78. 50 Jahre danach – Posthume Distanzierung und Ächtung 1997

Mit diesem Blogkapitel schlage ich einen großen Bogen zurück zum Beginn meiner biografischen Annäherungen an das Leben und Wirken des großen Neurologen Schaltenbrand. Der Schock, den die ARD-Dokumentation 1996 über „Ärzte ohne Gewissen“ bei mir ausgelöst hatte, trieb mich dazu, gründlich nachzuforschen und herauszufinden, was an den Berichten über Menschenversuche, die Schaltenbrand begangen hat, wahr ist oder sein könnte. Die Ergebnisse meiner Recherchen habe ich in bisher 17 vorangegangenen Blogkapiteln festgehalten. Aus dem anfangs familiengeschichtlich motivierten und konzipierten Projekt wurde mit jedem folgenden Kapitel ein wissenschaftlich basiertes biografieanalytisches Projekt in Form von working papers. In meinem Einstiegskapitel „T4-Aktion und Prof. Schaltenbrands Multiple Sklerose-Forschung“ (Blogkapitel 41) habe ich die förmliche Distanzierung und die Entfernung der Ehrenbüste Schaltenbrands unter dem Blickwinkel der psychischen und mentalen Verletzung der Familienmitglieder Schaltenbrand behandelt, die sich im Oktober 1996 zum ersten Mal mit den Taten und Entehrungen konfrontiert gesehen hatten. Nach jahrelangen Recherchen nehme ich nun aus einem anderen Blickwinkel zu den damaligen Reaktionen der Würzburger Nervenklinik und Medizinischen Fakultät Stellung.

Neurologie und Medizinische Fakultät distanzieren sich von Schaltenbrand, 1997

Den 1994 in der renommierten Fachzeitschrift Neurology von Michael Shevell und Bradley Evans publizierten Artikel über das Schaltenbrand-Experiment scheinen die Ärzte der Neurologischen Klinik und Poliklinik der Universität Würzburg bis zum Herbst 1997 nicht wahrgenommen, geschweige denn offiziell besprochen zu haben. Erfahrungsgemäß lässt die wissenschaftliche Rezeption selbst eines so wichtigen wie brisanten Fachartikels bis zu drei Jahre auf sich warten. Doch nicht einmal auf die im Oktober 1996 ausgestrahlte ARD-Dokumentation „Ärzte ohne Gewissen“, in der Schaltenbrand als ein NS-Arzt und ärztlicher Übeltäter gebrandmarkt worden war, erfolgte eine offizielle Stellungnahme. Auch das 1997 in zweiter Auflage erschienene Buch von Ernst Klee (Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, S. 70-78) scheint die Medizinische Fakultät nicht aufgeschreckt zu haben. Oder doch? Die Würzburger Neurologie reagierte jedenfalls erst im Oktober 1997 höchstamtlich auf die inzwischen auch in der Öffentlichkeit entbrannte Berichterstattung und Diskussion. Ohne die vehementen Anstöße von außen, seitens der Presse und des Fernsehens, wäre der Artikel von Shevell und Evans über das Schaltenbrand–Experiment und über ethisches Fehlverhalten in der NS-Zeit vermutlich unbeachtet geblieben.

Verspätete Reaktion – Ein „peinlicher“ Vorgang

Der zu dieser Zeit amtierende Dekan der Fakultät und Leiter der Würzburger Neurologischen Klinik und Poliklinik, der Neurologe Prof. Klaus Toyka, gestand Anfang Dezember 1997 in einem öffentlichen Vortrag ein, es sei peinlich, erst jetzt, nach fünfzig Jahren, durch einen Besucher auf den Artikel über das “Schaltenbrand-Experiment“ aufmerksam gemacht worden zu sein. Schaltenbrands Buch über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ habe völlig unbeachtet in der Bibliothek gestanden. „Wir hatten keinen Verdachtsmoment und keinen Grund auf die Suche zu gehen.“ (zit. n. Fränkisches Volksblatt Nr. 278, 03.12.1997). Die Neurologie sei „völlig überrumpelt“ worden. Mit anderen Worten: Der Chef-Neurologe hatte anscheinend nur unzureichende Kenntnisse vom Wirken und Forschen seines ersten Vorgängers. Und er war sich anscheinend unschlüssig, wie er auf die Vorwürfe reagieren sollte.

Zwei Handlungsstränge liefen 1997 also in der Neurologischen Klinik zeitlich nebeneinander her und ineinander: die Formulierung einer Stellungnahme zu Schaltenbrands Versuchen an Menschen in Reaktion auf die neu entbrannte Diskussion über Menschenversuche in der Medizin sowie damit verbunden die Entfernung der Ehrenbüste Schaltenbrands. Die Bronzebüste hatten ehemalige Schüler, Mitarbeiter und Kollegen 1977 zum 70. Geburtstag gestiftet. Das Werk des Bildhauers Otto Wesendonck hatte seither zu Ehren des Gründers der Neurologischen Klinik und seines wissenschaftlichen Wirkens unangefochten im Foyer der Klinik gestanden. Beide Reaktionen, die Veröffentlichung der Stellungnahme und die Entfernung der Büste, sollten rufschädigende Rückwirkungen abwehren. Es waren fragwürdige Reaktionen, weil sie selbst Resultat eines zweifelhaften Umgangs mit der NS-Vergangenheit waren. Schaltenbrands Biograf, der Neurochirurg Hartmut Collmann stellte die Sachverhalte 2008 so dar:

„Im Herbst 1997 wurde der jetzige Direktor der Würzburger Neurologischen Universitätsklinik, Prof. Dr. Klaus V. Toyka, von amerikanischen Besuchern auf Schaltenbrands Versuche und den Shevell/Evans-Artikel aufmerksam gemacht. Die Besucher äußerten ihr Befremden über die Ehrenbüste im Foyer der Klinik. Nach kurzer Diskussion innerhalb der Neurologischen Klinik wurde die Büste deshalb entfernt und durch eine neutrale Plastik ersetzt. Wenig später befasste sich die Würzburger Medizinische Fakultät mit dem Thema und verabschiedete eine von Prof. Toyka, damals auch Dekan der Medizinischen Fakultät, verfasste Entschließung.“ (Collmann 2008, S. 88).

Das Dokument hat folgenden Wortlaut:

„Bayerische Julius-Maximilians-Universität

Neurologische Klinik und Poliklinik der Universität

Direktor: Prof. Dr. Klaus Toyka

Stellungnahme zum Verstoß gegen das ärztliche Berufsethos in der Neurologischen Klinik und Poliklinik der Julius-Maximilians-Universität unter seinem Direktor Prof. Dr.  Georges Schaltenbrand zwischen 1940 und 1944

Während der nationalsozialistischen Herrschaftszeit haben einige Ärzte in unterschiedlicher Weise gegen das ärztliche Ethos verstoßen. Wenn man das Ausmaß an persönlicher Schuld zu beurteilen hat, sind die äußeren politischen Umstände ebenso zu berücksichtigen wie die besondere persönliche Situation des beschuldigten Arztes.

Die Vorwürfe, die nach Kriegsende und jetzt erneut vom Buchautor und Journalisten Ernst Klee und in Nordamerika von Dr. Shevell aus Montreal gegen Prof. Schaltenbrand vorgebracht werden, veranlassen mich und die Oberärzte der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg (Gründer: Prof. Schaltenbrand) zu folgender Stellungnahme:

  1. Schaltenbrand hat in der Zeit vor 1940 und vermutlich auch danach Experimente zur Pathogenese der MS an psychiatrischen Patienten durchgeführt. Diese sind in einer Kurzmitteilung in der Klinischen Wochenschrift 1940 und ausführlich in seinem Lehrbuch von 1943 veröffentlicht.
  2. Die Stellungnahme zahlreicher Mediziner nach Ende des Krieges, nach der in Deutschland zwischen 1939-45 medizinisch ethische Grundsätze nur in begrenztem Umfang wirksam gewesen seien, ist nicht zutreffend. Vielmehr hatte der hippokratische Eid unverändert volle Gültigkeit. Desweiteren gab es Empfehlungen des Reichsgesundheitsministeriums aus dem Jahre 1931, die potentiell gefährliche Forschung an Menschen ähnlich einschränken wie heute die Vorschriften der Deklaration von Helsinki.
  3. Es ist denkbar, dass die Planung und Durchführung der damals wie heute aus dem ärztlichen Berufsethos nicht zu rechtfertigenden Versuche durch den Zeitgeist und die Rechtsvorschriften der Hitler-Diktatur begünstigt wurden, nach denen Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen zu „lebensunwerten“ Leben erklärt und in großer Zahl im „Euthanasie“-Programm getötet wurden.
  4. Schaltenbrand hat sich als Arzt dadurch schuldig gemacht, dass er die gültigen ethischen Grundsätze nicht gegen den damals herrschenden Zeitgeist verteidigt hat, sondern seinen persönlichen Forscherdrang in nicht mehr vertretbarer Bereiche entwickelt hat. Angesichts seiner Dienststellung und seiner wissenschaftlichen Reputation ist für ihn keine Zwangslage anzunehmen, wie sie solchen Ärzten zugestanden werden könnte, die auf Befehl und unter Androhung schwerer persönlicher Folgen unethische ärztliche Handlungen vorgenommen haben.
  5. Ethische Verfehlungen von Ärzten und Wissenschaftlern, wie sie Prof. Schaltenbrand angelastet werden, sind weltweit vielfach vorgekommen. Dies enthebt jedoch keinen der hierin verstrickten Ärzte der vollen persönlichen Verantwortung für die begangenen Taten. Insofern soll man Prof. Schaltenbrand keine Sonderstellung zubilligen. Es ist zu bedauern, dass sich Prof. Schaltenbrand zu seinen Lebzeiten nicht zu diesen Verfehlungen bekannt hat.“

Gez.: Prof Dr. Klaus Toyka

Direktor der Neurologischen Klinik

  1. Oktober 1997“

(Anmerkung A.M.: Unklar bleibt, wer die Adressaten dieser Stellungnahme gewesen sein sollen. Es fehlt ein presserechtlicher Hinweis. Waren die 15 Oberärzte, die auf Seite 1 unten mit schwer lesbarer kleiner Schriftgröße als Mitunterzeichner an der Abfassung des Textes beteiligt?)

Kurzkommentar zu Punkt 2: Der Hippokratische Eid und seine berufsethische Verpflichtungen

Der antike Hippokratische Eid, der dem griechischen Arzt Hippokrates zugeschrieben wird und als traditionelle Berufsethik der Ärzte und Heiler gilt, hat folgenden Wortlaut:

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil, ich werde sie bewahren / vor Schaden und willkürlichem Unrecht/ Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift / verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau / ein Abtreibungsmittel geben.  Heilig und rein werde ich mein Leben und / meine Kunst bewahren (…).

Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutzen und Frommen des / Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechts und / jeder anderen Schädigung,  auch aller Werke der Wollust an den / Leibern von Frauen  und Männern, Freien und  Sklaven / was ich bei der Behandlung  sehe oder  höre oder auch außerhalb der / Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht / ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis  betrachten.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Eid_des_Hippokrates, abgerufen am 01.11.2021)

Der Hippokratische Eid gebietet prägnant zusammengefasst folglich sechs ärztliche Grundpflichten: (1) Die Behandlung gilt allein dem persönlichen/individuellen Nutzen und Frommen, also der Heilung und Schmerzlinderung des Kranken/der Kranken. (2) Sie darf dem Patienten/der Patientin keinen Schaden und kein Unrecht zufügen. (3) Die Behandlung darf nicht zu „fremdnützigen“ Zwecken benutzt werden. (4) Der Arzt darf nicht töten, auch nicht auf ausdrückliche Bitte des Kranken/der Kranken und Sklaven. Jede Behandlung dient ausschließlich der Lebenserhaltung durch Heilen und Helfen. (5) Der Arzt darf sich nicht am Körper eines Kranken/einer Kranken vergehen, wer immer es/sie sein mag, gleich ob Freier oder Sklave, ob junger oder alter Mensch. (6) Der Arzt/die Ärztin untersteht einer strikten Schweigepflicht, die auch die Umstände am Ort der Behandlung mit einschließt.

Unter Punkt 2 behauptet Toyka, der Hippokratische Eid habe „unverändert volle Gültigkeit“ gehabt, was nicht den historischen Tatsachen entspricht. Toyka verfängt sich mit seiner „idealistischen“ Bezugnahme auf den Hippokratischen Eid in den Fallstricken ahistorischer Sichtweise auf vermeintlich ewig gültige Schlüsselquellen. (Fangerau/ Gadebusch Bondio 2015:25).  Die berufliche Sonderethik der Ärzte unterlag faktisch medizinisch-beruflichen, medizintechnischen und gesellschaftlich-politischen Verhältnissen und Entwicklungen. Erst 1948 wurde der Hippokratische Eid in Form des „Genfer Gelöbnisses“ neu gefasst und das Wohl des Patienten betont. (https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Deklaration_des_Welt%C3%A4rztebundes, abgerufen am 01.11.2021)

Prof. Toykas Zweiteilung der Ärzteschaft in größtenteils solche, die ihr ärztliches Handeln an den ethischen Prinzipien des Hippokratischen Eides auch in der NS-Zeit ausgerichtet haben, und die wenigen, die schuldig geworden seien, weil sie sich nicht an die ethischen Grundsätze gehalten und sich dem Zeitgeist nicht widersetzt hätten, ist problematisch, unscharf und empirisch nicht bewiesen. Diese schematische Dichotomisierung trifft meines Erachtens auf die Wirklichkeit nicht zu. „Im >Dritten Reich< nahm die Zahl der Ärzte in Deutschland stark zu. Ihre Zahl stieg von deutlich unter 60 000 auf fast 80 000“ (M. Vasold: Medizin, S. 276). Ärzte waren in der NSDAP-Mitgliederschaft überproportional vertreten. Viele waren in die Durchführung des NS-Euthanasieprogramms und in die Sterilisationsaktionen    verstrickt.

Die vom Reichsministerium des Innern 1931 erlassenen „Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“, die medizinethische Standards setzen sollten, waren schon zwei Jahre später mit der nationalsozialistischen Machtergreifung und Kriegsführung, wie es in der Literatur heißt, „nur noch Makulatur“. Sie wurden aber nach 1945 quasi als noch gültige ethische Messlatten zur Beurteilung der Medizin im NS-Staat herangezogen. Prof. Toyka beruft sich unter Punkt 2 bei seinem Schuldspruch über Schaltenbrand ausdrücklich auf diese Richtlinien, die, wie er sagt, „die potentiell gefährliche Forschung an Menschen ähnlich einschränken wie heute die Vorschriften der Deklaration von Helsinki.“ Ohne auf die zentralen Punkte der Richtlinien inhaltlich einzugehen und Modalitäten der Einschränkungen zu benennen, fällt Toyka unter Punkt 4 und 5 seinen Schuldspruch: Schaltenbrand habe sich als Arzt durch ethische Verfehlungen schuldig gemacht. Welcher Art und Schwere waren die Verfehlungen? Der konkrete Fall Schaltenbrand verschwindet hinter den Nebeln von allgemeinen Behauptungen.

Dazu noch folgenden Anmerkungen: In den damaligen Richtlinien wird zwischen Versuchen am Menschen zum Zwecke der Erprobung neuartiger Heilbehandlungen und wissenschaftlichen Versuchen am Menschen unterschieden, die, ohne einer Heilbehandlung zu dienen, zu Forschungszwecken vorgenommen werden: „Die ärztliche Wissenschaft kann, wenn sie nicht zum Stillstand kommen soll, nicht darauf verzichten, in geeigneten Fällen eine Heilbehandlung mit neuen, noch nicht ausreichend erprobten Mitteln und Verfahren einzuleiten. Ebenso wenig kann sie wissenschaftliche Versuche am Menschen als solche völlig entbehren, da sonst Fortschritte in der Erkennung, der Heilung und der Verhütung von Erkrankungen gehemmt oder sogar ausgeschlossen würden.“ [eigene Hervorhebung – A.M.] Die Richtlinien von 1931 ließen folglich Versuche am Menschen prinzipiell zu, allerdings unter strikten Auflagen und Beschränkungen. [Siehe Richtlinien im Anhang]. Sie appellierten im Wesentlichen an das starke Verantwortungsgefühl [eigene Hervorhebung – A.M] und an die Verantwortungsfreudigkeit der forschenden Ärzte. Schaltenbrands wissenschaftliche Versuche am Menschen wären zulässig gewesen, hätte er sie unter den in Punkt 12, a), b) und c) der Richtlinien genannten ethischen Auflagen durchgeführt. Ein starkes Verantwortungsgefühl kann ihm nicht abgesprochen werden. Die meisten Gutachter sind sich darüber einig, dass er keine wirklich gefährlichen Versuche unternommen hatte. Als gravierende ethische Grenzverletzung wurde ihm jedoch angelastet, mit einer zweifelhaften stellvertretenden Einwilligung des Anstaltsleiters Versuche an einwilligungsunfähigen geistig Behinderten vorgenommen zu haben.

Kurzkommentar zu Punkt 3: „Es ist denkbar…“

„…dass die Planung und Durchführung der damals wie heute aus dem ärztlichen Berufsethos nicht zu rechtfertigenden Versuche durch den Zeitgeist und die Rechtsvorschriften der Hitler-Diktatur begünstigt wurden“, ist auf den konkreten Fall Schaltenbrand gemünzt eine fragliche Aussage. Unter Punkt 3 rückt Toyka die Versuche Schaltenbrands in die Nähe der „Ärzte ohne Gewissen“ („doctors of infamy“) und der medizinischen NS-Verbrechen in Konzentrationslagern und Heil- und Pflegeanstalten. Schaltenbrand war, das gilt als erwiesen, nicht in die T4-Aktionen, geschweige denn in medizinische KZ-Verbrechen verstrickt. Die Grund- und Richtungsfragen in der Neurologie und Psychiatrie, die in den ersten Nachkriegsjahren am „Fall Schaltenbrand“ strittig diskutiert wurden, scheinen Toyka und den Oberärzten nicht hinlänglich bekannt gewesen zu sein.

„Es ist denkbar“, dass Prof. Toyka und die ihm untergebenen Oberärzte mit ihrer Stellungnahme zum Verstoß Schaltenbrands gegen das ärztliche Berufsethos zu eilfertig und überstürzt reagiert haben. Die Stellungnahme verrät jedenfalls mehr Verunsicherung und Unbeholfenheit als gesicherte Kenntnisse der speziellen Causa Schaltenbrand. Die Aussage Toykas, das inkriminierte Buch Schaltenbrands habe „völlig unbeachtet“ in der Bibliothek gestanden und es habe bis 1997 kein Verdachtsmoment Anlass gegeben, der Sache nachzugehen, passt nicht ganz zu seiner schriftlichen Mitteilung vom 11.12.1997 an Frau Inge Mintzel, das Buch von 1943 sei „in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aus der neurologischen Bibliothek verschwunden.“  Er habe das Buch aus dem Jahr 1943 nicht gekannt und sein Wissen über Schaltenbrands MS-Forschung aus einem späteren Werk geschöpft, in welchem das Kapitel über die Versuche nicht mehr enthalten gewesen sei. Das Werk über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ sei, so teilte Toyka viele Jahre später mit, von ihm bei gezielten Recherchen 2019 in der Bibliothek des Instituts für Geschichte der Medizin gefunden worden (Martin, Fangerau, Karenberg 2020, S51).

Diskreter Denkmalsturz: Verschwinden der Bronzebüste

In seinem Brief vom 11. 12. 1997 an Inge Mintzel schreibt Toyka: „Nach monatelang währender Diskussion mit den leitenden Neurologen dieses Hauses sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass es keine Frage des künstlerischen Wertes der Büste sein kann, ob dieses als Denkmal an ihrem Platz verbleiben kann. Wir haben uns bewusst jeglicher Bekanntmachung über die Grenzen der Neurologischen Klinik hinaus enthalten und stattdessen die Archivierung im Nachlaß vorgezogen. Erst jetzt scheint dieses Verschwinden der Büste aufgefallen zu sein, so daß sich die Lokalpresse hierfür interessierte. Sollten Sie und Ihre Familie es aus persönlichen oder künstlerischen Gründen wünschen, können Sie die Büste ebenso wie die 20 Buchstaben des Namens zur persönlichen Verwahrung erhalten.“

Toyka und die ihm unterstellten Oberärzte hatten die „Archivierung“ offenbar als eine rein klinikinterne Entscheidung und Aktion betrachtet, von der sie hofften, sie bliebe unbemerkt.  Sie hatten wohl geglaubt, die heikle Sache leise aus der Welt schaffen und sich ihre Diskretion als entlastende Aktion anrechnen zu können. Es wird berichtet, das weiße Podest, auf dem die Büste gestanden hatte, sei noch eine Weile stehen geblieben. An den Stellen, an denen die Buchstaben des Namens befestigt gewesen waren, hätten sich um die Lettern herum Schmutzpartikel angelagert, was sich wie ein Negativabzug ausnahm. Die Büste war gegen ein kleines Drahtobjekt ausgetauscht worden.

[Abbildung/Foto]

Schon diese kuriose Hinterlassenschaft einer internen Aktion war geeignet, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Fragen zu provozieren. Es zeugt von einer erstaunlichen Naivität zu glauben, dieser Denkmalsturz werde nicht entdeckt. Jedenfalls bot dieser fragwürdige Umgang mit der unbewältigten Vergangenheit der Neurologischen Klinik und ihres Gründers und ehemaligen Leiters 1997 Stoff für die Presse.

Anfang Dezember 1997 schob Toyka seiner Stellungnahme vom 15. Oktober 1997 in seinem Vortrag über die Causa Schaltenbrand noch Tatsachen und Reflexionen nach: „Dass der Publizist Ernst Klee in seinem neuen Buch >Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer< Schaltenbrand neben die großen Verbrecher im weißen Kittel stellt, die Versuche mit KZ-Häftlingen durchführten, gefällt dem Neurologen nicht. Kriminelles Verhalten würde er Schaltenbrand nicht attestieren. Berücksichtigen müsse man, dass >vor dem Hintergrund der großen Verbrechen< kleinere Vergehen als weniger schlimm empfunden werden.“ (Fränkisches Volksblatt Nr. 278, 03. 12. 1997)

Der Bericht im Fränkischen Volksblatt vom 3.12.1997 über die Distanzierung der Würzburger Nervenklinik und der Medizinischen Fakultät von Schaltenbrand und den Vortrag des Chef-Neurologen Toyka blieb nicht ohne Resonanz. Aus den Reihen der Mediziner meldete sich Prof. Dr. med. Peter Linhart mit einem zornigen Leserbrief zu Wort. Er hielt den Würzburger Kollegen vor, es sich mit dem Denkmalsturz und der Verdammnis zu leicht machen, und forderte sie auf, die Gesamtpersönlichkeit Schaltenbrands zu würdigen und sein wissenschaftliches Wirken in weltweite Zusammenhänge einzuordnen und zu beurteilen. Er sei bestürzt und empört darüber, wie die Würzburger Medizin einen ihrer verdienten Wissenschaftler abqualifiziere. Ich gebe im Folgenden den Leserbrief als Zeitdokument der Medizingeschichte wieder.

Stellungnahme von Prof. Dr. med. Peter Linhart zu Prof. Dr. Prof. Klaus V. Toyka, 03.12.1997

65193 Wiesbaden, Pfitznerstraße 3

An das Fränkische Volksblatt, Juliuspromenade Würzburg

Betreff: „Neurologie und Medizinische Fakultät distanzieren sich von früherem Klinikchef“

Fränk. Volksblatt vom 3. 12. 97.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Neurologie und Medizinische Fakultät distanzieren sich von früherem Klinikchef“ steht über einem ganzseitigen Artikel im „Volksblatt“ vom 3. 12. 1997. Danach wurde die Büste von Prof. Schaltenbrand in der Neurologischen Klinik im Keller abgelagert und sein Name aus dem Sockel entfernt. Grund ist der 1994 erschienene Artikel eines Kanadiers über ein von Schaltenbrand 1940 durchgeführtes Experiment.

Es bestürzt, daß die Medizinische Fakultät einer Universität, über deren Haupteingang „Veritati“ steht, die Erinnerung an ein ehemaliges Mitglied ihres Lehrkörpers umgehend ausradiert, nur weil ein Kanadier mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ereignis die Persönlichkeit von Prof. Schaltenbrand an e i n e m Experiment aufhängt. Man fröstelt, wenn man sich überlegt, wie unsere Nachwelt die heutige universitäre Medizin in 60 Jahren beurteilen wird, die z.B. dem Massenmord der hunderttausendfachen Abtreibung tatenlos zusieht oder auch an ihm beteiligt ist. Prof. Toyka warnt dem Artikel zufolge selbst davor, die Experimente aus ihrem zeitlichen Zusammenhang zu isolieren.“ Schließlich war es weniger als 10 Jahre her, daß Wagner-Jauregg den Nobelpreis dafür bekommen hatte, daß er Syphiliskranken Malariaerreger eingespritzt hatte, als Schaltenbrand sein Experiment durchführte. Wie sehr sich selbst unsere Sprache gewandelt hat, zeigt die Tatsache, daß bei Geisteskranken bis weit in die letzten Jahrzehnte hinein von Verblödung, Idiotie – etwas gemäßigter – Debilität, gesprochen wurde. Heute heißt es geistig behindert.

In den letzten Jahren wurde bekannt, daß in den 50er Jahren bei Atombombenversuchen in der Wüste von Nevada Soldaten absichtlich ungeschützt hoher Strahlung ausgesetzt wurden und Menschen radioaktive Substanzen injiziert bekamen, um Erkenntnisse über die Strahlenwirkung zu bekommen. Das geschah Jahre nach den Nürnberger Prozessen, in denen auf Grund der Verbrechen im 3. Reich ein Kodex über die Ethik in der Wissenschaft festgelegt wurde. Als Rechtfertigung geben die Verantwortlichen in den USA an, daß in den 50er Jahren (20 Jahre nach Schaltenbrands Versuchen!) das Wissenschaftsverständnis ein anderes war als heute.

Ehemaligen Würzburger Studenten aus den 50er Jahren, die nicht Mediziner sind, fällt beim Namen Schaltenbrand als erstes seine Beteiligung an der Initiative von Prof. Rauhut gegen den Atomkrieg von [? –  AM.]  ein. Das war damals, als der Krieg nach Koreakrieg, 17. Juni, Ungarnaufstand noch gar nicht so kalt war, eine unerhörte Provokation. In den 80er Jahren als die Sowjetunion längst nicht mehr in der Lage war, Europa zu überrollen, erhielten die „Ärzte gegen den Atomkrieg“ (IPPNW) den Friedensnobelpreis.

Bevor man einen Menschen auf Grund e i n e s Ereignisses verdammt, müsste man dieses genau recherchieren und die Gesamtpersönlichkeit im Auge behalten. Am Schluss des Artikels gibt Prof. Toyka an, dass er von einem Besucher nach dem Mann gefragt wurde, „der auch mit fragwürdigen Menschenversuchen in Verbindung gebracht wird.“ Da „man sich so etwas nicht noch einmal anhört“, wurde die Büste von Prof. Schaltenbrand in den Keller verbannt. Ich meine, daß man als Professor (Bekenner) der Diskussion über die „Veritas“ nicht so leicht aus dem Wege gehen sollte. Es stünde der Universität Würzburg als Ganzes gut an eine Diskussion darüber zu beginnen, in wieweit bei der in Frage stehenden wissenschaftliche Arbeit eines von ihr zu Lebzeiten geehrten Mitgliedes ihres Lehrkörpers wirklich „infamey“ im Spiel war. Wer hat seinem Leben nicht in bester Absicht Dinge getan, die er nicht mehr tun würde? Der spätere Einsatz von Prof. Schaltenbrand für Frieden und ärztlich Ethik mag auch dem Wunsch nach Wiedergutmachung entsprungen sein.

Ich hoffe, daß die Publikation meines Briefes in nächster Zeit möglich ist. Es wäre ein Armutszeugnis für Würzburg und seine Universität, wenn sie die Abqualifizierung von zu Lebzeiten hoch geehrter Bürger und Professoren ohne irgendwelches Nachdenken akzeptieren würde.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen

Prof. Dr. P. Linhart.

Mögen auch andere Fachkollegen ähnlich über die Causa Georges Schaltenbrand gedacht und entlastende Argumente vorgebracht haben, das medizinethische Fallbeil kostete 1997 Schaltenbrand posthum buchstäblich den Kopf.

Rückblende

Im Jahr 1947 hatte der Heilpraktiker Dittrich Schaltenbrand beschuldigt und angezeigt, bei seiner Multiplen Sklerose-Forschung Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gefährliche Körperverletzungen begangen zu haben. Der von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg bestellte Gutachter, Psychiater Prof.  Dr. med. Werner Leibbrand, hatte Dittrichs Anzeige in der Sache für begründet gehalten und ebenfalls eine Bestrafung Schaltenbrands befürwortet. Dittrich und Leibbrand hatten aus unterschiedlichen Motiven das Ziel verfolgt, Schaltenbrand vor Gericht zu bringen. Anzeige und Gutachten hatten damals in Kreisen der deutschen und ausländischen Neurologie, Psychiatrie und Hirnforschung eine Lawine von Korrespondenzen, Stellungnahmen und Gutachten über Schaltenbrands Buch „Die Multiple Sklerose des Menschen“ (1943) und die darin geschilderten Versuche ausgelöst (siehe Blockkapitel 74, 75 und 76). Dittrich und Leibbrand scheiterten mit ihren Initiativen. Die Mehrheit der in das Ermittlungsverfahren direkt und indirekt involvierten Mediziner hielten die Versuche Schaltenbrands ethisch noch für akzeptabel und vertretbar. Das Vorermittlungsverfahren wurde eingestellt. Schaltenbrand kam wieder in Amt und Würden (siehe Blogkapitel 76) und wurde zu einer international anerkannten Koryphäe der Neurologie.

Hat Prof. Toyka bei der Abfassung seiner Stellungnahme vom 15. Oktober 1997 (siehe Punkt 2, erster Satz) die Diskussionen und Auseinandersetzungen wirklich gekannt? Er bekannte: Die Würzburger Neurologie sei „völlig überrumpelt“ gewesen. Sie sei – wie peinlich – erst auf einer Fachtagung von einem Besucher auf die Shevell/Evans-Publikation über das Schaltenbrand-Experiment aufmerksam gemacht worden. Das inkriminierte Werk Schaltenbrands habe unbeachtet in der Bibliothek gestanden.  Anstatt mit einem medizingeschichtlichen Forschungsprojekt die Causa Schaltenbrand noch einmal aufzurollen und endlich aufzuarbeiten, flüchtete man sich kurzer Hand in eine Fünfpunkte-Stellungnahme und inszenierte verstohlen einen Denkmalsturz. Prof. Toyka und seine 15 Oberärzte stießen die Büste Schaltenbrands buchstäblich von ihrem Sockel und verurteilten und bestraften ihn ex post wegen medizinethischer Verfehlungen, die er aus purem „persönlichen Forscherdrang“ (Punkt 4, erster Satz) begangen haben sollte.

In einem langen Prozess der Vergangenheitsbewältigung hat die Sensibilisierung für „Ethische Grenzen humanmedizinischer Forschung“ (Dominik Groß, 2010) bedeutende Fortschritte gemacht. Dieser Fortschritt drückt sich unter anderem in der Verfeinerung und Ausdifferenzierung medizinethischer Grundsätze aus, die in mehreren Deklarationen ihren Niederschlag gefunden haben. (Nürnberger Kodex, 1947; Genfer Deklaration, 1948; Deklaration von Helsinki, 1964; Biomedizin-Konvention, 1996).

Im Rahmen der allgemeinen Denkmalpflege im öffentlichen Raum ist seither eine grundsätzliche Diskussion in Gang gekommen, wie mit den Büsten historisch-politisch und kulturell belasteter Persönlichkeiten verfahren werden sollte, die noch heute überall an prominenter Stelle anzutreffen sind. Ein extremes Beispiel möge hier genügen: die Büste des Antisemiten und Rassisten Richard Wagner. Seit Ende der 1990er Jahre wurden zudem viele Straßennamen umbenannt, mit denen einst Prominente geehrt worden waren. Das widerfuhr Max Nonne (1861-1959), dem ehemals international renommierten Neurologen und Förderer Schaltenbrands (siehe Blogkapitel 76). Eine nach Max Nonne, der Ehrenmitglied von 21 internationalen Neurologischen Gesellschaften gewesen war, benannte Straße in Hamburg-Langenhorn wurde 2016 in Ursula-de-Boor-Straße umbenannt, da Nonne hatte als Gutachter wiederholt die Euthanasie befürwortet hatte.

( https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Nonne, abgerufen am 01.11.2021)

 

Weblinks

Menschenversuche in Würzburg:

https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/menschenversuche-in-wuerzburg-art-3406177 , abgerufen am 06.11.2021.

Otto Wesendonck (Bildhauer):

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Wesendonck_(Bildhauer) , abgerufen am 12.10.2021.

Unveröffentlichte Quellen

Prof. Dr. med. Klaus. V. Toyka, Würzburg, Schreiben an Frau Inge Mintzel vom 11. 12. 1997. (Siehe auch Blogkapitel 41: T 4 Aktion und die Multiple Sklerose-Forschung Schaltenbrands).

Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 1. April 1931. An die medizinischen Fakultäten der drei Landesuniversitäten. Betreff: Neuartige Heilbehandlung und Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen (Abschrift im Nachlass von Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand).

Presse

Süddeutsche Zeitung Nr. 193, 23./24. 08. 1997, S. V. Jan Philpp Reemtsma: Die Versuche werden fortgesetzt. Ernst Klees Studie über Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer.

Peter Linhart, Leserbrief an das Fränkische Volksblatt, Juliuspromenade Würzburg 21. 1. 1997. Betreff: „Neurologie und Medizinische Fakultät distanziert sich von früherem Klinikchef“ Fränk. Volksblatt vom 3.12. 97.

Fränkisches Volksblatt Nr. 284 vom 10. 12. 1997. Leser schreiben an die Redaktion. Posthume Vorverurteilung und Bestrafung (Inge Mintzel).

DIE ZEIT Nr. 35 vom 22. 08. 197, S. 14. Michael Burleigh: Menschen als Versuchskaninchen.  Fünfzig Jahre nach dem Urteil im Nürnberger Ärzteprozess legt Ernst Klee eine umfassende Dokumentation der medizinischen Verbrechen im „Dritten Reich“ vor.

Zitierte und zu Rate gezogene Literatur

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26. 11. 1897 – 24. 10. 1979), in: Würzburger medizinische Mitteilungen, Bd. 271, 2008, S. 63-92.

Fangerau,H., Gadebusch Bondio, M.: Spannungen in der jüngeren  Medizingeschichte: Legitimationsstrategien und Ziekonflikte – ein Beitrag zur Diskussion. N.T.M. 23, 33-52 (2o15)

Dominik Groß: Ethische Grenzen humanmedizinischer Forschung, in: Volker Schumpelick (Hrsg.): Innovation in Medizin und Gesundheitswesen. Freiburg 2010, S. 415-39.

Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Fischer Taschenbuch Verlag 1985.

Ernst Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich. „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.  Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage. Januar 2014.Vollständig überarbeitete Neuausgabe.

Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. S. Fischer Verlag 1997. Martin/ Fangerau/ Karenberg:  Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43 – S. S52 (Zusammenfassung, Textauszug von S. S45,)

Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Max Nonne (1861-1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S13-S21.

Michael Martin/ Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, SS43-S52.

Der Nervenarzt 51, 577-578(1980). H. G. Mertens, Würzburg: Nachruf auf Professor Dr. Georges Schaltenbrand

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen, in: Nervenarzt 69 (1998), S. 728-733.

Reichsminister des Innern: Rundschreiben vom 28.  Februar 1931, Reichsgesundheitsblatt 55,(1931), S. 728-733.

Reichsministerium des Innern, 1931: Richtlinien für die neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen.

Shevell, Michael I. / Evans, Bradley K.: The “Schaltenbrand experiment”, Würzburg, 1940:  scientific historical, and ethical perspectives. Neurology 44 (1994), S. 350-356.

 

Anhang (Abschrift/Typoskript aus dem Nachlass von Prof. Dr. Georges Schaltenbrand)

Reichsministerium des Innern, 1931 „Richtlinien für die neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“

Nr. V. 12 290 Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München 1, Brieffach

1.April 1931

An die medizinischen Fakultäten der drei Landesuniversitäten

Betreff:

Neuartige Heilbehandlung und Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen.

Beilage: 1 Schriftstück.

Das Reichsministerium des Innern hat mit einmütiger Billigung des Reichsgesundheitsrates die anruhenden Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen aufgestellt. Es ist beabsichtigt, diese Richtlinien auch für Bayern auszuführen. Falls bis zum 18. April 1931 gegenteilige Berichte nicht einlaufen, wird angenommen, dass erhebliche Bedenken gegen die Richtlinien nicht bestehen. I.A. gez.: [Unterschrift unleserl.]

Abschrift II A 1060/9. 2.

Endgültiger Entwurf von Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen.

1. Die ärztliche Wissenschaft kann, wenn sie nicht zum Stillstand kommen will, nicht darauf verzichten, in geeigneten Fällen eine Heilbehandlung mit neuen, sonst nicht ausreichend erprobten Mitteln und Verfahren einzuleiten. Eben so wenig kann sie wissenschaftliche Versuche an Menschen als solche völlig entbehren, da sonst Fortschritte in der Erkennung, der Heilung und der Verhütung von Erkrankungen gehemmt oder sogar ausgeschlossen würden.

Den hiernach dem Arzt einzuräumenden Rechten steht die besondere Pflicht des Arztes gegenüber, sich der großen Verantwortung für Leben und Gesundheit jedes einzelnen, den er neuartig behandelt oder an dem er einen Versuch unternimmt, stets bewusst zu bleiben.

2. Unter neuartiger Heilbehandlung im Sinne dieser Richtlinien sind Eingriffe und Behandlungsweisen am Menschen zu verstehen, die der Heilbehandlung dienen, also in einem bestimmten einzelnen Behandlungsfall zur Erkennung, Heilung oder Verhütung einer Krankheit oder eines Leidens oder zur Beseitigung eines körperlichen Mangels vorgenommen werden, obwohl ihre Auswirkungen und Folgen auf Grund der bisherigen Erfahrungen noch nicht ausreichend zu übersehen sind.

3. Unter wissenschaftlichen Versuchen im Sinne dieser Richtlinien sind Eingriffe und Behandlungsweisen am Menschen zu verstehen, die zu Forschungszwecken vorgenommen werden, ohne der Heilbehandlung im einzelnen Falle zu dienen, und deren Auswirkungen und Folgen auf Grund der bisherigen Erfahrungen noch nicht ausreichend zu übersehen sind.

4. Jede neuartige Heilbehandlung muss in ihrer Begründung und ihrer Durchführung mit den Grundsätzen der ärztlichen Ethik und den Regeln der ärztlichen Kunst und Wissenschaft im Einklang stehen.

Stets ist sorgfältig zu prüfen und abzuwägen, ob die Schäden, die etwa entstehen können, zu dem zu erwartenden Nutzen im richtigen Verhältnis stehen.

Eine neuartige Heilbehandlung darf nur vorgenommen werden, wenn sie vorher soweit möglich im Tierversuch geprüft worden ist.

5. Eine neuartige Heilbehandlung darf nur vorgenommen werden, nachdem die betreffende Person oder ihr gesetzlicher Vertreter auf Grund einer vorangegangenen zweckentsprechenden Belehrung sich in unzweideutiger Weise mit der Vornahme einverstanden erklärt hat.

Fehlt die Einwilligung, so darf eine neuartige Behandlung nur dann eingeleitet werden, wenn es sich um eine unaufschiebbare Maßnahme zur Erhaltung des Lebens oder zur Verhütung schwerer Gesundheitsschädigung handelt und eine vorherige Einholung der Einwilligung nach Lage der Verhältnisse nicht möglich war.

6. Die Frage der Anwendung einer neuartigen Heilbehandlung ist mit ganz besonderer Sorgfalt zu prüfen, wen es sich um Kinder und Jugendliche Personen unter 18 Jahren handelt.

7. Die ärztliche Ethik verwirft jede Ausnutzung der sozialen Notlage für die Vornahme einer neuartigen Heilbehandlung.

8. Bei neuartiger Heilbehandlung mit lebenden Mikroorganismen, insbesondere mit lebenden Krankheitserregern, ist erhöhte Vorsicht geboten. Sie ist nur dann als zulässig zu erachten, wenn eine relative Unschädlichkeit des Verfahrens anzunehmen und auf andere Weise die Erzielung eines entsprechenden Nutzens unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu erwarten ist.

9. In Kliniken, in Polikliniken, in Krankenanstalten oder in sonstigen Anstalten zur Krankenbehandlung und Krankenfürsorge darf eine neuartige Heilbehandlung nur von leitenden Ärzten selbst oder in seinem ausdrücklichen Auftrag und unter seiner vollen Verantwortung von einem anderen Arzt ausgeführt werden.

10. Ueber jede neuartige Heilbehandlung ist eine Aufzeichnung zu fertigen, aus der der Zweck der Maßnahme, ihre Begründung und die Art ihrer Durchführung ersichtlich sind. Insbesondere muss auch ein Vermerk darüber vorhanden sein, dass die betreffende Person oder erforderlichenfalls ihr gesetzlicher Vertreter vorher zweckentsprechend belehrt worden ist und die Zustimmung gegeben hat.

Ist bei fehlender Einwilligung eine Heilbehandlung unter den Voraussetzungen von Nr. 5 Abs. 2 vorgenommen worden, so muss der Vermerk diese Voraussetzungen eingehend darlegen.

