36. Der Tod, der aus dem Meer kam – Die Monsterwelle 2004

   

In memoriam

Johann Christian Mintzel
20.09.1966 – 26.12.2004

Nicola Barbara Mintzel, geb. Friedrich
27.01.1969 – 26.12.2004

Lina Marie Johanna Mintzel
30.01.1999 – 26.12.2004

Jule Lou Johanna Mintzel
14.12.2001 – 26.12.2004

 

Tsunami, 26.12.2004

Der Schock traf uns tief ins Gemüt. Gefühle überwältigten uns und ließen uns erstarren. Als wir die BILD-Zeitung vom 31.12.2004 aufschlugen, fanden wir die vier Porträtfotos der vermissten „Familie M“ abgedruckt. Entsetzlich! Sie waren es: Lina, Jule, Nicola und Christian. Neben jedem Bild ein paar Lebensdaten und ein kurzer Bericht über ihre letzten Tage in Thailand. Daneben ein schauderhaftes Foto mit Begleittext: „Der Blick ins Grauen! Die Deutschen Carsten S. und Hans S. suchen in Särgen nach ihren Freunden aus Deutschland – nach dem Ehepaar M. und ihren Töchtern“. Aus den offenen Särgen ragen Arme Getöteter, hochgestreckt, als riefen sie noch im Tod nach Hilfe, mit klaffenden Wunden, von der Verwesung dunkel angelaufen. Die beiden Freunde tragen Gesichtsmasken. Am Morgen des 26. Dezember 2004 riss ein Tsunami 230.000 Menschen in den Tod. Die genaue Zahl wird sich nie ermitteln lassen, wahrscheinlich verloren noch viel mehr ihr Leben. Unter den Toten waren mein Neffe Christian Mintzel, seine Frau Nicola und deren kleine Töchter Lina und Jule, Kinder und Kindeskinder meines Bruders Kurt. Lina wäre vier Wochen später sechs, Jule war gerade drei Jahre alt geworden.

Der geophysikalische Bericht

„Sunda-Graben, 3,316 Grad Nord, 95,854 Grad Ost, 7:58:53 Ortszeit: Jahrzehnte lang haben sich in der Erdkruste, tief unter dem Indischen Ozean vor der Westküste Sumatras, ungeheure tektonische Spannungen aufgebaut, die sich um 1.58.53 Uhr mitteleuropäischer Zeit in einem der gewaltigsten Erdbeben aller Zeiten entladen.
Das Beben hat die Stärke 9,0 auf der Richter-Skala und ist damit das viertstärkste jemals gemessene und das stärkste der letzten 40 Jahre. Die dabei in wenigen Sekunden freigesetzte Energie entspricht der Sprengkraft von mehr als 32.000 Hiroshima-Bomben.
Vor der Westküste Thailands, um 10:00 Uhr Ortszeit, 2 Stunden und 2 Minuten nach dem Beben: Manche Touristen schlafen noch in ihren Bungalows am Meer, die am Strand einiger Luxusressorts sogar auf Stelzen im Wasser errichtet sind. Andere sitzen beim Frühstück. Viele aber sind schon aufgestanden und vergnügen sich im Meer. Manche sehen da bereits den Tsunami: eine blauschwarze Wand am Horizont. Doch es dauert mehrere Sekunden, bis die Ersten begreifen, dass dort eine Wasserwand auf sie zukommt. Und dass sie rasend schnell ist. Da ist es für viele schon zu spät. Die Naturgewalten folgen einer eigenen Logik. Das Wasser türmt sich zu einem Hügel auf, saust mit ungeheurer Wucht auf den Strand zu und reißt dort alles mit sich. Schon die erste von zwei Wellen, die je nach Küstenabschnitt 6,5 bis zehn Meter hoch sind, wirft die meisten der Fliehenden um und spült sie tief ins Land hinein. Die wirbelnden Wasser treffen die Menschen gänzlich unvorbereitet. Die Riesenwelle schwappte vom Berg zurück und überrollt die überraschten Opfer unausweichlich ein zweites Mal, sie nimmt Menschen und Trümmer mit. Für tausende Touristen und Einheimische ist die Frage von Leben oder Tod in diesen Minuten eine des Glücks.“
Knapper und packender als es GEO EPOCHE und die Süddeutsche Zeitung berichtet haben, kann ich nicht zusammenfassen, was am Morgen des 26. Dezember 2004 dort geschah.
(GEO EPOCHE Nr. 16, Februar 2005: Tsunami. Der Tod aus dem Meer, S. 48ff)

„Die tiefen Spuren der großen Welle sind unübersehbar. Je flacher das Gelände, desto tiefer drangen die Flutwellen bis auf einen Kilometer ins Landesinnere ein. Die Gewalt der Wasserströme muss so heftig gewesen sein, dass sich das Meer im Landesinneren geradezu eigene Flussläufe gebahnt, Brücken abgerissen, Straßen zerstört und künstliche Salzwasserseen hinterlassen hat. Dort aber, wo sich nicht weit vom Meer entfernt die Berge auftürmen, hatten die exklusiven Ressorts gestanden, die es bekanntlich am härtesten traf. Der gewaltige Tsunami-Effekt wirkte dort doppelt, weil die Hotels ganz nahe ans Wasser gebaut waren, was natürlich eine verheerende Wirkung zeigt. Die Chance, diesen Naturgewalten zu entrinnen, war gering. Der Strand von Khao Lak war eine geologische Falle.“
Süddeutsche Zeitung Nr. 152 vom 05.07.2005, S. 38).

Notizen & Skizzen aus meinem Tagebuch des Grauens

28. Dezember 2004
Wir sind in größter Sorge. Seit dem Ereignis ist der Kontakt zu Christian und seiner Familie abgebrochen. Wir haben seit drei Tagen keine Nachricht. Wir verfolgen die Katastrophenmeldungen im Fernsehen und am Rundfunk und warten höchst besorgt auf eine Nachricht. Christian ist ein Computerfreak, der sich bestens mit der neuesten Kommunikationstechnik auskennt. Wir wundern uns, dass er noch keine Gelegenheit nutzen konnte, ein Lebenszeichen nach Hause zu senden. Wahrscheinlich, so nehmen wir an, sind seine und andere Kommunikationsmittel von Tsunami weggespült worden. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Die Massenmedien melden zur Stunde, dass mit weit mehr als 40.000 Toten gerechnet werden müsse, darunter seien auch viele Touristen. Die Ungewissheit brachte uns in der letzten Nacht um den Schlaf.

29. Dezember 2004
Das Fernsehen übertrug von 14:00-14:15 Uhr eine Stellungnahme des Bundeskanzlers zur Katastrophe. Gerhard Schröder sprach von rund 1.000 „vermissten“ Deutschen und fügte hinzu, dass wohl die meisten davon nicht mehr am Leben seien. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe hat er bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet. Wir müssen angesichts der Meldungen davon ausgehen, dass Christian, Nicola, Lina und Jule umgekommen sind. Wir diskutieren allerdings auch andere Möglichkeiten: Vielleicht hat ein Elternteil überlebt, vielleicht hat durch einen glücklichen Zufall eines der beiden Kinder überlebt. Schwer verletzt liegen sie in Krankenhäusern und können sich vielleicht noch nicht melden. Ein Kind hat überlebt und kann nicht sagen, woher es stammt. Vielleicht ist ein lebend angeschwemmtes Kind von irgendwelchen Leuten aufgenommen worden. Wir durchleben eine entsetzliche Zeit der Ungewissheit, wir sind bedrückt und trauern um die Vier.

29. Dezember 2004
3,5 Tage danach. Kein Lebenszeichen. Allerletzte Hoffnung: Eltern oder ein Elternteil, Kinder oder auch nur ein Kind könnten durch irgendwelche glücklichen Umstände und Fügungen überlebt haben und verhindert sein, Kontakt aufzunehmen.

30. Dezember 2004
Neue Schreckensbilder und schlimme Berichte aus den Katastrophengebieten. Von Christian und seiner Familie kein Lebenszeichen. Die Zahl der erfassten Toten steigt stündlich, insgesamt sollen über 100.000 Menschen ums Leben gekommen sein. In Khao Lak sollen allein schon 1.300 Skandinavier umgekommen sein. Die Zahl der vermissten Deutschen liegt über der 1.000er Grenze. Noch immer werden Leichen ans Land gespült, viele wird das Meer für immer verschlungen haben. Zwar werden die Vermissten- und Totenlisten nun präziser geführt und veröffentlicht, aber noch immer sind nicht alle erfasst. Die Identifizierung der Leichen wird immer schwieriger, die Rückführung nach Deutschland immer unwahrscheinlicher. Es fehlen Kühlhäuser. Wir sind tief schockiert und haben alle Hoffnungen aufgegeben, Christian, Nicola, Lina und Jule wiederzusehen. Was hat sich in den letzten Minuten ihres Lebens abgespielt? Unter welchen dramatischen Umständen sind die beiden kleinen Mädchen umgekommen? Die Wohnanlage, die sie gemietet hatten, ist komplett weggespült, dort ist nichts mehr zu finden. Ein schreckliches Jahresende. Eine Familienkatastrophe. Eine unerträgliche Situation.


Ende Dezember 2004, Khao Lak: Der Blick ins Grauen. Die Deutschen Carsten S. und Hans S. suchen in Särgen nach ihren Freunden aus Deutschland – nach dem Ehepaar M. und seinen Töchtern.
BILD, Bundesausgabe, 31. Dezember 2004, S. 2

Das Ehepaar Johann Christian und Nicola Barbara Mintzel mit seinen Töchtern Lina Marie Johanna und Jule Lou Johanna
BILD, Bundesausgabe, 31. Dezember 2004, S. 2 (umgestellt)

31. Dezember 2004
Zwei Freunde der Familie flogen am Jahresende 2004 nach Phuket und suchten in Khao Lak sämtliche Krankenhäuser und Sammelstellen ab. Auf dem großen Sammelplatz für geborgene Leichen glaubten sie den Leichnam von Jule gefunden zu haben. Aber dazu muss erst eine DNA–Analyse abgewartet werden. Für uns alle ist die Ortlosigkeit des Todes und die völlige Ungewissheit, ob ihre Leichen je gefunden und identifiziert werden, schwer zu ertragen. Die beiden Freunde, die dorthin [nach Phuket] geflogen waren, haben ihre Suchaktion abgebrochen, weil jedes weitere Suchen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne Ergebnis geblieben wäre. Die gesammelten Leichen sind inzwischen in einen Zustand übergegangen, der kaum mehr eine [direkte] Identifizierung ermöglicht. Die Freunde werden morgen in Deutschland eintreffen.
Sich am Silvesterabend „Alles Gute“ zu wünschen, wird angesichts dieses Leides und dieser Trauer zu einer abgedroschenen, entsetzlich unsensiblen Floskel. Eine stille Anteilnahme ist wohl das Beste, was wir vermitteln können. Der Schock sitzt tief, wir alle sind in ein Verhängnis hineingerissen worden. Ich fühle mich elend und gelähmt. Ich habe Mühe, die Fassung zu bewahren. Psychologen und Therapeuten empfehlen auch den traumatisierten Angehörigen, die zu Hause diese Berichte am Bildschirm verfolgen, sich nicht dem Schrecken der Berichterstattung auszusetzen, sondern das Fernsehgerät zwei, drei Tage abzuschalten. Auch die furchtbaren Erlebnisse am Bildschirm können psychisch krankmachen.
Heute Morgen ging durch das Fernsehen, dass die Identifizierung der Toten noch sechs Monate dauern kann. Damit ist eine weitere Leidenszeit gegeben, ein ritueller Abschied von den Toten ist erst nach ihrer Identifizierung möglich. Uns stehen schwere Wochen bevor.

BILD, Bundesausgabe, 3. Januar 2005, S.3

1. Januar 2005
Genau eine Woche ist es nun her, dass die Katastrophe hereinbrach. Vorgestern war in der Ausgabe der BILD-Zeitung vom 31. Dezember unsere Familie, Christian, Nicola, Lina und Jule mit Porträtfotos aus ihrer allerletzten Lebenszeit abgebildet. Diese Aufnahmen haben uns erschüttert, vor allem die hübschen Gesichter der kleinen Mädchen. Durch diese sehr schönen Bilder waren sie plötzlich ganz nahe, als stünden sie vor uns und würden reden. Ihre Gesichter sind so schön geformt, so hell im Blick, so zart im Ausdruck, so zugewandt und neugierig. Diese Bilder länger zu betrachten war uns unmöglich, wir mussten die Zeitung wieder weglegen. Es wäre wohl besser, wir würden die Sender abschalten und die Zeitungslektüre beenden, um eine Stille zu schaffen. Ich will ihr Schicksal erzählen und die Toten damit in Erinnerung halten.

5. Januar 2005
An meinen Bruder Kurt und seine Frau: Uns helfen im Augenblick keine tröstenden Worte, kein Trost kann die tiefe Trauer und den Verlust hinwegreden. Wir haben schlaflose Nächte. Schreckensbilder stehen vor den Augen. Was uns alle tief bedrückt und bewegt, ist die grauenhafte „Ortlosigkeit“ des Todes. Es gibt keinen Ort an dem ein Ritual des Abschieds stattfinden könnte. Wir müssen uns erst einen Erinnerungsort schaffen, um diese Leere etwas füllen zu können und eine innere Begegnung zu ermöglichen. Gerade spielen Carlotta und Mia [unsere Enkelkinder, sechs und vier Jahre alt] „Flut und Überschwemmung“, die Krankenschwester ist umgekommen. Auch sie müssen die Berichte und Bilder verarbeiten. Wir sehen zu und schweigen.

6. Januar 2005
17:55 Uhr. Die letzte Meldung vom Tag: Noch 751 Deutsche werden vermisst, doch wird immer noch von einer Zahl über 1.000 ausgegangen. Der Tsunami hat Christian, Nicola, Lina und Jule verschlungen, zerschmettert, ins Meer hinausgespült oder irgendwo auf dem Land ums Leben gebracht. Sind sie gefunden worden? Aus Thailand wird gemeldet, etwa 600 Flutopfer, darunter 300 europäische Touristen, seien nördlich von Khao Lak in einem Massengrab bestattet worden. Den Toten aus der Region Khao Lak seien nach der Entnahme von genetischem Material im Yan-Yao-Tempel Micro-Chips eingesetzt worden, um sie später exhumieren und identifizieren zu können. Es wird noch viele Monate dauern, bis wir Gewissheit haben, ob Christian, Nicola, Lina und Jule identifiziert werden konnten.

12. Januar 2005
Der von der Familie gemietete Bungalow im Green Beach Village Resort stand ganz nahe am Meer und wurde von der Monsterwelle platt gemacht. Ich hatte mit vorgenommen, mir über die Situation vor Ort von den Freunden berichten zu lassen. H. erzählte von der Lage und Beschaffenheit des gemieteten Bungalows und schilderte dessen Leichtbau: Ein Holzboden, ein paar tragende große Holzbalken, Dachbalken, Blechdach-Abdeckung. Das Haus war nur lose mit dem Untergrund verbunden, nur mit ein paar Balken auf dem Grund befestigt. Die zwölf Meter hohe Welle erfasste den Bungalow, riss ihn wie eine Streichholzschachtel vom Boden weg, kippte ihn um, drückte ihn zusammen und zerquetschte die Familie. Dort war nichts mehr zu finden. Am 26. Dezember um kurz nach zehn Uhr morgens wurde Khao Lak ausgelöscht.

14. Januar 2005
Die Cassini-Huygens-Mission scheint geglückt zu sein. Huygens, die Landesonde, ist pünktlich auf dem Saturnmond Titan gelandet und sendet. Menschlicher Technik gelingt es heute, nach einer siebenjährigen Weltraumreise eine Sonde auf dem Saturnmond Titan abzusetzen. Der Mensch hat es aber versäumt, im Indischen Ozean ein Seebeben-Frühwarnsystem zu installieren. Dieses Versäumnis ist das eigentlich Skandalöse der Naturkatastrophe im Golf von Bengalen. Ein Frühwarnsystem kann zwar nicht in jedem Fall Menschenleben retten, aber es hätte am 26. Dezember 2004 die Zahl der Toten sehr viel niedriger halten können, Vielleicht wären Christian, Nicola, Lina und Jule noch am Leben.

15. Januar 2005
Gedenkgottesdienst für Nicola, Christian, Lina und Jule in Mönchengladbach.
Eine Freundin der Vier liest ein Kindertotenlied von Friedrich Rückert vor:

Oft denk´ ich, sie sind nur ausgegangen,
bald werden sie wieder nach Haus gelangen.
Der Tag ist schön, o sei nicht bang,
sie machen nur einen weitren Gang.
Ja wohl, sie sind nur ausgegangen,
und werden jetzt nach Haus gelangen.
O sei nicht bang, der Tag ist schön,
sie machen den Gang zu jenen Höh´n.

Sie sind uns nur vorausgegangen
und werden nicht hier nach Haus verlangen.
Wir holen sie ein auf jenen Höh´n
im Sonnenschein, der Tag ist schön.

Pastorin Beuschel:
„Wir haben nicht nur Erinnerungen an die lieben Mintzels, sondern sie haben uns auch etwas zurückgelassen: Nicola liebte es Muscheln zu sammeln. Diese Muscheln haben sie 2001 in Thailand gesammelt und den weiten Weg mit nach Hause gebracht. Auch Lina hat sich die Freude gemacht Muscheln zu sammeln. (…) Wir möchten diese Muscheln jetzt als Erinnerung weitergeben.“

16. Januar 2005
Eine Naturkatastrophe ereignet sich, bricht über den Menschen herein, unvermutet, plötzlich, unberechenbar, furchtbar in ihren Folgen. Ein Seebeben und der ihm folgende Tsunami sind geophysikalische Ereignisse, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Schuld und Sühne, jenseits von Liebe und Hass. Sie sind etwas Naturgewaltiges, das Menschen überwältigt und in den Tod reißt. Es dreht sich um keine Tragödien, es gibt keinen Helden, es spielen sich aber dramatische Vorgänge ab. In den Medien wird die Flutwelle, der Tsunami, dämonisiert: „Monsterwelle“, „Killerwelle“, „Todeswelle“. Fragen nach der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und insbesondere nach der Allmächtigkeit Gottes werden aufgeworfen. Gott träfe keine Schuld. Der Allmächtige habe sich selbst seiner Allmächtigkeit begeben, indem er die Krönung seiner Schöpfung, den Menschen, in die Selbstverantwortung und Freiheit entlassen habe. Gegen Naturkatstrophen müsse der Mensch den ihm verliehenen Verstand einsetzen, also zum Beispiel ein Frühwarnsystem installieren. Gott wird exkulpiert, Gott habe die von ihm erschaffenen Welt zu ihrer Entwicklung (Evolution) freigegeben. Alles mehr als unbefriedigende Antworten der Theologie.

17. Januar 2005
Das Unfassbare muss erst in seiner Absolutheit akzeptiert werden, bevor sich die Gedankenwelt wieder aufhellen kann. Noch immer sehe ich die Wasserwand, die zwölf Meter hohe „Monsterwelle“ auf Christian und Nicola und auf Lina und Jule herunterbrechen, noch immer sehe ich sie im Wasser treiben. Es müssen schreckliche letzte Minuten gewesen sein. Ich sehe Christian mit bärenhafter Kraft nach den Kindern greifen – sie hatten keine Chance, sie wurden zerschmettert und hinweggespült.

21. Januar 2005
Wir stehen nach wie vor tief niedergeschlagen unter dem Eindruck des Verhängnisses und können nicht einfach ins gewohnte Leben zurückkehren. Die schrecklichen Bilder gehen uns Tag und Nacht im Kopf herum, sie verfolgen uns und lassen uns nicht los. Sie lösen immer wieder Bestürzung aus. Der rituelle Abschied am 15. Januar war wichtig und wirklich ergreifend, er brachte einen Moment lang sogar so etwas wie eine innere Entlastung von dem Ungeheuerlichen. Aber dann kehrten die finsteren Fragen doch wieder zurück. Wie könnten sich die dramatischen Minuten abgespielt haben? Die grauenhaften Ereignisse werden uns noch lange verfolgen. Wir müssen aber unsere Sprache wiedergewinnen, wir müssen darüber sprechen. Ich erlebe angesichts der gewaltigen Wucht der Familienkatastrophe, wie schwierig es ist, den Schock, den sie ausgelöst hat, die Gefühle und Gedanken, in einer adäquaten Sprache auszudrücken. Das Grauen hat einen neuen Namen: Khao Lak.

Lina Mintzel, Farbstiftzeichnung, 2004
Mama, Papa, Lina und Juli als Fische im Meereswasser – als ob sie die kommende Katastrophe geahnt hätte.

30. Januar 2005
Ein sehr trauriger Tag. Lina Mintzel hätte heute ihren sechsten Geburtstag gefeiert. Sie wäre in diesem Jahr in die Schule gekommen. Mir ging das Schicksal der Kleinen nicht aus dem Kopf. Wohin mag die Große Welle sie hinweggerissen haben? Wurde ihr Leichnam gefunden und inzwischen identifiziert? Die arme kleine Lina!

Inge Lu und ich besuchten gestern das Museum Moderner Kunst Stiftung Wörlen. Im Kassen- und Verkaufsraum fiel mir die Postkarte auf, die Hokusais „Wellental bei Flut [an der Küste] vor Kanagawa“ (ca. 1823-1825) zeigt. Die bildliche Konstruktion Hokusais hat mich doppelt beschäftigt: Einmal trifft sie auf das Verhängnis in Khao Lak (und an anderen Orten im Golf von Bengalen) zu, zum anderen gibt er ein Beispiel der bildnerisch—ästhetischen Darstellung eines gewaltigen Naturgeschehens. Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder mit dem Gedanken getragen, diese Katastrophe des 26. Dezember 2004 in Bilder umsetzen. Wie kann ich die zerstörerische, tödliche Wucht einer haushohen Welle mit grafischen Mitteln darstellen? Im Gegenprogramm zu Hokusai will ich das Schreckliche nicht ästhetisch bannen, sondern durch Bildmittel zum Ausdruck kommen lassen – eine schwierige Aufgabe.

13. Februar 2005
An meinen Freund Jürgen Krengel, Maler und Grafiker in Hannover. Nun habe ich damit begonnen, mich mit Hokusais Wellen-Darstellungen zu befassen und selbst „Schreckensbilder“ zu skizzieren, um den Schock und das Grauen zu bannen. Hokusais Wellental bei Flut [an der Küste] vor Kanagawa zeigt so eine Todeswelle. In den tiefen Wellentälern zweier sich überschlagender Wogen versuchen die in die Boote geduckten Ruderer die hohen Wellen frontal zu schneiden, um nicht zu kentern und verschlungen zu werden. Der Kamm der höchsten Welle zerstiebt in Schaumkrallen und Spritzern und stürzt auf die Boote herab. Im Hintergrund steht vor dem dunkelgrauen Horizont der Fuji, der unterhalb der Horizontlinie im Verhältnis zur haushohen Welle klein erscheint. Hokusai hat sein Bild kühn und dramatisch aufgebaut. Die große Welle ist seitlich gesehen, so dass eine Fernsicht auf den Fuji entsteht. Es bleibt ungewiss, ob die drei Boote die enorme Wucht der Welle überstehen.
Hokusai hat sich mit der verhängnisvollen, tödlichen „Großen Welle“ mehrmals ikonografisch-ästhetisch befasst und das gewaltige Naturschauspiel ins Bild gesetzt. Mir scheint, dass er durch seine kühne Konstruktion des Bildaufbaus, durch die konstruierende Ästhetik des Bildes den Schrecken und das Grauen „zum Stehen bringt“ und bannt. Die tonnenschweren Wassermassen halten plötzlich und stürzen eben nicht zerschmetternd nieder. Die in ihre Boote geduckten Ruderer scheinen eine Überlebenschance zu haben. Die Ästhetik des Bildes nimmt der Naturgewalt die zerstörerische, Menschen vernichtende Kraft.
Mir schweben andere Bilder vor, wirkliche Schreckensbilder, die nicht die ungeheure Wucht der Naturgewalt ästhetisch „bannen“, sondern das Schreckliche und Grauenhafte zum Ausdruck bringen. Aber wie? Mit welchen Bildkonzepten und mit welchen Stilmitteln? Wie lassen sich Zerstörung, Sterben, Schrecken, Entsetzen und Grauen „ins Bild setzen“? Es müssen Bilder sein, die den Betrachter in das Verhängnis hineinziehen, ihn fast erdrücken.

11. April 2005
Antwort Jürgen Krengels. „Hokusai tut als Künstler das Angemessene und Richtige. Ich bin da mit ihm völlig einig. Er wählt einen Moment der Stille und großer Ruhe vor der möglichen Katastrophe, einen Augenblick, der für seinen ästhetischen Anspruch zwingend ist. Natürlich kann man sich fragen, ob es den Fischern gelingen wird, zu überleben, aber das ist nicht entscheidend. Auch sie tun das einzig Richtige. Das Bild zeigt zwei Gegenbewegungen: Die diagonal auf ihrem Höhepunkt sich aufbäumende Welle, dagegen steht die Bewegung der Boote. Ganz klein, fast im Mittelpunkt der Konzeption steht das Symbol des Bleibenden, der heilige Berg. Es ist ein Blatt von großer Schönheit, mehr kann die Kunst nicht geben. Im 19. Jahrhundert hätte man wahrscheinlich den dramatischen Höhepunkt der Katastrophe dargestellt wie im „Floß der Medusa“. Die Heutigen würden wohl eine ausführliche Dokumentation liefern und diese auch noch nach allen Richtungen dokumentieren. Was hat das mit Kunst zu tun? Der Alte aus Japan war eben ein weiser Mann.“

4. März 2005
Vom 21. Februar bis gestern, bis zum 3. März, arbeitete ich am Khao Lak-Thema. Ich entwarf in Collagen einen „Khao Lak-Zyklus“. Es entstanden in elf Tagen 22 Bilder (70 x 50 cm) und dazu zwei Titelbogen (…) Ich will zum Andenken an Christian, Nicola, Lina und Jule einen Zyklus schaffen.

10. März 2005
Am 10. März waren Inge Lu und ich mit etwa dreißig Collagen und Zeichnungen bei Karl Schleinkofer, um mit ihm die Ergebnisse zu besprechen und eine Auswahl zu treffen. Wir diskutierten lange über Machart, Bildstrukturen, Aussagekraft und Fragen der „Medienrealität“. Ich brauchte und suchte Kontrolle und Kritik, um sentimentalen Fallen der Betroffenheit zu entgehen. Ein gutes Dutzend Collagen und die Zeichnungen kamen durch die Kontrolle. Auch Oswald Miedl schärfte durch seine professionelle Außensicht meinen Blick für die Auswahl. Er bot sich an, für eine Ausstellung des Zyklus im Foyer der Universitätsbibliothek die Bibliotheksleitung zu gewinnen.
In Gesprächen mit den befreundeten Künstlern Waltraud Danzig, Oswald Miedl, Karl Schleinkofer und Christian Zeitler setzte ich mich mit der Problematik der ikonografisch-ästhetischen Darstellung von Grauen, Schrecken, furchtbaren Ereignissen und massenhaftem Sterben, auseinander. Alle waren der Ansicht, dass die Darstellung grauenhafter Ereignisse eine schwierige Aufgabe sei. Kollege und Freund Miedl verwies auf das Thema Auschwitz.
Die existenziellen Ängste, das völlige Ausgeliefertsein an eine unmenschliche Praxis, Entkräftung bis zum Zusammenbruch, das alles lässt sich wahrscheinlich nicht wirklich darstellen. Von solchen Bildern selbst müsste ein Grauen ausgehen, solche Bilder müssten zutiefst schockieren, den Betrachter in Angst und Schrecken versetzen. Mir fallen dazu Zyklen von Goya, Max Beckmann und Otto Dix eine: die Kriegszyklen.

11. März 2005
Aus meinem Geburtstagsbrief an meinen Bruder Kurt, den Vater Christians und Großvater Linas und Jules. In den letzten drei Wochen habe ich, von den Schreckensbildern in meinem Kopf getrieben, einen „Khao Lak-Zyklus“ geschaffen, eine auf dreißig Blatt (Kartonformat 50 x 70 cm) angewachsene Reihe von Bildern (Bleistift, Grafit, Kohle, Collage), die ich noch in diesem Jahr drucken lassen und veröffentlichen will. Die Blätter sind dem Andenken an Christian, Nicola, Lina und Jule gewidmet.

21. März 2005
Heute via Bundeskriminalamt (BKA) und über die örtliche Polizei die Nachricht erhalten, Christian sei gefunden und identifiziert worden. Ungewissheit herrscht weiterhin, ob Nicola, Lina und Jule gefunden wurden. Die schreckliche Wartezeit ist noch nicht zu Ende, doch lässt die Nachricht hoffen, dass auch die drei noch identifiziert werden.
Ich hatte die Chance, die Werkstatt des Kulturmodelles Passau zu mieten und zu lithografieren. Ich arbeitete fünf Tage in der Werkstatt fast bis zur Erschöpfung und produzierte insgesamt 51 Lithografien auf großem Büttenpapier (50,5 x 65 cm). Es entstanden vier Bilder, drei davon bilden eine Mappe, es ist die Sequenz „Ferien in Khao Lak“, „Verhängnis“ und „Verwandlung“. Ich bin mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden, wenngleich meine Bildvorstellungen im Kopf mit den Bildern differieren, die am Schluss herauskommen.
Vom 21. Februar bis zum 21. März hatte ich fast täglich und ausschließlich an dem „Khao Lak-Zyklus“ gearbeitet. Ich fühlte mich danach „befreit“, “entlastet“ und hatte ein „gutes Gefühl“. Ich hatte mich von den Schreckensbildern befreien müssen. Schock und Trauer sitzen noch immer tief im Gemüt. Ich musste etwas zur Erinnerung an die Vier machen, ich musste ihnen ein kleines Denkmal setzen.

10. März 2005
In den fünf Werkstatt-Tagen kamen Besucher herein und betrachteten neugierig, was ich aufs Papier bringe. Die Besucher waren stark beeindruckt, hielten die ästhetisch-bildnerische Umsetzung der Katastrophe für besonders schwierig, stellten handwerklich-technische Fragen, scheuten sich aber – verständlicherweise – Kritik zu üben.

10. Mai 2005
Aus meinem Brief an Oswald Miedl vom 10.05.2005. Ich danke Dir sehr herzlich für Deine freundliche Initiative, das Foyer der UB Passau für den Monat Oktober reservieren zu lassen, um dort eine Ausstellung meiner letzten Arbeiten zu ermöglichen. Mein „Khao Lak-Zyklus“ befasst sich mit einem schwierigen Thema, die Blätter sind ein Wagnis, das es Betrachtern schwer macht mitzugehen. Deine Bereitschaft, etwas zur Eröffnung zu sagen, begrüße ich in doppelter Hinsicht: Du kannst aus Deinem reichen Wissen über die ästhetisch-künstlerische Problematik solcher Themata wirklich etwas Substantielles sagen und mich zudem in diesem besonderen Fall auf der emotionalen Ebene entlasten. Entsetzen und Trauer wirken nach und drücken noch mächtig auf mein Gemüt. Es fiele mir wahrscheinlich schwer, über den traurigen Anlass und über meine Trauerarbeit etwas zu sagen. Inzwischen habe ich mich nochmals ans Werk gemacht und von verwitterten, über hundert Jahre alten Tessiner Stallbrettern Handabzüge (Materialbilder) gemacht, die ich teilweise mit Pinselzeichnungen überarbeitet habe (Akryl).

30. Mai 2005
Erst am 21. März erhielten wir die offizielle Nachricht, dass mein Neffe gefunden und identifiziert wurde. Am 27. April erfuhren wir Gleiches von Nicola. Beide wurden inzwischen in Khao Lak/Thailand eingeäschert. Die zwei kleinen Töchter bleiben vielleicht für immer verschollen. Die Urne der Mutter soll dort bleiben, bis auch die Kinder gefunden und identifiziert sind, um dann zusammen mit dem Vater in Nürnberg auf dem alten St. Johannisfriedhof im Familiengrab Mintzel, das nahe bei den Gräbern von Albrecht Dürer und Hans Sachs liegt, beigesetzt zu .

Darstellung des Grauens in der Kunst

Mit welchen Bildkonzepten, Stilmitteln und Techniken lassen sich in der Kunst Zerstörung, Sterben, Schrecken, Entsetzen und Grauen ins Bild setzen? Wie können Menschenschicksale unter der Wirkung von Naturgewalten oder verbrecherischer Menschengewalt dargestellt werden? Selbstverständlich müssen wir Naturereignisse und von Menschen hervorgerufene Katastrophen unterscheiden. Ich denke dabei an Glaubenskriege, Genozide, Massaker, Deportationen, Hungersnöte, Massensterben durch atomare Strahlenverseuchung, Stichwort Tschernobyl. Als ich nach dem 26. Dezember 2004 hierzu nach Antworten suchte, fielen mir die Kriegszyklen (Radierungen/ Lithografien) von Francisco de Goya („Desastres de la Guerra“), von Max Beckmnn („Die Hölle“), von Otto Dix („Krieg“) und Picassos „Guernica“ ein. Ich erinnerte mich an Bilder von Otto Pankok und Käthe Kollwitz und an visionäre Lithografien A. Paul Webers, die vor der nationalsozialistischen Machtergreifung entstanden waren. Die Genannten wählten hauptsächlich grafische Techniken, das Schwarz-Weiß und düstere Grautöne. Sie schufen eindrucksvolle, beklemmende, scheußliche Bilder, die nicht fürs Wohnzimmer bestimmt sind, nicht der Erbauung und dem Frohsinn dienen, sondern Brutalitäten und Leiden unserer Spezies thematisieren. Der „Untergang der Titanik“ (Max Beckmann) wurde als umfassende Parabel, als Gleichnis des 20. Jahrhunderts aufgefasst. Ich fand die Darstellungen elementarer Gewalt bei Hokusai ikonografisch-ästhetisch kühn, großartig und faszinierend, jedoch hatte ich mich gefragt, ob wir heute Naturgewalt noch so ungebrochen als grandioses Naturschauspiel darstellen können und sollen. Auf einer anderen Ebene des Seins ist die Natur gegenüber dem Schicksal der Menschen und der Menschheit völlig indifferent. Seebeben und Tsunamis ereignen sich jenseits menschlichen Seins und Erlebens. Insofern könnte es tatsächlich gleichgültig sein, ob die in die drei Boote geduckten Ruderer überleben werden. Doch gibt es in einem anderen Bild Hokusais den Meeresgott, der in einer „Großen Welle“ furchterregend auftaucht und zu einem Samurai in Beziehung tritt („Der Meeresgott erscheint dem Ritter in der Woge“). Hokusai beseelt die Natur und bringt sie und den Menschen ins Zwiegespräch. Das Schicksal der Ruderer oder des Samurais ist ihm (und der Natur) nicht gleichgültig. Er lässt aber offen, ein ästhetisches Mittel japanischer Kunst, was passieren wird. Meine Frau, die Sinologie und Japanologie studiert hat, macht mich wiederholt auf diese Aspekte aufmerksam.
Lässt die Moderne mit ihren neuen Weltbildern die Sichtweise Hokusais noch zu? In seinem Bild erschrickt der Samurai beim Anblick des Meeresgottes. Er wirft die Arme hoch, verschränkt bittend seine Hände und verdeckt – in Demut – sein Angesicht. Die Gewalt des Meeresgottes ist furchtbarer als die Tapferkeit des Samurais. Was lehren uns Naturereignisse wie Seebeben und Tsunamis heute? Nicht wir beherrschen, wie oft anmaßend gesagt wird, die Natur, sondern die Natur beherrscht immer noch uns. Der (Meeres-) Gott ist aus unseren Naturbildern verschwunden und mit ihm die Demut.
Meine Reise nach Venedig, die ich im April 2005 mit Inge Lu unternahm, war gerade unter solchen Fragestellungen informativ und lehrreich. Die venezianischen Museen und Paläste boten zahlreiche Beispiele für „Katastrophen-Malerei“, angefangen bei der biblischen Sintflut. Auf den Schlachtengemälden sieht man die grausamsten Massaker, überall ein Metzeln und Morden. Auf anderen Gemälden gehen Schiffe mit Mann und Maus in Stürmen unter. Der ganze Gebäudekomplex des Dogenpalastes und der ihn umgebenden Bauwerke ist eine überwältigende, grandiose Demonstration der Macht und des Reichtums, der Einschüchterung durch Prunk und Protz. Jede Säule, jedes Tor, jeder Raum ist eine Ästhetisierung von Macht, Herrschaft und Gewalt. Hier begegnen wir auch der anderen, dunklen, gewaltsamen und grausamen Seite der Macht, den Unterbau der Kerker und Verließe, die durch dicke Mauern und mehrfach verschlossene Türen vom Überbau getrennt sind, damit kein Schrei die schöne Seite stört. Die Bilder Tintorettos, Veroneses, Basanos und anderer „Malerfürsten“ waren ikonografische Ausstattungen des Machtzentrums. Die Maler standen im Dienste der weltlichen und geistlichen Macht und des Reichtums. Man wird von der Wucht der großformatigen Bilder förmlich erschlagen. Viel Kriegslärm und grauenhafte Szenen. Die Bilder verherrlichen die venezianischen Siege, sie sind Hymnen auf die Seemacht und ihre Kriege. Dann plötzlich, einen Saal weiter, eine ganz andere Welt – in der Sala del Magistrato dei Conservatori alle Leggi des Dogenpalastes vier Tafelbilder von Hieronymus Bosch aus den Jahren 1504/05. Welch ein Kontrast zu den Monumentalbildern der venezianischen Malerei! Die Infernoszene und das Triptychon der Eremiten zeigen Katastrophen und Weltuntergangsszenarien ganz anderen geistigen Inhalts. Den Darstellungen von Bosch fehlt jegliches auftrumpfende Imponiergehabe und jede Selbstverherrlichung, die auffallendsten Charakteristika vieler venezianischer Riesengemälde.
Beim Gang durch die Paläste und Säle hatte ich ständig meine Leitfragen im Kopf. Trotz der überwältigenden Eindrücke blieb in meinen Gedanken das Schicksal meiner vier Familienmitglieder immer gegenwärtig. Ich suchte die Bilder nach Motiven des Grauens und Entsetzens ab. Auf Tintorettos Gemälde „Kain und Abel“ (entstanden 1550/53) fesselte mich die Drehbewegung der beiden nackten Körper, die im Handgemenge um eine gedachte Achse kreisen, wobei die Körper selbst noch eine dramatische Drehbewegung vollziehen. Die Aktfiguren in Vorder- und Rückenansicht sind harmonisch in die sie umgebende Landschaft eingefügt. Auf Tintorettos Gemälde Gemälde „San Marco salva un Saracene“ („Der Heilige Markus errettet einen Sarazenen aus Seenot“, entstanden 1562) faszinierte mich, wie der Körper des Sarazenen aus einem sinkenden Schiff hochgezogen wird. Der Körper vollzieht dabei eine Drehbewegung nach rechts. Tintoretto stellt im Hintergrund des dramatischen Rettungsvorganges eine große Welle dar, die ich für meine Arbeiten skizzierte.
Ich blieb ganz im grafischen Schwarz-Weiß mit düsteren Grautönen. Meine Schreckensbilder, mein Grauen und Entsetzen konnte ich so am besten ausdrücken.

