26. „Wem die Stunde schlägt“ – Der Tod von Franz Josef Strauß, 1988, und Horst Möllers Heldenepos

Wenige Wochen vor dem tatsächlichen Ende von Franz Josef Strauß: Wie Strauß enden wird, Alf Mintzel in der Münchner Abendzeitung vom 9./10. Juli 1988

Glockengeläute für FJS

3. Oktober 1988. Ein Montag. Die Herbstsonne strahlt ihr mildes Licht in die Passauer Gassen hinein und hebt die bunten Farben der umliegenden Höhen gegen das milchige Blau des Himmels ab. Ein ganz gewöhnlicher Werktag mit seinem Motorenlärm und Getöse, dem Brummen und Summen. Um 11 Uhr 45 beginnen plötzlich alle Kirchen zu läuten. Ich höre den schweren Schlag der Domglocken und weiß sofort, wem das Läuten gilt: Franz Josef Strauß ist tot. In ganz Bayern verkünden die Glocken, dass der politische Gigant gestorben ist. Schon tags zuvor hatte der Bayerische Rundfunk bei mir angerufen und angefragt, ob ich im Falle seines Todes zu einem Interview bereitstünde. Alle Welt hatte stündlich damit gerechnet, dass er den Schlaganfall nicht überleben würde. Gegen 13 Uhr verlasse ich meinen Lehrstuhl und will mich gerade auf den Heimweg zum Mittagessen machen, als schon mein Amtstelefon schrillt. Ich eile nach Hause. Ab 13 Uhr 15 klingelt ununterbrochen das Telefon, ein Anruf folgt auf den anderen. Verschiedene Rundfunksender und Fernsehredaktionen wollen sofort Interviews, der Bayerische Rundfunk, der schon am Vortage angefragt hatte, der Westdeutsche Rundfunk, der Saarländische Rundfunk, der Südwestfunk und andere. Ich sage, ich könne die Masse der Anfragen nicht bewältigen. Die Redaktion des Westdeutschen Rundfunks übernimmt eine koordinierende Initiative. Sie weist mich an: „Nehmen Sie sofort ein Taxi und fahren Sie zum Münchner Flughafen. Dort startet ein Flugzeug nach Köln. Ein Platz ist für Sie bereits reserviert. Vom Flughafen Köln werden Sie mit einem Dienstwagen abgeholt.“ Ich rufe eilig ein Taxi, lande nach kurzem Flug am Spätnachmittag in Köln und werde in den Sender gebracht. Hektik vor den Interviews. Redakteure und Journalisten verschiedener Medien kommen auf mich zu, stellen Fragen, wollen Auskünfte, der Sendeplan wird abgesprochen. Am Abend geht es auf Sendung: 19.00 Südwestfunk Baden-Baden, 20.15 Uhr Stern-Redaktion, 20.25 Uhr RIAS-Berlin, 21.30 Uhr Westdeutscher Rundfunk TV Live, 21.45 Saarländischer Rundfunk/Europawelle. Die Fragen an mich gleichen sich im Tenor: „Was kommt nach Strauß?“ „Wer wird sein Nachfolger sein?“ „Wird die CSU ihren Einfluss in Bonn einbüßen und zu einer Provinzpartei herunterkommen?“ „Wird die CSU ohne Strauß noch die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie zu Zeiten von Strauß?“ Am 4. Oktober fliege ich zurück nach München und bin am Nachmittag zurück in Passau. Ich eile zum Lehrstuhl, wo mich weitere Anfragen erwarten. Die Münchner Abendzeitung ruft an und bittet um einen Kommentar in der Abendausgabe, die Frankfurter Rundschau bittet um einen Artikel für eine ihrer nächsten Ausgaben, das Österreichische Fernsehen (FS 2 Österreich) sucht nach einem Interview nach, und so geht es in den nächsten Tagen weiter. Am 28. Oktober führe ich ein Live-Interview mit der Deutschen Welle. Der Medienrummel endet erst am 4. November 1988 mit einer Diskussionsrunde im Bayerischen Rundfunk. Danach bin ich, salopp ausgedrückt, fix und fertig.

Staatspartei, Staat, katholische Kirche und zahlreiche bayerische Traditionsvereine hatten 1984 das Begräbnis von Marianne Strauß zelebriert, doch der Trauermarsch in diesem Herbst wird noch bombastischer inszeniert. Selbst die politischen Gegner Strauss` werden miteinbezogen, denn auch viele SPD-Anhänger lieben konservative Rituale, den deftigen Spruch, das bayerische Sprachbarock oder die derb-fränkische Ausdrucksweise. Auch sie genießen zuweilen das Wadenbeißen und mögen es, wenn Staatsmacht bildhaft in Erscheinung tritt. Bayerische Staatsfeiern und Staatsbegräbnisse, Parteijubiläen, Prozessionen und Aufzüge lassen bildhaft werden, wie sich Staat, Staatspartei, römisch-katholische Amtskirche und Traditionsverbände in bayerischer Lebensart geschmeidig zu einem Machtkartell vereinen.

Dr. Peter Glotz (SPD), damals Mitglied des Deutschen Bundestages, nahm mich in seinem Dienstwagen mit zur Münchner Residenz, wo wir uns in eines der ausgelegten Kondolenzbücher eintrugen. Mit Peter Glotz kam ich nach seinem und meinem Weggang von Berlin im Jahre 1981 aus verschiedenen Anlässen wiederholt ins Gespräch. Meistens ging es um Fragen der Politik in Bayern, so auch auf unserer Fahrt zur Residenz. Was kommt nach Strauß?

Der Koloß bleibt, Alf Mintzel in der Münchner Abendzeitung vom 6. Oktober 1988

Auch der bundesweite Medienrummel zeigte 1988 abermals, was für ein Koloss Strauß in der Politik der Bundesrepublik gewesen war. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl äußerte hämisch über seinen Widersacher: „Der kann froh sein, dass er das nicht mehr erlebt hat.“ Kohl war es beschieden, als „Kanzler der Einheit“ in die Geschichte einzugehen, nicht Strauß, der es sicher gern gesehen hätte, wenn ihm dieses Ehrenetikett verliehen worden wäre. Strauß hatte in Helmut Kohl einen rheinischen Provinzpolitiker gesehen, dem er das Zeug zum Staatsmann absprach. „Er (sei) total unfähig, ihm fehl(t)en die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm (fehle) alles dafür“, so soll Strauß gehöhnt haben (Mintzel, Geschichte der CSU, 1977, S. 402). Im Jahre 1975 hatte die CSU-Führung im Vorfeld der Bundestagswahl 1976 die Kanzlerkandidatur Kohls nur widerwillig anerkannt. Der kleine CSU-Parteitag vom Juli 1975 hatte mit überwältigender Mehrheit festgestellt, „dass der Parteivorsitzende Strauß die am besten geeignete Persönlichkeit zur Durchsetzung dieser Grundsätze [„für eine deutsche Politik nach innen und nach außen“] und zur Bestimmung und Gestaltung der Bundesrepublik ist.” (Mintzel 1977, Geschichte der CSU, S. 401). Im Umkehrschluss hatte dies bedeutet, dass Strauß die charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen für das Kanzleramt besaß. Im Jahre 1980 hatte die CSU Strauß schließlich als Kanzlerkandidaten durchgesetzt, jedoch ihr Ziel verfehlt. So blieb ungeklärt, wie Strauß die Wiedervereinigung und die Epochenwende 1989/90 auf seine Person bezogen hätte, vor allem im Hinblick auf den Milliarden-Kredit, den er zuvor dem SED Regime vermittelt hatte. In Interviews wurde diese spekulative Frage wiederholt an mich gestellt.

Medien-Star“ – Eine flüchtige Rolle

Zum Zeitpunkt seines Todes verdankte ich Strauß einen weiteren Höhepunkt meiner Beschäftigung mit der CSU und ihrem Vorsitzenden. Vier Wochen lang war der Parteienforscher und CSU-Spezialist Mintzel ein „Medienstar“. Meine Ergebnisse von zwei Jahrzehnten Forschung über die CSU und über den Wandel Bayerns vom Agrarland zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft genossen zum Zeitpunkt des Todes von Strauß höchste mediale Aufmerksamkeit. Die Medien machten mich zu einem Bayern-Augur. Wer etwas über die aktuelle politische Situation in Bayern berichten wollte, kam an dem „CSU-Mintzel“, wie ich, zu einem „Markenartikel“ verkürzt, genannt wurde, nicht vorbei. Die Journalistin und Redakteurin des Wochenblattes DIE ZEIT, Nina Grunenberg, schrieb über mich, ich sei der wissenschaftliche CSU-Kenner par excellence. Sie und andere Journalisten besuchten mich in Passau oder riefen mich an. Die Frankfurter Rundschau brachte am Oktober meinen Artikel über die CSU (FR vom 19. 10. 1988). Das Jahr 1988 wurde für mich vollends zu einem Medienjahr. Meine Bücher und Schriften über die CSU und Bayern waren weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt geworden.

Genoss ich meine Auftritte in Medien? Schmeichelten sie meinem Ego? War ich stolz? Es mag gut sein, dass solche Momente in meinem Handeln wirksam waren. Ich sah es als Erfolg meiner Forschungsleistungen an. Am wenigsten fühlte ich mich wohl dabei. Ich hielt mich nicht für eine telegene Person, für einen, der sich im Fernsehen gut zu inszenieren und zu präsentieren versteht. Mir fehlten das professorale Gehabe und die Wortgewalt eines Propheten. Es gelang mir nicht so recht, vor der Kamera mein Wissen und mein analytisches Denken in knappe Formulierungen umzusetzen. Ich war nie zufrieden mit meinen öffentlichen Auftritten. Wir waren in den 1950er und 1960er Jahren als junge Assistenten ohne Sprech- und Rhetorikschulung mit Lehraufgaben beauftragt worden. Ich hatte keine Ökonomie des Sprechens gelernt. Ich hatte keine Schulung in der öffentlichen Präsentation von Wissen, da gab es keinen Coach, der mich hätte beraten können. Der „baverian vulcano“, wie mich britische Kollegen nannten, war ein zu impulsiver Redner, der seine Stimmgewalt nicht angemessen einsetzte. Ich konnte mich schriftlich besser ausdrücken. So schätzte ich mich jedenfalls selbstkritisch ein, ich fühlte mich hinterher stets als erfolgreicher Versager. Ich bewunderte „Naturtalente“, geborene Auftrittskünstler. Mein Kollege und Freund Heinrich Oberreuter, der spätere Direktor der Politischen Akademie Tutzing, hat so ein wunderbares Talent, in seinen Medienauftritten wissenschaftliche Stoffe und Ergebnisse ruhig und bedächtig einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.

Trotz meiner bescheidenen rhetorischen Fähigkeiten kamen jedoch Medien immer wieder auf mich zu und erbaten Interviews und Diskussionsbeiträge. Ich galt als ein hoch engagierter und zugleich kompetenter Gesprächspartner, der keine Langeweile verbreitet. Und es hatte sich herumgesprochen, dass der „CSU-Mintzel“ kein CSU-Mitglied war, sondern sich parteilos zwischen Engagement und Distanz bewegte.

Die drei „Bayern-Auguren“ – Falter, Oberreuter und Mintzel

In den späten 1980er Jahren und bis hinein in die 1990er Jahre gab es aus Sicht der Printmedien und Fernseh-Redaktionen für die Kommentierung und Beurteilung bayerischer Politik und bayerischen Wählerverhaltens drei erstklassige Adressen: die Professoren Jürgen W. Falter (Mainz), Alf Mintzel (Passau) und Heinrich Oberreuter (Passau/München). Diese drei „Bayern-Auguren“ wurden regelmäßig angerufen und um Interviews und Kommentare gebeten, wenn es in Bayern politisch hoch herging, Führungsquerelen in der CSU die Gemüter erhitzten, Köpfe fielen und Wahlergebnisse zu deuten waren. Auf die Kontroverse zwischen Falter und mir über die Frage und Metapher, ob Bayerns Uhren wirklich anders gingen, wurde schon wegen ihrer bildhaften Griffigkeit in der Presse und in fachwissenschaftlichen Publikationen wiederholt hingewiesen. Falter sagte damals (1982) „Ja!“, ich „Nein“ (1987), die jeweiligen Begründungen darzulegen, muss ich mir hier versagen.

Die mediale „Augurenrolle“ machte mir jedoch zunehmend noch in anderer Weise zu schaffen. Sie brachte sehr viele Wiederholungen mit sich und wenig neuen Erkenntnisgewinn. Das geschmeichelte Ego machte nur noch ungern mit. Als mir nach meiner Pensionierung eine partielle Stimmbandlähmung das Sprechen erschwerte, lehnte ich häufig öffentliche Auftritte und Kommentare ab. Das sprach sich in Journalistenkreisen allmählich herum und führte dazu, dass ich als Dritter und Ältester der Auguren nur mehr selten in Erscheinung trat. Man ist dann schnell „weg vom Fenster.“ Und das weist noch auf ein anderes gewichtiges Problem für den Wissenschaftler und Forscher hin: auf die Leichtgewichtigkeit und Flüchtigkeit tagespolitischer Stellungnahmen und Einlassungen. Das kleine banale „Glück“, das ein kurzer Fernsehauftritt unserem Ego beschert, ist oftmals nicht den Aufwand wert, der damit verbunden ist. Trotzdem genießen manche Kollegen die Scheinwerfer des Fernsehauftritts wie Sonnenbäder.

Keine falschen Hoffnungen: Die CSU verkommt nicht zur Provinzpartei

Diese Diagnose und Prognose waren der Kern meiner Einschätzungen der Lage und Entwicklung der CSU nach Strauß. Auf Fragen nach der künftigen Rolle der CSU antwortete ich, indem ich virulente Fehleinschätzungen zu entkräfteten versuchte.

Die erste Fehleinschätzung betraf die politische Existenz der CSU. „Sobald sich die CSU die Frage stellen muss, was – außer Strauß ihre Existenz als Partei rechtfertigt“, so stand es in der Wochenzeitung DIE ZEIT zu lesen, „befindet sie sich in einem Erklärungsnotstand oder doch in der Defensive“. Diese Beurteilung beruhte auf einem fundamentalen Irrtum und verkannte staatsbayerische Grundpositionen und Strategien in der Politik. Das für viele unbequeme „Problem Bayern“ wird auch, so setzte ich solchen Fehleinschätzungen entgegen, in der Post-Strauß-Ära weiter existieren. Bei allem Wandel der politischen Situationen und Konstellationen würden zwei staatsbayerische Ziele auch von den Strauß-Nachfolgern unverändert verfolgt werden. Zum einen die bayerische politisch-kulturelle Eigenprägung und wirtschaftlichen Wohlstand zu bewahren und zu fördern, zum anderen Bayerns historisch begründeten Machtanspruch und Gestaltungsauftrag in der deutschen und europäischen Politik durchzusetzen. Auch die Strauß-Nachfolger würden sich an diese Maximen halten.

Die zweite Fehleinschätzung im breiten Medienecho lag in der Erwartung oder Befürchtung, die CSU verkümmere ohne Strauß zu einem „normalen“ Landesverband der Union. Die CSU werde gewissermaßen zu einer „Provinzpartei“ oder verwandle sich gar in eine relativ bedeutungslose „Bayernpartei“ zurück. Solche politischen Hoffnungen von Gegnern oder Besorgnisse von Sympathisanten gingen an der Wirklichkeit vorbei. Die CSU wird ihre institutionellen Hebel, die Parteiautonomie und den parlamentarischen Sonderstatus in Bonn, nicht aus der Hand geben. Schon aus diesen Gründen werde die CSU nach Strauß nicht die Rolle eines „normalen“ Landesverbandes der Union spielen. Die landes- und bundespolitische Stoß- und Wirkkraft der CSU resultierte seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland aus ihrer institutionellen und politischen Doppelrolle. Sie bleibt eine autonome bayerische Landespartei und zugleich, in der Fraktionsgemeinschaft und im politischen Aktionsbündnis mit der CDU, eine Bundespartei mit Sonderstatus. Diese Doppelrolle ermöglicht es der CSU, auf der Basis ihrer kontinuierlich hohen Wahlergebnisse als die Landespartei in Erscheinung zu treten, die Bayern par excellence verkörpert, und im Bundesparlament über die CSU-Landesgruppe und andere Institutionen als bayerische Bundespartei zu wirken. Bei aller Wirkkraft „großer Männer“ wie Strauß dürfen die Wirkkräfte von Institutionen und Rahmenbedingungen nicht unterschätzt werden.

Die dritte Fehleinschätzung von politischen und journalistischen Beobachtern betraf die landespolitische Situation in Bayern. Es waren die Erwartungen und Hoffnungen, dass in Bayern nach Strauß größere politische Veränderungen bevorstünden, dass sich das Ungleichgewicht der Macht zumindest „mittelfristig“ beseitigen und ein „demokratisches Wechselspiel“ einstellen würde. Diese Hoffnungen verkannten die strukturellen und politisch-kulturellen Tatsachen der CSU-Hegemonie in Bayern. Der CSU war es trotz einiger Alarmzeichen gelungen, in mehreren Jahrzehnten eine neue gesamt- und staatsbayerische Hegemonialkultur zu entwickeln, die weiterhin für die CSU einen tragfähigen und „ertragreichen“ Boden bildete. Bayern war zu einer „Größe“ geworden, auf die man stolz war. Alte Unterlegenheitsgefühle waren unter der erfolgreichen Politik der CSU einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. „Wir in Bayern CSU 82“, „Bayern vorn“, Politik für Bayern, Deutschland und Europa“ und andere zupackende Slogans waren griffige, symbolträchtige Formeln der Staatspartei und hoben das staatsbayerische Selbstbewusstsein. Daran würde sich, so meine damalige Prognose, auch in der Post-Strauß-Ära wenig ändern. So seien die Machtverhältnisse in Bayern beschaffen: Übermacht auf Seiten der CSU, Ohnmacht auf Seiten der Oppositionsparteien. Die Verhältnisse seien zu stabil und das Ungleichgewicht der Kräfte zu groß, als dass sie sich nach Strauß rasch verändern ließen.

Allerdings konnte im Oktober 1988 keiner die Entwicklungen auch nur ahnen, die mit der friedlichen Revolution in der DDR begannen und zum Epochenwandel 1989/90 führten.

Geschlossene Zirkel: Die „Erinnerungsgemeinschaft“

Die akademischen Zirkel- und Lagerbildungen zeigten sich erneut 2008 auf dem Symposion, welches das Historische Kolleg zusammen mit der Hanns-Seidel-Stiftung aus Anlass des 20. Todestages von Franz Josef Strauß in München veranstaltete. Die Tagung, zu der auch Zeitzeugen aus dem früheren Umkreis von Strauß geladen waren, geriet mehr zu einem hagiografischen Hochamt, das eine handverlesene Schar „unparteiischer“ Historiker im Dienste der Politikverehrung zelebrierten, als zu einer wirklich kritischen Auseinandersetzung mit kontroversen Positionen. Daran änderten auch beiläufige kritische Töne nichts. Eine kleine Dosis Kritik gehört zu solchen Gedenk-Ritualen, um ihnen Dignität und Glanz und damit den Anschein von wissenschaftlicher Objektivität zu verleihen. Die „Erinnerungsgemeinschaft“ der geladenen Historiker knickte wie zu Zeiten Bismarcks vor dem „Giganten Franz Josef Strauß“ förmlich ein. Was Horst Möller, der ehemalige Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, seinem Thema über die Rolle von Franz Josef Strauß als Vorsitzender der CSU und als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag abgewann, war im Kern schon längst in der sozialwissenschaftlichen und historischen Parteienforschung gesagt und geschrieben worden. Dieser Zirkel parteilich erwünschter Historiker tat selbst kund, dass er eine kritische Auseinandersetzung in die Zukunft verlege. Sozialwissenschaftler und im engeren Sinne Politikwissenschaftler wie der langjährige Leiter der Politischen Akademie in Tutzing waren von vornherein ausgeschlossen.

Sich so brav in den Dienst der bayerischen Staatspartei nehmen zu lassen, hat seinen Preis. Möller machte sich im Strauß-Gedenkjahr 2015 zum hagiografischen Mitspieler in einer staats- und parteipolitischen Identitätskampagne der Hanns-Seidel-Stiftung und der bayerischen Staatsregierung. Die CSU und die Hanns-Seidel-Stiftung betrieben eine wohl kalkulierte Überhöhung des „großen Vorsitzenden.“ Sie zelebrierten ihn als den großen Gestalter und Dynamo Bayerns. Strauß wurde in Elogen als ein Gigant hingestellt, als wäre er es allen voran gewesen, der Bayern vom Agrarstaat mit industriellen Inseln zum High-Tech-Staat mit Agrarinseln umgewandelt habe. Der Anteil anderer aus Gesellschaft, Wirtschaft und Sozialwesen wurde hierdurch heruntergespielt. Das Matthäus-Prinzip wird auch in Hagiografien wirksam: Wer im Glanz des Ruhmes steht, der wird noch obendrein mit Ruhm überhäuft.

Im hundertsten Geburtsjahr von Franz Josef Strauß zelebrierte die CSU-nahe Hanns–Seidel-Stiftung den „Mythos Strauß“ und entrückte ihn so fast unangreifbar in den bayerischen Glorienhimmel. Sie nahm dazu eine Vortrags- und Gedenkreihe in ihr Jahresprogramm 2015 auf und stellte aus dem Kreis der „Erinnerungsgemeinschaft“ wiederum Horst Möller als Gedenkredner in ihren Dienst.

Horst Möllers Heldenepos, 2015

Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Strauß erschien Horst Möllers politische Biografie, ein voluminöses Werk. Strauß hatte seit den 1950er Jahren wie kein anderer Politiker das politische Leben in der Bundesrepublik in Atem gehalten und polarisiert. Der interessierte Leser, der die einschlägige Berichterstattung der Printmedien und Fernsehen verfolgt hatte, erwartete vom Biografen Möller zwar nicht unbedingt sensationelle Neuigkeiten aus dem Leben und Wirken von Strauß oder gar brisante Enthüllungen, aber doch Aufklärung über noch fragliche Zusammenhänge. Strauß-Affären und Kungeleien mit Despoten und autoritären Herrschern lassen sich nicht einfach weichzeichnen oder gar hinwegwischen.

Möller liefert in Kernteilen seiner Biografie eine themen- und sachbezogene Parlaments- und Kabinettsgeschichte, in der er die Rollen von Strauß als Parlamentarier, als Mitglied von Bundesregierungen und als bayerischer Ministerpräsident fokussierte. Der Leser erhält detaillierte und faktenreiche Auskünfte über Skandale, Affären und Streitigkeiten, die Strauß provoziert hat oder in die er verwickelt war. Es geht zwar, wie der Verfasser gleich eingangs hervorhebt, „nicht um die ach so beliebten Enthüllungsstorys oder die zugehörige Schlüssellochperspektive, sondern um eine politische Biografie (…): Persönliches wird nicht ausgespart, sofern es den Menschen und Politiker veranschaulicht, steht aber nicht im Mittelpunkt. Auch tatsächliche oder mutmaßliche Skandale werden nicht ausgelassen, wenn die Quellen dafür Erkenntnisse liefern“ (S. 19). Doch macht die Darstellung und Erörterung der Skandale, Affären und Streitigkeiten einen Gutteil des Stoffes aus, den Möller detailversessen und akribisch ausbreitet. Das macht die Biografie ohne Zweifel zu einer höchst ergiebigen Fundgrube für eine Vielzahl von Fragen zur politischen Geschichte der alten Bundesrepublik und zur Rolle des heiß umstrittenen bayerischen Vollblutpolitikers. Möllers „Spannungsszenarien“ langweilen jedoch, wenn er akribisch und detailversessen auch den kleinsten Nebenschauplatz ausleuchtet. In so gut wie allen Streitfragen macht sich Möller zum überzeugten Anwalt und Starverteidiger von Strauß. Die meisten Gegner seien Strauß intellektuell nicht gewachsen, intellektuell überfordert, weniger weitsichtig und in Prozessen vielfach unterlegen. Möller verzeiht seinem Helden alle cholerischen Wutausbrüche, Rüpeleien und destruktiven Anwandlungen, sei er doch so gut wie immer zu konstruktiver Politik zurückgekehrt (S.706). Strauß konnte, so bedauert Möller, sein negatives Image, dem er allerdings immer wieder selbst Nahrung gab, in der veröffentlichten Meinung leider nicht loswerden. Strauß ist Möllers großer Held, Möllers Biografie ein aus Quellen fleißig kompiliertes Heldenepos, aber kein wirklich großer Wurf. Das liegt an der konventionellen Machart, an dem schier uferlosen Erzählfluss und an Möllers Parteinahme. Er verliert sich in Details und Episoden, die in weiten Partien nichts Neues bringen und in ihrem argumentativen Stellenwert mitunter fragwürdig bleiben.

Auch ich musste mir die Kritik gefallen lassen, meine große Studie über die CSU, die Anatomie einer konservativen Partei (1975, 2. Aufl.1978), sei „weder in der Form der Darstellung noch im Stil faszinierend“, überzeuge jedoch „durch vorbildliche Sachlichkeit und die Überfülle des Materials“ (Vorwärts Nr.17, 22.04.1976, S. 14). Auch mir wurde Detailversessenheit und ausufernde Akribie vorgeworfen. Doch stand der Forscher in den 1970er Jahren in einer ganz anderen Situation. Die Fixierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf Franz Josef Strauß, aber auch CSU-interne Informationssperren hatten dazu geführt, dass die Entwicklung der CSU zur bayerischen Hegemonialpartei und als gesellschaftsgestaltendes Instrument nicht wahrgenommen worden war. Ich hatte damals eine „Überfülle“ an Fakten präsentiert, weil bis dahin über die internen Verhältnisse der bayerischen Staats- und Mehrheitspartei fast nur spektakuläre Episoden, aber nur wenig über ihr Politmanagement und ihre hegemonialen Strategien bekannt war. Das Nicht-Wissen über die CSU hatte im umgekehrten Verhältnis zur tagespolitischen Polemik der Berichterstattung gestanden. Bei Möller liegt der Sachverhalt anders. Die zeitgeschichtliche, landesgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Parteienforschung hatte inzwischen zahlreiche empirischen Untersuchungen und Einzelfallstudien über die CSU, über die CSU-Parteielite und einzelne ihrer prominenten Köpfe vorgelegt. Eine jüngere Forschergeneration war angetreten und hatte die Pionierleistungen der älteren fortgeschrieben und mit neuen Arbeiten überholt. Hinzugekommen waren auch große Werke zur jüngeren und jüngsten Geschichte Deutschlands und der Bundesrepublik wie die von Hans–Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit ihren Deutungen. Strauß war ein Politiker der Vor-Wende-Zeit. Wer sich nach der Epochenwende 1989/90 und nach der Jahrtausendwende 1999/2000 an eine Biografie des Franz Josef Strauß wagte und ihn in seinen verschiedenen Rollen als bayerischen Staatsmann, Weltmann, Außenpolitiker und Europäer erfassen wollte, musste ihn weit über den Kontext des „kleinen Welttheaters Bayern“ hinaus im europäischen und globalen Kontext analysieren und einordnen. Zu diesen Rollen lag bereits eine umfangreiche Literatur vor, wenngleich von unterschiedlichem Gewicht. Gelangen Möller schärfere Konturierungen der Rollen von Strauß? Was übernahm er aus der Literatur, was aus den Quellen, die ihm zur Verfügung standen? Markierte er seine Entlehnungen? Literatur- und Quellenverzeichnisse sind verräterisch. Bezeichnenderweise listet er alle seine mehr oder weniger einschlägigen Publikationen auf, zwanzig an der Zahl, selbst die kleinsten Beiträge. Bei anderen Autoren verfährt er dagegen auffallend selektiv. Auch vermisst man Autoren, die sich mit der Persönlichkeit und Rolle von Strauß befasst haben, zum Beispiel Erich Kuby (1910-2005), Eugen Kogon (1903-1987), Carl Amery (1922-2005) und Hans–Jürgen Heinrichs. Links orientierte Wissenschaftler und Schriftsteller gelten anscheinend, auch wenn sie Substanzielles zur Person Strauß beigetragen haben, als wenig zitierwürdig. Die narrative und parteiische Machart der Biografie erlaubt es Möller, manche sehr großzügig zu übergehen.

Möller verfolgt den CSU-internen Aufstieg vom Landesgeschäftsführer und Generalsekretär bis zum langjährigen Parteivorsitzenden (1961-1988). Im parteigeschichtlichen Zusammenhang zeichnet er eher nebenbei und bruchstückhaft die Entwicklung der CSU von ihren Gründungsjahren 1945/46 bis zum Tode von Franz Josef Strauß nach, von den rüden Flügelkämpfen der Nachkriegszeit bis zur vom großen Vorsitzenden geführten und geprägten absoluten Mehrheitspartei. Er kennzeichnet ihn als einen der maßgebenden Modernisierer der Partei. Parteigeschichtlich bietet Möllers Biografie nichts Neues (siehe S. 62, 90ff; 118ff, 668ff, 689ff), er fällt sogar, was die flächendeckende Ausbreitung und die Funktionen der CSU-Parteiorganisation betrifft, hinter den heutigen Erkenntnisstand zurück. Er entnimmt seine Fakten und seine Nacherzählungen aus einschlägigen politikwissenschaftlichen und parteihistorischen Publikationen, die er gelegentlich zitiert. In den dazugehörigen Anmerkungen verfährt er höchst selektiv.

Meinem sozialwissenschaftlichen Ansatz stelle ich Möllers gegenüber, um zu zeigen, was in Möllers Biografie weitgehend ausgeblendet wird: die gesellschaftlich-politische und soziokulturelle Perspektive und Analyse. Bei seiner Ausleuchtung von „Spannungsszenarien“ bleibt der gesellschaftliche und kulturelle Wandel Bayerns unterbelichtet, wie überhaupt der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel in der Bundesrepublik (S. 420, 428f, 512, 656). Er wird nur modellhaft und formelhaft angesprochen. Ausgeblendet bleiben auch die politisch-kulturelle Homogenisierung Bayerns und die Entstehung einer neuen gesamtbayerischen Hegemonialkultur, die gerade der „bayerischen Urwüchsigkeit“ von Strauß (S. 306) Wirkung verschafft und ihm in schwierigen politischen Situationen und Auseinandersetzungen den Rücken gestärkt hat. In seiner konventionellen Parlaments- und Kabinettsgeschichte kommen diese bayerischen „Spannungsszenarien“ und ihr „Wechselspiel von Persönlichkeit und Wirkungsraum“ (S. 13) zu wenig ins Blickfeld der Betrachtung. Es wird übersehen, wie Strauß in kritischen Entscheidungssituationen immer wieder vom unsichtbaren Band seiner bayerischen Existenz und von der gesamtbayerischen Hegemonialkultur politisch gehalten und bei Ausfällen aus der Bastion Bayern zugleich zurückgezogen wird.