11. Die Veröffentlichung der Ergebnisse einer neuartigen Heilbehandlung muss in einer Form erfolgen, die der gebotenen Achtung vor dem Kranken und den Geboten der Menschlichkeit in jeder Weise Rechnung trägt.

12. Die Nummern 4 bis 11 dieser Richtlinien gelten entsprechend für wissenschaftliche Versuche (Nr. 3). Ausserdem gilt für solche Versuche folgendes:

  1. Die Vornahme eines Versuchs ist bei fehlender Einwilligung unter allen Umständen unzulässig.
  2. Jeder Versuch am Menschen ist zu verwerfen, der durch den Versuch am Tier ersetzt werden kann. Ein Versuch am Menschen darf erst vorgenommen werden, wenn zuvor alle Unterlagen beschafft worden sind, die zu seiner Klärung und Sicherung mit den der medizinischen Wissenschaft zur Verfügung stehenden biologischen Methoden des Laboratoriumsversuchs und des Tierexperiments gewonnen werden können. Unter diesen Voraussetzungen verbietet sich jedes grund- oder planloses Experimentieren am Menschen von selbst.
  3. Versuche an Kindern oder jugendlichen Personen unter achtzehn Jahren sind unstatthaft, wenn sie das Kind oder dem Jugendlichen auch nur im Geringsten gefährden.
  4. Versuche an Sterbenden sind mit den Grundsätzen der ärztlichen Ethik unvereinbar und daher unzulässig.

13. Wenn man somit von der Ärzteschaft und insbesondere von den verantwortlichen Leitern  der Krankenanstalten erwarten darf, dass sie sich von einem starken Verantwortungsgefühl gegenüber den ihnen anvertrauten Kranken leiten lassen, so wird man doch auch bei ihnen diejenige Verantwortungsfreudigkeit nicht entbehren wollen, die auf neuen Wegen  dem Kranken Erleichterung, Besserung, Schutz oder Heilung zu schaffen sucht, wenn die bisher bekannten Mittel  nach ihrer ärztlichen Überzeugung  zu versagen drohen.

14. Schon im akademischen Unterricht soll bei jeder geeigneten Gelegenheit auf die besonderen Pflichten hingewiesen werden, die dem Arzte bei Vornahme einer neuen Heilbehandlung oder eines wissenschaftlichen Versuchs sowie auch bei der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse obliegen.

76. Über letzte Hürden zurück in Ämter und Würden, 1949/50 Wiedereinstellung G. Schaltenbrands und Fortsetzung seiner neurologischen Forschung

Wiedereinstellung und Fortsetzung seiner neurologischen Forschung

Nachdem das Ermittlungsverfahren gegen Schaltenbrand wegen gefährlicher Körperverletzung Anfang 1949 eingestellt und Mitte 1949 auch das Entnazifizierungsverfahren rechtskräftig abgeschlossen worden war, schien einer Wiedereinsetzung Schaltenbrands als Leiter der neurologischen Abteilung und als Hochschullehrer prinzipiell nichts mehr im Wege zu stehen. Die Medizinische Fakultät der Universität Würzburg hatte in einem eigenen Gutachten seiner Rückkehr grundsätzlich zugestimmt, die Wiedereinstellung aber vom Ausgang der Verfahren abhängig gemacht. Das Fakultätsgutachten war im Herbts 1949 mit der umfangreichen „Akte Schaltenbrand“ dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus vorgelegt worden. Die Entscheidung lag bei Kultusminister Dr. Dr. Alois Hundhammer. Dieser war ein streng katholischer und erzkonservativer CSU-Politiker, der von den Nazis 1933 im Lager Dachau inhaftiert worden war. Angesichts der Dokumente  veranlasste Hundhammer seine Behörde, ein Gutachten darüber in Auftrag zu geben, was von den Vorwürfen zu halten sei, Schaltenbrand habe bei seiner Multiplen Sklerose-Forschung gegen ethische Normen verstoßen. Unter dem Datum des 3. November 1949 wurde der Leiter der Nervenklinik der Universität München, der Psychiater und Neurologe Prof. Dr. Georg Stertz, also eine Autorität am Ort, damit beauftragt, ein solches Gutachten zu erstellen. Mit Professor Stertz wurde eine Persönlichkeit der älteren Generation bestellt, die noch in der deutschen Kaiserzeit sozialisiert und beruflich ausgebildet worden war. Ihm konnte schwerlich nachgesagt werden, Schaltenbrand mit einem Gefälligkeitsgutachten zur Rückkehr verhelfen zu wollen. Das Gutachten dürfte seiner tatsächlichen Einstellung und Überzeugung entsprochen haben.

Kurzinformation zur Person: Der deutsche Psychiater und Neurologe Prof. Dr. med. Georg Stertz wurde am 19. September 1878 in Breslau geboren und verstarb am 19. März 1959 in München. Er promovierte in Breslau und habilitierte sich 1911. Im Jahre 1922 wurde er auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Marburg berufen. 1926 folgte ein Ruf auf den Lehrstuhl an der Universität Kiel und er wurde Leiter der Nervenklinik der Universität. Den Kieler Lehrstuhl hatte er bis 1937 inne. Wegen seiner Ehe mit einer Jüdin, mit der Tochter des Mediziners Alois Alzheimer, war er aufgefordert worden, einen Antrag auf Entpflichtung zu stellen. Er weigerte sich anfangs, ließ sich aber dann doch 1937 emeritieren und zählt so zu den aus ihrem Amt vertriebenen Hochschullehrern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er im Februar 1946 zum kommissarischen Leiter der Psychiatrischen Klinik der Universität München bestellt. Später wurde er daselbst Professor für Psychiatrie und Nervenheilkunde (Quelle: siehe Weblinks).

Das Gutachten von Stertz ist insofern ein besonders aufschlussreiches Dokument, als es die beruflichen Gedankengänge und persönliche Überzeugung eines Psychiaters und Neurologen aus der Gründerzeit der Neurologie wiedergibt. Stertz gehörte nicht wirklich zu den wissenschaftlich führenden Köpfen seines Faches, er trat als ein erfahrener „Kliniker“ in Erscheinung. In seinem Gutachaten nimmt er, wie er ausdrücklich vermerkt, „nicht als ein geschulter Philosoph“, sondern „aus lebenslanger Erfahrung“ zu Fragen der Medizinethik Stellung. Was die medizinisch-ethische Seite der Versuche Schaltenbrands betrifft, läge ihm in extenso ein Gutachten von Professor Leibbrand vor, „das gewissermassen aus einer höheren Sphäre heraus ein Verdammungsurteil über die Versuche  ausspricht.“ Er urteile aber „nicht von hoher Warte aus“, wie er mit einem Seitenblick auf Werner Leibbrand bekundet, sondern aus der Sicht eines „alltäglich schaffenden Menschen.“ Man könnte also in dem Stertz-Gutachten so etwas wie eine alltägliche Meinungsäußerung und Einstellung von Medizinern sehen. Empirische Untersuchungen zu diesem Fragenkomplex sind mir nicht bekannt.

Prof. Dr. Max Nonne schaltet sich ein, 28.11.1949

Prof. Dr. med. Max Nonne (1861-1959), Mitbegründer und Senior der Neurologie, war bekannt dafür, dass er sich auch noch als hochbetagter Wissenschaftler und Forscher für die wissenschaftlichen Karrieren bewährter Schüler und ehemaliger Mitarbeiter nachdrücklich einsetzte, und dies relativ unabhängig von deren politischer Einstellung und Gesinnung (Martin, Fangerau, Karenberg 2020, S20; G. Schaltenbrand 1963, Max Nonne, S. 164-173). Dies traf in besonderer Weise auch auf die enge Beziehung Nonnes zu seinem Schüler Schaltenbrand zu. Beide standen in einem vertraulichen Briefwechsel und tauschten Informationen und Gedanken aus. Schaltenbrand hatte Nonne über die Anzeige des Heilpraktikers und das Ermittlungsverfahren unterrichtet. Als dann im November 1949 die Akte Schaltenbrand im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus auf dem Tisch des damaligen Staatsministers Hundhammer lag, setzte sich Nonne nachdrücklich für die Wiedereinsetzung Schaltenbrands ein. In seinem Brief vom 28.11.1949 an Hundhammer bezeichnete der alte Nonne seinen Schüler als einen Neurologen von internationalem Rang, der in Würzburg „eine rühmlich bekannt gewordene neurologische Klinik begründet hat.“ Die Wiedereinsetzung Schaltenbrands sei vor allem unter Gesichtspunkten fachpolitischer Entwicklungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten zu sehen. Hierzu führte er aus:

„Um erstklassige, praktisch und wissenschaftlich durchgebildete Spezialisten für solche Stellen zu bekommen, sind einige Lehrstühle für Neurologie an deutschen Universitäten nötig, wie sie im Ausland in fast allen Kulturländern bereits seit längeren Jahren existieren und wie sie in Deutschland in Hamburg, Berlin Heidelberg und Würzburg bestehen.

Die Wiederbesetzung des durch Herrn Schaltenbrands Abberufung vakant gewordenen Würzburger Lehrstuhles für Neurologie ist für die mühsam erkämpfte Stellung der deutschen Neurologie eine Lebensfrage.

Mir ist bekannt, daß gegen Herrn Schaltenbrand wegen seines Buches  über die Multiple Sklerose durch einen Kurpfuscher Vorwürfe erhoben worden sind. Ich kenne das Buch genau und kannte das außergewöhnlich große Interesse, das der Autor diesem Kapitel längere Jahre gewidmet hat und habe die Entstehung und das Fortschreiten des Buches verfolgt. Meines Erachtens entspricht die Art der Untersuchungen, die leider nur recht unvollkommen mitgeteilt sind, durchaus den Untersuchungsgepflogenheiten vieler ärztlicher Untersucher und Forscher. Solche Methoden haben in anderen Fällen zu bedeutenden Erfolgen geführt, wobei ich nur an die erfolgreiche Behandlung der Paralyse mit Malaria – Impfung erinnern will.

Ich bin Senior nicht nur der deutschen, sondern aller z.Zt. lebenden Neurologen (89 Jahre) und habe nicht das geringste persönliche Interesse an der vorliegenden Frage, sondern nur den Wunsch, die Sache zu fördern.“

Nonne setzte seine hohe Reputation als Neurologe und seine Rolle als verdienter Ältester der Neurologie ein, um das Bayerische Staatsministerium für eine Wiedereinsetzung Schaltenbrands zu gewinnen. Interessant ist, dass er auf die „vorliegende Frage“, nämlich wie Schaltenbrands Werk über die „Multiple Sklerose der Menschen“ unter (medizin-)ethischen Gesichtspunkten zu beurteilen sei, nur indirekt und andeutungsweise auf „solche Methoden“ eingeht. Er spricht nur allgemein von „Untersuchungsgepflogenheiten“. Dass die „graue Eminenz“ der Neurologie, vorweg gesagt, die berüchtigte Schrift von Binding und Hoche über die „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ aus dem Jahre 1920 gepriesen und die Kindereuthanasie befürwortet hatte, wurde erst nach 2000 bekannt und politisch sanktioniert. (Martin / Fangerau / Karenberg 2020, S13-S21).   2016 wurde in Hamburg-Leangenhorn die „Max-Nonne-Straße“ in „Ursula-de-Boor-Straße“ umbenannt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Nonne

(abgerufen am 14.09.2021)

„Verblödete“ als Versuchspersonen  –  „Anstößige“ Bezeichnungen

Schaltenbrands Buch über „Die Multiple Skerose des Menschen“ hatte, abgesehen von der Kritik an seiner experimentellen Methode, auch wegen seiner Sprache Anstoß erregt. Schaltenbrand hatte selbst eingesehen, dass gewisse Formulierungen und Begrifflichkeiten selbst dem wissenschaftlichen Laien anstößig erscheinen mussten (siehe dazu Blog-Kapitel 74, nicht eingereichte Verteidigungsschrift) Er hatte Geisteskranke, wie damals noch allgemein üblich, durchgängig als „Verblödete“ bezeichnet, was seiner experimentellen MS-Forschung etwas Anrüchiges angeheftet hatte. Der Gutachter Prof. Dr. med. Alfred Bannrath, der den Versuchen Schaltenbrands gegenüber an und für sich positiv eingestellt war, hatte an dessen  Sprachgebrauch schärfste Kritik geübt:

„Irgendwelche Vergleiche  mit jenen Verbrechen  deutscher Ärzte, welche im Nürnberger Prozess  und den anderen Gerichtsverfahren  abgeurteilt wurden, können nach meiner aufrichtigen und ehrlichen Überzeugung nicht angestellt werden.

Auf der anderen Seite muss ich jedoch betonen, dass die äußere Form, in der Herr Schaltenbrand seine Untersuchungen an Kranken veröffentlicht hat, milde ausgredrückz, denkbar unglücklich  gewählt ist.  Ich muss es entschieden ablehnen, wenn in einem sonst von ernstester wissenschaftlicher Arbeit zeugendem Buche von einem Gelehrten Geisteskranke mit dem  unfachlichen Ausdruck >Verblödete< benannt  werden und ähnliches. Ich glaube nicht fehl zu gehen in der Annahme , dass die laienmässige Bezeichnung in einem wissenschaftlich wertvollen Buch gerade in der heutigen Zeit doppelt unangenehm  berühren musste. Nach meinem Empfinden konnte es deshalb auch nicht verwundern, wenn in einem Kapitel, in dem immer wieder von Versuchen an >Verblödeten< die Rede ist, kriminelle ärztliche Vergehen vermutet wurden, die nach meiner aufrichtigen Überzeugung tatsächlich jedoch  in keiner Weise vorliegen.“ (Prof. Dr. med. Alfred Bannrath, Schreiben vom 2. Februar 1948 an Prof. Dr. med. Werner Leibbrand).

Angsichts der Gräueltaten und der Euthanasieaktionen der NS-Medizin hatte nach dem Kriege allmählich  eine sprachliche Senesibilisierung  eingesetzt, die einem christlichen Menschenbild dienen sollte. Sie fand im Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes für die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland vom 28. Mai 1949 ihren Ausdruck: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Schaltenbrand tilgte 1948 in seiner zweiten, nicht an die Staatsanwaltschaft eingereichten „Verteidigungsschrift“ (siehe Blog-Kapitel 74) den Begriff „Verblödete“ und setzte dafür den ärztlichen Begriff „Katatone“ ein, gemeint sind Schizophrene.

Aus Schaltenbrands Tagebuch

Schaltenbrand beschreibt in seinem Tagebuch die Vorgänge rückblickend so:

„Die beiden letzten Jahre haben uns nach zähem Ringen einen guten Schritt weiter gebracht. Ich habe das Gefühl, als hätten wir uns mit letzter Kraft in ein Boot gezogen, kurz vor dem Ertrinken, aber jetzt sitzen wir wieder auf der Ruderbank.

Das Jahr 49 war hauptsächlich mit der Erledigung meines >Prozesses< und mit der Entnazifizierung ausgefüllt. Zu einem eigentlichen Prozess ist es nicht gekommen, sondern nur zu einem Voruntersuchungsverfahren mit vielen Vernehmungen und Gutachten durch Pette, Bannwarth, Spatz und Hallervorden, von Weizsäcker, Stähli. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren niedergeschlagen, weil der Tatbestand der vorsätzlichen oder beabsichtigten schweren Körperverletzung nicht gegeben sei… Es ist ein großer Akt über diese Sache entstanden – der ging seinen Weg bis zu den Amerikanern nach Nürnberg, wo ihn Leo Alexander in die Hände bekam. Er konnte es nicht lassen, eine hämische Besprechung meines Buches in den Arch. of Neurol. and Psych. zu bringen … Dann ging der Akt nach München ins Kultusministerium und hier [an der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg –  A.M.] zirkulierte es in der ganzen Fakultät. Die Fakultät sprach sich zwar für meine Wiedereinsetzung aus, aber heimlich machte Wollheim, der neue Internist, Photokopien von den anstößigen Seiten meines Buches (bzw, ließ sie durch meinen Mitarbeiter Töpel machen?) u. reichte sie dem Ministerium ein. Das kostete neue Zeit u. Gutachten durch Stertz, das sehr weise u. überlegen dem Gezischel ein Ende bereitete.“

Schaltenbrand  hielt also das Gutachten von Georg Stertz, das ich im Anhang in voller Länge wiedergebe, für „sehr weise und überlegen“. Zunächst möge eine paraphrasierte Kurzanalyse des Inhalts genügen. Ich beschränke mich auf die Teile, in denen Stertz Schaltenbrands MS-Forschung am Menschen unter medizinethischen Gesichtspunkten betrachtet und bewertet.

Das Gutachten von Prof. Stertz – eine selektive Inhaltsanalyse

Stertz verfasst sein Gutachten in voller Kenntnis der Gutachten von Werner Leibbrand, Hugo Spatz und Julius Hallervorden, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren. Seine Ausführungen können somit auch als direkte und indirekte Antworten auf andere Gutachten gelesen werden. An einigen Stellen geht er namentlich auf Stellungnahmen von Viktor v. Weizsäcker, Hugo Spatz, Julius Hallervorden und Werner Leibbrand ein.  Auf Letzteren gemünzt ist der Passus:

„Auf hoher Warte bewegt sich der Philosoph im Absoluten der Sittlichkeit und anderer >Ideen<. Es mag seine Sache sei, immer wieder zu jeder Zeit zu Selbstbesinnung aufzurufen und vor Übertreibungen und Auswüchsen zu warnen. Jedoch das  quos ego, das er in den Bereich des alltäglich schaffenden Menschen hineinruft, verhallt letztendlich immer wieder, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, an der Spannung zwischen Ideal und Leben, dem das Irdische verhaftet ist. Freilich spreche ich da nicht als ein geschulter Philosoph, sondern auf Grund lebenslanger Erfahrung, in der gerade das Medizinisch-Ethische mit an bevorzugter Stelle gestanden hat.“

Relativierung der medizinischen Zeitalter und ihrer Methoden

Vom wissenschaftlich-medizinischem Standpunkt aus wäre nichts gegen die Arbeit Schaltenbrands einzuwenden. Es handle sich ohne Zweifel um eine durchaus ernst zu nehmende, auf langjähriger Erfahrung aufgebaute und konsequent durchgeführte wissenschaftliche Forschung. Gelänge es das von Schaltenbrand  verfolgte Ziel zu erreichen, würde dabei „eine ganz große Errungenschaft der Nervenheilkunde“ herauskommen. Wenn Schaltenbrand seine MS-Forschung fortsetzen könnte, sei eine Chance gegeben, ein medizingeschichtlich großartiges Ergebnis zu erzielen. Auch fachwissenschaftliche Autoritäten der Neurologie in den USA bestätigten diese Einschätzung. Das Staatsministerium habe nun aber ausdrücklich den Wunsch geäußert, auch ein Urteil darüber zu erhalten,  was vom ethischen Standpunkt aus von Schaltenbrands Experimenten am Menschen zu halten sei. In seiner Antwort auf diese Frage holt Stertz – ähnlich wie Werner Leibbrand in seinem Gutachten – historisch weit aus. Die Wissenschaften hätten sich  ganz allgemein, und das träfe gerade auch auf die Medizin zu, in einer materialistischen Gesamtrichtung entwickelt, wobei religiöse und philosophische Besinnung zu kurz gekommen sei. Auch Schaltenbrands Forschen und Wirken seien in diesem Strom der Geschehnisse erfolgt. Es sei jedoch nicht richtig und auch nicht gerecht, ihn nun als Einzelnen exemplarisch herauszustellen und als einen Typus dieser Entwicklung schlechthin zu beleuchten und zu verurteilen. Es seien die komplexen Zusammenhänge und Umstände zu berücksichtigen. Alle Wissenschaftler seien „eben Kinder ihrer Zeit.“ Wir könnten ihre Gesinnungen und ihr Handeln nur in ihren Zusammenhängen wirklich verstehen und werten. Von einem sittlichen Standpunkt aus gäbe es auch vieles zu beanstanden, was zum Beispiel in früheren Zeiten in ganz anderen Umständen gedacht, gemacht und bewirkt worden sei. In den Zeitaltern der Renaissance, des  Absolutismus und der frühen Aufklärung seien auch auf dem medizinischen Gebiet Methoden angewandt worden,  die heute für grausam  gehalten und abgelehnt werden. Zu ihrer Zeit seien sie jedoch als selbstverständliche Eingriffe angesehen worden. So seien in den medizinischen Zeitaltern gelegentlich auch Versuche am Menschen vorgenommen worden. Stertz verweist auf Beispiele in der jüngeren und jüngsten Medizingeschichte in Europa und den USA.

Zur Forscherpersönlichkeit: Charaktereigenschaften, Verantwortungsgefühl, Gewissen

Medizinische Fortschritte hingen ganz entscheidend von Forscherpersönlichkeiten ab, die es wagten, neue Methoden anzuwenden. Charaktereigenschaften wie Mut, Risikobereitschaft, und Forscherdrang gehörten dazu sowie der Wille, etwas Großes zu leisten. Dass Schaltenbrand von einem Forscherdrang beseelt war, sei nichts Verwerfliches, sei kein Makel, sondern eine Kraftquelle für hervorragende Leistungen. Es käme letztendlich auf das Verantwortungsgefühl des Arztes an. Das Verantwortungsgefühl sei allerdings „keine starre Größe“. Im Verantwortungsgefühl des Arztes läge es zu erkennen, wo er Grenzen setzen oder diese überschreiten beziehungsweise ausweiten könne und wolle. Das individuelle Verantwortungsgefühl sei die oberste Instanz, der ein Arzt folgen sollte. Normen des ärztlichen Handelns (seien) nirgend anders als im Gewissen begründet. Das gelte auch für fremdbestimmte Wagnisse. Ein couragirter Arzt und Forscher „stiftet vielleicht in einem Fall einen Schaden, aber die dabei gewonnenen Erfahrungen kommen anderen zugute, und man beruhigt sich dabei.“

Ergebnis des Gutachters Prof. Stertz

„Bei Anlegung eines solchen Maßstabes (sähe er) in den Versuchen Schaltenbrands keinen Verstoß gegen medizinethische Grundsätze, der die Fernhaltung dieses ausgezeichneten Gelehrten von seinen Ämtern und Würden rechtfertigen würde.“

„Alles in allem hätte wohl niemand an dem Buch und den darin niedergelegten Versuchen Anstoß genommen, wenn nicht der Naturheilkundige, der sich >Wissenschaftlicher Schriftsteller< nennt, etwa nicht aus sittlichen, sondern aus rein persönlichen Motiven … mit großer Geschicklichkeit und Konsquenz einen fiktiven Stein des Anstosses dazu benutzt hätte, eine Lawine ins Rollen zu bringen. Aus dem furchtbaren Erleben der Hitler-Zeit hatte sich vielfach eine überspitzte Vorstellung von dem entwickelt, was alles Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Wir sehen das bei vielen Gelegenheiten, und auch dieser Fall scheint ein Beispiel dafür zu sein. Das sind nun einmal jene übertriebenen Pendelschwingungen, die sich erfahrungsgemäss bei Zeitenwenden  herausstellen. Es sind leider von Ärzten  eine ganze Reihe schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt worden, und auch die Euthanasie gehörz dazu. Mit nichts dergleichen sind die Versuche Schaltenbrands auch nur im Entferndesten auf eine Stufe zu stellen“

Das bayerische Kultusministerium gab sich mit dem Gutachten zufrieden. Kultusminister Hundhammer stimmte unverzüglich zu. Am 23. Dezember 1949 erfolgte der endgültige ministeriale Bescheid mit folgendem Wortlaut:

„An Herrn Professor Dr. Stertz, München.

Sehr geehrter Herr Professor! Sie haben in einem ausführlichen Gutachten sich über das Buch des Professors Dr. Georg Schaltenbrand aus Würzburg geäußert. Im Auftrag des Herrn Ministers gestatte ich mir, Ihnen mitzuteilen, dass der Herr Minister im Hinblick auf ihr, für Schaltenbrand so günstiges Gutachten, dessen Wiedereinstellung genehmigt hat.

In vorzüglicher Hochschätzung bin ich Ihr sehr ergebener gez. Dr. Mayer.“

Mit diesem Bescheid waren an Weinachten 1949 die letzten Hindernisse für eine Wiederreinstellung ausgeräumt. Die Widerstände in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg waren dadurch gebrochen. Prof. Dr. med. Jörg Zutt, der von 1946 bis 1950 die Leitung der neurologischen Abteilung kommissarisch inne hatte, wechselte 1950 auf den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Franfurt a. M. über, sodass Schaltenbrand 1950 in seine vormaligen Ämter zurückkehren konnte (zu J. Zutt siehe Blog-Kapitel 65, Tagebucheintrag vom 30. IX. 47). Ein neuer Lebens- und Arbeitsabschnitt begann. In seinem Rückblick auf das Jahr 1950 hält Schaltenbrand fest:

„Januar dieses Jahres [1950] wurde ich wieder in mein Lehramt eingesetzt und Mai d.J. trat mir Wollheim einen Stock des Gerhardhauses als neurol. Klinik ab … Unbemerkt wurde so aus der neurol. Abteilung eine Klinik … Ganz habe ich das Gefühl immer noch nicht verloren, nur provisorisch in meinem Amt zu sitzen und eines Tages wieder heraus zu müssen. Es ist zu vieles passiert. Auch die Fakultät hat sich noch nicht ganz an mich gewöhnt und betrachtet mich mit einem gewissen Mißtrauen.“

Fünf Jahre später, an Neujahr 1955, äußerte er sich ein weiteres Mal über seine mentale Befindlichkeit in einer Weise, die seine innersten Beweggründe klar erkennen lässt. Im Aufbau der Neurologischen Klinik in Würzburg, in seinen Mitgliedschaften in medizinischen Fachorganisationen und deren Vorstandschaften, vor allem aber in seiner Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sah er eine äußere, sichtbare Form der Wiedergutmachung für die wissenschaftliche Schmach, die ihm seiner Ansicht nach in den Jahren von 1946 bis 1949 zu Unrecht zugefügt worden war. Das wissenschaftliche Prestige, das er meinte eingebüßt zu haben, schien er augenscheinlich zurückgewonnen zu haben. Prestige war ihm sehr wichtig. Aus Prestigegründen „spielte er Vorstand“. Wir erfahren hier mehr über seine Charakterzüge, als in autobiografischen Werken und bei Ehrungen gewöhnlich offen gelegt wird. Am 1. Januar 1955 trägt er in sein Tagebuch ein:

„Das vorige Jahr brachte manches zum Abschluss. Meine neue Klinik wurde endlich fertig – Vier Jahre hatten wir daran gebaut. Zur Feier der Einweihung kamen die Neurologen nach Würzburg – darunter der alte Nonne, vital u. witzig mit 94 Jahren, um mir die Erbgedenkmünze zu verleihen. 2 Jahre war ich selbst Vorsitzender der D. Gesell. für Neurologie  –  was mir aus Prestigegründen wichtig erschien – dann habe ich das Amt niedergelegt. Ich wollte mich nicht damit verheiraten, wie weiland Förster, Nonne, Pette. Auch in anderen Organisationen spielte ich Vorstand –  so in der Deutschen M-S-Gesellschaft (im ärztlichen Bereich), bei den internationalen Neurologen. Ich lache selbst darüber  –  aber es tut mir gut  –  ich empfand es als eine äußere Rehabilitation nach den Jahren der Diffamierung 1946 –  49.“

Die Angriffe auf seine Person als Wissenschaftler und Forscher hatten ihn zutiefst gekränkt. Er hatte sich von inkompetender Seite in eine Abwehr- und Verteidigungsstellung gedrängt und von „Gerede“, „Geschwätz“ und „Gezischel“ verfolgt gesehen. Aus seiner Sicht hatte es keinen Grund gegeben, sich für seine Versuche am Menschen zu entschuldigen. Die Kränkungen wirkten lange nach. Er überspielte sie mit einer beruflich eingeübten Gelassenheit und blieb bei seiner aufrichtigen Überzeugung, nicht gegen ethische Grundprizipien ärztlichen Handelns verstoßen zu haben: „Sie können überzeugt sein, dass mir bei all meinen Untersuchungen stets das Ideal vorgeschwebt hat, den Menschen zu helfen und das Leiden zu vermindern und nicht einem Leidenden noch mehr Schmerzen oder Leiden zuzufügen. Ich glaube auch nicht, daß ich in irgend einem Falle Leiden vergrößert hätte“ (G. Schaltenbrand, Schreiben vom 27. 11. 1949 an Prof. Dr. Rheinfelder, Universitäts-Frauenklinik, München).

Als Arzt und Forscher stets so gehandelt zu haben, beteuerte er in vielen Briefen an Kollegen und in seinen „Verteidigungsschriften“.

Die Notwendigkeit heroischer Wege

In dem zitierten Brief an Rheinfelder fügte er allerdings Gedanken hinzu, die medizinisch-wissenschaftlich begründete Grenzüberschreitungen zulassen. Schaltenbrand hatte seit seiner Studentenzeit die bahnbrechenden Leistungen großer Naturwissenschaftler und Forscher bewundert. Sie waren für ihn, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, zu Vorbildern geworden. Dessen war er sich gewiss: Wissenschaftliche Pionierleistungen resultieren, wie die Wissenschaftsgeschichte vielfach zeigt, aus Grenzüberschreitungen und Tabubrüchen, und dies gerade auch in der Medizin. Die Einführung neuer Methoden erfolge häufig gegen heftige Widerstände und moralische Bedenken.

„Bei schwersten Erkrankungen sind allerdings oft heroische Wege notwendig und man muß einem Arzt, der selbst neuere Wege sucht, auch eine gewisse Verantwortung in den Entscheidungen zubilligen. Gedankengänge, die wir dabei haben, mögen manchmal den medizinischen Laien schwer zu begreifen sein. Hat man den eklatanten Erfolg, so ist alles schön und gut, was man versucht hat. Hat man dies nicht, so muß man für sich allein die Verantwortung tragen.“

Schaltenbrand beschreibt mit diesen Zeilen seine Situation. Das 1943 nach mehrjähriger Forschungsarbeit vorgelegte Ergebnis war an der Universität Würzburg zwar mit einem wissenschaftlichen Ehrenpreis belohnt worden, hatte aber in Fachkreisen methodische Kritik hervorgerufen. Seine MS-Forschung hatte jedenfalls nicht zu dem medizinischen Durchbruch und Erfolg geführt, den er anfangs glaubte erzielt zu haben. Er hatte nicht „den eklatanten Erfolg“, den er sich erhofft hatte, und der kritische Einwände gegen methodischen Ansatz und praktische Durchführung an Menschen hätte entschärfen können. In den Nachkriegsjahren fürchtete er sogar um seine Reputation. Er übernahm für sein MS-Projekt die volle Verantwortung. Seine stille Hoffnung, in den Kreis großer Mediziner aufgnommn zu werden, ging damals (noch) nicht in Erfüllung. Diese medizinhistorische Ehre sollte ihm erst Jahrzehnte später zuteil werden.

In den 1990er Jahren wurde das „Schaltenbrand-Experiment“ in gewandelten Zeitumständen von der Fachwissenschaft und den Medien noch einmal infrage gestellt, Schaltenbrand in Unkenntnis seines tatsächlichen Denkens und Handelns unter die „Ärzte ohne Gewissen“ und „Mörder aus der Nervenklinik“ eingereiht und posthum „entehrt“ (siehe Blog-Kapitel 41 und 72). Darin liegt die besondere Tragik der Koryphäe der Neurologie, dass er in den Szenarien der 1990er Jahre keine Chance mehr hatte, sich gegen ungerechtfertigte Vorwürfe, Unterstellungen und voreilige Urteile zu verteidigen.

 

Weblinks

Prof. Dr. Georg Stertz: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Stertz

abgerufen am 14.09.2021,

Universität Kiel und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Georg Stertz:

https://www.uni-kiel.de/ns-zeit/bios/stertz-georg.shtml

abgerufen am 14.09.2021,

Unveröffentlichte Quellen

Prof. Dr. med Alfred Bannrath, München, Brief  vom 2. Februar 1948 an Prof. Dr. med. Werner Leibbrabnd, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt, Erlangen.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Tagebücher.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Würzburg, Brief vom 14. 02. 1949 an Prof. Dr. med. Tönnis, Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Brief vom 15. 11. 1949 an Prof. Dr. Stertz , Psychiatrische- und Nervenklinik d. Univ, München.

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Würrzburg, Brief vom 17. 11. 1949 an Prof. Dr. Rheinfelder, München Universitäts-Frauenklinik.

Prof. Nonne, Brief vom 28. 11. 1949 an den Herrn Staatsminister Dr. Dr. Hundhammer, München, Kultusministerium.

[Prof. Dr. med. Georg Stertz,] Nervenklinik der Universität München, [Gutachten] vom 1. Dezember 1949. Auf Veranlassung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 3. 11. 1949 Nr. V 74737 äußere ich mich über das Buch des Professors Dr. Georg Schaltenbrand in Würzburg vom medizin-ethischen Standpunkt folgendermaßen…[Typoskript, Abschrift].

Dr. Josef Mayer, Ministerialdirektor im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München 2, 23. Dezember 1949, [Schreiben] An Herrn Professor Dr. Stertz, München. [Typoskript. Abschrift].

Literatur

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Max Nonne (1861-1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S13-S21.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 1, Supplement 1, Februar 2020, S43-S52.

Jürgen Peiffer: Hirnforschung in Deutschland  1849-1974. Briefe zur Entwicklung von Psychiatrie und Neurowissenschaften sowie zum Einfluss des politischen Umfeldes auf Wissenschaftler. Mit 11 farbigen Abbildungen. Springer Verlag 2004.

 

Anhang

Gutachten von Prof. Dr. med. Georg Stertz über Schaltenbrands Werk und Versuche

Prof. Dr. med. G. Stertz

  1. Dezember 1949

Nervenklinik der Universität München 15, Nußbaumstr. 7

Auf Veranlassung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 3. 11. 1949 äußere ich mich über das Buch des Professors

Dr. Georg Schaltenbrand

In Würzburg vom medizinisch-ethischen Standpunkt folgendermassen:

Professor Schaltenbrand, ein auf dem Gebiete der Neurologie anerkannter Forscher, beschäftigt sich  seit vielen Jahren mit der multiplen Sklerose, einer der häufigsten und verderblichsten Erkrankungen des Nervensystems. Die Hilflosigkeit, mit der man ihr gegenübersteht, beruht vor allem auf der Unkenntnis ihrer Verursachung. Es bestanden darüber die verschiedensten Theorien. Man dachte ursprünglich an eine primäre, anlagebedingten herdweise Gliawucherung, dann an eine entzündliche Erkrankung unbekannten Ursprungs, ferner an eine alimentäre Verursachung, also eine Art Giftwirkung, weiterhin an eine allergischen Prozeß und endlich in Analogie zur Kinderlähmung an eine Viruskrankheit, d. h. an das Befallenwerden des Gehirns und Rückenmarks des Kranken durch ein mikroskopisch nicht erkennbares Lebewesen. Alle diese Theorien entbehren beweisender  Grundlagen, und dementsprechend blieben alle therapeutischen Bemühungen bisher erfolglos.

Professor Schaltenbrand entschied sich in seiner Beurteilung der Krankheitsvorgänge für die Virustheorie. De Beweis  für ihre Richtigkeit konnte nur auf experimentellem Wege gebracht werden. Prof. Schaltenbrand entdeckte beim Affen das Vorkommen einer in mancher Beziehung der multiplen Sklerose ähnlichen Krankheit, nämlich einen Merkscheidenschwund, der jedoch in Bezug auf die spezielle Lokalisation gewisse Unterschiede dem Verhalten beim Menschen erkennen ließ. Doch war eine ursächliche Verwandtschaft dabei nicht auszuschließen. Es zeigte sich nun, daß der sogenannte Markscheidenschwund sich von einem Tier auf das andere übertragen ließ und auch spontan übertragen wurde. Es war dann ein weiterer Schritt, die Entmarkungskrankheit der Affen durch eine die Verimpfung von menschlichem Serum bezw. Spinalflüssigkeit von multipler Sklerose auszulösen, was auch zu gelingen schien. Als beweisend wurden allerdings diese Versuche von der Mehrzahl der Autoren nicht anerkannt. Schaltenbrand hatte sich auf Grund vielfältiger Erwägungen zu der Anschauung durchgerungen, daß es sich bei der multiplen Sklerose um eine beim Menschen ubiquitär verbreitete Epizeese handle, die im allgemeinen, d, h. bei  der großen Mehrzahl der Menschen sich in Form einer harmlosen Reaktion am Zentralnervensystem abspiele und nur in seltenen  Fällen zum manifesten Auftreten der multiplen Sklerose führe. Ein solcher Vorgang, der auch bei der Poliomyelitis (Kinderlähmung) angenommen wird, wurde von Pfaundler als „stille Feiung“ bezeichnet, wodurch ein Zustand bedingt wurde, der später vor offenkundiger Infektion durch das Virus zu schützen schien.

Nachdem die Anschauungen Schaltenbrands diese Gestalt angenommen hatten, tauchte in ihm erklärlicher Weise der Gedanke auf, daß die noch vorhandenen Zweifel durch Übertragungsversuche vom Affen auf den Menschen, evtl. auch von Mensch zu Mensch überwunden werden könnten. Schaltenbrand hatte  Grund zu der Annahme, daß die Übertragung des Liquor cerebrospinalis nicht etwa die multiple Sklerose als manifeste Krankheit, sondern nur eine der „stillen Feiung“ entsprechenden harmlosen Reaktion bedingen werde, denn es war klar, daß eine solche manifeste Erkrankung nur durch das Hinzukommen weiterer Momente entstehen könne, die im Einzelnen noch nicht klargestellt  waren. Angesichts dieser von Schaltenbrand als gesichert angenommenen Betrachtungen hielt er es nach sorgfältiger Prüfung seines Verantwortungsgefühls, von der er in seinem Buche spricht, für erlaubt, solche  Übertragungen auch am Menschen vorzunehmen. Er wählte dazu verblödete Schizophrene sowie in einigen Fällen Geschwulstkranke, auch zwei Fälle von vorgeschrittener Hirnarteriosklerose, die ihr Einverständnis dazu gegeben hatten. Den besonderen Anlaß zu dieser Auswahl der Kranken gab die Erfahrung, daß Tumoren und Schizophrenien  nicht an multipler Sklerose erkranken. Nicht nur war also bei der Personenauswahl der Gedanke von Bedeutung, daß es sich um unheilbare Kranke handelte, sondern es bestand bei der Impfung auch eine individual-therapeutische Absicht (was natürlich nicht für die erwähnte Arteriosklerose galt). Bestätigte sich die Erfahrung, daß ein Antagonismus zwischen multipler Sklerose und der genannten Krankheiten bestand, so konnte die Vakcination gewisse Abwehrkräfte stärken, die – vielleicht ohnehin vorhanden – zu schwach waren eine wachstumshemmende Wirkung auf den Prozeß oder eine heilende Wirkung auf den betreffenden Patienten zu entfalten. Dieser Gedanke ist zwar in dem in Frage kommenden Buch Schaltenbrands nicht zum Ausdruck gebracht, wohl aber in einer nicht veröffentlichten  Schrift, die etwas später unter dem Titel „Nochmal die multiple Sklerose des Menschen“ entstand. Diese individualtherapeutische Absicht bei den Versuchen wurde auch bei der Vernehmung vor dem Oberstaatsanwalt seiner Zeit vorgebracht. Die genannte Schrift liegt den Akten bei, ebenso als Protokoll der Vernehmung beim Oberstaatsanwalt  Ob der ganz unbefangene, nicht in den Optimismus einer großangelegten Forschung verstrickte Neurologe sich von solchen therapeutischen  Versuchen etwas erwartet hatte, muss dahingestellt bleiben. Abwegig ist der Gedanke an und für sich nicht.

Die in 35 Fällen erfolgten Impfungen haben in zwei Beziehungen die Erwartungen, unter denen sie unternommen waren, erfüllt: Es sind, ebenso wie bei den Affen, auch beim Menschen leichte,  harmlose entzündliche Reaktionen vor allem  an den Hirnhäuten aufgetreten, die sich in einer Lymphocytose der Spinalflüssigkeit zu erkennen gaben und als rückbildungsfähig entpuppten, und zweitens ist kein Fall von multipler Sklerose entstanden.

Das ist der Tatbestand, der dem Buch Schaltenbrands über die multiple zu Grunde liegt. Man sieht, dass die Versuche an Menschen am Ende einer langen, mit Konsequenz verfolgten Untersuchungsreihe stehen. Sie sollten die Krönung dieser Arbeit darstellen. Die Auswertung der Befunde und Schlußfolgerungen ist freilich noch in der Schwebe.

Vom wissenschaftlich-medizinischen Standpunkt aus wäre also nichts gegen die Arbeit Schaltenbrands  einzuwenden. Das Ministerium aber möchte, wie aus der Anfrage hervorgeht, auch ein Urteil darüber haben, wie die mit dieser Forschung verbundenen Experimente am Menschen vom ethischen Gesichtspunkt aus zu beurteilen seien, der ja hier mit dem medizinischen eng verknüpft ist.

Die etwas eingehendere Darstellung der Forschungsarbeit Schaltenbrands auf dem Gebiet der multiplen Sklerose, wie gesagt eine der häufigsten und verhängnisvollsten Erkrankungen des Nervensystems, war notwendig, um auch den Nichtmediziner in dieses Gebiet einzuführen und zu zeigen, daß es sich um eine durchaus ernst zu nehmende, auf langjährige Erfahrung aufgebaute und konsequent vorgetragene wissenschaftliche Forschung handelt. Das Ziel, dem sich Schaltenbrand mit so großem  Eifer hingibt, wäre, wenn es erreicht würde, eine ganz große Errungenschaft in der Nervenheilkunde. Es kann übrigens betont werden, daß  Schaltenbrand auch im Ausland, besonders in U. S. A., den Ruf eines vorzüglichen Neurologen genießt; mehrere Zuschriften, die bei den Akten liegen, bestätigen das.

