58. Gott vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte- Eine fiktionale Anklage

Vor etlichen Jahren hatte ich angefangen, eine fiktive Anklageschrift gegen Gott für einen Prozess vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte vorzubereiten. Ich lege sie in Auszügen hier zum ersten Mal vor. Die Anklagepunkte hatte ich in der ursprünglichen Fassung jeweils mit einem Spruch aus der Bibel versehen. Angesichts der historischen und gegenwärtigen Gewaltexzesse und Kriege wollte ich damit verdeutlichen, wie zynisch uns heute diese Lobsprüche über Gott und Gotteswerk anmuten können.

 

Wanted!

Die Nachrichtenagenturen melden: Wanted! Gott zur Fahndung ausgeschrieben- sofern es ihn gibt.Gott, zurzeit flüchtig, Aufenthaltsort unbekannt (angeblich im Himmel); Eröffnung des Verfahrens in Abwesenheit des Angeklagten. Von Interpol global zur Fahndung ausgeschrieben; schwer bewaffnet; als gemeingefährlich eingestuft; der Flüchtling soll sich unterschiedliche Identitäten beschafft haben und in verschiedenen Maskeraden auftreten. Das von Interpol auf Grund von Beschreibungen des Angeklagten gewonnene Phantombild hat sich bisher wegen der unterschiedlichen Erscheinungsweisen, seine Verehrer sprechen von „Emanationen“, als ungeeignet erwiesen. Die islamistischen Terroristen behaupten, in seiner wahren Erscheinungsform trete er als Allah auf. Jeder Fahnder und jede Abbildung des Propheten wird mit dem Tode bestraft. Allahu akbar! „Gott ist größer!“

Gott soll an verschiedenen Orten gesichtet worden sein. In den USA wollen ihn Passanten im Bibel Belt gesehen haben. Er werde dort, so heißt es, von Sympathisanten auf einer Range versteckt gehalten. Bisher sei kein Zugriff gelungen. Andere glauben ihn auf einer Straße unter Zeugen Jehovas beim Verkauf des „Wachturms“ entdeckt zu haben. Als die Polizei eintraf, war er angeblich verschwunden. Er soll auch an einem weit entfernten Ort gesehen worden sein. Der Heilige Geist und ein Engelsschwarm hätten seine Verhaftung verhindert, indem sie die Fahnder mit sonderbaren Flugkünsten abgelenkt hätten. Aus Deutschland wird gemeldet, er habe sich an der Universität Passau hinter seiner „Maria vom Siege“ verschanzt, hinter der Siegerin in allen Schlachten Gottes (siehe Blog-Kap. 29 und 30). Theologen behaupten gar, Gott sei überhaupt nicht zu fassen. Steckbriefe und Suchbilder führten nicht zu ihm. Gott sei ein mysterium strictissime dictum, ein unergründliches ortloses Geheimnis. Skeptiker, Religionskritiker und andere Experten weisen zwar darauf hin, dass Gott Kriegsschauplätze, Folterstätten, Konzentrationslager und Schlachthöfe peinlich meide, weil er mit seinem handwerklichen Pfusch am Weltenbau nicht konfrontiert werden wolle. Er könnte sich aber in einem Massengrab unter den Toten versteckt haben. Die Präsidentin der Universität Passau, Prof. Dr. Carola Jungwirth, hofft jedenfalls, ihm mit einem besonderen Qualitäts- und Diversity-Management (PNP Nr. 171, 27.07.2017, S. 22) auf die Spur zu kommen, indem sie angeblich im Namen der Wissenschaft und aller Wissenschaftler an der Fronleichnamsprozession teilnimmt. Carola Jungwirth meint wohl, Gott sei in der ständeordentlichen Prozession im Allerheiligsten zu finden. (Ökumene auf gut katholisch!). Sein letzter Zufluchtsort sei vermutlich der niederbayerische Provinzidyllen-Katholizismus. Auch damit sei zu rechnen: Möglicherweise verstecke sich Gott in Passau hinter der größten Orgel der Welt. Klopfe Gott in seiner Not nachts heimlich an, gewähre der Bischof von Passau, Stefan Oster, dem gesuchten Migranten kein Kirchenasyl, weil er den Bittsteller Jesus nicht erkenne.

Besondere Vorsicht ist vor Emanationen in Gestalt von Vorgartenzwergen geboten, die uns das Du anbieten! Papst Benedikt XVI. gab einen paradoxen Hinweis zum Auffinden Gottes: „Gott (habe) sich klein gemacht für uns. Gott (käme) nicht mit äußerer Macht, sondern er komm(e) in der Ohnmacht der Liebe, die seine Macht (sei). Er (gäbe) sich in unsere Hände. Er (bäte) um unsere Liebe. Er (lade) uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er (böte) uns das Du an. Er (erbitte), dass wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen.“ (Papst Benedikt XVI, Ansprache in Mariazell am 08.09.2007, L´ Osserv. Romano 37/07, 10f). Anthropomorphe Gartenzwerg-Emanationen dienen dem Flüchtigen als Betrugsmittel.

Hinweise auf seinen derzeitigen Aufenthaltsort nimmt jede Polizeistation entgegen. Für seine Entdeckung und erfolgreiche Ergreifung ist der Nobelpreis ausgelobt worden.

Gottesbegriffe der christlichen Theologie

Warum noch einmal die Problematik der Theodizee durchdeklinieren? Was ist das für ein Gott? Sage ich nicht, es sei pure Zeitverschwendung sich damit zu befassen? (siehe Blog-Kap. 45)

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei der Inbegriff der Liebe. Angesichts der Wirklichkeit von Folter, Massaker, Massenmord, Völkermord und Leichenbergen scheint diese Behauptung wie ein Hohn. Ist er wirklich ein liebender Gott? Was hat der allmächtige, liebende Gott „Großes“ an den Menschen getan?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allmächtig. Warum hat er Folter, Massaker, Massenmord, Völkermord und andere Untaten zugelassen? Hätte er als liebender und allmächtiger Gott nicht einschreiten und die Gräueltaten abwenden können?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allgegenwärtig. Er sei zu jeder Zeit in jedem Moment und an jedem Ort gegenwärtig. Hat er nur zugeschaut, als die Leichenberge aufgehäuft wurden? Hat er geschlafen, als unschuldige Kinder in Gaskammern umgebracht wurden?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei absolut weise. Welche Weisheit besteht darin, alle die Gräuel und Grausamkeiten zuzulassen, die sich Menschen antun?

Die christliche Theologie behauptet, Gott sei allwissend. Warum hat er seine Allwissenheit und Weisheit nicht dazu verwendet, in seinem Schöpfungsakt den Menschen mit besseren Eigenschaften auszustatten? Er hätte doch in seiner Allwissenheit und Allmacht erkennen müssen, dass er unfriedliche und grausame Geschöpfe geschaffen hat.

Christliche Theologie im Faktencheck

Wo war Gott? Wie konnte ein liebender Gottvater die Grausamkeiten und Gewaltexzesse zulassen? Unter seinen Augen wurde gefoltert, vergewaltigt, sterilisiert, verschleppt, gehenkt, erschossen, vergast, verbrannt, in medizinischen Experimenten gemartert. Aus den Schlöten der Todesfabriken des nationalsozialistischen Terrorregimes drang himmelwärts riechender Qualm. Aber Gott scheint nicht gerochen zu haben, was da unten vor sich ging.

Dies alles geschah in meiner Lebenszeit, manches geschah nicht weit entfernt.

Gewiss, meine Liste der Grausamkeit ist selektiv, greift aus Tausenden „Vorfällen“ sehr verschiedene geografische Situationen, Vorgänge, Zusammenhänge und politische Konstellationen heraus. Aber jeder Anklagepunkt verweist auf die Bestie Mensch und auf Gottes Nicht-Handeln und Wegschauen. Schon in meiner Jugendzeit hatte sich bei mir eine unfassbare Angst davor eingestellt, wehrlos von irgendwelchen Schächern und Mördern gepeinigt und getötet zu werden. Ich gehöre zur „Generation der Davongekommenen“ (siehe Blog-Kap. 40). Ein Trauma ist geblieben. Meine Liste der Bestialität wäre ohne diesen Hinweis nicht ganz zu verstehen. Es geht nicht darum, die Liste wissenschaftlich zu ordnen, ihre Selektivität zu begründen und auf ein analytisches Niveau zu heben. Es sind ungeordnete Schreckensmeldungen und Berichte, die uns täglich erreichen und erschüttern.

Liste der Bestialität

J´ accuse! Zur Vorbereitung der Verfahren gegen Gott vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Anklage wegen der Schaffung und Duldung von Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und verbrecherischer Aggression. Missachtung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10.12.1948 und Unterlassung von Hilfe bei Verstöße gegen sie.

„Die Theologie behauptet [und Abermillionen von ihr indoktrinierte Christen – A.M.], Gott müsse sich für das Übel und Leiden in der Welt nicht rechtfertigen, denn er habe es ja nicht verursacht, sondern die Menschen selbst, indem sie das Böse in die Welt brächten. „Dies könne man nicht einem Gott in die Schuhe schieben“ (Geißler 2017: Kann man noch Christ sein, S.27). Es sei die raffinierteste Erfindung der Theologie gewesen, den freien Willen, den Gott dem Menschen geschenkt habe, für die Übel und Leiden verantwortlich zu machen und Gott zu exkulpieren. Habe Gott mit der Freigabe des Denkens, Willens und Handelns nicht das Böse erlaubt und ermöglicht? Es gehöre doch zum Schöpfungswerk Gottes, den Menschen so veranlagt zu haben, dass er auch Böses tut. Folglich: Nicht der Mensch müsse sich für sein Tun vor Gott rechtfertigen, sondern Gott vor den Menschen. Gott müsse, sofern es ihn gäbe, als Schöpfer der Welt für seinen Pfusch geradestehen (ebd., S.10, 22, 73). Die Lobpreisungen auf Gott seien angesichts der Wirklichkeit ein Hohn. “Während auf der Welt ununterbrochen gefoltert und gemordet wird, werde Gott in den höchsten Tönen gepriesen.“(ebd., S.32f).

Babij Jar, 1941

Halleluja! Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ (Psalm 106,1)

Am 29. und 30. September 1941 treiben Sonderkommandos, geheime Feldpolizei, Angehörige der Waffen-SS und ukrainische Nationalisten 33 771 Juden in die in der Ukraine gelegene Schlucht von Babij Jar, zwingen größtenteils Kinder, Frauen und alte Menschen sich nackt auszuziehen, erschießen alle und verscharren sie in einem Massengrab. Bis zum Abzug der deutschen Wehrmacht aus Kiew 1943 blieb die Schlucht Hinrichtungsstätte, an der auch viele Sinti und Roma ermordet wurden. Die Schlucht wurde später zugeschüttet und das Massaker verschwiegen.

Massaker von Lidice, 9./10. Juni 1942

Was Gott tut, das ist wohlgetan; der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob 1, 20-22)

In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 ermordet ein SS-Kommando 340 Einwohner des tschechischen Dorfes Lidice. 173 Männer werden sofort liquidiert, Frauen und Kinder in nahegelegene Konzentrationslager verschleppt und dort vergast. Das Dorf wird in Brand gesteckt und verwüstet, die Leichen in einem Massengrab verscharrt. Das Massaker war ein Racheakt für die Ermordung des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich, des stellvertretenden Reichsprotektors im Protektorat Böhmen und Mähren. Heydrich war an den Folgen des Attentats gestorben, das tschechische Widerstandskämpfer verübt hatten. (SZ Nr. 116, 20./21.05.2017)

Auschwitz-Birkenau

Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summe! (Psalm 139, 17)

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau werden 1,3 Millionen Menschen ermordet. Auschwitz wird zum Inbegriff des Holocaust.

Hiroshima, 06.08.1945

Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut! (1. Mose 1,31a)

8.15 Uhr Ortszeit. Der US-amerikanische Pilot der B-29 klinkt „Little Boy“ aus, die erste Atombombe in der Menschheitsgeschichte. Die vier Tonnen schwere Uran-235-Bombe explodiert 8.16 Uhr Ortszeit in 600 Metern Höhe über dem Zentrum der japanischen Stadt Hiroshima. Sie setzt eine Sprengkraft von 16 Kilotonnen TNT-Sprengkraft frei. Die Bombe verwüstet ein 13 Quadratkilometer großes Gebiet und siebzig Prozent der Gebäude. Mindestens 75.000 Menschen sind sofort tot. Sie sterben in den Trümmern der einstürzenden Gebäude und verbrennen in Sekundenschnelle im atomaren Feuerball, der noch am Boden Temperaturen von 6000 Grad Celsius erreicht. Der Atompilz steigt 13 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Wer die Explosion überlebt, hat meistens schwere Verbrennungen. In den Wochen nach dem Abwurf der Bombe sterben noch einmal 70.000 bis 100.000 Menschen qualvoll an den direkten Folgen. An den Spätfolgen (Leukämie, Herz-, Leber- Augenkrankheiten) gehen weitere 100.000 zugrunde. Bilanz des Verbrechens: „270.000 Menschen starben durch eine einzige Bombe.“ (Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges).

Pilot der B-29, der die Bombe ausklinkte, hieß Paul Tibbers. Er hatte das Flugzeug nach dem Namen seiner Mutter Enola Gay genannt. Der Hiroshima-Pilot wurde in den USA als Held, der Abwurf als heroische Befreiungstat gefeiert. Tibbers antwortete 1981 in einem Interview auf die Frage, ob er ein schlechtes Gewissen habe: „Nein, damit halte ich mich nicht auf. Es gibt zu viele neue und interessante Dinge in meinem Leben. Jeden Tag muss ich eher darüber nachdenken, als über so etwas wie Hiroshima. Ich lebe nicht in der Vergangenheit“ (DIE ZEIT Nr. 32, 06.08.2015, S. 19).

Telford Tayler, der Chefankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gegen die NS-Führer, nannte den Einsatz der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki „ein Verbrechen, für das ich nie eine plausible Rechtfertigung gehört habe“ (SZ Nr. 179, 06.08.2015, S. 7; DIE ZEIT Nr. 32, 06.08.2015, S. 18ff).

Vietnamkrieg USA/Vietkong, 1955-1968

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm (1. Johannes 4,16)

Die USA setzen Napalm B gegen die zivile Bevölkerung ein. Napalm B besteht aus einem Gemisch aus Benzin, Benzol und Polystyrol, das eine lange verheerende Brenneigenschaft hat. Ein Kanister, gefüllt mit 380 Litern, der aus einem Flugzeug abgeworfen wird, setzt eine Fläche von mehr als 1200 Quadratmetern in Brand. Bei günstigem Wind potenziert sich die Vernichtungskraft. Menschen können sich kaum schützen. Das Feuer breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus und brennt alles nieder. Napalm B frisst sich mit 800 bis 1200 Grad Celsius durch jede Art von Kleidung und verbrennt die Haut und Knochen. Napalm B dringt in Laufgräben, Unterstände und Bunker ein, zieht durch alle Ritzen und Löcher.

Der Sicherheitsberater des 1968 gewählten Präsidenten der USA, der US-Politiker Henry Kissinger, empfahl Richard Nixon, den Krieg gegen Nordvietnam auszuweiten und Napalm B einzusetzen. Angeblich war der „Sicherheitsberater“ Kissinger ein von Gott gesandter Todesengel gegen das „Böse“ (Nordvietnam). Der Vietnamkrieg war das reine Grauen. Am Ende waren mehr als 58.000 Amerikaner tot. Die Zahl der getöteten Vietnamesen wird auf drei Millionen geschätzt.

Massaker von Vukovar, 20.11.1991

Gottes Wege sind vollkommen/ die Worte des HERRN sind durchläutert./ Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen. (Psalm 18, 31)

Mitglieder der Jugoslawischen Volksarmee und Mitglieder jugoslawischer Freischärler-Verbände aus Serbien verüben während der Loslösung Kroatiens aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien nahe der kroatischen Stadt Vukovar ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Reguläre Truppen der Jugoslawischen Volksarmee nehmen am 20.11.1991 aus dem Krankenhaus von Vukovar 400 Patienten gefangen und bringen von ihnen 300 an einen Ort nahe der Stadt Vukovar. Hunderte von ihnen werden in 10er- und 20er Gruppen aufgeteilt, in nahegelegenen Orte gebracht, 200 werden von Angehörigen der Armee und von Freischärlern ermordet und in einem Massengrab verscharrt.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Vukovar !3.03.2017)

Das Massaker von Srebrenica, 1995

Jauchzet Gott, alle Lande! (…)rühmet ihn herrlich! Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! (Psalm 66, 1-3)

Im Juli 1995 werden in der Gegend von Srebrenica unter Führung von Ratko Mladic, einem General der bosnisch-serbischen Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs bis zu 8000 Bosniaken ermordet. Der Massenexekution fallen Tausende Männer und Jugendliche, Frauen, Kinder und Alte zum Opfer. Die Massenexekutionen dauern mehrere Tage. Die Leichen werden mit schwerem Erdräumgerät verscharrt. Der Internationale Gerichtshof bewertete 2007 das Massaker als Genozid.

Guantanamo, seit 2002

Wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast Du billig nicht verschont; sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt ohne Barmherzigkeit erwürgt (Jeremias 5, 12)

Nach dem 11. September 2002 bauen die USA auf dem US-amerikanischen Stützpunkt Guantanamo ein abgeschiedenes Gefangengenlager auf, in das mutmaßliche und tatsächliche Taliban- und Al Kaida-Kämpfer verbracht werden. Die Terrorverdächtigen werden gegen internationale Regeln und Menschenrechten gefesselt in Drahtgehegen gefangen gehalten, systematisch gefoltert und ohne Anklageerhebung und Rechtsbeistand gelassen.

Folterungen im Abu-Ghraib-Gefängnis, 2004 bis 2006

Ich erkenne, dass du alles vermagst und nichts, was du dir vorgenommen, ist dir zu schwer (Hiob 42, 2,4)

Während der militärischen Besetzung des Irak durch die USA kommt es in dem in der Nähe von Bagdad gelegenen Abu-Ghraib-Gefängnis in den Jahren 2004 und 2006 zu Folterexzessen des US-amerikanischen Wachpersonals. Irakische Gefängnisinsassen wurden vielfach misshandelt, gefoltert und vergewaltigt, oft bis zum Tod. Der Folterskandal wurde von Presseorganen durch die Veröffentlichung von Beweisfotos und –videos aufgedeckt. Es handelte sich nicht um einzelne Verfehlungen, sondern um systematisch angewandte Gewalt an vielen Gefangenen.

Enthauptungen im Namen Allahs, 02.09.2014

Der Herr hat´ s gegeben, der Herr hat´s genommen; der Name des Herrn sei gelobt (Hiob 1, 20-22)

Al-Kaida-Terroristen enthaupteten den Journalisten Nicholas Berg im Irak vor laufender Kamera. Das Video zirkulierte lange im Internet und wurde viele Millionen Mal angeklickt. Zu hören war der Moment, in dem die Kehle des Opfers mit einem Messer durchtrennt und dabei die Luft hastig und filterlos ausgestoßenen wurde. Die menschliche Stimme des Opfers verwandelte sich in wenigen Sekunden in ein heißes Zischen. Die Reste der Atemluft entwichen durch die offene Röhre. (Clemens J. Setz: Das grelle Herz der Finsternis, in: DIE ZEIT Nr. 40, 25.09.2014, S. 47) Ein Mitglied des „IS“ zeigte online den Vollzug der Enthauptung. Weitere Enthauptungsopfer waren Jim Foley (USA), Steven Sotloff (USA), David Haines (Entwicklungshelfer) und Alan Henning (GB).

Die Liste der Grausamkeiten des Menschen ließe sich ins Unendliche fortführen. Sie müsste um die Naturkatastrophen erweitert werden, in denen unzählige Menschen, Kinder, Frauen, Männer, Alte, Unschuldige und Schuldige ums Leben kamen. Wo war Gott? Wie konnte er das zulassen? Warum hat er so viel Leid geschickt? Was haben meine zwei kleinen Nichten, die dreijährige Jule und die fünfjährige Lina Mintzel, Böses getan, dass dieser Gott sie am 26. Dezember 2004 mit den Fluten des Tsunami ins Meer schwemmen ließ? „Einen solchen Gott müssen (…) Millionen Frauen und Kinder als Hohn empfinden, denn sie tun nichts Schlechtes, und Babys und kleine Kinder haben nicht gesündigt, nichts Böses getan“, so empört sich Geißler (2017: Kann man noch Christsein, S, 23) – und auch ich. Gibt nicht jeder meiner Anklagepunkte Grund genug, die Frage nach der Existenz und Rechtfertigung Gottes in den Himmel zu schreien!?

57. Mein digitaler Weitsprung ins 21. Jahrhundert – eine späte Blogger-Karriere

Ankunft in der „schönen“ digitalen Welt

Ich war bis zu meiner Entpflichtung im Jahre 2000 bezüglich der Neuen Medien in einem selbstverschuldeten Laienstand oder, krasser ausgedrückt, in digitalen Dingen ein „Idiot“. Meine Blogger-Karriere begann erst vor wenigen Jahren, eigentlich zu spät. Leser aus jüngeren Generationen, die in das digitale Zeitalter hineingeboren wurden und von Kindesbeinen an in dieser Welt ganz selbstverständlich kommunizieren, mögen darüber lächeln und sich amüsieren, wie schwer sich alte Menschen tun, sich mit den neuen Geräten und  Techniken  anzufreunden und sie in Gebrauch zu nehmen. Bis über die Jahrtausendwende hinaus schrieb ich meine Texte, Notizen und den Großteil meiner Korrespondenzen mit der Hand und pflegte meine Handschrift. Meine kaligrafische Neigung fand Gefallen und wurde für außerordentlich leserfreundlich gehalten. Ich war ein Fossil aus der vordigitalen Welt. Vor dem Jahre 2000 hatte ich nie daran gedacht, meine autobiografischen Berichte und Erzählungen später einmal einem Rechner anzuvertrauen, geschweige denn dafür das Format eines Blogs zu verwenden. An der Universität Passau waren die Lehrstühle und wissenschaftlichen Einrichtungen erst seit Anfang der 1980er Jahre mit Personal Computers (PCs) ausgestattet und die Sekretariate in ihre Nutzung eingewiesen worden. Die Begriffe Blog und Blogger waren zu jener Zeit noch unbekannt. Die Nutzung der ersten und zweiten Computergeneration hatte ich meinem Sekretariat und meinen wissenschaftlichen und studentischen Mitarbeitern überlassen. Sie mussten meine handschriftlichen Textentwürfe und die bisher mit einer elektrischen Schreibmaschine geschriebenen Schriften jedweder Art in den Rechner eingeben. Ich scheute mich an den „digitalen Kasten“ zu gehen – die Geräte waren damals noch viel größer und schwerer – und mich in seine Technik einzuarbeiten. Doch war es prinzipiell keine technische Gegnerschaft, die mich vom digitalen „Teufelswerk“ zurückschrecken ließ, sondern Bequemlichkeit und vor allem die Zeitfrage. Ich befürchtete, es würde mich zu viel Zeit und Mühe kosten, bis ich mich soweit mit diesen Techniken vertraut gemacht hätte, dass ich sie unabhängig von meinem Hilfspersonal selbst anwenden könnte. In den letzten fünf Jahren vor meiner Pensionierung hatte ich noch einmal meine Arbeitskraft in hohem Maße auf den Abschluss publizistischer Projekte konzentriert, vor allem auf die  drei Monografien, die schon über Jahre in Arbeit gewesen waren, auf mein Lehrwerk über „Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika“ (1997), auf „Die CSU-Hegemonie in Bayern“ (1998) und auf die Edition „Hofer Flugschriften im 16., 17. und 18. Jahrhundert“ (2000). Außerdem hatte ich noch am Ende meiner Amtszeit spezielle Kompendien für die Lehre erarbeitet. Diese Publikationen, die insgesamt mehr als 2000 Druckseiten umfassten, waren mit zahlreichen, zum Teil komplizierten Schaubildern, Tabellen und Merkkästen ausgestattet. Es wäre mir auch mit gutem digitalen Know-how und Einsatz nicht möglich gewesen, diese publizistische Kärrnerarbeit in der noch zur Verfügung stehenden Zeit allein zu bewältigen. Ohne treue, digital kompetente und versierte studentische Hilfskräfte hätte ich am Lehrstuhl mein Publikationsprogramm nicht verwirklichen können. Arno Zurstraßen stellte 1989 die Computerfassung des großformatigen Kunstbuches „Es ist noch Zeit genug“ als erstes digitale Druckwerk her. Anke Wagner, geborene Zepf, brachte über Jahre meine wissenschaftlichen Skripte zur digitalen Druckreife. Sie erarbeitete auch noch in dem Jahrzehnt nach meiner Entpflichtung für mein zweibändiges Werk „Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie“ eine digitale Fassung. Das Werk erschien im Jahre 2011 im Berliner Verlag Duncker & Humblot. Der Passauer Lehrstuhl für Soziologie, den ich aus anderen Gründen und im Vergleich mit anderen Forschungsstätten einen „Micky-Maus-Lehrstuhl“ genannt hatte (siehe Blog-Kapitel 28),  erwies sich trotz seiner äußerst beschränkten Mittel als eine produktive Einrichtung – allerdings mit einem gerütteltem Maß an Selbstausbeutung an  Zeit und Mitteln. Anke Zepf bezahlte ich viele Jahre fast durchgängig aus eigener Tasche, so auch zeitweise Einspringer und mit Korrekturaufgaben beauftragte studentische Hilfskräfte. Ich muss gestehen, dass diese wissenschaftsbetriebliche Arbeitsorganisation und dieser Einsatz von Mitteln ohne meine Befugnisse und Möglichkeiten als Lehrstuhlinhaber nicht möglich gewesen wären. Ich profitierte von meinem Status als Ordinarius.

Dann aber kam die Zeit, von der an ich mich, wollte ich weiterhin publizistisch hervortreten, mit der sich inzwischen rasant fortentwickelnden digitalen Welt vertraut machen musste. Ich musste lernen, die Geräte selbst zu bedienen und für verschiedene Zwecke zu nutzen. Kein Verlag, keine städtischen kulturellen Einrichtungen wie Stadtarchive, keine staatlichen Archive, nicht einmal mehr historische Vereine nahmen mehr Skripte an, die nicht bis zum Komma und Strich digital vom Autor hergestellt waren. Dem Autor wurde in der Regel die komplette digital-druckreife Herstellung seiner Skripte zugemutet. Wer diese Umstellung nicht mitmachte, hatte so gut wie keine Chancen mehr, an dem allgemeinen publizistischen Produktionsprozess teilzunehmen. Er fiel, salopp ausgedrückt, aus dem System und verschwand vom Monitor. Es sei denn, er übertrug die Herstellung der digitale (End-) Fassung einer kompetenten Arbeitskraft.

Schon vor meiner Pensionierung hatte meine Frau mich gedrängt, einen eigenen Computer anzuschaffen und mich noch von meinen Hilfskräften anlernen zu lassen. Sie könne und wolle nicht meine Schreibhilfe werden. Sie hatte für ihre Zwecke, vor allem für die Verwaltung und Pflege der beiden Familienhäuser in Würzburg und im Tessin (siehe hierzu Blog-Kapitel 47 und 48), einen Laptop gekauft, einen Schnellkurs absolviert und sich ausreichende Kenntnisse in der Nutzung ihres Gerätes angeeignet. Sie war mir, als ich nach dem Jahre 2000 endlich einen Rechner kaufte, um viele Nasenlängen voraus. Bis ich selbst hinreichende Grundkenntnisse in der Bedienung des Gerätes erworben hatte, was nicht ohne eine beträchtliche Summe an Lehrgeld und fremde Hilfe möglich war, nervte ich meine Frau mit Hilferufen und Wutgeschrei, wenn ich mit meinem digitalen Latein am Ende war und wieder Textteile abgestürzt waren. Wie oft hatte ich zu speichern vergessen und vergeblich herauszufinden versucht, was mir noch so alles an Fehlern unterlaufen war. Weil aber das Schreiben und Publizieren ein Grundbedürfnis geblieben war, das mich täglich an den Schreibtisch drängte, gab ich nicht auf. Im Gegenteil: Ich war von den schreibtechnischen, gestalterischen und kommunikativen Möglichkeiten und Vorteilen so fasziniert, dass ich mit einem geduldigen „learning by doing“ sogar noch über reine Grundkenntnisse hinauskam. Meine Nichte Tonke Franziska Koch aus Berlin richtete für mich eine Website, einen Wikipedia-Account und zwei Blogs ein und öffnete mir damit Zugang zur digitalen Welt. Aber immer noch reichen meine Fertigkeiten nicht dazu aus, meine digital erstellten Skripte allein in die gewünschte druckreife Fassung zu bringen. Ohne Hilfe geht es nicht. Das trifft nun auch auf die Einfügung zahlreicher Abbildungen in meine Blog-Kapitel zu, eine diffizile Arbeit, die Georg Thuringer (thurimedia@aol.com) exzellent durchführt. Und Nina Eisen aus Berlin steht mir mit ihrem Lektorat seit Anfang 2016 zur Seite (www.eisen-lektorat.de). Alle Korrespondenzen laufen über den Computer, alle Fragen und Aufgaben werden digital erledigt. Ich bin im Alter von 84 Jahren in dieser neuen Welt endgültig angekommen.