Notizen & Skizzen aus meinem Tagebuch des Grauens Teil II

15. Juni 2005
Christian wurde am 21. März, Nicola am 27. April und Lina Ende Mai identifiziert. Jule wurde, wenn sie überhaupt gefunden worden ist, noch nicht identifiziert. Mit der Beisetzung der Urnen warten wir  noch bis in den Juli hinein, in der Hoffnung, dass auch noch die Überreste der kleinen Jule zurückkommen werden. Christian war ein geborener und überaus erfolgreicher Unternehmer und Kaufmann in der Informationstechnik-Branche. Mit 38 Jahren hinterließ er ein beträchtliches Vermögen. Er wusste, wie man ein Unternehmen hochbringt.

22. Juni 2005
An Hannelore und Kurt Mintzel, Rimpar.- Es ist sicher ein Wagnis, solche Bilder öffentlich zu zeigen. Ich muss gestehen, dass es mir bei dem Gedanken an die Ausstellung etwas mulmig zumute ist. – Eben ging durch den Deutschland-Funk, dass nur noch 43 Deutsche vermisst werden (oder noch nicht identifiziert sind?)

25. Juni 2005
„Das Bundeskriminalamt gibt die Zahl der deutschen Opfer mit 557 an. 516 Personen seien identifiziert worden, 41 würden noch vermisst. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass auch die Vermissten im Laufe des Jahres noch identifiziert werden können.“ (Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 145 vom 25. 06. 2005, S. 9)

26. Juni 2005
Bei der abermaligen Sichtung und Einordnung der Bilder in den „Khao Lak-Zyklus“ sehe ich noch schärfer als bisher das eigentliche Problem der Verarbeitung massenmedialer Bildreportagen. Solche Bildvorgaben wirken sich auf die ikonografisch-ästhetische Auswertung und Umsetzung des Materials aus, sie weisen dem Versuch der Umsetzung in eine eigene Bildsprache die Richtung und wollen sich herrisch behaupten. Bei einer nachträglichen Analyse der benutzten Vorgaben zeigt sich, dass diese ihrerseits schon hoch selektive Prozesse durchlaufen haben. Die Häufigkeit der Auswahl bestimmter Fotos in den Printmedien und die Wiederverwendung gleicher Bildausschnitte in späteren Berichten haben selektierte Horrorbilder zu Ikonen der Katastrophe werden lassen. Ähnliche Vorgänge der Entstehung von Katastrophen-Ikonen waren nach dem 11. September 2001 zu beobachten. Die Passagierflugzeuge rasen noch immer in die Twin Towers des World Trade Centers, die Flammen schlagen noch immer aus den getroffenen Etagen der Wolkenkratzer. Diese Ikonografie der Katastrophe hat sich eingeprägt, diese Bilder sind zu kollektiven Ikonen des beginnenden 21. Jahrhunderts geworden. Von den fast 3000 Menschen, die in den Twin Towers umgekommen und von den in sich zusammenstürzenden Hochhäusern zermalmt worden sind, gibt es keine Ikonen.
Im Nachhinein nehme ich wahr, dass meine individuelle Auswahl von Bildmaterial von Anfang an „unwissentlich“ mit kollektiven Selektionsprozessen korrespondiert hat. Ich habe anscheinend das Bildmaterial ausgewählt, das tatsächlich mit am stärksten erschüttert hat. Ist die Umsetzung in eine eigene Bildsprache hierdurch gescheitert? Die Antwort darauf ist wohl über die Frage zu finden, inwieweit ich mich durch die spezielle individuelle Be- und Verarbeitung von fotografischen Vorgaben entfernt und sie in eigene Bildideen übersetzt habe. Durch die Einfügung in eine Handzeichnung oder durch die Komposition und grafische Bearbeitung in einer Folge wie beim „Totenreigen“ wird die ausgeschnittene und mit Bleistift, Kohle und Grafit bearbeitete Bildvorgabe in eine eigene Bildidee überführt. Die Technik der Collage wird hierdurch zu einem legitimen bildnerischen Mittel.
Auch in meiner Lithografie „Verhängnis“, die ich noch in den Zyklus aufgenommen habe, scheint ein kultureller Topos auf, eine kulturelle „Vorgabe“: der „Gekreuzigte“ unter Wasser im Todeskampf mit der Welle, neben und unter ihm im Wasser treibende Menschen, eine ertrinkende Frau, ein Kind und andere Personen. Foto-Vorgabe und die Vorgabe eines kulturellen Topos dienen einer aktuellen Bildidee, Schrecken und Grauen der Flutkatastrophe ins Bild zu setzen. In dieser Auseinandersetzung mit dem bildnerischen Prozess erkenne ich in mir immer wieder auch den Wissenschaftler, den Analytiker, der seinen eigenen Arbeitsprozess beobachtet.

27. Juni 2005
Inge Lu in ihrem Brief von heute an Hannelore und Kurt Mintzel: Das Thema lässt uns nicht los, und wir können das Thema nicht loslassen. Wir hoffen auf den Zeitfaktor, aber einordnen lässt sich das einfach nicht. Jede neue Nachricht schwappt über unser angekratztes System, wir schütteln uns, nichts lässt sich abschütteln. So laufen wir wie begossene Pudel herum, kläffend, weil gereizt, und irgendwie nicht im Lot. Festhalten kann man sich eigentlich nur an dem Satz, dass die Familie näher zusammenrückt, das ist nun wirklich so, und nicht wegzureden. Beim Baden im Passauer „Erlebnisbad“ mit Mia und Carlotta am Sonntag vor acht Tagen rief der Bademeister: „Meine Damen und Herren, in fünf Minuten kommt die große Welle“. Im großen Schwimmbecken passiert das etwa alle Stunde.
Alle Leute rasten ins Wasser, und Mia fragte: „Sterben die jetzt?“ Anne [unsere Tochter] hatte auch ein sehr mulmiges Gefühl, schmiss sich aber dann mit beiden Kindern ins Tiefe, weiß der Teufel, was in ihr vorging. Sie kam sehr nachdenklich heraus. Immer wieder wagt sich die Vorstellung ein Stück weiter, aber es bringt einfach keinen inneren Frieden. Am besten geht es noch, wenn man sich viel vornimmt. Das ist ja bei Euch gegeben, und die Großfamilie fordert einen ständig. Also „reiß mer uns zamm!“ wie der Franke sagt. Die Elefantenherde ist stark …

Juli 2005
Ich hatte geglaubt, den „Khao Lak-Zyklus“ abgeschlossen und aus der Vielzahl der Collagen die ausgewählt zu haben, mit denen es am eindringlichsten gelungen zu sein schien, massenmedial aus den Katastrophengebieten übermittelte Fotografien in eine eigene Bildsprache zu übersetzen. Mit jeder neuerlichen Betrachtung meiner Bilder kommen mir indes Zweifel, ob ich mit der Collagetechnik die ungeheure Katastrophe wirklich so „ins Bild gesetzt“ habe, dass ein Betrachter sich nicht mit bloßer Medienrealität konfrontiert sieht. In jeder meiner Collagen bleibt der Verweis auf eine fotografische Vorgabe aus der Presse bestehen. Ich vertusche und verleugne nicht die massenmediale Vorgabe, ich nutze die schrecklichen Informationen einer Fotografie und die Gefühle, die sie auslöst. Es schaudert uns, wenn wir Horrorbilder aus den Katastrophengebieten betrachten. Die Frage bleibt, ob ich mit der Collagetechnik die übermittelten Vorgaben nur verstärke oder in eine eigene Bildqualität transformiere. Es gibt ausdrucksstarke und erschütternde Fotografien, die grauanhafte Vorgänge und Ereignisse festhalten. Zwei Männer stehen an einer scheinbar nicht gefährdeten Stelle unweit des Strandes und sehen die Welle heranrollen. Sie befinden sich auf einer Veranda eines Bungalows oder Hotels. Ihre Silhouetten lassen die beiden zu anonymen Schatten werden. Der bullige Mann stützt seine Hände gelassen auf die Hüfte, schaut hinaus auf die heranschwappende Riesenwelle und scheint nicht zu begreifen, was auf ihn zukommt. Der andere Mann steht neben ihm, sei Profil lässt vermuten, dass sich beide über das Naturschauspiel unterhalten. Die Fotografie zeigt eine Situation unbekannter Gefahr. Ich habe dieses Bildmotiv in meinem „Khao Lak-Zyklus“ mehrmals verarbeitet, den bulligen Mann vervielfacht und die Ausschnitte in eine Sequenz gesetzt. Die schwarzen Silhouetten wirken wie eine starke Barriere vor der Großen Welle, als könnte der Tsunami sie nicht wegreißen. Die sequentielle Darstellung soll zugleich die Massenhaftigkeit dieses Schicksals ausdrücken.

5. Juli 2005
„Khao Lak, immer wieder Khao Lak, das mehr als die Hälfte der 5.300 Opfer in Thailand zu beklagen hatte. Praktisch alle Anlagen haben den Betrieb längst wieder aufgenommen. Die große Ausnahme sind die Phi-Phi-Inseln und Khao Lak, wo der Wiederaufbau ein bis zwei Jahre dauern dürfte. Doch sämtliche Strände im Südwesten Thailands sind menschenleer. Die scheinbare Willkür der Verheerungen überfordert den menschlichen Verstand im allgemeinen und die geographischen Kenntnisse im Besonderen.“ (Süddeutsche Zeitung Nr. 152 vom 05.07.2005, S. 38)

9. Juli 2005
Der Mensch hat seit Urzeiten sintflutartige Naturkatastrophen erlebt. In Jahrtausenden sind unzählige Menschen Opfer dieser „Wasser-Monster“ geworden, die sich plötzlich aus dem Meer erheben und alles verschlingen, was ihnen im Weg steht. Zu allen Zeiten haben gewaltige Wassermassen Länder und Menschen überspült. In der Menschheitsgeschichte sind die Urkatastrophen als Mythen im kollektiven Gedächtnis geblieben. Geophysikalische Verschiebungen und klimatische Veränderungen werden noch viele Sintfluten hervorrufen. Die Monster kehren wieder! Naturgewalten nehmen nicht am Schicksal des Menschen teil. Die sie in den Tod reißen, haben einfach Pech gehabt. Wasser spendet Leben, Wasser vernichtet Leben. Christian, Nicola, Lina und Jule waren wie viele Opfer zur falschen Zeit am falschen Ort.
In den Hochreligionen sind Sintfluten und Monsterwellen, gleich wodurch ausgelöst, Drohungen und Strafen Gottes für sündhaftes Denken und Tun oder Prüfungen der Glaubensfestigkeit (Hiob). Der Imam predigt, der Tsunami sei ein Zeichen Gottes. Allah habe die Menschen bestraft, weil sie nicht nach dem Koran gelebt hätten. In aufgeklärten modernen Gesellschaften funktioniert diese Drohtheologie nur noch in fundamentalistischen Glaubenskreisen. Die Frage, wo war Gott, wird ansonsten hämisch gestellt: „Wo war Euer Gott?“, der angeblich Allmächtige, Allwissende, Allgegenwärtige und Allgütige, der so väterlich um den Menschen besorgt sein soll? Buddhisten fügen sich klaglos in ihr Los. Nichts ist ihrem Glauben zufolge Zufall, sondern alles die Folge eigener Taten in diesem oder in einem früheren Leben. Sentimentale Anteilnahme ist fehl am Platz. Ob Strafgericht oder Karma, es sind unterschiedliche Weisen, diesem sinnlosen Sterben einen Sinn zu unterlegen und das ungeheuerliche fassbar und ertragbar zu machen. Mein Zyklus  kann und will keinen Trost spenden. Er ist lediglich ein Stück menschlicher Erinnerungskultur und eine Form der Anteilnahme an dem Unglück und an der Trauer. Inge Lu hat sie in Haikus ausgedrückt. Zwei davon:

Das Maul der Welle
Speit noch Unverdautes aus:
Eltern und Kinder.

Wer kann begreifen,
dass von unsren Lieben nur
eine Muschel blieb?

25. Juli 2005
Der Tsunami vom 26. Dezember riss laut Passauer Neue Presse vom heutigen Tag in elf asiatischen Ländern mindestens 178 953 Menschen in den Tod. Bis heute werden noch 49 616 Menschen vermisst. Die ungeheuerlich hohe Zahl der noch Vermissten tröstet nicht darüber hinweg, dass auch Jule zu den Vermissten gehört. Ein endloser Totenreigen!

26. Juli 2005
Sieben Monate nach der Tsunami-Katastrophe wissen wir immer noch nicht, ob Jule gefunden und identifiziert worden ist. Mit diesem traurigen Nachruf schließe ich heute den Katalog zum „Khao Lak-Zyklus“ endgültig ab.

„Wo war Gott?“

Unter der Bild-Reportage stand in großen Lettern die Titelfrage: „Wo war Gott?“ BILD riss die Frage provokativ an, spielte damit auf die Gott zugeschriebenen Eigenschaften an, auf seine Allgegenwärtigkeit, seine Allmächtigkeit und Allgütige. Aber es blieb, wie nicht anders zu erwarten, bei dem Aufmacher, bei der Anspielung. Warum hat Gottvater, der angeblich seine Menschenkinder allgütig liebt und beschützt, nicht vor der hereinbrechenden Gefahr, vor der „Killerwelle“, gewarnt? Warum hat er, der Allwissende und Allmächtige, Abertausende im Stich gelassen? Wo war er, der der Allgegenwärtige genannt wird, als die „Monsterwelle“ Hunderttausende verschlungen hat: Säuglinge, Kleinkinder, junge Leute, Eltern, Großeltern, Freunde, verliebte Paare? „Wo war der barmherzige und gerechte Gott?“ Warum hat er vor Ort nicht geholfen, die „Todeswelle“ aufzuhalten? Solche Fragen wurden zwar gestellt, aber im selben Atemzug wurde Gott freigesprochen von jeder Verantwortung. Gott träfe keine Schuld, der „Allmächtige „habe die Krönung seiner Schöpfung, den Menschen, in die Selbstverantwortung und Freiheit entlassen. Gegen Naturkatastrophen müsse der Mensch den ihm verliehenen Verstand einsetzen, zum Beispiel ein technisches Frühwarnsystem einrichten. Die Verteidiger des „lieben Gottes“ meinen, man müsse zwischen Naturgewalten und verbrecherischen Menschengewalt unterscheiden. Gott wird exkulpiert. Gott habe die von ihm erschaffene Welt ihrer Entwicklung, Evolution, freigegeben. Gott habe sich von seinem missratenen „Ebenbild“ abgewandt und in den Himmel zurückgezogen. Alles mehr als unbefriedigende Antworten der Theologie und theologisierender Laien. Gerettete Gottesgläubige mögen sich auf Psalm 18 berufen und glauben, Er habe seine Hand ausgestreckt und sie aus den großen Wassern gezogen: „(5) Es umfingen mich die Todes Bande, / und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. (8) Die Erde bebte und wankte, / und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war. (16) Da sah man die Tiefen der Wasser und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt / vor deinem Schelten, HERR, / vor dem Odem und / Schnauben deines Zornes. (17) Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich / und zog mich aus großen Wassern. (20) Er führte mich hinaus ins Weite, / er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. (31) Gottes Wege sind vollkommen, / die Worte des HERRN sind durchläutert. / Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen.“
Wir haben fast ein ganzes Jahr gewartet und gehofft. Jule Mintzel wurde nicht mehr gefunden. Die Beisetzung der drei Urnen der gefundenen Eltern und ihrer Tochter Lina fand ein volles Jahr nach der Katastrophe statt. Am 15. Dezember 2005 nahmen wir noch einmal am Familiengrab Mintzel auf dem St. Johannisfriedhof in Nürnberg Abschied. Für die auf ewig verschollene Jule wurde eine rote Rose auf das Grab gelegt. Seit dem Jahre 2004 konnten wir kein Weihnachtsfest mehr feiern, ohne am 26. Dezember der Vier zu gedenken. Mein Bruder Kurt litt schwer am Verlust seiner Kinder und Kindeskinder. Er erholte sich nicht mehr von diesem Unglück. Seelisch und physisch gebrochen starb er am 8. Juli 2016 im Alter von 75 Jahren.

Bilder aus dem Khao Lak-Zyklus

Alf Mintzel, Flucht vor der Todeswelle, 6. März 2005, Zeichnung, Bleistift Kohle, Graphit, Collage mit Bleistift überzeichnet, 38,5 cm x 56,5 cm

Alf Mintzel, Danach: Treibgut Mensch, 6. März 2005, Zeichnung und Collage, Bleistift Kohle, Graphit, 35,9 cm x 60,9 cm

Alf Mintzel, Todesreigen, 3. März 2005, Collage mit Bleistift, Kohle, Graphit überzeichnet, 38,5 cm x 56,5 cm

35. Kosmische Schauspiele und menschliche Ängste (II) – Sonnenfinsternisse (1654/1999)

Die Sonnenfinsternis am 2. August 1654

(Frei nach alten Quellen erzählt)

Zwei alte Quellen geben uns anschaulich bis in viele Details Auskunft darüber, wie die Menschen damals die für den 2.August 1654 angekündigte totale Sonnenfinsternis erlebten und welche Vorkehrungen sie gegen die vorhergesagten Übel und Schrecken trafen: Die „Beschreibung der ungewöhnlichen grossen Sonnen-Finsternis“ des Straßburger Mathematikers Eberhard Welper aus dem Jahre 1654 und das Hausbuch (Band I, 1652-1655) des Hofer Apothekers Michael Walburger, der darin über die Geschehnisse und seine Beobachtungen berichtet. Welpers Traktat über diese Sonnenfinsternis und ihre Begleiterscheinungen war in Hof an der Saale durch einen Raubdruck der Mintzelschen Buchdruckerei bekannt geworden. Sein Inhalt hatte sich rasch herumgesprochen. Wie ein Jahr zuvor Jacob Ellrod die Erscheinung eines Kometen unter astronomischen, astrophysikalischen, astrologischen und „naturgemäßen“ Gesichtspunkten beschrieben und erörtert hatte, so handelte auch Welper die bevorstehende Sonnenfinsternis nach dem damals üblichen Muster ab. Es war wohl der Hofer Mathematiker und Theologe, der Welpers Schrift für den Raubdruck bearbeitet und die sensationellen und erschrecklichen Teile mit ihren „nützlichen“ Anweisungen für Vorkehrungen in den Vordergrund gerückt hatte.

[Abbildung: Eberhard Welpern: ECLIPSIOGRAPHIA Oder Beschreibung der […] grossen Sonnen=Finsternus […] 1654. Titelblatt]

Welpers Schrift entlarvt ihren Autor trotz seines astronomischen Wissens als Kind einer wundergläubigen Zeit, die immer noch von uralten Ängsten geplagt wurde. Der Straßburger Pfarrer und Mathematiker teilte mit den meisten Menschen seiner Zeit die Jahrtausende alte Überzeugung, die bevorstehende Sonnenfinsternis sei ein Gotteszeichen, das großes Unheil ankündige. Während solcher Himmelserscheinungen, so Welper, entwickelten sich giftige Dämpfe in der Luft. Giftige Nebelschwaden legten sich über weite Landstriche. Von den giftigen Lüften und Winden gingen, falls keine geeigneten Vorkehrungen getroffen würden, für Mensch und Tier tödliche Gefahren aus. Es käme zu einem großen Sterben. Viele Menschen und Tiere würden hinweggerafft, Kinder stürben im Leib ihrer Mütter, Schwangere gingen elend zugrunde. Seine Liste der Gegenmaßnahmen war lang und kurios. Er empfahl seinen Lesern, schon Tage vor dem Ereignis nur Diätkost zu sich zu nehmen. Dazu zählte die Einnahme von Präservationspillen. Es sollte kein grünes Obst gegessen werden. Am Tage der Sonnenfinsternis sollten die Menschen nicht ihren Geschäften nachgehen, sondern möglichst alles tun, was die Gefahren der giftigen Lüfte abwenden könnte: Sie sollten nicht zu Mittag essen und in allen Stuben des Hauses Räucherwerk anzünden. Wohlriechende Düfte aus Wacholderbeeren, Lorbeer, Rosmarin, Salbei, Thymian, Lavendel, Nelken, Zimt, Weihrauch und Myrrhen seien besonders gute Abwehrmittel. Draußen auf den Gassen und in den Höfen sollten Scheiterhaufen aufgerichtet und angezündet werden, weil Feuer geeignet sei, die Luft zu reinigen. Auf der Gasse sei es gut, ständig gegen den Wind zu blasen, auszuspeien und sich zu räuspern, damit nichts Unreines in den Körper gelange. Gegen das Gift in der Luft helfe auch, wenn man Angelika oder Pomeranzenschalen, Zitronenschalen oder Wacholderbeeren in den Mund nähme und langsam zerkaue. Eine Gegenwirkung ginge auch von Quecksilber aus, das in eine Haselnussschale eingeschlossen sei. Die quecksilbergefüllte Nussschale solle als Amulett getragen werden. Solche Anweisungen und Vorkehrungen waren nicht neu. Ein Jahrhundert zuvor galten sie als wirksame Mittel gegen die Pest. Welper ging in seiner Furcht und Angst verbreitenden Deutung der bevorstehenden Sonnenfinsternis sogar so weit zu prophezeien, dass der Jüngste Tag nahe sei. Er werde noch vor 1670 kommen.

Welpers Handlungsanweisungen verfehlten nicht ihre Wirkung. Sie sprachen sich in Windeseile herum und wurden befolgt. Viele Hofer Bürger gaben sich schon Tage vor dem Ereignis in Michael Walburgers Apotheke die Klinke in die Hand. Der Apotheker machte mit den Ängsten der Menschen ein so gutes Geschäft, dass er am 31. Juli 1654 in sein Hausbuch einschrieb: „Die leuth praeserviren sich wegen bevostehenter Finsternuß. Haben eins theils uffm Landt, bevorauß ettlich vom Adel, wie auch in der Stadt, wegen bevorstehenten schrecklichen Finsternuß, so könfftigen Mittwoch den 2. Augusti an der Sonnen am Mittag sein wirdt, daran der Medicorum aller ortten Meinung nach, viel gifftige Lüfft und Näbel gefallen werden, sich mitt praeservativ Mitteln, alß reucherwerg, Nasen Balsam, Küchlein unter die Zung, und andern Medicamentis, auß Meiner Apotheken versehen. Item sindt unterschiedtliche avisen einkommen, daß zu Rehau, zu Schwarzenbach an der Sahl, zum Almitz, an einem Jden ortt, ein Kindt so 2, 3, und 4. Jährig gewesen, Jnngleichen zu Wohnsiedel [Wunsiedel – A.M.] zwei, im waßer ertrunken sein, dergleichen wie dem 29. Juli zu sehen, auch uff der pappiermühl beschehen, waß diß bedeutet, ist Gott bekandt, Ihrer viel geben vohr, bevorstehte Finsterniß habe schon Jhre wirckung.

Den Hofer Bürgern wurde angst und bang. Jedes neue Gerücht wurde als Tatsache weitergegeben, überall wurden Vorzeichen des kommenden Unheils erkannt. Die Menschen sahen in der Sonnenfinsternis eine Botschaft Gottes und fürchteten seine Strafe. Die geistlichen Herren nährten mit ihrer Zorn- und Straftheologie die Ängste und forderten die Menschen zur Umkehr auf. Der Hofer Superintendent Magister Johann Küffner(1606-1659) hielt am Sonntag vor dem Ereignis eine scharfe Bußpredigt, in der er dem Stadtrat und den Gewerben vorwarf, sie hätten mit überhöhten Brot- und Fleischpreisen den Zorn Gottes hervorgerufen. Das Pfund Rindfleisch sei mit neuneinhalb Pfennigen zu hoch angesetzt, ebenso das Pfund Schweinefleisch mit elf Pfennigen. Er prangerte in seiner Sonntagspredigt die angeblich überzogenen Preise mit so gewaltigen Worten an, dass der Stadtvogt, der Bürgermeister und der Rat der Stadt gleich am nächsten Morgen die Preise um einen Pfennig senken ließen. Die Warnungen vor Gottes unmittelbar bevorstehender Strafe waren der Stadtobrigkeit so in die Glieder gefahren, dass sie unverzüglich handelten, um Gott zu besänftigen und Schlimmes abzuwenden.

Wegen der Prophezeiung, während der Sonnenfinsternis entstünden Giftschwaden, die das Wasser vergiften würden, schöpften die Bürger in den Tagen davor die Röhrenkästen leer. Sie schleppten in Bütten und Kannen das Wasser nach Hause und legten für Mensch und Tier Vorräte an. Am Dienstag, den 1. August 1654, hielt dies Apotheker Walburger in seinem Hausbuch fest: „Wegen der finsternus wirdt heut viel waßer geschöppft. Haben in der gantzen Stadt alhier, wegen Morgenter Finsternus, die leuth alle RöhrCästen mitt waßer zum Kochen und für daß vihe sehr erschöppft, weiln man in gedancken stehet, es sollen Morgen alle waßer sehr gifftig sein und ist viel lamentirns, Klagen sagens und forcht, wegen gedacht Morgenter Finsternus.“

Die Wasserversorgung drohte zusammenzubrechen. In der Stadt und auf dem Lande waren die Menschen so in Angst und Schrecken versetzt, dass sie tatsächlich aufhörten, ihren gewohnten Geschäften nachzugehen, und nur noch über das kommende unheilvolle Ereignis sprachen. Die ganze Stadt war erfüllt von dem Gerede über wirksame Vorkehrungen und Abwehrmittel. Es sei vor allem ratsam, Buße zu tun.

Die Morgendämmerung zog herauf. Der Tag brach an. Dunkle Wolkenfahnen durchzogen den silbernen Himmel. Die Bürger waren schon früh aus ihren Betten gestiegen und schauten nach den Zeichen Gottes. Wie würde der Tag enden? Wen träfe die Strafe Gottes? War der Jüngste Tag gekommen? Der Superintendent Johann Küffner hatte den Küster der Sankt Michaeliskirche angewiesen, die große Glocke schon am frühen Morgen zu läuten, zum ersten Mal um fünf Uhr, zum zweiten Mal um halb sechs Uhr und um sechs Uhr zusammen mit allen anderen Glocken. Für sechs Uhr hatte er Bußgesänge angeordnet, danach seine große Bußpredigt angesetzt. Gehorsam strömten die Bürger aus allen Gassen und Winkeln zur Stadtkirche. Vom Lande herein ratterten die Chaisen der Adeligen, die von ihren umliegenden Gütern kamen. Die gesamte städtische Obrigkeit war unterwegs, der Bürgermeister, der Stadtschreiber und Notar, der Stadtvogt und die Räte, der Spitalmeister, der Kammermeister, der Gotteshauspfleger, der Zolleinnehmer und die Gegenschreiber, die gesamte markgräfliche Beamtenschaft. Je näher die Gläubigen dem Hauptportal der Sankt Michaeliskirche kamen, desto dichter wurde das Gedränge. Selbst die ältesten Bürger konnten sich nicht daran erinnern, schon einmal so viele Menschen zur Kirche gehen gesehen zu haben. Die Angst vor schrecklichen Ereignissen war so groß, die Furcht vor Gottes Zorn und Strafe so mächtig, die Gewissensbisse so quälend, dass niemand es wagte, nicht zur Kirche zu gehen, es sei denn, er lag im Sterben und hatte nicht mehr die Kraft zum Kirchgang. In Scharen eilten sie zur Sankt Michaeliskirche, um zu beichten, das Abendmahl einzunehmen und Buße zu tun.

Die Bußpredigt

(Frei nach alten Quellen erzählt)

Der Superintendent hielt eine gewaltige Bußpredigt, die drei Stunden dauerte. Adel, Bürger, Handwerker, Bauern und Tagelöhner saßen und standen dicht gedrängt im geräumigen Kirchenschiff. Die Bänke und Stühle reichten nicht aus. Maria Mintzel saß mit ihren beiden Kindern ganz hinten bei den Weibern der Handwerker und lauschte. Viele mussten stehen. Nicht wenige ergriff Übelkeit, sie hatten Mühe, die Predigt durchzuhalten. Küffner redete seiner Gemeinde ins Gewissen und ermahnte sie mit eindringlichen Worten, sich eines frommen und gottseligen Lebens zu befleißigen, von ihrem sündigen Treiben abzulassen, ernstlich Buße zu tun und zu beten. Sie sollten morgens und abends neben den üblichen Gebeten den 91. Psalm sprechen und Gott um Schutz und Schirm bitten. Sie sollten sich täglich in der christlichen Nächstenliebe üben und den Bedürftigen Almosen geben. Sie sollten sich mit Beleidigten versöhnen, Zank und Uneinigkeit vermeiden, nüchtern und mäßig leben, dann werde Gott die großen Gefahren, die von dieser schrecklichen Sonnenfinsternis ausgehen, von ihnen abwenden. Die Historien bezeugten, so sagte Küffner, dass auf solche Weise schon viele tausend Menschen und ganze Königreiche von den bösen Lüften befreit worden seien. Er malte die furchtbaren Gefahren in grellen Farben aus, die von den giftigen Lüften ausgehen sollen. Die Lüfte drängten überall ein, das große Sterben nehme seinen furchtbaren Lauf. Alle Arzneien und Präventivmaßnahmen würden nichts nützen, wenn die Menschen nicht gelobten, künftig ein gottesfürchtiges und gottgefälliges Leben zu führen. Die natürlichen Mittel gegen die giftigen Lüfte wirkten nur, wenn auch die göttlichen Mittel benutzt würden. Die Wortsalven des Gottesmannes hallten im Kirchenschiff wider. Wie es die Rhetorik seines Jahrhunderts verlangte, unterstütze der Prediger seinen Redefluss mit theatralischen Gesten und einem imponierenden Mienenspiel. Er warf seine Arme gen Himmel, ballte die Faust und ließ sie auf das Pult der Kanzel niedersausen, er rollte die Augen und wechselte rasch Stand- und Spielbein, indem er sich mal nach rechts und mal nach links wandte. Sprach er vom Zorn Gottes, bebte sein ganzer Körper und er duckte sich, als schlüge Gottvater ganz fürchterlich von oben auf ihn ein. Die Orgelbässe brachten die schweißgeschwängerte Luft zum Schwingen, die Läufe dröhnten von den Wänden. Paul Hohänner, der Organist, holte aus der Orgel brausende Klänge hervor, als sei der Untergang der Welt angebrochen. Die Gläubigen sangen ergriffen das „Gelobt sei Gott im Himmel“ und das „Halleluja“. Die Luft roch penetrant nach Angstschweiß, was verängstigte Gemüter schon als Eindringen der giftigen Lüfte deuteten. Der Superintendent zog alle Register seiner theologischen Rhetorik, er wurde zum leibhaftigen Zorn Gottes, seine Stimme bebte. Er las den Stadtoberen und Gewerben nochmals die Leviten wegen der überhöhten Preise für Schweinefleisch, Rindfleisch und Brot. Er prangerte die Verderbtheit an, die sich in der Stadt ausgebreitet habe. Die Strafe Gottes bliebe nicht aus, wenn die Bürger nicht in sich gingen und sich wandelten. Die Sonnenfinsternis war ein wahres Gottesgeschenk für seinen eifrigen Diener. Er konnte mit seiner wortgewaltigen Bußpredigt den Gläubigen tüchtig ins Gewissen reden und ihre Herzen peinigen. Sie beichteten in langen Reihen und nahmen das Abendmahl ein.

Um halb zehn Uhr endete der Gottesdienst. Unter apokalyptischen Orgelklängen verließen die Gläubigen die Michaeliskirche. Bis zum Eintritt der Sonnenfinsternis waren es noch gut zwei Stunden. Regenschwere Wolken hatten inzwischen den Himmel bedeckt, dann und wann rissen die Winde die Wolkendecke auf und die Sonne brach durch. Die Blicke richteten sich angsterfüllt gegen den Himmel. Alle strömten nach Hause, um sich mit den gepriesenen natürlichen Mitteln auf das schreckliche Ereignis vorzubereiten. Viele glaubten, die giftigen Lüfte schon zu riechen und auf den Lippen zu schmecken. Sie fingen an, sich zu räuspern und das Gift auszuspucken. Sie bliesen und pusteten gegen den Wind, um die giftigen Schwaden abzulenken. Sie riefen, man solle endlich die Scheiterhaufen anzünden, damit das Feuer die Luft von den Giften reinige. Dann war es soweit. Der Schatten begann langsam über die Sonne zu wandern. Knechte entzündeten die großen Scheiterhaufen, die in der Ersten Gasse und in der Klostergasse aufgeschichtet worden waren. Die Beherzten und Neugierigen kamen aus ihren Häusern, um das Himmelsgeschehen zu beobachten. Die Ängstlichen verkrochen sich in ihre Stuben und warteten, was geschehen würde. Überall glomm Räucherwerk. Die Leute horchten auf die Laute, die von der Ersten Gasse heraufdrangen. Was passierte draußen? Würde der Tod aus den giftigen Nebelschwaden hervortreten und die Vorwitzigen ersticken?

Die Wolkendecke riss auf und gab den Blick auf die Sonne frei. Es war für die Augen gefährlich, in die Sonne zu schauen, aber davon war in der Predigt nicht die Rede gewesen. Ganz langsam, für das Auge kaum wahrnehmbar, wurde die Sonne vom Schatten verschluckt. Das Tageslicht wurde fahl und matt, in die Sommerfarben mischte sich ein grauer Ton, es fing an zu dämmern, die Menschen und Dinge verloren ihre Schatten, die Hunde verkrochen sich, die Vögel hörten auf zu singen, die Spatzen schlüpften in ihre Nester, es legte sich über alles eine Stille, die Menschen starrten angsterfüllt zum Himmel, ihr Geschwätz verstummte. Selbst die Beherzten und Neugierigen knieten nieder und begannen laut das Vaterunser zu beten. Andere sangen fromme Lieder und riefen: „Herr, Du großer Gott, sei uns gnädig! Erbarme Dich unser!“ Andere stimmten Bußgesänge an und erhoben die Arme zum Himmel. Sie unterbrachen ihre Gebete und Gesänge, um kräftig gegen die giftigen Nebel zu blasen und zu pusten, und spuckten das angeblich in ihre Münder gelangte Gift aus. Dann huschte auf dem Höhepunkt der Sonnenfinsternis, schneller, als die Augen folgen konnten, der schummrige Schatten über die Stadt und die Häuser. Es herrschte für eine kurze Zeit Dämmerung. Plötzlich wehte ein Wind mit sausendem Ton um die Häuser. Es war der Schattenwind der Finsternis. Eine dunkle Wolkenbank schloss den Himmel.

Allmählich hellte sich die Düsternis auf. Das zunehmende Licht kündigte das Ende der Sonnenfinsternis an. Die Wolkendecke schloss sich wieder und es begann leicht zu regnen. Am Nachmittag kam stürmisches Wetter auf. Ein Platzregen setzte die Gassen unter Wasser, was die Menschen für ein böses Omen hielten. Der 2. August 1654 ging mit regnerischem Wetter zu Ende. Das große Sterben blieb aus, die Menschen gingen in den Trott ihres Alltags zurück und führten ihr Leben weiter wie zuvor. Die gewaltige Bußpredigt des Superintendenten Küffner verlor in kürzester Zeit ihre Wirkung.

345 Jahre später: Die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999

Die moderne Astrophysik und das naturwissenschaftliche Weltbild haben solche Ängste längst gebannt. Mit Buß- und Strafpredigten lässt sich die aufgeklärte Menschheit nicht mehr schrecken und peinigen. Nur noch Sektierer, religiöse Fundamentalisten und Phantasten glauben an ein göttliches Zeichen und apokalyptische Ereignisse. Das Drehbuch für das kosmische Schattentheater ist einfach: Sonne, Erde und Neumond stehen auf einer Linie. In der Himmelsmechanik müssen die drei Akteure einem diffizilen Spielplan folgen. Die Mondbahn ist gegenüber der Ebene, in der die Erde um die Sonne läuft, um etwa fünf Grad geneigt. Aus diesem Grund trifft der rund 400.000 Kilometer ins All ragende Mondschatten die Erde nicht bei jedem Umlauf. Nur wenn der Trabant in oder nahe einem der beiden Bahnschnittpunkte steht, kann er die Sonne verfinstern. In jenen Regionen, die das etwa 14.000 Kilometer lange und maximal 270 Kilometer schmale Band des Kernschattens überstreicht, erscheint die Sonne total bedeckt. Schon die alten Griechen wussten, wie Plutarchberichtet, dass physikalisch gesehen nur der Kernschatten des Mondes über die Erde huscht. Im Europa des 20. Jahrhunderts wird der Mechanismus des Naturschauspiels bis ins letzte Detail verstanden. Für die moderne Forschung haben totale Sonnenfinsternisse keinen großen Stellenwert mehr. Rund um die Uhr nehmen Astronomen den solaren Fusionsreaktor, der eine Zentraltemperatur von fünfzehn Millionen Grad aufweist, ins Visier. Satelliten verfolgen das turbulente Geschehen auf dem Glutball. Doch kann sich bei aller Aufgeklärtheit und Rationalität wohl selbst der rationalste Wissenschaftler nicht ganz dem großartigen Eindruck entziehen, der von dem Ereignis der Schwarzen Sonne ausgeht.

