Zurück an den oberpfälzischen Ursprungsort
Merkwürdige Zufälle und Begebenheiten waren es, die mich fast 350 Jahre später an den oberpfälzischen Ursprungsort meiner Altvorderen zurückführten. Als sei eine geheimnisvolle Kraft im Spiel gewesen, als hätten mich unsichtbare Hände dorthin geleitet, erlebte ich die schönsten Jahre meiner Kindheit in der Gegend und an dem Ort, wo der lateinische Schulmeister Johann Mintzel (um 1560-1611) gut dreißig Jahre lang im kurpfälzischen Dienst seinen Beruf ausübte (1580-1611), 1586 heiratete und mit seiner Frau eine kinderreiche Familie gründete. Der kurpfälzische Klosterort Speinshart wurde ein magischer Ort meiner Kindheit – und ist es bis heute geblieben. Wer sich dorthin verirrt, muss besondere Gründe haben – wie ich. Als hätten sie mich aus der fernen Vergangenheit angesprochen und gebeten, sie aus der Vergessenheit herauszuholen und wieder in Erinnerung zu bringen, erkundete ich ihre Spuren. Erst in den Jahren 1967/68 stieß ich über Leipziger Quellen auf die Tatsache, dass Speinshart einstmals die Familie des Schulmeisters Mintzel beherbergt hatte. Aus den Leipziger Kirchenbüchern und Dokumenten im Stadtarchiv Leipzig geht hervor, dass der spätere Buchdrucker Johann Albrecht Mintzel in Speinshart als legitimes eheliches Kind geboren wurde. Das brachte mich auf die richtige Spur. Sehr viel mehr über die Schulmeisterfamilie erfuhr ich in späteren Jahren aus den Archivalien, die im Staatsarchiv Amberg zu finden sind.
Ich befinde mich auf Zeitreise, ich weiß mehr, sehr viel mehr als der Schulmeister Mintzel hatte wissen können. Ich kenne die Zukunft von zweien seiner Söhne, von Johann Christoph Mintzel (1598-1669) und von Johann Albrecht Mintzel (1600-1653), die in Speinshart geboren wurden und dort ihr Kindheit und frühe Jugend erlebten. Mein Vater hat mich nach Johann Albrecht Mintzel benannt, dessen Lebensgeschichte ich später niederschreiben werde. Auf meinen Zeitreisen zurück in die Zukunft stelle ich eine mentale Verbindung her und hole die Schemen aus der Vergangenheit zurück. Johann Mintzel war auf Wiesenpfaden und Fuhrwegen gegangen, auf denen ich 350 Jahre später zur Schule ging und nach Speinshart wanderte. Er hat, wie ich später, auf die sanften Höhen geschaut, die zwischen den Rußweihern und Speinshart liegen. Er hat, wie ich in der gleichen Gegend, am gleichen Ort, in lauen Frühlingsnächten den unheimlichen Ruf der Rohrdommel gehört. Ich teile mit dem Begründer der ehemaligen Druckerdynastie Mintzel, mit Johann Albrecht Mintzel, die Kindheit in Speinshart und erkunde auf heute verschwundenen Pfaden die Umgebung des alten Klosterortes. Er und seine Geschwister tranken Wasser aus dem gleichen Brunnen auf dem Klosterplatz wie ich in meiner Kindheit. Ich sehe ihre Schatten, ich höre ihre Stimmen aus der Ferne der Zeit herüberklingen. Sie erzählen in zahlreichen schriftlichen und gedruckten Dokumenten aus ihrem Leben. Ich zeichne auf, was sie berichten. Auf Reisen und im Geiste kehre ich wiederholt in das mittelalterliche Speinshart zurück und begleite, wie so oft, die Schulmeisterfamilie auf ihren Wegen. Ferne Vergangenheit und mein gegenwärtiges Leben verfließen, das Damals wird zum Jetzt, das Jetzt wird Damals und schon bald werde ich zu den Früheren von damals gehören.
Welche Zufälle und Begebenheiten waren es, die mich in diese abgelegene oberpfälzische Gegend führten? Nach den ersten großen Luftangriffen auf Nürnberg entschlossen sich meine Eltern im Frühjahr 1943, die „Stadt der Reichsparteitage“ zu verlassen und die Familie auf dem Lande in Sicherheit zu bringen. Mein Großvater Otmar Mintzel (1870–1950), ein direkter Nachfahre des Speinsharter Schulmeisters Mintzel, hatte auf seinen Ausflügen in die Oberpfalz in einer Senke mitten im Wald die Holzmühle entdeckt. Wir verließen Nürnberg und zogen mit Sack und Pack in diese Einöde. Sie bestand aus einem alten Bauernhaus, an das eine Mühle und ein Sägewerk angebaut waren, aus einer großen Scheune, aus Stallungen für Rinder, Pferde und Schweine und aus einem stattlichen, freistehenden Neubau. In das neue Haus, das am Hang gegenüber dem Gehöft lag, sollte später einmal die nächste Generation der Bauernfamilie einziehen. Meine Mutter, mein Großvater, wir fünf Kinder und unser Dienstmädchen Emmy fanden darin genügend Platz. Wir wähnten uns dort vor Fliegerangriffen sicher. Mein Vater musste in Nürnberg bleiben, wo er, „uk“-gestellt, als „unabkömmlicher“ Oberverwaltungsrat im Dienst der Stadt stand. Ein merkwürdiger Zufall? Oder seltsame Fügung? Die Holzmühle liegt nur wenige Kilometer von Speinshart entfernt, wo der Schulmeister Johann Mintzel mit seiner Familie von 1580 bis 1611 gewohnt hat. Wenn mein Vater am Wochenende aus Nürnberg kommt, um mit seiner Familie zusammen zu sein, wandern wir an heißen Sommertagen von der Holzmühle über die Herrnmühle nach Speinshart und dann weiter zum Rauhen Kulm. In Speinshart erfrischen wir uns, meine Eltern, meine Geschwister und ich, vor dem Klostergebäude an dem Brunnen, aus dem Johann Mintzel und seine Ehefrau vor zehn Generationen Wasser geschöpft haben. Wir stehen vor dem Haus, an dessen Stelle Johann Albrecht Mintzel am 1. Oktober 1600 geboren wurde.