Die „historische Größe“ von Strauß entrückt Möller letztendlich einer gesellschaftlich-politischen Analyse der Wirklichkeit, indem er auf ein Wort von Jacob Burckhardt verweist: „Die wirkliche Größe ist ein Mysterium. Das Prädikat wird weit mehr nach einem dunklen Gefühle als nach eigentlichen Urteilen aus Akten erteilt und versagt; auch sind es nicht die Leute vom Fach allein, die es erteilen, sondern ein tatsächliches Übereinkommen vieler.“ (S. 19)

Der politische Gigant aus Bayern bleibt für Möller letztendlich ein „Mysterium“. So viel tief empfundene Verehrung wird die CSU-Granden erfreuen. Möller lässt im Schlusssatz seines Heldenepos´ Strauß sich selbst frei nach Platon rühmen: „Alles Große steht im Sturm.“ (S. 726)

Alf Mintzel: Franz Josef Strauß, Sonderdruck aus: Walther Bernecker und Volker Dotterweich (Hg.), Persönlichkeit und Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Band 2, S. 196–208, Göttingen 1982;
Horst Möller, ehemaliger Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), München, listet in seiner Biographie über ,Franz Josef Strauß. Herrscher und Rebell‘, 2015, zwanzig seiner Publikationen auf, von denen er meint, dass sie für seine Biographie relevant sind. Zu den vier Literaturangaben zu meiner Person vergisst er, auf meine Biographie über FJS hinzuweisen. So erhöhen Wissenschaftler ihr Gewicht auf der Waagschale der Bedeutsamkeit.

 

Franz Josef Strauß, ästhetisch zerrissen

Alf Mintzel: Franz Josef Strauß, ästhetisch zerrissen, August 1988, 50 cm x 70 cm; Ästhetisierung der politischen Sphäre. Collagen, Ausschnitte und -risse aus Abbildungen von Franz Josef Strauß auf Wahlplakaten der CSU

25. Passauer Denkmal-Pflege, akademischer Weihrauch und Beschimpfungen

Fritz Schäffer zum Gedenken“, Mai 1988

Einen nachhaltigen Schlagabtausch mit bayerischen Landeshistorikern lieferte ich mir im Mai 1988. Hierzu gab es einen doppelten Anlass. Am 12. Mai 1988 wäre der bayerische Politiker Fritz Schäffer (1888–1967) hundert Jahre alt geworden. Die große politische Bedeutung Fritz Schäffers und das Datum legten es nahe, zu seinem Gedächtnis Veranstaltungen zu organisieren. Schäffer war im Bundeswahlkreis Passau zu den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 erfolgreich als Direktkandidat der CSU angetreten und von 1949 bis 1961 Bundesminister gewesen. Gedächtnisfeiern in Passau auszurichten war folglich eine niederbayerische Ehrenpflicht. Im Mai 1988 fanden aus diesem Grund zwei Großveranstaltungen statt, die politisch-zeithistorische Ausstellung „100 Jahre Fritz Schäffer“ in den Museumsräumen des niederbayerischen Klosters Asbach und ein wissenschaftliches Symposion „zum Gedenken Fritz Schäffers“ an der Universität Passau. Die Asbacher Veranstaltung wurde maßgeblich von Prof. Dr. Peter Claus Hartmann, dem Inhaber der Passauer Professur für bayerische Landesgeschichte, und seinem Mitarbeiter Dr. Otto Altenhofer konzipiert und durchgeführt. Sie stand unter der Schirmherrschaft des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und wurde von zahlreichen Institutionen und Persönlichkeiten der Stadt Passau, des Landkreises Passau und Niederbayerns sowie des Freistaates Bayern getragen. Dem „Ehrenausschuss“ gehörten prominente Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Kirchen, Presse und Wissenschaft an. Ungeachtet ihrer zeithistorischen Dokumentation und Ausrichtung hatte diese Ausstellung, „um dieses großen bayerischen Politikers gebührend zu gedenken“, einen eminent politischen Charakter. Die Beiträge zum Katalog hatten Politiker verfasst, die „diejenigen hohen Ämter bekleideten, die einst Fritz Schäffer innegehabt hatte“ (Katalog). Es war eine Ausstellung auf wissenschaftlicher Basis mit politischer Ausrichtung inklusive Gedenkgottesdienst. Dagegen war aus wissenschaftlicher Sicht grundsätzlich nichts einzuwenden. Eine Stadt, eine Region und deren große Mehrheitspartei gedachten einer ihrer politischen Größen.

Anders stand es mit dem wissenschaftlichen Symposium „zum Gedenken Fritz Schäffers“ an der Universität Passau. In diesem Falle galten, so könnte man annehmen, ausschließlich wissenschaftliche Maßstäbe. Träger und Organisator des Symposions über Föderalismus und Finanzpolitik war der Passauer Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, den Prof. Dr. Wolfgang Mückl innehatte. Im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung stand das Wirken Schäffers als ehemaliger bayerischer Staatminister für Finanzen (1931–1933) und als Bundesfinanzminister (1949 bis 1957). Ich erfuhr von den bevorstehenden Gedenkveranstaltungen aus der Presse und über universitätsinterne Kanäle. Von keiner Seite kam eine Einladung zur Teilnahme, geschweige denn zu einem Beitrag. Es herrschte Schweigen, als hätte ich mich nie mit der CSU und dem Politiker Fritz Schäffer befasst. Kurz vor Beginn des Symposiums kamen auswärtige Professoren an meinen Lehrstuhl, um sich aus der „Sammlung Mintzel“ noch Informationen und Daten für ihre Referate zu holen. Selbstverständlich gewährte ich den Wissenschaftlern Zugang zu meinem Material.

Diese Vorgänge bewogen mich dazu, die Gedenk-Veranstaltungen auf externem Wege mit einem eigenen Beitrag zu begleiten. Ich kam mit Michael Stiller von der Bayern-Redaktion der Süddeutschen Zeitung überein, zum Auftakt der Passauer Veranstaltungen für die Seite „Berichte aus Deutschland“ ein politisches Porträt Schäffers zu verfassen. Es erschien pünktlich am 11. Mai 1988 in der Nummer 109 unter dem Titel „Drei Karrieren, handfeste Intrigen und ein Juliusturm“. Der Untertitel lautete: „Die Festreden vermitteln nicht die ganze Wahrheit über den erzkonservativen bayerischen Politiker“.

Ein Zeitungsartikel zu einem tagespolitischen Ereignis von größerer Bedeutung unterliegt anderen stilistischen Bedingungen und Anforderungen als eine wissenschaftliche Abhandlung. Er muss allgemeinverständlich, knapp, differenziert und pointiert komplexe Sachverhalte beschreiben. Geht es um einen strittigen Fall, darf mit spitzer Feder gestritten werden. Verkürzungen sind unvermeidlich. Diese Kriterien trafen auf meinen fast ganzseitigen Artikel zu. Ich gebe ihn im Folgenden in Ausschnitten wieder.

Drei Karrieren, handfeste Intrigen und ein Juliusturm, 11.05.1988

Es ist kein Zufall, dass Universität, Stadt und Landkreis Passau zu Ehr und Preis des bayerischen Politikers in der niederbayerischen Barockkirche Kloster Asbach eine Ausstellung >100 Jahre Fritz Schäffer. Treudeutsch – kernbayerisch< veranstalten. Schäffer war in den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957 erfolgreicher Direktkandidat der CSU im Bundeswahlkreis Passau.

Im Abstand der Jahre und Generationen verblassen die Kämpfe, Intrigen und Legenden der einstmaligen knorrigen und bissigen Charakterdarsteller des „Bayerischen Welttheaters“. Der Historiker Golo Mann sagte einmal, man dürfe historische Ereignisse nicht immer zu nahe betrachten, weil dann das Große, das sich im historischen Prozess als Ergebnis von erbitterten Kämpfen, Intrigen und Gemeinheiten am Ende herausgebildet habe, sehr hässlich erscheinen könnte. So verhält es sich auch bei näherer Betrachtung der Figur Fritz Schäffers im politischen Kräfte- und Ränkespiel Bayerns und Bonns.

In Reden und Vorträgen wird mit wohl abgewogenen Worten der bedeutendste bayerische Politiker und deutsche Staatsmann porträtiert, werden seine Verdienste hervorgehoben – zu Recht und mit guten Gründen. Daran besteht kein Zweifel: Schäffer gehörte zu den herausragenden politischen Gestalten der bayerischen und deutschen Politik. Aber es gibt auch das Hinterhältige, das Fragwürdige, das Zwiespältige und Doppeldeutige, das Unbequeme in dieser Person. Man muss die internen Protokolle der Führungsorgane und Parteitage der CSU und Bayernpartei, die vertraulichen Dossiers der Kontrahenten und die geheimen Berichte der Spitzel und Denunzianten gelesen haben, um sich die Schärfe, Heftigkeit und Verbissenheit der innerparteilichen und zwischenparteilichen Auseinandersetzungen vorstellen zu können.

Schäffer spielte in der Früh- und Aufbaugeschichte der CSU eine wenig rühmliche Rolle. Er war ein rebellischer Quertreiber und Spalter. Er betrieb eine hintergründige, auf gut bayerisch >hinterfotzige< Schaukelpolitik zwischen CSU und Bayernpartei, er intrigierte und verbreitete Legenden, er missionierte >kernbayerisch< und wollte auf Biegen und Brechen an die Spitze der bayerischen Politik

Sein politisches Leben war wechselvoll: Dreimal kam er nach oben, in der Weimarer Republik im Jahre 1945 und ein drittes Mal 1949. Zweimal wurde er in die Tiefe gerissen, 1933 und 1945. In den Jahren 1947/48 verrannte er sich in den Führungs- und Richtungskämpfen der CSU und im >Bruderkrieg< zwischen CSU und Bayernpartei. 1949 kam er durch die niederbayerische Hintertür Passaus noch einmal in die große Politik zurück. 1961 trat er ehrenvoll von der politischen Bühne ab und starb am 29. März 1967 in Berchtesgaden. (…)

Im katholischen Milieu aufgewachsen und noch im Königreich Bayern in den Staatsdienst eingetreten, wurde er geradezu selbstverständlich Mitglied der Bayerischen Volkspartei. Engagement, Ehrgeiz und Umstände brachten ihn in politische Spitzenpositionen. Von 1920 bis 1933 gehörte er dem Bayerischen Landtag an. Im Mai 1929 avancierte er zum Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei Am 16.09.1931 ernannte ihn der bayerische Ministerpräsident Heinrich Held zum Staatsrat und beauftragte ihn mit der Führung des bayerischen Finanzministeriums. Im Untergang der Weimarer Republik und im Zuge der Gleichschaltung der Länder durch das NS-Regime wurde er von den Strudeln mit in die Tiefe der bayerischen und deutschen Geschichte gerissen. Mit dem von den Nazis erzwungenen Rücktritt des Kabinetts Held endete im März 1933 die erste politische Karriere Schäffers.

Gewiss, als die Nazis daran gegangen waren, die Länder gleichzuschalten und zu Verwaltungsprovinzen des >Dritten Reiches< zu erniedrigen, hatte der Erzföderalist und bayerische Etatist Schäffer mit anderen versucht, Bayern vor der nationalsozialistischen >Machtübernahme< zu bewahren und die föderale Struktur des Deutschen Reiches zu retten. Aber als Verteidiger von Republik, Demokratie und Freiheit hatte er sich dabei nicht hervorgetan. Bayern, Bayern über alles, war seine Devise – auch um den Preis der republikanischen Staatsverfassung. In letzter Minute hatte er in Bayern der >braunen Diktatur< die Monarchie entgegensetzen wollen. Ein demokratischer Widerstandskämpfer war er also nicht gewesen. Im Kampf gegen die Sozis und Kommunisten hatte er allemal, nach rechts halbblind, nach links christlich-draufgängerisch, auf der Seite der Nazi gestanden.

Im Mai /Juni 1933 erzwangen die neuen Machthaber die Auflösung der politischen Parteien und etablierten den Einpartei-Staat. In einer Verhaftungsaktion gegen viele Mandatsträger der BVP brachten die Nazi Ende Juni 1933 auch Schäffer hinter Gitter. Nach kurzer Zeit entlassen, zog sich Schäffer in das Privatleben zurück und ernährte seine Familie als Rechtsanwalt – sowie mit dem von den Nazis gewährten Ruhegehalt eines Staatsrates a. D. Die Rache der des NS-Regimes brachte ihn allerdings nach dem 20. Juli 1944 kurzfristig ins KZ Dachau.

Am 28. Mai 1945 setzte ihn die amerikanische Militärregierung für Bayern als bayerischen Ministerpräsidenten ein. Über Nacht war Schäffer in das Amt gelangt, das er schon 1933 angestrebt hatte Die amerikanischen Offiziere hatten anfangs zu wenig historische und personelle Hintergrundkenntnisse und zu vage Direktiven. Sie fanden sich nur schrittweise in den „bayerischen Verhältnissen“ zurecht. Ehemals prominente Repräsentanten der BVP hatten sich den Amerikanern gegenseitig empfohlen und die tatkräftige Unterstützung des Kardinals Faulhaber erhalten. Die mutigen Predigten Faulhabers gegen den Nationalsozialismus waren im Ausland bekannter geworden als seine antidemokratischen Äußerungen. Die Amerikaner sahen in der katholischen Kirche eine Bastion des Anti-Nationalsozialismus, übersahen aber anfangs deren Distanz zur liberalen Demokratie. So konnte die noch intakte römisch-katholische Kirche ihre politischen >Vertrauensleute< aus der früheren BVP, konservative Bürgerliche und Monarchisten, in den Vordergrund schieben. Der politische Katholizismus Bayerns und die Erzbayern priesen das >Glück, dass es der Kirche – geleitet von einer so überragenden Persönlichkeit wie Kardinal Faulhaber – gelungen ist, in der gegenwärtigen Lage durch ihre Vertrauensmänner die Verwaltung Bayerns in die Hand bekommen zu haben.“

Schäffers Regierungskonzept für Bayern war: fachmännische Notstandsverwaltung mit Hilfe des bayerischen Berufsbeamtentums; Wiedergewinnung, Reorganisation und Festigung bayerischer Eigenstaatlichkeit in Anknüpfung an die bayerische Staatstradition; Aufschub von Neu- und Wiedergründung politischer Parteien; „unpolitische“ Zusammenarbeit der Aufbaukräfte auf der Grundlage des >christlichen Sittengesetzes<. Er betrieb unter der Etikette einer angeblich unpolitischen Notstandsverwaltung und einer scheinbar parteineutralen Aufbaupolitik die handfeste Politik eines katholisch-konservativen, autoritär gesinnten bayerischen Etatisten. Seine politische Gedankenwelt war 1945 meilenweit von dem entfernt, was unter einer liberalen Demokratie zu verstehen ist. (…) Wenn überhaupt, dann wollte Schäffer an der Tradition und Gedankenwelt der Bayerischen Volkspartei wiederanknüpfen. Die letztverbindliche Maxime seiner Ideenwelt war die Wiederherstellung eines starken bayerischen Staates. Dieser sollte zu einem Hort >der christlich-konservativen Kräfte < werden. Ein Separatist war er allerdings nicht. Für die Besatzungsmacht war die eingesetzte bayerische Regierung reine Auftragsverwaltung. Das Kabinett Schäffer und die bayerische Staatsverwaltung hatten zu gehorchen.

Hauptanlass für seine Absetzung war die Entnazifizierung. Schäffer wiedersetzte sich im Sommer 1945 der amerikanischen Entlassungs- und Entnazifizierungspolitik (…) Die Entnazifizierung wurde zur Existenzfrage der Schäffer-Regierung. Auf Anweisung General Dwight D. Eisenhowers wurde Schäffer am Abend des 28. September 1945 amtsenthoben und der Sozialdemokrat Wilhelm Högner als bayerischer Ministerpräsident eingesetzt.

Nun wollte Schäffer an die Spitze der CSU gelangen. Im CSU-Richtungs- und Führungskampf um den >richtigen< bayerischen Kurs in der deutschen Nachkriegsgeschichte sammelte und formierte er mit Alois Hundhammer und Anton Pfeiffer die innerparteiliche Opposition gegen den ersten Landesvorsitzenden, Josef Müller. Schäffer sah in Müller, der dem militärischen Widerstand um Canaris angehört hatte und aus dem KZ Flossenbürg befreit worden war, einen Intimfeind, der ihn um das politische Erbe der BVP zu bringen drohte. Er schob der angeblichen Konspiration Müllers mit der amerikanischen Besatzungsmacht zu Unrecht seine Absetzung zu. Am 21. März 1946 zum Vorsitzenden des CSU-Bezirksverbandes München gewählt, verwandelte Schäffer den Stadtverband vollends in eine Operationsbasis gegen den liberal-konservativ und interkonfessionell gesinnten, gemäßigt föderativen Müller.

Die amerikanische Besatzungsmacht, inzwischen mit den >bayerischen Verhältnissen< und ihren politisch-historischen Hintergründen besser vertraut, untersagte Schäffer im April 1946 jegliche politische Betätigung. Die Amerikaner waren zur Überzeugung gelangt, Schäffer sei ein gesinnungsmäßiger Steigbügelhalter der Nazis gewesen. Auch seine Hinhaltetaktik in der Entnazifizierungsfrage führten sie auf diesen >spirit of cooperation> mit den Nazis zurück, ist den vertraulichen Dossiers zu entnehmen.

Nachdem die Amerikaner das politische Betätigungsverbot im November 1947 aufgehoben hatten, betrat Schäffer wieder die politische Bühne Bayerns. Diesmal stellte er sich mit einem geradezu religiösen Sendungsbewusstsein als idealistisches >Opfer< und als bayerischen >Märtyrer< vor, der sich in der auferlegten Zurückgezogenheit auf die großen Aufgaben vorbereitet habe und zur >inneren Reform< sowie zur Rettung der CSU berufen sei.

Altbayern war noch nicht ganz reif für die große interkonfessionelle Sammlungsidee. Schäffer interpretierte 1947/48 den Unionsgedanken um und gab ihm eine altbayerische Fassung. Union hieß für ihn hauptsächlich katholisch-konservative Blockbildung mit altbayerischem Schwerpunkt. Unter >Union< verstand er die Wiedervereinigung der zwei Parteien des gespaltenen katholisch-konservativen Lagers, der CSU und der Bayernpartei. Er war bereit, den Parteinamen >CSU< preiszugeben. In den Führungs- und Richtungskämpfen brachte sich der altbayerische Streithahn durch seine aufwieglerischen Winkel- und Schachzüge und durch zwielichtiges Taktieren zwischen CSU und BP ins Aus. Dem Ausschluss aus der CSU kam er am 14. September 1948 durch seinen Parteiaustritt zuvor. Die Bayernpartei hatte ihm im Juni 1948 eine Abfuhr erteilt.

Schäffer musste seine Hoffnungen begraben, als der große Retter und Vereinigungspolitiker in die bayerische Geschichte einzugehen, Er hatte das Gegenteil von dem bewirkt, was er wollte. Er hatte mit seiner Rebellion die Krise der CSU auf die Spitze getrieben. Der kleine Staatsrat a. D. hatte keinem verfassungsgebenden Gremium angehört. Er war nicht zum Vater der bayerischen Verfassung oder des Grundgesetzes geworden. Der alte Plan, das Amt des bayerischen Staatspräsidenten einzurichten, war vereitelt worden.

Die ihm heute nachgerühmten Verdienste erwarb sich Schäffer erst wirklich, als sich die besatzungspolitische und innerdeutsche Situation entscheidend gewandelt hatte – nach der Gründung der Bundesrepublik. Vor der ersten Bundestagswahl kam der Ruf an ihn aus Passau; in dieser Stadt hatte Schäffer enge familiäre und politisch-klerikale Kontakte. CSU-Honoratioren holten mit bischöflicher Unterstützung Schäffer nach Passau und boten ihm eine Direktkandidatur im Bundestagswahlkreis Passau an. Der Passauer Bischof befürchtete, wie seine bayerischen Amtskollegen, dass der >Bruderstreit< zwischen CSU und Bayernpartei im Bundestagswahlkampf die Vorherrschaft der >beiden christlichen Parteien< gefährden könnte. Unter der strategischen Devise >Einigung der christlichen Front< begann sich die katholische Kirche Bayerns auf die Seite der CSU zu schlagen. Jetzt erst, als CSU-Bundestagsabgeordneter und Bundesminister, konnte Schäffer am innerbayerischen >christlichen< Vereinigungswerk mitarbeiten und der CSU bei der endgültigen Niederringung der Bayernpartei helfen.

Sieger-Ehrung in Passau 1988. Es gibt eine Fritz-Schäffer-Promenade, aber keine Joseph –Baumgartner–Straße. Die Universität Passau veranstaltet ein „>Gedenk<-Symposion“. Die >bösen< Spalter und Verlierer der anderen >christlichen Partei< werden wie in altägyptischen Dynastien aus dem Gedächtnis gemeißelt. Joseph Baumgartner, der 1948 zur Bayernpartei >übergelaufen< und Schäffer im Vorsitz der>Spalter-Partei< zuvorgekommen war, wird mit Vergessen bestraft.

Schäffers Rolle als Bundesfinanzminister war vorgezeichnet. Von 1931 bis 1933 hatte er das bayerische Finanzministerium geführt und in den 124 Tagen seiner Ministerpräsidentschaft 1945 auch das Finanzressort übernommen. Schäffer war von Haus aus Finanz- Steuer- und Haushaltspolitiker. Auf den ersten Blick wirkte Schäffer, der gut in die >kleinbürgerlich-mittelständische Gesellschaft< der ersten Kabinette Adenauer passte, ein typischer Vertreter der trockenen Stehkragen-Bürokratie. Aber er blieb ein politischer Querkopf mit Format. Beinahe wäre er Vizekanzler geworden. 1955 war er sogar als denkbarer Nachfolger Adenauers im Gespräch.

Aus seiner Bonner Zeit blieb vor allem sein >Juliusturm< in Erinnerung. Als knausriger >Bundesbuchhalter< und gewitzter >Finanzakrobat< hatte Schäffer im Bundesaushalt beträchtliche Rücklagen angehäuft. In Erinnerung an die französische Kriegsentschädigung, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als >Kriegsschatz< im Juliusturm, einem Gebäude bei Berlin-Spandau, gehortet worden war, wurden die Rücklagen „Juliusturm“ genannt. Gerade die sparsame Finanz- und Haushaltspolitik war es aber gewesen, die zwischen Adenauer und Schäffer zu großen Spannungen führte, insbesondere als es den Aufbau der Bundeswehr zu finanzieren galt. Adenauer hielt Schäffers Finanzpolitik für zu >fiskalisch< und für zu wenig an innen- und außenpolitischen Notwendigkeiten orientiert. Schäffer drohte des Öfteren mit seinem Rücktritt. Er ärgerte Adenauer einmal mit der Bemerkung: >Die CSU ist eine bayerische Partei und nicht dem Kommando eines fremden Parteichefs unterworfen<. Eine wirkliche Kraftprobe mit dem Kanzler wagte aber damals selbst das bayerische > Eisenhaupt Schäffer< (F.J. Strauß, 1955) nicht. 1957 musste Schäffer in das Bundesjustizministerium überwechseln. Adenauer wollte den >Finanzbuchhalter< Schäffer nicht nochmals das Bundesfinanzministerium leiten lassen. 1961 folgte ein getrübter Abgang aus der Politik.“
Soweit meine Porträtskizze.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, am Schluss noch einen kräftigen Seitenhieb gegen etablierte Landeshistoriker zu richten, und forderte eine weniger staatsschmeichelnde und hagiografische Landesgeschichtsschreibung ein: „Der Landesverschönerungsverein >berufener< Historiker glättet und überhebt von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, mit akademischen Worten die damaligen Ereignis- und Wirkungsgeschichte. Der renommierte Landeshistoriker Andreas Kraus, der sich in seiner >Geschichte Bayerns – Von den Anfängen bis zur Gegenwart< in die Nachkriegsgeschichte vorwagte, widmet von insgesamt 745 weniger als vier Seiten der Zeit nach 1945 – und dies unter der Kapitelüberschrift >Bayern im NS-Reich<. Eine große Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945 muss erst noch geschrieben werden. Dies verlangt den Mut, über den Horizont einer lammfrommen bayerischen Denkmäler-Pflege hinauszugehen.“

Beschimpfungen und Sympathien-Bekundungen

Mein Artikel verfehlte nicht die beabsichtigte Wirkung. Er schlug nicht nur in Passau wie eine Bombe ein und hinterließ Verletzte. Am 12. Mai 1988 wurde die Asbacher Ausstellung mit einem Gedenkgottesdienst eröffnet. Es waberte viel Weihrauch durch die Veranstaltung. Am 19. Mai 1988 begann an der Universität Passau das Symposion „zum Gedenken an Fritz Schäffer“, am Abend des 19. Mai empfing die bayerische Staatsregierung im Passauer Rathaus die Initiatoren, Organisatoren und Teilnehmer der beiden Gedenk-Veranstaltungen. Der große Rathaussaal und die Nebenräume waren rappelvoll. Prominente und weniger Prominente schlängelten sich durch die Räume und bildeten Trauben an den Stehtischen, delikate Speisen und Getränke wurden herumgereicht. Das Stimmengewirr ließ kaum eine Unterhaltung zu. Man musste ganz nahe beieinanderstehen, um sich unterhalten zu können. Ich war unter den Gästen, und prompt kam es zu einer Kollision mit Mitgliedern der Familie Schäffer. Sie beschimpften mich wutentbrannt, bezeichneten meinen Artikel als Pamphlet und Unverschämtheit, das sei keine Wissenschaft, sondern Verunglimpfung. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung berichtete mir später, ein Mitglied der Familie Schäffer habe sich erzürnt an die Redaktion gewandt und die Zeitung abbestellt. Familienmitglieder fragten mich allen Ernstes, ob Franz Josef Strauß hinter meinem Artikel stehe. Sie hegten anscheinend den Verdacht, er könnte hintergründig mitgewirkt haben. Animositäten und Rivalitäten aus alten Tagen waren herauszuhören. Meine Einwände gegen eine hagiografisch verklärende Feier blieben ungehört. Anstatt die Universität indirekt politisch in den Dienst zu nehmen, hätte das wissenschaftliche Symposium von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung ausgerichtet werden müssen. Ich war nicht der einzige aus dem Kreis der Professorenschaft, der sich an dem akademischen Weihrauch störte, der um die Person Schäffer gewedelt wurde. Ein Dutzend Kollegen aus der Philosophischen Fakultät kamen auf mich zu und bekundeten ihre Sympathie für meinen bissigen Artikel. Professor Paul Lankes, der Inhaber des Lehrstuhls für Kunsterziehung, skizzierte mich amüsiert als Denkmal-Stürzer. Er traf mit sicherem Strich Schäffers Büste und den kleinen Mintzel, wie er mit einer Brechstange die Büste vom Sockel holt. Mag der „Fall Schäffer“ eine besondere politische Delikatesse gewesen sein, es wurden jedenfalls Bedenken gegen eine allzu bereitwillige politische Indienstnahme der Universität laut, zumal gegen einseitige Glorifizierungen.

Prof. Paul Lankes, Inhaber des Lehrstuhls für Kunstpädagogik an der Universität Passau, Bleistiftskizze, 1988, recto beschriftet: „Also da gehts ja nicht um den Schäffer allein, da muß ja jeder, der da fleißig an seinem Denkmalsockel mauert besorgt sein, daß der Mintzel ihn herunterkippt. Trotz meines Sinns für Denkmalpflege hat mir Ihr Artikel sehr gut gefallen. Gratuliere. Paul Lankes.“

Meine Bemerkung, „eine große Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945 (müsse) erst noch geschrieben werden“ und meine provokative Aufforderung an die bayerische Landgeschichtsschreibung, mit mehr „Mut über den Horizont einer lammfrommen bayerischen Denkmäler–Pflege hinauszugehen“, wurden in Verlagen vernommen. Noch während des Symposiums erschienen die Herren des Olzog-Verlages an meinem Lehrstuhl und wollten mich für ein Publikationsprojekt gewinnen. Bezeichnenderweise ging der Auftrag an die Verlagsbuchhandlung Ferdinand Schöningh. Der Ertrag des Symposiums wurde 1990 in der Reihe der „Rechts- und Staatswissenschaftlichen Veröffentlichungen der Görres–Gesellschaft publiziert. Kollege Winfried Becker strafte mich in seinem Beitrag „Fritz Schäffer und der Föderalismus“ einmal mehr ab: Er überging meine Publikationen, in denen ich mich ausführlich mit Schäffers Wirken befasst hatte. Solche Strafaktionen machten es an der Universität Passau unmöglich, ein gemeinsames zeitgeschichtliches Bayern-Projekt auf den Weg zu bringen. Mir waren diese kleinkarierten und spießigen Konkurrenzspiele und Lagerbildungen in Form von Zitierverweigerungen zuwider. Leider sind sie in den Geschichts- und Sozialwissenschaften eine gängige Praxis.

Auswärtige Professoren, die am Passauer Symposium über Schäffer teilgenommen hatten, wie beispielsweise Wolf D. Gruner (Hamburg) und Dieter Grosser (München), griffen in ihren für die „Gedenkschrift für Fritz Schäffer“ elaborierten Beiträge auf meine einschlägigen Schriften zurück. Sie verschwiegen auch nicht meinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Die Herausgeber des „Biographischen Lexikons der deutschen Bundeskabinette 1949–1998“ (2002), Udo Kempf und Hans G. Merk, luden mich ein, das Porträt Fritz Schäffers zu verfassen, das Raum bot für eine differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser markanten Politikerpersönlichkeit und ihrem historischen Wirken.