Am 11. August 1999 begann die letzte totale Sonnenfinsternis des zweiten Jahrtausends vor der Ostküste Nordamerikas. Um 11:30 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit berührte der schmale Mondschatten gut 700 Kilometer östlich von New York die Fluten des Atlantischen Ozeans und raste in Richtung Europa. Etwa vierzig Minuten später erreichte er die Britischen Inseln. Cornwall fiel in Dunkelheit. Über London wurde die Sonne um 12:20 Uhr mit einem Bedeckungsgrad von 96,8 Prozent nahezu schwarz. Dann wanderte der dunkle Kegel über den Ärmelkanal, durch die Normandie, um 12:23 Uhr passierte er Paris. Dann tauchte er Südbelgien und Luxemburg in Schummerlicht, um 12:29 Uhr huschte er über die Grenze nach Deutschland, das er schon zehn Minuten später bei Altötting in Niederbayern in Richtung Wien und Bukarest wieder verließ. Der Kernschatten des Mondes zog über das Schwarze Meer und den Iran, ehe er nach einer rund 14.000 Kilometer langen Spur quer durch Orient und Okzident im Golf von Bengalen ins Weltall verschwand.

Ich hatte das Glück, die totale Sonnenfinsternis an diesem weithin wolkenverhangenen, regnerischen Tag in Südbayern unter guten Standortbedingungen und günstigen Wetterverhältnissen beobachten zu können. Gerade über meinem Standort war die Wolkendecke weit aufgerissen. Wenige Kilometer weiter weg gestaltete sich die Situation völlig anders: Eine dicke Wolkendecke verdeckte das Himmelsgeschehen. Am Tag danach notierte ich in meinem Labortagebuch:

„Gestern Mittag 12:40. Ich habe sie gesehen, die »schwarze Sonne«, ich habe knapp zwei Minuten lang mit bloßem Auge in die »Schwarze Sonne« geschaut. Das Naturschauspiel nicht bloß über die Elektronik virtuell zu sehen, sondern draußen in der weiten Landschaft des Voralpenlandes zu beobachten, war ein großartiges Erlebnis. Die leichte Abkühlung zu spüren, den Schattenwind in hohen Pappeln zu hören, die hereinbrechende Düsternis durch die Landschaft gleiten zu sehen, weckte eigenartige Gefühle. Als die totale Sonnenfinsternis einsetzte, wurde das Licht über den Feldern und Hügeln fahl, ich verlor meinen Schatten, als sei ich nicht mehr körperlich existent. Die »Schwarze Sonne« nahm mir meinen Körperschatten, ich wurde zu einem schattenlosen Unwesen. In der Voralpenlandschaft gingen die fernen Gebirgsketten für einen Moment unter. Links unterhalb der »Schwarzen Sonne« leuchtete hell die Venus. Merkur konnte ich nicht ausmachen. Mich faszinierte das Lichtspiel, das allmähliche Dämmern. Die Grüntöne der üppigen Landschaft nahmen an Intensität ab, es legte sich ein graugrüner Firnis über die Felder und Hügel. Das Goldgelb der noch stehenden Getreidefelder verwandelte sich in ein schmutziggraues Gelb. Dann legte die zunehmende Düsternis ein dunkelgraublaues Tuch über die Landschaft. Weit im Norden standen außerhalb des Kernschattens hohe Wolkenberge in der Sonne. Das »Irdische«, die Lüfte und die Wolken darüber gewannen etwas Theatralisches, als würde ein großer Virtuose der Theaterbeleuchtung es dämmern und abdunkeln lassen und sich hierzu hintergründige Beleuchtungseffekte ausdenken. Während der etwa zwei Minuten dauernden gänzlichen Abdeckung der Sonne faszinierte mich die strahlende Korona vor dem abendblauen Himmel. Am oberen Rande der Schwarzen Sonne konnte ich mit dem bloßen Auge drei rote Punkte erkennen, Protuberanzen. Doch musste ich wenige Momente später schon wieder die Schutzbrille aufsetzen, um nicht an den Augen Schaden zu erleiden. Die Augen konnten den Mondschatten fast nicht verfolgen, so schnell zog er, begleitet vom Schattenwind, über die Landschaft hinweg. Die eilig durchhuschende Düsternis löste in mir in keinem Moment ein Gefühl der Bedrohung oder gar des Grauens aus. Es blieb pure Faszination und Respekt. Erstaunlich war, wie viel Lichtkraft selbst noch von einer schmalen Sonnensichel ausgeht. Kaum war die totale Sonnenfinsternis vorbei, hellte die Landschaft mit jedem Stück, das der Mondschatten auf der Sonne freigab, wieder auf. Der Reiz des Schauspiels ging schon nach wenigen Minuten wieder verloren.

Trotz der Großartigkeit des Naturschauspiels stellte sich bei mir keine religiöse oder spirituelle Ergriffenheit ein. Ich hatte nicht den Eindruck, dass etwas Höheres oder gar ein .Gottwesen zu mir sprach. Mir war nicht wie Adalbert Stifter zumute, der im Jahre 1842 am 8.Juli in Wien eine totale Mondfinsternis beobachtet und das Ereignis >herzzermalmend< genannt hatte. In poetischer Sprache schilderte er den Vorgang und seine Empfindungen: >Endlich, zur vorausgesagten Minute – gleichsam wie von einem unsichtbaren Engel<, schrieb der Dichter, >empfing sie [die Sonne A.M.] den sanften Todeskuß – ein feiner Streifen ihres Lichtes wich vor dem Hauche dieses Kusses zurück, der andere Rand wollte in dem Glase des Sternrohres zart und golden fort.< Der Dichter fühlte sich umgeben von einer >namenlos tragischen Musik von Farben und Lichtern >Gott redete, und die Menschen horchten<, schrieb Adalbert Stifter. Das war kein drohender und zürnender Gott mehr, den Stifter Mitte des 19. Jahrhunderts im Naturschauspiel zu hören vermeinte.“

In den Wochen und Tagen um die Sonnenfinsternis vom 11. August 199, kehrten alte Fantastereien zurück und wurden neue, von der Weltraumforschung inspirierte Schreckensnachrichten verbreitet und Untergangsängste genährt. Unheilpropheten, Angstmacher und in ihrem Gefolge Geschäftemacher trieben ihr Unwesen. Der Hellseher Nostradamus (1503–1566) wurde zitiert, der für den Sommer 1999 einen „Schreckenskönig“ angekündigt hatte, der vom Firmament herabsteige. In den Buchhandlungen stapelten sich die Sonderhefte der Astro- und Esoterikzeitschriften. Im Internet salbaderte ein „Graf des Grauens zum jüngsten Tag“. An der Universität Wien machte der Geologie-Emeritus Alexander Tollmann von sich reden. Der Professor prophezeite für den August 1999 den Dritten. Weltkrieg mit einer Endschlacht bei Köln. Die französisch-schweizerische Wahrsagerin Elizabeth Teissier glaubte, dass die NASA-Sonde Cassini auf die Erde stürzen und 200.000 Krebserkrankungen auslösen werde. Auch der Mode-Designer Paco Rabanne weckte Panikstimmung. In seinem Buch „Das Feuer des Himmels“ ließ er die russische Raumstation „Mir“ auf Frankreich niedergehen und zerschellen. Panik überall, so hatte Rabannes Szenario für den 11. August 1999 gelautet. „Menschen, die brennenden Fackeln gleichen, irren durch die Straßen“. Er wich vor der prophezeiten Panik in die Bretagne aus und spendete letzte Hoffnung: „Beten hilft immer“. Sekten erfasste ein „Endzeitfieber“. Ein Esoterikblatt verkündete die „Apokalypse 2000“ und fragte, ob wir das Schicksal von Atlantis teilen werden. In München bot eine Gruppe „Lichtarbeiter“ ein Überlebenstraining an. Manche verängstigte Bürger wollten am Tag der Finsternis in verbarrikadierten Kellern biwakieren und sich mit einer Alufolie vor den Fenstern vor tödlicher Strahlung schützen.

Noch immer ruft auch im Europa des aufgeklärten Zeitalters das Himmelsspektakel einer totalen Sonnenfinsternis mehr hervor als nur Faszination und kosmologische Begeisterung. Noch immer werden irrationale Kräfte angesprochen und freigesetzt, noch immer tief verwurzelte Menschheitsängste wachgerufen und genährt. Doch gibt es nicht mehr das öffentliche Glockengeläute, Gottesdienste und Buß- und Strafpredigten, um Unheil abzuwenden und den zürnenden und strafenden Gott gnädig und milde zu stimmen. Die Kirchen blieben am 11. August 1999 leer.

Als sich nach der Sonnenfinsternis über meinem Standort im Rottal unweit Bad Griesbach dicke Wolkenbänke über den Himmel schoben und es, wie damals am 2. August 1654, zu regnen begann, dachte ich an die Buchdruckerfamilie Mintzel und an die Vorkehrungen der Hofer Bürger gegen die giftigen Lüfte und das angekündigte große Sterben, als sei ich damals dabei gewesen. Ich fühlte mich Ihnen plötzlich näher als je zuvor.

34. Kosmische Schauspiele und menschliche Ängste (I) – Kometen und Asteroiden (1653/1997)

Astronomische und astrologische Schriften aus der Mintzelschen Buchdruckerei

 Seit alters her haben kosmische Schauspiele wie Sonnen- und Mondfinsternisse, merkwürdige Planetenkonstellationen, Kometen, Sternschnuppenschauer und Feuerbälle die Menschen fasziniert, beunruhigt, verängstigt und zu astronomischen Beobachtungen und Weltdeutungen angeregt. Die praktische Astronomie der Vorzeit und die himmelskundlichen Kenntnisse späterer Zeiten dienten der Lebensbewältigung und dem Überleben in einer übermächtigen Natur und prägten menschliche Kulturen. Die atemberaubenden Erkundungen des Kosmos mit großen Teleskopen und Raumsonden, die völlig neue Bilder aus den unfassbaren Weiten des Weltalls lieferten, versetzten Menschen nicht nur in Staunen, sondern nährten gleichzeitig Fantasien über die Existenz von bizarr gestalteten Aliens. Teleskope und Raumfahrt brachten auch die Gefahren näher in den Blick, die der Erde aus dem Weltall drohen. Ich verfolgte stets mit großem Interesse die Fortschritte in der Weltraumforschung und die Entwicklung kosmologischer Theorien. Die rasanten und großartigen Erkenntnisfortschritte, die der kolossale Einsatz von Forschungsmitteln auf diesen Gebieten ermöglichte, konfrontierten mich dabei oft schmerzlich mit der kümmerlichen und entmutigenden Forschungssituation im Fach Soziologie.

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurden in der Mintzelschen Buchdruckerei in Leipzig und in Hof an der Saale eine Reihe astronomischer und astrologischer Schriften gedruckt, darunter auch eine von Johannes Keppler (1629). In den Jahren 1653/54 veranlassten zwei kosmische Ereignisse, ein vagabundierender Komet (1652/53) und eine totale Sonnenfinsternis (2. August 1654), Mathematiker und Astronomen dazu, sie zu beschreiben und ihre Landsleute darüber zu unterrichten, wie diese Himmelserscheinungen zu erklären und zu deuten seien. Der Hofer Mathematiker und Theologe Jacob Ellrod gab sein Traktat über den Kometen 1653 in Hof bei Johann Albrecht Mintzel (1600-1653) in Druck. Ein Jahr später veröffentlichte der Straßburger Mathematiker Eberhard Welper in Straßburg zur Erklärung und „nützlichen Vorsehung“, wie er sagte, eine „Beschreibung der ungewöhnlich großen Sonnen-Finsternis“. Wie so oft in jener Zeit, in der Urheberrechte wenig Schutz fanden, wurde Welpers Traktat 1654 in Hof wegen seines furchterregenden Inhalts in der Mintzelschen Buchdruckerei nachgedruckt. Den Raubdruck dürfte der Hofer Mathematiker Ellrod veranlasst habe, der Welpers Traktat redaktionell bearbeitete und die sensationellen Teile heraushob. Ellrods und Welpers Schriften bestanden aus einer für ihre Zeit typischen Mischung aus Astronomie, Astrologie, Theologie und praktischen Folgerungen daraus. Vor allem letztere sind für den heutigen Leser besonders aufschlussreich, weil sie uns vor Augen führen, welche Ängste und Schrecken die Menschen früher angesichts solcher Himmelserscheinungen empfanden und welche Maßnahmen sie gegen vermeintlich drohende Übel ergriffen. Als Anfang Dezember 1652 ein Komet erschien, wurde den Hofer Bürgern angst und bange. Im August 1654 ließ sie die Sonnenfinsternis sogar befürchten, dass der Weltuntergang und das Jüngste Gericht bevorstünden. Aus den Mintzelschen Druckwerken und anderen lokalen Quellen lassen sich jene Tage und Ereignisse bis ins Detail erschließen und nacherleben. Noch lange füllten zahlreiche astrologische Kalender mit merkwürdigen Prognosticae die Regale. Die Druckereien verbreiteten in zahlreichen Werken diese abergläubischen Schreckensgeschichten und düsteren Vorhersagen. Diese fanden einen guten Absatz. Auch die Mintzelsche Druckerei profitierte von diesen kleinen „Rennern“ auf dem Buchmarkt.

[Abbildung: Frontispiz zu Jacob Ellrod: Memoria Quadripartita, Cometae, Hof 1653. Gedruckt und verlegt von Johann Albrecht Mintzel]

[Abbildung: Tietelblatt zu Jacob Ellrod: Memoria Quadripartita, Cometae, Hof 1653. Gedruckt und verlegt von Johann Albrecht Mintzel]

[Abbildung: Prognosticon Astronomicum Et Astrologicum, Hof 1653. Gedruckt und verlegt von Johann Albrecht Mintzel]

Im Jahre 1997 wurde ich Augenzeuge eines kosmischen Jahrtausendereignisses, als der Komet Hale-Bopp aus den Tiefen des Weltalls wiederkehrte, und am 11. August 1999 erlebte ich eine totale Sonnenfinsternis, die letzte im zweiten Jahrtausend. Ich beobachtete, was beide Himmelserscheinungen trotz des völlig veränderten astrophysikalischen und kosmologischen Weltbildes bei angeblich aufgeklärten Menschen auslösten. Obskure Fantasien, Panik, Weltuntergangsängste und Fluchtgedanken trieben sie um und sogar in den Tod. Aus den alten Schriften und über die Ereignisse und Vorgänge, die ich in der jüngsten Vergangenheit als Augenzeuge und Zeitzeuge erlebt habe, will ich in diesem und im nächsten Kapiteln berichten.

Kometen galten von jeher und auch noch im 17. Jahrhundert als Unglücksboten. Tauchten sie am Himmel auf, lösten sie unter den Menschen Furcht und Schrecken aus. Die Menschen, die solche Himmelserscheinungen noch nicht naturwissenschaftlich zu erklären vermochten, deuteten Sonnen- und Mondfinsternisse, besondere Planetenkonstellationen, Kometen und sogar seltsame Wolkenbildungen als Vorzeichen für Übel aller Art. So glaubten sie, dass diese Himmelserscheinungen für Hochwasserkatastrophen, Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, schreckliche Unwetter, Epidemien und Massensterben verantwortlich sein konnten. Das Erscheinen von Kometen rief Weltuntergangsstimmungen hervor. Abstruse Prophezeiungen wurden in Umlauf gebracht und heizten die Panikstimmung noch mehr auf. Die bahnbrechenden Leistungen der Astronomen Galileo Galilei, Johannes Keppler und des Physikers Isaac Newton drangen erst allmählich ins allgemeine Bewusstsein. Dabei befassten sich selbst diese großen Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften auch noch ernsthaft mit der Astrologie.

Von dem „Wunder-Stern“, der ein Zeichen Gottes gewesen sei

(Frei nach alten Quellen erzählt)

Als Anfang Dezember 1652 ein Komet erschien, der allerdings nur kurze Zeit sichtbar war, beschrieb und erörterte Jacob Ellrod (1601-1671), ein Mathematiker und Theologe, der am Alten Gymnasium in Hof an der Saale lehrte, in seinem Traktat „Memoria quadripartita Cometae“ den Kometen unter vier Aspekten. Der „Wunder-Stern“ müsse, um seine Existenz, Beschaffenheit, sein Erscheinen und seine Bedeutung zu erklären, unter astronomischen, „naturgemäßen“ (physikalischen/materiellen), astrologischen und theologischen Gesichtspunkten betrachtet werden. In seiner Beschreibung der materiellen Zusammensetzung folgte er zunächst der aristotelischen Lehrmeinung, Kometen entstünden aus trockenen, zähen, fetten, dicken, schleimigen und schwefligen Dämpfen und Dünsten, die wie Rauchnebel auf der Erde entstünden und bis in die obersten sublunaren Luftschichten aufstiegen, dort gesammelt und entzündet würden. Bei diesem Kometen könne es sich jedoch nicht um einen gewöhnlichen handeln, weil er jenseits der Mondbahn seine Bahn zöge, wohin die irdischen Dämpfe nicht gelangen könnten. Außerdem sei er größer als die Erde. Seine Betrachtung schloss Ellrod mit dem Ergebnis ab, der Komet sei ein ganz neuer, zuvor nie gesehener „kometischer Wunder-Stern“, dem eine besondere Bedeutung beizumessen sei. Er sei ein von Anbeginn der Welt herrührendes Werk Gottes, in dessen Allmacht es aber stünde, jederzeit etwas Neues zu schaffen. Er gäbe mit diesem „Wunder-Stern“ den Menschen zweifelsohne ein Zeichen. Eine bisher noch nie erfahrene Gottesstrafe brächte allen Menschen auf der Welt furchtbare Plagen. Es läge in Gottes Gnade, die Menschen davor zu bewahren. Wenn überhaupt, dann könne Gott nur durch Buße und Gebet gnädig gestimmt werden. Was Ellrod in seinem Traktat für gebildete Landeskinder niedergeschrieben und in Druck gegeben hatte, trug er mit geballter Wortkraft „einfältigen Leuten“ und seinen „lieben Pfarrkindern“ in Buß- und Bekehrungspredigten vor. Sein Traktat und seine Predigten waren typisch für die damals herrschende Droh-, Straf- und Bußtheologie, die Angst und Schrecken verbreitete. Im heute halbwegs aufgeklärten Europa könnte diese Theologie die wenigsten Gläubigen in die Kirchen treiben. Sie würde sogar eher den Exodus aus den Gotteshäusern beschleunigen. Die Kirchen zeigen sich heutzutage bemüht, ein menschenfreundlicheres Gottesbild zu propagieren. Der Himmelstyrann von damals hat theologisch ausgedient.

Der Droh-, Straf- und Bußtheologie entsprach das personale Gottesbild, das der Hofer Kupferstecher Tobias Wolfart im Frontispiz zu Ellrods Schrift beigesteuert hatte. Sein Kupferstich zeigt die östliche Hemisphäre des Himmels und darüber den allmächtigen Schöpfer und Herrscher der Welt. Der gekrönte und rauschbärtige Gottvater schwingt mit der rechten Hand eine Geißel und hält in der linken ein Langschwert. Ein zürnender Gott spricht aus einem flammenden Himmel und droht der unbotmäßigen Menschheit.

Hale-Bopp – Der kosmische Vagabund des Jahres 1997

Selbst als im März 1997 Hale-Bopp, der gut sichtbare Super-Komet, am samtschwarzen Himmel seine Bahn zog und sein langer, gespaltener Schweif schräg gegen den Zenit stand, schrieben ängstliche Gemüter dem Kometen die Schuld an den Erdbeben, Wetterkatastrophen, Hungersnöten und Kriegen der letzten Jahre zu. Astrologen und Himmelszeichen-Sinnsucher hatten Hochkonjunktur. In Magazinen und Zeitungen wurde ausführlich und bildreich an alte Ängste und Prophezeiungen erinnert. Sternwarten verzeichneten Besucherrekorde (siehe zum Beispiel FAZ Nr. 75 vom April 1997, S.12; dies.Nr.74 vom 29.03.1997, S. 3; SZ Nr. 77 vom 04.04.1997, S.3; SZ Nr. 73 vom 29./30/31.03.1997, S.10)

Im Jahre des Jahrtausend-Kometen Hale-Bopp kamen jedoch Sichtweisen und Erwartungen ins Spiel, die es bis in das 17. Jahrhundert hinein gewiss noch nicht gegeben hatte, nämlich die Vorstellung, dass sich außerirdische Wesen aus intergalaktischen Gegenden in Raumschiffen der Erde nähern und eine Invasion vorbereiten könnten. Nicht einmal in den kühnsten Fantasien vergangener Zeiten gab es Weltraumraketen oder gar bemannte Weltraumfahrzeuge. Erst im Jahre 1969 landeten Menschen auf dem Mond und Neil Armstrong, der US-amerikanische Astronaut, sprach jene Worte, die in die Menschheitsgeschichte eingingen: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Dieser Sprung stand im 17. und 18. Jahrhundert noch außerhalb des Denkmöglichen und des Fantasierens. Jedoch tönen und wirken die abstrusen und obskuren Prophezeiungen und Visionen der „dunklen“ Jahrhunderte in gewandelter Weise noch bis in das ausgehende 20. Jahrhundert nach. Astrologen, Katastrophensüchtige, ängstliche Sinnsucher, Scharlatane und Geschäftemacher bilden immer noch ein illustres Ensemble, das gern von sich reden macht. Hale-Bopp löste im März 1997 ein heftiges Kometen-Fieber aus, die Phantasien blühten, der Kometen-Wahn trieb Menschen in den Tod. Das Mittelalter schien zurückzukehren. Wie im 17. Jahrhundert verbreiteten die Printmedien fast täglich Berichte über Wahnideen von selbsternannten Propheten, Sektenführern, UFO-„Wissenschaftlern“, katholischen Fundamentalisten und Marienverehrern. Eine bunte Mischung aus alten Religionslehren und Theologien, aus Aberglaube und Astrologie, aus Okkultismus, Esoterik und Science Fiction, aus der virtuellen Welt der elektronischen Datenverarbeitung und World Wide Web befriedigte die Sensationsgier der Menschen oder unterhielt die Massen mit sonderbaren Geschichten. Das Gemisch verkaufte sich gut, obschon in unseren hochentwickelten Gesellschaften die meisten Menschen über die Wahnideen nur schmunzelten und lachten. Sie passten zur modernen „Spaßgesellschaft“, die sich gern unterhalten und amüsieren lässt.

„Der Spiegel“ das Hamburger Wochenmagazin, wusste von christlichen Fundamentalisten in Amerika zu berichten (Nr. 14 vom 31.03.1997, S.224-227), die in dem Kometen die Erfüllung der biblischen Johannes-Apokalypse sahen. „UFO-Wahnbesessene“ verbreiteten im Internet, der Komet sei nur Tarnung für ein gigantisches Raumschiff, das die Menschheit ausrotten würde. Laut UFO-Nachricht Nr. 237 war der Besucher aus dem Reich der Finsternis ein Protokollschiff vom Orion. In San Diego begingen 21 Frauen und 18 Männer der „Himmelstor“-Sekte gemeinsam Selbstmord, um sich in einem Raumschiff mit ihrem Gott Ti zu vereinigen. Ein Deutscher namens Johannes Bartel sah durch den Kometen sogar „die dritte Botschaft von Fatima“ erfüllt, die angeblich eines der bestgehüteten Geheimnisse des Vatikans sein soll: Fatima ist der Wallfahrtsort in Portugal, wo im Jahre 1917 drei Hirtenkinder Erscheinungen der Muttergottes erlebt haben wollen. Eine der angeblichen Botschaften Mariens wurde jahrzehntelang als dreiteiliges Geheimnis behandelt. Das eine betraf die Unvermeidlichkeit der Hölle für alle Sünder. Das zweite bezog sich darauf, dass Russland, vom Kommunismus befallen, „seine Irrlehren über die Welt verbreite“, sich aber wieder bekehren würde, wenn der Papst das Land dem „Unbefleckten Herzen“ Mariens weihte. Das dritte Geheimnis sollte nach den rätselhaften Aussagen der zehnjährigen Hirtentochter Lucia dos Santos gemäß Anordnung der Gottesmutter erst nach 1960 enthüllt werden. Auf Geheiß des Bischofs von Leiria schrieb sie es 1944 auf und es gelangte 1954 in einem versiegelten Umschlag endlich zum Vatikan. Seither wurde gerätselt, ob die Weissagung ein Schisma der Kirche, den gewaltsamen Tod eines Papstes oder gar den Atomkrieg betreffen würde. Einen Nuklearkrieg konnte die Jungfrau Maria im Jahre 1917 wohl kaum voraussagen, es sei denn, sie wäre schon im Besitz des Wissens der späteren Atomphysik gewesen. Doch sind Gläubige davon überzeugt, dass sogenannte überirdische Geistwesen, und zu denen rechnen sie die Muttergottes, ein Allwissen eigen sei. Jedenfalls verkündete der oben genannte Johannes Bartel heilsgewiss, durch den Kometen werde die dritte Botschaft von Fatima bestätigt, dass die „Wiederkunft des Herrn“ bevorstehe, der schon unter den Menschen weile.

1998, im Jahr nach Hale-Bobs Erscheinen, kam der Science-Fiction-Thriller „Deep Impact– der große Einschlag“ in die Kinos. Der Film bedient sich der alten Angstmuster, die er in die Gegenwart projiziert: die Angst vor dem Kometen als Unheilbringer. Er knüpft an die alten großen Erzählungen an: Sintflut, Arche Noah, Rettung. Der Präsident der USA spricht die Worte, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein in Buß- und Drohpredigten bei außergewöhnlichen Ereignissen gesprochen worden sind: „Gott stehe uns bei, Gott sei uns gnädig, wir legen unser Schicksal in Gottes Hand.“ Den Kometen durch atomaren Beschuss aus seiner bedrohlichen Bahn zu katapultieren, misslingt, aber einigen Helden glückt es zumindest, den Kometen so zu zerstückeln, dass die Einschläge der Teilstücke nicht die ganze Menschheit vernichten. Das sind die Katastrophen-Szenarien von heute. Bei aller wissenschaftlichen Aufklärung und sämtlichen Berechnungen der Risikowahrscheinlichkeiten ist die Angst vor den potenziellen „Unglücksbringern“ geblieben.

Die Angst vor plötzlichen Einschlägen vagabundierender Kometen und Asteroiden ist allerdings begründet. Allein schon im ersten Dezennium des 21. Jahrhunderts passierten mindestens sechs Asteroiden in verhältnismäßig geringer Entfernung die Erde. Einer davon, Asteroid 2016 QA2, wurde am 29. August 2016 erst wenige Stunden vorher entdeckt. Einige Asteroiden werden nach Berechnungen von Astronomen in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts der Erde so nahe kommen, dass eine Kollision für möglich gehalten wird. So wird beispielsweise am 13. April 2029 Asteroid Apophis im Abstand von nur 30.000 Kilometern an der Erde vorbeiziehen. Die Menschheit kann sich ihres Fortbestandes nicht sicher sein. Wie Geologie, Erdgeschichte, Astronomie und Astrophysik lehren, drohen Katastrophen, die ihren Untergang herbeiführen können.

Im Cockpit der Condor – Flug 381

Ähnlich wie mein Besuch des World Trade Centers in New York stellt der Flug 381 ein unwiederholbares historisches Ereignis dar, weil nach dem 11. September 2001 die Mitnahme von Passagieren im Cockpit aus Sicherheitsgründen grundsätzlich verboten wurde. Ich hatte das Glück, auf dem nächtlichen Rückflug von Dubai nach Frankfurt den Hale-Bopp aus dem Cockpit der Condor in 9000 Meter Höhe betrachten zu können. Es war ein faszinierendes und einzigartiges Ereignis. Ich hatte schon zahlreiche Flugreisen erlebt, darunter drei in die USA, doch prägte sich dieser Nachtflug in mein Gedächtnis am tiefsten ein. Ich beobachtete am Nachthimmel ein Jahrtausendereignis.

Anne, unsere älteste Tochter, Flugbegleiterin aus Passion, hatte uns zuvor auf eine Fünf-Tage-Reise nach Dubai eingeladen. Abflug nach Dubai am 5. März 1997 gegen 18 Uhr, Rückflug am 12. März am Spätnachmittag. Auf dem Hin- und Rückflug hatten wir einen wolkenlosen Himmel und klare Sicht, beide Male flogen wir in den Nachthimmel hinein. Ich liebe Flugreisen und beobachte immer begeistert Himmel und Erde- oben die Wolkentürme, unten die Vegetation, die Lichter der Städte, strahlende Verkehrsnetze und unbewohnte Gebiete, Wüsten, Gebirgsmassive und das Meer. Einen Fensterplatz mit guter Sicht besetzen zu können, ist mir jedes Mal enorm wichtig. Flugangst ist mir fremd, Fliegen ein wunderbares Erlebnis. Mich befremdet es sehr, wenn Mitreisende auf ihre Monitore starren und irgendwelche Filmsequenzen verfolgen.

Auf dem Flug von Dubai zurück nach Frankfurt am Main hatte Anne mit den Piloten vereinbart, mich im Cockpit Platz nehmen und Himmel und Erde von dort aus beobachten zu lassen. Ich saß rechts hinter dem Kopiloten und musste mich ein wenig ducken, um aus dem schmalen Fenster nach oben schauen zu können. Ungetrübt von künstlichen Lichtquellen und Staupartikeln sah ich den Kometen am nächtlichen Himmel stehen. Er zog hinter sich einen langen Doppelschweif hinterher. Ich hatte vorher viel über die Entdeckung Hale-Bopps gelesen, über seine langgestreckte Laufbahn um die Sonne, seine Beschaffenheit und ungewöhnliche Helligkeit. Er war durch die breite mediale Berichterstattung zu einem guten Bekannten geworden, den jedermann am Nachthimmel bestaunen konnte. Trotzdem war das stumme, kosmische Schauspiel, das er allnächtlich bot, auch faszinierend. Schon der bloße Anblick dieses geschweiften, kosmischen Vagabunden versetzte mich in ehrfürchtiges Staunen. Da zog ein mehrere Milliarden Jahre alter Riesenbrocken in einer Entfernung von nur 148 Millionen Kilometer an uns vorbei. Ich sah ein Jahrtausendereignis, das sich erst um das Jahr 4419 wiederholen wird. Ein Raumschiff, das dem Kometen angeblich folgte, konnte ich übrigens nicht entdecken. UFO-Fanatiker und religiöse Fantasten würden sagen: „Siehste! Du hast eben nicht die nötige Spiritualität!“

Während wir Nürnberg überflogen, leiteten die Piloten den langgezogenen Sinkflug nach Frankfurt am Main ein. Der Flieger setzte sanft auf. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich auf diesem Nachtflug mehrere großartige historische Situationen zugleich erlebt hatte. Es war die kurze Kometen-Zeit meines In–der-Welt-Seins. Bald werde ich nicht mehr da sein. Ich werde keinen Einblick haben in die Welt von Morgen und nicht den geringsten Einfluss darauf. Für einen neugierigen Menschen ein fast unerträglicher Gedanke. Wie mag die Welt im Jahre 4419 aussehen, wenn Hale-Bopp zurückkehren wird?

33. Begegnungen mit Jean Paul

Auf dem Weg zum modernen Atheismus

Themenwechsel, Szenenwechsel, literaturgeschichtliche, religionsgeschichtliche und kosmologische Grenzgänge zur Selbstfindung und Selbstverortung. Vom Glück im heutigen Westeuropa zu leben.

Familien- und gewerbegeschichtliche Begegnung

Dem aus der ehemaligen brandenburgischen Markgrafschaft Bayreuth stammenden Schriftsteller Jean Paul Friedrich Richter (1763-1825), der sich später kurz Jean Paul nannte, begegnete ich in Hof an der Saale auf familien- und gewerbegeschichtlichen Wegen, in seinen Werken als einem mutigen und visionären Freidenker und als einem Schriftsteller, der seinen beißenden Spott über deutsche Kleinstadtspießer auskübelte. Er machte sich über die Stadtprominenz „Kuhschnappels“ im „Fürstentum Flachsingen“ lustig, gemeint waren die Honoratioren in der Markgrafschaft Bayreuth. Und zu diesen Honoratioren gehörte von 1800/1801 bis zu seinem Tode auch mein Ururgroßvater, der Buchdrucker und Zeitungsverleger Johann Heinrich Mintzel (1763-1840). Jean Paul und mein Ururgroßvater waren im selben Jahr geboren, Mintzel in Bayreuth, Jean Paul in Wunsiedel. Die beiden lernten sich in ihren Jugendjahren in Hof kennen, Jean Paul als Primaner und Alumnus des Hofer Gymnasiums, mein Ururgroßvater als Lehrling in der Druckerei des Gymnasiums. Die ehemalige Mintzelsche Druckerei war um 1761/62 ins Eigentum des Gymnasiums übergegangen und dort im Erdgeschoss eingerichtet worden. Jean Paul und Mintzel gingen im alten Schulhaus ein und aus: Der eine stand im Erdgeschoss des Schulgebäudes am Setzkasten und an der Presse, der andere besuchte im ersten Stock den Unterricht und wohnte als Alumnus unter dem Dach des Gebäudes. Der Primaner brauchte nur eine Treppe hinunterzugehen und im Erdgeschoss links die Tür zum großen Raum zu öffnen, schon stand er an der Schwelle zur Druckerei. Der hochbegabte Schüler war viel zu neugierig und entdeckungsfreudig, als dass er es versäumt hätte, einen Blick in die Druckerei zu werfen. Mag es auch sehr flüchtig gewesen sein, sie kannten einander. Jean Paul war, wie aus seinen Romanen hervorgeht, mit den Verhältnissen des Hofer Verlags- und Druckereiwesens gut vertraut gewesen. Beide bewegten sich im gleichen protestantischen Milieu „Kuhschnappels“. Beide Familien waren gleichermaßen tief im markgräflich-brandenburgischen Raum verwurzelt. Vermutlich hatte Jean Paul schon als Gymnasiast darüber nachgedacht, bei wem er seinen Erstling in Druck geben könnte. Nur wenige kannten die heimlichen schriftstellerischen Neigungen des armen Primaners. Keiner ahnte in jenen Jahren, dass die an großen Talenten arme Markgrafschaft Brandenburg-Bayreuth mit Jean Paul ihren großen Schriftsteller erhalten sollte, ähnlich wie später die Mark Brandenburg ihren Theodor Fontane oder der Böhmerwald seinen Adalbert Stifter. Wer die Verhältnisse in den Mikrowelten der kleinen Ackerbaustadt Hof im imaginären Fürstentum Flachsingen, in Jean Pauls „Kuhschnappel“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts, kennenlernen will, muss Jean Pauls Romane lesen: „Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz“ (1793), die „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke des Armenadvokaten Siebenkäs“ (1796/97), kurz, den „Siebenkäs“, „Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten“ (1797) und „Die Flegeljahre“ (1804/05). Jean Paul kannte Hof wie seine Westentasche und bedachte in seinen Werken die dortigen Bürger mit Spott und Hohn, was sie ihm erst posthum verziehen. Mein Ururgroßvater kaufte 1801 die ehemalige Mintzelsche Druckerei vom Hofer Gymnasiums zurück und erwarb zugleich den Zeitungsverlag des „Hofer Intelligenz-Blattes“. Auch er war, wie er in seiner Autobiografie bekannte, „der Schreiberey zugetan“, musste sich allerdings mit der Redaktion seines Zeitungsblattes begnügen, während Jean Paul in den Olymp der Weltliteratur aufstieg.

Für mich gewann Jean Paul als poetischer Schriftsteller über die familiengeschichtliche Begegnung weit hinaus noch eine ganz andere Bedeutung. Er hatte in seinen skurrilen Erzählungen das Komische im Abgründigen zur Sprache gebracht und rotzfrech über die Eitelkeiten und Wichtigtuereien beamteter und nicht beamteter Spießer hergezogen. Die Lektüre seiner Schriften schützte mich beim Marienstreit an der Universität Passau mental und intellektuell vor dem stupiden Eifer der Traditionsverehrer. Ihre Rettungsaktionen waren so komisch und einfältig, dass ich mich an manchen Abenden in meinen Sessel zurücklehnte und herzhaft lachte. Die Verteidiger der „Siegerin in allen Schlachten Gottes“ merkten anscheinend nicht, dass sie ihrer martialischen Maria dabei halfen, an der Universität Passau die letzte Schlacht zu verlieren. Jean Paul hätte daraus ein literarisches Meisterwerk gemacht, eine ergötzlich-fulminante Geschichte geschrieben. Er hätte das religiös Hintergründige, das Komische im religiös Abgründigen aufgezeigt und Kollegen – unter hübsch trefflichen Namen versteht sich – als akademische Miefbolde und „Wutz-Figuren“ zur literarischen Belustigung vorgeführt und blamiert. Wie kann der Präsident einer bayerischen Universität allen Ernstes behaupten, die „Maria vom Siege“ im Emblem der Universität sei in Bayern reines Dekor, das keine religiös-konfessionelle Inhalte transportiere! Ich hätte allzu gern ein spöttisches Dornenstück darüber geschrieben.

Begegnung mit dem Freidenker

„Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“

Was mich jedoch zuinnerst ergriff und mein weltanschauliches Denken nachhaltig prägte und ausrichtete, war Jean Pauls grauenhafte visionäre Weltschau, die seither als ein Lehrstück  des Atheismus diskutiert wird. Dieses ist der Grund, weshalb ich sie als Beispiel meiner Grenzgänge aufnehme. In seinem Roman „Siebenkäs“ (1796/97) lässt der Freidenker Jean Paul den toten Christus vom Weltgebäude herab eine trostlose Rede halten, in der der Erlöser eingesteht, er habe überall im Kosmos Gott gesucht, ihn jedoch nirgendwo in den Weiten des Universums gefunden. Es gäbe ihn nicht, und deshalb sei er auch nicht Gottes Sohn – für gläubige Christen also eine doppelte Blasphemie. Ich könnte die wenigen Seiten hundertmal lesen. Kein einziges Mal würde mich der Text ermüden. Diese Vision gehört zu meinen existenziellen Schlüsselfragen und inneren Erlebnissen. An dieser radikalen Zuspitzung der Frage und Suche nach Gott messe ich seit Jahrzehnten  mein Denken und meine mentale Befindlichkeit.

