71. Pogrom und Deportation – Die Vernichtung der Würzburger Juden, 1938. Bericht des Augenzeugen Prof. Dr. med. G. Schaltenbrand

„…diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches Volk… wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen Nation bleiben“ (G. Schaltenbrand, 1944)

 

Aus dem Tagebuchbericht über den Zeitraum von 1. I. 44. – XI. 1944:

„Das Pogrom in Würzburg ist einer besonderen Schilderung wert, denn es dürfte kaum eine Zeitung oder ein Buch geben, in dem man diese bemerkenswerten Ereignisse aufgezeichnet hat. Nachdem Herr von Rath, Botschaftsmitglied in Paris der Kugel eines rachedurstigen Emigranten zum Opfer gefallen war, erging von einer mysteriösen Stelle (wahrscheinlich Goebbels) der Befehl an alle Gauleiter, Rache an den Juden zu üben. Die SA und SS wurden zusammengetrommelt – die SS holte erst alle männlichen Juden aus den Wohnungen und schaffte sie ins KZ. Schon dabei gab es herzzerreißende Szenen – Eltern die fast halbtot geprügelt wurden, weil sie einen Sohn schützen suchten. Aber das war nur der Auftakt zu Furchtbarerem. Die SA wurde in Räuberzivil außerhalb der Stadt zusammengetrommelt. Lastwagen standen parat, Stangen, Steine, Dynamit und Zündpatronen. Dann ging es gegen die Synagogen los. Die Kultgeräte wurden zertrümmert, Teppiche zerschnitten, das Innere der Gebäude ausgebrannt, wo es ging, die Mauern gesprengt. Gleichzeitig wurden in den Geschäften die Schaufenster eingeworfen, die Warenbestände vernichtet oder geraubt. Dann ging es in die Privatwohnungen. Auch hier wurde alles zerstört, Möbel zerhackt, das Porzellan mit Straßenstampfern vernichtet, Teppiche, Bilder, Betten zerschnitten, die Wände mit Eiern und Marmelade beworfen, die Fenster von innen herausgestoßen und das ganze zerstörte Inventar auf die Straßen geworfen. Nicht einmal dort, wo Tote und Kranke lagen, nahm man Rücksicht. Die Leute starben zum Teil vor Aufregung oder sprangen in ihrer Angst aus den Fenstern. Aber die, die sie hätten ärztlich versorgen sollen, nach dem sie sich die Glieder gebrochen hatten – Prof. Seifert (der Rektor der Universität), Dozent Dr. Bahls, Dr. v. Öttingen und andere Ärzte, waren selbst unter den Vandalen! An manchen Wohnungen haben die Horden 3 Tage gearbeitet, besonders an Privathäusern, wo sogar die Kacheln zerschlagen und das Parkett zerfetzt wurde.  Als Trumpf dieser Infamie kam dann noch ein besonderer Haken: Die Juden mußten die Schäden selber bezahlen, die Versicherungssummen verfielen dem Staat und außerdem wurde den Juden eine Vermögensabgabe von einer Milliarde auferlegt. Fast überall spielten sich diese Szenen ab. Zum Teil noch grausiger als hier in Würzburg. Draußen auf dem Lande steckte man ihre Häuser an, wir sahen selber ein brennendes Haus, als wir – Lu [Ehefrau Luise Schaltenbrand – A. M.] und ich – in wilder Verzweiflung über unsere Zugehörigkeit zu einer solchen Nation nach Heidelberg u. Freiburg fuhren, um uns mit unseren Freunden auszusprechen. Man bringt jetzt die Juden in bestimmten Wohnbezirken unter, sie dürfen nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten kaufen. Wenn sie auswandern, dürfen sie nur 10 M in Silbergeld und eine 3 Zimmerwohnung in Möbeln mitnehmen, alles andere verfällt dem Staat. Nachdem nun Polen erobert und zwischen Deutschland und Rußland aufgeteilt worden ist, will man die Juden zwischen … [unleserlich – A.M.] u. Berg in einem bestimmten Reservat unterbringen, wo man ihnen wohl erlauben wird, sich zwischen dem Tod durch Hunger oder dem durch Kälte zu entscheiden. Ich verstehe wohl Härte wie sie zum Aufbau einer großen Nation und zur Vorbereitung eines großen, vereinfachten Europas notwendig ist. Solche Dinge gehen anscheinend nicht ohne machiavellistische Prinzipien, aber diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches, wenn auch nicht immer sympathisches Volk wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen Nation bleiben.“

Kommentar

Die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 vom NS-Regime reichsweit organisierten und gelenkten Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung fanden auch in Würzburg statt. Die Ausschreitungen geschahen auch dort mit höchster Brutalität. Im Zusammenhang mit den Gewalttaten nahmen sich drei jüdische Bürgerinnen das Leben. Ein jüdischer Bürger starb an den Misshandlungen. Die zeitnahe Schilderung des Würzburger Universitätsprofessors und Neurologen Georges Schaltenbrand wurde bis heute nicht publiziert. Er hatte sie 1944 handschriftlich seinem geheimen Tagebuch anvertraut. Schaltenbrands Bericht ist aus mehreren Gründen aufschlussreich.  Er beschreibt nicht nur die schrecklichen Vorgänge, von denen er meint, sie als Zeitzeuge festhalten zu müssen, sondern notiert zugleich seine innere Empörung über die Gewalttaten und seine Haltung gegenüber der jüdischen Minderheit.  Er hält die Pogrome für einen „Schandfleck der deutschen Nation“. Er schämt sich für Deutschland, das zu solchen sadistischen Aktionen gegen ein fleißiges und friedliches Volk schreite. Jeder dieser Sätze hätte ihn damals in große politische Schwierigkeiten bringen können, wären seine Tagebücher entdeckt worden und an die Öffentlichkeit geraten. In seinem Bericht nennt er überdies Professorenkollegen aus der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg beim Namen, die sich an dem Vandalismus beteiligt hatten. Sie hätten ihr ärztliches Berufsethos verraten, weil sie, was eigentlich ihre Pflicht gewesen sei, Misshandelte und Verletzte nicht ärztlich versorgt hätten. Prof. Dr. med. Ernst Seifert (1887-1969), Inhaber einer Professur für Chirurgie und amtierender Rektor der Universität (1938-1945), war einer der Nazi-Schergen gewesen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November die jüdische Einwohnerschaft in Angst und Schrecken versetzten, jüdisches Eigentum zerstörten und die Synagoge in Brand setzten.

Schaltenbrand vertrat in der sogenannten Judenfrage eine dem NS-Regime diametral entgegengesetzte Position. Während die NS-Rassendogmatik und Rassenpolitik  die Ausgrenzung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung als „Endlösung“ propagierte und durchführte, sprach sich Schaltenbrand für einen humanen Weg aus, für eine friedliche Integration durch eine allmähliche Assimilation.  Ein Musterfall dafür stellte für ihn der von ihm hochverehrte politische Philosoph Leonard Nelson dar, ein gebürtiger Jude. (siehe Blog-Kapitel 66). Schaltenbrand mokierte sich zwar über dessen angeblich jüdische Verhaltensweisen, bewunderte aber auch seinen Geist und Arbeitsethos.

Schaltenbrand hatte seine Position am 24. Juli 1934 in seiner Unterredung mit dem NS-Rassenpolitiker und Fachkollegen Prof. Dr. med. Willy Holzmann relativ offen, aber mit vorsichtigen Formulierungen dargelegt. In diesem Gespräch hatte Holzmann erklärt, „das Rassenproblem sei die Idee, die der Führer geschaffen habe, und deren Verfolgung das Leitmotiv der nationalsozialistischen Bewegung bleiben müsse. Die Eugenik sei nur ein unwesentlicher Teil.“ „Das Rassenproblem sei der Kernpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung.“

Holzmann hatte Schaltenbrands Assimilationsargument (im NS-Jargon Rassenmischung) mit der Behauptung zurückgewiesen, „die Kreuzung eines Juden mit einem Arier (liefere) ebenso verhängnisvolle Ergebnisse (…) wie die Kreuzung eines Bernhardiners mit einem Wachtelhund. (siehe Blog-Kapitel 68, Dokument 2 Gedächtnisprotokoll).

Doppelleben und innere Emigration

Schaltenbrand war angesichts der Novemberpogrome 1938 völlig klar geworden, dass es nicht mehr möglich war, gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn und Vernichtungswillen offen Stellung zu nehmen oder gar auf politischen Podien öffentlich zu opponieren. Die Optionen, die er 1933 meinte, noch offen zu haben, waren inzwischen für seine Person völlig unrealistisch geworden. Eine Chance, in die USA auszuwandern und an der Universität Bosten eine Professur zu übernehmen, war aus verschiedenen Gründen gescheitert. Er blieb nolens volens im NS-Deutschland. Offene Opposition gegen das NS-Regime und seine Rassenpolitik wäre ein gefährliches Unterfangen gewesen. Zu einem Märtyrer fehle ihm, so betonte er ausdrücklich, die hierzu nötige Opferbereitschaft und Willenskraft. Sich als kleiner Privatarzt niederzulassen und reiner Praktiker zu werden, widersprach seinem höchsten Lebens- und Berufsziel, ein großer und angesehener Wissenschaftler zu werden. Er sah sich zum (Ausnahme-)Wissenschaftler geboren und ordnete fast alles dieser existenziellen Selbsteinschätzung und Grundentscheidung unter: Familie, Freundschaften, kollegiale Beziehungen, politisches Engagement und andere Neigungen. Er beugte sich den Druckmitteln des Regimes. Doch blieb er ein passionierter Beobachter der politischen Vorgänge und Ereignisse im In- und Ausland. An der Universität Würzburg verfolgte er mit Verdruss und Sarkasmus die Nazifizierung der Medizinischen Fakultät, wie überhaupt der Wissenschaft, vermied es aber, aus seiner Deckung herauszugehen. Er wollte, wie gesagt, politisch ungestört forschen und experimentieren und war bereit, dafür mit seinen Mitgliedschaften in NS-Organisationen um seine Person NS-konforme politische Fassaden aufzurichten, was zu einer Art Doppelleben führte. Er gab sich, wo und wie auch immer es die Situation erforderlich machte, als ein äußerlich regimekonformer Parteigenosse, zog sich aber dann wieder hinter die Fassaden zurück. Eine wirklich freie politische Kommunikation war nicht einmal mehr mit nahen Verwandten möglich. Er brauchte einen inneren Ort, an dem er mit sich und der Welt frei kommunizieren konnte. Seine Tagebücher dienten ihm in der Zeit der NS-Diktatur als Ort des geistigen Rückzugs und Verstecks. Es war eine Form der „inneren Emigration“. Sein geheimer Bericht über das Novemberpogrom 1938 in Würzburg und die darin enthaltenen ganz persönlichen Betrachtungen und geschichtlichen Einschätzungen sind ein charakteristisches Beispiel seines Doppellebens. Meines Erachtens hat die medizinhistorische Forschung im Falle Schaltenbrands dessen prekäre Situation und Lebensform – nicht zuletzt als Intellektueller – noch nicht befriedigend analysiert und aus den bisher bekannten Quellen zum Teil fragliche Schlüsse gezogen. Mehr über Schaltenbrands Position in der Judenfrage folgt demnächst in einem weiteren Kapitel.

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Weblinks (abgerufen 03.12.2020)

Pogrom-Nacht in Würzburg – Würzburg Wiki

https://wuerzburgwiki.de/wiki/Wiki_f%C3%BCr_W%C3%BCrzburg:_Hauptseite

Der Rektor beim Novemberpogrom-Universitäts-Archiv:

https://www.uni-wuerzburg.de/uniarchiv/startseite/neuigkeiten

Ernst Seifert (Mediziner):

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Seifert_(Mediziner)

Literatur:

Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979)und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1 Februar 2020, S43-S52.

Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S128-S145.

Hannelore Mintzel: Die letzten jüdischen Familien in Rimpar. Ein vernachlässigtes Stück Heimatgeschichte. Rimparer Geschichtsblätter Band 11, 2020.

70. “Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht”

 Von der eugenischen Verhütung zur NS-Massenvernichtung

„Zur Eugenik als einem zentralen Ankerpunkt der NS-Ideologie ließ sich trotz ausgiebiger Recherchen die Einstellung einiger Neurologen nicht zweifelfrei ermitteln.“ So fassten die Medizinhistoriker Heiner Fangerau, Michael Martin und Axel Karenberg in ihrer Elitenstudie über „Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit“ ihre Forschungsergebnisse zu diesem Fragenkomplex zusammen. (Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Band 91, Supplement 1, Februar 2020, SS19, S141).

Bei meinen biografisch-analytischen Annäherungen an die Forscherpersönlichkeit Schaltenbrands stoße ich in seinen Tagebüchern auf Aussagen, aus denen seine positive Einstellung zur Eugenik und zu eugenischen Maßnahmen des Staates eindeutig hervorgeht. Unmittelbar nach der NS-Machtergreifung trägt er in sein Tagebuch ein: „Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht“.  In einer Unterredung ein Jahr später mit dem NS-Rassenpolitiker Prof. Dr. med. Wilhelm Holzmann, den er im Juli 1934 um ein klärendes Gespräch gebeten hatte, erläutert Schaltenbrand seine Einstellung zum „Rassenproblem“ und zur Eugenik so: Er „hielte das Rassenproblem nur für einen Teil des nationalsozialistischen Problems.“ Ihm „erschienen andere Punkte, wie die Überwindung des Klassenkampfes, die Beseitigung des Föderalismus, die Durchführung der eugenischen Gesetzgebung als die wichtigsten Aufgaben“ des neuen Staates (siehe Blog-Kapitel 68 „Who was a Nazi?). Das Erbgesundheitsgesetz vom Juli 1933 entsprach wohl, so darf man aus seinen Tagebucheitragungen schließen, in vielen Punkten seinen eugenischen Vorstellungen.  Die komplexe Problematik zwingt mich zu einer kursorischen, auf Schaltenbrand fokussierten Behandlung. Zunächst ein kurzer Blick auf die historische Situation und den Text des Gesetzes.

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (Erbgesundheitsgesetz), Juli 1933

Ein halbes Jahr nach der NS-Machtergreifung hatte das Kabinett Hitler unter dem Datum des 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Das Gesetz, kurz „Erbgesundheitsgesetz“ genannt, war im Wesentlichen ein „Sterilisationsgesetz“, das der Volksgesundheit dienen sollte. Es legalisierte unter Einhaltung bestimmter Verfahrensregeln die Unfruchtbarmachung vermeintlicher Erbkranker und schwerer Alkoholiker.

In Paragraf 1 wurden die Krankheiten aufgelistet, die als vererblich galten:

(1) „Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.

(2) Erbkrank im Sinne des Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

  1. angeborenem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, 3. zirkulärem (manisch-depressivem) Irrsein, 4. erblicher Fallsucht, 5. erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), 6. erblicher Blindheit, 7. erblicher Taubheit, 8. schwerer erblicher körperlicher Missbildung.

(3) Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet“

Den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft und ihrer Urteilskraft wurden bei der Umsetzung des Gesetzes eine entscheidende Rolle zugewiesen. Ärzte befanden darüber, wer als „erbbiologisch minderwertig“ und „lebensunwert“ eingestuft und amtlich gezwungen wurde, sich sterilisieren zu lassen.

Das Gesetz behielt nach 1945 seine Gültigkeit und wurde erst im Jahre 2007 als nationalsozialistisches Unrecht geächtet.

Von der eugenischen Verhütungspolitik zur staatlich organisierten Massenvernichtung „unwerten Lebens“ war es ein kurzer Weg. Die Umsetzung des Gesetzes lief schon kurz nach seinem Inkrafttreten auf die Vernichtung unerwünschter Menschen und Gruppen hinaus. Bis 1945 wurden auf der Grundlage dieses Gesetzes durchschnittlich 50.000 bis 60.000 Personen sterilisiert beziehungsweise kastriert, wobei der Personenkreis auf Kriminelle, Prostituierte und andere missliebige Gruppen ausgeweitet wurde. Die meisten Sterilisationen erfolgten aufgrund von psychiatrischen Diagnosen wie Schwachsinn und Schizophrenie. Das NS-Regime musste allerdings noch weltanschauliche Hemmnisse und politische Hürden überwinden und die Praktiken (Gaswagen, Nahrungsentzug und Spezialbehandlungen wie zu Tode spritzen) vertuschen.  Sonderaktionen der T4- Organisation der „Euthanasie“ mussten abgebrochen und umorganisiert werden. Dass das Erbgesundheitsgesetz schon in kürzester Zeit im Rahmen des NS-Vernichtungsprogramms der Scheinlegitimierung der massenhaften Ermordung und genozidalen Ausrottung diente, konnte Schaltenbrand 1933/34 schwerlich voraussehen, zumindest nicht in seinen ungeheuren Ausmaßen. Doch Anfang der 1940er, in der Abschlussphase seiner Multiplen Sklerose-Forschung, war er über das Vernichtungsprogramms und seine Tötungsmethoden relativ gut informiert. In einem längeren Eintrag hielt er Folgendes fest:

16 1. 43. Einen besonderen Feind habe ich auch in Gestalt des hiesigen Psychiaters, Prof. Heyde. Er war Oberarzt von Reichardt, dem Nachfolger Riegers, dem sagenhaften Begründer der Psychiatrie in Würzburg. Heydes wissenschaftliche Leistungen waren u. sind auch heute noch peinlich unbekannt. Er entstammt einer Ehe eines „Rentenneurotikers und einer Russin< [nach?  –  unleserlich – A.M.] War früher mit bestimmten jüdischen homosexuellen Kreisen sehr befreundet und auch in einen Prozess verwickelt, durch den viel Staub aufgewirbelt wurde. Aber ihm konnte man nur ein paar verdächtige Briefe nachweisen u. so kam er ungerupft davon.  Aus dem Saulus wurde rechtzeitig ein Paulus, in der SS sogar. Gegen den Willen der Fakultät wurde er Ordinarius für Psychiatrie. Seine bemerkenswerteste Leistung bisher war der Aufbau einer Organisation zum Abbau der Geisteskranken nach der Methode Dr. Eisenbarths [gemeint ist die von Prof. Dr. med. Werner Heyde geleitete T4- Organisation und Aktion – A.M.]. Unter dem Protektorat der SS erschienen plötzlich geheimnisvolle Kommissionen in den Irrenanstalten und nahmen dort die Bestände an unheilbaren Kranken auf, bzw. was sie dafür hielten. Einige Zeit später kam dann der Befehl, diese Kranken in bestimmte Anstalten zu verlegen und noch etwas später erhielten die Angehörigen die Mitteilung, ihr Patient sei leider an der u. der Krankheit verstorben, die Asche könnte – nach Einsendung des Betrages in RM – zugesandt werden. Einem Teil der Familien fiel auf, dass Leute an einer Blinddarmentzündung gestorben waren, deren Blinddarm schon früher herausgenommen worden war. In einzelnen Fällen soll die Asche zweimal zugesandt worden sein. In einem anderen Fall wurde die Asche angeboten, obwohl der Kranke auf dem Transport entsprungen und glücklich zu Hause angekommen war. Nachdem die Volksseele bedenklich zu kochen angefangen hatte, wurde die Aktion anscheinend abgeblasen, aber Herrn Heyde hat sie nicht geschadet. Eine ähnliche Tätigkeit, von der man aber noch weniger hält, übt er anscheinend in den Konzentrationslagern aus. In dieser segensreichen Schöpfung der Partei [ein typisches Beispiel für seinen mitunter sarkastischen Stil – A.M.] sind ständig etwa 300.000 missliebige Menschen untergebracht, z.T. Schwerverbrecher, teils politisch Andersgläubige, Juden und Übertreter der sehr strengen Kriegsgesetze. Die Mortalität ist in diesen Lagern eine sehr hohe, die Lebenserwartung der Juden beträgt in ihnen infolge der besonders für sie entwickelten Behandlungsmethoden 4-6 Wochen.

Die >Gestapo< – eine Nachbildung der russischen G.P.U. entscheidet allein über Wohl u. Wehe zahlloser Menschen. Sie verhaftet und richtet, ohne Anwalt und Richter, ohne Recht auf ein Verfahren, einen Verteidiger zu nehmen, überhaupt ohne Verpflichtung, dem Verhafteten überhaupt mitzuteilen, was vorliegt.“

Schaltenbrands Schilderung beruht wohl in Teilen auf den damals laut gewordenen Protesten und umlaufenden Gerüchten. Gleichlautende Berichte finden sich später in der zeitgeschichtlichen Fachliteratur. Ein Beispiel:

„Die den Angehörigen nach dem >plötzlichen< Ableben mitgeteilten Diagnosen oder Todesursachen waren frei erfunden. Es kam vor, dass Kranke, denen schon Jahre zuvor der Blinddarm operativ entfernt worden war, angeblich an einer >Blinddarmentzündung< verstorben waren. Die Leichen wurden den Angehörigen nicht zum Begräbnis überlassen, sondern rasch verbrannt, als Grund gab man Seuchengefahr an (…). Die Urnen wurden nicht zentral aufgegeben, sondern an mehreren umliegenden Orten, um bei der örtlichen Bevölkerung keinen Verdacht aufkommen zu lassen (…).“ (Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 3. Auflage, S. 271f).

Die eugenische Bewegung

Die Eugenik war eine politisch-ideologische und gesellschaftspolitische Denkströmung, die sich schon im ausgehenden 19. Jahrhundert international auszubreiten begonnen hatte. Im Rahmen biologischer Rassenlehren hatte sich die Überzeugung herausgebildet, es müsse in volksschädliche Entwicklungen geplant eingegriffen werden. 1905 hatten namhafte Wissenschaftler und Repräsentanten verschiedener akademischer Berufe die „Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet. Deren Ziel war es, die „Rassenhygiene“ als neue Wissenschaft zu etablieren, mit Empfehlungen einer wissenschaftlich basierten Eugenik (Rassenhygiene) hervorzutreten und praktische Maßnahmen vorzuschlagen. Die sog. eugenische Bewegung hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Befürworter in so gut wie allen gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen und weltanschaulichen Lagern Zuspruch erhalten. Eugenische Bestrebungen und Gesetze hatte es auch in anderen Ländern Europas und in den USA gegeben. In Deutschland hatten sich am Ende der Weimarer Republik die politischen und gesetzgeberischen Initiativen in einem Gesetzentwurf des preußischen Gesundheitsamtes niedergeschlagen. Dieser Entwurf hatte jedoch, nachdem die Preußische Regierung 1932 abgesetzt worden war, nicht mehr verabschiedet werden und in Kraft treten können. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung hatte die NS-geführte Reichsregierung in einem Eilverfahren diesen Entwurf übernommen und in mehreren Punkten verschärft. Das Erbgesundheitsgesetz vom 14. Juli 1933 war insofern nur bedingt ein nationalsozialistisches Machwerk. Eugenische Forderungen hatte es, wie gesagt, schon gegeben, bevor Hitler und seine Anhänger auf der politischen Bühne auftauchten. Ein Befürworter eugenischer Maßnahmen muss nicht unbedingt ein Anhänger der nationalsozialistischen Weltanschauung gewesen sein. Schaltenbrand war jedenfalls, soviel lässt sich vorsichtig sagen, trotz seiner Affinität zu eugenischen Maßnahmen nicht zu einem Befürworter oder gar Täter der NS-Tötungsmaschinerie geworden. Es wird sich noch zeigen, dass er die ihm nach dem Krieg angelasteten Versuche an Menschen nicht im Sinne der NS- Vernichtungsideologie durchgeführt hat. Sein Motiv folgt, so meine vorläufige Hypothese, einer anderen medizinhistorischen Tradition – was allerdings die normative und berufsethische Problematik nicht außer Kraft setzt. Es bedarf hier einer Nachschärfung des analytischen und ideologiekritischen Instrumentariums, um seine Position heller anleuchten zu können.

Schaltenbrands Einstellung gegenüber dem NS-Regime war, darauf habe ich schon mehrmals hingewiesen, nicht durchgängig konsequent, geradlinig und in sich stimmig gewesen. Er begrüßte den Kurs des Regimes in verschiedenen Politikbereichen, zum Beispiel in der Religions- und Kirchenpolitik (Zurückdrängung des kirchlich-katholischen Einflusses), im Agrarsektor, in der zentralistischen Verfassungspolitik (pro Zentralismus) und eben in der eugenischen Gesundheitspolitik.

Biografische Vorgeschichte

Schaltenbrands positive Wertung des Erbgesundheitsgesetzes hat in seiner Biografie eine lange Vorgeschichte. Sie reicht bis in seine Studentenjahre zurück, in denen er der eugenischen Bewegung nahegestanden hatte. Schon als junger Medizinstudent hatte er, wie aus seinen „Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung von 1919“ und anderen Tagebucheintragungen zweifelsfrei hervorgeht, eine radikale Eugenik vertreten. Unter der Devise „Hochzucht der Rasse!“ hatte er unter anderem gefordert:  Kinder dürfen nur von Eltern gezeugt und aufgezogen werden, die „frei von erblichen Krankheiten sind“. Und: „Erblich belastete Menschen werden zeugungsunfähig gemacht.“ Und noch schärfer: „Unheilbare Idioten dürfen vom Staate getötet werden“ (siehe Blog-Kapitel 67). Was dem Volkswohl und der Volksgesundheit schadet, sollte bekämpft und ausgemerzt (negative Eugenik), was ihm nützt, gefördert werden (positive Eugenik). Den Ärzten hatte er bei der Erfüllung dieser Aufgaben eine Sonder- und Schlüsselrolle eingeräumt. „Der Arzt wird Berater und Beichtvater des Menschen an Stelle des Priesters“. Den Ärzten obliegt die Rechtspflege, soweit sie sich auf Verbrechen bezieht. Wiederholt machte er sich Notizen zu angeblich degenerativen Erscheinungen, die er glaubte in der Gesellschaft beobachten zu können.  Das gesundheitspolitische Mittel der Sterilisation solle jedoch human praktiziert werden, nicht in „veterinär-medizinischer“ Form.

Die Ärzteschaft im Dienste der Volksgesundheit und Rassenhygiene –  Extremisierung der Eugenik

Kaum war das Erbgesundheitsgesetz in Kraft getreten, nutzten Amtsträger der NSDAP die Gelegenheit für massive Werbeaktionen unter der Ärzteschaft. In Franken war es NSDAP-Gauleiter Julius Streicher (1885-1946), der im Juli 1934 in einem Aufruf „An alle Ärzte und Ärztinnen“ für seine Halbmonatsschrift „Die Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden“ warb und mit dieser Werbeschrift die Ärzteschaft „dem deutschen Volke zurückgewinnen“ wollte (siehe Abbildungen im Anhang). Darin hieß es:

„Der deutsche Arzt muß wieder Fühlung bekommen mit dem Empfinden des deutschen Volkes auf dem Gebiete der Heilkunde Der zersetzende jüdische Einfluß in der medizinischen Wissenschaft und in der Standespresse hat den deutschen Arzt planmäßig vom Volk und seinen Ansichten entfernt. Dieser war es, der das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Volk zerstört hat!

Das deutsche Volk des Dritten Reiches braucht Ärzte, zu denen es wieder volles Vertrauen haben kann. Der deutsche Arzt, dessen Wohl vom Volke abhängig ist, muß wissen, wie das Volk über gewisse wissenschaftliche Methoden denkt.

Julius Streicher, als Vertreter des Volkes, nimmt in seiner Zeitschrift >Deutsche Volksgesundheit< in seiner klaren und schonungslosen Sprache Stellung zu den Grundfragen der Volksgesundheit und Heilkunde. “Und am Schluss der Werbung die kaum verhohlene Aufforderung, sich schleunigst der Volksbewegung der „Deutschen Volksgesundheit“ anzuschließen: „Die meisten deutschen Ärzte (hätten) den rechtzeitigen Anschluss an den Nationalsozialismus verpaßt! Sie würden es bereuen, wenn sie den Anschluß an die Volksbewegung der >Deutschen Volksgesundheit< ebenfalls versäume(t)n.“

Julius Streicher, 1928 bis 1945 Gauleiter der NSDAP von Franken, war vor allem als Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ bekannt. Er wurde im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und 1946 durch den Strang hingerichtet.

Ärzte waren, wie Statistiken zeigen, für die NS-Gesundheitspolitik besonders anfällig. Die Zahl der Ärzte nahm im „Dritten Reich“ stark zu. Sie stieg von weniger als 60000 auf fast 80000 an (Vasold, S. 278). Die meisten Ärzte sahen es als ihren staatspolitischen Auftrag an, das deutsche Volk „gesünder“ – rasserein, erbgesund und leistungsfähig – zu machen. Viele kollaborierten mit dem NS-System und beteiligten sich an den Sterilisations- und ab 1939 an den Euthanasie-Programmen.

Ohne Zweifel hatte Schaltenbrand seit seiner Studentenzeit eugenische Positionen vertreten und die Umsetzung des Erbgesundheitsgesetzes für eine der wichtigsten gesundheitspolitischen Aufgaben des neuen Staates gehalten. Seine Tagebucheintragung vom 16. Januar 1943 mit den Hinweisen auf die T4-Aktionen, auf „geheimnisvolle Kommissionen“ und auf die Ermordung „unheilbarer Kranker, oder was sie, die „geheimnisvollen Kommissionen“ dafür hielten“, sind besonders im Blick auf seine Multiple Sklerose-Forschung interessant. Er wusste, was geschah, und distanzierte sich von den „Dr. Eisenbarth-Methoden“ [eine äußerst fragwürdige Metapher für die NS-Morde – A.M.] und von den NS-Euthanasie-Aktionen, bezog aber die Vorgänge mit keinem Wort auf sein Jahrzehnte später (1994, 1996) so genanntes „Schaltenbrand–Experiment“. Er setzte sich von dem NS-Vernichtungsprogramm und dessen „Behandlungsmethoden“ ab, ohne damit seine Versuche mit behinderten Anstaltsinsassen in irgendeiner Weise in Verbindung zu bringen. Das wirft Fragen nach der besonderen Weise seiner Verstrickung in die NS-Medizin auf. Die oben genannten Medizinhistoriker bezeichnen Schaltenbrand als eine Forscherpersönlichkeit, die zugleich Täter, Nutznießer und Kollaborateur gewesen sei. War er wirklich ein Kollaborteur?  War er wirklich ein Nutznießer? In welcher Weise war er ein Täter? Die Autoren heben zugleich hervor, wie schwierig es sei, vielschichtige Handlungsmotive und komplexe Entscheidungsgänge gerade in Umbruchsituationen angemessen zu bewerten und über einzelne Protagonisten einer medizinischen Fachelite ein Urteil zu fällen.

 

Links

(Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand; https://doi.org/10.1007//s00115-019-00843-6).

Zur Eugenik: https://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik … abgerufen am 12. 12. 2020.

Zur nationalsozialistischen Rassenhygiene: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistsische_Rassenh… abgerufen am 12. 12. 202

https://www.aerzteblatt.de/archiv/79713/NS-Medizin-Die-Si…abgerufen am 22. 06. 2020.

Zum Erbgesundheitsgesetz von 1933

https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Ver%C3%BCtun…abgerufen am 18.11.02020

 

Literatur:

Aus der schier unüberschaubaren Fülle von Darstellungen und Dokumentationen, die bis in vielfältige Details hineinführen, sei hier für die biografischen Annäherungen an die Persönlichkeit Georges Schaltenbrand zu Rate gezogene und zitierte Literatur aufgelistet:

Michael v. Cranach: Menschenversuche in den bayerischen Heil- und Pflegeanstalten, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999, S. 405-411.

Henry Friedländer: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin Verlag 1997.

Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegen von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. DTV 3. Aufl., S. 13-26.

Ernst Klee: 25 Jahre „Euthanasie“-Forschung – Geschichtliches Wissen und Verantwortung heute. 5. Alstendorfer Fachforum am 08. 05. 2001.

Konrad Kwiet: Rassenpolitik und Völkermord in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus.  Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. DTV.  3. Aufl. S …

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43-S52.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Neurowissenschaftler am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung im „Dritten Reich“: Oskar Vogt / Hugo Spatz / Wilhelm Tönnis, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S89-S99.

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen. Würzburg Verlag Richter [1957].

Hans-Walter Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890 – 1945. Göttingen 1992 (2. Aufl.)

Hans-Ludwig Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999, S. 15-34.

Hans-Ludwig Siemen: Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten während des Nationalsozialismus, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen. München 1999 S. 417-464.

Manfred Vasold: Medizin, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Herman Weiß. DTV 3. Auflage, S. 259-276.

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats:  Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

69. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand und das Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler

Was mag damals, im November 1933, im Hirn des Hirn-Forschers Schaltenbrand vorgegangen sein?

Im November 1933 unterschrieb Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand das „Bekenntnis der Professoren der deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“. Diese Tatsache wird in der Medizingeschichte und politischen Geschichtsschreibung als ein starkes Indiz dafür gehalten, dass er 1933 – entgegen allen späteren Beteuerungen und Selbstentlastungsversuchen  –  dem NS-Regime im Denken und Handeln weltanschaulich und politisch doch näher stand, als er (sich selbst) eingestehen wollte. Aus ihm sei, so die gängige Meinung, offensichtlich ein überzeugter Nazi geworden. Erstaunlich ist, dass Schaltenbrand selbst, der so eifrig Tagebuch geführt und darin seine Gedankengänge, inneren und äußeren Kämpfe und Entscheidungen festgehalten hat, sich über diesen Vorgang völlig ausschweigt, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Als habe er ihn aus seiner Biografie tilgen wollen. Soweit ich seine private Korrespondenz überblicke, finde ich auch dort keinen Hinweis auf dieses Geschehen. Er, der seit seiner Studentenzeit in seinen Tagebuchnotizen viele Male von sich fordert, streng rational zu denken und zu handeln, der sich einem kritischen Geist verschrieben hat, der stets prüft und beurteilt, was vor sich geht, unterzeichnet ein Bekenntnis, das seinem Denken und seinem Wissenschaftsbegriff in wesentlichen Punkten widerspricht. Noch im April 1933 hatte er seinem Tagebuch anvertraut, das deutsche Volk habe sich mit dem Ausgang der Reichstagswahl vom März 1933 selbst enthauptet und sich den Nazis auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Der Anfang der Nazi-Herrschaft sei erschreckend. Er befürchte, es werde „noch schlimmer werden als in Italien“ und bezieht sich damit auf den italienischen Faschismus (siehe Blog-Kapitel 64, Auszug vom 14.IV.!933). Sieben Monate später dann die Unterschrift. Was mögen seine Beweggründe gewesen sein?

Bereits gegen Ende des letzten Blog-Kapitels (68. „Who was a Nazi“ – Der Fall Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand) war in mir der Verdacht aufgekommen, dass nicht allein eine berufliche  Katastrophenstimmung und persönliche Torschlusspanik dazu geführt haben könnten, in den Stahlhelm einzutreten und sich zu Hitler und dem neuen Staat zu bekennen. Hat er sich, wie ihm in der einschlägigen Literatur unterstellt wird, tatsächlich den weltanschaulichen Positionen des Nationalsozialismus angenähert? (Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand; https://doi.org/10.1007//s00115-019-00843-6). Ich finde in seinem Tagebuch, welches er seinen „verschwiegenen Ort“ nennt, Eintragungen, die belegen, dass er die NS-Politik nicht in Bausch und Bogen abgelehnt und auf einen Wandel zum Rechtsstaat gehofft hat. In einigen Politikfeldern, so glaubte er, verfolge das NS-Regime einen vernünftigen Kurs, dem er zustimmen könne. Wie stand es also wirklich mit Schaltenbrands Annäherung an den Nationalsozialismus? Welche politischen Schnittmengen, gar Gemeinsamkeiten gab es? Zunächst aber zum besseren Verständnis Schlaglichter auf das historische Ereignis.

Bekenntnis und Ruf deutscher Professoren

Am 11. November 1933, am Vortag der „Volksabstimmung“ über den bereits am 14. Oktober 1933 vollzogenen Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, veranstaltete der Nationalsozialistische Lehrerbund Sachsen zusammen mit der sächsischen Landesuniversität Leipzig zur Feier der „nationalsozialistischen Revolution“ eine Kundgebung, die auf eine Einschwörung der Professorenschaft an Universitäten und Hochschulen auf Adolf Hitler, auf den nationalsozialistischen Staat und auf die angebliche Friedenspolitik Hitlers hinauslief. Die NS-Veranstalter und Organisatoren initiierten zu diesem Zweck eine Unterschriftensammlung.

Das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zu dem nationalsozialistischen Staat“ war, wie ich der einschlägigen Literatur entnehme, weder ein Bekenntnis aller Professoren, noch fand es Zuspruch an allen deutschen Universitäten und Hochschulen. Auch unterzeichneten nicht nur Professoren diese propagandistische Bekenntnisschrift. Unter den ca. 900 Unterzeichnern sind auch Studenten, Gymnasiallehrer, Privatdozenten, Lehrbeauftragte und Dozenten zu finden. Zudem kamen nicht alle Universitäten und Fakultäten, aus welchen Gründen auch immer, der Aufforderung nach, sich dem „Bekenntnis“ und den Appellen anzuschließen. In den Listen der Unterzeichner fehlen die Universitäten Bonn, Köln, Frankfurt, Freiburg und München. Nur eine Fakultät soll die Unterschrift generell verweigert haben, die der evangelischen Theologie in Marburg. Der Dekan der Fakultät schrieb an den Rektor in vorsichtiger Diktion, man sei zwar nicht gegen den neuen Staat, unterschreibe aber nicht, weil das  „Bekenntnis“ und der „Ruf an die Gebildeten der Welt“ Aussagen enthielten, deren inhaltlicher Stellenwert erst noch geklärt werden müsse. Während im vorangestellten „Ruf“ nur allgemein die unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker gefordert wurde,  waren die Reden, die auf der Festveranstaltung gehalten wurden, ganz auf die Person Adolf Hitlers und den neuen Staat zugeschnitten. Eine Eloge war pathetischer als die andere. Großtönende Wortsalven. Hochwert-Fahnenwörter wie Ehre, Freiheit, Gerechtigkeit, Friede, Volksgemeinschaft. Blut- und Boden-Patriotismus. Die Adressaten, Professoren und Hochschullehrer, wurden aufgefordert, sich mit ihren Zustimmungserklärungen hinter Hitler und den nationalsozialistischen Führerstaat zu stellen. Der „Ruf“, der in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch) an die Gebildeten der Welt gerichtet war, stellte die Wissenschaft auf eine völkisch-nationale Erkenntnisbasis und forderte mit diesem volksgebundenen Wissenschaftsbegriff Respekt und Verständnis gleichermaßen für alle Völker ein.

Der Wortlaut des „Rufs“:

„Alle Wissenschaft ist unlösbar verbunden mit der geistigen Art des Volkes, aus dem sie erwächst. Voraussetzung erfolgreicher Arbeit ist daher die unbeschränkte geistige Entwicklungsmöglichkeit und die kulturelle Freiheit des Volkes. Erst durch das Zusammenwirken der volksgebundenen Wissenschaftspflege der einzelnen Völker entsteht die völkerverbindende Macht der Wissenschaft. Unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker können nur gedeihen auf der Grundlage gleichen Rechts, gleicher Ehre, gleicher politischer Freiheit, also in der Atmosphäre eines wirklich allgemeinen Friedens.

Aus dieser Überzeugung heraus richtet die deutsche Wissenschaft an die Gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes  um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegen zu bringen, welches  sie für ihr eigenes Volk erwarten.“

Mag auf den einen oder anderen Bekenner ein gewisser Gruppendruck gelastet haben, so scheint doch keiner zur Unterschrift gezwungen worden zu sein. Unter den Unterzeichnern waren prominente Professoren und Geistesgrößen wie Martin Heidegger (1889-1976, Philosoph), Ferdinand Sauerbruch (1875-1951, Chirurg), Hans-Georg Gadamer (1900-2002, Philosoph), Theodor Litt (1880-1962, Sozialphilosoph und Reformpädagoge), Wilhelm Mommsen (1892-1966, Historiker), Hans Freyer (1887-1960, Soziologe, Historiker), Adolf Butenandt (1903-1995, Biochemiker; Nobelpreisträger 1939) und andere große Namen. Schaltenbrand befand sich als Unterzeichner somit in einem illustren Kreis von Wissenschaftlern. Heidegger und Sauerbruch hielten große patriotisch-emphatische Bekenntnisreden. Im Vergleich mit ihren Auftritten war Schaltenbrands Unterzeichnung ein eher nebensächlicher Akt.

