61.Das Geheimnis der Artemis – Kunsttheoretische Überlegungen

(Aus Anlass meiner aktiven Teilnahme an zwei Kunst-Werk-Wochen im Rottal, Juli und September 2019: Modellieren, Abformen, Gießen)

Naturform – Artefakt

Fundstücke aus der Natur, die ich wegen ihrer Schönheit in Artefakte verwandelt habe, erinnern an von Menschen geschaffene prähistorische Figurine und zugleich an Kunstschöpfungen der Moderne, wie zum Beispiel von Tony Cragg oder auch Hans Arp (Beispiel: Menschliche Konkretionen, 1936; Der Wolkenhirt, 1953), E. Chillida (Beispiel: Forma, 1948) und Henry Moore. Sie haben mich herausgefordert, darüber nachzudenken, was passiert, wenn ich Gebilde der Natur in Kontexte menschlicher Kultur überführe und sie so möglicherweise zu Kunstobjekten mache. Hierzu ein paar problemumkreisende Überlegungen und vorläufige Antworten.

Übernahme eines Produkts der Natur in die Welt menschlicher Artefakte

Das menschliche Auge sieht in der Gestalt eines Naturgegenstandes (Stein, Holzklotz, Erdklumpen, Wolke etc.) und in seinen Oberflächenstrukturen bildhafte Erscheinungen. Was die Natur durch blinden Zufall an Gebilden hervorgebracht hat, wird durch das ikonografische Gedächtnis und Sehen des Menschen bildhaft in etwas anderes umgesetzt. Ein zu einem Klumpen gebackener Erdkloß wird durch das bildhafte Sehen zu einem weiblichen Torso, oder allgemein, zu einer anthropomorphen Figurine. Ein runder Kieselstein wird mit seinen kleinen ausgewaschenen Höhlungen als menschlicher Kopf mit Gesicht wahrgenommen. Der Umriss eines Steines wird zur Silhouette eines Tieres. Und da, wo eine Lücke besteht, wo etwas zu fehlen scheint, ergänzt das menschliche Auge das Fehlende zu einem möglichen Ganzen.

Ähnlichkeiten ermöglichen verschiedene Deutungen. Das bildhafte Sehen des Menschen ist somit eine Voraussetzung für die Übersetzung einer Naturform/-gestalt in seine Bildwelten. Ein Stein, ein Holzstück, ein Klumpen Erde wird übersetzt in ein Idol, Votiv, in einen Torso oder in ein anderes Artefakt. Die Ähnlichkeit zufälliger Naturformen und naturhafter Gestaltungen mit bildlichen Vorstellungen des Menschen bewirkt einen Verwandlungsprozess. Unser bildhaftes Denken und Sehen ist die Voraussetzung dafür, dass ein zufälliges Naturgebilde durch die menschliche bildhafte Sehweise zu einer anthropomorphen Kleinplastik wird. Ohne diese geistige Fähigkeit zur Umdeutung einer Naturform/-gestalt bliebe das Gebilde eben nur das, was es eigentlich ist, nämlich ein bedeutungsloses Ding der Natur. Das zufällige Naturprodukt, wird zu einem Artefakt (kulturellem Bestandteil), indem es aus seinem natürlichen Kontext entnommen und in einen kulturellen Kontext transferiert wird. Ist er aber durch diesen Transfer schon ein Kunstprodukt geworden? Das ist die Frage.

Die menschenähnlich gestalteten Osteokollen, die ich gefunden habe (zu Begriff und Gegenstand siehe unten), bleiben, so könnte eingewandt werden, auch nach ihrer Umsetzung in einen kulturellen Kontext zunächst von der Natur hervorgebrachte und gestaltete Gebilde. Erst dadurch, dass ich ihnen eine ästhetische Bedeutung verleihe und in ihnen zum Beispiel anthropomorphe Figurinen sehe, mache ich die Osteokollen zu möglichen Kandidaten für das Kunstschaffen. Ich muss sie erst zu einem Gegenstand der Kunst erheben.

Was alles kann Kunst sein?

Es wird viel über Kunst geredet, doch ist es schwer, ihre Eigenart präzise zu erfassen. Im Laufe der Zeit hat der Mensch verschiedene ästhetische Lehren entwickelt und kontroverse Positionen über die Frage bezogen, welche menschlichen Artefakte als Kunst gelten dürfen und welche nicht. Worüber reden wir, wenn wir über Kunst reden? Die Unsicherheit ist mit der Ausdifferenzierung zahlreicher Macharten und Stile gewachsen. Künstler wie berufliche Kunsterklärer haben im 20. Jahrhundert unterschiedliche Positionen bezogen, darunter auch Extrempositionen. Für eine hinlängliche Klärung des Verhältnisses von Natur und Kunst werden verschiedene Aspekte in Betracht gezogen: Die Natur als künstlerische Inspirationsquelle, die Natur als Künstlerin,  die Erfindung der Natur, Natur als Kunst, die Synthese von Natur und Kunst, Naturmaterialien in der zeitgenössischen Kunst – das sind Stichworte der aktuellen ästhetisch-theoretischen Diskussionen und kunstphilosophischer Klärungsversuche. Wir kommen nicht um eine Ästhetik und Kategorisierung herum. Was ist Kunst? Welche Materialien benutzt Kunst? Bedarf es eines erweiterten Kunstbegriffes à la Joseph Beuys, um zufällig gefundene Naturgebilde unter bestimmten Bedingungen als Kunstobjekte bezeichnen zu können?

Abbildungen: Exemplare naturgeformter plastischer Gebilde

[folgt in Kürze]

Naturschönheit – Kunstschönheit

Die Bezeichnung Osteokolle (im Plural Osteokollen) ist aus den altgriechischen Wörtern „osteon“ und „kolla“ zusammengesetzt. Osteon heißt der Knochen, „kolla“ der Leim. Der Theologe Thomas Erasmus berichtet 1590 über verkalkte Wurzeln, die er „lapis sabulosus“ nennt. Mit dieser Bezeichnung kam Thomas Erasmus dem Entstehungsprozess im sandigen Boden nahe.

Geographisch und geologisch haben sich Osteokollen in postglazialen Lößgebieten im Umfeld der vereisten Gebiete gebildet. Löß besteht aus angewehten und abgelagerten Sanden der Inter- und Postglazialzeit. In diesen Sanden sind alle Gesteinsanteile der glazialen Gesteinsabtragungen enthalten, darunter ein hoher Anteil Kalk. Durch Sickerwasser gelangt der Kalkanteil in tiefergelegene Sandschichten und lagert sich dort ab. Diese Kalkauswaschungen sammeln sich an Baum- und Strauchwurzeln, die in den angewehten und angelagerten Sanden stehengeblieben waren, verfestigen sich und wachsen allmählich um die Wurzel herum, je nach Wurzelwerk und Kalkzufuhr, zu verschiedenen Gebilden heran. Je nach organischen Entstehungsbedingungen, ob kleine oder große, ob verzweigte oder dicke Wurzeln, und je nach der Menge der Kalkzufuhr entstehen in diesem Prozess vielgestaltige mineralische Aggregate, Konkretionen genannt. Die Größe von Osteokollen variiert von wenigen Zentimetern bis zu einer Größe von dreißig und mehr Zentimetern.  Der Formenreichtum dieser Gebilde reicht von bizarren kleinen „Würstchen“ und „Wichtelfiguren“ (im Volksmund Lößkindl, Lößpuppen und Steinmännle genannt) bis zu größeren, anthropomorph anmutenden Gebilden, die prähistorische und moderne Künstler geschaffen haben könnten. Manche Exemplare sind so schön gestaltet und ästhetisch perfekt geformt, dass man ohne das Wissen von Entstehung und Herkunft dieser Gebilde meinen könnte, es handle sich tatsächlich um künstlerische Werkstücke des Menschen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Osteokolle, abgerufen 01.06.2019; https://www.bgr.bund,de/DE/Themen/Sammugen-Grungla…abgerufen 01.06.2019)

Meine Fundstücke erinnern mich an aufrechtstehende und liegende Frauenkörper, an archaische Göttinnen und an abstrahierend figürliche Plastiken der klassischen und zeitgenössischen Moderne. Ich bin fasziniert von ihrer Schönheit. Doch blieben sie, was immer ich in sie hineindeute, so könnte mir entgegengehalten werden, Naturprodukte, keine von menschlicher Hand geformte ästhetische Gebilde. Noch einmal zurück zur Frage, was ist Kunst?