Jean Paul zerfetzt die überkommenen kindlichen Bilder von einem schönen Himmel, an dem die Sternlein zur Freude der Menschen prangen. Er wischt die Wolken vom Bilderbuch-Himmel der Gottseligkeit, er verweist die Vorstellungen des Menschen von einem himmlischen Vater, der da oben thront und gnädig herabsieht auf seine Schöpfung, ins Reich heimeliger Fabeln. „Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an.“ Er verwirft das theologische Weltbild der großen Religionen und bringt, so scheint es, die Gedankengebäude seiner Zeit ins Wanken. Am Ende erschrickt er über die Horrorvisionen, die er zwar als Traumerlebnis ausgibt, aber doch als erahnte Wirklichkeit betrachtet, und vollzieht eine halbe Kehrtwendung. Ich nähme dem grandiosen Text mit seiner kosmischen Bilderfülle und seinen kühnen Visionen die ihm eigene elementare Wucht der Sprache, paraphrasierte und zerstückelte ich den Text zum Zwecke einer hermeneutischen Interpretation. Jean Paul hat lange an diesem Text gefeilt, bevor er ihn veröffentlicht hat. Ich rezitiere die aufwühlende und mitreißende Rede in ihrer verdichteten Kürze.

„Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in den großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatten, wie ein Netz immer näher, enger und heißer hereinzog. Über mir hörte ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermesslichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Misstönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gifthecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter der erst in der Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr: er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und lösten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben im Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigener Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: >Christus! ist kein Gott? < Er antwortete: >Es ist keiner<. Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.

Christus fuhr fort: >Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das seine Schatten wirft und schaut in den Abgrund und rief: >>Vater, wo bist Du? << Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäute sich — schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten, denn Er ist nicht! <

Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: > Jesus! Haben wir keinen Vater? < – Und er antwortete mit strömenden Tränen: > Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater. <

Da kreischten die Misstöne heftiger — die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter — und die ganze Erde und die Sonne sanken nach — und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermesslichkeit vor uns vorbei — und oben am Gipfel der unermesslichen Natur stand Christus und schaute in das mit tausend Sonnen durchbrochene Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.

Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet, so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermesslichkeit und sagte: >Starres , stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? < — Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? — Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls! Ich bin nur neben mir — 0 Vater, 0 Vater! Wo ist deine unendliche Brust, dass ich an ihr ruhe? — Ach, wenn jedes Ich sein eigener Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigener Würgeengel sein? …

>Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur ein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf eure Erde herab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen – Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist das fallende.- Erkennst du deine Werde?<

Hier schaute Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: >Ach, ich war sonst auf ihr, da war ich noch glücklich da hatt‘ ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermesslichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tone: > Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und hebe ihn an dein Herz!< … Ach, ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: >auch mich kennst du, Unendlicher und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle< … Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einen schöneren Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegen zu schlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! – Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete ihn an: sonst hast du ihn auf ewig verloren. <

Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte, sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte – und die Ringe fielen nieder und sie umfasste das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um die Natur – und quetschet die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles wurde eng, düster, bang – und ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern… als ich erwachte.

Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe, vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus wie von fernen Abendglocken.“

Schaudern und Entsetzen

Die meisten Romane Jean Pauls gelten heute als verschnörkelte, bildreich wuchernde und thematisch ausufernde Sprachungetüme, die kaum noch gelesen werden. Aber dieser Text hat bis auf den heutigen Tag große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er wurde seither in unzähligen philosophischen, theologischen, religions- und literaturwissenschaftlichen Traktaten behandelt. Die einen sahen in dem Text ein kühnes Dokument des Atheismus, die anderen verstanden die Rede als Warnung vor dem Schrecken und Grauen des Unglaubens. Eine Welt ohne Gott versänke in einem infernalischen Chaos.

Jean Paul hält sich erst gar nicht bei den Grundfragen und Argumentationsgängen der Theodizee auf. Er fragt nicht nach Widersprüchen in den Zuschreibungen göttlicher Eigenschaften: Gott sei allmächtig, allwissend, allgütig, allgegenwärtig und absolut weise. Wie kann ein allmächtiger und liebender Gottvater die Gräueltaten gegen Alte, Kinder, Frauen und Gebrechliche zulassen? Wie kann ein allwissender und allgegenwärtiger Gottvater seine Geschöpfe den Schrecknissen einer zerstörerischen Welt preisgeben? Warum verhindert er nicht die Macht des Bösen? Jean Paul spitzt die Frage nach Gott radikal zu, die Toten fragen Christus: „Ist kein Gott?“ Und Christus antwortet lapidar: „Es ist keiner.“

Die doppelte Blasphemie besteht darin, dass Jean Paul damit Christus als Sohn Gottes und als von Gott gesandten Heiland leugnet. Wo kein Gottvater, da auch kein Gottessohn.

Der wahnsinnige Zufall ist es, der das Werde hervorbringt. Jede tröstliche Hoffnung, jeder Glaube an einen erlösenden Gott sei eine Illusion: „Es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater.“ Es gibt auch keine Auferstehung. Jean Paul macht, und das ist das Ungeheuerliche, Jesus nicht zum Verkünder einer Frohen Botschaft, sondern zu einem verstorbenen Berichterstatter über einen unermesslich weiten, kalten Kosmos. Christus, höchste Autorität der christlichen Religion, Erlöser und Offenbarer, widerruft heftig und entschieden die christliche Heilsbotschaft.

Nur ein warnender Albtraum?

Als Jean Paul aufwacht, erschrickt er zutiefst über die Botschaften seiner grauenhaften Traumbilder. Kaum sind sie verschwunden, bricht er in einen Freudentaumel aus. Jean Paul fühlt sich befreit von den Schreckensvisionen, die ihn im Traum heimgesucht hatten, kniet nieder und bekennt seinen Glauben an einen „unendlichen Vater“. Es sei ein Albtraum gewesen, in dem ihm der Horror einer gottlosen Welt vorgegaukelt worden sei. War es aber wirklich eine klare Kehrtwendung hin zum Glauben, die er mit dem Erwachen aus dem Albtraum vollzog? Oder gab er seinem Albtraum absichtlich eine Wendung, um es Kritikern und Gegnern zu erschweren, ihn für einen verkappten Atheisten zu halten? Hält er eine atheistische Weltsicht tatsächlich nur für eine Ausgeburt von Albträumen? Handelt es sich um einen traumbilderhaft verschlüsselten Atheismus? Oder um eine Warnung vor gottlosen Fantasien? Jean Pauls Text lässt gegensätzliche Deutungen zu. Die Diskussion darüber hält bis heute an.

Jean Pauls Traumvision fand in ganz Europa ein lebhaftes Echo. Madam de Stael machte die Christus-Rede schon 1810 in ihrem Buch „De 1′ Allemagne“ französischen Lesern bekannt. Durch Germaine de Stael wurden unter anderen Honore Balzac, Charles Baudelaire, Victor Hugo und Fijodor Dostojewski auf die Rede aufmerksam. Sie alle waren tief beeindruckt. Der französische Literaturhistoriker und Germanist Robert Minder (1902-1980) sagte in seiner Studie über Madame de Stael, die bizarre Vision vom toten Christus sei keine Blasphemie. Sie sei der Aufschrei des Schmerzes, Seufzen der verlassenen Kreatur, die das Todestal durchschreiten muss, ehe sie die Gnade der Erlösung findet.

Schaudern und Widerruf

Wie immer wir seine großartige Vision ausdeuten mögen, der Spötter Jean Paul sah sich noch anders vor. Er setzt seinem „Albtraum“ einen „>Vorbericht<“ voran, in dem er sich für die Kühnheit seiner Dichtung entschuldigt und die Leser beschwichtigt, er wolle nicht die Existenz Gottes leugnen. Er gibt zwar spöttisch und bissig zu, mit seiner „Dichtung einige lesende und gelesenen Magister in Furcht zu setzen“, erklärt aber halbernst, dies nur deshalb zu tun, weil „diese Leute“, von der kritischen Philosophie in Tagelohn genommen, „das Dasein Gottes so kaltblütig und kaltherzig erwägen, als ob vom Dasein des Kraken und Einhorns die Rede wäre“. – Eine köstliche Ironie!

Jean Paul zerstreut schleunigst jeden Verdacht, er sei vielleicht doch ein „Gottesleugner“, der mit seinem Atheismus „das ganze geistige Universum (…) zersprengt (…) in zahllose quecksilberne Punkte des Ichs.“ Am Ende kehrt er wieder zurück in „eine frohe vergängliche Welt“ und in eine Natur, von der friedliche Töne ausgehen, „Kuhschnappel“ und frommer Kleinbürgergeist holen ihn wieder zurück. Jean Paul brachte, so wird heute argumentiert, mit seinen großartigen lyrisch-visionären Szenen die existenzielle Angst zum Ausdruck, die Panik, die den Menschen erfasst, wenn er mit dem Atheismus und Nihilismus konfrontiert wird.

Wir dürfen es ihm nicht verdenken, dass er vor dem Abgrund zurückschreckt und zurückweicht. Jean Paul hatte nicht vergessen, dass er wegen seiner scharfsinnigen, kühnen Abschiedsrede am Gymnasium von Hofer Frommbürgern des Atheismus bezichtigt und gemieden worden war. In einer halben Rückwendung rettet er sich in den Glauben an die Seelenwanderung, die er mit dem Atheismus für vereinbar hält. Er kniet nieder und meint, indem er am Glauben an die Seelenwanderung und an einem undogmatischen Deismus festhält, sich auf den vermeintlich sicheren Boden einer frohen, vergänglichen Welt zwischen dem Himmel und der Erde retten zu können. Er flüchtet ins Gebet und macht seinen Kotau vor Gott. Zahlreichen Interpreten, seien es Theologen, Philosophen, Germanisten oder Literaturwissenschaftler, erörterten den berühmten Text und seine geistigen Botschaften im Zusammenhang mit den theologischen und philosophischen Schriften und Richtungen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Auch Gespensterglauben und Friedhofsängste jener Zeit, vor denen es Jean Paul gegruselt hatte, wurden in die Deutungen gelehrter Traktate mit einbezogen. Theologen machten aus dem literarischen Meisterwerk ein Glaubenszeugnis, zu dem sich ein zutiefst erschrockener Zweifler und Sinnsucher durchringt. So gut wie alle kamen zu dem Ergebnis, Jean Paul habe zum christlichen Glauben zurückgefunden, mag es auch ein Gottesglauben ohne Dogma gewesen sein.

Vorwegnahme einer modernen Kosmologie

Welch ein spektakulärer Blick in den Kosmos! Welch eine großartige Ahnung von den Tiefen des Universums! Ich staune wie nahe Jean Paul dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild kommt, wie seine sprachlichen Bilder heutige Blicke in den Weltraum vorwegnehmen. Welten, Wüsten des Himmels, ewige Staubstürme in den kosmischen Weiten, Chaos, unzählige Sonnen, ewige Schwärze zwischen den Sternenwelten, Sternen-Schneegestöber, Nebel-Welten, Milchstraßen wie Silberadern — „aber es ist kein Gott!“ Jean Paul ist mit seinen visionär erdachten Traumbildern einen Moment lang seiner Zeit weit voraus. Mit seiner kosmischen Schau der tausend Sonnen, der Staubwolken aus Totenasche und einer Vielzahl von Milchstraßen (Galaxien) nimmt er Bilder vorweg, die große Weltraumteleskope erst im zwanzigsten Jahrhundert liefern werden. „Unser heutiges Bild vom Universum“, so belehrt uns der Astrophysiker Stephen W. Hawking, „nahm erst 1924 Konturen an, als der amerikanische Astronom Edwin Hubble zeigte, dass es neben unserer Galaxie noch viele andere gibt, zwischen denen weite Strecken leeren Raums liegen.“ (Eine kurze Geschichte der Zeit, 1988, S.54). Zweihundert Jahre später spitzt Hawking die Frage nach der Existenz eines Schöpfers erneut zu und Philosophen und Theologen laufen Sturm gegen seinen Atheismus. Es gibt keinen „kosmischen“ Christus, der uns erlöst. Ein kosmisches Inferno wird uns, sollte es uns noch geben, für immer vernichten. Jean Pauls Vision von der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab war eine Vorahnung dessen, was wir heute wissen. Eine Sonne um die andere wird ausgeweht, wie es Jean Paul poetisch ausdrückt.

Am 8. September 1988 entdeckte der deutsche Astronom Freimut Börngen, ein passionierter Galaxien- und Asteroiden-Forscher, an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg einen weiteren Asteroiden und gab ihm den Namen „(14365) Jeanpaul“. Es ist ein Hauptgürtelasteroid, der mit einer mittleren Geschwindigkeit von 18,20 Kilometer pro Sekunde durch den Weltraum rast.

(https://de.wikipedia.org/wiki/(14365)_Jeanpaul 15.01.2017.)

Jean Paul hat diese Ehrung verdient. Er ist in dieser Weise auch in die Geschichte der modernen Astronomie eingegangen.

Die Zukunft der Erde – Untergangsszenarien

Das Schicksal der Erde liegt nach heutigen astrophysikalischen und kosmologischen Kenntnissen relativ klar vor unseren Augen. Vermutlich wird sich die Sonne, wenn sie ihren Vorrat an nuklearem Brennstoff verbraucht hat, zu einem riesigen Glutball aufblähen. Der rote Riese wird von innen nach außen die Planeten zu Schlacken machen, die Schlacken verschlucken und infernalisch kollabieren. Unsere Erde wird am Ende in einen Klumpen aus geschmolzenem Gestein verwandelt. Schon bevor sich die Sonne vollends zu einem roten Riesen aufbläht, wird das Ende des irdischen Lebens besiegelt sein. Eine ständig zunehmende Sonneneinstrahlung wird in einigen Milliarden Jahren alles Wasser verdampfen. Dürre und Feuer kündigen die tödliche Gefahr an. Die Vegetation wird versengt und vernichtet werden. Die Ozeane verdunsten. Die Temperatur wird schließlich 2000 Grad Celsius übersteigen. Die Sonne selbst wird ihre äußere Hülle in einer heftigen Teilchenströmung verlieren, unter der Kraft ihrer Massenanziehung kollabieren und am Ende zu einem winzigen, leuchtschwachen Zwerg schrumpfen. Dieser Zwerg wird von ein paar eisigen, erstarrten Planetenkörper in ewiger Dunkelheit umrundet. (Reisen durch das Universum. Die Grenzen der Zeit, S.8).

Ein anderes Untergangsszenario sagt voraus, dass in etwa zweieinhalb Milliarden Jahre Andromeda-Galaxie und Milchstraße kollidieren werden. Der Zusammenstoß selbst wird mehrere hundert Millionen Jahre dauern. In einem intergalaktischen Sternenwirbel werden unsere Sonne und unser Heimatplanet aus ihren galaktischen Verankerungen gerissen und in andere Regionen katapultiert. Die Erde wird irgendwohin in die Dunkelheit des Kosmos taumeln. Noch ehe sie nach heutigen Berechnungen von der Glut des roten Riesen verschlungen würde, verschwände sie im eisigen Weltraum. Alles irdische Leben wäre schon früher zu Ende.

Ob es nun so oder so enden wird: Keine Religion wird den kommenden Untergang der Menschheit aufhalten.

Kosmischer Exodus

Die Menschheit werde sich, so sagt Stephen W. Hawking voraus, Ausweichmöglichkeiten im Weltall für den Fall schaffen müssen, um einer hausgemachten Katastrophe zu entkommen. Die kosmische Migration könnte die Chancen verbessern, der Auslöschung unserer Spezies durch eine globale Katastrophe zu entgehen.

Die Einschiffung auf Weltraumfahrzeuge wird keine Watteausche „Einschiffung nach Kythera“ sein, keine friedliche Einladung zu einer Reise in idyllische Gefilde (Jean-Antoine Watteau, L´Émbarquement pour Cythere, 1717). Da werden keine Puttchen um die untergehende Sonne einen heiteren Reigen bilden. Wer die Letzten sein dürfen, werden allgewaltige Befehlshaber bestimmen, Herrscher der letzten Tage. Da wird kein Jüngstes Gericht sein vor einem Richter-Gott, der die Guten von den Bösen trennt, sondern eine erbarmungslose Selektion nach „Macht“ und „Ohnmacht“, nach „Tauglich“ und „Nichttauglich“ entscheiden. Nur wenigen „Auserwählten“ wird die Flucht auf eine kosmische „Insel des Glücks“ ermöglicht werden. Sie werden Gottes, wenn es ihn gäbe, neues „auserwähltes Volk“ sein. Das irdische Kythera versinkt mit seinen Göttern, das ist sicher, in der kosmischen Glut.

31. Selbstbeobachtung, Selbstexperiment, luzide Träume

„Herr Mintzel, wie halten Sie das aus!?“ So hatten mich wohlwollende Kollegen gefragt und indirekt zugegeben, dass sie den psychischen Strapazen eines solchen Streites kaum gewachsen gewesen wären. Hatte die Frage des alten Numismatiker Prof. Dr. Hans-Jörg Kellner, ob das Problem wirklich den großen Aufwand an Geist, Zeit und Mühe gelohnt hat, nicht doch ein größeres Gewicht, als ich es eingestehen wollte? Zu den schwierigen Seiten einer wissenschaftlichen Tätigkeit gehört der Umgang mit Kritik. Jeder Wissenschaftler weiß und bekennt es: Kritik und Kontrolle sind das Salz der Wissenschaft. Wer ein gewisses Maß kompetenter und sachlicher Kritik nicht zu ertragen vermag, taugt nicht zum Wissenschaftler. Max Webers Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“ hat auch in dieser Hinsicht nichts an Aktualität eingebüßt. Ich will es mir deshalb nicht zu leicht machen und nach erfolgreicher Aktion kritische Fragen einfach vom Tisch wischen. War es wirklich nur reine wissenschaftliche Neugier, die mich zu erforschen angetrieben hatte, was es mit dem Marien-Logo der Universität noch heutzutage so alles auf sich haben könnte? Galt meine sozialwissenschaftliche Intervention lediglich der Erprobung eines ethnomethodologischen Instruments zur Aufdeckung von Sinnwelten, die sich mit anderen Verfahren nicht entdecken lassen? Warum hatte ich die Strapazen einer riskanten Feldforschung, die Ausgrenzungsreaktionen und Beschimpfungen, auf mich genommen? Waren es die wissenschaftshistorischen, -theoretischen und -methodischen Gründe allein, die mich veranlasst hatten, die Abschaffung des Marienlogos zu fordern? Meine Antwort lautet lapidar: Nein! Zu den Beweggründen hatten selbstverständlich auch außerwissenschaftliche gehört, Beweggründe, die in meiner Persönlichkeit, meiner Lebens- und Familiengeschichte, in meinem inneren Erleben von Welt und meiner subjektiven Erfahrung zu suchen und zu finden sind.

Kenner des Passauer Sozialmilieus schätzten in diesem Streitfall den Anteil der wirklich strenggläubigen Marienverteidiger an der Passauer Stadtbevölkerung (rd. 50.000 Einwohner; ca. 90 Prozent röm.-kath.) auf etwa fünf Prozent ein. Unter diesen fünf Prozent, größtenteils zur älteren Generation zählend, gehörte eine kleine Anzahl von katholischen Fundamentalisten, die zu verbalen Gewaltandrohungen neigten und womöglich sogar zu vereinzelten Aktionen bereit sein könnten. Der katholische Volkszorn entlade sich aber im Wesentlichen in Stammtisch-Tiraden und Beschimpfungen. Die Frage, inwieweit man verbale Kraftmeiereien, seien sie konfessionell oder politisch motiviert, ernstnehmen müsse, war schon Anfang des Jahres 1990 durch den Film des deutschen Regisseurs Michael Verhoeven „Das schreckliche Mädchen“ von der Filmkritik gestellt worden. Der Film basierte auf dem authentischen Fall der Schülerin und späteren Passauer Studentin Anna Elisabeth Rosmus, die im Passauer Stadtarchiv am Zugang zu Akten aus der NS-Zeit gehindert und wegen ihrer Recherchen verunglimpft worden war. Im Film wurde eine gegen Anna Rosmus gewaltbereite Passauer Bürgerschaft vorgeführt, die sogar zu Sprengkörpern griff und das Leben Rosmus´ bedrohte. Trotz oder gerade wegen meiner sehr unangenehmen Erlebnisse im Madonnen-Streit hielt auch ich die angeblich lebensbedrohliche Situation für Störer im Passauer Sozialmilieu für überpointiert. So unterhaltsam die satirisch überzeichneten filmischen Szenen auch waren, sie waren der Sache, um die es ging, nur beschränkt dienlich, nämlich Passaus NS-Vergangenheit gegen starke Widerstände betroffener Kreise und Personen aufzudecken. Dennoch wirkte sich der Film langfristig auf die örtlichen Verhältnisse aus. In der Stadtgeschichte konnte die NS-Zeit nicht mehr in der bisherigen Weise tabuisiert werden. Der Film hinterließ ungeachtet seiner Unterhaltungsqualität beklemmende Eindrücke. Die Realsatire gab viel von der stockkonservativen und stickigen katholischen Atmosphäre wieder, die auch im Madonnen–Streit spürbar wurde. Die feindseligen Drohanrufe und üblen öffentlichen Diffamierungen machten mir dann auch psychisch zu schaffen, obwohl ich mit ihnen hypothetisch gerechnet hatte. Zwar war es ja Zweck meiner Intervention gewesen, Personen und Personenkreise zum Sprechen zu bringen, um herauszufinden, was es mit der „Maria vom Siege“ im Universitätsemblem so auf sich hatte. Als dann aber der Shitstorm über mich hereinbrach, brachte meine Feldforschung doch schwer zu ertragende Unannehmlichkeiten und psychische Belastungen mit sich. Um ihnen gewachsen zu sein, musste ich meine psychischen Befindlichkeiten selbst zum Gegenstand von Analysen machen und so unter Kontrolle halten. Zu dieser psychologischen Selbstbeobachtung dienten mir sogenannte Psychogramme, die ich fast täglich verfasste. Diese besprach ich mit meinem psychologischen Berater unter persönlichkeits- und tiefenpsychologischen Gesichtspunkten (Motiv-Kontrolle, Affekt-Kontrolle, kognitive Dissonanzen etc.). Die Frage war, inwieweit ich selbst von unterschwelligen Motiven geleitet wurde, etwa vom Archetypus des Wissenschaftlers als „Heros“ (Max Weber: der Wissenschaftler als Geistesaristokrat) oder inwieweit mein familiär geprägter Kulturprotestantismus sich an dem Universitätslogo stieß. Die Feldforschung erfordert Selbstkontrolle, mentale Stresskompetenz und kognitive Bewertungskriterien.

Die strapaziöse investigative Intervention und die universitätsinternen und -externen Reaktionen darauf schlugen sich bei mir auch in einer Reihe luzider Klarträume nieder, in denen ich auf einer unterschwelligen Bewusstseinsebene meine Situation bildhaft erlebte und verarbeitete. Solche Träume trugen ebenfalls dazu bei, schwierige Situationen psychisch zu bewältigen und mich stabil zu halten. Ich analysierte die innere Logik der Situation, in der ich mich befand, und führte Buch über meine psychischen und mentalen Befindlichkeiten. Ich will hier an einigen Beispielen veranschaulichen, wie es mir psychisch erging und wie sich im Wachzustand erlebte Vorgänge auf unterbewusster Ebene ausdrückten.

Psychogramm (Selbstbeobachtung) vom 17.11.1990, 12.30 Uhr.

„Viertes Wochenende nach dem PNP-Bericht, nach dem Ereignis (…). Der übliche Wochenendeinkauf steht an: der Einkauf im Drei-Flüsse-Einkaufszentrum (DEZ). Nach dem Frühstück bespreche ich mit Inge Lu (meiner Frau, Anm. d. Verf.) den Einkaufszettel, gegen 11.00 Uhr gehen wir zu Fuß – unser Auto ist in der Reparaturwerkstatt – zum Einkauf.

Innere Verfassung/Stimmung: Noch immer ist mir die Vorstellung, mich in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen, unangenehm. Es drängt sich bei der Besprechung der Einkäufe der Gedanke auf, ob Inge Lu allein gehen könne. Ich spüre Widerstände gegen einen Gang durch die Straße, in der wir wohnen, oder durch das große Einkaufszentrum. Sicherlich sind Personen unterwegs, die mich kennen, die ich kenne: Studenten, Nachbarn, Personal der Universität, Bekannte aus verschiedenen Personenkreisen (Schule, Tanzschule Theresas (zweitgeborene Tochter, Anm. d. Verf.)). Ich weiß aber und sage mir, du musst dich stellen, du musst nach der eigenen Devise, >aufrecht zu gehen und das Gehirn zu gebrauchen<, dich als empirisch-analytischer Sozialwissenschaftler gerade in der Situation der Öffentlichkeit bewähren. Doch bleibt immer noch das Gefühl stark vorhanden, sich einer unangenehmen Situation aussetzen zu müssen. Ich bin für andere der Abweichler, der Nonkonformist, der Spinner, der verrückte Professor, der die Universitätsmadonna abschaffen will. Ich spüre, wie mir meine Nonkonformismus zu schaffen macht, wie ich mein Unwohlsein durch rationalen und empirisch-analytischen Selbstzuspruch (mentale Stresskompetenz) überwinden muss, wie ich über die analytische Selbstkontrolle mich auch vor einer möglichen Übersensibilität und vor einer Überinterpretation meiner Situation (kognitive Bewertungsebene) in der Öffentlichkeit (sozialer Stress) bewahren muss. Also gehe ich mit Inge Lu einkaufen. Vom Verlassen des Hauses bis zur Rückkehr hält die innere Spannung an. Ich beobachte ständig meine Umwelt, jeden Gruß, jeden Vorgang. Ich zähle die bekannten Gesichter und die Kontakte; ich überprüfe mein Verhalten.

Zur erlebten Realität: Auf der Straße sind wir niemandem begegnet, den wir kennen. Unbekannte Passanten gehen gleichgültig an uns vorüber. Im Einkaufszentrum begegnete ich mehreren Studenten/Studentinnen: drei haben mich mit Sicherheit im Gewühl übersehen, weil sie auf ihre Einkäufe konzentriert waren. Zwei davon waren zweimal bei mir am Lehrstuhl, um mir durch Eigeninitiativen zu helfen. Eine Studentin, die mich >übersah<,zählt sicher nicht zu meinen Gegnerinnen. Ein Studentenpärchen (…)begrüßte mich freundlich. Der Hausmeister des Adalbert-Stifter-Gymnasiums grüßte freundlich, wobei unklar ist, ob er mich namentlich identifizieren konnte. Die Käsefrau bediente freundlich. Aus dem Kreis der Nachbarn und weiterer Bekannter trafen wir niemand. Im DEZ schienen diesmal nicht so viele Einkäufer gewesen zu sein wie am letzten Wochenende.

Während des Mittagsessens mit Inge Lu meine Gefühle, Gedanken und Beobachtungen erörtert. Im Gespräch klargestellt, dass ich mich in einer prekären, heiklen Situation befinde und mich nicht in eine Welt des Glaubens zurückziehen kann. Ich bin ganz auf mich, auf meine psychische und intellektuelle Standfestigkeit zurückverwiesen, nach meiner Devise „gehe aufrecht und gebrauche dein Gehirn“. Allein der analytische Verstand, nur angespanntes Nachdenken, Entspannen und kontemplatives Zurücklehnen sind meine Verfahrensweisen, um mit einer schwierigen Situation fertig zu werden. Mir hilft kein Gebet! Zu wem auch? Ich bin Agnostiker. Ich höre deshalb auch nicht an einem Punkt auf nachzudenken, wo andere bereits im Gebet und in ihrem Glauben Entlastung und Beruhigung suchen. Ich habe auch nie die absolute, letztbegründete Sicherheit, richtig zu handeln. Mein Denken und Handeln bleiben immer auf die Relativität der Standpunkte und Perspektiven zurückverwiesen.“

Psychogramm vom 20.11.1990

„Mein Gehirn bearbeitet unablässig den Fall. Die Gedanken kreisen im Rückblick auf den Vorgang sowie im Blick auf den zukünftigen Verlauf um zentrale Fragen. Im Rückblick immer wieder zunächst die Gegenpole: Einerseits die Wissenschaftsposition, die rücksichtslose rationale Analyse unter Gesichtspunkten moderner Wissenschaft, radikal-rationalistisches Engagement in der Sache, Leidenschaft in der Aufklärung und Kritik, das heißt prinzipielles und aktives Infragestellen der >immaculada militante< / >Maria vom Siege“. Andererseits Bequemlichkeit und Wohlbefinden in der Passauer Gemütlichkeit, ruhiges Schaffen unter dem Zeichen regionaler und lokaler Borniertheit und Selbstzufriedenheit. Nichts sagen, nicht handeln, nicht unbequem werden, täuschen, Mimikry üben, nicht daran rühren, um in Ruhe gelassen zu werden und bequem und unangegriffen weiterarbeiten zu können (…).“

Psychogramm vom 25.12.1990

„Die Gedanken, eingepfercht in den konfektionellen Christ-ist-geboren-Stall familiären Scheinfriedens.(…) Die intellektuelle Distanz ist groß, die mentale wächst. Ich beobachtete von außen, konnte von innen her kaum mehr Zugang gewinnen zu dem, was Heiliger Abend genannt wird. Die Kassetten mit den nieder-bajuwarischen Adventsliedern haben wir erst gar nicht mehr eingelegt. – dieses Gesingel-Gesangel ist nicht unsere Welt, ist nicht meine Welt. Es ist das Trommeln von Stämmen, die sich um ihre Götzenbilder versammeln. (…)“

Es heißt in der Wissenschaftslehre, es müsse strikt zwischen der Psychologie der Forschung und der Logik der Forschung unterschieden werden. Es interessierten nicht die Motive, die Ängste, die Momente der Einfälle, kurz die Psychogramme des Forschers in den verschiedenen Phasen und Situationen seiner Erkenntnisgewinnung, sondern nur die Logik der Forschung, das heißt: der logisch stimmige Entwurf des Analyseverfahrens, die Exaktheit der Durchführung und das Ergebnis. Was uns unterschwellig oder offen eingestanden antreibt, einer Sache auf den Grund zu gehen, die psychologischen Aspekte, bleibt dem „Vorwort“ vorbehalten. Die historische Archivforschung kennt nicht die psychischen und mentalen Strapazen, die in der Feldforschung bewältigt werden müssen. Ich gewähre im Folgenden ein paar Einblicke im Bewusstsein, mir hierdurch Blößen zu geben.

Psychogramm vom 30.10.1991

„Entspannung, Entlastung, Wiederkehr innerer Ruhe und Sicherheit. Gestern Abend (ca. 18.15) rief ich in Passau zuhause meine Tochter Caroline an und Walter Landshuter im Scharfrichterhaus. Alle Informationen über Reaktionen/Nichtreaktionen auf das Erschütterungsexperiment sind eher beruhigend. Caroline wurde laut eigener Aussagen nicht mit anonymen Anrufen belästigt. Keine telefonischen Bedrohungen oder Beleidigungen, keine Drohbriefe etc. Auf Befragen, ob sie angesprochen worden sei oder sonst etwas bemerkt habe, antwortete C. mit einem klaren >Nein<. Sie habe nichts gehört, bemerkt, gelesen oder gar erlitten. Diese Mitteilungen wirkten auf mich sehr beruhigend. Ich war froh, dass nichts passiert war.

Der Anruf bei Walter Landshuter (Restaurantbesitzer im Scharfrichterhaus, Anm. d. Verf.) brachte ebenfalls Entspannung. (…) L. teilte mit, dass außer den paar/drei Leserbriefen vom letzten Samstag nichts mehr über den Streit zu lesen gewesen sei. Alles ruhig. Er bedauere sogar, dass nicht mehr erfolgt sei. In Passau habe man sich an einiges gewöhnt. (…). Die Leserbriefe vom letzten Samstag sollte ich nicht zu ernst nehmen. Es seien immer die gleichen Hanseln ganz kleiner Kreise, die sich öffentlich zu Wort meldeten. Dem sei keine größere Bedeutung beizumessen. Die Leserbriefschreiber repräsentierten nicht Passau, sie seien nicht typisch für eine >Passauer Mentalität<, sondern Sprachrohre von Gralshütern des katholischen Glaubens. L. beruhigte mich: >mach d´nichts draus<.

Die Telefonate brachten eine psychische Entspannung, innere Beruhigung und fast eine gewisse Ausgelassenheit mit sich. Ich beruhigte nach meiner Rückkehr (vom Telefonhäuschen, Anm. d. Verf.) Inge Lu, die unter meiner Spannung zwei Tage lang gelitten hatte. Erleichtert formulierte ich einen ironischen Leserbrief an die PNP unter der Überschrift >Dank an meine Schreibfreunde< Dieser ironisierende, halbernste Leserbrief brachte ebenfalls psychische Entspannung, indem er aufgestaute aggressive Gefühle gegen die erneuten Diffamierungen abfuhr. Als ich J. (meinen psychologischen Berater, Anm. d. Verf.) meinen Leserbrief vorlas, kommentierte er die Aktion als Spiel der Entlastung und zur Affektkontrolle. Er riet mir, den Leserbrief als Mittel zur Affektabfuhr zu betrachten und nicht zu publizieren. >Reagiere nicht mit einer Leserbrief-Antwort<. Das war bisher mein Prinzip, so meine Antwort auf den Ratschlag, und es wird so bleiben. Damit war die Leserbrief-Schreiberei ad acta gelegt. Nach Norbert Elias, „Engagement und Distanz“, wichtig „die Fähigkeit von Menschen, sich gleichsam von außen zu sehen.“

Traum 3./4.11.1991: Das gefährliche Wurfgeschoss des Priesters

In diesem Traum nahm ich auf einem Gutshof an einem Bankett der Familie des Hauses teil. Neben meiner Frau und mir saßen am Tisch der Gutsherr, seine Frau und ihr Sohn, offensichtlich jünger als ich. Im Hintergrund der friedlichen, von Gesprächen bestimmten Szene macht sich ein katholischer Priester in weißer Soutane zu schaffen. Er gestikuliert, macht merkwürdige Handbewegungen, scheint etwas im Schilde zu führen. Und dann passiert es:

„Plötzlich hält der Priester ein neues Sensenblatt in der Hand, benutzt es als Wurfgeschoss und schleudert es aus dem Hintergrund auf den Sohn des Hauses, der den Wurf nicht sehen kann, weil er dem Priester den Rücken zukehrt. Das Sensenblatt saust mit der Spitze voran gegen den Rücken des Sohnes und fällt knapp hinter dessen Rücken zu Boden. Das tödliche Wurfgeschoss hat nicht getroffen, der Mann bleibt unverletzt.

Der Priester entfernt sich zur Seite, geht nach rechts, wo am Rande der Fläche zwei Gräber hintereinander stehen, die mit Sand aufgeschüttet sind. Der Priester kniet am Ende eines der Gräber nieder, greift wutentbrannt und dabei Beschwörungsformeln murmelnd in den Sand und scharrt und wühlt darin, reißt Pflanzen heraus. Er schändet das Grab. (…)

Während sich dieses Geschehen an den Gräbern abspielt, taucht am Tisch plötzlich ein älterer Mann auf, der mit steifen, zuckenden Fingern aggressiv auf die Personengruppe am Tisch zugeht. Er scheint verwirrt und gefährlich zu sein. Der Alte hat keine guten Absichten. Er scheint ein Werkzeug des Priesters zu sein, der ihn aus dem Hintergrund gesandt hat und steuert. Bei der Annäherung des Alten tritt plötzlich meine 3. Tochter Caroline in mein Blickfeld, ihre Anwesenheit war bisher von mir unbemerkt geblieben. Ich sage ihr, sie solle vom Tisch weggehen, sich entfernen. Ich entferne mich mit ihr vom Tisch. Auch die anderen Personen weichen vorsichtig zurück. Es passiert nichts. Der Traum bricht .

Ich notierte meine Deutung des Traums unmittelbar nach der Niederschrift des nächtlichen Erlebnisses am nächsten Morgen: Der Gutshof und die Frau des Hauses stehen möglicherweise, obwohl die Traumgebäude keinerlei Ähnlichkeit mit den Passauer Universitätsgebäuden haben, für die Alma Mater, für die Universität Passau. Der Sohn des Hauses, der mir zugewandt gegenüber am Tisch sitzt und das Geschehen im Hintergrund nicht sehen kann, könnte ich selbst sein – gefährdet durch einen Priester, der für den Passauer Klerikalismus steht. Er will mich mit seinem Sensenblatt treffen und töten, kann es aber nicht, weil sein Wurfgeschoss nicht die Reichweite, beziehungsweise weil der Werfer nicht die für diese Reichweite nötige Kraft besitzt. Für den Priester agiert ein aus dem dunklen Hintergrund gesteuerter Mann.

Die Traumsituation repräsentiert meine augenblickliche Passauer Situation. Ich sehe mich in doppelter Gestalt in einer bedrohlichen Situation: einmal als Sohn des Gutshofes, der nicht sehen kann, was in seinem Rücken (in den Fakultäten) passiert, und als mein anderes Ich, das beobachtet, was im Hintergrund und im Vordergrund geschieht, und wahrnimmt, dass es vom gefährlichen Wurf nicht getroffen wird (Akteur-/Beobachter-Situation). Ich sitze zunächst schutzlos am Tisch. Doch dem Tod, der in einem Priestergewand auftritt, fehlt die Kraft, mich mit seinem Sensenblatt zu erreichen und zu töten. Die Argumente der Priester greifen zu kurz!

Auch meine Familie ist in dieser Situation mitbetroffen. Der Gutsherr, ein hagerer, hochgewachsener Mann mit gewelltem Haar und mönchischer Hinterhauptsglatze – wer mag es sein, der Präsident der ?

Traum 2./3.O4.1992: Entdeckende Person und anonyme Institution

In diesem Traum durchwandere ich eine hügelige Landschaft unter grauem, dichtbewölkten Himmel. Die Landschaft liegt in einem indirekten Licht wie die Toledo-Stimmung in El Grecos Gemälde. Plötzlich tauchen am Horizont Gebilde auf, die wie Berliner Doppeldecker-Busse aussehen, schwebend wie Zeppeline. Zweistöckige Gebilde, rechteckige Kästen mit länglichen Fenstern, von unsichtbarer Hand gesteuert. Kein Licht, kein menschliches Wesen.