[Abb.: Kloster Speinshart, Kupferstich von 1670. Haus mit Nr. 26, unten im Vordergrund Mitte, schräg an der Mauer Haus des Schulmeisters. Quelle: Museen der Stadt Regensburg, Dachauplatz 2-4, Regensburg. Mit freundlicher Genehmigung]
Hier an diesem Platz vor dem Klostergebäude ist die Kinderschar des Schulmeisters herumgetollt. Ein merkwürdiger Zufall, während des Zweiten Weltkrieges in dieser entlegenen Gegend Schutz vor den Luftangriffen zu finden.
Im Alter von acht und neun Jahren wanderte ich in den Sommermonaten der Jahre 1943 und 1944 – ohne es damals zu wissen – auf den Spuren der Speinsharter Mintzels nach Neustadt am Rauhen Kulm. Die alte Straße, die nach Neustadt führte, war, wie viele andere Landstraßen in der „Ur“-Welt der Oberpfalz, noch nicht asphaltiert. Es sind noch die alten, schotterbelegten Fuhrstraßen, auf denen wir 1943/44 laufen. Sie werden seit vielen Jahrhunderten befahren und begangen. Vom Klosterort bis zur nördlichen Grenze der Oberpfalz sind es nur sechs Kilometer, dahinter liegt das ehemalige evangelisch-lutherische Markgrafentum Bayreuth. Das protestantische Städtchen Neustadt am Rauhen Kulm, früher eine markgräflich-brandenburgische Enklave, ist bequem in anderthalb Stunden zu Fuß zu erreichen. Über diesen Weg sind im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) Oberpfälzer Exilanten in das Markgrafentum hinübergewechselt und in den protestantischen Konfessionsraum abgewandert. Der Basaltkegel des Rauhen Kulms, Rest eines nie ausgebrochenen Vulkans, ragt weit aus der bewaldeten Landschaft heraus.
[Abb.:Prämonstratenserabtei; Kloster Speinshart, Postkartenan- sicht, 20. Jahrhundert; im Hintergrund der Rauhe Kulm]
Er ist ein riesenhafter natürlicher Grenzstein zum protestantischen Norden, ein Naturdenkmal, das noch heute zwei Konfessionswelten trennt, die katholische Oberpfalz und das protestantische Oberfranken. Wer sich die Mühe macht und über die Basaltblöcke bis an die Spitze hinaufklettert, die ein hölzerner Aussichtsturm krönt, wird mit einem weiten Rundblick über die Senke belohnt. Ich war als kleiner Junge mehrmals ganz oben auf der Plattform und sah in die Landschaft hinaus und hinüber nach Speinshart und nach dem benachbarten Tremmersdorf, in dem ich von 1943 bis 1945 zur Schule ging.
[Abb.: Aquarell von Johann Karl, 18. Jh., Landschaftsdarstellung mit Speinshart und Rauhen Kulm, Quelle: Museum der Stadt Regensburg]
Speinshart – ein idyllisch-verschlafener Klosterort
Seit der Zeit des Schulmeisters hat sich der architektonische Grundriss des abgelegenen Ortes wenig verändert. Doch sein stilistisches Gesicht hat sich stark gewandelt. Das vormals mittelalterliche Gepräge mit seinen in einem nahezu geschlossenen Quadrat um das Klostergebäude gereihten ärmlichen Fachwerkhäuschen und Wirtschaftsgebäuden ist vom Ende des 17., bis weit in das 18. Jahrhunderts einer barocken Anlage und Verkleidung gewichen. Der einstmalige mehrstöckige Wehrturm und andere Gebäude sind gänzlich verschwunden. Die ecclesia triumphans, die gegenreformatorisch auftrumpfende und stilbildende katholische Kirche, hat dem Ort zwar ein neues Gepräge verliehen, aber seine Gestalt und Topografie in der Landschaft beibehalten.
[Abb.: Kloster Speinshart, 1839. Um die Hauptgebäude (shwarz) gruppieren sich die Wirtschaftsgebäude (schraffiert) mit Obstgärten und dem Klosterfriedhof (Kreuze), Umfassungsmauern und Umfassungsgraben. Quelle: Motyka, 1972, S.39]
Wie eine steinerne Wagenburg gruppieren sich die niedrigen einstöckigen Wohn- und Wirtschaftsgebäude von heute fast maßgenau in dem Geviert, das schon zu Zeiten Johann Mintzels das Leben am Ort eingeschlossen hat. Teile der Umfassungsmauer und des Umfassungsgrabens, die die Innenwelt von der Außenwelt getrennt hatte, sind noch erhalten. Kein Fremdenverkehr, kein Tourismus stört bis in die 1970er Jahre hinein die Ruhe des Klosterortes. Das Klosterareal bildet einen Zellkern im Innern des Ortes. Jeder der Früheren, kehrte er ins Leben zurück, würde sich zwar verwundert die Augen reiben, aber sich dort sofort wieder zurechtfinden. Das ländlich-verschlafene Leben folgt nach wie vor dem Rhythmus der Jahreszeiten und des Kirchenjahres.
Das Haus des Schulmeisters stand dort, wo sich heute die Klosterwirtschaft befindet, direkt gegenüber der Klosterkirche. Es war ein schlichtes, einstöckiges Fachwerkhaus, in dem es unten auch Platz für Vieh gab.