Ein böses Nachspiel, 1988/89

Das Verhältnis zu den Passauer (Landes-)Historikern wurde 1988 ein weiteres Mal durch einen Schlagabtausch mit dem Historiker-Kollegen Becker gestört. Man mag darin ein notorisches Professorengezänk sehen und ihn als ein typisches Beispiel professoraler Besserwisserei abtun, das außer den Kampfhähnen selbst niemanden interessiert.

1988 besprach ich in der „Politischen(n) Vierteljahresschrift (29. Jg. Heft 4, S. 668-673) Beckers Buch „CDU und CSU 1945–1950. Vorläufer, Gründung und regionale Entwicklung bis zum Entstehen der CDU-Bundespartei.“ Er antwortete 1989 im ersten Heft dieser Zeitschrift mit einer Replik. Im Grunde ging es in der scharfen Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über die thematisierten Aspekte der CSU-Geschichte und um die Bewertung einzelner Vorgänge in der Gründungsphase der CSU. Dabei spielte ein weiteres Mal mein Fundus an Materialien aus der CSU eine gewichtige Rolle. Der Inhaber des Passauer Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte übertünchte meines Erachtens die überaus heftigen Flügel- und Richtungskämpfe in der CSU der Nachkriegszeit mit einem „interkonfessionellen Glaubensbekenntnis“. Becker glaubte, dass sich alles doch nicht so drastisch abgespielt habe, wie ich das in meinen Büchern über die CSU dargestellt hatte. Er bezweifelte die Schärfe der innerparteilichen Konflikte und wollte die erzkonservativen ober- und niederbayerischen Quertreibereien von Alois Hundhammer, Fritz Schäffer und deren Anhänger in ein milderes Licht gestellt wissen. Dass Schäffer zeitweise sogar bereit gewesen war, die interkonfessionelle Unionsidee einer „altbayerisch-katholischen Blockpartei“ zu opfern, passte nicht zu Beckers Vorverständnis. Es hätte sich ideologisch-programmatisch in Wirklichkeit nicht so zutragen dürfen.

Diesem Streit um die richtige Bewertung historischer Vorgänge lag ein gravierendes empirisches Problem zugrunde: Becker hatte von der „Sammlung Mintzel“, die fünfhundert Meter von seinem Lehrstuhl in meinen Amtsräumen lagerte und prinzipiell für jeden Wissenschaftler zugänglich war, keine Kenntnis genommen. Seine Ausführungen zur CSU-Geschichte 1945–1950 beruhten auf einer sehr viel schmaleren Quellenbasis als meine Kapitel über die Gründungs- und Aufbaujahre der CSU. Kein Wissenschaftler hatte zuvor so viele parteiinterne Quellen gerade auch zu den CSU-internen Richtungs- und Flügelkämpfen auswerten können wie ich. Das hatte sich bis ins europäische Ausland herumgesprochen. Junge Wissenschaftler waren angereist, um für ihre Studien über „German and Bavarian Politics“ die „Sammlung Mintzel“ zu nutzen. Andere bezogen sich auf meine Quellen. Becker glaubte meine Forschungsergebnisse unter dem Blickwinkel der interkonfessionellen Unionsidee in Zweifel ziehen zu können. Er wollte nicht wahrhaben, dass in altbayerischen Gebieten der politische Katholizismus in der Nachkriegszeit noch eine Weile heftig nachgewirkt hatte, vor allem in der damaligen politischen Wetterecke Niederbayerns. Ich wandte mich gegen landesgeschichtliche Schönfärbereien von politischen Kämpfen und politisch-ideologischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit. So wie ich den Sachverhalt einschätzte, hatte meine Kritik an Becker nichts mit selbstgefälligem Aufplustern und auch nichts mit Korinthenkackerei zu tun. Wir Wissenschaftler haben alle unsere weltanschaulichen Brillen, durch die wir mehr oder weniger scharf die reale Welt betrachten und Erkenntnisse gewinnen. Wir forschen nicht voraussetzungslos, sollten aber nicht an der Empirie vorbei arbeiten.

An Beckers Buch „Die CDU und CSU 1945–1950“ gab es noch anderes zu beanstanden. Ich hatte 1966 einen hundert Seiten umfassenden Beitrag über „Die Entwicklung der Berliner Parteien und Gewerkschaften von ihrer Neugründung 1945 bis zu ihrer Konstituierung als Landesverbände der westdeutschen Organisationen“ publiziert. Der Beitrag war im Rahmen des mehrjährigen Forschungsprojektes „Berlin – Hauptstadtanspruch und Westintegration“ im Berliner Institut für politische Wissenschaft entstanden und veröffentlicht worden. Darin hatte ich ausführlich die Neugründung, Sonderentwicklung und Programmatik der CDU in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone abgehandelt, also einen Teilbereich der Beckerschen Themenstellung. Das kollegiale Arbeitsklima an der Universität Passau war stark gestört.

Diskreditierung meiner Forschungsarbeiten, 1989

Es war eine fachidiotische Unverschämtheit zu behaupten, ich hätte meine Studien über die CSU hauptsächlich aus Zeitungen und anderen gedruckten Quellen gespeist. Der Historiker Udo Wengst, später stellvertretender Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (2008–2012), schrieb 1989 in seinem Beitrag zur Festschrift für den Historiker Gerhard Schulz: „Als Grundlage dienten Mintzel lediglich parteiamtliche Publikationen, Zeitungen, Zeitschriften, Korrespondenzen sowie schließlich die Jahrbücher der Unionsparteien und einige wenige parteiinterne Unterlagen wie Rechenschaftsberichte und Organisationsberichte.“ Ich war empört über diese Ignoranz und niederträchtige Herabsetzung einer allgemein anerkannten Forschungsleistung. Der Anmerkungsapparat zu meinem ersten Werk über die CSU (1975 1. Aufl.; 1978 2. Aufl.) war ein Buch im Buche. Jeder, der die 2205 Anmerkungen auch nur auf die Schnelle durchsah, musste erkennen, dass ich mich auf zahlreiche unveröffentlichte Quellen stützen konnte. Auch meine „Geschichte der CSU“, die im Jahre 1977 erschienen war, entstand auf dieser breiten Basis bisher noch nicht publizierter Quellen. Die leichtfertige Behauptung von Wengst resultierte entweder aus einer allzu flüchtigen Lektüre oder er wollte absichtlich meine Forschungsleistung kleinmachen. Jedenfalls mangelte es diesem Historiker an intellektueller Redlichkeit. Ich wandte mich in der Sache an den Kollegen Hans Mommsen und fragte ihn, wie so eine Diskreditierung unter Historikern behandelt werde. In seiner Antwort schrieb Mommsen diese Praxis den „in letzter Zeit bedauerlicher Weise eingerissenen Abgrenzungsritualen [zu], die mit dem Lagerdenken in einem Teil des Faches zusammenhängen.“ Er beklagte die „sehr unbewegliche historische Fachwelt.“

Schreiben von Prof. Dr. Hans Mommsen an Prof. Dr. Albrecht Mintzel, 10.4.1990

Wengst wurde später von anderer Seite faktisch der Unwahrheit überführt. In der „Vorbemerkung“ zum späteren Findbuch für die „Sammlung Mintzel“ im Institut für Zeitgeschichte steht zu lesen: „Die Arbeiten Mintzels erregten auch wegen ihrer besonders breiten Quellenbasis Aufsehen. Seine Sammlung parteiinterner Dokumente entstand als Ergebnis umfassender, teilweise langwieriger Recherchen im Generalsekretariat und in der Landesgeschäftsstelle der CSU sowie in den Geschäftsstellen der Bezirksverbände. (…) Dieser Fundus an parteiinternen, zum Teil vertraulichen Dokumenten war für die Wissenschaft über Mintzels eigene Studien hinaus von großer Bedeutung (…) [Das] Parteiarchiv Alf Mintzels (bildete) gleichsam eine Art Ersatzüberlieferung und war so Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zur Geschichte der bayerischen Unionspartei.“ (Thomas Schlemmer).

Kollegen, die mit meinen Forschungen vertraut waren, rieten mir, nicht so dünnhäutig auf Fehlurteile zu reagieren. Wengst habe sich doch mit seiner unsachlichen Kritik selbst lächerlich gemacht. Und Beckers katholische Sicht auf die CSU sei es ebenfalls nicht wert, in diesem oder jenem Detail bloßgestellt zu werden. Ich sollte diese Kritiker nicht noch dadurch aufwerten, indem ich mich überhaupt damit befasste. Das mag so sein. Doch war ich damals über diese wissenschaftliche Unredlichkeit so erbost und zornig, dass ich in meinem autobiografischen Rückblick in puncto haltloser Kritiken meine Dünnhäutigkeit nicht verbergen kann. Mein protestantisches Arbeits- und Berufsethos forderten grundsätzlich wissenschaftliche Redlichkeit ein. Mir schwebte immer noch Max Webers Idealbild des Wissenschaftlers vor, das idealtypische Konstrukt eines „Geistesaristokraten“. Die Wirklichkeit sah anders aus.

Später schätzte ich diese ärgerlichen Vorgänge anders ein. Ich hätte mir einen weisen, abgeklärten Altmeister der Zeitgeschichte oder Politischen Soziologie als Coach gewünscht, um nicht in diese Fallen kleinkarierter Streitigkeiten zu laufen. Es waren keine Niederlagen in der Sache, sondern vor allem auf der psychisch-mentalen Ebene. Ich hätte in der Tat meine Arbeitskraft nicht mit solchen Nichtigkeiten vergeuden sollen. Auf der sachlichen Ebene hätte ich bedenken müssen, dass im großen Langzeitgeschehen gesellschaftlich-politischer Entwicklungen solche speziellen Streitfragen um das Wirken von Schäffer, Hundhammer und anderer lokaler und regionaler Heldenfiguren wissenschaftlich von zu geringer Bedeutung sind, um sich damit allzu lange aufzuhalten. Wen interessiert noch der akademische Weihrauch, der in Passau um Fritz Schäffer gewedelt wurde? Wer erinnert sich noch an die unredlichen Kritiken von Professoren? Wer sich ernsthaft und gründlich mit der Wissenschaftsgeschichte seines Faches und überhaupt mit Wissenschaftsgeschichte befasst hat, weiß, wie rasch solches Kleinklein in Vergessenheit gerät. Ich hätte mich in diese und andere „Passauereien“ nicht hineinziehen lassen sollen. Aber sie gehörten nun einmal zum katholischen sozial-moralischen Milieu, das sich damals noch mit viel klerikalen Weihrauch kräftig artikulierte.

24. Im Banne des Terrors

Im Laufe meines Lebens lernte ich verschiedene Gesichter des Terrors kennen, manche noch in direkter Begegnung und in zeitgeschichtlicher Konfrontation, so beispielsweise den nationalsozialistischen Staatsterror, wie er mir zur Zeit des Nürnberger US-Militärtribunals in der Person Walter Schellenbergs leibhaftig vor Augen gestanden hatte, manche in meiner unmittelbaren Umgebung, von Angesicht zu Angesicht und  hautnah, so in der Westberliner APO-und RAF-Szene, manche aus der Ferne wie den islamistischen Angriff auf die Twin Towers des World Trade Centers in New York City und auf das Pentagon in Washington D.C. Im Herbst 1989 fuhr ich mit meiner ältesten Tochter Anne auf die Plattform eines der Türme des World Trade Centers. Wir waren fasziniert von dem Rundblick und ahnten nicht, was sich zwölf Jahre später ereignen sollte. Als am 11. September 2001 zwei von islamistischen Terroristen gekaperte Passagierflugzeuge die Twin Towers rammten und die Türme zum Einsturz brachten, erlebte ich  diesen Terrorakt in den Medienberichte so nahe und grauenhaft, als sei ich selbst dort oben gestanden, mit in die Tiefe gerissen und zermalmt  worden. Dieses entsetzliche Gefühl, dem Tod absolut ausgeliefert zu sein, lässt sich schwer beschreiben. Der Terror begann sich Anfang des 21. Jahrhunderts zu wandeln und neue Formen anzunehmen. Nicht mehr einzelne Prominente standen als Verkörperungen des Systems im Visier der Killerkommandos, sondern beliebige Menschenansammlungen. Die Attentäter legten es darauf an, völlig unberechenbar möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen.

Wir hatten in den 1970er Jahren in Berlin-Schöneberg, wo wir bis Ende 1981 im vierten Stock der Bambergerstraße 59 wohnten, eines Morgens erlebt, wie mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten in die Wohnung unter uns eindrangen und eine junge Frau festnahmen. Christa G. hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer polizeilich gesuchten Terroristin der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Vermutlich war sie einer alten Dame aus dem Hinterhaus verdächtig erschienen. Dass Christa im Stockwerk unter uns Mitglied einer Wohngemeinschaft von Studierenden und jungen Berufsanfängern war, hatte ins Bild gepasst. In Westberlin war in der Bevölkerung die Anti-APO und Anti-RAF-Stimmung so aufgeladen, dass man rasch Opfer von Anzeigen hatte werden können. Wie stark die Terrorbekämpfung sich auf viele öffentliche Bereiche auswirkte und wie hautnah sie erlebt werden konnte, dafür kann ich noch ein weiteres Beispiel schildern, das mich selbst und meine Forschungsarbeit betraf.

Von Carabinieri beschützt in die Konferenz, Fiuggi 1983

Im September 1983 wurde ich zusammen mit drei Parteien- und Wahlforschern, darunter der Mannheimer Ordinarius Rudolf Wildenmann, von der Agenzia di Recerca Legislazione (AREL, Roma) nach Fiuggi zu einer Konferenz zum Thema „La riorganizzione di un partito democratico cristiano“ eingeladen. Fiuggi ist eine Kleinstadt in der Region Latium, achtzig Kilometer östlich von Rom. Die AREL stand der Democrazia Cristiana (DC) nahe, die in die Phase ihrer politischen Agonie eingetreten war. Ich sollte mit einem Vortrag über das Parteimanagement der CSU organisationspolitische Wege aus der Parteienkrise aufzeigen. Mit wissenschaftlichen Vorträgen konnte der Niedergang der DC allerdings, das war jedem Parteienforscher klar, nicht aufgehalten werden. Prof. Dr. Rudolf Wildenmann, Prof. Dr. Franz Lehner und Prof. Dr. Karl Schumacher (CDU) und ich flogen von Frankfurt am Main nach Rom. Am Flughafen wurden wir sogleich von einer Gruppe Carabinieri empfangen und zum Ausgang gebracht. Unter dem Schutz ihrer Maschinengewehre wurden wir nach Fiuggi eskortiert. Das Konferenzgebäude war von Carabinieri umstellt und bewacht. Unter den prominenten italienischen Teilnehmern war der damalige Finanzminister Nino Andreatta. Auch die Konferenz in Fiuggi war „Wissenschaft jenseits des Elfenbeinturms“. Was gab den besonderen Anlass zu diesen Schutzmaßnahmen?

Auf der Rückreise von Fiuggi, Piazza Navona, Rom, 14.9.1983; rechts: Prof. Dr. Rudolf Wildenmann (1921–1993), Universität Mannheim, Politikwissenschaft, Parteien- und Wahlforschung; links: Prof. Dr. Alf Mintzel (*1935), Universität Passau, Soziologie, Parteienforschung; Photo: Franz Lehner

Die Roten Brigaden hatten im März 1978 Aldo Moro (1916–1978) zusammen mit fünf seiner Leibwächter ermordet. Wie die alte Bundesrepublik unter dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF), so hatte Italien bis in die 1980er Jahre hinein unter den Attacken der Roten Brigaden zu leiden. Aldo Moro, 1978 Vorsitzender der Democrazia Cristiana, war zu jener Zeit auf dem Weg ins italienische Parlament entführt und nach erfolglosen Verhandlungen umgebracht worden. Seine Leiche war am 9. Mai 1978 im Zentrum Roms in einem Renault R 4 gefunden worden. Bis heute wurden die Hintergründe des Mordes und die Rolle des Mittelsmannes des Papstes Paul VI. zwischen dem Vatikan und den Roten Brigaden nicht aufgeklärt. Der Papst hatte sich sogar als Geisel zum Austausch angeboten. Die Spekulationen über den Mord hatten den Verdacht gespeist, dass es um die Rolle Aldo Moros als Vermittler zwischen der konservativen Democrazia Cristiana und der Kommunistischen Partei Italiens unter Enrico Berlinguer ging. Die KPI hatte nach den Wahlen von 1976 eine politische Mehrheit in Italien und eine Minderheitsregierung unter Aldo Moro geduldet. Aldo Moro war einer der wichtigsten Befürworter des sogenannten „Historischen Kompromisses“ gewesen, der die politische Spaltung des Landes hätte beenden und zu einer Regierungsbeteiligung der Kommunisten führen sollen. Der US-amerikanische Geheimdienst war immer wieder mit der Entführung und Ermordung Aldo Moros in Verbindung gebracht worden. Der Terror der Roten Brigaden, der Italien bis in die 1980er Jahre hinein verunsicherte, machte scharfe Sicherheitsmaßnahmen selbst bei politikwissenschaftlichen Konferenzen mit politisch brisanten Themen nötig. Ich stand in der Feldforschung und im Verwertungsprozess vor Anforderungen, wie sie jüngere Parteienforscher wohl nicht mehr erlebten. So ließe sich Episode an Episode reihen, die eine aufregender als die andere. Mein Vortrag erschien in italienischer Sprache in einer Buchpublikation der AREL.

Manchmal hatte ich mir gewünscht, auf fachwissenschaftlichen Feldern zu forschen und zu publizieren, die in weniger sensiblen Bereichen lagen. Wie angenehm hatten es Kollegen, die in stillen und wohlgeordneten Archiven Themen bearbeiteten, die weit ablagen vom Getöse und den Fährnissen einer im rasanten Wandel begriffenen politischen Welt. Sie studierten hinter Regalen und Papierstapeln alte Hinterlassenschaften von Dichtern und Gelehrten und registrierten und enthüllten literarische Schnörkel von Autoren, die kaum einer mehr kannte. Oder sie zogen an der Passauer Grenze zwischen dem römischen Noricum und Rätien antike Gegenstände aus dem Boden und aus dem Inn und bestätigten zum Jubel der Einwohner die Bedeutung Passaus als römischen Militärsitz.

23. Lehr- und Wanderjahre bis ans Lebensende

Selbstkritisch Innehalten? Weiterschreiben? Auf meinen Exkursionen und Grenzgängen werde ich unsicher. Was mute ich mir und anderen zu? Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach äußerte einmal über unterschiedliche europäische Traditionen des Romanschreibens: „Der deutsche Roman hat eher die Entwicklung des Einzelnen im Blick als die Gesellschaft im Ganzen. Die romanischen Romanciers stehen in einer Tradition des Welttheaters, die mit Dante beginnt. Das hat etwas mit Konfessionen zu tun. Die Protestanten schicken ihre Helden in Lehr- und Wanderjahre der persönlichen Bewusstwerdung, die Katholiken zwischen Rabelais und Joyce lassen ihre Helden in einem vielgestaltigen Chaos aufgehen.“ (SZ Nr. 129, 06.06.2014, S. 24) Ich schreibe weder einen autobiografischen Roman noch eine Familiengeschichte. Aber es scheint an den literarischen Beobachtungen Mosebachs etwas dran zu sein. Ich komme aus einem protestantischen Milieu und nehme wahr, wie mir unter der Hand meine biografischen Aufzeichnungen zu Beschreibungen von Lehr- und Wanderjahren geraten. Es sind Wanderungen zwischen Versuchen und Irrtümern, es sind Bohrungen in die Tiefe der eigenen Lebenswelt und Zweifel am richtigen Einsatz meines geistigen und experimentellen Instrumentariums. Es handelt sich um Geständnisse. Ich gebe etwas preis. Georges Orwells Diktum, das ich an den Anfang gesetzt habe, zieht sich wie ein Leitmotiv durch meine Überlebensgeschichten.

„Einer Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie etwas Schändliches enthält. Ein Mann, der eine gute Darstellung seiner selbst präsentiert, lügt wahrscheinlich, denn jedes Leben, von innen betrachtet, ist einfach eine Serie von Niederlagen“ – dieses Zitat von George Orwell hatte ich meinen Lebenserinnerungen vorangestellt. Es kann als Warnung verstanden werden, einen bereinigten und glatten Lebensbericht zu verfassen. Mit einer Autobiografie aufzuwarten, die beschönigt und glättet, wäre zum einen Selbstbetrug, zum anderen eine Täuschung der potenziellen Leser. Es würde ihnen ein makelloser Lebenslauf vorgegaukelt, den es in der Wirklichkeit nicht gegeben hat. Menschen verfallen bei ihren „Selberlebensbeschreibungen“ (Jean Paul)allzu leicht der Verlockung, unter den Teppich zu kehren, was sie als hässlich und schändlich ansehen. Die normative Schere im Kopf schneidet rasch weg, was das schöne Selbstbild trüben könnte. Die Neigung zur Selbstentlastung und zur Selbststilisierung wird von Mechanismen des Erinnerns unterstützt, die das Unangenehme verdrängen und dem Vergessen anheimgeben wollen. Ich ringe mit diesen Verlockungen und Mechanismen und versuche ihnen einen Realismus der Ehrlichkeit und Offenheit entgegenzusetzen. Die realistische Radikalität meiner Überlebensgeschichten bringt mich jedoch in Verlegenheit. Hätte ich den Suizid meines Bruders so drastisch in Erinnerung bringen und darstellen, meine Eltern wegen ihrer pädagogischen Fehler bloßstellen dürfen? Hätte ich die Versagensängste, Autoritätskonflikte und Albträume nur andeuten, ihre psychoanalytische Behandlung verschweigen sollen? Es passt nicht so recht zum Bild eines selbstbewussten jungen Mannes, der Hindernisse mit Bravour überwindet. Wie steht es mit der Trennung von privaten und öffentlichen Bereichen? Ich habe mich mit meinen „Überlebensgeschichten eines Grenzgängers“ erneut in ein publizistisches Abenteuer eingelassen.

Wir alle tragen Masken, hinter denen wir unser Gesicht verbergen und unsere tatsächlichen Gefühle und Gedanken verdecken. Wir sind alle verletzlich. Etwas findet sich in jeder Vita, was selbst die Figur des besten Mannes beschattet. Selbstentblößungen und Selbstentäußerungen sind Wagnisse, weil wir dabei für einen Moment unsere Masken absetzen und unser Gesicht zeigen. Sie machen verletzlich, wir setzen uns damit Gefahren aus. Und wir können auch andere in Gefahr bringen, mit denen wir stillschweigend ein Geheimnis teilen, einen intimen Austausch, eine verborgene gegenseitige Verwicklung, etwas Unanständiges gar, ja Verwerfliches. Der Mut zur Selbstentblößung hat da seine Grenzen, wo ein anderer gegen seinen Willen hineingezogen werden könnte in eine unberechenbare Öffentlichkeit. Ich beabsichtige niemanden an den Pranger zu stellen, es sei denn, er oder sie hat sich selbst öffentlich zu Wort gemeldet.

Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Selbstentäußerung ist zugleich eine nach der Schmerzgrenze, nach der eigenen und nach der anderer, in deren Leben ich mich eingemischt habe oder noch einmischen werde. In der eigenen Preisgabe kann ich nach persönlichen Kräften meine Grenzen ausloten. Was aber mute ich anderen zu?

Vieles lässt sich aufbauschen, verdrehen, skandalisieren. Wer als Blogger von sich aus Munition liefert, ist ja selbst schuld daran, wenn er zur Zielscheibe wird. Wer die digitale Welt der sozialen Netzwerke nutzt und Persönliches mitteilt, muss mit unangenehmen Reaktionen rechnen. Manche, die mir übelwollen, könnten meine Berichte als Fundgrube benutzen, aus der sie Munition für Verurteilungen und Exekutionsversuche holen. Wie könne man so töricht sein und sich zwischen alle (Lehr-)Stühle setzen!? Habe der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier mit seiner Autobiografie „Böse Jahre, gute Jahre“ nicht ein Beispiel gegeben, was man von einem erlauchten Geist und Universitätsprofessor erwarte?

Weiterschreiben? Auch Jean Paul, der ein „Vita-Buch“ mit vielen Erinnerungsnotizen geführt hatte, war an einem Punkt angelangt, an dem ihn die Lust an diesem Geschäft verlassen hatte. Am 3. August 1818 hatte er an seinen Freund Emanuel Osmund geschrieben, er sei durch seine Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, dass er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe als sein eigenes. Die ausgearbeiteten Teile seiner „Selberlebensbeschreibung“ wurden allerdings erst nach seinem Tode (1825) unter dem Titel „Wahrheit aus Jean Pauls Leben“ veröffentlicht. Ich werde nach einer Pause selbstkritischer Vergewisserung an meinen subjektiven Wahrheiten weiterschreiben.

22. High Noon in Passau

Religiös-konfessionelle Vorurteile und Empfindlichkeiten

Seit der Reformationszeit waren alle meine Vorfahren Mintzel Protestanten und hatten es in den letzten zwölf Generationen immer mit Büchern zu tun. Sie waren Schulmeister, Pfarrer, Buch- und Zeitungsdrucker, Verleger und Herausgeber, Buchhändler, Staatsbeamte, Lehrer und öffentliche Kommunikatoren. Allen gemeinsam waren das Lesen, Schreiben und Publizieren. Die Buchtradition wurde bis zum heutigen Tage fortgesetzt. Mein Vater war ein Bücherwurm par excellence. Er besaß eine große Bibliothek mit vielen Tausenden Büchern und las fast täglich bis spät in die Nacht hinein. Wenn auf eine geistige Familientradition das Etikett „Kulturprotestantismus“ zutrifft, dann kann ich meine Familie als ein sozialgeschichtliches Musterbeispiel anführen Aus diesem Milieu gingen bekanntlich bis ins 20. Jahrhundert hinein viele Gelehrte und Forscher hervor. Der prominente Althistoriker Leopold von Ranke hatte die Wissenschaft allgemein noch als eine durch und durch protestantische Angelegenheit bezeichnet. Diesem Kulturprotestantismus war in Bayern eine latente Ablehnung des bayerischen, wie überhaupt des Katholizismus eigen gewesen. Im konfessionsgeteilten Bayern waren noch bis in die 1950er Jahre hinein durch religiös-konfessionelle Praxen tiefsitzende Vorurteile genährt worden. Erst gegen Ende der 1950er Jahre verloren diese Animositäten an Kraft und Bedeutung. Ich erlebte in dem vom Katholizismus tief geprägten Würzburg noch verstörende Praxen konfessioneller Auseinandersetzungen.

Der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier schildert in seiner Autobiografie „Böse Jahre, gute Jahre“ (2013, 361ff) die damaligen Eigenheiten und Animositäten der katholischen und protestantischen sozial-moralischen Milieus im Badenser Raum. Ähnlich verhielt es sich in den bayerischen Traditionszonen mit ihren jeweiligen konfessionellen Empfindlichkeiten. Maier berichtet: „Da waren also die Evangelischen – eine Minderheit in der Volksschule, eine weit größere im Gymnasium. Wie waren sie? Fielen sie auf? Gab es Schwierigkeiten mit ihnen? Eine Schwierigkeit, so erinnere ich mich, gab es in der Tat. Unsere evangelischen Mitschüler waren von wenigen Ausnahmen abgesehen durchwegs besser situiert, sie waren etwas >Besseres<. Ihre Väter waren Universitätsprofessoren, Fabrikanten, Bankleute, während die Katholiken meist aus bäuerlichen, kleinbürgerlichen, bestenfalls mittelständischen Verhältnissen stammten. Die Evangelischen wohnten selten in Mietwohnungen, sie hatten meist eigene Häuser. Bei Einladungen in diese ungewohnt feine Umgebung reagierten wir Katholiken manchmal störrisch und bockig – es war einfach das andere Milieu, der gehobene Lebensstil, die uns betroffen machten. Unsere evangelischen Mitschüler, in der Schule ganz normal wie andere auch, schienen zuhaus etwas zu repräsentieren, was uns fremd war – eine spezifische Bürgerlichkeit. Bürger und Protestant – das war offenbar eine Einheit (…). Leichter war es mit einer anderen Eigenschaft evangelischer Mitschüler, die sogar eine gewisse Anziehungskraft auf uns Katholiken ausübte. Die Evangelischen, so schien es uns, waren freier. Sie bewegten sich ungezwungener, souveräner. Das mochte mit der erwähnten sozialen Stellung zusammenhängen. Sie waren freier in ihren Meinungen und Urteilen, ihren Sitten und Gewohnheiten, auch in ihren religiösen Bindungen und Zugehörigkeiten. Schon damals erschienen mir Protestanten, verglichen mit dem großen und geschlossenen, aber manchmal auch schwerfälligen katholischen Heerwurm wie eine rasch und beweglich ausschwärmende Kavallerie – Individualisten, die in loser Tuchfühlung miteinander standen und doch, erstaunlich genug, zu gemeinsamen Zielen gelangten. Ohne Zweifel verfügten sie über gute Köpfe. (…) Kurzum, der Einzelne, das Individuum, schien da eine andere Stellung zu haben als bei uns, man nahm sich mehr Rechte, mehr Freiheiten heraus. (…) Sicher lag in dieser kecken Eigenverantwortlichkeit etwas, was wir Katholiken als >protestantisch< empfanden – es faszinierte uns, auch dort, wo wir Zweifel hatten und nicht ohne weiteres folgen mochten.“ (Maier 2013, 361ff)

Was Hans Maier aus katholischer Perspektive und Erfahrung über die sozial-moralischen Milieus und ihre jeweiligen Mentalitäten erzählt, fand sein Gegenstück in der protestantischen Sichtweise. Protestanten sahen in Katholiken geistig gebremste und beschränkte, von ihrer Kirche gegängelte Mitbürger, die sich nicht so recht trauten, ihre Meinungen und Ansichten frei zu äußern. Katholiken galten als geduckte und von ihrer Kirche vergatterte Menschen, die dumm gehalten wurden. Sie galten als falsch, bigott und verlogen. Die gegensätzlichen Animositäten arteten auch noch in der Nachkriegszeit in Familien in Psychoterror aus: Konfessionell gemischte Eheschließungen wurden vor allem von katholischer Seite hintertrieben, beide Seiten mieden Geschäfte, deren Inhaber das falsche Gesangbuch hatten. Es war die katholische Mehrheit, die partout an der Bekenntnisschule (Konfessionsschule) und an den konfessionellen Lehrerbildungsanstalten festhalten und so den religiös-konfessionellen Separatismus aufrecht erhalten wollte. Noch Mitte der sechziger Jahre standen in Bayern rund 6.300 Bekenntnisschulen den 260 Gemeinschaftsschulen gegenüber.