Alf Mintzel, Traum, 1992, Kugelschreiber

Diese Gebilde scheinen den Himmel oder die Erde unter sich nach mir abzusuchen. Die Gebäude neigen sich abwärts, kommen näher, werden groß, wandeln sich zu den klobigen, klotzartigen Gebäuden der Universität. Sie schweben bedrohlich erdrückend über mir.

„Plötzlich, dicht über mir, fährt das riesenhafte Gebilde rechts und links unten Greifarme aus, ähnlich wie ein Flugzeug im Anflug sein Fahrgestell ausfährt. Es sind lange, mehrgliedrige Greifarme, technische Konstruktionen, die an lange spinnengliedrige Knochenhände erinnern, die Endglieder laufen spitz zu. Sie fingern nach mir nach Spinnenart, sie versuchen mich zu greifen, sie vollziehen Greifbewegungen, tasten nach mir.“

Alf Mintzel, Traum, 1992, Kugelschreiber

Ich habe nicht den Eindruck, dass sie mich verletzen oder gar töten wollen. Aber sie wollen mich vom Boden aufgreifen und in diese Kästen hinein hieven. Doch es misslingt. Das Hecken- und Laubbaumgestrüpp am Boden lässt ihre Greifarme nicht voll zufassen. Allerdings ertasten und erreichen mich einzelne Glieder. Ich wehre mich. Ich fasse die Endglieder und drücke sie von mir weg. Es gelingt mir, den Angriff zu vereiteln.

Im Anschluss an die Niederschrift des Traumes notiere ich: „Mir fällt dazu ein, dass die hausähnlichen, klotzigen Raumfahrzeuge Universitätsgebäude repräsentieren, die Gebäude der Fakultät für Mathematik und Informatik oder das Bibliotheksgebäude. Was da über mir schwebt ist die Universität, ist die anonyme Institution, die mich greifen will, vielleicht nur be-greifen, betasten. Ich wehre mich dagegen, gegriffen zu werden. Die fahlblassen eckigen Kästen am dräuenden, stahlgrauen Himmel drücken auf mich herab. Bei der Abwehr einiger Glieder, die mich erreichen und zu greifen beginnen, bricht der Traum ab. Ich erinnere mich jedoch, dass ich davongekommen bin. (…)“

Es ist eine ungleiche Situation, ein Individuum, eine Person, gegen einen herabschwebenden Roboter, gegen eine Institution, gegen anonyme Greiftechnik. Wer im Innern der Kästen sitzt und diese steuert, ist nicht zu sehen, aber ich erkenne von unten die Greifkonstruktion und kann mich ihres Zugriffs erwehren. Die Situation, obwohl bedrohlich und schwer zu meistern, bleibt kalkulierbar. Ich denke, es ist meine Situation an der Universität Passau.

Alf Mintzel, Traum, 1992, Kugelschreiber

 

Traum 317./18.05.1992: psychische Selbststabilisierung

In dieser Nacht habe ich wieder einmal einen Flug-Traum. Ich erhob mich ohne fremde Hilfe, ohne Motor, aus eigener Kraft in die Lüfte und schwebte über der Landschaft. Im ruhigen Gleitflug überflog ich eine große, von saftig grünen Gürteln gesäumte und durchteilte Stadt. Die Silhouetten der grün umhüllten Stadtviertel erinnerten mich entfernt an Berliner Stadtgebiete. Ich näherte mich in einer Höhe von ca. 600 Metern einem dieser Stadtviertel, als plötzlich in der Nähe ein Kleinsatellit auftauchte. Er bewegte sich, leicht rotierend, mit konstanter Geschwindigkeit auf gleicher Höhe in dieselbe Richtung. Interessiert versuchte ich die Bauart des Flugkörpers zu erfassen und ihn zu identifizieren und geriet in unmittelbare Nähe des Satelliten. Ich studierte die Aufschriften und Zahlen auf seiner Seite, konnte sie aber nicht entschlüsseln. Er schien mir aber ein ungefährlicher Fernseh- oder Kommunikationssatellit zu sein, der keinen militärischen Charakter hatte. Ich fühlte mich magisch angezogen von dem kleinen Flugkörper und griff nach ihm. Dadurch geriet er ins Trudeln.

„Nach kurzer Zeit kippte der Satellit nach unten weg und stürzte ab. Ich wollte die Bevölkerung unten warnen, aber es war zu spät, alles war viel zu schnell gegangen. Der Satellit schlug unten ein. Ich sah von oben, wie er eine lange sprühende Furche in Richtung des Stadtviertels zog. Aus der Entfernung konnte ich nicht ausmachen, ob da unten etwas passierte und was passierte.“

Ich schwebte weiter und begegnete einem weiteren Flugobjekt, einer Art Transporter für Personenkraftwagen. Das Fluggerät zog eine große Schleife und setzte wohl zur Landung an. Ich sah, dass sich ein Auto auf der Ladefläche aus seiner Haltung gelöst hatte und herunter zu rollen drohte, aber irgendwie wieder auf der Tragfläche gehalten und zum Stehen gebracht werden konnte. Der Transporter flog einen weiten Kreis, ich schwebte weiter.

Im Anschluss an die Niederschrift des Traumes notiere ich:

„Flug-Träume sind für mich immer Träume der Überlegenheit, der Potenz, der Flug-Kraft. Ich überschaue etwas, ich erhebe mich über etwas (…), ich befinde mich über etwas; (…)Die Befürchtungen, ja Angst, abstürzen zu können, ist in der Regel gering. Flug-Träume zeigen vielmehr das wunderbar erhebende Gefühl, dass ich wirklich fliegen kann, wenngleich vielleicht nur kürzere Strecken und in der Ikarus-Höhe von etwa 200 bis 600 Metern. Flug–Träume beflügeln mich psychisch, geben mir ein positives Lebensgefühl, verleihen in schwierigen Zeiten und Situationen ein optimistisches Bewältigungsgefühl. Die Flug-Illusion trägt, trägt darüber .“

Ich hielt durch und ertrug alle Unannehmlichkeiten und Angriffe auf meine Person und meinen Status als Wissenschaftler. Die kontrollierte Interventionsstudie hat sich gelohnt. Die Studie fand Eingang in die fachwissenschaftliche Diskussion der symbolischen Anthropologie, der Wissenssoziologie und anderer Fächer. Die Antwort auf die Frage, ob der Aufwand an Geist, Zeit und Mühe gelohnt hat, hängt von subjektiven und objektiven Bewertungskriterien ab. Der „Erfolg“ einer kontrollierten Intervention selbst ist noch kein Beweis für ihre methodisch regelgerechte Durchführung und für eine gelungene Änderung in den Anschauungen. Sicher lieferte die Expedition in das Innenleben der Universität und ihrer sozialen Umgebung den handfesten Beweis, dass das Marienlogo eben nicht nur Dekor und der fraglichen Tradition geschuldet war, sondern religiös-konfessionelle Inhalte transportierte. Die erfolgreiche Wende im Streit war womöglich weniger den Denkanstößen zuzuschreiben, sondern vielmehr sozialen Mechanismen der Befriedung und Harmoniewünsche.

Was gab mir also die Kraft, dieses Abenteuer Wissenschaft auf mich zunehmen und diese Expedition in die Innenwelt der Universität durchzustehen? Das ist zugleich die Frage nach subjektiven Bewertungskriterien. Jede Studie beruht auch auf außerwissenschaftlichen Voraussetzungen und Erfahrungen. Im ausschlaggebenden Gespräch mit dem Universitätspräsidenten (20.09.1990) hatte dieser mit Killerphrasen das Universitätslogo verteidigt: “Wer liest schon eine Dissertation!“ (Gemeint war die Dissertation über die „Maria vom Siege“). Der Präsident hatte den Manager-Pragmatismus gegen die Wissenschaft gewandt. Noch schlimmer hatte mich seine Machtverdikt getroffen: Ich solle die Universität wechseln, wenn mir das Marienlogo nicht passe. In diesem Moment hatte ich mich als Exulant und Migrant gefühlt. Meine Vorfahren Mintzel waren im Dreißigjährigen Krieg in der Oberpfalz als protestantische Pfarrer und Schulmeister 1622/23 aus ihren Ämtern und aus dem Land gejagt worden. Unter der gegenreformatorischen „Maria vom Siege“ wollte ich mich als Wissenschaftler nicht von der Universität Passau verjagen lassen! Ich lebe familiengeschichtlich in Jahrhunderten, das gab mir Kraft.

30. Die Phalanx der katholischen „Streitkräfte“

Es war zu erwarten, dass die Expedition in das Innenleben der Universität zu einem aufregenden und strapaziösen Abenteuer der Wissenschaft werden würde. Der Antrag auf Abschaffung des Marienlogos hatte eine Doppelfunktion: Zum einen ging es um eine in der Sache vorbereitete und aus wissenschaftlicher Überzeugung vorgetragene Forderung. Zum anderen stellte der Antrag eine soziologische Intervention im Sinne einer experimentellen Aktion dar, um aus den Reaktionen zu erschließen, welche religiös-konfessionellen und säkulare Sinnwelten universitätsintern und -extern zum Vorschein kommen würden. Zu Anfang war nicht auszuschließen, dass das fragliche Emblem tatsächlich jeglichen religiös-konfessionellen Gehalt verloren hatte, also reines Dekor war, wie die Universitätsleitung behauptete, und der Antrag auf völliges Desinteresse stoßen würde. Der Antrag hätte als eine absurde und realitätsferne Forderung mit amtlicher Nichtbefassung beschieden werden können. Er hätte an einer allgemeinen säkularen Indifferenz scheitern und bestenfalls zu einem Lehrstück für die weitgehende Verflüchtigung religiös-konfessioneller Inhalte werden können. Der Autor wäre dann mit den seiner Aktion zugrundeliegenden Hypothesen gescheitert. Die beschwerliche Expedition hätte sich nicht gelohnt.
Es kam aber anders: Innerhalb und außerhalb der Universität traten vor allem katholische „Streitkräfte“ zur Gegenwehr und Abwehr auf den Plan. Die öffentlichen und nichtöffentlichen Reaktionen waren äußerst heftig. Sozialwissenschaft kann immer dann, wenn sie vermeintlich Selbstverständliches infrage stellt, zu einem gefährlichen Abenteuer werden. Ich will darauf noch ein paar Scheinwerfer richten.
Zu den schärfsten Widersachern und Verteidigern des Marienlogos gehörten, wie sich im Laufe der Auseinandersetzungen herausstellte, Professoren, die in katholischen Institutionen, Organisationen und Vereinen Mitglied waren und Führungsfunktionen inne hatten, so zum Beispiel der damalige Vorsitzende des Katholischen Hochschulkreises, „Alte Herren“ der katholischen Burschenschaft „Danubia“, Ehrenprofessoren kirchlicher Hochschulen, Repräsentanten der Görres-Gesellschaft und Mitglieder der Kommission für Zeitgeschichte der Katholischen Akademie in Bayern. Sie und Honoratioren aus der Stadt und aus dem Landkreis Passau bildeten, um es militärisch auszudrücken, geradezu eine Phalanx katholischer Streitkräfte. In ihren geschlossenen Zirkeln wurde kräftig über mich hergezogen.

Eine Verteidigungsstrategie der Kritiker war, das Emblem nicht inhaltlich unter historischen ikonografischen und vor allem ikonologischen Gesichtspunkten zu diskutieren, sondern mit Kritik an Formalien von dem eigentlichen Streit und seiner Kernforderung abzulenken. Bekennende Katholiken aus der Philosophischen Fakultät warfen mir vor, ich wisse nicht, was ein Siegel oder Wappen oder Emblem bedeute. Ich kämpfe mit falschen Begriffen und habe mich somit als Wissenschaftler selbst unglaubwürdig gemacht. Ich trete mit wissenschaftlichem Anspruch auf, hätte mich aber weder von Seiten der Geschichtswissenschaft noch der Emblematik darüber kundig gemacht, was ein Siegel bedeute (so laut Prof. Dr. Egon Boshof in: DIE ZEIT Nr. 52, 21.12.1990, S.18). Kollege Prof. Dr. jur.  Bernhard Haffke hatte jedoch auch in meinem Namen vom Universitätspräsidenten um Auskunft gebeten, welchen Rechtscharakter die Universitätsikone, was immer sie auch sei, trüge. Prof. Dr. jur. Otfried Seewald, ebenfalls Mitglied der Juristischen Fakultät, stieß in seinem Schreiben vom 28.01.1991 an den Präsidenten nach: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich – und zweckmäßigerweise wohl auch die übrigen Mitglieder des Senats – zur Vorbereitung (…) darüber informieren lassen könnten, welche Rechtsnatur das z. Z. in der Kritik befindliche >Siegel-Emblem< Ihrer Ansicht nach hat“.
Bezeichnenderweise blieben die Anfragen unklar beantwortet. Die Universitätsleitung musste sich offenbar selbst erst kundig machen. Der Sphragistiker der Philosophischen Fakultät unterrichtete den Präsidenten über den siegelkundlichen Charakter und warnte vor den rechtlichen Folgen einer Änderung. Der Inhaber der Professur für Historische Hilfswissenschaften kam zu dem tiefsinnigen Schluss: „Das Passauer Siegelbild hätte also auch dann nicht die geisteswissenschaftliche Bedeutung der >Maria vom Siege<, wenn man dies bei der Einführung des Siegelbildes aus sphragistischer Unkenntnis beabsichtigt hätte.“ Die Universitätsleitung hatte tatsächlich, wie wohl die meisten Mitglieder der Universität, Unterricht in Sphragistik nötig – auch ich. Boshof hätte somit so gut wie allen Wissenschaftlern der Universität wissenschaftliche Glaubwürdigkeit absprechen müssen. Es ging aber letztendlich nicht um den Rechtscharakter, sondern um die fragwürdige Traditionspflege mit dieser Ikone. Mit positivistischem Rechtsformalismus wurde die eigentliche Tiefendimension der Problematik ausgeblendet. Der Präsident hüllte sich gern in taktisches Schweigen.

Einer von denen, die mich universitätsöffentlich bloßzustellen versuchte, war der Emeritus im Fach Alte Geschichte, der am 4. Februar 2012 verstarb. Aus einer Todesanzeige ging hervor, dass dieser ehemalige Lehrstuhlinhaber (1980–2007) „Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ gewesen war. Aus einer anderen glaubwürdigen Quelle verlautete, der Althistoriker sei vom protestantischen zum katholischen Glauben konvertiert. Er hatte sich 1991 am Aschermittwoch vom Bischof das Aschenkreuz auf seine Stirne zeichnen lassen, was die besondere Aufmerksamkeit der „Passauer Neuen Presse“ gefunden hatte und mit einem Foto dokumentiert worden war (PNP Nr. 39, 15. 02.1991, S.21). In einem Nachruf (PNP Nr. 23, 09.02.2012, S. 33) hieß es: „Geprägt von einem starken christlichen Glauben forschte er auch über die Ausbreitung des Christentums in Bayern“. Auch für diesen Kollegen hatte das Marienlogo gewiss nicht nur dekorativen Charakter oder allein eine Traditionsfunktion. Kein Wunder, dass er so scharf reagiert hatte. Erst in späteren Jahren kam heraus, warum Universitätsprofessoren „ihre Maria“ hartnäckig und denunziatorisch verteidigt hatten. Im Nachhinein kam der eminent katholisch-konfessionelle Charakter der Abwehr in der Philosophischen Fakultät noch viel deutlicher zum Vorschein. Ich hörte wiederholt, selbst ein kirchenferner Katholik hätte es nicht gewagt, die Madonna anzugreifen. Im Kontrast dazu wurde ich meiner protestantischen Herkunft gewahr. Mein Protestantismus hatte zu religiös-konfessionellen Symbolen ein ganz anderes Verhältnis, vor allem zu einstmals gegenreformatorischen Kampfsymbolen. In den Auseinander-setzungen waren, ungeachtet vorherrschender säkularer Gleichgültigkeit, zwei konfessionelle Entwicklungen und Kulturen aufeinandergetroffen.

Entproblematisieren, Entkonfessionalisieren, Verharmlosen, Ausblenden

Aus der Philosophischen Fakultät erreichte mich unter anderen folgender Brief: 18.10.1994: „Am Wappen der Universität Passau hat mich bisher höchstens die m. E. nicht vollbefriedigende graphische Gestaltung gestört. Irgendeine symbolhafte Bedeutung oder ein Programm konnte ich darin nicht entdecken. Deshalb habe ich auch die von Ihnen begonnene Diskussion zwar aufmerksam verfolgt, aber bisher auch keine Veranlassung zu einer Meinungsäußerung gesehen, zumal es sich nach meiner Ansicht um höchst vorgestrige Probleme handelt. Wenn auch die Mariendarstellung im 16. und 17. Jahrhundert in einem kämpferischen Sinn gesehen worden sein mag, so sind doch seither nicht nur 3 Jahrhunderte vergangen, sondern, was ganz entscheidend ist, ganz gewaltiges Veränderungen im Denken der Menschen und in der Problemstellung bei der Bewältigung der Existenz erfolgt. Ich glaube, dass kaum jemand im Wappen etwas anderes sieht, als das Anknüpfen an die vorhergehende theologische Hochschule, es sei denn er ist oder wird ideologisch indoktriniert (…) Zum Schluss nun meinerseits eine Frage, ob das Problem wirklich den großen Aufwand an Geist, Zeit und Mühe lohnt und ob es nicht dringendere Fragen gibt, die der Mühe wert wären. Sie vertreten Ihre Meinung – ich habe mir erlaubt meine darzulegen und verbleibe mit freundlichen Grüßen. Professor Dr. Hans-Jörg Kellner.“

Er hatte ja Recht zu betonen, es gäbe gewaltige Veränderungen im Denken und dringendere Fragen, als sich mit dieser Mariendarstellung auseinanderzusetzen. Es wäre idiotisch, das zu übersehen. Aber gesellschaftliche und politische Konfliktherde setzen sich aus zahllosen Mikrowelten zusammen, deren kleine Probleme sich auf der Makroebene zu Brennpunkten entwickeln können. Kollege Kellner (1920-2015) stellte die Auseinandersetzung auf die Ebene eines bloßen Meinungsaustausches, als ginge es nur um persönliches Empfinden. Er stellte seine Behauptungen als Tatsachen hin, ohne sie empirisch zu begründen. „Höchst vorgestrige Probleme“? Die marianischen Maienandachten vor den Türen der Universität? Marie Himmelfahrt am 15. August jeden Jahres vor den Türen der Universität? Die „Marianische Kongregation“ in Passau? Angebliche Marienerscheinungen und Wallfahrten nach Altötting, Fatima und woanders hin?? Die vehementen marianischen Glaubensbekenntnisse aus der katholischen Passauer Bevölkerung – alles nur „höchst vorgestrige Probleme“? Nur ein „Anknüpfen an die vorherige theologische Hochschule? Kellner nahm auch nicht die katholisch-institutionellen und doktrinären Anlässe zur Kenntnis, welche die vormalige Hochschule erst 1950 veranlasst hatte, dieses marianische Logo einzuführen. Warum rief der Antrag, den Gebrauch der Ikone zu beenden, in der katholischen Bevölkerung Passaus so heftige Reaktionen hervor? Warum kämpften vor allem kirchentreue katholische Professoren für die Fortführung des Logos? Kellner blendete weite Bereiche katholisch-institutioneller und katholisch-dogmatischer Wirklichkeit aus, um seiner Meinung die Dignität eines Wahrheitsbeweises zu verleihen und andere als ideologisch indoktrinierte Vorgestrige zu denunzieren. Er bediente sich dabei der Techniken der Entproblematisierung, Verharmlosung und Ausblendung. Sein Fazit, er habe keine symbolhafte Bedeutung oder gar ein Programm darin entdecken können, drängt geradezu die Frage auf: Durch wie viel Blindheit oder Ignoranz darf sich ein Professor an der Universität Passau auszeichnen? Oder war es der blinde Fleck säkularer Gleichgültigkeit? „Deutschland braucht Mariens Hilfe“, eine Postwurfsendung an Passauer Haushalte, schien bei ihm nicht eingeworfen worden zu sein.

Deutschland braucht Mariens Hilfe / Lassen Sie diesen Blick auf sich ruhen! (Postwurfsendung an Passauer Haushalte)

Für ihn war anscheinend völlig unerheblich, was in einer preisgekrönten Passauer Dissertation über die „Maria vom Siege“ abgehandelt worden war. Forschungsergebnisse dieser Art wurden offenbar für folgenlose Nichtigkeiten gehalten. Wer liest schon Doktorarbeiten! Kellner war ein vielfach geehrter und renommierter Numismatiker. In Umkehrung seiner polemischen Frage drängte sich die Rückfrage auf, ob es nicht dringendere Fragen gäbe als Spezialfragen der Numismatik. Das wäre aber eine zu platte Retourkutsche. Kellner, ein gläubiger Katholik (SZ Nr.149, S. 14), war viele Jahre zweiter Vorsitzender der Kommission für bayerischen Landesgeschichte gewesen. Es könnte sich auch in seinem Fall um eine konfessionell getrimmte Verteidigung mit dem Mittel der Entproblematisierung und Verharmlosung gehandelt haben. Oder drückte sich in seiner Meinung religiös-konfessionelle Gleichgültigkeit aus?

Apropos „höchst vorgestrige Probleme!“ Oder doch brandaktuell? Der Spruch, der aus einem bayerischen Wallfahrtsgebetbuch von 1726 stammt, könnte auf einen immer noch hörbaren Nachhall historischer Konfliktlagen schließen lassen: „Laß man nur die Türkhen klagen / Wie Maria sie erschlagen.“ Die „Maria vom Siege“ der Universität Passau als christlich-abendländischer Auftrag, der als bedrohlich empfundenen Einwanderung aus islamischen Gebieten des Balkans und Vorderen Orients nach Deutschland Einhalt zu gebieten? Eine blitzschleudernde jesuitische Kampfmadonna gegen die angebliche Islamisierung Deutschlands? Macht die Balkanroute zu! Die „Maria vom Siege“ im Logo führen, aber bitte nichts dabei denken! Es ist ja nur Dekor!

Maria schleudert Blitze gegen die Türken in der Schlacht bei Lepanto

Vom Elend der römisch-katholischen Theologie in Passau

Die römische Kongregation für das Katholische Bildungswesen erklärte in ihrem Schreiben „A segunda“ vom 5. März 1988 aus Anlass des Marianischen Jahres 1987/88 zum Thema „Die Jungfrau Maria in der intellektuellen und spirituellen Ausbildung“:

„Maria – jene >Frau< der Bibel – gehört eng zum Heilsmysterium Christi und ist daher in besonderer Weise auch im Mysterium der Kirche gegenwärtig. Da >die Kirche in Christus gleichsam das Sakrament (…) für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit< ist, denken wir bei dieser besonderen Gegenwart der Gottesmutter im Geheimnis der Kirche an die einzigartige Beziehung zwischen dieser >Frau< und der ganzen Menschheitsfamilie“. Und so weiter! (http:/kathpedia.com/index.php?title-Marianisches_Jahr 13.03.2016).

Man braucht kein Mitglied der römisch-katholischen Kirche und ihrer Vorfeldorganisationen zu sein, um zu wissen, welche zentrale heilsgeschichtliche Stellung und welches Mysterium die römisch-katholische Dogmatik der Gottesmutter zuspricht. Jeder katholische Theologe weiß, welche spirituelle Bedeutung Maria in der Glaubenslehre, der Glaubenspraxis und der katholischen Volksfrömmigkeit hat. Die Passauer Neue Presse liefert dafür fast täglich Beispiele. Jeder Interessierte kann im katholischen Katechismus nachlesen, was „die Lehre von Maria“ (die Mariologie) dazu sagt. „Die Kirche ist Jungfrau und Mutter“. Kardinal Ratzinger hob „das Ineinander von Maria und Kirche“ hervor womit sich die katholische Mariologie und die Lehre von der una sancta, von der heiligen römisch-katholischen Kirche, von anderen Glaubenslehren scharf abgrenzt. Auf den kardinalen Punkt gebracht: Wer die Ikone Maria infrage stellt, Dekor oder Nicht-Dekor, und ihre Abschaffung fordert, wendet sich automatisch gegen die römisch-katholische Kirche. Professoren der Theologisch-Katholischen Fakultät übten, indem sie den universitätsamtlichen Gebrauch rechtspositivistisch zur Formalie erklärten und dem säkularen Argument folgten, es handele sich um ein reines Traditionsdekor, zugespitzt gesagt, Verrat an ihrer eigenen theologischen Dogmatik. Sie entzogen sich in den mehr oder weniger verdeckten Auseinander-setzungen einer theologischen Diskussion. Katholische Christologie, Mariologie und die Lehre von der Kirche, die sie in den Hörsälen lehrten, schnitten sie kurzerhand mit dem Zwick-Zwack-Argument der „akademischen Passauer Traditionswahrung“ ab und verleugneten damit fundamentale Ausführungen und Definitionen des Weltkatechismus zur Mariologie, zur Existenz und zum Wirken der Gottesmutter. In ihren Predigten huldigten sie gläubig der Gottesmutter, in der Universität spielten sie das religiöse Symbol herunter. Die ikonografische und theologisch-ikonologische Problematik wurde auf den Rechtscharakter des Emblems („Siegel“) zurückgeschnitten und eine andere Herangehensweise als absurd abgetan. Sie versuchten die Ikone im Universitätsemblem für den Alltagsgebrauch zu entschärfen und setzten mit Verharmlosungen außer Kraft, was sie in Lehre und Predigt als ewige Glaubenstatsachen ausgaben. Sie merkten anscheinend nicht, dass sie mit ihrer verkürzenden Argumentation der verbreiteten Indifferenz gegenüber religiös-konfessioneller Symbolik Vorschub leisteten. Das intellektuelle Niveau war, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, für eine Universität beschämend.

Nach ihrer Ansicht gefragt, bedienten sich die Theologen eines argumentativen Kniffs, indem sie sich hinter einer Mehrheit in Stadt und Land versteckten. Sie verkrochen sich hinter den veröffentlichten Stellungnahmen von Passauer Bürgern und verwiesen auf Reaktionen der katholischen Bevölkerung. Es fehlte ihnen offenbar an Mut, die eigene Ansicht preiszugeben und klipp und klar Position zu beziehen. Es fehlte in den vagen Antworten ein theologisch „bekennendes Ich“, ein mutiges „Ich“, eine persönliche Aussage. Die Theologen betrieben ihr Versteckspiel zumindest dann, wenn sie sich nicht unter ihresgleichen bewegten und sich nicht in der Deckung einer Gruppe Gleichgesinnter wähnten. Wenn sie überhaupt zu einer Verteidigung ihrer Madonna ansetzten, dann ausschließlich unter dem Blickwinkel einer lokalen und regionalen Tradition, die glorifiziert, aber nicht weiter hinterfragt wurde. Sie befanden sich in einer argumentativen Zwickmühle und duckten sich weg. Die Ikone der „Maria vom Siege“ als reines Dekor und folkloristischen Kulturtand hinzustellen war ebenso fraglich, wie sie zum akademischen Traditionssymbol zu veredeln. Erst recht hätte eine Verteidigung aus der katholischen Glaubenslehre heraus im Raum freier Wissenschaft den weiteren Gebrauch obsolet gemacht. Sie zogen es vor, in der Öffentlichkeit zu schweigen.

O Heilige Simplicitas!

Dafür, wie dürftig theologisch-professorale Einlassungen mitunter waren, bot insbesondere der Inhaber des Lehrstuhls für Neutestamentliche Exegese, Prof. Dr. Friedrich Schröger (1931–1994), ein aufschlussreiches Beispiel. In seinen Lehrveranstaltungen, so berichteten Studenten der Theologie, zog Schröger im Wintersemester 1990/91 kräftig über uns Kollegen her, die wir beim Senat der Universität Passau den Antrag gestellt hatten, das Marienlogo aus dem Verkehr zu ziehen. Schröger verteidigte die Ikone im Siegel und Emblem der Universität mit treuherzigen Traditionsargumenten. Sie gehöre nun einmal zur Hochschultradition Passaus. Professoren, die nach Passau berufen würden, müssten die katholisch-kulturelle Landschaft und ihre Symbole akzeptieren. Die Universität Passau sei ein Bestandteil dieses Kulturraumes, folglich stünde es ihr gut an, ein akademisches Traditionssymbol dieses Ortes zu führen. Eine neugegründete Universität habe sich der katholischen Tradition und ihrer Symbole anzubequemen. Wer sich daran störe, brauche nicht nach Passau zu kommen oder könne sich wegbewerben. Auch die Devotionalien seien nicht anstößig. In Wallfahrtsorten würden solche Dinge wie Anstecknadeln, Bierkrüge und andere Gegenstände mit Heiligenbildern vertrieben. Warum sollte das Siegelemblem mit der „Maria vom Siege“ nicht auf Artikeln der Universität abgebildet werden? Katholiken stießen sich nicht daran. Überhaupt sei Tradition ein wichtiges Element. Die neugegründete Universität habe sich nun einmal in die katholische Sinn- und Symbolwelt einzufügen. Wer das hinterfrage, der störe, oder, noch krasser, der sei ein Spinner. Diese Selbstherrlichkeit des regionalen und lokalen Katholizismus reichte bis weit in die Universität hinein. Aber es gab auch, was ich nicht genug hervorheben kann, unter den Kollegen bekennende Katholiken, die mein Bestreben verstanden und als eine legitime Aufdeckung der Verhältnisse anerkannten Zu ihnen gehörte mein Kollege Prof. Dr. Heinrich Oberreuter. Ihm bescherte ich in der Fakultät und in institutionellen Bereichen des Katholizismus Unbequem-lichkeiten und den Vorwurf, er habe meine Berufung an die Universität Passau befürwortet. Er und wenige andere sprachen sich in den zuständigen Universitätsgremien 1990/91 dafür aus, das religiös-konfessionell belastete Logo aus dem Verkehr zu ziehen.

Die evangelisch-lutherische Amtskirche will sich „nicht in die Feldschlacht begeben“

Die evangelisch-lutherische Amtskirche von Passau verfolgte den Streit, hielt sich jedoch bedeckt. Sie nahm dazu nicht öffentlich Stellung. Von Amtsinhaber zu Amtsinhaber gab es indes persönlichen Kontakt und indirekte Unterstützung. Der Dekan der evangelisch-lutherischen Kirche Passau, Albert Strohm, bat um „ein gewisses Verständnis dafür, dass sich unsereiner an dieser Stelle nicht in die Feldschlacht begeben“ könne, versorgte mich aber mit neuestem Material zur theologischen Auseinandersetzung der evangelischen Kirche mit der katholischen Marienverehrung und Mariologie. (Schreiben mit Anlage vom 16.10.1992 an den Verfasser)

Man könnte sagen, Dekan Strohm munitionierte mich für die „Feldschlacht“ auf dem Gelände der Universität, an der er als kirchlicher Repräsentant der Evangelischen selbst nicht teilnehmen wollte. Kenner der konfessionellen sozial-moralischen Milieus schätzten die Passauer Verhältnisse so ein: Im protestantischen Milieu gäbe es eine große Anpassungsbereitschaft und -willigkeit an das katholische Milieu. Die meisten Protestanten seien prononciert konservativ. Sie wagten nicht sich in der katholischen Umwelt laut zu äußern. Sie hätten zudem die Neigung, sich selbstgenügsam in der katholischen Alltagswelt abzukapseln. Obschon man friedlich zusammenlebe, hätten es Protestanten in dieser dominant katholischen Umwelt nun einmal schwer. Protestanten hafte in der katholischen Atmosphäre Passaus, trotz gewisser Veränderungen und Lockerungen noch immer etwas Fremdes an. Eine öffentliche Stellungnahme oder gar offene Unterstützung von Seiten evangelischer Christen sei nicht zu erwarten. In privaten Gesprächen erfuhr ich allerdings viel Zustimmung.

Von evangelisch-kirchlicher Seite nahm lediglich Studentenpfarrer Rüdiger Kretschmann als Betreuer der Evangelischen Studentengemeinde Passau (esg) Stellung, und dies auch nur universitätsintern. Er thematisierte im Mitteilungsblatt der „esg“ das Streitthema „Maria vom Siege“ und lud im Rahmen der „esg“ zu „ökumenischen Gesprächen“ mit Professor Dr. Schröger, mir und Seminaristen ein. Im Mitteilungsblatt erschienen hierzu Informationsvorgaben, in denen auf die kurze akademische Geschichte dieses vermeintlich alteingeführten Logos und seinen fraglichen Gebrauch hingewiesen wurde. Unter der Überschrift „Die >Maria vom Siege< mußte weichen“ wurde mit einer unverkennbaren Genugtuung darauf aufmerksam gemacht, dass das neue Vorlesungsverzeichnis ohne Uni-Logo erschienen war. In einem Kasten wurde redaktionell hervorgehoben, dass „die Katholisch-Theologische Hochschule in Passau (…) das Emblem erst im Tausch gegen das bayerische Staatswappen 1950 eingeführt (hatte). „Es war in dem Jahr“, so wurde besonders betont, „als Papst Pius XII. das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel formulierte. Damit sei „das marianische Motiv dogmatisch neu besetzt worden, nachdem es als Kampfsymbol im Mittelalter gegen Türken, im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation gegen den Protestantismus eingesetzt worden war.“ Studentenpfarrer Kretschmann schrieb gerade dieser Ikone die Eigenschaft zu, dogmatisch neu aufgeladen worden zu sein. Insoweit hatte der „Passauer Madonnen-Streit“ doch auch in protestantischen Kreisen eine wenngleich nur sehr gedämpfte Resonanz hervorgerufen.

David gegen Goliath

Schon kurz nach dem Paukenschlag des Antrages unterzeichneten drei Dutzend Mitglieder aus verschiedenen Fakultäten ein Formular, das wir gegen die weitere Verwendung der „Maria von Siege“ in Umlauf gebracht hatten, und unterstützten unsere Aktion.
Der hohe öffentliche Aufmerksamkeitswert, den der universitätsinterne Streit im Nu gewann, bestätigte die Brisanz des Logos und seines Symbols. Über den Akteur Mintzel schwappte zweimal eine Welle der öffentlichen Kritik hinweg. Passauer Katholiken bedachten mich in Leserbriefen an die Passauer Neue Presse mit „Ehrenbezeichnungen wie „Spinner“, „Störer“, „Narr“, „Teufel“ und „Freimaurer“. Mir wurde vorgehalten, ich habe den Sinn der Wissenschaft missverstanden. „Es (sei) erschütternd, anzusehen, wie alles, was an christlichen Glauben, vor allem an die fundamentalen Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche erinnert, aus dem Bewusstsein der Menschen verbannt oder lächerlich gemacht wird.“ „Wer die Geheime Offenbarung des Apostel Johannes liest, dem wird klar, wer hier am Werk ist und in welcher Zeit wir uns befinden.“ „Die Bezeichnung >Maria vom Siege< sei wohl darauf zurückzuführen, dass sie durch ihr klares Ja zu Gottes Plan das Böse überwunden hat. Darum kann und soll sie allen Menschen dieser Erde Vorbild sein. Wir nennen sie auch Mittlerin und Fürsprecherin bei Gott und rufen in unseren Sorgen und Nöten zu ihr. Was hat das mit dem Kampf gegen Andersgläubige zu tun“.
Oder auf einer Postkarte an mich vom 1. November 1990: „Der Umweltengel als Emblem für unsere Universität wäre Ihnen wohl lieber, Sie rote Sau!“

Postkarte an die „rote Sau“ Prof. Dr. Albrecht Mintzel vom 01.11.1990

Professoren im Allgemeinen und Soziologen wie Alf Mintzel im Besonderen sind in Passau so überflüssig wie ein Kropf.“ In dem Antrag, das Logo mit der „Maria vom Siege“ nicht mehr zu verwenden, wurde ein Angriff auf die Patrona Bavaria gesehen. „Das Land steht unterm Schutz der Mutter Gottes“, hieß es in Leserbriefen an die „Passauer Neue Presse“. Der Antrag und „die gesamte Angelegenheit (sei) ein Skandal erster Größenordnung.“ „Die Universitätsleitung und ggf. das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus sollte den beiden Herren [den Professoren Alf Mintzel und Bernhard Haffke – A.M.] verbal auf die Finger klopfen, die die Freiheit von Geist, Forschung und Lehre gründlich missverstanden haben.“ Ein ortsansässiger Organisator der Wallfahrtsreisen zu den angeblichen Marienerscheinungen in Medjugorje schrieb in seinem Leserbrief: „Sehr traurig stimmt mich aber, dass es Ihnen nötig erscheint, >Maria vom Siege< wissenschaftlich zu erforschen und fachwissenschaftlich beurteilen zu lassen. Gehen Sie doch aus Ihrem Hause (in) die katholische Fakultät und schlagen Sie die Heilige Schrift auf – die Bedeutung Mariens wird Ihnen schnell klar sein werden: Am Anfang ist Maria als Feindin des Satans angekündigt“- und so weiter. „Oder machen Sie es sich einfacher: Fahren Sie, anstelle die Bibel aufzuschlagen, im Rahmen der von Ihnen so geliebten Experimente in die tiefsten Winkel Niederbayerns zu einfachen, gläubigen Menschen, vielleicht zu einem armen, alten Mütterlein, das schon lange den Rosenkranz betet.“

„Uns erschien die ehrwürdige Muttergottes“. Zeitungsausschnitte aus der Passauer Neuen Presse 1990/91

Die schwersten Kaliber der öffentlichen Diskriminierung und spöttischen Belehrung kamen aus dem Zwischenbereich von Universität und sozialer Umwelt. Insbesondere im Passauer Stadtmagazin „Einblicke“ wurden in elaborierten Beiträgen alle klassischen Methoden der persönlichen Verunglimpfung angewandt: unglaubwürdig machen, lächerlich machen, bloßstellen, karikieren, Charaktermängel nachsagen, stigmatisieren, entwürdigen, an den Pranger stellen. „Der Brillenträger will die Madonna im Siegel der Universität Passau nicht anerkennen.“ Nach dem Muster „Wanted“ wurde ein Porträtbild abgedruckt. Ich wurde als ein Mann des Teufels bezeichnet, der die Wissenschaft „falsch“ verstehe und deshalb sein Recht verwirkt habe, an der Universität Passau zu lehren. Auf den „Teufel“ Mintzel wurde auf der Straße mit den Fingern gezeigt. Das ist er! An den katholischen Stammtischen kochte der „Volkszorn“. Verbalaggressionen entluden sich in Drohanrufen am Lehrstuhl. Meine Sekretärin, einer braven Katholikin, wurde mit Beschimpfungen überhäuft. In der Passauer Neuen Presse wurde ich in Leserbriefen aufgefordert, Bayern zu verlassen und „nach drüben zu gehen“, das hieß in die Deutsche Demokratische Republik umzuziehen. Die katholische Kanaille schoss ihre Fäkalien aus allen Kanonen.