Vor meinem inneren Auge sehe ich den Schulmeister heraustreten. Er geht auf mich zu. Zwischen uns liegen zehn Generationen. Kinder spielen um den Brunnen herum Fangen. Am Brunnen treffen sich die Dorfbewohner, Mägde und Knechte, niedere und höhere kurpfälzische Bedienstete, der Pfarrer, der Richter, der Gerichtsschreiber und der Klosterverwalter. Er ist ein sozialer Treffpunkt. Mägde und Knechte schöpfen Wasser, die einen für den häuslichen Bedarf, die anderen für das Vieh. Gelegenheit zum Plaudern und Schwatzen, zum Lachen und Schimpfen. Gespräche über Alltagssorgen und Neuigkeiten. Rund um den Brunnen herrscht ein reges Treiben. In dem höchstens zweihundert Seelen zählenden Klosterdorf kennt jeder jeden. Das Stimmengewirr der Klostergemeinschaft, das Gackern und Geschnatter des Federviehs, das Knirschen und Ächzen der einfahrenden Bauernkarren, das Klatschen der Taubenflügel, das Kreischen der Kinderschar, die Rufe der Mütter, das Füllen der Bütten bilden eine vielstimmige Lautkulisse. Es riecht nach Dung. Um das Dach des Wehrturmes schwirren Schwalben. Der heiße Sommertag brütet über den Dächern. Auf den großen Vorplatz setzt ein kleines Kind Schritt vor Schritt. Johann Albrecht Mintzel, vor ein paar Monaten ein Jahr alt geworden, trägt wie die anderen Kleinkinder ein Kleidchen. Er probt auf dem Klostervorplatz das Laufen, er wankt noch ein wenig, hält seinen Körper mit erhobenen Armen in der Balance, tapst vom unsichtbaren Faden seiner Sinne und seiner Motorik gezogen vorwärts. Er streckt die Hände nach seinem Vater aus. Der Schulmeister verfolgt aufmerksam den Probelauf seines Sohnes. Ein kleiner Mensch lernt gerade aufrecht zu gehen und Schritte allein zu setzen. Tauben stelzen kopfnickend um den Kleinen herum. Mit höchster Konzentration bewegt er sich auf die Vögel zu, die zu greifen ihm die größte Mühe wert ist. Das Söhnlein strahlt, jauchzt. Den aufrechten Gang zu lernen, ist ein spannender, großartiger Moment. Zum ersten Mal wirklich frei und aufrecht gehen zu können, ist ein triumphales Ereignis, das uns kognitiv aufrichtet und autonom werden lässt. Ohne Hilfe eine Wegstrecke zu durchmessen und ein selbstbestimmtes Ziel erreichen zu können, und sei es das geringste, ist eine wunderbare Grunderfahrung jeder Generation, ein Ur-Erlebnis aller Geschlechter und Kulturen. So habe ich das wunderbare Wagnis, zum ersten Mal aufrecht zu gehen, bei meinen Töchtern erlebt und später bei meinen Enkelkindern. Es ist ein Moment des Glücks, aber auch der Sorge, die richtigen Schritte ins Leben zu finden.
Der mittelalterliche Wach- und Wehrturm, eine familiengeschichtliche Ikone
Mitten in Speinshart. Der massive, vier Stockwerke hohe Wehr- und Schutzturm steht frei vor dem Kloster. Die großen, schweren Steinquader sind zu klobigen Kuben zusammengefügt, die jeweils ein Stockwerk bilden. Auf dem obersten sitzt ein spitzer Dachhelm. Der Turm ruht auf einer quadratischen Basis, jedes Stockwerk ist vom anderen durch eine Zwischendecke getrennt.
[Abb.: Ausschnitt Wach- und Wehrturm, 1670]
Schulmeister Johann Mintzel lädt mich zu einem Aufstieg ein. Im Turm führt uns eine Holztreppe über Eck in die schwindelnde Höhe. Der massive Wehr- und Schutzturm überragt alle Klostergebäude und die kleinen Häuser im Mauergeviert des Ortes. Vom obersten Geschoss aus ist der gesamte Ort einzusehen und jede Annäherung an die Klostermauern zu beobachten. Von der Plattform schweift unser Blick in jede Himmelsrichtung, nach Norden zum Vulkankegel des Rauhen Kulms, nach Süden über die Talsenke der Creußen hinweg nach Tremmersdorf. Wir klettern die Treppe wieder hinunter. Der Klostervorplatz ist nicht gepflastert. Schottersand und Gestein bilden einen festen Boden, der bei langem Regen aufweicht.
Der hohe Wehrturm, der gegenüber dem Wohnhaus stand, hatte sich tief in das Gedächtnis des kleinen Albrecht eingeprägt. Als er sich im Jahr 1627 in Leipzig sein Buchdruckeremblem anfertigen ließ, beauftragte er den Formschneider, nach seinen Angaben einen hohen Wehrturm ins Zentrum des inneren Ovals zu setzen. Ich kann nach mehr als 375 Jahren noch vieles entschlüsseln, was ihm in seinem Leben und Wirken wichtig war. Der Speinsharter Wach- und Wehrturm mit einem spitzen Helm und vier Ecktürmchen[1] ist für mich zu einer familiengeschichtlichen Ikone geworden.
[Abbildung: Druckermarke Johann Albrecht Mintzels von 1627]
Besuch der Volksschule im benachbarten Tremmersdorf
Zur Klosterpfarrei Speinshart gehörte von jeher Tremmersdorf, ein verschlafenes Dörfchen, das etwa drei Kilometer südlich an der Landstraße liegt, die nach Eschenbach führt. Auch dort begegne ich dem Schulmeister Mintzel. Im Kirchenvisitationsbericht vom 12. Oktober 1582 wird dem Schulmeister vorgeworfen, er sei, ohne den Pfarrer zu informieren, öfters abwesend und „ausläufferisch“ gewesen.