 

Digitaler Weitsprung ins 21. Jahrhundert

Meine Tochter Theresa war es, die mir 2015 nahegelegt hatte, mein autobiografisches Projekt nicht in der klassischen Buchform anzugehen, sondern das Blog-Format zu wählen, das mir bis dahin unbekannt geblieben war. In meinem hohen Alter würde sich dieses Format geradezu als ein schriftstellerischer Königsweg anbieten, weil es alle Vorteile einer raschen, flexiblen, interaktiven und globalen Verbreitung biete. Ich müsse nicht warten, bis das Projekt endgültig abgeschlossen und ein Verlag gefunden sei. Das Projekt ließe sich in actu und Echtzeit im Selbstverlag verwirklichen. Theresa, selbst publizistisch erfahrene und erfolgreiche Bühnenpoetin, Jugendbuch- und Theaterautorin (www.theresa-sperling.de), hatte mich davon überzeugt, dass das Blog-Format tatsächlich am besten gerade auch meinen vielfältigen schriftstellerischen Neigungen entgegenkäme. Ich disponierte um und wurde, wie die Passauer Neue Presse (Nr. 103, 04.05.2016, S. 21) berichtete, „Passaus ältester Blogger“. Allerdings musste ich erst noch mehr Erfahrungen mit diesem Medium sammeln und mich mit seinen formativen Möglichkeiten befassen. Ich setzte zu einem digitalen Weitsprung ins 21. Jahrhundert an und lernte im Verlauf der Arbeit an meinem Blog viel dazu.

[Hier Abbildung des Berichts der Neuen Passauer Presse]

Die allgemeine, alle seine Modalitäten übergreifende Beschreibung des Mediums und Formats „Blog“ in der Wikipedia-Enzyklopädie lautet: „Häufig ist ein Blog eine chronologisch abwärts sortierte Liste von Einträgen, die in bestimmten Abständen umbrochen wird. Der Blogger ist Hauptverfasser des Inhalts, und häufig sind die Beiträge aus der Ich-Perspektive geschrieben. Das Blog bildet ein Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu spezifischen Themen, je nach Professionalität bis in die Nähe einer Internet-Zeitung mit besonderem Gewicht auf Kommentaren. Oft sind auch Kommentare oder Diskussionen der Leser über einen Artikel möglich. Damit kann das Medium sowohl dem Ablegen von Notizen in einem Zettelkasten, dem Zugänglichmachen von Informationen, Gedanken und Erfahrungen, etwas untergeordnet auch der Kommunikation dienen, ähnlich einem Internetforum. Die Tätigkeit des Schreibens in einem Blog wird als Bloggen bezeichnet. Die Deutsche Nationalbibliothek bezeichnet Blogs als Internetpublikationen und vergibt seit Herbst 2013 auch ISSNs an Weblogs [Blogs].“ (https://de.wikipedia,org/wiki/Blog abgerufen 02.04 2019)

Die neue Darstellungsform war kurz vor der Zeit meines Eintritts in den Ruhestand entwickelt worden. Ihre Vorläufer waren in den 1990er Jahren aus der Taufe gehoben worden und hatten dann ein schnelles Wachstum erfahren. 1997/98 waren die ersten „Weblogs“ gestartet worden, bald hatte sich in der Bezeichnung die Kurzform „Blog“ durchgesetzt. Laut einer Allensbacher Computer- und Technik-Analyse betrieben in Deutschland im Jahre 2007 bereits 8,4 Prozent der Internetznutzer einen Blog. Im Oktober 2011 soll die Zahl der Blogs weltweit auf etwa 173 Millionen angewachsen sein. (Quelle: Wikipedia, ebenda). Kurzum, ich war als Blogger zugestiegen, als dieses Medium und Format schon eine rasante Verbreitung gefunden hatte und weiterhin rasch wuchs. Grob schematisch werden zwei Kategorien von Blogs unterschieden: „Solche, die ähnlich dem Software-as-a-service-Prinzip von einem meist kommerziellen Anbieter betrieben und beliebigen Nutzern nach einfacher Registrierung zur Verfügung gestellt werden, und solche, die von den jeweiligen Inhabern auf ihrem individuellen Server oder Webspace meist unter eigener Domain betrieben werden.“ (ebenda Wikipedia). Mein Blog ist ohne Zweifel der zweiten Kategorie zuzuordnen. Allerdings schöpfte ich bisher die kommunikationstechnischen Möglichkeiten des Mediums (zum Beispiel die Verlinkung und Vernetzung) nicht voll aus. Genug der allgemeinen Charakterisierung, die auch bei Wikipedia nachgelesen werden kann!

Was für mich das Medium Blog als Kommunikationsform so spannend und interessant macht, sind seine hohe Individualisierung, seine thematische Reflexivität und Variabilität, seine interaktiven Eigenschaften, die Aufhebung der Grenze zwischen Produzent (Autor) und Rezipient (Empfänger) und seine Unabhängigkeit. Mein Blog ist ein völlig autonomes, individuelles Non-Profit-Unternehmen. Ich blogge ohne jegliche kommerzielle Bindung und Ausrichtung. Ich verstehe meinen Blog als Zeugnis und Dokumentation eines Zeitzeugen im Dienst der Überlieferung.

Der Ratschlag meiner Tochter Theresa erwies sich als ein kreativer Anstoß. Dies ist auch unter urheberrechtlichen Gesichtspunkten von Bedeutung. Die thematische Reflexivität und Variabilität erlaubt im Rahmen eines autobiografisch angelegten Blogs ganz unterschiedliche Themen und Darstellungsweisen: Berichte, Erzählungen, Episoden, Dialoge, satirische Einschübe, Pasquillen, tagebuchartige Notizen, Auseinandersetzungen mit tagespolitischen Vorgängen, hochemotionale Schilderungen von Unglück, Liebe und Tod, Auszüge aus  amtlichen und privaten Korrespondenzen, politische, philosophische und theologische Reflektionen und Diskussionen bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen. Selbst die Preisgabe zutiefst persönlicher Erfahrungen und innerer Kämpfe, also auch Themen und Darstellungsweisen, die normalerweise die psychische und mentale Schmerzgrenze überschreiten, sind möglich. Ich habe als individueller, unabhängiger Blogger große Freiheiten. Ich liebe und nutze diese und habe verschiedene Darstellungsweisen gewählt. Ich muss, wenn ich nicht will, keine Rücksicht mehr nehmen auf Großinstitutionen, Fakultäten, Fachschaften und Karrierezirkel. Soweit ich keine Persönlichkeitsrechte verletze, kann ich Ross und Reiter beim Namen nennen und Vorgänge aufdecken, über die normalerweise geschwiegen wird. Auf einzelne Aspekte bin ich schon in vorangegangenen Blog-Kapiteln eingegangen (zum Beispiel in der Einleitung „Zwischen den Stühlen war viel Platz“, in Kapitel 23 und 29-31).

Der verstorbene Schauspieler Peter Ustinov hat einmal gesagt: „Wir alten Männer sind gefährlich, weil wir keine Angst mehr vor der Zukunft haben. Wir können sagen, was wir denken, wer will uns dafür strafen?“

Dafür ist ein autobiografischer Blog wie geschaffen.  Ich bin 84 Jahre alt. Meine Karriere ist zu Ende. Ich kann sagen, was jüngere und abhängige Leute besser für sich behalten. Das macht einen Blog interessant. Professorenkollegen, die mit aufgeblasener Blasiertheit meinen, den richtigen Geist zu vertreten und sich dünkelhaft inszenieren, können nicht mehr meine Existenz als Wissenschaftler gefährden. Ich vermute, dass Kollegen das Medium und Format Blog schon wegen seiner Freiheiten für unseriös halten.

Blogger, Themen, Sprachstile, Leserschaft

Die thematische Vielfältigkeit und die entsprechenden Darstellungsweisen, die das Format Blog ermöglicht, verlangen allerdings bei aller Freiheit selbstkritische und fremde Kontrollen. Mein autobiografischer Blog ist an eine anonyme Leserschaft gerichtet. Generell können sich alle Internetnutzer einloggen, beliebige Kapitel auswählen und lesen und, wenn sie wollen, reaktiv in Form von Kommentaren darauf antworten. Entsprechend seiner thematischen Vielfalt richtet sich mein Blog potentiell an ganz unterschiedliche Internet-Nutzerkreise, an Leser, die an Lebensgeschichten interessiert sind, an wissenschaftliche Fachkreise aus Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Philosophie, Theologie und anderen Fächern, an lokalgeschichtlich und familiengeschichtlich  interessierte Personenkreise, also generell an Fachleute und Laien mit verschiedenem Ausbildungs- und Informationsstatus. Weil ich meinen Blog nicht als Tagebuch angelegt habe, das zu einem täglichen Meinungs- und Informationsaustausch anregen soll, sondern Themen, Fragestellungen, Ereignisse und Erlebnisse relativ ausführlich und anspruchsvoll behandle, verwende ich in der Regel die Berichts- und Erzählform als Stilmittel. Sie entspricht auch am besten den autobiografischen Absichten und Aufzeichnungen. Solchermaßen gestaltete Blog-Kapitel könnten es allerdings Nutzern erschweren, sich in Kommentaren zu den verschiedenen Inhalten zu äußern.  Auch die stilistische Form des Essays bietet sich an, könnte aber ebenfalls potenzielle Leser zurückhalten, Kommentare zu schreiben. Damit steht der interaktive Charakter des Mediums Block in Frage. Thematische Vielfältigkeit und Anspruchsniveau bestimmen also die stilistischen Darstellungsweisen. Eigentlich müsste ich ein professioneller Kommunikations- und Informationsexperte sein, um Stilmittel thematisch angemessen einsetzen zu können.

Und hier kommt das Lektorat ins Spiel. Es gibt in meinem Fall noch eine besondere stilistische Problematik, die darin liegt, dass ich als Wissenschaftler und Universitätsprofessor von den 1960er Jahren an bis heute ununterbrochen publizistisch tätig gewesen bin. Ich habe von der Pike an die Regeln und Methoden wissenschaftlichen Schreibens gelernt und befolgt. Ich habe mehrere Bücher verfasst und zahlreiche Artikel geschrieben. Alles Schreiben war der Forderung nach sachlicher Präzision unterworfen. Die Ich-Perspektive war verpönt. Zu den Charakteristika der Wissenschaftssprache gehören Sachlichkeit Genauigkeit, Klarheit, argumentative Erkenntnisvermittlung, Vermeidung von Ich-Bezogenheit und persönlicher Emotionalität.  Natürlich habe ich im Laufe der vielen Jahre eine persönliche „Handschrift“ entwickelt. Dabei haben sich auch stilistische und argumentative „Unarten“ eingeschlichen und verfestigt. Ich neige zu überakribischen Beschreibungen, zu umständlichen Formulierungen, zu Wiederholungen und übertreibe ein wenig die in der Wissenschaft gebotene entpersönlichte, „rein sachliche“ Darstellungsweise. Zu glauben, dass diese jahrzehntelangen „Schreibübungen“ einen dazu prädestinieren, einen Blog zu pflegen, geht fehl. Im Gegenteil: Sie sind eher hinderlich, weil die eingeübte wissenschaftliche Darstellungsweise dem Medium und Format Blog, es sei denn, er wurde von vorne herein für fachwissenschaftliche Zwecke eingerichtet, widerspricht. Quellenangaben und Belege, eine eiserne Pflicht in der Wissenschaft, sind zwar bei anspruchsvollen Blog-Themen nicht ganz vermeidbar, sie müssen aber auf ein geringes Maß reduziert werden. Das Medium Blog, besonders seine autobiografische Variante, zeichnet dagegen ein hohes Maß an Ich-Bezogenheit und Emotionalität aus. Berichte und Erzählungen sind auf den Autor zentriert. Er teilt seine Meinungen, seine Einstellungen, Gefühle, Gedanken und Erkenntnisse mit und erhofft eine kommunikative Resonanz. Am Anfang meines Bloggens war mir das alles nicht so klar. Ich musste um- und dazulernen. Es war nicht leicht und einfach, aus dem Wissenschaftler einen Blogger werden zu lassen.

Dazu brauchte ich, wie sich rasch ergab, die professionelle Hilfe eines Lektorats. Frau Nina Eisen, meine Lektorin, griff ein und ermahnte mich oftmals, meinen wissenschaftlichen Stil zurückzudrängen, die subjektive Berichts- und Erzählform viel stärker zu betonen und, wo immer es auch geht, aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Der potenzielle Leser müsse auch emotional hineingezogen werden. Nina Eisen überprüfte jedes Kapitel auf stilistische und inhaltliche Mängel und ließ keine Passage durchgehen, in der ich persönlich erlebte Ereignisse und Vorgänge zu umständlich und trocken dargestellt hatte. Ohne ihre kreativen Empfehlungen, konkreten Vorschläge und wiederholten Eingriffe in Texte wäre manches Kapitel schwer genießbar geblieben. Der Wissenschaftler Mintzel kam aber in einigen Kapiteln immer wieder stilistisch zum Vorschein, vor allem in den Kapiteln, die speziell meine Rolle als Wissenschaftler betrafen (sieh zum Beispiel die Blog-Kapitel 32, 43 und 46). Mein autobiografischer Blog bleibt für mich ein interessantes schriftstellerisches Experimentierfeld. Ich studiere von Blog-Kapitel zu Blog-Kapitel seine Funktionsweisen und lerne aus meinen Fehlern. Es macht mir ausgesprochen Spaß, im hohen Alter mit diesem Medium zu arbeiten.

„Ruhestörung“

Zur Ich-Bezogenheit, Emotionalität und Privatheit, zu diesen Verbotsnormen wissenschaftlicher Darstellungsweisen ein aktuelles Beispiel. In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 6./7. April 2019 (Nr. 82, S. 30) wurde berichtet, dass ein Privatsender die Öffnung eines altägyptischen Grabes in Ägypten in Echtzeit live überträgt. Eine Sensation! Der Ägyptologe Michael Höveler-Müller wird den Vorgang vor laufender Kamera im deutschen Fernsehen kommentieren. Höveler-Müller wurde von der Süddeutschen Zeitung vorab gefragt, ob diese Grabkammer bislang sein aufregendster Fund gewesen sei. Der Ägyptologe antwortete: „Mein erster Skelettfund 1998. Das Grab war 6000 Jahre alt und völlig unberührt. Es war ein Sandgrab, noch ganz am Anfang der ägyptischen Geschichte, auf einem sehr elitären Friedhof, auf dem rund 500 Jahre später die ersten Könige Ägyptens beigesetzt werden sollten. Das Skelett lag auf der Seite und die Beine waren angezogen, wie bei einem Fötus. Er war in ein Fell gehüllt und hatte Gefäße bei sich und Schmuck und Waffen. Ich war der erste Mensch, der dieses Grab geöffnet hat.“ Die nächste Frage des SZ-Interviewers: „Was empfand man da?“ [warum das entpersönlichende „man“, warum nicht „Sie“? –  A.M.].  Darauf Höveler-Müller: „Ich muss sagen: Ich hatte Schuldgefühle. Ich wollte immer so ein ungestörtes Grab finden, und als ich es dann endlich gefunden hatte, habe ich mich ganz schlecht gefühlt. Weil ich der erste Mensch nach 6000 Jahren war, der die Ruhe dieses Toten gestört hat. Ich habe dann an die Menschen gedacht, die hier wohl am Rand der Grube standen, geweint haben und ihrem Angehörigen Opfergaben mit ins Grab gegeben haben. Ich fand das ganz makaber. Ich hatte lange daran zu knabbern.“

Auf die erste Frage antwortet der Ägyptologe sachlich und nüchtern in der Sprache der Wissenschaft. Er könnte nun des Weiteren schildern, mit welchen modernen Techniken die Archäologie das Grab und seine Inhalte untersucht und welche Erkenntnisse dabei gewonnen werden können. Aber auf die zweite Frage antwortet der Forscher emotional. Er spricht darüber, wie ihn das in Fell gekleidete Skelett und die Situation am Grab psychisch und mental ergriffen haben. Er gibt seine persönlichen Gefühle preis, sein Erschaudern, sein Schuldgefühl, die Totenruhe gestört zu haben. Das alle gehört nicht in den streng wissenschaftlichen Forschungsbericht der Archäologie. Das gehört in den Bereich des persönlichen Erlebens und in die „Psychologie der Forschung.“  Der Wissenschaftler könnte als Blogger frei darüber berichten. Eine Mischform aus wissenschaftlichen Bericht und Schilderung persönlicher Gefühle würde seinen Blog vermutlich besonders interessant machen. Meine Lektorin Nina Eisen hat den Wissenschaftler Mintzel immer wieder aufgefordert, die ganz persönliche Komponente und Perspektive aufzuzeigen und den Leser mit stilistischer Lockerheit und ungezwungen in seine Gedanken- und Erlebniswelt mitzunehmen. Das war allerdings von Anfang an meine Absicht gewesen. Allein mit der Umsetzung haperte es wiederholt.

Die Ich-Bezogenheit und autorzentrierte Darstellungsweise, die Autobiografien eigen sind, garantieren allerdings nicht automatisch eine spannende Lektüre. Das trifft auf die Buchform ebenso zu wie auf einen autobiografischen Blog. Der emeritierte Politikwissenschaftler und ehemalige bayerische Kultusminister (1970-1986) Hans Maier hat in seiner Autobiografie „Böse Jahre, gute Jahre. Ein Leben 1931 ff.“, die 2012 erschienen ist, einen – so sehe ich das – in Teilen langweiligen Lebens- und Arbeitsbericht vorgelegt. Man liest seine Selbstdarstellung an und ist bald erschlagen von so viel Selbstsicherheit, stets auf der richtigen Seite gestanden, stets das Richtige geglaubt und getan zu haben, immer zu den Guten gezählt und ein makelloses, ehrenvolles Leben geführt zu haben. Wenig Zweifel, keine Irrtümer, keine Rebellion. Persönliche und berufliche Fehlentscheidungen werden bestenfalls angedeutet. In seinen Kapiteln über die 1968er-Bewegung und ihre Auswirkungen bezieht Hans Maier eine entschieden katholisch-konservative Verteidigungsposition, wehrt und wertet die 1968er-Bewegung vehement ab und sieht in ihr nur Unvernunft und Irrsinn wirksam. Er äußert sich süffisant über einen renommierten Kollegen. Er derbleckt, wie man in Bayern sagt, den Berliner Historiker Karl Dietrich Erdmann und zeigt dabei seine abgrundtiefe Abneigung gegen die 1968er-Bewegung und Intellektuelle. Ich zitiere Maier:

„Ich erinnere mich auch an die Berichte über die Beisetzung Ohnesorgs in Hannover und an die Rede, die Jürgen Habermas, der umjubelte Sprecher, aber auch kritische Begleiter der Revolte, bei dieser Gelegenheit hielt. Hier fiel zum ersten Mal sein Wort vom >linken Faschismus<; es galt Rudi Dutschke, den ich in Berlin mehrfach bei Demonstrationen erlebt hatte und der mir in seiner Verbindung von fanatischer Entschlossenheit, Gesinnungseifer und oft ziellosen Aktionen tief fremd war. Aber ich habe auch andere Reaktionen erlebt: Ein so nüchterner Kollege wie Karl Dietrich Erdmann flüsterte mir einmal während einer Dutschke–Rede, die wir im Radio hörten, begeistert zu: >Der junge Luther! Der junge Luther!< Das Attentat auf Dutschke im folgenden Jahr – verübt von einem Hitler-Anhänger aus München – hat mich entsetzt und erschüttert, es war der eigentliche Auftakt zu den Osterunruhen  1968, mit denen der studentische Protest in eine breite Öffentlichkeit schlug.“ (ebda., S. 160)

Fast automatisch stellt sich bei mir angesichts so fester Gewissheiten und Selbstgefälligkeiten die Assoziationskette ein: „katholisch, brav, bieder, gottergeben, langweilig“. Aber das ist natürlich ein Klischee. Der katholische Rebell Heiner Geißler (CDU), dem ich meinen Respekt gezollt und ein ganzes Blog-Kapitel gewidmet habe, beweist das Gegenteil. Geißler hat mich mitgerissen in seinen rebellischen Ausführungen zur Frage „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“ (siehe Blog-Kapitel 44). Hans Maiers autobiografische Berichte haben mich als Zeitgenosse, der zwanzig Jahre lang in Westberlin, einem Hauptbrennpunkt der 1968er-Bewegung, hautnah die APO-Zeit miterlebt hat (siehe Blog-Kapitel 14,15 und 18), interessiert, aber nicht innerlich ergriffen. Ich sah mich mit seiner Position und Einschätzung konfrontiert und dachte noch einmal über mein eigenes Denken und Handeln in jenen turbulenten Jahren nach. Insoweit waren diese Kapitel für mich spannend. Meine Sympathien gehören aber, so spüre ich es innerlich, mehr Rebellen wie Heiner Geißler, weniger so braven und feinsinnigen Hochschullehrern wie Hans Maier.

Ich erfahre bei der Lektüre autobiografischer Berichte und Erzählungen viel über mich. Trifft das auch auf potenzielle und tatsächliche Leser und Leserinnen meines Blogs zu? Wie kommen meine Blog-Kapitel beim Rezipienten an, was lösen sie aus? Ich weiß es nicht. Bisher wurden nur wenige Kommentare gepostet. Und die waren äußerst knapp.

Die EU-Urheberrechtsreform (2019) aus der Sicht meiner Blogger-Praxis

Es gibt noch andere Gründe, mich mit dem Medium und Format des Blogs als solchem zu befassen und aus meiner Blogger-Praxis zu berichten. Ein Grund ist, dass ich angefangen habe, in die einzelnen Blog-Kapiteln Bildmaterial einzufügen: private Fotos, schriftliche und gedruckte Dokumente, Ablichtungen von Korrespondenzen, Abbildungen von eigenen künstlerischen Werken und Skizzen, Zeitungsauschnitte und anderes. Ich bin überzeugt, dass die Abbildungen die Inhalte der Blog-Texte ungemein verlebendigen. Genannte und zitierte Personen erscheinen im Bild und rücken uns ganz nahe. Politische Flugblätter veranschaulichen die damaligen Kontroversen und Konflikte. Mögen die Darstellungseisen meiner Blog-Texte auch gut gelungen sein, Abbildungen bringen uns vieles optisch noch näher. Wir leben im Zeitalter des digitalen Bildes. Das gilt ebenso für das Medium Blog und gerade auch für seine autobiografische Variante. Der andere Grund ist die Verabschiedung der EU-Datenschutz-Grundverordnung Ende März im europäischen Parlament. Die heftigen Auseinandersetzungen darüber gehen mich als Blogger direkt an, weil sowohl meine Texte als auch mein beigegebenes Bildmaterial rechtlichen Rahmenbedingungen des Urheberrechtsschutzes unterliegen. Ich habe mich deshalb über Wochen intensiv mit den Debatten und Berichten über die umstrittenen Artikel befasst und die Konsequenzen für mein Bloggen geprüft. Der aktuelle Einschub dieses Blog-Kapitels ist nicht zuletzt diesen rechtlichen Streitfragen geschuldet, über die ich hier allerdings nicht in aller Ausführlichkeit diskutieren will und kann. Die Materie ist zu komplex. Eines ist aber gewiss: Ich benutze urheberrechtlich geschützte Bilder und Texte und bewege ich in einem weiten Graubereich. Es könnte sein, dass ich in dem einen oder anderen Fall sogar Persönlichkeitsrechte und strafrechtliche Normen verletze. Jedenfalls muss ich als Blogger, der es nicht mit einem freundlichen Hin- und Her von unverfänglichen Gedanken- und Meinungssplittern bewenden lässt, die einschlägigen Rechte bedenken und beachten. Unter urheberrechtlichen Gesichtspunkten darf ich mit einer gewissen Kulanz der Rechtseigentümer (copyright) rechnen, weil mein Blog, wie ich eingangs schon hervorgehoben habe, kein gewinnorientiertes  gewerbliches Unternehmen ist, sondern  ein autonomes, persönliches  Non-Profit-Projekt, das obendrein der Dokumentation einer Zeitzeugenschaft dient. Die Süddeutsche Zeitung hat mir deshalb – um ein Beispiel zu erwähnen –  auf meine Bitte hin, Textauszüge und Abbildungen zu genehmigen, „die Online-Nutzung von bis zu zehn SZ-Artikeln/Titelseiten kostenfrei“ erlaubt (Syndikation Süddeutsche Zeitung, 11.03.2019). Auch das gehört, wie ich meine, in den Werkstattbericht eines Bloggers.

56. Der Plagiatsfall Dr. Gerhard Hopp (CSU)

Im Folgenden handelt es sich um ein kleines Kriminalstück der Wissenschaft. Wer es liest, mag zunächst verwundert und irritiert sein, mit so einem wissenschaftlichen „Kleinkram“ bekannt gemacht zu werden. Wer will sich schon mit lächerlichen Kleinigkeiten befassen? Doch auch vermeintliche Kleinigkeiten können es in sich und böse Folgen haben. Stehlen Kinder und Jugendliche in einem Warenhaus einen Schokoriegel und werden sie dabei erwischt, werden sie angezeigt und der Polizei übergeben. Klaut eine Jugendliche einen Lippenstift, droht ihr das Gleiche. Ihre Eltern müssen sie bei der Polizei abholen. Wird im Bus ein Schwarzfahrer erwischt, muss er sechzig Euro zahlen. Hat ein Wissenschaftler geistiges Eigentum gestohlen oder geistiges Diebesgut benutzt, wird das häufig nur als „Kavaliersdelikt“ gewertet und mit Schweigen zugedeckt. Gewiss, diese Vergleiche hinken. Der Plagiatsfall Dr. Gerhard Hopp gab Anlass, einmal mehr auf wissenschaftliches Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Allerdings war ich selbst davon betroffen. Also Vorsicht! Der Blog-Autor muss sich kritische Fragen gefallen lassen, wie er mit dem Fall umgeht. Aus dem Fall wurde auch ein persönliches Lehrstück. „Nachtreten“ liegt mir nicht im Sinn, aber eine nochmalige Überprüfung bestimmter Daten und Tatsachen durchaus.

Wäre ich im jüngst vergangenen Jahr 2018 bei meinen Internet-Recherchen, was in der Parteienforschung an neuen Publikationen auf den Markt gekommen war, nicht wieder auf  den inkriminierten Beitrag des Herrn Dr. Gerhard Hopp über die CSU aus dem Jahre 2012 und dabei zugleich auf merkwürdige Formen seiner Verwertung  gestoßen, hätte ich den Streitfall nicht öffentlich gemacht und endgültig ruhen lassen. Es geht ja nicht zuletzt auch um Ehre und Karriere eines jungen Politikers, der sich auch auf der wissenschaftlichen Plattform hervortun will. Müssen aber dessen gravierende Verstöße gegen Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens von einem beraubten Autor stillschweigend hingenommen werden? Das Medium eines autobiografischen Blogs gibt mir die Freiheit, mich in eigner Sache dazu zu äußern und den Plagiatsfall Dr. Hopp öffentlich zur Diskussion zu stellen. Ich würde die Plagiatsdelikte im Fall Hopp zu hoch hängen, vergliche ich sie mit den aktuellen „Wahrheitsfällen“ Claas Relotius und Robert Menasse. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit ist aber allen Fällen gemein.

Wissenschaft „light“ von einem Abgeordneten des bayerischen Landtags

Es war in den vorweihnachtlichen Dezembertagen des Jahres 2012, als der Postbote mir eine Büchersendung überreichte, die aus der Konrad-Adenauer-Stiftung gekommen war. Neugierig öffnete ich das Versandcouvert und entnahm den Inhalt, einen Sammelband zur Parteienforschung in Deutschland. Bibliografisch exakt notiert:  Ralf Thomas Baus (Hrsg.): Parteiensystem im Wandel. Perspektiven, Strategien und Potentiale der Volkspartei. Konrad Adenauer Stiftung e.V., 2012. Ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis steigerte meine Neugierde. Ich fand darin den Artikel von Dr. Gerhard Hopp: „Die Volkspartei CSU in Bayern. Rahmenbedingungen, Strukturmerkmale und aktuelle Zukunftsperspektiven eines Erfolgsmodells auf dem Prüfstand.“ Ich überflog die Seiten (S. 73–98) seines Beitrages und wurde stutzig.

Gut zwei Jahrzehnte meines Forscherlebens hatte ich mich mit der Erforschung der CSU in Bayern beschäftigt und neben zahlreichen Spezialartikeln drei umfangreiche Monografien zur Geschichte und strukturellen Entwicklung der CSU publiziert (siehe hierzu die Blog-Kapitel, 17,25,26). Meine letzte Monografie erschien 1998 unter dem Titel „Die CSU-Hegemonie in Bayern“, eine „Studie zur Asymmetrie der Parteienkonkurrenz in Bayern“. Was trägt also Gerhard Hopp in seinem Artikel Neues und Eigenes über die CSU bei? Die gründliche Lektüre seines Beitrages macht mich zornig. Hopp scheint, das sehe ich auf den ersten Blick, ohne den geringsten Hinweis auf meine Forschungsergebnisse meine Publikationen geplündert und mich bestohlen zu haben. Er ist kein ganz kleiner, bildungsferner Zeitgenosse. Seit 2013 gehört er dem bayerischen Landtag als CSU-Abgeordneter an. Seinen Doktorgrad hat er 2010 an der Universität Regensburg erworben. Im gleichen Jahr tritt er uns als Mitherausgeber eines Sammelbandes entgegen: „Die CSU. Strukturwandel, Modernisierung und Herausforderungen einer Volkspartei“ (ISBN 978-3-531-17275-0). Darin ist er als Mitverfasser der Einführung mit einem Beitrag über das Verhältnis von Sudetendeutsche Landsmannschaft und CSU vertreten. Er kennt also, davon darf ich ausgehen, das Regelwerk der Wissenschaft und seine Zitierpflichten.