Extreme kunsttheoretische Positionen

Theodor W. Adorno hat der Kunst eine kritisch-utopische Funktion zugewiesen. „Angesichts dessen, wozu sich die Realität auswuchs, ist das affirmative Wesen der Kunst, ihr unausweichlich, zum Unerträglichen geworden“ (Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 1973, S.10). Nach den Massenvernichtungslagern und bestialischen Katastrophen jedweder Art des 20. Jahrhunderts stünde gerade auch die Kunst in deren Zeichen. „Nach den realen Katastrophen und im Angesicht kommender“ habe die Kunst ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt. Es komme nicht nur auf die Qualität der ästhetischen Formalien an, sondern auf die inhaltlichen Aussagen zum Weltgeschehen. Kunst müsse, um ihrer humanen Aufgabe zu genügen, die Schrecken und inhumanen Widersprüche aufzeigen und auf utopische Möglichkeiten hinweisen. In diesem Sinne sind meine im Blog-Kapitel 58 abgebildeten Lithografien zu Themen wie „Schrecken des Krieges“ und „Folter“ humane Anklagen.

Joseph Beuys proklamierte den vielzitierten „erweiterten Kunstbegriff“. Jeder Mensch besitze allgemein schöpferische Fähigkeiten, die, so sein künstlerisches Programm, erkannt, ausgebildet und in allen Lebensbereichen und gesellschaftlichen Sektoren zur Geltung gebracht werden sollten. Beuys setzt Kunst mit Kreativität gleich. Jeder Mensch sei im Grunde ein Künstler, wie überhaupt das Leben ein Kunstwerk sei. Zumindest habe jeder Mensch das Zeug dazu. Diese Erweiterung des Kunstbegriffs scheint mir höchst problematisch zu sein. Sie führt, so denke ich, ins Nebulose und in eine grenzenlose Beliebigkeit. Ästhetische und handwerklich-technische Standards werden zugunsten einer willkürlichen Definition und aktionistischen Praxis aufgegeben (siehe hierzu die hervorragende Analyse von Sandro Bocola „Die Kunst der Moderne, S. 503-540). Alles kann möglicherweise als künstlerische Äußerung und Leistung angesehen werden, also auch ein Transfer von Naturgebilden in menschliche Artefakte.

Unter einem solchermaßen ausgeweiteten Kunstbegriff ließen sich meine abgeformten Naturgebilde leicht subsummieren. Es genügte, sie gefunden, ausgewählt, handwerklich-technisch abgeformt, gegossen und mit einer anderen Bedeutung belegt zu haben. Nach diesem Konzept wären Entdeckung und Bearbeitung zweifellos kreative künstlerische Akte und deren Ergebnis ein Kunstobjekt. So gesehen bedürfte es keiner weiteren ästhetisch-theoretischen Anstrengung mehr.

[Abbildungen der Abformung folgen in Kürze]

Readymade, Objet trouvé oder doch nur handwerklich-technische Reproduktion einer Naturschönheit?

Das Readymade ist nach geläufiger Definition ein handwerklich-technischer oder industriell vorgefertigter Gegenstand, den ein Künstler auswählt, kauft und durch Platzierung in einen Kontext mit seiner Signierung zu einem Kunstwerk erklärt. Der Künstler löst den Gegenstand aus seiner ursprünglichen Funktion und verleiht ihm in einem individuellen Akt eine ästhetische Funktion. Bekannte Beispiele: Marcel Duchamps Signierung eines Urinals und Umbenennung in „Fountaine“. Oder Duchamps „Flaschentrockner“, wie sie damals in französischen Gasthäusern in Gebrauch waren. Duchamp sammelte vorgefertigte Alltagsgegenstände, gab ihnen einen anderen Namen, signierte sie, erklärte sie zu Kunstgegenständen und reichte sie bei Kunstausstellungen ein. Er schildert diese Umwandlung so:

„Ob Mr. Mutt [sein Pseudonym] die Fontaine mit seinen eigenen Händen gemacht hat oder nicht, hat keinerlei Bedeutung. Er hat sie AUSGEWÄHLT. Er nahm einen gewöhnlichen Gegenstand des täglichen Lebens, platzierte ihn so, dass seine nützliche Signifikanz unter dem neuen Titel und Blickwinkel verschwand – schuf einen neuen Gedanken für das Objekt.” (zit. n. Partsch, S.54)

Überträgt man dieses Konzept auf meine Objekte, dann könnte man sagen: Ich habe von der Natur geformte, vorgefertigte Gebilde aus ihrem ursprünglichen Kontext entnommen, sie mit einem Titel versehen, ihnen damit eine neue Bedeutung unterlegt, signiert und ihnen einen Platz in der Kunstwelt eingeräumt. (Ich platziere allerdings meine Objekte nicht, wie Duchamp, im ästhetischen Sinn einer Anti-Kunst, sondern im Kanon klassischer Positionen). Auch bei meinen Kleinplastiken käme es also nicht darauf an, ob ich sie mit eigenen Händen gemacht oder nur AUSGEWÄHLT habe. Entscheidend ist darüber hinaus, den Osteokollen eine neue Bedeutung gegeben und sie in die Welt der Künste gestellt zu haben.

Das Objet trouvé  hingegen, der gefundene Gegenstand, kann, muss aber nicht handwerklich-technisch oder industriell vorgefertigt sein. Es kann sich ebenso um ein Stück Holz, um Wurzelwerk, um einen Stein oder um andere anorganische oder organische Materialien handeln. Auch gefundene Gegenstände werden wie Readymades durch die Erfindung von Titeln mit neuer Bedeutung aufgeladen, die sie vorher nicht hatten. Pablo Picasso macht aus einer Lenkgabel und dem Sattel eines Fahrrades einen Stierkopf.

Ohne Zweifel: Osteokollen sind Fundstücke, die mir wegen ihrer Schönheit ins Auge gefallen sind. Ich habe sie aufgehoben und jene, die mir besonders schön erschienen, mit Titeln aus dem kulturellen Arsenal des Menschen versehen. In diesem Sinne sind es objet trouvés. Doch bin ich nicht ihr Schöpfer, nicht ihr künstlerischer Gestalter. Es sind von der Natur hervorgebrachte Gebilde, die in einem langen zeitlichen Prozess zufällig Formen angenommen haben, als wären sie von menschlicher Künstlerhand geschaffen worden. Das Naturschöne entsteht aus einem natürlichen Grund, sei es ein physikalischer, geologischer oder anderer bewusstseinsloser Vorgang. Kunstwerke sind hingegen per definitionem Produkte bewusster menschlicher Tätigkeit. Ich bin durch die Akte der kulturellen Aneignung, des Auffindens, der Abformung, des Gießens und der Bedeutungszuweisung zu einem „Mitschöpfer“ geworden. Ich habe die Naturgebilde kraft meiner „ikonografischen“ Anschauung entdeckt und ihre schöne Gestaltung für kunstwürdig erklärt. Die Gebilde sind, so besehen, beides, primär Hervorbringungen der Natur und sekundär meine Schöpfungen. Ich schreibe dem Akt meiner ästhetischen Entdeckung eine Art Transsubstantiationskraft (siehe Willi Baumeister, S. 46)   zu.