[Abb.: Staatsarchiv Amberg. Oberpfälzer Religions- und Reformationswesen 52, fol.206]
Mit anderen Worten: Mintzel sei häufig irgendwo in der Umgebung unterwegs gewesen. Der junge Schulmeister, so vermute ich, ist nach seiner Bestallung neugierig und will die Umgebung und seine Klientel kennenlernen. Er liebt zudem die Natur, er wandert gern und beobachtet die Fauna und Flora. Über den ganzen Sommer bis tief in Herbst hinein bleiben seine Schüler vom Unterricht fern. Sie müssen bei der schweren Feldarbeit mithelfen. Schulmeister Mintzel nutzt die Zeit und unternimmt Exkursionen in die Umgebung. Sein Weg führt ihn auch nach dem benachbarten Tremmersdorf. Dort treffen sich, wie aus kirchlichen Visitationsberichten hervorgeht, auch die Pfarrer von Speinshart und Tremmersdorf in einer kleinen Schankwirtschaft. War es die neben der Kirche, in der ich 1988, auf einer Fahrt zurück in meine Kindheit, bei Anton und Annemarie Vetter auf eine Halbe Bier einkehren werde? Annemarie, die jüngste Tochter des Müllers Reis von der Holzmühle, war mein erster Schwarm. Sie war sechzehn, ich zehn Jahre alt, als der Krieg 1945 zu Ende ging.
Nach unserer Evakuierung aus dem von Luftangriffen bedrohten Nürnberg besuchten meine Schwester und ich von 1943 bis 1945 in Tremmersdorf die Dorfschule. Die Verhältnisse hatten sich in den letzten 350 Jahren wenig verändert. Die Schüler der ersten bis achten Klasse saßen in einem Schulraum. Zur Sommerszeit gingen wir am taufrischen Morgen barfuß zur Schule, die wir in einer guten halben Stunde Fußweg erreichten. Der Fußpfad führte von der Holzmühle durch ein lichtes Waldstück, das nach einer Weile von offenen, hügeligen Fluren abgelöst wurde. Auf einem taufeuchten Wiesenpfad ging es weiter bis nahe an die Creußen heran, die mitten durch Tremmersdorf fließt und erst in ihrem weiteren Verlauf zu einem Fluss anschwillt, durch den man nicht mehr waten kann. Der Pfad bog vor den ersten Scheunen und Bauernhöfen nach rechts ab und stieß auf einen Fuhrweg, der zur Dorfmitte und von dort hinauf zum Schulhaus führte. In den nasskalten Jahreszeiten, im Frühjahr und im Herbst, und im Winter sowieso, kamen wir selten mit trockenem Schuhwerk in die Schule. Der Fußpfad war vom Regen durchweicht und mit Pfützen bedeckt, daneben sumpfiges Gelände.
Die kleine Dorfschule lag am oberen Ortsrand direkt an der Landstraße, die sich von Eschenbach über Tremmersdorf und Speinshart nach Neustadt am Kulm hinzog. Das ganze Dorf machte, wie viele Dörfer in dieser Gegend, einen ärmlichen Eindruck. Es gab keine großen, stolzen Gehöfte mit reichem Holzdekor und Balkonen, sondern nur einfache, schmucklose Häuschen, die sich entlang der Creußen reihten und um die alte Dorfkirche gruppierten. Sofern sie überhaupt schon an das elektrische Stromnetz angeschlossen waren, gab es in den Dörfern keine Straßenbeleuchtung. In den kärglich eingerichteten Bauernstuben spendeten in der dunklen Jahreszeit und zur Nachtzeit Petroleumlampen ein spärliches Licht.
Das modernste, will heißen neueste Gebäude im Dorf war die Schule, die wohl in der Nazi-Zeit gebaut worden war. In dem einstöckigen Zweckbau befand sich im Erdgeschoss der Schulraum, darüber wohnte in einfachen Verhältnissen der Lehrer mit seiner Familie. Die Tremmersdorfer Schule war das Muster einer urigen bayerischen Zwergschule, wie sie auf alten vergilbten Abbildungen in Heimatmuseen zu sehen sind. Es mögen höchstens zwei Dutzend Kinder dort gewesen sein, mehr hätten kaum Platz gefunden.
Im Schulraum angekommen zogen wir die quietschend nassen Stiefel und tropfenden Strümpfe aus. Im Winter legten wir sie um den Kanonenofen, der den Schulraum wärmte. Frühmorgens, vor Beginn des Unterrichtes, hatte Lehrer Mailer den Ofen schon angeheizt, um den Raum vorzuwärmen.
Der Unterricht begann morgens um acht Uhr und endete mittags. Die Zöglinge saßen nach Klassen geordnet in zwei Bankreihen auf je zwölf Sitzen, ganz vorne die Jüngeren der ersten und zweiten, hinten die Älteren der siebten und achten Klasse. Die Schüler der unteren Klassen schrieben mit Griffeln auf Schiefertafeln, die der oberen benutzten Schulhefte aus schlechtem Papier. Lehrer Anton Mailer, ein schmächtiger Mann, ging nach Schulbeginn durch die Bankreihen und erteilte jeder Klasse ihr Pensum. Die Schulanfänger mussten das ABC lernen, die zweite Reihe sich im Schönschreiben üben, die in den mittleren Reihen wurden in Heimatkunde unterrichtet und die hinten mussten Rechenaufgaben lösen. Ich liebte das Schönschreiben und hörte gern zu, wenn der Lehrer im Fach Heimatkunde über das Maindreieck sprach und den Flussverlauf mit farbigen Kreiden auf die schwarze Tafel zeichnete. Das war der Vorteil des – wie es heute heißt – „binnendifferenzierten“ Zwergschulunterrichts. Das Lehrmaterial war kümmerlich, verglichen mit heutigen Standards sogar katastrophal. Hatte ich gut aufgepasst und meine Aufgaben erledigt, konnte ich lauschen, was den älteren Schülern an Stoff beigebracht wurde. Der Unterricht für acht Klassen in einem Raum verlangte Disziplin. Die Schüler, meist unruhige Bauernlümmel, waren schwer im Zaum zu halten. Zwischen den letzten Schulbänken und der rückseitigen Wand war ein schmaler Raum, der Platz für Züchtigung bot. Hier strafte Lehrer Mailer die Schüler, wie damals üblich, mit Rute und Stock. Schülerinnen kamen mit milden Verwarnungen davon.