Die alten Strickmuster der Diffamierung und Ausgrenzung funktionierten auch im akademischen Betrieb. Bis weit in die Universität hinein wurde versucht, mich auszugrenzen. Katholische Kollegen verteidigten ihre Madonna mit Zähnen und Klauen gegen den protestantischen Störer. Sie hielten die „Immaculada militante“ für ein Logo, das auch einer Universität gut anstünde, symbolisiere es doch den Kampf um die „Wahrheit“. Jede geschichtsklitternde Umdeutung war den Glaubenseiferern recht, um die Madonna zu retten. Niederbayern lässt grüßen! Der Präsident der Universität meinte im offiziellen Gespräch, ich solle die Universität wechseln, wenn mir das Logo nicht passe, ich solle mich an eine andere Universität bewerben. Eine halbe Ausweisung nach historischen Mustern, die Gebärde der Macht, wenn die Argumente knapp werden. Meine Vorfahren Mintzel, lutherische und calvinistische Pfarrer, Schulmeister und Buchdrucker, waren im Zuge der Rekatholisierung der Oberpfalz 1622/23 ihrer Ämter enthoben und ausgewiesen worden. Ihnen war ein Exulanten- und Migrantenschicksal auferlegt worden. Präsident Pollok zeichnete als Herausgeber der universitätsamtlichen „Nachrichten und Berichte“, in denen nicht ein Wort über die Auseinandersetzungen veröffentlicht werden durfte. Pollok übte direkt Zensur aus. Er verhinderte den Abdruck eines Beitrages, den ein Kollege aus der Katholisch-Theologischen Fakultät zu strittigen Fragen des Symbolcharakters der „Maria vom Siege“ verfasst hatte. Horst Kämmerer, der Pressereferent, gab mir zu verstehen, es genüge schon ein presseamtlicher Hinweis allein auf die Tatsache, es sei ein Streit um das Logo im Gange, und er müsse er seinen Hut nehmen. Über den „Kampf um die Wahrheit“ durfte in den „Nachrichten und Berichten“ der Universität nichts verlauten. Mit der „Maria vom Siege“ hatte die Freiheit der Wissenschaft ein Ende. Die Universitätsleitung praktizierte eine Redaktionslinie, die der Chefredakteur der Passauer Neuen Presse, Erwin Janik, in den 1970er und 1980er Jahren verfolgt hatte: Sie boykottierte eine Berichterstattung über unbequeme und unerwünschte Auseinandersetzungen. Es sollte nichts nach draußen verlauten. Innen wollte sie alles unter den Teppich kehren. Die Universitätsleitung verhielt sich wie ein autoritäres Regime. Ich begegnete dem presseamtlichen Boykott mit wissenschaftlichen Publikationen über diesen Streit. Hinter den idyllischen Fassaden von Universitäten lauerten noch die alten weltanschaulichen Dämonen.

Die paternalistische Einmischung des „Exegeten“ Hans Maier

Hans Maier, der ehemalige Staatsminister für Wissenschaft Unterricht und Kultus, mischte sich aus Anlass seiner Ehrenpromotion in einer Akademischen Feier am 17. Dezember 1991 in den Streit ein (PNP Nr. 292, 19. 12. 1991, S. 27). Er hob in paternalistischer Weise seine Sicht der Dinge hervor:
„Sie sehen, die Kirche hat kräftige bauliche Hilfe geleistet in den Anfängen, und unter diesem Gesichtspunkt sehe ich ein wenig den Streit um das Passauer Universitätssiegel. Ich glaube schon, dass diese Hilfestellung der Kirche sich auch in einem Siegel ausdrücken darf. Aber wer Mühe hat mit dem Siegel, dem will ich mit einem kleinen exegetischen Hinweis unter die Arme greifen. Der Drache, den Maria hier auf diesem Universitätssiegel erlegt, ist natürlich ein ganz besonderer Drache. Er ist für mich ein Symbol der Unvernunft, der Torheit, der gepanzerten Verstocktheit, des hartleibigen Eigensinns, die man in einer Universitätsstadt wohl bekämpfen darf, ja sogar bekämpfen muss, wenn förderliche akademische Wissenschaft aus dieser Universität hervorkommen soll.“

Was autorisierte den ehemaligen bayerischen Kultusminister und Präsidenten des Deutschen Katholikentages seine private Sinndeutung als verbindliche zum Besten zu geben? Setzte er aus durchsichtigen Gründen nicht nur eine weitere Privatexegese hinzu, um das fragwürdige Emblem zu rechtfertigen, das zu seiner Amtszeit vom bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus amtlich abgesegnet worden war? Wem wollte er mit seiner Einmischung unter die Arme greifen? Dem Sozialwissenschaftler und Intellektuellen Mintzel? Oder wollte er mit seiner Exegese auf das stockkatholische Milieu Passaus hinweisen, auf dessen „gepanzerte Verstocktheit“ und auf dessen „hartleibigen Eigensinn“? Dann hätte er das Logo als einen Auftrag an die Universität Passau umgedeutet, den römisch-katholischen Eigensinn und die Passauer Verstocktheit zu bekämpfen. Auch Maiers private Sinndeutung war ein Beispiel der Beliebigkeit, die an der Universität grassierte und zu keiner Lösung des Problems führen konnte. Er wollte wohl der Universitätsleitung zur Hilfe kommen, die im Streitfall unbeholfen reagierte und sich darin wiederholte, stumpfsinnig und verstockt auf die hochschulgeschichtliche Tradition zu verweisen, die in dem Logo angeblich zum Ausdruck gebracht werde. Maiers Absicht war es, die angeblich harmlose Marien-Ikone zu verteidigen. Seine Einmischung kam nicht nur aus dem Munde des ehemaligen bayerischen Kultusministers, in dessen Amtszeit das Logo genehmigt und in seiner damals kultusministeriell gemeinten Bedeutung ausdrücklich bestimmt worden war, sondern auch aus dem Mund des ehemaligen Präsidenten des Deutschen Katholikentages. Wer Maiers Autobiografie „Böse Jahre, gute Jahre“ (2013) genau liest, dem kann nicht entgehen, dass vor der versammelten Universität der Katholik Maier gesprochen hatte. Seine Einlassung betraf die höchste Heilige der katholischen Kirche. Maier erwies den Verteidigern einen Bärendienst, als er sich an der konfessionellen Wiederaufladung des Logos als religiöses Symbol beteiligte. Die universitätsamtliche Behauptung, es drehe sich bei der Maria um reines Dekor, bestätigte Maier unfreiwillig einmal mehr als unhaltbar.

Das Ende des unzeitgemäßen Streites

Der sogenannte Madonnen-Streit der Universität Passau ist ausgestanden. Die Universitätsleitung ließ im Jahre 2003 von einem professionellen Designer ein neues Logo entwerfen, das seither von der gesamten Universität in Gebrauch genommen wird. Die bischöflichen Einladungen aller (!) Universitätsprofessoren und ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession wurden nicht mehr amtlich via Universitätsleitung verschickt. Der neu gewählte Präsident der Universität Passau, Prof. Dr. Freitag, entfernte aus seinem Editorial zum Uni-Magazin „Campus“ das Marienlogo, das der alte Präsident noch als Aureole für seines benutzt hatte. Die bischöflichen Sondereinladungen der Universitätsprofessoren, ihrer Gattinnen und Lebensgefährten sowie ausgewählter Mitglieder der Verwaltungsspitze zu einem gemeinsamen „Abendmahl“ wurden eingestellt. Bischöfliche Begründung: Das sei „nicht mehr zeitgemäß“. Als der neue Passauer Bischof nach seinem Amtsantritt im Sommer 2014 die Universität besuchte, betonte der Präsident im Gespräch, die Universität pflege einen „intellektuellen Dialog mit den Religionen“. Die Zeit einseitiger Vereinnahmung der Universität durch katholische Emblem-, Bild- und Devotionalien-Politik ging zu Ende. „David“ Mintzel hatte mit seiner intellektuellen Steinschleuder die Schwachstellen des katholischen Traditionalismus getroffen. Die „Bayerische Staatszeitung“ hatte mich gegen die falschen Marienverehrer in Schutz genommen, nicht die Universität, die noch heute so tut, als habe es den Streit nie gegeben.

Der damalige Pressereferent der Universität, Dr. Horst Kämmerer, der durch den täglichen amtlichen Kontakt seinen Dienstherrn sehr gut kannte und einzuschätzen wusste, äußerte in einem persönlichen Gespräch mit mir sinngemäß: Unter Polloks langer Regentschaft als Präsident wären die Führungsstrukturen verkrustet. Pollok sei eine autoritäre Person gewesen, aus der man letzten Endes nicht schlau geworden sei. Oberstes Prinzip sei gewesen, dass in der Universität nicht gestritten werde und es die anderorts üblichen Konflikte in Passau nicht gebe. Des Präsidenten Ziel sei gewesen, aus der Universität Passau eine besondere zu machen, vor allem eine ruhige Arbeitsuniversität. Der Madonnen-Streit sei gegen dieses Grundprinzip der Universitätsführung gelaufen und auch deshalb auf scharfe Ablehnung gestoßen. Es sei aber ein Effekt eingetreten: „50 Prozent hätten daraus gelernt, 50 Prozent nicht“. Ich hätte mit meinem Vorstoß einen Erfolg erzielt, es habe sich etwas verändert. (Notizen & Skizzen, Band 5, 30.08.1997).

Fazit

Eine universitätsinterne Umfrage zum Universitätsemblem ergab 1994 Folgendes: Auf die Frage: „Würden Sie gern sehen, wenn die Universität ein anderes, konfessionsneutrales Logo wählen würde, antworteten bei einem außergewöhnlich hohen Fragebogenrücklauf von 53 Prozent immerhin 36,1 Prozent der Befragten mit „Ja“, 28,8 Prozent mit „Nein“, 20,7 Prozent zeigten sich “gleichgültig“, unentschieden immerhin14,4 Prozent.
Die madonnengezierten Devotionalien der Universität hielten 2,6 Prozent der Befragten für inakzeptabel, 14,4 Prozent für unpassend, 6,6 Prozent für Missbrauch, 18,9 Prozent für Folklore, 10,7 Prozent war es egal, 6,6 Prozent meinet „anything goes“.
Die Ergebnisse der Umfrage bestätigten klar, dass sich die meisten Mitglieder der Universität über dieses Symbol nicht mit ihrer Universität identifizierten. Im kognitiven System kamen aber zugleich typische Mentalitätssperren zum Ausdruck. Prof. Dr. jur. Michael Kobler, erklärter Befürworter religiöser Symbole im modernen Wissenschaftsbereich, stellte in einem gedruckten und von ihm verteilten Flugblatt fest: „Mintzel hat als Streiter (…) wider das apokalyptische Weib im Siegel der Universität Passau einen klaren antifeministischen Teilerfolg erzielt: Das Siegel ist vom Umschlag des Vorlesungsverzeichnisses verschwunden. Die Apokalypse im übrigen wird sich nicht aufhalten lassen.“

In der Alltagswirklichkeit und Alltagswelt „Universität“ existieren wie in den Sinnwelten nebenan dumpfer Traditionalismus, säkulare Blindheit und/oder Indifferenz gegen über religiösen Symbolen, Ignoranz, religiös-konfessionelle Weltsicht, eifernder römisch-katholischer Fundamentalismus, Rationalismus und Irrationalismus nebeneinander. In der Frage des römisch-katholischen Glaubens- und Kultsymbols konnten die fragmentierten Sinnwelten über den wissenschaftlichen Diskurs nicht mit einander versöhnt, geschweige denn eine inhaltliche Lösung gefunden werden. Es blieb nur der Weg einer pragmatischen Entscheidung offen, nämlich Konsens durch Verfahren herzustellen. Das Logo und die Devotionalien wurden faktisch und generell abgeschafft und ein neues Logo kreiert. So ließen sich im sozialen System der Universität Harmoniebedürfnisse besser befriedigen als über den im kognitiven System der Universität unlösbaren wissenschaftlichen Streit.
Meine sozialwissenschaftliche Intervention hat sich gelohnt.

29. Die „Maria vom Siege“ und die Wissenschaft

Durch eine Doktorarbeit, die an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau eingereicht und nach erfolgreichem Abschluss öffentlich prämiert worden war, sah ich mich 1989/90 veranlasst, als Sozialwissenschaftler und Mitglied der Fakultät wissenschaftlich nachzubohren, was es mit der in der Doktorarbeit beschriebenen Ikone der Passauer „Maria vom Siege“ auf sich hatte. Sie war 1978 von der vormaligen Philosophisch-Theologischen Hochschule übernommen worden und hatte seither als Siegel, Logo und Identitätsikone gedient. Meine sozialwissenschaftliche Intervention (plakativ: ein „Erschütterungs-experiment“) und die Aufdeckung universitätsinterner und Passauer Sinnwelten stießen auf heftigen Widerstand und lösten einen erbitterten Streit aus. Über mich ergoss sich zweimal ein aufschlussreicher „Shitstorm“. Der Doktorand Conrad Lienhardt hatte mit seinen historisch-ikonologischen und ikonografischen Ergebnissen unversehens eine akademische Expertise und die Steilvorlage für eine Untersuchung geliefert: Welchen Bedeutungsgehalt mochte die katholische „Maria vom Siege“ im Logo der Universität Passau wohl heute noch haben.?

Mein ethnomethodologischer Ansatz, seine methodische Durchführung und die Ergebnisse meiner sozialwissenschaftlichen Intervention und „Aktion“ sowie die Kritik daran sind an anderer Stelle publiziert (Mintzel 1990a, 1990b, 1991, 1992, 1994, 1996; Wasner 1998, 2000). Bei der Schilderung dieses Ereignisses aus meiner Biografie will ich nicht ein weiteres Mal meine wissenschaftlichen Untersuchungen ausbreiten, sondern vielmehr meine persönlichen Erlebnisse schildern, die dieses „Abenteuer Wissenschaft“ mit sich brachten. Ich werde Rösser und Reiter nennen, die bei diesen zum Teil krassen Wertkollisionen gegeneinander antraten. Einer meiner britischen Kollegen, Professor Gordon Smith, der an der London School of Economics Politikwissenschaft und politische Zeitgeschichte lehrte, fragte mich auf einem Passauer Symposion: „Alf, Passau is a beautiful city. But what is under the surface?“ Meine Expeditionen in das katholische, sozial-moralische Milieu und zu den „Ethnien“ der Passauer Universität kosteten mich viel Kraft und erforderten eine stabile psychische wie physische Konstitution. Der „Passauer Madonnen-Streit“ wäre nichts für konfliktscheue Forscher gewesen. Solche anstrengenden Expeditionen in das Innenleben einer Universität sind nur für erprobte Abenteurer empfehlenswert. Forscher auf mittleren Universitätsrängen wären von den honorigen Herren Lehrstuhlinhabern und kleineren Chargen kurzerhand als „Schandflecken“ von der schönen Fassade der Universität „weggeputzt“ worden. Es gab Kollegen, die mich angesichts der Angriffe besorgt fragten: „Herr Mintzel, wie halten Sie das nur aus!?“

Der wissenschaftliche Sündenfall: Die „schöne Maria“

„Orte des Soziologen sind alle Plätze der Welt, wo Menschen mit Menschen zusammentreffen (…) Nichts was Menschen treiben, ist ihm zu hoch oder zu gering, zu langweilig oder zu lästig“ (Peter L. Berger).

Welche Sinnwelten lassen sich hinter einem Logo aufdecken, das aus dem religiös-konfessionellen Bereich stammt und von einer neu gegründeten Universität angeblich als rein dekoratives Identitätszeichen eingeführt worden ist? Mit welchem empirisch-analytischen Instrumentarium lassen sich die möglichen Sinnwelten dechiffrieren? Ich sah mich als Sozialwissenschaftler und Kenner der katholischen, sozial-moralischen Milieus von der ignoranten Behauptung des Gründungspräsidenten veralbert und für dumm verkauft, das Emblem befördere keine religiös-konfessionellen Botschaften mehr, es sei ein völlig glaubensentleertes Dekor. Im September 1990 verteidigte der oberste Repräsentant der Wissenschaft in einem zweistündigen Gespräch, zu dem ich die kurz zuvor mit 3000 Deutschen Mark prämierte Doktorarbeit über die Ikone mitgebracht hatte, das Logo der Universität auf eine so fragliche, um nicht zu sagen engstirnige Weise, dass ich mich als Sozialwissenschaftler herausgefordert sah. Er versteifte sich auf die Behauptung, die Marienikone sei ein Dekor ähnlich wie der Mercedesstern. Argumente der Wissenschaftslehre und -geschichte ließ er nicht gelten. Nach zwei Tagen Bedenkzeit beschloss ich, mit einer sozialwissenschaftlichen Intervention aufzudecken, was es mit dem Logo so alles auf sich habe.

Bei ihrer Eröffnung im Jahre 1978 hatte die neue Universität Passau zwei Probleme ihrer akademischen und gesellschaftlichen Repräsentation zu lösen. Sie musste nach innen zur Bildung einer „corporate identity“ ein Zeichen, Logo oder Wappen finden, das geeignet war, von allen Mitgliedern der Universität als symbolische Repräsentation akzeptiert und gebraucht zu werden. Dieses musste zudem nach außen zur gesellschaftlichen Repräsentation der Universität regional, landes- und bundesweit brauchbar sein. Gewöhnlich wird der symbolischen Repräsentation einer Organisation oder Institution keine allzu große Aufmerksamkeit geschenkt. Diese scheinbar nebensächliche Angelegenheit ist jedoch, wie viele Beispiele zeigen, von großer funktionaler Bedeutung, zumal bei Neugründungen. Ein Markenzeichen soll der Identität und Unterscheidung dienen und innere und äußere Identifikationsbedürfnisse erfüllen. Zumindest beim Gründungsakt einer neuen Institution wird die Einführung eines Markenzeichens zu einem hoheitlichen Akt mit Langzeitwirkung. Einmal gewählte werden gewöhnlich nicht mehr ausgetauscht. Sie sollen sich auf Dauer einprägen.

Die Leitung der neu gegründeten Universität Passau übernahm in einem Hauruck-Verfahren das Emblem der vormaligen katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau, die in die neue Universität als katholisch-theologische Fakultät integriert worden war. Im Zentrum des runden Emblems steht die „Maria vom Siege“. Es war wohl ein reflexionsarmer Traditionalismus, der wie selbstverständlich auf diese vermeintlich alteingeführte Vorgabe zurückgreifen ließ. Später wurde hinter vorgehaltener Hand zugegeben, dass man sich nicht viel dabei gedacht hatte. Der Gründungssenat hatte die „schöne Maria“ in fünf Minuten zum Siegel und Logo gemacht und in den Universitätshimmel gehoben. Die „Madonna“ suggerierte auch Altehrwürdigkeit und Unantastbarkeit. Glaube und Vernunft schienen wunderbar versöhnt zu sein. Dann kam es 1989/90 zum wissenschaftlichen Sündenfall, der den sogenannten Passauer Madonnen-Streit auslöste.

Siegel und Logo der Universität Passau von 1978

Mit seiner typengeschichtlichen Untersuchung hatte der Doktorand der Universität unabsichtlich „Aufklärungs-unterricht“ erteilt. Die Laudatio, die aus Anlass ihrer Prämierung gehalten wurde, ließ aufhorchen. Es kam heraus, dass diese schöne Madonna historisch-ikonologisch eine martialische Bedeutung hat. Sie stellt eine Variante der „Immaculada militante“ der spanischen Inquisition dar. Das katholische Kultsymbol symbolisiert den Suprematie- und Primatsanspruch der katholischen Kirche, die römisch-katholische Orthodoxie und Dogmatik, die Miterlöserschaft Mariä im Heilsplan, die angeblich unbefleckte Empfängnis und die selbst unbefleckt empfangene Maria, die Ecclesia triumphans gegen Ungläubige und Häretiker und den Sieg der Gegenreformation über die Protestanten. Die Ikone war das „militante Triumphbild der Gegenreformation schlechthin“ (Conrad Lienhardt). Es mag ja sein, dass einzelne Bedeutungsinhalte sich inzwischen verflüchtigt hatten, doch wurde in der Universität die Frage laut, ob dieses Symbol für eine 1978 neu gegründete, überkonfessionelle und konfessionsneutrale staatliche Universität wirklich passend sei. Welche Wappen und Embleme alte Universitäten in den Zeiten der Glaubenskämpfe eingeführt hatten, steht auf einem anderen Blatt. Die wissenschaftliche Neugier war geweckt und der Widerspruch dazu.

Es kam noch eine Peinlichkeit hinzu: Der universitätsamtliche Devotionalienhandel mit der Ikone. Diese Praxis hatte groteske Formen angenommen. Der für alle Veröffentlichungen und Briefköpfe vorgeschriebene Gebrauch der Ikone wurde begleitet von der Verteilung und feierlichen Übergabe von „Identitätsprodukten“ wie Anstecknadeln, Autoplaketten, Wimpeln, Herrenschlipsen, Damentüchern, Wachsgüssen, Döschen, Bierkrügen und Glashumpen – allesamt mit diesem Glaubenssymbol verziert. Die Universität Passau fungierte gewissermaßen als „marianisches Hilfswerk.“ Je nach Würde und Anlass gab es in Wachs gegossene Marien in drei Größen. Die „Maria vom Siege“ hatte auf dem blaufarbigen Grund der Herrenschlipse sinnigerweise einen Ehrenplatz etwa eine Handspanne über der erhabenen Männlichkeit des Geehrten und Gelehrten. Von trinkfreudigen Universitätsmitgliedern wurde mit Krügen und Humpen angestoßen, die mit der „Reinen“ und „Unbefleckten“ geschmückt waren. „Prost Maria!“ Die Spitze der Geschmacklosigkeiten, aber passend zum einstmaligen jesuitischen Kampfsymbol, war ein mehrfarbiger Brustschmuck, eine Ordensspange mit kleinen (Marien-)Anhängern in der Art, wie sie hochdekorierte Generäle an ihren Uniformjacken tragen. Eine besonders sinnvolle Auszeichnung für verdiente Marienkämpfer?

Die Alma Mater Passaus vereinigte mit ihrem Devotionalienhandel das Heilige und Profane zur akademischen Imagepflege und aus schnöden Gründen des Marketings. Die Madonna sollte die lokale und regionale Spendenfreudigkeit anregen. Die „Siegerin in allen Schlachten Gottes“ war mit dieser Praxis in säkularer Sicht zu einem Spottbild ihrer selbst geworden. Die Universität trug – zu ihrer Schande unwissentlich – kräftig zur Sinnentleerung bei. „Anything goes“ war die postmoderne Devise. Das war auf Grund gewohnter Devotionalien-Praxis nicht einmal glaubenstreuen Katholiken aufgefallen.

„So ist es nun einmal hier üblich.“ Es bedurfte eines rabiaten universitätsöffentlichen Widerspruchs, um diesem Treiben ein Ende zu setzen. Universitätsmitglieder fragten, ob die Universitätsleitung die Institution des Wissens und Erkennens zu einem akademischen Altötting verkommen lassen wolle.

Begründungsnotstand und fragliches Traditionsargument

Dem Argument des Missbrauchs religiös-konfessioneller Symbole wurde von Seiten der Universität im Begründungsnotstand prompt das Traditionsargument entgegengesetzt. Die Ikone sei seit langem im Emblem der vormaligen katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule Passaus geführt worden. Aber auch dieses Gegenargument war nicht stichhaltig, denn diese hatte das Emblem mit der Ikone erst 1950, im „Heiligen Jahr“ der katholischen Kirche, zur Zeit des 74. Deutschen Katholikentages in Passau eingeführt. Es war das Jahr, in dem auch das zweite Mariendogma verkündet worden war, wonach die verstorbene Maria „mit Leib und Seele in die Prächtigkeit des Himmels aufgenommen“ worden sei. Das Universitätslogo war folglich alles andere als ein alteingeführtes. Die steinerne Skulptur der „Immaculada militante“, die in einer Mauernische des alten Passauer Jesuitenkollegs steht, war zuvor in kein Wappen oder Logo aufgenommen worden. Die Philosophisch-Theologische Hochschule hatte sich bis 1950 des bayerischen Staatswappens bedient. Die Verteidiger hatten mit ihrer falschen Zweckbehauptung die „schöne Maria“ zu einer akademischen Lügen-Maria gemacht. Darüber schwieg sich später das aus Anlass der 30-Jahre-Feier in der Universität kursierende „Informationsblatt“ geflissentlich aus. Der Universitätssenat hatte in aberwitziger Selbstherrlichkeit geglaubt, mit seiner Definition die religiös-konfessionelle Bedeutung der „Maria vom Siege“ aushebeln zu können, die eine Weltkirche in ihrem Katechismus für jeden nachlesbar höchstamtlich festgelegt hatte. Man wollte nicht einsehen, dass der säkulare Charakter wissenschaftlich begründeten Weltwissens mit diesem religiösen Symbol nicht (mehr) vereinbar war.

Selbst dann, wenn historisch-religiöse Bedeutungsgehalte sich verflüchtigt haben sollten, war die Ikone 1953/54 und 1987/88 erneut höchstkirchenamtlich religiös aufgeladen worden. In der Geschichte der römisch-katholischen Kirche wurden zweimal sogenannte marianische Jahre ausgerufen, von Pius XII. das von 1953/54 und von Johannes Paul II. das von 1987/88. Das zweite Mal stand im Zusammenhang mit dem 70. Jubiläum des Marienwallfahrtsortes Fatima und sollte dazu dienen, „auch all das erneut und vertieft zu bedenken, was das Konzil über die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gesagt hat.“ Papst Johannes Paul II. hatte zuvor am 25. März 1987 den Sinn des „Marianischen“ dargelegt: „Hierbei geht es nicht nur um die Glaubenslehre, sondern auch um das Glaubensleben und folglich auch um echte >marianische Spiritualität<, wie sie im Lichte der Tradition sichtbar wird, und insbesondere um die Spiritualität, zu der uns das Konzil ermutigt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Marianisches Jahr – 13.03.2016).

Die Passauer Universitätsleitung, voran der Gründungspräsident, hielten an ihrer Version fest, wonach das alles für das Logo der Universität Passau nicht gelte. Sie verliehen der Ikone der „Maria vom Siege“ „im Lichte der Tradition“ ihre besondere universitätsamtliche „Spiritualität“, nämlich eine Zierde der Wissenschaft zu sein und dem akademischen Umtrunk zu dienen. Von welcher Seite her und unter welchen Gesichtspunkten man immer auch den universitätsamtlichen Gebrauch betrachtete: er war reflexionsarm und stupide. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Oberreuter nannte die Wahl dieses Logos und den Umgang mit ihm eine „institutionalisierte Gedankenlosigkeit.“

VATICAN magazin Jg. 4/ Heft 5 – Mai 2010: Die Kirche, die Krise und der Drache. Nur die Frau kann helfen. Zurück zu Maria!

Spätestens mit dem wissenschaftlichen Sündenfall der unbeabsichtigten Aufklärung war 1989/90 evident, dass das Universitätswappen weder nach innen im Sinne einer „corporate identity“, noch im Außenverhältnis als Markenzeichen gesellschaftlicher Repräsentation weitergeführt werden konnte. Die „Maria vom Siege“ war obsolet geworden. Sie hatte im Innenverhältnis der Universität ihre allgemein verbindliche Symbolkraft verloren – sofern sie überhaupt bestanden hatte. Akzeptanz und Konsens waren zerbrochen. Ihre gesellschaftliche Repräsentationsfunktion nach außen war in Widerspruch zur kognitiven Leitfunktion der Universität geraten. Die Situation war äußerst prekär, denn es war klar, dass mit einer Rücknahme des Logos vor allem im Außenverhältnis der Universität lokale und regionale katholische Identitätsbedürfnisse verletzt würden.

Titelseite der „lichtung ostbayerisches magazin, Januar/Februar 1991

Mittel der Aufdeckung: Satire oder Antrag auf Abschaffung?

Ich hatte zunächst an eine schriftstellerische Attacke gedacht und eine bissige Satire auf die Universitätsmadonna und ihre Anhänger verfasst. Der Titel der Satire lautete:“ Die Marienuniversität zu Passau. Oder: Schenkendes Verströmen von Gedankenlosigkeit. Eine sarkastische Denkmalnach-Schrift. In vier Teilen. Im Dienste der Wissenschaft allgemeinverständlich verfasst von Alf Mintzel.“

Nach dem zweistündigen Gespräch, das ich mit dem Präsidenten und dem Kanzler der Universität geführt hatte, war ich zunächst entschlossen, die Satire als Sonderheft des ostbayerischen Magazins „lichtung“ zu publizieren. Hubert Ettl, der Herausgeber, hatte schon alle drucktechnischen Vorbereitungen getroffen. Die Druckmaschinen sollten schon am nächsten Morgen anlaufen, als mich in der Nacht ein Kollege aus der juristischen Fakultät anrief und mir riet, von einer Publikation abzusehen und einen anderen Weg zu gehen. Ich hatte den Strafrechtler Prof. Dr. Bernhard Haffke gebeten, den Text der Satire unter strafrechtlichen Gesichtspunkten zu prüfen. Sein Ergebnis war: Die Satire böte Anlässe zu Beleidigungsklagen, weil die Protagonisten allesamt namentlich bekannt und religiöse Empfindlichkeiten berührt seien. Form und Text der Satire würden es Gegnern, vor allem aufgebrachten Glaubenshütern, leicht machen, von der Streitsache abzulenken. Die eigentliche Absicht, auf die Fragwürdigkeit der Universitätsikone hinzuweisen und ihre Abschaffung zu erreichen, käme durch das Medium Satire nicht zum Tragen. Kollege Haffke empfahl mir, einen wohlbegründeten förmlichen Antrag bei den zuständigen Gremien zu stellen, das Emblem oder was auch immer es sei, abzuschaffen. Er würde sich einem Antrag anschließen. Ich zog noch in derselben Nacht den Druckauftrag zurück. Wir beide formulierten einen mehrseitigen Antrag, in dem wir in sechzehn Punkten wissenschaftshistorisch, wissenschaftstheoretisch und erkenntnistheoretisch ausführlich begründeten, warum diese Ikone grundsätzlich im Widerspruch zu den Aufgaben einer konfessionsneutralen freien Institution der modernen Wissenschaft steht. Unser Antrag vom 4. Oktober 1990 löste in der Universität und in der Öffentlichkeit heftige Kontroversen aus und brachte im katholischen, sozialmoralischen Milieu die konfessionellen Bedeutungsinhalte des „Dekors“ zum Vorschein.

Es bedurfte härtester wissenschaftlicher Methoden und einer aufwendigen wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit, um einen universitätsamtlichen Entscheidungsprozess einzuleiten und skandalöse Diffamierungen und üble Drohungen abzuwehren. Eine vorher angekündigte Initiative, die das Universitätslogo unverbindlich zur Diskussion gestellt und eine Abschaffung nur empfohlen hätte, wäre im Sand verlaufen. Nur ein Überraschungscoup und eine amtlich formale Herausforderung ließen erwarten, über Zustimmung und Widerstände Aufschlüsse über den „mentalen Kitt“ der Ikone zu erhalten. Die desinteressierten Stummen, die stummen Interessierten, die offen bekennenden und stillen Marienverehrer und andere Kategorien von Meinungsträgern mussten universitätsintern und extern zum Reden gebracht werden.

Fragwürdige Vereinnahmungen der Universität Passau

Der Universitätspräsident bedauerte 2008 in einem universitätsamtlichen Schreiben an alle „Damen und Herren Professorinnen und Professoren“ unter seinem amtlichen Briefkopf, dass aus der Universität „eine stetig sinkende Zahl von Teilnehmern an der Fronleichnamsprozession“ zu beobachten sei. Er bat „aus eigenem Entschluss“, „wieder um eine vermehrte Teilnahme, um unsere Verbundenheit mit Kirche und Stadt zum Ausdruck zu bringen.“ Zwar fügte er hinzu, man möge sein Schreiben als gegenstandslos betrachten, „falls man sich davon nicht angesprochen“ fühle, aber der höchstamtliche Brief war auf Kosten des Universitätsetats an die gesamte Kollegenschaft versandt worden. War es Aufgabe eines Universitätspräsidenten, also des höchsten Vertreters aller Wissenschaftler, auf dem Amtsweg zu einer vermehrten Teilnahme an der Fronleichnamsprozession aufzurufen? Was der einen Seite recht ist, müsste der anderen Seite konsequenter Weise billig sein. Doch wurde bei so viel freundlicher Verbundenheit nicht einmal die amtlich-neutrale Äquidistanz zu den Kirchen gewahrt. Selbstverständlich wurden zum Reformationsfest die Kolleginnen und Kollegen nicht gebeten, wieder mehr am Gottesdienst teilzunehmen. Hinter vorgehaltener Hand wurde darüber geschimpft oder gelacht, doch niemand wagte es, dagegen offen, geschweige denn öffentlich etwas zu sagen. Neuerdings lässt sich die 2016 gekürte Universitätspräsidentin, eine Protestantin, wieder aus Tradition, nach der vom Generalvikariat vorgegeben standesgemäßen Ordnung in die Fronleichnamsprozession einordnen. Ökumene nach katholischer Art!

Charakteristisch für den religiös-konfessionellen Stumpfsinn und den reflexionsarmen Traditionalismus der damaligen Leitungsgremien der Universität war, dass sie es im Jahre 1978 bei der Eröffnung der Universität nicht einmal zustande brachten, die Konfessionen in einem ökumenischen Gottesdienst zusammenzuführen. Die Katholiken feierten in der St. Nicolai Kirche oben im Kirchenschiff, die Protestanten durften unten in der Krypta der Kirche ihren Gottesdienst zelebrieren. Kein ökumenisches Miteinander, sondern ein traditionsbeschwertes Nebeneinander. Kein Wunder, dass es fürderhin mit der amtlich-neutralen Äquidistanz zu den Kirchen schlecht bestellt war und die Selbstdarstellung der Universität bis zum „Sündenfall“ der Wissenschaft „marianisch“ geprägt blieb. Bildpolitik wie in römischen Herrschaftszeiten. Katholische Professoren sagten es – entlarvend – offen und ehrlich: Sie fühlten sich hier wohl in ihrem Katholisch-Sein. Aber der Präsident und der zuständige Senat der Universität Passau blieben bei ihrer Meinung, dass dies alles nichts bedeute, und beharrten weiterhin auf dem universitätsamtlichen Gebrauch der „Maria von Siege“ als reines Traditionssymbol (PNP Nr. 51, 01.03.1991, S. 3). Es sollte allerdings künftig sensibler mit dem Logo umgegangen werden. Professoren und Fakultäten wurde es freigestellt, das Emblem zu verwenden oder nicht, was zu einer kuriosen Vielfalt eigener Kreationen führte. Mit dieser scheinliberalen Senatsentscheidung geriet die „Maria vom Siege“, ich personifiziere das symbolische Abstraktum, bereits in die Defensive.

Opulentes Abendmahl – Die Tische des Bischofs waren reich gedeckt

Der Bischof von Passau lud bis 2011 alljährlich, so um den Tag „Mariä Empfängnis“ herum, alle Professorinnen und Professoren samt Partnern zu einem opulenten Abendmahl ein. Die hochamtliche Einladung zum Sankt Nikolaus-Treffen erfolgte, unbemerkt von der Öffentlichkeit, nur an die gesamte Professorenschaft und an eine handverlesene Schar aus der Universitätsverwaltung, über einhundert Personen an der Zahl. Die Tische des Bischofs waren jedes Mal reich gedeckt – nach dem Matthäus-Prinzip „Denn wer da hat, dem wird noch gegeben!“ Die fleißigen Mitarbeiter der Universität mussten draußen bleiben. Das alles wäre ja verhältnismäßig harmlos gewesen, wären Kritiker nicht für dumm verkauft worden. Wie könne man nur glauben, so fragten Kollegen, dass die Universitätsmadonna noch irgendwelche religiösen Botschaften mit sich trüge. Wer auf die katholischen Traditionen und auf die Volksfrömmigkeit in Bayern verwies, wurde zum Narren gehalten. Man musste schon mit Blindheit geschlagen sein oder im Beweisnotstand zur Zwecklüge greifen, um in Bayern die religiös-konfessionelle Bedeutung einer „Madonna“ abzustreiten. In der „Passauer Neuen Presse“, in der „Passauer Woche“, im Bistumsblatt und in anderen Presseorganen wurde vor allem in Zeiten religiöser Hochfeste ausführlich über Prozessionen, Marienandachten und Pilgerfahrten berichtet, bei denen die Gottesmutter um Hilfe gebeten wurde. Die Passauer Bischöfe bekundeten oftmals ihre „innige Verbundenheit mit Maria“. Im katholischen Bayern wird täglich unzählige Male das „Ave Maria“ gebetet. Die universitätsamtliche Blindheit oder Verlogenheit beschädigte eine Institution freier Wissenschaft. Die „Maria vom Siege“ wurde verstohlen Schritt für Schritt aus der Prächtigkeit des Universitätshimmels entfernt und zu ihrer Rettung stillschweigend an die Staatliche Bibliothek Passau überführt – ein Stoff für eine Satire. Es ließ sich „unter der schönen Maria“ zwar gut forschen, aber bei der Erforschung der sozialen und religiös-konfessionellen Wirkkraft dieses Logos hörte für viele Passauer und Kollegen die Freiheit der Wissenschaft auf.