Ihn des Plagiats zu bezichtigen ist ein schwerwiegender Vorwurf, den ich nicht leichtfertig in die Öffentlichkeit tragen darf. Verletzter Narzissmus und aufwallender Zorn wären keine guten Motive für eine Auseinandersetzung. Ich muss zunächst vorsichtig klären, was in der Wissenschaft allgemein unter einem Plagiat verstanden wird. Welche unabdingbaren Kriterien und Regeln gelten, um eine wissenschaftliche Arbeit als Plagiat bezeichnen zu können? Darüber ist infolge spektakulärer Aufdeckungen in den letzten Jahrzehnten vielfach gestritten worden. Das prominenteste Beispiel ist wohl der Betrugsfall des ehemaligen CSU-Politikers und Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Plagiate zu seinem Sturz führten. Es geht nicht zuletzt auch um die Frage, ob ein Autor/eine Autorin nur schludrig und flüchtig gearbeitet hat oder ob eine Täuschungsabsicht erkennbar ist. Diese Frage wurde im Falle des Plagiatsvorwurfes gegen die ehemalige Bundesministerin Annette Schavan heftig diskutiert (SZ Nr. 28, 02./03.2013, S.9). Ein Grundproblem stellen die fließenden Grauzonen dar, in denen fast unbemerkt plagiiert werden kann.

Was ist ein Plagiat?

Allgemeine Vorbemerkungen zum konkreten Fall

Ich berufe mich formal auf die im Folgenden genannten Kriterien und schließe mich diesen strengen Maßstäben an.

„Ein Plagiat in der Wissenschaft ist eine Arbeit, die sich intellektuellen Eigentums Dritter bedient, ohne die Quelle offenzulegen. Dabei ist nicht entscheidend, ob wörtlich oder sinngemäß plagiiert wird, ebenfalls ist unerheblich, ob eine ganze Arbeit, einzelne Abschnitte oder spezifische Gedankengänge übernommen werden. Entscheidend für ein Plagiat ist, dass fremdes Gedankengut und/oder fremde Formulierungen als eigene ausgegeben werden.“ (Dr. Christian Baden, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) Ludwigs-Maximilian-Universität München: „Über Plagiate – und darüber, warum das Abschreiben in der Wissenschaft kein Kavaliersdelikt sein kann“, S.1). Und ebenda: „Plagiate unterlaufen zwei essentielle Funktionsvoraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten. Der erste Grund, weshalb Plagiate in der Wissenschaft unverzeihlich sind, liegt darin, wie wissenschaftliche Erkenntnis zustande kommt. Wissen entsteht, indem systematisch auf Befunden, die andere Forscher in anderen Zusammenhängen konstatiert haben, aufgebaut wird (…). Wissenschaftlicher Fortschritt beruht (…) auf der konsequenten, nachvollziehbaren, systematischen und reflektierten Fortentwicklung dessen, was andere Wissenschaftler früher, andernorts und in anderen Zusammenhängen erschlossen haben [an Forschungserträgen erarbeitet und publiziert haben – A.M.] (…) Eben dieses Prinzip unterläuft das Plagiat.“ Und ebenda S.2: „Das Vertrauen in die Arbeit von Wissenschaftlern ebenso wie die Nachvollziehbarkeit des Entstehungshintergrundes von Ideen [oder empirischer Befunde A.M.] sind also essentielle Voraussetzungen für das Funktionieren von Wissenschaft.“

Meine Inhaltsanalysen des inkriminierten Artikels von Dr. Gerhard Hopp ergeben zweifelslos, dass in einer Reihe von Passagen inhaltliche Aussagen, empirische Befunde und Formulierungen enthalten sind, die er kompilatorisch meinen Publikationen über die CSU in Bayern entnommen hat. Seine Ausführungen lehnen sich an vielen Stellen eng an meine Forschungsergebnisse und Texte an. Seine Paraphrasierungen reichen hin bis zu wörtlichen Formulierungen. Hopp unterlässt es jedenfalls, die entsprechenden Quellen anzugeben. Er weist nicht einmal pauschal und generell auf meine einschlägigen Publikationen hin. Befunde und Thesen, die er aus meinen Publikationen entnimmt, „verbucht“ er somit als Ergebnisse eigener Forschung. Die Frage drängt sich auf, ob  eine kalkulierte Verschleierung der Quellen vorliegt. Es sieht nach einem absichtlichen Diebstahl fremder Forschungsergebnisse aus. Ich muss aber, vorweg gesagt, in diesem Punkt einen wasserdichten Beweis schuldig bleiben.

Meine Verärgerung war so groß, dass ich mich noch im Dezember des Jahres 2012 entschloss, den Fall einem Anwalt zu übergeben, die Streitsache auf juristisch-sachlicher Ebene prüfen zu lassen und notfalls vor Gericht zu gehen. Rechtsanwalt Prof. Dr. jur. Bernhard Haffke übernahm die Wahrnehmung meiner Interessen. Er forderte den Herausgeber Dr. Baus auf, zu den Plagiatsvorwürfen seines Mandanten Stellung zu nehmen und setzte dafür eine erste Frist.

Die Verteidigungsschrift der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 30. Januar 2013

Dr. Ralf Thomas Baus, der Herausgeber des Sammelbandes, in den Hopps Beitrag über die CSU aufgenommen worden war, nahm zu meinem Plagiatsvorwurf wie folgt Stellung:

„Sehr geehrter Herr Professor Haffke,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 14. Dezember 2012. Zu dem von Ihrem Mandanten, Herrn Prof. Dr. Alf Mintzel, erhobenen Vorwurf massiver urheberrechtlicher Verletzungen gegen den Autor des Beitrages >Die Volkspartei CSU in Bayern< (S. 73-98) möchte ich als Herausgeber wie folgt Stellung nehmen:

Der von mir im Jahre 2012 herausgegebene o. g. Sammelband geht auf eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Zukunft der Volksparteien“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Cadenabbia am Comer See vom 19. bis 21. August 2011 zurück. Zu dieser Tagung waren ausgewiesene Wissenschaftler sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung eingeladen.

Herr Dr. Gerhard Hopp ist mir von sachkundigen Kooperationspartnern mit Verweis auf den von ihm sowie Martin Sebaldt und Benjamin Zeitler im Jahre 2010 herausgegebenen Sammelband „Die CSU. Strukturwandel, Modernisierung und Herausforderungen einer Volkspartei“ empfohlen worden. Dieser Sammelband umfasst 590 Seiten und gehört zu den aktuellsten Publikationen über die CSU.

Herr Dr. Hopp hat zudem seinen in den von mir herausgegebenen Sammelband publizierten Beitrag auf der genannten Tagung in Cadenabbia vor einem sachkundigen Publikum vorgetragen. An der wissenschaftlichen Kompetenz und Integrität von Herrn Dr. Hopp bestand für mich zu keinem Zeitpunkt ein Anlass zu zweifeln.

Die von mir herausgegebene Publikation ist vor der Drucklegung einer intensiven redaktionellen Bearbeitung nach den üblichen wissenschaftlichen Standards unterzogen worden. Selbstverständlich wurden alle Beiträge von den Autoren in vorliegender Form zum Druck freigegeben.

Mit Blick auf den wissenschaftlichen Hintergrund des Autors konnte die Konrad-Adenauer-Stiftung davon ausgehen, dass mit der Druckfreigabe auch die ordnungsgemäße Zitation bestätigt ist. Sollten in dem Beitrag von Herrn Dr. Hopp dennoch wissenschaftliche Mängel nachweisbar sein, sind wir selbstverständlich bereit, dem nachzugehen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Dr. Ralf Thomas Baus

 

Dr. Baus beruft sich also in seiner Verteidigung der wissenschaftlichen Qualität des Beitrages von Dr. Hopp auf drei Kontrollmechanismen: auf die angebliche Reputation des Autors in der scientific community aufgrund seiner bisherigen Publikationen (akademischer Hintergrund), auf die Kontrolle sachkundiger und ausgewiesener Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Tagung und auf die „intensive redaktionelle Bearbeitung“ nach wissenschaftlichen Standards, wozu auch die Zitierregeln gehören. Zudem macht Dr. Baus auch das Vertrauen auf die wissenschaftliche Kompetenz und Integrität eines Autors geltend. Er geht davon aus, dass im konkreten Fall die drei von ihm angeführten Kontrollmechanismen funktioniert haben und das Vertrauen gerechtfertigt gewesen sei. Die wissenschaftlich ausgewiesenen Tagungsteilnehmer hätten Kritik äußern und Einspruch erheben können. Bei der redaktionellen Bearbeitung seien keine Zitationsmängel zu erkennen gewesen. Im Übrigen trage letztendlich der Autor mit seiner Druckfreigabe die Gewähr dafür, die wissenschaftlichen Standards eingehalten zu haben. Damit schien für ihn indirekt auch die Frage beantwortet zu sein, wem gegenüber und inwieweit ein Herausgeber für die Qualitätskontrolle (mit-) verantwortlich sei.

Mir war von Anfang an klar gewesen, dass ich in der Plagiatsfrage die Beweislast zu tragen hatte. Im Januar 2013 glich ich einschlägige Textstellen aus meinen Publikationen Wort für Wort und Satz für Satz mit den entsprechenden bei Hopp ab und hob die Textpassagen heraus, die ich in Hopps Beitrag für  besonders plagiatshaltig hielt. Mein Anwalt konfrontierte die Konrad-Adenauer-Stiftung mit meiner zwölfseitigen Beweisführung und Dokumentation, die Dutzende von Beispielen enthielt, und forderte Dr. Baus wiederum auf, dazu Stellung zu nehmen. Ich verband meine Dokumentation mit der nachdrücklichen Forderung, den Beitrag Hopps im Sinne der Selbstkontrolle der Wissenschaft in zwei Schritten aus dem Verkehr zu ziehen.

Gegenüberstellung von Auszügen

Ein Blog-Kapitel ist nicht der Ort, diese dokumentierte  Beweisführung im Ganzen und bis ins bibliografische Detail wiederzugeben. Ich greife nur einige eklatante Beispiele zum besseren Verständnis der Streitsache heraus:

Mintzel,1998:„Es steht außer Frage, dass die gelungene Landnahme der CSU von dem erfolgreichen Prozess der späten Vollindustrialisierung und der wirtschaftlichen Prosperität begünstigt und abgestützt wurde (…) Dem Bundesland Bayern blieben nach 1945 – und das ist das Typische seiner späten Vollindustrialisierung und industriegesellschaftliche Entwicklung – die >großen Schrecken< bzw. früheren >sozialen Kosten< solcher Prozesse erspart (…) Es entstand im Entwicklungsverlauf zur Industriegesellschaft kein Industrieproletariat, schon gar nicht im ehemaligen Agrarraum.“(Die CSU-Hegemonie, S. 44)

Dr. Hopp, 2012: „In der historischen Bewertung ist hervorzuheben, dass Bayern die im Vergleich sehr spät einsetzende Industrialisierung und ökonomische Modernisierung zugutekam. So war der bundesrepublikanische Sozialstaat mit allen Absicherungen und Vorteilen bereits weitgehend etabliert, als im damals rückständigen Bayern der 1960er Jahre erst ein Erneuerungsschub hin zur Forschung, zur verarbeitenden und produzierenden Industrie sowie zur Tertiarisierung der Wirtschaft einsetzte. Damit bleibt Bayern die Proletarisierung der Arbeiterschaft [? A.M.] mit allen bekannten Problemen erspart.“  (S.77, Zeilen 21-33)

Mintzel, 1995, auch 1998: „Wie die Wahllandschaft, so färbte sich dann auch die Organisationslandschaft flächendeckend >schwarz< – ein weiterer Indikator für die Homogenisierung Bayerns durch die CSU. Seit den sechziger Jahren gelang es der CSU, den gesamten bayerischen Raum auch organisatorisch zu durchdringen und sich in fast allen bayerischen Gemeinden zu verankern. Mit rund 2.800 Ortsverbänden war die CSU (…) in fast 100 Prozent der rund 2.000 politischen Gemeinden präsent.“(Die CSU-Hegemonie, S.54ff)

Dr. Hopp, 2012:„Nach einer Phase der organisatorischen Modernisierung in den 1960er und 1970er Jahren schaffte es die CSU, flächendeckend in ganz Bayern präsent zu sein. So ist die CSU mit über 2.800 Ortsverbänden (…) in nahezu jeder bayerischen Gemeinde vertreten.“(S. 81)

Mintzel, 1998: „Es war dann die 1945 neugegründete CSU, die mit einer Art >Doppelstrategie<, über Staat und Partei, die politische Homogenisierung vorantrieb und mit großem Erfolg Bayern in eine politische Landschaft verwandelte.“ (Die CSU-Hegemonie, S.41)

„Die CSU gelang mit zunehmender Integrationskraft eine politisch-kulturelle Flurbereinigung größten Ausmaßes. Sie penetrierte in Schüben alle Regionen. Die Parteien- und Wahllandschaft Bayerns färbte sich seit den fünfziger Jahren flächendeckend >schwarz<.“ (Die CSU-Hegemonie, S.43 (und 46)

Dr. Hopp, 2012: „Darüber hinaus hat jedoch insbesondere die CSU als Akteur einer politisch-kulturellen Homogenisierung Bayerns großen Anteil an dieser Entwicklung.“ (S. 76)

Mintzel, 1998:„…insbesondere der altbayerischen Mentalität wohnte ein tiefsitzendes Inferioritätsgefühl (…) inne (…). Das früher prägnant durch Anti-Einstellungen und durch Inferiorität geprägte bayerische Mentalitätssyndrom verwandelte sich seit den 50er Jahre zunehmend in eine Mentalität des bayerischen Stolzes (…).Die Unterlegenheitsgefühle wichen einem neuen Selbstbewusstsein.“ (Die CSU-Hegemonie, S.80)

Dr. Hopp, 2012: „Dies ging einher mit der Etablierung des bereits erwähnten besonderen Selbstbewusstseins, das frühere Minoritätsgefühle [sic! A.M.] des zunächst überwiegend agrarisch geprägten Freistaats mehr und mehr verdrängte.“ (S.77, Zeilen 5-14)

Plagiatshaltig sind auch eine Reihe von analytischen Begriffen, die Hopp aus meinen Studien über die CSU übernimmt, so die Termini „Staatspartei“, „politisch-kulturelle Hegemonie“, „politisch-kulturelle Homogenisierung“, „Dualität von Staat und Staatspartei“, „Asymmetrie der politischen Kräfteverhältnisse“ usw. Hopp spricht in engster Anlehnung an meine Begriffe von der „CSU als bayerischer Staatspartei“, „als zentraler Staatspartei“, „als alleiniger Staatspartei“, ohne  die Herkunft dieser von ihm locker vereinnahmten Begriffe auch nur an einer Stelle zu belegen, geschweige zu reflektieren. Die Textabgleichungen ließen sich unschwer erweitern, wodurch die kompilatorische und plagiatshaltige Machart des Artikels von Dr. Hopp noch deutlicher und penetranter zum Vorschein käme.

Als Grundregel wissenschaftlichen Zitierens gilt: „Kennzeichnen Sie alle Passagen, die sie sinngemäß übernehmen, als indirekte Zitate durch Ausweisen der Quelle (ohne Seitenzahlen, wenn Sie sich auf ein ganzes Werk beziehen, gegebenen falls aber auch mit Seitenzahl, wenn Sie  [auf – A.M.] eine bestimmte Passage in einem Text hinweisen (…). Beachten Sie, dass bloßes Umschreiben oder aus dem ursprünglichen Kontext entfernen nichts daran ändert, dass der Gedankengang aus einer Quelle übernommen ist“(Dr. Chritian Baden, IfKW, S.2).

Selbst wenn man gewillt wäre, eine vernebelnde Grauzone hinzunehmen, handelt es sich in Hopps Fall doch um eine allzu dreiste Übernahme fremder Textpassagen. Hätte er in einer Fußnote allgemein angemerkt, auf welche wissenschaftlichen Werke und auf welche Autoren er sich stützt, wäre er, salopp gesagt, aus dem Schneider gewesen.

Auch die wissenschaftliche Rolle und Reputation des Herausgebers stand auf dem Spiel. In seinem Begleitbrief zu meiner beweisführenden Dokumentation stellte Rechtsanwalt Professor Haffke 08.02.2013 Folgendes fest:

„Störer im urheberrechtlichen Sinne ist im Übrigen nicht nur der Verfasser eines Beitrages, sondern auch der Herausgeber. Ich lasse dahingestellt, ob und inwieweit Sie sich auf allgemeine Prüfungspflichten überhaupt berufen können: Denn dass diesen hier nicht Genüge getan worden ist, ist offenkundig. Jedem, der mit Parteienforschung auch nur ansatzweise in Berührung gekommen ist, ist der Name Mintzel, was das hier relevante Thema anbelangt, geläufig (…). Nachdem nun der Plagiatsvorwurf substantiiert ist und alle Fakten auf dem Tisch liegen, werden Sie Verständnis haben, dass ich um eine kurzfristige Stellungnahme zu dem Begehren meines Mandanten bitte. Als Frist dafür habe ich mir den 25.03.2013 notiert. Sollte diese Frist fruchtlos verstreichen, müssen alle Beteiligten mit den dann erforderlichen gerichtlichen und außergerichtlichen Schritten rechnen.

gez. Prof. Dr. Bernhard Haffke Rechtsanwalt.“

 

Ein halber Kompromiss

Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste der Herausgeber Dr. Ralf Thomas Baus erkannt haben, dass er es nicht mit einem „Kavaliersdelikt“ zu tun hatte, sondern mit einem brisanten Streitfall mit gravierenden wissenschaftsinternen und möglicherweise auch rechtlichen Folgen. Er bat dreimal aus verschiedenen Gründen um eine Fristverlängerung, zuletzt um den Justiziar der Konrad-Adenauer-Stiftung konsultieren und dessen juristischen Rat einholen zu können.

Die Auseinandersetzung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung endete schließlich mit einem halben Kompromiss, im dem die juristische Handschrift des Justiziars erkennbar ist. Der Herausgeber, Dr. Baus teilte dann im März 2013 sichtlich ungehalten mit:

„Sehr geehrter Herr Professor Haffke,

bezugnehmend auf Ihr Schreiben vom 8. Februar 2013 möchte ich hierzu wie folgt Stellung nehmen: Als Herausgeber des Sammelbandes >Parteiensystem im Wandel. Perspektiven, Strategien und Potentiale der Volksparteien< habe ich kein Interesse daran, Diskussionen und Auseinandersetzungen über Plagiatsvorwürfe im Beitrag von Herrn Dr. Gerhard Hopp >Die Volkspartei CSU in Bayern< zu führen. Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht bin ich deshalb bereit, den genannten Beitrag ab sofort nicht mehr zu verbreiten. Dies umfasst sowohl die gedruckte als auch die elektronische Fassung. Ich habe dies bereits veranlasst. Ich betone ausdrücklich, dass hiermit keine Anerkennung der Plagiatsvorwürfe verbunden ist.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Ralf Baus“

 

Die Stiftung, vertreten durch Herrn Baus, entzog sich mit ihrem Verzicht auf die Weiterverbreitung des Beitrages von Hopp einer substantiellen wissenschaftlichen und eventuell gerichtlichen Überprüfung der plagiatshaltigen Teile des inkriminierten Beitrages. Die ausdrückliche Nichtanerkennung der Plagiatsvorwürfe hatte nicht wissenschaftliche, sondern primär rechtliche Gründe. Der Stiftung blieb, so sehe ich die Sachlage, wegen der rechtlichen Implikationen und drohender Folgen nichts anderes übrig, als auf ihrer Rechtsposition zu verharren. Die Weigerung, sich auf Diskussionen und Auseinandersetzungen über den Plagiatsvorwurf einzulassen, war meines Erachtens ein indirektes Eingeständnis, dass der Plagiatsvorwurf inhaltlich/substantiell nicht leichter Hand zurückgewiesen werden konnte. Eingedenk meiner früheren fruchtbaren wissenschaftlichen Kooperation mit der Stiftung, die mich mehrmals zu internationalen Konferenzen im In- und Ausland eingeladen und Beiträge von mir in ihre publizistischen Projekte aufgenommen und in mehreren Sprachen herausgegeben hatte, wollte ich den Streit nicht eskalieren lassen.

Außerdem hatte 2013 die Kandidatur von Herrn Hopp für den bayerischen Landtag angestanden. Er war als Direktkandidat der CSU für den Wahlkreis Cham nominiert worden. Mir war es wichtig, politische und wissenschaftliche Sphäre zu trennen. Mein Motiv war ein ausschließlich wissenschaftliches gewesen. Ich gab mich also am Ende mit der schriftlichen Zusage zufrieden, Hopps Beitrag werde nicht weiterverbreitet. Meine Rechtsschutzversicherung, der ich sämtliche Dokumente eingereicht hatte, erstattete ohne Zögern die Rechtsanwaltskosten über Euro 919,28.

Dr. Baus setzte seine Zusage rasch in die Tat um. Er ließ noch 2013 der ersten gleich eine zweite Auflage des Sammelwerkes folgen, die Hopps Artikel nicht mehr enthielt. Der Rausschmiss wurde stillschweigend vorgenommen und die Lücke mit drei ergänzenden Beiträgen anderer Autoren gefüllt. (siehe http://www.kas.de/c/dokument_library/get_file?; ISBN 978-3-944015-53-6). Im Jahre 2018 trat dann eine unvorhergesehene Wende in meinem Umgang mit diesem Streitfall ein, den ich ad acta gelegt hatte. Das Corpus Delicti tauchte wieder auf.

„Kurz und bündig“ –

Akademische Hehlerei von geistigem Diebesgut

In den Jahren 2017 und 2018 taucht Hopps Beitrag überraschenderweise in Form einer „einschlägigen“ Quellenangabe wieder auf. Ich komme um eine etwas spröde Faktenbeschreibung nicht herum. Der Regensburger Politikwissenschaftler Professor Dr. Martin Sebaldt führt den Artikel Hopps in der 2. und 3. Auflage in dem von Prof. Dr. Frank Decker und Dr. Viola Neu herausgegebenen „Handbuch der deutschen Parteien“ wieder ein. Im lexikalischen Teil dieses Nachschlagewerks werden unter dem Generaltitel „Kurz und bündig“ Kurzporträts deutscher Parteien der Gegenwart veröffentlicht, darunter auch das von Sebaldt verfasste der CSU. Die Kurzporträts sind alle nach dem gleichen Schema strukturiert. In die Texte der Kurzporträts werden zur Vertiefung bestimmter Aspekte Hinweise eingefügt: „Hier finden Sie einen ausführlichen Text zu …“, zum Beispiel „zur Organisation der CSU“.  Dieser redaktionelle Kunstgriff soll es dem Leser ermöglichen, sich über spezielle Aspekte genauer informieren zu können. Sebaldt beschränkt sich in seinem Kurzporträt der CSU auf elf Literatur- und Quellenhinweise. An dritter Stelle nennt er den 2013 aus dem Verkehr gezogenen Beitrag von Hopp.

Entweder hat Professor Sebaldt übersehen, dass noch 2013 eine zweite Auflage des von Dr. Baus herausgegebenen Sammelbandes „Parteiensystem im Wandel“ erschienen ist, in dem das Elaborat von Hopp fehlt. Oder er holt Hopp mit Absicht in den Kreis thematisch führender CSU-Forscher zurück. Es entsteht jedenfalls die kuriose Situation, dass ein in hohem Maße plagiatshaltiger Artikel über die CSU (Hopp) als Quelle für eine gleichfalls andere Forschungsleistungen und -erträge kompilierende Darstellung (Sebaldt) benutzt wird. Sebaldts Literaturangabe wird zudem zu einem Scheinbeleg, der von wichtigeren Forschungserträgen ablenkt. Forscher/innen, die viele Jahre empirisch-analytische Kärrnerarbeit auf diesen Gebieten geleistet haben (z.B. Ilse Unger, Thomas Schlemmer, Barbara Fait, Peter Haungs, Günter Müchler), werden kurzer Hand ausgeschlossen und so um Früchte ihrer Forschung gebracht. Dabei wäre es redaktionell durchaus möglich gewesen, deren Forschungserträge als solche in den Literatur- und Quellenangaben sichtbar werden zu lassen. Der redaktionelle Kunstgriff, in Form von Hinweisen vertiefende Texte zur Parteigeschichte, Wählerschaft, Programmatik und zur Organisation einzufügen, hätte Sebaldt ebenfalls auf die zu Rate gezogene Literatur anwenden können. Stattdessen wird die Literaturliste mit ihren elf Angaben rein schematisch ohne spezielle Ergänzungen (bzw. Streichungen) jeweils an die Zwischentexte der Hinweise angehängt – und so die Möglichkeit vertan, das kompilatorisch erarbeitete Kurzporträt mit weiteren wichtigen Belegen zu unterfüttern und den Leser auf vertiefende und weiterführende Fachliteratur hinzuweisen. Solche exklusiven redaktionellen Praktiken können dazu führen, dass hierbei wissenschaftliche Eigenleistungen und Fremdleistungen bis hin zum Plagiieren verwischt werden können. Es handelt sich um eine Grauzone der Zitierpflicht.

Ein peinlicher „Kraftakt“

Ich komme noch einmal auf Hopps zum Teil unseriöse Zitierweise und auf seinen Umgang mit Belegen zurück.

In ihrer historischen Frühphase war die CSU 1947/48 mit der neugegründeten Bayernpartei über den „richtigen Kurs“ in der bayerischen Politik vor allem in Altbayern in heftige Auseinandersetzungen und in eine Parteikrise geraten. Der sogenannte Bruderstreit der beiden Parteien hatte in der Landtagswahl 1950 die Wählerschaft der CSU fast halbiert und der Bayernpartei einen respektablen Erfolg beschert. Der CSU-Führung war es in den folgenden Jahren nur äußerst mühsam mit hemdsärmeligen Methoden gelungen, ihre neue Konkurrentin zu verdrängen und zu der großen Mehrheits- und Staatspartei zu werden, wie wir sie seit Mitte der 1950er Jahre kennen. Der innerbayerische „Bruderzwist“ wurde von mehreren Parteienforschern (voran von Ilse Unger, Alf Mintzel, Thomas Schlemmer) in gründlichen Studien analysiert und dargestellt, die noch immer als Standardwerke gelten. In meinen Studien von 1975, 1977 und 1998 habe ich überdies zu dieser turbulenten Frühgeschichte der CSU und ihrer Entwicklung zur bayerischen Hegemonialpartei reichlich Kartenmaterial zur politischen „Schwarzfärbung“ der bayerischen Landkarte vorgelegt. Was schreibt Gerhard Hopp über diese Turbulenzen und die allmähliche Konsolidierung der CSU? Auf welche Quellen beruft er sich? Ich zitiere seinen Text:

„Die CSU (…) schafft es aber, mit einem interkonfessionell und durchaus innerparteilich nicht unumstrittenen Ansatz als gesamtbayerische Volkspartei schrittweise im ganzen Land Fuß zu fassen. In einem beispiellosen >Kraftakt<, wie es der Regensburger Politikwissenschaftler Dr. Alexander Straßner formuliert, werden nacheinander eine ganze Reihe an Konkurrenzparteien – allen voran die Bayernpartei – >aufgesaugt und ein Ausgleich zwischen Altbayern und Franken ermöglicht, so dass sich die Wahllandschaft in Bayern schließlich flächendeckend schwarz färbte.“ (Hopp 2012, Die CSU, S.76)

Wie und mit welchem wissenschaftlichen Ausweis wird hier Alexander Straßner zitiert? Spöttisch gefragt:  Da gibt es doch ein Kraftwort, wie heißt es noch mal? Aha: „Kraftakt“. Der Begriff muss unbedingt in einer Anmerkung (8) belegt werden! Peinlich! Und doppelt peinlich, weil Straßner bisher keine eigenen Forschungsarbeiten auf diesem bayerischen Problemfeld vorgelegt hat. Hopp verweist in seiner Anmerkung zum „Kraftakt“ pauschal auf den Artikel, den Straßner zu dem von Hopp, Sebaldt und Benjamin Zeitler im Jahre 2010 herausgegebenen Sammelband „Die CSU. Strukturwandel, Modernisierung und Herausforderungen einer Volkspartei“ beigesteuert hat. Und was gibt es bei einer genauen Überprüfung dort zu entdecken? Straßner beruft sich in seinen kurzen Ausführungen zum „Kraftakt“ auf Seite 62 seines Artikels („Sozialer Wandel und die CSU“) korrekterweise auf die Forschungsleistungen von Barbara Fait und Alf Mintzel. Hopps Anmerkung erweist sich somit als ein Scheinbeleg und obendrein als ein Zitiermanöver, das von den Forschungserträgen anderer Wissenschaftler ablenkt. Und die oben zitierte Passage aus Hopps Text ist wiederum ein Beispiel dafür, wie er einschlägige Forschungsergebnisse und Literatur unterschlägt.