Das Schönschreiben gehörte zu unseren täglichen Hausaufgaben. Zeile für Zeile schrieb ich auf meiner Schiefertafel Buchstabenreihen, m-Reihen, n-Reihen, besonders schön das „t“ und das „z“. Dafür wurde ich in meinem Schulzeugnis mit der besten Note belohnt. Darauf war ich stolz. Schönschreiben wurde zur Manie und prägte meine Schriftzüge bis ins hohe Alter. Noch heute schreibe ich gern.
Vor dem Schulgebäude befand sich ein umzäunter Platz. Dieser bot in den Pausen gerade einmal genügend Fläche zum Herumtollen. An der Seite stand, die Höhe des Schulhauses überragend, ein Fahnenmast für den nationalsozialistischen Flaggenappell. Nach wirklichen oder vermeintlichen Siegen der deutschen Wehrmacht mussten wir am Fahnenmast strammstehen und das Horst-Wessel-Lied und die Deutschlandhymne singen. Hoch über unseren Köpfen flogen gegen Kriegsende fast täglich Geschwader fliegender Festungen hinweg. Klein wie Eintagsfliegen umkreisten Jagdflieger als Begleitschutz die Bomber, die lange Kondensstreifen hinter sich herzogen. Die Geschwader entluden irgendwo über Hitlers rasch schrumpfendem „Großdeutschland“ ihre tödliche Last. Erst im Frühjahr 1945 bekamen wir in unserer trügerischen Idylle die Schrecken des Krieges zu spüren. Es gab selbst noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs idyllische Orte und Nischen, wo der Anschein herrschte, sie würden vom Weltgeschehen ausgespart bleiben. Wir wären dort fast vergessen worden. Wie vor Jahrhunderten, wie zu Zeiten des Schulmeisters Mintzel, lag dieser Winkel der Welt abseits der entsetzlichen Geschehnisse. Bis zum Kriegsende hatte ich nichts von dem millionenfachen Morden der nationalsozialistischen Todesmaschinerie gehört. Erst ganz spät, in den letzten Kriegsmonaten, gab es ein Gemunkel der Erwachsenen, als hätten sie etwas Ungeheuerliches, kaum Glaubhaftes vernommen. Wenn sie schon eher etwas gewusst haben sollten, dann teilten sie es uns nicht mit, sie ließen uns in der Idylle fröhlich in den Tag hineinleben.
Der auch schon damals übliche Schulausflug führte nicht einmal zur nächstgelegenen Kleinstadt, geschweige denn in eine Großstadt. Es blieb bei beschaulichen Fußwanderungen im Umkreis der Schule, an den Kleinen und Großen Rußweiher, die damals noch keine überlaufenen Naherholungsziele für Städter waren. Die Gegend war reich an Weihern, deren Biotope später unter Naturschutz gestellt wurden. Der Lehrer hielt uns zu Naturbeobachtungen an und lehrte uns Baumarten zu unterscheiden: Erlen, Birken, Eichen, Föhren, Fichten und Tannen. Der Anschauungsunterricht in freier Natur vermittelte uns sämtliche biologischen Grundkenntnisse, denn Biologiebücher mit anschaulichen Abbildungen gab es nicht.
Leben, wo die Große Rohrdommel ruft
In den Sommernächten der Jahre 1943 und 1944 packte mich das Grauen, wenn plötzlich ein seltsam dumpfes „Üüpruumb“ unheimlich durch die Landschaft schallte. Das langgezogene „U“ hatte die Lautstärke eines Ochsenschreis, als brüllte ein großes Tier seinen Urschrei in die Nacht hinein. Wenn diese fremdartige Stimme durch die Nachtschwärze drang, zuckte ich innerlich zusammen und erschrak zutiefst. Es war der dumpfe Balzruf der Großen Rohrdommel, die in den sumpfigen Gewässern des Großen und Kleinen Rußweihers lebte. Von alters her boten die schilfbewachsenen, morastigen Gewässer mit ihren zahlreichen runden Schilfhöckern einer großen, vielartigen Schar von Schwimm- und Tauchvögeln, Sumpfvögeln und Sängern ein nahrungsreiches Brutgebiet. Seit jeher bevölkerte diese Weiher und das umliegende Sumpfgebiet eine große Schar von Lachmöwen. Das dichte Schilfrohrgebiet mit seinen zahlreichen Inselchen war ein beliebter Brutplatz. Das nimmer endende Geschrei einer vielköpfigen Lachmöwenkolonie erfüllte die Luft. Doch in der Nacht, wenn alle anderen Vogelstimmen verstummt waren, ertönte das dumpfhohle „Üüpruumb“ der Großen Rohrdommel. Insbesondere in mondlosen, schwarzen Nächten, in denen ich meine Hand nicht vor den Augen sah, jagte mir jeder Schrei Schauer durch den Leib. Es war ein unheimliches Urerlebnis, es klang nach dem wilden Schrei eines mächtigen Naturgeistes, als wolle er mich rufen und warnen.