Die Natur als Künstlerin?

Natur kennt nicht, so sehe ich die Sachlage, die Kategorien der Schönheit und des Hässlichen. Die Natur bringt ihre Formen, Gebilde, Farben und sonstige Eigenschaften evolutiv hervor. Das Formen- und Farbenspiele, auch das weniger auffällige und schöne, dient der Paarung, Bestäubung und Fortpflanzung, hat also eine biologische Funktion. Ist die „Venus von Willendorf“ in der Evolution des Menschen ein Naturprodukt? Oder schon „kunstverdächtig“?

[zwei Abbildungen: Venus von Willendorf und Das Geheimnis der Artemis, folgen in Kürze]

Die Natur ist an sich ästhetisch völlig indifferent. Die evolutiven Vorgänge ereignen sich ohne ästhetische Absicht und Maßstäbe. Das gilt übrigens auch für geophysikalische Vorgänge, für erodierende Felsformationen, glazial geschliffene Steine, Sandrosen und viele andere physikalischen Gebilde. Die Natur ist sich ihrer Schönheit nicht bewusst. Schönheit als solche zu erleben, zu sehen und zu bezeichnen, ist eine menschliche Fähigkeit. Wir Menschen sind es, die etwas als schön oder unschön werten und eine Ästhetik entwickeln. Eine in einem Fluss angeschwemmte Holzwurzel mag noch so beeindruckend schöne Formen aufweisen, schön wird sie erst durch die ästhetische Zuschreibung des Menschen. Nicht die Wurzel empfindet sich als schön, sondern der Mensch schreibt der Wurzel Schönheit zu. Nicht die in Jahrhunderttausenden im Lößboden durch Auswaschungen gebildeten Osteokollen sehen sich als schönes Naturprodukt, sondern der Finder ist von ihrer schönen Gestaltung fasziniert.

Pure Nature Art

Im Jahre 2017 wurde auf die internationale Ausstellung „Pure Nature Art“ Naturmateriealien in der zeitgenössischen Kunst“ mit folgendem Text aufmerksam gemacht:

„Respektvolle Aneignung des von der Natur Hervorgebrachten

Für die Ausstellung wurden sechs internationale Positionen ausgewählt. Die über 20 Installationen, Objekte, Wandarbeiten und Skulpturen aus Materialien wie Muscheln, Federn, Sepiaschalen, Blättern, Kork, Pferdehaare oder Rosenblüten lenken den Blick auf die Schönheit, Leichtigkeit und Fragilität der in der Natur aufzufindenden Materialien. Sie verweisen aber auch auf die faszinierende Systematik und gestaltende Kraft, die der Natur innewohnt. Bei dem Erforschen, Sammeln und Ordnen des Vorgefundenen, bei dem Erschaffen neuer Formen und Kontexte handelt es sich um eine respektvolle Aneignung des von der Natur Hervorgebrachten. Die Ausstellung liefert überraschende und nachdenklich stimmende Anregungen, dem vielschichtigen Verhältnis von Kunst und Natur nachzuspüren.“ (https://www.mkdw.de/de/ausstellung/pure-nature-art-naturm…28.08.2019)

Die hier bezogenen Positionen stellen den Vorgang der Aneignung als Kunstschaffen in den Vordergrund, das Erforschen, Sammeln und Ordnen des von der Natur Hervorgebrachten und Vorgefundenen. Der gestaltenden Kraft wird nachgespürt, ihren Formen und Gebilden. Der Kunstbegriff wird offengehalten und nicht auf die schöpferische Tätigkeit des Menschen beschränkt. Zwischen der „Lehrmeisterin Natur“ und der schöpferischen Arbeit des Menschen besteht ein vielfältiges Wechselverhältnis, in dem immer neue Formen und Gebilde hervorgebracht werden. Doch auch in diesen Statements bleibt fraglich, was eigentlich welche Formen und Gebilde der Lehrmeisterin kunstwürdig macht und was die genuine kreative Leistung des Menschen ausmacht, der sich respektvoll von der Natur Hervorgebrachtes aneignet. Solche Formulierungen lassen vieles offen. Ich habe mir die Osteokollen respektvoll angeeignet und bewundere ihre Schönheit. Nicht die „Lehrmeisterin Natur“ hat aus einigen ihrer vielgestaltigen Gebilde eine Aphrodite, Artemis, einen weiblichen Torso oder sonst eine anthropomorphe Gestalt gemacht (siehe Abbildungen), sondern ich. Ich sehe diese ikonografischen Gestaltungen in die von Natur aus blinden, das heißt a-kulturellen, Formen der Natur hinein. Die Antwort auf die Frage, ob sie hierdurch den Anspruch erfüllen, kunstwürdig zu sein, hängt von der jeweiligen kunsttheoretischen Position ab.

Der Kunsthistoriker Hans Holländer (1932-2017) sagt hierzu Folgendes: „Die Abenteuer der Ermittlung von Bildern in den Verstecken der Gesteine und die Wege des Zufalls bei der Anwendung von Prozeduren, deren Resultate anschließend weiterbearbeitet werden, sind überaus mannigfaltig und nicht reglementierbar. Artistisches Material ist die Gesamtheit aller Dinge und ihrer Strukturen. Jede von ihnen kann auch ein Bild von etwas anderem sein, das wiederum seine Struktur hat, die der arbeitenden und bildenden Phantasie gewisse Deutungen nahelegt. Die Frage, welche dieser Bilder >Kunst< sind oder nicht, die einst so rigorose Antworten erzwang, ist dabei ziemlich gleichgültig, weil der Tätigkeitsbereich der Phantasien ohnehin nicht mit den Geltungsrevieren von Kunstbegriffen identisch ist. Kunstfertigkeit aber gerade dann vonnöten ist, wenn aus dem Meer von Assoziationen die Entscheidung für ein bestimmtes Bild getroffen und dies dann auch hergestellt werden soll. Leonardos Exempel von der Vieldeutigkeit der Strukturen einer Mauer bleibt  der beste und am meisten einleuchtende  Text zu diesem Problem, weil es sich nicht um einen kunsttheoretischen Text handelt“ (Hans Holländer, 1997: Das Irreguläre, der Zufall und die sich selbst erfindende Natur“, in: Edward Quinn: Max Ernst, S. 119). Holländer hat bei seinen Betrachtungen zwar vor allem die Malerei und Grafik der Surrealisten im Blick, doch lassen sich diese auch auf plastische Gebilde übertragen.

Fazit meiner problemumkreisenden Überlegungen

In meinem konkreten Fall begegnen sich zufällig naturgeformte Schönheit und von Menschenhand geschaffene „Kunstschönheit“ auf eine verblüffende Weise. Sie scheinen eine Synthese eingegangen zu sein. In der Natur vorgefundene natürliche Werkstücke und die künstlerischen Werkstücke des Menschen können sich in einem so hohen Maße ähneln, ja gleichen, dass eine strikte kategorische Trennung fraglich wird. Ich habe durch meine Aneignung neue Geschöpfe kreiert, ich bin der Schöpfer der Figurinen. Aus den Naturgebilden sind kulturelle Gegenstände geworden. Der Akt des Hineinsehens und der schöpferischen Aneignung macht sie zu kulturellen Artefakten und – nach Machart und ästhetischen Regeln – möglicherweise zu Kunstprodukten.