Als in der SPD-regierten Landeshauptstadt München 1966 die Befürworter der Gemeinschaftsschule in der Mehrheit waren und Initiativen von FDP und SPD zu einer Kurskorrektur zwangen, bezog der damalige katholische Kultusminister Ludwig Huber in letzter Minute eine sogenannte Auffangstellung. Es ging im Wesentlichen um die Absicherungen katholischer Interessen, weniger um Positionen der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Er habe zahlreiche Gespräche mit der katholischen Kirche geführt und sich „auch sagen lassen, welche Festlegungen von der Katholischen Kirche aus erwartet werden können.“ Huber schloss vor der versammelten CSU-Landesvorstandschaft seine streng vertraulichen konfessionspolitischen Ausführungen mit der eindringlichen Bitte ab: „Tragen Sie das nicht in die Öffentlichkeit hinaus! Wenn das in die Öffentlichkeit hinauskommt, ist so viel zerschlagen, dass Sie mich nie mehr bereitfinden werden, vor der Landesvorstandschaft der CSU solche internen Vorgänge darzulegen.“ (Mintzel, 1977: Geschichte der CSU, 1977, 311f). Die evangelische Kirche sei, so betonte Huber, „im geschichtlichen Werdegang nicht so einseitig für die Bekenntnisschule eingetreten, wie das in der geschichtlichen Entwicklung von der katholischen Seite her der Fall gewesen sei.“ Die evangelische Seite sollte mit einem Minderheitenschutz besänftigt werden. CSU-Führung und bayerische Staatsregierung bezogen in diesen Fragen eine halsstarrige Haltung und widersetzten sich Initiativen für eine Verfassungsänderung. Es bedurfte 1967 des Machtwortes von Franz Josef Strauß, um davon abzukommen und den Typus der christlichen Gemeinschaftsschule als staatliche Regelschule einzuführen (Mintzel 1977: Geschichte der CSU, 312ff). Der spätere Kultusminister Hans Maier sicherte 1974 in den Verträgen der bayerischen Staatsregierung mit dem Vatikan die sogenannten Konkordatslehrstühle zu.

Aus Passaus dreifaltigem Milieu

Als ich Ende 1981 nach Passau zog, um dort den Lehrstuhl für Soziologie einzurichten, hatte ich den Eindruck, die schöne Stadt an den drei Flüssen hinke den interkonfessionellen Entwicklungen und Wandlungen um dreißig bis vierzig Jahre hinterher. Was dort noch in konfessionellen Bereichen zu hören und zu erleben war, erinnerte mich zum Teil an die fünfziger Jahre im katholischen Würzburg. Die fast geschlossen katholisch geprägte Stadtgesellschaft Passaus verharrte noch in einer vergleichsweise ungebrochenen Enge, Selbstbezogenheit und Selbstgefälligkeit. Die meisten Passauer Katholiken waren es nicht gewohnt, sich mit anderen religiös-konfessionellen Bekenntnissen und Weltanschauungen ernsthaft auseinanderzusetzen. Die kleine protestantische Minderheit, die nur knapp sechs Prozent der Passauer Einwohner ausmachte, lebte unauffällig unter der katholischen Mehrheit und hielt still. Die meist unsichtbaren Grenzen dieses Nebeneinanders zeigten sich zum Beispiel 1978 bei der Gründung der Universität Passau: Oben im Kirchenschiff der St. Nikola-Kirche zelebrierten die Katholiken mit einem Pontifikalamt die Neugründung, unten in der Krypta durften die Protestanten feiern. Anstatt als konfessionsneutrale staatliche Institution der Wissenschaft der Ökumene eine Plattform zu bieten, zelebrierten die Universitätsgründer konfessionellen Separatismus von gestern und lieferten die Universität dem katholischen sozial-moralischen Milieu Passaus und dem „schwerfälligen katholischen Heerwurm“ (Hans Maier) aus. Als ich 1990/92 die gegenreformatorische Kampfikone der „Maria vom Siege“ im Emblem der Universität infrage stellte, kam im vielfältigen Stimmengewirr ein starrköpfiger und eifernder Fundamentalkatholizismus zum Vorschein, der seine Madonna mit Zähnen und Klauen verteidigte.

Die Führungsorgane der Universität Passau trugen diesen Verhältnissen allzu gerne Rechnung. Es war nicht allein meine Wahrnehmung, dass die Universität besondere Weihen genoss. Empirische Studien erwiesen, dass in der Bundesrepublik Deutschland in der Wissenschaftselite (nominelle) Protestanten  bei Weitem überwogen. Leopold von Rankes alte These, die Wissenschaft sei eine durch und durch protestantische Angelegenheit, war also immer noch nicht ganz vom Tisch. Die Vermutung war nicht völlig abwegig, dass bei der Gründung der Universität Passau ein unausgesprochen katholisches Korrekturbedürfnis mit im Spiel gewesen sein könnte. Dem bayerischen Kultusminister Hans Maier wäre zumindest in bestimmten Fakultäten und Fächern eine unauffällig katholisch gelenkte Wissenschaftspolitik zuzutrauen gewesen. An der Universität Passau hatten sich die (nominellen) konfessionellen Verhältnisse jedenfalls – nach vorsichtiger Schätzung – auffallend umgekehrt. Der Inhaber des Lehrstuhls für Kunsterziehung, Professor Paul Lankes, stellte die „Gründung der Universität Passau“, so der Titel einer seiner Radierungen, als Gottes Werk dar. Gott greift mit seiner Hand von oben auf das Stadtbild herab, zeugt die Universität und gibt ihr seinen himmlischen Segen.

Hirtenbrief, Passauer Satire-Magazin, März 1979

Die „Spitzbuben“ des Scharfrichterhauses

Aus dem alten Scharfrichterhaus hatten die Geschäftsführer Edgar Liegl und Walter Landshuter seit 1977 zusammen mit den Kabarettisten Sigi Zimmerschied, Bruno Jonas und Rudolf Klaffenböck sowie mit Musikern mit einem Cafe und einem Restaurant sowie Kleinbühne, Jazzkeller, Galerie und Mini-Kino eine kleine Gegenwelt und regelrechte Gegenkultur zur stockkatholischen Stadtöffentlichkeit gemacht. Die meisten alteingesessenen städtischen Honoratioren mieden diesen Ort der Aufmüpfigkeit und gotteslästerlichen Treibens wie ein Pesthaus. Viele Passauer waren anfangs dagegen gewesen, in Passau eine Universität zu gründen, weil sie befürchtet hatten, mit den Studenten zögen ein rebellischer Ungeist und Krawall in die Stadt ein. Aber es waren nicht nur biedere Stadtbürger, die das „Lokal des Teufels“ boykottierten. Auch etliche Professoren meinten, honorige Amtsträger der Universität sollten sich von diesem Ort fernhalten. Als ich 1981 nach Passau übersiedelte, wurde ich an der Universität von Kollegen gewarnt. Das Scharfrichterhaus sei eine „kryptokommunistische Zelle“, die man als Professor nicht aufsuchen sollte. Ein paar Kollegen und wissenschaftliche Mitarbeiter ließen es sich jedoch nicht nehmen, im Scharfrichterhaus zu verkehren und sogar an dessen Programm mitzuwirken. Als zugewanderter Sozialwissenschaftler interessierte mich, wie die städtischen Funktionseliten (in Verwaltung, Politik, Kirche, Wirtschaft und Kultur), die zusammen ein städtisches Machtkartell gebildet hatten, sich gegen Veränderungen stemmten und potenzielle Störenfriede und Gegenkräfte abzuwehren versuchten. Die gegenseitige Abneigung gipfelte im März 1979, kurz nach der Eröffnung der Universität, darin, dass der Passauer Kabarettist und Satiriker Sigi Zimmerschied zusammen mit Rudolf Klaffenböck und andere Passauer „Spitzbuben“ einen satirischen „Hirtenbrief“ veröffentlichte, mit welchem die etablierte Stadtgesellschaft erschreckt und der katholische Volkszorn in Wallung gebracht wurde. Das lokale und regionale Machtdreieck aus CSU-Establishment, katholischer Kirche und Passauer Neuen Presse (PNP) hatte diese „Lästerer“ und „Bürgerschrecke“ mit Mitteln der Justiz, mit Boykott-Maßnahmen und sozialer Ausgrenzung „zur Strecke bringen wollen“. Die PNP hatte sich über mehrere Jahre geweigert, über Veranstaltungen des angeblich von aufrührerischen Geistern geführten „Scharfrichterhaus“ zu berichten. Das Machtdreieck hätte das Scharfrichterhaus im mittelalterlichen Kern Passaus, das zum Treffpunkt für niederbayerische Nonkonformisten geworden war, am liebsten „ausgeräuchert“.

 Ich verfolgte die Berichterstattung der Passauer Neuen Presse, beobachtete Vorgänge vor Ort und wie sich die Organe der Universität in dem Umfeld verhielten. Während die kleine Schar antiklerikaler „Bürgerschrecke“ daran war, mit ihren Aktionen das verkrustete Stadtestablishment vorzuführen und aufzubrechen, betrieben die Universitätsleitung und die Mehrheit der Professoren, so schien es mir, eine Überanpassung an die hiesigen Verhältnisse. In ihrer öffentlichen Selbstdarstellung gerierte sich vor allem die größte unter den anfangs vier und dann fünf Fakultäten, die Philosophische Fakultät, augenfällig wie eine katholische Bildungseinrichtung zur Pflege lokaler und regionaler Identitätsbedürfnisse. Viele Kollegen sahen gerade darin eine besonders gut gelungene Einpassung der Universität in das katholisch-konservative soziale und politische Umfeld. Kein Wunder, dass die Honoratioren der Stadt, die lokale Machtelite, in dem Gründungspräsidenten einen Glücksfall für Passau sahen. Interessant war zu beobachten, wie die etablierte Stadtelite sich mit einer neuen, durch die Universitätsgründung zugewanderten wissenschaftlichen Funktionselite arrangieren musste. Es kam mit der Eröffnung der Universität eine nach Berufsposition und Prestige höher eingeschätzte Funktionselite hinzu, die der lokal gewachsenen Stadtelite zum gesellschaftlichen und politischen Konkurrenten werden konnte.

Die feinen Unterschiede

Nach meinen beruflichen Wanderungen durch drei Universitäten – Berlin, Bochum und Mannheim – kam mir die Universität Passau in ihren Gründungsjahren wie eine Spätblüte der alten Ordinarienuniversität vor. Jeder Ordinarius sonnte sich in seinem Hoheitsgebiet, überwachte die Grenzen und verwies Professoren tieferen Ranges in ihre Schranken. Es gab halb verdeckte Konventionen und Trennungslinien. Anfangs behielten sich die Ordinarien der Philosophischen Fakultät das Amt des Dekans vor, erst später wurde es auch für C3-Professoren zugänglich. Noch schärfer wurden die feinen Unterschiede zwischen den Fachordinarien und den C3-Professoren für Didaktik exerziert. Sitzungen des Fachbereichsrates gerieten zu einem Schauspiel des Ranggerangels. Es ging ähnlich zu wie auf einem Felsen im Affengehege zu. Die Alpha-Tiere und ihre Unterstützer hockten auf ihren Plätzen und dirigierten mit Imponiergehabe die Abläufe. Schlug sich ein Alpha-Tier auf die Brust, tat es ein anderes gleich hinterher. Die Reihenfolge war fast immer abzusehen, auf A folgte B, auf B so gut wie sicher C. Und das alles wiederholte sich x-mal, bis sich im Gründungsprozess die Regeln eingespielt hatten und die Strukturen ausgebildet waren. Die Ordinarien Heinrich Oberreuter und Mintzel hatten darin ihren festen Platz. Der verhaltensbiologische Vergleich hinkt, und die Verhaltensmuster ließen sich gruppendynamisch genauer schildern. Als ein gewähltes, aber von Wahl zu Wahl geborenes Mitglied des Fachbereichsrates verfolgte ich jahrelang das Geschehen, das mich teils amüsierte, teils nervte und viel wissenschaftsbetriebliche Arbeit kostete. Nach meiner Attacke auf die „Maria vom Siege“, die „schöne Madonna“ im Logo der Universität, zeigten dann wirklich honorige Professoren und wahre Marienanhänger die Grenzen zwischen katholischer und kulturprotestantischer Weltsicht auf und was ein „richtiger“ Professor im katholischen sozial-moralischen Milieu Passaus gefälligst tun und lassen sollte.

Unverträglichkeiten zwischen Soziologie und Landesgeschichte

Nach meiner Rückkehr nach Bayern nahm ich außerdem zum ersten Mal schärfer wahr, dass ich mit meinen sozialwissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Publikationen über die CSU und Bayern zu einem ernsthaften Konkurrenten der seit 1929 an bayerischen Universitäten fest etablierten bayerischen Landesgeschichte geworden war. Ich war nicht an einem bayerischen Lehrstuhl für Landesgeschichte zum Wissenschaftler herangewachsen, sondern seit Mitte der 1970er Jahre als Außenseiter aufgefallen. In Passau kam ich als Vertreter der Politischen Soziologie und als Zeithistoriker den Landeshistorikern unausweichlich ins Gehege, was zu verdeckten und offenen Kollisionen der „Konkurrenzdisziplinen Soziologie und Geschichtswissenschaft“ (Wolf Lepenies, 1985, 283ff) führte. Die unterschiedlichen Forschungsansätze und ein mehrmaliger Schlagabtausch zeigten, dass sich an der Universität Passau keine wissenschaftliche Plattform für ein großes gemeinsames Bayern-Projekt aufbauen ließ. Die Geschichtswissenschaft war fest in katholischer Hand und durch entsprechend eingefärbte Fragestellungen und Forschungsziele eingeengt. Am ehesten hätte wohl mit dem Landeshistoriker Prof. Dr. Maximilian Lanzinner ein gemeinsames Bayern-Projekt zustande kommen können, da sich unsere Forschungskonzepte in Teilen deckten. Es kam jedoch nicht dazu, weil Lanzinner 2001 eine C4-Professur an der Universität Bonn übernahm. Allerdings hatten noch andere Faktoren, die mit der weiteren Entwicklung der Universität und neuen Studiengängen zusammenhingen, in der Forschung eine Kooperation erschwert. Der neue Passauer Diplomstudiengang „Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ verbrauchte einen Gutteil unserer Arbeitskraft. Letztendlich blieb ich in der Forschung auf weiten Strecken ein Einzelgänger. Das fachegoistische Konkurrenzdenken und die notorische Besserwisserei hielten mich trotz aller kollegialen Freundlichkeit auf Distanz und auf der Hut.

An einen alten Hannoveraner Freund vom 12.02.1984 (Auszüge aus einem Brief)

„Mit meiner Arbeit am Lehrstuhl für Soziologie bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Erstens sollte ich jeden Tag ein Stoßgebet gen Himmel richten, überhaupt noch auf einen Lehrstuhl für Soziologie berufen worden zu sein. Die Situation an den Universitäten ist im Hinblick auf Stellen katastrophal, die allgemeine Arbeitsmarktlage [für Soziologen] ebenso hoffnungslos. Im zweiten Halbjahr 1982 kamen auf 3047 Bewerbungen von Soziologen 19 offene Stellen!! Wer angemessen unterkommt, kann nur aufatmen und >dankbar< sein. Einen Lehrstuhl zu erhalten, heißt das große Los ziehen. Ich darf also überhaupt nicht mit meinem Schicksal hadern, und ich tue es auch nicht. Ich bin immer noch mit Leidenschaft Wissenschaftler und trotz aller Unzulänglichkeit der Soziologie auch gern Soziologe. Nach den fast zwanzig Jahren der Hochspezialisierung auf dem Felde der Parteienforschung und –lehre muss ich nun als C4-Professor das Fach breit vertreten (…).

Trotz oder gerade wegen meiner Rückkehr in die bayerische Heimat werde ich noch gottloser als ich es je zuvor war. Religion und religiöse Kultur und Kunst sind zwar interessante Phänomene, aber mir fehlt jeglicher Glaube. Da schwingt überhaupt nichts. Durch die Kinder sind wir über die Schule und die hiesige Kirchgängerei ständig mit Kirche und Religion konfrontiert. In der Konfrontation wächst jedoch meine Areligiosität. (…) Ich rechne mich allerdings nicht zu den naiven Aufklärern. Wir sind Geschöpfe der Evolution, in deren Köpfe noch allerlei geistige Gespinste rumoren. Die Gestalt des Heros wie er uns in Mythen entgegentritt, hat mich immer beeindruckt und in meinem Handeln bestärkt. In Prüfungen und Konfliktsituationen hatte ich jedes Mal Gary Cooper in „High Noon“ vor Augen, wie er bei seinem gefährlichen Alleingang durch das Dorf nach seinen Revolvern greift. Mein Wissen war meine Munition.

Neue Freundschaften zu schließen ist schwer geworden, die gewachsenen alten zu halten schwierig. Die Professoren regieren hier mit relativ großer Unabhängigkeit ihre kleinen Fürstentümer – oder bayerisch gesprochen – ihre kleine Almwirtschaften. Jeder dünkt sich eine Primadonna zu sein, die hofiert werden will. Ich habe mich kürzlich entschieden dagegen verwahrt, als eine Glanz spendende Statusperson behandelt zu werden. Ich mag dieses Gehabe nicht. Aber es gibt doch mehr Kollegen, als man denkt, die ihren Status nicht nur genießen, sondern sich durch professoral-elitäre Verhaltensweisen auch dann >auszeichnen<, wenn nicht viel an wissenschaftlicher Leistung dahintersteckt. Man fühlt sich wohl im Rotary Club oder im Lions Club, pflegt gesellschaftliche Kontakte, wartet mit sechs Gängen auf, hört sich gern mit >Herr Professor< angesprochen usw. Das Schlimme ist, dass man bis zu einem gewissen Grad mitspielen muss. Als Soziologe habe ich wohl etwas mehr >Narrenfreiheit<, auch als >Freigeist<. Mit Bedacht habe ich durchblicken lassen, dass ich Malerei und Grafik studiert habe. Als >halber< Künstler oder Hobby-Maler genießt man dann womöglich ein paar Zugeständnisse an die eigene Unkonventionalität. Aber am liebsten wollen sie einen doch als einen >g´scheiten und ehrwürdigen Professor< mit statusbewusstem Benimm-Dich ins Passauer Stadtbild stellen. Auf der Straße belohnen Passauer „ihre“ Professoren mit „Griaß Di Good, Heer Professer!“, „Habe di Ehre“, Heer Professer!“ (…) Das alles macht es schwierig, sich ohne konventionelle Rücksichten zu befreunden, ›menschlich‹ zu sein und das ›Halbgöttliche‹ abzustreifen. In der Passauer Öffentlichkeit bleibt man immer der ›Herr Professor‹. (Adversaria 1984/1. Heft).

Erhöhung des Säkularisierungsdrucks

Der Passauer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Oberreuter vertrat 2008 in seinem Rückblick auf das dreißigjährige Bestehen der Universität die Ansicht, dass es „eben die Gründung dieser Universität“ gewesen sei, „die vor genau 30 Jahren das Milieu der Stadt zu säkularisieren begann“ (ZEIT ONLINE. Wenn die Stammtische aussterben). Er schrieb den Abstieg der CSU von der Dreiviertel-Mehrheitspartei zur städtischen Oppositionspartei vor allem den säkularisierenden Wirkkräften aus dem Campus zu. Ich halte das für eine gewagte These, die erst auf den Prüfstand gestellt werden müsste. Es waren gewiss mehrere säkularisierende Wirkkräfte an der auffallend späten Auflockerung – nicht Auflösung! – des Passauer katholischen Milieus und seiner organisierten Gesinnungsgemeinschaften beteiligt: die Akteure aus dem Scharfrichterhaus und aus dessen Umfeld, die allmähliche Lockerung der Bindungen an die katholische Kirche (rückläufige Kirchganghäufigkeit, schwindende Teilnahme an den Sakramenten, Kritik an der Männeroligarchie, Austritte etc.), die mangelnde gesellschaftlich-politische Flexibilität des von der katholischen Kirche und der Monopolpresse PNP getragenen CSU-Establishments und nicht zu vergessen die von dem FDP-Staatssekretär Max Sadler geführte FDP, die mit dem Passauer Klerikalismus nichts am Hut hatte. Nicht die Universität im Ganzen war es, die an dem lokalen Säkularisierungsprozess mitwirkte und das Ende der klerikal dominierten Jahre herbeiführte, sondern nur Teilbereiche und einzelne Akteure. Im Gegenteil, es gab bis Ende der 1990er Jahren gerade auch in der Universität beharrende Kräfte, die sich in dem katholischen Milieu und seinen Gesinnungsgemeinschaften eingerichtet hatten, sich in ihrem Katholischsein wohlfühlten und mitnichten etwas verändern wollten. Es dauerte jedenfalls fast zwei Jahrzehnte, bis die offizielle Universität ihre katholisch geprägte Selbstdarstellung aufgab und sich aus diesem Milieu emanzipierte. Der Versuch, die Passauer Wissenschaftselite für eine katholisch eingefärbte wertkonservative Gemeinschaft, also für eine durch eine besondere geistige Grundhaltung ausgezeichnete „Wertelite“ auszugeben, (so Prof. Dr. Helmut Schmalen 1990) scheiterte an der Realität.

Im Solitär- und Kleinstfach Soziologie wurde mir an der Universität Passau die Rolle eines Generalisten und Allrounders zugeschrieben. Von Beginn meiner Lehrtätigkeit an fand ich es wichtig, meine Position und Funktion als Wissenschaftler für mich und damit für die Vertretung des Faches abzuklären. Ich machte es mir zur Aufgabe, nicht nur aus einem allgemein vorgegebenen Lehrprogramm und speziellen Soziologien Stoff zu vermitteln und abzufragen, sondern Grundfragen soziologischen Denkens und Forschens zu behandeln. Dabei stellte ich Max Webers Wissenschaftslehre und die einschlägige Fachliteratur dazu ins Zentrum meiner Lehre. Ich fasste meine Ausarbeitungen in zwei Lehrheften zusammen, das eine zum Kulturbegriff in der Soziologie, das andere zur Einführung in die „Verstehende Soziologie“ Max Webers („Max Weber verstehen lernen. Anleitungen für Lehre und Studium“). Beide Kompendien gehörten zum unabdingbaren Kern- und Standardprogramm meiner Lehre in Passau. Meine Position verdeutlichte und präzisierte ich im Januar 1990 in meinem Beitrag über „Wissenschaft und Verantwortung aus der Sicht der Sozialwissenschaften“


Alf Mintzel, Einführung in die „Verstehende Soziologie“ Max Webers, Passau 1994

Wir dürfen niemals vergessen, dass Wissenschaft selbst ein Kulturprodukt ist, das sich gerade als „freie okzidentale Wissenschaft“ nur auf einer Wertebasis nach eigenen innerwissenschaftlichen Regeln voll entfalten kann. Max Weber hat unmissverständlich festgestellt: „Der Glaube an den Wert wissenschaftlicher Wahrheit ist Produkt bestimmter Kulturen und nichts Naturgegebenes“, er ist also selbst ein Wertstandpunkt. Die freiheitlich-humanitäre Grundorientierung der heutigen Soziologie ist das Erbe der Entstehungsgeschichte der Fachdisziplin und bleibt Auftrag in der stets gefährdeten sozialen und politischen Welt der Menschen.

Die Freiheit der Wissenschaft, die ich meiner wissenschaftlichen Arbeit als Leitmotiv zugrunde gelegt habe, ist selbst ein hoher kultureller Wert. Der freie ungehinderte wissenschaftliche Erkenntnisprozess beruht – im Gegensatz zu den Kirchendoktrinen der vatikanischen Glaubenskongregation und autoritärer Gängelungen – auf einer pluralistischen Werteordnung mit spezifischen institutionellen Garantien und einer hochdifferenzierten Konfliktregelung. Die moderne Wissenschaft muss als autonome Institution geregelter wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -vermittlung grundsätzlich wachsam sein gegenüber allen autoritären oder totalitären Forderungen, Anmaßungen und Übergriffen seitens gesellschaftlicher und politischer Institutionen und Organisationen. Sie hat in diesem Sinne grundsätzlich eine eminent politische Eigenverantwortung. Indem Wissenschaft diese politische Eigenverantwortung übernimmt, verteidigt sie in modernen Gesellschaften zugleich ein Stück freiheitlich-humanitärer Herrschaftsorganisation. Diese politische Funktion und Verantwortung der Wissenschaft um ihrer selbst willen bedeutet immer zugleich die Offenhaltung von Freiheitsräumen in der Gesellschaft. Konkordatslehrstühle haben in einer modernen freiheitlich-humanitären Wissenschaftsorganisation keinen Platz. Wenn einem augenzwinkernd versichert wird, dass der Inhaber eines Konkordatslehrstuhl ohne Rücksicht auf die verlangte Rückbindung an die Lehre der Kirche frei lehren und forschen könne, wird ein doppeltes Spiel getrieben – eines der angemaßten kirchlichen Macht und eines der wissenschaftsberuflichen Heuchelei. Es bleibt ja der katholischen Kirche unbenommen, eigene Hochschulen zu gründen und zu finanzieren und mit einem christlich-religiös gebundenen Wissenschaftsbegriff in Konkurrenz zu treten.

Der größte und kräftigste Säkularisierungsschub an der Universität Passau kam von außen. Noch mehr als die Konkordatslehrstühle waren die Studienverhältnisse an den sieben Katholisch-Theologischen Fakultäten Bayerns zu einem universitätsinternen und öffentlichen Ärgernis geworden. Die Zahlenverhältnisse an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Passau waren alarmierend, die zehn Professoren hatten vor leeren Hörsälen doziert. Der Bayerische Oberste Rechnungshof hatte im Blick auf die viel zu niedrigen Studierendenzahlen mehrmals angemahnt, den gesellschaftlichen und religiös-konfessionellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Er hatte nachdrücklich gefordert, wissenschaftliches Personal zu reduzieren und sogar ganze Fakultäten zu schließen. Passaus selbst ernannte akademische „Wertelite“ wollte dem „wechselnden Zeitgeist“ trotzen (Prof. Dr. Helmut Schmalen in: PNP Nr.249, 27.10.1990, S. 33) und stemmte sich bis zum Schluss gegen die Entscheidung, die die Bayerische Staatsregierung gemeinsam mit dem Nuntius des Heiligen Stuhls wegen der skandalösen Verhältnisse treffen musste, nämlich die Katholisch-Theologischen Fakultäten an den Universitäten Bambergs und Passaus für 15 Jahre ruhen zu lassen. Die kritische Masse für eine wissenschaftlich vertretbare Mindestausstattung war dort bei Weitem unterschritten worden. In Passau ging damit eine etwa 400 Jahre alte Tradition der Kleriker-Ausbildung zu Ende. Die um Professorenstellen beschnittene Katholisch–Theologische (Rest-)Fakultät wurde organisatorisch säkularisiert und als Department in die Philosophische Fakultät überführt. Im Jahre 2003 hatte die Universitätsleitung das Traditionsemblem, die „Maria vom Siege“, in den Ruhestand versetzen müssen, 2007 musste die Katholisch-Theologische Fakultät dem Säkularisierungsdruck weichen. Was sagte der damalige Rektor der Universität Passau dazu? Prof. Dr. Walter Schweitzer: „Es bewegt sich einiges an unserer Universität. Zahlreiche innovative Projekte in Forschung und Lehre beschäftigen unsere Wissenschaftler…“ (alles nachzulesen in: Campus Passau 01/2007, S. 4ff). Die von außen erzwungene Binnensäkularisierung der Universität wirkte in einer Art Rückkoppelungsschleife auch auf die Stadt Passau zurück. Universität und Stadt waren einem starken Wandel unterworfen. Die katholisch-konservativen Streitkräfte der Gründungszeit waren geschwächt, ihre Lautsprecher, sofern sie noch im Dienst waren, kleinlaut geworden. Die katholisch-konfessionelle Enge und Selbstgefälligkeit des Milieus waren aufgebrochen und die Einwohnerschaft zu einer offenen (Stadt-) Gesellschaft geworden.

21. Last Exit Bavaria

Verbeugung vor dem „Großen Vorsitzenden“ (FJS) 1980

Trotz meiner langjährigen intimen Beziehungen zur Partei war ich nicht der CSU beigetreten. Aus der Landesleitung und aus dem CSU-Landesvorstand hatte es durchaus Signale und Offerten gegeben, mich nach Bayern zu berufen. Ich hatte aber als „freischwebender“ Wissenschaftler im Sinne von Karl Mannheim meine Unabhängigkeit bewahren und auf Distanz bleiben wollen. Gegen Ende der 1970er Jahre, als meine Zeitverträge endgültig ausliefen, belastete die berufliche Ungewissheit meine Familie so stark, dass es um meine Prinzipientreue geschehen war. Sollte ich es als Parteiloser riskieren, in der Wissenschaft keinen angemessenen Platz zu finden und gezwungen sein, in ein anderes Berufsfeld überzuwechseln? Oder sollte ich nun doch auf die Signale aus der CSU reagieren und mich politisch arrangieren? Ich kam an den existenziellen Punkt, wo Menschen korrumpierbar werden. Einer Organisation oder Institution nicht aus innerer Überzeugung beizutreten, sondern aus Beweggründen des materiellen Überlebens und einer wissenschaftlichen Karriere willen, galt gemeinhin als opportunistische Handlungsweise, obschon sie gang und gäbe war. Da ich aber die Verdienste der CSU auf Bayerns Weg in die Moderne zu schätzen und zu würdigen wusste, hielt ich es nicht für reine opportunistische Anbiederung, mich mit wissenschaftlichen Beiträgen gefällig zu zeigen. Als mich 1977 die Landesleitung der CSU bat, für die politische Öffentlichkeitsarbeit der Partei ein Porträt der CSU zu verfassen, übernahm ich diesen Auftrag und publizierte zusammen mit dem damaligen Landesgeschäftsführer der CSU Manfred Baumgärtel die Broschüre „Porträt einer Partei.“ Ich bedingte mir für meine Person allerdings Anonymität aus, um in Berlin nicht noch mehr in berufliche Schwierigkeiten zu geraten. Die Broschüre erlebte 1981 eine erweiterte Neuauflage. Sollte ich nun in der beruflichen Sackgasse Berlins nicht doch die bayerische Karte ziehen? Am Berliner Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung waren 1977/78 – nicht zuletzt aus politischen Gründen – Personalentscheidungen zu meinem Nachteil gefallen. Ich sah mich gezwungen, mich anders zu orientieren, denn ich war inzwischen über vierzig Jahre alt und musste eine fünfköpfige Familie versorgen.