Dieser dumpfe Ruf war kilometerweit zu hören, so stark war sein Schall. Er drang bis nach Speinshart, bis Tremmersdorf, bis zur Herrnmühle und bis zu uns in die Holzmühle. Als wir uns in den letzten Kriegsjahren dort hinten, tief in der Oberpfalz, versteckt hielten, lag die Landschaft noch wie vor drei- oder vierhundert Jahren vor uns. Seit Jahrhunderten hatte der Mensch dieses sumpfige Gebiet so belassen, wie es war. Manchmal wateten ein paar Männer durch das Schilf und raubten die Eier der auffliegenden Lachmöwen. Wenn die Bauern der Umgebung im Frühjahr ihre Äcker pflügten, flogen hinter der Pflugschar Schwärme von hungrigen Möwen und fielen mit heiserem Gekreische in die Furchen. Mit jeder Wendung stoben sie wieder hoch. Die Kiebitze flogen im Gaukelflug, führten die kühnsten Schwenkungen aus und stießen dabei ihr helles „i – kwitt“ aus.
So sah die Landschaft aus, so zeigten sich die sumpfigen, schilfbedeckten Gewässer vor 350 Jahren, als Johann Mintzel im Kloster Speinshart Schule hielt und, wie er es vermutlich gern tat, durch die Gegend streifte. Er hörte die Rufe der Rohrdommel wie ich, der kleine, fast zehnjährige Volksschüler auf der Holzmühle. Er ging auf denselben Wiesenpfaden wie ich, 350 Jahre später, zur Schule nach Tremmersdorf. Er sah die sanfte Höhe, die zwischen den Weihern und Speinshart liegt. Er besuchte den einsamen kleinen Weiler, der seit alters an den Weihern liegt. Er hörte in lauen Frühlingsnächten, wie ich in der gleichen Gegend, am gleichen Ort, den unheimlichen Balzruf der Rohrdommel. Seine Kindheit in Speinshart und meine Kindheit in der Holzmühle ähneln sich in vielem: Kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser im Haus, ein Plumpsklo, ein Herd, der mit Holz aus dem nahegelegenen Wald beheizt wird, kalte, eisklirrende Winternächte, trockene Sommer und Myriaden von Stechmücken, die wir mit Erlenlaub abwedelten.
[Abb.: Alte Postkarte „Gruß aus Tremmersdorf, Oberpfalz“ aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts]
Wo die „lutherischen Brockenfresser“ herstammen
Dort hinten in der Oberpfalz gab es weit und breit keinen einzigen Protestanten. Herzog Maximilian, der spätere Kurfürst von Bayern, hatte, nachdem die Obere Pfalz und mit ihr Speinshart 1621 an Bayern gefallen war, konfessionell durchgegriffen, Protestanten amtsenthoben und vertrieben und bis 1628 die Rückkehr zum katholischen Glauben erzwungen. Diese Gegend war noch bis 1945 fast geschlossen katholisch. Es war fast unmöglich, an einem protestantischen Religionsunterricht teilzunehmen oder eine evangelische Kirche zu besuchen. Nirgendwo wurde ein evangelischer Gottesdienst abgehalten, auch nicht am Karfreitag, Ostersonntag oder am Heiligen Abend geschweige denn am Reformationstag. In der rein katholischen Volksschule wurde ich der „lutherische Brockenfresser“ genannt. Ich wusste damals nur, dass mit diesem Spottnamen irgendwie Protestanten, Lutherische, gemeint waren, die anderen eben, die nicht dem richtigen Glauben anhingen. Wir, meine Familie, waren die einzigen „Brockenfresser“ weit und breit, ich lernte in diesen Jahren keine anderen kennen. Ich hielt mich deshalb nicht einmal für ein Mitglied einer geduldeten Minderheit, sondern für ein exotisches Exemplar unter lauter Katholiken, das die Bauernkinder fröhlich neben sich leben ließen. Das exotische Exemplar störte sie nicht sonderlich. Es blieb beim Spottnamen, den sie mehr amüsiert denn in ausgrenzender Absicht gebrauchten. Erst Jahrzehnte später, auf den Spuren des Speinsharter Schulmeisters Johann Mintzel, entschlüsselte ich den ursprünglichen Sinn des Spottnamens, mit dem mich meine Klassenkameraden, Oberpfälzische Bauernbuben und Bauernmädchen, in den Kriegsjahren gehänselt hatten. Der Schimpfname, obschon er mich unangenehm berührt hatte, war nur mehr ein Nachhall aus nach- und gegenreformatorischer Zeit. Ich war nicht „der Jude“, der mit dem Davidstern markierte „Untermensch“. Ich war nur ein heranwachsender „Volksgenosse“ anderen christlichen Glaubens.