Die Universität mag, wie die „Bayerische Staatszeitung“ (Nr. 10, 08.03.1991, S. 10) über den Senatsbeschluss geschrieben hat, „mit dem Kompromiss leben – nach jenem Prinzip, nach dem wir alle mit vielen Dingen leben: nicht hinschauen; wenn wir hinschauen: nichts wahrnehmen; wenn wir etwas wahrnehmen: nichts dabei denken. Von einer Universität darf man allerdings mehr erwarten.“

Kollegen scheuten nicht vor öffentlichen Diffamierungen zurück

„Magnifizenz, lieber Herr Pollok,

als ersternannter Professor unserer Universität, aber auch als Stadtrat, dem daran liegt, dass Passau und seine Universität nicht in seltsames Gerede geraten sowie als Rechtshistoriker, der die weiter als nur ins 18. Jahrhundert reichende wirklich liberale Tradition unserer Bischofsstadt kennt, darf ich zur Ernüchterung der eventuellen Diskussion im Senat über o. g. Gegenstand [Emblem unseres Hauses] eine alphabetische Liste von Emblemen deutschsprachige Universitäten vorlegen:

Bamberg. Heiliger Bischof, herrscherlich

Basel, reformierter Staat: Muttergottes mit Kind, Krone (Königin!) und Herrscherstab

Heidelberg: Der erste Vorgänger des Papstes (St. Petrus) vor ihm kniend zwei Ritter, einer mit Rautenwappen (Wittelsbach, Bayern!) und Löwenwappen Welfen Pfalz)

Kiel: Antike Gottheit des Friedens

Leipzig früher: Zwei Heilige: Laurentius mit Rost und Joh. Bapt. {[gemeint war Johannes der Täufer – A. M.] mit Schaferl (Das wäre mein Vorschlag für unser künftiges Siegel – im Gedenken an die beiden Initiatoren des jüngsten Bildersturmes – für den Fall, dass sie Erfolg haben sollten!)

München: Madonna als Königin (!) (mit Krone) und Kind

Münster: Wie Basel

Osnabrück: Madonna als Königin (!), Kind und Herrscherstab, erster Vorgänger des Papstes (St. Petrus) und Kaiser

Saarbrücken: Eule (das wäre mein Ersatzvorschlag)

Straßburg: früher einmal Joh. Bapt. [gemeint war Johannes der Täufer – A. M.]

Tübingen: Christus als Weltenherrscher mit Reichsapfel, segnend

Wien: Muttergottes mit Kind und Engeln, darunter ein von diesen ungestört lehrender Professor mit Studenten!

Würzburg: Muttergottes mit Kind und Herrscherstab (Königin!)

Zürich, reformierter Staat: Kirchenfassade mit Jahreszahl: 1833

Als eine möglicherweise durchaus aktuelle, natürlich unverbindliche, weitere Deutung unseres derzeitigen Emblems darf ich die Frau im 12. Kapitel der Apokalypse des hl. Johannes vorschlagen. Zu weiteren Ausführungen bin ich wegen Examensbelastung (Staats- und Fremdsprachenprüfung) momentan nicht imstande. Den beiden militanten Kollegen gilt im Hinblick auf ihre freie Zeitkapazität und ihr Problemfindungsbewusstsein kollegiale Ver- und Bewunderung.

Verbindliche Empfehlungen und gute Wünsche Ihr ergebener gez. Michael Kobler.

Kopien an die Herren Dekane die Herren Kollegen der Jur. Fak. und an die PNP [Passauer Neue Presse]“

Was in jedem kulturwissenschaftlichen und historischen Seminar zurecht bemängelt würde, erlaubte sich der Rechtswissenschaftler Kobler ohne Skrupel. Er führte mit dem Schein wissenschaftlicher Seriosität formalistisch eine bloße Auflistung in die Diskussion ein. Weder nannte er die Gründungsdaten der von ihm benannten Universitäten, noch setzte er seine 15 Beispiele ins Verhältnis zur Gesamtzahl der knapp 140 Universitäten und Hochschulen, die in der von ihm benutzten Quelle genannt sind. Auch setzte er sich nicht einmal auch nur im Ansatz mit den historisch-konfessionellen Bedeutungsinhalten der „Maria vom Siege“ auseinander. Kobler unterschied nicht nach Gründungszeiten und historisch kulturellen Zeitumständen, nicht nach einstmaligen dynastisch-territorialen Verhältnissen, nicht nach Trägerschaften und dem heutigen öffentlich-rechtlichen Status neuer Universitäten. Mit seiner Auflistung synchronisierte, simplifizierte und vermischte der Rechtshistoriker wissenschaftlich unhaltbar ganz unterschiedliche Zeiten, Embleme, Trägerschaften und historische Konstellationen religiös-konfessioneller Mächte. Er ignorierte die Entwicklungen der Wissenschaften und die moderne Wissenschaftslehre. Er setzte die zum Teil noch mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Beispiele mit viel späteren und jüngsten Universitätsgründungen gleich. Engen wir die historisch differenzierende und wissenschaftliche Betrachtungsweise auf Mariendarstellungen in Universitätswappen, Siegeln und Emblemen ein, dann wird Koblers Auflistung noch fragwürdiger. Von den insgesamt zehn Universitäten, die in ihrem Wappen/Siegeln/ Emblemen eine Madonnendarstellung aufweisen, sind fünf älter als 400 Jahre, zwei älter als 160 Jahre. Ein Beispiel: Die Universität Würzburg war 1402 „durch den apostolischen Stuhl“ errichtet worden, „auf dass ebendort“, wie es in der Gründungsurkunde heißt, „der Glaube selbst verbreitet und das ungebildete Volk unterrichtet werde“. Universitäten waren damals und erst recht in nachreformatorischen Zeiten Bastionen des Glaubens und der Glaubenskämpfe. Kobler verschwieg zudem, dass das Emblem der Universität Osnabrück ebenfalls wegen seines religiös-konfessionellen Charakters umstritten war. Er lieferte nicht nur einen fragwürdigen Diskussionsbeitrag und ebenso willkürliche Vorschläge, sondern überzog die Antragsteller mit Häme und Spott. Er nannte sie militante Bilderstürmer, mokierte sich über deren Problemfindungsbewusstsein und stellte sie süffisant als kleinkarierte Geister vor. Kobler wirkte mit seinem Leserbrief universitätsintern und in der Passauer Neuen Presse nach alten Mustern an der Diffamierung und Ausgrenzung mit und blies so in das gleiche Horn wie Passauer katholische Fundamentalisten und Glaubenshüter. Unfähig oder unwillig Dinge wahrzunehmen, die außerhalb seines bekenntnishaften Katholisch-Seins lagen, blendete er die moderne Wissenschaftslehre, andere wissenschaftliche Sichtweisen und säkulare Wahrnehmungen religiös-konfessioneller Bildwelten aus. In der Psychologie wird dieses Phänomen als „Tunnelblick“ bezeichnet, im Alltag ist von „Scheuklappen“ die Rede, in der Wissenschaft spricht man von „Fachidioten“. Von dem Instrument einer ethnomethodologischen Intervention in eine fragwürdige Praxis hatte der wohl nicht die geringste Ahnung. Kobler lieferte frei Haus, was es mit der Madonna auf sich hatte. Nicht wissenschaftliche Neugier und Erkenntniswille waren es, die ihn bewegten, seine Ausfälle gegen Kollegen von der Passauer Neuen Presse abdrucken zu lassen, sondern außengeleitete Gefallsucht. Stadtrat Kobler stilisierte sich als erstberufener Rechtswissenschaftler zum Hüter einer angeblich liberalen katholischen Kirchentradition und sammelte Stimmen mit populistischer Stimmungsmache. Er genoss den dumpf-spießigen Beifall katholischer Glaubenshüter. Koblers Haltung darf als exemplarisch angesehen werden. Die Auslassungen anderer katholischer Kollegen waren ähnlich verengt.

Ich hörte aus verschiedenen Ecken jene ebenso bornierten wie durchsichtigen Argumente gegen mein Engagement im Madonnen-Streit. „Dazu nimmt er sich Zeit, dafür hat er Zeit“. Die Infamie selbstgefälliger Kollegen kannte keine Grenzen. Sie diffamierten intern und extern allzu durchsichtig mit populistischen Unterstellungen und dienten sich dem Präsidenten als Berater und Verteidiger an. Die Anfangs-Idylle der Passauer Universität war vorbei.

Ich hatte mit allerlei Diffamierungen und Praktiken der Ausgrenzung fest gerechnet. Schon im Vorfeld meiner Erkundungen war deutlich geworden, dass es mit dieser „Maria“ extern und universitätsintern eine eigene Bewandtnis hatte. Ich wusste, dass das Logo nur so lange harmlos war, wie es nicht infrage gestellt wurde. Mir war klar, welche Brisanz der Streit im Kontext des niederbayerischen und Passauer katholischen sozial-moralischen Milieus in dem Moment gewinnen konnte, in dem das Logo zur „Disposition“ gestellt wurde. Der Verdacht einer unterschwelligen konfessionellen Vereinnahmung der Universität wurde im Verlauf der Auseinandersetzungen von den Gegnern selbst bekräftigt. Es kam wie erwartet, das Milieu lieferte prompt den Beweis und Realsatire. Passau war ja als besonders fruchtbarer Nährboden für Kabarett und Satire bundesweit bekannt.

Liberale Tradition ?

Der unverdächtige Chronist der katholischen Bildungsinstitutionen Passaus, Franz Xaver Eggersberger, ein Professor der Theologie und Kenner dieser Tradition, beschreibt und beurteilt in seiner Geschichte der Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau die Leistungen dieser katholischen Bildungsanstalt für Geistliche so:

Bildungsarbeit habe ganz „im Dienste der Gotteserkenntnis“ gestanden, nicht im Dienst humanistischer Bildung (Eggersdorfer 1933, 46). Die theologische Erkenntnislehre habe den erlaubten geistigen Wissensdrang bestimmt und eingegrenzt. Nach den Aufzeichnungen der Zöglinge „hörte man von Newton nicht einmal den Namen“ (Eggersdorfer 1933, 106). Mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und der Erhebung des Kollegs zu einer Akademie war dann zwar „eine gewisse Säkularisierung der Lehrkanzeln“ eingetreten (Eggersdorfer, 167), aber die liberale „Aufklärungsblüte“ hatte nur kurz gewährt. Der fürstbischöflichen Obrigkeit waren die Aufklärung“ und geheime Freigeisterei ihrer „Hochfürstlichen Akademie“ bald zu weit gegangen. Zur Hebung der Religiosität und Moralität“ der Studierenden hatte sie am 24. September 1794 vier Professoren von ihren Lehrkanzeln und aus dem Lande gejagt. „Es war bekannt geworden, daß die (vier) in verschiedenen Wirtschaften (…) lästerliche Reden über Freiheit und Gleichheit, über Ablaß und Transsubstantion ausgestossen, daß sie für die Französische Revolution geschwärmt, daß sie anonyme Pasquillen verbreitet hätten“ und  derlei Verruchtes mehr (Eggersdorfer 1933, 226). „Die revolutionäre Aufklärung konnte in Passau keinen Boden gewinnen“ (Eggersdorfer 1933, 227), meinte der unverdächtige Chronist der Passauer Bildungsinstitutionen.

Jede freigeistige Regung war schon im Keim erstickt worden. „Maria hat geholfen!“ Die Universitätsleitung und Kollegen verfingen sich in einem Netz der Unkenntnis.

Katholisch geprägter wertkonservativer Traditionalismus

Besonders auffallend war, dass die meisten Vertreter der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zäh und demonstrativ am Gebrauch des Logos festhielten. Sie erwiesen sich als besonders resistent gegen andere Sichtweisen und boykottierten eine rationale kritische Auseinandersetzung mit der symbolhaften Selbstdarstellung der Universität. Der Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Absatzwirtschaft und Handel, Prof. Dr. Helmut Schmalen, verteidigte in seiner Amtseigenschaft als Vizepräsident laut Passauer Neue Presse das Marienlogo unter werkkonservativen Gesichtspunkten so: Er „befürchte Einbußen im Wert des Emblems als Traditionssymbol, wenn es jeweils dem wechselnden Zeitgeist angepasst werde“ (PNP Nr. 249, 27.10.1990, S. 33). „Scharfsinniger“ hätte es auch nicht der Bischof in einer Sonntagspredigt ausdrücken können. Schmalen formulierte mit dieser Begründung eine in der Universität Passau wohl weitverbreitete, betont wertkonservative Grundhaltung, die nun, nachdem der Streit entfacht worden war, gegen die geforderte Abschaffung mobilisiert wurde. Gründungspräsident und Vizepräsident waren von Beginn an Gegner des Antrages. Schmalen, zog auf Bergtouren informeller Universitätskreise über mich her und glaubte mich mit wertkonservativen Wortkeulen als Wissenschaftler niederschmettern zu können. Kollegen trugen mir zu, was ich nicht direkt zu hören bekam. Die kritische Funktion eines geläuterten Aufklärungsprogrammes schien dem betriebswirtschaftlichen „Macher“ zumindest uninteressant zu sein. War 1978 auf das vermeintlich alteingeführte Emblem einfach aus einer unterstellten und nicht infrage gestellten (katholischen) Tradition zugegriffen worden, ohne gründlich nachzudenken, so wurde es jetzt in säkularen Verteidigungsargumenten ausgesprochen wertkonservativ aufgeladen. Die mit dem Antrag vorgetragenen wissenschaftshistorischen, wissenschaftstheoretischen und religiös-konfessionellen Gründe für die Abschaffung wurden ignoriert. Das wissenschaftliche Personal, und nicht nur dieses, wurde von den Verteidigern des Logos anscheinend als eine wertkonservative Gesinnungsgemeinschaft gesehen. Unter ihrem Gründungspräsident Pollok verstand die Universitätsleitung die Universität Passau im Gegensatz zu den unruhigen linkslastigen Universitäten als eine wertkonservative, katholisch geprägte „Gegenuniversität“. Schmalen und andere Kollegen deuteten das Marienlogo im Sinne eines universitätspolitischen Gesinnungsprogramms um. Die bisherige „institutionalisierte Gedankenlosigkeit“ (Prof. Dr. Heinrich Oberreuter) wurde nun säkular-ideologisch aufgeputzt. Das Marienlogo sollte als „Traditionssymbol gegen den wechselnden Zeitgeist“ verstanden werden. Eine Reihe von Kollegen benutzte das Logo auch dann noch demonstrativ, als die Universitätsleitung schon begonnen hatte, es schrittweise und leise aus dem Verkehr zu ziehen. Es sah nach einer Art Trotzreaktion aus. Dem Mintzel zeigen wir es! Wir halten an unserer Madonna fest! Die Verteidiger wollten nicht wahrhaben, dass das Logo auch dann nicht mehr als „corporate identity“ dienen kann, wenn es wertkonservativ umgedeutet wird. Das verbissene Festhalten an dem fraglichen Logo konnte nicht durchgehalten werden. Schmalens Rettungsversuch schlug fehl.

Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft, so wurde kolportiert, drohten der Universität mit dem Entzug von Geldmitteln, falls die Madonna aus dem Verkehr gezogen werde. Schließlich betrieb die Universität mit Madonnen-Devotionalien einen einbringlichen Handel. Die Universität liefe Gefahr, so wurde es von Mund zu Mund in Umlauf gebracht, Finanzmittel zu verlieren. In der lukrativen marianischen Vermarktung der Universität, die wohl die erbosten Professoren der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät vor allem im Sinne hatten, offenbare sich, so schrieb die Bayerische Staatszeitung (Nr. 10, 08.03.1991, S. 10), „die Bodenlosigkeit der Misere“. Die Universität, die sich als Hüterin einer Tradition geriere, nähme ihr Symbol nicht ernst.

Die Universitätsleitung sah sich zum Handeln gezwungen und zog sich schrittweise aus der Affäre. Printmedien, darunter regionale und überregionale Tageszeitungen und DIE ZEIT, hatten mit ihrer kritischen Berichterstattung „nachgeholfen“. Die marianischen Identitätsprodukte, die „Devotionalien“, wurden schon zu Beginn des Streites aus dem Verkehr gezogen. Das Marienlogo wurde von Semester zu Semester ohne jede explizite Erklärung quasi klammheimlich aus den Vorlesungsverzeichnissen getilgt: Zunächst verschwand es vom Cover, dann von der inneren Titelseite, dann von weiteren Innenseiten. Es blieb allerdings bei dem Siegel mit der katholischen Kampfmadonna. Noch heute wird es zur Beurkundung eingesetzt. Die „schöne Maria“ wurde allerdings buchstäblich ins Wasser geworfen. Sie wird heute auf Briefpapier in einem Wasserzeichen versteckt.

.Die „Maria vom Siege“ verschwand leise und für die meisten unauffällig aus dem Universitätshimmel. Erst nachdem der Gründungspräsident 1997 abgetreten war, führte die Universität nach einem ersten missglückten Versuch 2003 ein neues, nun konfessionsneutrales Logo ein. Die Universität veränderte schrittweise ihr öffentliches Erscheinungsbild, führte im Jahre 2003 ein neues Logo ein und tilgte den Streit lautlos aus ihrer Geschichte. Erst im Sommer 2014 erklärte der neue Universitätspräsident Prof. Dr. Burghard Freitag öffentlich, dass die Universität Passau das „intellektuelle Gespräch mit den Religionen“ pflege.

Das neue Logo der Universität Passau von 2003

Der sogenannte Madonnen-Streit blieb zwar in den Köpfen alter Passauer Bürger hängen, das Gesprächsthema erschöpfte sich aber mit der Zeit. Für die nachgewachsene Wissenschaftlergeneration ist dieser Streit nur noch eine amüsante Legende.

Gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen schlossen sich 40 Kollegen und wissenschaftliche Mitarbeiter dem Antrag auf Abschaffung an. Der Antrag hatte zum Nachdenken und zu einer Meinungsbildung herausgefordert. Es wurden immer mehr. Die beharrenden Kräfte und Gegner hatten wohl gehofft, die Forderung nach einer Abschaffung werde sich durch Nichtbeachtung erledigen und alles beim Alten bleiben. Ihre Rechnung konnte nicht aufgehen, weil selbst eine Minderheit, sofern sie eine geblieben wäre, in einer staatlichen konfessionsneutralen Institution des Wissens und der Wissensvermittlung in dieser grundsätzlichen Frage hätte nicht missachtet werden können.

Ich danke allen Kollegen und Mitstreitern, die mich in den Auseinandersetzungen stillschweigend, verdeckt und offen mit Rat und Tat unterstütz haben. Wir haben am Ende viel erreicht. Aus der Universität Passau ist eine wissenschaftlich leistungsstarke, interkulturelle Institution geworden, die internationales Ansehen genießt. Sie hat sich von dem örtlichen Traditionsmuff und seinem phrasenhaften Traditionalismus befreit, ihr inneres und äußeres Erscheinungsbild säkularisiert und sich betont interkulturell ausgerichtet.

28. Frust auf dem „Micky Maus-Lehrstuhl“

Soziologie in Passau oder die Kunst, ein Kleinst- und Solitärfach zu vertreten

»Herr Mintzel, was wollen Sie auf dem Micky Maus-Lehrstuhl in Passau?« So hatte mich mein Mannheimer Kollege Prof. Dr. Max Kaase 1981 bei meinem Abschied aus Mannheim gefragt. Er war es als Wahlforscher gewöhnt, im Forschungsverbund einer sozialwissenschaftlichen Fakultät zu arbeiten. Er war kein ›Solitär‹ unter lauter fachfremden Kollegen. Was hatte er mir mit seiner Frage sagen wollen? Für mich war damals doch klar gewesen: Es ging in erster Linie um mein Überleben als Wissenschaftler und um die Versorgung meiner Familie. Gewiss war der Wechsel nach Passau auch mit der Hoffnung verbunden gewesen, am dortigen Lehrstuhl für Soziologie mein Traumprojekt verwirklichen zu können: eine politische Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945.

Nach dem Grundaufbau des Faches richtete ich 1985 das auf Dauer angelegte Forschungsprojekt ›Bayern nach 1945: Gesellschaft–Politik–Staat‹ ein. Daneben rief ich die ›Arbeitsgruppe Parteienforschung‹ ins Leben. Aus ihr gingen mehrere Magisterarbeiten und Dissertationen hervor. Doch holte mich die Realität ein. Der Aufbau des Faches in der neugegründeten Universität von Null an, die allgemeinen und spezifischen Anforderungen an ein ›Solitärfach‹ in einer bunt gefächerten Philosophischen Fakultät und eine völlig veränderte Lehrsituation durch die Einführung eines neuen Studienganges machten die Pläne zunichte, die ich für die Parteienforschung gehegt hatte. Ein Ausbau des Faches zu der von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie angestrebten Mindestausstattung für ein Hauptfach scheiterte an den abschlägigen Entscheidungen des bayerischen Kultusministeriums und nicht zuletzt an Interessenlagen in der Philosophischen Fakultät. Niemand schien das Fach Soziologie wachsen lassen zu wollen. Meine Vorstöße blieben erfolglos, Frust stellte sich ein. Wer mit dem Innenleben von Universitäten und Fakultäten nicht vertraut ist, kann sich kaum vorstellen, wie es in den Ehrenhallen der Wissenschaft ›menschelt‹. Trotzdem – ich hatte Glück und selbst unter den eingeschränkten Möglichkeiten und trotz so mancher Konflikte mit Passauer Kollegen und Bürgern wurde ich dort heimisch. Dennoch war womöglich auch dieser Frust mit im Spiel, als ich Ende des Jahres 1990 den sogenannten Passauer Madonnen-Streit vom Zaune brach.

Prof. Paul Lankes (Lehrstuhl für Kunstpädagogik), Bleistiftskizze ›Kollegen in einer Fachratssitzung‹, 1980er Jahre;
von links: Prof. Dr. Sascha Felix (Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik), Prof. Dr. Heinrich Oberreuter (Lehrstuhl für Politikwissenschaft), Prof. Dr. Johann Albrecht (Alf) Mintzel (Lehrstuhl für Soziologie)

Der Atomphysiker J. Robert Oppenheimer lud in seinem Buch ›Wissenschaft und allgemeines Denken‹ (1958, S. 80f) dazu ein, in das offene Haus der Wissenschaft hineinzugehen und die vielen Räume zu besuchen. Er schilderte es als ein riesengroßes, unüberschaubares und weitläufiges Haus. Es sei weder in einem Quadrat oder Kreis noch in der Form einer Pyramide gebaut, sondern wunderbar aufs Geratewohl, so dass es den Eindruck unaufhörlichen freien Wachstums erwecke. Eines, so sagte Oppenheimer, gelte für das ganze Haus: es gäbe keine Schlösser, keine verschlossenen Türen. Wo immer wir hineingingen, hießen uns Zeichen und gewöhnlich auch Worte willkommen: es sei ein offenes Haus, offen für alle, die eintreten wollten. Ich bezweifele das aus mehreren Gründen. In Universitäten werden Türen verschlossen, zwischen Disziplinen, in Disziplinen und auf Korridoren. Viele Zeichen führen in den labyrinthischen Gebäuden der Wissenschaft in die Irre. Oppenheimers Idealbild vom Wissenschaftler, der um der Sache und der Erkenntnis willen in seine Räume einlädt, wurde durch die Wirklichkeit, sofern es je zugetroffen haben sollte, längst überholt. Der moderne Massenuniversitätsbetrieb, die weitläufige Ausdifferenzierung der Fächer und des Wissenschaftsbetriebes und der ungeheure Anstieg des Wissens erschweren es ungemein, in andere Räume hineinzugehen und sich zurechtzufinden. In den Bauhütten der Wissenschaften haben sich viele geschäftige Arbeiter in Geheimlogen zusammengeschlossen. Wissenschaftler organisieren sich in Männerbünden mit demütigenden Initiationsriten, wachen eifersüchtig über ihre Pfründen, schrecken nicht vor Plagiaten zurück, bilden Zitierkartelle, betreiben Gesinnungsschnüffelei, Schwindeleien und Rufmord. Die allzu menschlichen Eigenschaften von Wissenschaftlern erlebte ich in Berlin in der sogenannten APO-Zeit und an der Universität Passau im Gewande eines außerwissenschaftlichen Traditionalismus. Trotzdem wurde das große, in vielen Generationen von abertausenden Wissenschaftlern errichtete Labyrinth meine Heimat. Denn überall da, wo eine freie, autonome wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung ermöglicht und garantiert wird, war mein zu Hause. Lediglich in Hinblick auf die USA muss ich eine Einschränkung machen, denn nicht in allen dortigen Bundesstaaten ist es erlaubt, beispielsweise die biologische Evolutionstheorie zu lehren.

›Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien‹ – eine neue Herausforderung

Gegen Ende der 1980er Jahre wurde mir vollends klar, dass ich mein lang gehegtes Traumprojekt unter den Passauer Arbeitsverhältnissen nicht würde verwirklichen können. Auf der Professoren-Ebene blieb die Soziologie ein Ein-Mann-Betrieb, und dies auch auf der Ebene wissenschaftlicher Mitarbeit. Erst 1989 wurde eine zweite Assistentenstelle genehmigt. Der Lehrstuhlinhaber und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter mussten das Fach in vielfältiger Weise vor allem als Zweitfach oder Nebenfach für andere Studiengänge vertreten. Der Anteil der im Hauptfach Soziologie Studierenden blieb unter zehn Prozent. Die Verhältnisse änderten sich im Wintersemester 1989/90 schlagartig mit dem in der Philosophischen Fakultät neu eingeführten Studiengang ›Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien‹ (kurz ›KUWI‹ – Kulturwirt). Die Initiatoren des Studienganges und ich hatten in der Startphase nur mit mehreren Dutzend Studierenden gerechnet. Wir waren völlig überrascht, als sich sogleich 1000 Studierende aus ganz Deutschland einschrieben. An der Philosophischen Fakultät traten im Lehrbetrieb bis Anfang der 1990er Jahre durch den neuen Studiengang chaotische Zustände ein. Die Passauer Lokalpresse schlug Alarm: »Die ›Kuwis‹ kosteten der Uni Passau den Ruf«. Von »Jagdszenen vor den Hörsälen« war die Rede. Die Universität liefe Gefahr, wegen ihrer unzulänglichen infrastrukturellen Voraussetzungen Ansehen zu verspielen, das sie sich in jahrelanger Kleinarbeit in manchen Fakultäten erworben habe (Passauer Woche/PAWO Nr. 47/8, 22.11.1990). Die neuen ›Kuwis‹ strömten zu einem nicht geringen Teil in soziologische Lehrveranstaltungen. In Einführungsseminaren saßen bis zu 400 Studierende, so dass der Seminarcharakter nicht gewahrt werden konnte. Nicht alle Kollegen waren von dem Konzept und Nutzen der Kulturraumstudien überzeugt. Einige versagten anfangs sogar ihre Mitarbeit. Unter meiner Leitung nahm das Fach Soziologie die Herausforderung an und half mit, den neuen Studiengang zu etablieren und attraktiv zu machen. Gegen Ende meiner Amtszeit musste ich die angebotenen Seminare wegen des großen Zuspruchs doppelt durchführen, weil die Studierenden befürchteten, mein Nachfolger werde das Lehrprogramm nicht fortsetzen oder andere Schwerpunkte setzen.

Das auf den Studiengang zugeschnittene soziologische Lehrprogramm, der Vergleich europäischer Gesellschaften, genoss von Anfang an großen Zuspruch. Die Fragestellungen unter anderem nach dem Verlauf des demografischen Wandels, nach Formen der Elitenrekrutierung und der Elitenprofile im europäischen Raum oder nach Migrationseffekten weckten das Interesse vieler Studierenden. Die Ausformulierung des Lehrprogramms nahm einen Großteil meiner Arbeitskraft und Ressourcen in Anspruch. Mein Lehrwerk über ›Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika‹, das ich für die ›Kuwis‹ entwickelte und bis zum Ende meiner Amtszeit zusammen mit meinen Wissenschaftlichen Mitarbeitern (Dr. Stefan Immerfall, Dr. Peter Schimany, Dr. Barbara Wasner) als Kernstück der soziologischen Kulturraumstudien anbot, erschien 1997 als Buch. Es fand eine breite Resonanz und wurde gut angenommen. Ein weiterer Schwerpunkt war die Makroanalyse multiethnischer und multikultureller Megastädte, Megalopolen und Metropolen in Europa und Nordamerika. Auch hierzu publizierte ich ein Begleitheft mit Lehrmaterialien.

Umschlagtitel: Multikulturelle Gesellschaften in Europ und Nordamerika, 1997

Umschlagtitel: Multiethnische und multikulturelle Megastädte, Megalopolen und Metropolen in Nordamerika und Europa, 1999

Es handelte sich im Wesentlichen um die Einführung in Problemstellungen der einschlägigen sozialwissenschaftlichen und historiografischen Literatur sowie um die Vermittlung von internationalen Forschungsergebnissen. Diese Lehrprogramme führten weit weg von der Parteienforschung, wie ich sie bisher betrieben hatte, und erst recht von meinem Bayern-Projekt. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten sich nur noch sporadisch der Erforschung der bayerischen Parteienlandschaft widmen. Es blieb bei kleineren, teilweise mit geringen Drittmitteln finanzierten empirischen Gelegenheitsarbeiten. Manche waren eine Art Fortschreibung meiner Forschungsergebnisse aus aktuellen Anlässen. Ich konnte mich jedenfalls nicht mehr für eine empirisch und theoretisch anspruchsvolle Parteienforschung freistellen, geschweige denn ein großformatiges Projekt finanzieren. Schon 1975 hatte ich bedauert, dass in der Parteienforschung die vereinzelte Kleinproduktion vorherrsche, die kaum aufeinander abgestimmte, sozusagen komplementäre Arbeiten entstehen ließ.

Die Interessen verlagerten sich auf andere Forschungsfelder, vor allem auf Probleme des europäischen Gesellschaftsvergleichs und auf Varianten des europäischen Wohlfahrtstaates. Barbara Wasner, die zusammen mit mir mit Beiträgen zum Parlamentarismus in Bayern und mit einer Studie über den Politischen Aschermittwoch in Passau hervorgetreten war, wandte sich dann ebenfalls Fragen nach den sozialen Entwicklungslinien in Westeuropa zu. Freistellungen für Forschungsaufenthalte in den USA, die trotz der zu geringen personellen Ausstattung des Lehrstuhls schwerlich abgeschlagen werden konnten, und Personalwechsel im Mitarbeiterstab brachten Engpässe und Unterbrechungen im Lehrangebot mit sich. Die Einführung in die empirischen Methoden wurde von einem Lehrbeauftragten bewältigt. Ich trug als Lehrstuhlinhaber die Gesamtverantwortung.

Hinzu kam, dass ich vom bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus zum Prüfer für ganz Bayern bestellt worden war. Am Semesterende wurden mir die Klausuren, die an den bayerischen Universitäten im ersten Staatsexamen in sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Fächern geschrieben worden waren, zur Korrektur und Beurteilung zugesandt. Achtzig bis hundert Klausuren waren das regelmäßige Pensum. Ich hätte mich den Lehranforderungen, die insbesondere durch den Kulturwirt-Studiengang auferlegt wurden, rigoros verweigern und auch soziologische Lehranteile vernachlässigen müssen, um mein Bayern-Projekt weiterhin verfolgen zu können. Die Politikwissenschaft war mit zwei Lehrstühlen und vier wissenschaftlichen Mitarbeitern und einem Lehrbeauftragten ausgestattet, die Geschichtswissenschaft mit mehreren Professuren. In diesen Fächern konnte die große Last der zusätzlichen Anforderungen auf mehrere Schultern verteilt werden. Die unzureichende Ausstattung und beschränkten Forschungsmöglichkeiten des Passauer Lehrstuhls für Soziologie machten mir schwer zu schaffen und brachten Konflikte mit sich. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter litten unter diesen Verhältnissen und hatten Mühe, mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten voran und zuende zu kommen. Ich fragte mich wiederholt, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.

Max Kaases belustigte Frage, was ich auf dem Passauer Lehrstuhl wolle, beruhte auf einer realistischen Einschätzung. Doch war die berufene Micky Maus, hier in Gestalt eines Ordinarius, wie wir von Walt Disney wissen, ein munterer, quirliger Geselle, der es liebte, Neues auszuprobieren. Er war zu allerhand ›Wohltaten‹ und auch ›Schandtaten‹ aufgelegt. Wehe dem Professor Donald Duck, der ihm in die Quere kam!

Ende einer Illusion

Um zur komplexen Realität der gesellschaftlichen, politischen und staatlichen Entwicklung Bayerns seit 1945 empirisch-analytisch vorzudringen und die verschiedenen Aspekte seiner politischen Kultur untersuchen zu können, bedürfte es eines angemessenen und ausgereiften interdisziplinären Forschungsdesigns. Die Erarbeitung einer Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns war ein langfristiges Superforschungsprogramm von NASA-Format, das von keinem Lehrstuhlbetrieb allein hätte durchgeführt werden können, schon gar nicht von einem Kleinstfach mit ganz anders gewichteten Anforderungen. Ein solches Großprojekt anzupacken und in seinen verschiedenen Teilen zu verwirklichen, konnte nur Sache und Aufgabe von großen interdisziplinären Forschungsinstituten sein, die über das hierfür notwendige Personal und den Hilfsapparat verfügten. Professoren für bayerische Landesgeschichte wären als Einzelgänger mit derartigen Aufgaben ebenfalls überfordert gewesen. Meine großen Studien über die CSU und Bayern hatten in den 1970er Jahren in diesem Format und mit diesem materiellen und finanziellen Aufwand nur unter den privilegierten Arbeitsbedingungen eines großen Forschungsinstituts verwirklicht werden können. Sie wären als private Forschungsleistung nicht zu leisten gewesen. Allein schon die Druckkosten für meine erste große Studie, für die ›Anatomie einer konservativen Partei‹, hatten sich 1975 auf 60 000 Deutsche Mark belaufen.

An der Universität Passau standen dem Lehrstuhl für Soziologie für alle Sachkosten (Büromaterialien, Telefon, Kopien, Lehrmaterialien usw.) ein jährliches Sachbudget von insgesamt nur 6000 Deutschen Mark zur Verfügung. Der Lehrstuhl für Soziologie organisierte im Auftrag der Fakultät zusammen mit der Management Akademie München (MAM) Seminare in Kommunikationsverhalten, Rhetorik und Moderationstechniken, die in jedem Semester von geschulten Trainern durchgeführt wurden. Ich wurde Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der MAM. Deren Koordinator hielt meinen Lehrstuhl für eine geschäftsführende Organisationszentrale, setzte sich an meinen Schreibtisch und führte lange Ferngespräche, um Trainer für die Seminare zu gewinnen und zu verpflichten. Als ich ihm sagte, der Lehrstuhl müsse im Jahr mit 6000 Deutschen Mark auskommen, kam der Herr aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er hatte wohl mindestens eine fünfstellige Zahl im Kopf. Er ließ dann davon ab, von meinem Schreibtisch aus das Ausbildungsprogramm zum Laufen zu bringen. Diese Arbeiten mussten meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unentgeltlich übernehmen. Ich selbst absolvierte ebenfalls alle Seminare, um über die neuen Ausbildungsmöglichkeiten genau im Bilde zu sein. Zusätzlich boten wir noch ein Seminar über Führungsstile an. Alle Mitglieder des Lehrstuhls waren voll ausgelastet. Die in Kooperation mit der Managementakademie durchgeführten Seminare führten von den klassischen Kerngebieten des Faches Soziologie weit weg. Ich hegte Skrupel gegenüber der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die darauf achten musste, dass das Fach nicht professionell ausfranste.

So führten der epochale Umbruch in Europa und die neuen Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb der Universität Passau zu einem tiefgreifenden Wendepunkt in meinem beruflichen Leben. Unter äußerst schwierigen Arbeitsbedingungen konnte ich auf Gebieten der Parteienforschung gerade noch drei größere Publikationsprojekte zum Abschluss bringen: 1990 das zusammen mit Heinrich Oberreuter in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Sammelwerk ›Parteien in der Bundesrepublik Deutschland‹, 1993 die im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München zusammen mit Barbara Fait und Thomas Schlemmer herausgegebenen ›Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der Christlich-Sozialen Union‹ (Die CSU 1945–1948) und 1998, gegen Ende meiner Amtszeit, eine Zusammenfassung meiner Bayern-Forschung, ›Die CSU-Hegemonie in Bayern‹.

Umschlagtitel: Die CSU-Hegemonie in Bayern, 1998

Das Sammelwerk über die ›Parteien in der Bundesrepublik Deutschland‹ musste von den Herausgebern und Autoren schon kurz nach seinem Erscheinen in großen Teilen überarbeitet und ergänzt werden, weil sich das Parteiensystem nach dem Untergang der DDR und seit der Wiedervereinigung gewandelt hatte. Die mühevolle Überarbeitung zog sich über Monate hin. In einer Schlussbetrachtung zeigte ich zusammen mit Oberreuter Zukunftsperspektiven des deutschen Parteiensystems auf, wobei ich meine theoretischen Überlegungen zur Wirklichkeit und Entwicklung der Großparteien einbrachte. Die Hanns-Seidel-Stiftung lud mich zu einer Expertise über die Lage der CSU im wiedervereinigten Deutschland ein. Die Edition der ›Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der CSU‹ stand an. Eine extreme Arbeitsbelastung machte mir das Leben schwer. Ich fühlte mich zwischen Lehranforderungen und Publikationsverpflichtungen hin und her gerissen.

Die Edition der Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der CSU, 1993

Das Institut für Zeitgeschichte in München war die richtige Forschungsstätte. Über Jahre schon hatte ich mit seinem Leiter, mit Prof. Dr. Martin Broszat, in Kontakt gestanden. Er war es, der meine Forschungsarbeiten über Bayern mit Interesse verfolgt und mich häufig nach München zu Vorträgen eingeladen hatte. Kurz bevor er 1989 starb, hatte ich mit ihm und Dr. Hans Woller vereinbart, meine gesamte Quellensammlung zur CSU-Geschichte dem Institut für Zeitgeschichte zu überlassen. Ich hatte mir allerdings ausbedungen, an der geplanten Herausgeberschaft beteiligt zu werden. Vertreter der Hanns-Seidel-Stiftung hatten mehrmals versucht, mich zu einer Übergabe meines Materials an die CSU-nahe Stiftung zu bewegen. Doch war mir eine hochrenommierte, parteiunabhängige Forschungseinrichtung lieber. Martin Boszat hatte mich in schwierigen Berliner Berufsjahren als Wissenschaftler unterstützt und gefördert. Dr. Hans Woller, ein renommierter Historiker und Mitarbeiter des Instituts, griff den Editionsplan auf, so dass ich als Mitherausgeber in eine schier unentrinnbare Arbeitsfalle geriet. Ich konnte mich zu meinem großen Kummer nicht an der Abfassung der Einleitung beteiligen.