Den Auftakt zur Leipziger Veranstaltung bildete die propagandistisch-appellative Rede eines Berliner Professors, aus dessen Rede ich einen charakteristischen Passus zitiere:

„Das ist Sozialismus der Tat! Wir werden ihn aufbauen und ausbauen, nicht abgerungen durch die Fäuste der Arbeiter, nicht abgerungen durch Klassenkampf und Klassengegensatz, sondern aufgebaut auf der Gemeinsamkeit unserer Erblinien, auf der Gemeinsamkeit unseres Blutes, das im letzten Volksgenossen des gleichen Menschen gleichen Stammes sieht wie wir selbst sind. Aufhören werden Überheblichkeiten, übertriebener Reichtum; wir sind ein armes Volk geworden, aber wir wollen ein gerechtes, ein gleiches, ein Brudervolk sein.

Zu diesem Bekenntnis hat uns Adolf Hitler aufgerufen.

Der Führer hat gesagt: Wir wollen die Gleichberechtigung haben mit den anderen Mächten – wir stehen hinter ihm! [Hervorhebung im Originaltext]

Der Führer hat gesagt: Wir wollen Freiheit haben, daß wir dieses Haus aufbauen können, was Unfriede zerstört hat – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat gesagt: Wir wollen Frieden haben, daß wir dieses Haus aufbauen können, wie ich es angedeutet habe – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat gesagt: Wir wollen unsere deutsche Ehre wiederhaben, wie sie unsere Väter gehabt haben – wir stehen hinter ihm!

Der Führer hat die Größe, daß er gesagt hat: Ich habe es nicht nötig, Krieg zu führen wie andere Nationen! Wir haben es nicht nötig, wie die Napoleone, die ihren Thron halten wollten nach einer Revolution!  Der Führer hat die Größe gehabt zu sagen: Ich frage das ganze deutsche Volk, ob es mit seinem Willen hinter mir steht: und morgen wird das ganze Volk sagen: Ja! Ja!

Die von NS-Funktionären an Universitäten und Hochschulen organisierte und gesteuerte Unterschiften-Kampagne riss wohl auch so manchen volens nolens mit, der ein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus hatte und später sogar als Gegner in Erscheinung trat. Auch solche sind in den Listen der Unterzeichner zu finden. Mit Zweifeln behaftet ist auch, wie die Unterschriften eingeholt wurden. Es gab Nachträge von Listen. Die Gesamtzahl der Unterzeichner blieb immer unklar. Die meisten Unterschriften kamen aus der Universität Hamburg, an der Schaltenbrand arbeitete. Und besonders die Hamburger Unterschriften ließen im Unklaren, wie sie zustande gekommen waren. Bei der Einholung der Zustimmungserklärungen scheint eine gewisse situative Willkür geherrscht zu haben. Es fällt auf, dass aus der Hamburger Neurologie und Psychiatrie nur zwei Ärzte unterschrieben haben, nämlich Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Die Hamburger Professoren und NS-Vertrauensleute, von denen man am ehesten hätte erwarten können, dass sie dem „Bekenntnis“ zustimmen, Hans Demme und Willy Holzmann, fehlen auf den Listen. (Siehe hierzu Blog-Kapitel 68) Von den insgesamt 28 ausgewählten Neurologen und Neurowissenschaftlern, die in der NS-Zeit bestimmte Top-Positionen in ihren Fächern bekleideten, hatten in der Tat nur Schaltenbrand und Pette den Bekenntnisappell unterzeichnet.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Pro… abgerufen 27.09.2020; http://pressechronik1933.dpmu.de/aufstellung-zu-den-unterz…abgerufen 28.09.2020)

Mögen es ihm Bedenken und innere Widerstände schwer gemacht haben, er unterschrieb, und dies allem Anscheine nach freiwillig. Mit seiner Zustimmungserklärung machte er sich jedenfalls äußerlich mit den propagandistischen NS-Trommlern gemein. Es erschreckt und erschaudert mich. Ich suche nach Erklärungen.

Ideologische Stränge und Parallelitäten

Schaltenbrands politische Gedankengänge und Überzeugungen lassen sich bis zum Anfang der Weimarer Republik zurückverfolgen. Wie viele seiner Zeitgenossen stand er der jungen Demokratie der Weimarer Republik skeptisch gegenüber. 1919 schrieb er während des Gründungsprozesses der Weimarer Republik seine eigenen verfassungspolitischen Reflexionen in Form von Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung nieder (siehe Blog-Kapitel 67). Es sollte drei Verfassungsorgane geben: ein in seiner Funktion beschränktes Parlament, ein Gremium der Räte und einen mit fast uneingeschränkten Befugnissen ausgestatteten Präsidenten, den Schaltenbrand als einen „liebevollen Tyrannen“ bezeichnet. Ihm schwebte nach antikem Grundmuster eine Herrschaft der Gebildeten und Geistesaristokraten vor, aus deren Mitte ein autokratischer Präsident hervortreten sollte.

Recht, Gerechtigkeit, Freiheit, Friede – Fahnenwörter der Leipziger NS-Feier, waren diese nicht auch die des Kreises um Leonard Nelson gewesen?  Hatte Schaltenbrand in seinen Studentenjahren nicht die obersten Ziele des sozialistischen Internationalen Jugendbundes und des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes hochgehalten und an deren Verwirklichung mitwirken wollen? Die beiden Bünde hatten den Kampf für eine ausbeutungsfreie und gerechte Gesellschaft ohne Klassenkampf und Ausbeutung propagiert. Sollten nicht charaktervolle und gut gebildete Führerpersönlichkeiten die Geschicke eines Landes lenken (siehe Blog-Kapitel 66 – Im Banne von Leonard Nelson)? Nelson hatte einen ethischen Sozialismus vertreten, der die Klassengegensätze abbauen und eine durch Recht befriedete Gesellschaft entwickeln sollte. Die Anhänger Nelsons hatten im ethischen Sozialismus ebenfalls einen „Sozialismus der Tat“ gesehen. Schaltenbrand hatte, wie er in seinem Tagebuch betont, Nelsons charakterliche Aufrichtigkeit bewundert, „nicht an der Reinheit seiner Gesinnung und an der prinzipiellen Durchführbarkeit seiner Pläne gezweifelt“ (Originalton Schaltenbrand). Bei so weltumspannenden Zielen (sei) eine große Abstraktionsfähigkeit eben erforderlich.“ Schaltenbrand war „seinetwegen [1923 – A.M.]  aus der Kirche aus- und in die sozialdemokratische Partei eingetreten.“ Die Nelsonianer waren überzeugt, nicht auf parlamentarisch-demokratische Weise an ihre Ziele zu gelangen, sondern durch wegweisende Führer, die sich durch hervorragende Charaktereigenschaften, Weitsicht und Uneigennützigkeit auszeichnen.

Parallelen zur nationalsozialistischen Führer-Ideologie fallen auf. Schaltenbrand glaubte und hoffte wohl, dass 1933 mit der nationalsozialistischen Machtergreifung die Zeit der NS-Rabauken abgelaufen sei. Die Aktivitäten der Sturmabteilungen, der SA, seien nur noch ein Zeitvertreib für Erwachsene.  Alles werde sich, so hoffte er, zum Besseren wenden. Hitler reiche nun auch den Volksgenossen die Hand, die noch nicht von der nationalsozialistischen Weltanschauung überzeugt waren. Jetzt kämen, so wurde ihm von  NS-Aktivisten aus seinem Familienkreis zugesichert, die gebildeten und anständigen Nazis zum Zuge. Dass er das „Bekenntnis“ unterschrieb, mag zudem seinem Wunsch entsprungen sein, das NS-Deutschland werde eine Friedenspolitik verfolgen. Solche eklatanten Fehleinschätzungen teilte er mit vielen bürgerlichen Konservativen. Es war ein folgenschwerer Trugschluss. Fanale der anbrechenden Schreckensherrschaft wurden fehlgedeutet oder übersehen.

Schaltenbrand notierte am 14. VIII. 1935 in seinem Tagebuch:

„Vieles hat sich inzwischen an der Bewegung geändert. Den Autarkiegedanken hat man aufgegeben, man betrachtet ihn nur noch als notwendiges Übel. Die Homosexuellen der SA hat man Einfachheitshalber alle erschossen, dabei auch gleich ein paar, die zu viel wussten oder zu viel kannten. Die deutsche Wehrmacht ist wieder aufgebaut worden, es wird eine sehr vernünftige Agrarpolitik betrieben, der Föderalismus zerschlagen, die Kirche mächtig drangsaliert. Das Erbgesundheitsgesetz ist nicht schlecht. >Einzelaktionen< verschwinden, alles verläuft in legalen Bahnen, die S.A ist bei der erwähnten Abschießung entmachtet worden u. ist nur noch ein [durchgestrichen: Beschäftigung – A.M.] Zeitvertreib für Erwachsene unter parteilicher Kontrolle. Die Armee wird immer mächtiger, verhält sich aber ganz still. Die Schwundgeldtheorie hat man mühsam ihrem Schöpfer in der Versenkung verschwinden lassen.“

Dass er das „Bekenntnis zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnete, ist bei näherem Hinsehen also mehreren, zum Teil widersprüchlichen Beweggründen zuzuschreiben, opportunistischen wie politischen. Nicht nur seine schwierige berufliche Situation drängte ihn dazu, sondern auch grundsätzliche politische Gedankengänge und (Fehl-) Einschätzungen. Da Schaltenbrand sich darüber total ausschwieg und auch seinen geheimen Tagebüchern dazu nichts zu entnehmen ist, wird die Beurteilung des Vorganges eine Frage der Interpretation bleiben.

Seine erklärte Absicht, einen „Anschluss an die Bewegung“ zu finden, ist bedeutungsoffen. Er könnte damit eine aktive politische Teilnahme und ein Mitwirken in (Partei-) Ämtern gemeint haben oder ein nur passives Mitmachen. Er wählte ein politisch „pflichtgemäßes“ Mitmachen in Form von Mitgliedschaften in diversen NS-Organisationen und bei unumgänglichen lokalen Veranstaltungen. Er wollte in Ruhe gelassen werden, um politisch möglichst ungestört seine neurologische Abteilung aufbauen und seiner Forschung nachgehen zu können. Um dies zu erreichen, erwies er sich als ein opferwilliger Parteigenosse. Die NSDAP-Gauleitung Mainfranken bestätigte in ihren parteiamtlichen Überprüfungen mehrmals seine politische Zuverlässigkeit und Opferfreudigkeit. Der Wortlaut der überlieferten Überprüfungsberichte (siehe Dokumente im Anhang zu Blog-Kapitel 66) spricht dafür, dass sein Anpassungshandeln den gewünschten Erfolg hatte. Seinen „Anschluss an die Bewegung“ vollzog er also mit einem spendenfreudigen Dabeisein, ohne sich in Wort und Schrift als strammer Gesinnungsgenosse hervorzutun und politisch zu profilieren.

Seine ex-post-Sicht und Beurteilung der damaligen Situation

In seiner 1957 in Würzburg erschienenen Schrift „Deutschland zwischen gestern und morgen“ zeigt er sich überzeugt, dass es dem kritischen Denken zu verdanken gewesen war, dass nur eine sehr kleine Zahl von Hochschullehrern sich zu Hitler bekannte. Er schreibt (S. 45f):

„Die Erziehung zum selbständigen Denken und zum Kritikvermögen war früher eine der vornehmsten Aufgaben unserer Schulen und Hochschulen. Der Ruf der deutschen Wissenschaft in vergangenen Jahrzehnten beruhte im Wesentlichen auf der Erringung dieses kritischen Denkens. Das sind aber geistige Eigenschaften, die dazu führten, auch Adolf Hitler und der Partei kritisch gegenüberzustehen, so dass seit dem Jahre 1933 nur eine ganz geringe Anzahl deutscher Hochschullehrer eine positive Einstellung zu diesem Demagogen hatte. Dass überhaupt solche Menschen da waren, ist für die deutschen Hochschulen beschämend, aber der Besitz eines Lehrstuhls war auch damals keine absolute Garantie für überlegene Geistigkeit. Wegen der geringen Resonanz der Partei an den deutschen Hochschulen und in unserem akademischen Nachwuchs, hasste Hitler die Professoren und die Intellektuellen  und er schadete ihnen, wo er nur konnte. Eine völlige Ausmerzung war ihm nicht möglich, obwohl gelegentliche Redewendungen darauf hinwiesen, dass er sogar mit diesem Gedanken gespielt hat. Aber er ließ es die Hochschulen durch eine betonte Gleichgültigkeit entgelten. So verbot er, den Nobelpreis anzunehmen.“

Selbst diese sehr geringe Anzahl sei für die deutsche Wissenschaft beschämend gewesen, so urteilt Schaltenbrand nach dem Krieg. Gut möglich, dass er selbst schweigend bedauert, sich 1933 von der nationalsozialistischen Zustimmungsaktion hatte einfangen lassen. Ihm wäre es wahrscheinlich peinlich gewesen, hätte man ihn direkt auf dieses beschämende „Bekenntnis“ und seine Beweggründe angesprochen. Sie passten nicht zu seinem Selbstbild, das ihn als einen konsequent geradlinigen Gegner des NS-Regimes und als einen geistig überlegenen Mann der Wissenschaft erscheinen lassen sollte.

Ich vermute hinter seinem Schweigen eine Selbstbeschämung, weil er den Charakter des NS-Unrechtsstaates nicht klar genug erkannt und Fanale der kommenden Schreckensherrschaft nicht ernst genug genommen hatte. Er hatte sich in den „Erfolgsjahren“ Hitlers, in den Jahren von 1933 bis etwa 1941, mit den politischen Gegebenheiten äußerlich arrangiert. Zu einem strammen Parteigenossen und ideologisch-propagandistischen Bannerträger des NS ist er sicher nicht geworden. Von 1935 bis 1941/42 ging er fast ganz in den Aufbau seiner neurologischen Abteilung und in seiner Multiplen Sklerose–Forschung auf. Er blieb allerding ein scharfsichtiger Beobachter der politischen Vorgänge und vertraute seinen Tagebüchern vieles an, was ihm den Kopf hätte kosten können. Er wurde 1938 in Würzburg Augenzeuge der Novemberpogrome und in den folgenden Jahren der Deportation der Würzburger Juden. Entsetzt notierte er: „…diese Sinnlosigkeit, dieser Sadismus gegen ein fleißiges und friedliches, wenn auch nicht immer sympathischen Volk wird für Jahrtausende ein Schandfleck der deutschen  Nation bleiben.“ In den Kriegsjahren, von 1941 an, als ihm Patienten und andere Informanten über die Grausamkeiten und Massenexekutionen der SS und der deutschen Wehrmacht  berichteten, distanzierte er sich innerlich absolut vom NS-Regime und hoffte, dass der Psychopath  Hitler  beseitigt werde (siehe Blog-Kapitel 64). Er hatte sich nie wirklich zu Hitler bekannt.

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription des Digitalisats:  Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Quellen:

Aufstellung zu den Unterzeichnern des Appells „An die Gebildeten der Welt“ (11. 11. 1933)

http://pressechronik1933.dpmu.de/aufstellung-zu-den-unterz…abgerufen 28.09. 2020

Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler

https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Prof…abgerufen  27. 09. 2020

Literatur:

Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat.

Henry Friedländer: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin Verlag 19997.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S43-S52.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Neurowissenschaftler am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung im „Dritten Reich“: Oskar Vogt / Hugo Spatz / Wilhelm Tönnis, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S89-S99.

Hannelore Mintzel: Die unbekannte Welt von nebenan. Die letzten jüdischen Familien in Rimpar. Ein vernachlässigtes Stück Heimatgeschichte. Würzburg 2020.

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen. Aus dem Institut für Hirnforschung der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. (ehem. Direktor Prof. Dr. J.  Pfeiffer) Vortrag anlässlich der Eröffnung der 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Dresden am 3. 10. 1997.

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen. Würzburg Verlag Richter [1957]

Manfred Vasold: Medizin, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Herman Weiß. DTV 3. Auflage, S. 259-276.

68. „Who was a Nazi? “ –  Der Fall Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand

„Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Wer war ein Nazi?“

Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wurde jüngst ein großangelegtes Projekt “Zum Umgang mit der NS-Belastung in der deutschen Medizin“ durchgeführt und zum Abschluss gebracht. Die Forschungsergebnisse wurden von einem Autorenteam im Februar 2020 in einem Beiheft zur Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ publiziert. (Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020). In dreizehn Einzelbeiträgen wurden die Lebens- und Berufswege von insgesamt 28 Neurologen und Neurowissenschaftlern vorgestellt.  Der Fokus der Untersuchungen lag, wie der Titel schon impliziert, auf der biografischen Rekonstruktion des Wirkens dieser Gruppe in der Zeit von 1933 bis 1945. Es handelt sich um eine medizinhistorische Elitenstudie, die nur eine kleine Teilgruppe der damaligen medizinischen Funktionselite einbezieht. Ausgewählt wurden damalige Inhaber von klinischen und fachgesellschaftlichen Spitzenpositionen, Klinikleiter, Vorsitzende und Ehrenvorsitzende, also die obersten Repräsentanten der Neurologie. Sie wurden unter einem gemeinsamen Frageraster unter die Lupe genommen.

„Who was a Nazi?“. Nach formalen Kriterien nomineller Zugehörigkeiten und publizierter Äußerungen zum NS-Regime waren alle 28 des Prominenten-Samples belastet, wie immer sie ihre  Verstrickung in das NS-Regime rechtfertigten, selbst deuteten und bewerteten. Fast alle gehörten nationalsozialistischen (Massen-) Organisationen an. Die summarische Etikettierung „Nazi“ greife, wie die Autoren betonen, vielfach zu kurz. Die historische Wirklichkeit, dies sei ein zentrales Ergebnis, erscheine sehr viel differenzierter und bedeutend vielschichtiger. Auch typologische Kategorisierungen von Nazis als Kollaborateure, Profiteure, Nutznießer oder Ambivalente seien nur beschränkt tauglich.

Die Studie zeichnet sich durch betont sachliche, sorgfältig abwägende Bewertungen des Wirkens der ausgewählten Persönlichkeiten aus. Sie vermeidet methodisch hochreflektiert eine moralisierende Schwarz/Weiß-Zeichnung. Im Folgenden zeige ich an dem Fallbeispiel Georges Schaltenbrand einige Probleme der Studie auf.

„Der Fall Schaltenbrand“

Bei ihrem Versuch einer Wertung der NS-Vergangenheit von 28 Neurologen und Neurowissenschaftler kommen die Autoren im Falle Schaltenbrands zu folgendem Ergebnis:

„Schaltenbrand hat nach eigenen Angaben in der Weimarer Republik den Sozialdemokraten nahegestanden. >Nach 1933 < will er sich in Hamburg >wegen seiner systemkritischen Äußerungen, der Unterstützung jüdischer Kollegen und wegen seiner amerikanischen Freunde unbeliebt< gemacht haben. Pfeiffer hingegen schreibt: >Von kritischen Äußerungen gegen die Partei und ihre Funktionäre konnte ich in den Akten nichts finden<.“ [Jürgen Pfeiffers Bemerkung war kennzeichnend für den Forschungsstand von 1998! – A. M.]

„Für eine eher positive Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus sprechen einige Fakten. So gehörte Schaltenbrand zu den Unterzeichnern des >Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat< vom 11. November 1933 (…) Seit 1933 war Schaltenbrand Mitglied in dem (deutschnationalen) Frontkämpferbund >Stahlhelm<, der 1934 in die Sturmabteilung (SA)  eingegliedert wurde (…) 1936, nach seinem Wechsel nach Würzburg, trat er aus der SA wieder aus, wobei er als Grund eine zu starke berufliche Beanspruchung angab (…) Nach Aufhebung des Aufnahmestopps im Jahre 1937 trat er in die Nationalsozialistische Deutsche  Arbeiterpartei ein (NSDAP) und wurde Mitglied im NS-Ärztebund (…); zudem war er Obersturmführer im NS-Fliegerkorps.“ (Michael Martin/Heiner Fangerau/Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand, 2020, S. 543).

Diese an sich umsichtige Einschätzung erfolgt allerdings aus  zwei unterschiedlichen Perspektiven: aus einer der Selbstdarstellung und Selbstverteidigung Schaltenbrands („nach eigenen Angaben“; “will er sich unbeliebt gemacht haben“; „wegen seiner systemkritischen Äußerungen“) und aus der   Forschungsperspektive eines Wissenschaftlers (Jürgen Pfeiffer), der „in den Akten nichts finden“ konnte, was die Selbstdarstellung Schaltenbrands bestätigen könnte. Den „vagen“ Äußerungen Schaltenbrands werden die vermeintlich „harten“ Fakten seiner Biografie gegenübergestellt und daraus auf eine „eher positive Einstellung“ zum NS-Regime geschlossen. Da für eine kritische Einstellung Schaltenbrands keine Beweise gefunden wurden, sei nichts anderes übriggeblieben, als die harten Fakten zu bewerten und zu gewichten, die als gesichert angesehen werden können. Dies sind seine Unterschrift unter das „Bekenntnis zu Adolf Hitler“, der Eintritt in die NSDAP und seine Mitgliedschaften in diversen NS-(Massen-) Organisationen. Dabei sei allerdings wiederum die Problematik zu bedenken, wie die formalen Kriterien nomineller Mitgliedschaften zu bewerten seien.  Dies weist auf einen relativ breiten Ermessensspielraum der Forscher hin. Forschungsergebnisse und ihre Bewertungen haben jedoch nur solange Bestand, bis sie durch neue Tatsachen entkräftet oder gar widerlegt werden. Ich bin überzeugt, mit diesem Blog-Kapitel – wie in den vier vorangegangenen Kapiteln – einiges klären und richtigstellen zu können.

Die Nachfolge auf den Lehrstuhl von Prof. Dr. med. Max Nonne, 1933/34

1933/34 standen in der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg die Emeritierung Professor Nonnes und die Berufung eines Nachfolgers an. Nonne schied 1934 aus seinem Amt aus. Um die Nachfolge auf den Lehrstuhl Nonnes bewarben sich drei fachlich schwergewichtige Neurologen: Viktor v. Weizsäcker, Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Die Medizinische Fakultät hatte sie in dieser Reihenfolge auf ihre Berufungsliste gesetzt. Das Berufungsverfahren fiel genau in die Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Etablierung der NS-Diktatur. Die nationalsozialistische Bewegung, wie sie sich selbst bezeichnete, begann ihre Macht auch in den Universitäten und Hochschulen auszubauen. Sie forderte im November 1933 zu einem „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat“ auf. Unter den rund 900 Unterzeichnern des Appells waren auch Heinrich Pette und Georges Schaltenbrand. Besonders diese Tatsache wurde nach 1945 als harter Beweis für deren Nähe zum Nationalsozialismus angeführt. Der Verlauf des Berufungsverfahrens stand ganz im Zeichen der Etablierung des NS-Staates. Vertrauensmänner der NSDAP politisierten rigoros den Entscheidungsprozess. Berufen wurde 1934 der zweitplatzierte Heinrich Pette, der bereits 1933 in die NSDAP eingetreten und offenbar ein Günstling der Partei geworden war.

Die beiden Vertrauensleute der NSDAP – Die Neurologen „Willy“ Holzmann und Hans Demme

 

Kurzporträt Prof. Dr. med. „Willy“ Holzmann:

Dr. med. Wilhelm Georg Theodor „Willy“ Holzmann (1878-1949), in Hamburg geboren und verstorben, war ein Facharzt für Neurologie. 1933 wurde ihm vom Hamburger Senat für seine „Verdienste um die nationalsozialistische Bewegung“ der Professorentitel verliehen. Holzmann war ein fanatischer Vertreter der nationalsozialistischen Rassenbiologie, wie sie Adolf Hitler in seiner Schrift „Mein Kampf“ propagiert hatte. Seit 1933 leitete Holzmann das Rassenpolitische Amt der NSDAP in Hamburg und überprüfte an der dortigen Universität bei Berufungen die nationalsozialistische Eignung der Bewerber. Seine Beurteilungen waren bei Berufungen ausschlaggebend für die Stellenbesetzung. Er war es, der im Berufungsverfahren für die Nachfolge auf den Lehrstuhl für Neurologie (Prof. Dr. med. Max Nonne) die Dreierliste der medizinischen Fakultät im Sinne nationalsozialistischer Kriterien in Frage stellte und die Platzierungen unwirksam machte. Er boykottierte von vorneherein eine Berufung des erstplatzierten Viktor von Weizsäcker, der vorzeitig aus dem Verfahren gedrängt wurde, und legte sein Veto gegen den drittplatzierten Georges Schaltenbrand ein. Schaltenbrand war, wie aus einer Unterredung mit Holzmann hervorgeht (siehe unten Dokument 2), aus seinem engsten beruflichen Umkreis heraus bespitzelt und denunziert worden.  Holzmann spielte mit seinen Voten jedenfalls eine ausschlaggebende Rolle.  Dabei waren wohl auch Neid, Missgunst, Rachegedanken, Rechthaberei und andere menschliche Schwächen im Spiel. Schaltenbrand kam aus einem großbürgerlichen Multimillionärshaus. Er hätte seine teure internationale Fachausbildung in den USA und in den Niederlanden zum Teil auch mit eigenen Mitteln finanzieren können.

Georges Schaltenbrand sah zwar realistisch den Ausgang des Berufungsverfahrens voraus, er wollte aber dennoch genau wissen, was Holzmann konkret gegen ihn einzuwenden habe. Er ersuchte Holzmann, wie indirekt aus dem Antwortschreiben Holzmanns vom 17. Juli 1934 hervorgeht, um ein Gespräch (siehe Dokument 1), das zwei Tage später im Rassenpolitischen Amt der NSDAP stattfand. (Dokument 2)

Dokument 1

Prof. Dr. W. Holzmann, Hamburg 5, den 17. Juli 1934

Herrn Professor Dr. Schaltenbrand

Allgemeines Krankenhaus Eppendorf

Hamburg 20

Sehr geehrter Herr Kollege,

da ich noch in dieser Woche verreise, bin ich natürlich bis in die letzten Tage hinein außerordentlich besetzt. Soweit  es im Augenblick zu übersehen ist, wird sich höchstens am Donnerstag noch eine Rücksprache ermöglichen lassen und zwar in meiner Sprechstunde im Rassenpolitischen Amt der NSDAP (13-14 h), Besenbinderhof 41, IV. Stock (Zimmer -19).

Heil Hitler!

Gez. Holzmann

 

Schaltenbrand verfasste unmittelbar nach dem Treffen mit Holzmann ein Gedächtnisprotokoll über den Verlauf des Gespräches, das eine geradezu gespenstische Situation vermittelt. Wie stark in Schaltenbrands Wiedergabe auch dessen persönliche Empfindung zum Ausdruck kommen mag, so bleibt sie doch höchst aufschlussreich. Es kommt zu einem heftigen, in der Sache relativ offenen Schlagabtausch.  Zwei gegensätzliche und unversöhnliche Anschauungen treten gegeneinander an. Schaltenbrand verteidigt selbstbewusst seine Sicht als naturwissenschaftlich orientierter Neurologe, Holzmann argumentiert als radikaler Rassenbiologe und fanatischer NS-Rassenpolitiker. Holzmann bezichtigt Schaltenbrand, ein intellektueller Sammler von Ziegelsteinen zu sein, und hält sich selbst für einen Vertreter der „wahren Wissenschaft“. Holzmann gibt offen zu, sein Urteil und seinen Boykott auch auf Informationen von Mitarbeitern Schaltenbrands zu stützen. Schaltenbrand verwahrt sich gegen Denunziationen. Holzmann lässt weder die wissenschaftliche und noch die politische Argumentation Schaltenbrands gelten, den er für einen Prototypen des Intellektuellen hält. Schaltenbrand könne schon als solcher kein wirklicher Nationalsozialist sein. Er käme schon deshalb künftighin nicht für Top-Positionen in der Wissenschaft in Frage.

Das Gedächtnisprotokoll liest sich wie eine dramatische Szene aus einem Weltanschauungsstück. Die Auseinandersetzungen – ganz wörtlich gemeint – sind dramaturgisch höchst spannend geschildert. Hier das Protokoll:

Dokument 2 (Gedächtnisprotokoll)

Hamburg, den 20. Juli 1934

Am 19.7.34 suchte ich Herrn Prof. Dr. Holzmann auf. Ich hatte von maßgebender Seite gehört, dass er ein Veto gegen meine Berufung als Nachfolger von Prof. Dr. Nonne auf den neurologischen Lehrstuhl der Hamburgischen Universität eingelegt hätte. Ich fragte mich daraufhin, welche Einwände er gegen mich zu erheben hätte.

Er sagte mir, er kenne mich zwar nicht persönlich, es seien ihm aber von verschiedenen Seiten einige Mitteilungen über mich zugegangen, die mich als ungeeignet erscheinen lasse, eine so verantwortungsvolle Stelle im nationalsozialistischen Staate zu bekleiden.

Ich erwiderte, ich sei der Meinung, dass die Berichterstattung über mich sicherlich durch Ressentiments beeinflusst gewesen sei, die nicht sachlich berechtigt gewesen wäre. Ich sei wiederholt in meiner Eigenschaft als stellvertretender Leiter der Klinik genötigt gewesen, einige meiner jüngeren Mitarbeiter zurechtzuweisen oder wegen dienstlicher Verfehlungen zu tadeln. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass diese Leute Nationalsozialisten seien; man hätte es mir seiner Zeit als eine antagonistische Einstellung gegen den Nationalsozialismus ausgelegt.

[Handschriftliche Einfügung mit Tinte: Er wandte ein:] Diese Vorwürfe seien ihm von mehreren Seiten berichtet worden; unter den Berichterstattern seien auch >langjährige Mitarbeiter< von mir.

Mir werde weiter vorgeworfen, ich sei internationalistisch eingestellt, lobe alles Amerikanische über den grünen Klee hinaus, habe jüdische Freunde, hätte verschiedentlich das Judentum in Schutz genommen, sei intellektualistische eingestellt und hätte Kritik an den Maßnahmen der Regierung geübt, z. B. durch eine Bemerkung, die ich noch in letzter Zeit gemacht hätte: Dass es einfacher sei, das Judenproblem zu beseitigen, wenn man den Juden verbieten würde, untereinander zu heiraten, als wenn man verbieten würde, dass Juden und Arier heiraten.

Gegen den Vorwurf des Internationalismus wandte ich ein, dass ich Feldzugsteilnehmer gewesen sei und auch in Oberschlesien im Freikorps gekämpft habe. Im Übrigen sei ich im Ausland immer so aufgetreten, dass ich zwar nicht durch chauvinistische Reden, aber doch durch meine Persönlichkeit Menschen mit der Zeit davon überzeugt hätte, dass die Deutschen auch annehmbare Leute seien. Als Erfolg dieses Verhaltens hätte ich buchen können, dass sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Ostasien Reste der Kriegspsychose durch meine persönliche Einwirkung allmählich zum Schwinden gekommen seien. Man hätte mich überall hochgeschätzt, und man hätte den Kredit, den man mir persönlich entgegenbrachte, auch meinem Deutschtum zugute geschrieben.

Außerdem erhob ich Einspruch gegen die Behauptung, dass ich alles Amerikanische über den Klee lobte:

Das sei eine böswillige Entstellung meiner Auffassungen über die Neurochirurgie. Ich sei durch meine Auslandsreisen zu der Überzeugung gelangt, dass die Neurochirurgie in Amerika ein bedeutend höheres Niveau erreicht habe als in Deutschland. Ich verträte diesen Standpunkt auch heute noch. Es handele sich hierbei um ein Urteil, das ich mir völlig unvoreingenommen nach sachlichem Studium der Verhältnisse erworben hätte. Ich dächte nicht daran, andere Einrichtungen über den Klee zu loben, bloß weil sie amerikanisch seien.

Die Kenntnis des Auslandes habe mich befähigt, die Wirkungen bestimmter Maßnahmen der Regierung, z. B. des Judenboykotts, in ihrer verhängnisvollen Wirkung vorauszusehen.

Daraufhin meinte Prof. H. jedoch, die ausländischen Völker verständen uns sehr gut, nur die Zeitungen seien gegen uns eingestellt, weil sie größtenteils in jüdischen Händen seien.

Den Verkehr mit Juden müsse ich zugeben. Ich vergaß leider zu sagen, dass auch meine Kollegen mit denselben jüdischen Freunden verkehrt hätten, dass ich es aber zu unanständig fand, dass diese armen Menschen nach dem 1. IV. plötzlich wie Aussätzige  gemieden würden, und dass ich es als eine Anstandspflicht ansah, ihnen über die schweren Zeiten hinwegzuhelfen. Ich persönlich hätte keine Jüdin geheiratet, fände aber, man müsse physische Antipathien von sachlichen Wertungen trennen, und ich könnte es nicht verstehen, dass man die Leistungen von Menschen herabsetzt, nur weil diese Menschen Juden seien.

Dazu führte Herr Prof. H. aus, es komme nicht darauf an, ob ein Jude intelligent sei, sondern die Gesamtrichtung des Judentums sei verderblich und verwerflich. Ehrlich habe seine Ideen von Uhlenhudt geklaut, nur Geld daraus gemacht und die Reklametrommel geschlagen. In ähnlicher Weise hätten sich eine Reihe anderer Juden beteiligt. [Prof. Dr. med. Paul Ehrlich (1854-1915), Immunologe, praktizierender Jude; Prof. Dr. med. Paul Theodor Uhlenhudt (1870-1957), Bakteriologe, Antisemit –  A.M.]

Ich wandte ein, dass ich es für besser gehalten hätte, wenn man die Ostjuden nach dem Krieg nicht nach Deutschland hereingelassen hätte, ich glaubte aber doch, dass man die 1% unserer alten jüdischen Familien mit der Zeit ruhig assimilieren könnte, insbesondere da ja doch die Vermehrungsziffer des deutschen Volkes grösser sei als die der jüdischen Familien. Mir schiene es eine gewissen Geringschätzung der Kraft unserer arischen Rasse, wenn man die Aufsaugung der paar Juden für unmöglich hielte.

Hiergegen wandte Prof. H. ein, dass die Kreuzung eines Juden mit einem Arier ebenso verhängnisvolle Ergebnisse liefere wie die Kreuzung eines Bernhardiners mit einem Wachtelhund. Das deutsche Volk habe gerade so viel Rassenmischung, als es zu seiner Fortbildung und Fortentwicklung benötige. Jeder Tropfen darüber hinaus, würde den Eimer zum Überlaufen bringen. Seine Überzeugung sei, dass alle Degenerationen und alle Geisteskrankheiten nur auf falsche Rassenmischung zurückzuführen seien.

Mein Einwand, dass Geisteskrankheiten und erbliche Nervenkrankheiten auch bei reinstämmigen Negern und Asiaten vorkommen, ließ er nicht gelten. Auch dort sei Rassenmischung daran schuld. Er könne das zwar nicht beweisen, sondern er fühle das mit seinem Instinkt. Mir aber fehle der Instinkt dazu, weil ich ein Intellektueller sei, und infolgedessen sei ich auch kein Nationalsozialist.

Ich wandte daraufhin ein, dass er doch selbst als Rassenforscher wisse, dass jede einzelne Eigenschaft für sich mendele, und dass doch auch günstige Ergebnisse bei Kreuzungen mit Juden entstehen könnten, wenn die positiven Eigenschaften der Juden dabei übertragen würden.

Prof. H. meinte daraufhin: Wer einen Tropfen jüdisches Blut in sich habe, fühle sich stets zu einem anderen Juden hingezogen, sodass selbst bei völliger Verschmelzung des deutschen Volkes mit den Juden nach einigen Jahrhunderten wieder lauter Juden auftauchen würden und das deutsche Volk im Wesentlichen aus Juden bestehen würde. Noch gestern habe ein Mann vor ihm gesessen, der nur einen jüdischen Urgroßvater hatte, und doch sei er der reine Jude gewesen. Er wisse zwar, dass man 1% Einwanderungen erleben könne, so dumm sei er nicht. Aber es sei zurzeit falsch, diese 1% Einwanderungen zu beteuern, da man dann der Regierungspolitik entgegenarbeitete.

Ich wies darauf hin, dass ich bereits mit dem Obmann der Partei bei einer Besprechung geäußert hatte, ich hielte das Rassenproblem nur für einen Teil des nationalsozialistischen Problems, und mir erschienen andere Punkte, wie die Überwindung [Beseitigung gestrichen, Überwindung mit Tinte eingefügt – A.M.] des Klassenkampfes, die Beseitigung des Föderalismus, die Durchführung der eugenischen Gesetzgebung als die wichtigsten Aufgaben.

Prof. H. meinte daraufhin, dem sei nicht so. Das Rassenproblem sei der Kernpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung,

[Mit Tinte eingefügt: Ich erwiderte – A.M.]: Nach meiner Auffassung sei es doch möglich, positive Mitarbeit am Aufbau des Staates zu leisten und in Disziplin seine Privatmeinung zurückzustellen, selbst wenn man in diesem oder jenem Punkte anderer Auffassung sei.

[Handschriftlich mit Tinte eingefügt: Dies lehnte Prof. H. ab – A.M.]. Die Hauptsache sei die 100% Übereinstimmung mit der Weltanschauung des Nationalsozialismus. Über taktische Fragen ließe sich reden. Das Rassenproblem sei die Idee, die der Führer geschaffen habe, und deren Verfolgung das Leitmotiv der nationalsozialistischen Bewegung bleiben müsse. Die Eugenik allein sei nur ein unwesentlicher Teil. Wichtiger als die Degenerativen an der Fortpflanzung zu verhindern sei es doch, die Entstehung der Degeneration zu verhindern, indem man die Rassenmischung mit den Juden unterbinde. Wahre Wissenschaft könne nur unter Berücksichtigung dieser Ideen getrieben werden. Alles andere sei nur ein Sammeln von Ziegelsteinen, mit denen man nichts anfangen könne.

Ich wandte ein, dass sich doch nicht alle Forscher mit dem Rassenproblem beschäftigen könnten, und dass doch ein Teil der Gelehrten die übrigen Gebiete der Wissenschaften bearbeiten müssten. In meinem Sonderfach z. B. der organischen Neurologie, machten die erblichen Erkrankungen, wie ich mich durch eine Doktorarbeit persönlich überzeugen konnte, etwa 15% der Erkrankungen aus.  Das Gros der organischen Erkrankungen werde doch noch durch die Syphilis, andere Infektionen, Alterserkrankungen, Geschwülste usw. ausgemacht. Ich hielte es für wichtig, dass auch über diese Gebiete gearbeitet würde. Es ginge doch auch nicht an, sämtliche Stellungen nur durch Propagandisten zu besetzen; es müsse doch auch sachlich gute Arbeit geleistet werden.

Er meinte daraufhin, es sei nicht nötig, dass alle Lehrstühle und Krankenhausstellen nur mit Propagandisten besetzt würden. Aber die Betreffenden müssten wenigstens in ihrem Herzen und im stillen Kämmerlein gute Nationalsozialisten sein. Ich machte ihm zwar sonst einen ganz guten Eindruck, und er rechne mir meine Offenherzigkeit auch hoch an; aber meine intellektuelle Einstellung sei doch derart, dass er sich veranlasst gesehen hätte, bei einer Reihe von Stellenbesetzungen, bei denen ich in Frage gekommen wäre, ein Veto einzulegen.

Ich äußerte daraufhin, meine Offenherzigkeit sei doch offenbar nicht ganz am Platze gewesen.

Auf meine Frage, ob er der Ansicht wäre, dass die vielen Hunderte von Menschen, die sich sofort nach dem Umsturz bei  ihm gemeldet hätten und sich als 100%ige Nationalsozialisten gebärdeten, bessere Nationalsozialisten wären als ich, und ob er es nicht für möglich hielte, dass ein großer Teil von ihnen den Gesinnungswechsel rein äußerlich und aus bloßer Konjunkturpolitik vollzogen hätte, erwiderte Prof. H., das wisse er ganz genau, und er zöge auch seine Konsequenzen daraus. Er verfüge über eine große Menschenkenntnis und könnte an der inneren Übereinstimmung z. B. von Äußerungen erkennen, wer es ernst meinte und wer nicht.