Es bleibt zu fragen, welche Gründe den renommierten Politikwissenschaftler Sebaldt bewogen haben mochten, den inkriminierten Artikel von Hopp sechs Jahre später in seinen Beitrag für das Handbuch der deutschen Parteien aufzunehmen. Warum nennt Sebaldt in seiner Literaturlist – entgegen der ohnehin stark beschränkten Möglichkeit – statt Hopp nicht gewichtigere Autoren? Die juristische Auseinandersetzung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Rausschmiss Hopps aus dem Publikationsprogramm der Stiftung dürfte ihm nicht unbekannt geblieben sein. Hopp war am Regensburger Lehrstuhl für Politikwissenschaft eine Zeitlang Sebaldts Mitarbeiter und später (2010), nach der Promotion, Mitherausgeber des oben genannten Sammelbandes über „Die CSU. Strukturwandel, Modernisierung und Herausforderungen einer Volkspartei“. Es bleibt im Zusammenhang mit dem Plagiatsfall Dr. Gerhard Hopp auch die Frage offen, warum der Qualitätskontrolle von Prof. Dr. Frank Decker und Dr. Viola Neu, den Herausgebern des Handbuchs der deutschen Parteien, diese fragwürdige Rückkehr des Herrn Dr. Gerhard Hopp in die wissenschaftliche Literatur zur Parteienforschung entgangen ist.

Ein persönliches Lehrstück

Verstöße gegen Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens haben individuelle und systemische Gründe. Plagiate aufzudecken wird durch die große Masse von Veröffentlichungen erschwert, die der hohe Publikationsdruck auf Wissenschaftler erzeugt und auf den Markt bringt. Ein Grundproblem der Aufdeckung geistigen Diebstahls ist, „dass Wissenschaftler im Laufe ihrer Spezialisierung unweigerlich Experten auf hohem Niveau werden, wo die Qualität ihrer Argumente nur noch von wenigen gleich spezialisierten Kollegen inhaltlich überprüft werden kann. Auch praktisch ist es kaum möglich, jede Quelle (…) einzeln nachzuprüfen. Es ist notwendig für das Funktionieren von Wissenschaft, dass andere Wissenschaftler davon ausgehen dürfen, dass Sie diese Quelle korrekt dargestellt (…) haben“ (Dr. Christian Baden a.a.O., S.1).

Dr. Ralf Thomas Baus berief sich in der Qualitäts- und Kontrollfrage unter anderem auf die sachkundige Kompetenz der in Cadenabbia versammelten Teilnehmer. Ich lasse die Frage dahingestellt, ob und inwieweit Teilnehmern die Texte wissenschaftlicher Werke und gar einzelne Passagen daraus so präsent haben, um aus dem Stehgreif plagiatshaltige Vortragstexte erkennen und kritisieren zu können.

Die persönliche Lehre, die ich aus dem Plagiatsfall mitnehme, ist noch eine andere. Wieder einmal habe ich mich auf einen Streit eingelassen und in eigener Sache viel Mühe darauf verwendet, einen Plagiator und Zitierfrevler zu entlarven. Anscheinend hatte nicht einmal ein auserlesener Teilnehmerkreis Hopps Verstöße bemerkt. Auch dem Herausgeber der Tagungsergebnisse waren laut eigener Aussage keine Zitationsmängel aufgefallen. Wenn aber selbst solche kleinen Zirkel ausgewiesener Wissenschaftler gravierende Verstöße gegen Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens nicht entdecken und sanktionieren, was hat es dann noch für einen Sinn, sich damit zu befassen, zumal im 84. Lebensjahr? Ich bedaure fast, mich auf diesen Plagiatsfall eingelassen und dieses Kapitel verfasst zu haben. Wir können es nicht verhindern, dass „Freibeuter“ aus der folgenden Wissenschaftlergeneration und Spätere uns schon zu Lebzeiten auszulöschen versuchen.

Der Prediger Salomon, 2,11:„Da ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.“

Von uns wird dereinst nur eine Fußnote übrigbleiben – und höchstwahrscheinlich nicht einmal das.

55.4 Zur bayerischen Landtagswahl 2018 – 4. Folge (4.11.2018)

Mit dieser vierten Folge setze ich meine Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen der bayerischen Landtagswahl 2018 fort. Ich versuche die Ereignisse und Vorgänge, die sich auf der parteipolitischen Bühne und im Wahlkampf abspielen, möglichst synchron und im Zeittakt ihres Ablaufs aufzuzeichnen und unmittelbar dazu Stellung zu nehmen. Denn hinterher ist man bekanntlich immer etwas schlauer. Mit dieser Art protokollarischer Aufzeichnung ist es möglich, später bzw. danach zu kontrollieren, ob, inwieweit und wie scharf ich die aktuellen Vorgänge treffend beobachtet habe. Außerdem ermöglichen mir (und anderen) meine im Internet veröffentlichten Texte zu kontrollieren, ob ihre Inhalte woanders verwertet und kommentiert werden. Für Hinweise und Diskussionsbeiträge bin ich sehr dankbar.

Hybris und Demut

Als vor der Landtagswahl demoskopische Umfragen hatten erkennen lassen, dass die CSU bei den Wählern drastisch an Zustimmung verloren und sie mit einem spektakulären Wahldebakel zu rechnen hatte, wuchsen in der CSU-Führung mit jedem Umfrageergebnis Nervosität und Verunsicherung. Je näher der Wahltag kam und je tiefer die Umfragewerte sanken, desto mehr verstiegen und vergriffen sich der bayerische Ministerpräsident und seine Wahlkampfhelfer in ihren Attacken. Markus Söder glaubte, im letzten Moment mit Katastrophenwarnungen und einer „Bayern first“-Rettungsaktion eine Wende zugunsten der CSU herbeiführen zu können. Er fuhr zu Propagandazwecken aus dem ideologischen Arsenal der bayerischen Staatspartei die schwersten Kaliber auf: „Wir befinden uns in einer ernsten Situation, nicht nur für uns, sondern für die Demokratie in unserm Land.“

Man müsse unbedingt „den Mythos Bayern erhalten.“  (PNP NR. 215, 17.09.2018, S.3). Bayern sei immer „ein Modellfall der Demokratie“ gewesen. Bayern sei „einzigartig, es wäre schade, es in falsche Hände zu geben.“ Wenn es so komme, wie es sich in den Umfragen andeute, dass sechs Parteien ins Landesparlament einzögen, dann „könnte Bayern zum Problemfall der Demokratie werden“. Söders Appelle mündeten in Weckrufe wie: „Steht auf, wenn ihr für Bayern seid!“

Rettet mit eurer Stimme die CSU! Rettet Bayern! Rettet die Demokratie in Bayern! Er setzte sinngemäß CSU, Bayern und Demokratie in eins. Einer der CSU- und Bayern-Auguren und Kommentatoren, Professor Dr. Heinrich Oberreuter (Passau), warf in einem Interview mit dem Münchner Merkur (04.10.2018) der CSU Hybris vor. Denn alles, was sie an zugespitzten Gefährdungspotenzialen benenne, beruhe auf der Hybris, dass das Wohl des Freistaats Bayern mit dem Wohl der CSU identisch sei. „Die(se) Position sollte man“, so fügte er hinzu, „in einer pluralistischen Demokratie besser nicht einnehmen, wenn man es mit der Demokratie ernst meint.“ Mitnichten sei „die Demokratie in Bayern gefährdet, wenn die CSU nicht allein regieren kann.“ Mitnichten sei die Stabilität in Bayern gefährdet, wenn es eine Koalition brauche.

In seinem Gastbeitrag für die Passauer Neue Presse (Nr. 233, 09.10.2018, S. 2) warnte Oberreuter: Man sollte das „plurale Volk nicht für dumm verkaufen.“ „Im Wahlendspurt Optimismus zu propagieren und zugleich darüber zu streiten, wer das doch kommende Desaster zu verantworten hat, bugsiert (…) in die nächste Glaubwürdigkeitsfalle.“ Oberreuter gab der CSU-Führung zurecht, wie ich meine, eine Lektion in Demokratiekunde – von wegen „Modellfall der Demokratie“.

Erst in der Woche vor der Wahl begann Söder sich zu mäßigen und von seinen völlig überzogenen Gefährdungssprüchen und seinem aggressiven Vokabular (Asyltourismus, Abschiebeindustrie etc.)  abzulassen. Er hatte zudem einsehen müssen, dass einstmals wirksame Identitäts- und Abgrenzungsparolen nicht mehr den erwünschten Effekt haben. Der Verlust der absoluten Mehrheit der CSU war ein Absturz in die gewandelte gesellschaftliche und politische Wirklichkeit des Freistaats Bayern. Markus Söder musste „mit Demut“, wie er seine „Betroffenheit“ pietistisch umdeutete, Wandel und Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Die Ära der CSU-Hegemonie in Bayern ist 2018 endgültig zu Ende gegangen (Alf Mintzel, 1998: Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer). Söders öffentliche Präsentation der Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen zwischen CSU und der Hubert-Aiwanger-Partei (FW) am Abend des 4. November 2018 zeigte einen Ministerpräsidenten, der sich vom aktionistischen „Politrowdy“ (SZ Nr. 254, 05.11.218, S. 29) zu einem fürsorglichen, kompromissbereiten und sanften  „Landesvater“ zu entwickeln scheint. Am Pult neben Söder stand bei diesem Auftritt der Landesvorsitzende der CSU und Bundesinnenminister. Seehofer durfte zur Eröffnung ein paar Segenswünsche für die Arbeit der „Bayern-Koalition“ (CSU/FW) und für Bayern aussprechen. Das alles sei gut für Bayern. Wer genau hinsah und Seehofers Gesichtsausdruck und Redeweise beobachtete, dem konnte nicht entgehen, dass hier ein Mann blass und bleich auf Abruf stand. Von der neuesten Nachricht, wonach der abgesetzte Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, aus Anlass seines Ausscheidens hausintern eine politisch brisante Rede gehalten haben soll, hatte er nach eigener Auskunft keine Kenntnis. Auch die „Personalie Maaßen“ wird nochmals den politischen Druck auf Seehofer so stark erhöhen, dass er in Kürze aus seinen Ämtern ausscheiden muss. Die überraschende Ankündigung (29.10.2018) der Bundeskanzlerin, sie werde im Dezember des Jahres ihr Amt als Bundesvorsitzende der CDU aufgeben und  mit dem Ende der laufenden  Bundestagsperiode sich ganz aus der Politik zurückziehen, wirkt sich auch auf das  gespannte Verhältnis von CDU und CSU aus. Zwar wird in beiden Parteien beteuert, man mische sich grundsätzlich nicht in die Angelegenheiten und Entscheidungen der Schwesterpartei ein, aber es besteht kein Zweifel, dass Wechselwirkungen besonders in Spitzenpositionen  unvermeidlich sind und eine Eigendynamik entwickeln, die die gesamte Union betreffen.

55.3 Zur bayerischen Landtagswahl 2018 – 3. Folge (26.10.2018)

Horst Seehofers Sturz steht kurz bevor

Noch vor der Jahreswende 2018/19 wird Horst Seehofer, dessen bin ich sicher, seine Ämter als Landesvorsitzender der CSU und Bundesinnenminister aufgeben müssen. Sein Sturz ist nur noch eine Frage der aktuellen Umstände und des Zeitpunkts. Schon unmittelbar nach der hessischen Landtagswahl (28.10.2018), in der CDU und SPD aller Voraussicht nach folgenreiche Verluste hinnehmen müssen, wird Seehofer zum Rücktritt von seinen Ämtern gezwungen. Die Mehrheit der Bundesbürger ist der Meinung, er sei der Hauptstörfaktor in der Großen Koalition, er trage permanent Zwistigkeit in die Bundespolitik hinein, er boykottiere eine gedeihliche Bundespolitik, er treibe seine Obstruktionspolitik auf die Spitze, drohe die Union zu spalten und vergreife sich in Stil und Ton. Auch in seinem Stammland Bayern werden die Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Bundeskanzlerin vor allem ihm angelastet.

Auch in Führungskreisen der CSU und an der CSU-Basis verliert Seehofer an Rückhalt. Ehemalige prominente CSU-Größen wie Theodor Waigel, Erwin Huber, Barbara Stamm, Max Straubinger und andere fordern nach dem Wahldebakel in öffentlichen Stellungnahmen rasche Konsequenzen und meinen damit mehr oder weniger unverblümt Seehofers Rücktritt. CSU-Kreis- und Bezirksverbände halten nicht mehr still, an der Parteibasis rumort es, der Unmut über die politischen Manöver und Winkelzüge des Landesvorsitzenden wächst. Der parteiinterne Vorwurf bemängelt, er habe seine ganze Kraft ausschließlich in die Asyl- und Flüchtlingspolitik sowie in die Sicherheitspolitik investiert und dabei andere zentrale Politikfelder wie Umwelt und Ökologie vernachlässigt und den Grünen überlassen. Seine Auseinandersetzungen mit der Bundeskanzlerin seien überdies im Stil und im Ton überzogen und kontraproduktiv gewesen. Seehofers wiederholte indirekte Andeutungen, er werde gegebenenfalls zurücktreten, werden als Versuche gewertet, sich im Amt zu halten und personelle Konsequenzen bis zu einem Sonderparteitag hinauszuschieben. Seehofer wehrt sich.

Ich will nur zwei Beispiele anführen, ohne hier den jeweiligen politischen Kontext skizzieren zu können. Wissenschaftliche Spezialanalysen mögen später einmal untersuchen und beurteilen, was sich genau abgespielt hat und welche Wirkfaktoren mit welchem Gewicht den Gang der Dinge bestimmt haben. Aktuelle Stimmungen und Meinungen sind es, die Seehofer zu Fall bringen werden. Stimmungen entspringen nicht rein rationalen Kalkülen. Stimmungen sind mächtige Flutwellen, die in Ämter tragen, aber auch vom Sessel reißen, ihre Kraft ist nicht kalkulierbar. Eine ungeschickte Wortwahl oder ein falscher Zungenschlag genügt, um Stimmungen umschlagen zu lassen. Gestauter Unmut macht sich Bahn.

Seehofers Äußerung vom 6. Juni 2018, „die Migration (sei) die Mutter aller Probleme“ in Deutschland, löste einen medialen Sturm aus, Zustimmung und Ablehnung, enthusiastischen Beifall und harsche Kritik. Seine Behauptung erntete im Internet 5.200.000 Treffer. Aus den obersten Führungsrängen der CSU (und der CDU) mussten ihm Parteifreunde interpretativ beispringen, um seiner Behauptung eine seriöse/plausible Deutung zu verleihen (Alexander Dobrindt u.a.), Angela Merkel wich diplomatisch aus. Sie sage das anders: „Ich sage, die Migrationsfrage stellt uns vor Herausforderungen. Und dabei gibt es auch Probleme.“ Es gebe auch Erfolge. Doch half die geschickte Distanzierung Seehofer nicht aus der sprachlichen Klemme. Die politischen Nachwirkungen zeigten sich dann auch in der bayerischen Landtagswahl 2018 an den Wählerwanderungen weg von der CSU. Seehofers Behauptung ist logisch falsch, in der Sache faktisch nicht haltbar und politisch desaströs. Was haben Dieselabgaswerte, Stromnetzfragen, gentechnikfreie Landwirtschaft, Straßenausbaubeiträge, der Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen und andere Politikfelder mit der Migrations- und Asylproblematik zu tun? Aber er blieb mit einer kleinen Korrektur, mit einem „nicht nur“, bei seiner Behauptung. (Belege für viele: https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/CSU-und-Frei…abgerufen am 19.10.2018; https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/seehofer-migr…abgerufen 25.10.2018)

Das andere Beispiel. „Noch mal mache ich einen Watschenbaum nicht. Man kann mich kritisieren, aber das zu reduzieren auf den Horst Seehofer, und der ist für alles verantwortlich, das werde ich persönlich nicht mitmachen.“ „Eher stelle ich mein Amt als Parteivorsitzender zur Verfügung.“ Und an anderer Stelle fügte er hinzu: Er stehe zu seiner Verantwortung als Landesvorsitzender, „aber ich übernehme sie nicht alleine“ (SZ Nr.243, 22.10.2018, S. 1). Seine „Watschenbaum“–Klage, er habe mit eisernem Willen konsequent eine sachlich gute Politik vertreten und dies in Übereinstimmung mit den strategischen Zielen der Partei, klingt nach heroischer Selbststilisierung und Selbstmitleid.

Seehofer ist keine charismatische Persönlichkeit, kein Visionär, ihm fehlt eine menschheitsgeschichtliche Perspektive. Ihn zeichnen keine Eigenschaften aus, die seinen Fall aufhalten könnten. Seehofers – gespielte? – Gelassenheit und Beharrungsneigungen wirken altersbockig und uneinsichtig. Er nimmt anscheinend nicht wahr, dass seine öffentlichen Auftritte und Äußerungen ihn nur noch weiter ins Trudeln bringen und seiner Partei schaden. Gerade in kritischen Situationen wirken seine Auftritte beschränkt und kleingeistig. An seinem 69. Geburtstag in der Öffentlichkeit genüsslich lächelnd zu bekunden, dass selbigen Tages 69 Afghanen abgeschoben worden seien, lässt jede Mitmenschlichkeit vermissen. Da sprach eine bürokratische Krämerseele aus ihm, der ein Kompass fehlt für die zivilisatorischen Tragödien. Dies wird auch von der urbanen, liberalen und weltoffenen Wählerschaft wahrgenommen.

55.2 Zur bayerischen Landtagswahl 2018 – 2. Folge (21.10.2018)

Die Kreuz-Symbolpolitik der CSU

Wortlaut des Kreuz-Erlasses vom April 2018:

Ministerrat beschließt das Aufhängen von Kreuzen in Dienstgebäuden des Freistaats: Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und in Deutschland anzubringen. Der Ministerrat hat am 24. 4. eine entsprechende Änderung der allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaats Bayern beschlossen. Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung. Die Verpflichtung gilt für alle Behörden des Freistaats Bayern ab dem 1. Juni 2018. Gemeinden, Landkreisen und Bezirken wird empfohlen, entsprechend zu verfahren.“

Mit dieser Anordnung hat die bayerische Staatsregierung ihren identitätspolitischen Kurs fortgesetzt, den sie seit der bayerischen Kruzifix-Debatte von 1995 verfolgt hatte. Die Staatsregierung maßt sich an, kraft ihrer amtlichen Hoheit allgemein verbindlich definieren zu dürfen, was das Kreuz gefälligst zu symbolisieren habe, und macht das Kreuz zu einem bayerischen Staatssymbol. Sie schließt hierdurch andere religiös-konfessionelle Bekenntnisse und weltanschauliche Orientierungen aus. Das zentrale Symbol des christlichen Glaubens wird staatsamtlich seines zentralen Glaubensinhalts beraubt und zur kulturellen Dekormasse gemacht. Führende CSU-Politiker benutzen das Kruzifix als soziales Bindemittel. Mit der Kreuz-Symbolpolitik soll insbesondere die katholische Wählerschaft bei der CSU-Stange gehalten werden.

In der neuen Debatte über die Kruzifix-Anordnung sind die Streitfragen von 1995 in ihren Grundpositionen fortgesetzt und zugespitzt worden. Drei der sieben Verfassungsrichter hatten damals ein Minderheitsvotum vertreten, wonach das Kruzifix zur bayerischen Lebenswelt und zur Alltagskultur gehöre. Das Kruzifix sei ein Traditionssymbol ohne Glaubensinhalt. Ein missionarischer Charakter käme ihm nicht zu. Unter den besonderen bayerischen Verhältnissen bliebe das Kreuz im Rahmen des kulturell Typischen und Üblichen. Unter dem Motto „Das Kreuz bleibt – gestern, heute und morgen“ hatten sich 1995 die katholische Amtskirche, das Landeskomitee der Katholiken und zahlreiche katholische Laienorganisationen zu einer Aktionseinheit zusammengefunden und in München eine „Wehrt-Euch-Großdemonstration“ durchgeführt. Die freundliche vielfältige Kooperation von bayerischer Staatsregierung und katholischer Kirche hatte sich 1995 demonstrativ in wechselseitiger agitatorischer Indienstnahme kundgetan. Das Kruzifix gehöre zu Bayern, so der damalige CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber, wie der Chiemsee und die Berge, wie der Maßkrug und der Maibaum. In den Kruzifix-Debatten geht es um die kollektive Identität der bayerischen Heimatwelten, um „Bayerisches“ und „Nichtbayerisches“, um das Wir-Gefühl in Abgrenzung zu anderen. Die im bayerischen Volksschulgesetz vorgeschriebene Pflicht, an staatlichen Volksschulen in jedem Klassenzimmer ein Kreuz anzubringen, verstoße folglich nicht gegen Artikel 4 Absatz 1 des Grundgesetzes.

Die christsozialen Identitätsmanager verstehen sich noch immer als Hüter und Pfleger bayerischer Heimatwelten und machen sich hierzu das Kreuz zu eigen. Staatsregierung und CSU bedienen mit ihrer christlich-abendländisch aufgeladenen Kreuz-Symbolpolitik katholische Heimatsphären und die katholische CSU-Wählerschaft. Das katholisch-staatsbayerisch eingefärbte Identitätsmanagement stutzt das zentrale Symbol des christlichen Glaubens, so sehen es laizistisch orientierte Kritiker und auch Theologen beider Großkirchen, zu einem Logo bajuwarischer Stammeskultur zurecht und instrumentalisiert es zum Zwecke des Machterhalts. Führende CSU-Politiker und zahlreiche kleine christsoziale Mitstreiter sagen frei heraus: Es ginge nicht um die Botschaft Jesu Christi, nicht um christliche Glaubensinhalte als solche und schon gar nicht um Dogmen. Niemand müsse das Kruzifix, so wird argumentiert, theologisch und dogmatisch (mehr) ernst nehmen. Es ginge im christlich-abendländischen Bollwerk Bayern um eine spezifische Lebensart und deren Ausstattung mit Dekorstücken christlich-abendländischer Kultur. Das Kreuz wird amtlich als mentaler Traditionskitt und als staatsbayerisches Identitätslogo verwendet und missbraucht.

Ministerpräsident Markus Söder hat sich argumentativ an die Minderheitsposition des Jahres 1995 angelehnt und erst nach massiven kritischen Einwände zugegeben, das Kreuz sei auch ein religiöses Symbol. Sein multimedial inszenierter Auftritt beim Aufhängen eines Kreuzes in der Staatskanzlei und sein selbstgefälliges Posieren vor den Kameras sind mit Befremden registriert worden. Söder hat wohl geglaubt, für seinen Kreuz-Erlass erneut mit breiter Unterstützung rechnen zu können. Er hat sich ein Stück weit verrechnet und lächerlich gemacht. Sogar aus kirchlichen Kreisen hat er heftigen öffentlichen Widerspruch hinnehmen und am Ende Museen, Theater und Universitäten sowie Hochschulen vom Erlass ausnehmen müssen. Söder hat schließlich sogar auf eine staatliche Kontrolle der Durchführung des Erlasses verzichtet. Tempi passati! Die konfessionspolitische Situation hat sich auch in Bayern seit 1995 weiter zum Nachteil der Hegemonialpartei verändert. Die römisch-katholische Kirche ist inzwischen wegen ihrer Missbrauchsskandale, weltfremden Sexuallehre und hierarchischen Strukturen in eine fundamentale Legitimationskrise geraten, was sich vermutlich auch auf das Wahlverhalten katholischer Bevölkerungsteile auswirkt. Die katholische Kirche hat 3677 Missbrauchsopfer auf dem Gewissen. Söders Erlass hat wohl weit mehr urbane Bildungsbürger und verärgerte Katholiken von der CSU weggetrieben als Herrgottswinkel-Katholiken zugunsten der CSU mobilisiert. Die staatsbayerische Kreuz-Symbolpolitik hat, so scheint es, nur noch im stark katholisch geprägten Niederbayern und in der Oberpfalz positiv zu Buche geschlagen. Dort liegen die Stimmkreise mit vierzig und mehr Prozent CSU-Stimmen.

Wie lange eine solche Strategie noch wirklich greifen wird, ist angesichts des auch in Bayern weiter zunehmenden Säkularisierungsdruckes fraglich. Der bayerischen Staatsregierung gelingt es immer weniger, die säkularisierenden Kräfte abzubremsen und die politisch-kulturelle CSU-Hegemonie staatsprotektionistisch zu stützen. Die freundlichen Beziehungen zwischen Staat und Kirchen sind in Bayern so weit überdehnt, dass man mit guten Gründen von einem semisäkularen Staat sprechen kann. Jedenfalls werden die verfassungsgebotene Neutralitätspflicht des Staates verletzt und die freiheitlich-pluralistische Grundordnung unterlaufen. Der Lehrsatz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde, der freiheitliche säkularisierte Verfassungsstaat lebe von Voraussetzungen, die er nicht garantieren könne, gilt auch für Bayern.

Der amtierende Generalsekretär der CSU, Markus Blume, der eigentlich als ein programmatischer „Vordenker“ der CSU gilt, bezichtigte Kritiker und Gegner des Kreuz-Erlasses im Tonfall klerikal-autoritärer Zeiten „Religionsfeinde und Selbstverleugner“ zu sein. Wörtlich: „ Bei den Kritikern haben wir es mit einer unheiligen Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern zu tun.“ Wer sich wie die Grünen gegen christliche Symbole im Alltag wende, habe eine „verkehrte Weltsicht“. Es sei „beschämend, wie man die eigenen Werte so verleugnen kann“ (PNP Nr. 98, 27.04.2018, S.1). Sein Freund-Feind-Weltbild lässt keine religiös-konfessionellen Differenzierungen und weltanschaulichen Pluralismus zu. Ein Grund nicht CSU zu wählen. Vor solchen Kreuzrittern ist zu warnen.

55.1 Zur bayerischen Landtagswahl 2018 – 1. Folge (18.10.2018)

Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen

Über Jahrzehnte habe ich in Printmedien und Fernsehen zu politischen Vorgängen und Ereignissen in Bayern Stellung genommen. Ich zählte lange Zeit zu den drei „Bayern-Auguren“, die regelmäßig angerufen und um Interviews gebeten wurden, wenn es in Bayern politisch hoch herging, Führungsquerelen in der CSU die Gemüter erhitzten, Köpfe fielen und Wahlergebnisse zu kommentieren und zu deuten waren. Vor ein paar Jahren stieg ich aus privaten Gründen aus dem Auguren-Triumvirat der Politikprofessoren Jürgen W. Falter (Universität Mainz), Heinrich Oberreuter (Universität Passau) und Alf Mintzel (Universität Passau) aus und nahm an der medialen Kommunikation nicht mehr teil. Der Ausgang der bayerischen Landtagswahl 2018 bewegt mich jedoch, zu den neuesten Entwicklungen noch einmal öffentlich Stellung zu nehmen. Ich werde heute und in den nächsten Tagen meine Beobachtungen und Steh-Greif-Analysen ins Netz stellen. Vorweg verweise ich auf einschlägige Kapitel in meinem autobiografischen Blog „Zwischen den Stühlen war viel Platz“ (darin z. B. auf Kap. 26 und 32), auf meinen Beitrag im Historischen Lexikon Bayerns über „Bündnis 90/Die Grünen in Bayern“ von 2014 (htpp://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45986) sowie auf meine Monografie „Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer“, Passau 1998. Meine Beobachtungen und Stellungnahmen, die ich in lockerer Folge und stichwortartig ins Netz stellen werde, will ich als Diskussionsbeiträge und Denkanstöße verstanden wissen.

Die wahlstatistische Ausgangslage

Knapp und bündig vorangestellt: Gesamtstimmenanteil in Prozent/Veränderung im Vergleich zu 2013: CSU 37,2 (-10,4), Grüne 17,5 (+8,9), Freie Wähler 11,6 (+2,6), AfD 10,2 (+10,2), SPD 9,7 (-10,5), FDP 5,1 (+1,8). Feststeht: In den bayerischen Landtag ziehen sechs Parteien ein, wobei die CSU trotz ihrer Schwächung als noch immer relativ große Mehrheitspartei das Heft in der Hand behält. Die CSU wird, dessen bin ich sicher, eine Koalition mit den Freien Wählern (FW) bilden. Die Grünen sind zur zweitstärksten parlamentarischen Kraft geworden, gefolgt von den Freien Wählern mit einem Gesamtstimmenanteil von 11,6 Prozent. Die Frage ist, ob und inwieweit die Grünen ihren triumphalen Zugewinn in parlamentarische Gestaltungsmacht umsetzen können. Von einer Niederlage der Grünen zu sprechen, wie es ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung (Nr.238, 16.10.2018, S. 4) sieht, differenziert zu wenig die Verhältnisse. Mit 38 Sitzen im Landtag haben die Grünen immerhin eine wichtige und medial sichtbare institutionelle Plattform für ihre oppositionelle Präsenz. Eine vernichtende Niederlage hat hingegen die SPD erlitten, die mit ihrem Wahlergebnis auf Landesebene wohl endgültig auf das Format einer marginalen Kleinpartei zurückgestuft worden ist. Klar ist auch, dass – in Erinnerung an die fünfziger Jahre – eine „Viererkoalition“ gegen die CSU ein rein numerisches Gedankenspiel wäre. Der numerisch addierte „Anti-CSU-Block“ käme zwar gegenüber der CSU (37,2) auf 39,0 Prozent, aber diese Addition entbehrte unter oppositionellen Gesichtspunkten jeder politischen Realität. Im Gegenteil, sie spricht für die weiterhin existierende Vorherrschaft der CSU, die zwar geschmälert, aber nicht wirklich gebrochen worden ist. Die Bildung der CSU/FW-Koalition verweist alle anderen im Parlament mitwirkenden Parteien, also die Grünen, die SPD, die FDP und erst recht die AfD, in die Opposition. Wegen der ideologischen, politisch-programmatischen und bereichspolitischen Gegensätze, die diese Oppositionsparteien voneinander trennt, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie zu einer gemeinsamen Oppositionsarbeit finden werden. Die AfD scheidet erklärtermaßen in der Opposition als Koalitionspartner von vorneherein aus.

