bereits im laufenden Jahr etliche uneheliche Kinder zur Welt gebracht worden seien. Die diversen Amtsträger sprachen immer wieder davon, dass es in der Stadt Personen gebe, die mit Zauberei, Magie und allerlei sonderbaren Künsten Umgang hätten“ (Frieb 2006, 195f). Lesen wir solche und ähnliche Berichte nicht jeden Tag in der Heimatpresse?

Kein Wunder also, dass die Zöglinge des kurfürstlichen Pädagogiums, die später vorbildhaft die calvinische oder lutherische Lehre festigen und verbreiten sollten, im Internat unter strenger Kontrolle gestanden hatten und Tag und Nacht zu eiserner Disziplin und Gehorsam angehalten worden waren. Ob diese Abschirmung vor der sündigen Außenwelt wirklich hermetisch dicht gewesen war, darf bezweifelt werden. Der Preis ihrer vollen Rundumversorgung war in der Anstalt der einer asketischen Ausbildung und Lebensführung gewesen. In die „Welt draußen“ entlassen mussten sich die ehemaligen Zöglinge rasch zurechtfinden und gerieten selbst leicht in prekäre Situationen.

In Ansehung seiner fleißigen Amtsführung

Schulmeister Mintzel, über den berichtet wurde, er tränke gern, scheint in der Öffentlichkeit nicht sonderlich auffällig geworden zu sein. Vielleicht war er, wenn er sich, ohne sich abzumelden, „außläuferisch“ von Speinshart entfernt hatte, anderenorts in eine Wirtschaft oder auch nur in der schönen Umgebung spazieren gegangen. Ein Trunkenbold scheint er jedoch nicht gewesen zu sein. Das wäre der Obrigkeit sicher zu Ohren gekommen. Seine späteren Bittschriften mit Gesuchen um „Additionen“ wurden in den Jahren 1591, 1606, 1607, 1608, 1609 und 1610 von der Obrigkeit mit Ausnahme der ersten von 1591 jedes Mal positiv beschieden. In den Begründungen wurde wiederholt ausdrücklich auf Mintzels gute Amtsführung und Fleiß hingewiesen. Die Bewilligung eines Zuschusses für das Jahr 1606 wurde zum Beispiel am 15. August 1606 mit der Bemerkung begründet:

„…um seines uns berümbten Fleißes auch an die 20 Jahr geleister diensts willen…“

Und 1609 wird Mintzels Bittgesuch um eine Addition mit den Worten beschieden:

„…haben wir in ansehung seiner langwierigen [langwährenden – A.M.] Diensten und geclagten dürfftigkeit gnädig bewilligt…“

Mintzels Gesuche und die amtlichen Stellungnahmen und Verfügungen weisen ihn ohne Zweifel als einen gut beleumundeten und seinen dienstlichen Pflichten genügenden kleinen Staatsbeamten aus. Seine Lebens- und Amtsführung gaben keinen Anlass, ihm Extrazuschüsse in Form von wenigen Gulden und Naturalien zu verweigern.

Speinshart war von Anfang an eine Ortschaft mit nur wenigen Insassen. Es behielt seinen idyllischen, architektonisch in sich abgeschlossenen Charakter über viele Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart hinein.

[Abbildung: Postkartenansicht der 1960er Jahre]

Über lange Zeit zählte es wohl höchstens 200 bis 300 Seelen. Heute leben dort knapp über 1000 Personen. Ich habe einen „nobody“ der langen Stifts- und Ortsgeschichte aus dem Dunkel der Vergangenheit hervorgeholt, meinen direkten Vorfahren Johann Mintzel. Er, der Pfarrer, der Richter, der Gerichtsschreiber und wenige andere Personen hatten am Ort zu den gebildeten Honoratioren gehört. Sie waren die studierten Herren, die lesen und schreiben konnten und die Sprache der Gelehrten, das Lateinische, leidlich beherrschten. Ihren schriftlichen Hinterlassenschaften verdanke ich tiefe Einblicke in die Lebens- und Erlebniswelt vergangener Zeiten. Ich schreibe gegen das Vergessen und vergessen zu werden an. Alles ist Windhauch. „Eine Generation kommt und eine Generation geht (…) Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die später sein werden.“

 

Literatur (Auswahl): Denk, Julius: Zwei ehemalige Lehr- u. Erziehungsanstalten Ambergs, Amberg 1904; Katharina Frieb, 2006, Kirchenvisitation und Kommunikation. Die Akten zu den Visitationen in der Kuroberpfalz unter Ludwig VI. (1576-1583) Verlag C.H. Beck. Maximilian Weigel, 1967: Ambergisches Pfarrerbuch, Kallmünz.

Krebs, F.: Das deutsche Schulwesen Ambergs von den Anfängen im 15. Jahrhundert bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Amberg 1931; Hartig, M.: Kloster Speinshart. Kleine Kunstführer. München: Schnell 1951; Motyka, Gustav,1972: Das Kloster Speinshart, Weiden 1972; Götz, J. B.: Die religiösen Wirren in der Oberpfalz 1576-1620; Ammon, Hans: Beiträge zu einem Schulmeisterlexicon Oberpfalz. Neuausgabe, bearbeitet von Georg Paul. Familienkundliche Beiträge Nr. 39, 2006; Scherl, Josef,1940: Die Grundherrschaft des Klosters Speinshart, Neudruck; Weigel, Maximilian: Beiträge zu einer Geschichte des kurfürstlichen Pädagogiums in Amberg, 1939;

Archivalien: Staatsarchiv Amberg, Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen 2 (folio 396v), 52(folio 205-207, 208-209), 55,922,923 Ambergische Kirchenratsprotokolle 1577-1581;

Meine bisherigen Forschungsergebnisse und Quellenbelege habe ich zusammengefasst in:

Alf Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie: Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag. Ein Familienunternehmen in fünf Jahrhunderte, Bd. I: Vom Dreißigjährigen Krieg bis 1800, XXII, 693 Seiten; Bd. II: Von 1800 bis zur Gegenwart, XXV, 895 Seiten. Duncker & Humblot: Berlin, 2011.