Danksagung

Dem Künstler und Kollegen Oswald Miedl (Linz), der bis 2005 den Lehrstuhl für Kunstpädagogik und ästhetische Erziehung innehatte, danke ich für seine anregenden Kommentare und Hinweise. Dank schulde ich auch den Künstlerinnen Franziska Lankes und Maya Franzen-Westermayer, den Leiterinnen der Kunst-Werk-Wochen im Rottal, für ihre Anleitungen und Hilfen bei der Durchführung meines Arbeitsprojektes. Die Gespräche mit ihnen über Arbeit und Sinn meines künstlerischen Vorhabens haben meine Selbstreflexionen geschärft. Besonders danke ich auch André Hasberg, der handwerklich exzellent die Sockel für meine Kleinplastiken angefertigt hat, und Georg Thuringer für seine professionelle Fotodokumentation.

Zu Rate gezogene Literatur (kleine Auswahl)

Die Erfindung der Natur. Max Ernst, Paul Klee, Wols und das surreale Universum. Rombach 1994; Edward Quinn: Max Ernst. Beiträge von Max Ernst, U M. Schneede, Patrick Waldberg, Diane Waldmann, Zürich und Freiburg i, B. 1976; Sandro Bocola: Die Kunst der Moderne. Zur Struktur und Dynamik ihrer Entwicklung. Von Goya bis Beuys, München, New York 1997; Michael Hauskeller, 2000: Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto, München beck´sche reihe; Susanne Partsch 2005: Die 101 wichtigsten Fragen. Moderne Kunst. München beck´sche reihe; Dieter Rahn, 1993: Die Plastik und die Dinge. Zum Streit zwischen Philosophie und Kunst. Rombach Verlag Freiburg; Willi Baumeister: Das Unbekannte in der Kunst Verlag M. DuMont Schauberg Köln 1960.

60.Universität Passau und die Fronleichnamsprozession – ein aktueller Klärungsbedarf

Kritik an der Amtsführung der Universitätspräsidentin Prof. Dr. Carola Jungwirth

„Präsidentin in Not“, „Die Patriarchin. Misstrauen und Mobbing an der Universität“, „Der Streit der Gelehrten“, „Unmut und Angst“, „Dauerkritik an der Präsidentin“, „Eitelkeiten“, „Studierenden Vertretung kritisiert Uni-Präsidentin“ – diese und weitere Presseberichte tragen seit einigen Wochen interne Konflikte der Universität Passau an die Öffentlichkeit. Am 17. Juli 2019 steht die nächste Präsidentschaftswahl an, und die amtierende Universitätspräsidentin, Prof. Dr. Carola Jungwirth, kandidiert für eine zweite Amtsperiode. Ein Novum in der jungen Geschichte der Universität: Zwei auswärtige Kandidaten und eine hausinterne Konkurrentin bewerben sich gleichzeitig um dieses Amt. Alle Versuche der amtierenden Präsidentin, die konfliktgeladene Stimmung zu beruhigen und zu ihren Gunsten zu wenden, sind bisher missglückt. Es rumort weiter und immer heftiger. Der Ton wird schärfer und unversöhnlicher, die Kluft zwischen den Streitparteien immer größer. Der Amtsinhaberin werden von verschiedenen Seiten ein ungenügender kommunikativer Führungsstil, gravierende Eigenmächtigkeiten, eklatante strukturelle Fehlentscheidungen und Ungerechtigkeiten vorgeworfen. Die meisten Kritiker wollen dabei gern anonym bleiben. Vor allem Professorinnen und Professoren halten sich bedeckt, erst recht der beruflich nicht abgesicherte wissenschaftliche Mittelbau. Sie fürchten spätere Benachteiligungen. Aus der Studentenschaft kommen die heftigsten Attacken bis hin zum Aufruf „Stürzt die Präsidentin“. Welche Vorwürfe auf tatsächliche Mängel zurückgeführt werden können   und was an den Streitpunkten überzogen und gar verfälscht ist, lässt sich von außen schwer beurteilen. Ich bin als pensionierter Ordinarius im 85. Lebensjahr „zu weit weg vom Schuss“, um die vielfältigen Konflikte und ihre Turbulenzen im Detail wirklich durchschauen und beurteilen zu können. Nach vierzig Jahren beruflicher Universitätserfahrung kann ich mir zwar auf vieles einen Reim machen, aber das ersetzt keine solide empirische Untersuchung. In einem Konfliktbereich kenne ich allerdings die Vorgänge gut genug, um dazu pointiert Stellung nehmen zu können. Dieser Konfliktbereich mag für einen Nebenschauplatz gehalten werden, doch lässt sich an ihm die Kritik an der Amtsführung der Universitätspräsidentin anschaulich nachvollziehen und demonstrieren.

Prof. Dr. Carola Jungwirth nahm in ihrer Eigenschaft als amtierende Universitätspräsidentin auch in diesem Jahr wieder an der Fronleichnamsprozession teil. Sie hatte sich in den Dienst des Passauer Episkopats gestellt und – wie die lokale und überregionale Presse berichtete – in einer Rundmail  an ihre „Untergebenen“ von diesen erbeten, an der Passauer Fronleichnamsprozession teilzunehmen (Bürgerblick Nr. 124, April 2019, S.30; Süddeutsche Zeitung Nr. 138, 17. 06.2019, S. 29). Diesen universitätsamtlichen Appell hatten manche als Belästigung aufgefasst. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass universitätsinterner Widerspruch gegen diese Form der Aufforderung zur Teilnahme geäußert worden und an die Presse gelangt ist.

Bisher hat die Universitätsleitung nichts zur Klärung des Sachverhalts beigetragen. Die Universitätspräsidentin scheint dies nicht für notwendig zu halten und hüllt sich in Schweigen. Dabei stünde der konfessionsunabhängigen staatlichen Universität eine gründliche und prinzipielle Auseinandersetzung mit dem Vorgang gut an. Liegt es in der Kompetenz und im Ermessen des Universitätspräsidenten einer staatlichen, nichtkirchlichen Institution der Wissenschaft, in seiner Amtseigenschaft die Professorenschaft zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen, und dies mit einem nachdrücklichen Schreiben? Es gibt Klärungsbedarf.

In wessen Namen, kraft welcher Kompetenz und in welcher Form?

Der Appell der Universitätspräsidentin hat eine interne Vorgeschichte. Universitätspräsident Prof. Dr. Walter Schweitzer, von 1997–2008 Rektor und von 2008–2012 Präsident, hatte im Jahre 2008 in einem Schreiben an alle „Damen und Herren Professorinnen und Professoren“ bedauert, dass aus der Universität „eine stetig sinkende Zahl von Teilnehmern an der Fronleichnamsprozession“ zu beobachten sei. „Aus eigenem Entschluss“, so hatte er ausdrücklich betont, bäte er „wieder um eine vermehrte Teilnahme, um unsere Verbundenheit mit Kirche und Stadt zum Ausdruck zu bringen.“ Er hatte allerdings seinen Appell vorsichtig dahin abgeschwächt: „Man möge sein Schreiben als gegenstandslos betrachten, falls man sich davon nicht angesprochen“ fühle.