Ich fragte ihn, ob er seine ablehnende Haltung gegenüber meiner Persönlichkeit aufrechterhalten werde. Er erwiderte, er müsse es sich noch überlegen. In absehbarer Zeit, wenn der Nationalsozialismus gefestigt dastehe, könne man ja auch einmal wieder Leute gebrauchen, die Ziegelsteine sammelten.“

 

Schaltenbrand war von diesem Gespräch offenbar so entsetzt und persönlich so getroffen, dass er gleich anderentags den Verlauf niederschrieb. Selbstverständlich müsste der Wortlaut inhaltsanalytisch noch präziser ausgewertet und die verschiedenen Kontexte eingehender erläutert werden.

Prof. Dr. Max Nonne versuchte im August 1934 seinen Einfluss auf das Berufungsverfahren ein weiteres Mal geltend zu machen und bat Holzmann um ein Gespräch, über eine „persönliche Angelegenheit.“ Holzmann vermutete, dass es um die Person Schaltenbrand gehen sollte, und sperrte sich gegen eine weitere Diskussion über diesen. Er sei von Nonne bereits unterrichtet worden, habe mit Schaltenbrand „jüngst eingehend gesprochen“ und habe auch von Dr. Demme vernommen, wie er (Nonne) zu diesem Fall stehe.

Dokument 3

(Abschrift der Postkarte von Prof. Dr. Willy Holzmann an Herrn Prof. Nonne, beide Hamburg. 28.o8. 34.)

„Sehr verehrter Herr Prof. Nonne!

Wenn es zutrifft, was ich vermute, dass es sich bei der persönlichen Angelegenheit um H. Prof. Schaltenbrandt [falsche Schreibung des Namens – A.M.] handelt, möchte ich sie höflich bitten, mir Zeitmangel zugute zu halten und von einer Rücksprache abzusehen.

Ich bin bereits von Ihnen über H. Prof. Schaltenbrandt unterrichtet, habe H. Prof. Sch. jüngst eingehend gesprochen und habe Ihre Ansicht erneut von Dr. Demme vernommen.

Sollte aber meine Vermutung abwegig sein, und es sich um andere Dinge handeln, stehe ich Ihnen natürlich jederzeit zur Verfügung. Mit ergebenem Gruß.

Heil Hitler

 

Holzmann selbst gab also auf der Postkarte einen seiner Informanten namentlich preis: Dr. Demme. Wer war dieser Informant und Spitzel?

Kurzporträt Prof. Dr. med. Hans Demme

Dr. med. Hans Demme (1900-1964) hatte von 1927 bis 1933 in Hamburg bei Prof. Dr. Max Nonne seine Facharztausbildung zum Neurologen absolviert. Anfang Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten, im November 1933 in die SA. Er gehörte neben ärztlichen Standesorganisationen auch dem NS-Dozentenbund an und vertrat ab Ende 1933 die Privatdozenten der medizinischen Fakultät an der Universität Hamburg. Von Januar 1934 bis 1945 leitete er die Neurologische Abteilung am Krankenhaus in Hamburg-Barmbek. 1934 wurde Demme zum Vertrauensmann der NSDAP-Reichsleitung an der Medizinischen Fakultät an der Universität Hamburg ernannt. In dieser Funktion verfasste er regelmäßig Berichte über Kollegen und Stellungnahmen für einzelne Berufungsverfahren an Willy Holzmann. Er soll jedoch in seinen Stellungnahmen einen „behutsamen Kurs“ verfolgt haben. Vom 1935 bis 1938 gehörte er dem Beirat der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater an. (Alle biografischen Angaben aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Demme). Es waren also Holzmann und Demme, so darf aus allem geschlossen werden, die den erstplatzierten Viktor von Weizsäcker und den drittplatzierten Georges Schaltenbrand als politisch missliebige Kandidaten ächteten und ihren Parteigenossen Pette begünstigten.

Schaltenbrand, der in diesen Jahren wissenschaftspolitisch kontinuierlich mit der Rockefeller Foundation in Kontakt stand, berichtete an diese Adresse nebenbei über den Verlauf des Berufungsverfahrens. Über die Berufung werde, so betonte er, an anderer Stelle entschieden. Der Ruf ginge höchstwahrscheinlich an Pette. So geschah es dann auch.

Dokument 4:  Schaltenbrands Rückblick auf die Jahre 1933/34

Schaltenbrand berichtet in seinem Tagebuch Ende Dezember 1935 über diese Hamburger Vorgänge in vielen Details:

„Aus Hamburg hat man mich hinausgekrault. Ich bemerkte zunächst nur, wie sich während der Tage des Umsturzes Lottigs u. Kümmels zurückzogen u. kühler verhielten. Um mich entstand eine Mauer dichten Geraunes. Ich hatte bis zuletzt gegen die NSDAP gewettert, versucht die Absurdität des Autarkiegedankens, des Antisemitismus, der Schwundgeldtheorie zu erklären – hysterische, caesarische, homosexuelle Tatsachen hingewiesen. Dies war noch nicht zwecklos, denn die Stimmenzahl >der Partei< begann zu sinken. Da kam der Reichstagsbrand, alle anderen Parteien wurde aufgelöst, alle Zeitungen der Linksparteien im entscheidenden Augenblick verboten und damit der Wahlsieg der NSDAP gesichert. Die Furcht vor Pogromen erwies sich als unberechtigt, aber was sich entwickelte, die gesellschaftliche Diffamierung der Juden, ihre Verdrängung aus allen Stellungen,  ihre Boykottierung im Geschäftsleben, die ständigen Verleumdungen in der ganzen Pressen sind vielleicht schlimmer als ein Pogrom, sie gleichen eher einem langsamen Rösten bei kleinem Feuer. Wir kannten zwar in Hamburg nur wenige Juden, mit denen wir zudem nicht einmal besonders befreundet waren, aber wir hielten uns doch verpflichtet, ihnen in ihrer Not beizustehen. Von einem Tag auf den andern wurden sie von ihren früheren Bekannten nicht mehr gegrüßt. Erst kündigte man nur den Nicht-Kriegsteilnehmern, versprach ihnen 3 Monate Gehalt, dann strich man diese Versprechung, schließlich warf man auch die Kriegsteilnehmer u. Verwundeten aus ihren Stellungen. Wir berieten diesen oder jenen, versuchten ihnen Stellungen im Ausland zu vermitteln, trösteten wenn es möglich war.

Schon als der 1. April gekommen war, fielen auf einmal alle um, die vorher in mein Horn getutet hatten, wurden nun vor Torschluss noch schnell Parteigenossen. Eine ganz kleine Zahl von Leuten blieb außerhalb der Partei, weil man ihnen Philosemitismus, Liberalismus, Pazifismus, Intellektualismus, Internationalismus, Kommunismus vorwarf. Ich gehörte zu dieser Gruppe. Ich stellte fest, dass man mich schon seit Monaten bespitzelt hatte, man hatte Aussagen über mich schriftlich niedergelegt. Ein Gremium hatte entschieden, wer der Aufnahme in die Partei würdig war oder nicht. Nur wenige hatten mir offen opponiert, ein einziger Freund hatte mich gewarnt, stets zu mir gehalten: Braunbehrens, später auch Stender.  [Prof. Dr. med. Hans von Braunbehrens (1901-1983), Physikalische Therapie u. Röntgenologie; Prof. Dr. med. Arist Stender (1901-1975), Neurologe – A. M.].   Ich entdeckte, dass einer meiner engsten Mitarbeiter, Demme, plötzlich ein feuriger Nationalsozialist wurde, wovon man vorher gar nichts bemerkt hatte. Er wurde zum Vertrauensmann der Partei in der Fakultät gemacht u. wurde Intimus u. persönlicher Berater des Leiters des nationalsozialistischen Ärztebundes, Holzmann, der nunmehr die Geschicke der Hamburger Ärzteschaft lenkte. Alle meine Bewerbungen um freiwerdende Stellungen wurden abgelehnt, stattdessen nahm man junge, unbeschriebene P.Gs. Ich kam mit Pette u. von Weizsäcker auf die Liste für die Nachfolgerschaft Nonnes, aber von Weizsäcker u. ich wurden als >untragbar für die Partei< nicht zugelassen. Man steckte mich zwar nicht ins K.Z., warf mich auch nicht hinaus, aber man ließ mich sitzen u. überging mich. Eine Zeitlang behorchte man auch meine Telefongespräche. Es wurde mir sehr schwer, den Mund zu halten, „wessen das Herz voll ist“ u. s. w. Man hatte das unbedingte Bedürfnis, sich auszusprechen u. war doch auf Schritt u. Tritt von Spionen umgeben. Demme bekam die Nachfolgerschaft Embdens, Pette die Nonnes, als Pettes Nachfolger holte man einen sehr netten, lieben, ganz jungen und ziemlich unbedeutenden Mann mit einem leichten Turmschädel, H.R. Müller. Dies(es) Schicksale hatte ich glücklicherweise schon einige Monate vorher durch eine Indiskretion der Frau Demme erfahren, die alles sogar telefonisch an Stähli verraten hatte. Demme selbst hatte einmal in leicht angetrunkenem Zustand Wiehlet (?) gegenüber sein Geheimnis gelüftet u. von da erfuhr ich es via Kleining (?)-Hopf. So war ich einigermaßen gefasst, als im Laufe des Jahres 1934 eine Hiobsbotschaft nach der anderen über mich hereinprasselte. Einige Leute krochen Demme erfolgreich in den Arsch, z. B. der junge Kümmel, der ein Kieler Krankenhaus bekam. Schließlich ergab sich für mich eine Gelegenheit als Nachfolger des besagten kleinen H. H.R. Müller nach Würzburg zu gehen. Hier sitze ich nun an der Grafeschen Klinik und organisiere eine neurologische Abteilung, die schon ganz gut floriert. Auf Lus [Ehefrau Luise Schaltenbrand – A.M.] dringendes [drängendes? – A. M.] Zureden trat ich erst in den Stahlhelm ein, nachher mit vielen anderen mehr oder weniger unfreiwillig in die SA. Der Entschluss dazu ist mit schwer genug gefallen. Aber man muss sich entscheiden – ein politischer Kampf gegen die Bewegung ist im Lande selbst nicht mehr möglich.  Sie sitzt ebenso fest im Sattel wie der Faschismus [mit anderer Tinte eingefügt: in Italien – A. M.] oder der Kommunismus in Russland. Für wenigstens eine Generation ist eine Bestimmung der Schicksale Deutschlands nur im Rahmen der Bewegung möglich.  Märtyrertum ist zwecklos, denn es findet bei der perfekten Kontrolle von Zeitung und Rundfunk keine Resonanz. Es gibt für mich nur drei Möglichkeiten: Auswandern u. in einem fremden Lande das missliche Schicksal eines Emigranten zu tragen u. davon gibt es jetzt schon genug, u. sie haben die freien  Stellungen nötiger als ich, der ich sie –  zumindest in den USA –  leicht  bekommen könnte. Nichtmitmachen u. im Lande Privatpraxis treiben – das bedeutet Verzicht auf die Klinik, Verzicht auf wissenschaftliche Arbeit. Der dritte Weg ist Anschluss an die Bewegung suchen, zu sehen, was mit der >Kunst des Möglichen< zu machen ist, und mit Geduld warten, ob nicht doch eine bessere Einsicht kommt, dass ein guter Arbeiter mehr wert ist als ein rabiater Maulaufreißer.“

Die  wiedergegeben Dokumente belegen meines Erachtens im Tenor die Distanz Schaltenbrands zum Nationalsozialismus und seine systemkritischen Äußerungen, wenngleich in seinen Auseinandersetzungen mit der NS-Politik in einigen Punkten auch eine partielle Zustimmung herausgelesen werden kann (z. B. zum staatlichen Zentralismus, zur  staatlichen Gesundheitspolitik und zur Eugenik). Weltanschauliche Kernstücke des Nationalsozialismus, vor allem die NS-Rassenlehre und die Ausgrenzung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, hat er entschieden abgelehnt und offen kritisiert. Die Aussage Pfeiffers, „kritische Äußerungen gegen die Partei und ihre Funktionäre“ habe er in den Akten nicht finden können, ist vom neuesten Forschungsstand überholt und erledigt.

Nicht erledigt sind dagegen die eingangs genannten „harten“ Beweisstücke für angebliche Annäherungen an den Nationalsozialismus. Vor allem Schaltenbrands Unterzeichnung des „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“ im November 1933 und sein gleichzeitiger Eintritt in den deutschnationalen >Stahlhelm< sind erklärungsbedürftig. Er sei, so trägt er Ende 1935 in sein Tagebuch ein, „auf dringendes Zureden“ seiner Frau widerwillig eingetreten. Was besagen also seine Mitgliedschaften in NS-Organisationen?  (Siehe hierzu meine vorläufigen Deutungen im Blog-Kapitel 66, S. 19f und 23f).

Fortsetzung folgt.

 

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang und Transkription und des Digitalisats: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blogs

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Literatur:

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26. 11.1897-25. 10.1979), Würzburger <Medizinhistorische Mitteilungen 27, S. 63-92.

Heiner Fangerau / Michael Martin / Axel Karenberg: Neurologen und Neurowissenschaftler: Wer war ein Nazi? Zum Umgang mit der NS-Belastung in der Geschichte der deutschen Medizin, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 53-512.

Michael   Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Max Nonne (1861-1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S.513-521.

Michael Martin / Axel Karenberg / Heiner Fangerau: Heinrich Pette (1887-1964) und die schwierige Bewertung seiner Rolle von der Weimarer Republik bis in die BRD, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 535-542.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 543-552.

Michael Martin / Heiner Fangerau / Axel Karenberg: Zwischen „Affirmation und Kritik“: Karl Kleist und Viktor von Weizsäcker zwischen 1933 und 1945, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020. S. 580-588.

Axel Karenberg / Heiner Fangerau / Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S128-S145.

Jürgen Peiffer: Zur Neurologie im „Dritten Reich“ und ihren Nachwirkungen. Der Nervenarzt, 1998, S. 728-733.

67. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand:  Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung, 1919 – Aus seinen Tagebüchern (IV)

Politischer Hintergrund und Kontext

Als Georges Schaltenbrand im Mai 1919 seine Forderungen an eine neue Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung verfasste und in seinem Tagebuch festhielt, war auf der politischen Bühne des Deutschen Reiches das Ringen um eine neue Reichsverfassung voll im Gange. Am 19. Januar 1919 hatten die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung stattgefunden. Erstmals hatten Frauen das aktive und passive  Wahlrecht erhalten. Das Ringen um eine neue Verfassung hatte bis in den Juli 1919 hinein gedauert. Am 31. Juli beschloss die Nationalversammlung die Weimarer Verfassung in ihrer endgültigen Form. Am 11. August unterzeichnete der Reichspräsident Friedrich Ebert den Text. Mit ihrer Verkündigung trat sie am 11. August 1919 in Kraft. Aus der konstitutionellen Monarchie des Deutschen Reiches war eine parlamentarisch-demokratische Republik geworden. Schaltenbrand  war zu dieser Zeit 22 Jahre alt und studierte an der Universität Breslau im dritten Semester Medizin. Er verfolgte, wie seine Tagebuchnotizen  zeigen,  hellwach die politischen Ereignisse und Vorgänge. Sie veranlassten ihn, seine eigenen Ideen zu artikulieren und in Forderungen zusammenzufassen. Wie immer man seinen Entwurf beurteilen mag, er zeugt von einer beachtlichen intellektuellen Anstrengung des jungen Medizinstudenten. Es wäre allerdings eine höchst fragliche Überschätzung, in seinen Forderungen eine Art „Gegenentwurf“ zur Weimarer Verfassung zu sehen. Seine Ideen speisen sich aus verschiedenen Bereichen, aus Wissenschaft, Philosophie, Evolutionslehre, Reformpädagogik, Hygiene und Gesundheitspolitik, Rassenlehre und Eugenik, Bevölkerungspolitik, Naturschutz, Umweltpolitik und Ökologie, die er alle skizzenhaft und pointierend in eine gesellschafts- und verfassungspolitische Gesamtschau einzuordnen versucht. Da er sich weder auf die Debatten in der Nationalversammlung noch auf Verfassungsartikel oder Literatur bezieht, wäre ein komparativer Abgleich ein müßiges Unterfangen. Die Forderungen enthalten jedoch charakteristische und höchst aufschlussreiche Aussagen über Schaltenbrands Weltsicht und Vorstellungen von einer künftigen Gesellschafts- und Verfassungsordnung. In Teilen fordert er einen auf wissenschaftlicher Basis in die Zukunft weisenden, modernen Wohlfartsstaat. Die Leiter des Staates wachen über die Einhaltung der Gebote und Verbote. Eine Reihe von Forderungen steht noch heute und, angesichts von Klimawandel, Corona-Pandemie, Artensterben, Umweltverschmutzung, Frauenquote, Massenmigration und Kriegen, noch dringlicher auf der politischen Agenda. Andere Forderungen laufen auf ethische „Entgrenzungen“ hinaus, auf die Freigabe der Tötung von „Idioten“, auf die Sterilisierung von für minderwertig gehaltenen oder „erblich belasteten“ Personen.  Die höchste Aufgabe des Staates, die „Hochzucht der Rasse“, gebiete solche Maßnahmen. Er hatte ohne Zweifel die Rassenlehre und die aus ihr abgeleitete Eugenik in sein Denken aufgenommen und sie, wie seine Notizen erkennen lassen, für wissenschaftlich bewiesen gehalten.

Am Schluss seiner Forderungen stellt er fest, dass eine Verfassung wie sie ihm vorschwebt, „niemals durch >Parlamentsbeschluss<  entstehen könnte.“ Indirekt könnte man daraus ableiten, dass er zur Weimarer Verfassung künftig  ein sperriges Verhältnis hatte.

Im Folgenden die wortwörtliche Wiedergabe:

[Präambel – A.M.]

„23. V. 1919: Die alte Kultur bricht zusammen. Erst waren der Autoritätsglaube und die Religion, bei Gebildeten und beim Volk. Sittliche Forderungen waren da und waren begründet. Wir hatten eine gleichmäßige christliche Kultur.

Dann befreiten sich die Geister und in einem steigenden Strome wurden wir fortgerissen von der Unzahl  wissenschaftlicher Entdeckungen, neuen Forderungen, die die Freiheit mit sich brachte. Die Masse vermochte  ihrem hohen Fluge nicht zu folgen, wohl aber merkte sie, dass irgendetwas los war: nämlich daran, dass die sittlichen Forderungen der alten Kultur den Anker verlassen hatte. Die Forderungen bestehen zwar  noch, aber sie sind an allen Ecken und Enden geplatzt, sie passen nicht mehr auf unseren Leib.

Die Lüge wurde empfunden, zuerst leise, dann immer lauter und jetzt reißt sich alles aus den Ketten: Jeder geht wider den anderen, alles geht drunter und drüber, alles brennt und alles stürzt zusammen. Wir haben keine Kultur mehr, wir haben kein Ziel mehr.

Kultur ist Form, hervorgerufen durch sittliche Forderungen [Einfügung – A.M.] Die innere Form ist Bedingung und Forderung für die äußere Form. Bisher:

Glaube – christliche Kultur (gestern)

Wissenschaft – sterbende Kultur (heute)

Wissenschaft – Entwicklungskultur (morgen)

Aber welche Forderungen sollen aufgestellt werden? Es gibt ja keine mehr!

Wir müssen neue Werte schaffen, neue Ziele setzen und das ist die Aufgabe der Wissenschaft. Die Wissenschaft ist jetzt über die Stufe des bloßen Sammelns hinaus. Sie kann bereits zurückblicken, sie erkennt die großen Linien des Geschehens. Sie sieht, wie sich die Natur zu immer höheren Formen, immer höherer Bewusstheit durchringt. Form, Ordnung ist alles. Zwar oft 3 Schritte zurück, aber immer wieder 4 Schritte vor. Es mag Zufall sein oder nicht: Das ist die Linie, und dieser Weg gilt auch für uns. Höhere Bewusstheit, höhere Organisation zu schaffen, das ist auch unser Ziel. Die Erde [durchgestrichen: soll – A.M.] kann uns nur Leid geben. Wir sollen das Glück schaffen. Glück ist: sich dem Ziele näher bringen. Alles, was dazu dient, sich diesem Ziel zu nähern ist gut, alles, was uns von ihm entfernt, ist schlecht.“

 „Welche Forderungen sollen aufgestellt werden?“ – Seine verallgemeinerten Vorschläge

„Aus der Not der Zeit heraus erheben wir folgenden Forderungen:

Hochzucht der Rasse! Hochzucht des Einzelnen!

Die Menschen sind nicht gleich, aber jeder soll von klein auf die beste Gelegenheit haben, sich zu entwickeln. Genügend Licht, Luft, Brot für jeden! Möglichst harmonische Erziehung. Natürliche Zuchtwahl, daher kein Krieg, der die Besten mordet. Jeder, der gegen das Sittengesetz verstößt, ist ein Kranker. Strafe ist nur Arzneimittel, keine Rache. Höchstens für Vergehen dürfen Strafen ohne ärztliche Verfügung verordnet werden.

[Die Leiter des Staates]

Die Leiter des Staates sollen die Klügsten und die Besten sein. Gewähr für ihre Güte gibt nur die Erziehung, die man ihnen vorher hat angedeihen lassen.

  1. Geburt

Die Zeugung darf nur vorgenommen werden, wenn beide Eltern frei von erblichen Krankheiten sind.

Sie darf nur vorgenommen werden, wenn wirtschaftlich eine gesunde Entwicklung des Kindes möglich ist.

Die Eltern müssen sich zur Zeugung durch möglichste Kräftigung des eigenen Körpers vorbereiten. Der geschlechtliche Verkehr ist keine Schande und nicht verboten. Nur zum Zwecke der Zeugung soll er ohne Vorbeugungsmittel erfolgen.

Gleichberechtigung der ehelichen und der unehelichen Kinder! Das Kind entscheidet mit 20 Jahren, ob es den Namen der Mutter oder des Vaters führen will.

Alimente werden nur vom Staat bezahlt. Sie sind so hoch zu bemessen, dass Mutter und Kind wirtschaftlich nicht benachteiligt sind. Die Geldmittel für die Alimente werden durch eine Steuer aufgebracht, die alle Unverheirateten und Kinderlosen so schwer wie möglich trifft, Kinderarme auch noch einbezieht.

Erblich schwer belastete Menschen werden zeugungsunfähig gemacht. Blutsverwandtenehe verboten.

  1. Hygiene

Jeder Mensch hat Recht auf gute Luft, gesunde Wohnung, Licht.  Der Häuserbau ist aufs Strengste zu regeln. Das Verpesten der Luft mit Gasen oder Staub, die von Natur aus nicht in ihr enthalten sind, ist verboten. Die Industrien dürfen nur CO2 und H20 in die eigene Luft abgeben.

Auf eine bestimmte Anzahl Menschen in den Städten ist eine bestimmte Anzahl von Bäumen auf Gartenfläche zu fordern. Größte Geräuschlosigkeit aller Betriebe! Höchste Vervollständigung von Kanalisation und Wasserversorgung ist selbstverständlich. Reichliche gute Krankenhäuser. Viel mehr Nervenheilanstalten als bisher.

Der Arzt wird Berater und Beichtvater des Menschen an Stelle des Priesters. Der Mensch braucht nur 6 – 8 Stunden für den Lebensunterhalt zu arbeiten. Die übrige Zeit soll er für die Familie, die Selbstausbildung, für Sport und für das Staatsleben benutzen.

Koffein, Nicotin und Alkohol frei. Auf die Gefahren durch Belehrung aufmerksam machen.

Herstellung von Branntwein staatlich beschränken.

Einführung neuer Gifte verboten.

Verbot von Prostitution.

Großartiger Kampf des Staates gegen Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten.

  1. Erziehung

Das Lernen soll den Kindern möglichst leicht gemacht werden. Mit dem Gehirn, das heute so vielfach belastet werden muss, ist möglichst sparsam umzugehen. Nur eine Schrift und eine Stenographie! Immer die Freude am Lernen behalten!

Der 15jährge muss sein Sprache fließend sprechen und schreiben können. Er muss einen Überblick über die Entwicklung unserer Kultur und über die sämtlichen Naturwissenschaften haben. Schulung in Mathematik und Philosophie. Alle fremden Sprachen sind nur fakultativ. Vom 15. Lebensjahr an wird der ganze Unterricht fakultativ.

Im Unterricht ist möglichst jede Wiederholung eines Gleichen zu vermeiden. Z.B. dass man die ganze Erdkugel oder die Geschichte 2-3mal hintereinander durchpaukt. Beim Unterricht ist aufbauend vorzugehen Man nimmt z.B. durch

  1. Erscheinungen der Physik/Chemie
  2. Theorien, Rechenverfahren, Physik/Chemie
  • Vereinigung von Physik u. Chemie im periodischen System, Energetik
  1. Erscheinungen u. Formen der Zoologie/Botanik
  2. Vereinigung: Entwicklungsgeschichte, Biologie
  3. Erdkunde
  4. Geschichte/Literatur/Völkerkunde
  • Kulturgeschichte

Das Wichtigste ist die rechtzeitige Aufklärung der Jugend. Es darf keine Verschleierungen geben. Offenes, ehrliches Aussprechen.

Wichtig auch Auge und Ohr. Die körperliche Ausbildung ist viel lebhafter als bisher zu betreiben. Immer wieder soll versucht werden, eine allgemeine Harmonie des Menschen zu erziehen.

Die Sittlichkeit ist kein Gegenstand eines besonderen Unterrichts, sondern aller Fächer. Jedes Fach ist auf das eine Ziel zugeschnitten, den Jungen von der Notwendigkeit der sittlichen Forderungen zu überzeugen. Selbstverständlich sind zur Erziehung Strafmittel zulässig.

Die sittlichen Forderungen sind noch dieselben, wie in den 10 Geboten, nur erweitert durch die neuen Ziele der Menschheit.

Es soll anerzogen werden, größte Strenge eines jeden sich selbst gegenüber, Verständnis für  jeden anderen. Wir sind nicht hier, um zu genießen, sondern um das Leid des Lebens in Glück zu verwandeln.

Erlösung des Europäers von der Massensuggestion! Erziehung zur Kritikfähigkeit!. Zur Scham vor billiger Berauschung! Ihr sollt nicht Worte und Bilder auf Euch wirken lassen, sondern die Gedanken, die dahinter sind, prüfen.

Die Erziehung geschieht auf Staatskosten, daher Einheitsschule. Aber Schulen für Begabte und Minderbegabte! Durch den fakultativen Unterricht sollen die besonderen Fähigkeiten stärker ausgenutzt werden.

Wegen der starken Zunahme der unehelichen Kinder wird vielleicht sogar eine >Staatspflege< eingerichtet werden müssen, das ist ein besonderer Frauenberuf. Siehe Pläne von „Hulda Mauerbrecher“ (?) Lehrer und Erzieher sollten [durchgestrichen: so viel wie möglich und – A.M.] solange wie möglich den Zögling begleiten.

Das Glück liegt niemals im Besitz.

Erziehung zum  guten Geschmack, d. h. zur Verachtung der Lüge in der Kunst.

Wir sollen nicht nur Stoff [durchgestrichen: sammeln – A.M], sondern das Bewältigen neuen Stoffes

Wir sollen „lernen“ lernen.

  1. Öffentliches Leben

Die Regierung eines Volkes besteht wohl am besten aus drei Körpern:

  1. Vertretende der Volksmeinung: Parlament.
  2. Rat und Berater: die intelligentesten Menschen der Zeit.
  3. Ein Präsident mit großer Bewegungsfreiheit.

Jedes Parlament ist an sich schwerfällig und regiert als >Masse<. Es wechselt seine Ansichten häufig. Es ist daher allein zur Regierung ungeeignet.

Der beste Regent ist immer ein einzelner Mensch;  er kann konsequent sein; seine Überlegungen sind viel feiner als die einer Masse. Da er nicht alles wissen  kann, hat er Berater: die besten Köpfe seines Volkes. Die Gefahr ist nur: er kann seine Stellung aus Ichsucht missbrauchen. Daher Kontrolle durch das Parlament, das allgemein, geheim, aber nicht gleich gewählt wird. Die Stimmen zählen nach Dezennien, die man über 20 hat:[die numerischen Angaben im Tagebuch in zwei unterschiedliche Rubriken gesetzt – A.M.]

20 – 30      1 Stimme

20 – 25            1 Stimme

30 – 40      2 Stimmen

25 – 30            2 Stimmen

40 – 50       3 Stimmen

30 – 40            3 Stimmen

40 – 50             4 Stimmen

Weiter geht es nicht, da dann doch wieder Rückentwicklung eintritt.

Die Bürgschaft für Wissen und Güte eines Menschen ist niemals Reichtum, in geringem Grade die Abstammung und vor allem [Hervorhebung von Sch. – A.M.] die Erziehung.  Später abgehaltene Examina geben auch nur ein sehr unsicheres Bild.

Es ist eine möglichste Vereinigung aller Völker zur Vermeidung der Kriege und  zur gemeinsamen Verfolgung der Ziele zu erstreben. Alle Völker eines Kulturkreises sind als unter sich gleich berechtigte anzusehen. Wir gehören zum abendländischen Kulturkreis.

Das Gute der Kriege: die äußerste Befruchtung der Leistungsfähigkeit, ist durch zwischenstaatlichen Wettkämpfe friedlicher Art zu fördern.

Das Kapital lässt sich nicht abschaffen. Es ist die einzige Möglichkeit, neue Wirtschaftsquellen zu erschließen. Fortschritt durch Wettbewerb zu erzeugen. Der Arbeitnehmer ist durch Gewinnbeteiligung am Gedeih seines Werkes zu interessieren. Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Geber ist fest zu  regeln, so dass  keiner den anderen vergewaltigen kann. Kunst und Wissenschaft sind die Lieblingskinder des Volkes. Sie sollen es wegen moralischer Minderwertigkeit bis in  die untersten Schichten.

Rechtspflege! [meine Hervorhebung – A.M.]

wird durch Ärzte ausgeführt, soweit sie sich auf Verbrecher bezieht. Die Juristen sind für die Verwaltungszwecke bestimmt. Jeder Verbrecher ist individuell zu behandeln. Es ist die Motivierung seines Verbrechens zu  erforschen; lässt sie sich nicht abstellen, z.B. wegen moralischer Minderwertigkeit, so ist er lebenslang zu internieren, d.h. er arbeitet unter dauernder Kontrolle. Dunkle Löcher sind nur Erziehungsmittel, kein dauernder Aufenthalt.

Selbstmord ist erlaubt, nicht zu hindern.

Unheilbare Idioten dürfen vom Staat getötet werden.

Frauenfrage [meine Hervorhebung – A.M.]

Kann nicht durch Erörterungen, sondern nur durch  den Versuch gelöst werden. Man gebe den Frauen in allen Bereichen gleiches Recht. Erhalten sich die arbeitenden Frauen, ist es gut. Verstehen sie  Kinder zu bekommen, umso besser: Sterben sie aus, so ist das auch gut. Es ist dies eine biologische Frage.

Wahrscheinlich werden sich bald besondere Frauenberufe herausbilden. Die Frau eignet sich vorzüglich als Erzieherin. Ihr Hauptsinn wird wohl auch später wieder der  geschlechtliche sein, sobald wir wieder aus der Verelendung hinauskommen. Sie soll die Wurzel sein, durch die der Mann mit der Natur Verbindung hat.

[Selbstironischer Abschluss – A.M.]

Wenn ich lese: >Wir erheben diese Forderungen< in einem Tagebuch – muss ich doch Lachen! Ich bin neugierig, wie ich sie in die Wirklichkeit umsetzen werde.

Eine solche Verfassung könnte niemals durch >Parlamentsbeschluss< entstehen. Sie muss durch  einen liebevollen Tyrannen gegeben werden.

Die Eigenart des Einzelnen ist alles. Unsere Revolution von heute ist schon vor vielen Jahren besiegt worden. Sie ist nur eine notwendige Durchgangsstufe.“

Zusammenfassung und  Schlaglichter auf Postulate, die  die Rolle von Ärzten betrifft

Herrschaft der Klügsten und Besten; sie gehen künftig in der Regel aus der Wissenschaft und Kunst hervor.

Drei Verfassungsorgane: (1) das (eingeschränkte) Parlament; (2) das Gremium der Räte und Berater; (3 ) der Präsident mit fast uneingeschränkten Befugnissen („ein liebevoller Tyrann“).

Rat und Berater werden aus den „intelligentesten Menschen der Zeit“ rekrutiert. Es gibt keine allgemeine, direkte, gleiche und geheime Wahlen nach dem Muster westlicher parlamentarisch-demokratischer Systeme. Parlamentswahlen nach Dezennien numerisch gewichteter Alterskohorten; je höher das Dezennium eines Kandidaten, desto höher die Stimmenzahl, die auf ihn entfallen kann. Das sichert die Prädominanz erfahrener Älterer.

„Kunst und Wissenschaft sind die Lieblingskinder des Volkes“

Zur Rolle der Ärzte: Problematische Postulate

Angesichts der ungeheuerlichen politischen Folgeprobleme und persönlichen Konsequenzen für Schaltenbrand sind folgende  Statements  aus seinen Forderungen zur Rolle der Ärzte besonders hervorzuheben:

„Der Arzt wird Berater und Beichtvater des Menschen an Stelle des Priesters.“ Den Ärzten obliegt die Rechtspflege, soweit sie sich auf Verbrecher bezieht. Es liegt in der Kompetenz von Ärzten, die Motive von Verbrechern zu ermitteln. Sie haben zu befinden, ob eine moralische Minderwertigkeit vorliegt, die  z. B. zu einer lebenslangen „Internierung“  berechtigt. Oder ob eine „unheilbare Idiotie“ diagnostiziert wird.

„Unheilbare Idioten dürfen vom Staat getötet werden.“ „Erblich schwer belastete Menschen werden zeugungsunfähig gemacht.“ (Staatliches) Zeugungsverbot für Erbbelastete. Zur ärztlichen Versorgung kranker Menschen sind reichlich gute Krankenhäuser und vielmehr Nervenanstalten als bisher zu errichten. Zu den einzelnen „Forderungen“ finden sich in seinen Tagebüchern zahleiche Notizen, die hier sozusagen als Erläuterungen angeführt  werden könnten.

Schaltenbrands  Forderungen waren, genau besehen, kein gedankliches Eigengebräu und auch kein besonders revolutionärer Vorstoß eines radikalisierten Medizinstudenten. Solche Gedankengänge, Überzeugungen und akademische Lehrmeinungen waren schon Ende des 19. Jahrhunderts weitverbreitet (Vasold, S. 259ff; Recker, S. 141).  Im Juni 1905 hatte der Mediziner und Privatgekehrte Alfred Ploetz in Berlin die „Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet. Die Gesellschaft hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die „Rassenhygiene“ auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen und Einfluss auf die Politik zu gewinnen. Ploetz hatte 1909 die Gesellschaft als eine „Gemeinschaft Gleichstrebender von hervorragender sittlicher und körperlicher Tüchtigkeit“ bezeichnet, „deren Lebensführung selbst die Grundzüge der neuen Wissenschaft zu verwirklichen helfen soll.“ 1914 hatte die Gesellschaft etwa 350 Mitglieder gezählt, darunter hauptsächlich Hochschullehrer (Vasold,S.50).  1916 war sie in „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ umbenannt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen Rassenlehren in der Wissenschaft, Politik und Bevölkerung einen großen Aufschwung. Die Kriegsfolgen, wirtschaftliche Probleme, Armut und Hunger,  legten Kosten-Nutzen-Rechnungen einer „positiven“ und „negativen“ Rassenhygiene nahe. Körperlich fitte, Leistungsstarke und „Erbgesunde“ sollten in ihrem Lebensunterhalt staatlich unterstützt und gefördert werden,  „lebensunwertes Leben“ sollte dagegen durch staatliche Maßnahmen „ausgelesen“ werden. Obschon Schaltenbrand in seinen Tagebüchern an keiner Stelle explizit auf die eugenische Bewegung und ihre führenden Köpfe eingeht, stellen seine „Forderungen“ und viele andere Notizen geradezu ein Musterbeispiel der von Ploetz aufgezeigten Kriterien und Anforderungen dar.

Im Kreise um Leonard Nelson wurde laut einer Tagebuchnotiz Schaltenbrands im Dezember 1919 die Frage „Töten erlaubt oder nicht“ diskutiert. Die Gesprächsrunde kam zu dem Ergebnis: „Das Töten gilt als erlaubt, falls der Zweck hoch genug ist:“ (siehe Blog-Kapitel 66, Tagebuch-Auszug vom 7. XII. 1919).

Zeitsprung

Auch nach den unsäglich grausamen Menschenversuchen und Tötungen von „unerwünschten“ Personen und Personengruppen durch die NS-Medizin glaubte Schaltenbrand, dass bei erbbelasteten und psychiatrisch unheilbaren Personen im Sinne einer allgemeinen Gesundheitspolitik medizinische Eingriffe (Sterilisation, Abtreibung) und Handlungsbeschränkungen (Menschenrechte;z.B. Eheverbot) möglich sein sollten. Er bezeichnete 1947 prominente Kollegen als „Konvertiten“ und „betonte Humanisten“, die unter dem Eindruck des Ärzteprozesses vor dem Nürnberger US-amerikanischen Militärtribunal ihre wissenschaftliche Position gewechselt hätten: „In der Angst vor dem grausigen Geschehen in den KZ.s schlägt das Pendel weit aus, alte Tabus werden wieder sakrosankt, jeder Versuch einer vernünftigen Betrachtung ist gefährlich, >positivistisch<. Die Medizin flieht in romantische Bereiche und verachtet Experiment und ätiologische Forschung. Krankheit ist Schicksal,  je Schuld und Sühne, der Idiot ist heilig.“ (siehe Blog-Kapitel 65, 29. XII. 47).

Die Sätze aus den Artikeln 1 und 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland von 1949, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist und jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hat, entsprachen wohl nur bedingt seinen naturwissenschaftlichen Überzeugungen und seinem Menschenbild. Um es schroff zu formulieren und zuzuspitzen: Der früher sogenannte „Idiot“ war ihm auch später nicht heilig. Doch schwieg er sich darüber aus. Einige seiner Foderungen wiederholte er in modifizierter Form in seiner 1957 publizierten politischen Schrift „Deutschland zwischen gestern und morgen.“

Darüber mehr im folgenden Blog-Kapitel 68.

 

Anmerkungen zur Leistungsgemeinschaft

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang des Digitalisats: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Kapitels.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen.

Zu Rate gezogene und zitierte  Literatur

Frevert, Ute: Frauen, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgan Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, S. 242-258.

Grüttner, Michael: Wissenschaft, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Heraussgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. 5. akztualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, S. 143-165.

Kwiet,Konrad: Rassenpolitik und Völkermord, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermnann Graml und Hermann Weiß. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, S, 46-64.

Mintzel, Alf: Rasse, in: Günter Endruweit und Gisela Trommsdorff (Hrsg.). Wäörterbuch der Soziologie. 2. Aufl. völlig neubearbeitet und erweiterte Auflage, UTB, S. 42f.

Recker, Marie-Luise: Sozialpolitik, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. 5. Aktualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, S, 130-142.

Vasold, Manfred: Medizin, in:  Enzyklopädie des Nationalssozialismus. Herausgegeben von Wofgang Benz, Hermnann Graml und Hermann Weiß. 5. Aktualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 207, S. 259-276.

Auslese (S. 425), Erbgesundheit (S. 494f.), Rassenkunde (S. 720f), in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgag Benz, Hermann Graml und Herman Weiß. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007.

Gesellschaft für Rassenhygiene https://de.Wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%/BCr_Rass…abgerufen 22.08.2020.

Eugenik/>>Rassenhygiene<< https://www.t4-denkmal.de/eugenik-Rassenhygiene abgerufen 22. 08.2020.

66. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand (1897–1979) – Im Banne von Leonard Nelson. Auszüge aus seinen Tagebüchern (III)

Sozialistische Visionen von einer ausbeutungsfreien und gerechten Gesellschaft

Um es gleich auf den Punkt zu bringen, sei Folgendes vorangestellt: Am 29. März 1920 trat Schaltenbrand im Alter von 22 Jahren dem „Internationalen Jugendbund“ (IJB) bei.  Ab 1926 stand er als junger Arzt dem „Internationalen Sozialistischen Kampf-Bund“ (ISK) nahe, genauer gesagt, wurde er ein aktiver Sympathisant. Im Jahre 1933 erwarb er allerdings die Mitgliedschaft des reaktionären „Stahlhelm“. Sein Eintritt in den „Stahlhelm“ bildet einen klaren Bruch in seiner politischen Biografie, den ich am Ende dieses Blog-Kapitels behandeln werde.

Der Internationale Jugendbund und der Internationale Sozialistische Kampf-Bund waren Gründungen des Göttinger Universitätsprofessors und politischen Philosophen Leonard Nelson (1882-1927). Den Jugendbund rief er 1917 ins Leben, den ISK 1926. Der Internationale Jugendbund stand der SPD nahe. Der Kampfbund entstand als Abspaltung von der SPD. Die SPD hatte 1925 die Mitgliedschaft im IJB als unvereinbar mit einer Mitgliedschaft in der SPD erklärt. In Reaktion auf den Unvereinbarkeitsbeschluss entstand der Internationale Sozialistische Kampf-Bund. Leonard Nelson blieb bis zu seinem Tod dessen theoretischer und ideologisch-programmatischer Kopf.  Oberstes Ziel des IJB und des ISK war die Schaffung einer „ausbeutungsfreien und gerechten Gesellschaft“. Das Ziel könne nicht auf einem parlamentarisch-demokratischen Weg über Mehrheitsverhältnisse erreicht werden. Es müsse von einer proletarischen Avantgarde auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse erkämpft werden.  Das theoretische Konzept, die Lehre vom Recht als wissenschaftlicher Grundlage des Sozialismus, und die Handlungsanweisungen hierfür habe Leonhard Nelson entwickelt (isk, 7. Jg. Juli 1932,116-125). Die politischen Aktivitäten des ISK richteten sich folglich im Grundsatz gegen Demokratie und Parlamentarismus. Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf sei zudem eine politisch vereinte Arbeiterklasse. Der Kampfbund war in der Weimarer Republik eine der sozialistischen und sozialdemokratischen Akteure und Organisationen (KPD, USPD, SPD, ISK). Er kannte keine formale Mitgliedschaft und hatte eine „nicht demokratische Organisationsform“ (isk, Jg.7. Heft, Juli 1928, S.103). Zu ihm zählte, wer als überzeugter Mistreiter für die hehren Ziele eintrat und kämpfte. Dem ISK sollen etwa 300 Quasi-Mitglieder und rund 1000 Sympathisanten angehört haben. Das politisch-programmatische Organ des Kampf-Bundes war die Monatszeitschrift „isk“, deren Schriftleitung viele Jahre Willi Eichler (1896-1971) innehatte. Schaltenbrand bezog über Jahre – allerdings mit Unterbrechungen während seiner Auslandsaufenthalte (China, Niederlande, USA) – die „isk“ im Abonnement. (In seinem Nachlass befinden sich die Jahrgänge 1926, 1928, 1931 und 1932). In Berlin erschien die Tageszeitung „Der Funke“, die politische ISK-Positionen vertrat. Zum engsten Führungskreis des ISK gehörten Minna Specht (1879-1961), die Arbeits- und Lebensgefährtin Nelsons, Willi Eichler, der langjährige Herausgeber der Zeitschrift des ISK, Hellmut Rauschenplat (ein Pseudonym, 1896-1982 – A.M.), Dozent für Ökonomie im Landeserziehungsheim Walkemühle und andere. Alle Genannten treten in Schaltenbrands Tagebüchern als persönliche Gesprächspartner auf. Schaltenbrand war keine Randperson, er hatte direkten persönlichen Zugang zum Meister selbst. Später wurde er quasi Nelsons Leibarzt.

Nelson vertrat einen antimarxistischen ethischen Sozialismus, dessen philosophisch-politische Umsetzung in konkrete Praktiken er in vielen Schriften und Vorträgen propagierte. Dazu zählte auch das pädagogische Projekt der Walkemühle, einer Ausbildungsstätte für eine Avantgarde. Nelson und sein ihm ergebener Kreis traten für hohe Ideale der Lebensführung ein: Für eine strenge Charakterbildung, für Abstinenz von Alkohol, Tabak, sexueller Triebbefriedigung und für vegetarische Ernährung, kurzum für eine asketische Lebensweise.  In der isk wurden für vegetarische Speisehäuser geworben, Bezugsquellen für vegetarische Nahrungsmittel und Reformartikel empfohlen und in vielen deutschen Städten öffentliche politische Aussprachen organisiert. Der propagierte Vegetarismus korrespondierte mit energischen Tierschutz-Forderungen.

Titel- und Rückseite des isk, Heft 6, Juni 1932

 

Eine lebensgeschichtlich prägende Begegnung mit Nelson

Auch in den neuesten biografischen und medizin-geschichtlichen Abhandlungen in der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ (Februar 2020, Supplement 1 „Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit“) bleibt Schaltenbrands politische Vergangenheit bis zum Jahr 1933 weitgehend im Dunkeln. Dabei sind gerade die Jahre der Weimarer Republik die Zeit, in der Schaltenbrand sich intensiv mit damals virulenten gesellschafts- und parteiprogrammatischen und generell mit weltanschaulichen Fragen befasste. Er wurde über seine Auseinandersetzung mit politischen und sozialen Fragen zu einem engagierten Staatsbürger, der nach Lösungen der sozialen Frage suchte, sich selbst gesellschafts- und verfassungspolitische Entwürfe ausdachte und diese niederschrieb und sich handelnd an der Schaffung eines neuen Deutschlands beteiligen wollte. Dieser Impetus stellt ihn unter deutschen Neurologen politisch heraus. Eine lebensgeschichtlich prägende Begegnung war in seiner Studentenzeit und als junger Arzt die mit Leonard Nelson an der Universität Göttingen. Schaltenbrands politische Lebensgeschichte systematisch in die sozialistischen Strömungen der Weimarer Zeit einzuordnen und zu bewerten, wäre eine biografische (Doktor-) Arbeit für sich.

Schaltenbrand, der in seiner Studentenzeit aufgrund seiner großbürgerlichen Herkunft ein freizügiges und manchmal ausschweifendes Leben geführt hatte, war von der Person Nelsons so stark beeindruckt, dass er sich gegen starke innere Widerstände ernsthaft bemühte, den Anforderungen an eine asketische Lebensführung gerecht zu werden. Er verzichtete zeitweise auf Alkohol, Zigaretten und Fleischgenuss. Von engen Beziehungen zu Frauen wollte der junge Womanizer jedoch nicht ablassen. Er hatte mit 1,92 m Körpergröße eine imponierende Statur, war rank und schlank und fiel durch markante Gesichtszüge auf. Er lebte mit Schuhgröße 56 buchstäblich auf großem Fuß, ihm passte kein Fabrikat, alles musste extra von Hand angefertigt werden. Wo er ging und stand, fiel er auf. Seine blauen Augen verrieten ein Interesse an schönen Frauen. Kurzum, seine stattliche Erscheinung und sein Charme zogen Frauen an.

Georges Schaltenbrand, 1927 (?), Photo: Atelier Constantin Luck, Düsseldorf

 

Hohe Gedankengänge und große Pläne auf ein anekdotisches Maß verkleinert

Die folgenden, zum Teil kurz kommentierten Auszüge aus seinen Tagebüchern vergegenwärtigen und verlebendigen diese lebensgeschichtlich prägende Begegnung. Wir erleben Schaltenbrands  Aufnahme in den Kreis um  Nelson und wie er sich mit der sozialistischen Ideenwelt auseinanderzusetzen beginnt. Die hehren politischen Ziele und hohen Forderungen der „Nelsonianer“ an die Lebensführung ziehen ihn mächtig an. Doch erkennt er zugleich scharfsichtig die sektenhafte Struktur des Jugendbundes und später des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes. Ideenstifter Meister Nelson sammelt um sich ergebene Anhänger, die seine Lehre in die marode kapitalistische Welt hinaustragen und seiner asketischen Lebensführung nacheifern. Die Novizen werden in Kursen von erprobten Lehrern angeleitet und eingeführt. Junge Frauen, „weibliche Apostel“ (Schaltenbrand), räumen die ärmliche Behausung des „großen Propheten“ auf und schüren den Ofen. (Was mich lebhaft an die selbst erlebten „1968er“ Jahre in Berlin erinnert). In seinen Aufzeichnungen übt Schaltenbrand scharfe Kritik am „Propheten“, an dessen Lehre und Verhalten. Zwei Welten prallen aufeinander: die kapitalistische Lebenswelt des Bourgeois Schaltenbrand mit großbürgerlichem Zuschnitt und die des Sozialisten Nelson mit seinen asketischen Forderungen und menschheitsgeschichtlichen Zielvorstellungen. Schaltenbrand hatte stets ein ambivalentes Verhältnis zu Nelson. Er hielt dessen Forderungen an ein asketisches Leben für weltfremd,  schätzte ihn jedoch wegen seines Wissenschaftsethos hoch ein. Schaltenbrand bewunderte Nelsons vorbildliche Arbeitsdisziplin und dessen enorme Konzentrationskraft, mit der er seine wissenschaftlichen Studien betrieb. So wollte er werden, so wollte er in der Medizin forschen und lehren und zu einem der Großen seines Faches werden. Unmittelbar nach Nelsons Tod (29. X. 1927), an dessen Krankenbett er gerufen worden war, trug Schaltenbrand 1927 in seinen Jahresbericht (Auszug) ein:

„Nelsons Leben u. Handeln waren zumindest subjektiv aus einem Guss. Es besagt nichts, dass er im persönlichen Umgang mit Menschen jene >reale< Phantasie vermissen ließ, dass er sich nie in einen anderen hineindenken konnte. Im eigentlichen Bereich seines Geistes ist er von monumentaler Größe. Er schreibt unserer Zukunft die Gesetze vor und hat den Weg angegeben, wie sie verwirklicht werden können. Gegen diese Gesetze hat er sich nie vergangen. Was besagt es da, wenn er ein Neurotiker war, der sich in Scheinkämpfen erschöpfte – um sich den Genuss einer Zigarre zu erringen. Oder wenn er schlaflos wurde, um sich seine Freunde vom Leibe zu halten! Ich fürchte, man wird ihn posthum entdecken und literarisch ausschlachten. Jetzt kann er sich ja nicht mehr wehren. Ich habe stets eine ambivalente Stellung zu Nelson gehabt. Ich bewundere seinen gigantischen Geist und bedauere seine schwachen Instinkte. Minna Specht, mit der ich offen über alle diese Dinge sprach, gab mir in vielem recht“

Totenmaske Nelsons, 1927, Photo: Archiv Alf Mintzel

Zurück in seine Studentenzeit, in die Jahre von 1919 bis 1923.  Jeder Auszug aus seinen Tagebüchern wirft ein Schlaglicht auf die Persönlichkeit Schaltenbrands und auf seine Wahrnehmung von Personen. Ich versuche auch das Atmosphärische etwas spürbar zu machen, das in seinen Schilderungen zum Ausdruck kommt.


Aufnahme in Nelsons Kreis, 1919/20

„29. Oktober 1919: Die hiesige Universität [Göttingen – A.M.] ist mäßig. Der einzige gute Dozent der med. Fakultät ist Prof. Meyer. (…) Außerdem höre ich noch Prof. Nelson >Fortschritte der Metaphysik seit Hume<. Er trägt so klar vor, dass man ihn verstehen kann. Ich gehe pünktlich in seine Übungen zur Einführung in die Logik. Ich bin erstaunt, festzustellen, wie ganz anders ich denke als er und die alte Schule. In der Logik beruht alles auf dem reinen Begriff und auf dem Gesetze vom Widerspruch! Alles ist dualistisch zu geschnitten! Die ganze Welt der Erscheinungen wird eingeteilt in Sinneserscheinungen und Nichtsinneserscheinungen (…).“

„7. XII. 1919: Gestern Abend in Nelsons internationalen Jugendbund als Gast. Es wurde die Frage >Töten erlaubt oder nicht< disputiert. Das Töten gilt als erlaubt, falls der Zweck hoch genug ist. Nelson redete kein Wort.“

„15. XII. 1919: War abends bei Nelson eingeladen. Der große Prophet empfing mich in Hemdsärmeln; seine weiblichen Apostel räumten auf und machten Feuer. Er las Briefe von Kant vor.“

„23. XII. 1919: Las in Eckermanns Gespräche mit Goethe. Ferner von Nelson: die Reformation der Philosophie. Nelson will die Metaphysik, die Lehre von den Formen der möglichen Erkenntnis, als Wissenschaft einführen. Er fußt auf Kant, Fries, Apelt. Dass Raum und Zeit, Kausalität Voraussetzung aller Erfahrung sind, gebe ich gern zu. Aber wie eine absolute Sittlichkeit ableitbar wäre – das sehe ich nicht ein (…).“

„17. I. 1920: Nelson hat mich glücklich in seinen Club gelobt. In 2 stündigen Kursen (mit dem unvermeidlichen Protokoll) sollen wir Novizen die Weisheit des internationalen Jugendbundes kennen lernen.“

„31. I. 1920: Nelson hat mir Frl. Elly Neuhaus als Leitbursche [nicht Leibbursche! – A.M.]  zugewiesen (Er nennt das Knappschaftsverhältnis). E. N. ist Vegetarierin, Kollegin, intelligent, ernst veranlagt. Sie liest Konfutse, Laotse, Nelson. Ausnahmsweise ist sie auch körperlich sehr anziehend.“

„29.  I. 1920: Nach langem Überlegen bin ich dem >Internationalen Jugendbund< beigetreten. Es kostete mich viel Überwindung. Die Mitglieder sind zum großen Teil Menschen mit Degenerationsmerkmalen. Alle oder wenigstens fast alle frischen, gesunden und blutstrotzende Menschen meines Alters und meiner Gesellschaftsklasse sind Korpsstudenten und hypernational. [Schaltenbrand war gegen studentische Korporationen und deren hypernationalistische Gesinnung – A.M.]. Es sind zum großen Teil Fragen, die Nelson mit Verstand und >Vernunft< entscheiden will, die andere Leute mit anderen Mitteln entscheiden wollen. Ich kann mich zu schwer in [durchgestrichen: andere – A.M.] Menschen hineindenken, um völlig allen seinen Sprüngen folgen zu können. Seine Lehre von der Willensfreiheit scheint mir ein wenig mystisch. Der Mensch soll im Gegensatz zur übrigen Materie der physischen Kausalität nicht unterworfen sein, da auch >nichtphysische Momente< seinen Willen bestimmen. Meine Antinomie von Willensfreiheit u. Kausalität erscheint mir viel klarer. Völlig unklar ist mir jedoch noch, wie man eine Ethik für den Menschen finden könnte. Vom kausalen Ideal aus betrachtet ist die Ethik ein einfaches Problem: der oder die kategorischen Imperative sind eingeschliffene Bahnungen und Hemmungen zur Erhaltung des Lebens, des Ich, der Familie, des Stammes, der Menschheit. Aber wie findet man den Weg zur Ethik vom Ideal des freien Willens aus? Durch autonome Setzung? Wessen? Eines Allgemeingültigen doch allerhöchstens nur einer sehr persönlichen Ethik.“

„29. III. 1920: Was mich an Nelson anzieht, das sind seine Folgerungen, seine politischen und sozialen Ideale, sowie die Art seiner Arbeit. Der Jugendbund ist auf dem Wege zu einer Gemeinschaft, die wirklich etwas leisten kann. Abstoßend sind mir an Nelson seine häufige Zudringlichkeit und Eindringlichkeit, typisch jüdische Eigenschaften. [Nelson war ein gebürtiger Jude – A.M.]. Beispielsweise, wie er auf seinen Mitgliedskarten einfach nach politischer u. religiöser Gesinnung der Eltern fragt! – Eine sexuelle Ethik gibt es überhaupt nicht. Seine Gedankengänge sind z. T. sehr schematisch. Menschen sind >vernunftbegabte Wesen<. Sie leben zwecks Ausübung von Gerechtigkeit. Völker und Reiche sind fast zufällige Konglomerate von Menschen. Sein Hass gegen die Kirche und die Hegelei verführt in oft zur Einseitigkeit. (…) Die Arbeit bei Nelson und am per. Syst. d. El. [periodische System der Elemente – A.M.] haben mir 2 Dinge beigebracht, die mir fehlten: erstens eine ungeheure Hochachtung vor jeder ernsthaft wissenschaftlichen Leistung, zweitens die Erkenntnis, wieviel mir dazu noch fehlt.“

„30. IX. 1923:  Auch Nelson konnte ich inzwischen mehrmals sprechen. Es lässt sich nicht leugnen, dass er etwas starrsinniges, fanatisches, abstraktes, menschenfremdes an sich hat u. dass ihm die Fähigkeit hinzureißen ganz fehlt. Aber ich zweifle nicht an der Reinheit seiner Gesinnung und an der prinzipiellen Durchführbarkeit seiner Pläne. Bei so weltumspannenden Zielen ist eine große Abstraktionsfähigkeit eben erforderlich. Seine Entwicklung vom Naturwissenschaftler und die mannigfachen Wandlungen des Jugendbundes sind ein Beweis für seine Achtung vor den Tatsachen. Ich bin seinetwegen aus der Kirche aus und in die sozialdemokratische Partei eigetreten, bin Antialkoholiker und Nichtraucher geworden. Die vielen Bedenken und gefühlsmäßige Hemmungen habe ich im Interesse der großen Sache weggeschoben.“

Kurzkommentar: Schaltenbrand stammte aus einem rheinischen katholischen Elternhaus, in dem ein liberaler Geist herrschte. Kirchgang und „Paffen“ galten nicht viel. Schaltenbrand verspürte nach eigenen Aussagen schon früh eine Distanz zu Kirche und Religion. Er war nicht religiös eingestimmt. Sein naturwissenschaftliches Weltbild geriet in Widerspruch zur katholischen Lehre. Nelson und seine Anhänger waren erklärte Gegner der katholischen Kirche. Der „Meister“ war geradezu ein Katholikenhasser. Wer vom Internationalen Jugendbund und später vom Kampfbund aufgenommen werden wollte, musste faktisch aus der Kirche austreten. „Genossen setzt die Tat! das Beispiel Eures Kirchenaustritts!“ (ISK, 3. Jg. 1.Heft, Januar 1928, S. 12). Schaltenbrand entschied sich dazu im Jahr 1923 und nahm diese Entscheidung nie mehr zurück. „Ultramontan“ orientierte Kollegen blieben ihm generell suspekt.

Sein Eintritt in die SPD bedeutete einen radikalen Bruch mit der parteipolitischen Orientierung seiner großbürgerlichen Familie. Seine Eltern und sein Bruder wählten Deutsch-National, er bis 1923 die Demokratische Volkspartei, danach die SPD. Er wähle „nur nach den Programmen“, bekannte er. Im politischen Familiengespräch schimpfte er auf die Deutschnationalen. Sie seien Geldsäcke, Kriegshetzer und verkappte Monarchisten. Sein Vater bezeichne, so hielt er fest, die Demokraten als Juden und Flaumacher (19. I. 1919).

Aus den Jahren von 1924 bis 1928

„17. II. 1924: Wenn ich mich damit [mit dem Handeln seiner Vorbilder – A.M.] vergleiche, so bin ich eine armselige, zerrissene Persönlichkeit. Ich leide chronisch an schlechtem Gewissen. Nelsons Erziehung! Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Bei jedem Brocken Fleisch muss ich an das getötete Tier denken. Und doch finde ich die Kraft nicht, mich dem IJB. ganz in die Arme zu werfen. Vegetarier, Politiker zu werden. Es würde für mich den Schluss meiner wissenschaftlichen Arbeit, meines >bürgerlichen Ideals< bedeuten. Ich habe nicht die Intensität, Reaktionsfähigkeit und auch nicht den Fanatismus dazu (…) Und so leide ich dauernd an schlechtem Gewissen, missgönne mir jede Freude und ich bin doch kein Bürger, sondern nichts, ein halber Sozialist, ein Rindvieh, ein Idiot! – voller Sehnsüchte.“

Kurzkommentar: Schaltenbrand hatte 1921 sein Staatsexamen mit „sehr gut“ abgeschlossen und die Stelle eines medizinischen Volontärs übernommen. Ungeachtet seiner Neigung zur Wissenschaft wollte er weiterhin am Aufbau einer ausbeutungsfreien und gerechten Gesellschaft mitwirken. Er sah in der Organisation und Durchführung von aufklärerischen Kursen für sich eine Möglichkeit, „im Interesse der großen Sache“ neben seiner medizinischen Berufsarbeit politisch tätig zu bleiben. In seinem Tagebuch hält er dieses Engagement an mehreren Stellen fest. Zwei Beispiele mögen genügen, um zu dokumentieren, wie ernst es ihm war, an der Verwirklichung der hohen Ziele mitzuwirken. Es sind zugleich fast komödienreife Szenen nach dem Motto „Edel gesinnter Bourgeois trifft zum ersten Mal auf Prachtkerl von einem Arbeiter, und der kann sogar denken. Den brauchen wir für unsere Bewegung.“ Und dann überkommen ihn, wie so oft, wieder Selbstzweifel [Mich erinnern diese Szenen wiederum lebhaft an die 1968er Jahre in Westberlin (siehe Blog-Kapitel 15).

„6. IV.1923: In München hatten wir fast eine Ortsgruppe des Internationalen Jugendbundes, die durch die Rührigkeit Hans Lehnerts zusammengehalten wurde. Es waren sonderbare Gestalten: außer ihm u. mir Anna Albrecht. Ein verkümmertes, bleichgesichtiges Mädchen, das wohl mehr aus Neugierde kam. Hans Reichenbach, ein Mann der Sicherheitspolizei. Unbeholfen, mit (…) Gedanken dahinvegetierend. Er war wohl nur durch Zufall bei uns gelandet. Fritz Endres. Ein ehemaliger Arbeiterführer u. Sozialist, ein prachtvoller Kerl, der sich mit Energie ins Zeug warf. Guntermann, ein unterentwickelter Bürostift in Kempten – verschüchtert, erstaunt, unzugänglich. Anderl, ein Halbgebildeter mit hohen Ambitionen, der von überall her etwas aufgelesen hatte, sich bei seinem Bildungstrieb als Arbeiter sehr unglücklich fühlte und recht wenig kritisch veranlagt war. Er war aber der vielversprechendste von allen. Sie kamen immer bei mir zusammen, wir lasen >Demokratie u. Führerschaft<, >Erziehung zum Führer als Weg zur Vernunftpolitik<. Meist trug Lehnert die Last der Arbeit, ohne zu klagen.“ [Sie lasen natürlich Schriften Nelsons – A.M.].

„30. IX. 1923: Hier arbeite ich im Verein mit Deppe bei einigen Gewerkschaftsfunktionären der Metallarbeiter u. in dem Helferkurs der proletarischen Jugendfreunde. Es ist das erste Mal, dass ich mit Arbeitern zusammenarbeite und ich bin überrascht, wie ernst und verantwortungsbewusst diese Menschen sind, wieviel größer ihre Denkbeweglichkeit, ihre Vorurteilslosigkeit ist als bei Bürgerlichen. Was ihnen fehlt ist die Flüssigkeit und Knappheit des Ausdrucks. Wir wollen die Besten von ihnen für unsere Bewegung und mit ihnen eine Ortsgruppe anfangen.“

Über Vegetarismus und Tierschutz / Schaltenbrands Menschenbild

6. Februar 1927: Mit Rauschenplatt hatte ich eine lange Diskussion über Vegetarismus. Sie aßen kein Fleisch, weil es die >Interessen< der Tiere verletzt, für menschlichen Genuss getötet zu werden. Ich setzte mich für das Interesse der Tiere ein, sich zu vermehren, das sich doch durch ihren Zeugungstrieb ebenso deutlich äußert, wie in ihrem Selbsterhaltungstriebe mit allen zugehörigen Phänomenen. Das Individuum als solches dem Interesse wird von der Nelson´schen Philosophie überschätzt. Die Rasse dem Interesse (d.h. den Selbsterhaltungstrieb) des Individuums opfern – und darauf kommt der konsequente Vegetarismus hinaus – ist Unsinn. Meiner Ansicht ist das Schlachtvieh eine Symbiose mit dem Menschen eingegangen, in dem es ihm alles in allem besser geht als den aussterbenden wilden Tieren. Dass man beim Schlachten nicht unnütz quälen soll, versteht sich von selbst.  Ich bin so konsequent zuzugeben, dass ich es nicht einmal Unrecht fände, wenn das Fleisch gestorbener Menschen gegessen würde. Allerdings empört sich das Gefühl dagegen. Aber das ist eine aesthetische Frage, die mit ethischen nicht verwechselt werden sollte. Ich verstehe, wenn man aus aethetischen u. pädagogischen Gründen den Fleischgenuss ablehnt, und werde es selbst versuchen, sobald ich dies tun kann, ohne in den Ruf völliger Verrücktheit zu geraten. (Den Ruf partieller Verrücktheit habe ich schon).  Dass man nicht berechtigt ist einen Menschen zu töten, versteht sich von selbst. Denn das menschliche Individuum trägt tatsächlich bereits einen Funken der göttlichen Schöpferkraft im Gehirn. Wo dieser Funken verloren ist, da hat man auch das Recht, den „Menschen“ zu töten, denn er ist nicht mehr als andere Tiere auch. Und dieser >Funken<  – die Quelle des >Rechts<  beschränkt die Rechte anderer Wesen zugunsten derer mit Rechtserkenntnis: Eben weil er uns als etwas absolut wertvolle erscheint, als Anmut, Kraft, Intelligenz und jede andere Eigenschaft, die auch dem Tier zukommt. Die Erkenntnis und Verwirklichung des Rechts gehört zu den Schöpfungen, so wie die Schöpfungen des Künstlers. Aber die Schöpfungen des Künstlers sind Spiel, und Rechtserkenntnis ist sehende Schöpfung. Sie erst gibt dem Leben Sinn, ordnet sich alles unter, und weist allen Trieben, Begierden, Bedürfnissen ihren Platz an Der rechtliche Mensch ist vielleicht der Mensch der Zukunft. Bisher trat er nur in einzelnen Exemplaren auf – Konfuzius, (?), Plato, Kant, Nelson war einer von ihnen. Die große Masse lehnt es ab, auf eigene Verantwortung zu handeln. Die meisten Menschen sind eher kunstvolle Tiere und verdienen kaum den Namen >homo sapiens<.“

Bedingungslose Entschiedenheit in der Wissenschaft etwas Großes zu leisten

Schaltenbrand hatte von Anfang an alles auf eine Karte gesetzt: auf die Wissenschaft als moderne Institution und auf eine fachwissenschaftliche Karriere, die eine ordentliche Professur zum Ziel hatte. Das war sein, wie er bekannte, bürgerliches Ideal. Darauf liefen all seine Hoffnungen und Pläne hinaus.  Jeden Gedanken an einen potenziellen anderen Beruf wies er für sich zurück. In der Wissenschaft sah er das entscheidende Zukunftsprojekt der Gesellschaft. Die zukünftige Gesellschaft sei eine Wissenschaftsgesellschaft, eine Gesellschaft des Wissens. An Nelson schätzte und bewunderte er dessen bedingungslose Entschiedenheit, in der Wissenschaft etwas ganz Großes zu leisten. Wiederholt notierte er, manchmal in selbstironischer Manier, er sähe keine berufliche Alternative, und eine Professur sei partout sein Ziel. Wissenschaftler zu sein und Wissenschaft zu betreiben, sei seine Lebensform, der er alles andere unterordne. Zwei Beispiele:

5. Juni 1925: Wenn ich nicht eine derartige Abneigung gegen Nationalismus, Religion, bürgerlichen Lebenswandel, Alkohol, Tabak und höhere Töchter hätte, könnte ich eine >glänzende Karriere< machen. Aber eines Tages werden die Leute doch merken, woran sie mit mir sind und es fragt sich nur, ob ich ihnen vorher noch rechtzeitig beibringen kann, dass ich partout eine Professur haben muss. Darauf will ich nämlich hinaus.“

01. IX. 1925: Ich gehöre zu jenen Typen, die (nach Adler aus Insuffizienzgefühlen) sich in ihren Tagträumen die höchsten und in ihren tatsächlichen Plänen sehr hohe Ziele stecken. Und ich habe das zweifelhafte Talent, diesen Zielen sehr vieles unterzuordnen, durch dessen Betonung weniger streberhaft Leute hundertmal versacken würden. Professor zu sein, ist doch etwas Schönes! Ich übe mich schon seit Jahren in der Vergesslichkeit, um dieses hohe Ziel zu erreichen.“

Zwölf Jahre wissenschaftliche Wanderschaft, 1923 bis 1935

Nach seiner Promotion (Dezember 1923) durchlief er bis 1935 eine lange Reihe von Ausbildungsstationen: Bis 1924 arbeitete als Volontär auf der Abteilung von Prof. Dr. med. Max Nonne an der Universitätsnervenklinik Hamburg Eppendorf.

Georges Schaltenbrand und Prof. Dr. Max Nonne im Hörsaal, undatiert
Photo: Archiv Alf Mintzel

Georges Schaltenbrand und Prof. Dr. Max Nonne im Labor, undatiert
Photo: Archiv Alf Mintzel

„30. IX. 1923: Inzwischen habe ich mich in Hamburg eingerichtet. Auf der Nonneschen Abteilung bin ich gut eingearbeitet, die Aussichten auf ein Weiterkommen sind indessen gering, da ich zu wenige persönliche Beziehungen habe. Nonne ist ein kleiner, untersetzter Pykniker mit einem etwas schulmeisterlichen Zug. Er ist ein großer Praktiker, Patriot und Antisemit. Er hat irgendeinen psychischen Knick: er stottert und sein Auge ist etwas unsicher. Er arbeitet von früh bis spät, aber extensiv.“

Danach erhielt er ein Stipendium der Rockefeller Foundation, welches er nutzte, um seine Ausbildung bei bekannten ausländischen Lehrern zu vervollständigen. Er knüpfte dabei ein internationales Beziehungsnetz. Ein halbes Jahr verbrachte er in Utrecht im Laboratorium von Prof. Dr. med. Magnus, ein Jahr an der Universitätsklinik in Amsterdam bei Prof. Dr. med. Brouwer.  Dann ging es 14 Monate in die USA nach Boston an die Klinik des Hirnchirurgen Prof. Dr. med. Cushing und ins Laboratorium des Neuropathologen Prof. Dr. med. [Stanly – A.M.] Cobb. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitet er vom April 1927 bis Ende September 1928 wieder bei seinem Mentor Prof. Nonne, nun als wissenschaftlicher Assistent am Eppendorfer Krankenhaus. In dieser Zeit habilitierte er sich mit einer „Studie zum Aufbau zur menschlichen Motorik“. Für diese Arbeit wurde er im Januar 1928 mit dem Martinipreis ausgezeichnet. Die berufliche Unsicherheit blieb dabei seine ständige Begleiterin. In seinem Kollegen Prof. Heinrich Pette sah er einen Konkurrenten, der seine Chancen zunichtemachen könnte.

„1928: Anfang des Jahres 1928 habe ich mich habilitiert. Nonne schätzte mich sehr, aber die Kutsche in Eppendorf ist so verfahren u. meine Stellung war so aussichtslos, dass ich einen Ruf nach Peking angenommen habe. Pette zeigt nicht die geringste Neigung wegzugehen. Andere Stellen öffnen sich in Deutschland nicht (…) Nonne ist mir sehr böse, dass ich weggehe, vielleicht noch böser, dass meine >Wahl< so und nicht anders ausfiel. Glücklicherweise ließ er mir bis zuletzt sehr viel Zeit, so dass ich mich (…) auch noch meiner Muskeltonusmaschine widmen konnte. Aber meine Kollegen machten doch etwas saure Gesichter, weil ich ihnen so viel Arbeit zuschob.“

Im Sommer 1928 erhielt er einen Ruf an das Peking Union Medical College, an dem er zwei Jahre als „Associate in Neurology“ fungierte.

Medical Guide der National Medical Association Of China, 1928, Schaltenbrands persönliches Exemplar

Gebäude des Peking Union Medical College Hospital

Vom Sommer 1929 bis zum Sommer 1930 leitete er dort selbständig die neurologische und psychiatrische Abteilung. Im Oktober 1930 kehrte er aus China zurück und übernahm an der Universitäts-Nervenklinik in Hamburg-Eppendorf die Stelle eines Sekundärarztes.

Dr. Georg (sic!) Schaltenbrand wird zum ausserordentlichen Professor ernannt,
29. Dezember 1932

Im Dezember 1932 wurde ihm der Titel des außerordentlichen Professors der Universität Hamburg verliehen. Er hatte sein lange ersehntes Ziel fast erreicht – fast! Es fehlte noch ein Ruf auf ein Ordinariat mit eigener Wirkstätte und mit eigenem Personal für seine großen Forschungspläne.

Katastrophenstimmung und „Torschlusspanik“ – die Jahre 1933 und 1934

Zwei Ereignisse waren es 1933, die ihn existenziell besonders beunruhigten: Auf der nationalen Ebene die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, die von den Nazis so genannte  Machtergreifung, und die weitere Festigung der NS-Herrschaft. Auf der beruflichen Ebene stand eine andere Zäsur bevor: Sein Mentor Prof. Nonne wurde zum 1.Oktober 1933 emeritiert. Dessen freiwerdender Lehrstuhl war für eine Neubesetzung ausgeschrieben. Schaltenbrand wurde bis zur Ernennung eines Nachfolgers mit der Vertretung der neurologischen Klinik beauftragt, was ihn hoffen ließ, Nonnes Nachfolger zu werden. Auf die Professur bewarben sich  die drei Neurologen-Schwergewichte Schaltenbrand, Heinrich Pette und Viktor von Weizsäcker. Jetzt wird sich entscheiden, so sah Schaltenbrand die Situation, ob er auf einem mittleren Rang der Medizin hängen bleibt oder ob er in eine Top-Position der medizinischen Wissenschaft aufsteigen und zu großer Forschung mit potenziell nobelpreisverdächtigen Ergebnissen ansetzen kann. Pette gewann den Wettbewerb und wurde berufen – wie sich später herausstellte mit hintergründiger Hilfe des nach wie vor einflussstarken Nonne. Der um zehn Jahre ältere Pette war beruflich und politisch in einem situativen Vorteil. Er war nach den Märzwahlen 1933 in die NSDAP eingetreten. Pette galt in der Fakultät nicht nur wegen seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch wegen seiner positiven Einstellung zum NS-Staat als geeignet. Die Hochschulkommission der NSDAP hatte sich für  ihn ausgesprochen. Von Weizsäcker und Schaltenbrand galten – im NS-Jargon –  als „politisch unzuverlässig“. (Siehe zu dem Fragenkomplex Michael Martin – Axel Karenbrg – Heiner Fangerau: Heinrich Pette (1887-1964) und die schwierige Bewertung seiner Rolle von der Weimarer Republik bis in die BRD“, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1, S. 535 u. 539). Schaltenbrands politische Vergangenheit im Internationalen Jugendbund und im Internationalen Sozialistischen Kampf-Bund dürfte sich herumgesprochen haben. Er musste mit Indiskretionen und Denunziationen rechnen.  Schaltenbrand befürchtete nur noch geringe Chancen zu haben, in eine ordentliche Professur zu gelangen.

Eintritt in den „Stahlhelm“, 1933

In der medizinischen Fachliteratur werden besonders zwei Tatsachen für starke Indizien für eine positive Einstellung Schaltenbrands  gegenüber dem Nationalsozialismus gehalten: seine Unterschrift unter das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ vom  November 1933 und sein Eintritt in den deutschnationalen, antidemokratischen Frontkämpferbund „Stahlhelm“ im gleichen Jahr. Was mag wirklich sein Handlungsmotiv gewesen sein? Wer seine politische Vergangenheit in der Weimarer Zeit kennt, steht in der Tat vor widersprüchlichen Handlungen.  Aus einer nationalsozialistischen Gesinnung heraus konnte der Schritt wohl nicht erfolgt sein.

Im Monatsblatt des Internationalen Sozialistischen  Kampf-Bunds, in der isk, war im Juli 1928 ein Artikel publiziert worden, der sich mit dem „Stahlhelm“ auseinandergesetzt und den ISK vom „Stahlhelm“ abgegrenzt  hatte (isk, 3. Jg. 7. Heft, Juli 1928; S.103-108). Schaltenbrand, das darf als sicher gelten, hatte sich also mit der Organisation und den Zielen des „Stahlhelm“ befasst.  Der Bund der Frontsoldaten nahm ohne Rücksicht auf Stand, Partei und Bildung alle Frontsoldaten auf. Isk: „Unbestreitbar haben ISK und Stahlhelm etwas Gemeinsames. Beide lehnen es ab, die Erreichung ihres Zieles dem wechselvollen Zufall der Mehrheitsentscheidungen auszuliefern Kurz, beide lehnen die Demokratie ab.“ (isk 3. Jg. 7. Heft, Juli 1928, S. 104) Was beide Organisationen grundsätzlich unterscheide, seien ihre jeweiligen Ziele. Der „Stahlhelm“ behauptet programmatisch, allein er habe „die Kraft, das Deutsche Volk und die Straße von der Pest der Rotfrontbewegung zu befreien.“ Das Ziel des ISK sei dagegen „die Verwirklichung der ausbeutungsfreien Gesellschaft.“ Die politischen Ziele des ISK und des „Stahlhelm“ waren folglich  krass gegensätzlich, also zu verschieden, um einfach ohne besonderen Anlass die Front zu wechseln. Dieser besondere Anlass war meines Erachtens eine berufliche Katastrophenstimmung und aufkommende Panik. Darauf lässt sein ausführlicher Bericht über die Ereignisse und Vorgänge um das Jahr 1933 schließen. Es war seine Ehefrau, so hielt er es in seinem Tagebuch fest, die ihn drängte, dem „Stahlhelm“ beizutreten. Er gab in einer Art beruflicher Krisenstimmung ihrem Drängen wider Willen nach. Zum SA-Mitglied wurde er durch die kollektive Überführung des „Stahlhelms“ in die SA.

Fälligstellung des Jahresbeitrags zum NSDAP-Dozentenbund, 22. Dezember 1941

Georges Schaltenbrands „militärischer Lebenslauf“, undatiert

Schaltenbrand nutzte 1936 den sogenannten Röhm-Putsch (1934), der zu einer Schwächung der SA führte, um 1936 förmlich aus der SA auszutreten. So fiel sein Austritt nicht negativ auf. Er begründete seinen Schritt allerdings, wie aus dem Dokument hervorgeht, mit Arbeitsüberlastung.

Der folgende Auszug aus seinem Tagebuch-Bericht, den er wenige Monate nach seinem Dienstantritt an der Universität Würzburg (März 1935) schrieb, scheint mir ein Schlüsseltext zum Verständnis seiner opportunistischen Entscheidungen zu sein.