Der triumphale Wahlerfolg von Bündnis 90/Die Grünen

Woher kommen sie? Der Zulauf im Wahlkampf und der Wahlausgang haben erneut bestätigt: Die Grünen rekrutieren sich vor allem aus jüngeren Altersgruppen mit höheren Bildungsabschlüssen (Abitur, Fachhochschul- und Hochschulabschlüsse). Sie kommen in hohem Maße aus dem Dienstleistungssektor und quartären Bereich (Kommunikation und Information). Sie repräsentieren vor allem Dienstleistungsberufe, insbesondere Beamte und Angestellte sowie Selbstständige. Sie setzen sich zu einem Teil aus der sozialstatistischen Kategorie der Nicht-Erwerbstätigen zusammen (Schüler, Studenten, Auszubildende), allerdings mit rückläufiger Tendenz. Sie erhalten vor allem Zulauf in urbanen Gebieten, in Mittel- und Großstädten. In Universitätsstädten treffen sie auf für sie besonders günstige Strukturen. Sie weisen ein typisches Land-Stadt-Gefälle auf. Der Frauenanteil ist bei ihnen deutlich höher als bei den anderen Parteien. Hingegen sind Arbeitslose, Arbeiter und Rentner bei den Grünen nur schwach vertreten. In summa: Die Grünen kommen aus den sozioökologischen und liberal-intellektuellen Milieus städtischer Gebiete, am deutlichsten aus den Ballungsräumen und Dienstleistungszentren, zumal aus den Metropolengebieten München/Augsburg, Nürnberg, Fürth /Erlangen, Aschaffenburg und Neu-Ulm. Sie haben inzwischen ihren „Bürgerschreck-Charakter“ verloren. Sie in Anspielung auf inzwischen verlassene programmatische Positionen als linke „Verbotspartei“ zu verteufeln, so Markus Söder im Landtagswahlkampf, taugt nicht mehr zur Abschreckung. Die Akzeptanz nimmt in der Bevölkerung, wie Umfragen zeigen, allgemein zu. Die bayerische Hegemonial- und Staatspartei hat in diesen Gebieten und Milieus, die für sie ohnehin traditionell Problemgebiete sind, in der Landtagswahl 2018 am meisten Stimmen verloren. Besonders auffällig sind ihre Verluste in München, wo die Grünen der CSU fünf Direktmandate abgenommen haben. Das sechste Direktmandat haben sie in der Universitätsstadt Würzburg gewonnen.

Zur Koalitionsfrage

Der Landesverband Bayern der Grünen wird heute allgemein zurecht als „realpolitisch“ eingeschätzt. Er gilt in seiner Programmatik als reformerisch und in seiner Praxis als pragmatisch ausgerichtet. Er hat den Charakter einer „ökologisch-sozialen Reformpartei“ angenommen. In ihren Wahlkampfauftritten zum bayerischen Landtag haben die führenden Köpfe der Grünen diese pragmatische Ausrichtung besonders betont und den Ideologie-Vorwurf ihrer konservativen Gegner zu entkräften versucht. Die bayerischen Grünen haben damit zugleich signalisiert, unter bestimmten Bedingungen sogar mit der CSU koalieren zu wollen. Sie leiten aus dem Ausgang der Landtagswahl einen politischen Mitgestaltungsauftrag ihrer Wählerschaft ab, der sie sogar zu einer Regierungsbeteiligung ermächtigt. Kein geringerer parteipolitischer Gegner als der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hatte bereits 2004 den bayerischen Grünen bestätigt, sie seien „in manchen Bereichen pragmatischer, offener geworden“, sie hätten „Führungsleute, die nicht mehr ideologisch argumentieren und ihre bürgerliche Herkunft verleugnen“.(FAZ Nr. 220, 24.09.2005, S.3). Stoiber schloss schon damals, falls es landespolitische Entwicklungen erforderlich machten, nicht einmal mehr für Bayern eine schwarzgrüne Koalition aus. Nach der bayerischen Landtagswahl 2018 scheint nun das, was bisher für unmöglich gehalten wurde, möglich geworden zu sein. Die gemeinsamen politischen Schnittmengen sind jedoch immer noch zu klein und die Verluste der bayerischen Staatspartei noch immer nicht hoch genug, um im Landesparlament die Bildung einer schwarzgrünen Koalition möglich werden zu lassen. Der amtierende bayerische Ministerpräsident Markus Söder übt sich zwar, wie er kundtut, „in Demut“ und lädt auch die Grünen, eine Novum in der bayerischen Politik, pro forma zu Sondierungsgesprächen ein. Er wird aber alles daransetzen, die Grünen von einer Mitregierung fern zu halten. Die Bildung einer Koalition mit den Grünen wäre in der CSU nicht mehrheitsfähig, sie brächte eine weitere Unruhe in die CSU-Basis. Die Grünen wären gut beraten, ihre gebündelten politischen Kräfte in eine eigene Oppositionsstrategie zu investieren und zu testen, welche Dissonanzen, Differenzen und Konflikte in der CSU/FW-Koalition künftig Chancen bieten, im parlamentarischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess grüne Themen und Ziele zum Tragen zu bringen.

Sieger ohne Macht“?

Das neue Sechs-Parteien-Parlament bringt neue Reibungsverhältnisse und ein neues Kräftemessen in die Parlamentsarbeit. Trotz ihres Debakels behält die CSU mit 37,2 Prozent ihre landespolitische Position als eine noch immer starke Regierungs- und Staatspartei, die bestimmt, mit welcher der parlamentarischen Parteien sie koalieren wird. Sie wird, dessen bin ich sicher, die Freien Wähler (FW) an der Regierung beteiligen, nicht die Grünen. Mit dieser Entscheidung werden die Grünen in die Opposition verwiesen. Das hat zur Folge, dass die Grünen ihr triumphales Wahlergebnis institutionell nur sehr begrenzt in staatliche Gestaltungsmacht umsetzen können. Im bayerischen Landesparlament hat aufgrund der Mehrheitsverhältnisse jede Opposition schlechte Karten in der Hand. In der Opposition die Rolle eines Korrektivs zu spielen, ist eine ebenso schwierige wie undankbare politische Aufgabe. Auch ein noch so einheitliches Stimmverhalten der Opposition kann von der CSU- beziehungsweise von der künftigen Koalitionsmehrheit CSU/FW fast problemlos überspielt werden. (Alf Mintzel/Barbara Wasner, 2004: Landesparlamentarismus in Bayern, in: Siegfried Mielke/Werner Reutter (Hrsg.): Länderparlamentarismus in Deutschland. Geschichte – Struktur – Funktionen, Wiesbaden 2. erg. Auflage). Dies könnte bei den Grünen zu einem politischen Energiestau führen, der die gegenwärtige Hochstimmung in Frust verwandelt. Die Süddeutsche Zeitung bringt es in einem Kommentar negativ ausgedrückt so auf den Punkt:„ Sollten die Grünen nicht in der Regierung landen, wonach es aussieht, haben sie trotz aller Zugewinne eine Niederlage erlitten. Mit 17,5 Prozent in der Oppositionsrolle zu landen, ist kein Erfolg“ (SZ Nr. 238, 16.10.20018, S. 4). Die zukünftige Oppositionsrolle der Grünen wird, was die schwer zu erfüllenden Aufgaben noch erschwert, in einer kritischen Konkurrenz mit drei im Landesparlament vertretenen Oppositionsparteien stehen, mit der SPD, mit den Freien Demokraten und der AfD. Wahrscheinlich kommt es sogar zu gegenseitigen Blockaden. Es ist damit zu rechnen, dass die AfD im Maximilianeum als neue Protestpartei in ihrer Oppositionsrolle viel Unruhe und Streit stiften wird. Gegenseitiges Ausbremsen der drei Oppositionsparteien könnte es der regierenden Koalition erleichtern, ihre Entscheidungen entschlossen durchzusetzen.

Fragliches Identitätsmanagement der CSU

Das ethnozentrische Identitätsmanagement der CSU-Führung diskriminiert andere Bundesländer. Auf eine knappe, vereinfachende Formel gebracht: Ethnozentrismus bedeutet die Höherbewertung der Kultur, der man selbst anzugehören glaubt, und die Abwertung einer anderen. Ethnozentrismus betrachtet das soziale Kollektiv als handelndes Subjekt und grenzt es von anderen Kollektiven ab. Früher: „Wir Bayern“ in Abgrenzung von „den Preußen“ und „Nordlichtern“. Söders ethnozentrischer Zungenschlag 2018: „Wir in Bayern“, Bayern ist anders, Bayern ist besser, Bayern hat wie kein anderes Bundesland eine kulturelle Eigenprägung. Fast im Agitationsstil von Trump: „Bayern first!“, „Bayern is great!“, „Mythos Bayern“ und andere Slogans gewannen im Landtagswahlkampf ausgesprochen ethnozentrische Züge. Das Identitätsmanagement soll innerbayerisch Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit suggerieren und bestärken. Die CSU-Führung neigt zu einer penetranten Höherbewertung der, was immer auch man darunter verstehen könnte, bayerischen Kultur. Sie neigt dazu, ihre eigenen Maßstäbe und ihren eigenen Lebensstil zur Beurteilung und zur Messlatte der Einschätzung anderer regionaler Kulturen in Deutschland und anderswo zu machen. Mit dem „Mia san mia!“ wird das eingebildete Selbstbild zu einer stupiden Selbstüberschätzung. Mir scheint, dass der staatsbayerische Ethnozentrismus in der Landtagswahl 2018 nicht mehr funktioniert hat. Die gestanzten Polit-Formeln wirken abgedroschen, abgestanden und zunehmend realitätsfern, zumal in städtischen Dienstleistungszentren und in sozial stark heterogenen Ballungszentren. Der so häufig apostrophierte „Mythos Bayern“ hat, soweit er realitätshaltig war, seine Wirkung verloren. Der stetig wachsende Zuzug aus anderen Bundesländern nach Bayern und der gesellschaftliche Wandel in Bayern haben eine abnehmende mentale Verbundenheit mit der bayerischen Geschichte zur Folge. Das staatsbayerische Identitätsmanagement greift zunehmend ins Leere. Vielen nachwachsenden Bürgern und Zuzüglern bedeutet die bayerische Staats- und Kulturgeschichte wenig, der „Mythos Bayern“ fast gar nichts. Und in dem Maße verblasst auch der Nimbus der bayerischen Staats- und Hegemonialpartei als erklärte Hüterin bayerischer Eigenstaatlichkeit und Kultur. Es wirkt wie eine museale Phrase oder wie ein Werbegag, wenn heute der Mythos Bayern beschworen und gegen nichtbayerische Verhältnisse in eine Art Abwehrstellung gebracht wird. Für die nachwachsende Generation bedeutet „das schöne Bayern“ etwas anderes.

Das schöne Bayern“ – „ein weltoffener Heimatbegriff“

Die Grünen sahen sich angesichts der Heimatverbundenheit weiter Bevölkerungskreise ebenfalls herausgefordert, sich mit mentalen Inhalten des abgegriffenen Heimatbegriffes auseinanderzusetzen. Auf eigens dafür organisierten Foren versuchten sie „einen weltoffenen Heimatbegriff“ zu kreieren (Dieter Janecek, SZ Nr. 215, 17.09.2010, S. 33). Sie wollten und wollen ihren Heimatbegriff von dem krachledernen, bierseligen, folkloristisch verbogenen, Maibaum- klamaukigen und katholisch-frömmelnden Heimatbegriff absetzen und eine andere Weise der mentalen Verbundenheit mit bayerischen Orten und Landschaften dagegenstellen. Nicht das abgrenzende „Mia san mia“ und das lokalistische „Do bin i dahoam“, sondern ein weltoffener Heimatbegriff sollte es sein. Im Landtagswahlkampf bekundeten die grünen Wahlkämpfer demonstrativ ihr Bekenntnis zum „schönen Bayern“ und trafen damit auf ein in der jüngeren Generation vorherrschendes weltoffenes Lebensgefühl. Besonders die Spitzenkandidatin der Grünen, Katharina Schulze, fiel hierdurch auf. In diesem Sinne besteht auch im alltagskulturellen Bereich eine weitaus größere Distanz zur CSU als zwischen der CSU und den Freien Wählern. Die Hubert-Aiwanger-Partei steht als Stimme ländlich-lokaler Bayerntradition hörbar im Einklang mit den von der CSU gepflegten bayerisch-kulturellen Basistraditionen. Die grüne bayerisch-alltagskulturelle Distanz zur CSU korrespondiert mit einer deutlichen Distanz der Grünen zum institutionellen kirchlichen Bereich, insbesondere zur katholischen Amtskirche.

Religionsverfassungspolitik

Viele Grüne sehen das religiöse Bekenntnis als eine Privatangelegenheit an, was auf ihr kritisches Verständnis des Staat-Kirchen-Verhältnisses hinweist. Ihre kirchenpolitischen Grundsatzerklärungen (Trennung von Staat und Kirche, Ablösung des Konkordats mit dem Vatikan) und Vorstöße in den Kopftuch- und Kruzifix-Debatten speisen sich aus diesen innerparteilichen konfessionellen Spannungsfeldern zwischen laizistischen Positionen und eher kirchennahen Einstellungen. Ihre Gegner, die hautsächlich im konservativen Milieukatholizismus Altbayerns zu finden sind, werfen den Grünen deshalb vor, sie seien kirchenfern und antikirchlich eingestellt. Es fällt auf, dass die meisten grünen Mandatsträger keine Angabe zu ihrer Konfessionszugehörigkeit machen. Die vergleichsweise größere Kirchenferne der Grünen drückt sich auch darin aus, dass das Engagement ihrer Mitglieder in kirchlichen / religiösen Institutionen und Vereinen deutlich geringer ist als das von vielen Mitgliedern der CSU und der stark katholisch geprägten bayerischen grünen Konkurrenzpartei, der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp). In konfessionellen und kirchenpolitischen Fragen besteht also zweifellos eine große Distanz zwischen der CSU und den bayerischen Grünen. Diese Distanzen zum konservativen Milieukatholizismus erschweren die Bildung einer schwarzgrünen Koalition. Ich bin sicher, dass es gerade auch aus diesen Gründen in Bayern nicht zu einer schwarzgrünen Koalition kommen wird. Die Anhängerschaft der Freien Wähler steht weltanschaulich-konfessionell der CSU viel näher.

54. Vierzig Jahre Universität Passau – Wie die Passauer Alma Mater ihre Jungfräulichkeit verlor

Ein satirischer Nachtrag

[Abbildung: Titelblatt „Schenkendes Verströmen von Gedankenlosigkeit“, 1990]

Ich hatte mir im Sommer 1990 zunächst vorgenommen, den dubiosen emblematischen Devotionalien-Gebrauch der Universität Passau, der in seinen Auswüchsen an den nahegelegen Wallfahrtsort Altöttingen erinnerte, satirisch vorzuführen. Auf den Rat von Kollegen hin war ich dann einen amtlichen Weg gegangen (siehe hierzu die Blog-Kapitel 29, 30 und 31). Norbert Entfellner, Schauspieler am niederbayerischen Landestheater, hatte 1996 diese hier wiedergegebenen Auszüge aus meiner satirischen „Denkmalnach-Schrift“ von 1990 auf Vorschlag und Einladung des damaligen Direktors des Humanistischen Gymnasiums, Dr. Dr. Rudolf Segl (1936-2018), in der Aula des Europäischen Gymnasiums vorgetragen. (Zur Lesung hatte ich die Broschüre publiziert: „Was darf Satire. Erklärung zur Lesung von Auszügen aus der Satire von Alf Mintzel Schenkendes Verströmen von Gedankenlosigkeit – der Madonnenstreit. Montag, 13. Mai 1996 “). Aus Anlass des 40Jahre-Jubiläums der Universität Passau und auf Wunsch interessierter Mitglieder der Universität publiziere ich hier zum ersten Mal zum Amüsement der einen und zum Verdruss der anderen ausgewählte Textteile. Die versteckten Anspielungen überlasse ich unkommentiert der Fantasie.

Wer sich im Internet in der universitätsamtlichen Literatur zur Geschichte der Universität Passau über den Streit um das 1978 eingeführte und 2003 faktisch ausgewechselte Logo der Universität Passau informieren will, wird dort weder einen Literaturhinweis, geschweige denn eine sachliche Darstellung finden. Der heftig und erbittert geführte Streit um die „Maria vom Siege“ im Logo wird, als habe es ihn nie gegeben, völlig verschwiegen. „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“ (Christian Morgenstern). Also noch ein triftiger Grund, diesen satirischen Nachtrag zur 40Jahrfeier  zu veröffentlichen. Blamabel für eine Institution der Wissenschaft, eine Fehlentscheidung des Jahres 1978 universitätsgeschichtlich zu vertuschen.

So steht heute im Corporate Design Manual der Universität Passau zu lesen: „Das Herzstück einer Marke ist das Logo. Es ist ein Untouchable (!)“

Die Verehrung der jungfräulichen Alma Mater zu Sankt Nikola

(Aus: Denkmalnach-Schrift Erster Teil)

Wie manche sehr würdige Professoren, also wirkliche Marienverehrer, sich in ihre himmlische Alma Mater vergaffen und diese gar seltsam verehren, darüber berichtet uns ein seriöser Gewährsmann und berühmter Schriftsteller folgendermaßen:

Als der Augenzeuge und Berichterstatter in das Häuslein zur himmlischen Andacht, Alma Mater zu St. Nikola genannt, eintrat, sah er einen allseits bekannten Professor in Andacht vor seiner Herrin knien. Des Professors lüsternes Auge fiel auf den Fuß seiner Herrin, welcher in einem winzigen, zierlichen Schühlein aus persisch-blauer Seide stak. Sie hatte ihren Fuß sorgfältig auf einen Schemel gestützt, weil sie im Lehnstuhl – oder war es ein erotischer Lehrstuhl? – Gottes gar zu hoch saß, was dem Professor einen wunderbaren Einblick gewährte. Er ließ vor Erregung sein Gebetbuch fallen. Der Fuß seiner Herrin war schmal im Ausmaß, leicht gewölbt, zwei Finger breit und etwa wie ein Sperling so lang, den Schwanz mit inbegriffen vorne spitz und kurz, ein Fuß voller Wonnen, ein jungfräulicher Fuß, der des Küssens so wert war wie ein Schelm des Stricks am Galgenbaum, ein mutwilliger Fuß, ein lüsterreicher Fuß, wohl imstande, einen Erzengel in Verdammnis zu bringen, ein augurisch hellsehender Fuß, ein verteufelt aufreizender Fuß, bei dessen Anblick es einen gelüstete, ein Paar neue, ganz gleiche Schülein zu machen, damit hienieden Gottes herrliche Schöpfungswerke nicht ausstürben.

Am liebsten hätte der Herr Professor, den die Versuchung mit aller Macht kitzelte, diesen höchst beredten und überzeugend lockenden Fuß seines Schühleins entkleidet. Zu diesem Behufe huschten seine Augen, aus denen das ganze Feuer seiner Inbrunst sprühte und glühte, geschwind wie der Schwengel einer Glocke von diesem wonnigen Fuß hinauf zum Antlitz seiner Alma Mater und Meisterin. Er berauschte sich an ihrem blütenzarten Antlitz und trank ihren Atem, und da wusste er wieder nicht, was wohl süßer zu küssen wäre, die frischen purpurroten Lippen ihrer Himmlischen Süße oder dieser beredte, einladende Fuß.

Kurzum sei’s aus Ehrerbietung oder aus schierer Angst, vielleicht aber auch aus übergroßer Liebe, er erwählte den Fuß und küsste ihn hastig, wie’s gerade traf, wie eine Jungfrau die sich nicht recht traut. Dann hob der Herr Professor flugs das Gebetbuch wieder auf, spürte derweil, wie sein gerötetes Angesicht noch röter wurde, und schrie, überwältigt und ganz erfüllt von Wonne und Lust, gleich einem Blinden: Janua coeli! Oh Himmelspförtlein!

Und er war durchhitzt vom glühenden Verlangen und über die Maßen glücklich, dass seine Alma Mater es immer von neuem verstand, eine so betörende Jungfrau zu sein. Er verließ das Häuslein ganz wirbelig und taumelig und nach diesem verwegenen Kuss reicher als ein Dieb, welcher den Opferstock für wissenschaftliche Werke gestohlen hat.

Diesen wunderbaren Erlebnisbericht gab unser Gewährsmann in der Fakultätssitzung zum Besten, und alle waren sich einig, dass der Herr Kollege, ein tapferer Ritter vom Heiligen Grabe zu Jerusalem, von der Jungfrau Maria auserkoren war, Dekan zu werden.

[Abbildung: Zeichnung von Prof. Paul Lankes]

 Die feierliche Home-Coming-Prozession

(Aus: Denkmalnach-Schrift Zweiter Teil)

Vorspann: Die Professoren und ihre Gattinnen und Lebensgefährtinnen bringen in einer „home-coming-Prozession“ die Universitätsmadonna mit Gesängen und Rezitationen zurück in den Dom. Nach Fakultäten geordnet ziehen sie durch die Gassen der Altstadt zum Bischofsitz. Die Prozession endet mit der Übergabe der Devotionalien: der marianischen Nahkampfnadeln, Madonnen-Wachsgüsse, der Madonnen-Schlipse, der Madonnen-Biergläser, der Madonnen-Keramikbecher, der marianischen Wimpel und Autoplaketten an den Pforten des Passauer Domes. Der Bischof von Passau nimmt die Universitätsdevotionalien weihrauchschwingend entgegen, erbarmt sich der verstoßenen „Maria vom Siege“ und gewährt ihr huldvoll Kirchenasyl. 

Der intellektuelle Maskeraden-Zug

Der intellektuelle Maskeraden-Zug der Passauer Professorenschaft ist so bunt und quirlig wie eine Schar Morisken-Tänzer, voran die Diplomaten, gefolgt von den

Abwieglern,

Knödelkopf-Ethnologen,

Ökonomisten,

wirklichen Marienverehrern,

Legitimisten,

Polit-Posaunisten,

Traditionalisten,

geistigen Kurzstreckenläufern,

theoretischen Wolkenschiebern,

mexikanischen Kampfhähnen,

Luftblasen-Rhetorikern,

Kulturschrott-Fetischisten,

Scheinheiligen,

Ohne-Mich-Michels,

Hasenfüße,

Krummrücken,

Katzbucklern,

Karrieredebilen,

Ahnungslosen,

Kurzsichtigen,

Hirnrissigen,

Adamriesen,

Mikro-Chipaner

und vielen Typen mehr.

Die Diplomaten

haben gelernt, in sechs Sprachen zu schweigen und sie wissen auch, dass uns die Sprache gegeben wurde, um unsere Gedanken zu verbergen. Die Diplomaten halten Kritiker des Emblems für gescheite Narren, die nahe an die Wahrheit herankommen, sich aber dadurch das akademische Leben schwermachen. Nur Narren sagen, was sie wissen. Weise dagegen wissen, was sie sagen.

 Die Knödelkopf-Ethnologen

vollziehen in ihrer intellektuellen Springprozession einen kulturellen Perspektivwechsel und meinen, das Emblem gehöre zur Landschaft, zum Bayerischen Kongo und seinen Götzenbildern. Die Universität sei ihr intellektuelles Biotop. Mit dem Emblem ließen sich die Ureinwohner leichter anlocken und beobachten. Die „Wilden“ brächten sogar wohlschmeckende Speisen mit.

 Die Ökonomisten

 sagen: „cash“ – und tanzen mit Maria einen Tango. Sie halten es mehr mit dem Zynismus des amerikanischen fund raising. Wer bezahlt, dessen Namen und Emblem sind universitär ehrwürdig. Schließlich ist Bayern ein christlicher Staat und Passau eine Bischofsstadt. Mit Maria lässt sich die Universität besser verkaufen – ganz wörtlich gemeint.

 Die praktizierenden Marienverehrer

halten Emblem-Kritiker noch immer für geflügelte Drachen, in deren Lästermäuler der Kreuzstab gestoßen gehört – sie nehmen das Emblem atavistisch ernst. Seit Urzeiten hat noch jede Menschenhorde ihr Erkennungszeichen, ihr Kampf- und Jagdsymbol. Unter dem friedensstiftenden Banner ihrer Himmlischen Süße sind doch großartige Kulturleistungen vollbracht – und Hunderttausende erschlagen und zu Tode gequält worden. Vor allem die Wissenschaften sind unter diesem Banner gefördert worden. Armer Giordano Bruno! Was hat die katholische Kirche dir für eine lodernde Himmelfahrt beschert. Du bist zu Maria aufgefahren.

Die Marienverehrer schicken tausend Gebete zur himmlischen Glorie. Möge die Universitätsmadonna den feuerspeienden Fakultätsdrachen wegen Beleidigung ihrer himmlischen Majestät und der religiösen Gefühle ihrer Anhänger strafen. Maria hilf!

 Die marianischen Legitimisten

tanzen erst recht nicht aus der Reihe. Sie haben die Häretiker noch unter jedem irdischen Banner verurteilt. Die Herrschaftstechnik ist bekannt: kraft Macht, kraft Mehrheit, in religiösem Wahn und kraft staatlicher Amtsautorität werden Tatsachen auch dort geschaffen, wo sie nicht hingehören. Nach dem Willen des Heiligen Geistes hat sich die Universitas Pataviensis im Kreisrund um das Emblem zu drehen. Von anderen möglichen Weltansichten nimmt der Heilige Geist in Passau nicht Kenntnis.

Die Ahnungslosen

Die schönste Gruppe im intellektuellen Maskeraden-Zug bilden die Ahnungslosen. Sie sind die wahre Zierde der Universität. Sie haben noch gar nicht bemerkt, wie ihnen geschieht. Das sind die wirklich Unschuldigen im Geiste, die die symbolische Attacke auf die Wissenschaft im akademischen Schlaf überrascht.

Die Polit-Posaunisten 

blasen im Lokal-Rhythmus den Erweckungschoral „Ai, ai, ai, Maria (nach einer Samba-Melodie von 1947)

Die Kurzsichtigen

halten das Emblem für eine Briefmarke des Vatikans und verwenden es gedankenlos weiter.

Die Adamriesen und die Mikro-Chipaner

Dann kommen im intellektuellen Maskeraden-Zug die Adamriesen und Mikrochipaner, die das „Maria bit! bit!“ für ein Software-Programm der Universität halten.

Der Narr

Und am Schluss tanzt der Narr [Mintzel] aus dem Ghetto, weil in Passau der intellektuelle Maskeraden-Zug von hinten angeführt wird. 

Die Emanzipation der Wissenschaft oder: Habt Erbarmen mit Maria!

(Aus: „Denkmalnach-Schrift“ Dritter Teil )

Chöre der Wissenschaftler:

1. Chor (Bariton):

Die Wissenschaft hienieden

Sei säuberlich geschieden

Von Bett und Tisch mit Ihr.

2. Chor (Bass):

Es leiden sonst die beiden

An ihrem ew´gen Streiten

Und bringen so allhier

groß Unheil nur herfür. 

Mariechens überirdische Stimme

(Sopran, von einem aus Regensburg entliehenen Sängerknaben zu singen)

Oh Bischof, lieber Bischof mein!

Die Wissenschaft ist so gemein,

ich will sie immer meiden!

Bring mich zurück in deinen Dom,

ich tauge nicht für ein Diplom.

Geschlagen von Einfältigkeit

verbleib ich lieber Bischofs Maid!

Oh Bischof, lieber Bischof mein!

Es muss nun mal geschieden sein.

Bischof (Tenor)

Oh Heilige Simplicitas,

nun gibt´s in Passau auch noch das!

Den Sündenfall der Wissenschaft,

die sich besinnt auf eig´ne Kraft.

Der Drachenwurm auf dem Emblem

erdreistet sich, wie unbequem,

den Globus einfach umzudreh´n.

Chöre der Wissenschaftler:

 Chor (Bariton)

Mariechen auf dem Kopfe steht,

ihr Kleidchen in den Weltraum weht.

Ei, ei, was sieht die Wissenschaft?

Die Zweifel an der Jungfernschaft.

Chor (Bass)

Die Wissenschaft hienieden

Sei säuberlich geschieden

Von Tisch und Bett mit Ihr.

Chor des Klerus (Tenor)

Oh Heilige Simplicitas,

nun gibt´s in Passau auch noch das!

Wie war´s in Passau ehedem

Doch so bequem!

Große Gelehrte wie Max Weber und Poldi von Ranke hätten sich über das Passauer Schlachtengetümmel um die Universitätsmadonna köstlich amüsiert.

[Abbildung: Passauer Satyrikon Nr.1, Vorschläge für ein neues Universitätslogo]

Musterangebote für Leserbriefe und Stellungnahmen oder: Wie man den Emblem-Streit öffentlich befruchten kann

(Aus: „Denkmalnach-Schrift“ Vierter Teil)

(Kleine Auswahl fingierter (!) Leserbriefe und anderer Stellungnahmen, verfasst im Sommer 1990 vor (!) dem Shitstorm in der Passauer Neuen Presse).