Walter Schweitzer hatte damit grundsätzliche und allgemeine Fragen des heutigen Verhältnisses zwischen staatlicher Universität und Kirche angerührt und universitätsinternen Widerspruch hervorgerufen. Schließlich ist ein Universitätspräsident höchster Repräsentant aller Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der konfessionsunabhängigen Universität. Der amtliche Aufruf des Präsidenten hätte als Werbeschreiben für die katholische Kirche verstanden werden können. Das hatte Schweitzer wohl bedacht und deshalb auch ausdrücklich darum gebeten, seinen Appell als gegenstandslos zu betrachten, falls man sich nicht angesprochen fühle – eine diplomatische Überspielung der realen Verhältnisse, die es eigentlich zu klären gilt: In welcher Position beziehungsweise Rolle, in wessen Namen und kraft welcher Kompetenz nimmt der höchste Amtsinhaber/die höchste Amtsinhaberin der Universität Passau an der Fronleichnamsprozession teil? Wer repräsentiert wen mit welcher Begründung?

Schweitzers Nachfolger im Amt des Universitätspräsidenten, Prof. Dr. Burkhard Freitag (2012–2016), hatte die Frage „entklerikalisiert“, indem er von derartigen Empfehlungen und Appellen Abstand nahm und bei einem Besuch des Passauer Bischofs Stefan Oster in der Universität klarstellte, dass die Universität im Sinne einer freundlichen Äquidistanz zu beiden Kirchen Beziehungen pflegen wolle. Professor Freitag vermied es auch, nach katholischer Sprachregelung von „der Kirche“ im Singular zu sprechen.

Freitags Amtsnachfolgerin, Prof. Dr. Carola Jungwirth, brachte hingegen in die grundsätzlichen Fragen erneut Verwunderung und Verwirrung hinein. Sie nahm in ihrer Doppeleigenschaft als evangelische Christin und Universitätspräsidentin wiederholt demonstrativ an der Fronleichnamsprozession teil und begründete ihre Teilnahme damit, sie wolle auf diese Weise das gute Verhältnis der Universität zur katholischen Kirche sichtbar machen und bekräftigen (Passauer Neue Presse Nr. 171, 27.07.2017, S. 22). Hatte Schweitzer in seinem Appell noch sensibel erkennen lassen, dass die Teilnahme von Universitätsmitgliedern im Grunde eine katholische Sache sei, setzte sich die Universitätspräsidentin Jungwirth über solche konfessionellen Bedenken hinweg. Sie reihte sich als höchste Amtsträgerin der Universität Passau in die vom Generalvikariat der katholischen Kirche vorgegeben Prozessionsordnung ein. Frau Jungwirth meinte anscheinend, amtlich legitimiert zu sein, für die ganze Universität mit gutem Beispiel vorangehen zu dürfen. Dass die Fronleichnamsprozession eine zutiefst katholisch-konfessionelle Veranstaltung ist, die seit jeher rituell und dogmatisch gerade auch der Abgrenzung zum Protestantismus dient, scheint die höchste Amtsinhaberin der Universität offenbar nicht zu stören. Konsequent zu Ende gedacht müsste die Universitätsleitung, vertreten durch die Universitätspräsidentin, auch zu einer vermehrten Teilnahme am Gottesdienst zum evangelischen Reformationsfest oder zur Karfreitagspredigt aufrufen – was selbstverständlich nicht geschieht.

Prinzipiell gesagt und unmissverständlich formuliert: Es steht außer Frage, dass Frau Carola Jungwirth als Privatperson die vom Grundgesetz verbürgte positive und negative Religionsfreiheit genießt. Als Privatperson kann sie auch als Protestantin, wenn sie das persönliche Bedürfnis dazu hat, an der Prozession teilnehmen. Niemand würde es ihr verwehren können oder wollen. Die Sache steht jedoch anders, wenn sie, wie geschehen, als Amtsperson und höchste Repräsentantin der Wissenschaft und aller Wissenschaftler auftritt. Mag sein, dass die Amtsposition auch diesbezüglich einen relativ großen Entscheidungsspielraum zulässt. Dennoch muss sie sich Fragen nach ihrem Rollenverständnis gefallen lassen.

Frau Jungwirth erklärt, sie demonstriere mit ihrer Teilnahme in der „Tradition des früheren Universitätspräsidenten Schweitzer“ die guten Beziehungen zur katholischen Kirche. Sich auf diese Tradition zu berufen, ist aber ein äußerst schwaches Argument.

„Sehr geehrte, liebe Frau Präsidentin“

In seinem Einladungsschreiben vom 21. Mai an die „liebe Frau Präsidentin“ hebt Bischof Stefan Oster ausdrücklich hervor, dass „es ja schon eine kleine Tradition“ sei, „nach der Fronleichnamsprozession am 20. Juni bei mir im Innenhof (…) zur gemütlichen Brotzeit bei Bier, Weißwurst und mehr“ Gast zu sein. Er bitte sie, „diese Einladung an die betreffenden Personen weiterzugeben.“

An die betreffenden Personen? In der diplomatischen Amtssprache der katholischen Kirche waren wohl vor allem katholische Professoreninnen und Professoren gemeint. Es blieb jedoch nicht nur bei der Einladung zum traditionellen Weißwurstessen. Die kirchenamtliche Einladung zur Mitfeier der Prozession folgte am 27. Mai. Msgr. Helmut Reiner, Domkapitular und Pfarrer im Pfarrverband Altstadt schrieb an die Universitätspräsidentin:

„Ich lade Sie im Auftrag unseres H. H. Bischof Dr. Stefan Oster SDB herzlich ein zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes am Donnerstag, den 20. Juni 2019. Die Feier beginnt mit dem Pontifikalamt um 8.30 Uhr im Hohen Dom. Im Anschluss daran wird die Fronleichnamsprozession durch die Passauer Altstadt stattfinden (…) Alle näheren Einzelheiten über die Aufstellung und den Weg der Prozession werden am Ende des Pontifikalamtes bekanntgegeben. Ich würde mich freuen, wenn Sie das Fronleichnamsfest mitfeiern würden, zu dem sowohl alle Gläubigen eingeladen sind als auch die Ordensgemeinschaften und die Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Passau sowie ihrer Behörden und Ämter.“

Der Wortlaut der amtskirchlichen Einladung richtet sich ohne Zweifel an die Amts- und Titelträgerin Jungwirth, nicht an die gläubige Privatperson. Es ist die Universitätspräsidentin, die zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes in Dienst genommen wird. Sie wird gebeten, diese Einladung an die betreffenden Personen weiterzugeben. Und die Universitätspräsidentin ist es, die kraft ihres Amtes und ohne Abstimmung mit den Gremien der Universität den Bitten nachkommt.

Die Rundmail an die lieben Kolleginnen und Kollegen

Unter dem Datum des 4. Juni richtet die Universitätspräsidentin an alle „lieben Kolleginnen und Kollegen“ eine Mail, in der sie die kirchenamtlichen Einladungen zu ihrer eigenen Sache macht. Daraus folgender Auszug:

(…) am (…) 20. Juni 2019 um 8.30 Uhr findet der alljährliche Fronleichnamsgottesdienst im und um den Passauer Dom statt: Fronleichnam – Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi / Pontifikalamt mit Prozession durch die Stadt mit Domchor und Dombläsern. Msgr. Helmut Reiser, Domkapitular und Pfarrer im Pfarrverband Altstadt, lädt herzlich zur Mitfeier des Fronleichnamsfestes im Dom ein. Der Bischof von Passau Dr. Stefan Oster SDB setzt auch in diesem Jahr im Anschluss an den Gottesdienst die schöne Tradition fort, das Kollegium der Professorinnen und Professoren der Universität  Passau im Anschluss an den Gottesdienst und die Prozession (…) zu einem Imbiss in den Innenhof der ehemaligen Dompropstei einzuladen, worüber ich mich sehr freue.