1979 lud mich Dr. Friedrich Zimmermann, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, dazu ein, mich mit einem Beitrag an der Festschrift zum 65. Geburtstag von Franz Josef Strauß (1980) zu beteiligen. Mit meinem Aufsatz über „Franz Josef Strauß und die CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag“ überschritt ich die Grenzlinie von freundlicher Distanz zur öffentlichen Laudatio. Meine Hommage leitete ich mit folgenden Worten ein:

„Franz Josef Strauß: Vorsitzender einer autonomen bayerischen Landespartei mit bundesweitem politischen Anspruch, Bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der CDU/CSU – schon diese drei politischen Positionen und Rollen und deren Gleichzeitigkeit kennzeichnen eine außergewöhnliche Persönlichkeit in einer besonderen politisch-historischen Situation und Konstellation. Franz Josef Strauß verkörpert in diesen Rollen geschichtliche Kontinuität und Eigenwilligkeit des Freistaates Bayern und dessen historisch begründeten Mitspracheanspruch und Gestaltungsauftrag in der deutschen und europäischen Politik. Darauf muss gerade deshalb nachdrücklich hingewiesen werden, weil Strauß durch seine wirkungsvollen, kräftigen Metaphern für tagespolitische Reizungen sorgt, die in weiten Teilen der Bundesrepublik Deutschland fast jedermann unfähig machen, über den Vorsitzenden der CSU sine ira et studio zu sprechen. Es fehlt auch der Abstand zu seiner Zeit und seiner Politik. Wir Zeitgenossen stehen ihm alle noch zu nahe, in der Bewunderung wie in der Ablehnung. Erst in der historischen Perspektive der „Sache“ haben auch die Schatten seines Bildes das Kolorit, die eigentliche kompositorische Betonung und Bedeutung, so dass er nicht wie ein machtbesessener, bulliger Dämon wirkt, als den ihn seine Gegner und Feinde karikieren. In der Person von Franz Josef Strauß verdichten und manifestieren sich Eigenwilligkeit, Mitspracheanspruch und Gestaltungsauftrag Bayerns so kraftvoll wie in keiner anderen Persönlichkeit dieses Bundeslandes nach 1945. Seine zutiefst bayerische Existenz prägt ihn auch als Europäer und beides bestimmt seine Rolle als deutscher Politiker.“

Zu diesen Ausführungen zur politischen Rolle von Strauß stehe ich auch heute noch. Auf der offiziellen Geburtstagsfeier in Bonn kam ich mit Strauß, der sich für meinen Beitrag bedankte, ins Gespräch. Natürlich hatten Berliner Wissenschaftskreise, Kollegen und linke Gruppen meine Verbeugung vor dem „Großen Vorsitzenden“ beobachtet und empört reagiert. Linke Aktivisten bezeichneten meinen Beitrag als eine „politische Schweinerei“, als „eine „inhaltlich miese Schreibe“ und dergleichen mehr. Mintzel schien endlich als ein verkappter CSUler entlarvt zu sein. An der Freien Universität Berlin zirkulierten Kopien meines Festschrift-Artikels. Einschlägige FU-Zirkel unkten, ich hätte jenseits der Mainlinie keine beruflichen Chancen mehr. Da ich zu dieser Zeit die Vertretung des Lehrstuhls von Rudolf Wildenmann in Mannheim innehatte, blieb ich von direkten persönlichen Zusammenstößen der aufgeheizten Berliner Wissenschaftsszene auf mich verschont, aber ich musste mit gravierenden Auswirkungen auf meine wissenschaftliche Karriere rechnen.

Aufruf des Anti-Strauß-Komitees an der Freien Universität Berlin und anderer Gruppen zum CDU-Parteitag am 19. Mai 1980 in Berlin

Pokerspiele um Professuren

Es gab unter den etablierten Kollegen immer auch besonnene Köpfe, die nach wie vor meine Bewerbungen auf westdeutsche Professuren mit Gutachten unterstützten, so auch meine Bewerbung vom Jahre 1979 auf eine C4-Professur im Fach Soziologie an der Hochschule der Bundeswehr in München. Um die beschränkte Zahl an Professuren aller Ränge gab es insbesondere in den gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Bereichen ein hoch politisiertes Bewerbergerangel. An meinen prall gefüllten Leitzordnern, alten Aufzeichnungen und Korrespondenzen lässt sich ablesen, wie konfliktreich, risikant, langwierig und zermürbend es in den 1970er und 1980er Jahren zuging, bis man nach arbeitsintensiven Forschungsjahren und vielen Zeitverträgen das Glück hatte, endlich auf eine Professur berufen zu werden. Es bedurfte einer hohen psychischen Stabilität, großer ehepartnerlicher Unterstützung, einer wahren Leidenschaft für die Wissenschaft, sowie eisernen Arbeitsdisziplin und einer geradezu verbissenen Zielorientierung, um bis zur Belohnung mit einer Professur durchzuhalten.

Meine Bewerbung an die Hochschule der Bundeswehr München hatte sich schon über ein Jahr hingezogen. Der Erstplatzierte, ein bereits etablierter Hochschullehrer, hatte hoch gepokert, das Bundesministerium für Verteidigung hingehalten, über seine Absichten im Unklaren gelassen, um in Verhandlungen mit einer Universität seiner Präferenz günstigere Bedingungen zu erwirken. Wie dem auch immer gewesen sei, Prof. Dr. Peter Weingarts Spiel drängte mich in eine strapaziöse Warteposition. Es war in diesen Rangspielen um Professuren üblich, die eine Berufung gegen eine andere auszuspielen, um eine besser dotierte Professur zu ergattern. Zweit- und Drittplatzierte hingen so lange in der Luft, bis der Kandidat sich endlich entschieden hatte. Wenig später unterbanden neue Verordnungen diese Pokerspiele, die jungen Mitbewerbern zum existenziellen Verhängnis werden konnten.

Nachdem der Erstplatzierte Anfang des Jahres 1981 wie erwartet den Ruf nach München abgelehnt hatte, war ich als Zweitplatzierter am Zug. Ich fuhr nach Bonn, um im Verteidigungsministerium den Ruf anzunehmen. Kaum war ich in die Verhandlungen über die Münchner C4-Professur eingetreten, fand ich in der Presse die Ausschreibung eines Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Passau. Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, der inzwischen dort auf den Lehrstuhl für Politikwissenschaft berufen worden war, wollte einen der Top Ten der Parteienforschung für die Universität Passau gewinnen. Er signalisierte mir, dass ich echte Chancen hätte. Mit meiner Bewerbung auf den Passauer Lehrstuhl musste ich mich jedoch auf ein aufregendes, hochriskantes Vabanquespiel einlassen. Nun zögerte auch ich die Entscheidung in der Berufung nach München so lange hinaus, bis ein Ruf nach Passau einigermaßen sicher erschien. Die Passauer Berufungskommission wollte und konnte mich erst auf den ersten Listenpatz setzen, nachdem ich den Ruf an die Münchner Hochschule der Bundeswehr endgültig abgesagt hatte. Noch Ende Mai 1981 war, wie ein Brief des damaligen Generalsekretärs der CSU bezeugt, die CSU-Führung davon ausgegangen, dass ich den Ruf nach München annehmen und nach Bayern zurückkehren würde. Unter seinem offiziellen Briefkopf schrieb Generalsekretär Edmund Stoiber am 26. Mai 1981 an mich:

„Sehr geehrter Herr Professor Mintzel,
zu Ihrer Berufung an die Bundeswehrhochschule in München darf ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aussprechen. Ich freue mich persönlich sehr darüber, dass die gemeinsamen Bemühungen jetzt endgültig Erfolg hatten und Sie in ihrer bayerischen Heimat an einer Hochschule lehren können. Ich hoffe, dass die über Jahre hinausgehende gute und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der CSU auch in Zukunft fortgesetzt wird.
Mit freundlichen Grüßen Ihr Dr. Edmund Stoiber.“

Mir waren zwar hintergründige Kommunikationsnetze und Entscheidungskanäle zwischen beteiligten Institutionen und die Einflussnahme gewisser Personen nicht ganz verborgen geblieben, aber diese direkte parteiamtliche Offenheit des Generalsekretärs erstaunte mich doch sehr. Seine Einladung zu einer für beide Seiten gedeihlichen Kooperation war unüberhörbar und bestätigte aufs Neue die hohe Aufmerksamkeit, die meine Forschungen und Publikationen in der CSU-Führung gewonnen hatten. Dieser parteiamtliche Willkommens-Brief ließ mich im Sommer 1981 hoffen, dass die Bewerbung auf die Passauer Professur für Soziologie wirklich zu meinen Gunsten ausgehen könnte. Wäre zwischen meiner Absage und dem Passauer Prozedere etwas dazwischengekommen, etwa eine politische Indiskretion, Intrige oder Denunziation, hätte ich am Ende beide Chancen verspielt gehabt. Ich arbeitete auf politisch zeitnahen, hoch sensiblen Forschungsfeldern, die zu Fallgruben werden konnten. Erst am 22. September 1981 ging die mental strapaziöse Wartezeit zu Ende. Dennoch erschrak ich über Stoibers „Offerte“. Mich ergriff unterschwellig eine Furcht, meine Selbstbestimmung als freischwebender, parteiunabhängiger Wissenschaftler zu verlieren. Ich antwortete nicht, bedankte mich nicht einmal förmlich. Selbstdeutung und Selbstbestimmung kollidierten mit der Fremdwahrnehmung. In der CSU-Führung schien man mich aufgrund meiner Publikationen und meiner Auftritte als einen der ihren wahrzunehmen. Auf keinen Fall wollte ich in einen politischen Parteidienst treten, der es mir erschwert hätte, mit den oppositionellen Kräften im Bayerischen Landtag als Sozialwissenschaftler und Forscher in Kontakt zu bleiben. Ich hatte ja nicht vor, nur eine politische Geschichte der CSU vorzulegen, sondern eine breit angelegte, sozialwissenschaftlich konzipierte Gesellschafts- und Staatsgeschichte Bayerns nach 1945 zu erarbeiten. Diesen Arbeitsplan glaubte ich eher auf dem Passauer Lehrstuhl für Soziologie als an der Bundeswehrhochschule in München verwirklichen zu können. Dass die besonderen Verhältnisse und lehrbetrieblichen Anforderungen an der Passauer Philosophischen Fakultät diesen ehrgeizigen Plan letztendlich zunichtemachten, erkannte ich erst später. Es blieb leider bei fragmentarischen Ansätzen und Entwürfen, wie sie 1998 in meiner letzten größeren Studie über „Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer“ sichtbar wurden. Die von Edmund Stoiber erhoffte „gute und erfolgreiche Zusammenarbeit“ blieb allerdings bis Ende der 1980er Jahre zumindest auf kleiner Flamme möglich. Die CSU-Führung und die Hanns-Seidel-Stiftung luden mich wiederholt zu Referaten und Expertisen ein. Erst mit Beginn der 1990er ließen der von mir angezettelte Streit über die „Maria vom Siege“ im Logo der Universität Passau, meine kritischen Stellungnahmen zum bayerischen Kruzifix-Streit und andere politische Signale erkennen, dass ich kein CSUler war. Insbesondere zentrale Fragen des Verhältnisses zwischen Staat und römisch-katholischer Kirche in Bayern führten im wörtlichen Sinne zu Auseinandersetzungen. Ihre hintergründigen, oder sollte ich besser sagen, ihre untergründigen Anlässe, gab es bereits bei meiner Berufung an die Universität Passau.

Berufung auf den Lehrstuhl für Soziologie und Amtsantritt an der Universität Passau 1981

München oder Passau hatten ganz unterschiedliche Optionen bedeutet. Während ich mich an der Hochschule der Bundeswehr in feste und eingefahrene Strukturen hätte einpassen müssen, stand mir nun in Passau die Aufgabe bevor, das Fach Soziologie vom Nullpunkt an aufzubauen. Vom Bleistift bis zur Promotionsordnung musste alles beschafft, organisiert und entwickelt werden. Der Gestaltungsfreiraum war zwar eng, der Neuaufbau eines Studienfaches aber doch eine anspruchsvolle Aufgabe. Als einziger Fachvertreter trug ich die Gesamtverantwortung für das Fach – eine außergewöhnliche Ausgangssituation. Ich musste das Fach in das Gesamtgefüge der Philosophischen Fakultät einfügen und die Dienstleistungen in der Lehre mit anderen Studiengängen abstimmen und koordinieren.

Berufung und Aufnahme der Amtsgeschäfte waren, so möchte man gern glauben, letztendlich gut und glatt über die akademische Bühne gegangen. Das war der vordergründige, universitätsöffentliche Gang der Dinge. Es gab allerdings noch einen hintergründigen, für mich unsichtbaren Vorgang, von dem ich lange keine Kenntnis hatte. Was war hinter den Kulissen vor sich gegangen?

Der Passauer Ausschreibungstext hatte, was die Formalien anbelangte, kein Hindernis erkennen lassen. Das ausgeschriebene fachliche Profil entsprach meinem wissenschaftlichen Werdegang und meinen Forschungsgebieten. Ich wurde nach der üblichen Vorauswahl im Juni 1981 zur obligatorischen Kür eingeladen und stellte mich der Berufungskommission mit einem Vortrag über „Ansätze und Probleme der Erforschung regionaler gesellschaftlicher und politischer Prozesse“ vor. Da in der neugegründeten Universität Passau noch kein Fachvertreter vor Ort war, hatte das Urteil auswärtiger Gutachter großes Gewicht. Wieder war es Rainer M. Lepsius, der als externes Mitglied der Berufungskommission für mich eine Lanze brach. Ich formuliere es vorsichtig: Er hatte zumindest nichts dagegen einzuwenden, mich auf Platz Eins der Berufungsliste zu setzen. Heinrich Oberreuter hielt die Laudatio auf den Wissenschaftler Mintzel und stellte ihn als einen hervorragenden Parteienforscher mit dem Schwerpunkt auf der Politischen Soziologie vor. Danach ging alles sehr rasch, weil die Universität Passau sichergehen wollte, dass mit dem Lehrbetrieb im Fach Soziologie schon zum Wintersemester 1981/82 begonnen werden konnte. Am 22. September 1981 erhielt ich den Ruf nach Passau. Am 16. November 1981 wurde ich vereidigt. Als erster Fachvertreter für Soziologie gehörte ich zur Gründergeneration der Universität Passau. Im Alter von 46 Jahren stand ich nun zum ersten Mal in einer Berufs- und Einkommenssituation, die überhaupt eine längerfristige Lebensplanung ermöglichte und mich bei Banken kreditwürdig machte. Ich hatte selbst erlebt, wie Ehen und Familien an den unsicheren Berufsverhältnissen des Wissenschaftsbetriebes gelitten hatten und zerbrochen waren. Meine eigene Familie hingegen, meine Frau und unsere drei Töchter, Anne Katharina (geb. 1968), Theresa Florentine (geb. 1971) und Caroline Isabel (geb. 1975), waren nun finanziell abgesichert. Nach einer langen Zeit der Provisorien konnten meine Frau und ich zum ersten Mal einen normalen Hausstand gründen.

Um Gotteswillen, was machen wir jetzt?“– Entbindung vom Konkordat

Im Ablauf von Bewerbung, Berufung und Amtsaufnahme gab es merkwürdige, um nicht zu sagen dubiose Ereignisse, die sich nachhaltig auswirken sollten. Nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen nach Passau gesandt hatte, war nach einiger Zeit aus Passau universitätsamtlich telefonisch gefragt worden, ob ich katholisch sei. Als ich die Frage verneinte, konnte ich eine gewisse Bestürzung heraushören. Sinngemäß hörte sich das etwa so an: „Um Gotteswillen, was machen wir jetzt!?“ Ich hatte mir keinen Reim auf diese unerwartete Frage machen können. Augenblicklich waren Klischeevorstellungen wachgerufen worden. Muss man katholisch sein, um nach Passau berufen werden zu können? Kaum war ich vereidigt, ereignete sich eine zweite Merkwürdigkeit. Der Weihbischof von Passau lud mich – privatissime oder halbamtlich oder gar hochamtlich? – zu einem gemeinsamen Mittagessen ins Altstadtrestaurant König ein. Ich musste eine letzte amtliche Sitzung an der Freien Universität Berlin absagen, um die Einladung von Weihbischof Franz Xaver Eder annehmen zu können. Als ich im Telefongespräch nach Berlin den Grund meiner Absage nannte, hörte ich am anderen Ende der Leitung ein schallendes Gelächter. Für die Ohren von Berliner Kollegen hörte sich der Grund geradezu absurd an. Die Einladung von Hochwürden war meine erste amtliche Einladung in Passau „außerhalb“ der Universität. War es in Passau üblich, dass neu berufene Professoren vom Bischof begrüßt wurden? Ich folgte der bischöflichen Einladung und lernte Franz Xaver Eder als einen weltoffenen, besonnenen und angenehmen Gesprächspartner kennen, der sich für soziologische Themen und Fragestellungen zu interessieren schien. Einen speziellen Grund für seine Einladung nannte er nicht. Nach einem freundlichen und angeregten Gespräch am Mittagstisch ging jeder seinen Weg zurück an seinen Arbeitsplatz. Doch blieb es nicht bei dieser Merkwürdigkeit. Noch im Jahre 1981 erhielt ich aus dem Vatikan ein Schreiben der Glaubenskongregation, in dem ich aufgefordert wurde, mich zu meinem (angeblich katholischen) Glauben und zu meiner Lebensführung zu äußern. Als Wissenschaftler standen mir die Haare zu Berge, erst recht als konfessionsloser Kulturprotestant. Dass das Finanzamt bei seinem nächsten Einkommensbescheid wie selbstverständlich die katholische Kirchensteuer einbehalten hatte, passte zur Wahrnehmung, in Passau müsste alles zunächst einmal katholisch geregelt werden.

Kein Hinweis auf konfessionelle Voraussetzungen: Stellenausschreibung auf die C4-Professur für Soziologie, Anfang 1981

In der Passauer Stellenausschreibung der C4-Professur für Soziologie hatte es nicht den geringsten Hinweis auf eine religiös-konfessionelle Beschränkung gegeben. Ich hätte mich in diesem Fall erst gar nicht bewerben können und selbstverständlich die Berufung nach München angenommen. Was also hatte den dubiosen Anstoß zu den für mich rätselhaften Ereignissen gegeben? Jahre später kam im so genannten Passauer Madonnen-Streit heraus, dass bei der Stellenausschreibung ein Fehler unterlaufen war, der 1981 zu Komplikationen geführt hatte. Es hätte in der Ausschreibung stehen müssen: „Für die Besetzung der C 4-Stelle gilt Art. §3,5 des Bayerischen Konkordats“. In den Philosophischen Fakultäten der bayerischen Universitäten waren in der Regel die Lehrstühle für Philosophie, für Allgemeine Pädagogik und für Soziologie oder Politikwissenschaft dem Konkordat Bayerns mit dem Heiligen Stuhl unterworfen. Nur Katholiken konnten sich auf diese Lehrstühle bewerben. Der Bischof hatte das letzte Wort. Sein nihil obstat, nichts steht einer Berufung entgegen, entschied über die Besetzung. Der Kandidat sollte ein glaubenstreuer Katholik mit sittlichem Lebenswandel sein. In der Stellenausschreibung war auf die Bindung an das Konkordat nicht hingewiesen worden. Die Fakultät und die Universitätsleitung waren gezwungen, den unterlaufenen Fehler stillschweigend und diplomatisch zu korrigieren. In dieser verzwickten Situation bot sich der Inhaber des konfessionsfreien Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Prof. Dr. Heinrich Oberreuter an, die Bindung an das Konkordat zu übernehmen und damit meinen Amtsantritt zu ermöglichen. Oberreuter, eine weltoffene, liberal-konservativ und pragmatisch orientierte Persönlichkeit, war gläubiger Katholik und mit katholischen Persönlichkeiten und Einrichtungen eng vernetzt. Es war eine elegant-pragmatische Lösung, die mir erst in späteren Jahren hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde. Der entscheidende Formfehler hätte vor Gericht zur Annullierung des ganzen Berufungsverfahren und zu einer erneuten Ausschreibung führen können.

Offiziell bestätigt wurde der Vorgang erst im Jahre 1990, als ich zusammen mit dem Strafrechtler Prof. Dr. Bernhard Haffke, beim Senat der Universität Passau den Antrag stellte, das Universitätsemblem mit der Ikone der „Maria vom Siege“ abzuschaffen. Der Universitätspräsident unterstellte mir, mich 1981 aus opportunistischen Motiven freiwillig diesem Insignum unterstellt zu haben, und sprach mir das Recht ab, nach acht Jahren Amtstätigkeit die Abschaffung des Universitätsemblems zu verlangen. Ich protestierte amtlich gegen diese Unterstellung und moralische Zurechtweisung. Weil ich damals nicht gewusst hatte, was hinter den Kulissen zu meinem Vorteil geschehen war, konnte ich später im Madonnen-Streit die moralische Aufforderung zurückweisen, stillzuhalten und eine persönliche Lösung zu akzeptieren. Die Zusammenhänge und Motive meiner Intervention gegen die „Maria vom Siege“ waren sehr viel komplexer und tiefgründiger, als es das Oberflächengekräusel sichtbar gemacht hatte. Dass die zuständigen Amtsträger und Mitwisser dichthielten, hatte triftige Gründe, die generell mit der Problematik der Konkordatslehrstühle zu tun hatte.

Konkordatslehrstühle und Katholisch-Theologische Fakultäten

Die Universitätsleitung hätte den Konfliktfall am liebsten zu einem singulären persönlichen Problem eines unbequemen Lehrstuhlinhabers gemacht, einen auf die Person des Lehrstuhlinhabers zugeschnittenen Kompromiss herbeigeführt und den Streitfall für erledigt erklärt. Doch ging ihre Strategie nicht auf. Hinter diesen scheinbar singulären Vorgängen und persönlichen Empfindlichkeiten, die für absurde Passauer Kuriosa gehalten werden konnten, die bestenfalls für amüsante Episoden taugten, wurden religiös-konfessionelle Machtverhältnisse und der institutionelle Einfluss der römisch-katholischen Amtskirche auf die personelle Ausstattung von Fakultäten sichtbar. Die Konkordatslehrstühle und die Zahl und Ausstattung Katholisch-Theologischer Fakultäten an deutschen Universitäten waren zu einem öffentlichen Ärgernis geworden. Bei den Konkordatslehrstühlen geht es, wohlgemerkt, nicht um die Besetzung von Professuren in den Katholisch-Theologischen Fakultäten, sondern um Lehrstühle an konfessionsneutralen staatlichen Universitäten. Die Bewerber auf Konkordatslehrstühle müssen dennoch der römisch-katholischen Kirche angehören und sollen Lehrmeinungen vertreten, die der Lehre der katholischen Kirche zumindest nicht widersprechen. Artikel 3 Paragraph 5 des Konkordats zwischen dem Vatikan und dem bayerischen Staat bestimmt:

„Der Staat unterhält an den Universitäten Augsburg, Erlangen-Nürnberg, München (…), Passau, Regensburg und Würzburg sowie an der Gesamthochschule Bamberg in einem für das erziehungswissenschaftliche Studium zuständigen Fachbereich je einen Lehrstuhl für Philosophie, für Gesellschaftswissenschaften und für Pädagogik, gegen deren Inhaber hinsichtlich ihres katholisch-kirchlichen Standpunktes keine Erinnerung zu erheben ist.“

Konkret heißt das im Falle des Freistaates Bayern: An sieben bayerischen Universitäten ist die Besetzung von je drei Fächern, die den Erziehungswissenschaften zugerechnet werden, von der Zustimmung des zuständigen Diözesanbischofs abhängig. Mit der Konkordatsbindung werden bei Ausschreibungen konsequenterweise Kandidaten anderer Konfessionen und konfessionslose Bewerber von vorneherein ausgeschlossen. Extremes Beispiel: An der Universität Passau war ein Lehrstuhl der Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät angesiedelt und somit ohnehin unter kirchlicher Kontrolle. Der zweite Passauer Lehrstuhl für Philosophie gehörte zur konfessionsneutralen Philosophischen Fakultät, unterstand aber als Konkordatslehrstuhl ebenfalls der katholisch-kirchlichen Kontrolle. Der Einfluss der römisch-katholischen Kirche wurde in einigen Fächern noch durch die personell beschränkte Stellenausstattung verstärkt. Es gab keine interkonfessionell konkurrenzoffene Situation, was auch verfassungsrechtlich bedenklich war. Eine gezielte Berufungspolitik konnte ein Übriges dazu tun, um eine katholische Einfärbung der Philosophischen Fakultät zu begünstigen. Die „Maria vom Siege“ im Logo der Universität bekundete diese fragwürdige Tradition. Die Universitätsleitung und bestimmte Dekane waren selbstverständlich nicht daran interessiert, solche hintergründigen Machtverhältnisse und Einflussmöglichkeiten offen zu diskutieren oder gar zu einem öffentlichen Streitfall werden zu lassen. Ihre Devise war, wie sich später drastisch herausstellen sollte, strittige Vorgänge unauffällig abzuwickeln und potenzielle Störer und Sünder wider den Heiligen Geist der Universität in die Ecke zu stellen. Nur wenige durchschauten diese Manöver, geschweige denn die Passauer Bürger, die glaubten, „ihre“ Madonna verteidigen zu müssen.

 

 

20. Von politischen Absagen und Treibjagden

Was sich in den Jahren von 1977 bis 1981 lebens- und berufsgeschichtlich ereignete, lässt sich nicht als bloße Abfolge persönlicher Erlebnisse und Entscheidungen schildern. Die Niederlagen und Erfolge, Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen hingen in jener äußerst turbulenten Zeit von unkalkulierbaren Wirkkräften ab. Gesellschaftliche, politische und institutionelle Faktoren beschleunigten Vorgänge und Abläufe. Terrorakte der Roten Armee Fraktion (RAF) erschütterten erneut das politische Gefüge der Bundesrepublik und beunruhigten die Bevölkerung. An den Universitäten verfestigten sich in besonders anfälligen Fächern Lagerbildungen und Gesinnungsgemeinschaften. Gegenorganisationen wurden ins Leben gerufen, Bewerbungen auf Professuren argwöhnisch durchleuchtet und Auskünfte auf informellen Wegen eingeholt.

Von 1962 bis 1978 hatte ich mein Studium und meinen Lebensunterhalt mit Zeitverträgen finanziert, anfangs mit Zweijahresverträgen, später mit Dreijahresverträgen, zwischendurch mit einer auf vier Jahre befristeten Anstellung als Assistenzprofessor und am Ende mit einer zweijährigen Anstellung als einfacher wissenschaftlicher Assistent. Die Situation war prekär, die Zukunft als Wissenschaftler völlig unsicher. Förderer und Freunde konnten zwar mit Gutachten Bewerbungen unterstützen, doch die Zahl der konkurrierenden Bewerber war in der Regel groß, überall gab es persönliche Flechtwerke und in Westberlin – als Gegenstück zum CSU-verfilzten Bayern – den sozialdemokratischen Filz. Ich war 1967 aus der SPD ausgetreten und hatte mich damit vom Berliner sozialdemokratischen Beziehungsgeflecht entfernt.

Mehrere institutionelle und strukturelle Wirkkräfte an den Berliner Hochschulen sowie personalpolitische Entscheidungen am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung wirkten sich auf meine Berufs- und Lebenssituation äußerst negativ aus. Dr. Peter Glotz setzte in den Jahren als Senator für Wissenschaft und Kunst (1977–1981) die Westberliner Hochschulreform durch und griff dabei energisch in die gewachsenen sozialdemokratischen Beziehungsnetze ein. Zu seinen Maximen gehörte es, die in Berlin häufig praktizierten Hausberufungen zu erschweren und möglichst zu unterbinden. Mit dem neuen Berliner Hochschulgesetz vom 1. Januar 1979 wurde an den Berliner Hochschulen eine neue Personalstruktur eingeführt, die sich auf die Gruppe der rund 250 Assistenzprofessoren hart auswirkte. Viele mussten sich am Ende ihrer „Zeitverträge-Karriere“ mit anderen Berufen begnügen. Nur eine beschränkte Zahl wurde in Hochschullehrerpositionen übernommen, die allerdings ebenfalls befristet waren. Überlebenswichtig war, in eine Anschlussstelle einrücken zu können.

So wie die Dinge liefen, stellte sich in diesen Jahren die Frage immer dringlicher und schärfer, ob ich im Berliner Wissenschaftsbetrieb bleiben und in eine akademische Dauerstelle würde einrücken können. Nachdem meine Zeit als Assistenzprofessor (1974–1978) abgelaufen war, erhielt ich zum letzten Mal einen Zeitvertrag, der mich zum vollbeschäftigten Wissenschaftlichen Angestellten degradierte. Es war eine Art Gnadenbrot für habilitierte Assistenten. Der bis zum 31. August 1980 befristete Vertrag verschaffte mir einen zweijährigen Zeitgewinn für weitere Bewerbungen. Die Mitarbeit am deutsch-amerikanischen OMGUS-Projekt in Washington D.C. (1978) und zwei Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Bochum (1979/80) und Mannheim (1980/81) ermöglichten es mir, den Berliner Arbeitsvertrag mehrmals auszusetzen und nochmals Zeit zu gewinnen. Ich hoffte zunächst trotz laufender Bewerbungen auf westdeutsche Professuren und auf Stiftungsprofessuren in den USA am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung in Berlin weiterarbeiten zu können. Wegen meiner Familie – zwei Töchter waren bereits ins schulpflichtige Alter gekommen – wäre ich auch mit einer „kleinen“ Professur zufrieden gewesen. Im Zentralinstitut musste die Stellen- und Personalplanung der Jahre 1977/78 jedoch revidiert werden. Die Einrichtung der mir zugedachten und auf meine Arbeitsfelder zugeschnittenen Professur für Politische Soziologie wurde von den zuständigen Gremien nicht genehmigt. Auf die bereits genehmigte andere Stelle wurde – wohl auch aus politischen Gründen – ein hausinterner Konkurrent berufen. Unter den konkurrierenden Mitarbeitern verschärften sich der Umgangston und die intellektuellen Auseinandersetzungen. Schwelende Missgunst und das Gerangel um Stellen riefen Animositäten hervor. Unbefristete Angestelltenpositionen im Archiv, in der Dokumentation und in sonstigen wissenschaftlichen Hilfsbereichen waren fest und dauerhaft besetzt. Kurzum, ich musste mich von dieser Forschungseinrichtung endgültig verabschieden, obwohl ich in gut einem Jahrzehnt intensiver Forschungsarbeit zu den damals am meisten bekannten Parteienforschern gezählt wurde. Das Zentralinstitut hatte mir eine Nische geboten, in der ich trotz hinderlicher Einwirkungen von außen und trotz scharfer hausinterner Konfrontationen mein großes Forschungsprojekt hatte beharrlich verfolgen können.