Was nun die medizinisch-ethische Seite der Versuche Schaltenbrnads anlangt, so liegt mir in extenso ein Gutachten von Prof. Leibbrand, Erlangen vor, das, gewissermaßen aus einer höheren Sphäre heraus, ein Verdamnisurteil über die Versuche ausspricht. Das Gutachten von v. Weizsäcker ist mir nur auszugsweise bekannt; ich werde auch darauf noch näher zurückkommen.

Mi Recht geht Prof. Leibbrand in seiner geschichtlichen Betrachtung davon aus, daß seit der Jahrhundertwende  (im Rahmen der materialistischen Gesamtentwicklung) auch die Wissenschaften, speziell die medizinische, in die gleiche Richtung gerieten zu Ungunsten religiöser und philosophischer Besinnung. Das trifft wohl zu und kann an vielen Beispielen erhärtet werden. Aber es ist meines Erachtens nicht richtig und auch nicht gerecht, einen einzelnen Menschen und Wissenschaftleraus dem Strom des Geschehens herauszunehmen und gewissermaßen  wie ein „Ding an sich“ zu betrachten. Je lebhafter eine zeitgeschichtliche Entwicklung sich vollzieht –und das kann man von dieser Epoche wohl sagen –  , umso stärker werden die im Strom der Zeit Mitschwimmenden von den Umwelteinflüssen  geprägt. Sie sind eben Kinder ihrer Zeit, und wir können sie in ihren Gesinnungen und in ihrem Handeln nur in diesem Zusammenhang verstehen und auch werten.

Setzt man den Einzelnen nun auf einmal in das Scheinwerferlicht irgendeines absolut genommenen, jener Zeit nicht adäquaten Prinzips, so gefällt einem Menschen an ihm nicht und man verurteilt ihn in Dingen, die den Zeitgenossen gar nicht auffällig erschienen waren. An einem Renaissancefürsten oder an einem absoluten Monarchen vom Stile Ludwigs XIV. oder Friedrich d. Großen hat man vom gegenwärtigen und vielleicht auch vom sittlichen Standpunkt aus Vieles auszusetzen, was der Mitwelt  ganz natürlich  und selbstverständlich  erschien. Man wird sie nicht im Bausch und Bogen verdammen wollen, ebensowenig wie das materialistisch-medizinische Zeitalter mit den ihm verhafteten Wissenschaftlern. Gewiß die Methoden  waren etwas gewaltsam geworden. Zu dem Tierexperiment, das übrigens immer wieder gelegentlich auch beanstandet wurde, hatten sich Versuche am Menschen gesellt. Im Eifer des Forschens  nach neuen Erkenntnissen traten wohl manchmal religiös-sittliche Bedenken mehr in den Schatten. Die Größe der Entdeckungen und Errungenschaften auch auf therapeutischem Gebiet hatten eben etwas Mitreißendes, Die Zahl derer, die in ihrem Forschungsdrang auch vor dem Experiment an Menschen nicht ganz Halt machten, ist gewiß sehr groß. Schaltenbrand selbst zählt 13 Autoren auf, deren mehr oder minder wichtige Errungenschaften solchen Versuchen mit ihre Entstehung verdanken. Man könnte dem zahlreiche Beispiele hinzufügen. Wenn ich aus meinem Fachgebiet einige solche anführen darf, so sei z B. auf den Ursprung der Insulinschocktherapie hingewiesen; man behandelte Morphinisten bei  der  Entziehung mit Insulin, ohne die Gefahr der sehr variablen Empfindlichkeit gegen das Mittel und damit die Dosierung richtig zu beherrschen. Man ging ein Risiko ein,  dessen man sich offenbar nicht genügend  bewußt  geworden war. Wider Erwarten und zum peinlichen Erstaunen traten dann hypoglykämische Schockzustände auf, deren Gefahr keineswegs zu übersehen war. Erst nachher wurde die therapeutische Wirkung dieser Schocks auf Geisteskranke erkannt. – Welch ein Risiko lag ferner darin, die Durchschneidung eines der scheinbar wichtigsten Gehirnteile, der fronto-thalamischen Bahnen, bei der sogenannten  Leukotomie erstmalig vorzunehmen, was im Auslande geschah, allerdings wohl von vorneherein in der Absicht, auf diese heroische und noch nicht dagewesene Art gewisse Geisteskrankheiten zu bessern! Wer konnte voraussehen, welche psychische Ausfälle sich dabei zeigen würden, daß die Kranken, bei denen es erstmalig versucht wurde, vielleicht eine Art seelischer Euthanasie erleiden würden? Die Methode  bürgerte sich auch in Deutschland jetzt allmählich ein.  Wie aber hätte man im Zusammenhang mit den Geschehnissen des dritten Reiches darüber geurteilt, wenn sie bei uns erfunden worden wäre! Derweil ist der Erfinder dieser doch immerhin recht gewaltsamen Methode mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden., – Mir ist auf einem anderen Gebiet ein Artikel aus der illustrierten amerikanischen Zeitschrift „Life“ in Erinnerung, wo an Zuchthäuslern mit deren nach Lage der Dinge wohl fragwürdigem Einverständnis Malariaübertragungenen vorgenommen wurden, um neue Heilmittel auszuprobieren. Hierbei mußten ja Komplikationen und selbst unter Umständen Todesfälle in Rechnung gestellt werden. – Selbst auf dem Gebiet auf dem Schaltenbrand experimentell gearbeitet hatte, waren fünf Jahre vorher von französischen Autoren Serumreaktionen mit multipler Sklerose durch Einreibung in die Haut vorgenommen worden, vielleicht ein nicht weniger gefährlicher Versuch als Schaltenbrands eigene. Und auch daran wurde nachträglich niemals Anstoß genommen. Das waren alles bedeutende Wagnisse auf Kosten der Nächstbeteiligten, aber auch mehr oder minder bedeutsame Fortschritte, die der Menschheit im Ganzen zum Segen gereichten. Herr Prof.   Leibbrand spricht  Versuchen am Menschen, wen sie nicht dem Einzelnen dienen, sondern über ihn hinweg gewissermaßen anderen zugutekommen, die sittliche Berechtigung ab, meines Erachtens mit Unrecht, wie es schon ungerecht ist, worauf ich bereits hinwies, einzelne Menschen strafen zu wollen, die aus dem Zusammenhang der ärztlich-wissenschaftliche Gepflogenheiten  heraus nichts anderes getan hatten, als viele andere auch. Prof. v. Weizsäcker hat sich, obgleich er das Experiment als Mittel der Krankheitsheilung im Zusammenhang mit seiner besonderen Auffassung von der menschlichen Situation und Aufgabe des Krankseins nicht für angemessen hält , dagegen ausgesprochen, daß man einmal Geschehenes auf dem Gebiete der Versuche ahndet, das man vielmehr Gesetze zur Vorbeugung gegen jeden möglichen Mißbrauch schaffen solle. Bei dieser Auffassung würde ja auch Schaltenbrand entlastet sein. Ich werde jedoch Gesetze für verfehlt  halten, wenn sie nicht allgemeingültig wären. Sie würden anderenfalls bei uns Forschungswege versperren, die anderweitig mit Erfolg beschritten werden. Es gibt  eben auf diesem Gebiet des ärztlichen Handelns nur ein Gesetz, das des persönlichen ärztlichen Gewissens. Auch  dieses ist indessen keine starre Größe; sie ist einerseits – wie alles verantwortliche Handeln –  auch im ärztlichen Bereich naturgemäß durch die persönliche  Eigenart des Handelnden bestimmt, hängt dann aber auch bis zu einem gewissen Grade von dem Ziel ab, das damit verfolgt wird. Herr Schaltenbrand sagt von sich, daß er auf Grund sorgsamer Prüfung seines Verantwortungsgefühls  die Versuche unternommen hat. Darf man das bezweifeln? Verschiedene Menschen können gefühlsmäßig verschiedener Ansicht darüber sein, aber es wird darauf nicht entscheidend ankommen. Ich möchte mich hier auf die eigene Erfahrung berufen: Ich kann nicht leugnen, daß mir persönlich diese Versuche nicht liegen. Als während meiner neurologischen Laufbahn neben der Quinckeschen Lumbalpunktion die Zisternenpunktion aufkam, habe ich mich zu diesem Eingriff nicht recht entschließen können, wegen der Nähe der lebenswichtigen Zentren des verlängerten Markes, und ich war, wie ich gestehen kann, ganz zufrieden, als meine geübten Mitarbeiter sich über solche Bedenken hinwegsetzten.  Das hätte ich mir aber keineswegs als ein gesteigertes Verantwortungsgefühl oder ein sittliches Plus angerechnet. Statt dessen beklagte ich meine Zaghaftigkeit und beneidete die anderen.

So begegnet man großen individuellen Verschiedenheiten in Bezug auf die Bereitschaft, im ärztlichen Bereich ein Risiko einzugehen. Ein angehender Chirurg, der erstmalig einen schweren Eingriff beim Menschen vornimmt, muß – bildlich ausgedrückt – die Grenzen, die seinem Verantwortungsgefühl gesetzt sind, dehnen. Das gelingt ihm leicht oder schwer. Dem von Natur Unbedenklichen gelingt es leicht,, aber ein anderer wird trotz seiner Hemmungen beflügelt dadurch ein hohes Ziel  nicht nur seinen Kranken zu helfen, sondern auch selbst ein großer und angesehener Chirurg zu werden. Er stiftet vielleicht in einem Fall einen Schaden, aber die dabei gewonnenen Erfahrungen kommen anderen zugute, und man beruhigt sich dabei.

Die Situation eines Forschers, der Impfversuche macht, ist vielleicht nicht die gleiche, weil er die Hilfe im gegebenen Falle vielleicht nicht immer dem Geimpften selbst, sondern darüber hinaus anderen bringen möchte. Ich will im Augenblick davon absehen, daß auch Herr Schaltenbrand bei seinen Impfversuchen, wie bereits bemerkt, eine individuell-therapeutische Indikation verfolgt hat. Er ist schon ein Vorwurf ein, daß nicht bei allen geimpften die Genehmigung zu der Impfung eingeholt war. Das war geschehen bei den Kranken, die Schaltenbrand auf seiner eigenen Abteilung geimpft hatte. Bei den Anstaltskranken in Werneck konnte er sich durch die Erlaubnis des Anstaltsleiters beruhigt fühlen, der seinerseits wohl den Gedanken einer möglichen Besserung der Kranken in erster Linie Raum gab. Könnte man bei schroffer Beurteilung hier eine formale Inkorrektheit sehen. So würde diese  durch die geschilderten Umstände weitgehend gemildert und könnte unmöglich Anlaß zu einem sittlichen Verdamnisurteil sein.

Alles in allem hätte wohl niemand  an dem Buch und den darin niedergelegten Versuchen Anstoß genommen, wenn nicht der Naturheilkundige, der sich als „wissenschaftlichen Schriftsteller“ nennt, etwa nicht aus sittlichen, sondern aus rein persönlichen Motiven (die aus seiner Situation erklärlich sein mögen) mit großer Geschicklichkeit und Konsequenz einen fiktiven Stein des Anstoßes dazu benutzt hätte, eine Lavine ins Rollen zu bringen. Aus dem furchtbaren Erleben der Hitlerzeit hatte sich vielfach eine überspitzte Vorstellung von dem entwickelt, was alles Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Wir sahen das bei vielen Gelegenheiten, und auch dieser Fall scheint ein Beispiel dafür zu sein. Das sind nun einmal jene übertriebenen Pendelschwingungen, die sich erfahrungsgemäß bei Zeitenwenden herausstellen. Es sind leider von Ärzten eine ganze Reihe schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt worden, und auch die Euthanasie gehört dazu. Mit nichts dergleichen sind die Versuche Schaltenbrands  auch nur im Entferntesten auf eine Stufe zu stellen.

Auf hoher Warte bewegt sich der Philosoph im Absoluten der Sittlichkeit und anderer „Ideen“. Es mag seine Sache sein, immer wieder zu jede Zeit zu Selbstbesinnung aufzurufen und vor Übertreibungen und Auswüchsen zu warnen. Jedoch das quos ego, das er in dem Bereich  des alltäglich schaffenden Menschen hineinruft, verhallt letztlich immer wieder, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, an der Spannung zwischen Ideal und Leben, dem das Irdische verhaftet ist. Freilich spreche ich da nicht als ein geschulter Philosoph, sondern auf Grund lebenslanger Erfahrung, in der gerade das Medizinisch-Ethische mit an bevorzugter Stelle gestanden hat. Ich wiederhole, daß Normen des ärztlichen Handelns  nirgends anders als im Gewissen begründet sind. Dieses bei seinem „Nächsten“ richtig zu begreifen und zu werten dazu bedarf es  bei unbeugsamem Rechtsgefühl auch der Toleranz, die allen Umständen  Rechnung trägt. Bei Anlegung eines solchen Maßstabes sehe ich in den Versuchen Schaltenbrands keinen Verstoß gegen medizinisch-ethische Grundsätze der die Fernhaltung  dieses ausgezeichneten Gelehrten von seinen Ämtern und Würden rechtfertigen würde.

Gez, Prof. Dr.  G. Stertz

75. Anzeige des Heilpraktikers Dittrich gegen Schaltenbrand, 1947/48

Zeittafel der Ereignisketten

Ich knüpfe noch einmal an das Blog-Kapitel 72 an und rücke dabei die Rolle des Heilpraktikers Max Dittrich in den Fokus der Betrachtung. Ohne seine Anzeige wegen angeblicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gefährlicher Körperverletzung wären wohl das Ermittlungsverfahren gegen Schaltenbrand und die berufliche Mobilisierung hochkarätiger Neurologen und Psychiater nicht zustande gekommen. Dittrich trat eine Lawine los, deren Abgang bis in die USA zu hören war. Die folgende Zeittafel der Ereignisketten soll den Gang der Dinge transparent machen.

1943, Frühjahr

Schaltenbrands Standartwerk über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ erscheint und begründet seinen Ruf als „MS-Papst“. Schaltenbrand erhält am 16.12.1943 für seine MS-Forschung den 1942 von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften an der Universität Würzburg gestifteten Röntgenpreis.(G. Schaltenbrand, Tagebuch, IV.44)

1943

Der Heilpraktiker Max Dittrich aus Friedrichsroda/Thüringen glaubt mit seinen „Spezialmassagen“ und hämatologischen Untersuchungen eine erfolgreiche Behandlungsmethode gegen die Multiple Sklerose gefunden zu haben. Er verfasst über seine angeblich erfolgreiche Heilmethode einen ausführlichen Bericht, den er bei dem Neurologen Prof. Dr. med. Willi Enke einreicht. Enke war Leiter der Heil- und Pflegeanstalt in Bernburg.

1943

Prof. Enke wendet sich an den MS-Forscher Schaltenbrand, so lässt sich aus späteren Korrespondenzen schließen, und bittet diesen um eine Stellungnahme zu Dittrichs Bericht.

1943, 21.06.

Schaltenbrand habe am 21. 6. 1943, so behauptet und belegt der Heilpraktiker Max Dittrich fünf Jahre später, in seinem Schreiben an Enke eine vernichtende Kritik an seiner Heilmethode geübt. Dittrich zitiert Schaltenbrands Begleitschreiben an Enke wie folgt:

„Sehr geehrter Herr Kollege!

Den beigefügten Bericht habe ich mit Kopfschütteln gelesen. Es ist erstaunlich, daß heute im Zeitalter des totalen Krieges ein solcher Unfug möglich ist. Aus dem Bericht kann man nichts entnehmen, er enthält keinen einzigen verwertbaren Befund, und was an pseudowissenschaftlichen Befunden darin steht, besagt nichts. Es fragt sich nur, ob es sich um einen Betrüger handelt oder um einen Wirrkopf, der sich selbst betrügt.

Mit freundlichen Grüßen und Heil Hitler!

Ihr (gez.) Schaltenbrand.“

Es war dieser Brief von 1943, der im Jahre 1947 folgenschwere Nachwirkungen hat. Er war quasi die Tretmine, die Dittrich zur Explosion gebracht hat.

Enke muss Dittrich von diesem Schreiben in Kenntnis gesetzt haben. Dittrich ist zutiefst beleidigt und in seiner Persönlichkeit schwer getroffen. Er sieht sich von der akademischen Medizin um die vermeintlichen Früchte seiner heilmedizinischen Entdeckungen und Erfolge gebracht. Er sei sogar politisch denunziert und verfolgt worden.

Enke habe damals Schaltenbrands Kritik an die Ärzteführer von Thüringen und Sachsen-Anhalt zur weiteren Veranlassung weitergereicht. Beide Ärzteführer hätten gegen ihn, Dittrich, ein Strafverfahren angestrengt, in dem Schaltenbrands Beurteilung als Gutachten gedient habe. Für seine Existenz und sein Leben, so berichtet Dittrich, habe große Gefahr bestanden. Das Gutachten hätte zu seiner Verurteilung geführt. Ihm sei die Zulassung als Heilpraktiker entzogen worden.

1946, 09.12.

Beginn des Nürnberger Ärzteprozesses vor dem US- amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg. Angeklagt sind 29 Ärzte und drei hohe Beamte, denen schwere Verstöße gegen die Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen vorgeworfen werden Dazu gehören das Euthanasie-Programm, Menschenversuche mit Unterdruck, Unterkühlung, Fleckfieber-Impfungen und Knochentransplantationen. Von ungefähr 90000 damals in Deutschland tätigen Ärzten haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen.

1947, 17.07.

Zwei Tage vor Ende des Nürnberger Ärzteprozesses: Heilpraktiker Max Dittrich erstattet bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg Anzeige gegen Schaltenbrand wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gefährlicher Körperverletzung. Er legt als Beweisstück Schaltenbrands Monografie über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ vor und beabsichtigt mit seiner Anzeige, Schaltenbrands Menschenversuche womöglich sogar vor den US-amerikanischen Militärgerichtshof zu bringen.

1947, 19.07.

Ende des Nürnberger Ärzteprozesses. Bei der Urteilsverkündung am 20. August 1947 werden sieben Angeklagte zum Tode verurteilt, neun zu Haftstraßen und sieben freigesprochen.

1948, 15.01.

Prof. Dr. med. Werner Leibbrand legt im Ermittlungsverfahren gegen Schaltenbrand sein Gutachten zur MS-Forschung Schaltenbrands vor. Sowohl Max Dittrich als auch Leibbrand, der eine in seiner Anzeige, der andere in seinem Gutachten, beziehen sich auf das US-amerikanische Militärtribunal und seine Rechtsprechung.

1948, 04.03.

Schaltenbrand reicht seine „(Selbst-) Verteidigungsschrift“ bei der Staatsanwaltschaft in Bamberg ein.

1948, 30.09.

Schaltenbrand schreibt einen Brief an den Heilpraktiker Max Dittrich, in dem er behauptet, keine Kenntnis von dessen Person und Heilmethoden gehabt zu haben.

1948, 23.11.

Dittrich beschimpft in seinem 19seitigen Antwortschreiben nicht nur den „Verbrecher“ Schaltenbrand, sondern allgemein auch die Neurologie und Psychiatrie.

1949, 03.01.

Der Oberstaatsanwalt des Landgericht Würzburg teilt Schaltenbrand schriftlich mit: „Betrifft: Das Verfahren gegen Sie wegen gef. Körperverletzung. Obiges Verfahren gegen Sie habe ich eingestellt.“

Der Vorwurf des Verbrechens gegen die Menschlichkeit ist nach deutschem Recht gegenstandslos. Der Begriff kommt im deutschen Recht nicht vor. Die Anzeige Dittrichs und das Gutachten Leibbrands bleiben formaljuristisch folgenlos.

Mehr als nur eine Episode der Nachkriegsneurologie

In der Fachliteratur wird die Anzeige des Heilpraktikers Max Dittrich bei der Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg, wenn überhaupt, dann nur beiläufig als eine Episode der Nachkriegszeit erwähnt und bewertet.  Der Anlass und das ganze Ausmaß der Wirkung und Nachwirkung der Anzeige wurden von der Medizingeschichte bisher nicht erkannt. Damals jedoch gewinnt Dittrichs Anzeige in medizinischen Fachkreisen rasch an Aufmerksamkeit. Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Ermittlungsverfahren. Mehr als ein Dutzend hochkarätiger Neurologen, Psychiater und Hirnforscher werden in den Fall hineinzogen, Rechtsanwälte konsultiert, Gutachten und Gegengutachten eingeholt, Stellungnahmen angefordert, Eidesstattliche Erklärungen abgegeben, zahlreiche Vernehmungen protokolliert und Dokumente entgegengenommen. Amerikanische Fachkollegen melden sich zu Wort, springen Schaltenbrand bei, versuchen ihn zu entlasten. (siehe Blog-Kapitel 72, das Schaltenbrand-Experiment I). Das ganze Jahr 1948 steht unter dem Druck des Ermittlungsverfahrens. Schaltenbrand wird dringend geraten, alles zu vermeiden, was nach dem Nürnberger Ärzteprozess die Ermittlungen auf die US-amerikanische Ebene der Militärgerichtsbarkeit bringen könnte. Ein prominenter Strafverteidiger, Dr. Hans Latenser, der schon in den Folgeprozessen 1946/47 vor dem US-amerikanischen Militärtribunal aufgetreten war, erklärt sich bereit, falls es zur Anklage kommt, Schaltenbrand zu verteidigen. Erst im Spätsommer des Jahres 1948 zeichnet sich ab, dass das Verfahren wahrscheinlich eingestellt wird. Der Heilpraktiker diskreditiert mit seinem 19seitigen Schreiben vom 23. November 1948 vermutlich selbst seine Anzeige. Er dämonisiert den „Verbrecher“ Schaltenbrand, der wissentlich oder unwissentlich andere zu seinem Werkzeug gemacht haben soll.

Der Psychiater Prof. Dr. med. Werner Leibbrand hat sich in seinem Gutachten vom 15. Januar 1948 zur Multiplen Sklerose-Forschung Schaltenbrands ausführlich zur Person und Arbeit des Heilpraktikers Max Dittrich geäußert und dessen Motiv aufgezeigt, mit einer Anzeige Schaltenbrand einen Prozess anzuhängen. (siehe Blog-Kapitel 73, Aus Leibbrands Gutachten). Dittrich habe mit seiner Anzeige mit dem Angezeigten „in einer Polemik“ gestanden, „die von Affektspannungen“ gezeugt hätte. Dittrich ginge es, psychologische gesehen, nicht allein um die Sache. Er will zugleich einen ärztlichen Gegner treffen, der seine Heilanwendungen angegriffen hat. Leibbrand kommt – ungeachtet oder trotz der angedeuteten polemischen Affektspannungen – am Schluss seines Gutachtens zu dem Ergebnis, dass die von Dittrich zur Anzeige gebrachten „Tatbestände nach wissenschaftlicher Überprüfung vorhanden“ seien. Schaltenbrand sei also zu bestrafen. Beide, Dittrich und Leibbrand, treffen sich in dem erklärten Ziel, Schaltenbrand zu Fall zu bringen. Das gelingt erst in den 1990er Jahren unter anderen Umständen einer späteren Generation mit einer symbolischen „Enthauptung“.

Schaltenbrand wendet sich am 30. September 1948 im Zuge des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens, das die Anzeige Dittrichs gegen ihn ausgelöst hat direkt an den Heilpraktiker und beteuert, nie von ihm und seinen Heilmethoden gehört zu haben. “Ich kann mich nicht erinnern, daß jemals mir Ihr Name bereits zu Gesicht gekommen wäre und ich muß auch gestehen, daß ich über ihre Heilverfahren nicht unterrichtet bin. Ich würde es sehr bedauern, wenn Sie eine Bemerkung, die ich möglicherweise einmal über irgendwelche Heilmethoden gemacht habe, auf sich bezogen hätten … Sie sehen also, daß die Dinge sehr anders liegen, als Sie es auf Grund Ihrer Kenntnis meines Buches aus dem Jahre 1943 vermuten … Aber ich halte es doch für richtig, Sie darüber zu unterrichten, daß Sie einem verständlichen Irrtum zum Opfer gefallen sind. Mit vorzüglicher Hochachtung! (Prof. Dr. Schaltenbrand).“

Dittrichs Hass, Rache und Vernichtungsfantasien

Dieser Brief löst in Dittrich einen gewaltigen Sturm der Entrüstung und eine Suada wüster Unterstellungen, Verunglimpfungen und Beleidigungen aus. Der Heilpraktiker holt am 23. November 1948 in einem 19 Seiten langen Antwortschreiben zu einem Rundumschlag gegen die akademische Medizin aus und attackiert dabei vor allem die Neurologie, Psychiatrie und Hämatologie. Er wirft diesen Fachdisziplinen vor, Fortschritte in der Medizin zu blockieren und wirkliche Fortschritte – wie die seinen – zu ignorieren. Er schießt sich allen akademischen Berufsärzten voran auf Schaltenbrand ein, dem er die übelsten Charaktereigenschaften zuspricht: Infamie, Arroganz, Skrupellosigkeit, mangelndes Berufsethos und fragliches Wissenschaftsverständnis. Dittrich unterstellt ihm, er habe ihn mit manipulativen Handlungsweisen existenziell vernichten wollen. Er stellt Schaltenbrand als einen infamen Verbrecher hin, dem er keine Nachsicht gewähren könne. Die folgende, auszugsweise erstellte Liste von Zitaten aus Dittrichs Brandschrift ließe sich erweitern. Sie möge als Beleg genügen.

Mangelndes Wissenschaftsethos, schroffste NS-Geisteshaltung:

„Daß Sie, Herr Professor, über diese elementarste Sicherung der Forschung und ihrer wahrhaften Diener sich hinwegsetzten, bedarf keines weiteren Beweises. Fragt man aber nach dem Motiv dieses Verhaltens, so bleibt nur übrig zu folgern, daß auf der Basis mangelnder wissenschaftlicher Grundhaltung das Motiv in Verbindung mit schroffster nationalsozialistischer Geisteshaltung nur ein verbrecherisches war.“ (S. 11)

Infamie und skrupellose Arroganz:

„Da Sie nun meinem Bericht >nichts entnehmen< konnten, mußte – wie bereits gesagt, – Ihnen also das entsprechende Wissen und dazu die notwendige kritische Erfahrung über die >Massage< fehlen. Damit beweist sich aber, daß an Ihrem infamen Urteil vom 21.6.1943 eine skrupellose Arroganz.“ (S. 12)

Infamie und physische Vernichtungsabsicht:

„Im Jahre 1943 wußten auch Sie, Herr Professor, genau, was mit denen geschah, die als geistig abnorm oder als asozial bezeichnet wurden. Sie wußten also, daß Sie durch Ihre Infamie höchstwahrscheinlich sicher meine physische Vernichtung herbeiführten! … Zu diesen schweren Gefahren für mein Leben kam noch hinzu, daß wegen meiner aktiven Gegnerschaft zum Nationalsozialismus – eine Gegnerschaft aus Gründen der Wissenschaft und der genauen Kenntnis der deutsch-völkisch-jüdischen Problems –    auf Anordnung des Propagandaministeriums am 30. Oktober 1940 die Gestapo-Weimar nach eine besonderen Haussuchung verhandlungsschriftlich mir das KZ angedroht hatte…“ (S. 16).

Manipulative Verhaltensweisen, die andere, die nicht selbständig zu denken vermögen, zu Werkzeugen machen:

„Der Leiter der Anhaltischen Nervenklinik Bernburg [Prof. Dr. med. Willi Enke – A.M.] weiß damit [mit den Befunden Dittrichs – A. M.] nichts anzufangen, er ist also weder Therapeut noch selbständig Denkender und braucht deshalb das Gutachten von Ihnen. Sie geben es nun so, daß es bedeutet: Dittrich ist >Wirrkopf< und >Betrüger<, also geisteskrank und volksschädlich. Mithin – so lassen Sie nun folgern – muß er entweder zur Beobachtung in eine Nervenklinik oder in das KZ. In Bernburg nimmt dies Prof. Enke zur Kenntnis und merkt wiederum nicht, daß für die MS-Therapie ein Kriterium und g. F.  ein Fortschritt – zwar aus anderem Grunde als bisher, aber immerhin ein Fortschritt – vorliegt. Er wird wissentlich oder unwissentlich Ihr Werkzeug. Und nun geht es genauso zu beim Gauärzteführer von Thüringen. Soviel Dummheit in einer Kette sollte man gar nicht für möglich halten.“ (Seite 15/16)

Kurzkommentar zur Person Prof. Dr. med. Willi Enke (1895-1974) und zur Landesheil- und Pflegeanstalt beziehungsweise Anhaltischen Nervenklinik in Bernburg. Enke, Psychiater und Neurologe, trat 1933 in die NSDAP ein, wurde Mitglied zahlreicher NS-Organisationen, unterzeichnete im November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler, war Richter am Erbgesundheitsgericht in Marburg und arbeitete seit 1934 beim Rassenpolitischen Amt in Kurhessen. 1938 übernahm Enke die Leitung der Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg und gründete die Anhaltische Nervenklinik. Er war über die T4-Euthnasie-Aktion voll informiert, hatte aber Bedenken gegen ihre Umsetzung. (https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Enke abgerufen 22.07.2021). Die Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg/Anhalt gehörte zu den für die T4-Aktion ausgesuchten Tötungsanstalten (Manfred Vasold 2007, S. 271; Ute Hoffmann/Dietmar Schulze 1997, S. 7786,101; Henry Friedländer: Der Weg zum Genozid, S. 60, 157, 161f, 164, 346, 364. Dittrichs Ängste, Befürchtungen und überreizten Handlungsweisen haben verständliche Gründe).

Neurologie und Psychiatrie blockieren generell Fortschritte in der Medizin, indem sie neue, erfolgsträchtige Methoden und Erkenntnisse infam abwürgen. Dittrich sieht sich als Opfer der von ihm angeprangerten „Gepflogenheiten“ in der Neurologie und Psychiatrie:

„Zur Bereinigung der weltanschaulichen Diskrepanzen haben die Neurologen bis jetzt so gut wie nichts beigetragen. Wohl sind sie aber ganz erheblich an deren Erhaltung beteiligt. Denn seit vielen Jahrzehnten herrscht in der Neurologie (einschließlich Psychiatrie) die Gepflogenheit, jede fremde Meinung, die der Obrigkeit oder der eigenen Stellung unangenehm ist, unter dem Vorwande des Irreseins und mit ähnlichen infamen Unterstellungen abzuwürgen.“ (S. 15).

Dittrich droht, er werde Abschriften des 19seitigen Schreibens an die Staatsanwaltschaften in Würzburg und Gotha zur Kenntnisnahme senden, um das Ermittlungsverfahren – in seinem Sinn – zu beschleunigen.  Der Heilpraktiker hofft noch Ende November 1948, dass es zu einer Anklage und Verurteilung Schaltenbrands kommen werde.

„Herr Professor! Meine Ausführlichkeit hier ist durch ihren mehrfachen Zweck bestimmt worden. Durch Abschriften werde ich den Herren Oberstaatsanwalten bei den Landgerichten in Würzburg und in Gotha den Sachverhalt der mit Ihrem Schreiben vom 21. 6. 1943 zusammenhängt von vornherein so genau und so erschöpfend bekanntgeben, daß Rückfragen und Gutachten möglichst vermieden werden, ebenso eine Entscheidung rasch und sicher erfolgen kann. Wissenschaftliche Probleme stehen dabei nur soweit zur Erörterung, als es unbedingt notwendig ist, zur Beurteilung des von Ihnen angerichteten Schadens. Im Hinblick auf die Länge und Schwere der Unterdrückungsfolgen können Sie von mir keine Nachsicht erwarten.“ (S. 19)

Dittrichs Unterstellungen, Verbalinjurien und nicht zuletzt auch medizinischen „Belehrungen“ des Herrn Professor und „Ordinarius für Neurologie und innere Medizin“ wurden also von zwei Faktoren gespeist: von Gegensätzen und Auseinandersetzungen zwischen Heilpraktikern und akademischer Medizin und von der ganz persönlichen Betroffenheit des Heilpraktikers Dittrich. Prof. Dr. Werner Leibbrand hat in seinem Gutachten vom 15. 1. 1948 im Blick auf Dittrichs Anzeige akademisch-kühl von „einer Polemik (gesprochen), die von Affektspannungen zeugt.“ (siehe ausführlich dazu Blog-Kapitel 73). Dittrich wiederholt auch in seinem Antwortschreiben vom 23. November 1948 mehrmals, Schaltenbrand habe ihn in infamer Weise als „Wirrkopf“ und „Betrüger“ bezeichnet, der seine pseudowissenschaftliche medizinische Forschung und seine Arbeitsergebnisse als fortschrittliche Leistungen der Medizin ausgibt. Dittrich ist felsenfest davon überzeugt, mit Spezialmassagen und hämatologischen Begleituntersuchungen Mittel gegen die Multiple Sklerose entdeckt zu haben. Dass die akademische Fachwissenschaft seine Heilverfahren und vermeintlichen Erfolge ignoriert und, wie Schaltenbrand es unverblümt ausgedrückt haben soll, als pseudowissenschaftliche Kurpfuscherei abtut, hat Dittrich schwer gekränkt und in seiner Persönlichkeit zutiefst getroffen. Er rächt sich an Schaltenbrand mit einer Anzeige, die er dem Gegenstand nach ganz hoch hängt. Das persönliche psychische und berufliche Drama eines Heilpraktikers wird zu einem Racheakt, der mehr als ein Dutzend Personen einer medizinischen Fachelite beschäftigt. Und es sind die weltanschaulich durchtränkten gutachterlichen Wertungen des Medizinhistorikers und Psychiaters Leibbrand, die in Schaltenbrands Versuchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und verbrecherische schwere Körperverletzungen sehen wollen. Leibbrand hebt mit seiner kulturpessimistischen Messlatte weit von der (Alltags-)Wirklichkeit des ärztlichen Berufes ab (siehe meine Ausführungen dazu in Blog-Kapitel 73). Beide, Dittrich und Leibbrand, scheitern Ende 1948/Anfang 1949 mit ihren Vorwürfen. Das Gutachten Leibbrands gewinnt nicht die von seinem Verfasser erhoffte Stoßkraft. Die Mehrheit der in die Causa Schaltenbrand indirekt und direkt involvierten Fachkollegen halten Schaltenbrands Experimente am Menschen, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben (siehe Blog-Kapitel 72, S. 3), für relativ harmlose medizinische Eingriffe. Sie hätten jedenfalls keine berufsethischen Grenzen überschritten. Jeder Vergleich mit den Verbrechen, die Mediziner in der NS-Zeit begangen haben, wird für abwegig gehalten und zurückgewiesen. Experimente an Menschen und Fremdbestimmtheit von Versuchen gelten anscheinend noch bis in die Nachkriegsjahre hinein allgemein für ethisch vertretbar, wenn sie ohne oder mit nur geringen Schmerzen und ohne Schädigungen von erprobten Ärzten gewissenhaft vorgenommen werden.

Juristische und gerichtsmedizinische Expertisen

Dittrich und Leibbrand teilen die Ansicht, Schaltenbrand habe bei seinen Versuchen an Menschen sich der schweren/gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Es gilt also die infrage kommenden rechtlichen Tatbestände zu prüfen. Zur Klärung des Sachverhalts werden bei Rechtsanwälten und Gerichtsmedizinern Expertisen eingeholt. Die Expertisen kommen zu Ergebnissen, die Schaltenbrand voll entlasten. Die formalrechtlichen Begründungen sind allerdings angesichts der zugrundeliegenden Sachverhalte aus heutiger Sicht problematisch. Die hier zur Diskussion stehenden Fragenkomplexe in kompetenter Weise zu erörtern und unter medizinrechtlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, muss Experten vorbehalten bleiben. Ich lasse es deshalb damit bewenden, aus Gutachten einige Feststellungen zu zitieren.

Prof. Dr. med.  K. Böhmer, Institut für gerichtl. Medizin, 8. Sept. 48.  Gutachterliches Schreiben an Prof. Dr. Dr.  Bodechtel, Medizinische Poliklinik, Düsseldorf; Typoskript. Böhmer erklärt:

„§ 223 b StG.B. [Strafgesetzbuch, hier von 1942] spricht von der körperlichen Misshandlung und von der Beschädigung der Gesundheit. Körperliche Misshandlung aber liegt nur vor, wenn der andere mindestens ein körperliches Missbehagen empfindet. Das mag bei einer Frau der Fall sein, der der Zopf abgeschnitten wird. Es ist aber sicher nicht der Fall gewesen bei den betreffenden Geisteskranken, die schon wegen ihrer Geisteskrankheit die Fähigkeit zu einem neu in ihnen erzeugten Missbehagen verloren haben.

Eine Beschädigung an der Gesundheit liegt aus dem gleichen Grunde nicht vor, weil es sich um bereits schwer kranke Personen handelt, bei denen durch die erfolgten Einspritzungen keine messbare neue Schädigung erzeugt werden konnte…“

„So ist meines Erachtens keine der Rechtsvorschriften über die vorsätzliche Körperverletzung anzuwenden. Der wichtigste Grund ist, dass nur diejenige Körperverletzung überhaupt vorsätzlich verübt ist, bei der der Täter weiss, dass er eine Misshandlung zufügt und diese Misshandlung auch will und bei sich dabei bewusst ist, dass er widerrechtlich handelt … Mindestens hat Herr Schaltenbrand nach seiner ganzen Einstellung, die lediglich einen Heilszweck im Auge hatte, in subjektiver Beziehung die Voraussetzungen dieser Definition nicht erfüllt. Selbst wenn man eine Rechtsverletzung konstruieren wollte, wäre es aus subjektiven Gründen unmöglich, Herrn Schaltenbrand verantwortlich zu machen.“

Einstellung des Verfahrens, 03.01.1949

Am 7. Juli 1948 stellt der Würzburger Rechtsanwalt und Notar Richard Müller I schließlich beim Landgericht Würzburg „in der Anklagesache gegen Herrn Professor Dr. Georg Schaltenband“ den Antrag, das Verfahren einzustellen. In seinem achtseitigen Plädoyer bringt Müller, wie es die institutionelle Rolle eines Verteidigers verlangt, alle Fakten und Argumente vor, die Schaltenbrand entlasten könnten, und legt dazu Gutachten von drei mit der MS-Forschung vertrauten Autoritäten (Prof. Dr. med. Pette; Dozent Dr. med. A. Bannwarth; Prof. Dr. Bodechtel) der Medizin bei. „Diese drei Herren werden als Sachverständige dafür benannt, daß eine Körperverletzung nach den anerkannten Regeln der Heilkunst in den vorgenommenen Versuchen nicht vorliegt.“  Müller gibt in seinem Plädoyer zudem zu bedenken, „daß die Verjährung eingetreten ist, falls man überhaupt irgendeine strafbare Handlung annehmen könnte. Die Verjährung würde nach den allgemeinen Bestimmungen in 5 Jahren eingetreten sein. Da die Versuche bereits auf die Jahre 1940-1941 zurückgehen, liegt Verjährung vor.“

Man könnte, wie Jahrzehnte später Ernst Klee, damalige Plädoyers und Gutachten als bloße Gefälligkeitsleistungen abtun und mit einer Hand vom Tisch wischen.

Schaltenbrand war sich sicher, bei seinen Versuchen nach bestem ärztlichen Wissen und berufsethisch gewissenhaft gehandelt zu haben. Wiederholt betonte er, dass sich seine Versuche im Rahmen zahlreicher anderer Untersuchungen bewegt hätten, die in der in- und ausländischen Literatur bereits veröffentlicht seien. Auf derartige Untersuchungen den Paragraf der Körperverletzung anzuwenden, hielt er für unzulässig (siehe auch Blog-Kapitel 74, S. 6f und 9f). Die rechtliche Situation, in der Mediziner arbeiteten und forschten, sei in vieler Hinsicht prekär und ungeklärt. Er schüttelte aus neurologischer Sicht, wie sein Tagebuch verrät, über das juristische Zopf-ab-Beispiel für Körperverletzung den Kopf. In der Korrespondenz mit Juristen finden sich zahlreiche Hinweise auf die Rechtsverhältnisse und auf Fragen der Verfahrenstaktik und Prozesspraxis. Diese Problematik müsste in einem eigenen Blog-Kapitel abgehandelt werden.

Fünfzig Jahre später

1996/97 setzt der Investigativ-Journalist und Sozialpädagoge Ernst Klee seine ganze moralisierende Kraft und Schwarz-Weiß-Methode dazu ein, Schaltenbrands angebliche Verbrechen in der Fernsehdokumentation „Ärzte ohne Gewissen“ öffentlich anzuprangern und posthum zu verurteilen (siehe hierzu die Blog-Kapitel 41, 64 und 71). Prof. Dr. med. Klaus Toyka, Leiter und Nachfolger in zweiter Generation der von Schaltenbrand von 1935 an aufgebauten Nervenklinik („Kopfklinik“), hatte von den Vorgängen und Auseinandersetzungen der Jahre 1947/48 anscheinend nur geringe Kenntnisse. Toykas Stellungnahme, die er am 15. Oktober 1997 in Reaktion auf die Anschuldigungen Schaltenbrands (und auf die Berichterstattung über „Ärzte ohne Gewissen“) an die Öffentlichkeit richtete, war eilfertig und überstürzt (siehe zu diesem Vorgang Toykas Stellungnahme vom 15. 10.1997; Hartmut Collmann, 2008, S. 16/17). Sie kam einer Verurteilung posthum und ex post gleich. Die Stellungnahme wurde ohne gründliche und gewissenhafte Analysen noch vorhandener biografischer Quellen abgegeben. Es wurde missachtet, was Prof. Dr. Hubert Markl, der frühere Präsident der Max-Planck-Gesellschaft angesichts der damaligen medizinhistorischen Forschung und Presseberichterstattung über „Ärzte ohne Gewissen“ anmahnte (DIE ZEIT Nr. 7, 10. 02. 2000, S. 42). Nämlich die methodischen Grundregeln und Zuverlässigkeitsstandards der historischen Forschung strikt zu beachten und zuerst die Quellen aufzuarbeiten, bevor man angebliche Tatsachen, Halbwahrheiten und fragwürdige Vor-Urteile publiziert und mit einer allzu vagen Zeitgeist-These operiert. Ich komme in einem späteren Kapitel noch einmal auf die Stellungnahme Professor Toykas zurück.