Bitte teilen Sie bis (…) 13. Juni mit, wenn ich für sie und ihre Familie / Ihre Partnerin / Ihren Partner bei Msgr. Reiner im Dom Plätze reservieren soll (die Professorinnen und Professoren mit ihren Familien / ihrer Partnerin / ihrem Partner sitzen links neben dem Altar gegenüber den Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Passau) und wie viele Personen ich bei Bischof Oster für Sie anmelden darf. Für die Weiterleitung dieser Einladung an ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls gerne teilnehmen möchten, bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich freue mich auf ein nettes Beisammensein. Herzliche Grüße, Carola Jungwirth.“

Diese Rundmail an alle Kolleginnen und Kollegen enthält weit mehr nur als eine sachliche Weitergabe der kirchenamtlichen Einladungen. Sie übergeht eigenmächtig wie selbstverständlich den religiös-konfessionellen Pluralismus in der Universität. Frau Jungwirth machte sich zur universitätsinternen Vollstreckerin der katholisch-amtskirchlichen Bitten. Ihren Formulierungen mangelt es an einer der Universität angemessenen Distanz zum vielfach aufgefächerten religiös-konfessionellen Bereich. Die Universitätspräsidentin ignoriert mit ihrer Rundmail dogmatische Trennungslinien in so zentralen Fragen wie die der Eucharistie, die gerade in der Fronleichnamsprozession (Leib und Blut Jesu Christi) wirksam sind. Und sie macht das „nette Beisammensein“ in katholischer Manier zu einem gesellschaftlichen Weißwurst-Ereignis. Erst der Leib Christi, dann das Weißwurstessen – das ist nicht nach jedermanns religiösem Geschmack. Dies alles sollte unter dem intellektuellen und kognitiven Niveau einer höchstamtlichen Repräsentantin der heutigen Wissenschaft sein. Und es ist eine bedenkliche Missachtung Andersgläubiger.

Ständestaatliche und berufsständische Platzzuweisungen

Die offizielle Teilnahme an der Fronleichnamsprozession bedeutet – wie auch die Platzreservierung bestätigt – mehr als nur ein bloßes freundliches Mitlaufen. Teilnahme bedeutet in die Prozessionsordnung ein- und untergeordnet zu werden. Die amtskirchlich verordnete Platzierung folgt einem ständestaatlichen und berufsständischen Ordnungskonzept mit Honoratioren-Privilegien. Den Professoren werden wie dem Klerus respektable Plätze reserviert und zugewiesen. Die Universität bildet die 12. Gruppe, unterteilt in Professoren, Katholische Hochschulgemeinde und (katholische)  Studentenverbindungen. Das Ende des Zuges bilden das „Gläubige Volk aus den Stadtpfarreien, Frauen, Männer und Kinder gemischt“. (Hinweise des Generalvikars zur Durchführung der Großen Fronleichnamsprozession).

Professoren genießen ein Honoratiorenprivileg, sie werden nicht der Gruppe des „Gläubigen Volks“ zugeordnet. Wie lässt sich die Universitätspräsidentin, Frau Professor Jungwirth, platzieren? Auch in organisatorischer Hinsicht ist der Appell der Universitätspräsidentin ein Akt der Diskriminierung. Warum richtet sie ihren Appell nur an die Professorenschaft, aber nicht, allgemein und in der Sache neutral, auch an die wissenschaftsunterstützenden Bediensteten der Universität? Letztere werden auf diese Art und Weise indirekt zum „Gläubigen Volk“ hintangestellt. Wieder einmal scheint in der Universität eine gewisse „institutionalisierte Gedankenlosigkeit“ (Prof. Dr. Heinrich Oberreuter) zu vermeintlich respektablen Entscheidungen zu führen. Jedenfalls glaubt man, sich unbedenklich und bequem in die vorgegebene katholische (Prozessions-) Ordnung einreihen zu können. Teile des Sozialsystems Universität kollidieren mit dem kognitiven System der Wissenschaft und seinen Regeln.

Das prekäre Verhältnis von Wissenschaft und religiös-konfessionellen Institutionen

Einer modernen Institution des Wissens, Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung stünde es in der heutigen säkularen Welt gut an, das prekäre Verhältnis von Wissenschaft und religiösen Institutionen nicht diplomatisch zu übertünchen und schönzureden, sondern grundsätzlich zu klären, ob, inwieweit und in welcher Form eine kirchlich-konfessionell unabhängige Universität amtlich überhaupt bei einer Fronleichnamsprozession in Erscheinung treten kann und sollte. Für eine konfessionsunabhängige staatliche Institution der Wissenschaft gibt es andere, der heutigen Wirklichkeit angemessene Wege und Kommunikationsformen, ihre Beziehungen zu den Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften zu ordnen und zu pflegen. Es könnte zum Beispiel ein Arbeitskreis „Universität, Kirchen und Glaubensgemeinschaften“ gebildet werden, der als Plattform für Diskurse und akademische Streitfragen dienen könnte. Zweifelhafte und oder gar krass einseitige Appelle an Professoren und Professorinnen, an kirchlichen Festen teilzunehmen, gehören nicht zu den Aufgaben einer konfessionsneutralen staatlichen Institution der Wissenschaft.

Das Verhältnis von Staat und Kirchen hat sich inzwischen aufgrund gesellschaftlicher und politischer Veränderungen vom Modell einer freundlichen Kooperation zum Konzept „der übergreifenden offenen Neutralität“ weiterentwickelt (Ernst-Wolfgang Böckenförde 2006: Der säkularisierte Staat und seine Probleme im 21. Jahrhundert). Die übergreifende offene Neutralität gilt auch für das Verhältnis von konfessionsunabhängiger staatlicher Universität und katholischer Kirche. Ausgerechnet die erzkatholische Institution der Fronleichnamsprozession als amtliches „Bindemittel“ zwischen Universität und Kirche zu instrumentalisieren, ist seitens einer neutralen Institution der Wissenschaft eine intellektuelle und kognitive Fehlleistung, die nicht mehr um eines internen Friedens willen einfach hingenommen wird. Überdies mutet die universitätsamtliche Bitte um „vermehrte Teilnahme“ angesichts einer schrumpfenden und krisengeschüttelten katholischen Kirche (Mitgliederschwund, dramatischer Priestermangel, Beteiligung und Gleichstellung der Frau, amtskirchliche Sexualmoral, Missbrauchsskandale, Entkirchlichung …) wie eine spirituelle Hilfsmaßnahme an. Eine kirchenunabhängige staatliche Universität ist jedoch keine Missionsgehilfin bei der „Neuevangelisierung“ verlorengehenden religiös-konfessionellen Bodens (siehe Blog-Kap. 43 und 46). Traditions- und Brauchtumsargumente sind die schwächsten Verteidigungsmanöver, auch im Falle der Teilnahme an der Fronleichnamsprozession. Mitglieder der Universität sehen sich mit gutem Grund von der amtlichen Aufforderung der Universitätspräsidentin kognitiv und konfessionell belästigt.

Auf einer universitätsinternen interkonfessionellen Plattform wie dem oben vorgeschlagenen Arbeitskreis (Universität, Kirchen und Glaubensgemeinschaften) könnten Positionen ohne angemaßte konfessionelle Präsidialappelle abgeklärt und akademische Brücken geschlagen werden. Dem Generalvikariat der katholischen Kirche bleibt es selbstverständlich unbenommen, zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen. Jede Katholikin und jeder Katholik kann je nach religiösem und kirchlichem Bedürfnis daran teilnehmen oder nicht.