Wissenschaftssenator Dr. Peter Glotz greift ein

Meine Bewerbung vom Juni 1977 auf eine Professur am Otto-Suhr-Institut scheiterte an der Berufungspolitik des Wissenschaftssenators Glotz. Er sah in der von den Instituten gemeinsam vorgelegten Berufungsliste ein Ergebnis hausinterner Personalabsprachen und gab die Liste im März 1978 zurück. In seinem Schreiben betonte er, dass „Prof. Dr. Dittberner und Dr. Mintzel zwar ausgezeichnete Wissenschaftler“ seien, aber „als Hausbewerber für eine Ruferteilung nicht in Betracht kommen.“ Der Berliner Senator für Wissenschaft und Kunst äußerte gegenüber Prof. Dr. Nils Diederich (SPD) in einem politischen Gespräch unter vier Augen, Mintzel solle sich auf eine Professur in Westdeutschland bewerben, weil er dort aufgrund seiner Forschungen und Publikationen wirklich gute Chancen habe. Peter Glotz lobte mich weg, so hätte ich daraus schließen können. Er wirkte jedoch, was ich nicht wusste, über seine wissenschaftspolitischen Kanäle daran mit, meine Chancen zu erhöhen. So wurde es jedenfalls kolportiert. Ich fühlte mich in dieser Zeit tief verunsichert, niedergeschlagen und gedemütigt. Als Mittvierziger war es mir immer noch nicht möglich, meiner Frau und meinen drei Töchtern eine sichere Lebensgrundlage zu garantieren. Meine Zeit in Berlin war abgelaufen. Ich musste raus aus dem Berliner Schlamassel. Dennoch setzte ich weiterhin mit hohem Einsatz alles auf eine Professur, wo auch immer, und ich hatte Glück. In dieser Zeit beruflicher Unsicherheit und Bedrücktheit taten ein paar Worte des Lobs und der Hilfsbereitschaft besonders gut. Der damalige Bundesminister für Justiz, Dr. Hans-Jochen Vogel, schrieb mir am 27.07.1978:

„Ich möchte Ihnen übrigens bei dieser Gelegenheit sagen, dass ich die (…) Monographie [Die CSU – Anatomie einer konservativen Partei 1945–1972] für eine ganz ausgezeichnete Arbeit und eine wahre Fundgrube halte. Auch aufgrund meiner eigenen, aus naheliegenden Gründen doch recht detaillierten Kenntnis der Interna der CSU habe ich kaum Ergänzungen oder Korrekturen anzubringen. Ich empfinde es auch als wohltuend, dass Sie sich bei aller erkennbaren Distanz einer nüchternen und objektiven Art der Darstellung befleißigen. Manche Kollegen Ihres Faches geraten heute schon bei der Nennung des Stichwortes CSU in einen schwer definierbaren geistigen Ausnahmezustand, der dann zu Fehlbeurteilungen und ungewollten Hilfen für die CSU verleitet.“

Absagen, Absagen, Absagen

Der schwer definierbare geistige Ausnahmezustand, in den manche Kollegen beim Stichwort CSU gerieten, wurde für mich zu einem beruflichen Problem, weil manche Mitglieder von Berufungskommissionen in dem „CSU-Mintzel“ wohl einen Parteigänger oder gar eine politische Gefahr witterten. Mein Forschungsgegenstand und mein analytischer Ansatz blieben immer ein Politikum. Ich bewarb mich im Zeitraum von 1975 bis 1980 auf mindestens elf Professuren verschiedenen Ranges für politische Soziologie und Politikwissenschaft an westdeutschen Hochschulen und Universitäten. Bei acht Bewerbungen wurde ich nicht einmal zu einem Vortrag eingeladen, geschweige denn auf eine Berufungsliste gesetzt. Jede Absage erhärtete meinen Verdacht, dass es eben auch an meinem Forschungsgegenstand lag, der unterschwellig negative Reaktionen auslöste. Wer sich einem so heiß umstrittenen Forschungsgegenstand zuwendet und in dessen Innenwelt eindringt, musste damit rechnen, in linke und rechte Schusslinien zu geraten. Ein Quell, aus dem ich in dieser zermürbenden Zeit Kraft schöpfte, waren die Partnerschaft mit meiner Frau und die Freude an unseren Töchtern.

Unsere drei Töchter im Kinderzimmer der Berliner Wohnung, Bambergerstraße 59, Anfang 1976: Anne Katharina (geb. 1968) mit Caroline Isabel (geb. 1975) auf dem Schoß, Therese Florentine (geb. 1971)

Treibjagd auf Prof. Dr. Heinrich Oberreuter

Während meine Berliner Universitätsjahre zu Ende gingen, geriet ein ehemaliger Doktorand und Wissenschaftlicher Mitarbeiter des bayerischen Kultusministers Hans Maier in München und Berlin in heftige Auseinandersetzungen über seine Person und Qualifikation. Dr. Heinrich Oberreuter war von Wissenschaftssenator Peter Glotz im Sommer 1978 auf die am Otto-Suhr-Institut (OSI) angesiedelte Professur für „Vergleichende Parlamentarismusforschung“ berufen worden. Oberreuter hatte auf dem dritten Platz der Berufungsliste gestanden. Eine Berufung vom dritten Platz weg war ungewöhnlich und schien verdächtig. Das mag wiederum an der von Glotz praktizierten Berufungspolitik gelegen haben, Berliner „Seilschaften“ abzuschneiden. Kraftsprüche des für seine kernigenn und saloppe Formulierungen bekannten Oberreuters in einem Fortbildungsseminar für Gymnasiallehrer in der Akademie für politische Bildung waren schließlich der Auslöser für eine Anti-Oberreuter-Kampagne des Otto-Suhr-Instituts (Fachbereich 15 der Freien Universität Berlin). Es ging besonders um zwei seiner Formulierungen, die zunächst im Bayerischen Landtag beanstandet wurden und dann in Berlin einen Sturm der Entrüstung auslösten. Oberreuter soll gesagt haben, „er sei geneigt Konzentrationslager für Bundestagsabgeordnete einzurichten, die mit falschen Informationen über den Bundestag das politische System kaputt machen wollen“. Außerdem soll er das Dritte Reich als einen Betriebsunfall bezeichnet haben, der durch die Organisationsnormen der Weimarer Verfassung verursacht worden sei. Der Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 11. Juli 1978 über die zitierten Kraftsprüche Oberreuters schlug in Berlin wie eine Bombe ein. Es führte hier zu weit, den ganzen Vorgang mit seinen Einzelheiten zu schildern und alle am Streit beteiligten Gremien und Personen zu nennen. Über die Turbulenzen informierten die Süddeutsche Zeitung (Nr. 156, 11. 07. 1978, S. 20; Nr. 163, 19. 07. 1978, S.28; Nr.164, 20. 07.1978, S.18) und der Tagesspiegel (Nr. 9977, 20. 07.1978, S. 9; Nr. 9984, 28.07.1078, S. 11, Nr. 9986, 30. 07.1978, S. 21) in mehreren Artikeln.

Oberreuter, der sich schriftlich und mündlich verteidigte, erklärte, er habe nicht Konzentrationslager gemeint, sondern das „Konzentrationszimmer“ eines Gymnasiums, in dem sich Schüler auf ihre schwierigen Aufgaben hatten konzentrieren können.

Kritiker und Gegner Oberreuters hielten dessen sachliche Beteuerungen für unglaubhaft und wiesen seine Entschuldigung zurück. Es seien nicht bloß „unbedachte Äußerungen“ und „fahrlässige Kraftsprüche“ gewesen. Die beanstandeten Äußerungen würden vielmehr eine faschistoid-autoritäre Sicht auf den Parlamentarismus und eine Verunglimpfung von Parlamentariern verraten. Er hätte nicht davon ausgehen dürfen, dass seine höchst fragwürdigen Vergleiche richtig verstanden würden. Oberreuter habe sich wissenschaftlich und moralisch disqualifiziert. Am OSI sei der pluralistische Grundkonsens gefährdet, durch die Berufung drohe eine Konfrontation. Mitglieder des Fachbereichsrates, die „Sozialistische Assistentenzelle“ und Vertreter einer studentischen Initiativgruppe forderten Wissenschaftssenator Glotz auf, den an Oberreuter ergangenen Ruf zu suspendieren. Dem Präsidenten der Freien Universität Berlin wurde nahegelegt, die Ernennungsurkunde so lange nicht zu unterzeichnen, „bis die Vorgänge restlos geklärt sind.“ Oberreuter stand ein „heißes“ Wintersemester 1978/79 an der hochpolitisierten Freien Universität bevor. Man werde, so wurde angekündigt, in universitätsöffentlichen Veranstaltungen Oberreuters Demokratieverständnis, geistige Haltung und fachwissenschaftliche Eignung überprüfen. „Sit-Ins“, massive Störungen seiner Lehrveranstaltungen, Pöbeleien und Aggressionen waren vorprogrammiert. Die Scharfmacher wollten Oberreuter aus dem OSI zu vertreiben. Die Wogen der internen und halböffentlichen Auseinandersetzungen schlugen so hoch, dass die Berufung Oberreuters zu scheitern drohte. Der Berliner Wissenschaftssenator Glotz war herausgefordert, seine Entscheidung vom Mai 1978 zu revidieren.

Peter Glotz stand in einer öffentlichen Vorwärtsverteidigung zur Berufung Oberreuters, dem auch prominente Politikwissenschaftler wie Kurt Sontheimer und Hans Maier zur Hilfe kamen. Sontheimer und Maier attestierten dem designierten Professor für Vergleichende Parlamentarismusforschung, dass er keinesfalls zu rechtsextremen oder faschistischen Überlegungen neige. Glotz erklärte in einer in der Süddeutschen Zeitung abgedruckten Stellungnahme (SZ Nr. 163, 19.07.1078), aus der ich auszugsweise zitiere:

„In der Tat habe ich Herrn Oberreuter – und zwar von Platz 3 einer mir hier in Berlin vorliegenden Liste – nach Berlin berufen. Dies geschah, weil er – wie die SZ ja auch schreibt – >fachlich unbestritten< ist. Herr Dr. Oberreuter ist in seinen Grundauffassungen sicher eher ein Konservativer. Aber er ist eben auch ein exzellenter Wissenschaftler. Im Unterschied zu manchen konservativen Ländern werden in dem sozial-liberal regierten Berlin auch konservative Wissenschaftler (wenn sie exzellent sind) berufen. Ich habe im Zeitpunkt der Berufung keine Ahnung von den Äußerungen von Herrn Dr. Oberreuter gehabt. Sie sind auch sicherlich fahrlässig und geschmacklos – eben >Kraftsprüche<, wie Sie auch schreiben. Das berufliche Schicksal eines ansonsten untadeligen Mannes darf an solchen Kraftsprüchen aber nicht Schaden nehmen Ich habe es zu oft erlebt, wie Wissenschaftlern mit >linken< Auffassungen aus einzelnen Äußerungen, die sie irgendwann gemacht hatten, ein politischer Strick gedreht werden sollte. Ich weigere mich, Menschen nach >Zitaten< zu beurteilen, die irgendwo herausgefischt und der Öffentlichkeit mit spitzen Fingern präsentiert werden. Dies gilt nach links, dies gilt selbstverständlich auch nach rechts. Das kann selbstverständlich nicht heißen, dass Wissenschaftler Narrenfreiheit haben. Es gibt wissenschaftliche und politische Äußerungen, die einen Mann disqualifizieren können. Wir sollten uns aber hüten – und zwar alle – zu leichtfertig und auftrumpfend jeden Fehler, den ein anderer macht, gegen ihn öffentlich zu verwenden. Das, was man da mit einem politischen Gegner praktiziert, kann einem am nächsten Tag schon leicht selbst passieren…“

Diese Verteidigung der Berufung Oberreuters sprach mir, emotional ausgedrückt, aus dem Herzen. In der Sache fand ich sie angesichts der Berliner Verhältnisse mutig und verständlich. Wir gestehen uns und anderen nicht gern Fehler ein. Geirrt und gefehlt zu haben wird bei uns von Unfehlbarkeitsaposteln und Vertretern reiner Lehren mit Abschätzigkeit geahndet. Es hatte einiger Lehr- und Lernjahre bedurft, bis ich auf Wegen des trial and error angesichts einer komplexen und unüberschaubaren Welt im Denken und Handeln zu einer reiferen Sicht und fundierten Einstellung gelangt war.

Ich wurde im Sommer 1978 unmittelbar vor meiner Abreise in die USA direkt in die Auseinandersetzungen verwickelt. Kollegen aus dem Otto-Suhr-Institut und dem Zentralinstitut suchten mich an meinem Arbeitsplatz auf und forderten mich als Kenner der politischen Verhältnisse und Beziehungsgeflechte Bayerns auf, nach weiteren schriftlichen und mündlichen Äußerungen Oberreuters zu suchen, aus denen ihm ein politischer Strick gedreht werden könnte. Um Oberreuter abzuschießen, war ihnen jede Schnüffelei recht. Die Verfolgung nahm Formen einer Treibjagd an. Die Aufforderung, mich daran zu beteiligen, löste in mir größten Widerwillen aus. Soweit mir zu diesem Zeitpunkt Oberreuters Publikationen zum Parlamentarismus bekannt waren, hatte ich darin kein rechtsradikales oder gar faschistisches Denken und Argumentieren entdeckt. Ich lehnte es ab, mich in denunziatorische Aktionen verwickeln und in die laufende Diffamierungskampagne einspannen zu lassen. Es kam mir nach meinen eigenen Erlebnissen mit der Stasi und Kurieren des Kalten Krieges vor, als sollte ich wiedermal als Spitzel eingesetzt werden, obschon der Vergleich sicher hinkt. Obwohl ich Oberreuter bisher nicht auf einer akademischen Plattform getroffen hatte, entschloss ich mich, ihn brieflich über die Vorgänge zu informieren und meinen Widerwillen gegen diese Methoden verdeckter Observation auszudrücken. Es blieb bei einem kurzen Briefwechsel, der sich – zu dieser Zeit nicht hervorsehbar – erst drei Jahre später auf meinen weiteren wissenschaftlichen Werdegang auswirken sollte. Mit meiner mehrmonatigen Reise in die USA ließ ich die Berliner Querelen für einige Zeit hinter mir.

Der Tod Prof. Dr. Otto Stammers und mein Flug in die „Neue Welt“

Mein akademischer Ziehvater und Mentor Otto Stammer, der langjährige Leiter des Instituts für politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, starb am 12. September 1978 im Alter von 77 Jahren. Drei Tage später flog ich zum ersten Mal in meinem Leben in die „Neue Welt“. In den Tagen vor meinem Abflug hatte ich noch mitgeholfen, seine Beerdigung zu organisieren. Mein Flug nach Nordamerika war eine Reise zurück in meine Jugendzeit, in die Zeit der US-amerikanischen Reeducation-Politik, und voll von Überraschungen und neuen Erfahrungen.

Stammer hatte meinen Werdegang von der studentischen Hilfskraft über den wissenschaftlichen Hilfsarbeiter bis zum Assistenzprofessor maßgeblich bestimmt. Er hatte mir in Konfliktsituationen Rückendeckung gegeben und mir geholfen, mich gegen personelle Widerstände durchzusetzen. Er hatte mich nach bestandenem Diplomexamen im Fach Soziologie sofort als wissenschaftlichen Assistenten übernommen, er war mein Doktor- und Habilitations-Vater gewesen. Solange er als Wissenschaftlicher Leiter und Spiritus Rector dem institutsinternen Arbeitskreis Parteienforschung vorgestanden hatte, war ich sein organisatorischer Gehilfe gewesen. Was Hans Maier in München für seinen Zögling Heinrich Oberreuter gewesen war, hatte cum grano salis Stammer für mich dargestellt. Unsere Ziehväter repräsentierten zwei unterschiedliche Wissenschafts- und Forschungswelten. Stammer, Jahrgang 1900, war im Kaiserreich aufgewachsen und in der Weimarer Republik politisch sozialisiert worden. Maier, Jahrgang 1931, gehörte ein Lebensalter später der Kriegsgeneration des Zweiten Weltkrieges an. Er wuchs in der langen Prosperitätsphase der Bundesrepublik Deutschland heran. Der gläubige und seiner Kirche eng verbundene Katholik Maier ging in die Politik, avancierte zum bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kultur und wurde Präsident des Deutschen Katholikentages. Stammer blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in Distanz zur politischen Sphäre und ging ganz in der Leitung des Instituts für politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin auf. In Hans Maiers Autobiografie (Maier, 213, S. 135) „Böse Jahre gute Jahre“ kommen Stammer und der Schüler- und Forscherkreis um ihn – ausgenommen Peter Christian Ludz – nicht vor.

Prof. Dr. Otto Stammer im Alter von 75 Jahren, Oktober 1975; Photo: Ludwig Binder, Berlin

Mit Stolz hatte mich 1975 Stammers Dankesrede erfüllt, die er im Schöneberger Rathaus auf der offiziellen Feier seines 75. Geburtstages gehalten hatte. In einem Rückblick auf sein politisches und wissenschaftliches Leben hatte er ausdrücklich hervorgehoben, sich gewünscht zu haben, für seine Partei eine so hervorragende Studie verfasst zu haben wie ich die meine über die CSU. Er hatte, wie aus seinen Gutachten hervorgegangen war, große Stücke auf mich gehalten und mich am Ende seines Lebens als einen seiner akademischen Nachlassverwalter eingesetzt. Allerdings konnte ich diese Aufgabe aufgrund meiner beruflich unsicheren Situation nicht erfüllen. Im Zentralinstitut wurde ein anderer Weg gefunden.

Förderer und Freunde

Zu meinen persönlichen Förderern, die mich nach Westdeutschland zu Vorträgen und Lehrstuhlvertretungen einluden oder meine Bewerbungen auf Professuren unterstützten, gehörten eine Reihe älterer renommierter Wissenschaftler, darunter die inzwischen verstorbenen Professoren Martin Broszat, Mario Rainer Lepsius, Hans Mommsen, Hans-Gerd Schumann und Rudolf Wildenmann. Aber auch schon Nachwuchswissenschaftler, die erst kurz zuvor in Professuren eingerückt waren, wie Ulrich von Alemann, Nils Diederich, Jürgen Fijalkowski, Karl Rohe, Uwe Thayssen, Joachim Veen und last but not least Heinrich Oberreuter, brachten mich mit Gutachten voran. Ohne die Hilfe von Alpha-Tieren der Fachwissenschaften und ohne Netzwerke wären die Chancen gering gewesen, in eine Professur zu gelangen.

Martin Broszat hatte mich noch vor meiner Passauer Zeit wiederholt zu Vorträgen über die CSU und die gesellschaftlich-politische Entwicklung Bayerns nach 1945 nach München ins Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eingeladen. Die Stiftung Volkswagenwerk hatte von 1980 an das vom IfZ breit angelegte Forschungsprojekt „Politik und Gesellschaft in der US-Zone 1945–1949“ finanziert, das in mehreren Teilprojekten durchgeführt wurde. Broszat war daran interessiert, meine Forschungsmaterialien und -ergebnisse auch für Projekte des Instituts nutzbar zu machen. Das wiederum war meinem Traumprojekt einer „Staats- und Gesellschaftsgeschichte Bayerns nach 1945“ entgegengekommen. Allerdings blieb offen, inwieweit es zu einer institutionellen Koppelung kommen konnte. Mir war die Zusammenarbeit mit dem von Broszat geleiteten IfZ viel lieber als eine mögliche Kooperation mit der an bayerischen Universitäten etablierten bayerischen Landesgeschichtsschreibung. Nachdem ich mein Traumprojekt in Passau nicht realisieren konnte, übergab ich Ende der 1980er Jahre dem IfZ das „geheimnisvolle CSU- Spezialarchiv Mintzel“, das Eingang in die dreibändige Dokumentation der „Protokolle und Materialien zur Frühgeschichte der Christlich- Sozialen Union“ fand. Ich bat mir bei der Übergabe eine Mitherausgeberschaft aus, weil Zweidrittel der von Barbara Fait und mir im Auftrag des Instituts veröffentlichten Dokumente, etwa 1200 Seiten, aus der „Sammlung Mintzel“ stammten. Meine Mühen und Strapazen in zwei Jahrzehnten CSU- und Bayern-Forschung wollte ich mit dieser Mitherausgeberschaft belohnt haben. Im Sommer 1980 lud mich Broszat ein, auf dem Würzburger Historikertag in der Sektion 9 „Deutsche Nachkriegsgeschichte nach 1945 – Neuanfang oder Restauration“ einen Vortrag zum Thema „Das westdeutsche Parteiensystem bis zum Ende der 50er Jahre“ zu halten. Broszat nahm meinen Beitrag unter dem Titel „Der akzeptierte Parteienstaat“ in die Schriftenreihe des IfZ auf (Bd. 61, S. 75-94). Ein anderer prominenter Förderer, der es mir ermöglichte, die Berliner wissenschaftliche Plattform zu verlassen und mich nach Westdeutschland zu orientieren, war der Münchner Historiker Gerhard A. Ritter (1929–2015).

Rainer Lepsius und der Mannheimer Initiationsritus

Einer der Großen seines Faches, der Soziologe M. Rainer Lepsius (1928–2014), Spross einer alten Gelehrtenfamilie, spielte in meiner wissenschaftlichen Karriere zweimal eine (mit-) entscheidende Rolle. Ich lernte ihn im Wintersemester1979/80 persönlich kennen, als ich an der Universität Mannheim den Lehrstuhl des Politikwissenschaftlers und Wahlforschers Rudolf Wildenmann vertrat. Wildenmann hatte für längere Zeit eine Gastprofessur an der Europäischen Hochschule in Florenz/Fiesole angenommen und mir angeboten, seinen Mannheimer Platz einzunehmen. In der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Mannheim war es üblich, den Gastdozenten oder Lehrstuhlvertreter zu einem Vortag vor der gesamten Fakultät zu verpflichten. Der Neuling oder Gast musste vor der versammelten Kollegenschaft über ein Thema seiner Wahl sprechen und sich anschließend in einer Diskussion bewähren. Lepsius war in dieser Runde ein gefürchteter Diskutant. Mit bohrenden Fragen und scharf formulierten Einwänden nahm er den Vortragenden in den fachlichen Schwitzkasten. Unterlag man im Rededuell, war dies ein herber Prestigeverlust. Gewann man die Unterstützung und Zustimmung von Lepsius, sekundierte dieser gar die Argumente und Beweisführung des Gastes, dann war man gewissermaßen fachlich geadelt. Es war eine Art höherer Initiationsritus, der Folgen hatte. Ich referierte über mein großes Thema und das war selbstverständlich die „CSU und Bayern“. Lepsius trat in der Diskussionsrunde auf meine Seite, spitzte meine Thesen zur „Dualität von Partei und Staat“ zu und zeigte sich von meinen Forschungsergebnissen angetan. Die Mannheimer Wahl- und Parteienforscher um Wildenmann und Max Kaase, die andere empirische Wege verfolgten, ließen meine politische Soziologie gelten. Was mich als Parteienforscher mit Lepsius besonders verband, war die politisch-soziologische Fragestellung nach „Demokratie in Deutschland“ und die Orientierung am Werke von Max Weber. Lepsius hatte 1966 in seiner Betrachtung des deutschen Parteiensystems von 1871 bis 1928 das begriffliche und empirisch-analytische Konzept des „sozial-moralischen Milieus“ vorgestellt, das sich auch für meine Parteienforschung als ein fruchtbarer Ansatz erwies. In meinem parteiensoziologischen Werk „Die Volkspartei. Typus und Wirklichkeit“ (1984) ging ich nochmals ausführlich auf die Thesen von Lepsius ein. Als ich mich 1981 auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Passau bewarb, saß Lepsius als externes Mitgied in der Passauer Berufungskommission.

19. Jubiläum 350 Jahre Mintzel-Druck – Reise nach Leipzig, 1976

Mein Vater hat mich nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel (1600–1653) benannt, dem Gründer der Mintzelschen Buchdruckerei. Schon als Jugendlicher hatten mich die Lebensgeschichten meiner Vorfahren, von denen ich in direkter Linie abstamme, in ihren Bann gezogen. Ich identifizierte mich besonders mit dem genannten Begründer der Buchdrucker- und Verlegerdynastie Mintzel sowie mit dem letzten Buchdrucker und Verleger, Johann Heinrich Mintzel (1763–1840). Ihnen widmete ich meine großen Studien über die CSU (1975/78; 1977), weil sie mich als innere Autoritäten ermutigt hatten, kritische Situationen zu bewältigen. Beide mussten schwere Zeiten durchstehen, Johann Albrecht Mintzel im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), Johann Heinrich Mintzel zur Zeit der Freiheitskriege 1814/15 und in der nachfolgenden Periode der Restauration.

Buchdruckerei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Abbildung aus der Jubiläumsschrift der Leipziger Buchdrucker-Innung, 1640

1967 begann ich mit der Niederschrift der Geschichte der Drucker- und Verlegerdynastie Mintzel, die in fünf aufeinander folgenden Generationen über 224 Jahre dieses „gebildete Handwerk“ betrieb. Mintzel-Druck war in Deutschland die älteste Buchdruckerei, die seit 1625 ununterbrochen in Familienhand geführt worden war. Johann Albrecht Mintzel hatte sie in Leipzig gegründet und im Jahre 1642 aus dem vom Krieg schrecklich heimgesuchten Leipzig nach Hof an der Saale überführt.

Im Juni 1976 wurde – allerdings mit einem Jahr Verspätung – das 350jährige Jubiläum ihres Bestehens gefeiert. Die Firma lud mich als namensgleichen direkten Nachkommen des Gründers und als Kenner der Firmengeschichte dazu ein, vor versammelter bayerischer Prominenz den Festvortrag zu halten. Simon Nüssel, Staatssekretär im bayerischen Landwirtschaftsministerium, hielt im Namen der bayerischen Staatsregierung eine Rede und überraschte die Zuhörer und mich mit einem Lobpreis auf meine große Studie über die „Anatomie einer konservativen Partei“: „Nun“, so sagte er, „wir haben ja alle die neuesten Forschungsergebnisse von Dr. Alf Mintzel gelesen, dem ich im Übrigen für seine hervorragende >anatomische< Arbeit über meine eigene Partei meine Anerkennung aussprechen möchte.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Solche parteioffiziellen öffentlichen Belobigungen lösten in mir jedes Mal zwiespältige Gefühle aus, weil ich um meine unabhängige Rolle als freischwebender Intellektueller und Parteienforscher besorgt war. Ich befürchtete zudem, dass sich ein solches (Partei-)Lob bis Berlin herumsprechen und dort meine Berufschancen als Wissenschaftler beeinträchtigen könnte. Die CSU und ihr Parteivorsitzender Franz Josef Strauß hatten an der FU Berlin den Ruf eines Stoßtrupps der Reaktion.

Die Einladung der Firma Mintzel-Druck veranlasste mich zu einer Inspektionsreise nach Leipzig, um meine Forschungen über die Leipziger Druckerei- und Gewerbegeschichte und meine topografischen Kenntnisse vor Ort zu vertiefen. Ich wollte mir ein Bild machen von den Verhältnissen im 17. Jahrhundert, von der ehemaligen Lage des Wohnhauses und der Mintzelschen Druckerei. Dazu leisteten mir originale Stadtansichten Leipzigs aus den Werkstätten der Kupferdrucker Georg Braun/Franz Hogenberg und Matthäus Merian gute Dienste. Ich hatte sie eigens zu diesem Zweck in Antiquariaten gekauft. Da Leipzig auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik lag, musste ich 1976 einen Einreiseantrag stellen und auf die Genehmigung warten. Ich musste mein Reiseziel, die Zeit meines Aufenthaltes, die Wohnadresse, die Kontaktperson, den Zweck meines Besuches und den mitgebrachten Geldbetrag genau angeben. Dies alles wurde druckförmlich abgefragt, registriert, kontrolliert, abgestempelt und von Stellen und Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes beobachtet und protokolliert. Eigentlich hätte ich als Bürger der besonderen politischen Einheit Westberlin nach den Bestimmungen der ostdeutschen Machthaber gar nicht einreisen dürfen. Doch besaß ich, wie viele Westberliner Bürger, die aus Westdeutschland nach Berlin übergesiedelt waren, noch einen zweiten, halblegalen Pass, den der Bundesrepublik Deutschland. Es war damals eine gängige und westbehördlich geduldete Praxis, eine Art doppelte deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen, eine westberliner und eine westdeutsche, um die ostdeutschen Einreisebestimmungen zu unterlaufen. Wer kann sich heute noch diese Zustände und Umstände vor Augen führen?

Ost-Bürokratie; oben: Berechtigungsschein zum Empfang von Visa, unten: Transitvisum (verso)

Das Wohnhaus in Leipzig, 1627 bis 1631

In Leipzig angekommen schritt ich Gebäude für Gebäude ab, um die Wegstrecken wiederzuerkennen, die Johann Albrecht Mintzel rund dreieinhalb Jahrhunderte zuvor zurückgelegt haben musste. Mit Hilfe von alten Berichten und Originalkupferstichen begleitete ich ihn auf seinen Gängen, beobachtete durch seine Augen das imaginäre Vorstadttreiben auf dem Grimmaischen Steinweg und das alte grafische Viertel. Die Mintzelsche Druckerei hatte ihren Sitz in der Querstraße, die noch heute diesen Namen trägt.