Unveröffentlichte Quellen

(aus dem Nachlass von Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand)

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Tagebuch.

Prof. Dr. G. Schaltenbrand, Brief an Max Dittrich, Forschungsstelle für Hämatologie und Oologie, Friedrichsroda, vom 30. September 1948, Typoskript.

Prof. Dr. G. Stertz, Nervenklinik der Universität München, 1. Dezember 1948, Gutachten über die Monografie Die Multiple Sklerose des Menschen von Prof. Dr. Georges Schaltenbrand vom medizinisch-ethischen Standpunkt aus, Typoskript, 11 Seiten, 1 ½ zeilig, Abschrift.

Prof. Dr. med. Spatz,Institut für Hirnforschung, Dillenburg, Brief vom 9. März 1948 an Prof. Dr. G. Schaltenbrand, Würzburg

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand, Würzburg, Brief vom 27. März 1948 an Rechtsanwalt Dr. Hans Laternser, Typoskript.

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand, Würzburg, Brief vom 21. April 1948 an Rechtsanwalt Dr. Hans Laternser, Wiesbaden, Typoskript.

Dr. Hans Laternser, Wiesbaden, (Antwort-)Brief April 1948], an Prof. Dr. Georges Schaltenband (Original, handsigniert).

Dr. Hans Laternser, Wiesbaden, Brief vom 4. Mai 1948 an Prof. Dr. G. Schaltenbrand, Würzburg (Original, handsigniert).

Max Dittrich, Wissenschaftlicher Schriftsteller, Friedrichsroda, Schreiben vom 23. November 1948 an Herrn Prof. Dr. Georg Schaltenbrand, Würzburg, Typoskript, 19 Seiten, einzeilig.

Prof. Dr. Werner Leibbrand, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt des Bezirksverbandes Ober- und Mittelfranken in Erlangen. Der Herr Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts Bamberg hat mich beauftragt in der Ermittlungssache gegen den Würzburger Nervenarzt Prof. Dr. med. Georg Schaltenbrand wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ein Sachverständigengutachten zu erstatten. Erlangen, den 15. Januar 1948. (Abschrift, Typoskript, 22 Seiten, Privatarchiv Prof. Dr. Alf Mintzel, Passau).

Prof. Dr. med. K. Böhmer, Institut für gerichtliche Medizin, Düsseldorf, Schreiben vom 8. Sept. 1948 an Prof. Dr. Dr. Bodechtel, Medizinische Poliklinik.

 

Weblinks

Menschenversuche in Würzburg https://m,mainpost.de/aktiv-region/terine/freizeit/alt/campus…abgerufen 23.06.2017

Willi Enke https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Enke abgerufen am 22.07.2021

 

Literatur

Wolfgang Benz: Menschenrechte, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage 2007, S. 69f.

Hartmut Collmann: Georg Schaltenbrand (26.11.1897-24-10.1979) Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen 27, 63-92.

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26. 11. 1897-24.10.1979), S. 16/17

Henry Friedländer: Der Weg zum NS-Genozid.

Ute Hoffmann/Dietmar Schulze: „…wird heute in eine andere Anstalt verlegt“ nationalsozialistische Zwangssterilisation und „Euthanasie“ in der Landes-Heil-und Pflegeanstalt Bernburg – eine Dokumentation. 1. Auflage 1997. Regierungspräsidium Dessau. Herausgeber Regierungspräsidium Dessau.

Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 1997 (darin die Seiten 74 ff).

Manfred Vasold: Medizin, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage 2007, S. 259-276. 

74. Das „Schaltenbrand – Experiment“- Fremdnützige, entgrenzte Forschung in der Medizin (III)

Prof. Georges Schaltenbrand contra Prof. Werner Leibbrand

Anfang des Jahres 1948 hatte die Bamberger Generalstaatsanwaltschaft eine Abschrift des Leibbrands Gutachten an Schaltenbrand gesandt und ihn aufgefordert, sich zu den Vorwürfen des Heilpraktikers Max Dittrich zu äußern. Schaltenbrand folgte der Aufforderung und sandte unter dem Datum des 4. März 1948 eine mehrseitige Stellungnahme zu den Anschuldigungen. Er wolle sich in der Kürze der Zeit zunächst nur zur Anzeige äußern. Mit Leibbrands Gutachten werde er sich gesondert befassen. Schaltenbrand verfasste also zwei „Verteidigungsschriften“, wie ich sie nennen möchte, die vom 4. März an die Staatsanwaltschaft gerichtete und danach eine zweite, die er allerdings, wie sein handschriftlicher Vermerk bezeugt, „nicht eingereicht“ hat. Beide enthalten in ganzer Breite und Ausführlichkeit Schaltenbrands ärztliches und wissenschaftliches Denken und Handeln. Beide sind von der Medizingeschichte bis heute nicht in die Diskussion über die Causa Schaltenbrand aufgenommen worden.

Wie beim Gutachten Leibbrands so sehe ich auch bei den beiden Verteidigungsschriften Schaltenbrands zunächst davon ab, den Text zu paraphrasieren und zu kommentieren. Der medizinischen Fachleserschaft und sonstigen Interessierten soll es möglich sein, die originalgetreu wiedergegebenen Texte zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ich will allerdings nicht verhehlen, dass ich die weltanschauliche Position Leibbrands und dessen kulturpessimistische Thesen des Niedergangs nicht teile, aber auch Schaltenbrands Position nur eingeschränkt zustimmen kann. Dazu mehr am Ende dieses Blog-Kapitels.

Schaltenbrand war aufs Äußerste beunruhigt und bangte um seine „ganze Existenz“. Der Ausgang des eben beendeten Nürnberger Ärzteprozesses und die dort gefällten Urteile könnten sich, so befürchtete er, auf das Verfahren, das ihm drohe, negativ auswirken. Der Heilpraktiker Max Dittrich hatte seine Anzeige zeitlich mit dem Ende des Ärzteprozesses abgestimmt, wohl in der Absicht, dadurch eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen: Der Ärzteprozess war am 19. Juli 1947 zu Ende gegangen, Dittrich hatte seine Anzeige am 18. Juli erstattet.

Ich rufe Schaltenbrands Eintrag in seinem Tagebuch in Erinnerung (siehe Block-Kapitel 65). Er schreibt am 29.12.47 freiweg, ohne „Selbstzensur“:

Dokument 1: Auszug aus Schaltenbrands Tagebuch; Eintrag vom 29. XII. 1947

„Das vergangene Jahr [1947] war wohl eines der schlimmsten meines Lebens. Die Denazifizierung, das ewige Warten auf die Wiedereinsetzung ins Amt, die Angst vor der kommenden Auseinandersetzung mit Russland und schließlich auch noch eine Anzeige beim Staatsanwalt wegen meiner M.S.- Versuche haben mir seelisch und körperlich sehr zugesetzt. Die Anzeige stammt von einem Herrn Dietrich [Dittrich – A.M.], Leiter eines hämatologischen Forschungsinstitut in Friedrichroda Russisches Gebiet, den genauen Wortlaut kenne ich noch nicht. Der Generalstaatsanwalt in Bamberg hat die Sache mit dem letzten Exemplar meines Buches an Leibbrand zu Begutachtung weitergegeben, einer der Wortführer der Opposition gegen Menschenversuche, die sich unter dem Eindruck der fürchterlichen Nürnberger Enthüllungen gebildet hat. Dieser Opposition gehören [Alexander – A.M.] Mitscherlich u. [Viktor – A.M.] von Weizsäcker an. Konvertiten und betonte >Humanisten<. In der Angst vor dem grausigen Geschehen in den KZs schlägt das Pendel weit aus, alte Tabus werden wieder sakrosankt, jeder Versuch einer vernünftigen Betrachtung ist gefährlich, >positivistisch<. Die Medizin flieht in romantische Bereiche und verachtet Experiment und ätiologische Forschung. Krankheit ist Schicksal, ja Schuld und Sühne, der Idiot ist heilig. Das nächste Jahr wird mir vielleicht einen Prozess bringen, der meine ganze Existenz vernichtet.“

In einem Brief vom 2.2.1948 an seinen ehemaligen Lehrer und Chef, an Prof. Dr. med. Max Nonne, äußerte Schaltenbrand, Leibbrand habe anscheinend die Absicht, aus der Anzeige und den Ermittlungen „einen großen Fall zu machen und [ihn] vernichtend abzuschlachten“: Leibbrand habe neben Herrn von Weizsäcker „auch an andere Herren geschrieben und sie um ihre Meinung gebeten.“ Leibbrand sei dabei, „Oel auf die Wogen zu gießen“. Allerdings hätten die von Leibbrand Angeschriebenen „mehr oder weniger abgewunken“, während er bereits Zusagen habe.

Mit den Initiativen der Kontrahenten Schaltenbrand/Leibbrand begannen sich in den Korrespondenzen zwei Gruppierungen abzuzeichnen, eine mehr Schaltenbrand gewogene und eine eher auf Distanz gehende. Die argumentativen Spannungslinien gingen quer durch die Koryphäen der Neurologie, Psychiatrie und Hirnforschung.

Schaltenbrand scheute im Frühjahr 1948 nicht davor zurück, sich direkt auch an Leibbrand zu wenden. Er hoffte in einem persönlichen Fachgespräch seine Multiple Sklerose–Forschung wie überhaupt seine Sicht medizinischer Forschung erläutern zu können. Leibbrand zeigte sich in einem Antwortschreiben sperrig, verwies auf seine Geheimhaltungspflicht und sagte, er habe sein Gutachten bereits an die Generalanwaltschaft in Bamberg gesandt, war aber dann doch gesprächsbereit.

[Abbildung: Antwortschreiben W. Leibbrands vom… an Schaltenbrand]

Schaltenbrand fuhr zu diesem Zweck mehrmals nach Nürnberg. Der Gedankenaustausch blieb aber in der Sache insoweit folgenlos, als Leibbrands Gutachten schon in Bamberg eingegangen war. Die weltanschaulichen Gegensätze und die daraus abgeleiteten medizingeschichtlichen Einschätzungen lagen, wie aus den in diesem Blog-Kapitel veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, zu weit auseinander, um in kollegialen Fachgesprächen überbrückt werden zu können.

Dokument 2:Verteidigungsschrift/Stellungnahme Schaltenbrands vom 4. März 1948 an die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg

[Typoskript, Durchschrift, 3 ½ Seiten – A.M.]

„Würzburg, den 4. März 1948

Einliegend sende ich das Gutachten von Herrn Prof. Leibbrand zurück. Ich möchte mich vorläufig lediglich zu der Anzeige äußern.

Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals mit Herrn Dittrich etwas zu tun gehabt habe.

Meine Untersuchungen zum Problem der Multiplen Sklerose habe ich mit allen Protokollen ausführlich veröffentlicht und darüber mehrere wissenschaftliche Vorträge gehalten. Mein Buch ist im In- und im Ausland frei verkauft worden, und ich habe es auch an meine wissenschaftlichen Freunde in die Schweiz, nach Portugal, nach Holland und in die Vereinigten Staaten geschickt.

Die Versuche, die mir durch die Anzeige als „unmenschlich“ vorgeworfen werden, bilden einen wesentlichen Baustein im Gange der ganzen Forschungsarbeit. Diese Versuche habe ich selbst durchgeführt. Die Ärzte und meine Mitarbeiter, die mir dabei geholfen haben, wurden von mir dahin unterrichtet, daß ähnliche Untersuchungen auf anderen Gebieten im In- und Auslande zu Hunderten angestellt und veröffentlicht worden sind. Ich habe darauf hingewiesen, daß eine Gefährdung oder Schädigung der Versuchspersonen praktisch nicht vorliege, daß aber wegen des entfernten Risikos von 1 zu 1000 ein Teil der Versuche nur an verblödeten Patienten durchgeführt werden dürfe.

Die Möglichkeit, daß katatone Patienten und Patientinnen mit malignen Tumoren durch diese Versuche günstig beeinflußt werden, lag vor, weil ich trotz der außerordentlichen Häufigkeit dieser Erkrankung ein gemeinsames Vorkommen von Multipler Sklerose und Katatonien ebensowenig beobachtet habe, wie von Multipler Sklerose und malignen Tumoren.

Auch in der Weltliteratur ist über ein solches Vorkommnis noch nichts bekannt, während das Zusammentreffen von Multipler Sklerose mit entzündlichen Infektionskrankheiten aller Art und mit Rheumatismus wohl bekannt und häufig beobachtet ist. Eine ausführliche Auseinandersetzung hierüber findet sich in der anliegenden unveröffentlichten Arbeit.

Diese Aussichten auf Entwicklung einer neuen Heilmethode waren überhaupt die Voraussetzung, unter der mir die Durchführung der Versuche in der Heil- und Pflegeanstalt erlaubt erschien und auch durch den Leiter der Anstalt erlaubt wurde.

Eine gesetzliche Regelung über die Zu- oder Unzuläßigkeit solcher Versuche existierte in Deutschland nicht, sondern der Arzt mußte hier für sich persönlich eine Entscheidung fällen. Es wurde lediglich von ihm verlangt, daß sein Verhalten nicht gegen die guten Sitten verstoße.

Die persönliche Stellungnahme der Forscher und Ärzte zu solchen Versuchen ist uneinheitlich und hängt, ebenso wie die verwandte Frage der Zuläßigkeit von Sektionen, Schwangerschaftsunterbrechungen, von weltanschaulichen Überzeugungen ab. Die Anschauungen wandeln sich auch im Laufe wissenschaftlicher Entdeckungen und Erkenntnisse.

Die praktische Einstellung der Ärzteschafft erkennt man am besten aus der wissenschaftlichen Literatur. Es geht daraus hervor, daß solche Versuche innerhalb gewisser Grenzen, außer in Deutschland auch in U.S.A., England und in anderen Ländern für zulässig angesehen werden. Manche dieser Versuche haben Opfer gefordert, das war bei meinen Versuchen nicht der Fall. Viele bedeutende Entdeckungen der Medizin sind auf solche Versuche zurückzuführen. Versuche am Menschen werden in der Weltliteratur hauptsächlich in folgender Form angestellt:

1,) Es werden Eingriffe, die zur Erkennung und Behandlung von Krankheiten notwendig sind, benutzt, um neue Erkenntnisse über die Natur von menschlichen Organismen zu gewinnen. Hierzu gehören z. B. Reizung der freigelegten Hirnrinde bei Operationen zum Studium der Zentren für die einzelnen Körperbewegungen. Hierher gehört die Entfernung ungewöhnlich großer Hirnabschnitte bei bösartigen Gliomen, bei denen die Persönlichkeitsveränderungen und seelischen Defekte studiert wurden, und das Studium der elektrischen Aktivität des freigelegten Gehirns.

2.) Eine weitere Ggruppe von Versuchen am Menschen besteht in der Entwicklung neuer Heilmethoden gegen Krankheiten. Das Schema dieser Untersuchungen ist meist das, daß eine zweite Erkrankung auf die erste aufgepfropft wird. Man versuchte dies besonders dann, wenn beide Erkrankungen sich gegenseitig auszuschließe scheinen, so daß der Verdacht naheliegt, die eine Krankheit schütze vor der anderen oder heile diese. Auf dieser Grundlage beruhte die Entdeckung der Heilwirkung der Malaria und des Rückfallfiebers auf die Paralyse, die Heilwirkung künstlicher Epilepsie auf beginnende Schizophrenie. Diese Fragestellung war ein Bestandteil unseres Versuchsplanes.

3.) Schlußsteinuntersuchungen über eine erworbene oder künstlich erzeugte Immunität (stille Feiung) gegen eine Infektion. Das bekannteste Beispiel in der Literatur ist wohl die Begründung der Pockenimpfung durch den berühmten englischen Arzt Jennert. Impfung eines Kindes mit Kuhpocken, nachherige Infektionsversuche mit echten Pocken. Besonders auf dem Gebiete der Haut- und Geschlechtskrankheiten sind hier viele Versuche gemacht worden.

4.) Eine weitere Gruppe von Versuchen wurde an Geisteskranken aus reinen Forschungszwecken vorgenommen, z.B. Alkoholintoxikation zum Zwecke der Blutalkoholbestimmung; Entnahme von Hirngewebe bei Geisteskranken zum Zwecke der anatomischen Untersuchung; intensive Röntgenbestrahlung des Gehirns unheilbarer Geisteskranker zum Zwecke des Stadiums der histologischen Veränderungen.

Ich gestehe, daß viele der erwähnten Versuche mir selbst zu gewagt erscheinen, als daß ich sie unternommen hätte. Ich habe zum Beispiel viele Jahre mit mir gekämpft, ob ich bei geistigen Erkrankungen die Entfernung eines Hirnteiles vornehmen sollte; ich habe es dann unterlassen. Später hat der Portugiese Moniz diesen Schritt gewagt, und heute ist diese Methode ein in den Vereinigten Staaten und in der ganzen Welt angewandtes Verfahren.

Drei Grundregeln werden von den meisten – nicht allen – Autoren offenbar eingehalten:

  • Bei Behandlungsversuchen erscheint ein umso größeres Risiko erlaubt, je verzweifelter und hoffnungsloser die Lage des Kranken ist.
  • Anderweitige Versuche, die ein gewisses Risiko einschließen, werden nur an Imbezillen und Dementen vorgenommen.
  • Es dürfen keine Versuche vorgenommen werden, welche die Kranken quälen, Schmerzen verursachen, in einer Verstümmlung bestehen oder das Leben verkürzen.

Nach diesen Gesichtspunkten habe ich mich gerichtet. Ich möchte noch hinzufügen, daß durch keinen meiner Versuche ein Patient getötet und daß bei keinem meiner Patienten das Leben verkürzt wurde, daß ich auch bei keinem der Patienten anderweitig den Tod herbeigeführt habe, und daß keine der Versuchspersonen an Multipler Sklerose wirklich erkrankt ist. Keine der Versuchspersonen hatte irgendwelche Schmerzen durch mich erlitten, in keinem Falle wurde Gewalt angewendet. Die einzige Versuchsperson, die man wegen ihres Geisteszustandes noch um ihr Einverständnis fragen konnte, war mit der Injektion zum Zwecke eines letzten Behandlungsversuches einverstanden.  

       Auf mein Buch hin habe ich zahlreiche Zuschriften erhalten, und zahlreiche Rezensionen sind in wissenschaftlichen Zeitschriften des In- und Auslandes erschienen. In den meisten Rezensionen ist das Buch mit Achtung besprochen worden. Die Richtigkeit meiner Ansicht, daß die Multiple Sklerose eine Infektionskrankheit sei, die ich in abortiver [harmloser – A.M.] Form übertragen habe, ist von der Mehrzahl der Kritiker abgelehnt worden. Ein Einspruch gegen die Versuche selbst ist weder privat noch öffentlich je erfolgt.

Mein Buch hatte damals lediglich die Ursachen und die Behandlung der Multiplen Sklerose zum Thema. Eine vorzeitige Mitteilung unserer therapeutischen Gedanken hätte unsere Priorität gefährdet. Von heute aus gesehen wäre es allerdings besser gewesen, wenn ich auch unsere therapeutischen Überlegungen damals mitgeteilt hätte, denn dann wären Anzeigen, wie die von Herrn Dittrich und ein Gutachten wie das von Herrn Prof. Leibbrand kaum möglich gewesen. Die Versuche mußten abgebrochen werden, weil die Heil- und Pflegeanstalt plötzlich geräumt wurde. Weil kurz nachher die ersten Nachrichten über die Euthanasie-Aktion in die Öffentlichkeit durchsickerten, habe ich es vorgezogen, über diesen ganzen Teil meines Versuchsplanes zu schweigen.

Zu dem Gutachten von Prof. Leibbrand kann ich mich in der Kürze der Zeit noch nicht abschließend äußern. Ich möchte nur mich jetzt schon energisch dagegen verwahren, daß ich irgendwie unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Denkungsweise oder Gesetzgebung gehandelt hätte. Die Einbeziehung der politischen Geschehnisse der letzten Jahrzehnte in das Gutachten verschiebt das ganze Problem auf eine falsche Ebene. Das geht schon allein aus der folgenden Tatsache hervor: Der Film „Ich klage an“ nahm ausgerechnet die Multiple Sklerose als Thema zur Rechtfertigung der Euthanasie, und man mußte auf Grund dieses Filmes für Patienten mit schwerer Multipler Sklerose ein Schicksal befürchten, wie es dann die Geisteskranken und Schwachsinnigen tatsächlich getroffen hat. Durch meine Untersuchungen, durch mein Buch und durch persönliche Interventionen habe ich zu dem schließlichen Verbot dieses Filmes beitragen können und wahrscheinlich auch dazu, daß viele Tausende von Menschen mit Multipler Sklerose das Leben gerettet wurde.

Ich habe bei meinen ganzen Unternehmungen lediglich Dinge getan, die ich vor meinem Gewissen verantworten zu können glaube. Die Öffentlichkeit meiner Publikation ist dafür wohl der beste Beweis.  Herr Prof Leibbrand ist weder Neurologe, noch hat er je experimentell gearbeitet. Ihm sind deswegen die Probleme meines Fachgebietes, in Besonderheit die Multiple Sklerose nicht bekannt, ganz abgesehen davon, daß ihm auch ein Teil der wesentlichsten Voraussetzungen meiner Versuche nach Lage der Umstände nicht bekannt sein konnte.

Ich werde mich zu seinem Gutachten ausführlich äußern und bitte die Staatsanwaltschaft, dann die gesamten Akten zur Beurteilung Prof. Dr. Pette, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik, Hamburg zuzuleiten, der ein hervorragender Kenner dieses Fachgebetes ist, sowie Prof. Dr. v. Weizsäcker, dem jetzigen Vorstand der Gesellschaft deutscher Nervenärzte, Prof. Nonne, Hamburg, dem Nestor der Deutschen Nervenheilkunde und als besonderen Kenner der Multiplen Sklerose Herr Dozenten Dr. Bannwarth, München, dem Vorsitzenden des Deutschen Internisten-Kongresses Prof. Martini, Bonn, sowie als Anatomen, der in er Lage ist, die von mir beschriebenen anatomischen Befunde zu beurteilen; Prof. Dr. Spatz, Kaiser-Wilhelm-Institut, Dillenburg / Lahn.

Ich bitte, die vorgeschlagenen Gutachter zu einer Stellungnahme aufzufordern zu meiner Auffassung:

  • daß der Tatbestand der Körperverletzung nicht vorgelegen hat und daß ich keine objektiven Schäden bei meinen Patienten gesetzt habe,
  • daß meine Untersuchungen sich im Rahmen zahlreicher anderer Untersuchungen bewegt haben, die in der Literatur bereits veröffentlich sind und
  • daß es unzuläßig ist, auf derartige Untersuchungen den § der Körperverletzung anzuwenden,

Gez. Prof. Dr. Schaltenbrand.“

Ende des Typoskripts vom 4. März 1948.

In seiner zweiten Verteidigungsschrift, die ich im Folgenden als Dokument 3 veröffentliche, setzt sich Schaltenbrand mit dem „historischen Gemälde“ Leibbrands und dessen weltanschaulichen Implikationen auseinander. Er baut, dem Duktus des Gutachtens Leibbrands folgend, eine Gegenposition auf, in der er sich nach zwei Seiten abgrenzt: klar und scharf gegen die in Nürnberg abgeurteilten Verbrechen der NS-Medizin und entschieden gegen weltanschaulich-dogmatische Einschränkungen und Gängelungen der Medizin, die den Erkenntnisfortschritt allzu sehr hemmen oder gar unmöglich machen. Er wirft Leibbrand vor, „daß er den prinzipiellen Unterschied, der zwischen solchen offensichtlichen Verbrechen und (s)einen eigenen Versuchen liegt, mit keinem Wort erläutert hat.“ Leibbrand sei einer prinzipiell falschen Einstellung zum Opfer gefallen. Die moderne Medizin habe unendlich viele Fortschritte in der Erkennung und Behandlung von Krankheiten ausschließlich Versuchen an Menschen zu verdanken. Es ginge vor allem darum, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu finden und so auszugestalten, dass medizinischer Erkenntnisfortschritt ermöglicht und gefördert wird, verbrecherische Praktiken hingegen verhindert werden. „Erschwert man die wissenschaftliche Forschung allzu sehr, so macht man sich ebenfalls an der Tötung von Menschen und an der Verlängerung ihres Lebens schuldig.“ Schaltenbrand schlägt einen pragmatisch- flexiblen Weg vor, der sich an Kants Maxime orientiert: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Er mahnt eine „vernünftige Betrachtung“ (siehe Dokument 1) an, empfiehlt für die ärztliche Handlungsfreiheit eine praktische Ethik.

Dokument 3:Zweite schriftliche Stellungnahme Schaltenbrands zum Gutachten von Werner Leibbrand

(Undatiert, 1948, Typoskript, 10 Seiten, handschriftlicher Vermerk: „nicht eingereicht“)

[Anfang des Typoskripts:]

Nachdem Leibbrand ein historisches Gemälde von der modernen Medizin gezeichnet hat, bei der er diese als eine Vergötzung der Naturwissenschaften und des ästhetischen Weltbildes zu Gunsten einer religiösen oder philosophischen Betrachtungsweise bezeichnet, beschreibt er das Experiment  als Ausdruck des Machtdenkens im politischen und geistigen Lebens und als Ausdruck nietzscheanisch-biologistisch-materialistischen Denkens, und begeht dann die Sureptio, mich, den er überhaupt nicht kennt, als ein „typisches Beispiel dieser unärztlichen Forscher“ zu bezeichnen. Am Schlußsatz seines Gutachtens schlägt Leibbrand vor, mich wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und schwerer Körperverletzung zu betrafen, obwohl aus seinem eigenen Gutachten hervorgeht, dass meine Versuche, wie sie in der 1. Auflage meines Buches geschildert sind, sich in den Grenzen von zahlreichen anderen in der Literatur veröffentlichen Arbeiten halten. Moll erwähnt, wie Leibbrand zitiert, bereits 600 Veröffentlichungen, es dürften inzwischen bereits einige Tausend geworden sein. Ich selbst habe allein aus wenigen Jahrgängen des Arch. of Neurol. and Psych. 20 entsprechende Arbeiten herausgesucht, die verwandte Fragestellung und ähnliche Versuchstechnik haben, und die zum Teil mit einer wesentlich stärkeren Gefährdung der Versuchspersonen verbunden waren.

Wenn man das Handbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten durchsieht, so findet man in den etwa 20 Bänden dieses Sammelwerkes keine Krankheit, bei der nicht eine größere Zahl von Übertragungsversuchen durch zahlreiche Autoren des In- und Auslandes gemacht worden waren. Die Frage, ob alle diese Versuche strafbar sind, weil sie von Herrn Moll getadelt und von Herrn Leibbrand nicht gebilligt werden, ist m. E. ein juristisches Problem und es geht zu weit, wenn Herr Leibbrand deswegen empfiehlt, mich zu bestrafen, weil der Grundsatz >nulla poena sine lege< bei einem Verbrechen nicht angewandt werden dürfte, bloß weil durch einen Banditenhäuptling entgegenstehende Gesetze   aufgehoben worden sind. Eine derartige Argumentation trifft auf die zahlreichen Untersuchungen in anderen Ländern und vor der Machtergreifung Adolf Hitlers auch in Deutschland nicht zu. Es gibt eine romantisch-pietistische Richtung in der Medizin, welche alle experimentelle Forschung als unwesentlich ansieht und welche die seelischen Ursachen einer Krankheit in den Vordergrund schiebt. Für sie ist die Krankheit Sendung und Aufgabe, mit der der Mensch seelisch fertig werden muß. Konsequenterweise müßte diese Richtung der Heilkunde jede Arzneibehandlung und jede Operation ablehnen. Letzten Endes dürfte ein Vertreter dieser Richtung nicht einmal einen Blitzableiter auf sein Haus setzen, weil dies ein Eingreifen in den Willen Gottes ist. So groß meine persönliche Hochachtung vor den hervorragenden Ärzten dieser weltanschaulichen Richtung ist, so halte ich sie doch für im Ansatz falsch und auch für eine Überziehung der Aufgabe des Arztes, der so zu einem reinen Seelsorger der Patienten wird. Der Kranke will von seinem Arzt in erster Linie geheilt sein. Wenn er sich dem Arzte zu eröffnen bereit ist und seine seelischen Konflikte mit ihm berät, so ist das eine wesentliche Erleichterung und Ergänzung der Behandlung, aber es ist nicht die primäre Aufgabe des Arztes Es ist ein Unrecht, wenn der Arzt sie zur Bedingung macht, unter der dem Kranken die Heilung ermöglicht.

Die Frage ist, woher entstehen so verschiedenartige Auffassungen über die Indikation zu Experimenten an Menschen. –  Die Veränderungen der Rechtsauffassung über viele derartige strittige Fragen im Laufe der Jahrhunderte sind nicht Ausdruck einer materialistisch-positivistischen Gesinnung, sondern sie sind durchaus auf dem Boden des Naturrechts erklärbar. Zum Teil erklären sich diese Veränderungen der Auffassung daraus, daß immer wieder rein aesthetische Fragen mit ethischen Fragen verwechselt wurden, zum Teil aber auch daraus, daß die ethischen Fragen selbst durch die Zunahme unserer Kenntnisse und unseres Wissens an immer wieder veränderter Situation erprobt werden müssen. Dabei ist es unzulässig, rein dogmatisch fixierte Formulierungen einer Entscheidung zu Grunde zu legen und es geschieht dies auch nirgends. So sieht z B. das Gesetzbuch ausdrücklich Abweichungen von dem kirchlich fixierten Standpunkt vor, daß eine Unterbrechung der Schwangerschaft unter keinen Umständen erfolgen dürfe und ebenso wenig betrachtet es das Gesetz als einen Mord, wenn der Geburtshelfer sich genötigt sieht, das Leben des Kindes zu opfern um das der Mutter zu retten, während die kirchliche Dogmatik verlangt, daß, wenn eine solche Alternative vorliegt, das Leben der Mutter geopfert werden müsse, um das des Kindes zu retten. Es ist das eine Entscheidung, gegen die sich das Rechtsgefühl eines großen Teiles der Ärzteschaft empört.

Die Ausübung des Arztberufes vollzieht sich, ebenso wie die ärztliche Forschungstätigkeit, unter zahlreichen Bedingungen, die dem Laien zunächst abstößig erscheinen und die eine unmittelbare Revolte des Gefühls auslösen. Ich erinnere nur daran, daß die meisten Studenten der Medizin ein Übelkeitsgefühl überwinden müssen, ehe es ihnen gelingt, die ersten Sektionen durchzuführen, und daß es ihnen ebenso ergeht, wenn sie zum ersten Mal einen Operationssaal betreten und die willkürliche Verletzung eines lebenden Körpers durch das Messer des Chirurgen mit ansehen. Diese rein gefühlsmäßige Empörung entspringt aber nicht ethischen Erkenntnisquellen, sondern aus solchen der Aesthetik und Tradition. Es werden hier gewisse Tabus verletzt, die von der Heilkunde im Laufe der Jahrtausende, oft nach erbitterten Kämpfen, aufgehoben worden sind. Auch der Arzt selbst, der allmählich einen Teil dieser Hemmungen überwunden hat, bleibt niemals ganz frei davon. Die meisten Ärzte finden es z. B. schwierig, ihre eigenen Angehörigen zu untersuchen, oder gar operative Eingriffe an ihnen vorzunehmen. Eine gewisse Distanzierung ist dazu nötig, um das zu tun, was für den Kranken notwendig ist und heilsam ist. Wie leicht hier ethische und aesthetische Gesichtspunkte verwechselt werden, möge folgende Beispiele zeigen.

Es ist heute Gang und Gäbe, von frisch Verstorbenen Hornhaut des Auges zu entnehmen, um sie blinden Menschen einzupflanzen, die man dadurch wiedersehend machen kann. Dieser Versuch gelingt nur dann, wenn das entnommene Gewebe selbst noch lebt. Die Bestimmung, wann der Tod eingetreten ist, ist für den Mediziner eine fast unlösbare Frage, bzw. eine solche der Konvention. Es ist üblich, den Menschen als tot zu bezeichnen, wenn Herzschlag und Atmung erloschen sind. Für eine gewisse Zeit können diese durch künstliche Reizmittel, wie Einspritzungen ins Herz, wieder angeregt werden. Wenn dies zu einer Rückkehr der Lebensfunktionen führt, so spricht man nicht von Tod, sondern von Scheintod. Wirklich abgeschlossen ist der Vorgang des Sterbens erst dann, wenn auch die Körpergewebe selbst ihre Lebenstätigkeit aufgegeben haben, was bei einzelnen Geweben, wie z. B. der menschlichen Haut, wahrscheinlich viele Stunden dauert.

Wer nun aus aesthetischen Rücksichten auf diese Tatsachen, auf die Entnahme von Hornhaut zum Zwecke der Überpflanzung auf das Auge lebender Menschen verzichtet, der schädigt diese anderen Menschen wie jemand, der einen anderen zur Erblindung bringt. Die Unterlassung der Körperverletzung an dem sterbenden Körper ist deswegen einer Körperverletzung am lebenden gleichzusetzen.

In lebhafter Diskussion ist heute die Zulässigkeit von Eingriffen an Verblödeten.

In Bezug auf solche Eingriffe hat sich in den Heil- und Pflegeanstalten aller Länder eine gewisse Tradition entwickelt die nicht erst auf das dritte Reich zurückzuführen ist, so daß man von dem Vorhandensein einer Usance oder Gepflogenheit sprechen kann, deren Berechtigung sich heute in Frage gestellt wird. Das geht nicht nur aus den wissenschaftlichen Arbeiten hervor, die in großer Zahl zitiert worden sind, sondern ist auch jedem Anstaltsarzt bekannt. Z. B. wurde bisher in den meisten Heil- und Pflegeanstalten, welche sich mit der Malariabehandlung der Paralyse befassen, der Malariastamm wenn eine zeitlang nicht genügend Paralytiker zur Behandlung eingewiesen wurden, für einige Zeit auf Verblödete [„Verblödete“ gestrichen und mit Bleistift „alte Katatone“ eingesetzt – A.M.] überimpft, damit ein etwa schwer zu beschaffender guter Tertianastamm der Anstalt nicht verloren geht. Durch diese Verimpfung wird bei den Verblödeten [Verblödete mit Bleistift gestrichen und durch Katatonen ergänzt – A. M.] eine vorübergehende Erkrankung ausgelöst, die aber bei denselben keinen Schaden setzt. Verzichtet man auf diesen Kunstgriff was vielleicht bei einer neuen Gesetzgebung notwendig wird, so gefährdet man die Behandlung noch aussichtsreicher Paralytiker, weil es einem passieren kann, daß in einem kritischen Stadium derselben, ein geeigneter Malariastamm nicht zur Verfügung steht.

Eine ähnliche Situation ergibt sich bei Einführung neuer Heilverfahren [„und bei Unterrichtung junger Ärzte in den gebräuchlichen ärztlichen Eingriffen“ mit Bleistift gestrichen – A. M.].  Zum Beispiel war es bisher allgemein üblich, neue diagnostische Methoden nach der Durchprobung im Tierversuch erst einmal bei Idioten in Anwendung zu bringen, ehe man es wagte, sie bei Menschen zu versuchen, die aller Voraussicht nach wieder gesund werden und denen man ein solches Risiko nicht zumuten möchte. Wenn eine neue Fassung der Gesetzgebung solche Vorversuche an Idioten unmöglich macht, so gefährdet man andere Menschen, denen die Erfahrungen an Idioten zugutekommen. Ähnliche Regeln beobachten wir, wenn junge Ärzte in bestimmten diagnostischen Eingriffen geschult werden, die in der Hand des unerfahrenen Arztes gefährlich werden können, z. B. bei Anwendung der Intubation oder Zysternenpunktion. Es ist allgemein üblich, daß der angehende Arzt diese Eingriffe zunächst an der Leiche lernt, bevor er sie am lebenden Menschen ausübt und auch hier lässt man ihn zunächst unter Aufsicht den Eingriff an solchen Kranken versuchen, bei denen man nach Lage der Dinge ein nennenswerter Schaden nicht gesetzt werden kann, wie z. B. an Idioten. Erst, wenn der Arzt hier gezeigt hat, daß er die Technik sicher beherrscht, kann man ihm guten Gewissens erlauben, den Eingriff auch an geistig gesunden Menschen bzw. an solchen Menschen zu machen, die aller Wahrscheinlichkeit nach von ihrer Erkrankung wieder genesen können. Dieses Rechtsgefühl von wirklichen Kennern des Gebietes ist eine der wichtigsten Erkenntnisquellen, aus denen eine Rechtsschöpfung in bisher strittigen Fragen entstehen kann. Dieses Rechtsgefühl ist das primäre und eine sekundäre, ethisch philosophische Untersuchung muß und kann dann erweisen, auf welche Wahrnehmungen und Empfindungen eine derartige Entscheidung beruht.

Warum haben wohl zahlreiche Forscher von Rang und Namen, die in ihrem Privatleben weder gemordet noch geraubt, noch gestohlen haben, sich zu solchen Versuchen entschlossen? Handelt es sich wirklich nur um eine Forschungsmanie und reine Neugier?

Diese Frage kann wohl nur beantworten, wer selbst experimentell gearbeitet hat; er kennt die Schwierigkeiten, denen ein gewissenhafter Forscher ausgesetzt ist. Es steht dahinter nicht nur der Trieb nach Erkenntnis und nach Erforschung der Wahrheit, sondern auch das Bedürfnis Menschen zu helfen und ihre Leiden zu heilen. Durch Urteile und gesetzgeberische Maßnahmen, welche die Handlungsfreiheit verantwortungsbewußter Ärzte allzu sehr zu beschränken, könnte wohl mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet werden.

Leibbrand sieht derartige Überlegungen als verwerflich an, weil bei ihnen das Individuum zu ungunsten des Kollektivs oder irgendwelcher „Übermenschen“ entrechtet werde. Es handelt sich aber hierbei um einen Interessenkonflikt, nicht zwischen einem anonymen Kollektiv oder einen Übermenschen und irgendwelchen kranken Individuen, und zwar solchen, denen durch bestimmte Maßnahmen an anderen Individuen geholfen werden könnte, und solchen, denen selbst nicht mehr zu helfen ist. Bei einem Interessenkonflikt muß aber so entschieden werden, daß die Interessen aller Beteiligten gegeneinander abgewogen werden. Es muß eine Entscheidung gefällt werden, die bei ausreichender Einsicht von allen Beteiligten anerkannt und zu einer allgemein gültigen Maxime erhoben werden könnte Die Tatsache, daß das Leben bestimmter Menschen durch Eingriffe an anderen erhalten werden könnte, kann zu einer Duldungspflicht für diese anderen Menschen werden. Natürlich dürften durch eine derartige Duldungspflicht Rechte nicht verletzt werden. Solche Rechte werden nun von Leibbrand in dem Tatbestand gesehen, da der Andere ebenfalls ein Individuum ist; v. Weizsäcker dagegen spricht von Menschenrechten. Der Ansatz beider Betrachtungsweisen ist unzulänglich. Auch ein Kristall und eine Pflanze sind Individuen und trotzdem wird man beiden keine Rechte zusprechen können. Das Menschsein ergibt sich aus der menschlichen Abstammung, es träfe auch für einen Haufen künstlich ernährter, überlebender Organe und Gewebe zu, den man, wie es heute technisch möglich ist, in einem Brutschrank züchtet. Deswegen kann diese Argumentation nicht richtig sein, sondern die entscheidende Bedingung für den Genuß und den Besitz von Rechten ist die Existenz einer Persönlichkeit oder einer potentiellen Persönlichkeit. Daraus leiten sich z.B. die Rechte des Ungeborenen im Mutterleib ebenso ab, wie die des entmündigten Geisteskranken, bei dem noch eine Heilung erwartet werden kann. Ist nach menschlichem Ermessen eine Heilung nicht mehr möglich, weil die Voraussetzungen einer Persönlichkeit, z.B. infolge Fehlens des Gehirns oder wegen einer schweren, persönlichkeits-zerstörenden Krankheit nicht mehr gegeben sind,  so entsteht für das Rechtsgefühl des Arztes eine neue Situation, die bisher in keiner Weise in der Gesetzgebung verankert ist, die aber selbst als Rechtserkenntnis eine rechtsschaffende Wirkung haben muß und haben wird [muß und haben wird mit Bleistift gestrichen; dafür „sollte“ – A. M.]. Die ungeklärte Rechtsstellung solcher unmündiger Individuen menschlicher Abstammung auf die der Begriff der Person nicht anwendbar ist oder nicht mehr anwendbar werden kann, ist von der Menschheit seit Jahrtausenden empfunden worden und diese Empfindung spiegelt sich schon in Platos Staat wider. Dabei kann man Plato wohl kaum als Nationalsozialisten bezeichnen. Die Auffassung findet sich nicht nur in dem bekannten Werk von Binding und Hoche, sondern es haben auch amerikanische Gelehrte einen ähnlichen Standpunkt angenommen, z.B. Lennox. Ähnliche Überlegungen gelten auch für die Motivierung der Sterilisationsgesetze. Sie werden zwar von Leibbrand nicht erwähnt, aber er könnte sie genauso gut als eine typische Ausgeburt des dritten Reiches und einer positivistischen Nietzscheanischen Geisteshaltung ansehen, obwohl sie längst vor Adolf Hitler in der Schweiz und zahlreichen amerikanischen Bundesstaaten angewandt wurde.