Die Beziehungen der Universität Passau zu den Kirchen und religiös-konfessionellen Glaubensgemeinschaften sollten nicht dem Gutdünken und persönlichen konfessionell eingefärbten Neigungen einer Universitätspräsidentin beziehungsweise eines Universitätspräsidenten überlassen bleiben. Der sensible Bereich bedarf universitätsintern einer institutionellen Regelung und Kontrolle. Es muss klar sein, wer in wessen Namen, kraft welcher Kompetenz und in welcher Form die Beziehungen zu den Kirchen und Glaubensgemeinschaften unterhält. Die Kritik an der amtierenden Universitätspräsidentin griffe allerdings zu kurz, hebe sie nur auf ihre persönliche Praxis freundlicher Kooperation mit der katholischen Kirche ab. Strukturelle Rahmenbedingungen sind es, die es der Präsidentin ermöglichen, die Kooperation mit der katholischen Amtskirche diensteifrig zu überdehnen. Die bisherige Praxis ist religionsverfassungsrechtlich und grundgesetzlich fundiert und beruht zwar auf den Prinzipien freundlicher Kooperation und Freiwilligkeit, aber die gesellschaftlichen und mit ihnen die religionspolitischen Verhältnisse haben sich in den letzten Dezennien erheblich verändert.

Im einst so tief katholisch geprägten Passau hat sich viel verschoben. Die katholische Kirche in Passau hat in 15 Jahren fast die Hälfte ihrer Kirchgänger verloren. (PNP Nr. 299, 24.12.2018, S. 25.) Auch die Fronleichnamsprozession ist sichtlich geschrumpft. Von der Universität nehmen, wie der ehemalige Universitätspräsident Prof. Dr. Walter Schweitzer beklagt hat, immer weniger Menschen teil. Sie werden die immer größer werdenden Lücken nicht füllen.

Die Universitätsleitung täte gut daran, im Sinne einer übergreifenden Neutralität religiös-konfessionell anmutende  Empfehlungen und Appelle prinzipiell zu unterlassen und sich nicht in den Dienst einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft nehmen zu lassen.

58. Gott vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte – eine fiktionale Anklage

Vor etlichen Jahren hatte ich angefangen, eine fiktive Anklageschrift gegen Gott für einen Prozess vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte vorzubereiten. Ich lege sie in Auszügen hier zum ersten Mal vor. Die Anklagepunkte hatte ich in der ursprünglichen Fassung jeweils mit einem Spruch aus der Bibel versehen. Angesichts der historischen und gegenwärtigen Gewaltexzesse und Kriege wollte ich damit verdeutlichen, wie zynisch uns heute diese Lobsprüche über Gott und Gotteswerk anmuten können.

 

Charlie Hebdo, Numéro Spécial / Nr. 1224, 6. Januar 2016

Wanted!

Die Nachrichtenagenturen melden: Wanted! Gott zur Fahndung ausgeschrieben- sofern es ihn gibt.Gott, zurzeit flüchtig, Aufenthaltsort unbekannt (angeblich im Himmel); Eröffnung des Verfahrens in Abwesenheit des Angeklagten. Von Interpol global zur Fahndung ausgeschrieben; schwer bewaffnet; als gemeingefährlich eingestuft; der Flüchtling soll sich unterschiedliche Identitäten beschafft haben und in verschiedenen Maskeraden auftreten. Das von Interpol auf Grund von Beschreibungen des Angeklagten gewonnene Phantombild hat sich bisher wegen der unterschiedlichen Erscheinungsweisen, seine Verehrer sprechen von „Emanationen“, als ungeeignet erwiesen. Die islamistischen Terroristen behaupten, in seiner wahren Erscheinungsform trete er als Allah auf. Jeder Fahnder und jede Abbildung des Propheten wird mit dem Tode bestraft. Allahu akbar! „Gott ist größer!“
Gott soll an verschiedenen Orten gesichtet worden sein. In den USA wollen ihn Passanten im Bibel Belt gesehen haben. Er werde dort, so heißt es, von Sympathisanten auf einer Range versteckt gehalten. Bisher sei kein Zugriff gelungen. Andere glauben ihn auf einer Straße unter Zeugen Jehovas beim Verkauf des „Wachturms“ entdeckt zu haben. Als die Polizei eintraf, war er angeblich verschwunden. Er soll auch an einem weit entfernten Ort gesehen worden sein. Der Heilige Geist und ein Engelsschwarm hätten seine Verhaftung verhindert, indem sie die Fahnder mit sonderbaren Flugkünsten abgelenkt hätten. Aus Deutschland wird gemeldet, er habe sich an der Universität Passau hinter seiner „Maria vom Siege“ verschanzt, hinter der Siegerin in allen Schlachten Gottes (siehe Blog-Kap. 29 und 30). Theologen behaupten gar, Gott sei überhaupt nicht zu fassen. Steckbriefe und Suchbilder führten nicht zu ihm. Gott sei ein mysterium strictissime dictum, ein unergründliches ortloses Geheimnis. Skeptiker, Religionskritiker und andere Experten weisen zwar darauf hin, dass Gott Kriegsschauplätze, Folterstätten, Konzentrationslager und Schlachthöfe peinlich meide, weil er mit seinem handwerklichen Pfusch am Weltenbau nicht konfrontiert werden wolle. Er könnte sich aber in einem Massengrab unter den Toten versteckt haben. Die Präsidentin der Universität Passau, Prof. Dr. Carola Jungwirth, hofft jedenfalls, ihm mit einem besonderen Qualitäts- und Diversity-Management (PNP Nr. 171, 27.07.2017, S. 22) auf die Spur zu kommen, indem sie angeblich im Namen der Wissenschaft und aller Wissenschaftler an der Fronleichnamsprozession teilnimmt. Carola Jungwirth meint wohl, Gott sei in der ständeordentlichen Prozession im Allerheiligsten zu finden. (Ökumene auf gut katholisch!). Sein letzter Zufluchtsort sei vermutlich der niederbayerische Provinzidyllen-Katholizismus. Auch damit sei zu rechnen: Möglicherweise verstecke sich Gott in Passau hinter der größten Orgel der Welt. Klopfe Gott in seiner Not nachts heimlich an, gewähre der Bischof von Passau, Stefan Oster, dem gesuchten Migranten kein Kirchenasyl, weil er den Bittsteller Jesus nicht erkenne.
Besondere Vorsicht ist vor Emanationen in Gestalt von Vorgartenzwergen geboten, die uns das Du anbieten! Papst Benedikt XVI. gab einen paradoxen Hinweis zum Auffinden Gottes: „Gott (habe) sich klein gemacht für uns. Gott (käme) nicht mit äußerer Macht, sondern er komm(e) in der Ohnmacht der Liebe, die seine Macht (sei). Er (gäbe) sich in unsere Hände. Er (bäte) um unsere Liebe. Er (lade) uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er (böte) uns das Du an. Er (erbitte), dass wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen.“ (Papst Benedikt XVI, Ansprache in Mariazell am 08.09.2007, L´ Osserv. Romano 37/07, 10f). Anthropomorphe Gartenzwerg-Emanationen dienen dem Flüchtigen als Betrugsmittel.
Hinweise auf seinen derzeitigen Aufenthaltsort nimmt jede Polizeistation entgegen. Für seine Entdeckung und erfolgreiche Ergreifung ist der Nobelpreis ausgelobt worden.