Rückblick auf die Jahre 1933/34

„14. VIII. 1935:  Schon als der 1. April gekommen war, fielen auf einmal alle um, auch die vorher in mein Horn getutet hatten, wurden nun vor Torschluss noch schnell Parteigenossen. Eine ganz kleine Zahl von Leuten blieb außerhalb der Partei, weil man ihnen Philosemitismus, Liberalismus, Pazifismus, Intellektualismus, Internationalismus, Kommunismus vorwarf. Ich gehörte zu dieser Gruppe. Ich stellte fest, dass man mich schon seit Monaten bespitzelt hatte, man hatte Aussagen über mich schriftlich niedergelegt. Ein Gremium hatte entschieden, wer der Aufnahme in der Partei würdig war oder nicht. Nur wenige hatten mir offen opponiert, ein einziger Freund hatte mich gewarnt, stets zu mir gehalten. Braunbehrens, später auch Stender. Ich entdeckte, dass einer meiner engsten Mitarbeiter, Demme, plötzlich ein feuriger Nationalsozialist wurde, wovon man vorher gar nichts bemerkt hatte.  Er wurde zum Vertrauensmann der Partei in der Fakultät gemacht u. wurde Intimus u. persönlicher Berater des Leiters des nationalsozialistischen Ärztebundes, Holzmann, der nunmehr die Geschicke der Hamburger Ärzteschaft lenkte. Alle meine Bewerbungen um freiwerdende Stellungen wurden abgelehnt, stattdessen nahm man junge, unbeschriebene PGs. Ich kam mit Pette u. von Weizsäcker auf die Liste für die Nachfolgerschaft Nonnes, aber von Weizsäcker u. ich wurden als >untragbar für die Partei< nicht zugelassen. [siehe die Erörterung und Beurteilung dieser Vorgänge bei Michael Martin – Axel Karenberg – Heiner Fangerau: „Zwischen >Affirmation und Kritik<: Karl Kleist und Viktor von Weizsäcker zwischen 1933 und 1945“, in: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit, S. 585 – A.M.]  Man steckte mich zwar nicht ins K.Z. warf mich auch nicht hinaus, aber man ließ mich sitzen u. überging mich. Eine Zeitlang behorchte man auch meine Telefongespräche. Es wurden mir sehr schwer, den Mund zu halten, >wessen das Herz voll ist< u. s. w. Man hatte das unbedingte Bedürfnis, sich auszusprechen u. war doch auf Schritt u. Tritt von Spionen umgeben. Demme bekam die Nachfolgeschaft Embdens, Pette die Nonnes, als Pettes Nachfolger holte man einen sehr netten, lieben, ganz jungen und ziemlich unbedeutenden Mann mit einem leichten Turmschädel, H.R. Müller. Dieses Schicksal hatte ich glücklicherweise schon einige Monate vorher durch eine Indiskretion der Frau Demme erfahren, die alles sogar telefonisch (…) verraten hatte. Demme selbst hatte einmal in leicht angetrunkenem Zustand  (…) seine Geheimnisse gelüftet u. von da erfuhr ich es via Keining [?]-Hopf. So war ich einigermaßen gefasst, als im Laufe des Jahres 1934 eine Hiobsbotschaft nach der andern über mich hereinprasselte. Einige Leute krochen Demme erfolgreich in den Arsch, z B. der junge Kümmel, der ein Kieler Krankenhaus bekam. Schließlich ergab sich für mich eine Gelegenheit als Nachfolger des besagten kleinen H.R. Müller nach Würzburg zu gehen. Hier sitze ich nun an der Grafeschen Klinik und organisiere eine neurologische Abteilung, die schon ganz gut floriert. Auf Lus [Ehefrau Luise Schaltenbrand – A.M.] dringendes Zureden trat ich erst in den Stahlhelm ein [1933 –  A.M.], nachher mit vielen anderen mehr, weniger unfreiwillig in die S.A. Der Entschluss dazu ist mir schwer genug gefallen. Aber man muss sich entscheiden – ein Kampf gegen die Bewegung ist im Lande selbst nicht mehr möglich. Sie sitzt ebenso fest im Sattel wie der Faschismus in Italien [in anderer Tinte eingefügt – A.M.], oder der Kommunismus in Russland. Für wenigstens eine Generation ist eine Bestimmung der Schicksale Deutschlands nur im Rahmen der Bewegung möglich. Märtyrertum ist zwecklos, denn es findet bei der perfekten Kontrolle von Zeitung und Rundfunk keine Resonanz. Es gibt für mich nur drei Möglichkeiten: Auswandern u. in einem fremden Lande das missliche Schicksal eines Emigranten zu tragen u. deren gibt es jetzt schon genug u. sie haben die freien Stellungen nötiger der ich sie zumindest in USA leicht bekommen könnte.  Nichtmitmachen u. im Lande Privatpraxis treiben – das bedeutet Verzicht auf die Klinik, Verzicht auf wissenschaftliche Arbeit. Der dritte Weg ist Anschluss an die Bewegung suchen, zu sehen, was mit der >Kunst des Möglichen< zu machen ist, und mit Geduld warten, ob nicht doch eine besseren Einsicht kommt, dass ein guter Arbeiter mehr wert ist als ein rabiater Maulaufreißer. Ein unerwarteter Helfer ist mir in Girndt entstanden, der meine Zwischenanamnese nur aus der Ferne kennt u. der in Frankfurt ein ähnliches >Großreinemachen< veranstaltet hat wie Holzmann in Hamburg.“

Schaltenbrand entschied sich für den dritten Weg mit all seinen intellektuellen und politischen Fährnissen. Er hatte 1934 einen Ruf an die Universität Würzburg erhalten,  wo er am 1. März 1935 die Leitung der Nervenabteilung der Medizinischen und Nervenklinik der Universität übernahm. Im Dezember 1937 (im Jahr seines Eintritts in die NSDAP) wurde ihm ein Extraordinariat für Nervenheilkunde mit dem Titel des persönlichen Ordinariats verliehen. Das Ziel seiner Hoffnungen und Träume war endlich erreicht. Nach dem 8. Mai 1945 erhielt er für seine „kompromisslerische“ Haltung und seinen „Anschluss an die Bewegung“ eine beruflich und politisch bittere Quittung. ein überzeugter Nationalsozialist war er nicht gewesen, dennoch hatte er durch sein Mitmachen trotz innerlicher Distanz die Machtstrukturen des NS-Staates unterstützt.

 

Weitere Dokumente:

 

 

 

Ausgewählte Literatur:

Generell die in den Blog-Kapitel 64 und 65 genannten Literaturangaben.

Michael Martin – Axel Karenberg – Heiner Fangerau: Zwischen „Affirmation und Kritik“: Karl Kleist und Viktor von Weizsäcker zwischen 1933 und 1945, in: Der Nervenarzt Bd.91, Supplement 1, Februar 2020,S. 584f.

Michael Martin – Heiner Fangerau – Axel Karenberg: Max Nonne (1861-1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Suuplement 1, Februar 2020,  S. 513-521.

Michael Martin – Heiner Fangerau – Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt Bd. 91, Supplement 1,Februar 2o20, S. 543-552.

Michael Martin – Axel Karenberg – Heiner Fangerau: Heinrich Pette (1887-1964) und die schwierige Bewertung seiner Rolle von der Weimarer Republik bis zur BRD in: Der Nervenarzt Bd. 91,Supplement 1, 2o20, S. 535-542.

Grete Hermann: Die Lehre vom Recht als wissenschaftliche Grundlage des Sozialismus, in: isk, 7.Jg., 7.  Heft, Juli 1932, S.116-125.

Willi Eichler: Das Ende der Demokratie, in: isk, 7. Jg.  6. Heft, Juni 19332; S. 97-101.

Hanna Fortmüller: ISK und „Stahlhelm“, in: isk, 3. Jg. 7. Heft, Juli 1928, S. 103-108.

Hanna Fortmüller: Vorwärts zur Einheitsfront, in: isk, 7. Jg. 8. Heft August 1932, S.145—151.

Heinz-J. Heydorn: Leonard Nelson Ausgewählte Schriften herausgegeben und eingeleitet von Heinz-Joachim Heydorn. Europäische Verlagsanstalt 1974.

Der Nervenarzt, Band 1, Supplement 1, Februar 2020.

Leonard Nelson: System der philosophischen Rechtslehre und Politik, Verlag „Öffentliches Leben“ Berlin.

Minna Sprecht; Die politische Bedeutung des Charakters, in isk, 7.Jg. 7. Heft, Juli 1932, S. 125-1332.

65. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand – Es geht um meine ganze Existenz. Auszüge aus seinen Tagebüchern (II), 1945 – 1950

(In Anknüpfung an das Blog-Kapitel 41 „On the sunny side of the street I”)

Tagebuch-Aufzeichnungen sind fragwürdige Quellen

Klar – Tagebuchaufzeichnungen sind in vieler Hinsicht fragwürdige Quellen. Doch weise ich erneut ausdrücklich darauf hin, dass ich auch in diesem Blog-Kapitel den strikten Anforderungen an eine wissenschaftliche Biografie nicht nachkommen kann. Ich muss mich auf die selektive Wiedergabe von Auszügen beschränken, deren Inhalte mir besonders aussagekräftig erscheinen und Rückschlüsse auf die komplizierte Persönlichkeit meines Schwiegervaters Georges Schaltenbrand zulassen. Dabei rücke ich Passagen in den Fokus der Aufmerksamkeit, die für die einschlägige medizinische Fachdiskussion von besonderem Interesse sein dürften. Es müssten viele Personalien und Biografien geklärt werden. Meine Kurzkommentare zu einzelnen Auszügen ersetzen keinesfalls eine wissenschaftlich-editorische Bearbeitung der Tagebuchtexte. Sie bieten nur markante Hinweise auf Schaltenbrands politische Ansichten und Handlungsmotive. Ich sehe in den Aufzeichnungen individuelle (subjektive) Stimmungsberichte, die das damalige Leben beschreiben und in denen sich der Facettenreichtum der Biografie Schaltenbrands spiegelt.

Schaltenbrand führt nach der Kapitulation vom 8. Mai 1945 seine tagespolitischen Aufzeichnungen und persönlichen Jahresberichte bis Ende 1968 fort, wobei das Hauptgewicht auf den Nachkriegsjahren liegt. Die Jahre von 1945 bis 1950 erlebt er als tiefen Einschnitt in sein berufliches und privates Leben. Er schildert ausführlich und in vielen Details die verworrenen Nachkriegsverhältnisse und ihre Wirkung auf das Familienleben. Er berichtet über Nöte und Ängste, die vielen Provisorien und die Abgründe des Alltags. Es handelt sich um Texte mit gemischten Inhalten. Die verschiedenen Sphären und Ebenen – Besatzungspolitik in den verschiedenen Okkupationszonen, weltpolitische  Ereignisse und Vorgänge, Berufssituation,  Entlassung aus dem Amt, Entnazifizierung, persönliche und berufspolitische Vorgänge in der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg, Privates und allzu Privates – das alles wird in den Niederschriften vielfach verwoben. In Form von  Kurzkommentaren blende ich eigene Stellungnahmen ein.

8. Mai 1945 – Niederlage oder Befreiung?

Schaltenbrand hat wie viele seiner Zeitgenossen die militärische Besetzung und bedingungslose Kapitulation Deutschlands nicht als Befreiung erlebt, sondern als eine, wenn gleich „verdiente“, Niederlage. In dieser sieht er die geschichtliche Quittung für den Wahnsinn des Psychopathen Hitler, der Deutschland in eine irrsinnige Katastrophe geführt hatte. Deutschland müsse nun unter Fremdherrschaft Demütigungen und Erniedrigungen erdulden. Befreit seien nur die geworden, die in den Konzentrationslagern eingesperrt gewesen waren. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sieht er eine Siegerjustiz walten, welche die Verbrechen, die auf der Seite der Alliierten begangen worden waren, nicht zur Sprache kommen lässt. Die „Fliegergeneräle“, welche zahlreiche deutsche Städte zerstört haben, gehörten seiner Ansicht nach ebenfalls vor Gericht gestellt und verurteilt. Schaltenbrand rechnet vielfach auf und zieht mitunter äußerst fragliche Vergleiche.

Die Amerikaner sind da!

13.IV.45: Am Freitag, dem 13. IV. beim Mittagessen meldete uns Else [Haushaltshilfe – A.M.], die Amerikaner seien da. Den ersten Spähwagen folgten bald eine ohrenbetäubende Kavalkade von Hunderten schwerer Panzer und ein riesiger motorisierter Tross. (…) Nun ist das fremde Volk hier auf deutschem Boden, wir sind im Schloss [Wiesentheid, südl. von Würzburg – A.M.] eingesperrt, von Wachen umgeben. Nur den Kindern imponiert dieser Zirkus (…). Die Waffen, selbst lächerliche Messer, wurden eingezogen. Im Ganzen benehmen sich die Truppen nicht schlechter als sich Deutsche auf feindlichem Boden benommen hätten. Alles atmet auf, dass die Hauptgefahr vorüber ist. Aber wie wird das enden? Zunächst steigen wir von einem Zuchthaus in das andere um (…).“

Kurzkommentar: Eine ohrenbetäubende Kavalkade von Hunderten schwerer Panzer und ein motorisierter Tross – genauso erlebte ich am 20. April 1945, „an Führers Geburtstag“, die militärische Besetzung des Landstrichs, in dem wir lebten (siehe Blog-Kap.5). Eine Armada von amerikanischen Panzern rollte auf uns zu, voran Spähwagen, die Maschinengewehre im Anschlag, nach den Panzern der Tross. Die kollektiv erlebten Situationen und Bilder prägten sich bei der Elterngeneration wie bei den Kindern und Jugendlichen tief ein. Ich habe diese Bilder immer noch vor Augen und das Rattern der Panzerketten im Ohr. Aber ich habe den Durchzug der feindlichen Armada nicht als einen „Zirkus“ erlebt, nicht als ein Amüsement, sondern als eine ungeheure militärische Machtdemonstration. (Ausführliche Beschreibung der Situation und des Vorgangs der Besetzung siehe 5. Blog-Kapitel vom 26. 04.2016.) Doch gab es auch komische, wenn nicht gar groteske Ereignisse. Mir ist deutlich in Erinnerung geblieben, wie sich mein Vater gegenüber US-amerikanischen Soldaten verhielt, die kurz anhielten und durstig nach Bier verlangten. Mein Vater zeigte feindselig auf den kleinen gegenüberliegenden Bauerngarten mit den Worten: „Over there is water!“ Die Besetzung empfand er als Niederlage und Demütigung. So beschreibt es auch Schaltenbrand: Die fremde Okkupationsmacht baut das bisherige NS-Zuchthaus zu einem des Siegers um, wobei sich seine verqueren Gedankengänge, der Zuchthausvergleich, als historisch obsolet erwiesen und erledigt haben. Dazu im Folgenden ein weiterer Tagebuchauszug.

Interniert im „War Hospital Kaserne Bad Mergentheim“, 1945, zur ärztlichen Versorgung von Kriegsgefangenen

„In Wiesentheid hatte ich ein paar Tage tatenlosen Abwartens verbracht und gerade Vorbereitungen getroffen, ein Buch über den Psychopathen [Adolf Hitler – A.M.] zu schreiben, dessen Opfer wir geworden sind, als die Amerikaner Müller [einen seiner Mitarbeiter in der Würzburger „Kopfklinik“] und mich abholten und nach Mergentheim in ein Riesenlager brachten, um uns einen Tätigkeitsbereich zuzuweisen. Hier sitzen wir nun als Kriegsgefangene und warten sehnsüchtig auf den Tag der Befreiung. Die Zeit verging für mich rasch mit allen möglichen Improvisationen und der Organisation des Lazaretts, das aus dem Boden gestampft werden musste. Ununterbrochen rollten die Transporte mit Schwerstverwundeten an, als noch kaum Betten standen. Die armen Kerls starben wie die Fliegen. ( … ) Die hygienischen Verhältnisse spotteten zunächst jeder Beschreibung. Zu wenig Latrinen, die auch zum Teil noch verstopft, Kotfluten über halbe Korridore (…). Die Offiziere halfen uns und kamen unseren Wünschen sachlich allmählich entgegen, sodass das Lazarett jetzt passabel u. die hohe Zahl der Todesfälle abgesunken sind. Inzwischen vollendete sich die irrsinnige Katastrophe unseres Volkes. Bis zuletzt wurde der sinnlose Kampf fortgesetzt, noch zerstört, was noch zu zerstören war. Bis schließlich Dönitz kapitulierte. Über das  Radio hört man nach dem Waffenstillstand das Triumphgeschrei der ganzen Welt. Das einzig versöhnende war an diesen Tagen, dass abends der Luxemburger Sender (…) die V. Symphonie von Beethoven sendete. Die hörten wir schweigend und mit Träne in den Augen an.

Nun müssen wir alle die Demütigungen und Erniedrigungen der Fremdherrschaft erdulden (…). So werden jetzt die Gräuel der Konzentrationslager in allen Einzelheiten aufgedeckt und mit derselben Penetranz breitgetreten wie seinerzeit Katyn und Winizy [unleserlich – A.M.] Natürlich wird uns diese Schmach zu Last gelegt (…).

Inzwischen dreht sich das Rad der Geschichte weiter. Es mehren sich Stimmen der Kritik aus den angelsächsischen Ländern an den russischen Bundesgenossen u. seine Vasallen. Und der japanische Krieg scheint sich ebenfalls zu einer baldigen Katastrophe für Japan zu entwickeln. Wird danach noch ein Krieg mit Russland? Deutschland wieder als Schlachtfeld und wir als Kanonenfutter für beide Seiten? Interessant ist der Gegensatz der Propaganda dieser beiden Mächte. (…) Das Leben in der Heimat ist völlig erstarrt, wie ein Aal in Aspik [einer seiner absurden Vergleiche  A.M.]. Alle Zahlungen, jeder Güterverkehr, Telefon, Reisen, Post, Zeitungen, Schulen haben aufgehört. Alles wartet. Nur auf den Landstraßen wandern entlassene Soldaten und Rückwanderer in die zerstörten Gebiete, die wiederaufbauen wollen.(…).

Während der erregenden Tage, in denen die Katastrophe über Würzburg und über unser ganzes Vaterland hereinbrach, habe ich an mir selbst eine merkwürdige Beobachtung gemacht. Man sollte doch meinen, dass das Erleben so vieler furchtbarer Dinge den Menschen niederdrücken und lähmen würde. Stattdessen verspürte ich während der ganzen Zeit ein gesteigertes Lebensgefühl. War es das Herausgerissensein aus der bürgerlichen Existenz, die Notwendigkeit unvorhergesehene Situationen zu meistern, kurzum das >gefährliche Leben<, das dazu führte? Oder die Gewissheit, zu einem fürchterlichen Preis Recht behalten zu haben oder die grausame Wollust, die Entladung eines Gewitters zu erleben, dessen Zusammenballung bis zur Unerträglichkeit zum Schluss lange gefühlt hatten? Jedenfalls bin ich selten in meinem Leben so wach und tätig gewesen wie in diesen Tagen.“

Kurzkommentar: Schaltenbrand sieht die Deutschen in seinen Notizen gegenüber dem Psychopathen Hitler in einer Opferrolle. Viele Deutsche seien in Gefahr gewesen, in KZs eingesperrt zu werden. Das NS-Deutschland sei ein Zuchthaus gewesen. Dazu weiter:

„Ein Zuchthaus mit dem anderen vertauscht“

4. X. 45: Ich selbst arbeite wieder an meiner Abteilung. Als Pg. [Parteigenosse – A.M.] von 1937 bin ich natürlich amtsenthoben u. warte darauf, ob mir nicht auch (…) das Betreten meiner Klinik verboten wird. Die wissenschaftliche Arbeit ist uns sowieso verboten (…). Wir leben nun in der >amerikanischen Zone< und haben dadurch ein Zuchthaus mit dem anderen vertauscht. Mit Bürokratie und Papierkrieg sondergleichen wird die Gesinnungsschnüffelei betrieben, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Jude und KZ-Zugehörigkeit sind Trumpf, dann kommt die kleine Schar der Leute, die wirklich oder angeblich nicht in der Partei waren, dann das Riesenheer der früheren Pgs und schließlich die aktiven, die man gleich in politische Lager eingesperrt hat und denen man Schauprozesse vorbereitet. Da alle Pgs ausgemerzt werden, wird alles lahmgelegt, von den Schulen bis zum Geschäftsleben.

Leider sind offenbar nicht nur die Demokratie, sondern auch die Segnungen des Christentums vorläufig nebst Benzin und den Eisenbahnen in erster Linie für die Amerikaner monopolisiert. Die Zustände in den amerikanischen Gefangenenlagern waren nicht viel besser als in den berüchtigten Nazi-KZs. Die Leute hatten kein Dach über dem Kopf, keine Decke zum Zudecken, kein Bett zu schlafen, als Nahrung täglich 2 Biskuits und eine Wassersuppe. Sie erkrankten und starben wie die Fliegen. (…) Jetzt haben sie Zelte, schlafen auf bloßer Erde und werden in den letzten 14 Tagen vor der Entlassung gefüttert. Unsere bedeutenden Industrien, Schiffbau, Flugzeugbau, werden lahmgelegt, die Fabriken exportiert, die Pläne gestohlen, die Direktoren verhaftet. Mit der >Atombombe<, deren Pläne man anscheinend bei uns gefunden hat, wurde der japanische Krieg schnell beendet. So ist nun auch der asiatische Krieg beendet. Aber der Krieg gegen uns geht weiter, wenn auch mit anderen Methoden.“

Kurzkommentar: Einmal mehr ein höchstfragwürdiger Vergleich von amerikanischen Gefangenenlager und der in ihnen herrschenden Zustände mit Nazi-Konzentrationslagern. Die elenden Verhältnisse in den Kriegsgefangenenlagern waren unmittelbar nach dem Krieg situationsbedingte, vorübergehende Erscheinungen gewesen. Sie mit der industriell-bürokratischen Massenvernichtung von Menschen in den Konzentrationslagern des NS-Regimes zu vergleichen und aufzuwiegen, löst in mir heftigen Widerspruch aus. Schaltenbrand waren, wie im Blog-Kapitel 64 geschildert, die Massenmorde und grauenvollen Methoden der Exekutionen schon seit 1941 bis ins Detail bekannt gewesen, umso unverständlicher erscheint sein Urteil.

17. XI. 45. Die Welle der Entlassungen geht weiter (…). Alles seitdem General Eisenhower Patten [US-General George S. Patton, Militärgouverneur in Bayern – A.M.] seines Amtes enthoben hat. Seitdem weht ein scharfer Linkskurs. Emigranten und KZ-ler toben ihren Rachedurst aus, während ihre Gesinnungsbrüder in den anderen Ländern als Quislinge< hingerichtet werden. Sie können sich nicht genug tun ins Horn der Amerikaner zu tuten. Nun müssen die Nazis ein Teil dessen durchmachen, was früher die Juden erlitten haben. Nur mit dem Unterschied, dass es für sie kein neutrales Ausland gibt, wo sie sich verkriechen können. Dabei brauchten wir Tausende von Händen alle in dieser Stadt zum Wiederaufbau. (…) Wie viele Unschuldige werden weiter getroffen! Das ewig gläubige >Stimmvieh<, die zahllosen kleinen Beamten, Lehrer und Arbeiter, die blind und gläubig den Parolen der Partei gefolgt sind, die Konjunkturritter, die aus Angst und um der Lebenssicherung wegen mitgelaufen, sie alle werden jetzt auf die Straße gesetzt. Aber das Schlimmste ist doch das Schicksal der Menschen im Osten.“

Kurzkommentar: In diesen Notizen klingt immer wieder durch, die meisten Deutschen seien Opfer eines Psychopathen geworden. Sie hätten unter der ständigen Bedrohung gelebt, in einem KZ zu enden. Die Besatzungspolitik träfe nun viele Unschuldige. Viele kleine Nazis wären nichts anderes gewesen als gläubiges Stimmvieh. Sie seien blind den Parolen der Partei gefolgt. Sie seien von einer psychischen Epidemie erfasst worden, die eine „folie en masse“ ausgelöst habe, gegen die es keine Mittel gegeben habe (siehe nächster Auszug).

Zu US-General George S. Patton (1985-1945): Patton hatte in einem Interview mit US-Journalisten am 22. 09.1945 die NSDAP als eine „normale“ Partei, ähnlich den Demokraten und Republikaner in den USA, bezeichnet. Patton wollte ein Bündnis mit den Deutschen, um die Sowjetunion zu vernichten.

Zur „Siegerjustiz“ des Internationalen Militärtribunals gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg

24. II. 46: Inzwischen schleppt sich der Nürnberger Prozess weiter fort [der internationale Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, 20.11.1945-1.10.1946 – A.M.]. Da sitzt ein Haufen Leute auf der Anklagebank, denen ich, mit wenigen Ausnahmen, schon seit Jahren längst gerne (…) [unleserlich] Blei in den Nacken befördert hätte. Aber einzelne wie Schacht u. Roeder gehören wohl eigentlich nicht dazu. Ein ganzer Haufen, der eigentlich auch hingehört, fehlt, nämlich die Kommandanten jener Gefangenenlager, in denen deutsche Soldaten nicht besser behandelt wurden als Gefangene von Belsen u. Auschwitz, und die Fliegergeneräle, die Dresden, Würzburg überflüssigerweis in Trümmern gelegt haben. Es sind auch keine neutralen Richter da, sondern Ankläger, Richter u. Henker gehören wieder einmal demselben Verein an. U. das schadet der guten Sache. Der ganze Schmutz des Naziregimes wird da gemächlich u. möglichst langsam breitgetreten und umgerührt. Das ganze deutsche Volk soll daran schuld sein, das verkündet Herr Niemöller (er nimmt sich Gott sei Dank nicht aus).

Kann man eine seelische Epidemie mit den Maßen der bürgerlichen Moral messen? Eine >folie en masse< wie sie mit jeder Revolution einhergeht vor Gericht? Man könnte genauso gut den Vesuv wegen Pompejis vor Gericht laden oder den Virus Poliomyelitis. Wichtiger wäre es die Ursachen zu beseitigen, die zu dieser Explosion geführt haben. Stattdessen türmt man sie zu Haufen. Das Unrecht von Versailles war eine homöopathische Dosis im Vergleich zu dem, was uns jetzt aufgebürdet wird.  Und das soll gut gehen? Man wird hinter jeden Deutschen 5 Soldaten stellen müssen, damit er sich nicht seinen Sklavenketten windet. Seit mehreren Jahrhunderten scheint es Europas Hauptbeschäftigung zu sein, Deutschland zu vierteilen und niederzuhalten. Jetzt beteiligt sich etwa eine Milliarde Menschen an dieser Aufgabe. Aber es sieht so aus, als wenn sie sich in einigen Jahren dringlicheren Geschäften zuwenden würden. Denn die ganze Welt gliedert sich jetzt in 2 Heerlager, das eine hört auf Washington, das andere auf Moskaus Befehl. Es wird noch 5 – 10 Jahre dauern, bis der Aufmarsch vollendet ist. Und was dann? Wo gibt es einen Winkel auf dieser Welt, in dem man sich verkriechen kann?  Es kämpfen:

Sozialismus gegen Kapitalismus,

Diktaturen gegen Demokratien,

Landmacht gegen Seemacht,

Materialismus gegen Humanismus,

Voraussetzungslosigkeit gegen dogmatische Bindung.

Beide hoch gerüstet mit unerschöpflichen Rohstoffreserven.

Ach gäbe es doch ein starkes großes sozialistisches, demokratisches und humanistisches, geistig freies Land das Deutschland hieße. Stattdessen werden wir wohl Schlachtfeld sein und Kanonenfutter für jeden der uns was zu essen gibt.

Ich selbst warte jetzt voller Spannung, ob ich nach dem 15. März noch weiter ärztlich tätig sein darf oder ob ich wie (…) als >Arbeiter< in eine Baufirma muss. Von Weizsäcker u. ich sind vorläufig die einzigen, die von der deutschen Neurologie noch übriggeblieben sind. Alle anderen sind abgesetzt (…) persönliche Gegensätze und Feindschaften beginnen vor solchem Unrecht zu verschwinden.“

Kurzkommentar: Im Februar 1946 sieht er, dass die weltpolitischen Entwicklungen auf eine bipolare Machtordnung hinauslaufen. Zwei Befehlszentren entstehen, Washington im Westen, Moskau im Osten. Zwei Heerlager marschieren auf. In fünf bis zehn Jahren werde der Aufmarsch abgeschlossen sein und ein dritter Weltkrieg entbrennen. Deutschland wird voraussichtlich Schlachtfeld werden und die Deutschen zu Kanonenfutter. Wie könnte sich Deutschland aus diesem Machtkampf der Gegensätze heraushalten?  Er ist – und bleibt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten – der Ansicht, dass Deutschland sich aus der bipolaren Blockpolitik heraushalten solle. Was er sich 1946 erhofft: „Ein starkes, großes, sozialistisches, demokratisches und humanistisches, geistig freies Land, das Deutschland hieße“. In Grundlinien blieb er später seiner Vision insoweit treu, als dass er in den 1950er und 1960er Jahren an der Anti-Militarisierungskampagne und Anti-Atom-Bewegung teilnahm und eine Neutralitätspolitik befürwortete.

Die „Amis“ – ähnliche Kreuzzugspsychose wie Hitler

„24. VIII. 46: Die Hungerei ist am schlimmsten im englischen u. französischen Gebiet (…). Die Engländer zerstören die Waffen, haben die Ruhrindustrie enteignet und vertreiben die Menschen aus den letzten anständigen Wohnungen, um selbst mit ihren Familien hineinzuziehen (…). Hier [in der amerikanischen Besatzungszone – A.M.] ist es ähnlich, nur die Ernährung ist besser. Dafür haben die >Amis< eine ähnliche Kreuzzugspsychose wie Hitler gegen die Juden, gegen die wirklichen oder Fragenbogen Pgs entwickelt. Wer das Unglück hatte aus irgendwelchen Gründen der Partei beizutreten, wird aus Amt und Würden getrieben, sein Vermögen gesperrt, die Möbel beschlagnahmt, die Wohnung genommen. Seit 14 Tagen dürfen keine der bisher verlängerten Ärzte mehr im Krankenhaus arbeiten, mit wenigen Ausnahmen (…). Würzburg ist als Naziuniversität verschrien. Dieses Urteil fällt ein amerikanischer Offizier, den kaum ein Dozent kennt, auf Grund der >Fragebogen< (…).

Mehrfach waren englische Besucher bei mir.  Ein gewisser Dr. Kennedy und ein Prof. Strauß aus London. Man hat mir ein Amt für die Militärregierung übertragen, nämlich die Herausgabe einer Übersicht über die deutsche Neurologie der Kriegsjahre. Die Herren kommen meist mit stark vorgefassten Meinungen, gehen aber doch nachdenklich wieder weg.“

Kurzkommentar: „Wer das Unglück hatte aus irgendwelchen Gründen der Partei beizutreten“, werde nun „aus Amt und Würden getrieben, sein Vermögen gesperrt, die Möbel beschlagnahmt, die Wohnung genommen.“ Mit diesem Satz schildert er passgenau  seine persönliche Situation. Er spielt seinen Eintritt in die NSDAP (1937) herunter. Es habe ja sinngemäß viele Gründe gegeben, der Partei beizutreten. Er gehöre zu den Unglücklichen, die der Umstände halber beigetreten waren. Er sei, sinngemäß übersetzt, ein Opfer des NS-Zuchthauses.

„Die Koryphäen werden entführt“ – Ob er sich dazuzählt?

 „2. XI. 46.: Dass unsere militärische und politische Macht zertrümmert worden ist, kann man verstehen – es ist das Schicksal der Besiegten und Hitler hat es durch seine Untaten u. Dummheiten selbst verschuldet. Dass die Wirtschaft abgedrosselt wird, ist eine Dummheit, aber von Händlern kann man nichts anderes erwarten – die Raffgier tötet die Vernunft. Dass aber auch die deutsche Wissenschaft erwürgt wird, das ist ein Verbrechen, für das sich Amerika einst vor der Geschichte verantworten muss. Das komische ist, dass man uns, während wir hier abgesetzt u. ausgeplündert werden, Angebote nach Amerika macht. Die Koryphäen werden entführt wie die Sixtinische Madonna, und die abmontierten Fabriken. Natürlich sollen wir möglichst billig für die Sieger arbeiten. Was wird uns übrigbleiben? Die Kinder müssten leben und die nächste Hungerblockade hier erleben – zum 3. Mal – dazu habe ich wenig Lust.“

„Die alten Freunde des Nelson-Kreises“ aus der Weimarer Zeit

(siehe Blog-Kapitel 66)

„25. IV. 47: Seit Oktober 46 bin ich wohl zum 6. Mal >entlassen<, sitze in meiner Wohnung und treibe vormittags Praxis im Hause – nachmittags diktiere ich mein Lehrbuch der Neurologie oder die Fiat-Revue. Das vollzieht sich alles in großer Enge, denn wir haben nur noch 3 Zimmer und 2 Kammern (…).

Nachdem eine Zeitlang die politische Lage sich entspannt hatte, haben die Amerikaner mit Beginn des Frühjahrs eine politische Offensive begonnen. Der Nervenkrieg geht weiter. Leider zeigen sich auch Symptome einer Naziuntergrundbewegung mit Attentaten gegen Spruchkammern, Flüsterpropaganda u. Durchsagen im Radio. Die Dummen werden nicht alle.

In der SPD sind jetzt die alten Freunde des Nelson-Kreises allmählich an führenden Stellen aufgerückt – konsequent und geduldig wie zuvor.“

Prof. Dr. med. Zutt übernimmt die kommissarische Leitung der von Schaltenbrand seit 1935 geführten neurologischen Abteilung

„30. IX. 47: An der Universität regt sich noch nicht viel. Eine Reihe >unbelasteter< Professoren werden aus den entferntesten Orten hergeholt, darunter Herr Zutt, der Nachfolger von [ohne Nennung – A.M.] am Westend-Sanatorium, der seinerzeit wegen seiner nicht arischen Frau (mit meiner Hilfe!) nach USA auswanderte. Besagter Zutt ist der Psychiater und Erbe Heydes, der als Kriegsverbrecher angeklagt wegen seiner Euthanasie-Großaktionen, inzwischen leider ausgerissen u. wahrscheinlich ins russische Gebiet geflüchtet ist. Herr Zutt, von bezaubernder Liebenswürdigkeit und aalglatt, hat sich als erstes zum Dean gemacht, als zweites zum kommissarischen Leiter meiner Abteilung (…). Als erstes genehmigte Herr Zutt seiner Magnifizenz einen schönen EKG-Apparat, den ich mit Lebensgefahr aus dem Sanitätsdepot gerettet hatte, für Frau Magnifizenz auszuleihen, die in der Stadt eine ärztliche Praxis betreibt. Das ist peinlich, denn Magnifizenz müsste meine demokratische Gesinnung bescheinigen, wenn ich wieder ins Amt eingesetzt würde. Leider ist Magnifizenz auch ultramontan und ich ja nun einmal konfessionslos. Her Zutt will zwar einen Antrag stellen, dass ich wieder in meine Stellung komme. Aber ja nicht zu früh, denn ich bin ja laut Spruchkammerbescheid ein böser >Mitläufer<. Es sind auch plötzlich gewisse Hindernisse aufgetaucht. S. hat z.B. Frau [unleserlich – A.M.]in der Spezialbank (?) Unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit Frl. Dr. Meyer mitgeteilt, ich habe in China eine Nazi-Agentur geleitet, und könne deswegen nie wieder in meine Stellung kommen. In Hamburg munkelt man dagegen, ich käme deswegen nicht in meine Stellung weil ich Kommunist sei.  Ein liebenswürdiger Kollege aus dem russischen Gebiet (Herr Heyde?) hat mich inzwischen bei der Staatsanwaltschaft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angezeigt, wegen meiner Übertragungsversuche zum M.S. Problem. Das ist gerade sehr aktuell, denn vor kurzem ist ein Prozess gegen über 20 Ärzten abgeschlossen worden [der sogenannte Ärzteprozess, der erste der 12 Nachfolgeprozesse vor dem US-Tribunal – A.M.], mit vier Todesurteilen, die in den Konzentrationslagern unvorstellbar grausige Operationen und zu Tode führende Versuchen an gesunden Menschen mit klarem Verstand gemacht haben. Alle diese Dinge haben mir doch sehr zugesetzt. (…).

Man hat den Eindruck, dass die Amerikaner in Washington gerne ein bisschen einlenken wollen. Sie drangen auf Beendigung der endlosen Nürnberger Prozesse und der Entnazifizierung, die beide hier mehr Kopfschütteln als Bewunderung ausgelöst haben. Aber die untergeordneten Organe verharren in ihren bedingten Reflexen. Die Leitung von Washington bis hierher ist halt zu lang. Und dabei wäre es nötig eine Politik der Versöhnung anzubahnen. Schließlich haben wir trotz aller unserer Sünden den >Amis< für ihren Feldzug gegen Russland gut vorgearbeitet und viel Blut geopfert. Und schließlich haben sich die Alliierten auch allerhand zuschulden kommen lassen, in ihren Gefangenenlagern,  mit  der Ausweisung von 14 Millionen Menschen aus ihrer Heimat, mit der Zerstörung von Würzburg, Dresden und so vieler anderer schöner Städte und mit dem  rücksichtslosen Hungerkrieg gegen besetztes Gebiet, mit der Absetzung der Ärzte in den Krankenhäusern, mit der Plünderung unserer Fabriken, unserer Patente, unserer Museen. Aber keiner von ihnen kommt vor ein Tribunal! Die Leute in Nürnberg mögen guten Willens sein. Aber die Gerechtigkeit hat die komische Eigentümlichkeit, dass sie nur dann zustande kommt, wenn sie vor ihr gleich sind. Die Nürnberger Gerechtigkeit indessen gilt nicht für alle. Sie gilt >nur für Deutsche<. Und dieser kleine Schönheitsfehler, eben das Fehlen der Gleichheit macht den ganzen Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache aus. Es ist eine Einbahngerechtigkeit. Und das ist Rache.

Der Zerfall unserer Währung, unserer Wirtschaft und unseres Transportwesens haben ebenso befriedigende Fortschritte gemacht wie der Zerfall der Nation. Die Chinesische Mauer zwischen dem russischen Deutschland und dem übrigen Europa dürfte bald komplett sein. Tausende Schemata werden ausgeheckt, um den Untergang Europas aufzuhalten. Es mutet alles wie Flickwerk an. Denn die Wiederherstellung eines souveränen, lebensfähigen deutschen Reiches (im Rahmen der Vereinigten Staaten von Europa) [Idee eines deutschen Staates in einem vereinigten Europa!! – A.M.] kommt niemand in den Sinn. [Durchgestrichen: Das muss um Gottes Willen verhindert werden – A.M.]. Lieber wollen alle vor die Hunde gehen. Vor den Vereinigten Staaten von Europa haben alle Angst, weil dann so viele Leute deutsch sprechen würden. Das muss um Gottes Willen vermieden werden. Vielleicht gelingt es ja, unsere Bevölkerungsziffer auf das französische Niveau herunter zu hungern, dann ginge es schon eher.

Neulich war ich einmal mit Herrn (…) [unleserlich – A.M.] in Nürnberg u. besuchte Leo Alexander in dem Fuchsbau des internationalen Gerichtshofes. Es war schwer, durch die Wachen hinein zu kommen u. Alexander, früher ein schöner, temperamentvoller junger Mann. Als Kleist´scher Assistent hatte er mir mit viel Kunstsinn die Frankfurter Galerien gezeigt und dann hatte ich ihm zu einer Anstellung in Peking geholfen. Jetzt ist er als ärztlicher Sachverständiger am Nürnberger Gerichtshof. Dick und melancholisch. Er erzählte, dass den amerikanischen Industriellen die Prozesse (…) [unlesbar] deutschen Kollegen gar nicht recht sind. Die haben alle zu viel Dreck am Stecken. Aber man mache diese Prozesse auch, um die Leute zuhause zu erziehen. So wie wir unsere Dienstmädchen bei Tisch erziehen, indem wir die Kinder zurechtweisen. [wieder einer der sachunangemessenen Vergleiche – A.M.] Das ist auch ein Fan der Justiz, man könnte sie als stellvertretende Justiz bezeichnen. Man hängt den einen und redet dem anderen gut zu. Pars pro toto. Mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft hätte ich mich jedenfalls in diesem Justizpalast vollkommen sicher gefühlt. So verspürte ich ein leichtes Kratzen rings um den Hals.“

Kurzkommentar: Leo Alexander (1905-1985), ein in Wien geborener Jude, war ein österreichisch-US-amerikanischer Psychiater und Psychoanalytiker, der Ende 1933 in die USA emigrierte. Er hatte 1927 in Berlin promoviert und war danach nach Frankfurt am Main an die dortige Universitätsklinik gewechselt und Assistent bei Prof. Dr. med. Karl Kleist geworden. Mit einem Rockefeller-Stipendium und auf Empfehlung Schaltenbrands war er Anfang 1933 nach China an das Peking Union Medical College gegangen.  Alexander wandte sich im Oktober 1933 von dort aus an Schaltenbrand und bat um dessen tatkräftige Unterstützung (siehe unten Dokument 1) seiner Bewerbungen, was offenbar zum Erfolg führte. 1938 erwarb Alexander die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Während des Zweiten Weltkrieges diente er im Range eines Majors als Arzt bei der 8. US-Air Force. Nach dem Krieg wurde er in den Nürnberger Prozessen zum Berater des US-amerikanischen Chefanklägers Telford Taylor. Im Auftrag der US Forces, European Theater, wertete Alexander 1946/47 die medizinischen Erkenntnisse der deutschen medizinischen Forschung aus der NS-Zeit aus, bereitete mit Interviews die Anklage der Ärzte vor und formulierte im April 1947 den Nürnberger Kodex für medizinische Versuche (siehe Christian Pross 2010, 7). Das Treffen Schaltenbrand/Alexander fand nach dem Ende des Nürnberger Ärzteprozesses statt.  Ich nehme an, dass bei diesem Treffen über die Anzeige bei der Bamberger Generalstaatsanwaltschaft wegen Schaltenbrands experimenteller MS-Versuche an Menschen gesprochen wurde.