Es geht nicht an, die Rechtsprechung nur auf Individualrechte einer Gruppe von Menschen aufzubauen, sondern die Rechte der anderen Menschen und der kommenden Generation müssen dagegen abgewogen werden. Der vermeintliche Schutz eines Individuums führt sonst zu einer Verletzung von Interessen anderer. Diese Interessenverletzung kann bei den anderen Krankheit und Tod herbeiführen. Man kann durch falsche Entscheidungen hier in ähnlicher Weise Unrecht herbeiführen [„herbeiführen“ mit Bleistift gestrichen, dafür „tun“ – A. M.], wie durch die Unterlassung anderer ebenso wichtiger Maßnahmen. Unsere moderne Medizin hat z. B. dazu geführt, daß wir durch eine Insulinbehandlung die Lebenserwartung eines Diabetikers um viele Jahre verlängern können.  Unterlasen wir diese Insulinbehandlung, so führen wir seinen Tod herbei. Ebenso kann man einen Perniciosa-Kranken töten, indem man die lebensrettende Leberbehandlung unterläßt. Es ist dies eine Form des Mordes, die nur durch die moderne Entwicklung der Heilkunde möglich geworden ist. Erschwert man die wissenschaftliche Forschung allzu sehr, so macht man sich ebenfalls an der Tötung von Menschen und an der Verlängerung ihrer Leiden schuldig. Dies ist ein Gesichtspunkt, der bei allen Entscheidungen über derartige Fragen wohl überlegt werden sollte. M. E. ist, wie alle ethischen Fragen auch diese am einfachsten auf die Formel reduziert: >Was du nicht wünscht, daß dir man tu, das füg auch keinem andern zu<. Wendet man diese Formel auf die von mir vorgenommenen Untersuchungen an, so muß ich dazu sagen, dass ich keinerlei Einwendungen dagegen hätte, daß, wenn ich jemals hoffnungslos verblöden sollte, oder an einer hoffnungslos zum Tode führenden Krankheit leiden sollte, bei mir irgendwelche Versuche mit Mitteln unternommen würden, wie ich sie angestellt habe.  Indessen würde ich mich sehr ernstlich dagegen verwahren, wenn man mich bei geistiger Gesundheit, bloß deswegen, weil ich andersgläubig, oder Kriegsgefangener, oder anderer Rasse wäre, durch irgendwelche Grausamkeiten wie Erstickung, Abkühlung, oder Verstümmelung langsam zu Tode quälen würde, wie dies offensichtlich bei den in Nürnberg abgeurteilten Verbrechern geschehen ist. Ich kann dem Gutachter, Prof. Dr. Leibbrand, den Vorwurf nicht ersparen, daß er den prinzipiellen Unterschied, der zwischen solchen offensichtlichen Verbrechen und meinen eigenen Versuchen liegt, mit keinem Wort erläutert hat. Es handelt sich hier um eine prinzipiell falsche Einstellung, der Leibbrand auch an anderer Stelle zum Opfer gefallen ist, nämlich in seinem Aufsatz über die >Heilung< durch den Schock, der vor kurzem im 2. Heft des Jahrganges 1947 der „Wandlung“ erschienen ist. In diesem Aufsatz stellt er diese Behandlungsmethode als fragwürdig hin, weil die Methode grausam für den Laien erscheinen könnte, und weil Ärzte, die diese Methode anwenden, grausame Träume haben. In den Erwiderungen von Prof. Zutt und Dr. v. Bayer im 1. Heft des Jahrganges 1948 der >Wandlung< wird eingehend dargelegt, wie einseitig und gefährlich irreführend derartige Darstellungen sind. In meinem Falle wird durch eine solch überspitzte und irreführende Formulierung das persönliche Ansehen eines anerkannten Arztes und Hochschullehrers aufs Äußerste gefährdet.

Die moderne Medizin hat unendlich viele Fortschritte in der Erkennung und Behandlung von Krankheiten ausschließlich Versuchen an Menschen zu verdanken. Es sind sicherlich mehr derartige Versuche gemacht worden, als in der wissenschaftlichen Literatur mitgeteilt wurden. Denn man pflegt im Allgemeinen ein Heilverfahren oder eine Entdeckung erst dann zu veröffentlichen, wenn sie vollkommen hieb- und stichfest ist. Es wird von nahezu allen Forschern berichtet, daß sie die ersten Versuche mit irgend einem neuen Verfahren an Menschen mit großer Angst und Sorge vorgenommen haben, weil sie nicht wußten, ob der Schritt in wissenschaftliches Neuland nicht zu einer Schädigung des Kranken und zu Beschuldigungen des Arztes führen könnte Die Rechtssprechung und die Gesetzgebung müssen dafür Sorge tragen, dass diese Hemmungen erhalten bleiben. Andererseits muß aber auch jedes Urteil und jedes neue Gesetz sehr sorgfältig in der Richtung hin überlegt werden, ob nicht dadurch die notwendige Weiterentwicklung der Heilkunde beeinträchtigt, und mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Wenn man mich, so wie dies Herr Leibbrand vorschlägt, aus tausend anderen Forschern der ganzen Welt herausgreift und bestraft, so würden entsprechende Prozesse gar kein Ende mehr finden, denn es ist nicht einzusehen, warum man nur eine Einzelpersönlichkeit auf Grund einer Denunziation herausgreift und an ihr ein Exempel äußerster Fragwürdigkeit statuiert. Die ernsthafte wissenschaftliche Krankheitsforschung aber würde aufs Schwerste gehemmt und entmutigt werden.“

[Ende des Typoskripts]

Die gerichtlichen Ermittlungen und ihr Ergebnis, die Einstellung des Verfahrens, wurden bisher in der einschlägigen (Fach-)Literatur quasi als eine kurze Episode mit glimpflichem Ausgang behandelt. Die Autoren weisen lediglich auf die Anzeige, auf Leibbrands Gutachten und den Ausgang des Verfahrens hin(siehe z. B. Ernst Klee 1997, Auschwitz, S.74f; Martin, Fangerau, Karenberg 2020, S. S45, S49; Collmann 2008, S. 399). Das ganze Ausmaß der Gutachten, Korrespondenzen, persönlichen und privaten Stellungnahmen sowie an gerichtlichen Aktivitäten, das die Causa Schaltenbrand hervorrief, wurde bisher in seiner Bedeutung für die Nachkriegsgeschichte der Neurologie und Psychiatrie nicht hinlänglich erfasst. Die Anzeige des Heilpraktikers Dittrich und das Gutachten von Leibbrand zogen Dutzende Repräsentanten der deutschen und ausländischen Neurologie und Psychiatrie in die Diskussionen hinein. Dabei ging es nicht nur um Schaltenbrands spezielle Menschenversuche, sondern – nach den Verbrechen der NS-Medizin – allgemein um Fragen der medizinischen Ethik in Praxis und Theorie ärztlichen Handelns.

„Nicht eingereicht“ – Warum nicht?

Bei seinen Bemühungen, zu grundsätzlichen Fragen ärztlichen Handelns und Forschens Stellung zu nehmen und seine eigene experimentelle Multiple Sklerose-Forschung in die moderne Medizingeschichte einzuordnen und zu verteidigen, stößt Schaltenbrand an Grenzen seiner philosophischen Kapazität, auf weltanschauliche Probleme, die er nicht befriedigend zu lösen vermag, und auf Widersprüche in seinem ärztlichen Tun. Er ringt um klare Antworten auf Grundfragen des Menschwerdens und des Menschseins.

Äußerst problematisch sind Schaltenbrands Ausführungen über die von ihm konstruierte Sonderstellung von „Idioten“ im Forschungsablauf. (Er benutzt den im damaligen Mediziner-Jargon allgemein gebräuchlichen Begriff). „Idioten“ nähmen im experimentellen Durchprobungsprozess in „Vorfeldversuchen“ eine Stellung zwischen Tierversuchen und Versuchen an Menschen ein.  Neue diagnostische Methoden würden erst einmal bei „Idioten“ zur Anwendung kommen, „ehe man es wage, sie bei Menschen zu versuchen, die aller Voraussicht nach wieder gesund werden.“ Versuche an unheilbaren „Idioten“, denen nicht mehr geholfen werden könne, hält Schaltenbrand prinzipiell für statthaft. Die Voraussetzung „für den Genuß und den Besitz von Rechten sei die Existenz einer Persönlichkeit oder einer potentiellen Persönlichkeit.“ Die Rechtsstellung solcher unmündiger Individuen menschlicher Abstammung, auf die der Begriff der Person nicht anwendbar sei oder nicht mehr angewendet werden könne, sei von der Menschheit seit alters infrage gestellt worden. Schaltenbrand leitet von der Situation und Sonderstellung von „Idioten“ eine „Duldungspflicht“ ab. Sie hätten medizinische Versuche zu erdulden, auch wenn sie selbst keinen Nutzen davon haben, die Versuche also von vorneherein fremdnützigen Charakter haben.

Schaltenbrand hat wohl bei der Ausarbeitung seiner schriftlichen Stellungnahme zu Leibbrands Gutachten bemerkt, dass er sich mit seinen Ausführungen selbst in eine zweifelhafte Position gebracht hätte. Darüber an anderer Stelle mehr. Er bricht ab und legt seinen Entwurf mit dem Vermerk „nicht eingereicht“ zu den Akten.

 

Unveröffentlichte Quellen:

Gutachten von Prof. Dr. med. Werner Leibbrand vom 15. Januar 1948 (siehe Quellenangabe in Blog-Kapitel 73)

„Verteidigungsschrift“ (Dokument 2)  von Prof Dr. med. Georges Schaltenbrand

„Verteidigungsschrift“ (Dokument 3 )von Prof. Dr.med. Georges Schaltenbrand

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Würzburg, Brief vom 02. 02. 1948 an Prof. Dr.med. Max Nonne, Hamburg.

[Prof. Dr. med. Werner Leibbrand,]Der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt des Bezirksverbandes Oberfranken und mittelfranken in Erlangen, Brief vom 17. 1. 1948   an Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Würzburg

Literatur:

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26.11.1897–24.10. 1979). Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen, 2008, S. 62 – 92.

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26. 11. 1897 – 24. 10. 1979): Repräsentant der deutschen Neurologie – gefangen im Zeitgeist in: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde, 2008, 383 – 404.

Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, Springer-Verlag 1997.

Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Wertung, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S128-S145.

Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in:  Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S.  S43- S52.

73. Das „Schaltenbrand–Experiment“: Fremdnützige entgrenzte Versuche am Menschen in der Medizin (II)

Prof. Werner Leibbrand contra Prof. Georges Schaltenbrand

Die zweite Hälfte des Jahres 1947 und das ganze Jahr 1948 sollten für Schaltenbrand Horror-Zeiten werden. Er selbst bezeichnete diese Jahre als die bisher schlimmsten Zeiten seines Lebens. Es ginge, wie er in seinem Tagebuch festhielt, um seine gesamte Existenz. Was war geschehen, das ihn so niederdrückte und beängstigte?  Nicht das laufende Entnazifizierungsverfahren war es, das ihm so sehr zu schaffen machte, sondern der Racheakt eines Heilpraktikers. Ein gewisser Max Dittrich zeigte ihn völlig überraschend am 17. Juli 1947 bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg wegen angeblicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Körperverletzung an. Daraufhin beauftragte die Oberstaatsanwaltschaft zur Ermittlung der Tatsachen zwei Gutachter: Professor Dr. med. Werner Leibbrand und Dr. med. habil. G. Zillig, den damaligen Chefarzt der Städtischen Nervenklinik St. Getreu Bamberg. Letzterer spielte, soweit ich die Vorgänge nachverfolgen kann, nur mehr eine marginale Rolle.

Leibbrand legte unter dem Datum des 15. Januar 1948 ein 22 Seiten umfassendes Gutachten (Typoskript) vor. Mit dem Ermittlungsverfahren wurde nicht zuletzt durch die Verteidigungsinitiativen Schaltenbrands, worauf ich schon im vorangegangenen Blog-Kapitel aufmerksam gemacht habe, in Kreisen der Neurologie, Psychiatrie und Medizingeschichte eine intensive Diskussion über Grund- und Kernfragen ärztlichen Handelns angestoßen. Dabei rückten die Gutachten von Leibbrand und ein weiteres von Viktor v. Weizsäcker in den Fokus der fachmedizinischen Diskussionen.

Viele der Fragen und Stellungnahmen von 1948 wurden seit den 1990er Jahren von jüngeren Forschergenerationen im Zuge fortschreitender Vergangenheitsbewältigung auf einem inzwischen hoch angewachsenen Wissensstand der medizinhistorischen Forschung erneut diskutiert. Offensichtlich hat aber keiner der Autoren das Typoskript des Gutachters Leibbrand jemals in den Händen gehabt. Sie berufen sich alle auf eine Quelle, die von Autor zu Autor als Beleg weiterwandert. Es sind immer nur die sechs Zeilen des Schlusssatzes des Gutachtens, die auf diese Weise weitergereicht werden. (Ernst Klee zitiert ihn 1997 S. 7 aus dem Gutachten des Landgerichtsarztes Dr. Trotter von 1948, Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. S. Fischer 1997, S.74; Psychiatrie im Nationalsozialismus. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. R. Oldenbourg Verlag München 1999, S. 43; Hartmut Collmann 2008, S.15 nach Klee; ebenso Michael Martin, Heiner Fangerau und Axel Karenberg 2020, S. S49 nach Klee). Der weltanschauliche Geist, aus dem heraus Leibbrand sein Gutachten erstellt und Schaltenbrand als Mediziner beurteilt und verurteilt hat, bleibt auf diese Weise völlig unsichtbar. Leibbrand deutet die letzten 200 Jahre (1848/1948)der Medizin als eine Geschichte des berufsethischen Niedergangs und der Abkehr von den Idealen des christlichen Abendlandes. Er porträtiert Schaltenbrand als einen typischen Vertreter und Akteur der Entwicklung hin zu einer naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten Medizin und spricht ihm aus seiner weltanschaulichen Sicht ab, ein wirklicher Arzt zu sein. Ich werde deshalb auf das Gutachten Leibbrands und dessen Verdikt in diesem und im folgenden Blog-Kapitel ausführlich eingehen und die Verteidigungsschrift Schaltenbrands dem Leibbrand´schen Gutachten gegenüberstellen.  Diese Dokumente und die damit verbundenen Korrespondenzen wären es wert, in einer medizinhistorischen Studie nach strikt wissenschaftlich-editorischen Regeln bearbeitet und publiziert zu werden.

Zur Person des Gutachters Werner Leibbrand

Professor Dr. med. Werner Leibbrand, geboren am 23. 01. 1896 in Berlin, gestorben am 11. 6. 1974 in München, studierte Medizin, legte 1919 das medizinische Staatsexamen ab und promovierte 1920 „Ueber Tumoren bei Kriegsteilnehmern“. Er wurde Assistenzarzt am Berliner Westend-Sanatorium. Mitte der 1920er Jahre eröffnete er eine psychiatrische Praxis, die von Personen aus der Berliner Film- und Theaterwelt aufgesucht wurde. Er begründete die Fürsorge der Geisteskranken im offenen Vollzug und gilt als ein Pionier der Sozialpsychiatrie. Als Mitglied des Vereins Sozialistischer Ärzte half er beim Aufbau eines psychiatrischen Fürsorgezentrums für Alkohol- und Drogenabhängige mit. Die nationalsozialistische Machtergreifung setzte seinem Wirken rasch ein Ende. Leibbrand trat aus Protest gegen den Ausschluss jüdischer Berufskollegen aus dem Wilmersdorfer Ärztlichen Verein aus, worauf ihm seine Kassenzulassung entzogen und er aus seiner Funktion als Bezirksarzt entlassen wurde. In den folgenden Jahren wandte er sich Themen der Medizingeschichte zu und publizierte medizinhistorische Arbeiten, darunter seine Abhandlung über die „Romantische Medizin“ (1937). Während des Zweiten Weltkriegs wurde er 1943 in der Nürnberger Nervenklinik dienstverpflichtet. Ab 1944 war er auch an der psychiatrischen Klinik in Erlagen tätig. Anfeindungen durch ärztliche Kollegen trieben ihn bis zum Einmarsch der US-Armee in die Illegalität. Leibbrand war ein Verfechter der umstrittenen „romantischen Medizin“, die von der naturwissenschaftlich orientierten Medizin für eine Sackgasse gehalten, jedoch wegen ihrer Idee und Praxis einer offenen Psychiatrie zugleich als fortschrittlich angesehen wurde. Die US-amerikanische Militärregierung ernannte ihn zum Direktor der Erlanger Klinik. Die amerikanische Militärbehörde bestellte ihn 1946 im Nürnberger Ärzteprozess (1946/47) zum in Ethikfragen sachverständigen Zeugen der Anklage. In dieser Zeit publizierte er eine Reihe von Arbeiten über die Menschenrechte von Geisteskranken und über die Euthanasie, darunter die Schrift: „Heilung“ durch Schock? (1947), die von Georges Schaltenbrand 1948 scharf kritisiert wurde. Der Nürnberger Ärzteprozess dauerte vom 9. Dezember 1946 bis zum 19. Juli 1947. Er gehörte zu den zwölf auf den Hauptkriegsverbrecherprozess (1945/46) folgenden Prozessen, die bis 1949 vor dem US-amerikanischen Militärtribunal stattfanden. Bei der Urteilsverkündung am 20. August wurden sieben Angeklagte zum Tode verurteilt, neun erhielten Haftstrafen.

Struktur des Gutachtens Leibbrands über Schaltenbrand und dessen Experimente

Werner Leibbrand holt in seinem Gutachten historisch weit aus. Er beschränkt sich nicht auf die von ihm benannten Kernfragen. In einem weiten Bogen geht er bis zum deutschen Revolutionsjahr 1848 zurück und an zwei Stellen bis zu den Zehn Geboten Moses. Er skizziert, so wie er es sieht, die großen Entwicklungsverläufe in der Medizingeschichte unter dem Aspekt experimenteller Versuche am Menschen. Es fällt generell auf, dass Leibbrands Argumentationsgänge sprunghaft, begrifflich plakativ und von einem kulturkritisch-pessimistischen Grundton eingefärbt sind. Er sieht in einer naturwissenschaftlich und medizintechnisch orientierten Medizin eine Verfallserscheinung. Die „Ideale des abendländischen Christentums“ (S. 12), Sittlichkeit und Recht, seien einer biologistischen, materiellen, naturforscherisch-experimentellen Denkweise gewichen(S. 9, 10, 12, 20). Das Gros der Ärzteschaft sei dem machtorientierten Biologismus verfallen.

Leibbrand beschreibt im ersten Schritt (Typoskript, S. 1-4) seines Gutachtens die Persönlichkeit des Anzeigenden namens Max Dittrich, dessen berufliche Selbstbeschreibungen als Heilpraktiker und dessen Motiv, Schaltenbrand wegen eines angeblichen Verbrechens gegen die Menschlichkeit anzuzeigen. Leibbrand setzt sich generell mit der Ausbildung und dem Beruf von Heilpraktikern auseinander, grenzt den Anzeigenden von der professionellen Ärzteschaft ab und ordnet den konkreten Fall lang und breit in den historischen Konflikt zwischen Heilpraktikern und akademisch ausgebildeten Ärzten ein. Der Auftritt und die Selbstdarstellung des Heilpraktikers entsprächen nicht der akademisch-professionellen Praxis der Ärzteschaft. Leibbrand kennzeichnet die Anzeige im Rahmen dieser beruflichen Konfliktverhältnisse als einen Racheakt. Leibbrand bezweifelt die Seriosität des Heilpraktikers, stimmt aber am Ende dessen Vorwürfen zu.

Der sachliche Teil (Teil A Tatsachen, S. 4-9) der Anzeige bestehe in der Beschuldigung, Schaltenbrand habe in den Jahren 1940/41 47 Geisteskranke missbraucht, „ zwar ohne wissenschaftliches positives Ergebnis (…) und ohne jeden therapeutischen Nutzen für sie und die Allgemeinheit der wirklich oder scheinbar an Multipler Sklerose Erkrankten.“ Er habe sich dadurch des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Vp. [Versuchspersonen –  A. M.] dem berüchtigten Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen seien. Der Gutachter sähe seine sachliche Aufgabe darin, die Frage zu prüfen und zu klären, ob die Anzeige sachlich berechtigt sei.

Es folgen die Teile B. Geschichtliches (S.  9-14), C.  Bisherige Kritik an den Menschenversuchen (S. 14-16) und D. Die Rechtsfrage (S. 16-22). Ich gebe im Folgenden das bisher unveröffentlichte und in der Medizingeschichte, soweit ich sehe, unbekannte Dokument in wörtlichen Auszügen unter Beibehaltung der alten Orthografie und Interpunktionsregeln wieder.

Aus Leibbrands Gutachten

„Direktion der Heil- und Pflegeanstalt des Bezirksverbandes Ober- und Mittelfranken in Erlangen.

Erlangen, den 15. Januar 1948

Der Herr Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts in Bamberg hat mich beauftragt, in der Ermittlungssache gegen den Würzburger Nervenarzt Professor Dr. Georg Schaltenbrand wegen >Verbrechen gegen die Menschlichkeit< ein Sachverständigengutachten zu erstatten.

Die Grundlagen zu diesem hiermit erstatteten Gutachten bestehen in der Lektüre des Schaltenbrandschen Buches: >Die Multiple Sklerose des Menschen< bei Georg Thieme-Verlag-Leipzig erschienen 1943, 271 Seiten, sowie in der Verwertung einer urschriftlich vorliegenden Anzeige des M. Dittrich aus Friedrichsroda in Thüringen vom 18. 7. 1947, erstattet an die Oberstaatsanwaltschaft Würzburg. Der genannte Dittrich bezeichnet sich laut Stempel als >Forschungsstelle für Hämatologie und Urologie<. Die Anzeige ist per Eischreiben mit Maschine auf einem Briefbogen verzeichnet, der oben links ein Wappen mit siebenzackiger Krone trägt, unter dem in einer Schleife die Worte eingeprägt sind: >Nil desperandum bono duce<. Die Art des Briefbogens läßt kaum den Schluss zu, saß es sich um einen Arzt als Anzeigenden handelt. Die Bezeichnung der Forschungsstelle ist unakademisch, eine ärztliche Bezeichnung unter oder zugleich mit dem Namen fehlt. Die Verbindung der Urologie, als einer speziell-chirurgischen Disziplin mit der Hilfswissenschaft der mikroskopischen Blutforschung (Hämatologie) ist akademisch ungebräuchlich. Die Unklarheit dieser Bezeichnung erfährt durch den Inhalt der Anzeige eine Erhellung. Neben der sachlichen Anzeige von Buchstellen des oben erwähnten Werkes (nämlich der Seiten 197, 192 ff und 245) wird mitgeteilt, daß der Anzeigende eine Massage-Spezialbehandlung treibt, die nach seiner Ansicht bei der multiplen Sklerose zu >offensichtlichen und überragenden und fortschreitenden Besserungen< führe und derentwegen er mit dem zur Anzeige Gebrachten in einer Polemik, die von Affektspannungen zeugt.

Es ist ferner die Rede von der Anwendung >natürlicher Heilweisen<, die gerade bei einer aussichtslosen Krankheit nach Ansicht des Anzeigenden benutzt werden müssten, >da noch kein sicheres radikales Heilmittel< bekannt sei. Diese Anwendung in einem dem Anzeigenden geeigneten Fall habe Schaltenbrand verhindert und damit seine, des Anzeigenden >erfolgreiche Behandlung unterbrochen<.

Blickt man also von solchem inhaltlichen Aspekt nun wieder zurück auf den Briefbogen mit Wappen und Titel, so ist kein Zweifel, daß der Anzeigende in die Gruppe der Nicht-Ärzte gehört, in die Gruppe der >natürliche Heilsweisen< anwendenden Heilpraktiker im weitesten Sinne des Wortes.

Dem Anzeigenden geht es, psychologisch gesehen, nicht allein um die Sache. Er will zugleich einen ärztlichen Gegner treffen, der seine Heilanwendungen angegriffen hat, ja der den Anzeigenden einem Professor Enke gegenüber brieflich als >Wirrkopf<, ja sogar als >Betrüger< bezeichnet hat. Enke wird als Leiter der Anhaltischen Nervenklinik bei Bernburg zugleich als verantwortlicher Mann einer der größten Vernichtungsanstalten in Deutschland bezeichnet. Diese Hintergrundstimmung der Anzeige muss immerhin dargestellt werden, wenn man den Impetus des sachlichen Teils der Anzeige erfassen will. Dieser selbst enthält Folgendes:

Professor Schaltenbrand wird beschuldigt, in den Jahren 1940/41 zu Versuchszwecken 47 Geisteskranke missbraucht zu haben, >und zwar ohne wissenschaftliches positives Ergebnis (vgl. Tabelle VIII Seite 197) und ohne jeden therapeutischen Nutzen für sie und die Allgemeinheit der wirklich oder scheinbar an multipler Sklerose Erkrankten. Er hat sich dadurch Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht, und es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Vp. dann später dem berüchtigten Euthanasieprogramm (vgl. Seite 192 letzter Absatz) mit zum Opfer gefallen sind. Wie bei Sch, jeder Maßstab und jedes Gefühl für Menschlichkeit abhanden gewesen ist, beweist treffend die Schilderung des Experiments an einem „sehr elenden, 62-jährigen Mann, der fast keine Nahrung mehr zu sich nahm (vgl. aaO Seite 193-194).<  Die soziologische Einordnung des Anzeigenden ist aus folgenden Gründen sehr wichtig: seit den Tagen der Revolution von 1848 kämpfen die Ärzte mit wechselndem Erfolg um ihre Selbständigkeit im Staatsleben; zugleich kämpfen sie in Deutschland gegen die Kurpfuscherei. Nur das Dritte Reich hat besonders durch die Machenschaften von Hess ein besonderes Recht der Heilpraktiker zu begründen versucht, ohne dabei bei der Ärzteschaft Anklang zu finden. Es ist sogar damals eine besondere Spezialistik für Naturheilkunde gebilligt worden, welcher Titel allerdings nur ein einziges Mal einem gewissen Kersten zugebilligt worden ist, weil er sich früher als finnischer Medizinalrat einen gewissen Namen in höheren Regierungskreisen Englands und Schwedens gemacht hatte. Diese sogenannten Ärzte bedurften nach den Bestimmungen des Dritten Reiches nur einer zweijährigen Ausbildungszeit.

Bei dem traditionellen Kampf der Deutschen Ärzte gegen jede Form der außerärztlichen Berufsausführung muss es von besonderer Bedeutung sein, wenn ein in diese Rubrik gehöriger Anzeige-Vertreter etwa mit seinen Argumentationen Recht behalten sollte.  Das Gutachten wird auf diesen besonderen Punkt der Sache noch zurückkommen. Die außerhalb der sachlichen Feststellungen stehenden Ausführungen des Dittrich werden im Folgenden nun nicht mehr berührt werden, auch nicht die hierher nicht gehörige Frage, ob die Betroffenen dem Euthanasieprogramm zum Opfer fielen, denn dies hat mit den eigentlichen Fragen der Menschenversuche im engeren Sinne hier nichts zu tun. Hier handelt es sich nur um die Klärung der Frage: haben Menschenversuche stattgefunden, welcher Art sind sie gewesen und stellen diese ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar?

Was nun den letzten Teil des Fragenkomplexes anlangt, so glaubt der Gutachter der Sache zu dienen, wenn er die Beurteilung so einrichtet, daß sie auf die Begrifflichkeit >Verbrechen gegen die Menschlichkeit< nur ethisch recurriert, wenn er aber seine Begutachtung so gestaltet, daß diese die Deutsche Strafrechtssprechung berücksichtigt.

A. Tatsachen

Das genannte Werk Schaltenbrands gehört unumstritten zu den besten und bekanntesten fachwissenschaftlichen Schöpfungen der letzten Jahre. Der Autor ist ein als wissenschaftlicher und beratender Neurologe weit über die deutschen Grenzen bekannter und anerkannter Mann.  Es handelt sich um eine >Monographie<, deren Literaturanhang beweist, daß hier alles zusammengefasst dargestellt ist. Man kann also von einem Standartwerk sprechen. Nach Schilderung des Erscheinungsbildes der Krankheit in klinischer und pathologisch-anatomischer Hinsicht werden die aetiologischen Theorien abgehandelt. Unter ihnen lässt Sch. durchblicken, daß er die etwa aufgekommene Vorstellung von der Multiplen Sklerose als einer >allergischen Erkrankung< nicht teilt [Gegenposition Prof. Heinrich Pettes – A. M.] und daß er nun auf experimentellem Wege beweisen zu können glaubt, daß die Multiple Sklerose eine übertragbare Infektionskrankheit im weitesten Sinne des Wortes ist. An dieser Stelle des Werkes erfolgt also nun die Peripetie vom referierenden in den eigenschöpferischen Teil. In einwandfreiem wissenschaftlichem Verfahren werden unter Kontrolle Affenübertragungen mit mikroskopischem Befund vorgeführt und deren Ergebnisse kritisch geordnet. Die infizierten Affen zeigten eine Zellvermehrung der Rückenmarksflüssigkeit. Es erhob sich die Frage, ob diese Zellvermehrung verwertbar sei, ob die Affenerkrankung nicht vielleicht eine >Käfigkrankheit< sei und ob die Veränderungen vielleicht nicht >allergischer Natur< seien.

      Sch. nimmt schliesslich eine echte Viruskrankheit der Affen als gegeben an und schreitet nun zu >Übertragungsversuchen vom Affen auf den Menschen<. An dieser Stelle heisst es nun:

     >Ich habe eine Reihe solcher verblödeter Menschen mit dem Liquor von Affen geimpft, die in erster oder zweiter Passage nach Impfung von multiple Sklerose erkrankt waren. Eine weitere Gruppe habe ich mit dem Liquor von spontan erkrankten Affen geimpft<. Technisch wird erwähnt, die behandelten Fälle entstamme einer >auswärtigen Anstalt<.- Die Geimpften zeigten eine 3-4 tägiges Resorptionsfieber, das auch gelegentlich fehlen konnte. Man impfte die sogenannte Spontanerkrankung direkt in das Hirnwasser, ebenso die Impferkrankung der Affen, und schließlich impfte man auch einige Fälle indirekt in die Haut. Es kam zu einer Zellvermehrung, die beim zweiten Untersuchungsergebnis wieder schwand. Bei der Schilderung dieser Versuche wird nun folgender Einzelfall auf Seite 185 ff beschrieben:

>Eine 57-jährigre Frau wird als Fall von Hirngeschwulst diagnostiziert. Nach einer Entlastungstrepanation wurde sie am 19.1.1940 erneut lumbalpunktiert, als sie sich von der Operation erholt hatte(…)<.

[Es folgt eine minutiöse Beschreibung des Eingriffs mit Angabe der Messdaten – A. M.].

 >Die Patientin verstarb an den Folgen ihrer Geschwulst am 25. 3. 1940. Es handelte sich um ein Gliom des sogenannten Balkens und der linken Hemisphäre. Die vom Anzeigenden benannte Tabelle VIII auf Seite 197 gibt einen Gesamtüberblick über die Impfungen von Verblödeten. Sie wird im Original hier beigefügt:<

 Das Ergebnis heißt wörtlich:

     >Dass 1. mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit der übertragbare Markscheidenschwund des Affen und 2. auch die Multiple Sklerose selbst in Form einer meist abortiv verlaufenden Erkrankung auf den Menschen übertragen werden konnte. Eine Unterscheidung zwischen dem Virus des übertragbaren Markscheidenschwunds der Affen und dem Virus der Multiplen Sklerose ist dabei auf Grund des bisher vorliegenden Materials nicht möglich<.

Erwähnt muss nun nach der vom Anzeigenden gesondert benannte Fall des 62-jährigen marantischen Mannes auf Seite 193/94:

Er litt, wie die Sektion ergab, an einem metastatischen Zungencarzinom und verstarb am 1. 7. 1941. (…)

[Es folgt wiederum eine ausführliche Beschreibung des Eingriffs und seiner Ergebnisse sowie des Sektionsbefundes – A. M.]

>Auch diese Beobachtung spricht also in dem Sinne, daß die Übertragung der Multiplen Sklerose vom Menschen auf den Menschen möglich ist<.

Soweit der zu begutachtende Tatbestand.

Es ist nachzutragen, daß die Versuche Schaltenbrands in der Fachliteratur polemisch angegriffen und angezweifelt worden sind. Der Hauptgegenspieler ist der Hamburger Neurologe Professor Heinrich Pette. In seinem Werk >Die akut entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems< befasst er sich im Abschnitt >Viruskrankheiten, Entmarkungsenzephalomyelitiden, Neuritiden< mit den Versuchen des zu Begutachtenden.

 [Es folgt eine detaillierte Beschreibung, wie Pette sich mit Schaltenbrands Versuchen auseinandersetzt und diese kritisiert. Die weiteren Erörterungen hätten, so Leibbrand, nur Fachinteresse. Die gegnerische Darstellung solle nur zeigen, daß Schaltenbrand an die Übertragbarkeit glaubte – A.M.].

B. Geschichtliches

Ohne der Gefahr zu erliegen, sich in das Maschenwerk der Medizingeschichte der Vergangenheit allzu tief zu verstricken, glaubt der Gutachter der Generalanwaltschaft und einem Hohen Gericht am besten zu dienen, wenn er auch zur Abwendung einer unfruchtbaren Polemik nur diejenige Zeit beschwört, die man gemeinhin als die medizinisch fortschrittliche bezeichnet. Gemeint ist damit die naturwissenschaftlich ausgerichtete Aera der positiven Forschung des vergangenen Jahrhunderts. Sie schließt sich auch lückenlos an die Gegenwart an. Im Jahre 1902 hat der verstorbene Berliner Nervenarzt Albert Moll auf Anregung des um jene Zeit noch lebenden Philosophen und Ethikers Friedrich Paulsen ein umfangreiches Buch veröffentlicht >Ärztliche Ethik< (bei Ferd. Enke). Auf Seite 504 dieses klassisch zu nennenden Werkes beginnt dort ein Abschnitt mit dem Titel >Ausdehnung des Menschenexperiments<. Er sagt dort eingangs >Auch ich habe (…) mit stets wachsendem Erstaunen wahrgenommen, daß sich einzelne Mediziner, von einer Art Forschungsmanie besessen, über die Gebiete des Rechts und der Sittlichkeit in bedenklichster Weise hinwegsetzen. Für sie geht die Freiheit der Forschung so weit, daß sie jede Rücksicht auf andere durchbricht. Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist für sie verwischt. Der unglückliche Kranke, der sich ihnen zur Behandlung anvertraut, wird von ihnen schmählich betrogen, das Vertrauen getäuscht, und der Mensch wird zum Versuchskaninchen degradiert. Einige dieser Fälle sind in Kliniken vorgekommen, deren Leiter nicht oft genug das Humanität im Munde führen können, so daß man sie fast als Spezialisten für Humanität betrachten könnte<.

Moll hat solche Fälle in allen Ländern der Welt gesammelt. Er hat 600 Arbeiten gesammelt, >wo entweder der Autor zugibt, daß er sich um einen nicht therapeutischen Eingriff handelt, oder wo dies nach der genauen Darstellung angenommen werden muss. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Zahl der wirklich vorgekommenen Eingriffe viele tausende beträgt<. Er bestreitet nicht, daß darunter sich viele harmlose Fälle befinden, andere hingegen erreichen >das Gebiet des Verbrechens<. Der hier zu begutachtende Fragenkomplex bescheidet sich der Kürze wegen nur mit der >vierten Gruppe< Molls: >Sie umfasst (…) die Eingriffe, die untersuchen, unter welchen Bedingungen Krankheiten entstehen<. Und auch hier interessiert wieder nur die Gruppe, bei der >man den Körper einer Schädlichkeit aussetzt, um zu untersuchen, ob diese Schädlichkeit die Krankheit herbeiführt<.  Unter diesen Versuchen wurden schon damals Kälteexperimente erwähnt, wie sie jetzt Gegenstand der Aburteilung gewesen sind, andere Forscher in Frankreich und Deutschland prüften die Impfbarkeit des Carzinoms, indem sie von Mensch zu Mensch Krebsknötchen verpflanzten. Auch im Gebiete der Infektionskrankheiten zeigten sich viele bedenkliche Versuche. Die Tuberkulinversuche an Neugeborenen, die ohne therapeutischen Anlass vorgenommen wurden, nötigten nach eigenen Angaben des Forschers diesem einige schlaflose Nächte ab. Von 1880-1900 wurden Malariaexperimente an Tabeskranken und Lymphosarkomatösen in Italien durchgeführt. Auch Hemiplegien und Atherosklerosen mußten sich diesen Versuchen unterziehen. Unter der bei Moll aufgezählten reichhaltigen Casuistik interessiert die Feststellung, daß auch Geisteskranke und Sterbende experimentell mit Gonorrhoe geimpft wurden. In Amerika impfte ein Autor Gonokokken auf einen Idioten und einen moribunden Phthisiker. Besonders niederträchtig war die Verimpfung von syphilitischen Kondylomeiter eines Pfälzer Anonymus bei 23 Leuten etwa um 1856. Wenig erfreuliches Aufsehen erregten leider auch die Syphilisversuche des berühmten Neisser, wenn er auch selbst an deren Unschädlichkeit glaubte. Er wollte damals nachweisen, daß das Blutserum die Syphilis nicht übertrage, und impfte 8 Personen, darunter Kinder, die wegen anderer Krankheiten in Behandlung genommen waren. Die Häufung solcher Vorkommnisse hat zur Zeit Molls das Preussische Kultusministerium veranlasst, Richtlinien für die ihm unterstellten Krankenanstalten herauszugeben, die in ihrer Formulierung aber wenig geeignet waren, den Mißständen zu steuern. Immerhin war die Verfügung des Ministeriums ein deutliches Signal der Zeit. Wie ist nun diese Zeit, in der ein solches amtliches Signal auftauchte, näher zu bestimmen? Moll selbst gibt einen Hinweis, indem er den zunehmenden Untergängen eines Verständnisses für das Individuum beklagt. Er meint daher: >Die Experimente werden mitunter durch die Notwendigkeit der Wissenschaft zu nützen, entschuldigt, und besonders damit, daß das Experiment, das an dem einen vorgenommen wurde, später vielen anderen Menschen zu statten komme. Nach Nietzsche ist die Gemeinde mehr wert als der einzelne, und der dauernde Vorteil ist dem flüchtigen vorzuziehen.  Dieser Grundsatz darf nie und nimmer des Arztes Richtschnur sein<.

Man kann also aus solchen Äusserungen im Zusammenhang mit exakten naturforscherischen Experimenten von Ärzten schliessen, daß diese dem Zeitgeist dieser Jahrzehnte verhaftet gewesen sind. Der gegenwärtige Soziologe Alfred Weber hat in seiner Darstellung der gleichen Zeit diesen Schluss unter gleicher Berufung auf die Philosophie Nietzsches bestätigt. In einer Gesellschaft, die nicht mehr als Körper, sondern als >krankes Konglomerat von Techandales< gesehen wird, lässt sich mit dem Individuum schon so umgehen. Denn wörtlich hatte dieser Philosoph entgegen den Idealen des abendländischen Christentums verkündet: >Die Menschheit ist bloßes Versuchsmaterial, der ungeheure Überschuss, des Missratenen:  ein Trümmerfeld<. Aus diesem ragt bekanntlich nur der Herrenmensch mit seinen autarken Forderungen heraus, der sich dieses Trümmerfeldes eben dann als >Versuchsmaterial< bediente. So sollte die „stärkere Rasse“ gezüchtet werden. Alles >Mittlere<, worunter selbstverständlich auch der arme Kranke zählte, war >Material<, eingereiht in die Kategorie der Züchtungsexperimente. Eine solche das Individuum als >ineffabile< auslöschende Betrachtungsweise nennt man am besten biologistisch. Es ist tragisch zu sehen, wie die in der Revolution von 1848 erstrittenen Freiheitsrechte der Liberalisten gerade in der Ärzteschaft durch Vertreter der sogenannten naturhistorischen Schule erstritten werden sollten, um schon in wenigen Jahrzehnten durch einen jede Individualfreiheit tötenden Biologismus restlos erstickt zu werden. Und bald nach dem Erscheinen des warnenden Werkes von Moll und noch zu dessen Lebzeiten veröffentlichten dann 1920 Karl Bindung, der Strafrechtler zusammen mit dem bekannten Freiburger Psychiater Hoche das unselige Buch mit dem Titel: >Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens<. Hier wird die Erweiterung auf Tötung von Nebenmenschen in der Tat gefordert, Zunächst sollte ja nur der Todkranke von seinem Leiden befreit oder erlöst werden. Schon das Norwegische Strafgesetz von 1902 sah solche Möglichkeiten geradezu als >sittlich< an, so daß man solche Fälle strafmildernd behandelte. Bei Hoche-Binding aber lesen wir: >Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld, bedeckt mit Tausenden toter Jugend, oder ein Bergwerk, worin schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet haben, und stellt man sich in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben – und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstab auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu wertender Existenzen auf der anderen Seite<.

