Prof. Dr. phil. Alf Mintzel verstarb am 16. Februar 2025 im Kreise seiner Familie im Alter von 89 Jahren.
Wir verabschieden uns voller Liebe und Dankbarkeit von einem herausragenden Wissenschaftler, begnadeten Künstler, unermüdlichen Schriftsteller, rebellischen Freigeist und liebevollen Vater und Großvater.
Die letzten Monate waren geprägt von unseren Sorgen um den Gesundheitszustand unseres Vaters und um die Kraft unserer Mutter in der aufreibenden Pflegesituation. Wir dachten, wir sind auf den Tod unseres Vaters vorbereitet, und wir waren es nicht. Sein Tod hat uns drei Schwestern mit einer Wucht getroffen, mit der wir nicht gerechnet haben. Wir empfinden den Verlust als einen tiefgreifenden und überwältigenden Eingriff in unser Leben und in unser Wesen.
Unser Vater war uns ein großes Vorbild, feste Stütze, väterlicher Schutz, ungebrochene Autorität und weiser Ratgeber. Die Zeit, die unser Vater mit uns verbracht hat, war trotz seines hohen Alters begrenzt. Sein Leben war der Wissenschaft gewidmet, der Forschung, der Konservierung einer Druckerdynastie und der Aufarbeitung doppelter großväterlicher Schuld. Es ist die Haltung unseres Vaters, die uns geprägt hat. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wenn er ein Ziel vor Augen hatte, etwas als eine existenzielle Notwendigkeit sah, dann hat er mit unvergleichbarer Leidenschaft, Konzentration und Willenskraft daran gearbeitet.
Unser Vater nahm Unrecht nie schweigend hin, trug (insbesondere gesellschaftspolitische) Konflikte offensiv aus und hatte einen extrem hohen Anspruch an seine eigene Arbeitshaltung und sein für seine Generation progressives Weltbild.
Bis zum Schluss war unser Vater getrieben von dem Drang, Krieg und Schuld aufzuarbeiten, und Antworten zu finden auf die großen philosophischen und gesellschaftspolitischen Fragen. Die Gespräche, die bei uns am Mittagstisch und an den vielen Abenden bei Wein und Chips geführt wurden, drehten sich immer um das aktuelle gesellschaftspolitische Zeitgeschehen, um die traumatischen Kriegserlebnisse meiner Eltern und die prekäre Rolle unserer Großeltern während des Nazi-Regimes.
Das meiste von dem, was unser Vater fühlte, verarbeitete er in seinen Skulpturen und Graphiken, in seinen Tagebüchern, Aufzeichnungen und in seinem Blog. Hier drückte er das aus, was er im Gespräch zurückhielt. Er wollte, so sagte er mir einmal, nicht in der Masse untergehen, sondern etwas Besonderes schaffen und nach seinem Tod in seinen Kunstwerken und durch seine wissenschaftlichen Forschungsbeiträge weiterleben. Was er unterschätzt hatte, ist die Kraft, mit der er in uns weiterlebt und die auch auf die noch ungeborenen Urenkel nachwirken wird.
Unser Vater war außerdem der unbeugsamste Atheist, den ich persönlich kenne. Noch in seiner Todesanzeige proklamierte er mit seinem Gedicht öffentlich, dass es keinen Gott gebe. Bis zum Schluss glaubte er nicht an ein Jenseits und für seine Trauerfeier wünschte er sich „Gedenkreden an einen Atheisten“. Aber Gottlosigkeit bedeutet nicht Lieblosigkeit. Jedes Kunstwerk, das er schuf, jedes Buch, das er schrieb, jedes väterliche Wort, das er an uns richtete und jede Geste gegenüber unserer Mutter waren geprägt von einem tiefgreifenden Verständnis dieser Welt und von der bedingungslosen Liebe zu denen, die ihm nahestanden.
In seinem Blog schreibt er über den Tod: „Für alle diejenigen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, halten die Astrophysik und die moderne Kosmologie eine griffige und elegante Formel bereit: Wir alle bestehen zur Gänze aus Sternenstaub, der aus der Asche explodierender Sterne stammt. Mit unserem Tod zerfallen wir in unsere atomaren und molekularen Bestandteile und kehren als solche in den kosmischen Kreislauf zurück. Das Universum steht uns doch näher, als unser irdischer Alltag vermuten lässt.“