Prof. Dr. med. Jürg Zutt (1893-1980), Ordinarius für Psychiatrie und Nervenheilkunde, war 1946 auf den Lehrstuhl für Psychiatrie berufen worden, den vor ihm bis 1945 der berüchtigte Großorganisator der T4-Aktion, Prof. Dr. med. Werner Heyde, (Euthanasie)innehatte. Zutt wurde zugleich zum kommissarischen Leiter der neurologischen Abteilung an der Universitätsklinik bestellt, die Schaltenbrand seit 1935 aufgebaut hatte. Schaltenbrand war auf Zutt verständlicherweise nicht gut zu sprechen. Er sah in ihm einen Kollegen und Konkurrenten, der seiner Abteilung vorgesetzt worden war. Zutt vertrat in der Psychiatrie zudem eine andere Richtung. Sein Interesse galt der verstehenden Menschenkunde und der Sozialpsychiatrie, während Schaltenbrand eine naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung hatte. Als Zutt 1950 auf den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an die Universität Frankfurt wechselte und die politischen Umstände es wieder ermöglichten, konnte Schaltenbrand wieder in seine Universitätsämter eingesetzt werden.

„5. X. 47: Wenn man überlegt, was wir seit 1944 durchgemacht haben, so ist es ziemlich viel. Erst Angst vor Verhaftung nach dem Stauffenbergattentat, dann die Luftangriffe, die Kämpfe hier in der Gegend, Plünderung, Gefangenschaft, Herauswurf aus der Stellung, Beschlagnahme des Hauses, angeklagt in Gruppe II [Belastete (Aktivisten) – A.M.], Denazifizierung und die ständigen Denunziation – es ist ein reichliches Maß. Dazu die Hungersnot, die Not mit Angestellten (…). Man kann es sehr verstehen, dass das Herz nicht mehr mitwill, und dass das Leben zu einer Last geworden ist, die wir nur der Kinder wegen noch auf uns nehmen. Und was steht uns bevor? Vermögensabgabe bei der Währungsreform, Krieg mit Russland, eine Anklage durch den Staatsanwalt?

Vor ein paar Wochen war eine Psychiatrietagung in Tübingen – die erste nach seit 9 Jahren. Es war schön wieder alle alten Bekannten zu sehen und frei diskutieren zu können. Eine idyllische, entzückende Stadt, das Wetter war herrlich. Pette war da, natürlich wieder im Amt (33er PG und Leiter der Gesamtdeutschen Naziärzte zu Nazizeit!). Seine Frau macht in Garmisch Partenkirchen ganz groß in internationaler Verständigung (…).“

Kurzkommentar: Prof. Dr. med. Heinrich Pette gehörte wie Schaltenbrand zu den engsten Mitarbeitern von Max Nonne. Beide strebten 1933 – zusammen mit Viktor von Weizsäcker – die Nachfolge auf den Lehrstuhl Nonnes an. Pette, wissenschaftlich und politisch im situativen Vorteil, war der erfolgreiche Konkurrent. Daraus resultierte ein lebenslanges Spannungsverhältnis zwischen Schaltenbrand und Pette (siehe Blog-Kapitel 66).

Anzeige wegen MS-Versuchen an Menschen / „Konvertiten“ und betonte „Humanisten“

 „29. XII. 47: Das vergangene Jahr [1947] war wohl eines der schlimmsten meines Lebens. Die Denazifizierung, das ewige Warten und die Wiedereinsetzung ins Amt die Angst vor der kommenden Auseinandersetzung mit Russland und schließlich auch noch eine Anzeige beim Staatsanwalt wegen meiner M.S. – Versuche haben mir seelisch und körperlich sehr zugesetzt. Die Anzeige stammt von einem Herrn Dietrich, Leiter eines hämatomiologischen Forschungsinstituts in Friedrichroda. Russisches gebiet, den genauen Wortlaut kenne ich noch nicht. Der Generalstaatsanwalt in Bamberg hat die Sache mit dem letzten Exemplar meines Buches an Leibbrand zur Begutachtung weitergegeben, einen der Wortführer der Opposition gegen Menschenversuche, die sich unter dem Eindruck der fürchterlichen Nürnberger Enthüllungen gebildet hat. Dieser Opposition gehören [Alexander – A.M.] Mitscherlich u. [Viktor – A.M.] von Weizsäcker an, Konvertiten und betonte >Humanisten<. In der Angst vor dem grausigen Geschehen in den K.Z.s schlägt das Pendel weit aus, alte Tabus werden wieder sakrosankt, jeder Versuch einer vernünftigen Betrachtung ist gefährlich, >positivistisch<. Die Medizin flieht in romantische Bereiche und verachtet Experiment und ätiologische Forschung. Krankheit ist Schicksal, ja Schuld und Sühne, der Idiot ist heilig. Das nächste Jahr wird mir vielleicht einen Prozess bringen, der meine ganze Existenz vernichtet. Es gehört viel Nervenkraft dazu, unter diesen Auspizien den 3. Band meines Lehrbuches der Neurologie zu schreiben, mit dem ich zum Jahresabschluss fast fertig bin. Wochenlang war ich nicht arbeitsfähig. Ein Unterschenkelgeschwür, (…) u. Venenthrombose, die mich wochenlang ins Krankenhaus brachten, bestätigen von Weizsäckers Anschauungen über die Psychogenese organischer Erkrankungen.“

Kurzkommentar: In seiner Jahresbilanz für 1947 und Vorschau kommt er auf den Prozess zu sprechen, der ihm wegen seiner Multiplen Sklerose-Forschung im nächsten Jahr bevorzustehen droht. Er bezieht erstmals zu den Vorwürfen Stellung, er habe bei seiner MS-Forschung 1940 ethisch und rechtlich unerlaubte Versuche an behinderten Menschen unternommen. Der Tagebucheintrag lässt Schaltenbrands Sicht und Handlungsmotiv erkennen. Was er darüber andeutet, lässt Rückschlüsse auf seine wissenschaftstheoretische Position zu. Er setzt sich von den, wie er sie nennt, „Konvertiten“ und den betonten „Humanisten“ seiner Disziplin ab und bezieht eine „positivistische“ Position, die wissenschaftlich auf Empirie und Experiment setzt und religiös-ethische Verpflichtung ablehnt. Er steht für eine naturwissenschaftlich-technisch orientierte Medizin. In dem Eintrag bündelt und vermengt er wissenschaftstheoretische und methodische Grundfragen, die in späteren Jahren im sogenannten Positivismusstreit der Sozialwissenschaften kontrovers diskutiert werden. Der Prozess findet nicht statt. Es bleibt bei einem Voruntersuchungsverfahren, das 1950 eingestellt wird. Schaltenbrand hält an seinem naturwissenschaftlichen Wissenschaftsverständnis fest, bleibt aber auf Grund seiner ostasiatischen Erfahrungen für alternative und ganzheitliche Verfahren offen.

Treffen mit Willi Eichler, dem ehemaligen Vorsitzenden des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK)

„18. III. 48: Wir waren auch in Köln, das böse zugerichtet ist. (…) Ich traf Willy Eichler auf der Redaktion seiner Volkszeitung, ein hart gesottener Junggeselle, der mir viel erzählte von alten Bekannten des IsK [Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes A.M.] u. der Nelsonianer, nicht ohne den leisen Unterton der Ablehnung meines bürgerlich-kompromisslerischen Lebenswandels. Sie haben in der Tat erbittert gekämpft und viel durchgemacht, waren fast alle in der Emigration, soweit sie nicht in KZs umgekommen sind. Eichler selbst ist im Vorstand der SPD u. gibt >Geist und Tat< heraus. Minna Specht leitet die Odenwaldschule. Rauschenplat hat sich mit dem Fallschirm über Deutschland absetzen lasse, hat vergeblich versucht, Hitler umzubringen. Er lebt jetzt mit einem in der Emigration angenommenen Pseudonym in Stuttgart u. leitete eine Zeitlang den dortigen Sender, bis er den Leuten zu radikal wurde. Eine jüdische Freundin, die mehrfach über die Grenze ging, um illegal zu arbeiten, wurde bei einem solchen Grenzübergang erschossen. Klara Deppe ist in New York, auch unter anderem Namen, Greta Hermann ist anscheinend Lehrerin in Cassel u.  verwaltet das philosophische Erbe von Nelson. Alle arbeiten geduldig in der SPD und diese Partei hat tatsächlich in Zentraleuropa die größten Chancen. Auf Parteikongressen merkt man schon die ideologische Schwenkung von der materialistischen Gesellschaftsauffassung zur idealistischen.“

Kurzkommentar: In der einschlägigen medizinischen Fachliteratur wird in Artikeln, die sich mit Neurologen und Neurowissenschaftlern in der NS-Zeit  befassen, Schaltenbrands „linke“ politische Vergangenheit in der Weimarer Zeit völlig übersehen. Auch in den jüngsten Publikationen (Martin, Fingerau, Karenberg 2020, 543-552) fehlt jeglicher Hinweis auf diese politische Orientierung und lebensgeschichtliche Prägung. Hartmut Collmann (2008, 83f) berichtet lediglich, dass Schaltenbrand während seiner Studentenzeit „vorübergehend Anschluss an den Göttinger Kreis um den Philosophen Leonard Nelson und die (…) Fries´sche Schule“ gesucht hat, die der Sozialdemokratie nahegestanden haben.  Er habe sich aber mit den vom Nelson-Kreis propagierten Forderungen einer asketischen Lebensführung nicht anfreunden können. Martin, Fangerau und Karenberg (2020, 544) erwähnen vage, Schaltenbrand habe in der Weimarer Republik nach eigenen Aussagen der SPD nahegestanden. Schaltenbrands Wechsel (1933) vom Internationalen Sozialistischen Kampf-Bund zum Stahlhelm ist ein für die Einschätzung seiner Persönlichkeit wichtiger Vorgang. Im folgenden Blog-Kapitel 66 versuche ich diese „blinden Flecken“ der medizinhistorischen Literatur mit biografischen Material zu füllen.

„26. XII. 50: Das Jahr 49 war hauptsächlich mit der Erledigung meines >Prozesses< und mit der Entnazifizierung ausgefüllt. Zu einem eigentlichen Prozess ist es nicht gekommen, sondern nur zu einem >Voruntersuchungsverfahren< mit vielen Vernehmungen und Gutachten durch Pette, Bannwarth, Spatz und Hallervorden, von Weizsäcker, Stehli [?] unleserlich]. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren niedergeschlagen, weil der Tatbestand der vorsätzlichen oder beabsichtigten schweren Körperverletzung nicht gegeben sei, und bei leichter Körperverletzung nur der Verletzte selbst antragsberechtigt sei. (Körperverletzung ist z.B. schon wenn man jemandem anderen die Haare abschneidet). Es ist ein großer Akt über diese Sache entstanden, der ging seinen Weg bis zu den Amerikanern in Nürnberg, wo ihn Leo Alexander in die Hände bekam [! – A.M.]. Er konnte es nicht lassen, eine hämische Besprechung meines Buches in den Arch. of Neurol. and Psych. zu bringen [der Anonymus in H. Collmanns Biografie Schaltenbrands war Leo Alexander; Collmann 2008, 87,89 – A.M.] auf die dann Bailey entsprechen gesalzen antwortete – überhaupt Bailey. Ihm verdanke ich meine Wiedereinsetzung und alles was ich heute bin. Dann ging der Akt nach München ins Kultusministerium und hier [in Würzburg – A.M.] zirkulierte er in der ganzen Universität. Die Fakultät sprach sich zwar für meine Wiedereinsetzung aus, aber heimlich machte Wollheim, der neue Internist, Photokopien von den anstößigen Seiten meines Buches (bzw. ließ sie durch meinen Mitarbeiter Töbel machen?) u. reichte sie dem Ministerium ein.  Das kostete neue Zeit u. Gutachten durch … [unleserlich – A. M.] das sehr weise u. überlegen dem Gezischel ein Ende bereitete.“

(Ende der Auszüge aus den Niederschriften der Jahre 1945 bis 1950.)

Kurzkommentar: Schaltenbrand engagierte sich in den 1950er und 1960er Jahren erneut auf sozialdemokratischer Seite gegen die Wiederbewaffnung, für eine Neutralisierung Deutschlands und in der Anti-Atom-Bewegung. Er blieb ein politischer Kopf, der sich nicht hinter seiner Wissenschaft versteckte, sondern wiederholt zu aktuellen Fragen der deutschen und internationalen Politik entschieden und unbequem Stellung nahm.

Das große Schweigen 1950-1996

Unter den Schlagwörtern „Schaltenbrand-Experimente“ und ethisch/normativ „entgrenzte Wissenschaft“ wurde erst vier Jahrzehnte später die Diskussion über die damit aufgeworfenen wissenschaftsethischen Fragen und Grundsätze aufgenommen. Die allgemein verbreitete Schlussstrichmentalität, die auch in der Medizin herrschte, hatte bis Anfang der 1990 Jahre in den medizinischen Fachgesellschaften ein Wegsehen begünstigt. Seither machte die medizinhistorische Aufarbeitung der Neurologie in der NS-Zeit mehrere Phasen der Versachlichung und Differenzierung durch. Das im Februar 2020 erschienene Begleitheft zur Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ behandelt   hochreflektiert und mit großer methodischer Sorgfalt die Fragen nach der „NS-Belastung“ prominenter Neurologen und Neurowissenschaftler. Schaltenbrand war zwar ein in die NS-Umstände verstrickter Täter, aber nicht der Verbrecher, als den ihn der journalistische „Generalankläger“ Ernst Klee gebrandmarkt hatte.

Aus fachwissenschaftlichen Kreisen wurde Schaltenbrand posthum vorgeworfen, nie das große Schweigen durchbrochen und sich für seine Grenzüberschreitungen entschuldigt zu haben. Er gestand aber 1967 bei der Verleihung der Nonne-Gedenkmünze vor den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in verklausulierter Form ein: „Herr Vorsitzender, diese sehr große Ehre nehme ich an, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob meine Vorstellungen vor dem Urteil der Geschichte bestehen werden. Aber selbst wenn sich herausstellen sollte, dass ich einem Irrtum oder mehreren Irrtümern im Laufe meiner Arbeit zum Opfer gefallen bin, so wird man vielleicht wenigstens mit Goethe sagen können: >Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen< und in diesem Sinne nehme ich diese Ehrung von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie an.“ (zit. n. Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg, 2020, 531).

Irrtum, sich irren, ist ein fundamentales Risiko wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Ein Wissenschaftler sollte einen Irrtum eingestehen, muss sich aber für einen Irrtum nicht entschuldigen. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde, zunächst wissenschaftsintern, dann vor einer größeren Öffentlichkeit, die Diskussion über Schaltenbrands MS-Forschung wieder aufgenommen. Daran knüpfe ich in meinem 2017 verfassten Blog-Kapitel 41 an: Die T4-Aktion und Prof. Schaltenbrands MS-Forschung. Schaltenbrand war an der verbrecherischen T4-Aktion nicht beteiligt, sondern nur indirekt betroffen.

Dokument 1

Peiping Union Medical College

Peiping, China

3. Oktober 1933

Lieber Herr Professor!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Die Einstellung, die Sie darin zum Ausdruck bringen, hat mir sehr wohl getan, ebenso Ihr Mut, sich brieflich zu äußern. Von anderer Seite ist Ihnen auch Ihr Eintreten für Wohlwill sehr hoch angerechnet worden, von dem man hier durch die New Yorker Office erfahren hat. Auch Hoeppli setzt sich hier sehr für ihn ein, so dass grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass man ihn hierher einladen wird. Wie es verlautet, wird man ihm wohl zuerst einen zweijährigen Kontrakt auf Probe anbieten. Aber die Sache wird dadurch einen gewissen Aufschub erfahren, dass Mr. Greene auf Urlaub ist und erst im Dezember zurückkommt.

Was mich selbst betrifft, so hat sich bis jetzt noch nichts Wesentliches in meiner Lage geändert. Ich habe mich mehrfach an mehrere Stellen in Amerika beworben, habe aber noch nichts gefunden. Zwei Bewerbungen scheinen gewisse Chancen zu haben: eine bei A. Meyer in Baltimore und eine am Massachusetts State Hospital. Ich habe aber von dort noch keine Antwort. Auch Dr. Lyman und Mr. Greene haben dorthin geschrieben.

Für Ihr freundliches Anerbieten, mich auch Ihrerseits durch Empfehlungen zu unterstützen, danke ich Ihnen herzlichst. Sie wurden mir damit eine wesentliche Hilfe zuteil werden lassen. Ganz besonders dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie an Bailey in Chicago schreiben würden und ihn fragten, ob er bereit wäre, mich zu nehmen. Die Gehaltsfrage spielt keine Rolle; ich wäre mit einem Betrag, der gerade nur die notwendigsten Lebenshaltungskosten deckt zufrieden. Es wäre ausserdem eine glänzende Gelegenheit für mich, mich mit Neurochirurgie vertraut zu machen. Sehr schön wäre es, wenn Sie auch diesbezüglich an Cushing für mich herantreten könnten; doch glaube ich, dass er wohl sicher über ein Überangebt von Assistenten verfügt. Doch wäre ich Ihnen für einen Versuch sehr dankbar; ich hör hier, dass er mit Ihnen sehr befreundet ist.- Vielleicht könnten Sie auch Stanley Cobb über mich schreiben, er könnte vielleicht indirekt etwas für mich tun.

Wenn alle meine Versuche, in Amerika eine Stelle zu finden, fehlschlagen sollten, bin ich entschlossen, mich hier in Peking als Arzt niederzulassen und nebenbei „part-time“ im PUMC zu arbeiten. Ich habe diesbezüglich schon die Zusage, dass ich auch das Laboratorium für wissenschaftliche Arbeiten benutzen könnte. Aber ich hoffe doch, schliesslich etwas in Amerika zu finden.

Dr. Hoeppli bittet mich, Sie herzlich von ihm zu grüssen.

Nehmen Sie nochmals herzlichsten Dank für Ihr freundliches und grosszügiges Anerbieten, sich durch Empfehlungsbriefe in Amerika für mich einzusetzen; und ich hoffe, Ihnen damit nicht allzu viel Mühe zu machen. Ich lege einen kurzen Lebenslauf (auf Englisch) und ein Verzeichnis meiner Arbeiten bei; falls Sie nähere Angaben über meine Person oder ein objektives Zeugnis für erforderlich halten sollten, so ist Prof. Kleist in Frankfurt a.M. sicher jederzeit bereit, Ihnen über mich zu schreiben.

Mit besten Grüssen

Ihr sehr ergebener

Leo Alexander [handschriftlich]

P.S. Ihren Teppich nimmt Dr. Never vom Hamburger psychologischen Institut, der Anfang November von hier nach Hause abreist, für Sie mit. Meinen diesbezüglichen Brief haben Sie wohl inzwischen schon erhalten.

 

Dokument 2

Georges Schaltenbrand, Tagebuch, Auszug vom 29. XII. 1947

 

Anmerkung zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher: Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935–2012).

Korrekturdurchgang der Transkription und des Digitalisats:  Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge Lu Mintzel

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blog-Kapitels

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

 

Ausgewählte Literatur:

Hartmut Collmann: Georges Schaltenbrand (26.11.1897-24.10.1979), in: Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen, 2008, 27: 63-92.

Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. Aktualisierte Neuausgabe.

Heiner Fangerauer, Michael Martin, Axel Karenberg: Neurologen und  Neurowissenschaftler: Wer war ein Nazi? Zum Umgang mit der NS-Belastung in der Geschichte der deutschen Medizin in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020.

Axel Karenberg, Heiner Fangerau, Michael Martin: Neurologen und Neurowissenschaftler in der NS-Zeit: Versuch einer Bewertung, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. S128-S145.

Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg.  Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020.

Michael Martin, Axel Karenberg, Heiner Fangerau: Zwischen „Affirmation und Kritik“: Karl Kleist und Viktor von Weizsäcker zwischen 1933 und 1945, in: Der Nervenarzt, Band 91, Supplement 1, Februar 2020, S. 580-588.

Alexander Mitscherlich/Fred Mielke (Hg.); Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente der Nürnberger Ärzteprozesse. Frankfurt am Main 1989.

Christian Pross: NS-Medizin: Die Sicht deutscher Emigrantenärzte auf die NS-„Rassenhygiene“, Deutsches Ärzteblatt 2010, S.7f. https://www.aerzteblatt.de/archiv/79713/ (abgerufen am 22.6.2020.)

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen.  Vorwort von 1945 Ulrich Noack.  Verlag der Zeitschrift „Welt ohne Krieg“ (o.J.).

64. Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand (1897–1979) – Seine Lebensberichte aus der NS-Zeit. Auszüge aus seinen Tagebüchern (I), 1933–1945

(In Anknüpfung an das Blog-Kapitel 41 „T4-Aktion und Prof. Schaltenbrands Multiple Sklerose-Forschung“)

75 Jahre danach: Brennende Fragen – Verstörendes Schweigen – Schreckliche Antworten

Die aktuelle Berichterstattung der Medien zum Thema „8. Mai 1945 – 75 Jahre danach“ bringt die letzten Tage der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den Untergang des NS-Staates in Erinnerung. In zahlreichen Dokumentationen werden Schrecken und Gewalt des Krieges und die Gräuel der Massenvernichtung menschlichen Lebens erneut vor Augen geführt. Als lebender Zeit- und Augenzeuge wühlen mich die Berichte auf. Ich fühle mich in meine Kindheit und frühe Jugend zurückversetzt. Meine Erinnerungen an diese Zeiten habe ich bereits vor Jahren in den Blog-Kapiteln 2, 4, 5, 6, 7, 40 und 41 festgehalten und im Detail geschildert, wie es mir ergangen ist. Das hier vorliegende Kapitel ist wiederum vor allem familiengeschichtlich motiviert, will also nicht im strikten Sinn als medizingeschichtlicher Beitrag verstanden werden. Ich aktualisiere aus gegebenem Anlass alte Fragen an unsere Väter: Wie haben sie den 8. Mai 1945 erlebt und die damaligen Verhältnisse beurteilt? Was gesehen, aber nicht darüber gesprochen? Und welche Auswirkungen hatten ihr Denken, Handeln und Unterlassen auf unser Leben? Inzwischen gibt es zwar eine Menge historischer und biografischer Erinnerungsliteratur, aber noch ist nicht alles aufgearbeitet.

75 Jahre nach dem Ende des NS-Unrechtsstaates steht mein 1979 verstorbener Schwiegervater erneut im Fokus medizinischer Fachkritik. Ihm wird – zu Recht – vorgeworfen, er habe als Arzt 1940 an nicht zustimmungsfähigen behinderten Menschen unerlaubte und ethisch verwerfliche medizinische Versuche vorgenommen. Das ist bewiesen, das sind Fakten, die nicht widerlegt werden können. Mit seiner Multiple Sklerose-Forschung hat er berufsethische Grenzen überschritten. Die „Schaltenbrand-Experimente“ werden heute als ethisch „entgrenzte Forschung“ an „besonders vulnerablen Patienten“ verworfen. Doch wie stand er selbst zu ihnen? Was waren seine Motive? Es gibt private Quellen, die bisher nicht ausgewertet worden sind, Tagebücher und private Korrespondenzen. Sie könnten darüber Aufschluss geben.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, die ihn 1976 zu ihrem Ehrenmitglied gemacht hatte, urteilt über ihn wie folgt (https://www.dgim-history.de/biografie/Schaltenbrand;Georg%20%28Georges%29;1640, abgerufen am 05.06.2020): „Eine Schaltenbrand ehrende Büste im Universitätsklinikum Würzburg wurde 1996 entfernt und befindet sich seit 1999 in Familienbesitz. Zuvor war sein Wirken in dem auf den Forschungen Ernst Klees basierenden Film >Ärzte ohne Gewissen< thematisiert worden. Mochte Schaltenbrand auch in seiner Familie das Bild vom >Nazi-Gegner< gepflegt haben, in Erinnerung werden seine unethischen Humanexperimente bleiben.“

In der angegebenen Quelle wird Schaltenbrand unter dem Stichwort „Pro Hitler“ als Anhänger Adolf Hitlers bezeichnet: „Schaltenbrand trat 1933 dem demokratiefeindlichen >Stahlhelm< bei und unterzeichnete  das >Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat< vom 9. November 1933. Er war Mitglied der NSDAP (1.5.1937, Nr. 4850745). In die SA wurde er als Stahlhelmmitglied überführt, verließ sie aber 1936 wegen seiner beruflichen Belastung. Zudem gehörte er der Reichsschaft Hochschullehrer (1.10.1933), dem NSD Ärztebund (1938, Nr. 24542), der NS Volkswohlfahrt und als Obersturmführer dem NS-Fliegerkorps an.“

Er muss also, so die gängige Meinung in Fachkreisen, ein überzeugter Nazi gewesen sein, der im Dienst des NS-Unrechtsstaates gegen medizinethische Normen verstieß.

Die jüngste Publikation dazu stammt von den Autoren Michael Martin, Heiner Fangerau und Axel Karenberg: „Georg Schaltenbrand und seine >entgrenzte Forschung< zur Multiplen Sklerose“, in: Der Nervenarzt. Sonderheft 1/2020.

(https://www.springermedizin.de/multiple-sklerose/georg-schaltenbrand-1897-1979-und-seine-entgrenzte-forschung-zur/17715194, abgerufen am 05.06.2020.)

Die Autoren schreiben Schaltenbrand sogar ein Alleinstellungsmerkmal zu: „Nach gegenwärtigem Forschungsstand führte er als einziger deutscher Professor für Neurologie während der NS-Zeit derartige Versuche am Menschen im Sinne einer >entgrenzten Forschung< durch.”

Ein paar Stichworte zu seiner Biografie: Schaltenbrand stammte aus einer großbürgerlichen Familie, studierte Medizin, setzte in den USA seine medizinischen Studien fort und arbeitete in China zwei Jahre lang (1928/30) am Peking Union Medical College. 1930 kehrte er nach einem längeren Exkurs nach Japan mit seiner Frau nach Deutschland zurück. In der Zeit zwischen 1930 und 1935, den Endjahren der Weimarer Republik und nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, bemühte er sich als Schüler und Mitarbeiter von Prof Dr. Max Nonne vergeblich um eine Professur für Neurologie. 1935 wurde er an die Universität Würzburg berufen. Dort lebte und arbeitete er bis zu seinem Tod (1979) als hochgeehrter und wissenschaftlich preisgekrönter Neurologe. Er war eine international anerkannte Koryphäe seines Faches und galt als MS-Papst. Seine Interessen beschränkten sich nie nur auf sein Metier. Trotz strapaziöser medizinischer Berufsarbeit in Lehre und Forschung sah er sich als hochinteressierter Hochschullehrer und Zeitgenosse herausgefordert, die politischen und militärischen Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, weltgeschichtlich einzuordnen und Stellung dazu zu nehmen.

Schaltenbrands Tagebücher und politische Aufzeichnungen

Schaltenbrand führte von 1916 bis 1968 Tagebuch, wenn auch mit Unterbrechungen, in unterschiedlicher Ausführlichkeit und zu verschiedenen Themen. In ihrer transkribierten und digitalisierten Form umfassen die Dokumente nahezu 200 eng bedruckte Seiten. Bei seinen tagespolitischen Eintragungen, politischen und familiären Berichten handelt es sich durchgängig um eine  Mischung aus offiziellen Nachrichtenfragmenten, um persönliche Einschätzungen der politischen und militärischen Ereignisse und Vorgänge sowie spekulative Gedanken über den Ausgang und die möglichen oder wahrscheinlichen Folgen des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Seine Aufzeichnungen sind keine schriftstellerisch elaborierten Texte, sondern locker geschriebene Berichte mit umgangssprachlichem Duktus und unterschiedlicher Ausführlichkeit. Seine flüchtige Handschrift ist schwer leserlich, mitunter nicht zu entschlüsseln. Ihm unterlaufen Fehler, besonders was Personen- und Ortsnamen betrifft. Manche Formulierungen und Vergleiche irritieren und verstören, weil Ereignisse und Vorgänge sprachlich unangemessen geschildert scheinen. Aus manchen Formulierungen könnte ein Mangel an Empathie gegenüber Entrechteten, Ausgegrenzten und Lebensbedrohten herausgelesen werden. Doch handelt es sich wohl eher um sein Bemühen, zu verschiedenen Sachverhalten und Vorgängen generell eine sachliche Distanz zu wahren. Er (der Wissenschaftler) schreibt zum Teil so, als träte er in die Rolle eines außenstehenden Berichterstatters, was seine eigene Position und Stellungnahme verwischt. An der Authentizität der Niederschriften gibt es jedoch keinen Zweifel. Sie stammen aus der angegebenen Zeit.

Ich fühle mich durch Publikationen in der einschlägigen neueren und neusten medizinische Fachliteratur und durch die mediale Resonanz dazu gedrängt, mich mit Auszügen aus den privaten Dokumenten nochmals in die Diskussion über den Hirn-Forscher Georges Schaltenbrand und seine medizinethischen Verfehlungen einzuklinken. Die von meinem Schwiegervater hinterlassenen Tagebücher bedürften einer gesonderten inhaltsanalytisch vertiefenden und präzisierenden Bearbeitung und Edition, um ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung gerecht zu werden und die vielschichtige/multiple Persönlichkeit des Neurologen zu erfassen. Dabei geht es nicht um Ehrenrettung, Beschönigung oder Rechtfertigung. Solche Versuche wären angesichts der Tatsachen fraglich und vergeblich. Es geht um die Wahrheit, sei sie auch noch so unbequem. Ich werde versuchen, seine komplexe, möglicherweise janusköpfige Forscher-Persönlichkeit in ihrem historisch-sozialen Kontext zu erfassen und ihr Handeln zu verstehen. Was nicht heißt, dass ich dieses Handeln uneingeschränkt billige. Ich habe mich entschlossen, ausgewählte Auszüge in zwei Teilen wiederzugeben: Auszüge aus der Zeit von der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 bis zur Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 (Teil I) und vom 8. Mai 1945 bis 1950 (Teil II).

Einschätzung der nationalsozialistischen Machtergreifung und der NS-Politik

14. IV. 33. In politischer Hinsicht haben sich dieses Frühjahr radikale Umwandlungen vollzogen. Seit der schweren Wirtschaftskrise bemächtigte sich der Bevölkerung eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem bisherigen Regime, es trat eine zunehmende Radikalisierung der Arbeiterschaft ein, aber es gelang dem Osaf Adolf Hitler, eine große Majorität zu gewinnen durch die nun alles weggeschwemmt worden ist, was sozialistisch, demokratisch, republikanisch, pazifistisch oder jüdisch ist. Durch Mehrheitsbeschluss hat sich das deutsche Volk dekapitiert [selbst enthauptet – A.M.] und auf Gnade u. Ungnade des Nazis ausgeliefert. Diese tun nun einiges Gute. Sie beseitigen den Föderalismus, decken viele Korruptionen auf, entlassen überflüssige Beamte. Sie bauen eine straffe Organisation auf, die man mit demokratischen Methoden nicht mehr loswerden kann. Man rechnet, dass sie 30 – 50 Jahre aushalten wird. Was sie mit dieser Fülle von Macht anfangen werden, weiß man noch nicht genau. Der Anfang ist erschreckend, Judenverfolgungen, reaktionäre Kulturpolitik, Autarkiebestrebungen, Aufrüstung. Sie werden wahrscheinlich ein Großdeutschland mit Österreich schaffen, die deutsche Armee wiederaufbauen und sich eines Tages durch Polen angreifen lassen, damit sie ihm den Korridor wieder abnehmen können. Ob es gelingen wird die Bewegung [Bewegung durchgestrichen, stattdessen: auch] kulturpolitisch in ein vernünftiges Fahrwasser zu lenken, ist sehr zweifelhaft. Ich fürchte es wird noch schlimmer werden als in Italien.“

Distanz zum NS-Regime und gegen die Verfolgung und Ausgrenzung jüdischer Bürger

14. VIII. 35. Aus Hamburg hat man mich hinausgegrault. Ich merkte zunächst nur, wie sich während der Tage des Umsturzes [zwei Namen – A.M.] zurückzogen und kühler verhielten. Um mich entstand eine Mauer dichten Geraunes. Ich hatte bis zuletzt gegen die NSDAP gewettert, versucht die Absurdität des Autarkiegedankens, des Antisemitismus, der Schwundgeldtheorie zu erklären – auf hysterische, caesarische homosexuelle Tatsachen hingewiesen (…). Da kam der Reichstagsbrand, alle anderen Parteien wurden [durchgestrichen: verboten] aufgelöst, alle Zeitungen der Linksparteien im entscheidenden Augenblick verboten und damit der Wahlsieg der NSDAP gesichert. Die Furcht vor Pogromen erwies sich als unberechtigt, aber was sich entwickelte, die gesellschaftliche Diffamierung der Juden, ihre Verdrängung aus allen Stellungen, ihre Boykottierung im Geschäftsleben, die ständigen Verleumdungen in der ganzen Presse sind vielleicht schlimmer als ein Pogrom, sie gleichen eher einem langsamen Rösten bei kleinem Feuer.“

Zur Kriegslage und zu den Praktiken der Vernichtung der Juden des Jahres 1941 (Jahresrückblick vom 31. Dezember 1941)

„31. XII. 41. Der Krieg geht weiter. Mittlerweile ist wieder ein richtiger Weltkrieg daraus geworden. Die Hoffnung, dass wir Russland in 3 Monaten besiegen könnten, war eine Täuschung. Die Russen haben uns tief ins Land gelockt und dann, bei Einbruch des Winters, mit tadellos ausgerüsteten frischen sibirischen und kaukasischen Truppen den Angriff auf uns eröffnet. Die bisher ungewohnten Niederlagen haben anscheinend einige Desorganisation in unserem …  [unleserlich – A.M.]] hervorgerufen. Jetzt – Ende Dezember! – fängt man mit der Sammlung von Schiern und Wintersachen für unsere Truppen an. Die unendlich langen dünnen Nachschublinien bewältigen den Bedarf für die Front nicht. Unsere Truppen in ihren dünnen Mänteln und Schuhen sind 35 Grad Kälte und Oststurm nicht gewachsen. Den Russen macht das nicht so viel aus.  Noch besteht die Hoffnung, dass wir bis zur Schneeschmelze halten können. Hoffentlich müssen wir nicht die ganzen Wüsten und Steppen, die wir im letzten Sommer erobert haben, nicht im nächsten neu erobern.(…)Im Land ist die Stimmung schlecht, aber die Disziplin wird durch Partei, SS und KZ eisern aufrechterhalten. Eine wesentliche Entlastung für uns im Kampf gegen England ist der Eintritt Japans in den Krieg. Wir freuen uns, dass der Engländer Hongkong, wahrscheinlich auch Singapur u. das Malayische Archipel verliert, dass Australien und Indien u. Neuseeland bedroht sind. Amerika verliert die Philippinen, damit ist für es der Krieg wohl ausgestanden, wenn es nicht so dumm ist, Truppen nach Australien zu schicken. Wir haben auch Amerika den Krieg erklärt, und ihm damit die lange ersehnte erwünschte Möglichkeit gegeben, Truppen nach Afrika und vielleicht auch [nach] Nordeuropa zu schicken.(…)Wir haben uns den Krieg möglichst schwer gemacht, indem wir gleichzeitig mit der Kriegserklärung an die Demokratien auch dem Judentum und dem Christentum den Krieg erklärt haben. So haben wir als treue Bundesgenossen im Kampf gegen die weiße Rasse nur noch die Japaner. Italien macht widerwillig mit baut schon Bomben gegen uns. Der Vatikan weiß welches Schicksal ihm blühen soll, wenn wir Italien besetzen. Besonders erfolgreich sind wir im Kampf gegen das Judentum, das bei uns in Osteuropa unter dem Vorwand der Entlausung in geschlossenen Räumen systematisch ausgerottet wird. Teils pfercht man es in Gettos zusammen und hungert es aus, in der Hoffnung, dass es am Flecktyphus zugrunde geht, teils wird es durch die SS umgebracht, die dafür eine Reihe sinnreicher Einrichtungen, Arbeitslager, Menschenfallen oder richtige Exekutivkommandos getroffen hat. In Kiew soll die SS vor wenigen Wochen 80.000 Männer, Frauen und Kinder umgebracht haben. Sie mussten sich vorher nackt ausziehen, weil man ihre Lumpen für die Reichsspinnstoffsammlung benötigte. Einige Generäle sollen gegen dieses Detail der Prozedur Einspruch erhoben haben, weswegen man die Juden jetzt unter dem Vorwand der Entlausung in geschlossenen Räumen mit Giftgas umbringt. Ob von Brauchitsch u. einige andere Generäle wie seinerzeit Blaskovitz wegen eines solchen Protests gehen mussten oder wegen der Niederlage von Rostow u. Moskau, weiß man nicht. (…)Ein Ende ist nicht abzusehen. Es sieht so aus, als ob wir besiegt werden könnten. Schlimmstenfalls wird die Partie >remis< und endet, wenn die verschiedenen Führer eines natürlichen Todes sterben. Denn abtreten will keiner von ihnen. (…)Arbeit gibt es genug, da wir zahllose Lazarette zu betreuen haben.“

Auszüge aus den Jahresberichten vom 16. I. 43. / 30. I. 43./ 11.IX. 43.- Zur Deportation und Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten

„16. I. 43.: Die letzten Juden verschwinden aus Deutschland. Man schafft sie in die Gettos Osteuropas und von dort verschwinden sie in ähnlicher Weise wie ihre Vorgänger in diesen Gettos. Man lässt sie in Kolonnen arbeiten, im Eisenbahn- und Wegebau, bis sie bei einer Ration von 100 g Brot pro Tag u. 20 Grad Kälte so marode sind, dass keine Leistungen mehr herauszuholen sind. Dann bringt man sie um. Es sind mir Beispiele erzählt worden, dass man sie – Mann, Frau und Kinder – mit dem Spaten erschlagen und halbtot ins Massengrab geworfen hat.  Ein anderes System besteht darin, sie in einen Steinbruch zu führen und diesen dann zu sprengen, so dass sie durch die Erdmassen lebendig verschüttet werden.  Zum Teil hat man sie auch in die Wasserfälle des Dnjepr oder anderer Flüsse gejagt. Die humanste Methode scheint noch die gewesen zu sein, Kohlenoxyd in plombierte Autos u. Eisenbahnwage zu leiten, die mit Juden vollgestopft waren. Durch Überläufer u. Gefangene sind diese Ereignisse jetzt der ganzen Welt bekannt und haben einen Schrei der Empörung im ganzen außereuropäischen Teil der Welt ausgelöst.“

Kurzkommentar: Besonders interessant ist, dass Schaltenbrand schon 1941 detaillierte Kenntnisse von der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und von den grauenhaften Methoden der Massenexekutionen hatte. Seine Informationen stammen wohl von verwundeten Wehrmachtsangehörigen, die er als Lazarettarzt betreute, von Augenzeugen und von ausländischen Quellen: „Es sind mir Beispiele erzählt worden…“ (16.I.43.). Er hörte Feindsender, was verboten war. Seine Formulierung, „besonders erfolgreich sind wir im Kampf gegen das Judentum“, könnte zwar zynisch-affirmativ ausgelegt werden, war aber zynisch-abschätzig oder sarkastisch gemeint. Er neigte zu drastischen Wendungen und Bildern.