Dolf Sternberger meint hier sei >die Tür (…) einen Spalt geöffnet<. Nein! Schon hier ist durch ein scheinformales Recht, das gestiftet werden soll, das materielle Unrecht gezeitigt worden. Hier ist der naturrechtliche Satz >Du sollst nicht töten<, den Moses im Alten Bund ja nur vertragsverpflichtend gemacht hatte, eliminiert. Dieser Zeitgeist ist die Präambel des Geschehens nach dem 1. 4. 1933. Nun wird aus der Tötung, dem Mord, die verlogene Begriffsbildung der >Sterbehilfe<  Noch im Anfang dieser Aera fürchtete sich der Reichsjustizminister Franz Gürtner vor einer Freigabe  lebensunwerten Lebens, aber bald dringt die Kolportageliteratur in den Türspalt, und es formt sich das berüchtigte suggestiv wirkende Gebilde des Romans von Hellmuth Unger: >Sendung und Gewissen<, dem später der grauenhafte propagandistische Film >Ich klage an< folgte, in dem die Tötung der an Multiple Sklerose Erkrankten zur sittlichen Forderung gemacht wurde. Das amtliche Ergebnis aber wurde der Befehl Adolf Hitlers vom 1.9.1939. Dolf Sternberger überschreibt: >Die Tür wird ausgehoben, aber insgeheim<.

Nur in einem Zustand der völligen Rechtslosigkeit konnte die Tötungsfreigabe eine dämonische Orgie feiern. Dennoch muß darauf hingewiesen werden, daß die Menschenversuche zu gleicher Zeit bis in die jüngste Gegenwart in vielen Ländern fortgesetzt worden sind. Der Gutachter verweist in diesem Zusammenhang auf das Prozeßprotokoll des Nürnberger Ärzteprozeßes vom 27. 1. 1947 und zwar auf die Protokollseiten 2021-2024. –

C. Bisherige Kritik an den Menschenversuchen

In der Fachzeitschrift >Psyche< Band I, Seite 86 hat sich V.v. Weizsäcker in einer tiefgründigen Arbeit über >Euthanasie und Menschenversuche< zu dieser Frage hören lassen. Er stellt fest, daß Versuche am Menschen im Allgemeinen zulässig sind. >Jede rationale Therapie ist ein Versuch am Menschen, was am sinnfälligsten bei Einführung neuer (operativer, chemischer, strahlentherapeutischer, diätetischer usw,) Methoden geschieht. Es bleibt hier überall dem ärztlichen Takt überlassen, neue Versuche nur soweit zuzulassen, als eine Schädigung des Patienten ausgeschlossen oder so unwahrscheinlich ist, daß er den Versuch meist verantworten zu können. Anders steht es, wenn ein Risiko wahrscheinlich oder gewiss ist.< Für letztere Fälle reserviert er nur den historisch bekannten Selbstversuch des Forschers an sich. Keinesfalls vindiziert er dem Forscher das Recht, Geisteskranke, Strafgefangene, vom Gericht zum Tode verurteilte und unheilbare oder vor dem Tode stehende Kranke zu solchen Versuchen zu benutzen. Er spricht hier überhaupt den unentwegten Experimentatoren einen wissenschaftlichen Wert ab, da Krankheit nicht wie reiner Naturvorgang ist, wohl aber eine menschliche Situation und Aufgabe (…) Das Problem ist ein solches der Anthropologie schlechthin, von der die Medizin eben nur ein Teil ist. Auch der Nutzen rechtfertigt nicht jede Durchführung. Auf die freie Willensbildung des Menschen darf im Sinne der Solidarität nicht verzichtet werden. Nur so wird die Einseitigkeit verhindert, nur so gelangen dann auf der Basis einer Solidarität die Erkenntnisse der >praktischen Vernunft< zur Anwendung (…).

Wenn gesagt wird >beim Experiment<, so ist damit nicht jede Gewaltanwendung gemeint, die jeder Chirurg und jeder Arzt zu sittlichen Zecken der Heilung eines Kranken gelegentlich verwenden muß. Diese entspricht vielmehr der ebenfalls erlaubten >Coactio praelatorum< des Thomas von Aquin. Es handelt sich bei solcher Gewaltanwendung um eine ganz andere Ebene als etwa bei der Experimentiererei mit Ahnungslosen! Denn die ärztliche Gewaltanwendung hat eben gerade jene seltsame menschliche Dialektik an sich, daß sie nie rein physisch, sondern immer zugleich sittlich sein muß. Da aber der Arzt nun einmal Menschen zu helfen hat, so kann er sich den Titel zur Gewaltanwendung niemals einseitig aus der Naturwissenshaft holen. Ein rein naturwissenschaftliches, also unsittliches Ziel aber ist es, wenn man Gewalt anwenden will, um dadurch eventuell später >wertvollere Menschen< überleben zu lassen (…).

Es ergibt sich, daß es daher hinsichtlich des Experiments nicht um einen >ärztlichen Standpunkt< geht, sondern um sittliche Haltung, also nicht um den Gegenstand! Der amerikanische Gerichtshof in Nürnberg hat eine Zusammenstellung der Vorsichtsmassregeln gegeben, die bei Menschenexperimenten zu beachten sind, Sie decken sich mit dem Gesagten, of: The Journal of the Am. Med. Ass. Volume 15 Nr. 13, Seite 867. (November 1947).

D. Die Rechtsfrage

Selbst Viktor von Weizsäcker lässt erkennen, daß ihm dennoch die Bestrafung der vormaligen Experimentatoren unliebsam wäre. Er fordert aber zugleich ein neues Gesetz.

Der Gutachter kann diese Ansicht aus folgenden Erwägungen heraus nicht zu der seinen machen: (…).

Es wurde schon im historischen Teil dargelegt, daß der Satz: >Du sollst nicht töten< auch vor der Gesetzgebung am Berge Sinai schon bestanden hat. Wird also dieser Satz formalrechtlich aufgehoben, so muß es zu materiellem Unrecht kommen. Im vorliegenden Fall kam es dadurch zur völligen willkürlichen Freigabe des Individuums. Wer sich dieser Freigabe der Tötung bedient, der hat das Recht gebrochen, auch wenn er formalrechtlich in einer solchen Zeit sich scheinbar gesetzmässig dieser Freigabe bedient. Es kann nicht Sinn des Rechtes sein, daß ein Banditenhäuptling [gemeint ist wohl Adolf Hitler – A.M.] unter Gewaltanwendung zu einer bestimmten Zeit den Mord freigibt, damit später bei Wiederherstellung des Rechtes der Täter von damals sich auf die falsche Interpretation des Satzes >Nulla poena sine lege< berufen kann. Das Naturrecht, wie auch immer im Jus divinum als gelagert angenommen, kann nicht aufgehoben werden: Mord bleibt Mord und dieser kann nicht durch Gesetzgebung als Mord abgeschafft werden. Auch die Menschlichkeit ist ein Naturrecht, das durch Gesetzaufhebungen nicht beseitigt werden kann (…)

Es ist gleichgültig, ob Sch. [Schaltenbrand – A.M.] ein Vertreter der nationalsozialistischen Weltanschauung war oder ob er, ausserhalb dieser stehend, nur die >ausgehängte Tür< benutzt hat, um seine biologistische Denkweise in die Tat umzusetzen, um also das System der Rechtlosigkeit nur zu sogenannten wissenschaftlichen Zwecken auszunutzen. Die Tat ist gleichermassen sittlich verwerflich und strafbar. Es handelt sich um Körperverletzung innerhalb eines Dolus eventualis. Das Ausmass der Körperverletzung in rechtlicher Hinsicht muß dem Gericht überlassen werden. Sch. kann sich, wie auch bemerkt, nicht auf den Satz >Nulla poena sine lege< berufen, da der Schutz der körperlichen Integrität von einem solchen Satz nie betroffen worden sein kann.

Sch. war auch kein Rechtssubjekt, das bekanntlich auch nicht etwa völlig rechtsunkundig ist; vielmehr war er als Mann der Wissenschaft als Universitätslehrer eine Rechtsperson, von der man mehr Rechtskenntnis verlangt als von einem Rechtssubjekt.

Es wird also festgestellt, daß die vom Anzeigenden [Max Dittrich – A.M.] dargestellten Tatbestände nach wissenschaftlicher Überprüfung vorhanden sind.

Fragt man nun innerhalb dieses Geschehens im Sinne der Annahme eines Putativverbrechens nach >mildernden Umstände<, so muß man den Blick zurückwenden auf den historischen Teil.

Der Gutachter bemühte sich, das Weltbild des ausgehenden Jahrhunderts als Verfallserscheinung des Subjekts und Individuums zu charakterisieren. Mit dem Tode des Idealismus kam es zur Vergötzung der Naturwissenschaften und deren mechanistischen Weltbild zu ungunsten einer philosophischen oder religiösen Betrachtungsweise. Nietzsches lebensphilosophisches Werk überschlägt sich in blinder Anerkennung biologistischer Scheintatschen und die Medizin war von jeher ein Spiegelbild des jeweiligen Weltbildes. Der Machtgedanke setzte sich im politischen und geistigen Leben immer mehr durch. Das Experiment wurde zum Instrument dieses Machtgedankens und so ist es kein Wunder, daß sich in jenen Jahrzehnten bis 1900 der Arzt einer rein naturwissenschaftlichen Ökonomie verschrieb. Noch 1948 hat der Arzt Reiche in seinem Aufsatz über den ärztlichen Stand und die notwendige Reform der ärztlichen Verhältnisse vor >sündigem Missbrauch< der Kunst gewarnt. (…)

Auch der zu Begutachtende gehört zur Typik dieser unärztlichen Forscher, deren Tradierung rückwärts in jene Zeiten reicht. Dieser Suggestion ist er erlegen. Dies kann ihn nicht freisprechen von der Schuld der schweren Körperverletzung, vom Dolus eventualis. Die Taten werden jedoch historisch verstehbar vor dem Hintergrund dieses unseligen Geschehens. Allerdings kann nirgends festgestellt werden, daß Sch. etwa durch politischen Druck gezwungen gewesen wäre, so zu handeln. Der historische Aspekt vermittelt vielleicht die Möglichkeit der mildernden Umstände. (…)

Sch. Hat also vorsätzlich zu Versuchszwecken hilflose Kranke ohne deren Wissen und Einwilligung durch experimentelle Beifügung zusätzlicher schwerer Krankheiten körperlich geschädigt. Er ist in solchem Sinne zu bestrafen. Seine Handlungsweise ist ein Verstoss gegen die naturrechtlich verbriefte Freiheit des Menschen, sie ist ethisch betrachtet ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Ende des Gutachtens.

Kurz zusammengefasst: Leibbrand bejaht die drei zentralen Fragen, deren Klärung er sich selbst als Gutachter zur Aufgabe gemacht hat. Schaltenbrand habe Menschenversuche unternommen, dabei Versuchspersonen schwere Körperverletzungen zugefügt und in der Art und Weise, wie er die Versuche durchgeführt hat, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Seine Handlungsweise sei ethisch verwerflich und strafbar. Schaltenbrand verkörpere mit seinen Menschenversuchen den Niedergang der ärztlichen Kunst in den letzten 200 Jahren. Er sei geradezu ein Prototyp der Fehlentwicklungen in der Medizin. Leibbrand rückt ihn mit suggestiven Andeutungen in die Nähe der Medizin im NS-Staat, insbesondere zur  Euthanasie.

Es folgt das Blog-Kapitel 74, worin ich die Verteidigungsschrift Schaltenbrands und Aussagen aus seinen Korrespondenzen wiedergebe und die gegensätzlichen Positionen konfrontiere.

 

Links

Seidel, R.: Werner Leibbrand als psychiatrischer Gegner des Nationalsozialismus, in: Der Nervenarzt 84, 1043-1048 (2013) https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-012-3648-9 abgerufen am 22.02.2021; Werner Leibbrand – wikipedia https://de.wikiprdia.org/wiki/Werner _Leibbrand abgerufen am 22.02.2021.

Unveröffentlichte Quellen

Prof. Dr. med. Werner Leibbrand, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt des Bezirksverbandes Ober- und Mittelfranken in Erlangen. Der Herr Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts in Bamberg hat mich beauftragt, in der Ermittlungssache gegen den Würzburger Nervenarzt Professor der Georg Schaltenbrand wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ein Sachverständigengutachten zu erstatten. Erlangen, den 15. Januar 1948. (Abschrift, Typoskript, 22 Seiten, Privatarchiv Prof. Dr. Alf Mintzel).

Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand, Würzburg, den 4. März 1948, („Verteidigungsschrift“, Typoskript, 3 ½ Seiten an die Oberstaatsanwaltschaft Bamberg, Privatarchiv Prof. Dr. Alf Mintzel).

72. Das „Schaltenbrand-Experiment“: Fremdnützige entgrenzte Forschung in der Medizin (I)

Eine Koryphäe der Neurologie unter Anklage

Dreimal war Georges Schaltenbrand wegen seiner Multiplen Sklerose-Forschung, die er von 1936 bis 1940/41 in Würzburg als ehrgeiziges Projekt betrieben hatte, in Bedrängnis und unter Rechtfertigungsdruck geraten: einmal noch zu seinen Lebzeiten, und zweimal posthum. Ich werde mich auf die drei Hauptvorgänge in den Jahren 1948/49, 1994 und 1996ff beschränken und kleinere Vorgänge vernachlässigen, die sich zwischendurch ereigneten.

Erster Vorstoß (1947/48)

Was die Medizinhistoriker Michael Martin, Heiner Fangerau und Axel Kusenberg 2020 in ihren Beiträgen über Schaltenbrand (in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43-S52 und S128-S145) völlig übersahen oder übergingen, war die Anzeige eines Heilpraktikers namens Max Dittrich bei der Generalstaatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts in Bamberg und ihre künftigen Folgen für Schaltenbrand.  Dittrich hatte, was in Blog-Kapitel 74 aus Dokumenten noch im Einzelnen hervorgehen wird, Schaltenbrand wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und schwerer Körperverletzung angezeigt. Damit trug Dittrich eine Rechtskategorie aus den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen ins Verfahren hinein. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind nach dem Londoner völkerrechtlichen Statut vom 8. 8. 1945, das den Nürnberger Prozessen zugrunde lag, Mord, ethnische Ausrottung, Versklavung, Deportationen und andere unmenschlichen Akte. Als Beweisstück für seiner Anzeige legte der Heilpraktiker Schaltenbrands Monografie über „Die Multiple Sklerose des Menschen“ (1943) vor und verwies auf die darin geschilderten Versuche an Menschen. Der Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren ein und beauftragte im Rahmen der Vorermittlung am 15. Januar 1948 Prof. Dr. med. Leibbrand (1896-1974) und Prof. Dr. med. Viktor von Weizsäcker, Gutachten über Schaltenbrands medizinische Versuche abzufassen. Mit Leibbrand war ein Psychiater und Medizinhistoriker bestellt worden, der von der US-amerikanischen Militärregierung im Nürnberger Ärzteprozess (1946/47)als einziger deutscher Gutachter zugelassen worden war. Leibbrands  Gutachten, ein  22seitiges Maschinenskript, wurde später zu einem medizinhistorischen Dokument von besonderer Bedeutung. Die Anzeige Dittrichs begann eine Eigendynamik der Vorgänge zu bewirken. In die Causa Schaltenbrand wurden mehr als ein Dutzend Koryphäen der Neurologie, Psychiatrie und Hirnforschung hineingezogen.

Schaltenbrand war aufs Äußerste alarmiert und beunruhigt, weil er befürchtete, im Anschluss an den Nürnberger Ärzteprozess in einen großen (Schau-)Prozess verwickelt zu werden. Er erfuhr von dem für ihn sehr ungünstigen Gutachten Leibbrands, der Schaltenbrands MS-Forschung unter ethischen Gesichtspunkten einer vernichtenden Kritik unterzog. Schaltenbrand habe, so schloss Leibbrand sein Gutachten ab, vorsätzlich zu Versuchszwecken hilflose Kranke ohne deren Wissen und Einwilligung durch experimentelle Beifügung zusätzlicher schwerer Krankheiten körperlich geschädigt. Er sei in solchem Sinne zu bestrafen. Seine Handlungsweise sei ethisch betrachtet ein Verbrechen gegen die Menschheit. Leibbrands Verdikt blieb bis in die jüngste Zeit wirkmächtig. (Siehe Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, S. 74, Anm. 72; Hans-Ludwig Siemen: Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten während des Nationalsozialismus, S.464). Wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung für die spätere Diskussion werde ich das bisher unveröffentlichte Gutachten im Blog-Kapitel 74 wiedergeben und mit Blog-Kapitel 75 Schaltenbrands Stellungnahme zu Leibbrands Sicht und Verdikt gegenüberstellen.

Schaltenbrand schätzte seine Situation als äußerst ernst ein.  In seinem Tagebuch vermerkte er, es ginge um seine gesamte Existenz (siehe Blog-Kapitel 65). Er versuchte seit Jahresanfang 1948 mit zahlreichen Briefen prominente Kollegen für seine Verteidigung zu gewinnen. Er bat sie um Gutachten zu seiner MS-Forschung und zu den inkriminierten Versuchen. Bis Mitte 1948 sagten aus Deutschland und aus dem Ausland über ein Dutzend renommierter Neurologen, Psychiater und Hirnforscher Gutachten zur Entkräftung der Vorwürfe zu. Vor allem von ausländischen Gutachten erhoffte sich Schaltenbrand einen für ihn günstigen Verlauf der Ermittlungen. Auf seiner Liste deutscher potenzieller Gutachter standen die Professoren und Ärzte A. Bannwarth, K. Beringer, Rudolf Degkwitz, Julius Hallervorden, Paul Martini, Max Nonne, Heinrich Pette, Hans Rietschel, Hugo Spatz, G. Stertz, Viktor von Weizsäcker. Letzterer war von der Oberstaatsanwaltschaft neben Werner Leibbrand als Gutachter bestellt worden. Aus den USA sagten Percival Bailey, Roland P. Mackay, Tracy J. Putnam, Reese und Cushing ihre Unterstützung zu, aus der Schweiz H.C.R. Simons (Bern) [nicht zweifelsfrei identifiziert]. Schaltenbrand hatte also wissenschaftliche Schwergewichte aus der Neurologie, Psychiatrie und Hirnforschung mobilisiert und mehrere Rechtsanwälte konsultiert. Sein wissenschaftlicher Antipode, Heinrich Pette, der ihm seine Hilfe zusicherte, riet ihm jedoch (wie auch andere), nicht selbst Gutachten einzuholen, sondern sie, falls notwendig, von dritter Seite anfordern zu lasse. Ob im Verlauf der Vorermittlungen tatsächlich Gutachten von allen angefordert wurden, geht aus Schaltenbrands Nachlass nicht hervor.

[Abbildungen: Brief von Heinrich Pette an G. Schaltenbrand]

Eine erste Inhaltsanalyse der Korrespondenzen mit den benannten prominenten Vertretern ihrer Fachdisziplinen ergibt, dass so gut wie alle die Ansicht teilten, Schaltenbrands Versuche seien in medizinischer Sicht akzeptabel oder doch tolerierbar gewesen. Die Versuche hätten jedenfalls den Rahmen verantwortlichen ärztlichen Handelns und Forschens nicht überschritten. Auch wurde der Vorwurf zurückgewiesen, Schaltenbrand habe sich der schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Schaltenbrands Eingriffe seien harmlos und unschädlich gewesen. Von Verstößen gegen den hippokratischen Eid war damals noch  nicht die Rede gewesen, geschweige von ethisch „entgrenzter Forschung“. Nur ein Kollege, nämlich Prof. Dr. med. Paul Martini (1889-1964), Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Bonn, äußerte sich prinzipiell und klar gegen Versuche an Menschen, seien es auch welche, die für relativ harmlos gehalten wurden oder angeblich „hohen Zielen“ dienten. Er schrieb am 5. 2. 1948 an Schaltenbrand:

„Vor dem Kriege war, bewusst oder unbewusst, ausgesprochen oder unausgesprochen, die Meinung wohl fast aller Wissenschaftler der Welt so, dass sie ein Experiment an schwer Geisteskranken, das eine geringe Gefährdung bedeutete, auch ohne deren Einwilligung für erlaubt gehalten haben. Ich bin nie in die Lage gekommen, ein solches Experiment zu machen, war aber früher solchen Experimenten gegenüber weniger oppositionell eingestellt als heute. Das war wie gesagt bei uns allen so und hat mit Nationalsozialismus nichts zu tun, bei Ihnen genau so wenig wie bei mir. Was wir seit 1940 aber an Ehrfurchtslosigkeit vor der Würde des Menschen erlebt haben, hat mich jedenfalls dazu gebracht, jedes menschliche Experiment das nicht freiwillig ist, mit schärferen Maßstäben zu betrachten.“

Martinis Stellungnahme verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil er im Kreise der verschiedenen Fachkollegen einer der wenigen gläubigen Katholiken war, der einen christlich geprägten Wertekanon vertrat. Er betreute später Bundeskanzler Konrad Adenauer als Arzt.

Das Ermittlungsverfahren zog sich bis Ende 1948 hin. Die Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschheit wurde fallengelassen und auf die juristische Frage reduziert, ob bei Schaltenbrands Versuchen der juristische Tatbestand einer schweren Körperverletzung vorlag. Eingeholte Rechtsgutachten kamen zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sei.  Das Ermittlungsverfahren wurde daraufhin mit Schreiben der Staatsanwaltschaft vom 3. Januar 1949 eingestellt.

[Abbildung: Schreiben der Staatsanwaltschaft vom 1. 3. 1949]

Die Medizinische Fakultät der Universität Würzburg hatte Schaltenbrands Wiedereinsetzung in seine Professur und in die Leitung der Nervenklinik von dem Ausgang des Ermittlungsverfahrens abhängig gemacht. Doch gab es in der Fakultät Widersacher, die seine Rückkehr erschweren, wenn nicht gar verhindern wollten. Sie intrigierten beim bayerischen Kultusministerium, das daraufhin Prof. Dr. med. Stertz mit einem Gutachten beauftragte. Erst dessen positives Gutachten machte den Weg in seine vormaligen Positionen frei. Ich werde das Gutachten veröffentlichen und seine Begleitumstände schildern.

Die Inhalte des Briefwechsels mit den genannten Kollegen und der Gutachten lesen sich wie eine medizinhistorische Lektion über den damaligen state of the art in der Neurologie, Psychiatrie und Hirnforschung. Sie zeigen weltanschauliche und methodische Spannungsfelder auf. Netzwerke, Konflikte, persönliche Animositäten und Gegner werden sichtbar. Die Ausnahmesituation der unmittelbaren Nachkriegszeit bringt vieles ins grelle Licht. In den Gutachten und Stellungnahmen werden Grundfragen des medizinischen Selbstverständnisses erörtert. Ernst Klee bezichtigt später die meisten Gutachter, Nazis gewesen zu sein und mit ihren Gutachten „Persilscheine“ ausgestellt zu haben.  Das kann man so sehen, aber man verfehlt mit einer solchermaßen generalisierenden Betrachtung und moralisierender Schwarz-Weiß-Sicht die Komplexität der Wirklichkeit.

Bis 1994 ruhte die Causa Schaltenbrand.

Zweiter Vorstoß (1994)

Der zweite Vorstoß gegen Schaltenbrands MS-Forschung erfolgte erst 1994 in dem Fachorgan Neurology (1994: 350-356). Die kanadischen Neurologen Michael I. Shevell und Bradley K. Evans publizierten darin ihren Artikel über „The >Schaltenbrand experiment<, Würzburg 1940: Scientific, historical and ethical perspectives.“ (Siehe ausführlich hierzu Blog-Kapitel 41: T4-Aktion und Prof. Schaltenbrands Multiple Sklerose-Forschung). Der Artikel erregte zwar in Fachkreisen Aufmerksamkeit, es blieb aber bis 1996/97 bei einer fachinternen wissenschaftlichen Diskussion. Die Autoren erörterten am Beispiel des von ihnen sogenannten „Schaltenbrand-Experiments“ die Grenzen wissenschaftlichen Forschens allgemein und insbesondere die Rolle der Medizin im totalitären NS-Staat. Sie sahen in Schaltenbrands Versuchen an Menschen ein Beispiel unethischen Experimentierens im Elfenturm der akademischen Medizin. Das „Schaltenbrand-Experiment“ markiere die Anfänge eines professionellen Abrutschens in eine schlüpfrige Selektionspraxis, die kurze Zeit danach bei Ärzten an den Rampen von Auschwitz zu beobachten gewesen sei („It also marked the beginning of a professional slippery slope that would later see physicians making selections on the ramps of Auschwitz“). Shevell und Evans räumten aber ein, Schaltenbrand habe möglicher Weise nicht wirklich aus NS-ideologischen Motiven gehandelt. Es könnte auch sein Forscherdrang gewesen sein, der ihn dazu verleitet habe, ethische Grenzen zu überschreiten.

Dritter Vorstoß (1996/97)

Der dritte Vorstoß kam aus den Reihen, so würde man es heutzutage benennen, des investigativen Journalismus. Der Sozialpädagoge und Journalist Ernst Klee hatte sich seit den 1970er Jahren intensiv mit Vergehen und Verbrechen zahlreicher Mediziner in verschiedenen Bereichen des NS-Staates befasst.  1985 war sein Buch über die „ >Euthanasie< im NS-Staat“ in zweiter Auflage erschienen und dazu eine Dokumentation. Er schildert die von NS-Ärzten bis 1945 durchgeführte Massentötungen von als „lebensunwert“ selektierten Personen und Gruppen. Schaltenbrand kommt darin noch nicht vor.  Mit seinen Schriften und Aktivitäten trug Klee wesentlich dazu bei, und das ist sicherlich sein großer Verdienst, die Schweigemauern und Barrieren niederzureißen, hinter denen die etablierte Medizin sich verschanzt hatte. Die fächerinternen Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit und die Aufarbeitungen in Fachgesellschaften zogen sich in mehreren Phasen hin, und es bedurfte massiver Anstöße von außen, um die Verstrickungen genauer aufzudecken (Siehe Heiner Fangerau, Michael Martin, Axel Karenberg: Neurologen und Neurowissenschaftler: Wer war ein Nazi? Zum Umgang mit der NS-Belastung in der Geschichte der deutschen Medizin, Heiner Fangerau, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S3-S12; Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, ebenda S.  S128-S. S145).

Einen Anstoß mit besonders großer Wucht gab im Oktober 1996 die von Ernst Klee maßgeblich konzipierte Fernseh-Reportage über „Ärzte ohne Gewissen“, die von der ARD ausgestrahlt wurde. Diese Sendung über die mörderischen Aktionen der Medizin in der NS-Zeit hatte eine ungemein große öffentliche Breitenwirkung und Resonanz, die noch viele Jahre anhielten. Erst durch diese Sendung wurde der „Fall Schaltenbrand“ bekannt (siehe Blog-Kapitel 41). Und erst durch diese Reportage und die darauffolgenden Presseberichte wurde er posthum als Mörder abgestempelt und symbolisch verurteilt. Die Medizinische Fakultät der Universität Würzburg enthauptete den Gründer der dortigen Nervenklinik, indem sie seine Ehrenbüste vom Sockel holte und in einem dunklen Keller ablagerte. Die persönliche Tragödie einer Koryphäe der Neurologie fand durch die in Blog-Kapitel 73 zitierte Stellungnahme der Medizinischen Fakultät eine eilfertige und überstürzte Dramaturgie.

Doch ist die Akte Schaltenbrand noch nicht geschlossen.

 

Unveröffentlichte Quellen (eine Auswahl, Privatarchiv Prof. Dr. Alf Mintzel)

Bayerisches Staatsministerium des Innern, Entwurf, zwecks Übernahme der Richtlinien des Reichsministeriums des Innern für die neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen, 1931.

Brief von o. em. Univ.-Professor Dr. med. Jürgen Peiffer, Tübingen, an Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand Frankfurt a. M., vom 1.11. 1997.

[Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand] 11. O8. 1998, Georges Schaltenbrand (G. S.) Peiffers Beleg [ 7 Seiten Notizen zu Prof. Dr. med. Jürgen Peiffers Schreiben vom 1. 11.1997, digitaler Ausdruck]

Prof. Dr. G. Stertz Nervenklinik der Universität München, 1. Dezember 1949, Gutachten auf Veranlassung des Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 3. 11. 1949 Nr. V 74737 zum Buch des Professors Dr. Georg Schaltenbrand.

Dr. Josef Mayer, Ministerialdirektor im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus Schreiben vom 23. Dezember 1949 an Prof. Dr. Stertz, Mitteilung, „dass der Herr Minister im Hinblick auf Ihr, für Schaltenbrand so günstigen Gutachten, dessen Wiedereinstellung genehmigt hat.“

Peter Linhart, Leserbrief an das Fränkisches Volksblatt, Juliuspromenade Würzburg 21. 1. 1997. Betreff: „Neurologie und Medizinische Fakultät distanziert sich von früherem Klinikchef“ Fränk. Volksblatt vom 3.12. 97. (Kopie der Originalfassung im Privatarchiv von Prof. Dr. Alf Mintzel, Passau)

Prof. Dr. med. H. Pette, Schreiben an Prof. Dr. Schaltenbrand vom 15 1. 1948.

Prof. Dr. med. H. Pette, Schreiben an Prof. Dr. Schaltenbrand vom 20. 2. 1948.

Prof. Dr. med. H. Pette, Stellungnahme vom 16. 7. 1948 „zu einigen Punkten in dem gegen ihn [Schaltenbrand] angestrengten Verfahren“.

Prof. Dr. W. Leibbrand, Direktor, Direktion der Heil- und Pflegeanstalt des Bezirksverbandes Ober- und Mittelfranken in Erlangen. Sachverständigengutachten in der Ermittlungssache gegen den Würzburger Nervenarzt Prof. Dr. Georg Schaltenbrand wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vom 15. Januar 1948. (Maschinenskript, 22 Seiten).

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand, Schreiben an Prof. Dr. Pette vom 21. 1. 1948.

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand , Schreiben an Prof. Dr. Degkwitz vom 14. 2. 1948.

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand, Schreiben an Prof. Dr. Viktor von Weizsäcker vom 23. 2. 1948.

Prof. Dr.  Georges Schaltenbrand, Schreiben an Prof. Dr. Reese, Sherwood Hills, Medison 5, Wiskonsin.

Prof. Dr. Georges Schaltenbrand, Schreiben an Prof. Dr. Hugo Spatz vom 4. März 1948.

Gedruckte Quellen

Reichsministerium des Innern, 1931: Richtlinien für die neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen.

Literatur

Hartmut Collmann: Georg Schaltenbrand (26.11.1897-24. 11.1979). Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen 27, 63-92.

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen. Vortrag anlässlich der Eröffnung der 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Dresden am 3. 10. 1997, gedrucktes Skript, 20 Seiten.

Jürgen Peiffert: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen, in.

Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Fischer Taschenbuch Verlag 1985.

Ernst Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich. „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.  Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage. Januar 2014.Vollständig überarbeitete Neuausgabe.

Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. S. Fischer Verlag 1997.

Hans-Ludwig Siemen: Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten während des Nationalsozialismus, in: Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.):Psychiatrie im Nationalsozialismus Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 133 und 1945. München 1999,  S. 417-474.

71. Pogrom und Deportation – Die Vernichtung der Würzburger Juden, 1938. Bericht des Augenzeugen Prof. Dr. med. G. Schaltenbrand

„…diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches Volk… wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen Nation bleiben“ (G. Schaltenbrand, 1944)

 

Aus dem Tagebuchbericht über den Zeitraum von 1. I. 44. – XI. 1944:

„Das Pogrom in Würzburg ist einer besonderen Schilderung wert, denn es dürfte kaum eine Zeitung oder ein Buch geben, in dem man diese bemerkenswerten Ereignisse aufgezeichnet hat. Nachdem Herr von Rath, Botschaftsmitglied in Paris der Kugel eines rachedurstigen Emigranten zum Opfer gefallen war, erging von einer mysteriösen Stelle (wahrscheinlich Goebbels) der Befehl an alle Gauleiter, Rache an den Juden zu üben. Die SA und SS wurden zusammengetrommelt – die SS holte erst alle männlichen Juden aus den Wohnungen und schaffte sie ins KZ. Schon dabei gab es herzzerreißende Szenen – Eltern die fast halbtot geprügelt wurden, weil sie einen Sohn schützen suchten. Aber das war nur der Auftakt zu Furchtbarerem. Die SA wurde in Räuberzivil außerhalb der Stadt zusammengetrommelt. Lastwagen standen parat, Stangen, Steine, Dynamit und Zündpatronen. Dann ging es gegen die Synagogen los. Die Kultgeräte wurden zertrümmert, Teppiche zerschnitten, das Innere der Gebäude ausgebrannt, wo es ging, die Mauern gesprengt. Gleichzeitig wurden in den Geschäften die Schaufenster eingeworfen, die Warenbestände vernichtet oder geraubt. Dann ging es in die Privatwohnungen. Auch hier wurde alles zerstört, Möbel zerhackt, das Porzellan mit Straßenstampfern vernichtet, Teppiche, Bilder, Betten zerschnitten, die Wände mit Eiern und Marmelade beworfen, die Fenster von innen herausgestoßen und das ganze zerstörte Inventar auf die Straßen geworfen. Nicht einmal dort, wo Tote und Kranke lagen, nahm man Rücksicht. Die Leute starben zum Teil vor Aufregung oder sprangen in ihrer Angst aus den Fenstern. Aber die, die sie hätten ärztlich versorgen sollen, nach dem sie sich die Glieder gebrochen hatten – Prof. Seifert (der Rektor der Universität), Dozent Dr. Bahls, Dr. v. Öttingen und andere Ärzte, waren selbst unter den Vandalen! An manchen Wohnungen haben die Horden 3 Tage gearbeitet, besonders an Privathäusern, wo sogar die Kacheln zerschlagen und das Parkett zerfetzt wurde.  Als Trumpf dieser Infamie kam dann noch ein besonderer Haken: Die Juden mußten die Schäden selber bezahlen, die Versicherungssummen verfielen dem Staat und außerdem wurde den Juden eine Vermögensabgabe von einer Milliarde auferlegt. Fast überall spielten sich diese Szenen ab. Zum Teil noch grausiger als hier in Würzburg. Draußen auf dem Lande steckte man ihre Häuser an, wir sahen selber ein brennendes Haus, als wir – Lu [Ehefrau Luise Schaltenbrand – A. M.] und ich – in wilder Verzweiflung über unsere Zugehörigkeit zu einer solchen Nation nach Heidelberg u. Freiburg fuhren, um uns mit unseren Freunden auszusprechen. Man bringt jetzt die Juden in bestimmten Wohnbezirken unter, sie dürfen nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten kaufen. Wenn sie auswandern, dürfen sie nur 10 M in Silbergeld und eine 3 Zimmerwohnung in Möbeln mitnehmen, alles andere verfällt dem Staat. Nachdem nun Polen erobert und zwischen Deutschland und Rußland aufgeteilt worden ist, will man die Juden zwischen … [unleserlich – A.M.] u. Berg in einem bestimmten Reservat unterbringen, wo man ihnen wohl erlauben wird, sich zwischen dem Tod durch Hunger oder dem durch Kälte zu entscheiden. Ich verstehe wohl Härte wie sie zum Aufbau einer großen Nation und zur Vorbereitung eines großen, vereinfachten Europas notwendig ist. Solche Dinge gehen anscheinend nicht ohne machiavellistische Prinzipien, aber diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches, wenn auch nicht immer sympathisches Volk wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen Nation bleiben.“

Kommentar

Die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 vom NS-Regime reichsweit organisierten und gelenkten Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung fanden auch in Würzburg statt. Die Ausschreitungen geschahen auch dort mit höchster Brutalität. Im Zusammenhang mit den Gewalttaten nahmen sich drei jüdische Bürgerinnen das Leben. Ein jüdischer Bürger starb an den Misshandlungen. Die zeitnahe Schilderung des Würzburger Universitätsprofessors und Neurologen Georges Schaltenbrand wurde bis heute nicht publiziert. Er hatte sie 1944 handschriftlich seinem geheimen Tagebuch anvertraut. Schaltenbrands Bericht ist aus mehreren Gründen aufschlussreich.  Er beschreibt nicht nur die schrecklichen Vorgänge, von denen er meint, sie als Zeitzeuge festhalten zu müssen, sondern notiert zugleich seine innere Empörung über die Gewalttaten und seine Haltung gegenüber der jüdischen Minderheit.  Er hält die Pogrome für einen „Schandfleck der deutschen Nation“. Er schämt sich für Deutschland, das zu solchen sadistischen Aktionen gegen ein fleißiges und friedliches Volk schreite. Jeder dieser Sätze hätte ihn damals in große politische Schwierigkeiten bringen können, wären seine Tagebücher entdeckt worden und an die Öffentlichkeit geraten. In seinem Bericht nennt er überdies Professorenkollegen aus der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg beim Namen, die sich an dem Vandalismus beteiligt hatten. Sie hätten ihr ärztliches Berufsethos verraten, weil sie, was eigentlich ihre Pflicht gewesen sei, Misshandelte und Verletzte nicht ärztlich versorgt hätten. Prof. Dr. med. Ernst Seifert (1887-1969), Inhaber einer Professur für Chirurgie und amtierender Rektor der Universität (1938-1945), war einer der Nazi-Schergen gewesen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November die jüdische Einwohnerschaft in Angst und Schrecken versetzten, jüdisches Eigentum zerstörten und die Synagoge in Brand setzten.

Schaltenbrand vertrat in der sogenannten Judenfrage eine dem NS-Regime diametral entgegengesetzte Position. Während die NS-Rassendogmatik und Rassenpolitik  die Ausgrenzung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung als „Endlösung“ propagierte und durchführte, sprach sich Schaltenbrand für einen humanen Weg aus, für eine friedliche Integration durch eine allmähliche Assimilation.  Ein Musterfall dafür stellte für ihn der von ihm hochverehrte politische Philosoph Leonard Nelson dar, ein gebürtiger Jude. (siehe Blog-Kapitel 66). Schaltenbrand mokierte sich zwar über dessen angeblich jüdische Verhaltensweisen, bewunderte aber auch seinen Geist und Arbeitsethos.

Schaltenbrand hatte seine Position am 24. Juli 1934 in seiner Unterredung mit dem NS-Rassenpolitiker und Fachkollegen Prof. Dr. med. Willy Holzmann relativ offen, aber mit vorsichtigen Formulierungen dargelegt. In diesem Gespräch hatte Holzmann erklärt, „das Rassenproblem sei die Idee, die der Führer geschaffen habe, und deren Verfolgung das Leitmotiv der nationalsozialistischen Bewegung bleiben müsse. Die Eugenik sei nur ein unwesentlicher Teil.“ „Das Rassenproblem sei der Kernpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung.“

Holzmann hatte Schaltenbrands Assimilationsargument (im NS-Jargon Rassenmischung) mit der Behauptung zurückgewiesen, „die Kreuzung eines Juden mit einem Arier (liefere) ebenso verhängnisvolle Ergebnisse (…) wie die Kreuzung eines Bernhardiners mit einem Wachtelhund. (siehe Blog-Kapitel 68, Dokument 2 Gedächtnisprotokoll).

Doppelleben und innere Emigration

Schaltenbrand war angesichts der Novemberpogrome 1938 völlig klar geworden, dass es nicht mehr möglich war, gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn und Vernichtungswillen offen Stellung zu nehmen oder gar auf politischen Podien öffentlich zu opponieren. Die Optionen, die er 1933 meinte, noch offen zu haben, waren inzwischen für seine Person völlig unrealistisch geworden. Eine Chance, in die USA auszuwandern und an der Universität Bosten eine Professur zu übernehmen, war aus verschiedenen Gründen gescheitert. Er blieb nolens volens im NS-Deutschland. Offene Opposition gegen das NS-Regime und seine Rassenpolitik wäre ein gefährliches Unterfangen gewesen. Zu einem Märtyrer fehle ihm, so betonte er ausdrücklich, die hierzu nötige Opferbereitschaft und Willenskraft. Sich als kleiner Privatarzt niederzulassen und reiner Praktiker zu werden, widersprach seinem höchsten Lebens- und Berufsziel, ein großer und angesehener Wissenschaftler zu werden. Er sah sich zum (Ausnahme-)Wissenschaftler geboren und ordnete fast alles dieser existenziellen Selbsteinschätzung und Grundentscheidung unter: Familie, Freundschaften, kollegiale Beziehungen, politisches Engagement und andere Neigungen. Er beugte sich den Druckmitteln des Regimes. Doch blieb er ein passionierter Beobachter der politischen Vorgänge und Ereignisse im In- und Ausland. An der Universität Würzburg verfolgte er mit Verdruss und Sarkasmus die Nazifizierung der Medizinischen Fakultät, wie überhaupt der Wissenschaft, vermied es aber, aus seiner Deckung herauszugehen. Er wollte, wie gesagt, politisch ungestört forschen und experimentieren und war bereit, dafür mit seinen Mitgliedschaften in NS-Organisationen um seine Person NS-konforme politische Fassaden aufzurichten, was zu einer Art Doppelleben führte. Er gab sich, wo und wie auch immer es die Situation erforderlich machte, als ein äußerlich regimekonformer Parteigenosse, zog sich aber dann wieder hinter die Fassaden zurück. Eine wirklich freie politische Kommunikation war nicht einmal mehr mit nahen Verwandten möglich. Er brauchte einen inneren Ort, an dem er mit sich und der Welt frei kommunizieren konnte. Seine Tagebücher dienten ihm in der Zeit der NS-Diktatur als Ort des geistigen Rückzugs und Verstecks. Es war eine Form der „inneren Emigration“. Sein geheimer Bericht über das Novemberpogrom 1938 in Würzburg und die darin enthaltenen ganz persönlichen Betrachtungen und geschichtlichen Einschätzungen sind ein charakteristisches Beispiel seines Doppellebens. Meines Erachtens hat die medizinhistorische Forschung im Falle Schaltenbrands dessen prekäre Situation und Lebensform – nicht zuletzt als Intellektueller – noch nicht befriedigend analysiert und aus den bisher bekannten Quellen zum Teil fragliche Schlüsse gezogen. Mehr über Schaltenbrands Position in der Judenfrage folgt demnächst in einem weiteren Kapitel.