In der Zeit zwischen der Einführung der Reformation in der Oberpfalz-Kurpfalz und der gewaltsamen Rekatholisierung dieses Gebietes, im Zeitraum zwischen 1520 und 1620, hatten nicht nur alter und neuer Glaube gewechselt, sondern auch innerhalb des Protestantismus, der 1520 zunächst gegenüber dem Katholizismus sich durchzusetzen begonnen hatte, war ein erbitterter Kampf zwischen Lutheranern und Calvinisten entbrannt(vgl. Lippold,2003: Der Kalvinismus, S.278; Schottenloer,122: Flugblatt und Zeitung, S. 262ff). So wechselreich die dynastische Geschichte der Oberpfalz damals gewesen war, so wechselreich waren auch die konfessionellen Verhältnisse, die von dem Grundsatz „cuius regio, eius religio“ bestimmt waren. Der regierende Fürst und sein Regierungsapparat hatten bestimmt, welche Religion in seinem Lande die „wahre“ und allein zu praktizierende sei. Die für „wahr“ und „absolut“ gehaltene Konfession war mit mehr oder weniger starkem Nachdruck durchgesetzt worden, meist mit gewaltsamen Mitteln. Das galt selbstverständlich auch für die protestantische Seite und ihre internen Auseinandersetzungen, für die Anhänger des lutherischen Protestantismus und für die Anhänger der Lehre Calvins (Hartmann, 2003: Konfessionelle Kulturen im 17. Jahrhundert, S. 46ff). Die Obere Pfalz erlebte unter ihren Kurfürsten in ihrer protestantischen Zeit mehrmals einen Konfessionswechsel zwischen lutherischen und calvinischen Protestantismus. Zu den dogmatischen Streitpunkten hatten insbesondere der Charakter des Abendmahls und seine Feier gezählt. Nach der lutherischen Glaubenslehre verwandeln sich beim Abendmahl Brot und Wein in den Leib und in das Blut Christi. Luther sagt: Christus sei „in, mit und unter“ Brot und Wein gegenwärtig. Nach Calvins Lehre findet dagegen keine Wandlung – Transsubstantion genannt – statt. Brot und Wein symbolisieren nur Leib und Blut Christi. Die calvinische Formel lautet nach Paulus: „Das Brot, das wir brechen, ist eine Anteilnahme am Leib Christi.“ Zur lutherischen Abendmahlfeier gehört die Oblate, zur calvinischen das Brot, das gebrochen wird. Es waren die Anhänger der Lehre Luthers, die zuerst Calvinisten wegen des Brotbrechens als „zwinglische, calvinische Brockenfresser“ beschimpft hatten. Es war, wie wir wissen, nicht bei den sprachlichen Kampf- und Propagandaschlachten geblieben. Es folgten die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges. Katholiken hatten in der Oberpfalz anscheinend in den Glaubenskämpfen das Schimpfwort generalisiert. Für sie waren alle Protestanten, gleich ob Lutheraner oder Calvinisten, Brockenfresser. Wie es die Katholiken in den Zeiten der konfessionellen Auseinandersetzungen und Kämpfe getan hatten, so hielten es auch noch ihre Nachfahren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In der Oberpfalz wurden Protestanten auch noch in der Zeit des Zweiten Weltkrieges so genannt. Inzwischen verloren diese dogmatischen Abgrenzungen und konfessionellen Ressentiments und Animositäten an Wirkkraft, obschon sie noch immer konfessionelle Grenzlinien markieren und Familiengeschichten prägen.
Am Grabe von Johann Mintzel, 1611
Bei meinen späteren Besuchen des Klosterortes unternahm ich im Geviert des idyllischen Gebäudekomplexes jedes Mal einen stillen Rundgang. Ich ging an den schlichten Häuschen entlang und kehrte in Gedanken und inneren Bildern in die Zeit des lateinischen Schulmeisters Johann Mintzel zurück. Ich lehnte mich an den Brunnen, aus dem noch immer Wasser plätschert. Das Jetzt verschwamm in einem Damals, die Vergangenheit wurde gegenwärtig. Einunddreißig Jahre lang hat der ergraute Schulmeister im kurfürstlichen Dienst mit viel Fleiß und pädagogischer Verantwortung Kinder und Jugendliche unterrichtet. Noch im Dezember 1610, kurz vor Weihnachten, bat er in einem abermaligen Bittschreiben, es sollte sein letztes sein, an die kurfürstliche Regierung um eine Aufbesserung („Addition“) seiner Bezüge in Geld und Naturalien. Er hat noch Weihnachten 1610 und Neujahr 1611 erlebt, dann griff der Tod nach ihm. Die Obere Pfalz wurde in den Wintermonaten 1610/11 von einer Schneedecke tief zugedeckt. Speinshart versank im Schnee, in den schmalen Häusern herrschte klamme Feuchtigkeit, an den Wänden der unbeheizten Räume glitzerten Eiskristalle, die Fensterscheiben waren vom Frost erblindet, die Familie scharte sich um das Küchenfeuer. Die Frühjahrsmonate waren in der Oberen Pfalz nass und kalt, es dauerte bis in den April hinein, bis das letzte Eis geschmolzen war. Ich habe in meiner Kindheit in der Oberpfalz diese kalten Jahreszeiten 1943/44 und 1944/45 selbst erlebt.
Johann Mintzel wurde gut fünfzig Jahre alt, für damalige Lebensverhältnisse hatte er ein recht hohes Alter erreicht. Wer in jenen Zeiten so alt geworden war, galt schon als Greis. Wir kennen nicht die Todesursache. Möglicherweise hatte er sich erkältet, gar eine Lungenentzündung zugezogen. Wir wissen auch nicht, an welchem Tag genau er verstarb. Die medizinische Versorgung lag im Argen, in Speinshart soll es nicht einmal einen Bader gegeben haben. Aber selbst diese waren häufig nur Quacksalber, die mit unwirksamen Mitteln Kranke zu Tode kurierten. Nur sein Todesjahr lässt sich aus den Archivalien zweifelsfrei erschließen, das Jahr 1611 (AM: Blog „Lebensgeschichten und Erelebniswelten…“, 1. Kap., S. 5).
Der verstorbene Schulmeister wurde, wie allgemein üblich, zu Hause eingesargt, aufgebahrt und bei ihm eine Kerze angezündet. Im Klosterdorf wird sich schnell herumgesprochen haben, dass der alte Mann gestorben war. Jeder hatte ihn gekannt, aber nicht alle hatten ihn gemocht. Allzu oft hatte er, wie kirchliche Visitationsberichte auch für Speinshart bezeugen, säumige Eltern und ihre Kinder ermahnen müssen, die Katechismus-Lehre und die Schule zu besuchen. Der mehrmalige Konfessionswechsel hatte auch in Speinshart und seinem Umland zu verdecktem Widerspruch und passivem Widerstand geführt, ja sogar Verweigerung hervorgerufen. Unter allerlei Vorwänden war man dem Gottesdienst ferngeblieben. Das hatte dem Schulmeister Verdruss und Ärger beschert. Es hatte so manchen Zoff gegeben. Doch begleitete wohl jeder, der gehen konnte und nicht selbst krank darniederlag, den Sarg zur Aussegnung in die Klosterkirche und danach an das Grab. Der Speinsharter Friedhof lag innerhalb der Mauern hinter den Klostergebäuden in einem Winkel, der räumlich vom Treiben der Lebenden abgesondert war. Dorthin zog der kleine Leichenzug zur ausgehobenen Grube: die Witwe Mintzels, sechs seiner Kinder, die das Kindes- und frühe Jugendalter überlebt hatten, ein Häuflein kurfürstliche Amtsträger und Honoratioren des Ortes, gefolgt von einer Schar Kinder und Jugendlicher, der Schülerschaft des Verstorbenen, alle in Reih und Glied und im stillen Gedenken. Der Glöckner läutete das Totenglöckchen. Pfarrer Johann Lucas (I.), selbst vom Tod gezeichnet – er starb noch im gleichen Jahr – hielt die Leichenpredigt, die damals viel länger ausfiel als heutige Nachrufe. Am Ende der rituellen Handlungen kamen alle zum Leichenschmaus zusammen und tauschten Anekdoten aus.