Die PNP hatte sich in Herbst 1990 für die Beibehaltung des Marienlogos stark gemacht und zahlreiche erboste und gehässige Leserbriefe abgedruckt, die meine, dem erwarteten Streit vorweggenommenen fiktionalen Leserbriefe, an Realsatire noch übertrafen. 

Leserbrief 

Als gläubige Katholikin möchte ich auf die geschmacklosen, verletzenden und im Geiste ganz und gar widerwärtigen Angriffe auf die Muttergottes und die „Kirche von Passau“ den Nestbeschmutzern, Schmierfinken, Atheisten, Nihilisten und Relativisten Folgendes antworten:

Es sollte bei der Berufung von Professoren an die Universität noch strenger darauf geachtet werden, dass der Glaube und die Interessen der „Kirche von Passau“ nicht missachtet werden. Ich appelliere an die Vertrauensleute der „Kirche von Passau“ unter den Professoren, auf die confessio fidei ihrer Kollegen größtes Augenmerk zu legen. Wir Passauer Katholiken haben kein Verständnis für eine gottlose Wissenschaft, in der die Muttergottes keinen Schutz genießt. Es ist eine Schande für die Universität Passau, dass dort Wissenschaftler lehren, die die Muttergottes nicht achten und aus der Universität ausweisen wollen, hat doch der Zusammenbruch des kommunistischen Systems jedem wachen Geist gezeigt, dass die Wahrheit und die Kraft des Christentums unbesiegbar sind. Niemand wird hier gezwungen, an der Universität Passau zu bleiben. Die widerwärtigen Schmierfinken und Gotteslästerer sollten sich schleunigst an anderen Universität bewerben.

Kreszenz Knödldick, Maria Hilf 101, 8390 Passau

Leserbrief

Da gibt es einige arrogante Professoren, die meinen, sie könnten anderen die Heilige Muttergottes mit dem Hinweis auf Wissenschaftlichkeit und Wissenschaft ausreden. Das ist eine Arroganz des eingebildeten Besserwissens. Man braucht diesen intellektuellen Spaziergängern auf der Innpromenade nur ins Gesicht zu schauen und man sieht schon auf den ersten Blick, wessen Geistes Kind diese Müßiggänger und Pamphlet-Schreiber sind. Die Mehrzahl der akademischen Bürger Passaus wird diese Arroganz sicher unnachsichtig bestrafen.

Anton Himmelreich, Fritz –Schäffer-Promenade 6, 8390 Passau

[Abbildungen von tatsächlichen Leserbriefen]

Leserbrief

Die Marienverehrer und das bayerische Staatsmysterium für Wissenschaft und Marienkultus zeigen marienklar keinen Respekt vor dem Glauben anderer, geschweige denn vor der Autonomie der Wissenschaft. Empfindlichkeit gebührt allein der katholischen Seite!

Vastl Sammarei, Zivildienstler, Marienspital, 8390 Passau

Leserbrief

Ich hatte schon immer den Verdacht, dass die feierliche Haltung der Professoren ein Trick ist, Fehler des Geistes zu verbergen. Die Kritiker des Marienemblems haben ganz Recht, wenn sie sagen, die monokulturelle Synapsen-Verödung der Professorengehirne führe zu einer einfältigen feierlich-devoten Körperhaltung. Das zeigt sich gerade auch in den akademischen Auswüchsen der Marienverehrung an der Universität Passau. Es gibt Professoren, deren Kopf ist nur der Knauf ihres Kleiderständers. Sie vertreten unterwürfig ihren Stand.

Immanuel Königsberger, Gottfried-Schäffer–Korso 13, 8390 Passau

Leserbrief 

In den Kontroversen über das Logo der Marienuniversität Passau ist die Emanzipation der Frau von wissenschaftlicher Lust viel zu wenig bedacht worden. Maria fördert insbesondere auch das Wohlergehen der Wissenschaftlerinnen. Dank Mariä erhielten Frauen schon früh Zugang zur Wissenschaft. Maria ist deshalb auch das vorbildhafte Emblem aller Wissenschaftlerinnen. Ich meine, die Universität Passau braucht keine „Frauenbeauftragte“, sie hat Maria. Das Quotenproblem scheint mir an der Universität endgültig und optimal gelöst zu sein. Die Immaculata weist hier der wissenschaftlichen Nachwuchspflege den Ausweg. Zu den vollkommenen Männern der Fakultäten gehört nun einmal die vollkommene Frau, und da gibt es nur die Eine, Unsere Liebe Frau – den Frauen zum Trost und Vorbild. Die intellektuelle Jungfräulichkeit der Universität Passau ist die terra metaphysica ihrer Hohen Wissenschaft.

Univ.-Prof. Dr. Victor von Lustenau

Thomas-von-Aquin-Institut für christliche Frauenforschung der Universität Passau, Große Messergasse 6, Passau 8390

Stellungsnahmen aus der Universität

Die Fakultät für Mathematik und Informatik hat mit Amüsement die sarkastische Denkmalnach-Schrift über das Universitätsemblem zur Kenntnis genommen und fachbezüglich diskutiert. Die Fakultät goutiert die Ironie des „Maria bit! bit!“. Sie stellt zur Sache fest, dass mit Hilfe der Software-Programme Maria nicht im Großrechner gefunden werden konnte. Es gelang jedoch den Wurm zu entdecken und zu zerhacken. Was den fakultätsoffiziellen Briefkopf anbelangt, sind wir der Emblem-Falle geistesgegenwärtig entgangen. Die Denkmalnach-Schrift hat uns vor einem Virus-Problem bewahrt und viele Kosten gespart.

Das auf unserem Emblem der zuletzt [1985] eingerichteten Fakultät für Mathematik und Informatik gezeigte Symbol „Pi“ sei kurz erklärt: Es bedeutet so viel wie „just born and already pipi“.

[Abbildung: Amtlicher Briefkopf mit dem Emblem „Pi“]

Prof. Dr. Modula Chipnbyte, Sprecherin der Fakultät für Mathematik und Informatik, Universität Passau, Innstraße 33

Stellungnahme der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

Der Streit über das Marken-Zeichen der Universität Passau erweist sich unter betriebswirtschaftlichem Gesichtswinkel der operations research als kontraproduktiv. Die Muttergottes ist für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ein reines Verpackungs- und Absatzproblem. Nach der neuesten ökonomischen Entscheidungs- und Risikotheorie ist Maria absatzwirtschaftlich ein Schlager. Wir sehen in „Cash und Tango“ kein wissenschaftsethisches Problem. Zu Glaubensfragen nimmt die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät prinzipiell keine Stellung.

Univ.-Prof. Dr. Justin Time Schmolensky, Lehrstuhl für Corporate Identitiy Research, Universität Passau, Domplatz 1(Vis a vis vom Marienpförtlein)

Lehrstuhl für alteuropäische Kulturideale und katholisch-abendländische Verteidigungsfragen:

Es zeugt von Unwissen und Gesinnungslosigkeit, die Übernahme des Marienemblems als eine „mentalitätsgetragene Gedankenlosigkeit des Knödelfundamentalismus“ zu bezeichnen. Der Leser frage sich selbst: Haben Knödl ein Fundament? Frivol ist vielmehr, sich im nicht-akademischen Stile des Verfassers an den höchsten Kulturgütern des Abendlandes zu vergreifen.

Der schlampige Umgang des Pamphletisten Mintzel mit der Geschichte zeigt sich in seiner Zitierweise und in der falschen Wiedergabe von Namen. Rankes Vornamen war nicht Poldi, sondern Leopold. Ranke ließ sich im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts grob fahrlässig Einseitigkeiten zu Schulden kommen. Er kann deshalb an der Universität Passau nicht als Lektüre empfohlen werden.

Die Universität Passau hat als niederbayerische Regionaluniversität die Aufgabe übernommen, das katholische Land- und Stadtvolk behutsam an die richtig verstandene moderne Wissenschaft heranzuführen. Das Marienemblem betont diese vornehme und großartige Aufgabe. Will der Verfasser des Pamphlets den Kulturkampf des 19. Jahrhunderts an die Universität Passau zurückrufen? Ihm wird eine katholische Lektion erteilt werden!

Mit seinem Hinweis auf das öffentliche Bekenntnis der Marianischen Bürgerkongregation zu Passau stellt der Verfasser eine böswillige Verbindung mit dem Universitätsemblem her. Das Bekenntnis hat folgenden Wortlaut: „Heiligste Jungfrau und Mutter! Im Verlangen, Dir zu dienen, erwähle ich Dich zu meiner Herrin, Beschützerin und Mutter“ (PNP Nr. 104 vom 07. 05. 1990). Der marianische Auftrag der Kongregation lautet: „Die gegenseitige Ermutigung zur Glaubensverbreitung und zum Leben aus dem Glauben in der Welt einzutreten und selbst aus dem Glauben leben.“

[Abbildung: Presseberichte über die Marianische Kongregation und andere religiös-konfessionelle Ereignisse in Passau]

Die Universität Passau ist der Muttergottes unterstellt und geweiht! Fällt das Universitätsemblem, fällt Passau in nihilistische Hände, und fällt die marianische Bastion Passau, geht das Abendland unter. „Die Kirche von Passau“ hat auf amtlichen Wegen der Universität Passau ihr schönstes Emblem vermacht, eine kämpferisch-gegenreformatorische Siegerin in allen Schlachten Gottes. Die anderen Konfessionen an der Universität Passau werden marienemblematisch liquidiert. Das nennt „die Kirche von Passau“ eine gesunde Marienverehrung. Wer sich daran stört, hat die (Heils-) Zeichen der Zeit nicht verstanden.“ (PNP Nr. 99 vom 30. 04. 1990)

Univ. Prof. Dr. Gottlieb-Maria Kleingabriel, Lehrstuhl für alteuropäische Kulturideale und katholisch-abendländische Verteidigungsfragen, Universität Passau, Am Schießplatz 150, 8390 Passau

Stellungnahme der Pressestelle der Universität Passau:

Präsident und Kanzler der Universität Passau sehen sich aufgrund der öffentlichen Kontroversen über das amtliche Emblem der Universität zu folgender Stellungnahme gezwungen:

Die Universitätsleitung bedauert, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck hervorgerufen worden ist, es gäbe in der Universität auch nur im Ansatz eine kontroverse Meinung und Diskussion in Bezug auf das amtliche Emblem der Universität. An der Universität herrscht peinliches Schweigen. Über das Emblem wird prinzipiell nicht nachgedacht. Die Marienkinder sind brav und zufrieden und führen, ein jedes an seinem Platz, ein frommes Leben. Die Professoren befleißigen sich einer sachlichen und frommen Argumentation, weil sie Glauben und Wissenschaft nach modernen Gesichtspunkten auf unerhört kühne Weise zu verbinden wissen.

Die Universitätsleitung stellt prinzipiell fest, dass die freie Meinungsäußerung ihrer akademischen Bürger in Wort, Schrift und Bild ein unveräußerliches Grundrecht ist, es sei denn es dreht sich um gremieninterne Angelegenheiten, die der Schweigepflicht unterliegen. Das Marienemblem unterliegt der Schweigepflicht. Eine Diskussion darüber ist für die Universität rufschädigend und stört den Passauer Religionsfrieden.

Das Emblem hat eine andere Bedeutung als ihm irrtümlich unterstellt wird. Das Emblem soll auf eine wissenschaftsskeptisch eingestellte Bevölkerung beruhigend wirken und die Arbeit der Wissenschaftler vor wissenschaftsfeindlicher Neugier schützen. Die katholisch-christliche Deutungsmöglichkeit muss dabei in Kauf genommen werden. Die Bezeichnung als „geistliche TÜV-Plakette“, als „Denkstopp-Emblem“ und als „Tabu-Zeichen“ ist eine beleidigende Fehldeutung.

Dem Emblem wird universitätsamtlich folgender Bedeutungsgehalt zugeschrieben: Die junge Mutter muss in einer ernährungswirtschaftlichen Notsituation auf Wurm-Fang gehen, um ihr vom Hunger bedrohtes Kind zu ernähren. Es geht darum, einen möglichst großen, nährreichen Wurm zu erwischen. Das Emblem ist darüber hinaus ausgesprochen frauenfreundlich. Es erinnert die Studentinnen und das weibliche Lehrpersonal an ihre kräftige Frauennatur und zeigt, wie eine alleinstehende Mutter mit einem Kind auf dem Arm einen großen Wurm zu fangen imstande ist. Der als Zepter bezeichnete Gegenstand in der rechten Hand der Mutter ist ein Wurfgeschoss, mit dem die aufgespießten Würmer den Gnadenstoß erhalten. Das Emblem ist insofern ausgesprochen tierfreundlich. Es gibt den lehrreichen Hinweis, wie man die Qualen eines armen Wurms verkürzen und seinen Abschied aus dem Leben erleichtern kann.

Der Verfasser der Denkmalnach-Schrift ist in seiner öffentlichen Meinungsäußerung über das geziemende Maß frommer Redlichkeit weit hinausgegangen und hat die tiefreligiösen Gefühle zahlreicher Bürger aufs Gröbste bestätigt. Deshalb muss ihm die Würde eines Professors abgesprochen werde. Nachdenken über den Gebrauch eines irrtümlich für ein religiös-konfessionelles Emblem gehaltenes Logo darf nicht folgenlos bleiben. Der Präsident hat dem Verfasser nahegelegt, die Universität zu verlassen.

Die Universitätsleitung erläutert auf Anfrage gern ihre wurmstichigen Argumente im Sinne einer zweiten Aufklärung. Die Pressestelle wird einen schriftlichen Wurmfortsatz kostenlos zur Verfügung stellen.

Pressestelle der Universität Passau, Dr. Hans-Kapfinger-Straße 2, 8390 Passau

Die Universität Passau führte im Jahre 2003 ein konfessionsneutrales Logo ein und veränderte ihre Selbstdarstellung (corporate identity) und ihr Erscheinungsbild (corporate design) nach innen und außen. Der ursprünglich gedachte Zweck der Satire war auf amtlichen Wegen, wie in den Blog-Kapiteln 29 und 30 beschrieben, mit dem Instrument einer experimentellen Intervention erreicht worden. Die „Maria vom Siege“, die „Untouchable“, verschwand im Jahre 2003 aus dem Universitätshimmel und wurde seither nie wieder gesehen.

53. Abschied von der Bühne des Daseins

Endzeit des Lebens – Was bleibt?

„Tapfer sterben“, kein Hadern, kein Klagen, kein Jammern! Gelassenheit! Ist dieser Vorsatz, mit dem ich Blog-Kapitel 52 abgeschlossen habe, nicht zu pathetisch geraten? Von der Bühne des Daseins still Abschied nehmen, leise weggehen? Ist dies nicht nur eine Demutsbezeugung vor dem unausweichlich Absoluten? Was bleibt mir anderes übrig als gelassen zu warten? Wie könnte sich ein neugieriger Mensch, einer, der zeitlebens mit großem Interesse beobachtet hat, was um ihn herum und in der weiten Welt geschieht, gelassen und leise verabschieden? Viele aufregende Fragen sind offengeblieben, Fragen, die das eigene kleine Leben, und die ganz großen, welche die Menschheitsgeschichte und den Kosmos betreffen. Was bleibt von all dem, was ich unternommen, angestrebt und erreicht habe?

Es stürbe sich leichter, so habe ich irgendwo gelesen, wenn man vorher seine Biografie „geordnet“ habe. Dann sei man gut gewappnet, wenn der Tod kommt. Mit meinem Blog habe ich versucht meine Biografie zu ordnen. Aber was ist am Ende dabei herausgekommen? Als ich mit der Niederschrift begann, schien das erlebte Leben noch so nahe zu sein, dass ich meinte, es – trotz der eingestandenen Schwierigkeiten – wirklichkeitsnah schildern zu können. Jetzt, am Abschluss dieses autobiografischen Unternehmens, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es mir gelungen ist, die verschiedenen Lebensfragmente zu einem klaren Selbstbild zusammenzusetzen. Vieles ist schon so weit in die Vergangenheit gerückt, dass ich mir selbst fern vorkomme und mich kaum noch erkennen kann. Eine Autobiografie zu verfassen führt in viele Fallen und unterliegt selbstgefälligen Täuschungen. Ich stehe vor mir selbst wie ein Archivar des eigenen Lebens und suche nach Erinnerungsstücken. Als sei alles schon eine Ewigkeit her. Die Lebensbedingungen und Anforderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit und der 1950er und 1960er Jahre waren so viel anders als die späteren Dekaden. Und auch ich bin nicht mehr der, der ich einmal gewesen war. Ich selbst kann meine Ängste, Kämpfe, schäbigen Handlungen, Niederlagen und Zweifel nur schwer nacherleben. Meine Triumpfe, Freuden und Höhepunkte sind längst verblasste Momente, die zu beschreiben mir nur andeutungsweise gelungen ist. Was ich zu Papier gebracht habe, scheint mir am Schluss noch fragwürdiger zu sein als zuvor. Doch war mir wichtig, so unzulänglich wie es auch immer ausgefallen sein mag, Ordnung und Sinn hineinzubringen, bevor andere sich bemühen und mir allerlei anhängen, was so nicht stimmt.

Gast auf der Erde und im Universum

Ich war Gast auf einem kleinen Flecken Erde und Gast in einem grandiosen Universum, das Milliarden Galaxien und Sterne ins Unendliche auseinander treibt. Ich hörte von den neuesten Erkenntnissen der Astronomie und der Astrophysik und sah die atemberaubenden Bilder, die uns Teleskope und Satelliten aus dem Weltraum senden. Das Hubble-Weltraumteleskop, das in 600 Kilometer Höhe im Erdorbit kreist, ist dreizehn Meter lang und kann mit seiner Optik in den galaktischen Wolken Vorgänge beobachten, die zuvor nie gesehen werden konnten. Mit seinen inzwischen Millionen Bildern hat Hubble die Astronomie revolutioniert. Mit ihm warf ich einen Blick in die unermessliche Unendlichkeit. Galaxien entstehen und sterben, Sterne werden geboren und sterben, Planeten bilden sich aus kosmischen Staubwolken und werden zu Klumpen und Schlacken. Menschliche Gehirne sind nicht für kosmische Größenordnungen gebaut. Zu sagen, man habe in kosmischen Maßstäben nur einen Wimpernschlag lang gelebt, ist euphemistische Poesie und anthropomorphisierende Verbildlichung. Menschen bedürfen offenbar der Selbsttäuschung über die Nichtigkeit ihres Daseins, in dem sie es mit schönen Worten maßstäblich “vermenschlichen.“ Die menschliche Hoffnung, unsterblich zu sein, ist angesichts des kosmischen Werdens und Sterbens ein Wahn. Gott, der ein ewiges Leben verspricht, ist eine evolutive Überlebensfantasterei des Menschen, ein Placebo, um den Schmerz unserer Endlichkeit erträglich zu machen. Auch die Götter der Menschen sind sterblich, sie wechseln seit Jahrtausenden in immer neuen Götterdämmerungen. Kein Pharao ist zurückgekehrt. Es gibt kein „Geistwesen“-Getümmel in den Raumzeitgefilden des Kosmos, es sei denn in den Halluzinationen unserer Ewigkeitsräusche. Da kommen die Schmerzpillen der Religionen ins Spiel. Ich brauche keine christlichen Schmerzpillen, keine Verheißungen, keine Hoffnung auf Heil, kein Gebet, keinen Gott. Solange wir in Erinnerung bleiben, leben wir im Gedächtnis fort. Gewiss ist, dass wir alle ins Reich der Vergessenheit eingehen werden. (aus meinen „Skizzen & Notizen“, 1999).

„Eine Generation kommt und eine Generation geht (…). Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern, bei denen die später sein werden.“ (Der Prediger Salomon, 1,11).

Am Ende kommt mir wieder der poetisch-visionäre Traum Jean Pauls ins Gedächtnis, in dem er – 1797 die moderne Kosmologie und Astrophysik vorwegnehmend – durch das Universum reist. Heute sehen und reisen wir mit Hilfe der wunderbaren Technik des Hubble-Weltraumteleskops bis an den Rand des Universums. Ich hatte damals, als ich vor Jahrzehnten Jean Pauls Vision zu ersten Mal las, tief beeindruckt  Textfragmente in freie Verse gebracht:

Ich ging durch die Welten,

ich stieg in die Sonnen

und flog mit den Milchstraßen

durch die Wüsten des Himmels,

aber es ist kein Gott.

Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft,

Aber ich hörte nur den ewigen Sturm.

Ich blickte auf zur unermesslichen Welt,

sie starrte aus leeren Augenhöhlen mich an.

Ich sah kein göttliches Auge.

Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es.

Ich schaute in die Weiten der Galaxien,

aber es ist kein Gott.

Es schreitet kein Gott in Orkanen

durch das Sternen-Schneegestöber.

Auf unserem kleinen Planeten ereignen sich täglich schreckliche und bestialische Dinge, und doch bin ich innerlich froh und zufrieden in einer Zeit gelebt zu haben, in der unser Wissen über die Welt im Kleinen wie im Großen, im Nahen und im Fernen so revolutionär vorangekommen ist. Edwin Hubbles Vermessung des Universums brachte die Erkenntnis, dass „da draußen“ sehr viel mehr Objekte existieren als erwartet, dass in den Tiefen des Weltalls mehrere hundert Milliarden Galaxien sich wegbewegen, immer tiefer in die unfassbare Unendlichkeit hinein. Die Milchstraße, unsere Heimat-Galaxie, ist mit einem Durchmesser von ungefähr 100.000 Lichtjahren nur eine verschwindend kleine unter den Milliarden. Ihre Spiralarme beherbergen Milliarden von Sternen, die altern und verlöschen. Riesen unter den Galaxien sind „gefräßig“, sie verschlingen kleinere, die ihnen zu nahe kommen. Die Sterne der kleineren Galaxien werden von den Giganten „aufgezehrt“. In den unvorstellbar fernen Welten ereignen sich Super-Explosionen. Astrophysiker haben jüngst Gravitationswellen registriert, die vor 1,3 Milliarden Jahren vom Zusammenstoß und von der Verschmelzung zweier Schwarzen Löcher ausgelöst worden sind. Vor solchen Zeit- und Evolutionspanoramen erscheint die bisherige Entwicklung menschlicher Zivilisationen so kurz wie ein Lichtblitz. Mag die moderne Wissenschaft die Lebensspanne des Menschen auf 120 und mehr Jahre ausdehnen, so währt das menschliche Leben, in kosmischen Maßen gedacht, doch nur einen extrem kurzen Moment. Welche Anmaßung ließe mich auf ein ewiges Leben hoffen? Ich werde sterben, wie Galaxien, Sterne und Planeten sterben – aber nicht mit einem lauten stellaren Knall. Sondern nach menschlichen Maßstäben ganz leise.

Von der Sache her ist es sicher fraglich, die grandiose kosmologische und astrophysikalische Vermessung des Kosmos mit der kleiner irdischer Forschungsfelder zu kontrastieren. Mit Staunen und Respekt verfolgte ich neugierig die rasanten Fortschritte bei den Erkundungen des Weltalls. Und mit argem Verdruss registrierte ich im Vergleich dazu die äußerst beschränkten Forschungsmöglichkeiten und Forschungsbedingungen meines Faches an deutschen Universitäten. Der Technologie, instrumentellen Ausstattung und finanziellen Ressourcen der Weltraumforschung steht in den sozialwissenschaftlichen Fächern nichts wirklich Vergleichbares entgegen. Die Kosten der Weltraumforschung sind extrem hoch. Ein paar Daten: Der deutsche Staat beteiligt sich an der Finanzierung für die International Space Station (ISS) bis 2019 mit etwa 346 Millionen Euro (SZ Nr. 66, 20.03.2018, S. 2). Nach Berechnungen des Forschungszentrums Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) wird der Asteroid „Bennu“ am 2. September 2135 gefährlich nahekommen. Sein Aufprall würde 80.000 Mal mehr Energie freisetzen als die Hiroshima-Atombombe. Die Folgen wären für die Menschheit verheerend. Um diese Gefahr abzuwenden, hat das Forschungszentrum bereits mit einer Weltraummission „Osiris Rex“ begonnen, die rund eine Milliarde Dollar kosten wird.

In der Parteienforschung bleibt es in der Regel beim „kleinen Handwerk“ auch in Forschungseinrichtungen, die größere international verankerte und verbundene Projekte ermöglichen. An den deutschen Universitäten verlieren sich die einschlägige Lehre und die Forschungsinitiativen in der Regel im Vielerlei unterschiedlich gewichteter Fragestellungen. Die Organisation von Symposien und Arbeitstagungen setzt zwar Akzente, führt aber in der Regel nicht zu koordinierten und zielorientierten Großprojekten.

Finissage – Eine letzte Arbeitsbilanz

Was war mein Anteil? In den 1970 und 1980 Jahren war ich zu einem überregional bekannten Parteienforscher geworden, dessen wissenschaftliche Prominenz nicht nur seinen Studien über die CSU und Bayern zu verdanken war, sondern auch meinen Abhandlungen über die Entwicklung der westdeutschen Parteien und des Parteiensystems der Bundesrepublik Deutschland allgemein. Dazu hatten auch meine theoretischen Auseinandersetzungen mit den methodischen Ansätzen der Parteienforschung gezählt, die ich im Jahre 1984 in meinem Buch über Typologien der Volkspartei publizierte (siehe Blog-Kapitel l8). Nach meinem Ruf an die Universität Passau (1981) hatte ich gehofft, auf diese Forschungsleistungen aufbauen und langfristig größere Projekte durchführen zu können. 1987 hatte ich den aktuellen Stand und die Hauptaufgaben der deutschen Parteienforschung skizziert („Hauptaufgaben der Parteienforschung“, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 16, Nr.3, 1987), 1993 den Stand der CSU-Forschung („Die CSU in Bayern als Forschungsobjekt. Entwicklung, Stand, Defizite und Perspektiven der CSU-Forschung“,1993). Meine Forschungsperspektiven waren damit deutlich markiert. Wie ich schon in den Blog-Kapiteln 25, 28 und an anderen Stellen ausführlich geschildert habe, hatten sich diese Pläne nicht verwirklichen lassen. Es waren nicht nur äußere Faktoren daran schuld, die mich davon abgehalten haben, in der Parteienforschung kontinuierlich weiterzuarbeiten. Ich schreibe mir im Rückblick selbst ein Quantum an Fehlentscheidungen zu, die meine Arbeitskraft anderweitig in Anspruch genommen haben. Ich hätte mich als Ordinarius kraft Amtsprivilegien in der Fakultät wissenschaftsbetrieblichen Aufgaben und fächerübergreifenden organisatorischen Kooperationsnotwendigkeiten entziehen und auf eigennützige Forschungsarbeiten konzentrieren können. Ich hatte mich 1988/89 jedoch bereit erklärt, am Aufbau und der fachlichen Ausgestaltung des neuen Passauer Studienganges „Kulturwirt“ mitzuwirken (siehe auch Blog-Kapitel 28). Der unerwartet hohe Zuspruch und der große Erfolg dieses interdisziplinären Studienganges hatten dann in einem nicht vorhersehbaren Maße die Arbeitskräfte gebunden. Es hatte sich bald herausgestellt, dass das solitäre Kleinstfach Soziologie, das an der Philosophischen Fakultät nur mit einer Professur und zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern ausgestattet war, in hohem Maße herausgefordert war, wahrscheinlich sogar überfordert. Meine zwei Mitarbeiter und ich wurden von der breit angelegten Lehre fast völlig erdrückt. Die legitimen und unabdingbaren wissenschaftlichen Eigeninteressen der Mitarbeiter hatten die Situation obendrein verschärft. Konflikte waren unvermeidlich. Eine Bündelung der Kräfte in der Parteienforschung war nicht möglich gewesen. Auch die Mittelausstattung des Lehrstuhls für den laufenden Betrieb war lächerlich gering: Pro Jahr standen für alle und alles 6000 Deutsche Mark beziehungsweise Euro zur Verfügung. Die sporadische Einwerbung von Drittmitteln lag unter diesem Betrag. Es war erstaunlich gewesen, was unter diesen Umständen überhaupt noch wirklich Gewichtiges hatte hervorgebracht werden können. Mein Frust war auf dem „Micky Maus-Lehrstuhl“ jedenfalls von Semester zu Semester gewachsen (siehe Blog-Kapitel 28). Ich verabschiedete mich schrittweise von der akademischen Bühne der deutschen Parteienforschung. Die letzte größere publizierte Forschungsleistung war mein Parteiporträt  von Bündnis 90/Die Grünen in Bayern, die 2014 im Historischen Lexikon Bayerns veröffentlicht wurde (>http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern<). Anfang der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts stieg ich dann auch aus dem Triumvirat der politikwissenschaftlichen „Bayern-Auguren“ aus, als das die Professoren Oberreuter, Falter und Mintzel in Medien oft hervorgetreten waren (Blog-Kapitel 26).