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Weblinks (abgerufen 03.12.2020)

Pogrom-Nacht in Würzburg – Würzburg Wiki

https://wuerzburgwiki.de/wiki/Wiki_f%C3%BCr_W%C3%BCrzburg:_Hauptseite

Der Rektor beim Novemberpogrom-Universitäts-Archiv:

https://www.uni-wuerzburg.de/uniarchiv/startseite/neuigkeiten

Ernst Seifert (Mediziner):

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Seifert_(Mediziner)

Literatur:

Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979)und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1 Februar 2020, S43-S52.

Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S128-S145.

Hannelore Mintzel: Die letzten jüdischen Familien in Rimpar. Ein vernachlässigtes Stück Heimatgeschichte. Rimparer Geschichtsblätter Band 11, 2020.

70. “Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht”

 Von der eugenischen Verhütung zur NS-Massenvernichtung

„Zur Eugenik als einem zentralen Ankerpunkt der NS-Ideologie ließ sich trotz ausgiebiger Recherchen die Einstellung einiger Neurologen nicht zweifelfrei ermitteln.“ So fassten die Medizinhistoriker Heiner Fangerau, Michael Martin und Axel Karenberg in ihrer Elitenstudie über „Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit“ ihre Forschungsergebnisse zu diesem Fragenkomplex zusammen. (Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, SS19, S141).

Bei meinen biografisch-analytischen Annäherungen an die Forscherpersönlichkeit Schaltenbrands stoße ich in seinen Tagebüchern auf Aussagen, aus denen seine positive Einstellung zur Eugenik und zu eugenischen Maßnahmen des Staates eindeutig hervorgeht. Unmittelbar nach der NS-Machtergreifung trägt er in sein Tagebuch ein: „Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht“.  In einer Unterredung ein Jahr später mit dem NS-Rassenpolitiker Prof. Dr. med. Wilhelm Holzmann, den er im Juli 1934 um ein klärendes Gespräch gebeten hatte, erläutert Schaltenbrand seine Einstellung zum „Rassenproblem“ und zur Eugenik so: Er „hielte das Rassenproblem nur für einen Teil des nationalsozialistischen Problems.“ Ihm „erschienen andere Punkte, wie die Überwindung des Klassenkampfes, die Beseitigung des Föderalismus, die Durchführung der eugenischen Gesetzgebung als die wichtigsten Aufgaben“ des neuen Staates (siehe Blog-Kapitel 68 „Who was a Nazi?). Das Erbgesundheitsgesetz vom Juli 1933 entsprach wohl, so darf man aus seinen Tagebucheitragungen schließen, in vielen Punkten seinen eugenischen Vorstellungen.  Die komplexe Problematik zwingt mich zu einer kursorischen, auf Schaltenbrand fokussierten Behandlung. Zunächst ein kurzer Blick auf die historische Situation und den Text des Gesetzes.

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (Erbgesundheitsgesetz), Juli 1933

Ein halbes Jahr nach der NS-Machtergreifung hatte das Kabinett Hitler unter dem Datum des 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Das Gesetz, kurz „Erbgesundheitsgesetz“ genannt, war im Wesentlichen ein „Sterilisationsgesetz“, das der Volksgesundheit dienen sollte. Es legalisierte unter Einhaltung bestimmter Verfahrensregeln die Unfruchtbarmachung vermeintlicher Erbkranker und schwerer Alkoholiker.

In Paragraf 1 wurden die Krankheiten aufgelistet, die als vererblich galten:

(1) „Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.

(2) Erbkrank im Sinne des Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

  1. angeborenem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, 3. zirkulärem (manisch-depressivem) Irrsein, 4. erblicher Fallsucht, 5. erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), 6. erblicher Blindheit, 7. erblicher Taubheit, 8. schwerer erblicher körperlicher Missbildung.

(3) Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet“

Den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft und ihrer Urteilskraft wurden bei der Umsetzung des Gesetzes eine entscheidende Rolle zugewiesen. Ärzte befanden darüber, wer als „erbbiologisch minderwertig“ und „lebensunwert“ eingestuft und amtlich gezwungen wurde, sich sterilisieren zu lassen.

Das Gesetz behielt nach 1945 seine Gültigkeit und wurde erst im Jahre 2007 als nationalsozialistisches Unrecht geächtet.

Von der eugenischen Verhütungspolitik zur staatlich organisierten Massenvernichtung „unwerten Lebens“ war es ein kurzer Weg. Die Umsetzung des Gesetzes lief schon kurz nach seinem Inkrafttreten auf die Vernichtung unerwünschter Menschen und Gruppen hinaus. Bis 1945 wurden auf der Grundlage dieses Gesetzes durchschnittlich 50.000 bis 60.000 Personen sterilisiert beziehungsweise kastriert, wobei der Personenkreis auf Kriminelle, Prostituierte und andere missliebige Gruppen ausgeweitet wurde. Die meisten Sterilisationen erfolgten aufgrund von psychiatrischen Diagnosen wie Schwachsinn und Schizophrenie. Das NS-Regime musste allerdings noch weltanschauliche Hemmnisse und politische Hürden überwinden und die Praktiken (Gaswagen, Nahrungsentzug und Spezialbehandlungen wie zu Tode spritzen) vertuschen.  Sonderaktionen der T4- Organisation der „Euthanasie“ mussten abgebrochen und umorganisiert werden. Dass das Erbgesundheitsgesetz schon in kürzester Zeit im Rahmen des NS-Vernichtungsprogramms der Scheinlegitimierung der massenhaften Ermordung und genozidalen Ausrottung diente, konnte Schaltenbrand 1933/34 schwerlich voraussehen, zumindest nicht in seinen ungeheuren Ausmaßen. Doch Anfang der 1940er, in der Abschlussphase seiner Multiplen Sklerose-Forschung, war er über das Vernichtungsprogramms und seine Tötungsmethoden relativ gut informiert. In einem längeren Eintrag hielt er Folgendes fest:

16 1. 43. Einen besonderen Feind habe ich auch in Gestalt des hiesigen Psychiaters, Prof. Heyde. Er war Oberarzt von Reichardt, dem Nachfolger Riegers, dem sagenhaften Begründer der Psychiatrie in Würzburg. Heydes wissenschaftliche Leistungen waren u. sind auch heute noch peinlich unbekannt. Er entstammt einer Ehe eines „Rentenneurotikers und einer Russin< [nach?  –  unleserlich – A.M.] War früher mit bestimmten jüdischen homosexuellen Kreisen sehr befreundet und auch in einen Prozess verwickelt, durch den viel Staub aufgewirbelt wurde. Aber ihm konnte man nur ein paar verdächtige Briefe nachweisen u. so kam er ungerupft davon.  Aus dem Saulus wurde rechtzeitig ein Paulus, in der SS sogar. Gegen den Willen der Fakultät wurde er Ordinarius für Psychiatrie. Seine bemerkenswerteste Leistung bisher war der Aufbau einer Organisation zum Abbau der Geisteskranken nach der Methode Dr. Eisenbarths [gemeint ist die von Prof. Dr. med. Werner Heyde geleitete T4- Organisation und Aktion – A.M.]. Unter dem Protektorat der SS erschienen plötzlich geheimnisvolle Kommissionen in den Irrenanstalten und nahmen dort die Bestände an unheilbaren Kranken auf, bzw. was sie dafür hielten. Einige Zeit später kam dann der Befehl, diese Kranken in bestimmte Anstalten zu verlegen und noch etwas später erhielten die Angehörigen die Mitteilung, ihr Patient sei leider an der u. der Krankheit verstorben, die Asche könnte – nach Einsendung des Betrages in RM – zugesandt werden. Einem Teil der Familien fiel auf, dass Leute an einer Blinddarmentzündung gestorben waren, deren Blinddarm schon früher herausgenommen worden war. In einzelnen Fällen soll die Asche zweimal zugesandt worden sein. In einem anderen Fall wurde die Asche angeboten, obwohl der Kranke auf dem Transport entsprungen und glücklich zu Hause angekommen war. Nachdem die Volksseele bedenklich zu kochen angefangen hatte, wurde die Aktion anscheinend abgeblasen, aber Herrn Heyde hat sie nicht geschadet. Eine ähnliche Tätigkeit, von der man aber noch weniger hält, übt er anscheinend in den Konzentrationslagern aus. In dieser segensreichen Schöpfung der Partei [ein typisches Beispiel für seinen mitunter sarkastischen Stil – A.M.] sind ständig etwa 300.000 missliebige Menschen untergebracht, z.T. Schwerverbrecher, teils politisch Andersgläubige, Juden und Übertreter der sehr strengen Kriegsgesetze. Die Mortalität ist in diesen Lagern eine sehr hohe, die Lebenserwartung der Juden beträgt in ihnen infolge der besonders für sie entwickelten Behandlungsmethoden 4-6 Wochen.

Die >Gestapo< – eine Nachbildung der russischen G.P.U. entscheidet allein über Wohl u. Wehe zahlloser Menschen. Sie verhaftet und richtet, ohne Anwalt und Richter, ohne Recht auf ein Verfahren, einen Verteidiger zu nehmen, überhaupt ohne Verpflichtung, dem Verhafteten überhaupt mitzuteilen, was vorliegt.“

Schaltenbrands Schilderung beruht wohl in Teilen auf den damals laut gewordenen Protesten und umlaufenden Gerüchten. Gleichlautende Berichte finden sich später in der zeitgeschichtlichen Fachliteratur. Ein Beispiel:

„Die den Angehörigen nach dem >plötzlichen< Ableben mitgeteilten Diagnosen oder Todesursachen waren frei erfunden. Es kam vor, dass Kranke, denen schon Jahre zuvor der Blinddarm operativ entfernt worden war, angeblich an einer >Blinddarmentzündung< verstorben waren. Die Leichen wurden den Angehörigen nicht zum Begräbnis überlassen, sondern rasch verbrannt, als Grund gab man Seuchengefahr an (…). Die Urnen wurden nicht zentral aufgegeben, sondern an mehreren umliegenden Orten, um bei der örtlichen Bevölkerung keinen Verdacht aufkommen zu lassen (…).“ (Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 3. Auflage, S. 271f).

Die eugenische Bewegung

Die Eugenik war eine politisch-ideologische und gesellschaftspolitische Denkströmung, die sich schon im ausgehenden 19. Jahrhundert international auszubreiten begonnen hatte. Im Rahmen biologischer Rassenlehren hatte sich die Überzeugung herausgebildet, es müsse in volksschädliche Entwicklungen geplant eingegriffen werden. 1905 hatten namhafte Wissenschaftler und Repräsentanten verschiedener akademischer Berufe die „Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet. Deren Ziel war es, die „Rassenhygiene“ als neue Wissenschaft zu etablieren, mit Empfehlungen einer wissenschaftlich basierten Eugenik (Rassenhygiene) hervorzutreten und praktische Maßnahmen vorzuschlagen. Die sog. eugenische Bewegung hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Befürworter in so gut wie allen gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen und weltanschaulichen Lagern Zuspruch erhalten. Eugenische Bestrebungen und Gesetze hatte es auch in anderen Ländern Europas und in den USA gegeben. In Deutschland hatten sich am Ende der Weimarer Republik die politischen und gesetzgeberischen Initiativen in einem Gesetzentwurf des preußischen Gesundheitsamtes niedergeschlagen. Dieser Entwurf hatte jedoch, nachdem die Preußische Regierung 1932 abgesetzt worden war, nicht mehr verabschiedet werden und in Kraft treten können. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung hatte die NS-geführte Reichsregierung in einem Eilverfahren diesen Entwurf übernommen und in mehreren Punkten verschärft. Das Erbgesundheitsgesetz vom 14. Juli 1933 war insofern nur bedingt ein nationalsozialistisches Machwerk. Eugenische Forderungen hatte es, wie gesagt, schon gegeben, bevor Hitler und seine Anhänger auf der politischen Bühne auftauchten. Ein Befürworter eugenischer Maßnahmen muss nicht unbedingt ein Anhänger der nationalsozialistischen Weltanschauung gewesen sein. Schaltenbrand war jedenfalls, soviel lässt sich vorsichtig sagen, trotz seiner Affinität zu eugenischen Maßnahmen nicht zu einem Befürworter oder gar Täter der NS-Tötungsmaschinerie geworden. Es wird sich noch zeigen, dass er die ihm nach dem Krieg angelasteten Versuche an Menschen nicht im Sinne der NS- Vernichtungsideologie durchgeführt hat. Sein Motiv folgt, so meine vorläufige Hypothese, einer anderen medizinhistorischen Tradition – was allerdings die normative und berufsethische Problematik nicht außer Kraft setzt. Es bedarf hier einer Nachschärfung des analytischen und ideologiekritischen Instrumentariums, um seine Position heller anleuchten zu können.

Schaltenbrands Einstellung gegenüber dem NS-Regime war, darauf habe ich schon mehrmals hingewiesen, nicht durchgängig konsequent, geradlinig und in sich stimmig gewesen. Er begrüßte den Kurs des Regimes in verschiedenen Politikbereichen, zum Beispiel in der Religions- und Kirchenpolitik (Zurückdrängung des kirchlich-katholischen Einflusses), im Agrarsektor, in der zentralistischen Verfassungspolitik (pro Zentralismus) und eben in der eugenischen Gesundheitspolitik.

Biografische Vorgeschichte

Schaltenbrands positive Wertung des Erbgesundheitsgesetzes hat in seiner Biografie eine lange Vorgeschichte. Sie reicht bis in seine Studentenjahre zurück, in denen er der eugenischen Bewegung nahegestanden hatte. Schon als junger Medizinstudent hatte er, wie aus seinen „Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung von 1919“ und anderen Tagebucheintragungen zweifelsfrei hervorgeht, eine radikale Eugenik vertreten. Unter der Devise „Hochzucht der Rasse!“ hatte er unter anderem gefordert:  Kinder dürfen nur von Eltern gezeugt und aufgezogen werden, die „frei von erblichen Krankheiten sind“. Und: „Erblich belastete Menschen werden zeugungsunfähig gemacht.“ Und noch schärfer: „Unheilbare Idioten dürfen vom Staate getötet werden“ (siehe Blog-Kapitel 67). Was dem Volkswohl und der Volksgesundheit schadet, sollte bekämpft und ausgemerzt (negative Eugenik), was ihm nützt, gefördert werden (positive Eugenik). Den Ärzten hatte er bei der Erfüllung dieser Aufgaben eine Sonder- und Schlüsselrolle eingeräumt. „Der Arzt wird Berater und Beichtvater des Menschen an Stelle des Priesters“. Den Ärzten obliegt die Rechtspflege, soweit sie sich auf Verbrechen bezieht. Wiederholt machte er sich Notizen zu angeblich degenerativen Erscheinungen, die er glaubte in der Gesellschaft beobachten zu können.  Das gesundheitspolitische Mittel der Sterilisation solle jedoch human praktiziert werden, nicht in „veterinär-medizinischer“ Form.

Die Ärzteschaft im Dienste der Volksgesundheit und Rassenhygiene –  Extremisierung der Eugenik

Kaum war das Erbgesundheitsgesetz in Kraft getreten, nutzten Amtsträger der NSDAP die Gelegenheit für massive Werbeaktionen unter der Ärzteschaft. In Franken war es NSDAP-Gauleiter Julius Streicher (1885-1946), der im Juli 1934 in einem Aufruf „An alle Ärzte und Ärztinnen“ für seine Halbmonatsschrift „Die Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden“ warb und mit dieser Werbeschrift die Ärzteschaft „dem deutschen Volke zurückgewinnen“ wollte (siehe Abbildungen im Anhang). Darin hieß es:

„Der deutsche Arzt muß wieder Fühlung bekommen mit dem Empfinden des deutschen Volkes auf dem Gebiete der Heilkunde Der zersetzende jüdische Einfluß in der medizinischen Wissenschaft und in der Standespresse hat den deutschen Arzt planmäßig vom Volk und seinen Ansichten entfernt. Dieser war es, der das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Volk zerstört hat!

Das deutsche Volk des Dritten Reiches braucht Ärzte, zu denen es wieder volles Vertrauen haben kann. Der deutsche Arzt, dessen Wohl vom Volke abhängig ist, muß wissen, wie das Volk über gewisse wissenschaftliche Methoden denkt.

Julius Streicher, als Vertreter des Volkes, nimmt in seiner Zeitschrift >Deutsche Volksgesundheit< in seiner klaren und schonungslosen Sprache Stellung zu den Grundfragen der Volksgesundheit und Heilkunde. “Und am Schluss der Werbung die kaum verhohlene Aufforderung, sich schleunigst der Volksbewegung der „Deutschen Volksgesundheit“ anzuschließen: „Die meisten deutschen Ärzte (hätten) den rechtzeitigen Anschluss an den Nationalsozialismus verpaßt! Sie würden es bereuen, wenn sie den Anschluß an die Volksbewegung der >Deutschen Volksgesundheit< ebenfalls versäume(t)n.“

Julius Streicher, 1928 bis 1945 Gauleiter der NSDAP von Franken, war vor allem als Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ bekannt. Er wurde im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und 1946 durch den Strang hingerichtet.

Ärzte waren, wie Statistiken zeigen, für die NS-Gesundheitspolitik besonders anfällig. Die Zahl der Ärzte nahm im „Dritten Reich“ stark zu. Sie stieg von weniger als 60000 auf fast 80000 an (Vasold, S. 278). Die meisten Ärzte sahen es als ihren staatspolitischen Auftrag an, das deutsche Volk „gesünder“ – rasserein, erbgesund und leistungsfähig – zu machen. Viele kollaborierten mit dem NS-System und beteiligten sich an den Sterilisations- und ab 1939 an den Euthanasie-Programmen.

Ohne Zweifel hatte Schaltenbrand seit seiner Studentenzeit eugenische Positionen vertreten und die Umsetzung des Erbgesundheitsgesetzes für eine der wichtigsten gesundheitspolitischen Aufgaben des neuen Staates gehalten. Seine Tagebucheintragung vom 16. Januar 1943 mit den Hinweisen auf die T4-Aktionen, auf „geheimnisvolle Kommissionen“ und auf die Ermordung „unheilbarer Kranker, oder was sie, die „geheimnisvollen Kommissionen“ dafür hielten“, sind besonders im Blick auf seine Multiple Sklerose-Forschung interessant. Er wusste, was geschah, und distanzierte sich von den „Dr. Eisenbarth-Methoden“ [eine äußerst fragwürdige Metapher für die NS-Morde – A.M.] und von den NS-Euthanasie-Aktionen, bezog aber die Vorgänge mit keinem Wort auf sein Jahrzehnte später (1994, 1996) so genanntes „Schaltenbrand–Experiment“. Er setzte sich von dem NS-Vernichtungsprogramm und dessen „Behandlungsmethoden“ ab, ohne damit seine Versuche mit behinderten Anstaltsinsassen in irgendeiner Weise in Verbindung zu bringen. Das wirft Fragen nach der besonderen Weise seiner Verstrickung in die NS-Medizin auf. Die oben genannten Medizinhistoriker bezeichnen Schaltenbrand als eine Forscherpersönlichkeit, die zugleich Täter, Nutznießer und Kollaborateur gewesen sei. War er wirklich ein Kollaborteur?  War er wirklich ein Nutznießer? In welcher Weise war er ein Täter? Die Autoren heben zugleich hervor, wie schwierig es sei, vielschichtige Handlungsmotive und komplexe Entscheidungsgänge gerade in Umbruchsituationen angemessen zu bewerten und über einzelne Protagonisten einer medizinischen Fachelite ein Urteil zu fällen.

 

Links

(Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand; https://doi.org/10.1007//s00115-019-00843-6).

Zur Eugenik: https://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik … abgerufen am 12. 12. 2020.

Zur nationalsozialistischen Rassenhygiene: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistsische_Rassenh… abgerufen am 12. 12. 202

https://www.aerzteblatt.de/archiv/79713/NS-Medizin-Die-Si…abgerufen am 22. 06. 2020.

Zum Erbgesundheitsgesetz von 1933

https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Ver%C3%BCtun…abgerufen am 18.11.02020

 

Literatur:

Aus der schier unüberschaubaren Fülle von Darstellungen und Dokumentationen, die bis in vielfältige Details hineinführen, sei hier für die biografischen Annäherungen an die Persönlichkeit Georges Schaltenbrand zu Rate gezogene und zitierte Literatur aufgelistet:

Michael v. Cranach: Menschenversuche in den bayerischen Heil- und Pflegeanstalten, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999, S. 405-411.

Henry Friedländer: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin Verlag 1997.

Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegen von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. DTV 3. Aufl., S. 13-26.

Ernst Klee: 25 Jahre „Euthanasie“-Forschung – Geschichtliches Wissen und Verantwortung heute. 5. Alstendorfer Fachforum am 08. 05. 2001.

Konrad Kwiet: Rassenpolitik und Völkermord in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus.  Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. DTV.  3. Aufl. S …

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43-S52.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Neurowissenschaftler am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung im „Dritten Reich“: Oskar Vogt / Hugo Spatz / Wilhelm Tönnis, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S89-S99.

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen. Würzburg Verlag Richter [1957].

Hans-Walter Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890 – 1945. Göttingen 1992 (2. Aufl.)

Hans-Ludwig Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999, S. 15-34.

Hans-Ludwig Siemen: Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten während des Nationalsozialismus, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999 S. 417-464.

Manfred Vasold: Medizin, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Herman Weiß. DTV 3. Auflage, S. 259-276.

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats:  Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

69. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand und das Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler

Was mag damals, im November 1933, im Hirn des Hirn-Forschers Schaltenbrand vorgegangen sein?

Im November 1933 unterschrieb Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand das „Bekenntnis der Professoren der deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“. Diese Tatsache wird in der Medizingeschichte und politischen Geschichtsschreibung als ein starkes Indiz dafür gehalten, dass er 1933 – entgegen allen späteren Beteuerungen und Selbstentlastungsversuchen  –  dem NS-Regime im Denken und Handeln weltanschaulich und politisch doch näher stand, als er (sich selbst) eingestehen wollte. Aus ihm sei, so die gängige Meinung, offensichtlich ein überzeugter Nazi geworden. Erstaunlich ist, dass Schaltenbrand selbst, der so eifrig Tagebuch geführt und darin seine Gedankengänge, inneren und äußeren Kämpfe und Entscheidungen festgehalten hat, sich über diesen Vorgang völlig ausschweigt, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Als habe er ihn aus seiner Biografie tilgen wollen. Soweit ich seine private Korrespondenz überblicke, finde ich auch dort keinen Hinweis auf dieses Geschehen. Er, der seit seiner Studentenzeit in seinen Tagebuchnotizen viele Male von sich fordert, streng rational zu denken und zu handeln, der sich einem kritischen Geist verschrieben hat, der stets prüft und beurteilt, was vor sich geht, unterzeichnet ein Bekenntnis, das seinem Denken und seinem Wissenschaftsbegriff in wesentlichen Punkten widerspricht. Noch im April 1933 hatte er seinem Tagebuch anvertraut, das deutsche Volk habe sich mit dem Ausgang der Reichstagswahl vom März 1933 selbst enthauptet und sich den Nazis auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Der Anfang der Nazi-Herrschaft sei erschreckend. Er befürchte, es werde „noch schlimmer werden als in Italien“ und bezieht sich damit auf den italienischen Faschismus (siehe Blog-Kapitel 64, Auszug vom 14.IV.!933). Sieben Monate später dann die Unterschrift. Was mögen seine Beweggründe gewesen sein?

Bereits gegen Ende des letzten Blog-Kapitels (68. „Who was a Nazi“ – Der Fall Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand) war in mir der Verdacht aufgekommen, dass nicht allein eine berufliche  Katastrophenstimmung und persönliche Torschlusspanik dazu geführt haben könnten, in den Stahlhelm einzutreten und sich zu Hitler und dem neuen Staat zu bekennen. Hat er sich, wie ihm in der einschlägigen Literatur unterstellt wird, tatsächlich den weltanschaulichen Positionen des Nationalsozialismus angenähert? (Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand; https://doi.org/10.1007//s00115-019-00843-6). Ich finde in seinem Tagebuch, welches er seinen „verschwiegenen Ort“ nennt, Eintragungen, die belegen, dass er die NS-Politik nicht in Bausch und Bogen abgelehnt und auf einen Wandel zum Rechtsstaat gehofft hat. In einigen Politikfeldern, so glaubte er, verfolge das NS-Regime einen vernünftigen Kurs, dem er zustimmen könne. Wie stand es also wirklich mit Schaltenbrands Annäherung an den Nationalsozialismus? Welche politischen Schnittmengen, gar Gemeinsamkeiten gab es? Zunächst aber zum besseren Verständnis Schlaglichter auf das historische Ereignis.

Bekenntnis und Ruf deutscher Professoren

Am 11. November 1933, am Vortag der „Volksabstimmung“ über den bereits am 14. Oktober 1933 vollzogenen Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, veranstaltete der Nationalsozialistische Lehrerbund Sachsen zusammen mit der sächsischen Landesuniversität Leipzig zur Feier der „nationalsozialistischen Revolution“ eine Kundgebung, die auf eine Einschwörung der Professorenschaft an Universitäten und Hochschulen auf Adolf Hitler, auf den nationalsozialistischen Staat und auf die angebliche Friedenspolitik Hitlers hinauslief. Die NS-Veranstalter und Organisatoren initiierten zu diesem Zweck eine Unterschriftensammlung.

Das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zu dem nationalsozialistischen Staat“ war, wie ich der einschlägigen Literatur entnehme, weder ein Bekenntnis aller Professoren, noch fand es Zuspruch an allen deutschen Universitäten und Hochschulen. Auch unterzeichneten nicht nur Professoren diese propagandistische Bekenntnisschrift. Unter den ca. 900 Unterzeichnern sind auch Studenten, Gymnasiallehrer, Privatdozenten, Lehrbeauftragte und Dozenten zu finden. Zudem kamen nicht alle Universitäten und Fakultäten, aus welchen Gründen auch immer, der Aufforderung nach, sich dem „Bekenntnis“ und den Appellen anzuschließen. In den Listen der Unterzeichner fehlen die Universitäten Bonn, Köln, Frankfurt, Freiburg und München. Nur eine Fakultät soll die Unterschrift generell verweigert haben, die der evangelischen Theologie in Marburg. Der Dekan der Fakultät schrieb an den Rektor in vorsichtiger Diktion, man sei zwar nicht gegen den neuen Staat, unterschreibe aber nicht, weil das  „Bekenntnis“ und der „Ruf an die Gebildeten der Welt“ Aussagen enthielten, deren inhaltlicher Stellenwert erst noch geklärt werden müsse. Während im vorangestellten „Ruf“ nur allgemein die unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker gefordert wurde,  waren die Reden, die auf der Festveranstaltung gehalten wurden, ganz auf die Person Adolf Hitlers und den neuen Staat zugeschnitten. Eine Eloge war pathetischer als die andere. Großtönende Wortsalven. Hochwert-Fahnenwörter wie Ehre, Freiheit, Gerechtigkeit, Friede, Volksgemeinschaft. Blut- und Boden-Patriotismus. Die Adressaten, Professoren und Hochschullehrer, wurden aufgefordert, sich mit ihren Zustimmungserklärungen hinter Hitler und den nationalsozialistischen Führerstaat zu stellen. Der „Ruf“, der in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch) an die Gebildeten der Welt gerichtet war, stellte die Wissenschaft auf eine völkisch-nationale Erkenntnisbasis und forderte mit diesem volksgebundenen Wissenschaftsbegriff Respekt und Verständnis gleichermaßen für alle Völker ein.

Der Wortlaut des „Rufs“:

„Alle Wissenschaft ist unlösbar verbunden mit der geistigen Art des Volkes, aus dem sie erwächst. Voraussetzung erfolgreicher Arbeit ist daher die unbeschränkte geistige Entwicklungsmöglichkeit und die kulturelle Freiheit des Volkes. Erst durch das Zusammenwirken der volksgebundenen Wissenschaftspflege der einzelnen Völker entsteht die völkerverbindende Macht der Wissenschaft. Unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker können nur gedeihen auf der Grundlage gleichen Rechts, gleicher Ehre, gleicher politischer Freiheit, also in der Atmosphäre eines wirklich allgemeinen Friedens.

Aus dieser Überzeugung heraus richtet die deutsche Wissenschaft an die Gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes  um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegen zu bringen, welches  sie für ihr eigenes Volk erwarten.“

Mag auf den einen oder anderen Bekenner ein gewisser Gruppendruck gelastet haben, so scheint doch keiner zur Unterschrift gezwungen worden zu sein. Unter den Unterzeichnern waren prominente Professoren und Geistesgrößen wie Martin Heidegger (1889-1976, Philosoph), Ferdinand Sauerbruch (1875-1951, Chirurg), Hans-Georg Gadamer (1900-2002, Philosoph), Theodor Litt (1880-1962, Sozialphilosoph und Reformpädagoge), Wilhelm Mommsen (1892-1966, Historiker), Hans Freyer (1887-1960, Soziologe, Historiker), Adolf Butenandt (1903-1995, Biochemiker; Nobelpreisträger 1939) und andere große Namen. Schaltenbrand befand sich als Unterzeichner somit in einem illustren Kreis von Wissenschaftlern. Heidegger und Sauerbruch hielten große patriotisch-emphatische Bekenntnisreden. Im Vergleich mit ihren Auftritten war Schaltenbrands Unterzeichnung ein eher nebensächlicher Akt.

Den Auftakt zur Leipziger Veranstaltung bildete die propagandistisch-appellative Rede eines Berliner Professors, aus dessen Rede ich einen charakteristischen Passus zitiere:

„Das ist Sozialismus der Tat! Wir werden ihn aufbauen und ausbauen, nicht abgerungen durch die Fäuste der Arbeiter, nicht abgerungen durch Klassenkampf und Klassengegensatz, sondern aufgebaut auf der Gemeinsamkeit unserer Erblinien, auf der Gemeinsamkeit unseres Blutes, das im letzten Volksgenossen des gleichen Menschen gleichen Stammes sieht wie wir selbst sind. Aufhören werden Überheblichkeiten, übertriebener Reichtum; wir sind ein armes Volk geworden, aber wir wollen ein gerechtes, ein gleiches, ein Brudervolk sein.

Zu diesem Bekenntnis hat uns Adolf Hitler aufgerufen.

Der Führer hat gesagt: Wir wollen die Gleichberechtigung haben mit den anderen Mächten – wir stehen hinter ihm! [Hervorhebung im Originaltext]

Der Führer hat gesagt: Wir wollen Freiheit haben, daß wir dieses Haus aufbauen können, was Unfriede zerstört hat – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat gesagt: Wir wollen Frieden haben, daß wir dieses Haus aufbauen können, wie ich es angedeutet habe – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat gesagt: Wir wollen unsere deutsche Ehre wiederhaben, wie sie unsere Väter gehabt haben – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat die Größe, daß er gesagt hat: Ich habe es nicht nötig, Krieg zu führen wie andere Nationen! Wir haben es nicht nötig, wie die Napoleone, die ihren Thron halten wollten nach einer Revolution!  Der Führer hat die Größe gehabt zu sagen: Ich frage das ganze deutsche Volk, ob es mit seinem Willen hinter mir steht: und morgen wird das ganze Volk sagen: Ja! Ja!

Die von NS-Funktionären an Universitäten und Hochschulen organisierte und gesteuerte Unterschiften-Kampagne riss wohl auch so manchen volens nolens mit, der ein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus hatte und später sogar als Gegner in Erscheinung trat. Auch solche sind in den Listen der Unterzeichner zu finden. Mit Zweifeln behaftet ist auch, wie die Unterschriften eingeholt wurden. Es gab Nachträge von Listen. Die Gesamtzahl der Unterzeichner blieb immer unklar. Die meisten Unterschriften kamen aus der Universität Hamburg, an der Schaltenbrand arbeitete. Und besonders die Hamburger Unterschriften ließen im Unklaren, wie sie zustande gekommen waren. Bei der Einholung der Zustimmungserklärungen scheint eine gewisse situative Willkür geherrscht zu haben. Es fällt auf, dass aus der Hamburger Neurologie und Psychiatrie nur zwei Ärzte unterschrieben haben, nämlich Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Die Hamburger Professoren und NS-Vertrauensleute, von denen man am ehesten hätte erwarten können, dass sie dem „Bekenntnis“ zustimmen, Hans Demme und Willy Holzmann, fehlen auf den Listen. (Siehe hierzu Blog-Kapitel 68) Von den insgesamt 28 ausgewählten Neurologen und Neurowissenschaftlern, die in der NS-Zeit bestimmte Top-Positionen in ihren Fächern bekleideten, hatten in der Tat nur Schaltenbrand und Pette den Bekenntnisappell unterzeichnet.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Pro… abgerufen 27.09.2020; http://pressechronik1933.dpmu.de/aufstellung-zu-den-unterz…abgerufen 28.09.2020)

Mögen es ihm Bedenken und innere Widerstände schwer gemacht haben, er unterschrieb, und dies allem Anscheine nach freiwillig. Mit seiner Zustimmungserklärung machte er sich jedenfalls äußerlich mit den propagandistischen NS-Trommlern gemein. Es erschreckt und erschaudert mich. Ich suche nach Erklärungen.

Ideologische Stränge und Parallelitäten

Schaltenbrands politische Gedankengänge und Überzeugungen lassen sich bis zum Anfang der Weimarer Republik zurückverfolgen. Wie viele seiner Zeitgenossen stand er der jungen Demokratie der Weimarer Republik skeptisch gegenüber. 1919 schrieb er während des Gründungsprozesses der Weimarer Republik seine eigenen verfassungspolitischen Reflexionen in Form von Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung nieder (siehe Blog-Kapitel 67). Es sollte drei Verfassungsorgane geben: ein in seiner Funktion beschränktes Parlament, ein Gremium der Räte und einen mit fast uneingeschränkten Befugnissen ausgestatteten Präsidenten, den Schaltenbrand als einen „liebevollen Tyrannen“ bezeichnet. Ihm schwebte nach antikem Grundmuster eine Herrschaft der Gebildeten und Geistesaristokraten vor, aus deren Mitte ein autokratischer Präsident hervortreten sollte.

Recht, Gerechtigkeit, Freiheit, Friede – Fahnenwörter der Leipziger NS-Feier, waren diese nicht auch die des Kreises um Leonard Nelson gewesen?  Hatte Schaltenbrand in seinen Studentenjahren nicht die obersten Ziele des sozialistischen Internationalen Jugendbundes und des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes hochgehalten und an deren Verwirklichung mitwirken wollen? Die beiden Bünde hatten den Kampf für eine ausbeutungsfreie und gerechte Gesellschaft ohne Klassenkampf und Ausbeutung propagiert. Sollten nicht charaktervolle und gut gebildete Führerpersönlichkeiten die Geschicke eines Landes lenken (siehe Blog-Kapitel 66 – Im Banne von Leonard Nelson)? Nelson hatte einen ethischen Sozialismus vertreten, der die Klassengegensätze abbauen und eine durch Recht befriedete Gesellschaft entwickeln sollte. Die Anhänger Nelsons hatten im ethischen Sozialismus ebenfalls einen „Sozialismus der Tat“ gesehen. Schaltenbrand hatte, wie er in seinem Tagebuch betont, Nelsons charakterliche Aufrichtigkeit bewundert, „nicht an der Reinheit seiner Gesinnung und an der prinzipiellen Durchführbarkeit seiner Pläne gezweifelt“ (Originalton Schaltenbrand). Bei so weltumspannenden Zielen (sei) eine große Abstraktionsfähigkeit eben erforderlich.“ Schaltenbrand war „seinetwegen [1923 – A.M.]  aus der Kirche aus- und in die sozialdemokratische Partei eingetreten.“ Die Nelsonianer waren überzeugt, nicht auf parlamentarisch-demokratische Weise an ihre Ziele zu gelangen, sondern durch wegweisende Führer, die sich durch hervorragende Charaktereigenschaften, Weitsicht und Uneigennützigkeit auszeichnen.

Parallelen zur nationalsozialistischen Führer-Ideologie fallen auf. Schaltenbrand glaubte und hoffte wohl, dass 1933 mit der nationalsozialistischen Machtergreifung die Zeit der NS-Rabauken abgelaufen sei. Die Aktivitäten der Sturmabteilungen, der SA, seien nur noch ein Zeitvertreib für Erwachsene.  Alles werde sich, so hoffte er, zum Besseren wenden. Hitler reiche nun auch den Volksgenossen die Hand, die noch nicht von der nationalsozialistischen Weltanschauung überzeugt waren. Jetzt kämen, so wurde ihm von  NS-Aktivisten aus seinem Familienkreis zugesichert, die gebildeten und anständigen Nazis zum Zuge. Dass er das „Bekenntnis“ unterschrieb, mag zudem seinem Wunsch entsprungen sein, das NS-Deutschland werde eine Friedenspolitik verfolgen. Solche eklatanten Fehleinschätzungen teilte er mit vielen bürgerlichen Konservativen. Es war ein folgenschwerer Trugschluss. Fanale der anbrechenden Schreckensherrschaft wurden fehlgedeutet oder übersehen.

Schaltenbrand notierte am 14. VIII. 1935 in seinem Tagebuch:

„Vieles hat sich inzwischen an der Bewegung geändert. Den Autarkiegedanken hat man aufgegeben, man betrachtet ihn nur noch als notwendiges Übel. Die Homosexuellen der SA hat man Einfachheitshalber alle erschossen, dabei auch gleich ein paar, die zu viel wussten oder zu viel kannten. Die deutsche Wehrmacht ist wieder aufgebaut worden, es wird eine sehr vernünftige Agrarpolitik betrieben, der Föderalismus zerschlagen, die Kirche mächtig drangsaliert. Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht. >Einzelaktionen< verschwinden, alles verläuft in legalen Bahnen, die S.A ist bei der erwähnten Abschießung entmachtet worden u. ist nur noch ein [durchgestrichen: Beschäftigung – A.M.] Zeitvertreib für Erwachsene unter parteilicher Kontrolle. Die Armee wird immer mächtiger, verhält sich aber ganz still. Die Schwundgeldtheorie hat man mühsam ihrem Schöpfer in der Versenkung verschwinden lassen.“

Dass er das „Bekenntnis zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnete, ist bei näherem Hinsehen also mehreren, zum Teil widersprüchlichen Beweggründen zuzuschreiben, opportunistischen wie politischen. Nicht nur seine schwierige berufliche Situation drängte ihn dazu, sondern auch grundsätzliche politische Gedankengänge und (Fehl-) Einschätzungen. Da Schaltenbrand sich darüber total ausschwieg und auch seinen geheimen Tagebüchern dazu nichts zu entnehmen ist, wird die Beurteilung des Vorganges eine Frage der Interpretation bleiben.

Seine erklärte Absicht, einen „Anschluss an die Bewegung“ zu finden, ist bedeutungsoffen. Er könnte damit eine aktive politische Teilnahme und ein Mitwirken in (Partei-) Ämtern gemeint haben oder ein nur passives Mitmachen. Er wählte ein politisch „pflichtgemäßes“ Mitmachen in Form von Mitgliedschaften in diversen NS-Organisationen und bei unumgänglichen lokalen Veranstaltungen. Er wollte in Ruhe gelassen werden, um politisch möglichst ungestört seine neurologische Abteilung aufbauen und seiner Forschung nachgehen zu können. Um dies zu erreichen, erwies er sich als ein opferwilliger Parteigenosse. Die NSDAP-Gauleitung Mainfranken bestätigte in ihren parteiamtlichen Überprüfungen mehrmals seine politische Zuverlässigkeit und Opferfreudigkeit. Der Wortlaut der überlieferten Überprüfungsberichte (siehe Dokumente im Anhang zu Blog-Kapitel 66) spricht dafür, dass sein Anpassungshandeln den gewünschten Erfolg hatte. Seinen „Anschluss an die Bewegung“ vollzog er also mit einem spendenfreudigen Dabeisein, ohne sich in Wort und Schrift als strammer Gesinnungsgenosse hervorzutun und politisch zu profilieren.