Die Stadt Leipzig, um 1615, nach einem Kupferstich von Andreas Bretschneider; Kennzeichnung: Lage des Mintzelschen Wohnhauses

Aus der Höhe und Perspektive des Kupferstiches von Andreas Bretschneider schaue ich auf die Stadt hinunter. Die ganze ummauerte Stadt samt den Vorstädten liegt schräg unter mir, im Vordergrund das mächtige Grimmaische Tor mit seinem Vorwerk. Links vorne das Peterstor, rechts außen die große Eckbastei, im östlichen Mauerabschnitt.

Bereich um Grimmaische Straße und Grimmaischen Steinweg heute

Ein Blick auf den heutigen Stadtplan lässt sofort erkennen, dass der ehemalige Mauerring mitsamt seinen Basteien und Toren längst einem modernen Verkehrsring gewichen ist. Wo früher die Befestigungsmauern die Stadt schützten, laufen heute breite Ringstraßen um die ehemalige Innenstadt: Georgiring, Tröndlinring, Goerdelerstraße, Dittrichring, Martin-Luther-Ring, Rossplatz

Auf einer Planskizze, die Arthur Schlichter 1974 von der Lage des ehemaligen Arnolt/Mintzelschen Wohnhauses für mich angefertigt hat, erkenne ich die Lage des Wohnhauses der Druckerfamilie. Es liegt vor dem Grimmaischen Tor gleich linker Hand (wenn wir vom Tor aus stadtauswärts sehen, ganz vorne), mit direkter Sicht auf den Stadtgraben und die Stadtmauer, und grenzt an den breiten, unbebauten Streifen und Fahrweg, der rund um Leipzig entlang der Mauer führt. Zur Einmündung des Grimmaischen Steinweges – der Straßenabschnitt heißt heute noch so – sind es nur dreißig bis fünfzig Meter, das Haus der Mintzels liegt zwei Häuser von der Ecke entfernt. Die Familie hat freien Blick auf die Zollschranke und das Zollhäuschen, die noch vor der Holzbrücke liegen.

Grimmaisches Tor mit Teilen der Vorstadt, Kupferstich aus Braun und Hogenberg, um 1617 (Ausschnitt); Kennzeichnung: Lage des Mintzelschen Wohnhauses

Über die Brücke geht es in die Stadt hinein. Vor dem Grimmaischen Tor herrscht reger Verkehr, Pferdegespanne ziehen schwerbeladene Leiterwagen in die Stadt. Knechte transportieren Waren auf Schubkarren aus der Stadt hinaus und in die Stadt hinein. Eine Reitergruppe sprengt heran, die Hufe wirbeln Staub auf, die Pferde wiehern und schnauben, es geht heimwärts in die Stadt. Ein Hund rennt einem Reiter hinterher. Fußgänger kommen des Wegs, Tragekörbe auf dem Rücken und in der Hand einen Stock. Bundhosen, zerschlissene braune Kittel. Am Zollhaus entsteht Gedränge, die Kontrolle der Passanten ist streng nach Vorschrift, nur Stadtbürger und bekannte Beisassen dürfen schnell passieren, bei den anderen dauert es länger. Jeder Fremde muss sich ausweisen, wird gefragt, woher er kommt und wohin er in Leipzig gehen will, welche Waren er einführt; er muss eine Zollgebühr entrichten, die Akzise. Jeder Fremde bedeutet eine potentielle Gefahr, es könnte ein Gauner sein, ein Hasardeur, ein gesuchter Mörder, ein verkleideter Spion, ein Hexer. Gefahr! Gefahr! Jeder Fremde wird von der Torwache argwöhnisch gemustert, seine Papiere werden in Augenschein genommen – und, falls er Waren einführt, sein Geldbeutel erleichtert. Ein Gutteil der städtischen Einnahmen stammt aus den Zollgebühren, die an den Stadttoren erhoben werden. Johann Albrecht Mintzel ist ein stadtbekannter Bürger, Buchdrucker und Vorsteher der Buchdrucker-Innung, er darf frei passieren. Er wechselt ein paar scherzhafte Worte mit den städtischen Zollschreibern. Er kennt sie alle beim Namen und sie kennen ihn, denn Mintzel hat fast täglich in der Stadt zu tun, er muss häufig mit Verlegern Druckaufträge besprechen und auch mit Autoren Gespräche führen. Die Zollschreiber und das Wachpersonal winken ihn durch.

All das sah ich vor mir. Eine illusionistische Spiegelung, eine historische Fata Morgana. Vorbei! Plötzlich stand ich wieder an Leipzigs Hauptpostamt, an der Ecke Georgiring und Grimmaischer Steinweg. Das große, modernistische, erst nach dem Zweiten Weltkrieg hochgezogene Postgebäude befindet sich genau auf der Fläche linker Hand, wo bis 1631 die Vorstadthäuser vor dem Grimmaischen Tor gestanden hatten, exakt auf dem ehemaligen Gelände des Wohnhauses der Buchdruckerfamilie Mintzel. Nichts erinnert mehr an die alte Stadtmauer, an den Wassergraben, an das Vorwerk, an das Zoll- und Wachhaus, an die Brücke zum Torturm, an die ein- bis zweistöckigen Vorstadthäuser. Alles ist verschwunden, zum Teil schon im Dreißigjährigen Krieg zerstört und abgetragen worden.

Langsam wanderte ich zu der Stelle, an der das Wohnhaus der Buchdruckerfamilie Mintzel gestanden haben musste. Hier ist der Innungsmeister Mintzel gegangen, hier an dieser Stelle. Selbst mit größter Phantasie hätte er sich nicht vorstellen können, wie es dort 350 Jahre später ausschauen wird. Seine Welt ist untergegangen.

Unter Beobachtung des Staatsicherheitsdienstes

Erst über meine Stasi-Akte, die mir Anfang Mai 2002 die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) übermittelt hat, erfuhr ich, dass meine Forschung bespitzelt worden war. Tatsächlich wurde ich wegen meiner sozialwissenschaftlichen Tätigkeit als Soziologe und meiner Kontakte in die DDR über Jahre beschattet. So auch auf dieser Reise: Ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes beobachtete mein merkwürdiges Abschreiten und optisches Vermessen. Er wird der HA XX/5, einer Hauptabteilung des Stasi, einen Bericht über seine Observation geben. Er wird niemals wissen, was ich observiert habe. Ich betreibe mutmaßlich, wie es später im Bericht über die operative Maßnahme gegen die Zielperson Mintzel heißen wird, „Geneaontologie“. Urkunden und firmen- und gewerbegeschichtliche Dokumente aus DDR-Archiven zu beschaffen, war in der Tat wegen der äußerst scharfen Bestimmungen ein riskantes und beschwerliches Unternehmen. Das Ratsarchiv der Stadt Leipzig unterlag seit 1974/75 außerordentlich verschärften Benutzungsbestimmungen Ich hatte in Leipzig und Ost-Berlin heimliche Helfer, die in meinem Auftrag nach Dokumenten und Quellen zur Leipziger Gründungsgeschichte der Mintzelschen Buchdruckerei gesucht hatten – für Dr. Adalbert Brauer, Arthur Schlichter, Ruth Spindler und Rudolf Waldmann müsste ich ein kleines Denkmal des Dankes setzen. Brauer war der Archivleiter des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Schlichter der verpflichtete Protokollant des Kirchenbuchamtes Leipzig, Ruth Spindler stammte aus einer Künstlerfamilie, Waldmann war Angestellter eines Ostberliner Museums. Über sie erhielt ich auf Schleichwegen Kopien der Gründungsurkunden von 1625 und des Hauskaufes von 1627. Über Jahre bezahlte ich die Beschaffung genealogischer und gewerbegeschichtlicher Daten mit Naturalien aller Art: Bananen, Feigen, Datteln, Orangen, Kaffee, Schokolade, Zigaretten, Haushaltsartikel. Alles, was sich Ostberliner und DDR-Deutsche so sehnlichst wünschten. Über Transfereinrichtungen des Handels zwischen der BRD und der DDR lieferte ich für Mikrofilme, die auf verborgenen Transportwegen in die BRD gebracht worden waren, eine Badewanne nach Ost-Berlin. Durch den von der DDR-Seite streng bewachten Übergang Friedrichstraße ging ich selbst wiederholt in den Ostteil Berlins, um meine Helfer mit Waren aus dem Westen zu versorgen und damit zu bezahlen. Heute mag das alles abenteuerlich klingen und fast unglaubhaft erscheinen.

Oben: „Erklärung über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel“; unten: Beleg über ausgeführte Zahlungsmittel und „in der DDR als Geschenk erhaltene oder durch Kauf erworbene Gegenstände“

Die jüngere Forschergeneration kann sich kaum vorstellen, wie schwierig und mühsam im geteilten Deutschland solche Recherchen waren. Im vordigitalen Zeitalter hatten zudem die Bibliotheken viele Druckwerke des 17. Jahrhunderts noch nicht erfasst und reproduziert. Über den nationalen und internationalen Bibliotheksdienst nach alten Drucken zu suchen, war zeitraubend und häufig vergeblich. Wer heute über die digitalen Dienste nach Druckwerken der Buchdrucker und Verleger Mintzel sucht, findet in Sekundenschnelle viele Hunderte Nachweise und Reproduktionen. Umso ärgerlicher ist der arrogante und ignorante Habitus von jungen Kritikern, die in ihren buchwissenschaftlichen Besprechungen in einer Art von selbstgefälliger Korinthenkackerei drucktechnische und buchgeschichtliche Mängel nachweisen. Ein Musterbeispiel der Arroganz und Ignoranz bietet der Mainzer Drucktechniker und Buchwissenschaftler Dr. Dipl.-Ing. Christoph Reske, der sich in seiner handwerklichen Beckmesserei auf drucktechnische und buchgeschichtliche Aspekte kapriziert, die ich in meinem Konzept ausdrücklich vernachlässigt habe. Er lässt dagegen meine gesellschaftlichen, politischen und personengeschichtlichen Ausführungen, die den eigentlichen Kern und die inhaltliche Substanz meiner gewerbe- und firmengeschichtlichen Studien ausmachen, weitgehend außer Acht. (Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie. Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag, 2 Bände, Berlin 2011). Ich schildere Erfolg und Misserfolg, Hoffnungen, die sich manchmal nicht erfüllen, Ereignisse, die eine glückliche Wende herbeiführen, Einquartierungen und Brände, Krankheit und Leid, den Tod von Kindern, Sorgen, Nöte und Mühen. Das alles interessiert den Drucktechniker bestenfalls nur am Rande. Die politischen Umstände der Forschung im geteilten Deutschland werden mit keinem Wort erwähnt. (Historische Zeitschrift 294/2012, S. 157–159).

Friedhofbegehung: Kindersterben und Elternleid

Buchdrucker Mintzels Ehefrau hatte elf Kindern das Leben geschenkt. Nur zwei überlebten, Florentina und Gottfried. Alle waren noch vor dem gefährlichen Umzug nach dem markgräflich-brandenburgischen Hof in Leipzig zur Welt gekommen, drei Mädchen und acht Buben. Allein zwischen dem 18. September und dem 9. Oktober 1633 starben kurz hintereinander fünf Kinder. In Leipzig war die Pest ausgebrochen, eingeschleppt von der Soldateska des Dreißigjährigen Krieges. Das Sterben war so groß, die Zahl der dahingerafften Kinder so schrecklich hoch, dass bei der kirchenamtlichen Buchführung nicht einmal mehr die Namen der Kinder genannt wurden. Es heißt im Ratsleichenbuch nur „ein Knäblein“, „ein Mägdlein“, „zwey Kinder“, sie werden zu Nummern einer namenlosen Registratur. Lediglich der Vater wird verzeichnet, der Buchdrucker und Verleger Johann Albrecht Mintzel.

Alle neun in Leipzig verstorbenen Kinder der Buchdruckerfamilie Mintzel wurden auf dem Sankt Johannisfriedhof in der Grimmaischen Vorstadt begraben. In stiller Trauer beschritt ich mit meinem Stadtplan den gleichen Weg, auf dem Johann Albrecht Mintzel und seine Frau Maria in den Jahren von 1627 bis 1642 neun Kinder zu Grabe getragen hatten.

St. Johannes-Kirche in Leipzig, Kupferstich von Johann Stridbeck jun., 18. Jahrhundert

Bei jedem Begräbnis zieht der kleine Leichenzug vom Wohn- und Druckhaus auf dem Neuen Markt, wo die Buchdruckerfamilie seit 1631 lebt, hinaus aus der Stadt. Sie durchquert auf dem Grimmaischen Steinweg die 1631 fast völlig zerstörte Vorstadt bis zum Friedhof. Dieser ist ummauert, in seinem Geviert steht eine kleine gotische Kirche, die wie ein Wunder im Kriegsjahr 1631 die Verwüstung der Vorstadt überstanden hat. In der Kirche segnet der Prediger die Kinder ein. Das Elternpaar Mintzel steht mit Verwandten und Druckereigehilfen am Grab. Der Pastor erinnert an die Verheißungen des Glaubens, Wiedersehen im Himmel, Gott liebt die Kindlein und weiß, warum er sie zu sich genommen hat. Alles hat seinen göttlichen Sinn. Leid ist Gottes Prüfung. Die himmlischen Freuden sind Gottes Lohn für Gottesfurcht und Gottvertrauen.

343 Jahre später, im Jahr 1976, ist der Friedhof seit langem aufgelassen und in eine Parkanlage umgewandelt. Die Kirche steht nicht mehr, sie wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Im Rasen erinnern ein paar Steinplatten an die frühere Lage der Gräber. Niemand kennt mehr die verstorbenen Kinder, die hier einstmals begraben wurden. Es ist, als hätten sie niemals existiert. Nur noch die Registriernummern vergangener Zeiten zeugen von ihnen. Alles ist Windhauch.

Nur ein Sohn überlebte die Leipziger und Hofer Kriegsjahre: Gottfried Mintzel war 1642 noch in Leipzig geboren worden. Er machte als Säugling den Umzug seiner Eltern nach dem markgräflich-brandenburgischen Hof an der Saale mit und übernahm dort im Jahre 1662 in zweiter Generation die Mintzelsche Buchdruckerei. Schon auf ihrer riskanten Übersiedlung hätte die Familie von marodierenden Söldner umgebracht werden können. Kaum hatte Mintzel und die Seinen sich in Hof niedergelassen, wurde Gottfried bei einem Überfall kaiserlicher Truppen schlimm gemartert. Soldaten schmissen ihn im Wohnhaus so heftig gegen eine Wand, dass er zeitlebens hinkte. Meine Existenz verdanke ich genealogisch auch dem Zufall, dass Gottfried den Überfall überlebte und 1664 eine Familie gründen konnte.

Wie haben damals die Eltern den Verlust von elf kleinen Kindern verkraftet? Wie haben sie sich getröstet? Was haben sie darüber gesprochen? Mögen Eltern in jenen Zeiten hoher Kindersterblichkeit mit dem Tod mehrerer Kinder gerechnet haben, mögen sie durch die Lebens- und Zeitumstände vielleicht auch abgehärtet gewesen sein, so machte sie doch jeder Kindstod um ein Stück Zukunft ärmer und ihre Altersversorgung noch unsicherer, als sie es schon ohnehin war. Mit dem Ableben jedes Kindes schwand auch ein weiteres Stück Hoffnung, die Buchdruckerei später einem Spross übergeben zu können. Den Eltern half nur die Ergebenheit in das unabwendbare, von oben auferlegte Schicksal und die Tröstungen des christlichen Glaubens über ihr Leid hinweg. Johann Albrecht Mintzel drückte seine persönliche Leidenserfahrung in einem seiner zahlreichen Gelegenheitsgedichte 1649 so aus: „Was uns allhier kann erfreuen, was lieb und angenehm: Das führt der Tod an den Reigen des Totentanzes, ganz grausam und geschwind, macht Witwen, Waisen viel und manch betrübtes Kind! Dies haben wir leider! Ach! Mit Herzensschmerz erfahren, was er verübt an uns sogar in kurzen Jahren.“

Die hohe Kindersterblichkeit hatte Eltern nicht stumpf werden lassen, sie litten an dem Hinscheiden ihrer Kinder. Ihr Glaube verhieß ihnen, ihre unschuldigen Kinder fänden im Himmel gnädige Aufnahme. Die Kinder würden vom Chor der Engel erwartet und dort oben keine Qualen mehr erleiden. Diese Bilder gründeten in einer ungebrochenen Glaubensgewissheit.

Schicksal oder Zufall?

Ein Zufall? Im Jahre 1953 begegneten Inge Lu und ich uns in Würzburg zum ersten Mal. Es war am 27. März 1953 gegen siebzehn Uhr, bei trüben Wetter im Hofgarten der Würzburger Residenz. Inge Lu war erst fünfzehn Jahre alt, ich stand kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Drei junge Burschen und drei Mädchen, darunter sie und ich, hatten sich an diesem Spätnachmittag auf einer barocken Balustrade getroffen, um eine gemeinsame Radtour zu verabreden. Uns hatte anscheinend ein Zufall zusammengeführt An diesem Tag hatte sich zwischen Inge Lu und mir eine schüchterne Zuneigung entwickelt, aus der ein literarisch-versponnenes Liebesverhältnis werden sollte. Meine Tagebücher sind voller überschwänglicher und gefühlvoller Eintragungen.

Es mag im Jahre 1954 gewesen sein, als Inge Lu ihre Großmutter besuchte. Die Mutter ihrer Mutter verbrachte nahezu erblindet ihre alten Tage in einem Altersheim. Großmutter und Enkelin kamen ins Gespräch.
Die Großmutter fragte:
„Hast Du schon einen Freund?“
Die Enkelin hatte Hemmungen darüber zu sprechen, gab sich aber nach kurzem Zögern einen Ruck:
„Ja“.
Die Großmutter war neugierig, wollte wissen, wer es sei, und fragte weiter:
„Wie heißt denn dein Freund?“
„Alf Mintzel.“
Die Großmutter stutzte:
„Den Namen kenne ich, das ist eine alte Hofer Familie.“
„Die Mintzels kommen, glaube ich, aus Hof. Alf hat das mehrmals erwähnt.“,
erwiderte die Enkelin.

Großmutter Luise stammte aus Hof an der Saale. Sie erinnerte sich: „Ja, dort ist die alte Hofer Buchdruckerei Mintzel.“ Sie hatte nichts mehr gegen den Freund einzuwenden, der Name Mintzel war ihr vertraut. Inge Lu war froh, dass ihre Großmutter mütterlicherseits nicht negativ über „die“ Mintzels sprach. Ihre Großmutter väterlicherseits hatte sie vorher mit der abschätzigen Frage in rheinischer Tonart verunsichert: „Was willst Du mit diesem halben Portiönchen?“

Der Clou der kleinen Geschichte: Großmutter Luise war eine geborene Militzer und stammte aus dem Hofer Militzer-Clan. Beide Familien lebten seit Jahrhunderten nebeneinander im oberfränkischen Hof, sie kannten sich, allerdings ohne je versippt oder verschwägert gewesen zu sein. Die Großmutter meiner späteren Ehefrau stammte aus der Hofer Arztfamilie Militzer, die im Jahre 1848 das vormalige Mintzelsche Stammhaus gekauft hatte. Die Buchdrucker- und Verlegerfamilie hatte in diesem Haus von Trinitatis 1642 bis 1760/61 gewohnt. In diesem Haus hatte die Druckerei ihren Standort. In der Reihe späterer Eigentümer und Bewohner des Hauses begegnet uns Dr. Georg Militzer, ein praktischer Arzt, der mit seiner Familie bis 1858 dieses Haus bewohnt. Inge Lus Vorfahren, die Militzer, lebten in dem gleichen Haus, in den gleichen Zimmern, in denen meine Vorfahren Mintzel fast 120 Jahre lang gelebt hatten. Ein Zufall? Eine hintergründige Einmischung der Ahnen? Im Jahre 1953 begegneten sich zwei Nachkommen zweier alter Hofer Familien und begannen ein Liebesverhältnis, ohne von den gemeinsamen familiären Hintergründen zu wissen. Jahre verstrichen, ehe ich in alten Quellen diese Geschichte entdeckte. Sie gehört seitdem zur magischen Seite unserer Beziehung.

18. Spitzel, Stasi, Anwerbungsversuche

Das „Abenteuer Parteienforschung“ hatte noch andere, viel gefährlichere Seiten, die wiederum eng mit der Person Franz Josef Strauß zusammenhingen. Meine Forschungsreisen durch Bayern und meine Veröffentlichungen über die CSU waren von der „anderen Seite“ beobachtet worden. Die Hauptabteilung XX/5 des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR holte über mich Informationen ein. Die Stasi setzte in Westberlin einen sogenannten Informellen Mitarbeiter (IM) auf mich an, es war makabrer Weise ein Kollege aus dem Zimmer nebenan, der mich aushorchte und über meine wissenschaftlichen Exkursionen nach drüben berichtete. Wie ich erst im Mai 2002 über die „Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ aus den Stasi-Akten erfuhr, wurde ein Maßnahmeplan entworfen: Mit Erich Honecker, dem damaligen Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Mitglied des Staatsrates der DDR, wurden operative Maßnahmen gegen mich abgesprochen. Wegen der „Quellengefahr“ wurde strenge Vertraulichkeit angeordnet. Das Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung, wie das ehemalige Institut für politische Wissenschaft nach seinem Ausbau hieß, wurde von der DDR-Staatsführung und der SED „als führende Zentrale der politischen ideologischen Diversion gegen die DDR“ eingeschätzt. Verschiedene Vorgänge signalisierten mir damals, dass ich wegen meiner Forschung in gefährliche Gewässer geraten war. Wiederholt klopften Kuriere aus der DDR an meine Tür. Im April 1976 erhielt ich eine Einladung des „Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft“ in der DDR, eines think tanks der SED, um einen Vortrag über meine Forschungsergebnisse zu halten. Anschließend sollte ich mich an einer internen Diskussion beteiligen. Die Situation war so heiß geworden, dass ich nicht nur wie sonst die Leitung des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung informierte, sondern auch das Präsidialamt der Freien Universität Berlin und den Berliner Verfassungsschutz um Hilfe bat. Das Präsidialamt und die Staatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters von (West-)Berlin mussten ohnehin über Reisen in die DDR und in sogenannte Ostblockländer amtlich informiert werden. In Absprache mit den genannten Institutionen folgte ich der Einladung und fuhr mit erhöhter Wachsamkeit in Begleitung einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Zentralinstituts nach Ostberlin. Mir war von der Ostseite freie Durchfahrt durch die Mauer sowie straflose Mitnahme meiner Publikationen über die CSU und von Diskussionsmaterial zugesichert worden. So beschafften sie sich drüben die Literatur, die in der DDR nicht erhältlich war. Am Grenzübergang wurden wir von Volkspolizisten, den sogenannten Grenzsicherungskräften, durchgewinkt. Wir waren also angekündigt worden. Die Diskussion nach meinem Vortrag mündete, wie nicht anders zu erwarten war, in die Aufforderung zur wissenschaftlichen Kooperation. Das war die „honorige“ Form, als Spitzel angeheuert zu werden. Nach der Rückkehr berichtete ich unseren zuständigen Institutionen den Ablauf. Wie aus meiner Stasi-Akte hervorgeht, hatte der Staatssicherheitsdienst alles beobachten lassen und minutiös protokolliert. Er war durch seinen IM auch über meine enge Kooperation mit den Westberliner Stellen informiert worden. Die Kenntnis meiner operativen Absprachen mit dem Westberliner Verfassungsschutz und der Universitätsleitung hatte dann wohl dazu geführt, dass ich in den folgenden Jahren nicht mehr behelligt wurde. Mit Hilfe des Verfassungsschutzes konnten zwei der Kuriere, die mich öfter an meinem Arbeitspatz aufgesucht hatten, enttarnt werden. Merkwürdigerweise konnte ich seither allein und mit meiner Familie durch den Kontrollpunkt Hirschberg nach Bayern fahren, ohne jemals wieder aufgehalten zu werden.

Auch Funktionäre der Polnischen Militäradministration aus Berlin klopften an meine Tür im Institut. Sie wollten Auskünfte über die Außen- und Ostpolitik von Franz Josef Strauß einholen. Ich zitiere aus einem meiner Schreiben an den Präsidenten der FU Berlin vom 20. 03.1979: „Am Mittwoch, dem 14. März 1979, erhielt ich einen Anruf aus der Militärmission Polens in Berlin – am Apparat war wohl der 1. Botschaftssekretär persönlich – mit der Anfrage, ob ich zu einem Gespräch mit einem Angehörigen der Militärmission bereit sei und hierzu Zeit hätte. Ein Herr der Freien Universität Berlin habe mich als einen Kenner und Spezialisten in Bezug auf die CSU benannt. Die Militärmission Polens hätte gerne meine Stellungnahme zu einigen Fragen. Ich vereinbarte mit dem Anrufer einen Termin für heute, den 20.03.1979, 10 Uhr. Es kam pünktlich ein Herr, der sich aber als Mitarbeiter der Kulturabteilung in der Militärmission vorstellte. Das Gespräch, eine politische Unterhaltung im Stile des Höferschen Frühschoppens mit informierten Beobachtern, dauerte etwa eine Stunde. Ich verwies den Herrn auf meine Publikationen über die CSU und gab ihm meine neueste Veröffentlichung (Die CSU. Ein Überblick, Opladen 1977, Westdeutscher Verlag). Der Herr überreichte mir eine Flasche Wodka als Dank für meine politische Gesprächsbereitschaft. Er kündigte an, in etwa drei Monaten nochmals vorbeizukommen. Anruf und Besuch erfolgten in meinem Dienstraum in der Freien Universität Berlin (hier im Hause). Ich wurde in meiner Eigenschaft als informierter Wissenschaftler angesprochen. Ich unterrichtete jedes Mal die Verwaltung des ZI 6 über die Vorgänge.“

Eine wichtige Stütze der Bourgeoisie

In den 1970er Jahren gründeten studentische Polit-Aktivisten an den Westberliner Hochschulen kommunistische Zwergparteien, die Lehre und Forschung attackierten. Ich geriet an der Freien Universität Berlin in die ideologische Schusslinie der „Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG)“. In der „Kommunistischen Hochschulzeitung“, die diese Gruppe herausgab, wurde ich im Mai 1977 als eine wichtige Stütze der Bourgeoisie bezeichnet. „Das ZI 6 [gemeint war das Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung] scheint für die Bourgeoisie von Bedeutung zu sein. Es gibt dort (…) Mintzel, Sachkundiger in der CSU-Parteienforschung mit Geheimmaterial im Panzerschrank“. Ich würde, wie es damals in den APO-Jahren hieß, „Herrschaftswissen“ liefern. Die Vorwürfe waren hoch politisch-ideologisch aufgeladen und zielten an meinem Verständnis empirischer Parteienforschung vorbei. In der Tat hatte mir die Universitätsverwaltung nach den unerwünschten Besuchen von den Kurieren und wegen der allgemeinen Sicherheitslage zwei Stahlschränke für meine Materialien zur Verfügung gestellt, zu denen ich die alleinige Schlüsselgewalt besaß. Im Hause Nr. 16/18 der Babelsberger Straße, wo eine Reihe von Instituten der Freien Universität Berlin untergebracht waren, sah es inzwischen schrecklich verschmutzt und verschmiert aus. Die Wände waren mit revolutionären Emblemen und Parolen „verziert“, der Zugang zum Haus und zu den Räumen war nicht abgesichert. Nachts stellten sich dubiose Gestalten ein. Ich hatte die Universitätsverwaltung um Sicherheitsmaßnahmen für meine Materialien gebeten. Der oft so apostrophierte „Elfenbeinturm“ Universität war auch unter solchen Gesichtspunkten zu einer politisch-ideologischen Operationsbasis für revolutionäre Aktionen geworden. Es gab im Gebäude der Babelsberger Straße über Jahre ein seltsames und spannungsreiches Nebeneinander von seriöser Forschung und ideologischem Aktionismus. Einmal besuchte mich Rudi Dutschke und verwickelte mich in ein Gespräch über die CSU und meine Forschung. Im Unterschied zu seinen öffentlichen Auftritten diskutierte er ohne seine lutherische Predigerstimme ruhig und sachlich. Ein anderer (noch lebender) Aktivist, dessen Namen ich nicht nennen möchte, sperrte mich in mein Arbeitszimmer ein, um eine Unterschrift zu erpressen. Ich war dieses „Revoluzzerspiel“ längst leid. Ingorante Rezensenten meiner Buchveröffentlichungen, wie zum Beispiel Prof. Dr. Kurt Sontheimer, erwähnten ärgerlicherweise mit keinem Wort, unter welchen besonderen politischen Umständen und Risiken meine Studien zustande gekommen waren.

Team Teaching als Bewältigungsstrategie

Nachdem ich nach meiner Promotion 1974 in die Stelle eines Assistenzprofessors eingerückt war, musste ich zum ersten Mal im vollen Umfang das übliche Lehrdeputat von vier wöchentlichen Semesterstunden erfüllen. Bis 1974 war ich in dem Forschungsinstitut von Lehrverpflichtungen ausgenommen gewesen, ein Privileg, das es mir ermöglicht hatte, kontinuierlich an meinem Projekt zu arbeiten. Dieses Privileg war es auch gewesen, das mich in der APO-Zeit vor konfliktreichen und zum Teil chaotischen Lehrveranstaltungen bewahrte. Dies änderte sich 1974 schlagartig, als ich mit Beginn des Wintersemesters 1974/75 mit der Situation in der Lehre konfrontiert war. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre war es in den Lehrveranstaltungen noch relativ diszipliniert zugegangen. Die teilweise chaotischen Zustände traten erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ein und kulminierten dann in den 70ern, in der Zeit der mörderischen RAF-Aktionen. In den Seminaren stießen die verschiedenen studentischen Gruppen aufeinander und lieferten sich gegenseitig Wortgefechte und Grabenkämpfe: K(ommunistische)-Gruppen, Feministen, Trotzkisten und Sponti-Gruppen. Als Lehrender wurde man zeitweise zu einer Randfigur, die vorne zusehen musste, wie die Gruppen Fragestellungen des Lehrprogramms zurückwiesen, entsprechend ihren politisch-ideologischen Anschauungen umformulierten oder mit Gegenfragen boykottierten. Mit meinem ersten Seminar erlitt ich ein Fiasko. Die Seminarteilnehmer sagten mir in der einführenden Besprechung des Lehrprogramms ins Gesicht, die von mir aufgeworfenen Fragestellungen würden sie nicht interessieren. Sie wollten, darin waren sie sich einig, mein Arbeitsprogramm mit einem Gegenprogramm kippen.