Umschlagtitel: Die CSU 1945–1948, Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der Christlich-Sozialen Union, Bände 1 und 2

Die Veröffentlichung der Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der CSU hatte allerdings für meine bisherigen Publikationen, zumindest was die ersten drei Nachkriegsjahre anbelangt, gravierende Folgen. Galten bis dahin meine Studien und zahlreichen Zitate aus den bisher unveröffentlichten Primärquellen als DER Quellenfundus schlechthin, so konnten Forscher nun direkt auf diese dreibändige Quellenedition zurückgreifen. Eine Nachfrage bei mir war nicht mehr notwendig. Meine »Ersatzüberlieferung« (Thomas Schlemmer) hatte in Teilen ausgedient. Meine Forschung wurde als Pionierleistung der 1960er, 1970er und auch noch 1980er Jahre hochgeschätzt, aber zusehends von neueren Forschungen über die CSU und Bayern abgelöst. Mein Nimbus als CSU-Experte begann zu verblassen. Es war zu erwarten, dass jüngere Forscher auf meiner bisherigen Domäne arbeiten und eine nachwachsende Generation meine zeitlich begrenzten Pionierarbeiten durch ihre neuen Forschungen überholen würden. Max Weber beschrieb in seinem Vortrag ›Vom inneren Beruf zur Wissenschaft‹ diesen Überholvorgang auf eindringliche Weise: »Jeder von uns (…) in der Wissenschaft weiß, dass das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche ›Erfüllung‹ bedeutet neue ›Fragen‹ und will ›überboten‹ werden und veralten. Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will.«

Mit Beginn der 1990er Jahre spürte ich zunehmend die Bitternis, auf meinem ureigenen Forschungsfeld, meiner Domäne, nicht mehr an der Spitze der Forschung stehen zu können. Der innere Abschied von dem, was ich bis Ende der 1980er Jahre als mein Traumprojekt angesehen hatte, fiel mir schwer. Ich suchte auf künstlerischem Gebiet einen Ausgleich und wandte mich der Objekt-Kunst zu.

Alf Mintzel, männliche und weibliche Idole, Schmiede- und Gusseisenfundstücke, 1994

Alf Mintzel, Wächterfiguren (meine Schutzgeister), Fundstücke aus Schmiede- und Gusseisen, 1996/97

Die öffentliche Vorstellung der dreibändigen Edition hatte 1993 übrigens einen unangenehmen Beigeschmack. Der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Horst Möller, machte bei seiner Selbstinszenierung als Institutsleiter die Herausgeber, wörtlich gemeint, zu wissenschaftlichen Hinterbänklern. Er ließ, so meine ich mich erinnern zu können, bei seiner institutsöffentlichen Präsentation im Dunkeln, wie diese große Dokumentation zustande gekommen war. Frau Dr. Barbara Fait, Dr. Thomas Schlemmer und ich waren im Raum nicht einmal Staffage für sein Ego. Wir existierten quasi nicht. Das wäre dem früheren Institutsleiter Martin Broszat nicht passiert. Diese Vorstellung der Edition veranlasste mich, über das »geheimnisvolle CSU-Spezialarchiv Mintzel« (Thomas Schlemmer), das mit etwa 1200 Seiten zu Buche geschlagen hatte, mehr preiszugeben, als ich das bisher aus wohlerwogenen Gründen getan hatte. In einem vervielfältigten Skript verteilte ich an einen kleinen Forscherkreis und einige Journalisten die ›Geschichten hinter der Geschichte‹ und lüftete darin das Geheimnis, wie es zur ›Sammlung Mintzel‹ gekommen war. Die Frankfurter Rundschau berichtete über diese »Sternstunde der Parteienforschung«.

So groß die Arbeitsbelastung im Passauer Solitärfach Soziologie auch war, die der neue Kulturwirt-Studiengang und meine Publikationsverpflichtungen mit sich brachten, so gern engagierte ich mich für die anspruchsvollen Lehrprogramme. Sie lenkten den Blick weit hinaus und hin zu globalen gesellschaftlichen Wirkkräften. »Europa – was ist das?« Diese Fragestellung unter kultursoziologischen und makro-soziologischen Gesichtspunkten zu verfolgen und mit den Studierenden zu diskutieren, machte mir, der sich dem Projekt Europa verpflichtet fühlte, große Freude. Wie sieht die mentale und kognitive Landkarte (›mental map‹) in den Köpfen von Europäern aus? Welche Identitäten haben Europäer? Was ist das allgemein Europäische in Europa? Welche Institutionen und Organisationen konstituieren Europa? Gibt es eine unbestreitbare kulturelle Identität Europas? Welche gemein-europäischen Elemente charakterisieren tatsächlich oder fiktiv die kulturelle Herkunftseinheit Europa? Wird der historische multikulturelle Unterbau Europas von einem gemeineuropäischen kulturellen Überbau überwölbt? Mit den Studierenden unter solchen und anderen Fragestellungen kultursoziologische Streifzüge durch Europa zu unternehmen, kontroverse Positionen zu erörtern und dazu vom Studiengang vorgeschriebene Exkursionen zu leiten, entschädigte meinen Verlust, in der sozialwissenschaftlichen Parteienforschung nicht mehr an der vordersten Front mitwirken zu können. ›Meriten‹ gewann ich nicht mehr in meiner alten Domäne, sondern vor allem in der Lehre, und da insbesondere im Studiengang ›Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien‹. Die im deutschen Universitätsbetrieb noch in den 1990er Jahren notorische Unterschätzung der Lehre brachte es mit sich, dass diese Leistungen nicht gleichermaßen bewertet wurden. Fachwissenschaftliches Renommee war fast ausschließlich durch Forschung zu gewinnen. Mit meinen Lehrheften und meiner Publikation über ›Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika‹ wollte ich mich zumindest mit einem anspruchsvollen Lehrwerk als Fachvertreter ausweisen. Niemand sollte sagen dürfen, dass auf dem Passauer ›Micky Maus-Lehrstuhl‹ keine solide Arbeit geleistet wurde.

Sich in einer wissenschaftlichen Bereichs- und Kompetenz-Rangordnung selbst zu platzieren, wäre ein heikles Unterfangen. Der Mensch ist groß darin, sich selbst mit Bedeutung aufzupumpen. Es gibt jedoch einige objektive Kriterien, die es unabhängig von Eitelkeiten und egomanischen Allüren ermöglichen, die Reputation eines Wissenschaftlers zu ermessen. Ein institutionelles Kriterium bietet zum Beispiel der Weltkatalog (WorldCat Identities). Des Weiteren kommen Übersetzungen in andere Sprachen, Zitationen und aktive nationale und internationale Konferenzteilnahmen in Betracht. Meine Beiträge zur Geschichte und Politik der CSU sowie zur allgemeinen Parteienforschung wurden in vier Sprachen übersetzt, ins Englische, Russische, Spanische und Italienische; meine Publikationen über die CSU in Japan besprochen (siehe Anhang). Es mag vermessen sein zu glauben, man könne seine wissenschaftliche Reputation auf diese Weise objektivieren. Die Auswahl erbringt nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein paar Indizien. Ich könnte, wenn das für einen leidenschaftlichen Wissenschaftler überhaupt eine emotionale Kategorie wäre, zufrieden sein.

Anhang: Rezeption in Fernost

Takeshi Nakai ›Ursprünge des deutschen Konservativismus‹ aus: Die Welt, November 1989, S. 264, Übersetzung:

»Worauf zielen der ›Straußismus‹ und die CSU ab, in denen sich der traditionelle bayerische Konservativismus und der Katholizismus zu einer Neuen Rechten vereinigen? Der Politologe und CSU-Forscher Alf Mintzel hat in seinem Buch ›Die Geschichte der CSU‹ (1977) eine detaillierte Analyse vorgelegt, aus der sich zwei Hauptmerkmale der CSU ergeben. Eines betrifft die Rolle der CSU als Partei des unabhängigen Freistaates Bayern, das andere die Koalition mit der CDU auf Bundesebene.
Hier zeigen sich zwei Aspekte des westeuropäischen Föderalismus:
1. der bayerische Regional-Nationalismus,
2. der katholisch gefärbte Deutsch-Nationalismus.
Letzeren repräsentiert Strauß; seine Kerntruppe ist die CSU-Fraktion im Bundestag, die überwiegend mit ›militanten‹ Strauß-Anhängern besetzt ist.
Dennoch gibt es unablässig starke Kräfte, die darauf abzielen, den ›Straußismus‹, der sowohl die Ausdehnung des bayerischen als auch des deutschen Einflusses betreibt, auf den rein bayerischen Raum zurückzuholen. Obwohl Strauß gleichzeitig Bundespolitiker als auch bayerischer Ministerpräsident ist, ist es für ihn schwierig, die Bayern und seine Parteimitglieder, die durch eine starke Heimatverbundenheit und ein Anti-Preußentum geprägt sind, auf rein regional-bayerischem Boden zurückzuhalten. Strauß, der in dieser Hinsicht oftmals kritisiert wird, steht vor dem Dilemma, die Region Franken, die sich vom engstirnigen bayerischen Patriotismus gelöst hat, mit einzubeziehen, was jedoch starke Skeptik bei den Altbayern auslöst. Der altbayerische Nationalismus ist nicht expansiv, sondern von seinem Wesen her defensiv. Die Altbayern sind sich ihrer Kultur und Politik bewußt, denken jedoch nicht daran, die Kultur und Politik Norddeutschlands offen zu befehden. Es ist für sie vielmehr eine Art kategorischer Imperativ, Bayern vor dem kulturellen und politischen Einfluß des Nordens zu schützen. Da Strauß ein Kind Bayerns ist, prägt sein Deutsch-Nationalismus und europäischer Internationalismus den bayerischen Nationalismus, was für die westdeutsche Linke ein ausgesprochen glücklicher Umstand war. Der eiserne Mann, eine Art ›westdeutscher Thatcher‹, ruft bei den Norddeutschen am ehesten eine Form respektvoller Distanz hervor.«

Die Welt, Nr. 420, November 1980

27. Die Epochenwende 1989/90

Meine Einschätzung der „deutschen Frage“, 1977

So kann man sich irren! Zumindest in einigen Punkten. Ende des Jahres 1977 ließ das Männermagazin „Playboy“ über eine Journalistin bei mir anfragen, ob ich bereit sei, zum Thema „Ist die Wiedervereinigung eine aktuelle politische Frage?“ in einem Beitrag Stellung zu nehmen. Ich sagte zu und verfasste einen Artikel. Ich antwortete auf die Frage in einem pointierenden Stenogramm mit einem lapidaren „Nein!“. Die Frage der Wiedervereinigung sei in der Bundesrepublik längst nicht mehr aktuell, weder in der Politik der Bundesregierung noch nach Meinung der meisten Bundesbürger. Meine Antworten waren, wie sich herausstellen sollte, typisch für die Meinung der meisten Westdeutschen. Sie rechneten nicht mehr wirklich mit einer Wiedervereinigung, schon gar nicht mit einer raschen. Die Teilung Deutschlands werde wohl von Dauer sein. Die Vereinigung sei, sofern sie überhaupt noch angestrebt werde, ein Zukunftsprojekt. In meiner Begründung ging ich im Eilschritt von der Kaiserproklamation 1871 an durch die jüngste Geschichte. Die spät erreichte Reichseinheit habe nur 74 Jahre gewährt. Kein Argument könne die Tatsache beiseiteschieben, dass Hitler es war, der mit seiner größenwahnsinnigen und verbrecherischen Politik — literarisch ausgedrückt — den Kosaken es erst ermöglichte, tief nach Mitteleuropa vorzudringen. Die Spaltung Deutschlands sei mithin Folge nationalsozialistischer Weltmacht-Politik.

Die Zweiteilung Deutschlands sei entlang alter politisch-territorialer Traditionslinien erfolgt. Die drei westlichen Besatzungszonen schlössen den überwiegend römisch-katholisch geprägten Süden und Westen ein, wo der politische Katholizismus seine alten Bastionen hatte. In der sowjetischen Besatzungszone würden überwiegend die protestantisch-preußisch geprägten Gebiete im Norden und Osten eingekapselt und hiermit die ehemaligen sozial-demokratischen und kommunistischen Hochburgen in Mittel-deutschland, lokalisiert in Thüringen und Sachsen. In den 74 Jahren Reichseinheit hätten diese politisch-kulturellen Traditionszonen ihre politischen Nachwirkungen nicht völlig eingebüßt Der antipreußische Affekt des politischen Katholizismus richte sich nun gegen die Anerkennung „Rot-Preußens“. Das untergegangene Preußen erlebte in der CDU/CSU-Propaganda eine düster-visionäre Wiederauferstehung in Gestalt der DDR, wo sich der Sowjetkommunismus mit preußischer Tradition vermische. In der DDR werde vom Klerikalismus in der Bundesrepublik gesprochen. Jede Seite nehme für sich spezifische politische Traditionselemente der deutschen Geschichte in Anspruch.

Im geteilten Deutschland sei in 33 Jahren hüben und drüben eine neue politische Generation herangewachsen, erzogen in den jeweiligen ideologischen Denkmustern. Für diese Nachkriegsgeneration seien die Reichseinheit und die nationale Frage Schulbuchwissen. Innerdeutschen Animositäten würden wieder zur Wirkung kommen.

Obschon man davon ausgehen könne, dass die Bürger der DDR in ihrer großen Mehrheit für ein parlamentarisch-demokratisches, pluralistisches System westlicher Prägung plädieren würden, wäre eine Vereinheitlichung der unterschiedlichen Gesellschafts-und Wirtschaftsordnungen ein Unterfangen, das große politische Belastungen mit sich brächte. Denn keine Seite würde ihre vermeintlichen Errungenschaften (z.B. im Bildungssektor, in der Gesundheitspolitik, in der Mitbestimmung der Arbeitnehmerschaft etc.) preisgeben. Wie sollte also nach den politischen Brüchen und Schrecken in den nur 74 Jahren der Reichseinheit und den allerjüngsten Entwicklungsverläufen so etwas wie ein politischer Wiedervereinigungs-Enthusiasmus entstehen können? Nicht von ungefähr werde der „Tag der deutschen Einheit“, der 17. Juni, zu einer politischen Farce, zu einem Tag privater Kurzweil.

Die Deutschlandpolitik der Bundesregierung strebe unter dem Kanzler Willy Brandt seit 1969 die Normalisierung des Verhältnisses beider deutscher Staaten an. Die DDR sei inzwischen als zweiter deutscher Staat anerkannt. Das Ziel der Wiedervereinigung sei zwar nicht völlig aufgegeben, aber doch zu einem Fernziel erklärt worden. Es könne vielleicht im 21. Jahrhundert in einer veränderten globalen, europäischen und innerdeutschen Situation aktualisiert werden, sofern die Lösung der nationalen Frage dann überhaupt noch die Wiedervereinigung erforderlich mache. Eine spätere Aktualisierung oder die endgültige Erledigung dieser Frage werde aufs Engste mit der gesamteuropäischen Entwicklung und der künftigen Gestalt Europas zusammenhängen. Sicher scheine zu sein, dass es erneut äußerst friedensgefährdend wäre, die nationale Frage der Wiedervereinigung als Vehikel der Einigung und Neugestaltung Europas zu benutzen. Es sei nicht gelungen, die deutsche Frage zu europäisieren. Die Hoffnung der Adenauer-Anhänger, über die Attraktion eines blühenden christlich-abendländischen Westeuropa zur Wiedervereinigung zu gelangen, habe sich nicht erfüllt. Die nationale Frage der Wiedervereinigung sei zudem an dem von jeher gegebenen, in der Regel verdeckten Widerstand der westeuropäischen Regierungen gescheitert, die sich nicht vor einem gesamteuropäisch geschmückten Wiedervereinigungskarren west-deutscher Politiker spannen lassen wollten.

Auch die spektakuläre Veröffentlichung des Manifests der angeblich in einem geheimen „Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands“ organisierten SED-Häretiker im „Spiegel“ (1/1978) und die darin enthaltenen Thesen zur Wiedervereinigung könnten die in der Bundesrepublik fast erstorbene Diskussion über diese Frage nicht wiederbeleben. Die Vorschläge dieser Oppositionsgruppe zur Wiedervereinigung (Abzug aller fremden Truppen, Austritt aus den Militärbündnissen, Garantie der deutschen Neutralität durch die UNO, Zulassung aller Parteien in ganz Deutschland, Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung etc.) seien im Kern wenig originell und neu. Sie seien mehr denn je illusionär, weil sie weder das inzwischen mühsam ausbalancierte Kräfteverhältnis zwischen den Machtblöcken noch die ablehnende Meinung in der westdeutschen Bevölkerung berücksichtigten. Die Überzeugung der SED-Abweichler, überall in der Welt sei die nationale Komponente langlebiger als die soziale, entspringe der Hoffnung, über einen gegenüber älteren Vorschlägen nun euro-kommunistisch modifizierten Dritten Weg in der Deutschlandpolitik aus dem staatsbürokratisch verordneten und gewaltsam durchgesetzten Sozialismus der DDR ausbrechen zu können. Die Wunschvorstellungen dieser neuen DDR-internen Opposition von einem im Zeichen des Sozialismus und des Euro-Kommunismus wiedervereinigten Deutschland als neutraler Brücken-Staat zwischen Ost und West werde in der Bundesrepublik nur nationalistische Neutralisten und linke Randgruppen begeistern. Die große Mehrheit der zutiefst antikommunistisch gesinnten Bundesbürger ließe sich hingegen schon gar nicht um der Einheit der Nation willen vor diesen Karren von Euro-Kommunisten spannen.

Der Bundesbürger werde jedoch gar nicht erst vor eine solche Entscheidung gestellt werden. Denn keine Regierung der UdSSR könne den gegen sie gerichteten Vorschlägen der linksoppositionellen SED-Häretiker folgen und die DDR aus ihrem Machtbereich entlassen. Ein — unter welchem Banner auch immer — wiedervereinigtes Deutschland würde abermals das europäische Mächtesystem und mit diesem die globalen Machtkonstellationen verändern. Dafür sei in absehbarer Zeit keine der Siegermächte von 1945 zu gewinnen.

Die fast zur Apathie gewordene Zurückhaltung der Bundesbürger in der Frage der Wiedervereinigung sollte aber nicht als Versagen in der nationalen Frage diffamiert, sondern als nüchterner, friedenserhaltender politischer Pragmatismus gewürdigt werden. Die kurzlebige Reichseinheit wurde im großdeutschen Wahn von einem verbrecherischen Regime verspielt.

Mich hatte der Hafer gestochen

Am 4. Januar 1978 brachte ich meine Stellungnahme zur Post. Die Ironie der Situation wollte es aber, dass ich meine Skizze Anfang des Jahres 1978 zurückziehen musste. Kollegen, denen ich von der Offerte des „Playboys“ berichtet hatte, drohten mir scharfe Sanktionen an, falls ich den Beitrag in dem Männermagazin veröffentliche. Sie stießen sich nicht an dem Inhalt meiner Stellungnahme, der weitgehend ihrer eigenen Einschätzung entsprach, sondern an dem frauenfeindlichen Macho-Magazin. Die emanzipatorische „Sittenpolizei“ war eingeschritten. Das war gut so! Ich zog meinen Beitrag zurück. Wieder einmal hatte mich der Hafer gestochen. Es wäre tatsächlich unseriös und albern gewesen, wäre mein Beitrag zwischen Frauenbusen oder anzüglichen Nackedeis erschienen. Ein Beitrag im „Playboy“ hätte mich nicht gerade für einen Lehrstuhl empfohlen. Ich hob das Manuskript jedoch auf, weil meine Antwort die Sicht und Einschätzung eines jungen Sozialwissenschaftlers zeigten, die in den 1970er Jahren vorherrschten. Zwölf Jahre später führte eine friedliche Revolution, die von couragierten oppositionellen DDR-Bürgern gewagt wurde, in einem komplizierten Zusammenwirken vieler Kräfte zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die Bürger der Bundesrepublik waren überraschte und staunende Zuschauer.

In honoriger Gesellschaft

Muss ich mich heute für meine damalige Einschätzung schämen? Habe ich mich als informierter, mündiger Bürger, der seine demokratischen Partizipationsrechte auch als öffentlicher Meinungsträger wahrnahm, blamiert? Was die Meinungen und Einstellungen der meisten westdeutschen Bürger und Politiker anbelangte, lag ich völlig richtig. Prof. Dr. Peter Steinbach, ein ehemaliger Passauer Kollege, bestätigte meine damalige Einschätzung am 8. November 2014 in der Passauer Neuen Presse. Aus Anlass des 25. Jahrestag der Öffnung der Berliner Mauer schrieb er: „Ein Ende der deutschen Teilung würde man nicht mehr erleben, dies war ein verbreitetes Credo.“ Ein Erinnerungsfragment: Als ich mich 1959/60, also fünfzehn Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, in Hamburg in einem studentischen Arbeitskreis für Wiedervereinigung engagierte und mich am Dammtor an einer öffentlichen Mahnwache beteiligte, wurde ich ausgelacht: Wer glaubt denn heute noch an eine Wiedervereinigung? Der Historiker und Journalist Sebastian Haffner, dieser scharfsichtige Analytiker der Zeit „Von Bismarck zu Hitler“, bekannte in einem Nachwort 1990: „Ich habe diese Ereignisse [1989/90] nicht vorausgesehen, geschweige denn erwartet, und ich kenne auch niemanden anderen, der sie 1987 vorausgesehen oder erwartet hatte.“ Noch neun Monate vor dem Mauerfall, im Februar 1989, hatte der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble gesagt: „Eine Lösung für die deutsche Frage (sei) auf absehbare Zeit“ nicht zu erkennen. Nicht anders hatte Richard von Weizsäcker die Situation eingeschätzt und bekannt: „Gewiss, keiner von uns sah damals für die überschaubare Zeit eine realistische Chance zur staatlichen Vereinigung. Brandt hatte sie als >Lebenslüge< bezeichnet, Kohl stellte später fest, dass sie noch nicht auf der Tagesordnung der allgemeinen Ost-West-Politik stehe.“ (R. v. Weizsäcker: Vier Zeiten, S. 350). Und noch 25 Jahre später waren sich prominente Akteure und Meinungsführer darin einig: „Die Deutsche Einheit stand 1989 nicht auf der Tagesordnung.“ (Dr. Hans Jochen Vogel, ehemaliger Bundesfinanzminister, in: PNP Nr. 140, 20.06.2015, S.6)

Nur Franz Josef Strauß habe, so sein Biograf Horst Möller, schon 1986 beim Aschermittwoch in Passau den epochalen Umbruch angekündigt: „Der Anfang vom Ende der Weltmacht des Kommunismus hat schon begonnen. Der Einsturz wird nicht erfolgen durch Krieg oder durch Revolution. Aber die Kräfte der Freiheit – sehen Sie nach Ungarn, sehen Sie nach Polen, sehen Sie in den anderen Teil Deutschlands hinüber! Da haben sich Änderungen und Wandlungen abgespielt. Nicht umsonst versucht Herr Gorbatschow die Zügel anzuziehen. Aber auch er ist zum Scheitern verurteilt, weil er eine wesentliche Änderung des inneren Druckes nur erreichen kann, wenn er das System aufgibt und schrittweise durch ein freiheitliches System zu ersetzen bereit ist. So weit sind wir aber noch nicht. Aber wir sind auf dem Wege dazu.“ (zit. n. Horst Möller 2015: Franz Josef Strauß, S. 712). Aus der Prophezeiung von Strauß konnte allerdings nicht herausgelesen werden, der Umbruch stünde unmittelbar bevor.

Die historischen Ereignisse 1989/90, wie ich sie erlebte

Als im Herbst 1989 Tausende DDR-Bürger über Ungarn und Österreich nach Westdeutschland türmten und das Ende des DDR-Regimes unmittelbar bevorstand, weilte ich als Gastprofessor an der Western Michigan University in Kalamazoo/USA. Am Vormittag des 18. September 1989 war ich in München in den Flieger gestiegen, ohne zu ahnen, dass am Tage meiner Rückkehr, am 24. Oktober 1989, der sogenannte Ostblock vor seinem Zusammenbruch und die osteuropäische Staatenwelt vor einem epochalen Wandel standen. Bei meiner Abreise war von einer Öffnung der deutsch-deutschen Grenze und einer Überwindung der Berliner Mauer noch nicht die Rede gewesen. Dass die ungarische Regierung im August 1989 die Grenze für DDR-Bürger geöffnet und damit eine Fluchtwelle nach Österreich und Westdeutschland ausgelöst hatte, war zunächst nicht als Anzeichen für einen Kollaps des sowjet-kommunistischen Machtblocks gewertet worden. Ich hatte mich auf verschiedene politische Themen vorbereitet, von denen ich annahm, dass sie das Interesse amerikanischer Kollegen finden könnten. An einen Vortrag über die Chancen einer zukünftigen Wiedervereinigung Deutschlands hatte ich nicht gedacht. An meiner Einschätzung der „deutschen Frage“ hatte sich nichts geändert. Auch für meine amerikanischen Kollegen schien dieses Problem zunächst nicht die geringste Aktualität zu haben. Bei meiner Ankunft in Kalamazoo hatte mich zumindest niemand danach gefragt.

Die Situation veränderte sich schlagartig Anfang Oktober, als amerikanische Fernsehsender über Demonstrationen berichteten, die in Ost-Berlin aus Anlass des 40. Jahrestages der Gründung der DDR stattgefunden hatten. Tausende DDR-Bürger hatten eine freie Ausreise wie überhaupt Reisefreiheit gefordert. In wenigen Tagen spitzte sich in der DDR und in den Urlaubs-ländern vieler DDR-Bürger, in Tschechien und in Ungarn, die Lage weiter zu. Meine amerikanischen Kollegen verfolgten im Fernsehen staunend und beunruhigt die Berichte aus Europa. Ich war von den Vorgängen ebenso überrascht wie sie. Mit bohrenden Fragen drangen sie auf mich ein. Ist das Ende der Deutschen Demokratischen Republik gekommen? Steht die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bevor? Was bedeuten diese Vorgänge für die politische Lage in Europa? Welche Politik wird ein vereinigtes Deutschland treiben? Ich hatte noch meine früheren Einschätzungen im Kopf und versuchte meine Kollegen zu beruhigen. Die UdSSR werde die DDR nicht aus ihrem Herrschaftsbereich entlassen, es werde zu keiner Vereinigung kommen. Die osteuropäischen Nachbarstaaten des Ostblocks würden die Flüchtlingsströme wieder eindämmen. Die Staaten der Europäischen Union, allen voran Großbritannien und Frankreich, fürchteten und blockierten eher die Vereinigung. Dann geschah das Unglaubliche: Binnen weniger Monate und Jahre brach das sowjetisch-kommunistische Herrschaftssystem in sich zusammen. Die Vereinigung der deutschen Teilstaaten wurde innerhalb kürzester Zeit ausgehandelt und vollzogen. George Shultz, damals US-Außenminister, antwortete später einmal auf die Frage, ob er erwartet habe, dass die Mauer schon zwei Jahre nach Ronald Reagans Rede am Brandenburger Tor fallen würde: „Nein, solche Erwartungen konnte man gar nicht haben, aber es war klar, dass sich bald etwas ändern würde. Ich war in New York im Dezember 1988, als Michail Gorbatschow seine Rede vor den Vereinten Nationen hielt. Als er fertig war, das wusste ich: Der Kalte Krieg ist vorbei.“ (SZ Nr. 256, 07.11.2014, S. 8).

Niemand wusste, dass am 9. November 1989 die Berliner Mauer fallen würde. Es waren unzählige Bürger der DDR, die im Herbst 1989 auf friedlichen Massendemonstrationen mit Forderungen nach Freiheit und Freizügigkeit ihr Leben riskierten und schließlich die Öffnung der Mauer ertrotzten. Die für die DDR-Führung fatale Fernsehmeldung ihres Spitzenfunktionärs Günter Schabowski, die Grenzmauer sei ab sofort frei passierbar, stellte einen geschichtsträchtigen Moment dar. „Das war keine kleine Sache“ (G. Schabowski in: PNP Nr.259, 10.11.2014, S.2). Was wäre gewesen, wenn am 9. November 1989 in Panik geratende Volkspolizisten in die anbrandende Menge geschossen hätten? Was wäre gewesen, wenn eine sowjetische Machtdemonstration die vielen tausend DDR-Bürger daran gehindert hätte, an die Mauer vorzudringen? Was wäre gewesen, wenn Freitags-demonstranten Molotow-Cocktails gegen sowjetische Kasernen geschleudert hätten? Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Die Wende war „wie ein Wunder“ (Dr. Hans-Jochen Vogel, PNP Nr.140, 22.06.2015 S.6). „Heute wissen wir, dass das Fenster zur Einheit nur einen historischen Augenblick lang offenstand. Dieser Moment bot die Chance zur Überwindung der zweiten Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts.“ (18. Passauer Tetralog, 63. Festspiele Europäische Wochen).

Wallstreet, World Trade Center und Liberty

In den dramatischen Herbsttagen 1989, die zu einem epochalen Umbruch führten, fand ich mich mental in eine Doppelwelt versetzt, in die Welt der USA, und dort besonders in die Metropolen Chicago, New York City und Boston, und in die Welt des fernen Europa, soweit es über amerikanische Fernsehschirme und Zeitungen in meine Nähe gerückt wurde. Die Berichterstattung in den USA, soweit ich sie verfolgen konnte, hatte nicht die Informationsdichte, die ich von zuhause gewohnt war. Ich fühlte mich von den Vorgängen in Europa kommunikativ abgeschnitten und war unglücklich darüber, aus der Ferne nicht genauer sehen zu können, was sich dort ereignete und anbahnte. Wie bei meinem mehrmonatigen USA-Aufenthalt im Herbst 1978 nahm ich meine europäische Identität intensiv wahr. Die kolossalen Eindrücke meiner Reisen nach Chicago, Boston und New York City, auf denen mich meine Tochter Anne begleitete, füllten allerdings die europäischen Informationslücken. In Chicago, wo wir hoch oben auf dem Sears Tower einen bezaubernden Sonnenuntergang erlebten, verirrten wir uns am Abend auf der Rückfahrt in einem Stadtgebiet, das ausschließlich von Afroamerikanern bewohnt war. Ganze Straßenzüge endeten im Nirgendwo der Slums. Wir fuhren in einem Auto mit der Aufschrift der Western Michigan University auf seinen Türen. Anne saß am Steuer. Weil sich die Straßen in einem miserablen Zustand befanden und wir die Orientierung verloren hatten, mussten wir langsam fahren. Schlaglöcher, Straßensperren, heruntergekommene Gebäude, Müll, Straßen-nummern, die uns nichts sagten, Menschen, die uns nicht wohlgesonnen erschienen. Wir wussten nicht, wie wir aus den Slums herausfinden sollten. Am Straßenrand standen ärmliche Gestalten und verfolgten uns mit feindseligen Blicken, weil die Schwarzen uns offenbar für weiße Amerikaner hielten, die hier nichts zu suchen hätten. Uns erschien die Situation als so gefährlich, dass wir anzuhalten und zu fragen vermieden. Wir bekamen es mit der Angst zu tun und schlossen die Autofenster. Die Dämmerung brach herein. Ich war 1978 mehrmals allein zu Fuß durch die Außenbezirke und die dortigen Slums von Washington D.C. gegangen, ohne in eine gefährliche Situation zu geraten. In Chicago überkam mich dagegen zum ersten Mal die pure Angst. Der US-amerikanische Rassen-konflikt brannte uns dort erstmals buchstäblich unter der weißen Haut. Unser Ausflug hätte übel ausgehen können, wäre einer motorisierten Polizeistreife nicht unser verunsichertes Verhalten aufgefallen. Wir machten mit Winken auf uns aufmerksam. Der Polizeiwagen hielt an, erkannte unsere Situation und eskortierte uns aus dem Slum bis zur Ausfahrtsstraße nach Kalamazoo.

In diesen Tagen strömten aus der DDR immer neue Flüchtlingswellen über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik herein. Passau wurde als Ort der Aufnahme und des Durchgangs zu einem Brennpunkt des Geschehens. Ich hörte nur wenig über diese Vorgänge. Am 18. Oktober 1989, als Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, entmachtet wurde, fuhr ich von New York City nach Boston, um an der Harvard University im Center for European Studies über Probleme der Parteienforschung zu diskutieren. Die Vorgänge in Europa und speziell in der DDR wurden seltsamerweise nur am Rand erwähnt. Niemand von uns lenkte das Gespräch ernsthaft auf die Geschehnisse in Europa, keiner von uns erkannte die Tragweite der Ereignisse. Das kam einer Bankrotterklärung der Politikwissenschaft gleich. Das politische Tagesgespräch kreiste, so schien es uns Besuchern, um andere Themen. Tags zuvor hatte ein Erdbeben in San Francisco große Schäden verursacht und vielen Menschen das Leben gekostet.

Am 22. Oktober fuhren meine Tochter und ich zur Freiheitsstatue und genossen den imposanten Blick auf Manhattan und Brooklyn. Wir stiegen auf schmalen Treppen in den Kopf der Statue, hatten dabei aber nicht die Freiheitsidee im Kopf, die in den osteuropäischen Satellitenstaaten der UDSSR immer mehr Menschen aufbegehren ließ. Am Abend zuvor hatten in Ost-Berlin, in Dresden und Plauen Groß-demonstrationen stattgefunden, auf denen sofortige Reformen gefordert worden waren. Die Opposition gegen das DDR-Regime spitzte sich gefährlich zu. Der Flüchtlingsstrom über Ungarn/Österreich schwoll weiter an. In den USA war wenig darüber zu hören und zu lesen. Die Volksrepublik Ungarn wurde a zur Republik Ungarn ausgerufen. Die neue Republik trat unter der Parole „Heimkehr nach Europa“ aus dem Warschauer Pakt aus. Es war dasselbe Datum, an dem 1956 der ungarische Aufstand gegen die sowjetkommunistische Diktatur begonnen hatte. Einige Tage zuvor waren Anne und ich von Brooklyn nach Manhattan zur Wallstreet gefahren und Augenzeugen des Börsenkrachs vom Oktober 1989 geworden. Vor dem Börsengebäude hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, zahlreiche Reporter und Fernseh-Teams liefen hektisch umher und gingen auf Sendung. Sicherheitskräfte umschwärmten die aufgeregte Menge. Der Börsencrash vom 13.10.1989 ging als „Kleiner Schwarzer Freitag“ in die Geschichte ein. Er war vom Fusionsfieber und von windigen Übernahmegeschäften ausgelöst worden. Der Abwärtstrend des Dow Jones auf dem US-Aktienmarkt bewegte in den USA die Gemüter anscheinend weit mehr als das Ende der Volksrepublik Ungarn.

“Tremendous! Tremendous! Faszinierend!” So beschrieb ich meine Eindrücke in meinem Tageskalender. Einen weiteren Höhepunkt meiner zweiten Amerika-Reise stellte am 21. Oktober unser Besuch des World Trade Centers dar und der herrliche Rundblick, den seine Plattform nach allen Seiten bot. Höhe, Größe, Weite, Luft, Hudson und Meer, die Freiheitsstatue, ein- und ausfahrende Schiffe, die Brooklyn-Bridge, Wolkenkratzer, Flugzeuge, Helikopter und über allem ein hoher, unendlicher Himmel. Ein Blick ins Anthropozän. Wir hielten uns stundenlang dort oben auf, ich konnte nicht genug kriegen von dem Höhenzauber und dem „Big Apple“, der landeinwärts an den weiten Horizont grenzte. Ich knipste zwei Filme, und heraus kamen fast professionelle Bilder voll Ästhetik. Für Stunden vergaß ich Europa und was dort vor sich ging. Und doch war Europa in den Wolkenkratzern gegenwärtig, sie waren zum Teil in die Höhe getriebener Jugendstil. Ich fühlte mich nicht fremd in dieser gigantischen Stadt. Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen die Twintowers mit gekaperten Passagierflugzeugen angriffen, die beiden Gebäude kurz hintereinander in sich zusammensanken und dreitausend Menschen zermalmten, stiegen in mir alte Erinnerungen auf. Ich sah mich und Anne mit den Fahrstühlen nach oben fahren, ich sah, wie wir hinaus auf die Plattform traten, in schwindelnder Höhe standen und uns an das Riesenhafte gewöhnen mussten. Die Bilder von den brennenden und in sich zusammenstürzenden Hochhäusern bannten mich 2001 gewaltiger, als es der schlimmste Albtraum hätte tun können.

Nach der Rückkehr aus den USA

Historische Großereignisse und private Aufregungen trafen aufeinander. Am 9. November 1989, am Tag der friedlichen Herbstrevolution in der DDR, erlitt meine Mutter einen Schlaganfall, zudem lag ein Schwager im Sterben. Dazu kam der Beginn des Wintersemesters mit seinen Anforderungen an mich als Dozent. Mir blieb nur Zeit für knappe Einträge und Stichwörter in meinen Tageskalender, meinen „Adjutanten“, wie beispielsweise „Die Grenzen zwischen DDR und BRD/ Westberlin sind auf! Ereignisse und Nachrichten überstürzen sich.”, „In Berlin und in der DDR friedliche Revolution von unten” oder “Ceausescu gestürzt“

Wir verfolgten gespannt und gebannt in Rundfunknachrichten und Fernsehsendungen die Ereignisse. Mit jedem Tag erkannten wir klarer, dass sich in Osteuropa revolutionäre Entwicklungen angebahnt hatten, die auf eine machtpolitische Neuordnung des europäischen Raums hinauslaufen würden. Die Berliner Mauer war ohne einen Schuss gefallen und daraufhin die ganze „sozialistische Friedensgrenze“. Ich hatte im August 1961 in Berlin an der Bernauer Straße erlebt, wie sie über Nacht aufgerichtet worden war. Jetzt sah ich im Fernsehen, wie sie niedergerissen wurde — und den überwältigenden .