 

Gottesbegriffe der christlichen Theologie

Warum noch einmal die Problematik der Theodizee durchdeklinieren? Was ist das für ein Gott? Sage ich nicht, es sei pure Zeitverschwendung sich damit zu befassen? (siehe Blog-Kap. 45)

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei der Inbegriff der Liebe. Angesichts der Wirklichkeit von Folter, Massaker, Massenmord, Völkermord und Leichenbergen scheint diese Behauptung wie ein Hohn. Ist er wirklich ein liebender Gott? Was hat der allmächtige, liebende Gott „Großes“ an den Menschen getan?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allmächtig. Warum hat er Folter, Massaker, Massenmord, Völkermord und andere Untaten zugelassen? Hätte er als liebender und allmächtiger Gott nicht einschreiten und die Gräueltaten abwenden können?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allgegenwärtig. Er sei zu jeder Zeit in jedem Moment und an jedem Ort gegenwärtig. Hat er nur zugeschaut, als die Leichenberge aufgehäuft wurden? Hat er geschlafen, als unschuldige Kinder in Gaskammern umgebracht wurden?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei absolut weise. Welche Weisheit besteht darin, alle die Gräuel und Grausamkeiten zuzulassen, die sich Menschen antun?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allwissend. Warum hat er seine Allwissenheit und Weisheit nicht dazu verwendet, in seinem Schöpfungsakt den Menschen mit besseren Eigenschaften auszustatten? Er hätte doch in seiner Allwissenheit und Allmacht erkennen müssen, dass er unfriedliche und grausame Geschöpfe geschaffen hat.

 

Christliche Theologie im Faktencheck

Wo war Gott? Wie konnte ein liebender Gottvater die Grausamkeiten und Gewaltexzesse zulassen? Unter seinen Augen wurde gefoltert, vergewaltigt, sterilisiert, verschleppt, gehenkt, erschossen, vergast, verbrannt, in medizinischen Experimenten gemartert. Aus den Schlöten der Todesfabriken des nationalsozialistischen Terrorregimes drang himmelwärts riechender Qualm. Aber Gott scheint nicht gerochen zu haben, was da unten vor sich ging.
Dies alles geschah in meiner Lebenszeit, manches geschah nicht weit entfernt.

Gewiss, meine Liste der Grausamkeit ist selektiv, greift aus Tausenden „Vorfällen“ sehr verschiedene geografische Situationen, Vorgänge, Zusammenhänge und politische Konstellationen heraus. Aber jeder Anklagepunkt verweist auf die Bestie Mensch und auf Gottes Nicht-Handeln und Wegschauen. Schon in meiner Jugendzeit hatte sich bei mir eine unfassbare Angst davor eingestellt, wehrlos von irgendwelchen Schächern und Mördern gepeinigt und getötet zu werden. Ich gehöre zur „Generation der Davongekommenen“ (siehe Blog-Kap. 40). Ein Trauma ist geblieben. Meine Liste der Bestialität wäre ohne diesen Hinweis nicht ganz zu verstehen. Es geht nicht darum, die Liste wissenschaftlich zu ordnen, ihre Selektivität zu begründen und auf ein analytisches Niveau zu heben. Es sind ungeordnete Schreckensmeldungen und Berichte, die uns täglich erreichen und erschüttern.

 

Liste der Bestialität

J´ accuse! Zur Vorbereitung der Verfahren gegen Gott vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Anklage wegen der Schaffung und Duldung von Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und verbrecherischer Aggression. Missachtung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10.12.1948 und Unterlassung von Hilfe bei Verstöße gegen sie.

„Die Theologie behauptet [und Abermillionen von ihr indoktrinierte Christen – A.M.], Gott müsse sich für das Übel und Leiden in der Welt nicht rechtfertigen, denn er habe es ja nicht verursacht, sondern die Menschen selbst, indem sie das Böse in die Welt brächten. Dies könne man nicht einem Gott in die Schuhe schieben“ (Geißler 2017: Kann man noch Christ sein, S. 27). Es sei die raffinierteste Erfindung der Theologie gewesen, den freien Willen, den Gott dem Menschen geschenkt habe, für die Übel und Leiden verantwortlich zu machen und Gott zu exkulpieren. Habe Gott mit der Freigabe des Denkens, Willens und Handelns nicht das Böse erlaubt und ermöglicht? Es gehöre doch zum Schöpfungswerk Gottes, den Menschen so veranlagt zu haben, dass er auch Böses tut. Folglich: Nicht der Mensch müsse sich für sein Tun vor Gott rechtfertigen, sondern Gott vor den Menschen. Gott müsse, sofern es ihn gäbe, als Schöpfer der Welt für seinen Pfusch geradestehen (ebd., S.10, 22, 73). Die Lobpreisungen auf Gott seien angesichts der Wirklichkeit ein Hohn. “Während auf der Welt ununterbrochen gefoltert und gemordet wird, werde Gott in den höchsten Tönen gepriesen.“ (ebd., S. 32f).

 

Alf Mintzel, Die Schrecken des Krieges XII: Opfer, Lithographie, 2006

Babij Jar, 1941
Halleluja! Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ (Psalm 106,1)

Am 29. und 30. September 1941 treiben Sonderkommandos, geheime Feldpolizei, Angehörige der Waffen-SS und ukrainische Nationalisten 33 771 Juden in die in der Ukraine gelegene Schlucht von Babij Jar, zwingen größtenteils Kinder, Frauen und alte Menschen sich nackt auszuziehen, erschießen alle und verscharren sie in einem Massengrab. Bis zum Abzug der deutschen Wehrmacht aus Kiew 1943 blieb die Schlucht Hinrichtungsstätte, an der auch viele Sinti und Roma ermordet wurden. Die Schlucht wurde später zugeschüttet und das Massaker verschwiegen.

 

Alf Mintzel, Die Schrecken des Krieges VII, Lithographie, 2006

Massaker von Lidice, 9./10. Juni 1942
Was Gott tut, das ist wohlgetan; der Name des Herrn sei gelobt (Hiob 1, 20-22)

In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 ermordet ein SS-Kommando 340 Einwohner des tschechischen Dorfes Lidice. 173 Männer werden sofort liquidiert, Frauen und Kinder in nahegelegene Konzentrationslager verschleppt und dort vergast. Das Dorf wird in Brand gesteckt und verwüstet, die Leichen in einem Massengrab verscharrt. Das Massaker war ein Racheakt für die Ermordung des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich, des stellvertretenden Reichsprotektors im Protektorat Böhmen und Mähren. Heydrich war an den Folgen des Attentats gestorben, das tschechische Widerstandskämpfer verübt hatten. (SZ Nr. 116, 20./21.05.2017)

 

Alf Mintzel, Folter, Zustand 4, Lithographie, 2006

Auschwitz-Birkenau
Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summe! (Psalm 139, 17)

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau werden 1,3 Millionen Menschen ermordet. Auschwitz wird zum Inbegriff des Holocaust.

 

Hiroshima, 06.08.1945
Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut! (1. Mose 1,31a)

8.15 Uhr Ortszeit. Der US-amerikanische Pilot der B-29 klinkt „Little Boy“ aus, die erste Atombombe in der Menschheitsgeschichte. Die vier Tonnen schwere Uran-235-Bombe explodiert 8.16 Uhr Ortszeit in 600 Metern Höhe über dem Zentrum der japanischen Stadt Hiroshima. Sie setzt eine Sprengkraft von 16 Kilotonnen TNT-Sprengkraft frei. Die Bombe verwüstet ein 13 Quadratkilometer großes Gebiet und siebzig Prozent der Gebäude. Mindestens 75.000 Menschen sind sofort tot. Sie sterben in den Trümmern der einstürzenden Gebäude und verbrennen in