Ich verfolgte bei der Bewältigung der schwierigen Lehrsituationen als logische Konsequenz aus meiner eigenen Laufbahn eine individualistische Strategie. Ich hatte mich in den Auseinandersetzungen weder in den von Hans Maier und anderen Professoren 1970 gegründeten „Bund Freiheit der Wissenschaft“ geflüchtet, um Widerstand und Gegenmacht zu üben (Maier 2013, S.171ff), noch mich der „Sozialistischen Assistentenzelle“ am OSI angeschlossen, um eine linke Flagge zu zeigen. Auch die Berliner „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ hatte mich nicht angezogen. Erneut setzte ich mich zwischen alle Stühle.

Die schlechten Erfahrungen ließen es mir geraten sein, zusammen mit einem in der Lehre erfahrenen Kollegen Seminare durchzuführen, also durch das team teaching zu lernen, wie chaotische Lehrsituationen bewältigt und Lehrprogramme relativ ungestört durchgeführt werden können. Ich fand in Prof. Dr. Jürgen Dittbener, dem Berliner FDP-Politiker und späteren Berliner Senator, einen Kollegen, der mir mit zugeflüsterten Handlungsanweisungen zu verstehen gab, wie ich auf Provokationen reagieren sollte. Manchmal war es nur eine kleine Handbewegung, mit der er mich davon abhielt, mit einer impulsiven Bemerkung die Situation eskalieren zu lassen. Außerdem nahm ich bei einem Berliner Psychoanalytiker an Gruppenseminaren teil, um gruppendynamische Vorgänge besser durchschauen und steuern zu können. Es gab nicht nur das „Abenteuer Parteienforschung“, sondern auch abenteuerliche, heute kaum mehr vorstellbare Verhältnisse in der Lehre.

Anfang der 1980er Jahre begannen sich die Verhältnisse allmählich zu normalisieren. Als ich 1981 an der Universität Passau als Ordinarius für Soziologie zu lehren begann, strickten noch einige Studentinnen nadelklappernd an Schals oder wer weiß an welchen Utensilien. Kollegen, denen ähnliches widerfuhr, fragten die Strickerinnen, wann das Baby käme, und meinten mit Ironie oder Sarkasmus die letzten Protestallüren austreiben zu können. Dann wurde es still. Die Universität Passau verstand sich im Grunde genommen als eine konservativ ausgerichtete „Gegengründung“, in der verdeckt darauf geachtet wurde, dass Berufene auch in die katholisch-konservative Landschaft passten. In der Idylle der bezaubernden Dreiflüsse-Stadt ließ sich gut leben und arbeiten. Die turbulenten und strapaziösen Universitätszeiten waren nahezu ausgestanden.

17. Wie Franz Josef Strauß mir CSU-Türen öffnete

Ein denkwürdiges Ereignis

Seit 1967 fuhr ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des damals von Prof. Dr. Otto Stammer geleiteten Instituts für politische Wissenschaft (des späteren Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung) an der Freien Universität quasi im Auftrag des institutsinternen „Arbeitskreises Parteienforschung“ kreuz und quer durch Bayern und besuchte fast alle Parteigeschäftsstellen und Großveranstaltungen der CSU. Stammer war neben Prof Dr. Ossip K. Flechtheim und anderen Hochschullehrern der älteren Generation einer der Nestoren der Parteienforschung und ein Mentor meiner CSU-Forschung. Nur mit seiner uneingeschränkten Unterstützung konnte ich fast zehn Jahre lang meine Bayern-Expeditionen durchführen und dramatische Situationen durchstehen. Viele Male besuchte ich in den 1960er und 1970er Jahren nicht nur die CSU-Landesleitung, sondern auch alle zehn Bezirksverbände. Mit der Zeit wurde ich von der Landesleitung automatisch eingeladen und unter die Ehrengäste platziert. Oft saß ich ganz vorne und damit nahe am „CSU-Machtzentrum“. Allmählich gehörte ich – auch optisch – irgendwie dazu.

Und so kam es 1968 zu einem denkwürdigen Ereignis. Als Ehrengast zu einem großen Empfang ins Antiquarium der Münchner Residenz geladen, ging ich auf Franz Josef Strauß zu und bat ihn persönlich darum, mir den Zugang zu und die Auswertung von parteiinternen Materialien zu ermöglichen. Ich hatte ihm vorher mein Forschungskonzept schriftlich vorgetragen. Strauß stand im Kreise höchster CSU-Amtsträger, darunter auch der damalige Generalsekretär Max Streibl. Ich setzte alles auf eine Karte und drang freundlich, aber nachdrücklich auf eine Entscheidung. „Könnten Sie das nicht gleich mit Herrn Streibl abklären?“ Auf meine inständige Bitte hin wandte sich Strauß seinem Generalsekretär zu und gab ihm die Anweisung, sich um mein Forschungsprojekt zu kümmern. Kurz darauf erhielt ich uneingeschränkten Zugang zu den Akten des Generalsekretariats und untergeordneter Abteilungen. Viele Wochen lang wurden mir in der Lazarettstraße, dem damaligen Domizil der Landesleitung und des Bezirksverbandes Oberbayern, Tag für Tag  kurz nach acht Uhr morgens mit einer Lore etwa acht Leitzordner zur Auswertung vorgefahren. Die Ordner enthielten die Wortprotokolle höchster Parteiorgane und parteiamtliche Korrespondenzen aller Art. Das war eine Sternstunde der Parteienforschung. Ich nutzte diese außerordentliche Chance und machte sie zu meiner Sache.

Auf vielen Landesversammlungen war ich mit hochrangigen Amtsträgern der CSU und nun auch mit Franz Josef Strauß im Gespräch gesehen worden. Der bekanntermaßen autoritäre Führungsstil von Strauß, ein fast untertäniger Respekt vor dem großen Vorsitzenden und ein Schuss bayerischer Gutmütigkeit hatten anscheinend dazu geführt, dass mir Parteiangestellte getreu einer vermeintlichen Dienstanweisung alte und neueste Akten ohne Vorsichtung und Beschränkung werktäglich zur Auswertung vorfuhren. Der altbayerische, erzkatholische Streiter Gottes Alois Hundhammer hätte vor Zorn gebebt, hätte er erfahren, was mir nun im Aktenkeller des CSU-Bezirksverbandes Oberbayern zugänglich gemacht worden war. Ähnliches geschah auch in anderen Bezirksgeschäftsstellen der CSU. Es hieß, Mintzel sei von Strauß beauftragt worden, die Akten für eine Geschichte der CSU einzusehen. Ohne jedwede Einschränkung in Bezug auf Umfang und Inhalt machte ich ohne weitere Rücksprache exzessiven Gebrauch von der Erlaubnis zu kopieren. Die zuständigen  Abteilungsleiter hatten  keine Gewissheit darüber, wie viel ich kopierte, keiner übte eine Kontrolle aus.  Ich nutzte diese Gelegenheit stillschweigend aus. Eine Bezirksgeschäftsstelle gab mir einmal sogar Akten zur Auswertung mit nach Berlin, als ich vor Ort mit der Durchsicht nicht fertig geworden war. Nachdem ich einmal an der deutsch-deutschen Grenze von Volkspolizisten und Stasi-Offizieren durchsucht, verhört und zur Mitarbeit aufgefordert worden war, war ich dazu übergegangen, meine stillschweigend kopierten Materialien Paket für Paket per Luftfracht nach Westberlin transportieren lassen. Ich hatte mir überhaupt nichts dabei gedacht, sondern mich nur vor einem Zugriff der Grenzkontrolleure schützen wollen. Wie arglos und unbekümmert ich in der Sache war, geht auch daraus hervor, dass ich nach Abschluss meiner Arbeit um einen Termin bei Generalsekretär Streibel bat, um ihn über meine Arbeit und Eindrücke Bericht zu erstatten. Mit diesem Gespräch begann sich meine Forschungsarbeit zu einer kleinen, aufregenden Kriminalgeschichte zu entwickeln. Der Generalsekretär wurde nämlich durch meinen Bericht überhaupt erst auf das ganze Ausmaß meiner hausinternen Recherchen  aufmerksam. Er argwöhnte zu Recht, dass ich auch an top secret  -Material herangekommen war und ein ungeheuerliches Wissen gesammelt hatte.  Er wollte nun den Schaden so gering wie möglich halten und forderte mich auf, das gesamte kopierte Material unverzüglich wieder zurückzugeben. In dem Moment musste ich befürchten, dass meine wochenlange Arbeit umsonst gewesen war. Meine Arglosigkeit und Offenheit wandelte sich, als ich um das Ergebnis meiner Arbeit bangen musste, in Schlitzohrigkeit. Ich begann fieberhaft darüber nachzudenken, wie ich die Materialien retten konnte. Den größten Teil hatte ich ja schon per Luftfracht nach Berlin  geschickt. Mit den Resten des Material, die ich noch in Händen hatte, fuhr ich sofort nach Würzburg und kopierte in der Firma eines ehemaligen Schulfreundes ca. 500 Blatt nochmal und gab diese Beute an die Landesleitung zurück. Sie wussten ja nicht, was und wieviel ich in München in der Landesleitung kopiert hatte. Sowohl in der CSU-Landesleitung wie im Berliner Forschungsinstitut kam es derweil zu dramatischen Sitzungen,  um den Fall zu klären. Otto Stammer, mein wissenschaftlicher Mentor, verbürgte sich in einem Schreiben an den Generalsekretär dafür, dass ich meine Materialien und mein Wissen nicht ohne Einvernehmen mit der CSU-Führung wissenschaftlich verwerten und publizieren würde. Die Wogen konnten zunächst einmal durch gegenseitige Versicherungen geglättet werden, doch Stammers Schreiben verpflichtete mich in mancher Hinsicht zum Schweigen. Das war eben der Preis, den ich zahlen musste.

Böse Zungen könnten mir nachsagen, ich habe die CSU ausspioniert, mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen eingeschlichen oder absichtlich vorgegeben, von Strauß mit einer Studie beauftragt worden zu sein. Mitnichten! Ich hatte mich an alle Geschäftsstellen und Schlüsselpersonen immer mit Schreiben des Berliner Instituts gewandt, mein Forschungsprojekt erläutert und mich immer für den ausgegeben, der ich wirklich war. Letztendlich verantwortlich für den kommunikativen Irrtum war Generalsekretär Streibl, der den Auftrag von Strauß einfach nach unten weitergegeben hatte. Parteiinterne Kommunikationsflüsse, welche ich nicht hervorgerufen hatte, waren mir unversehens zur Hilfe gekommen. Erst als ich ihm nach getaner Arbeit mitteilte, die Sichtung und Auswertung der Akten und Archivalien beendet zu haben, wurde Streibl klar, was geschehen war. Erst jetzt erkannte er das ganze Ausmaß des vermeintlichen Schadens, sprich meiner Forschungsarbeit.

Der „Münchner Merkur“ unterstellt mir Wallraff-Methoden

Das „Abenteuer Forschung“ erlebte dann sieben Jahre später einen weiteren Höhepunkt, als meine erste große Studie über die CSU in Druck gegangen war. Schon meine ersten kleinen Vorstudien von 1973 hatten in der Fachwelt und Presse Aufmerksamkeit erregt. Bevor ich selbst als Autor auch nur eine gedruckte Seite zu Gesicht bekommen hatte, waren Gerold Tandler, dem Nachfolger Streibls im Amt des Generalsekretärs der CSU, die Druckfahnen zugespielt worden. Tandler forderte mich in einem Telefongespräch auf, unverzüglich nach München zu kommen. Er drohte mit einer einstweiligen Verfügung. Turbulente Tage folgten. Wieder Beratungen im Berliner Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung, wieder Rechtshilfe, der Dekan der juristischen Fakultät wurde um Rat gebeten. Es ging dabei nicht zuletzt auch um Kosten. Mein Buch hatte achthundert Druckseiten, die Druckkosten beliefen sich auf 60.000 die Gesamtkosten des Forschungsprojektes auf etwa 300.000 Deutsche Mark. Die Institutsleitung forderte den CSU-Generalsekretär auf, genau anzugeben, was in der Studie zu beanstanden sei, welche Fehler oder Fehlinterpretationen unterlaufen seien. Sie würden selbstverständlich noch korrigiert. Es stellte sich heraus, dass die Beanstandungen geringen Umfangs waren und das Gesamtwerk nicht in Frage stellten. Nach wenigen wissenschaftlich vertretbaren Nachbesserungen konnte die „Anatomie einer konservativen Partei“ erscheinen. Die Nachbesserungen wurden noch während der Drucklegung in einem Anhang eingefügt, so dass auch dieser Vorgang überprüfbar war. Die Dramatik der Situation geht allerdings daraus nicht hervor. Die Geschichten hinter der Geschichte blieben verborgen. Es war später jüngeren Parteienforschern schwer zu vermitteln, unter welchen Strapazen der Forschung diese Studie zustande gekommen war. Die Publikation wurde zu einem Bestseller der Parteienforschung und erlebte 1978 eine zweite Auflage, die ebenfalls rasch verkauft war.

Doch kaum war Anfang Oktober 1975 das Buch ausgeliefert, stand im Münchner Merkur zu lesen, ich hätte mich in die Landesleitung der CSU eingeschlichen und mich „ein Jahr lang als bezahlter Mitarbeiter im CSU-Archiv umschauen“ können. Mir wurden also Wallraff-Methoden unterstellt. Das war purer Unsinn und juristisch gesehen eine Verleumdung. Der vermeintliche Schaden“ für die Partei wurde, so der Bericht des CSU-nahen Münchner Merkurs, in einen Gewinn umgemünzt. Der Journalist schrieb: „Als später bekannt wurde, welchen Nebenzweck Mintzels Werkstudentenzeit in der Lazarettstraße verfolgte, machte Gerold Tandler gute Miene zum Mintzel-Spiel in der Hoffnung, dass das wissenschaftliche Werk schon nicht so negativ ausfallen werde.“ Ich hatte mit Klischeevorstellungen über die CSU aufgeräumt und nachgewiesen, dass die CSU im Modernisierungsprozess Bayerns auf breiter Basis zu einer hochorganisierten Volkspartei geworden war und damit eine Erfolgsgeschichte aufgezeigt. Von dem Bericht im Münchner Merkur sah ich mich presserechtlich genötigt, eine Richtigstellung zu verlangen. Die Zeitung ließ daraufhin in ihrem „Weiß-blauen Notizbuch“ von ihren Unterstellungen ab. Eine Woche später folgte ein Bericht über meine Forschungen, in dem der Sachverhalt richtig gestellt wurde. Solche Störungen aus der Welt der Presse können einen laufenden Forschungsprozess empfindlich beeinträchtigen oder gar zum Stillstand bringen, denn auch der Untersuchungsgegenstand reagiert.

Ungerechtfertigter Anwurf im Münchner Merkur vom 31.10.1975 …

… und Richtigstellung im Münchner Merkur vom 8./9.11.1975

Im Jahr 2008 lud mich die Bayern-Redaktion des Münchner Merkurs ein, aus Anlass des 20. Todestages von Franz Josef Strauß einen Artikel zu schreiben. Als ich am 9. Oktober 2008 die Zeitung aufblätterte, fand ich meinen Beitrag unter einem Titel, den ich ihm nicht gegeben hatte: „Strauß und sein CSU-Professor“. Ich hatte mich an solche und ähnliche Etikettierungen längst gewöhnt. Aktuelle Parteienforschung läuft immer Gefahr politisch und pressemedial verwertet zu werden. Parteienforschung, verstanden als Demokratieforschung, hätte dagegen nichts einzuwenden, wenn printmediale Verwertung von Forschungsergebnissen dazu diente, Prozesse und Strukturen demokratischer Herrschaftsordnung transparent zu machen. Die Ergebnisse der Parteienforschung sind nicht nur für den wissenschaftsinternen Diskurs bestimmt, sondern auch für die Öffentlichkeit.

Strauß und sein CSU-Professor, Münchner Merkur Nr. 235, 9. Oktober 2008

Die Türen der CSU-Landesleitung und der Bezirksgeschäftsstellen waren trotz dieser Unterstellungen für mich offen geblieben. Allerdings musste ich einigen Opfern des kommunikativen Irrtums im Nachhinein Schutzbehauptungen zubilligen. Meine unfreiwilligen Helfer oder “Projekt-Mintzel-Betreuer”, die mir in der Landesleitung die Materialien zugänglich gemacht hatten, waren in eine schwierige Situation geraten und mussten nun erklären, wie das Ganze hatte passieren können. Weil sich die Helfer irgendwie herausreden mussten, entstanden in dieser Situation Behauptungen wie die, ich hätte mich als Werkstudent eingeschlichen, hätte undercover gearbeitet und schlussendlich auch die Zweckbehauptung , dass ich mit einem Hausverbot belegt worden sei. Dies war aber nicht der Fall. Ich konnte meine Forschungen über diese Partei mit kräftiger Unterstützung fortführen, wenn gleich es immer auch Bedenken gab, den Mintzel zum Mitwisser zu machen. Mein zweites Buch, die „Geschichte der CSU“, folgte 1977 und war nach drei Wochen vergriffen. Der Westdeutsche Verlag ließ ein Kontingent nachdrucken. Franz Josef Strauß, der 1968 in einem günstigen Moment zu meinem Türöffner geworden war, schrieb sich später in mein Privatexemplar mit herzlichem Dank und freundlichen Grüßen ein. Er war seinen Dienern immer um mehrere Längen voraus.

Alf Mintzel, Geschichte der CSU; oben Umschlagtitel, unten Vorsatzblatt mit persönlicher Widmung von Franz Josef Strauß, 29.8.1980

Zwischen bayerischer Hegemonialpartei und ihren Oppositionsparteien

Mein Wissen und meine publizierten Analysen öffneten mir auch Türen zur SPD, FDP und später zu den Grünen in Bayern. Die SPD verlor in Teilen und dann in ganz Bayern ihren Charakter als Volkspartei. Sie wurde zu einer Diaspora-Partei, die sich vergeblich abmühte, ihre bayerische Leidensspirale in eine Erfolgsspirale umzudrehen. Die Oppositionsparteien waren an Expertisen interessiert und wollten wissen, was die Stärke der CSU ausmachte, und was zu tun sei, um in Bayern aus der Oppositionsrolle herauszukommen. Dieses Verwertungsinteresse an meinen Untersuchungen und veröffentlichten Studien verschaffte mir den Vorteil, auch die internen Verhältnisse bei der SPD und dann auch bei der FDP und den Grünen in Bayern systematisch erforschen zu können. Hierzu waren ebenso empirische Expeditionen notwendig. Ich lernte führende politische Köpfe kennen, bei der SPD unter anderen Bruno Friedrich, Renate Schmidt, Dr. Peter Glotz und Wolfgang Hoderlein, bei der FDP Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, Otto Graf Lambsdorff und Staatssekretär Dr. Max Stadler. Meine Vorträge und Gepräche auf oppositionellen Parteipodien und parteinahen Foren schärften meinen analytischen Blick auf das bayerische Parteiensystem und seine speziellen Verhältnisse. Ich war nicht nur ein „CSU-Forscher“.

In den Wechselgängen wurden, allerdings nur für kleine Insider– und Mitwisser-Kreise, wiederum die komplexen sozialen und politischen Kontextbedingungen für einen erfolgreichen Forschungsprozess sichtbar. Die sensible „Reaktivität“ meiner Forschungsgegenstände, der untersuchten Parteien, machten Begegnungen und Informationsvermittlungen manchmal zu schwierigen Gratwanderungen. Menschen und ihre politischen Organisationen können sich aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Bedingungen wissenschaftlicher Neugierde verschließen oder öffnen. Die CSU war tagespolitisch heiß umstritten. Strauß besaß in Bayern eine große Integrationskraft, außerhalb Bayerns hatte er aber eine stark polarisierende Wirkung, was innerhalb und außerhalb der Wissenschaft auf meine Forschungsarbeit einwirkte und abfärbte. Im engeren Kollegenkreis wurden gewisse Verwertungszusammenhänge scharf kritisiert. Meine CSU-Informanten baten mich gelegentlich, ihnen für parteiliche Zwecke, etwa für Organisationsberichte oder für Feierlichkeiten, mein Wissen und meine Forschungsergebnisse zur Verfügung zu stellen. In Einzelfällen war ich dazu bereit, insbesondere dann, wenn ich selbst bestimmte Vorteile für meine Forschungsarbeit erwarten konnte. Es kam punktuell sogar zu einem Austausch von Arbeitsergebnissen, was die Quellendichte meiner Forschung ungemein bereicherte. Denn nebenbei erfuhr ich aus erster Hand viel über aktuelle Entscheidungen und Vorgänge. Je intimer meine Kenntnisse über innerparteiliche Verhältnisse und aktuelle politische Vorgänge geworden waren, desto gezielter und erfolgreicher konnte ich weiter recherchieren. Ich hatte Insider-Wissen, das zeitweise vergessen ließ, dass ich von außen kam. Aus dem Zusammenwirken eigener wissenschaftlicher und fremder außerwissenschaftlicher Verwertungsinteressen ergaben sich jedenfalls zusätzliche empirische Forschungsmöglichkeiten und Erkenntnisgewinne. Vieles davon fand später seinen publizistischen Niederschlag in meiner Monografie über „Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer“, die in der Ära des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber 1998 erschien.

Erscheinungstermine und politische Zeitumstände

Meine Werke über die CSU, „Die Anatomie einer konservativen Partei (1975, 1978) und die „Geschichte der CSU“ (1977), erschienen zu einer Zeit, in der die CSU auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte stand. Die Erscheinungstermine und die politischen Zeitumstände trafen sich auf`s Beste. Die CSU hatte in der Landtagswahl 1974 mit 62,1 Prozent der gültigen Stimmen ein triumphales Wahlergebnis erreicht. In der Bundestagswahl 1976 hatte sie ihren Siegeszug mit einem spektakulären Ergebnis fortgesetzt. Sie war in Bayern mit 60 Prozent der Stimmen aus der Wahl hervorgegangen, was ihre Stellung in der Bonner Fraktionsgemeinschaft von CDU/CSU ungemein gestärkt hatte. In der Landtagswahl 1974 hatte sie die nationalliberale Barriere des evangelischen Frankens überwunden, die letzten Wahlkreisinseln der SPD eingenommen und, was für die bayerische SPD besonders schmerzlich gewesen war, die elf Stimmkreise der Landeshauptstadt gewonnen. Die CSU war zu einer gesamtbayerischen, interkonfessionellen Massenpartei volksparteilichen Charakters geworden. Es hatte sich unverkennbar gezeigt, dass der gesellschaftliche Umbruch Bayerns entgegen politisch-ökonomischen Annahmen zugunsten der CSU verlief. Die CSU konnte die neue Mittelschicht des sich verbreiternden Dienstleistungssektors an sich binden und Teile der Arbeiterschaft zu sich herüberziehen. Mit ihren triumphalen Erfolgen hatte die Partei in Bayern ihre Alleinregierung ausbauen und im Bundesparlament ihren Einfluss beträchtlich vergrößern können. Die kraftstrotzende bayerische „Staats- und Ordnungspartei“, die sich in der Unionsgemeinschaft als harten Kern und auf dem richtigen innen- und außenpolitischen Kurs gesehen hatte, war in der Union von CDU und CSU zu einem unbequemen Partner geworden. Franz Josef Strauß hatte, beflügelt durch die Wahlerfolge, gegenüber der CDU aufgetrumpft und sie in der Zeit der sozialliberalen Koalition in Bonn zu einer scharfen Konfrontationspolitik verpflichten wollen. Im November 1974 hatte er seine berühmt-berüchtigte Sonthofener Konfrontationsrede gehalten, wonach es in der großen innen- und außenpolitischen Entscheidungsschlacht um „Freiheit oder Sozialismus“ ginge. „Wir müssen die Auseinandersetzung hier im Grundsätzlichen führen. Da können wir nicht genug an allgemeiner Konfrontation schaffen (…). Wir kämpfen für die Freiheit, gegen den Sozialismus, für die Person und das Individuum, gegen das Kollektiv, für ein vereinigtes Westeuropa, gegen eine sowjetische Hegemonie über ganz Europa (…). Dieses Europa kann nicht gesund werden, wenn die Bundesrepublik nicht wieder wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch, militärisch ein Stabilisationsfaktor erster Ordnung wird.“ (Franz Josef Strauß, 18./19.11.1974 in Sonthofen). Aus der CSU-Führung war gedroht worden, in anderen Bundesländern eine mit der CSU assoziierte „Vierte Partei“ zu gründen. Außerhalb Bayerns hatten sich „Freundeskreise der CSU“ gebildet, die als Gründungskerne hätten dienen können. Die Spannungen zwischen der CSU und Teilen der CDU waren nach der verlorenen Bundestagswahl 1976 mit dem Wildbad Kreuther Beschluss vom 18./19.11.1976 zur Zerreißprobe geworden. Die CSU-Landesgruppe hatte auf ihrer Klausurtagung am 19. November 1976 in geheimer Abstimmung mit 30 gegen 18 Stimmen und einer Enthaltung die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufgekündigt und beschlossen, sich im 8. Deutschen Bundestag als selbständige Fraktion eine breitere Operationsbasis in der Opposition zu verschaffen. Dieser Beschluss, der noch im Dezember 1976 zurückgenommen worden war, hatte damals großes Aufsehen erregt. Das traditionell schwierige Bündnisverhältnis zwischen CDU und CSU war einer extremen Belastung ausgesetzt gewesen. Mein Arbeitszimmer an der Universität war in diesen turbulenten Wochen zu einer öffentlichen Auskunftei geworden. Manche Beobachter hatten geglaubt, das Ende der Union sei gekommen. Journalisten großer Blätter wollten wissen, wie ich die Lage und Entwicklung einschätze. Sofort nach dem Kreuther Beschluss machte ich mich an eine politikwissenschaftliche Expertise zur Lage und weiteren Entwicklung der CSU, die in der nächsten Nummer der Zeitschrift für Parlamentsfragen publiziert wurde.

Alle Welt schaute auf die CSU und auf ihren weltbekannten Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Das Phänomen Bayern war vielen ein Rätsel. Wie waren die Wahlerfolge zu erklären? Wie kam es zur „Dualität von Partei und Staat“? Welche Wirkfaktoren waren im Spiel, die der CSU diese Erfolge ermöglichten? Viele sahen in der CSU und in Bayern nur die Kultivierung einer Strauß-Bauerndemokratie und verkannten, dass der CSU eine gesellschaftsgestaltende Kraft zugewachsen war, welche die alten innerbayerischen Sozialmilieus zu einer neuen staatsbayerischen Gesellschaft fermentierte. Angesichts des Phänomen Bayerns und der Riesenerfolge der bayerischen „Staats- und Ordnungspartei“ bestand ein überaus großes Informationsbedürfnis, das meine Bücher unter den gegebenen Marktverhältnissen für wissenschaftliche Literatur zu Rennern werden ließ. Gleich nach ihrem Erscheinen machten sie mich weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt. Printmedien, Fernsehredaktionen und Verlage wurden auf mich aufmerksam. Renommierte Journalisten bedienten sich aus den Büchern des „CSU-Chronisten“ (Herbert Riehl-Heyse, 1979, S 18, 191) und schlachteten sie mit geübtem Blick für das Sensationelle und für historisch interessante Episoden aus. Sie übernahmen griffige Formeln wie „Bollwerk-Bayern-Politik“ (Herbert Riehl- Heyse, 1979, S. 23), „bayerische Staats- und Ordnungspartei“ und andere mehr. Ich ärgerte mich, wenn ich als „CSU-Chronist“ oder gar als „Hofschreiber der CSU“ (Nürnberger Nachrichten) bezeichnet wurde. Später musste ich mich damit abfinden, dass an mir das Etikett „CSU-Mintzel“ haften blieb. Von der Redaktion einer angesehenen fachwissenschaftlichen Zeitschrift wurde einer meiner Artikel über die CSU mit der Begründung zurückgewiesen, er sei zu CSU-freundlich.

Am 27. August 1977 traf ich in Köln beim Westdeutschen Rundfunk in einer Live-Sendung den älteren, renommierten Kollegen Professor Wilhelm Hennis. Dieser lobte meine „Anatomie einer konservativen Partei“ (1975) als „hervorragende Arbeit, die mich auf einen Schlag über die Masse der Politologen herausgehoben habe.“ Nach den Strapazen einer fast zehnjährigen höchst aufwändigen Forschung taten solche Urteile wohl. Neid und Missgunst, aber auch Kritik, die sich mit dem Erfolg einstellten, ließen sich leichter ertragen.

Ein Spiegel-Bericht hatte fast 500 Bestellungen meiner „Geschichte der CSU“ zur Folge. Meine „Anatomie einer konservativen Partei“ erlebte trotz ihres abschreckend hohen Kaufpreises von 98 Deutschen Mark 1978 eine zweite Auflage. Die CSU-Landesleitung kaufte ein Kontingent Exemplare für CSU-Geschäftsstellen. Ähnliches Glück hatte der Soziologe Ulrich Beck 1986 mit seinem sozialwissenschaftlichen Bestseller „Die Risikogesellschaft“. Kurz nach Erscheinen ereignete sich die Katastrophe im Atomreaktor von Tschernobyl. Und so blieb auch der Erfolg meiner CSU-Forschung eine Mischung aus harter Arbeit und glücklichem Zufall.

Dokumentarischer Anhang

Alf Mintzel: Franz Josef Strauß und die CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, in: Friedrich Zimmermann (Hrsg.): Anspruch und Leistung, Widmungen für Franz Josef Strauß, Stuttgart 1980; Innentitel mit Widmung von Franz Josef Strauß

Brief von Franz Josef Strauß, 5. März 1985