Hitler, ein Paranoiker, der mit seiner Wahnsinnspolitik Europa zerstört

„30. I. 43: Wir wissen nicht genau die Größen der Verluste dieses Krieges, aber man schätzt unsere Toten allein schon über eine Million. Viele unserer Bekannten haben Angehörige verloren (…) 80.000 Menschen sehen jetzt in Stalingrad dem sicheren Tod entgegen. Die Russen sind im Don-Gebiet durch die italienischen und rumänischen Stellungen durchgebrochen und haben Stalingrad umschlossen, mehrere Kessel gebildet und jetzt schon viel Beute u. Gefangene gemacht. Unsere ganze Südfront ist ins Wanken gekommen, der Kaukasus musste geräumt werden. Woronesh aufgegeben. Kursks, Charkow und Rostow sind bedroht. Die Blutopfer eines ganzen Jahres waren umsonst. Man fragt sich wie das möglich war und kritisiert vor allem die Unzulänglichkeit der Führung, die von Monat zu Monat dilettantischer werde. Ein General nach dem anderen wird abgesetzt, wenn er dem Führer zu widersprechen wagt. Nach der Katastrohe des vorigen Winters mussten fast alle Generäle gehen, obwohl sie unschuldig und diese ganze Offensive nur Wille des Führers war. (…) Man erzählt sich, dass Hitler Tobsuchtsanfälle bekommt, wenn man ihm widerspricht. Er wälzt sich auf dem Boden, zerreiße Teppiche. Das Resultat ist, dass kein Mensch ihm mehr die Wahrheit zu sagen vermag. Er lebt in einer Welt der Illusionen und wir mit ihm, schlimmer als Napoleon nach der Krönung. Es mag sein, dass die Auseinandersetzung mit Russland nötig war, aber durch sein paranoisches Wesen hat er sich auch die ganze übrige Welt zu Feinde gemacht. Und durch die ständigen Eingriffe in die Dispositionen des OKW erschwert er den Kampf ungeheuer. Wir haben den Russen ungeheuer unterschätzt. (…) Der Kampf geht jetzt darum, wer in den vereinigten Staaten von Europa tonangebend sein wird – wir oder Stalin. Wolle Gott, dass Hitler genügend Einsicht bekommt, um diesen Kampf richtig zu führen! Das ständige Absetzen der Generäle scheint dazu nicht der richtige Weg. Wie er sich selbst erlaubt, Dummheiten zu machen, so sollte er es auch den anderen, damit sie lernen können. (…)

Wir sind nun alle klar darüber, dass es in diesem Krieg um das Ganze geht und alle sind bereit, das letzte herzugeben – aber man wird das Gefühl nicht los, dass in stümperhafter Weise mit Menschenleben geaast wird und dass ein Paranoiker jede Verrücktheit begeht, die geeignet erscheint, diesen Kampf noch zu erschweren.“

Fehleinschätzung der Stimmung in der deutschen Bevölkerung/ Himmler ein neuer Robespierre

„11. IX. 43.: Inzwischen hat die Zerstörung Europas durch die Wahnsinnspolitik Hitlers weitere Fortschritte gemacht. Zuerst kam der Zusammenbruch Stalingrads, das aus Prestigegründen gegen eine unerhört kraftvolle russische Offensive gehalten werden sollte und verloren ging mit über 200.000 Opfern an Toten und gefangenen. Dann Katastrophen kleineren Ausmaßes bei Woronesh u. Demiarow (?). Schließlich wurde Charkow mit knapper Not wiedererobert u. gehalten. In Afrika wurden wir von El Amain bis Marokko zurückgeworfen, und dort ereignete sich ein zweites Stalingrad mit über 100.000 Mann Verlusten. Nach diesen Misserfolgen mussten wir wehrlos eine Luftoffensive über uns ergehen lassen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Was Hitler den Engländern angedroht hatte – die Ausradierung ihrer Städte – geschah uns selbst. Düsseldorf, Köln, Essen, Duisburg, Krefeld, Elberfeld-Barmen, Kiel, Bremen, Lübeck, Rostock, Mannheim, Ludwigshafen und das alte schöne Hamburg wurden in Trümmerfelder verwandelt, in denen der Mensch nur noch wie ein Tier in Höhlen lebt. Gleichzeitig kehrten die Russen den Spieß um und machten zum ersten Mal eine Sommeroffensive großen Stils (…) Das [deutsche – A.M.] Volk hasst jetzt die ganze N.S. Bagage – 99% sind eindeutig dagegen. Aber alles zittert noch vor der Partei u. Himmler, der jetzt als neuer Robespierre das Ministerium des Innern übernommen hat.

Voll Angst sehen wir dem Kriegsende entgegen. Wie wird es sich abspielen und was kommt nachher? Wir fürchten einen Frieden, der uns unrettbar dem Bolschewismus in die Arme treibt.“

Zur Kriegslage an den verschiedenen Fronten, Luftkrieg

„IV. 44: In Italien ist die Situation einigermaßen gerettet worden. Mussolini von Fallschirmjägern befreit führt noch ein Schattendasein von unseren Gnaden. Die Engländer kommen bei Monte Casino nicht vom Fleck, trotz vielfacher Überlegenheit an Menschen und Material. Die Russen haben den ganzen Südteil der Ostfront ins Rollen gebracht und stehen schon in der Slowakei, im >Generalgouvernement<, und in Rumänien. Inzwischen sind weitere Städte dem Erdboden gleichgemacht worden, darunter Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main, Schweinfurt, das schöne Augsburg. Auch Stuttgart muss böse aussehen. Im Großen und Ganzen zerstören die Engländer systematisch alle Schlüsselindustrien, die zur Herstellung von Jägern notwendig sind. Kugellager, Präzisionsinstrumente, Motoren- und Flugzeugwerke. 2 x Alarm in 24 Stunden ist tägliches Brot, im Rheinland sitzen die Leute manchmal über 20 Stunden am Tag im Keller. Die Landung der Angelsachsen erfolgt ebenso wenig wie unsere mit großem Trara angekündigte Vergeltung, auf die wir nun bald zwei Jahre warten. Wenn es den Russen gelingt, die Ölfelder Rumäniens zu besetzen und in Oberschlesien einzufallen, werden wir wohl den Westen entblößen müssen und vielleicht sogar die Amerikaner rufen müssen. Ich vermute, dass die darauf warten und sich in aller Gemütsruhe durch die Russen die Kastanien aus dem Feuer holen lassen. (…)

Bei ihrem schnellen Vormarsch haben die Russen in Charkow und Wiszmiza (?) einige unserer Vergasungsanstalten für Juden mit samt Personal erbeutet und daraus einen großen Schauprozess gemacht. Wir aber haben die Stirn zu behaupten, dass wir die Kultur des Abendlandes gegen die östliche Barbarei verteidigen.- Dabei sind wir wohl heute das bestgehasste Volk der Erde. Das ist Adolf Hitlers Werk.(…) Unsere Verzweiflung und Not sind der ganzen Welt ja offensichtlich wie ein Fisch im Aquarium am Fenster – nur wir selber sehen nichts und spielen Vogelstraußpolitik. Von den ganzen unfähigen Idioten, die uns dieses Schlamassel eingebrockt haben, ist noch keiner gegangen.“

 „Aug. 44:  Nach entsetzlich schwierigen Verhandlungen und endloser  Schreiberei gelang es mir, die Genehmigung zu einer Vortragsreise mit ärztlichem Konsilium in die Schweiz zu bekommen und fuhr Ende Juli nach Zürich (…) Mitten im Krieg in einer Insel des Friedens zu  sein, die Luft eines freien Landes zu atmen, war ein merkwürdiger Genuss. Zwar leiden die Schweizer unter allen möglichen Einschränkungen, aber die Städte sind hell erleuchtet, es gibt Taxis – und man kann reden, was man will (…).“

Missglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler! Welche maßlose Enttäuschung!

An dem Abend an dem ich ankam große Sensation: über den Radio kam die Nachricht von dem missglückten Stauffenberg-Attentat auf Hitler! Welch maßlose Enttäuschung! (…). Es wurde viel politisiert. Mir graute vor der Rückreise nach Hause, besonders weil durch das Radio die Nachricht kam, dass unser Freund Graf Alex. Stauffenberg [Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, Bruder des Attentäters, Professor für Alte Geschichte – A.M.] u. seine Frau in ihrer Wohnung von der Gestapo erschossen worden sind. Die Stauffenbergs wohnten schräg gegenüber auf der Methfesselstr. Sie war Fliegerin, die frühere Flugkapitänin Schiller, mit ihr waren besonders unsere Kinder sehr befreundet.  Jedes Mal, wenn sie in Würzburg landete, flog sie für unsere Kinder eine Extrarunde über unser Haus, u. die Kinder durften sie jederzeit in ihrer Wohnung überfallen. Er selbst war nur selten da, meist an der Front, hatte auch einen Ruf nach Straßburg angenommen, aber die Wohnung hier noch behalten. Ich hatte manches politische Gespräch mit ihm geführt und auch ihm sehr eindeutig gegenüber ausgesprochen, dass es nur einen Ausweg aus unserem Amoklauf gibt: die Beseitigung Hitlers, und zwar durch Leute aus dessen nächster Umgebung. Ich hatte bei diesen Gesprächen den Eindruck, dass er mehr wusste als er sagte, aber er sagte nichts. Ich weiß auch nicht, wie weit er selbst in das Attentat bzw. die Verschwörung verwickelt war. Die, wie sich erst später herausstellte, falsche Nachricht seiner Ermordung versetzte mich in große Unruhe, da ich nicht wusste, wie weit man auch seinen Bekanntenkreis, also wir, Pfisters, Raschs ins K.Z. oder ins Jenseits befördert würde. Aber ich musste nach Hause, weil ich sonst erst recht den Verdacht auf meine Familie gelenkt hätte. Und sowieso das Nichtzurückkommen zur Einkerkerung der Familie geführt hätte. Aber ich bereitete alles für die Flucht nach der Schweiz vor, verabredete zunächst die Einladung meiner ältesten Kinder durch Lüthy [ein Schweizer Kollege  A.M.], mit Lulu und den beiden Jüngsten wollte ich dann im Oberrheintal über die Grenze gehen.

Als ich in Würzburg ankam, wagte ich nicht nach Hause zu gehen, Ich rief erst von einer Telefonzelle in der Stadt zu Hause an ob alles in Ordnung sei – erst als ich Lulus unbefangene Stimme hörte, wagte ich heimzugehen. Wochenlang erfuhren wir nicht, was mit Freunden St. [Stauffenberg – A. M.] geschehen war – dann erfuhren wir, dass sie frei waren – wohl durch Beziehungen zu Göring – er war in >Sippenhaft< in Öls in Schlesien.

In einem schauerlichen Prozess wurden die Menschen v. Witzleben u. Gördeler zum Tode verurteilt – mit Stacheldraht sollen sie ganz langsam erdrosselt worden sein. Das hat man sogar gefilmt, um es den Offizierscorps als abschreckendes Beispiel vorzuführen! Das Gefühl, hoffnungslos der Schlachtbank entgegengeführt zu werden, steigerte sich beim deutschen Volk mit dem missglückten Attentat immer mehr. Eine verschärfte Terrorwelle ging  über das Land – mit zahllosen Verhaftungen, verschärften Propagandaaktionen, man wurde auf Schulungskurse abkommandiert, große Teile der Wehrmacht der SS unterstellt, der deutsche Gruß in der Wehrmacht eingeführt. Derweilen waren die Angelsachsen in Frankreich gelandet. Wir hatten weder Benzin noch Flugzeuge noch Panzer in ausreichender Menge.“

„30. 12. 44.: Im Jahre 44 haben sich die Katastrophen so überstürzt, dass es meinem Gedächtnis gar nicht gelingen will, sie alle wieder aufzuzählen. Ein Bundesgenosse nach dem anderen hat das sinkende Schiff verlassen – zuletzt noch Bulgarien u. Finnland. Die Russen stehen in Ostpreußen, Budapest ist vor dem Fall, die Amerikaner stehen vor Köln. Unsere Luftwaffe ist ein Witz. Die feindlichen Flieger bombardieren eine Stadt nach der anderen in Trümmer. Die nicht zerstörten Städte, darunter sind Heidelberg, Würzburg, Dresden, kann man an den Fingern einer Hand zählen. Eine Gruppe von Verschwörern hat versucht, Hitler und seinen Anhang zu beseitigen, der Versuch ist missglückt, weil die [Mörder, durchgestrichen – A.M.] Attentäter mit Russland konspiriert.-

Aber wir geben uns nicht geschlagen. Jeder Mann, der irgendwie kriechen kann, wird an die Front geschickt, alle rückwärtigen Stellen werden so weit wie möglich durch Frauen ersetzt, und wir kriegen es sogar fertig, eine neue Offensive südlich von Aachen zu beginnen. Was wird uns 45 bringen? Werden die Russen nach Wien und Berlin, die Amerikaner nach hier kommen?  Wird unser Haus nächstes Jahr noch stehen, oder werden wir, wie so viele andere, in Trümmern hausen und nach den Leichen unserer Kinder graben? Die Russen sollen ziemlich am Ende ihrer Kraft sein (…) Aber sie kommen vorwärts und haben immer noch neue Menschenmassen und unendlich viel Kriegsmaterial. In den von ihnen besetzten Gebieten werden jetzt überall die Massengräber aufgedeckt, in die wir die toten Juden hineingeworfen haben. Aus jedem Land, das sie besetzten, versuchen sie nach altem Rezept einen Sowjetstaat machen. (…)

Die Japaner rücken der chinesischen Hauptstadt auf den Hals, und die Amerikaner der japanischen. Unser einziger >Trost< sind die steigenden Material- und Menschenverluste der Amerikaner. Sie betragen wohl erst 10 bis 20% der unsrigen, aber U.S.A. ist kein Nazi-Deutschland. Und England dürfte heute schon beinahe ebenso kriegsmüde sein wie wir. Wenn wir nur aushalten, ist der Krieg vielleicht noch zu gewinnen. Für uns ist er schon gewonnen, wenn wir ihn nicht verlieren. Stellen die anderen fest, dass sie mit uns nicht fertig werden, und wir werden mit ihnen auch nicht fertig, so ist das Gleichgewicht der Kräfte ja klar. Aber friedlich sind die Aspekte für den Frieden dann nicht. Wir müssten wenigstens Russland seine Beute wiederabnehmen, sonst gibt es schon nach wenigen Jahren einen neuen Krieg. So klammert man sich an jeden Strohhalm.“

Wie aussagekräftig sind diese Auszüge?

Kurzkommentar: Meine selektiven Auszüge lenken die Aufmerksamkeit auf private Äußerungen, die den „Pro Hitler“-Verdacht entkräften. Aus seinen vielfachen NS-Mitgliedschaften zu schließen, er sei ein überzeugter Hitler-Anhänger gewesen, erweist sich als zu kurzschlüssig. Er war, wie aus seinen privaten Tagebüchern und politischen Aufzeichnungen klar hervorgeht, kein überzeugter Nazi, geschweige denn ein fanatischer Bannerträger der NS-Ideologie. Im Gegenteil: Schaltenbrand stand während der zwölf Jahre der Nazi-Diktatur in einer kritischen Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie, Politik und zum NS-Staat. Er hielt Hitler für einen gefährlichen Paranoiker, der mit seiner Wahnsinnspolitik [so Schaltenbrand] im Begriff stand, Deutschland und ganz Europa zu ruinieren. Er bedauerte, dass das Stauffenberg-Attentat auf Hitler missglückt war, und hoffte im Stillen, dass Hitler beseitigt werden würde. Für ihn war der Attentäter Stauffenberg im Gegensatz zur Meinung der meisten Deutschen kein Vaterlandsverräter und Mörder, sondern ein wahrer Patriot. Bei der Vermutung, Schaltenbrand habe möglicherweise Verbindungen zum Widerstand gehabt, dürfte es sich aber um eine spätere Legende handeln. Er war eine viel zu ängstliche Persönlichkeit, um selbst im weitesten Sinne Kontakt mit Widerstandsgruppen aufzunehmen. Die Schilderung seiner Vorsichtsmaßnahmen nach dem Stauffenberg-Attentat, als er aus der Schweiz zurückkehrte, und sein Plan, im Ernstfall seine Familie in die Schweiz einzuschleusen, zeigen, dass der Weg in den Widerstand für ihn nicht in Frage kam.

Es war damals hochriskant, kritische Tagebucheintragungen vorzunehmen. Wäre er von der Gestapo überprüft und seine Aufzeichnungen entdeckt worden, wäre er höchstwahrscheinlich in ein Konzentrationslager eingeliefert und womöglich ermordet worden. Seine formalen Mitgliedschaften in NS-Massen-und Berufsorganisationen bedeuten also keine ideologische Identifikation mit dem NS-Regime, sie müssen anders begründet gewesen sein.  Er sah sich nach seiner Rückkehr aus China (1930) und erst recht nach der nationalsozialistischen Machtergreifung (1933) in seinem weiteren wissenschaftlichen Werdegang benachteiligt. Wahrscheinlich glaubte er, nach dem 30. Januar 1933 nicht ohne opportunistische Kompromisse in seiner Fachwissenschaft weiterzukommen.  Auch die von ihm offenbar geteilte Befürchtung, das NS-Regime werde sich 30 bis 50 Jahre an der Macht halten, dürfte ihn bewogen haben, sich aus  opportunistischen Motiven einzureihen beziehungsweise einreihen zu lassen und, wie es später hieß, zu einem Mitläufer werden.  Mit dieser Deutung lassen sich aber nicht alle Spannungsverhältnisse zwischen seinen Tagebuch-Reflexionen und seinem tatsächlichen Handeln erklären und ausräumen (zum Beispiel die Spannung zwischen seinem kollektiven, patriotischen „Wir“ und dem paranoischen Führer). In seinen tagespolitischen Eintragungen und politischen Reflexionen wechseln sich – wie könnte es angesichts der damaligen kommunikativen Möglichkeiten anders sein – Hellsicht, Fehleinschätzungen, widersprüchliche Ansichten, Illusionen und sogar visionäre Züge ab.

Ich muss es in diesem Kapitel mit diesen Schlaglichtern seiner Persönlichkeit belassen. Mehr dazu in Teil II.

Dokumente

Georges Schaltenbrand, Tagebuch, Auszug vom 14. VIII. 1935

 

Anmerkungen zur Leistungsgemeinschaft:

Transkription und Digitalisierung der Tagebücher:  Dr. phil. Jürgen Schaltenbrand (1935-2012).

Korrekturdurchgang der Transkription: Inge Lu Mintzel.

Copyright: Inge-Lu Mintzel.

Verantwortlich für die Auszüge und ihre inhaltliche Bearbeitung: Autor des vorliegenden Blog-Kapitels.

Lektorat für den Blog: Nina Eisen, Berlin.

Ausgewählte Literatur:

Georg Schaltenbrand: Die Multiple Sklerose des Menschen. Mit 172 Abbildungen. Georg Thieme/Verlag/Leipzig 1943.

Georges Schaltenbrand: Deutschland zwischen gestern und morgen. Vorwort Ulrich Noack. Verlag der Zeitschrift „Welt ohne Krieg“ (o.J.).

Collmann: [Georges Schaltenbrand (26.11.187 24.10.1979)], Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen ,2008, 27: 63 – 92.

Alf Mintzel Blog-Kapitel 41: T4-Aktion und Prof. Schaltenbrands Multiple Sklerose-Forschung.

Michael Martin/Heiner Fangerau Neurologie und Neurologen n der NS-Zeit. Das Beispiel der Epilepsiefoschung, in: Der Nervenarzt 87 Suppl. 1, Juni 2016.

Michael Martin, Heiner Fangerau und Axel Karenberg: Georg Schaltenbrand (1897-1979) und seine „entgrenzte Forschung“ zur Multiplen Sklerose, in: Der Nervenarzt 91, 43-52,Suppl.1 (2020).

Heiner Fangerau, Michael Martin,Ael Karenberg: Neurologen und Neurowissenschaftler:  Wer war ein Nazi? Zum Umgang mit der NS-Belastung in  der Geschichte der deutschen Medizin, in: Der Nervenarzt 91, 53-512 Suppl.1(2020).

M.Grond, T. Thiekötter: Mit dem historischen Erbe umgehen, in. Der Nervenarzt 91, Suppl 1, 51/52 (2020).

63. Wie Dr. Edith Rabenstein Passau zum Leuchten bringt

Über: Edith Rabenstein: 1000 Künstler/innen & Kulturschaffende. Biografisches Lexikon zur Passauer Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 2019. 483  Seiten.

Prüfung und Bewertung der Machart

Im Herbst 2019 erschien das oben angezeigte Buch, in welchem Leben und Wirken von annähernd 1000 Künstlern/Künstlerinnen und Kulturschaffenden dokumentiert sind. Die Autorin, Kulturredakteurin der Passauer Neuen Presse, bei der Vorstellung ihres Werkes: „Diese ganz spezielle Sammlung von Wissen entstand aus dem tiefen Wunsch heraus, mehr über Persönlichkeiten zu erfahren, die künstlerisch hier tätig waren.“ (PNP Nr. 248, 26. 10. 2019, S. 9).

Rasch folgten des Lobes volle Besprechungen. Rabenstein habe aus einem reichen Fundus geschöpft und ein beachtliches Werk vorgelegt. Sie bezöge in ihr Lexikon „auch jene Größen ein, die Passau zum Leuchten brachten, ohne dort gelebt zu haben“ (SZ Nr. 281, 05.12.2019,S. 42). Die Veröffentlichung sei auch schon deshalb bedeutend, weil es „keine vergleichbare Publikation über jene Menschen gibt, die Passau geformt haben“ (ebenda). Auch die vorangestellten Grußworte des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst und des Oberbürgermeisters der Stadt Passau verleihen dem Werk besondere Gravität. Die gefällige Aufmachung des Werkes wird allgemein gewürdigt. Es scheint mir bei so viel Lob notwendig zu sein, die Machart des Werkes genauer unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen, ob es seinen selbstgestellten Ansprüchen, wie sie in der Titelei zum Ausdruck kommen, gerecht wird. Ich stelle damit auch die bisherige Rezeption in den Printmedien zur Diskussion.

Das Lexikon ist in drei Teile gegliedert, in ein Vorwort (S.7f), in Kurzbiografien (S.12-470) und einen Anhang (S.472-483). Letzterer enthält ein Verzeichnis der Abkürzungen, ein Personenregister, die Bildnachweise und eine Bibliografie. Annähernd 1000 Personen in einem biografischen Lexikon zu versammeln, und dies noch dazu für einen Zeitraum von rund 1000 Jahren, ist ein Unterfangen, das von vorneherein konzeptuell gut überlegt sein will.  Wer wird aufgenommen, wer nicht? Welche Kriterien wendet die Autorin hierzu an? Je nach Interesse und Informationsbedürfnis werden Benutzer nach Personen und Personalien suchen. In einer kurzen Würdigung bleibt bei dieser Masse an Personen aus zehn Jahrhunderten allerdings nichts anderes übrig, als schwerpunktmäßig an Beispielen die Machart des Werkes aufzuzeigen. Der Titel des Buches und das Vorwort der Verfasserin geben an, was Benutzer in etwa erwarten dürfen. Und noch ein allgemeiner Hinweis ist nötig: Man muss mit der Künstlerszene und den kulturellen Aktivitäten in Passau und seinen benachbarten Gebieten einigermaßen gut vertraut sein, um insbesondere erkennen zu können, wen Rabenstein nicht in ihr biografisches Lexikon aufgenommen hat. Im Blick auf die Gegenwart verdeutlichen erst „Negativlisten“ die feinen Unterschiede. Wer zählt zu den Ausgewählten und wen hält die Autorin für nicht aufnahmewürdig? Rabenstein schlüpft mit ihrer Auswahl in die Rolle einer Jurorin. Es war abzusehen, dass Benutzer und noch aktive Künstler und Kulturschaffende neugierig fragen werden, wer ist drin, wer nicht. Oder selbstgefällig ausgedrückt: Bin ich drin?

Unscharfe Begriffe und ein weitgesteckter zeitlicher Rahmen

Rabenstein benutzt für ihre Auswahl zwei deskriptive Sammelbegriffe, einmal „Künstler/-innen“ und einmal „Kulturschaffende“. Sie grenzt dabei ausdrücklich Personen aus, die sie laut Vorwort kategorial dem Kunsthandwerk zurechnet (S.7). Kunsthandwerker/-innen gehören nach ihrem selektiven Ansatz weder zur Kategorie der Künstler/-innen noch zur Kategorie der Kulturschaffenden. Mit dieser groben Zuschreibung und Ausgrenzung beginnen schon im methodischen Ansatz selektive Probleme. Wer ist ein Künstler, wer nur ein Kunsthandwerker? Wer ist ein Kulturschaffender, jedoch weder Künstler noch Kunsthandwerker? Ist ein Künstler kein Kulturschaffender? Was alles fällt unter den Begriff Kultur? Bedient sich die Autorin eines engeren oder weiteren Kulturbegriffes? Fallen darunter nur Schaffende der Hochkultur? Oder zählen auch Vertreter der Alltagskultur dazu? Die Autorin gibt in ihrem  knappen Vorwort  zu diesen Grundfragen, wenn überhaupt, nur dürftige Auskünfte. Ich zitiere aus ihrem zweiseitigen Vorwort die maßgeblichen Passagen:

„Das vorliegende Buch bezieht sich auf rund 1000 Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffende quer durch die Zeiten, die in der Dreiflüssestadt gelebt und gewirkt haben, geehrt worden sind oder heute noch hier kreativ arbeiten (…)  Menschen und ihre Werke bilden wie ein Mosaik (…) das Bild dieser Stadt. Ausgeklammert bleiben – bis auf wenige Ausnahmen – die Personen des Kunsthandwerks, die oft nur durch ihre Beschauzeichen dokumentiert sind (…). Ausgeklammert bleiben auch Künstlerinnen und Künstler, die Gäste in der Dreiflüssestadt waren, es sei denn, sie haben noch heute sichtbare Spuren hinterlassen, oder ihre künstlerische Arbeit hier war Startschuss oder Sprungbrett für eine große Karriere. Ein Beispiel: Künstler, deren Arbeiten noch heute zu bewundern sind, werden aufgeführt, Gäste der Festivals wie Europäische Wochen, Jazzfest Passau, Passauer Saiten u. a. hingegen nicht. Ebenso nicht aufgenommen sind alle oft kurzzeitigen Ensemble-Mitglieder am Landestheater Niederbayern, früher Südostbayerisches Stadttheater. Hier wurde die Auswahl auf langjährige Mitglieder des Theaters gelegt. Eine Differenzierung schien mir notwendig.

Aufgeführt sind dagegen Preisträger etwa des Kulturpreises der Stadt Passau für die Böhmerwäldler, der seit 1961 des Konzerthaus-Vereins, der alle zwei Jahre verliehen wird, des Scharfrichterbeils, des Theaterpreises, der >Jungen Kunst< oder des MiE-Awards [Menschen in Europa-Award – A. M.] – und Letztere nur sofern sie aus dem künstlerischen Bereich kommen. Nicht aufgeführt sind Gruppen als Preisträger (…).

Freilich ist sich die Verfasserin bewusst, dass es ein schier unmögliches Unterfangen ist, wirklich alle Künstlerinnen und, Künstler und Kulturschaffenden von einst und jetzt in einer kulturreichen Stadt wie Passau abzubilden – es muss eine Auswahl getroffen  werden -, zum einen, weil die aktuelle Kulturszene stets im Wandel ist, zum anderen, weil die vergangenen Jahrhunderte retrospektiv manchmal nicht zur Gänze rekonstruierbar sind. Ich bin mir also dessen bewusst, dass man in diesem Unterfangen den Mut zur Lücke haben muss.“

Es gilt also zu überprüfen, inwieweit die Autorin ihre sich selbst gestellten Aufgaben erfüllt hat und ob ihre Sammelbegriffe bei den Zuordnungen, Abgrenzungen und Ausklammerungen behilflich waren.

Künstler/innen, Kulturschaffende, Kunsthandwerker

Die  Problematik liegt in Rabensteins Wahl der Sammelbegriffe und ihren methodischen Konsequenzen.  Es bedarf einer Begriffsklärung, die Rabenstein an keiner Stelle vornimmt. Kulturschaffende(r) ist ein Sammelbegriff, der alle einschließt, die kreativ gestaltend am kulturellen Leben mitwirken: Künstler/-innen, Dichter, Schriftsteller, Theaterproduzenten, Musiker, Komponisten, Dirigenten, Tänzer, Bildhauer, Architekten und andere.

Der Begriff „Kulturschaffender“ kam in den 1920er und 1930er Jahren in den Kulturwissenschaften auf und wurde unter der nationalsozialistischen Diktatur zu einem politischen Begriff. Nach 1945 ging er auch in das politische Vokabular der DDR ein. Erst in den 1990er Jahren gelangte er in den allgemeinen Sprachgebrauch. Er schloss stets alle Künstler der Bildendenden und Darstellenden Künste ein. Die begriffliche Unterscheidung und konjunktive Gegenüberstellung von Künstlern und Kulturschaffenden ist deshalb problematisch. Die Zuordnungs- und Abgrenzungsprobleme, die hierdurch gegeben sind, durchziehen das gesamten biografische Lexikon. Rabenstein hat sich vermutlich einige Gedanken dazu gemacht, vielleicht Wikipedia zurate gezogen, aber ihre Entscheidung  für den gewählten Titel nicht begründet.

Auch auf den Sammelbegriff „Kunsthandwerk/ Kunsthandwerker“ geht sie nicht explizit ein. Sie stellt ihn einfach den beiden anderen Sammelbegriffen gegenüber. Laut Wikipedia steht der Begriff „für jedes Handwerk, für dessen Ausübung künstlerische Fähigkeiten maßgebend und erforderlich sind. Die Produkte des Kunsthandwerks sind in eigenständiger handwerklicher Arbeit und nach eigenen Entwürfen gefertigte Unikate.“ Der Begriff hebt, vereinfacht ausgedrückt, kunsthandwerkliche Produkte von industriell gefertigten Massenprodukten ab. Von „hoher“ Kunst unterscheiden sich kunsthandwerkliche Produkte durch ihre primär handwerklich-technische, auf Anwendung bezogene Machart. Die Kunsthandwerke gelten neben den Bildenden und Darstellenden als Angewandte Künste.

Die Autorin belässt es in in ihrem Vorwort bei ihren allzu knappen Erläuterungen. Die inhaltliche Gliederung des Lexikons folgt sodann nicht den Sammelbegriffen und ihren Kriterien, sondern dem Alphabet. Wir haben es mit einem biografisch sortierten „Zettelkasten“ zu tun, in dem mit Bienenfleiß zusammengetragene Personalien zu den Ausgewählten enthalten sind. Das Hauptgliederungsprinzip ist also das Alphabet und dies in doppelter Weise. Denn unter jedem (Groß-)Buchstaben werden wiederum in alphabetischer Reihenfolge die Personen aufgeführt. Gewissermaßen quer zur alphabetischen Ordnung legt die Autorin ein zeitliches Schema zugrunde. Sie reiht unter jedem Buchstaben die ausgewählten Personen „von einst und jetzt“/ „quer durch die Zeiten“ ein (S.7). Ihr zeitlicher Rahmen reicht vom Hochmittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart, von Walter von der Vogelweide und dem Nibelungenlied bis zu Anna Sterr, die 1997 in Passau geboren wurde. Die Machart des Lexikons ist folglich ebenso einfach wie offen. Die Unschärfe der deskriptiven Sammelbegriffe und die zeitliche Ausdehnung ihrer Recherchen über einen Zeitraum von rund 1000 Jahre ermöglichen ihr eine kategorisch großzügige Auswahl und Zuordnung. Damit ist aber zugleich die Gefahr selektiver Willkür und Beliebigkeit gegeben. Für Leser/-innen, die nur eine rasche Auskunft über einzelne Personen des kulturellen Lebens der Stadt Passau und seiner Umgebung wollen, mag dieses locker strukturierte Konzept genügen, Hauptsache, die Angaben zur Vita einer gesuchten Person stimmen. Aber aufgepasst!

Rabenstein nimmt Stefan Rammer, ihren Redaktionskollegen von der Passauer Neuen Presse, gemäß ihrer Kriterien zurecht in ihr Lexikon auf. Rammer ist ein niederbayerischer Heimatschriftsteller, Mitherausgeber der literarischen Zeitschrift Passauer Pegasus und Kulturpreisträger des Landkreises Passau, also einer Aufnahme würdig. Seine von Rabenstein verfasste Vita enthält aber drei ärgerliche Fehler: Rammer ist nicht in Schalding links der Donau geboren, sondern rechts der Donau. Er hat nicht im Adalbert-Stifter-Museum sein Abitur gemacht, sondern im Adalbert-Stifter-Gymnasium, und er hat über den SPD-Politiker Kurt Schumacher promoviert, nicht über den CDU-Politiker Ludwig Erhard. Ein weiteres Beispiel betrifft den Passauer Dichter Friedrich Hirschl, dessen letzter Gedichtband „Stilles Theater“ (2017) in den Angaben zum Werk fehlt. Es empfiehlt sich also in jedem Fall die angegebenen Personalien zu überprüfen.

Galeristen – Künstler/-innen oder nur Kulturschaffende, oder beides?

Die Unschärfe der deskriptiven Kategorisierungen führt zum Beispiel im Blick auf die Galerien in selektive Probleme hinein. In ihrem Vorwort nennt Rabenstein unter den angeführten cultural players keine(n) einzige(n) Galeristen/in. Sie kommen  erst in einzelnen Vitae zum Vorschein, wobei die Auswahlkriterien fraglich bleiben.  Rabenstein nimmt in ihr Lexikon nur Galeristen auf, die zugleich als Künstler/-innen auftreten wie die Betreiber der Passauer Produzentengalerie und die Galerien von Horst Stauber, Eva Priller und AGON. Sie schließt hingegen alle Galeristen aus, die nicht zugleich als Künstler/-innen hervortreten oder früher hervorgetreten waren. Zu den Ausgeschlossenen zählen zum Beispiel Eva Riesinger (Soiz Galerie), Christa Schubach (zusammen mit Horst Stauber) und Michaela Dambeck (die ihre Galerien inzwischen aufgegeben haben) und Monsignore Dr. Bernhard Kirchgessner, der in den Räumen von Spectrum Kirche regelmäßig Kunstausstellungen veranstaltet. Es drängt sich die Frage an die Autorin auf, warum sie nur Künstlergaleristen berücksichtig, die „Nur-Galeristen“ hingegen alle ausschließt. Sind diese nicht auch Kulturschaffende? Warum hält die Autorin sie nicht für würdig, in ihr Lexikon der Tausend aufgenommen zu werden? Hier scheint in der Auswahl Willkür oder Beliebigkeit im Spiel zu sein. Rabensteins konzeptuelle Aussagen in ihrem Vorwort genügen nicht.

Kulturschaffende Verleger

Die Unschärfe des Sammelbegriffs Kunstschaffende wirkt sich auch auf die Frage aus, ob Verlegerpersönlichkeiten ins Lexikon aufgenommen werden. Rabenstein stellt insgesamt fünf Verleger vor: Angelika Diekmann, Ulrich Kraus,  Matthäus Merian, Gregor Peda und Jakob von Sandrart. Kraus, Merian und Sandrart traten im 17. Jahrhundert als Kupferstecher hervor. In dieser Rolle hatten sie mit Passau zu tun, sie fertigten Passauer Stadtansichten. Von den Passauer Verlegerpersönlichkeiten der Gegenwart bezieht Rabenstein nur zwei ein: Angelika  Diekmann und Gregor Peda. Zumindest zwei weitere hätten es nach meiner Ansicht verdient aufgenommen zu werden: Karl Stutz (1954-2015) und Dietmar Klinger. Warum hat Rabenstein diese kulturschaffenden Verleger nicht für aufnahmewürdig befunden?

Stutz gründete 1982 den Andreas-Haller-Verlag, der ab 1985 als Karl-Stutz-Verlag firmierte. Stutz gelang es, aus der 1978 neu gegründeten Universität Passau Autoren zu gewinnen und eine beachtliche Zahl kulturwissenschaftlicher Werke zu verlegen, darunter auch Publikationen zur Kulturgeschichte Passaus und der ostbayerischen Region. Bei Stutz erschien auch der 2007 erstmals ins Deutsche übersetzte Schauerroman „Zastrozzi“ des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley (1792-1822). Der Titelheld des 1810 geschriebenen Romans macht auf einer Reise auch in Passau Station und erlebt diese Stadt als einen locus amoenus. Ich könnte noch andere Verlagsprodukte anführen. Die Kulturjornalistin Rabenstein berichtete in der PNP über Stutz. Ihr waren also dessen Vita und Verlagstätigkeit bekannt.

Dietmar Klinger, der ebenfalls von der Gründung der Universität Passau profitierte, trat seit 2010 ebenfalls als Verleger zahlreicher kultur- und politikwissenschaftlicher Schriften zur Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen hervor. Ein Schwerunkt seiner Verlagstätgkeit liegt auf Kunstkatalogen. Sein Verlag listet inzwischen vierzig Titel auf.

Nimmt man die Autorin beim Wort und berücksichtigt die ostbayerische Region, dann gehört auch noch der Hauzenberger Verleger Toni Pongratz zu den Ungenannten, die unbedingt ins Lexikon hätten aufgenommen werden müssen. Er gibt regionalen Autoren mit seiner „Edition Pongratz“ eine anspruchsvolle, respektable literarische Plattform.

Und wieder stoßen wir auf eine biografisch versteckte Information, die uns darauf aufmerksam macht, dass es in Passau auch schon früher Kleinverleger gab. Der gelernte Verlagsbuchhändler und Gründer des Passauer Stadtmuseums (1912), Franz Bieringer, verlegte die „Niederbayerische Monatsschrift“, die später in „Ostbairische Grenzmarken“ umbenannt wurde. Wer den Namen Bieriger nicht kennt und im Lexikon nach Verlegern sucht, wird Mühe haben, diesen Verleger zu entdecken.

Die Aufnahme der Passauer Journalistin und Verlegerin Angelika Diekmann bedarf keiner besonderen Begründung. Diekmann, Gesellschafterin der Verlagsgruppe Passau, rief 1996 die Veranstaltungsreihe „Menschen in Europa“ (MiE) ins Leben und holte zu dieser hochkarätige Künstler und prominente Vertreter aus  Politik und Gesellschaft nach Passau.

Menschen in Europa (1996-2019)

Den MiE-Kunst-Award der Verlagsgruppe Passau erhielten Placido Domingo, Norman  Foster, Karl Lagerfeld, Anna Netrebko, Ai Weiwei, Lang Lang, Igor Sacharow-Ross, Wim Wenders. Die weithin leuchtenden internationalen Stars traten alle in Passau im Rahmen der Großveranstaltung „Menschen in Europa“ auf. Rabenstein hat sie allesamt in ihr biografisches Lexikon aufgenommen.

So verdienstvoll und löblich das engagierte Mäzenatentum der Passauer Verlagsgruppe und der Passauer Neuen Presse auch ist, so wenig wurden aus den eingeladenen und vermutlich hochbezahlten Stars des internationalen Kulturlebens und der internationalen Kunstwelt genuin Passauer Kulturträger und Kulturschaffende, „die Passau zum Leuchten brachten.“  Die Stars aus Musik, Theater, Kunst und Film blieben, was sie waren und nach wie vor sind, bezahlte durchreisende Besucher, die nach ihren Auftritten Passau wieder verlassen. Sie bilden im Turnus eine „Cloud“, die über dem kulturellen Leben der Stadt hinwegzieht und für ein paar Tage oder Wochen Glamour herabrieseln lässt. Diese Berühmtheiten per Lexikon zu Passauer Künstlern und Kulturschaffenden zu machen und als solche der Passauer Stadtgeschichte einzuverleiben, grenzt ein wenig an Hochstapelei. Ehrlicher wäre es gewesen, es bei Größen wie Alfred Kubin, Reiner Kunze, Hans Carossa, Emerenz Meier zu belassen, die in der Stadt oder in der umgebenden Region wenigstens zeitweise gelebt und gearbeitet haben.