Schon am Ende meiner aktiven Berufsjahre hatte meiner Wahrnehmung nach mein Nimbus als Parteienforscher zu verblassen begonnen. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich mich damit abgefunden hatte. Anfangs haderte ich mit meinem Rückzug, war aber dann davon überzeugt, dass es sich für mich nicht mehr lohnen würde, auf diesem Feld weiterzuarbeiten. Der Erkenntnisgewinn schien mir, was die Wirklichkeitsausschnitte und Fragestellungen anbelangte, nicht mehr genug Gewicht zu haben. Mir war klar, dass es sich um temporär und räumlich sehr beschränkte Forschungsleistungen handelte (Notizen & Skizzen, Band 33. 2005/06) Meine Forschungsinteressen hatten sich mehr und mehr auf die „longue duree“ menschheitsgeschichtlicher Entwicklungsprozesse konzentriert. Tagespolitische Ereignisse und Vorgänge, die in der aktuellen Parteienforschung im Fokus der Beobachtungen gestanden hatten, fand ich nicht mehr so interessant, um mich damit kontinuierlich befassen und auseinandersetzen zu wollen. Viele Diskussionen, die im Alltag hochkochen, sind kurzlebig. An öffentlichen Auftritten in Medien war mir nicht mehr viel gelegen. Gegenüber Kollegen, die ihre mediale Prominenz genossen, hegte ich keine Konkurrenz- und Neidgefühle mehr. Ich war auf den Feldern der Parteienforschung mit meinen bisherigen Leistungen, sprich wichtigen Publikationen, insgesamt mäßig zufrieden. Die letzte Anfrage, ob ich zu einem längeren Interview bereit sei, kam am Morgen des 12. März 2018 von der Rhein-Neckar-Zeitung herein. Ihre Politik-Redaktion wollte aus Anlass des personellen Wechsels im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten und der Berliner Regierungsbildung hören, wie ich die Politik und den Führungsstil des bisherigen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer einschätze. Noch einmal Stress? Schon wieder Fragen zur CSU-Politik!? Nein! Ich lehnte mit ein paar freundlichen Worten das Ansinnen ab. La cosa e finita! Tempi passati! Mit buchhalterischer Penibilität hielt ich den Zeitpunkt der Absage auf die Sekunde genau fest: 13.03.2018, 10.03.Uhr. Schluss! Alte Professoren sollten wissen, wann es an der Zeit ist, endlich abzutreten. Ich verspürte danach eine tiefe innere Ruhe. Es war gut so. Die sanften Klänge einer japanischen Bambusflöte, einer Shakuhachi (gesprochen: Schakuhaschi), begleiteten mich hinaus in eine neu gewonnene Freiheit.

Im Bereich der Kultursoziologie, einem anderen Schwerpunkt meiner Forschungsinteressen, befasste ich mich mit dem Kulturbegriff in der Soziologie und in Nachbarwissenschaften und dann, in der letzten Dekade meines Berufslebens, mit den Entwicklungen, Strukturen und Konflikten multikultureller Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Dabei traten die Makroanalyse und der Vergleich multiethnischer und multikultureller Megastädte, Megalopolen und Metropolen ins Zentrum meiner Lehre. Hierzu publizierte ich 1997 ein umfangreiches Lehrwerk (Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde. Passau 1997) und 1999 weitere Lehrmaterialien (Passauer Papiere zur Sozialwissenschaft. Begleitheft zur Lehre ISSN 0943-0733). Gerade auch diese neue Ausrichtung meiner sozialwissenschaftlichen Lehre führte von der Parteienforschung weit weg und in globale Forschungsgebiete hinein, in denen international zahlreiche Forscher, Forschungsgruppen und Institutionen tätig waren. Ich betrat neue Forschungsfelder, die in weltweite aktuelle Fragestellungen hineinführten und meine ganze Arbeitskraft in Anspruch nahmen. Zu spät! Und für einen „Micky Maus-Lehrstuhl“ nicht zu bewältigen! Ich musste schmerzlich erfahren, dass ein Solitär- und Kleinstfach Soziologie an einer niederbayerischen Universität, und dies vor allem in der empirischen Forschung, trotz großer Anstrengungen dazu wenig beitragen kann. Es bedarf einer international vernetzten Forschung und personell und finanziell angemessen ausgestatteter Forschungseinrichtungen, um die Hauptprobleme der heutigen Menschheit wissenschaftlich angehen zu können.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert hatte ich in meinem zitierten Lehrkompendium (1999) zwölf globale Hauptprobleme der heutigen Menschheit benannt: 1. das Bevölkerungswachstum (die „Bevölkerungsexplosion“), 2. die atomare Bedrohung (nach dem „Kalten Krieg“), 3. Kriege (rund 200 Kriege in den letzten 50 Jahren), 4. ethnische und religiös-konfessionelle Konflikte mit Bürgerkriegscharakter, 5. die Massenmigration (die „neue Völkerwanderung“), 6. die ökologischen Krisen und die Bedrohung des Ökosystems der Erde, 7. Armut und Reichtum: Süd-Nord-Diskrepanz, 8. Gewalt, Genozide und Menschenrechte, 9. Verknappung primärer Ressourcen (z.B. „Kampf um Wasser“, 10. Verstädterungs- und Metropolisierungprozesse, Megastädte und Megalopolen, 11. die Alphabetisierung und Aufklärung großer Bevölkerungsteile in bestimmten Gebieten der Erde, 12. Erhöhung des politischen Problem- und Entscheidungsdruckes; Steuerungs- und Regulierungsnotwendigkeit und die defizitäre Führungskapazität politischer Eliten und Entscheidungsträger.

Ich hatte in der Lehre zu einzelnen dieser Problemfelder eine Menge Stoff zusammengetragen und für Lehreinheiten proportioniert. Als ich im Jahr 2000 pensioniert wurde, war klar, dass ich mich nun auch aus diesen Forschungsfeldern zurückziehen musste.

Nach meiner Entpflichtung als Hochschullehrer musste ich mich erst einmal an die neuen Gegebenheiten gewöhnen, nicht mehr über die Ressourcen eines Lehrstuhls zu verfügen, so gering sie auch immer gewesen waren. Mein breites Interessenspektrum bewahrte mich allerdings vor einem „Fall in die Leere“, vor der bangen Frage: „Was nun? Im Gegenteil, jetzt stand ich vor der Frage, welches meiner Forschungsinteressen Vorrang haben sollte. Zudem hatten sich meine künstlerischen Neigungen zurückgemeldet. Wissenschaftlich weiterzuarbeiten hieß in jedem Fall, alle dazu nötigen Hilfsmittel selbst zu besorgen und Texte selbst in den Rechner zu schreiben. Mir blieb als vordigitales Fossil nichts anderes übrig, als einen Computer anzuschaffen und mich in digitale Techniken und Kommunikationsformen einzuarbeiten. Ich trat in eine Übergangsphase ein, in der ich meine Interessen „sortieren“ und meine Kapazitäten neu gewichten musste. Der Sturz in den „Ruhestand“ wirkte sich vielmehr körperlich aus. Quasi über Nacht stellte sich eine partielle Stimmbandlähmung ein und erschwerte mir das Sprechen. Ein beginnender Morbus Parkinson fing an, mich in meiner Bewegungsfreiheit zu stören. In dieser relativ offenen, aber zugleich eingeschränkten Situation wandte ich mich noch einmal der regional und lokal überschaubaren Geschichte des Druckerei- und Verlagswesens Oberfrankens zu. Aus Anlass ihres 375. Jubiläumsjahres hatte mir die Firma Mintzel-Druck ihr gesamtes Archivmaterial übergeben. Das Archiv enthielt viele Dokumente, darunter zahlreiche handschriftliche und gedruckte Dokumente aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Vor allem die alten handschriftlichen Dokumente aus der Markgrafenzeit übten auf mich einen großen Anreiz aus, sie auszuwerten. Ich stellte ein anderes Wunschprojekt zurück, das in den 1990er Jahren nebenbei herangereift war: eine Einführung in Theorie und Empirie der soziokulturellen Evolution. Der Preis für diese Entscheidung war der selektive Bedeutungsverlust, nämlich die raumzeitliche Verkürzung wissenschaftlicher „Vermessung“ auf einen kleinen Flecken unserer Erde.

Seit meiner Jugendzeit hatte ich mich für die Geschichte der oberfränkischen Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel interessiert, die zwischen 1600 und 1844 in fünf Generationen ihr „gebildetes Handwerk“, wie es damals genannt worden war, kontinuierlich betrieben hatte. Die anfangs familiengeschichtlich motivierte Forschung hatte sich im Laufe der Zeit zu einer Geschichte des gesamten oberfränkischen Druckerei-, Verlags- und Pressewesen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart ausgeweitet. Dabei hatte ich mehrmals auch die jüngste politische Stadtgeschichte Hofs mit einbezogen. Die Forschungsergebnisse fasste ich nach meiner Pensionierung in dem zweibändigen Werk „Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie“ zusammen, das 2011 im Berliner Verlag Duncker & Humblot in hervorragender Qualität erschien. Ich erfüllte meine selbstgewählte familiäre Hausaufgabe zur vollen Zufriedenheit aller, die daran Interesse hatten und beteiligt waren. Von Anfang an war die lokale und regionale „Vermessung“ des Forschungsfeldes klar vorgegeben gewesen. Die Arbeit daran war anstrengend, machte mir aber großen Spaß. Ich haderte niemals mit dem solchermaßen begrenzten, aber für mich überaus fruchtbaren Erkenntnisgewinn darüber, woher ich stamme und was mich geprägt hat. Hier war ich mit mir einig (siehe Blog-Kapitel 38). Die Jahrzehnte währende Forschungsarbeit zur oberfränkischen Gewerbe- und Kulturgeschichte und zur politischen Geschichte der Stadt Hof fand im Jahre 2017 mit meinem Beitrag „Über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit“ ihren Abschluss. Der Artikel erschien im Band XI der „Chronik der Stadt Hof“. Damit verabschiedete ich mich endgültig als direkter Nachfahre des Gründers der ehemaligen Buchdruckerei Mintzel, dessen Namen ich trug und mit dem ich mich seit meiner Jugendzeit identifiziert hatte.

Meine Buchdrucker-Vorfahren hatten das Glück, nicht rasch vergängliche Güter zu produzieren, sondern vergleichsweise dauerhafte Produkte: Bücher und andere gedruckten Schriften. Ihre Berufsarbeit materialisierte sich in Gegenständen und Formen, die heute noch fassbar und für das geübte Auge lesbar sind. Wer heute über die Suchmaschine Google nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel (1600-1653) sucht, wird binnen weniger Minuten mit über Hunderten seiner Druckwerke bekannt gemacht. Drucke aus seiner Hand in der meinen zu halten, erfüllte mich stets mit einem ehrfürchtigen Gefühl. Eine von ihm gestaltete barocke Titelseite zu betrachten, hinterließ in meinen Augen einen tiefen optischen Eindruck. Mit meinen Fingern über eine bedruckte Seite handgeschöpften Papiers aus seiner Werkstatt zu gleiten, war ein haptisches Ereignis. Die Mitglieder der Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel hatten sicher, wie aus verschiedenen Quellen hervorgeht, so etwas wie ein kollektives Gedächtnis ausgebildet. Sie kannten ihre gemeinsame Herkunft und berufliche Kunstfertigkeit. Ich sah mich als ein Glied in einer ehrwürdigen Kette von Generationen. Wie ihre Druckwerke wird auch mein zweibändiges Werk über die Druckerverleger Mintzel bleiben. Es steht in vielen Bibliotheken der Welt.

Über Jahrzehnte war ich schriftstellerisch aktives Mitglied des Nordoberfränkischen Vereins für Natur-, Geschichts- und Landeskunde e.V. in Hof und des Historischen Vereins für Oberfranken in Bayreuth, den Gegenstücken des Passauer Vereins für Ostbairische Heimatforschung und des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen. Meine fränkisch-protestantische Verwurzelung wurde auch darin sichtbar. Auch die vielen Forschungen und Ergebnisse des „kleinen Formats“ haben als Treibsand in den Wirbeln der großen Kulturströme ihre Berechtigung. Man sollte sich nur nicht einbilden, dass sie von weltwissenschaftlicher Bedeutung sind. Der große Soziologe Max Weber hat es in seiner Wissenschaftslehre auf den Punkt gebracht: „Ohne Frage sind nun jene Wertideen >subjektiv>. Zwischen dem >historischen< Interesse an einer Familienchronik und demjenigen an der Entwicklung der denkbar größten Kulturerscheinungen, welche einer Nation oder der Menschheit in langen  Epochen gemeinsam waren und sind, besteht eine unendliche Stufenleiter der >Bedeutungen<, deren Staffeln für jeden einzelnen von uns eine andere Reihenfolge haben wird“ (Wissenschaftslehre 1988, S. 183/84).

Es hatte für mich immer einen hohen Wert, die Firmen- und Familiengeschichte zu schreiben, aber es war eine Stoffauswahl minderer allgemeiner >Bedeutsamkeit< („Notizen & Skizzen“, Band 45, 21.10.2010). Auch dieses Eingeständnis gehört zu meiner Bilanz.

Das letzte  Wunschprojekt – Zur Theorie und Empirie soziokultureller Evolution

Nach Abschluss der zweibändigen Studie über das Hofer und oberfränkische Druckerei und Verlagsgewerbe in den Jahren 2011/12 begann ich noch einmal damit, den Plan für eine Einführung in Theorie und Empirie soziokultureller Evolution aufzunehmen. Die Problematik hatte mich immer wieder in ihren Bann gezogen. Über Jahre hatte ich eine große Fülle von Materialien zusammengetragen und die wissenschaftliche Diskussion verfolgt. Eine erste Zusammenfassung meiner Vorarbeiten hatte ich 2002 in dem von Günter Endruweit und Gisela Trommsdorff herausgegebenen „Wörterbuch der Soziologie“ (2., völlig überarbeiteten und erweiterten Auflage, S.131-135) unter dem Stichwort Evolutionstheorien publiziert. Mein Lexikon-Beitrag zeigte die Entwicklung von den Gesellschaftslehren des 19. und 20. Jahrhunderts zu den systemtheoretisch fundierten Theorien soziokultureller Evolution (Talcott Parsons; Niklas Luhmann) und den damals aktuellen Forschungsstand auf. Ich wollte diesen Entwicklungsgang in einer leicht verständlichen Einführung darstellen, wobei der Schwerpunkt auf den Prozessen der soziokulturellen Evolution liegen sollte. In meinen „Notizen & Skizzen“ (Band 4) finde ich unter dem Datum des 17. Mai 2012 folgenden Eintrag:

„Nochmals zu meinem Projekt zur soziokulturellen Evolution des Menschen (…). Ich bin bei der Lektüre evolutionstheoretischer Schriften wieder erschrocken, wie viele Beiträge zu >meinem< Thema seit den 1990er Jahren erschienen sind. Ich muss bei meinem Vorhaben höllisch aufpassen, nicht Opfer eines hyperehrgeizigen Planes zu werden, den ich nicht mehr verwirklichen kann Andererseits stört mich, in eine Art Abschiedsstimmung zu geraten und mich nicht mehr herauszufordern. Ich will nicht im Kleinklein ersticken, mich nicht im Oberflächengekräusel des Alltags verlieren. Think big! Habe ich vor Jahren einmal zu meinem Vorsatz gemacht (…) Ich fühle mich blockiert, von außen und von innen (…) Was tue ich? (…) Es ist mein Lieblingsthema (…) Vielleicht sind mir doch noch ein paar äußerst kreative Arbeitsjahre beschieden! Ich sollte nicht über mein Alter lamentieren, sondern mich dem zuwenden, was mich erfreut und zufrieden macht.“

Natürlich glaubte ich nicht, bahnbrechend Neues in die Diskussion einbringen zu können. Ich dachte an ein doppeltes Konzentrat: an einen zusammenfassenden Überblick über den Gang und Stand der Forschung und an eine auch für Laien verständliche Wissensvermittlung. Mir wurde jedoch rasch klar, dass selbst ein bescheiden angelegtes Publikationsprojekt im Alleingang nur schwer zu verwirklichen war. Deshalb wandte ich mich im Sommer 2012 an den Kollegen Prof. Dr. Peter Meyer (Universität Augsburg), einen mit der Soziologie wie mit der Soziobiologie gleichermaßen vertrauten und in beiden Feldern publizistisch ausgewiesenen Kollegen, und fragte, ob er sich an einem solchen Projekt beteiligen wolle. Peter Meyer zeigte sich bereit, gab aber zu bedenken, welche Sisyphusarbeit damit verbunden sei. Mich packten Selbstzweifel, ich zögerte, mich verließ der Mut, ich brach meinen Projektentwurf ab und fiel, was dieses Projekt anbelangte, in einen Blockadezustand. Diese mentale Lähmung hielt an und quälte mich unterschwellig bis heute. Meinem Kollegen Meyer blieb ich eine Erklärung schuldig. Dieses Versäumnis und Versagen machte mir lange Zeit schwer zu schaffen. Ich kam nie wirklich darüber hinweg.

Die Situation erinnerte mich lebhaft an die Hoffnungen alter Emeriti, sich nach ihrer Entpflichtung noch einem Alterswerk zuwenden und darin ihr gesammeltes Wissen einbringen zu können. So hatte Prof. Dr. Otto Stammer (1900-1978), der ehemalige Leiter des Instituts für politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, mein Lehrer, Mentor und Chef, mir gegenüber wiederholt seine Absicht kundgetan, auf dem Felde der politischen Soziologie noch ein grundlegendes Werk zur Parteienforschung verfassen zu wollen. Es war beim Wunsch geblieben. Altersgebrechen hatten ihm Grenzen gesetzt. Ähnlich hatte es sich bei meinem Schwiegervater Prof. Dr. med. Georges Schaltenbrand (1897-1979) verhalten. Er, damals eine international bekannte Koryphäe der Neurologie, hatte sich stets über seine Fachwissenschaft weit hinaus mit philosophischen, religionsgeschichtlichen und vor allem politischen Themen befasst und zu Zeitfragen publizistisch Stellung genommen. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur hatte er eine Schrift über „Deutschland zwischen gestern und morgen“ publiziert und darin „Hitlers Aufstieg und Sturz“ psychologisch gedeutet. Nach seiner Emeritierung hatte er ein Publikationsprojekt über Ideologien in Angriff genommen und dazu schon eine Reihe von Kapiteln verfasst, als er mich bat, die Texte kritisch durchzusehen. Ich musste ihm schonend sagen, dass zur Thematik in den sozialwissenschaftlichen Fächern bereits eine umfangreiche Literatur vorliege, die er berücksichtigen müsse, wolle er in der einschlägigen Diskussion kompetent mitreden. Er brach das Unternehmen ab. Die Liste ehrgeiziger Altersvorhaben ließe sich fortsetzen. Schaltenbrands Universitätskollege Prof. Dr. Friedrich Pfister (1883-1967), von Hause aus Professor der Klassischen Philologie, hatte nach seiner Emeritierung (1951) noch emsig an seinem Alterswerk über „Religion und Wissenschaft. Ihr Verhältnis von den Anfängen bis zu Gegenwart“ gearbeitet. Es war unvollendet geblieben. Das Lektorat des A. Francke AG Verlag machte aus dem unfertigen Manuskript „ein behutsames und nicht um jeden Preis bis zur jüngsten Tagesaktualität herantastendes“ Opus (in der „Vorbemerkung“ zum Buch). Es war folglich schon 1972 bei seinem Erscheinen nicht mehr auf dem neuesten Stand der Forschung. Wie immer man hoffnungsvoll geplante und noch verwirklichte Alterswerke beurteilen mag, sie zeigen jedenfalls, dass das Arbeitsleben eines Wissenschaftlers in der Regel nicht mit dem amtlichen Zeitpunkt seiner Pensionierung endet. Darüber, was von unserem Schaffen überliefert wird und bleibt, entscheiden andere und spätere Generationen – und künftige Zeitumstände.

Breaking News – Dringende Eilmeldung – Sondermeldung: Astrophysiker Stehen Hawking gestorben

Gestern, am 14. März 2018, starb der britische Astrophysiker Stephen W. Hawking im Alter von 76 Jahren. Ein merkwürdiger Zufall! Am Morgen dieses Tages saß ich an der Niederschrift meines Abschluss- und Abschiedskapitels und notierte: „Ich war Gast auf einem kleinen Flecken Erde und Gast in einem grandiosen Universum, das Milliarden Galaxien und Sterne ins Unendliche auseinandertreibt. Ich hörte von den neuesten Erkenntnissen der Astronomie und Astrophysik und sah die atemberaubenden Bilder, die uns Teleskope und Satelliten aus dem Weltraum senden.“

Die letzte Botschaft Hawkings, die die Universität Cambridge gestern ins Internet stellte, lautet: „Es war eine großartige Zeit, um am Leben zu sein. Unser Bild des Universums hat sich in den letzten 50 Jahren umfassend verändert und ich bin glücklich, wenn ich einen kleinen Beitrag leisten konnte. (…) schaut zu den Sternen und nicht hinab auf eure Füße (…). Seid neugierig, und wie schwer auch immer das Leben scheinen mag, so gibt es doch immer etwas, das ihr tun und worin ihr erfolgreich sein könnt. Es kommt darauf an, nicht aufzugeben (…). Dass es uns Menschen, die wir selbst hauptsächlich Ansammlungen von Partikeln der Natur sind, möglich war, so nah an ein Verständnis der Gesetze zu kommen, die uns und das Universum regieren, ist ein großer Triumph“ (www.pnp.de/Hawking).

Für mich war Hawking das Musterbeispiel eines unerschrockenen Wissenschaftlers und Forschers, einer der ganz Großen, die das Weltwissen einen weiten Sprung nach vorne brachten. Er hatte im Unterschied zu mir das Glück, schon in sehr jungen Jahren sein Thema und seine Fragestellungen gefunden zu haben, die er dann sein ganzes Forscherleben lang unablässig bearbeitete. Sein revolutionäres Ergebnis war der Nachweis der Schwarzen Löcher. Mein Vergleich mit ihm mag dämlich und absurd sein, aber im Gegensatz zu ihm fand ich in der Parteienforschung meine Themen und Fragestellungen erst in sehr viel späteren Lebensjahren und verlor dann allmählich mein Interesse daran. Meine „Schwarzen Löcher“, die CSU und Bayern, sogen zwar auch vieles in sich ein und hätten beinahe mich mit verschlungen, aber ich konnte an ihrem Rande der Sogwirkung entkommen. Da mein 1978 neu eingerichteter „Micky Maus-Lehrstuhl“ kein renommierter Newton-Lehrstuhl war, sondern verschiedene kulturwissenschaftliche Fächer in der Regel bloß auf einem Grundstudium- oder Nebenfach-Niveau bedienen musste, war mir nicht beschieden, weiterhin in der vordersten Reihe der Parteienforscher mithalten zu können. Ich traf allerdings auch Entscheidungen, die sich karrierestrategisch als kontraproduktiv erweisen sollten.

Menschlich tief verschuldet – Versäumnisse und Versagen

Ich schließe meinen autobiografischen Blog mit einem Eingeständnis und Bekenntnis ab. Verpfusche nicht das Finale deines Lebens! Habe ich das getan, indem ich dies alles in meinen letzten Lebensjahren niedergeschrieben habe? Was alles habe ich verschwiegen? Menschlich tief verschuldet gehe ich meinem Ende entgegen. Versäumnisse und Versagen sind nicht wieder gut zu machen. Ich schlage einen Bogen zurück an den Anfang meines Blogs. Dort habe ich George Orwell zitiert: „Einer Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Schändliches enthält. Ein Mann, der eine gute Darstellung seiner selbst präsentiert, lügt wahrscheinlich, denn jedes Leben, von innen betrachtet, ist einfach eine Serie von Niederlagen.“

Ich habe vieles von mir preisgegeben, was Autobiografen gewöhnlich oder geflissentlich verschweigen: Niederlagen, schändliches Handeln, Lügen, Unterlassungen, verletzenden Egoismus. Und doch wäre da noch vieles zu berichten und zu klären, was ich anderen angetan und zugemutet habe. Auf jeder meiner sozialen Beziehungen, seien sie familiär, beruflich, freundschaftlich, situativ-flüchtig oder sonstiger Art, lastet auch ein Fehlverhalten, ein Versäumnis, ein Mangel an Verständnis und sogar boshafte Absicht. Ich bin Erklärungen und Offenlegungen schuldig geblieben. Ich habe vielen im Kleinen und im Großen Unrecht getan: meinen Eltern, meinen Geschwistern, meiner Ehefrau, meinen Kindern, Freunden, Bekannten und Kollegen. Manchmal kommen in Albträumen schon fast vergessene Schändlichkeiten wieder an die Oberfläche und türmen sich bedrohlich auf. Einige, denen ich übel mitgespielt habe, sind schon tot. Reue liefe ins Leere. Manches Fehlverhalten hat sich ohne viel Aufhebens im Stillen wiedergutmachen lassen, durch eine kleine Geste, durch ein Eingeständnis, durch ein Zurückstecken. Es wäre eine eitle Pose, mich am Ende meines Lebens hinzustellen und zu beichten und um Vergebung meiner Sünden zu bitten. Für Blessuren, die ich in akademischen Auseinandersetzungen anderen Wissenschaftlern zugefügt habe, muss ich mich nicht entschuldigen. Es ging in der Regel um die Sache, nicht um die Person. Einiges muss ich mit mir ganz allein ausmachen und mit ins Grab nehmen.

Von der Bühne des Lebens Abschied nehmen und leise weggehen: Am Ende fällt es doch schwer. Nicht mehr dabei sein können, nicht mehr zu erleben, was die Zukunft an guten und schlimmen Ereignissen bringt, beunruhigt und stimmt traurig. Was wird auf unsere Kinder und Kindeskinder zukommen? Wie werden sie ihr Leben bewältigen? Was nehmen sie von unseren Erfahrungen und Lebensmaximen mit in ihre sich wandelnde Welt? Ein Grundmotiv dafür, diesen autobiografischen Blog zu verfassen, war zu berichten, was wir in guten wie in bösen Zeiten durchgestanden haben. Was mag in meinem Großvater vorgegangen sein, als wir beide nach dem verheerenden Luftangriff vom 2. Januar 1945 zwischen Schwelbränden und Trümmerhaufen durch das zerstörte Nürnberg liefen? (Blog-Kapitel 4). Er schwieg, als wir einen Weg durch die Ruinenlandschaft suchten. Wie erlebte mein Vater vor dem US-amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg seine Rolle als Verteidiger von Kriegsverbrechern? (Blog-Kapitel 7). Die jüngere Generation fragt die ältere nicht zur rechten Zeit, die ältere versäumt es, sich der jüngeren mitzuteilen. Wir wissen wenig voneinander, zu wenig. Heute gäbe ich viel darum, könnte ich manches versäumte Gespräch nachholen. Beim Abschied von der Bühne des Daseins fällt der Vorhang für immer.

Für einen tief bewegenden Epilog übergebe ich das Wort an die nächste Generation.

52. Begegnungen mit dem Tod

Es ist an der Zeit…

Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Die Lebenskräfte werden schwächer, der Körper zeigt die markanten Alterserscheinungen auf, ich brauche sie nicht aufzuzählen, jeder kennt sie. Doch bin ich im 83. Lebensjahr noch im Besitz meiner kognitiven Fähigkeiten oder mentalen Vigilanz, wie es meine Ärzte ausdrücken und bestätigen. Darüber bin ich froh. Ich könnte sonst nicht meinen Blog verfassen, was ja ein gutes Maß an geistiger Präsenz und Erinnerungsvermögen voraussetzt. Es ist, was das Sterben und den Tod betrifft, an der Zeit, meine Gedanken, Einstellungen und Überzeugungen dazu noch einmal zu überdenken.

Die Mitglieder der oberfränkischen Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel, der ich entstamme, hatten sich alle im Dienste des evangelischen Glaubens und des Christentums gesehen. Ein gottgefälliges Leben zu führen war für sie eine Selbstverständlichkeit. „Recht glauben, christlich leben, selig sterben“, wie die religiös-konfessionelle Formel im „theologischen Zeitalter“ gelautet hatte, war für sie bis ins 19. Jahrhundert hinein eine zutiefst verinnerlichte Lebensmaxime gewesen. Sie war von Generation zu Generation weitergegeben worden. “Selig sterben“ war damals eine stehende, jedem vertraute Wendung gewesen. Der Gründer der Mintzelschen Buchdruckerei, Johann Albrecht Mintzel (1600-1653), hat 1628 die „Güldene Sterbekunst“ des geistlichen Barockdichters Johann Heermann gedruckt: „Hertzlich thut mich verlangen nach einem seligen Ende“. Für seine Drucker-Marke hat er den Spruch „Ecce Agnus Dei Qui Tollit Peccata Mundi“ gewählt (Siehe das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt trägt). Sein Sohn, Gottfried Mintzel (1642-1713), hat 1710 Johann Heermanns „Exercitium Pietatis“ gedruckt und verlegt. Gottfried hat in seinem Druckersigel bekannt: „Jesum Fidelem Habeo“ (sinngemäß: Ich habe den treuen Christus in meinem Herzen). Mein Urgroßvater Christian Carl Mintzel (1832-1911), der Sohn des letzten Druckers (Johann Heinrich Mintzel, 1763-1840) war ein sehr gestrenger evangelischer Pfarrherr gewesen, der seine Gemeinde, wie er gesagt hatte, gen Jerusalem führen wollte. Diese religiös-konfessionelle Gebundenheit, Gewissheit und gepflegte „Ars morandi“, die „güldene Sterbekunst“, haben sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Familie allmählich verflüchtigt. Geblieben ist ein unverbindlicher, individualisierter Kulturprotestantismus, und nicht einmal dieser.