Der Tod des alten Schulmeisters veränderte die Lebenssituation seiner Hinterbliebenen drastisch. Im Laufe des Jahres 1611 wurde Kaspar Eck in das vakante Schulmeisteramt berufen. Eccius, wie er sich lateinisch nannte, kam aus Schlesien. Sein Schwager, der Speinsharter Richter Jonas Liebing, hatte ihn der Obrigkeit empfohlen. Witwe Mintzel und ihre sechs Kinder mussten aus dem Schulmeisterhaus ausziehen und im Ort eine andere Bleibe finden. Eck unterrichtete wohl noch ein paar Jahre die Söhne des verstorbenen Mintzel, Johann Christoph bis zum Jahre 1614, Johann Albrecht bis 1616. Nach Abschluss der Lateinschule verließen beide ihren Heimatort, wo keine höhere Ausbildung möglich war. Christoph wanderte nach Leipzig und begann dort Theologie zu studieren. Albrecht ging in einer renommierten Buchdruckerei in die Lehre. Im Jahre 1620 tritt er uns in Leipzig zum ersten Mal als Buchdruckergeselle in der damals weithin bekannten Verlagsdruckerei der Verlegerfamilie Große entgegen. Diese Daten sind jedenfalls zweifelsfrei belegt. Die weiteren Schicksale der Mutter und der anderen Geschwister sind unbekannt. Als „nobodies“ wurden sie nicht einmal als Sterbefälle in die nachlässig geführten Kirchenregistern eingetragen, so als hätte es sie nie gegeben. Möglicherweise zogen sie schon vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges von Speinshart weg. Vielleicht führt meine Fehl- und Suchanzeige zu Entdeckungen in anderen genealogischen Zusammenhängen.
Aus konfessionspolitischen Gründen unternahmen damals Oberpfälzer, evangelisch-lutherische und calvininische Theologen, Pfarrer und Schulmeister weite Wanderungen, um in Territorien ihrer Konfession Aufnahme und Anstellung zu finden. Die Speinsharter Schulmeisterfamilie Mintzel teilte mit vielen anderen dieses Schicksal: Amtsenthebung und Vertreibung. Sie wurden zu einer „Migrantenfamilie“, zu Wanderern, die weite Wege zurücklegten. Die Gebrüder Johann Christoph und Johann Albrecht Mintzel konnten nicht in ihre Heimat zurückkehren. Die gewaltsame Rekatholisierung, die 1621 einsetzte, verwehrte es ihnen. Ihre Wanderrouten zeigen, dass sie in protestantische Territorien Mittel- und Norddeutschlands gingen und sich im fernen „Ausland“ niederließen. Orte, wo der zeitweise Aufenthalt der Brüder und ihrer Kinder belegt ist, sind Leipzig, Frankfurt/Oder, Libbenichen/Oder, Berlin, Oranienburg, Stettin, Kolberg in Pommern und Hof/Saale. Der spätere Buchdrucker Johann Albrecht Mintzel, dessen Namen ich trage, verlor am Ende des Dreißigjährigen Krieges in Leipzig die Hoffnung, in der vom Krieg heimgesuchten Stadt seine Druckerei auf Dauer fortführen zu können. Er folgte einem Ruf des Rates der markgräflich-brandenburgische Stadt Hof im Vogtland, übersiedelte 1642 mit seiner Familie und Druckerei nach Hof und führte dort seine in Leipzig erworbene Buchdruckerei weiter (Alf Mintzel, 2011: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie, Band I, S, 46-277).
Das Kurfürstentum Bayern blieb als ein Hort der Gegenreformation bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ein konfessionelles „Sperrgebiet“ für protestantische Drucker und Theologen. Speinshart wurde bald nach dem Abzug der Mintzels wieder katholisch und erhielt am Ende des 17. Jahrhunderts ein barockes Kleid. Die große Geschichte prägte sich auch im Familienleben aus. Die Einstellungen und Werthaltungen in den Familien Mintzel waren bis ins 20. Jahrhundert hinein stark antikatholisch geprägt. Es gab mit einer Ausnahme bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts keine Mischehen.
Literatur (Auswahl): Bernhard Fuchs: Geschichte des Klosterarchivs Speinshart; Peter Claus Hartmann,2003: Konfessionelle Kulturen im 17.Jahrhunder, in: Wolf, Peter: u. a. (Hrsg.): Der Winterkönig V. Der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Haus der Geschichte, S. 46-52; Daniel Heinrich Hering, 1784 u. 1785: Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Reformierten Kirchen in den Preußisch –Brandenburgischen Ländern. Erster und Zweiter Theil; Stephan Lippold, 2003: Der Kalvinismus, in: Wolf, Peter u. a. (Hrsg.): Der Winterkönig V. Der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Haus der Bayerischen Geschichte, S. 278f; Alf Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zu Druckindustrie, 2011, Band I, Kapitel I, S.22-37; Gustav Motyka: Das Kloster Speinshart, Weiden 1972; Josef Scherl: Die Grundherrschaft des Klosters Speinshart, Nachdruck 1940; Motyka, 1972: Das Kloster Speinshart, S. 39.