Festspiele Europäische Wochen Passau

Im Gegensatz zur Veranstaltungsreihe Menschen in Europa schließt Rabenstein die für Auftritte verpflichteten Künstler (Musiker, Pianisten, Sänger, Schriftsteller, Maler … ) prinzipiell von einer Aufnahme ins Lexikon aus (S. 7).  Gewiss, die Europäischen Wochen haben nach Art der Zielsetzung, Programmgestaltung, Organisation und Finanzierung einen anderen Status. Aber sie bieten seit ihrer Gründung (1952) hochkarätigen Vertretern der Bildenden und Darstellenden Künste eine breite Plattform, unter anderem auch Künstlern aus Passau und der Region. Wikipedia listet 31 Künstler/-innen auf, darunter Vadimir Ashkenazy, Klaus Maria Brandauer, Yehudi Menuhin, Igor Oistrach, Grigory Sokolov und Tibor Varga, um nur einige zu nennen. Ihre Auftritte haben das Passauer Kuturleben ungemein bereichert und überstrahlt. Rabenstein bezeichnet sie in ihrem Vorwort als Gäste (S. 7).  Hätten sie nicht – nach der Logik des Konzepts – wie die Stars der Veranstaltungen „Menschen in Europa“ ins Lexikon aufgenommen werden müssen? Rabenstein gesteht nur Indentanten diese Ehre zu: Pankratz von Freyberg, Peter Baumgardt, Thomas E. Bauer und Carsten Gerhard. Als hätten Stars der Europäischen Wochen nicht ebenfalls „Passau zum Leuchten gebracht.“ Auch diese ungleiche Behandlung scheint mir auf einer willkürlichen Vorentscheidung zu beruhen. Ganz unauffällig tauchen Künstler, die an Europäischen Wochen teilgenommen haben, in Kurzbiografien auf: so beispilsweise die Maler Georg Weiß und Miguel Horn.

Fragwürdige Zuschreibungen

Rabenstein schreibt der kulturellen Stadtgeschichte Personen zu, die, wie oben schon gesagt, mit Passau nie oder nur rein zufällig und peripher etwas zu tun hatten. Ich entnehme Rabensteins Lexikon fünf Bespiele: Friedrich Nicolai (1733-1811), Lucas Cranach d. Ä. (um 1472-1553), Albert Birkle (1890-1986), Georg Britting (1891-1964), Johann Ernst Fabri (1755-1825).

Ein krasser Fall hochstapelnder Zuschreibung ist der Renaissancemaler Lucas Cranach der Ältere, der weder in Passau geboren wurde, noch je einen Fuß  auf Passauer Territorium setzte, noch selbst je in einem geschäftlichen Verhältnis zu Passau stand. Lucas Cranach d. Ä. malte in seiner Zeit als kursächsischer Hofmaler das Gnadenbild Mariahilf, das auf das Jahr 1537 datiert ist. Dieses für den kursächsischen Hof bestimmte Bild gelangte 1611 durch eine Schenkung in den Besitz des Passauer Fürstbischofs, wanderte aber schon wenige Jahre später nach Innsbruck. In Passau hängt nur eine Kopie. Rabenstein räumt dem berühmten Maler, dessen Vita wohlbekannt ist, eine und eine halbe Kolumne ein.

Der nächste zweifelhafte Fall ist der Maler Albert Birkle. Er war Mitglied der Berliner Sezession, Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und aktiver Teilnehmer auf der Biennale in Venedig. Rabenstein dazu: Birkle war „ein typischer >Reisemaler<, der vor Ort gearbeitet hat.“ In seinen Landschafts- und Stadtlandschaftsmalereien gäbe es auch Motive von Passau und vom Bayerischen Wald, woraus Rabenstein haarscharf folgert: „Er dürfte also auch in Passau gewesen sein, Daten sind nicht bekannt.“ Die Autorin räumt der Biografie dieses Malers mehr als eine ganze Kolumne ein. Der nächste Fall: Der Berliner Schriftsteller und Aufklärer Friedrich Nicolai war 1781 auf einer Reise durch Deutschland und die Schweiz auch durch Passau gekommen. Er schrieb in einem Essay, so hebt Rabenstein hervor, „über Topografie, Architektur, die Passauer Frauen und die Wundergläubigkeit in Mariahilf, die den aufgeklärten Protestanten erstaunte.“ Das mag man gelten lassen, um Nicolai mit einer kurzen Notiz in das biografische Lexikon aufzunehmen. Ein Künstler oder Kulturschaffender Passaus war er sicher nicht.

Scharfrichterhaus/Scharfrichterbeil

Ein weiterer Testfall sind die Kabarettisten, die weit über Passau hinaus bekannt sind und zum Teil dem sozio-kulturellen Nährboden Passaus entstammen. Kabarettisten verkörperten viele Jahre Widerständigkeiten gegen das erzkonservative städtische Establisment, gegen die damalige Dreifaltigkeit von katholischer Kirche, CSU und Passauer Neue Presse. Der Ort kabarettistischen Wirkens war das von Passauer Bürgern anfangs gemiedene, ja verfemte Scharfrichterhaus. Erst Jahre später wurde mit dem Wandel des kulturellen Klimas in der Stadt  aus dem angefeindeten Betrieb eine offiziell geförderte kulturelle Institution Passaus.

Seit 1983 wurde im Rahmen der Passauer Kabaretttage an die Gewinner des Wettbewerbs das Scharfrichterbeil vergeben. Von 1983 bis 2019 gab es 36 Preisträger, darunter 30 Solisten und sechs Duos. Letztere schließt Rabenstein von vorneherein als „Gruppen“ aus (siehe Vorwort, S. 7). Von den 30 Solisten nimmt sie vier nicht in ihr Lexikon auf: Kapud (1998), Norbert Bürger (2016), Thomas Steierer (2017) und Corrina Fuhrmann alias Lucy van Kuhl (2019). Warum? Mut zur Lücke? Oder mutwillige Ausgrenzung? Stillschweigende qualitative Wertung? Die „Urväter“ und Mitbegründer  des Passauer Kabaretts, Bruno Jonas, Sigi Zimmerschied und Rudi Klaffenböck, sind selbstverständlich drin, ebenfalls Manfred Kempinger, Hanns Meilhammer und Norbert Entfellner.

Passauer Pegasus

In ihrem Vorwort (S. 8) betont die Autorin, ihr Buch verstehe sich „in seiner Kombination aus Sachinformation und kurzer Wertung als Nachschlagewerk und Zusammenschau für jedermann.“ Die Problematik von Wertungen zieht sich, wie könnte es bei der Thematik Kunst und Kultur anders sei, durch fast alle Biografien. Jede Würdigung der Leistungen derer, die in das Lexikon aufgenommen worden sind, enthält Wertungen. Allein schon die pure Entscheidung, einen Kandidaten aufzunehmen oder auszuklammern, ist eine, die bewertet. Die Frage ist, ob und wie Rabenstein ihre Wertungen offenlegt. Sachinformation und Wertung lassen sich schwer trennen. Man kann ihre Sachinformationen auch als explizite oder implizite Wertungen lesen. Aus dem Umfang und der Detailiertheit von Kurzbiografien lassen sich wertende Gewichtungen ablesen. Auch die Negativlisten resultieren aus Wertungen. An einem Beispiel will ich aufzeigen, wie Rabenstein schwer nachprüfbare Wertungen vornimmt.

Unter den Passauer kulturellen Institutionen, Künstler-Gemeinschaften und literarischen Zirkeln gibt es ein literarisches Unternehmen, das im Laufe der letzten Jahrzehnte bundesweit Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Edith Ecker, Karl Krieg und Stefan Rammer geben seit 1980er Jahre die literarische Zeitschrift „Passauer Pegasus“ heraus. Der Passauer Pegasus wird von den Initiativen und dem Engagement der drei Herausgeber getragen. Die Zeitschrift bietet deutschen Autoren und Schriftstellern anderer Nationalität eine Publikationsmöglichkeit für bisher nicht veröffentlichte Texte (Prosa und Lyrik). Die Herausgeber veranstalten neben dem Pegasus-Projekt mit ihren Autoren Lesungen und stellen auch literarische Neuerscheinungen vor. Diese Sachinformationen werden in den Kurzbiografien über Karl Krieg und Stefan Rammer nicht mitgeteilt. Rabenstein hebt insbesondere die schriftstellerischen Aktivitäten der beiden hervor.  Edith Ecker ist hingegen unter dem Groß- und Kleinbuchstaben „E“  nicht zu finden. Auf sie wird lediglich in der Kurzbiografie Rammers mit einem Pfeil hingewiesen. Was immer die Autorin sich dabei gedacht haben mag, das Beispiel zeigt die Wirkung expliziter und impliziter (Ab-)Wertungen. Der uninformierte Benutzer des Lexikons wird vermutlich solche unterschwelligen Wertungen Rabensteins gar nicht wahrnehmen.

„Junge Kunst – Kunstprojekt der Sparkasse Passau“

Die Sparkasse Passau rief im Jahr 1996 gemeinsam mit dem Bundesverband Bildender Künstler Niederbayern den länderübergreifenden Wettbewerb „Junge Kunst“ ins Leben. Bei diesem Wettbewerb werden im Zweijahresturnus jeweils ein Künstler aus Niederbayern, Südböhmen und Oberösterreich prämiert. An ihm können folglich Künstler/-innen teinehmen, die weder in Passau oder sonstwo in seiner unmittelbaren Umgebung geboren wurden, noch dort leben und arbeiten. Die preisauslobenden Institutionen haben ihren Sitz in Passau. Von 1996 bis 2018 wurden die Preise zwölf Mal an jeweils drei, also insgesamt an 36 Künstler/innen verliehen. Eine Überprüfung ergibt, dass Rabenstein, wie in ihrem Vorwort angekündigt, alle ins Lexikon aufgenommen hat.

Die Ausgeklammerten/ Negativlisten

Erst Negativlisten machen indirekt qualitative Bewertungen sichtbar. Selbstverständlich muss aus einer Vielzahl von Künstlern und kunstbeflissenen Hobbykünstlern eine Auswahl getroffen werden. Die Teilnehmerlisten aktiver Mitglieder zu den Jahresausstellungen des Passauer Kunstvereins  erweisen, wie notwendig es ist, eine relativ strikte Auswahl zu treffen. Sonst müsste man ein biografisches Lexikon über die Maßen aufblähen. Aber gerade deshalb wäre es unbedingt erforderlich, Kriterien zu nennen, mit denen die feinen Unterschiede begründet werden. Von den Passauer Malern, Grafikern, Zeichnern und Objektkünstlern  schließt sie zum Beispiel aus:  Alexander Glas, Andreas Heckmann, Fritz Klier, Angelika von Krieglstein-Bender, Reinhard Mader, Doris Miedl-Pisecky, Alf Mintzel, Gabor Pavluk, Alois Riedl, Eva Schmidt-Gyurak. Welche Kriterien und Maßstäbe sind es, die Rabensteins  Ausgrenzungen rechtfertigen könnten? Die Autorin bleibt sie schuldig. Hierdurch wird wiederum der Eindruck eines methodisch unkontrollierten Verfahrens verstärkt. Aufnahmewürdig ist, wen sie kraft ihrer beanspruchten Kompetenz als Kulturredakteurin und journalistische Beobachterin für aufnahmewürdig hält. Sie legt darüber keine Rechenschaft ab. Geradezu unverzeihlich ist, dass Rabenstein einen satirisch so bissigen wie im Strich schmissigen Zeichner wie Fritz Klier nicht für aufnahmewürdig befunden hat. Den oberösterreichischen Maler Alois Riedl nicht aufgenommen zu haben,  obwohl er als Künstler und Nachbar seit Jahrzehnten aufs Engste mit Passau verbunden ist, spricht gegen die Urteilskraft der Journalistin.

Völlig unverständlich ist auch die Ausgrenzung Dr. Wilfried Hartlebs. Der Kreisheimatpfleger (1990-2001) und Kulturreferent (2001-2016) des Landkreises Passau bereicherte in diesen Ämtern das kulturell Leben initiativreich organisatorisch und publizistisch. Er förderte als Kulturreferent Ausstellungen in der Landkreisgalerie Neuburg am Inn, begleitete die Restaurierungsarbeiten am Schloss Neuburg und veröffentlichte zahlreiche Schriften zu kulturellen Themen des Landkreises und der Region. Hartleb war, um die unscharfen Sammelbegriffe zu benutzen, sicher kein Künstler, aber ein produktiver Kulturschaffender. Warum nahm Rabenstein ihn nicht in ihr Lexikon auf? Die Frage stellt sich auch im Blick auf den Fotografen Franz Hintermann aus Waldkirchen. Rabenstein nimmt 27 Fotografen auf. Franz Hintermann fehlt. Welche Kriterien sind es, die ihn als nicht aufnahmewürdig erscheinen lassen?

Andere Ungereimtheiten. Es gibt noch eine besondere Variante der Ausklammerung, nämlich die von Künstlerehepartnern. Rabenstein nimmt den Projektkünstler Bernhard Lutzenberger und seine Ehefrau, die Textilkünstlerin Susanne Lutzenberger, ins Lexikon auf, während sie die Ehefrau von Oswald Miedl, die oberösterreichische Malerin Doris Miedl-Pisecky, aussperrt. Letztere stellen als Künstlerehepaar ihre Werke über Jahre auch in Passau aus, beide sind aktive Mitglieder des Passauer Kunstvereins. Beim Künstlerehepaar Annerose und Alois Riedl verfährt Rabenstein umgkehrt. Annerose Riedl ist drin, ihr überregional bekannter Ehemann bleibt ausgeschlossen. Aus welchen Gründen? Seine oberösterreichische Herkunft kann und darf wohl nicht der Grund sein.

Kunsthandwerker, was unterscheidet sie von Künstlern und Kulturschaffenden?

Rabenstein betont ausdrücklich, Kunsthandwerker nur ausnahmsweise berücksichtigt zu haben, ohne Kriterien zu nennen, welche diese nach ihrer Meinung oder nach allgemeinen kunsttheoretischen Gesichtspunkten von Künstlern und Kulturschaffenden unterscheiden lassen. Um zu ermitteln, wer die wenigen Ausnahmen sind, müsste der Benutzer alle Kurzbiografien nach Berufsangaben absuchen. Unternimmt man die Suchaktion in systematischer Weise, dann kommt man wiederum zu dem Ergebnis, dass in der Auswahl eine gewisse Beliebigkeit herrscht.

Rabenstein nennt im biografischen Teil des Lexikons folgende Kunsthandwerker, die relativ unstrittig als solche angesehen werden können (in Klammern die jeweilige Anzahl): Keramiker/-innen (4), Steinmetze (3), Elfenbeinschnitzer (1), Graveure (3), Goldschmiede (5), Lithografen/Buchdrucker/Typografen(7), Kostümbildnerin(1), Stuckateure (10), Kunstschmiede (4), Glasermeister/Glasveredler (2), Intrumentenbauer (1), Gemmenschneider (1), Tapissier (1), insgesamt also 43 Personen. Zählt man die Fälle hinzu, von denen nicht ganz klar ist, welcher Kategorie Rabenstein sie zurechnet, die aber dem Kunsthandwerk zugeordnet werden könnten (zum Beispiel die Textilkünstlerin Susanna Lutzenberger), dann steigt die Zahl der Kunsthandwerker erheblich an. Es dürften an die 60 und sogar mehr sein. Von wenigen Ausnahmen kann folglich keine Rede sein.

Rabensteins Absichtserklärung (S. 7), ausgerechnet Kunsthandwerker aus ihrem Lexikon auszuklammern, ist auch deshalb unverständlich, weil die Barockstadt ihre architektonische und bildnerische Schönheit gerade Kunsthandwerkern und italienischen Baumeistern verdankt. Die kulturelle Geschichte der Stadt ist ohne ihre vielen (Kunst-)Handwerker nicht zu denken. Die Autorin nimmt allerdings im biografischen Teil ihre Absichtserkärung zurück und erweist über die oben genannte Zahl hinaus den vielen italienischstämmigen Kunsthandwerkern, Architekten und Baumeistern ihre biografische Referenz.

Fazit

Das alphabetisch ineinander doppelt verwobene Ordnungsprinzip, der weit gesteckte zeitliche Rahmen  und die das gesamte Lexikon sekundär ordnenden Sammelbegriffe Künstler/-innen, Kulturschaffende und Kunsthandwerker sowie die Zuordnung auch entferntester  künstlerischer Beziehungen ermöglichen es der Autorin, eine eindrucksvolle Schar von Persönlichkeiten in ihrem Lexikon der Tausend zu versammeln. Der Benutzer wird mit vielen interessanten Lebensläufen und Karrieren bekannt gemacht. Längst vergessene Persönlichkeiten, die einstmals Rang und Namen hatten, werden in Erinnerung gerufen. Ein alphabetisch geordneter Reigen von  kleinen und großen Geistern zieht in den Kostümen seiner Zeit vorüber. Manche Biografie weckt nostalgische Gefühle. Viele Abbildungen (Kupferstiche, Selbstporträts, Fotos) bringen die in den Rabensteinschen Olymp Aufgenommenen optisch näher. Leider fehlt eine beträchtliche Zahl von Konterfeis, und dies gerade auch von noch lebenden Kunst- und Kulturschaffenden. Die Aufnahme auch von solchen, die niemals ihren Fuß auf Passauer Boden setzten oder auf der Durchreise nur kurze Zeit in Passau weilten,  geht allerdings in einigen Fällen über ein noch sinnvolles Maß hinaus (siehe zum Beispiel Paul Koch, Ignaz Spörrer). Sie nehmen anderen, nicht berücksichtigten Persönlichkeiten den Platz weg, den diese möglicherweise verdient hätten.

Dem Lexikon wäre es gut bekommen, wenn ihm eine kurze methodische Einführung vorangestellt worden wäre, um Zuordnungen, Ausklammerungen und auch Fehlanzeigen zu begründen und verständlich zu machen. Rabenstein setzt sich in ihrem Vorwort mit ihrem begrifflichen Instrumentarium und seinen methodischen Problemen und Konsequenzen nicht auseinander. Das Vorwort spricht die selektiven Probleme, soweit sie überhaupt thematisiert werden, zu pauschal und undifferenziert an. Kunst- und kulturhistorische Kontexte werden innerhalb der Kurzbiografien zwar sichtbar gemacht, was aber nur sehr beschränkt möglich ist. Wer den Namen einer gesuchten Person kennt, wird über die alphabetische Ordnung rasch fündig. Wer aber eine ihm unbekannte Personen aus dem kulturellen Leben Passaus erst ausfindig machen will, muss geduldig Berufsbezeichnungen absuchen. Es bleibt bei der „Unterwerfung unter die strikten Regeln des Alphabets“ (S. 7), bei einem alphabetisch sortierten biografischen, auf Einzelpersonen zugeschnittenen digitalen Riesenzettelkasten. Die Autorin dokumentiert in dieser Form, „welch hohes künstlerisches Potential in der Dreiflüssestadt vorhanden war und ist“(S. 7). Sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, müsste das Lexikon umfänglich überarbeitet werden.

Zwei Nachträge zur Bibliografie des Lexikons

Alf Mintzel: Zwei Ausstellungen zum 60. Geburtstag Oswald Miedls. Bewegte Formationen, Kraftströme und Licht – Dazwischen. In: Universität Passau. Nachrichten und Berichte Nr. 104, Juni 2000, S. 21-23.

Alf Mintzel: “Europa Sacrale”. Über Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Religion am Beispiel der “44. Festspiele Europäische Wochen Passau. In: Richard Faber und Volkhard Krech (Hrsg. ): Kunst und Religion im 20. Jahrhundert. Würzburg 2001, S. 227-258.

62. Der Schrei im Alptraum, Studenten-Ghetto Passau, der Untergang

Der Schrei

Ich schreie auf. Der Schrei kommt aus tiefster Kehle. Ich wälze mich im Bett hin und her. Hin zur Schrankseite, her zum Fenster, wo das erste Morgenlicht sich hereintastet. Ich hole mit meinem rechten Arm weit aus und schlage zu. Das Phantom weicht nicht. Ich schreie. Das Phantom bedroht mich. Ich brülle es an. Es kommt nah an mich heran. Ich schreie vor Angst in den stillen Frühmorgen hinein. Meine Frau legt ihre Hand auf meinen Arm, um mich zu beruhigen. Im Halbschlaf träume ich weiter. Das Phantom verschwindet.

Wer war das Phantom? Ich hatte schon längere Zeit keine Alpträume mehr. Doch jetzt scheinen sie mich wieder heimzusuchen. Was ist der Anlass?

Ich wache auf. Der Schrei verhallt in meinen Ohren. Ich höre ihn noch, bin ganz benommen von diesem Urschrei der Angst. Die Morgendämmerung weicht dem sonnigen Tag. Ich bleibe noch eine Weile liegen und sinniere.  Was mag der Traum bedeuten? Was sagt er mir?

Das Phantom, eine fast gestaltlose Masse, war aus einem eingenebelten Raum entstiegen und auf mich zu gewabert, als wolle es nach mir greifen. Der Vorgang erinnerte mich an den Horror-Spielfilm „The Fog“. Schiffbrüchige, die das Ufer erreicht hatten, dort aber von Küstenbewohnern erschlagen und ausgeraubt worden waren, kamen später als Wiedergänger aus einer Nebelwand heraus, um sich an den Frevlern zu rächen. Es war eine wallende Wand des Grauens, aus der die Wiedergänger hervortraten und sich über die Mörder von damals hermachten. War das Phantom womöglich ein Wiedergänger, der mich verfolgt? Das Grauen ist allgegenwärtig.

Mein Alptraum schreckte mich am Morgen des 30. Januar auf, am Tage der nationalsozialistischen Machtergreifung (1933). Seit ich zu einem politisch interessierten und engagierten Staatsbürger geworden war, seit Anfang der 1960er Jahre (siehe Blog-Kap. 13-15), meldet sich dieser Tag in meinem Hirn. Am 27. Januar 1945 war Auschwitz-Birkenau von Kampfeinheiten der Roten Armee befreit worden. Mehr als eine Million Menschen hatten die Nazis in diesem Lager ermordet. Fernsehdokumentationen, Zeitungsreportagen und Radioprogramm hatten in den letzten Tagen dieses grauenhafte Morden eindringlich in Erinnerung gerufen. Entsetzliche Szenen: ausgemergelte Opfer, Leichenberge, industrielle Vernichtung! Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner, kämen sie  am Tage des Zorns als Wiedergänger  zurück, hallten millionenfache Schreie  aus den Nebelwänden. Ob diese Tagesthemen wirklich meinen Alptraum hervorriefen? Sich zu einem bedrohlichen Phantom verdichteten?  Diese Ad hoc-Deutung halte ich für zu gewagt. Nein, ich glaube nicht, dass sie einen Schlüssel liefert.

Am Lehrstuhl

Ich hatte an diesem Morgen noch einen anderen Traum, der mich luzide an meinen Passauer Lehrstuhl zurückholte. Beide  Träume scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. War der zweite der erste? Oder umgekehrt? Wie Überblendungen von Filmabschnitten gingen sie ineinander über.

Szenenwechsel. Mein ehemaliges Dienstzimmer taucht auf und gewinnt an optischer Schärfe und szenischer Bestimmtheit. Der Raum und die Dinge erscheinen vor meinen Augen, so wie sie damals gewesen waren, bevor das Haus abgerissen wurde: mein Schreibtisch, meine Couch und davor der niedrige Beistelltisch, ein Sessel, zwei Bücherregale an der Wand, zwei Fester, eines mit Blick auf die Promenade am Inn, das andere mit Blick aufs nächststehende Haus, die Türe zum Vorraum – alles in der räumlichen Größe und Ordnung  von damals. Alles steht an seinem alten Platz. Die Wände sind weiß, die Vorhänge hellbeigefarben, die Bezüge des Sitzmobiliars in einem fleckenlosen Hellgrau. Aber was ist anders im Traum? Was ist ungewöhnlich?

Der für den Gebäudekomplex zuständige Hausmeister steht in meinem Dienstzimmer und lehnt sich mit dem Rücken an die Wand. Er wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Seine Miene und seine Stimme verraten, dass er mit mir eine ihm sehr unangenehme Angelegenheit besprechen will.

„So geht es doch nicht weiter“, sagt er. „So kann es nicht weitergehen!“ betont er. „Die Reinigungskraft kann nicht mehr saubermachen. Sie kann nicht mehr den Boden saugen. Überall liegt etwas herum.“  Ohne Gefahr zu stolpern sei der Raum nicht mehr begehbar. Ich müsse die Dinge wegräumen, sonst sähe er sich gezwungen, die Universitätsverwaltung auf die Zustände aufmerksam zu machen. „Die Putzfrau beklagt sich“, wiederholt er, „den Raum nicht mehr reinigen zu können.“ Ein zweiter Angestellter der Universität tritt hinzu und notiert in einem kleinen Schreibblock die beanstandeten Zustände in meinem Arbeitszimmer. Eine Szene wie in Donna Leons Venedig-Krimis, Commissario Brunetti schaut sich mit prüfendem Blick um, der Sergente notiert, was gesprochen und bemängelt wird.

Konzeptkunst und Raumgestaltung

Auf der Diagonale von der einen zur anderen Zimmerecke liegen länglich aufgereiht zahlreiche Dinge: karminrote Backsteine, kleine Granitblöcke, Pappschachteln, Blechdosen, Kistchen, Holzklötze, Plastikbehälter und andere Materialien. Ihre diagonale Anordnung verläuft aus der Ecke über den Couch-Tisch hinweg, an meinem Schreibtisch vorbei, hin zum Regal, wo sie endet.  Ein kurioses Ensemble verschiedener Dinge, die eine Schlange quer durch den Raum bilden. Jede Besucherin und jeder Besucher muss vor dieser Barriere Halt machen und darüber hinwegsteigen. Die Kette der Dinge bildet eine Scheidelinie. Wer sie überschreitet, kommt mir nahe, womöglich zu nahe. Die aufgereihten Dinge trennen mein Arbeitszimmer  in einen Raum davor und in einen dahinter. Der Hausmeister steht noch immer an die Wand gelehnt im Raum. Verzweifelt versucht er mich zur Einsicht zu bringen, dass die Dinge nicht liegenbleiben dürfen. Es müsse wieder Ordnung hergestellt werden, wegen der Putzfrau. Ich habe ihm bisher geduldig zugehört und nichts  über den Sinn der Raumgestaltung gesagt.

Sein Hinweis auf die Reinigungsfrau lockt mich aus der Reserve. Ich erwidere: „Wenn Sie sich bei der Universitätsverwaltung beklagen und auf eine Beseitigung meines Arrangements dringen, machen Sie sich lächerlich. Sie geben Ihren Unverstand zu erkennen, wenn Sie wegen der Raumpflege den Abbau der Elemente fordern.“ Ich erkläre ihm, meine Raumgestaltung sei eine künstlerische Arbeit, ein Beispiel zeitgenössischen Kunstschaffens. Es handle sich um Konzeptkunst. Er werde für einen Spießer gehalten, der nichts von Kunst verstünde. Mir ist allerdings bei meiner besserwisserischen Art der Aufklärung nicht ganz wohl. Ich schmunzle, denn ich weiß, dass auch gebildete Betrachter und Kunstkenner oft ratlos vor Produkten der Konzeptkunst stehen, man denke nur an Arbeiten von Marcel Duchamp (1887-1968) und Joseph Beuys (1921-1986). Der Hausmeister hatte sich mit keinem Wort über das Arrangement und meine Raumgestaltung geäußert, sondern nur darauf gedrängt, die Barriere zu beseitigen, um die Raumpflege zu ermöglichen. Nach meiner Belehrung  verlässt er beträufelt und zerknirscht mein  Arbeitszimmer. Damit endet mein Traum.

Klar: Er hatte das, was ich als künstlerische Arbeit betrachtet haben wollte, allein unter Gesichtspunkten amtlicher Raumpflege gesehen. Wo und wie kann ungehindert gesaugt, gewischt, poliert und entsorgt werden. Außerdem ging es um Reinigungsarbeiten in den Räumen des Lehrstuhls für Soziologie, nicht um Werkräume des Lehrstuhls für Kunstpädagogik und ästhetische Erziehung. Der Hausmeister hätte ja seine Vorwürfe auch damit begründen können. Aber selbst dort gab es keine künstlerischen  Miniatursperren diagonal durch Arbeitsräume.  Dieses Traumfragment erinnerte mich an die Geschichte mit dem  Exponat eines Butterstücks, das Joseph Beuys in einer Ecke deponiert hatte. Eine Putzfrau entsorgte es bei ihrer nächtlichen Reinigungsarbeit. Meine „Konzeptkunst“ – ich grinse – war in der Universität Passau unter den Diensträumen ein Alleinstellungsmerkmal.

Im „Ghetto

Etwa ein Dutzend kleiner Häuser, die um einen großen, rechteckigen Platz blockförmig gereiht waren, hatten bis Anfang der 2000er Jahre als provisorische Unterkünfte für wissenschaftliches Personal und Studierende gedient. Auch ganze Studienfächer und ihre Professuren hatten mit diesen Provisorien vorliebnehmen müssen, bis zum Schluss (2000) auch das Fach Soziologie.  Der ganze Häuserkomplex, die ehemalige Maierhof-Kaserne, hatte früher als Quartier für eine Garnison gedient. Ich hatte in einem dieser Gebäude im zweiten Stock residiert. Dem Lehrstuhl für Soziologie waren 1981 eine Offizierswohnung und auf gleicher Ebene nebenan eine Unteroffizierswohnung zugewiesen worden. Der Häusertrakt, in dem die Soziologie untergebracht worden war, lag zum Inn hin. Ich genoss eine idyllische Aussicht auf den von hohen Bäumen und Buschwerk gesäumten Fluss und die grünen Hänge der österreichischen Seite. Hinter dem Wohnblock hatten die Bewohner kleine Gemüse- und Blumenbeete angelegt.  Das Provisorium hatte seinen ganz besonderen Charme, und das sahen so fast alle studentischen Bewohner, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Kollegen.

Aus der ehemaligen Kaserne war auf studentische Initiative hin ein „Studenten-Ghetto“ geworden, kurzerhand „das Ghetto“ genannt. Niemand schien sich an dieser politisch-historisch hochbelasteten  Bezeichnung gestört zu haben. Das Ghetto zählte an die 150 Bewohner. Der Gebäudekomplex sollte nach den Plänen der Universitätsleitung und der Stadtverwaltung abgerissen werden und auf seinem Baugrund eine große Sportanlage entstehen. Die Studenten wollten die angebotene Zwischennutzung auf Dauer stellen, was zu scharfen Konflikten mit der Universitätsleitung führte. Im Endstadium der Auseinandersetzungen holte die Universitätsleitung zur Durchsetzung des Abrisses sogar Polizei zur Hilfe. Die Konfrontationen brachten aus studentischer Sicht kleine Heldinnen und Helden hervor, zum Beispiel den Hans Langmeier, der bis zum Schluss gegen den Abriss kämpfte. Die Vorgänge erinnerten mich lebhaft an die gefürchteten Berliner APO-Verhältnisse. Es war ein Nachklang der Studentenbewegung mit Passauer Kolorit.

Im Studenten-Ghetto hatte sich ein reges Sozialleben entwickelt. Es wurde vom Frühling bis zum Herbst im Freien rund um den zentralen Platz viel gefeiert und in den kleinen ehemaligen Militärunterkünften ein alternativ-romantisches Leben geführt, Kinder geboren und aufgezogen. Studentinnen sonnten sich barbusig unter meinem Fenster. Farbige Graffitis zierten die schmuddeligen grüngrauen Hauswände. Passauer Bürger beobachteten das Treiben mit Argwohn und Abscheu. Ich höre noch eine Putzfrau, als sie zum Reinemachen ins Ghetto kam, sagen: „Pfui  Teufel, diese Weiber!“ Im niederbayerischen Dialekt hörte sich die Abscheu noch zweimal drastischer an. In Passau war man zu dieser Zeit noch nicht an so viel Freizügigkeit gewöhnt. Nach zwanzig Jahren Berliner Universitätsleben (1961–1981) amüsierte mich das bunte Treiben in der gegenkulturellen Enklave am Inn. Die studentischen Bewohner initiierten und organisierten Lesungen, Kunstausstellungen, Partys und im Gang der Entwicklungen den Widerstand gegen die Pläne der Universität. Sie wollten das Ghetto als selbstverwaltetes Wohn- und Kulturprojekt erhalten.

Meine geheime Sammlung auf dem Dachboden

Es gab im Hause des Lehrstuhls einen geheimen Raum, in dem ich zahlreiche Objekte versteckt hielt, um sie gelegentlich in Konzeptkunst, Arte povera oder in Installationen zu verwandeln. In der Lebens- und Arbeitswelt des Ghettos fiel nicht besonders auf, was ich so nebenbei zusammentrug und sammelte. Mein Sammellager befand sich über  dem Lehrstuhl  auf dem Dachboden. Die Dachstühle waren vor dem Einzug von Funktionseinheiten der Universität in den Gebäudekomplex geleert und abgesperrt worden. Solche leeren Räume zogen mich unwiderstehlich an. Als das Ghetto im Zuge des Ausbaus der Universität in Etappen häuserblockweise platt gemacht wurde, bot sich für mich geradezu an, aus den Schuttbergen wunderbare Dinge zu bergen. Nach jedem Abriss inspizierte ich die Schutthaufen nach Relikten aus der bewohnten Zeit, nach zerbrochenen Baumaterialien  und Architekturresten.  Ich nutzte freie Stunden und Abende, um  meine Fundsachen unbemerkt auf den Dachboden zu schleppen. Es gab für mich nichts Schöneres als ihn mit Dingen zu füllen. Ich wurde ein Schrott-Messie-Monster, das auf dem Dachstuhl hauste und dort seine Schätze hütete.

Darunter sind lange Zinkblechteile, die vom einstürzenden Mauerwerk zerbeult und zu gotischen Faltenwürfen geformt worden waren. Ich bin geradezu versessen auf diese Faltenwürfe, die sich wunderbar aufstellen lassen.

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Aus den Schutthalden ragt Eisengestänge, das zu kleinen skulpturalen Gebilden zusammengebogen werden könnte. Im Schutt der Hauseingänge sind noch metallene Verteiler- und Schaltkästen für die elektrischen Leitungen zu finden. An ihnen hängen noch Drähte wie Haarsträhnen um ein kantiges Haupt. Die offenen Kästen wirken wie Grimassen verrückter Köpfe. Ich assoziiere  Porträtbüsten von Hochschulprofessoren.

[1 Abbildung]

Also ab in mein Versteck auf dem Dachboden! Drahtspiralen, zerbrochene Rohrleitungen, Ziegelsteinbruchstücke, verwitterte Backsteine, ich hole sie aus ihrem Schrott-Dasein heraus und lege sie auf dem Dachboden aus. Ich beginne zwischendurch Farben und Pinsel, Bürsten und Feilen für die Bearbeitung meiner Fundstücke bereitzustellen. Nach jedem Gang sperre ich wieder zu. Der Hausmeister ist mit anderen Dingen voll beschäftigt, er hat, so glaube ich, meine Schatzkammer nicht entdeckt. Sonst hätte er wohl, wie ich es in meinem Traum erlebt habe, mich aufgefordert, den „Schrott“ wegzuräumen und den Schlüssel abzugeben.

Es gab am Lehrstuhl, genau beobachtet, zwei Messis namens Mintzel, das Papier-Messie-Monster und das Schrott-Messie-Monster. Das erstere konnte jeder sehen, der durch die Diensträume ging, das letztere blieb bis zum Untergang des Ghettos vor den Augen der anderen verborgen. Als die letzten Tage des Ghettos gekommen waren, stellte die Universitätsleitung einen Sieben-Tonnen-Container zur Entsorgung meiner Papierberge vor die Haustüre. Was ich in den fast zwanzig Jahren meiner Passauer Dienstzeit an Korrespondenzen, Aufsätzen, diversen fachwissenschaftlichen Zeitschriften, Sonderdrucken, Zeitungsausschnitten, Lehrmitteln, Textentwürfen, Kopien, Broschüren, Plakaten, Dokumentationen und anderen Papier-Materialien gesammelt und aufbewahrt hatte, musste in kurzer Zeit entsorgt werden. Ich hatte auch alle handschriftlichen Fassungen meiner wissenschaftlichen Texte aufgehoben. Ein Großteil der Papiermassen stammte aus der vordigitalen Zeit (siehe Blog-Kapitel 57: Mein digitaler  Weitsprung in das 21. Jahrhundert). Der Container war im Nu mit  sieben Tonnen „Altpapier“ bis zum Rand gefüllt. Später hörte ich, dass auch an anderen Lehrstühlen Messie-Symptome aufgetreten waren. Ehefrauen von Kollegen sollen hinter vorgehaltener Hand eingestanden haben, zu Hause die Arbeitszimmer ihrer gelehrten Männer heimlich stückweise entleert zu haben.

Der Untergang des Ghettos und mein dreifacher Abschied

Es waren also drei Ereignisse zusammengekommen: meine amtliche Verabschiedung in den Ruhestand, die Riesen-Entsorgungsaktion am Lehrstuhl und der Untergang des Ghettos, in welchem meine Arbeitsstätte gelegen hatte. Kurz vor der finalen Bagger- und Abrissbirnen-Attacke war ich mit meiner Familie in unser Schweizer Domizil gefahren.  Als ich zurückkam, lag das ganze ehemalige Ghetto in Trümmern. Alles, was ich noch nicht abtransportiert hatte, war vernichtet worden. Sie mussten beim letzten Begehen der Dachböden meinen Schatz entdeckt haben und höchst verwundert gewesen sein. Alles war weg. Ich stand wehmütig und erschrocken vor dem Trümmerfeld. Es sah aus, als wäre das Areal bei einem Luftangriff der US Air Force durch Sprengbomben dem Boden gleichgemacht worden. Das Papier-Messie- und das Schrott-Messie-Monster Mintzel  trauerten um ihre Schätze. “Höhere Gewalt” hatte ihrem Treiben ein Ende gesetzt –  zumindest an diesem Platz.  Auf dem Dachboden unseres Passauer Wohnhauses konnte ich meiner Leidenschaft weiter frönen. Ich habe noch Material für viele Jahre, um  Geheimnisse zu lüften.

Der närrische Beuys hätte mit meinen Materialien die zeitgenössische Kunstgeschichte auf einen zweiten Höhepunkt, wenn nicht gar zum Wahnsinn gebracht. “Der Narr” aus dem Ghetto sollte hingegen nicht einmal die Ehre haben, von der Passauer Kunstpäpstin namens Dr. Edith Rabenstein unter die 1000 Köpfe der kulturellen Stadtgeschichte aufgenommen zu werden. Vielleicht war in meinem Alptraum diese wabernde Kulturredakteurin das Phantom, das mich ausgrenzen und vernichten wollte.

Zu Rabensteins Auswahl ehrwürdiger Köpfe ein paar kritische Anmerkungen: Rabenstein betreibt mit ihrem biografischen Lexikon allzu penetrant Hochstapelei, indem sie der kulturellen Stadtgeschichte bekannte Namen zuschreibt, die mit Passau selbst so gut wie nichts zutun hatten. Unter den in Rabensteins Olymp aufgenommenen KünstlerInnen und Kulturschaffenden der Gegenwart vermisst man dagegen eine Reihe bedeutender Namen. Unverzeihlich ist zum Beispiel, dass Rabenstein einen satirisch so bissigen wie im Strich schmissigen Zeichner wie Fritz Klier nicht für aufnahmewürdig befunden hat. Zurecht sind in einer Besprechung Nachträge eingefordert worden (vgl. PNP Nr. 297 vom 24.12.2019, S. 7).

Mein Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Soziologie, Prof. Dr. Maurizio Bach, zog im Jahr 2000 bei seiner Dienstaufnahme nach einer kurzen Übergangszeit gleich in einen modernen Neubau ein, der frisch fertig gestellt worden war. Er betrat ein bestelltes Feld. Für ihn waren die Ghetto-Jahre der Soziologie, die mühsamen Jahre des Aufbaues und der Organisierung des Faches im Konzert der anderen Fachwissenschaften (siehe Blog-Kap. 22-25), eine Vorgeschichte, mit der er anscheinend nichts zu tun haben wollte. Mein dreifacher Abschied schien ihn nicht berührt zu haben. Der Untergang des Ghettos und meines Arbeitsplatzes waren für mich eine lebens- und berufsgeschichtlich tiefe Zäsur. Nichts erinnert heute mehr an die Ghetto-Jahre. Nicht einmal ich kann sagen, wo das Areal genau gelegen hat. Es war einmal…