Seine ex-post-Sicht und Beurteilung der damaligen Situation

In seiner 1957 in Würzburg erschienenen Schrift „Deutschland zwischen gestern und morgen“ zeigt er sich überzeugt, dass es dem kritischen Denken zu verdanken gewesen war, dass nur eine sehr kleine Zahl von Hochschullehrern sich zu Hitler bekannte. Er schreibt (S. 45f):

„Die Erziehung zum selbständigen Denken und zum Kritikvermögen war früher eine der vornehmsten Aufgaben unserer Schulen und Hochschulen. Der Ruf der deutschen Wissenschaft in vergangenen Jahrzehnten beruhte im Wesentlichen auf der Erringung dieses kritischen Denkens. Das sind aber geistige Eigenschaften, die dazu führten, auch Adolf Hitler und der Partei kritisch gegenüberzustehen, so dass seit dem Jahre 1933 nur eine ganz geringe Anzahl deutscher Hochschullehrer eine positive Einstellung zu diesem Demagogen hatte. Dass überhaupt solche Menschen da waren, ist für die deutschen Hochschulen beschämend, aber der Besitz eines Lehrstuhls war auch damals keine absolute Garantie für überlegene Geistigkeit. Wegen der geringen Resonanz der Partei an den deutschen Hochschulen und in unserem akademischen Nachwuchs, hasste Hitler die Professoren und die Intellektuellen  und er schadete ihnen, wo er nur konnte. Eine völlige Ausmerzung war ihm nicht möglich, obwohl gelegentliche Redewendungen darauf hinwiesen, dass er sogar mit diesem Gedanken gespielt hat. Aber er ließ es die Hochschulen durch eine betonte Gleichgültigkeit entgelten. So verbot er, den Nobelpreis anzunehmen.“

Selbst diese sehr geringe Anzahl sei für die deutsche Wissenschaft beschämend gewesen, so urteilt Schaltenbrand nach dem Krieg. Gut möglich, dass er selbst schweigend bedauert, sich 1933 von der nationalsozialistischen Zustimmungsaktion hatte einfangen lassen. Ihm wäre es wahrscheinlich peinlich gewesen, hätte man ihn direkt auf dieses beschämende „Bekenntnis“ und seine Beweggründe angesprochen. Sie passten nicht zu seinem Selbstbild, das ihn als einen konsequent geradlinigen Gegner des NS-Regimes und als einen geistig überlegenen Mann der Wissenschaft erscheinen lassen sollte.

Ich vermute hinter seinem Schweigen eine Selbstbeschämung, weil er den Charakter des NS-Unrechtsstaates nicht klar genug erkannt und Fanale der kommenden Schreckensherrschaft nicht ernst genug genommen hatte. Er hatte sich in den „Erfolgsjahren“ Hitlers, in den Jahren von 1933 bis etwa 1941, mit den politischen Gegebenheiten äußerlich arrangiert. Zu einem strammen Parteigenossen und ideologisch-propagandistischen Bannerträger des NS ist er sicher nicht geworden. Von 1935 bis 1941/42 ging er fast ganz in den Aufbau seiner neurologischen Abteilung und in seiner Multiplen Sklerose–Forschung auf. Er blieb allerding ein scharfsichtiger Beobachter der politischen Vorgänge und vertraute seinen Tagebüchern vieles an, was ihm den Kopf hätte kosten können. Er wurde 1938 in Würzburg Augenzeuge der Novemberpogrome und in den folgenden Jahren der Deportation der Würzburger Juden. Entsetzt notierte er: „…diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches, wenn auch nicht immer sympathischen Volk wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen  Nation bleiben.“ In den Kriegsjahren, von 1941 an, als ihm Patienten und andere Informanten über die Grausamkeiten und Massenexekutionen der SS und der deutschen Wehrmacht  berichteten, distanzierte er sich innerlich absolut vom NS-Regime und hoffte, dass der Psychopath  Hitler  beseitigt werde (siehe Blog-Kapitel 64). Er hatte sich nie wirklich zu Hitler bekannt.

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats:  Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Quellen:

Aufstellung zu den Unterzeichnern des Appells „An die Gebildeten der Welt“ (11. 11. 1933)

http://pressechronik1933.dpmu.de/aufstellung-zu-den-unterz…abgerufen 28.09. 2020

Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler

https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Prof…abgerufen  27. 09. 2020

Literatur:

Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat.

Henry Friedländer: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin Verlag 19997.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43-S52.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Neurowissenschaftler am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung im „Dritten Reich“: Oskar Vogt / Hugo Spatz / Wilhelm Tönnis, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S89-S99.

Hannelore Mintzel: Die unbekannte Welt von nebenan. Die letzten jüdischen Familien in Rimpar. Ein vernachlässigtes Stück Heimatgeschichte. Würzburg 2020.

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen. Aus dem Institut für Hirnforschung der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. (ehem. Direktor Prof. Dr. J.  Pfeiffer) Vortrag anlässlich der Eröffnung der 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Dresden am 3. 10. 1997.

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen. Würzburg Verlag Richter [1957]

Manfred Vasold: Medizin, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Herman Weiß. DTV 3. Auflage, S. 259-276.

68. „Who was a Nazi? “ –  Der Fall Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand

„Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Wer war ein Nazi?“

Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wurde jüngst ein großangelegtes Projekt “Zum Umgang mit der NS-Belastung in der deutschen Medizin“ durchgeführt und zum Abschluss gebracht. Die Forschungsergebnisse wurden von einem Autorenteam im Februar 2020 in einem Beiheft zur Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ publiziert. (Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020). In dreizehn Einzelbeiträgen wurden die Lebens- und Berufswege von insgesamt 28 Neurologen und Neurowissenschaftlern vorgestellt.  Der Fokus der Untersuchungen lag, wie der Titel schon impliziert, auf der biografischen Rekonstruktion des Wirkens dieser Gruppe in der Zeit von 1933 bis 1945. Es handelt sich um eine medizinhistorische Elitenstudie, die nur eine kleine Teilgruppe der damaligen medizinischen Funktionselite einbezieht. Ausgewählt wurden damalige Inhaber von klinischen und fachgesellschaftlichen Spitzenpositionen, Klinikleiter, Vorsitzende und Ehrenvorsitzende, also die obersten Repräsentanten der Neurologie. Sie wurden unter einem gemeinsamen Frageraster unter die Lupe genommen.

„Who was a Nazi?“. Nach formalen Kriterien nomineller Zugehörigkeiten und publizierter Äußerungen zum NS-Regime waren alle 28 des Prominenten-Samples belastet, wie immer sie ihre  Verstrickung in das NS-Regime rechtfertigten, selbst deuteten und bewerteten. Fast alle gehörten nationalsozialistischen (Massen-) Organisationen an. Die summarische Etikettierung „Nazi“ greife, wie die Autoren betonen, vielfach zu kurz. Die historische Wirklichkeit, dies sei ein zentrales Ergebnis, erscheine sehr viel differenzierter und bedeutend vielschichtiger. Auch typologische Kategorisierungen von Nazis als Kollaborateure, Profiteure, Nutznießer oder Ambivalente seien nur beschränkt tauglich.

Die Studie zeichnet sich durch betont sachliche, sorgfältig abwägende Bewertungen des Wirkens der ausgewählten Persönlichkeiten aus. Sie vermeidet methodisch hochreflektiert eine moralisierende Schwarz/Weiß-Zeichnung. Im Folgenden zeige ich an dem Fallbeispiel Georges Schaltenbrand einige Probleme der Studie auf.

„Der Fall Schaltenbrand“

Bei ihrem Versuch einer Wertung der NS-Vergangenheit von 28 Neurologen und Neurowissenschaftler kommen die Autoren im Falle Schaltenbrands zu folgendem Ergebnis:

„Schaltenbrand hat nach eigenen Angaben in der Weimarer Republik den Sozialdemokraten nahegestanden. >Nach 1933 < will er sich in Hamburg >wegen seiner systemkritischen Äußerungen, der Unterstützung jüdischer Kollegen und wegen seiner amerikanischen Freunde unbeliebt< gemacht haben. Pfeiffer hingegen schreibt: >Von kritischen Äußerungen gegen die Partei und ihre Funktionäre konnte ich in den Akten nichts finden<.“ [Jürgen Pfeiffers Bemerkung war kennzeichnend für den Forschungsstand von 1998! – A. M.]

„Für eine eher positive Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus sprechen einige Fakten. So gehörte Schaltenbrand zu den Unterzeichnern des >Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat< vom 11. November 1933 (…) Seit 1933 war Schaltenbrand Mitglied in dem (deutschnationalen) Frontkämpferbund >Stahlhelm<, der 1934 in die Sturmabteilung (SA)  eingegliedert wurde (…) 1936, nach seinem Wechsel nach Würzburg, trat er aus der SA wieder aus, wobei er als Grund eine zu starke berufliche Beanspruchung angab (…) Nach Aufhebung des Aufnahmestopps im Jahre 1937 trat er in die Nationalsozialistische Deutsche  Arbeiterpartei ein (NSDAP) und wurde Mitglied im NS-Ärztebund (…); zudem war er Obersturmführer im NS-Fliegerkorps.“ (Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand, 2020, S. 543).

Diese an sich umsichtige Einschätzung erfolgt allerdings aus  zwei unterschiedlichen Perspektiven: aus einer der Selbstdarstellung und Selbstverteidigung Schaltenbrands („nach eigenen Angaben“; “will er sich unbeliebt gemacht haben“; „wegen seiner systemkritischen Äußerungen“) und aus der   Forschungsperspektive eines Wissenschaftlers (Jürgen Pfeiffer), der „in den Akten nichts finden“ konnte, was die Selbstdarstellung Schaltenbrands bestätigen könnte. Den „vagen“ Äußerungen Schaltenbrands werden die vermeintlich „harten“ Fakten seiner Biografie gegenübergestellt und daraus auf eine „eher positive Einstellung“ zum NS-Regime geschlossen. Da für eine kritische Einstellung Schaltenbrands keine Beweise gefunden wurden, sei nichts anderes übriggeblieben, als die harten Fakten zu bewerten und zu gewichten, die als gesichert angesehen werden können. Dies sind seine Unterschrift unter das „Bekenntnis zu Adolf Hitler“, der Eintritt in die NSDAP und seine Mitgliedschaften in diversen NS-(Massen-) Organisationen. Dabei sei allerdings wiederum die Problematik zu bedenken, wie die formalen Kriterien nomineller Mitgliedschaften zu bewerten seien.  Dies weist auf einen relativ breiten Ermessensspielraum der Forscher hin. Forschungsergebnisse und ihre Bewertungen haben jedoch nur solange Bestand, bis sie durch neue Tatsachen entkräftet oder gar widerlegt werden. Ich bin überzeugt, mit diesem Blog-Kapitel – wie in den vier vorangegangenen Kapiteln – einiges klären und richtigstellen zu können.

Die Nachfolge auf den Lehrstuhl von Prof. Dr. med. Max Nonne, 1933/34

1933/34 standen in der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg die Emeritierung Professor Nonnes und die Berufung eines Nachfolgers an. Nonne schied 1934 aus seinem Amt aus. Um die Nachfolge auf den Lehrstuhl Nonnes bewarben sich drei fachlich schwergewichtige Neurologen: Viktor v. Weizsäcker, Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Die Medizinische Fakultät hatte sie in dieser Reihenfolge auf ihre Berufungsliste gesetzt. Das Berufungsverfahren fiel genau in die Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Etablierung der NS-Diktatur. Die nationalsozialistische Bewegung, wie sie sich selbst bezeichnete, begann ihre Macht auch in den Universitäten und Hochschulen auszubauen. Sie forderte im November 1933 zu einem „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat“ auf. Unter den rund 900 Unterzeichnern des Appells waren auch Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Besonders diese Tatsache wurde nach 1945 als harter Beweis für deren Nähe zum Nationalsozialismus angeführt. Der Verlauf des Berufungsverfahrens stand ganz im Zeichen der Etablierung des NS-Staates. Vertrauensmänner der NSDAP politisierten rigoros den Entscheidungsprozess. Berufen wurde 1934 der zweitplatzierte Heinrich Pette, der bereits 1933 in die NSDAP eingetreten und offenbar ein Günstling der Partei geworden war.

Die beiden Vertrauensleute der NSDAP – Die Neurologen „Willy“ Holzmann und Hans Demme

 

Kurzporträt Prof. Dr. med. „Willy“ Holzmann:

Dr. med. Wilhelm Georg Theodor „Willy“ Holzmann (1878-1949), in Hamburg geboren und verstorben, war ein Facharzt für Neurologie. 1933 wurde ihm vom Hamburger Senat für seine „Verdienste um die nationalsozialistische Bewegung“ der Professorentitel verliehen. Holzmann war ein fanatischer Vertreter der nationalsozialistischen Rassenbiologie, wie sie Adolf Hitler in seiner Schrift „Mein Kampf“ propagiert hatte. Seit 1933 leitete Holzmann das Rassenpolitische Amt der NSDAP in Hamburg und überprüfte an der dortigen Universität bei Berufungen die nationalsozialistische Eignung der Bewerber. Seine Beurteilungen waren bei Berufungen ausschlaggebend für die Stellenbesetzung. Er war es, der im Berufungsverfahren für die Nachfolge auf den Lehrstuhl für Neurologie (Prof. Dr. med. Max Nonne) die Dreierliste der medizinischen Fakultät im Sinne nationalsozialistischer Kriterien in Frage stellte und die Platzierungen unwirksam machte. Er boykottierte von vorneherein eine Berufung des erstplatzierten Viktor von Weizsäcker, der vorzeitig aus dem Verfahren gedrängt wurde, und legte sein Veto gegen den drittplatzierten Georges Schaltenbrand ein. Schaltenbrand war, wie aus einer Unterredung mit Holzmann hervorgeht (siehe unten Dokument 2), aus seinem engsten beruflichen Umkreis heraus bespitzelt und denunziert worden.  Holzmann spielte mit seinen Voten jedenfalls eine ausschlaggebende Rolle.  Dabei waren wohl auch Neid, Missgunst, Rachegedanken, Rechthaberei und andere menschliche Schwächen im Spiel. Schaltenbrand kam aus einem großbürgerlichen Multimillionärshaus. Er hätte seine teure internationale Fachausbildung in den USA und in den Niederlanden zum Teil auch mit eigenen Mitteln finanzieren können.

Georges Schaltenbrand sah zwar realistisch den Ausgang des Berufungsverfahrens voraus, er wollte aber dennoch genau wissen, was Holzmann konkret gegen ihn einzuwenden habe. Er ersuchte Holzmann, wie indirekt aus dem Antwortschreiben Holzmanns vom 17. Juli 1934 hervorgeht, um ein Gespräch (siehe Dokument 1), das zwei Tage später im Rassenpolitischen Amt der NSDAP stattfand. (Dokument 2)

Dokument 1

Prof. Dr. W. Holzmann, Hamburg 5, den 17. Juli 1934

Herrn Professor Dr. Schaltenbrand

Allgemeines Krankenhaus Eppendorf

Hamburg 20

Sehr geehrter Herr Kollege,

da ich noch in dieser Woche verreise, bin ich natürlich bis in die letzten Tage hinein außerordentlich besetzt. Soweit  es im Augenblick zu übersehen ist, wird sich höchstens am Donnerstag noch eine Rücksprache ermöglichen lassen und zwar in meiner Sprechstunde im Rassenpolitischen Amt der NSDAP (13-14 h), Besenbinderhof 41, IV. Stock (Zimmer -19).

Heil Hitler!

Gez. Holzmann

 

Schaltenbrand verfasste unmittelbar nach dem Treffen mit Holzmann ein Gedächtnisprotokoll über den Verlauf des Gespräches, das eine geradezu gespenstische Situation vermittelt. Wie stark in Schaltenbrands Wiedergabe auch dessen persönliche Empfindung zum Ausdruck kommen mag, so bleibt sie doch höchst aufschlussreich. Es kommt zu einem heftigen, in der Sache relativ offenen Schlagabtausch.  Zwei gegensätzliche und unversöhnliche Anschauungen treten gegeneinander an. Schaltenbrand verteidigt selbstbewusst seine Sicht als naturwissenschaftlich orientierter Neurologe, Holzmann argumentiert als radikaler Rassenbiologe und fanatischer NS-Rassenpolitiker. Holzmann bezichtigt Schaltenbrand, ein intellektueller Sammler von Ziegelsteinen zu sein, und hält sich selbst für einen Vertreter der „wahren Wissenschaft“. Holzmann gibt offen zu, sein Urteil und seinen Boykott auch auf Informationen von Mitarbeitern Schaltenbrands zu stützen. Schaltenbrand verwahrt sich gegen Denunziationen. Holzmann lässt weder die wissenschaftliche und noch die politische Argumentation Schaltenbrands gelten, den er für einen Prototypen des Intellektuellen hält. Schaltenbrand könne schon als solcher kein wirklicher Nationalsozialist sein. Er käme schon deshalb künftighin nicht für Top-Positionen in der Wissenschaft in Frage.

Das Gedächtnisprotokoll liest sich wie eine dramatische Szene aus einem Weltanschauungsstück. Die Auseinandersetzungen – ganz wörtlich gemeint – sind dramaturgisch höchst spannend geschildert. Hier das Protokoll:

Dokument 2 (Gedächtnisprotokoll)

Hamburg, den 20. Juli 1934

Am 19.7.34 suchte ich Herrn Prof. Dr. Holzmann auf. Ich hatte von maßgebender Seite gehört, dass er ein Veto gegen meine Berufung als Nachfolger von Prof. Dr. Nonne auf den neurologischen Lehrstuhl der Hamburgischen Universität eingelegt hätte. Ich fragte mich daraufhin, welche Einwände er gegen mich zu erheben hätte.

Er sagte mir, er kenne mich zwar nicht persönlich, es seien ihm aber von verschiedenen Seiten einige Mitteilungen über mich zugegangen, die mich als ungeeignet erscheinen lasse, eine so verantwortungsvolle Stelle im nationalsozialistischen Staate zu bekleiden.

Ich erwiderte, ich sei der Meinung, dass die Berichterstattung über mich sicherlich durch Ressentiments beeinflusst gewesen sei, die nicht sachlich berechtigt gewesen wäre. Ich sei wiederholt in meiner Eigenschaft als stellvertretender Leiter der Klinik genötigt gewesen, einige meiner jüngeren Mitarbeiter zurechtzuweisen oder wegen dienstlicher Verfehlungen zu tadeln. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass diese Leute Nationalsozialisten seien; man hätte es mir seiner Zeit als eine antagonistische Einstellung gegen den Nationalsozialismus ausgelegt.

[Handschriftliche Einfügung mit Tinte: Er wandte ein:] Diese Vorwürfe seien ihm von mehreren Seiten berichtet worden; unter den Berichterstattern seien auch >langjährige Mitarbeiter< von mir.

Mir werde weiter vorgeworfen, ich sei internationalistisch eingestellt, lobe alles Amerikanische über den grünen Klee hinaus, habe jüdische Freunde, hätte verschiedentlich das Judentum in Schutz genommen, sei intellektualistische eingestellt und hätte Kritik an den Maßnahmen der Regierung geübt, z. B. durch eine Bemerkung, die ich noch in letzter Zeit gemacht hätte: Dass es einfacher sei, das Judenproblem zu beseitigen, wenn man den Juden verbieten würde, untereinander zu heiraten, als wenn man verbieten würde, dass Juden und Arier heiraten.

Gegen den Vorwurf des Internationalismus wandte ich ein, dass ich Feldzugsteilnehmer gewesen sei und auch in Oberschlesien im Freikorps gekämpft habe. Im Übrigen sei ich im Ausland immer so aufgetreten, dass ich zwar nicht durch chauvinistische Reden, aber doch durch meine Persönlichkeit Menschen mit der Zeit davon überzeugt hätte, dass die Deutschen auch annehmbare Leute seien. Als Erfolg dieses Verhaltens hätte ich buchen können, dass sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Ostasien Reste der Kriegspsychose durch meine persönliche Einwirkung allmählich zum Schwinden gekommen seien. Man hätte mich überall hochgeschätzt, und man hätte den Kredit, den man mir persönlich entgegenbrachte, auch meinem Deutschtum zugute geschrieben.

Außerdem erhob ich Einspruch gegen die Behauptung, dass ich alles Amerikanische über den Klee lobte:

Das sei eine böswillige Entstellung meiner Auffassungen über die Neurochirurgie. Ich sei durch meine Auslandsreisen zu der Überzeugung gelangt, dass die Neurochirurgie in Amerika ein bedeutend höheres Niveau erreicht habe als in Deutschland. Ich verträte diesen Standpunkt auch heute noch. Es handele sich hierbei um ein Urteil, das ich mir völlig unvoreingenommen nach sachlichem Studium der Verhältnisse erworben hätte. Ich dächte nicht daran, andere Einrichtungen über den Klee zu loben, bloß weil sie amerikanisch seien.

Die Kenntnis des Auslandes habe mich befähigt, die Wirkungen bestimmter Maßnahmen der Regierung, z. B. des Judenboykotts, in ihrer verhängnisvollen Wirkung vorauszusehen.

Daraufhin meinte Prof. H. jedoch, die ausländischen Völker verständen uns sehr gut, nur die Zeitungen seien gegen uns eingestellt, weil sie größtenteils in jüdischen Händen seien.

Den Verkehr mit Juden müsse ich zugeben. Ich vergaß leider zu sagen, dass auch meine Kollegen mit denselben jüdischen Freunden verkehrt hätten, dass ich es aber zu unanständig fand, dass diese armen Menschen nach dem 1. IV. plötzlich wie Aussätzige  gemieden würden, und dass ich es als eine Anstandspflicht ansah, ihnen über die schweren Zeiten hinwegzuhelfen. Ich persönlich hätte keine Jüdin geheiratet, fände aber, man müsse physische Antipathien von sachlichen Wertungen trennen, und ich könnte es nicht verstehen, dass man die Leistungen von Menschen herabsetzt, nur weil diese Menschen Juden seien.

Dazu führte Herr Prof. H. aus, es komme nicht darauf an, ob ein Jude intelligent sei, sondern die Gesamtrichtung des Judentums sei verderblich und verwerflich. Ehrlich habe seine Ideen von Uhlenhudt geklaut, nur Geld daraus gemacht und die Reklametrommel geschlagen. In ähnlicher Weise hätten sich eine Reihe anderer Juden beteiligt. [Prof. Dr. med. Paul Ehrlich (1854-1915), Immunologe, praktizierender Jude; Prof. Dr. med. Paul Theodor Uhlenhudt (1870-1957), Bakteriologe, Antisemit –  A.M.]

Ich wandte ein, dass ich es für besser gehalten hätte, wenn man die Ostjuden nach dem Krieg nicht nach Deutschland hereingelassen hätte, ich glaubte aber doch, dass man die 1% unserer alten jüdischen Familien mit der Zeit ruhig assimilieren könnte, insbesondere da ja doch die Vermehrungsziffer des deutschen Volkes grösser sei als die der jüdischen Familien. Mir schiene es eine gewissen Geringschätzung der Kraft unserer arischen Rasse, wenn man die Aufsaugung der paar Juden für unmöglich hielte.

Hiergegen wandte Prof. H. ein, dass die Kreuzung eines Juden mit einem Arier ebenso verhängnisvolle Ergebnisse liefere wie die Kreuzung eines Bernhardiners mit einem Wachtelhund. Das deutsche Volk habe gerade so viel Rassenmischung, als es zu seiner Fortbildung und Fortentwicklung benötige. Jeder Tropfen darüber hinaus, würde den Eimer zum Überlaufen bringen. Seine Überzeugung sei, dass alle Degenerationen und alle Geisteskrankheiten nur auf falsche Rassenmischung zurückzuführen seien.

Mein Einwand, dass Geisteskrankheiten und erbliche Nervenkrankheiten auch bei reinstämmigen Negern und Asiaten vorkommen, ließ er nicht gelten. Auch dort sei Rassenmischung daran schuld. Er könne das zwar nicht beweisen, sondern er fühle das mit seinem Instinkt. Mir aber fehle der Instinkt dazu, weil ich ein Intellektueller sei, und infolgedessen sei ich auch kein Nationalsozialist.

Ich wandte daraufhin ein, dass er doch selbst als Rassenforscher wisse, dass jede einzelne Eigenschaft für sich mendele, und dass doch auch günstige Ergebnisse bei Kreuzungen mit Juden entstehen könnten, wenn die positiven Eigenschaften der Juden dabei übertragen würden.

Prof. H. meinte daraufhin: Wer einen Tropfen jüdisches Blut in sich habe, fühle sich stets zu einem anderen Juden hingezogen, sodass selbst bei völliger Verschmelzung des deutschen Volkes mit den Juden nach einigen Jahrhunderten wieder lauter Juden auftauchen würden und das deutsche Volk im Wesentlichen aus Juden bestehen würde. Noch gestern habe ein Mann vor ihm gesessen, der nur einen jüdischen Urgroßvater hatte, und doch sei er der reine Jude gewesen. Er wisse zwar, dass man 1% Einwanderungen erleben könne, so dumm sei er nicht. Aber es sei zurzeit falsch, diese 1% Einwanderungen zu beteuern, da man dann der Regierungspolitik entgegenarbeitete.

Ich wies darauf hin, dass ich bereits mit dem Obmann der Partei bei einer Besprechung geäußert hatte, ich hielte das Rassenproblem nur für einen Teil des nationalsozialistischen Problems, und mir erschienen andere Punkte, wie die Überwindung [Beseitigung gestrichen, Überwindung mit Tinte eingefügt – A.M.] des Klassenkampfes, die Beseitigung des Föderalismus, die Durchführung der eugenischen Gesetzgebung als die wichtigsten Aufgaben.

Prof. H. meinte daraufhin, dem sei nicht so. Das Rassenproblem sei der Kernpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung,

[Mit Tinte eingefügt: Ich erwiderte – A.M.]: Nach meiner Auffassung sei es doch möglich, positive Mitarbeit am Aufbau des Staates zu leisten und in Disziplin seine Privatmeinung zurückzustellen, selbst wenn man in diesem oder jenem Punkte anderer Auffassung sei.

[Handschriftlich mit Tinte eingefügt: Dies lehnte Prof. H. ab – A.M.]. Die Hauptsache sei die 100% Übereinstimmung mit der Weltanschauung des Nationalsozialismus. Über taktische Fragen ließe sich reden. Das Rassenproblem sei die Idee, die der Führer geschaffen habe, und deren Verfolgung das Leitmotiv der nationalsozialistischen Bewegung bleiben müsse. Die Eugenik allein sei nur ein unwesentlicher Teil. Wichtiger als die Degenerativen an der Fortpflanzung zu verhindern sei es doch, die Entstehung der Degeneration zu verhindern, indem man die Rassenmischung mit den Juden unterbinde. Wahre Wissenschaft könne nur unter Berücksichtigung dieser Ideen getrieben werden. Alles andere sei nur ein Sammeln von Ziegelsteinen, mit denen man nichts anfangen könne.

Ich wandte ein, dass sich doch nicht alle Forscher mit dem Rassenproblem beschäftigen könnten, und dass doch ein Teil der Gelehrten die übrigen Gebiete der Wissenschaften bearbeiten müssten. In meinem Sonderfach z. B. der organischen Neurologie, machten die erblichen Erkrankungen, wie ich mich durch eine Doktorarbeit persönlich überzeugen konnte, etwa 15% der Erkrankungen aus.  Das Gros der organischen Erkrankungen werde doch noch durch die Syphilis, andere Infektionen, Alterserkrankungen, Geschwülste usw. ausgemacht. Ich hielte es für wichtig, dass auch über diese Gebiete gearbeitet würde. Es ginge doch auch nicht an, sämtliche Stellungen nur durch Propagandisten zu besetzen; es müsse doch auch sachlich gute Arbeit geleistet werden.

Er meinte daraufhin, es sei nicht nötig, dass alle Lehrstühle und Krankenhausstellen nur mit Propagandisten besetzt würden. Aber die Betreffenden müssten wenigstens in ihrem Herzen und im stillen Kämmerlein gute Nationalsozialisten sein. Ich machte ihm zwar sonst einen ganz guten Eindruck, und er rechne mir meine Offenherzigkeit auch hoch an; aber meine intellektuelle Einstellung sei doch derart, dass er sich veranlasst gesehen hätte, bei einer Reihe von Stellenbesetzungen, bei denen ich in Frage gekommen wäre, ein Veto einzulegen.

Ich äußerte daraufhin, meine Offenherzigkeit sei doch offenbar nicht ganz am Platze gewesen.

Auf meine Frage, ob er der Ansicht wäre, dass die vielen Hunderte von Menschen, die sich sofort nach dem Umsturz bei  ihm gemeldet hätten und sich als 100%ige Nationalsozialisten gebärdeten, bessere Nationalsozialisten wären als ich, und ob er es nicht für möglich hielte, dass ein großer Teil von ihnen den Gesinnungswechsel rein äußerlich und aus bloßer Konjunkturpolitik vollzogen hätte, erwiderte Prof. H., das wisse er ganz genau, und er zöge auch seine Konsequenzen daraus. Er verfüge über eine große Menschenkenntnis und könnte an der inneren Übereinstimmung z. B. von Äußerungen erkennen, wer es ernst meinte und wer nicht.

Ich fragte ihn, ob er seine ablehnende Haltung gegenüber meiner Persönlichkeit aufrechterhalten werde. Er erwiderte, er müsse es sich noch überlegen. In absehbarer Zeit, wenn der Nationalsozialismus gefestigt dastehe, könne man ja auch einmal wieder Leute gebrauchen, die Ziegelsteine sammelten.“

 

Schaltenbrand war von diesem Gespräch offenbar so entsetzt und persönlich so getroffen, dass er gleich anderentags den Verlauf niederschrieb. Selbstverständlich müsste der Wortlaut inhaltsanalytisch noch präziser ausgewertet und die verschiedenen Kontexte eingehender erläutert werden.

Prof. Dr. Max Nonne versuchte im August 1934 seinen Einfluss auf das Berufungsverfahren ein weiteres Mal geltend zu machen und bat Holzmann um ein Gespräch, über eine „persönliche Angelegenheit.“ Holzmann vermutete, dass es um die Person Schaltenbrand gehen sollte, und sperrte sich gegen eine weitere Diskussion über diesen. Er sei von Nonne bereits unterrichtet worden, habe mit Schaltenbrand „jüngst eingehend gesprochen“ und habe auch von Dr. Demme vernommen, wie er (Nonne) zu diesem Fall stehe.

Dokument 3

(Abschrift der Postkarte von Prof. Dr. Willy Holzmann an Herrn Prof. Nonne, beide Hamburg. 28.o8. 34.)

„Sehr verehrter Herr Prof. Nonne!

Wenn es zutrifft, was ich vermute, dass es sich bei der persönlichen Angelegenheit um H. Prof. Schaltenbrandt [falsche Schreibung des Namens – A.M.] handelt, möchte ich sie höflich bitten, mir Zeitmangel zugute zu halten und von einer Rücksprache abzusehen.

Ich bin bereits von Ihnen über H. Prof. Schaltenbrandt unterrichtet, habe H. Prof. Sch. jüngst eingehend gesprochen und habe Ihre Ansicht erneut von Dr. Demme vernommen.

Sollte aber meine Vermutung abwegig sein, und es sich um andere Dinge handeln, stehe ich Ihnen natürlich jederzeit zur Verfügung. Mit ergebenem Gruß.

Heil Hitler

 

Holzmann selbst gab also auf der Postkarte einen seiner Informanten namentlich preis: Dr. Demme. Wer war dieser Informant und Spitzel?

Kurzporträt Prof. Dr. med. Hans Demme

Dr. med. Hans Demme (1900-1964) hatte von 1927 bis 1933 in Hamburg bei Prof. Dr. Max Nonne seine Facharztausbildung zum Neurologen absolviert. Anfang Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten, im November 1933 in die SA. Er gehörte neben ärztlichen Standesorganisationen auch dem NS-Dozentenbund an und vertrat ab Ende 1933 die Privatdozenten der medizinischen Fakultät an der Universität Hamburg. Von Januar 1934 bis 1945 leitete er die Neurologische Abteilung am Krankenhaus in Hamburg-Barmbek. 1934 wurde Demme zum Vertrauensmann der NSDAP-Reichsleitung an der Medizinischen Fakultät an der Universität Hamburg ernannt. In dieser Funktion verfasste er regelmäßig Berichte über Kollegen und Stellungnahmen für einzelne Berufungsverfahren an Willy Holzmann. Er soll jedoch in seinen Stellungnahmen einen „behutsamen Kurs“ verfolgt haben. Vom 1935 bis 1938 gehörte er dem Beirat der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater an. (Alle biografischen Angaben aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Demme). Es waren also Holzmann und Demme, so darf aus allem geschlossen werden, die den erstplatzierten Viktor von Weizsäcker und den drittplatzierten Georges Schaltenbrand als politisch missliebige Kandidaten ächteten und ihren Parteigenossen Pette begünstigten.

Schaltenbrand, der in diesen Jahren wissenschaftspolitisch kontinuierlich mit der Rockefeller Foundation in Kontakt stand, berichtete an diese Adresse nebenbei über den Verlauf des Berufungsverfahrens. Über die Berufung werde, so betonte er, an anderer Stelle entschieden. Der Ruf ginge höchstwahrscheinlich an Pette. So geschah es dann auch.

Dokument 4:  Schaltenbrands Rückblick auf die Jahre 1933/34

Schaltenbrand berichtet in seinem Tagebuch Ende Dezember 1935 über diese Hamburger Vorgänge in vielen Details:

„Aus Hamburg hat man mich hinausgekrault. Ich bemerkte zunächst nur, wie sich während der Tage des Umsturzes Lottigs u. Kümmels zurückzogen u. kühler verhielten. Um mich entstand eine Mauer dichten Geraunes. Ich hatte bis zuletzt gegen die NSDAP gewettert, versucht die Absurdität des Autarkiegedankens, des Antisemitismus, der Schwundgeldtheorie zu erklären – hysterische, caesarische, homosexuelle Tatsachen hingewiesen. Dies war noch nicht zwecklos, denn die Stimmenzahl >der Partei< begann zu sinken. Da kam der Reichstagsbrand, alle anderen Parteien wurde aufgelöst, alle Zeitungen der Linksparteien im entscheidenden Augenblick verboten und damit der Wahlsieg der NSDAP gesichert. Die Furcht vor Pogromen erwies sich als unberechtigt, aber was sich entwickelte, die gesellschaftliche Diffamierung der Juden, ihre Verdrängung aus allen Stellungen,  ihre Boykottierung im Geschäftsleben, die ständigen Verleumdungen in der ganzen Pressen sind vielleicht schlimmer als ein Pogrom, sie gleichen eher einem langsamen Rösten bei kleinem Feuer. Wir kannten zwar in Hamburg nur wenige Juden, mit denen wir zudem nicht einmal besonders befreundet waren, aber wir hielten uns doch verpflichtet, ihnen in ihrer Not beizustehen. Von einem Tag auf den andern wurden sie von ihren früheren Bekannten nicht mehr gegrüßt. Erst kündigte man nur den Nicht-Kriegsteilnehmern, versprach ihnen 3 Monate Gehalt, dann strich man diese Versprechung, schließlich warf man auch die Kriegsteilnehmer u. Verwundeten aus ihren Stellungen. Wir berieten diesen oder jenen, versuchten ihnen Stellungen im Ausland zu vermitteln, trösteten wenn es möglich war.

Schon als der 1. April gekommen war, fielen auf einmal alle um, die vorher in mein Horn getutet hatten, wurden nun vor Torschluss noch schnell Parteigenossen. Eine ganz kleine Zahl von Leuten blieb außerhalb der Partei, weil man ihnen Philosemitismus, Liberalismus, Pazifismus, Intellektualismus, Internationalismus, Kommunismus vorwarf. Ich gehörte zu dieser Gruppe. Ich stellte fest, dass man mich schon seit Monaten bespitzelt hatte, man hatte Aussagen über mich schriftlich niedergelegt. Ein Gremium hatte entschieden, wer der Aufnahme in die Partei würdig war oder nicht. Nur wenige hatten mir offen opponiert, ein einziger Freund hatte mich gewarnt, stets zu mir gehalten: Braunbehrens, später auch Stender.  [Prof. Dr. med. Hans von Braunbehrens (1901-1983), Physikalische Therapie u. Röntgenologie; Prof. Dr. med. Arist Stender (1901-1975), Neurologe – A. M.].   Ich entdeckte, dass einer meiner engsten Mitarbeiter, Demme, plötzlich ein feuriger Nationalsozialist wurde, wovon man vorher gar nichts bemerkt hatte. Er wurde zum Vertrauensmann der Partei in der Fakultät gemacht u. wurde Intimus u. persönlicher Berater des Leiters des nationalsozialistischen Ärztebundes, Holzmann, der nunmehr die Geschicke der Hamburger Ärzteschaft lenkte. Alle meine Bewerbungen um freiwerdende Stellungen wurden abgelehnt, stattdessen nahm man junge, unbeschriebene P.Gs. Ich kam mit Pette u. von Weizsäcker auf die Liste für die Nachfolgerschaft Nonnes, aber von Weizsäcker u. ich wurden als >untragbar für die Partei< nicht zugelassen. Man steckte mich zwar nicht ins K.Z., warf mich auch nicht hinaus, aber man ließ mich sitzen u. überging mich. Eine Zeitlang behorchte man auch meine Telefongespräche. Es wurde mir sehr schwer, den Mund zu halten, „wessen das Herz voll ist“ u. s. w. Man hatte das unbedingte Bedürfnis, sich auszusprechen u. war doch auf Schritt u. Tritt von Spionen umgeben. Demme bekam die Nachfolgerschaft Embdens, Pette die Nonnes, als Pettes Nachfolger holte man einen sehr netten, lieben, ganz jungen und ziemlich unbedeutenden Mann mit einem leichten Turmschädel, H.R. Müller. Dies(es) Schicksale hatte ich glücklicherweise schon einige Monate vorher durch eine Indiskretion der Frau Demme erfahren, die alles sogar telefonisch an Stähli verraten hatte. Demme selbst hatte einmal in leicht angetrunkenem Zustand Wiehlet (?) gegenüber sein Geheimnis gelüftet u. von da erfuhr ich es via Kleining (?)-Hopf. So war ich einigermaßen gefasst, als im Laufe des Jahres 1934 eine Hiobsbotschaft nach der anderen über mich hereinprasselte. Einige Leute krochen Demme erfolgreich in den Arsch, z. B. der junge Kümmel, der ein Kieler Krankenhaus bekam. Schließlich ergab sich für mich eine Gelegenheit als Nachfolger des besagten kleinen H. H.R. Müller nach Würzburg zu gehen. Hier sitze ich nun an der Grafeschen Klinik und organisiere eine neurologische Abteilung, die schon ganz gut floriert. Auf Lus [Ehefrau Luise Schaltenbrand – A.M.] dringendes [drängendes? – A. M.] Zureden trat ich erst in den Stahlhelm ein, nachher mit vielen anderen mehr oder weniger unfreiwillig in die SA. Der Entschluss dazu ist mit schwer genug gefallen. Aber man muss sich entscheiden – ein politischer Kampf gegen die Bewegung ist im Lande selbst nicht mehr möglich.  Sie sitzt ebenso fest im Sattel wie der Faschismus [mit anderer Tinte eingefügt: in Italien – A. M.] oder der Kommunismus in Russland. Für wenigstens eine Generation ist eine Bestimmung der Schicksale Deutschlands nur im Rahmen der Bewegung möglich.  Märtyrertum ist zwecklos, denn es findet bei der perfekten Kontrolle von Zeitung und Rundfunk keine Resonanz. Es gibt für mich nur drei Möglichkeiten: Auswandern u. in einem fremden Lande das missliche Schicksal eines Emigranten zu tragen u. davon gibt es jetzt schon genug, u. sie haben die freien  Stellungen nötiger als ich, der ich sie –  zumindest in den USA –  leicht  bekommen könnte. Nichtmitmachen u. im Lande Privatpraxis treiben – das bedeutet Verzicht auf die Klinik, Verzicht auf wissenschaftliche Arbeit. Der dritte Weg ist Anschluss an die Bewegung suchen, zu sehen, was mit der >Kunst des Möglichen< zu machen ist, und mit Geduld warten, ob nicht doch eine bessere Einsicht kommt, dass ein guter Arbeiter mehr wert ist als ein rabiater Maulaufreißer.“

Die  wiedergegeben Dokumente belegen meines Erachtens im Tenor die Distanz Schaltenbrands zum Nationalsozialismus und seine systemkritischen Äußerungen, wenngleich in seinen Auseinandersetzungen mit der NS-Politik in einigen Punkten auch eine partielle Zustimmung herausgelesen werden kann (z. B. zum staatlichen Zentralismus, zur  staatlichen Gesundheitspolitik und zur Eugenik). Weltanschauliche Kernstücke des Nationalsozialismus, vor allem die NS-Rassenlehre und die Ausgrenzung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, hat er entschieden abgelehnt und offen kritisiert. Die Aussage Pfeiffers, „kritische Äußerungen gegen die Partei und ihre Funktionäre“ habe er in den Akten nicht finden können, ist vom neuesten Forschungsstand überholt und erledigt.

Nicht erledigt sind dagegen die eingangs genannten „harten“ Beweisstücke für angebliche Annäherungen an den Nationalsozialismus. Vor allem Schaltenbrands Unterzeichnung des „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“ im November 1933 und sein gleichzeitiger Eintritt in den deutschnationalen >Stahlhelm< sind erklärungsbedürftig. Er sei, so trägt er Ende 1935 in sein Tagebuch ein, „auf dringendes Zureden“ seiner Frau widerwillig eingetreten. Was besagen also seine Mitgliedschaften in NS-Organisationen?  (Siehe hierzu meine vorläufigen Deutungen im Blog-Kapitel 66, S. 19f und 23f).

Fortsetzung folgt.

 

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription und des Digitalisats: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Literatur:

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26. 11.1897-25. 10.1979), Würzburger <Medizinhistorische Mitteilungen 27, S. 63-92.

Heiner Fangerau / Michael Martin / Axel Karenberg: Neurologen und Neurowissenschaftler: Wer war ein Nazi? Zum Umgang mit der NS-Belastung in der Geschichte der deutschen Medizin, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 53-512.

Michael   Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Max Nonne (1861-1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S.513-521.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Heinrich Pette (1887-1964) und die schwierige Bewertung seiner Rolle von der Weimarer Republik bis in die BRD, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 535-542.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 543-552.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Zwischen „Affirmation und Kritik“: Karl Kleist und Viktor von Weizsäcker zwischen 1933 und 1945, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020. S. 580-588.

Axel Karenberg / Heiner Fangerau / Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S128-S145.

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen. Der Nervenarzt, 1998, S. 728-733.