[Abbildung: „Güldene Sterbekunst“, 1628. Titelseite]

[Abbildung: Drucke-Marke von Johann Albrecht Mintzel]

[Abbildung: „Exercitium Pietatis“,1710]

[Abbildung: Drucker-Marke von Gottfried Mintzel]

Im 20. Jahrhundert waren in der nächsten und weiteren Verwandtschaft die religiös-konfessionellen Schranken weitgehend zu Gunsten einer multi-konfessionellen Koexistenz gefallen. Nominell etikettiert lebten römisch-katholische Katholiken (einige traten aus ihrer Kirche aus), evangelisch-lutherische Protestanten, reformierte Protestanten, russisch-orthodoxe Christen und eine zunehmende Zahl von Atheisten nebeneinander her. Der allgemeine Säkularisierungsprozess fand auch im familiären Rahmen statt. Dies traf wohl noch stärker auf die konfessionslose Herkunftsfamilie und Verwandtschaft meiner Frau zu, in der nicht einmal mehr der Typus des indifferenten Anpassungschristen vorkommt. Anders betrachtet: Jede konfessionelle Dogmen-Spielart war verpönt. Mein hypothetischer Atheismus wurde als eine mögliche Weltsicht toleriert. Die Religionsfreiheit und Distanz zur institutionalisierten Religiosität gehören seit Jahrzehnten in der Familie und Verwandtschaft zur gängigen Praxis. Diese Atmosphäre religiös-konfessioneller Gleichgültigkeit und Indifferenz wirkte sich ohne Zweifel auf den individuellen Umgang mit Sterben und Tod aus. Vor diesem familiären Hintergrund gewinnen meine Begegnungen mit dem Tod ein spezifisches, individuelles Kolorit.

Mehrmals habe ich schon über meine Begegnungen mit dem Tod berichtet (Blog-Kapitel 10,19,36,37,40). „On the sunny side of the street“ (Blog-Kapitel 48) habe ich den Schattenmann beobachtet, wie er in vielen Winkeln gestanden und in verschiedenen Erscheinungsformen auf seinen Auftritt gewartet hat. Kein Lebewesen entrinnt ihm. Ich selbst bin ihm mindestens einmal knapp entkommen, als ich 1958 auf einer Fahrt nach Südfrankreich bei Cassis zu weit ins Mittelmeer hinausgeschwommen und von einem Sog erfasst worden bin. Der Hannoveraner Künstler Eberhard WP Eggers (1939-2004), mit dem ich befreundet gewesen war, ein kräftiger und geübter Schwimmer, hatte am Strand die Gefahr rechtzeitig erkannt und mir geholfen, mit letzter Kraft gegen den Sog ans Land zurück zu gelangen. Ich hätte meinen Leichtsinn beinahe mit dem Leben bezahlt.

Der Tod hat mich in Angstträumen verfolgt und überwältigt. Ich habe in luziden Traumbildern mich sterben sehen und meinen Tod erlebt. Aus solchen Träumen ins wache Leben zurückzukehren hinterlässt eine Vorahnung, wie es sein könnte, niedergefahren in das Reich des Todes und Auferstehung.

[Abbildung: Felix Nussbaum „Triumph des Todes“, Ölbild ,1944, SZ Nr. 44, 22.02.2018, S. 15]

Seit Alters haben Menschen über Sterben und Tod nachgedacht, Totenkulte hervorgebracht, Unsterblichkeitsideen entwickelt und sich grandiose religiöse Weltanschauungen ausgedacht. Geburt, Sterben und Tod gehören, wie zahllose kulturelle Artefakte beweisen, zu den Ur-Themen der Menschheitsgeschichte. Das Panorama kultureller Manifestationen und Traditionen ist viel zu weit und vielfältig, als dass ich es hier skizzieren könnte. Ruft man im Wikipedia-Lexikon einschlägige Stichwörter auf, wird man von der Informationsflut schier weggerissen. Wikipedia registrierte für den Zeitraum von neunzig Tagen (08.11.2017-06.02.2018), um nur einige Beispiele anzuführen, für das Stichwort „Tod“ insgesamt 38.650 Seitenaufrufe, für das Stichwort „Leben nach dem Tod“ 21.017, für „Unsterblichkeit“ 9.086, für „Adam und Eva“ 59.305, für „Dogma“ 36.564 und für „Glaube“ 12.848 Aufrufe. Wie immer wir diese Zahlen interpretieren mögen, sie bezeugen jedenfalls ein vergleichsweise hohes Interesse an diesen Themen und Fragestellungen. Selbst wenn wir die uferlosen Wiederholungen und aberwitzigen Beiträge unbeachtet lassen, haben wir es mit einer Informationsmasse zu tun, die sich schwerlich bewältigen lässt. Was also könnte ich in meinem Blog-Kapitel Originelles und vielleicht sogar Maßgebliches noch hinzufügen oder dem entgegensetzen?

Es sind ja in der Regel nicht die Todesanzeigen und Nachrufe in Medien, die uns besonders berühren oder gar erschüttern, geschweige denn allgemeines Räsonieren über Sterben und Tod, sondern die konkreten persönlichen Begegnungen mit Sterbenden und der endgültige Abschied von Menschen, die uns nahegestanden haben.

„Tapfer sterben“

Ihre Antwort ist mir bis zum heutigen Tag in Erinnerung geblieben. Tante Mariechen, wie wir sie nannten, war eine kleine, pummlige Person (Julie Maria Mintzel, 1866-1955). Sie war die Schwägerin meines Großvaters Otmar Mintzel (1870-1950). 1944 hatte sie bei einem Luftangriff auf Nürnberg ihr ganzes Hab und Gut verloren. Sie war, als die Sirenen heulten, in den nahe gelegenen mittelalterlichen Neutor-Turm geflüchtet, der zu einem Luftschutzbunker ausgebaut worden war. Als sie nach dem Angriff herauskam, lag das Haus am Neutorgraben, in dem sie gewohnt hatte, in Schutt und Asche. Völlig mittellos war sie im Alter von 78 Jahren zu meinem Vater gegangen, um in unserer Nürnberger Wohnung Unterschlupf zu finden. Meine Eltern erbarmten sich der alten Frau und boten ihr in unserer Familie eine Bleibe an. Tante Mariechen machte sich im Haushalt nütze. Sie flickte Kleider, stopfte unsere Socken und Strümpfe, nähte Knöpfe an, säumte Stoffe und half meiner Mutter, soweit es ihre Kräfte zuließen, auch sonst im Haushalt. Dies waren in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, in den Zeiten des Mangels und der Not, lebensnotwendige Handarbeiten. Ich erlebte die alte Frau als eine sehr genügsame und freundliche Person. Sie war froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, und fügte sich anpassungsfähig in unser Familienleben ein. Wir mochten sie alle gern. Sie wohnte bei uns bis zum Jahre 1955, bis zu ihrem Tod. Besonders wegen einer Antwort behielt ich sie tief im Gedächtnis.

In den ersten Nachkriegsjahren – es war wohl in der Zeit, in der ich konfirmiert wurde – besuchte uns eines Tages ein protestantischer Pfarrer. Er wollte mit Tante Mariechen, sie war eine Nürnberger Protestantin, ein seelsorgerisches Gespräch führen. Nachdem der Pfarrer gegangen war, stellte ich ihr als Konfirmand, der gerade mit Glaubensfragen vertraut gemacht worden war, unverblümt und direkt die Frage, wie sie es mit der Kirche und mit dem Tod halte. Es stellte sich heraus, dass sie mit der Kirche nichts am Hut hatte. Sie antwortete auf meine etwas taktlose Frage ohne zu zögern: „Ich will tapfer sterben. Ich brauche keinen Pfarrer. Ich mag keinen Pfarrer an meinem Grab.“ Ich staunte. So eine klare Willenserklärung hatte ich von der alten Frau nicht erwartet. Frauen, so glaubte man allgemein, seien eher treue Mitglieder ihrer Kirche und religiöser eingestimmt als Männer. Ihre lapidare Antwort, „tapfer sterben“ zu wollen, erschien mir wie ein in Stein gemeißelter Vorsatz und Protest zugleich gegen das Pastoren- und Sonntagschristentum. Sie starb im Alter von 89 Jahren an einem Gehirnschlag. Ob ihr Wille respektiert wurde, weiß ich nicht. Ich hatte zu dieser Zeit mein Elternhaus bereits verlassen und habe auch an ihrer Beerdigung nicht teilgenommen. Später hätte mich interessiert, was der Grund für ihre energische Abwehr kirchlichen Beistandes und religiös-konfessioneller Rituale gewesen war.

Chapeau Tante Mariechen! Ihre Antwort wurde später zu einer meiner Maximen.

Dank Tante Mariechen? Das wäre eine Verniedlichung meiner Maxime. Noch zu ihren Lebzeiten war ich zweimal direkt mit Sterben und Tod konfrontiert worden, im Jahr 1950, als mein Großvater Mintzel starb, und 1954, als mein Bruder Hein sich das Leben nahm (Blog-Kapitel 10). In dieser Zeit war ich, obschon völlig undogmatisch, noch religiös empfindsam gewesen. Ich war noch von einem naiven Gottesglauben beseelt gewesen und hatte ernsthaft gefragt, ob es ein Leben nach dem Tod gäbe. Ich hatte nachts gehört, wie mein verstorbener Großvater durch die Gänge der Wohnung schlurfte. Ich war sicher gewesen, dass er an meiner Zimmertüre vorbeiging. Mein Bruder Hein war mir viele Male in meinen Träumen erschienen. (Blog-Kapitel 10 und 50). Er war mir so greifbar nahegekommen, dass ich ihn für noch existent hätte halten konnte (Blog-Kapitel 50). Numinoses Fühlen und Denken hatten mich bis weit in die 1950er Jahre hinein manchmal schauern lassen. Mir hatte das wissenschaftliche Wissen gefehlt, die Erkenntnisse der Psychologie, der Gehirnforschung, der natur- und kulturwissenschaftlichen Anthropologie und anderer Fächer, um rationale Antworten auf numinose Anwandlungen und Fragestellungen geben zu können. Ich hatte mich quasi auf einer Zwischenstation zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Religion und Säkularismus bewegt. Das sollte sich erst mit meinem Universitätsstudium ändern. Wie meine geschilderten Begegnungen mit dem Tod bezeugen, veränderte sich mit den Jahren mein Verhältnis zum Geschehen um Sterben und Tod. Stoische Gelassenheit wurde zu einer Grundhaltung.

„Was ich noch sagen wollte…“

Wie es so meine Art als Wissenschaftler und Chronist der Familie war, „protokollierte“ ich nach dem Ableben meiner Mutter ihre letzten Tage, ihre körperliche und geistige Verfassung, einzelne Vorgänge wie letzte Besuche und Gespräche, und insbesondere die Sterbestunden und den Eintritt des Todes. Im Folgenden handelt es sich um eine komprimierte Zusammenfassung meiner Aufzeichnungen.

Meine Mutter, eine von Grund auf religiös eingestimmte Frau, verlangte in den letzten Monaten und Wochen nicht nach einem geistlichen Beistand. Ihr Sterben ereignete sich außerhalb des kirchlich-religiösen Raumes. Was immer sie gedacht, empfunden oder geglaubt haben mochte, sie hatte niemals ausdrücklich um ein christliches Begräbnis gebeten. Jedoch nach christlich-traditioneller Art und evangelischem Ritus beigesetzt zu werden, war für sie selbstverständlich. Und sie wollte, was sie wiederholt als einen festen Wunsch geäußert hatte, nicht eingeäschert werden. Davor hatte sie eine untergründige Angst, die vermutlich aus dem überkommenen leiblichen Auferstehungsglauben herrührte. Von den protestantischen Kirchenliedern waren es zwei gewesen, die sie besonders mochte und an hohen kirchlichen Feiertagen mit religiöser Innigkeit mitsang: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“. Mein Bruder Kurt (1941-2016) hatte dafür gesorgt, dass unsere Mutter kurz vor ihrem Tod in einem Würzburger Pflegealtersheim einen Platz erhalten hatte. Sie lebte dort nur noch vierzehn Tage. Meine Mutter wusste, dass ihr Lebensende gekommen war, sie hatte sich damit abgefunden und wartete gefasst auf ihr Ende. Sie wollte sterben und verweigerte am Schluss die Nahrungsaufnahme. Am 5. März 1994 endete ihr Leben.

Inge Lu und ich hatten sie am Abend des Vortages ein letztes Mal besucht und mit ihr gesprochen. Wir hatten Fotografien mitgebracht von den Dingen, die sie so sehr geliebt hatte: Ihre alte Nussbaumkommode, ein Glasschränkchen mit Porzellan, eine antike Vitrine und andere Antiquitäten. Über ihr Gesicht war der Anflug eines Lächelns geglitten. Mit einem wehmütigen Blick auf die Bilder hatte sie Abschied von ihren „Preziosen“ genommen. „Das waren schöne Sachen“, hatte sie geflüstert, und am Ende mit kaum mehr hörbarer Stimme die Worte gehaucht: „Was ich noch sagen wollte…“  Der Satz brach ab, sie blickte uns unverwandt an und schwieg. Sie schien irgendwo den verlorenen Einfall zu suchen, richtete dann ihren Blick auf mich, er kam aus einer für mich nicht fassbaren Tiefe. Von weit her schien sie mich anzusehen, sie war anscheinend schon weit weg. Ich sah in ihrem Gesicht keine Anzeichen von Todesangst, nur Gefasstheit und Bereitschaft zum Sterben. Es war ihr wichtig gewesen, ihren Nachlass an schönen Dingen in guten Händen zu wissen. Sie hatte darin offenbar eine kleine Garantie gesehen, in Erinnerung zu bleiben und in den Dingen fortzuleben. Als wir gingen, verabschiedete sie sich stumm mit einem verlorenen Blick, hob leicht ihren Arm und winkte uns einen Gruß zu.

Es sollte ihr letzter sein. Meine Mutter starb tags darauf am Abend des 5. März.

Als Inge Lu und ich benachrichtigt wurden, dass meine Mutter im Sterben liege, war es schon zu spät, sie noch einmal bei vollem Bewusstsein anzutreffen. Sie war bereits ins Koma gefallen. Das Pflegepersonal hatte, als die letzte Sterbephase eingesetzt hatte, auf einem Tisch eine Kerze angezündet und ein Kreuz dazugelegt. Niemand von uns wäre allerdings auf die Idee gekommen, ein Gebet zu sprechen, jedenfalls kam aus keinem Munde eine Anregung dazu. Wir traten ans Bett und beobachteten den Fortgang des Sterbeprozesses. Die Augen, die bereits gebrochen waren, bewegten sich unruhig hin und her, als suchten sie nach einem letzten Blickkontakt. Die Pupillen schienen wie von einer Mattscheibe unterlegt zu sein. Sie sah uns nicht mehr. Das Pflegepersonal hatte das Gerät, das ihr das Atmen erleichtern sollte, abgenommen. Meine Mutter atmete schwer und stoßweise, was allmählich schwächer wurde. Ich setzte mich an ihr Bett und nahm ihre schon leblose Hand in meine Hände, um sie zu beruhigen und ihr das Gefühl zu geben, dass wir bei ihr waren. Ich streichelte ihre Wangen, strich sanft über ihre Stirn, küsste sie und sprach mit ihr leise ein paar Worte. Es schien anfangs, als hörte sie mich noch. Ein ungeheuer tiefer Ernst lag auf diesem Moment. Ich notierte: „Am Spätnachmittag hatte auf der Westseite des Hauses der Raum im matten Licht gestanden. Kalendarischer Sonnenuntergang 18.09 Uhr. Draußen ein winterblauer Abendhimmel, durchzogen von dunklen Wolkenstreifen. Der Strahl der untergehenden Sonne traf ins Innere des Raumes (…). Im Gelände vor dem Zimmer standen Büsche und Bäume. Eine Meise flog zu einem Futterhäuschen. Im Raum der leiser werdende Atem der Sterbenden. Beklemmende Stille im Familienkreis. Unsere jüngste Tochter, Caroline, die an diesem Zeitpunkt acht Jahre alt war, stahl sich, überwältigt von ihren Gefühlen, leise aus dem Zimmer. Abendhimmel, Sonnenuntergang, letztes Licht des Tages, ein verlöschendes Leben. Kaum war die Sonne hinter dem Horizont versunken, starb Mama ruhig und friedlich um 18.04 Uhr.“

„Du warst tapfer gewesen, Mutter“

Wir Geschwister waren tief beeindruckt, wie gefasst, klar und ergeben unsere Mutter ihrem Tod entgegengegangen war. Mein Bruder Kurt sagte zu ihr, als der Tod schon eingetreten war: „Du warst tapfer, Mutter! Du hast Dich tapfer durchs Leben geschlagen.“ Und weinte. Unsere Mutter hatte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ein entbehrungsreiches Leben durchgestanden, mit äußerst knappen Mitteln auskommen, Demütigungen ertragen und häusliche  Gewalt aushalten müssen. Die schlimmen Zeiten hatten an ihren Kräften gezehrt. Sie hatte im Haushalt unter engen Raumverhältnissen unseren Großvater und zwei alte Tanten mitversorgt. Erst seit den 1960er Jahren hatte sie in einer relativ entspannten Familiensituation zu sich kommen und bisher unterdrückte Neigungen entfalten können. Mit großem Vergnügen war sie in den 1970er Jahren bei ihren Besuchen in Berlin stundenlang im Bayerischen Viertel und in den Straßen rund um den Kudamm in Antiquitätenläden auf Schnäppchen-Jagd gegangen. Meiner Mutter war eigentlich eine Frohnatur mit in die Wiege gegeben worden, gesellige Lebensfreude und Verspieltheit. War sie bei schönem Wetter ausgegangen, hatte sie nach Art prominenter Filmdiven stets einen ihrer breitkrempigen Hüte getragen. Sie hatte ihren Hut, worüber ich mich geärgert hatte, auch im Kino nicht abgesetzt, so dass Personen in den Reihen hinter ihr die Sicht auf die Leinwand genommen war. Bei Regenwetter hatten ihr ein halbes Dutzend alter, plüschiger Damenschirme an der Tür zur Auswahl gestanden. An Zimmerwänden hatten goldgerahmte Modebilder gehangen, kolorierte Reproduktionen, die vergangenen Damenmoden zeigten. Ihre Lust am „Kostümieren“ hatte sogar ihre Enkelinnen amüsiert. Besuchten wir Großmutter Mintzel, hatten sie Spaß daran, in Omas „Requisiten“ aufzutreten.

Meine Mutter hatte gern Freunde und Bekannte um sich geschart und am Nachmittag die Türe für Besucher offengehalten. Sie hatte mit hellem Lachen und heiterem Plaudern ihre Gäste so manchen Kummer vergessen lassen. Diese relativ unbeschwerte Lebensphase war in den 1980er Jahren zu Ende gegangen. Sie war mit der Versorgung und Pflege meines Vaters überfordert gewesen, der 1986 in einem Rotkreuzheim einsam gestorben war. Eine äußerst schmerzliche Arthritis und Altersgebrechen hatten sie selbst zu einem Pflegefall werden lassen.

Meinem Bruder Kurt, der mit seiner Familie in der Nähe gewohnt hatte, war die Rolle des Helfers und Pflegers zugefallen. Er hatte sich in rührender Weise um unsere Mutter gekümmert und seine Betreuung als selbstverständliche Sohnespflicht wörtlich so begründet: „Als wir Babys waren, hat unsere Mutter unsere Popos abgewischt und die Windeln gewaschen. Jetzt, wo sie alt und hilflos ist, wische halt ich ihren Po ab.“

Kurt war der vom Leid geprüfte Vater gewesen, dessen Sohn Christian zusammen mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern am 26. Dezember 2004 vom Tsunami in den Tod gerissen wurde (Blog-Kapitel 36 und 37). Seine jüngste Enkelin, Jule Mintzel (2001-2004), wurde bis heute nicht gefunden. Sterben und Tod als geophysikalisches Zufallsereignis! Sinnfragen drängten sich auf. Kurt zerbrach seelisch an dem schauderhaften, sinnlosen Verlust. Er wollte, wie er später einmal sagte, zu seinen Kindern gehen, deren Urnen in Nürnberg auf dem Sankt Johannisfriedhof im Familiengrab Mintzel 2005 beigesetzt wurden.

Ich war bei aller Trauer und Bedrücktheit froh, dass ich meiner Mutter in ihren Sterbestunden zur Seite stehen konnte. Ich war ihr erster und ältester Sohn. Sie hatte mich liebevoll und geduldig aufgezogen, dabei hatte ich ihr viel Kummer bereitet. Sie hatte große Ängste ausgestanden, als ich in den ersten Nachkriegsjahren zu einem notorischen Schulschwänzer und Ausreißer geworden war (Blog-Kapitel 6 und 9). Ich hatte ihr wiederholt übel mitgespielt. Später, nachdem ich zu beruflichen Ehren gekommen war, hatte ich mir zu wenig Zeit für ihre Lebensfragen genommen, ihre Gebrechlichkeit nicht ernst genug eingeschätzt und ihr nicht beigestanden, als sie meine Hilfe gebraucht hätte. Ich kann nicht mehr gutmachen, was ich ihr an Sorgen bereitet und mit meinem Unverständnis angetan habe. Der Tod macht alles endgültig.

Ein Sträußchen verblichener Kunstblumen für das Reich des Todes

Eine Krankenschwester kam herein, und ich band mit ihrer Hilfe das Kinn hoch. Im Beisein von Kurt und Inge Lu zog ich meiner Mutter behutsam einen schmalen silbernen Ring vom Ringfinger und nahm ihn an mich. Inge Lu gab ihr einen kleinen Strauß Kunstblumen, der irgendwo im Zimmer gestanden und aus Mutters Wohnung gestammt hatte, in die Hände und legte einen kleinen Engel dazu. Der Engel hatte meiner Mutter viele Jahre als Weihnachtsschmuck gedient – kleine, an sich wertlose, aber emotional hoch besetzte Dinge, die nun ihren letzten Sinn und Zweck erhielten. Sie sollten meine Mutter ins Grab begleiten. Es war eine spontane Ehrenbezeugung wie sie schon vor vielen Jahrtausenden gepflegt worden war, dem Toten Dinge mit hinüberzugeben in die ewige Vergessenheit. Zwei Pflegeschwestern und ich schoben das fahrbare Totenbett aus dem Zimmer in einen anderen Raum hinein, wo die Verstorbenen verbleiben bis sie eingesargt und abgeholt werden. Inge Lu und Kurt gingen hinterher. Wir wurden gebeten, den Raum für einen Augenblick zu verlassen. Mama wurde in eine Art „Gefriertruhe“ [eine Art Kühlbox – A.M.] gelegt und der Plexiglasdeckel geschlossen. Als wir noch einmal den Raum betreten durften, bemerkte ich, dass noch eine zweite „Gefriertruhe“ im Raum stand, in der eine andere Tote lag. Diese hatte runde, weiße Watteschscheibchen auf ihren Augenlidern, die im dämmerigen Licht des Raumes wie gespenstisch-starr aufgerissene Augen wirkten.  Meiner Mutter waren ebenfalls solche Scheibchen aufgelegt worden. Ich kenne nicht die Bedeutung dieser Vorkehrung. Die Pflegeschwestern hatten Inge Lus Sträußchen verblichener Kunstblumen in die gefalteten Hände gelegt und den kleinen Weihnachtsengel dazu gegeben. Wir warfen einen letzten, wehmütigen Blick auf unsere Mutter und verließen den Raum. Die Schwestern schlossen die Flügeltüren zum dunklen Reich des Todes.

Meine Mutter wurde, wie sie es gewünscht hatte, auf dem Nürnberger St. Johannisfriedhof kirchlich begraben. Ich gab dem Pfarrer für seine Aussegnungspredigt eine Lebensbeschreibung zur Hand. Als die Friedhofangestellten den Sarg an Gurten ins Grab hinabsenkten, entglitt einem der Männer für einen Moment der Gurt. Der Sarg geriet in eine Schieflage und drohte zu kippen. So wurde meine Mutter, wie oftmals in ihrem Leben, selbst noch im Tod durchgeschüttelt.

Ganz anders verstarb, um es hier kurz einzufügen, 1999 Inge Lus Mutter, Luise Schaltenbrand (1898-1999), im Alter von 101 Jahren. „Das Sterben ist so schwer“, sagte sie in ihren letzten Lebenstagen und stemmte sich seufzend und röchelnd gegen den Tod. Sie hatte eine ungewöhnlich zähe Vitalität und wollte nicht sterben. Im Methusalem-Alter hatte sie gewitzelt, der Tod habe vergessen sie abzuholen, und als er dann kam, sträubte sie sich mitzugehen. Inge Lu ließ mich – sie war in Würzburg, ich in Passau –  an dem Geschehen telefonisch teilnehmen. Erst ganz am Schluss gab Inge Lus Mutter mit zwei Stoßseufzern auf. Am 5. Februar 1999 wurde die Urne nachmittags um 15.00 Uhr bei stürmischen Wetter beigesetzt. Ein Orkan zog über Unterfranken hinweg in Richtung Südostbayern. Um 15.19 Uhr erhellte ein Blitzstrahl Passau. Darauf folgte ein heftig knallender Donnerschlag. Es war, als wäre meine Schwiegermutter aus der Urne gefahren, um sich mit Blitz und Donner noch extra von mir zu verabschieden. Ich hatte mit ihr so manchen Strauß ausgefochten. Das gleichzeitige Naturschauspiel fand ich einer besonderen Notiz Wert (Notizen & Skizzen, Band 6), obschon mir eine magische Weltsicht fremd ist. Knall und Fall aus dem Leben zu scheiden, wäre mir lieber als ein tagelanges qualvolles Ringen mit dem Tod. Das möge mir erspart bleiben.

„Wir alle sind Sternenstaub“

Für alle diejenigen, die nicht an ein Leben nach dem Tod und an die verheißene Auferstehung glauben, halten die Astrophysik und moderne Kosmologie eine griffige und elegante Formel und in gewisser Weise eine schöne Tröstung bereit: „Wir alle bestehen aus Sternenstaub.“ Der Körper des Menschen besteht im wahrsten Sinne des Wortes zur Gänze aus Sternenstaub, der aus der Asche explodierender Sterne stammt. Das Universum steht uns doch näher, als unser irdischer Alltag vermuten lässt (Harald Lesch). In lokalen Verdichtungen unvorstellbar riesiger Sternenstaubnebel sind vor etwa fünf Milliarden Jahren auch unsere Sonne und ihre Planeten geboren worden. Sämtliche chemische Elemente sind in Sternen durch Kernfusion aus Wasserstoff und Helium entstanden. Der menschliche Körper besteht zu fast 100 Prozent aus den gleichen chemischen Elementen, wie sie in der Materie der Sterne vorkommen. Alle Objekte unseres Sonnensystems und somit jedes Lebewesen unserer Erde bestehen aus Atomen aus dem Kosmos. Das Eisen in unseren Blutzellen, der Sauerstoff in der Luft, die wir einatmen, der Kohlenstoff und Stickstoff in unserem Gewebe und das Kalzium in unseren Knochen haben ihren Ursprung in zahlreichen Sonnen. Es gäbe uns nicht, wenn sich nicht vor Milliarden von Jahren Sonnen zu Supernovae aufgebläht hätten und explodiert wären. Kraft neuester Erkenntnisse der Astrophysik und Kosmologie werden uns auf die großen Lebensfragen alternative Erklärungen geboten, die unseren modernen Bedürfnissen nach einer aufgeklärten Weltsicht mehr entsprechen als die alten Schöpfungsmythen und heilsgeschichtlichen Verheißungen. Die moderne astronomische Forschung geht davon aus, dass jedes Atom unseres Körpers im feurigen Kern eines Sterns entstanden ist. Die geradezu poetische Formulierung, wir seien „Sternenkinder“, erleichtert es uns, fast heiter zu sagen, dass unser menschliches Dasein, Geborenwerden, Wachsen, Sterben und Tod einer kosmischen Gesetzlichkeit folgen. Sternenleben und stellare Zyklen und irdisches Leben und seine Zyklen stehen in einem unaufhebbaren Zusammenhang.  Die poetische Formulierung zaubert uns zurück in unseren kosmischen Ursprung. Ich muss gestehen, dass diese Vorstellung bei mir eine stoische Gelassenheit bestärkt. Manche Naturwissenschaftler setzen der astronomischen und astrophysikalischen Sternenstaub-These vorsichtig ein „im weitesten Sinne“ hinzu, um die Ursprungsthese nicht sprachlich ganz zu verniedlichen. Der prominente britische Astronom und Astrophysiker Martin Rees (http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Rees – abgerufen am 22.02.2018), der seit 1995 das prestigereiche Amt des „Astronomer Royal“ innehatte und Präsident der ältesten Gelehrtengesellschaft der Welt war, der Royal Society (2005-2010), nahm in einem Interview der Formel ihren poetisch-romantischen Nimbus, indem er sie negativ umformulierte: Wir könnten uns auch als „stellaren Atommüll“ bezeichnen (http://www.zeit.de/2008/31/Klein-31 – abgerufen am 07.02.2018). Mit unserem Sterben und unserem Tod zerfallen wir in unsere atomaren und molekularen Bestandteile und kehren als solche in den kosmischen Kreislauf zurück.

Was aber geschieht mit der Person Alf Mintzel, mit meinem „Ich“? Es zerfällt ebenso wie sein materielles Substrat. Was auf der Ebene der kulturellen und individuellen Evolution von mir bleibt, ist der Anteil und Niederschlag meines kulturellen Daseins und Wirkens, der Meme, wie gering sie auch immer sein mögen.

Also: Tapfer sterben! Kein Sträuben, kein Hadern und Aufbegehren, kein Jammern und Klagen! Keine theologischen Placebos! Gelassenheit.